II. Die Kämpfe bis zu Oubrils Vertrag.
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4. Ragusas Uebergabe und der Kampf bei Zavtat.
Bald nachdem die Städte der Bocca den Bokelen übergeben worden waren und nachdem Montenegriner und Bokelen mit den Russen im Kloster Savina am 6. März ein grosses Nationalfest veranstaltet hatten, tauchten neue Schwierigkeiten auf. Noch am 7. März verbreitete sich im slavischen Lager bei Castelnuovo das Gerücht von dem Beschluss des ragusanischen Senats, dass Ragusa den Franzosen den Zugang nach der Bocca gestatten und ihnen sogar nötigenfalls seine Schiffe zum Heerestransport von Ston nach Ragusa anerbieten werde. Obwohl man noch keine sichere Nachricht darüber hatte, segelte Kapitän Belli nach Ston, um jeder Eventualität vorzubeugen. Der Vladika entsandte eine Truppe seiner Montenegriner an die Grenze der Republik Ragusa, um dieselbe zu bedrohen und mindestens zur Neutralität zu zwingen. Das Gerücht zeigte sich als unbegründet. Als Admiral Senjavin zum zweiten Male nach der Bocca kam, entsandte Ragusa einen Senator, um ihn zu begrüssen und ihn um den Schutz der Republik zu bitten. Einmal kam Senjavin selbst nach Ragusa. Der Senat hiess ihn willkommen und schloss mit ihm am 18. Mai den Vertrag des folgenden Wortlautes: «Sobald man hört, dass das französische Heer den Boden der Republik betreten hätte, wird die Stadt Ragusa die russische Garnison aufnehmen, und der Senat die Bürger bewaffnen, damit sie gemeinsam mit dem russischen Heer gegen die Franzosen kämpfen.» Somit glaubte man, die Sache sei endgültig erledigt. Es war aber nicht so. In den Verhandlungen mit Senjavin waren drei Mitglieder des Senats gegen einen solchen Vertrag mit dem russischen Admiral. Sie dachten, die französische Landesmacht in Dalmatien—die sie sich natürlich allzugross vorstellten—könne die Republik besser in Schutz nehmen als die russische Flotte mit der kleinen Zahl der Bokelen und Montenegriner. In nachträglichen Beratungen darüber erklärten auch die übrigen Mitglieder des Senats sich mit den drei Opponenten einverstanden. Sie hielten es also für besser, die Franzosen statt der Russen aufzunehmen. Und so geschah es.
Am 13. Mai fuhr Senjavin nach Triest. Und am folgenden Tage schon überschritt der französische General Lauriston die türkische Grenze; am 15. war er in Ragusa, das er einnahm. Niemand leistete ihm Widerstand. Er kam mit 3000 Soldaten. Nun tat er etwas, was die Ragusaner nicht träumen konnten. Am 16. Mai erliess er eine Proklamation im Namen Napoleons, in welcher es hiess, dass die Unabhängigkeit der Republik aufgehoben sei, und dass ihr dieselbe so lange nicht wiedererstattet werden solle, bis das russische Heer die Bocca und die adriatischen Inseln räumen und die russische Flotte aus der Adria sich entfernen würde. Ragusa musste also seine Freiheit einbüssen wegen der russischen Uebermacht über die Franzosen zur See. Es vermochte an der Situation nichts zu ändern, an der Situation, an welcher es am mindesten Schuld trug. Der nun unverbesserliche Fehler des Senats war, dass er den Russen und seinen übrigen slavischen Volksgenossen gegenüber wortbrüchig wurde. Hätte die Republik am ersten mit Senjavin geschlossenen Bündnis festgehalten, so wäre ihre Unabhängigkeit wahrscheinlich noch für einige Jahre aufrechterhalten und ihr Untergang auf so viele Jahre verschoben worden.
Als Vladika Peter von der Uebergabe Ragusas benachrichtigt wurde, eilte er sofort mit Montenegrinern und Bokelen den Franzosen entgegen. Mit den Franzosen waren auch die Ragusaner. Am 2. Juni stiessen die Armeen bei Zavtat zusammen. Der Kampf war nicht von langer Dauer, aber desto grösserer Erbitterung. Die Franzosen wurden mit ihren Verbündeten zurückgedrängt unter nicht unbedeutenden Verlusten. Sie liessen auf dem Kampffelde 250 Tote zurück und flüchteten sich in die Stadt Zavtat, wo sie sich einschlossen. Die Montenegriner und Bokelen hatten neun und die Russen einen Toten.
Die drei folgenden Tage setzte sich der Kampf fort. Der Vladika bekam von den Russen einige Verstärkung. Nach dem ersten Kampf aber verliessen die Franzosen nachts Zavtat und liessen vier Kanonen zurück. Der russische Major Sabjelin besetzte Zavtat. Die Montenegriner und Bokelen verfolgten den Feind auf dem Rückzug. Diesen Rückzug führten die Franzosen in bester Ordnung, aber langsam und mühsam aus, denn auf jedem Schritt mussten sie sich vor kühnen feindlichen Angriffen wehren. Als sie in die Nähe von Ragusa kamen, bemächtigten sie sich des Berges Brgat und fingen an, sich auf demselben zu befestigen.
Dieser Rückzug aber von Zavtat bis nach Brgat kam den Franzosen teuer zu stehen. Sie verloren 300 Mann, unter welchen 8 Offiziere waren. Sehr wichtig war dieser erste Zusammenstoss der verbündeten Slaven mit den Franzosen, wichtig für beide Teile. Die Montenegriner und Bokelen, die so viel von der unbesiegbaren französischen Armee hatten erzählen hören und die nicht so ganz siegesgewiss gegen die Franzosen in den Streit gezogen waren, wurden durch diese ersten Zusammenstösse sehr ermuntert und kampfesfreudig. Sie sahen ein, dass die französische Armee nicht unbesiegbar war. Sie dehnten die Bedeutung ihres Sieges aus und meinten, dieser Sieg sei ein Sieg über Napoleon. Diese Meinung tat der Grösse von Napoleons Ruhm natürlich keinen Abbruch, war aber anderseits geeignet, die Zuversicht ihrer Träger zu verstärken.
Die Franzosen lernten jetzt zum ersten Male Mut und Kriegsführung eines von ihnen so weit entlegenen und bis dahin unbekannten Volkes kennen. Das erste Begegnen mit diesem Volke machte auf sie einen unerwarteten Eindruck. Sie hofften keineswegs bei einem so kleinen Volke so viele Widerstandskraft finden zu können. Sie gingen gegen die Bocca di Cattaro vor mit festem Glauben, dass sie mit einem Schlage alles bis nach Cattaro einnehmen würden. Sie dachten, das ungeübte und ungeschickte Küsten- und Bergvolk könne nicht so gut die Waffen handhaben. Sie hofften diesem Volke sofort Furcht einzuflössen. Sie täuschten sich in allen Stücken. Sie bewunderten zuerst den Kriegsmut und die verwegene Unerschrockenheit dieses einfachen Volkes. Ja, diese Bewunderung steigerte sich fast zur Furcht: Dieses Volk flösste den Franzosen Schrecken ein, erstens einmal durch seinen Mut und dann durch seine unbarmherzige und furchtbare Behandlung der Kriegsgefangenen. Gewöhnlich erkannten die Montenegriner keine Kriegsgefangenen an und liessen feindliche Krieger, die in ihre Hände fielen, wie in den früheren Kämpfen gegen die Türken—enthaupten. Dieses Verfahren war abscheulich in den Augen der feinfühlenden Franzosen. Abscheulich war es in der Tat.
General Lauriston musste also von nun an die Sache viel ernster nehmen. Ein ungefähres Bild von bevorstehenden harten Kämpfen vermochte er schon nach dieser ersten bösen Erfahrung zu entwerfen.
5. Der Kampf auf dem Berg Brgat.
Mit fieberhafter Eile befestigte nun General Lauriston sein Lager auf dem steilen und uneinnehmbaren Berge Brgat. Dieser Gipfel beherrschte vollständig Ragusa nebst der ganzen Umgebung, wie auch den Hafen Gravosa. Von keiner Seite konnte das französische Heer überrascht werden. Die Linie vom Meer bis zur türkischen Grenze hatten die Franzosen besetzt. Diese Linie war sehr gut. Weil sie kurz war, konnte sie desto besser und stärker befestigt werden. Der rechte Flügel der Armee erstreckte sich bis zum Meer und der linke bis zur herzegovinischen Grenze, welche von der verbündeten Armee nicht überschritten werden durfte. Von hinten konnten die Franzosen keineswegs angegriffen werden; ebenso nicht von rechts und links. Und vor ihnen befanden sich steile und unzugängliche Abhänge. Günstigere Lage konnte man sich nicht denken.
Während dieser ganzen Zeit weilte Admiral Senjavin mit der Flotte in Triest. Erst nach dem Kampf von Zavtat erhielt er die Kunde, dass die Franzosen ihm zuvorgekommen seien und Ragusa bereits eingenommen hätten. Rasch kehrte er nach Cattaro zurück, von dort zog er dann weiter und traf am 12. Juni vor Ragusa ein.
Sofort suchte Senjavin den Vladika auf, um sich über den Stand der Dinge zu erkundigen. Die Montenegriner hatten sich nämlich nicht von den Franzosen abgekehrt; sie nahmen vielmehr Aufstellung am südöstlichen Fusse des Brgat, wohin sich der Feind zurückgezogen hatte. Mit ihnen waren auch die Russen, etwa 1200 Mann, unter dem Major Sabjelin. Die Zahl der Montenegriner samt den Bokelen belief sich auf 3500 Mann. Vladika Peter war der Meinung, man müsse den Feind so schnell wie möglich angreifen, bevor er seine Befestigung beendet und Verstärkung aus dem Norden erhalten hätte. Der Admiral war damit einverstanden. Der Angriff sollte schon am nächsten Tage ausgeführt werden. Den Oberbefehl über das reguläre russische Heer übernahm Fürst Vjasemski, der gerade von Korfu gekommen war.
Am 17. Juni in aller Frühe entsandte der Vladika eine Abteilung Montenegriner, damit sie sich, wenn möglich, wenigstens des vordersten französischen Postens bemächtige. Der Feind war nämlich in vier Gefechtsabteilungen gegliedert. Die Montenegriner stürzten leidenschaftlich auf den ersten Posten los, zersprengten ihn und drangen sofort gegen den zweiten vor. Die Franzosen wollten sie offenbar etwas mehr in ihre unmittelbare Nähe locken. Vladika und Vjasemski sahen ein, dass die Lage dieser tapferen Abteilung jetzt sehr gefährlich, fast verzweifelt war. Sie sandten derselben einen Trupp Jäger zu Hilfe. Diese gerieten aber bald in dieselbe gefährliche Lage. Ein türkischer Offizier benachrichtigte den Vladika von dem Nahen einer Verstärkung für die Franzosen. Die Verbündeten sahen, dass sie keine Stunde mehr säumen dürften. Blitzartig bestieg Vladika den eroberten Posten. Die vorgerückten Montenegriner sahen ihren Vladika ihnen zu Hilfe kommen und fassten neuen Mut.[29] Der linke Flügel wurde angegriffen. Lauriston erwartete keineswegs den Angriff von dieser Seite. Er rückte seine Truppen nach links. Französische Batterien feuerten unaufhörlich. Nur ein Schritt zurück hätte für die Slaven Vernichtung bedeutet. Sie mussten also vorwärtsklettern. An einen Rückzug konnte man nicht im geringsten denken. Die Situation war also für die Slaven äusserst schwierig. Inzwischen aber erschien das übrige russische reguläre Heer auf dem Berg. Ein donnerndes «Hurra» erscholl hinter den Montenegrinern und Bokelen. Die Franzosen waren überrascht und erstaunt, doch nicht verworren. In guter Ordnung kämpften sie immer noch tapfer. Mit Schrecken aber sahen sie, wie das unreguläre Heer tollkühn ihrer Festung nahte. Es dauerte nicht lange, und sie erblickten es in unmittelbarer Nähe ihrer Schanze. Nur einen Augenblick zögerten die Montenegriner, bis sich das ganze verbündete Heer gesammelt hatte; dann aber wurde mit einem Schlag die französische Redoute, die mit 10 Kanonen bewaffnet war, erstürmt.[30] Die Franzosen zogen sich zurück und liessen ihre drei Positionen im Stich. Es blieb ihnen nur noch eine vierte am Fusse des Berges, gerade oberhalb von Ragusa. Unterdessen vereinigte sich mit ihnen die gerade angekommene Verstärkungstruppe. Daher fassten sie allen Mut zusammen und griffen die Slaven an, wurden aber wieder bis zu ihrer vierten Position zurückgeschlagen, wo sie haltmachten, doch ohne jede Hoffnung verloren zu haben. Nicht mehr als eine Viertelstunde vermochten sie von da aus Widerstand zu leisten. Die vierte Position wurde erstürmt, die Franzosen auseinandergetrieben. Ungeordnet und verwirrt flohen sie der Stadt zu. Viele Montenegriner kamen ihnen zuvor und legten sich an der Strasse in den Hinterhalt, um ihnen den Einzug in die Stadt zu verwehren. Unter zahlreichen Verlusten bemächtigten sich die Franzosen dennoch gegen 7 Uhr abends Ragusas.
Es herrschte eine unerträgliche Hitze an jenem Tage, was in dieser Gegend nicht selten ist. Gleichwohl dauerte der Kampf unaufhörlich vom Morgen bis zum Abend fort. Die französischen Verluste waren gross. 800 Tote und Verwundete hatten sie (die Ragusaner mitgerechnet), unter welchen 18 Offiziere sich befanden; zu diesen zählte auch General Delgogne. 90 wurden gefangen genommen. Die Russen verloren 16 Gemeine und einen Offizier, zudem zählten sie 33 Verwundete. Die Montenegriner und Bokelen büssten etwa 120 Mann ein.
So endete dieser blutige Kampf vom 17. Juni, dessen furchtbares Ende Lauriston an dem Vorabend nicht vermuten konnte: Er und seine ganze Armee war von allen Seiten eingeschlossen. Diese Belagerung soll uns im Folgenden beschäftigen.
6. Belagerung Ragusas.
Am zweiten Tage nach dem Kampfe bei Brgat belagerten die Slaven Ragusa vom Lande her. Die kleine Insel vor der Stadt, Locrum benannt, hielten die Franzosen noch besetzt. Senjavin versuchte, ihnen diesen Stützpunkt zu entreissen, was ihm nicht gelang. Major Sabjelin nahm diejenigen Franzosen gefangen, die er noch ausserhalb der Stadt fand, sei es in Gravosa oder in den umliegenden Häusern und Schluchten. Nun wollte man nicht stehen bleiben, sondern dachte an weitere Schritte. Die erste Sorge war, wie man die Franzosen zur Uebergabe zwingen könnte. Vergeblich hat man Lauriston zur Kapitulation aufgefordert. Auf das energischste hat er es abgeschlagen. Er erwartete Hilfe aus Dalmatien. Etwas Proviant für das Heer besass er, jedoch nicht genug. Lange hätte er schon dort sich halten können, wäre die Zufuhr der Lebensmittel aus der Herzegovina nicht von den Montenegrinern abgeschnitten worden. Alle Wege nach und aus der Stadt wurden gesperrt und das Wasser abgeschnitten.
Darauf stellten die Russen ihre zwei Batterien auf der Höhe über der Stadt auf und fingen an, dieselbe zu bombardieren. Die Häuser Ragusas waren aus festem Material gleich den Ritterburgen gebaut. Auch eine hohe und dicke Mauer umgab die Stadt. Doch die Kanonenkugeln richteten bedeutende Schäden an. Tag und Nacht waren diese Batterien tätig. Lauriston sandte oft kleinere Abteilungen, damit sie die bokelischen Freiwilligen vertrieben, die sich in den Ruinen um die Stadt verborgen hielten und häufig auf dieselbe Angriffe versuchten.
Die eigentliche Stadt war von Menschen überfüllt. Einmal weil neben den Stadtbewohnern die starke französische Garnison darin weilte, und dann, weil das Volk aus der Umgebung noch vor der Belagerung dort Zuflucht gesucht hatte. Von Anfang an musste man deshalb mit allen Nöten kämpfen, wie Hunger, Durst und Krankheiten. Der schreckliche Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Senjavin war dies sehr wohl bekannt. Ihn und Vladika dauerte es besonders, dass die unschuldige Bevölkerung aus der Umgebung so furchtbar leiden musste. Darum versuchte Senjavin wiederholterweise Lauriston zur Kapitulation zu bewegen, aber jedesmal erfolglos.[31] Der französische General machte zweimal Versuche, um die Stadt von der Belagerung zu befreien. Am 28. Juni griffen seine Soldaten um Mitternacht den russischen rechten Flügel an, wurden aber zurückgeschlagen und liessen 10 Tote und 23 Verwundete auf dem Felde. Und am 3. Juli wurden zum zweiten Male 400 Franzosen nach der Vorstadt Pilae ausgesandt, um das verbündete Heer zu beunruhigen. Eine Abteilung Montenegriner erhielt daher den Befehl, diejenigen Häuser in der Vorstadt anzuzünden, von wo aus die Franzosen ihre Angriffe machten. Der Befehl wurde ausgeführt. Es kam zu einem heftigen Scharmützel, in welchem 100 Franzosen umkamen. (Russen und Montenegriner verloren 11 Mann.) Die übrigen flüchteten sich in die Stadt und wagten nicht mehr herauszukommen, solange die Belagerung dauerte.
Senjavin hatte schon seit Wochen den Befehl aus Petersburg erhalten, die Bocca den Oesterreichern zu übergeben, damit sie dieselbe an die Franzosen ausliefern könnten. Diesen Bescheid hielt er lange geheim. Es ging aber ein leises Gerücht durch die Armee, dass der Admiral einen solchen Befehl in der Tasche trüge. Senjavin liess jenes Gerede nicht unterdrücken oder dementieren, vielmehr schien es, dass er die Verbreitung desselben begünstigte, bis er schliesslich selber die Sache der Armee kund tat. Auf diese Nachricht wurden die Bokelen und Montenegriner bis zum Tode betrübt und entmutigt. Sie konnten gar nicht fassen, dass es des Zaren Wille sei, sie, die so mutig und aufopfernd gegen den gemeinsamen Feind gekämpft hatten, an diesen ausgeliefert werden sollten. Viele verliessen den Kampfplatz sofort und kehrten heim.
Die Belagerung dauerte bis am 6. Juli. An diesem Tage hatten die Slaven noch einen Zusammenstoss mit den Franzosen. Früh am Morgen kam die Nachricht ins russische Lager, dass 500 Mann Ersatztruppen für die Franzosen von Ston heranrücke. Der Vladika sandte zu der Mündung des Flusses Ombla eine Abteilung Montenegriner, den nahenden Feind zu empfangen. Kaum waren die Montenegriner dort angelangt, als ein neues Heer auf den türkischen Hügeln erschien. Das war General Molitor mit 3000 Mann. Ueber Ston hatte er jene 500 Leute ausgesandt, damit er die Aufmerksamkeit der Slaven dorthin lenke, sie dann von hinten überrasche und zwischen die beiden Feuer treibe. Als diese Armee zum Vorschein kam, eilten die Montenegriner und Bokelen ihr entgegen. Sobald die Armee die Grenze überschritt, fielen sie über sie her und zwangen sie, haltzumachen. General Molitor war erstaunt wegen dieses kühnen Streiches eines so kleinen irregulären Heeres. Es kam zu einem heftigen aber kurzen Zusammenstoss. Die Slaven wurden bis Gravosa zurückgedrängt. Molitor vereinigte sich mit der Armee aus der belagerten Stadt. Senjavin wollte sich nicht in einen weiteren Kampf einlassen, da er keinen Vorteil davon erwarten konnte. Die kriegerische Stimmung seines Heeres und insbesondere der Bokelen hatte nachgelassen. Der Vladika schiffte sich mit einem Teil seiner Leute ein und fuhr mit Senjavin und den Russen nach der Bucht di Cattaro. Ein anderer Teil Montenegriner hielt noch eine Zeitlang den Kampf gegen die Franzosen aufrecht. Sie traten langsam den Rückzug in der Richtung auf Zavtat an und gingen von da aus nach Castelnuovo, um sich mit dem übrigen Heere zu vereinigen.
In Castelnuovo war jetzt das Hauptlager der Bokelen, Russen und Montenegriner. Das Volk aus der Umgebung kam haufenweise, um die Krieger zu begrüssen. In diesem Lager ging es wie bei einer politischen Versammlung zu. Das Volk klagte und jammerte, dass es nach so vielen Opfern doch unterjocht werden solle. Es wurden flammende Reden gehalten gegen Franzosen, Oesterreicher und sogar gegen das offizielle Russland (nicht gegen die Russen überhaupt, denn die Russen, welche mit dem Volke gegen den Feind zusammenkämpften, waren in der Bocca sehr beliebt). Man beschloss, eine Deputation zum Zaren nach Petersburg zu schicken, um ihn zu bitten, die Bocca nicht ihrem Feinde auszuliefern. In der Bittschrift erinnerten sie den Zaren, wie die Franzosen wider das Völkerrecht Ragusa besetzt hätten, obwohl diese Republik unter dem Schutz der ottomanischen Pforte, der damaligen russischen Bundesgenossin, stand.[32] Vier Deputierte wurden gewählt und abgesandt.[33]
In Erwartung von Russlands Antwort konnte dieses Volk keine Waffenruhe halten. Die Montenegriner und Bokelen gingen oft nach Ragusa, um die Franzosen herauszufordern. Auch vom Meere aus fuhren sie heran, richteten allerlei Schaden an und kehrten dann in die Bucht zurück. Diese Bandenzüge beunruhigten fast täglich die französische Armee, dass diese—obwohl die Belagerung schon am 6. Juli aufgehoben war—immer noch nicht wagten, aus der Stadt abzuziehen.
Das war ihrerseits natürlich klug. Denn sie wussten, dass es zwischen Napoleon und Russland abgemachte Sache sei, die Bocca di Cattaro an sie auszuliefern. Warum sollten sie nun umsonst Blut vergiessen.
7. Oubrils Vertrag.
Wir haben schon im ersten Kapitel erwähnt, wie sich die politische Situation der europäischen Grossmächte in einem beständigen Hin-und Herschwanken befand. Napoleon hetzte Oesterreich gegen Russland, dieses stand in Ungewissheit, mit wem es nach der Niederlage von Austerlitz halten sollte; in England war seit dem Tode Pitts (23. Januar 1806) eine Wendung in der äussern Politik eingetreten. Diese war, wenn auch nur für kurze Zeit, von Einfluss auf die Lage des übrigen Abendlandes. Das Ministerium Fox-Grenville kam im britischen Reiche ans Staatsruder. Man erwartete allerwegs, dass Fox, der mächtigste Gegner der kriegerischen Politik Pitts, einen neuen Weg in der äusseren Politik einschlagen werde. Man täuschte sich auch nicht. Fox trieb seinem Charakter gemäss eine friedfertige Politik. Er hegte innige Freundschaft für Frankreich. Ein Briefwechsel zwischen ihm und Talleyrand zeigt dies zur Genüge. Er wollte unverzüglich den Krieg mit Frankreich beilegen.
Man kannte in Petersburg die Gesinnung und die Politik des neuen englischen Ministers. Unter Rücksichtsnahme auf die Tatsache, dass dieser Mann jetzt die Führung Englands, d.h. des russischen Verbündeten, hatte, wie auch auf die Absicht Napolens, Oesterreich von Russland loszumachen, entschloss man sich am kaiserlichen Hofe, eine Annäherung an Frankreich zu versuchen. Weil England denselben Schritt zu tun im Begriffe war, war das schon an sich ein genügender Grund, dass auch die Russen zu Napoleon in freundschaftliche Beziehung treten wollten. Daher sandte Alexander den Staatsrat Oubril, den ehemaligen Geschäftsträger in Paris, nach Frankreich. Oubril hielt auf der Durchreise sich in Wien auf und versicherte dem Hofe und dem Grafen Stadion, dass er Instruktionen bekommen habe, bei dem Abschluss von Verträgen auch Oesterreichs Interessen zu wahren.[34] Man atmete in Wien ein wenig freier auf. Diese Versicherung konnte insbesondere den Grafen Stadion beruhigen, da er durch dieselbe nun gewiss war, dass Oesterreich nicht gezwungen werde, sich auf die Kniee vor Napoleon zu werfen.
Es war klar, dass es für die Verbündeten vorteilhafter sei, gemeinsame Friedensunterhandlungen mit Napoleon zu führen. Dem Betragen des russischen Bevollmächtigten nach aber schien es, als ob Oubril die Instruktionen des Zaren hätte, nötigenfalls auch Separatverhandlungen zu übernehmen. Fox sträubte sich insbesondere gegen solche. Er wusste gut, dass Napoleon nur in dem Falle etwas abzuringen sei, wenn alle Verbündeten gemeinsame Sache machen würden. Nicht weniger war das auch Stadions Standpunkt.
Oubril wurde von Talleyrand mit grosser Zuvorkommenheit behandelt. Er versicherte den russischen Unterhändler, dass ein Friede mit Russland für Napoleon die wünschenswerteste Sache sei, wie auch, dass einem russisch-französischen Abkommen nicht viele Hindernisse im Wege ständen.
Auf das diplomatische Intrigenspiel brauchen wir hier nicht näher einzugehen. Für uns ist nur das Schicksal der Bocca di Cattaro während solch verwickelter diplomatischer Zustände wichtig. Talleyrands Forderungen an Russland gingen darauf hinaus, die Bocca solle den Franzosen geräumt werden. Nur dann könne die Rede sein von einer Räumung des österreichischen Territoriums seitens der Franzosen.
Das Abkommen wurde schliesslich zustande gebracht und am 20. Juli von den beiderseitigen Unterhändlern unterzeichnet. Die Hauptpunkte dieses Abkommens waren: Anerkennung von Napoleons Kaisertitel durch Russland, Räumung des österreichischen Bodens und Uebergabe der Bocca di Cattaro an die Franzosen. Inzwischen begann General Lauriston Verhandlungen mit Senjavin und den österreichischen Diplomaten, den Grafen Bellegard und L'Epin. Da er sich mit Senjavin wegen dessen zögernder Haltung nicht verständigen konnte, forderte er von den Bokelen, sich den Franzosen zu ergeben. Bellegard war entschieden dagegen. Denn er meinte, wenn die Franzosen die Bocca nicht von Oesterreich unmittelbar erhielten, so würde die Festung Braunau diesem letzteren verloren gehen.[35]
Lauriston machte Versuche, auch den Vladika Peter zur freundlicheren Gesinnung gegen die Franzosen zu bewegen. Er hatte erfahren, welch unwiderstehlichen Einfluss er auf die Bokelen hatte. Er wusste, dass keine Macht, folglich auch die Franzosen nicht, ohne seine Zustimmung in dieser Gegend ruhig und glücklich zu herrschen vermöchten. Lauriston machte dem Vladika viele Versprechungen. So verhiess er ihm z.B. im Auftrage Napoleons die Patriarchenwürde über ganz Dalmatien.[36] Selbstverständlich lehnte es der Vladika ab. Es gab eine Zeit, von welcher wir schon gesprochen haben, wo er willig war, mit den Franzosen in Bündnisverhandlungen einzugehen, wo er solche sogar sehnsüchtig wünschte. Diese Zeit war aber jetzt vorüber. Die Situation hatte sich geändert. Der Vladika wusste, dass sein Volk nach so vielem Blutvergiessen und nach so vielen Feindseligkeiten mit den Franzosen nicht frohen Herzens mit denselben jetzt ein Bündnis schliessen würde. Er kannte zu gut den Charakter dieses schlichten Volkes, das seine Gefühle nicht nach diplomatischen Erwägungen, sondern nach einem angeborenen Gerechtigkeitsmassstab regulierte. Dieses Volk vermochte nicht heute jemandes Freund zu werden, dessen Feind es gestern gewesen war.