← Table of contents
Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Text

Reading edition

Illustration from Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Es ist oft gesagt worden: der Mensch sei ein Wesen, geboren auf der Wegscheide zweier Welten. Sein Heil sollte hier ruhen oder sein Fluch, je nachdem. Man hat das metaphysisch gesagt; dem wollen wir hier nun nicht nachforschen. Aber gewiß ist, daß es in einem Sinne gesagt werden kann, über den kein Streit der Parteien möglich ist. Als natürliches Wesen gehört dieser Mensch gleichzeitig der Feste an und der Feuchte, dem luftumwehten Lande und der blauen Welle, die den Fuß dieses Landes unablässig umspült. 59 Prozent des lebendigen Menschenleibes in erwachsenem Zustande bestehen aus Wasser. Ein kleiner Pfahlbau über der Feuchte ist jede Zelle darin; ein flüssiger Strom pulst unausgesetzt durch unsern ganzen Körper; und wenn er auch nur für einen Augenblick rastet, so schläft mit ihm unser Höchstes ein, das der Einzelmensch besitzt: der Gedanke. Damit dieser Lebensbronnen in uns sprudele, muß uns ebenso unaufhörlich von außen Wasser zugeführt werden, wir verschmachten in der Wüste unseres Planeten, wir wären dem völligen Untergang geweiht auf einem Monde, wo es kein Wasser gibt. Und doch gehören wir ebenso urverwachsen auch der Feste an. Wir besitzen zu unserer Atmung nicht die Wasserkieme des Fisches, sondern jenes gemeinsame Organ aller oberen Wirbeltiere, das höchstens in der Schwimmblase oder sonst einem luftgefüllten Darmabschnitt der Fische seine Vergleichung findet: die Lunge, die auf die freie Luftatmung eingestellt ist. Nur auf sie eingestellt ist; denn wenn wir mit dieser Stelle unseres Leibes in die einheitliche Wassertiefe versenkt werden, so erlischt das Leben nach unabänderlichem Gesetz ebenso, wie wenn man uns sonst das Wasser ganz entzöge. Und kein Zweifel auch, daß der Bau unserer Gliedmaßen wie unserer Sinnesorgane diesem Dasein auf der Feste, auf dem Lande, wo nur die freie Luft weht, entspricht. An dieser freien Luft hängt wieder das Höchste, das in unserer Kultur Mensch mit Mensch verknüpft hat: unsere Sprache. An dieser Feste, ob sie nun naturgegründet aus den Wassern rage oder von uns erst als Pfahlbau oder tragende Schiffsplanken darauf gelegt wurde, haften seit alters alle unsere stofflichen Kulturhilfen: unsere Werkzeuge und unser Haus, hier brennt das Feuer, das uns groß gemacht, hier gehen aus Stein und Metall die Waffe und die Axt hervor, die uns zum Herrn der Erde erhoben haben.

Wasser und Land, Erdteile und Meere: – die große Zweiheit, in die wir nach unserm Schicksal untrennbar hineingeboren sind.

Wer aber zweien Herren angehört, der hat vielleicht einen doppelten Schutz, doch er hat auch eine doppelte Sorge. Immer muß er bedacht sein, daß diese beiden Gewaltigen über ihm sich gegenseitig die Wage halten, daß nicht der eine gegen den andern plötzlich verderbenbringend sein Machtbereich verändere und ausdehne. Und so ist das Bangen der Völker seit uralten Tagen hinter der Frage gewesen: ist der Bestand des Festlandes und des Wassers auf der Kulturerde ein dauernder, ein geregelter, mit dem wir uns einrichten können; ist die Besitztafel, die Karte, die dieses Verhältnis wiedergibt, ein grundlegende Dokument für die Ewigkeit; oder fließen diese Dinge selbst, wandeln sich im Laufe der Zeiten oder stürzen gar gelegentlich in furchtbaren Katastrophen, den Ort wechselnd, durcheinander …?

Es ist bezeichnend für die Geschichte der Menschheit, daß sie durchweg die Hauptangst dabei vor einer Verschiebung zugunsten des Wassers gehabt hat. In seiner entlegenen Ahnenschaft ist ja wohl der Mensch auch einmal ein echtes und rechtes Wassertier gewesen. Aber schon früh war sein natürlicher Stammbaum dauernd auf dem Lande weitergewachsen. Als er im engeren Sinne als »Mensch« begann, als die »Kulturgeschichte« begann, da stand er recht eigentlich mit beiden Beinen auf diesem Lande. Von Anfang an hat es ihn ziemlich gnädig behandelt, dieses Land. Der Kulturmensch ist nicht als durstendes Kind der Wüste aufgewachsen. Das erste halbwegs deutliche Stück Kulturgeschichte, das wir kennen, geht noch durch den letzten Teil der sogenannten Diluvialzeit und ihre Nachwehen. Das war eine Zeit auffällig feuchtkühlen Klimas. Verbarrikadierte es eine Weile die gemäßigten Nordgebiete mit Eis, so wirkte es umgekehrt weiter südlich als eine große Regenperiode, die auch heute trockene Länder dort sehr fruchtbar gehalten haben muß, was für die ältere Kulturgeschichte wahrscheinlich von der allergrößten Wichtigkeit gewesen ist. Nachher erlebte der Mensch dann nördlich eine Epoche allgemeiner Klimamilderung mit einem Überschwang noch an bequemen Flüssen und Seen im Binnenlande. Selbst die Grassteppe hat ihm gerade sein größtes Geschenk gegeben, nämlich den Ackerbau. Und wo er sich wirklich in die Wüste gewagt hat, da ist es erst später und mehr freiwillig geschehen. In seinen guten Stunden ist ihm seine Erde also trotz rauher Gebirge und Urwälder doch immer als ein werdender Garten erschienen. Im Ideal träumte er sie als Paradies, und er hat dieses Paradies doch nicht immer als ein verlorenes gedacht, sondern in starken Augenblicken auch als eines, das mit kluger Arbeit mehr und mehr zu erringen sei. Unheimlich aber war ihm das Wasser, wo es nicht als befruchtender Strom, sondern als graue wogende, unabsehbar endlose Meeresfläche erschien. Lange blieben ihm die großen Ozeane absolute Verkehrsgrenzen, so unüberschreitbar wie für uns heute der leere Weltraum zwischen zwei Planeten. Ganz, ganz langsam vollzog sich erst der Versuch einer mühsamen Anpassung, einer zaghaften Bewältigung auch hier mit dem Werkzeug, dem Schiff. Die homerischen Gedichte stehen schon im Zeichen einer notdürftigen Schiffahrt auf einem kleinen Binnenmeer, aber ebenso sind sie noch im Zeichen der Meeresangst; Poseidon ist der greuliche Verderber im Gegensatz zum guten Zeus, der auf Bergen und Bergwolken sitzt. Und ganz abscheulich war der Gedanke, es möchte dieses Meer eines Tages aufbäumen, in den schönen Erdengarten roh eindringen und das Land verschlingen. In seiner höchsten Steigerung lebt dieses Grauen in der Erzählung von der dämonischen Riesenflut, der Sintflut, fort.

In alten Tagen soll das Wasser einmal so hoch gestiegen sein, daß es die ganze bewohnbare Erde überschwemmte; so hoch zuletzt, daß sogar die Gipfel der Berge überflutet wurden; wenn Bewohner des Landes damals dieser Flut entkommen sind, so konnten sie es nur mit Hilfe eines Schiffs, das so lange auf den Wogen trieb, bis die Wasser sich wieder zurückzogen. In ungefähr dieser Form fand und findet sich die Sage bei den verschiedensten Völkern. Uns ist sie am geläufigsten in dem biblischen Bericht, der sie mit dramatischer Anschaulichkeit schildert. Im alten Babylon läßt sie sich in auffällig ähnlicher Form bis ins dritte Jahrtausend vor Christus zurück verfolgen. In einer auch von hier beeinflußten Gestalt dauerte sie noch bei den antiken Griechen fort. Sie klingt an in den indischen Veden und der nordischen Edda und tritt selbständig stark auf im alten Persien. Fast gar nicht bekannt bei den Negervölkern Afrikas, beschäftigt sie um so lebhafter heute noch die Phantasie fast aller Südseeinsulaner. In Amerika lebt sie in ungezählten Varianten von den Eskimos im höchsten Norden an durch alle Indianerstämme durch bis tief nach Südamerika herab, und die verklungenen Kulturstaaten von Mexiko und Peru hatten sie so genau in ihrer Geschichts- und Religionsbibel wie die Babylonier oder Hebräer.

Vielgestaltig ist ihre Einkleidung je nach dem Glaubenskreise und sonstigen Weltmythus so verschiedenartiger Völker. Im altpersischen Bericht trifft die ungeheure Flut noch auf keine Menschen, sondern rafft nur dämonische Ungetüme, die das böse Prinzip geschaffen hat, dahin. In der Edda berührt sie nur die vormenschliche Zeit der Riesen, von denen sich ein Paar in einem Boot rettet. Bald ist sie nur ein chaotischer Naturspuk, bald wieder wird sie aufgenommen in die sittlichen Erzählungen, mit denen eine moralische Wahrheit im anschaulichen Gleichnis beigebracht werden soll; die schreckliche kommt, weil die Menschen böse waren, und nur der Gute überlebt; in diesem ethischen Kleide geht die Sintflut (als »Sündflut«, wie man das deutsche Wort später darauf anspielend umgeändert hat) in der Bibel; aber die Idee eines Strafgericht kehrt beispielsweise auch bei den Fidschiinsulanern in einer offenbar dort ganz ursprünglichen Form wieder. In dem älteren babylonischen Bericht steht hinter dem schauerlichen Todesurteil eine Vielheit von Göttern; in dem jüngeren biblischen hat nur der eine Gott die ganze Tragödie des Untergangs und der Errettung in seiner allmächtigen Hand. An vielen Stellen tritt der Bericht uns entgegen im Gewande eines mehr oder minder anmutigen kleinen Volksmärchens, oft mit humoristischen Zügen; daneben aber stehen die dichterischen Ausgestaltungen schon im Kunstepos wie in der babylonischen Erzählung oder in der mexikanischen Legende. Gern kehren gewisse kleine Züge auch an den entferntesten Ecken wieder: so daß das rettende Schiff (die Arche der Bibel) an einem hohen Berggipfel landet, oder daß, wie die Taube der Bibel, Tiere ausgesandt werden, um das Fallen der Gewässer zu erkunden. In manchen Fällen ist ja hier ohne Absicht in die Dinge hineingemogelt worden: Missionare haben z. B. heutigen Naturvölkern aus dem biblischen Text erzählt, das ist weitergegeben, mit echter Volksüberlieferung vermischt und bei anderer Gelegenheit einem andern Missionar oder Forscher, der einheimischen Sintflutsagen nachfragte, ganz gemütlich als alt und echt aufgetischt worden. Aber nicht alle Übereinstimmungen lassen sich so erklären.

Läßt man den ethisch-religiösen Lehrinhalt und die ersichtlichen dichterisch-mythischen Ausschmückungen beiseite, so hat das Interesse lange und bis heute immer wieder bei der Frage verweilt, ob nicht im Kern der Sintflutsage die Erinnerung an ein wirkliches naturgeschichtliches, ein geologisches Ereignis stecken könne: die Erinnerung an eine erdumspannende Wasserkatastrophe, die im Morgenrot der Völker tatsächlich noch einmal unsern ganzen Planeten betroffen hätte.

Unsere Wissenschaft auf ihrem heutigen Stande muß die Möglichkeit in dieser Form mit ruhiger Gewißheit verneinen.

In der Sintflutsage kommt schon Schiffahrt vor. Das deutet auf eine gewisse Höhe der Kultur. Die allgemeine Wasserbedeckung aller Erdteile müßte also mindestens seit Beginn der menschlichen Kulturgeschichte stattgefunden haben. Die geologische Beschaffenheit der Erdoberfläche lehrt uns aber genau die Dinge kennen, die innerhalb dieser Zeit auf dem Lande gewirkt und verändert haben. Eine Unmenge geologischer Ereignisse hat sich da noch vollzogen. Die großen Gletscher der Eiszeit sind heruntergetaut, Schwemmgrund und Staubmassen haben sich gehäuft, Gestein ist zu Schutt verwittert, Ströme haben ihr Bett verändert oder eingeschränkt, Tropfstein ist in Höhlen gewachsen und hat uraltes Kulturmaterial überdeckt, Vulkane haben ausgeworfen, Seen haben ihren Wasserspiegel niedriger gelegt, Korallentiere haben an ihren Riffen gebaut und so viel anderes mehr. Doch keine leiseste Spur verrät eine allgemeine Überflutung aller Länder durch den Ozean. Aus dem Bestand und der Verbreitung der Tiere und Pflanzen während dieser Zeitspanne aber können wir den durchaus sicheren Beweis führen, daß eine solche Überschwemmung nicht stattgefunden haben kann. Auch wenn überhaupt bei solcher allgemeinen Flut sich wunderbarerweise irgendwo Landtiere und Landpflanzen erhalten hätten, so würde die geographische Verbreitung der Arten seither doch eine grundlegend andere sein müssen, als sie tatsächlich ist. Es war eine Frage, die schon in den Tagen des strengsten biblischen Sintflutglaubens bei den Kirchenvätern und wieder dann nach der Entdeckung von Amerika öfter erörtert worden ist: wie sich nach Landung der Arche in Asien die geretteten Landtiere, die doch nicht Ozeane durchschwimmen konnten, wieder bis auf die einsamen Inseln im Weltmeer hätten verbreiten können; die einen meinten, Noah habe sie besonders übergesetzt, eine etwas umständliche Sache; die andern nahmen für diesen Fall ein Neuentstehen durch eine Art Urzeugung ohne Archenanschluß an, wobei man aber fragen konnte, warum überhaupt Noah Tiere mitnahm, wenn das möglich war. Es ist aber gar nicht nötig, daß man einem ehrwürdigen Dokument der Menschheit in dieser Form einzeln zusetzt; denn die naturgeschichtlichen Tatsachen lassen nach dieser ganzen Seite überhaupt nicht die allermindeste Ungewißheit mehr darüber, daß eine derartige Sintflut als Gesamtkatastrophe nicht stattgefunden hat.

Wenn also in der Völkersage eine echte geologische Erinnerung stecken soll, so könnte sie nur auf ein räumlich beschränktes Ereignis gehen, irgendeine böse Hochflut, die ein gewisses Küstenland oder Inselgebiet einzeln einmal betroffen hätte. Man hat daran gedacht, daß alle Rassen, alle Völker der Menschheit doch wohl in sehr alten Tagen von einem einzigen bestimmten Fleck Erde ausgegangen wären, und daß sie noch vor ihrer Zerstreuung an diesem Fleck eine solche lokale Wassersnot erlebt hätten, die ihnen allen spät noch nach ihrer Zerstreuung sagenhaft in der Erinnerung fortgezittert hätte. Das wäre geologisch wenigstens möglich. Wir wissen von dem großen Geheimnis der Rassenzerspaltung und Urheimat der Menschheit so wenig, daß es nichts verschlüge, hier noch ein paar Geheimnisse mehr ins Vordunkel zu legen. Inzwischen ist aber merkwürdig, daß dann nicht alle Völker die Sage besitzen und besaßen. Die Neger, denen sie so auffällig fehlt, müßten zur Zeit ihrer Begründung schon nicht mehr im Ursitz dabei gewesen sein. Selbst so schwindelt einem aber noch bei der Vorstellung, wie alt die Sage sein müßte, wenn sie überhaupt bis hinter Rassentrennungen reichen soll. Und man kann jedenfalls niemand verdenken, wenn er einfacher durchzudringen versucht.

Die Sage könnte zwar an eine örtliche Überschwemmung anknüpfen, aber solche Überschwemmung könnte öfter in alten Kulturtagen an weit verschiedenen Stellen erfolgt sein und sehr verschiedene Völker könnten durch ähnliche Ereignisse der Art zu einer ähnlichen Überlieferung unabhängig voneinander gekommen sein. Die ähnlichen Einzelzüge würden sich dann aus der Gesetzmäßigkeit erklären, die schließlich auch im Fabulieren und Ausschmücken herrscht, sowie aus gewissen sachlichen Notwendigkeiten, die der gleiche Naturanlaß überall zeitigen mußte. Bei jeder grimmen Flut müssen Schiffe, wenn sie da waren, eine Rolle gespielt haben; Klippen, wo ein solches Schiff zuerst landete, müssen immer wieder im Bericht vorgekommen sein; einen Vogel auf gefährlicher Meerfahrt mitzunehmen und auf Kundschaft fliegen zu lassen, ob er die Landrichtung finde und den unschlüssigen Schiffern weise, ist ein uralter Brauch, der auch sonst in antiken Sagen und alten Reiseberichten seine Rolle spielt; noch von Kolumbus wird berichtet, daß er sich aus einem zufällig vorbeifliegenden Zug Papageien vergewisserte, ob in der Wasserwüste vor ihm Land liege oder nicht. Und ebenso mußte der Schreck über das schauerliche Abenteuer sich in der Rückschau immer wieder zu dem moralischen Schluß auswachsen, daß hier ein Strafgericht waltete für die Verlorenen, ein Gnadengeschenk für die Geretteten. Solche Dinge würden also nicht den Zusammenhang all der Flutsagen beweisen, sondern nur bestätigen, daß vor ähnlichen Ursachen die verschiedensten Menschen immer das gleiche tun, glauben und hinzudichten seit Urtagen. Man ist allgemein heute in der Völkerkunde mehr geneigt, Übereinstimmungen in Sitten und Gedanken so zu erklären, anstatt gleich zu kühnen Verwandtschaftshypothesen seine Zuflucht zu nehmen.

Verschiedene der einzelnen Flutberichte enthalten auch die deutlichsten Anzeichen einer Katastrophe, wie sie lokal nur dort möglich war, wo heute noch das betreffende Volk sitzt. Was man in chinesischen Chroniken als Sintflutbericht bezeichnet hat, ist nichts anderes als die unverkennbare Beschreibung von besonders verheerenden Ausbrüchen des Stromes Hoangho durch Risse seiner natürlichen Uferleisten aus sogenanntem Lößstaub; solche Ausbrüche kommen dort heute noch vor. Und wenn bei den Kordilleren-Indianern Südamerikas in ihrer Sintflut Erdbeben und Vulkanausbrüche mitspielen, so fühlt man ebenso den Heimatboden. Selbst für die berühmteste Gestalt der Sage, die babylonisch-biblische, hat aber schon vor Jahren der große Wiener Geolog Eduard Sueß den ansprechenden Beweis versucht, sie auf ein durchaus örtliches Ereignis in der mesopotamischen Niederung am Euphrat und Tigris zu beziehen. Der ältere babylonische Bericht scheint in der Tat noch eine ganze Reihe erkennbarer naturgeschichtlicher Lokalfarben zu geben. Die Erde habe gezittert, die Wasser (Brunnen) der Tiefe seien ausgebrochen, Sturm und Finsternis seien über das Land gekommen, und der Wogenschwall sei vom Meer heraufgestürmt. Das alles würde für ein furchtbares Erdbeben im Gebiet des persischen Meerbusens sprechen, bei dem das Grundwasser aus Bodenspalten brach und mit dessen höchster Steigerung sich, wie so oft, ein gewaltiger Zyklon oder Wirbelsturm im Meer verband, der die Wassermassen tief ins Land hineintrieb. Wenn sich bei den ersten Vorstößen des Bebens Menschen auf Schiffe gerettet hatten, so mußten diese Schiffe dabei weit nordwärts über die ganze Niederung bis an die begrenzenden Berge verschleppt werden, wo sie ganz wie die Arche des Berichts stranden konnten. Wir brauchen nicht ins Sagenland zu gehen, um die zerstörenden Wirkungen solcher vom Meere kommenden Zyklone und Erdbebenfluten kennen zu lernen.

Schließlich wäre sogar möglich, daß die Menschheitskultur auf einer sehr frühen Stufe durch eine Zeitlage durchgegangen wäre, die solchen lokalen Überschwemmungen allgemein besonders günstig war. Wenn die Geologie auch nichts von einer Wasserbedeckung der Erde weiß, so lassen sich doch wohl Spuren merken einerseits, wie erwähnt, von einer großen Regenzeit (Pluvialperiode), die über die äquatornäheren Gebiete der Erde parallel zu der nordischen diluvialen Eiszeit hingegangen ist, andrerseits von einem mächtigen Anschwellen der Flüsse und Binnenseen, das im Gefolge des wiedereintretenden Schmelzens dieser großen Eismassen sich vollzogen haben muß. Werden diese ganzen Vorgänge sich auch über Jahrtausende verteilt haben, so mag im einzelnen doch in ihnen ein häufigerer Anlaß zu bösen örtlichen Katastrophen gelegen haben, und daß der frühere Kulturmensch diese Dinge noch miterlebt hat, ist gewiß. Wenn man die Sage also durchaus für sehr alt halten will, mag man wenigstens diese geologische Urerinnerung noch hineinbringen. Auch sie kann aber schon an den verschiedensten Stellen und von getrenntesten Völkern unabhängig erworben sein.

Doch wie das alles nun sei: auch in ihrer strengsten, starrsten und abenteuerlichsten Form, wie die Sintflutlegende geglaubt worden ist, hat sie für einen bestimmten Fortschritt des menschlichen Wissens und wahren Naturerkennens einen ganz unschätzbaren Gewinn gehabt. Während sie nämlich die Phantasie der Menschen unterhielt mit dem Schauergemälde einer schwarzen Riesenflut, die einst die ganze Menschenerde überschwemmt habe, schuf und schärfte sie ganz in der Stille den Kulturmenschen den Blick für eine ganz andere, sozusagen geräuschlose Art, wie in langen langen Zeiträumen wirklich Wasser und Land, Feste und Meer im weitergehenden Maße auf dieser Erde sich verwandelt, miteinander abgewechselt und einander abgelöst haben mußten.

In den Tagen des fröhlichsten Glaubens an die echte Sint- und Sündflut, wie sie im Buche stand, geschah es im wachsenden Kulturlande Europa immer öfter, daß sinnende Köpfe bei dem verweilten, was in der Praxis längst Kinder und Wilde gewußt hatten und was selbst den uralten steinzeitlichen Diluvialmenschen, deren Schmuck und Werkzeug wir heute noch ausgraben, schon durchaus geläufig gewesen sein muß: nämlich der Tatsache, daß selbst tief drinnen im Binnenlande (in Gegenden, wohin bei heutiger Sachlage der Dinge schlechterdings niemals auch der größte Zyklon vom Meere her Ozeanwasser verschwemmen könnte) aus dem harten Fels, der unsern altvertrauten Heimatswald trägt oder neben unserm Acker ansteht oder bei unserm Steinbruchbetrieb tief heraufkommt, die Schalen und Reste meerbewohnender Muscheln und anderer Seetiere versteint, aber doch noch im Umriß unzweideutig erkennbar gelegentlich zutage treten. Stellenweise sehen solche Schälchen trotz ihrer Versteinerung noch so nett aus, daß z. B. jene Diluvialmenschen in ihren Höhlen sie schon mit besonderer Liebe als Schmuck zusammengesucht und bewahrt hatten. Der Sintflutgläubige mußte darin zunächst ja den greifbarsten Beweis seiner Sintflut selber sehen, die eben auch bis hierher gelangt sei und ihre Austern oder Seeigel verfrachtet hätte; gelegentlich mögen Flutsagen sogar bei ihrer Entstehung unmittelbar schon durch solche Funde angeregt und beeinflußt worden sein. Und wenn der Gläubige gar hoch im Alpengebirge solche ansehnliche Muschel aus dem harten Stein brach, so erschien ihm schier leibhaftig zunächst das biblische Bild von den Wassern, die angeblich viele Ellen hoch bis über die höchsten Berggipfel hinaus gestiegen waren. Im 18. Jahrhundert gibt es einen spaßhaften Streit, in dem der Freigeist Voltaire die Sündflut anzweifelte, weil er allgemein die Autorität der Bibel nicht mehr gelten lassen wollte, die Anhänger aber eben auf diese Muscheln in den Alpen verwiesen; da bestritt Voltaire auch die natürliche Herkunft dieser Muscheln selber und meinte, sie seien wohl einst von den Hüten vorbeiziehender Pilger, die sich gewohnheitsmäßig mit Mittelmeermuscheln schmückten, verloren worden. Der tapfere Kämpe hatte in diesem Falle sachlich unrecht, die Muscheln stammten wirklich aus dem Stein. Aber auch die Sintflutler hatten deshalb nicht recht. Denn diese Muscheln entstammten nicht einer mythischen Allgemeinflut aus Menschentagen, sondern sie deuteten mit dem Gestein, das sie umschloß und das selber nichts anderes war als versteinter uralter Meerschlamm, auf Zeiten, länger als alle bisherige Menschenahnung und älter als alle Menschenüberlieferung. Und sie deuteten dort auf ein uralt fortwaltendes Geheimnis, wunderbarer eigentlich noch als der plötzliche Ruck und Schreck einer dahinbrausenden und sich wieder verlierenden einzelnen Sintflut. An dieser Stelle, die jetzt tief im Binnenlande oder durch noch seltsamere Verwandlung gar hoch auf dem wolkenragenden Gebirge lag, hatte einst wirklich der Ozean geblaut, lebendigen Seeigeln und Pilgermuscheln ihre natürliche Wohnstätte darbietend. Zur gleichen Zeit aber war an Stellen, wo heute dieses Meer blaut, damals hochragendes Land gewesen, auf dem Palmen wachsen und lungenatmende Landtiere leben konnten. In unfaßbaren Zeiten, gegen die auch die allerlängsten Zusammenschlüsse menschlicher Geschlechterfolgen wie flüchtige Sekunden zusammenschmolzen, hatten diese Dinge ganz, ganz allmählich sich dann wieder verschoben. Fortgewandert, ausgetrocknet, bis auf letzte versteinende Schlammkrusten und abgestorbene Muschellager völlig verschwunden war hier das Meer, um jetzt nicht sintfluthaft räuberisch einbrechend, sondern ganz, ganz langsam erobernd drüben die Scholle zu besetzen, zu überfluten, endlich hoch zu bedecken und dort mit Muscheln und Seeigeln zu bevölkern, wo voreinst der Schmetterling über Blüten geschwebt hatte. Einmal hatten sich die Dinge so verschoben, aber nicht bloß einmal. In der unermeßlichen Länge der Zeiten war dieser Wechsel von Land und Wasser, Ländern und Meeren öfter erfolgt. Wie eine große Wandeldekoration hatte es sich langsam über unsern Planeten dahin geschoben, rastlos in nicht endender Wühlarbeit die große Erdkarte immer wieder um- und umarbeitend. Bis das Bild stand, das der Mensch fand, – das heute uns umgibt, – das wir unsern kleinen Knaben beibringen als die wahre Karte in der Geographie. Aber schon ist an kleinen Anzeichen merkbar, daß auch hier keine Rast der Dinge sein kann. Das Wandelbild gleitet still unter uns weiter. Mit einer unhemmbaren Elementarkraft, die zuletzt wenn nur die Zeit gegeben ist, tatsächlich großartiger und stärker ist, als der wildeste im Augenblick verheerende Zyklon, – stärker selbst als die mythische Regenwolke, die vierzig Tage und vierzig Nächte regnete; denn diese Wolke hätte nur zerstören können, diese Urkraft aber baut. Sie tieft Land zu Meer und türmt neue Erdteile aus den Wassern, sie wirft das Gebirge in den Ozean, aber sie baut im gleichen Zeitenraum ein neues bis hoch über die Grenze des Himmelsschnees; sie hat das Leben nicht vernichtet oder bloß in armen Spuren mit einer Arche auf dem Bestand erhalten; rastlos hat sie auch ihm immer neue Bedingungen eröffnet, immer neue Möglichkeiten, an denen es sich in eigener Folgerichtigkeit ohne Überstürzung selbst wandeln und steigern konnte. Nicht vom zerstörenden Fluß der Sintflut kündet die Muschel im Stein; sondern vom Fließen der Karte in Urwelt, Gegenwart und Ferne.

Illustration from Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Abb. 1. Wagerecht aufeinander geschichtete Gesteinsmassen in einem Steinbruch bei Gingen a. F. in Württemberg, die in der Juraperiode so abgelagert wurden.

Nach dem Besinnen über diese seltsamen Muschelfunde war es die größte nächste Erkenntnis, die zur Grundlage hier einer wirklichen Wissenschaft führte: daß man sich allmählich überzeugen mußte, man stände vor Geschehnissen, die zum Teil jedenfalls noch vor allem Menschendasein auf der Erde lägen. Mit dieser Erkenntnis ist recht eigentlich die Geologie im heutigen Sinne begründet worden. In einen Abgrund der Erdgeschichte lernte man sehen, der erst unter, erst vor aller sogenannten menschlichen »Geschichte« gähnte. Anfangs erschien es noch als eine Möglichkeit, wenigstens dort hinunter einen Abglanz der alten Mythe fallen zu lassen: man träumte von plötzlichen wüsten Katastrophen, die den großen Wandel der Land- und Wassergestaltung mindestens damals noch beherrscht haben sollten, wobei allerdings nicht mehr von Strafgerichten die Rede sein konnte, denn der Mensch war ja noch gar nicht dabei. Auch das erwies sich aber nach kurzer Herrschaft als ein geologische Märchen. Auch vor der Zeit des Kulturmenschen hatten keine jähen Sintfluten, keine die ganze Erde von einem Tag zum andern grob verwüstenden Schrecken gelegen. In langsamem Werden war auch dort immer eine der alten Erdperioden in die andere übergegangen, und langsam, im Schritt dieser allgemeinen Entwicklung, hatte sich auch jene Veränderung der Karte vollzogen.

Als man aber das sicher erfaßt hatte, da war die Bahn frei zu einer bedeutsamsten dritten Erkenntnis, die erst ins Herz der ganzen Sache traf. Dieser geheimnisvolle geschichtliche Wechsel der Land- und Meerverteilung, der so durch die Jahrmillionen ging, war jedenfalls in gewissem Sinne nicht bewirkt worden durch besondere, erst neu zu entdeckende Vorweltskräfte der Natur, sondern es arbeiteten durchweg in ihm Naturvorgänge, die wir noch heute ganz genau auf der Erde beim Werk beobachten können, wenn auch dieses Werk in dem kurzen Maßstab, den wir erst anlegen, nur ganz gemächlich dabei vorschreitet, – vielfach so gemächlich, daß der ungeübte Blick sich leicht darüber täuschen kann, als rücke es überhaupt nicht vor.

Illustration from Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Wehrli A.-G., phot.

Abb. 2. Das Matterhorn.

Wenn in wilder Sturmnacht das Meer brüllt und die Wogen Stoß um Stoß gegen die Deiche rennen wie Sturmwidder gegen eine Festung, dann ergreift auch uns ja heute, so fern uns die alten Völkersagen allmählich liegen mögen, etwas Revolutionsangst vor der Natur. Aber die Nacht vergeht, und die Meeresfläche ruht feierlich still in ihrem Blau unter der Sonne: wie stark erscheint der Gegensatz des Naturfriedens in diesem Bilde! Und wir wandern an solchem frischen Morgen landeinwärts, über uns gehen ein paar schöne weiße Wolken, geisterhaft schwebend und zerfließend in ihrem Himmelsazur, mit, neben uns rinnt ein Bächlein leise singend durch den Wiesenplan, uns vertraut in dieser lieben Heimlichkeit seit Kindertagen. Tauperlen glänzen noch in der Frühsonne von den grünen Halmen. Fern lösen sich zarte Nebelschleier, das violette Gebirge wird hell mit ein paar Schneegipfeln. Die Ahnen unseres Volkes sind schon über diese Pässe gezogen, wie heute lag damals bereits der Schnee, wie heute drängten die Wolken herauf gleich Herden weißer Schäfchen und zerstiebten wieder zu wesenlosem Schein, während die uralten Granitriesen in unerschütterlicher Herrlichkeit ragten, ein Bild der Ewigkeit. Friedlich wie ein murmelndes Bächlein scheint über solche Landschaft auch der gewohnte Kreislauf der Natur hinzuziehen. Man denkt an das Bibelwort, das diesem Kreislauf so schön als die ewige Friedensverheißung hinter den Sintflutschrecken setzt: »So lange die Erde steht, soll nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.«

Merkwürdig aber, wie der Standpunkt wechseln muß. Der Naturforscher, der sich wenig um die Sintflut sorgt und selbst der wildesten Sturmflut der Küste doch nur eine untergeordnete Rolle in jenem großen Wandel des Geologischen beimißt, weiß, daß eine der nachhaltigsten Revolutionen unserer Erdoberfläche sich fort und fort gerade in diesen scheinbar idyllischen Naturbildern vollzieht. Nur der langsame Gang, mit unsern Menschenmaßen des Alltagslebens gemessen, verschleiert das dämonisch Ungeheure des Ereignisse hier. Könnten wir unsern Zeitblick ändern, Jahrhunderttausende in einem Augenblick sehen: wir würden ein Schauspiel erleben, das sich mit jeder Sintflut messen könnte, ja sie überböte. Von diesem sonnenhellen blauen Meeresspiegel stiege es unsichtbar herauf wie ein geheimnisvoller Zauber gegen dieses ganze Land, zu diesen Bergen. Und von ihm berührt, zerbrächen die Berge, lösten sich auf, rasselten in unermeßlichen Trümmern und Scherben flutend ins Flachland herab. Das Land selber aber höhlte sich allenthalben, sänke ein, zerbröckelte, während es gleichzeitig wie eine teigartige Masse in das Wasser hinausquölle.

In Wahrheit ist der Zauber, der da waltet, aber auch nichts anderes als Wasser selbst. Es ist das Wasser des Ozeans, das allerdings nicht in einer schwarzen Schauernacht über die Lande aufbäumt, das aber unablässig, Tag um Tag, Jahr um Jahr, Jahrtausend um Jahrtausend unsichtbar in Gestalt wassergetränkter Luft auf diese Feste heraufkriecht und hier in dem allbekannten Kreislauf vom höchsten Fels bis zum tiefsten Tal alles durchfeuchtet, durchrieselt, durchströmt, um endlich wieder heimzukehren in seinen großen Urschoß. Diese »geheime Sintflut« braucht nicht plötzlich zu kommen, sie ist beständig über uns, um uns. Um unsere Ahnen floß sie schon, und sie hat höher, als die Bibel weiß, bereits über allen Bergen der Erde gestanden, lange ehe der Mensch mit seiner Kultur begann. Ihr Kommen kündigt sich nicht mit Finsternis an, sondern recht eigentlich gerade ein Kind der Sonne über dem blauen Meer ist sie ihrem innersten Ursprung nach.

Wenn die Sonne die Flächen des Ozeans erwärmt, so befreit sich still ein Teil des Wassers dort von seinem gewöhnlichen Zustande und steigt als feiner Dunst, feiner Wasserschwaden in die Lüfte empor. Dort bald verdichtet, fällt ein großer Teil dieser wandernden Wasserstäubchen allerdings wieder in den Mutterschoß zurück. Aber ein anderer Teil breitet sich in diesem freien Spiel weit aus allen Meeresgrenzen hinaus auch über die Lande aus, er verschwebt bis zu den fernsten Bergen, und wenn er dort jetzt auch zur Verdichtung kommt, so erscheint er inmitten der Feste als Feuchte, die scheinbar vom Himmel fällt. Sie sinkt herab als Tau und als Regen, als Hagel, Reif und Schnee. Viel von ihr verdunstet sogleich neu in die Luft hinein. Aber nicht alles kann so bewältigt werden. Regentröpfchen vereinigen sich zu feinsten Wasseräderchen; die verschmelzen zu Bächlein, der Bach wird zum Fluß. Vieles senkt sich zunächst in die Tiefe des Bodens, durchfeuchtet die innere Feste, bricht aber wieder als Quell vor. Immer aber auch auf der oberen Fläche folgt die rieselnde Welle dem Zwang nach der Tiefe, als Tröpfchen wie als Strom zuletzt rinnt sie abwärts, vom Gebirge zum Flachland, bis sie endlich die eigene Heimat, das Meer, wieder erreicht hat, mit dessen Verdunsten und Verdampfen im Sonnenkuß das rastlose Spiel neu beginnt.

Nun aber diese Kreisbahn, die vom Standpunkt des Wassers doch immer nur wie eine einfache Wanderschaft erscheinen könnte, die die Dinge im Fluß hält, aber zuletzt nichts ändert, ist von der schier unfaßbar einschneidendsten Bedeutung für das Land selbst. Wie jeder Pilger mit dem Tritt seines Fußes Teilchen von dem Boden abschürft, den er überschritten hat; wie man sagt, daß jeder Heimkehrende etwas Staub der Fremde an den Sohlen mitbringt: so gräbt auch jedes wandernde Wassertröpfchen seine Spur ein und so schleppt auch jedes Tröpfchen sein Stäubchen mit fort. Der fallende Tropfen höhlt zuletzt den Stein. Der Kreislauf der Tropfen aber vom Ozean bis zur Regenwolke, vom Bach bis zum Strom und vom Strom wieder ins Meer, über Jahrhunderttausende immerzu fallend, grabend und fortkarrend, wäscht zuletzt ein ganzes Gebirge zu Tal und trägt die Trümmer als Sand ins Meer.

Im alltäglichen Naturbilde weiß das jeder: daß jeder Regen Risse in den weichen Boden kerbt und Erdreich mitschwemmt; daß der Bach und der Fluß sich ihr Bett durchweg selber gegraben haben; daß sie Gestein und Schlamm abwärts verfrachten, Steine zu Sand zermahlen und den Sand endlich in unabsehbaren Flächen in ihrem untersten Lauf häufen, bis die Meereswelle ihn zuletzt verschlingt. Wer sich den Blick aber einmal hier geübt hat und ins Gebirge kommt, der muß gewahren, daß auch unsere höchsten Gebirge von heute eigentlich verfallende, zerbrechende Ruinen sind. Von diesen »Ewigkeitszeugen« herab ziehen sich allenthalben die wüsten Schutthalden. Die himmelragenden Zinken sind nahe besehen nur noch verwitterte Restzacken wie an hohlen Zähnen. Die Schneekoppe unseres Riesengebirges, die vor dem Wanderer fern im Tal auftaucht wie ein blauer Dom der Unvergänglichkeit, entpuppt sich beim Aufstieg als ein einiger Scherbenberg, zertrümmert wie ein Lager Töpfe, in das eine übermächtige Faust geschlagen. Das ungeheure Matterhorn in der Schweiz, das aussieht, als habe mit ihm die Schöpfung angefangen, erweist sich nahe auf seine Schichtung geprüft als ein letzter noch stehengebliebener Pfeiler eines ehemaligen kolossalen Gewölbesattels, den das abschätzende Auge sich noch ganz gut in der blauen Luft hinzu ergänzen kann; in Wahrheit liegt er bis auf die eine Zahnecke zermalmt, zermahlen als Schutt im Tal, als Sand im Meer … Keine Hunnen und Vandalen haben so zerstören, keine Kanonen solche Burgen der Natur zerschießen können; aber einer hat es vollbracht: der Wassertropfen. Und nicht nur das Gebirge verfällt ihm so. Wer in der sächsischen Schweiz je durch die schmalen Klammen gewandert ist, in deren Spalt man den Himmel nur noch wie ein dünnes Streifchen erblickt; wer in Adelsberg die schwarzen Wasser sich in unergründlicher Grottentiefe hat verlieren sehen: der ahnt, was auch in der Feste unter unsern Füßen sich abspielt, wie auch dort der Schutt dabei ist, uns zuletzt den Boden fortzuziehen; er ahnt, daß eine Macht der Zerstörung auch den Sockel der Länder annagt, zerschneidet und durchfrißt. Und auch das ist der Wassertropfen, der an allen Wänden der Klamm als Feuchte ausschlägt und in der finstern Grotte von jeder Tropfsteinspitze heruntertickt. Er schürft und karrt nicht bloß. Er sprengt auch, indem er in den Spalten gefrierend sich ausdehnt. Und mit Kohlensäure beladen, schmilzt er den Kalkstein fort wie Salz, zersetzt er chemisch selbst den Granit.

Man muß eben in jener Adelsberger Karstgegend sehen, was die Kohlensäureschmelzung des Kalks neben der einfachen Schwemmung, Unterwühlung und Spaltung dort nach unten im bodenbildenden Kalkgestein vollbracht hat. In Trichtern senkt sich allenthalben die Bodenfläche ein, in Trichtern bis fast zu Kilometerbreite, schaurige Schlote stürzen senkrecht von ihnen ab, in der Tiefe ist die ganze Feste durchlöchert wie ein Schwamm und unendliche Labyrinthe spinnen sich darin hin, in denen die wühlenden Wasser unablässig schmelzend, nagend, fressend und fortschleppend weiter rauschen. Diese »Brunnen der Tiefe« brauchen nicht heraufzusprudeln, um die Menschen als Sintflut zu verschlingen: unmerklich lösen sie in rastloser Arbeit den Boden selber unter ihnen fort, bis ab und zu bald dieses, bald jenes Haus spurlos von der gähnenden Leere des Abgrundes eingesaugt verschwindet. Oder man muß hoch oben im Granitgebirge der Leidensgeschichte dieses trotzigsten Titanen folgen. Wie die stolzen reinen Züge seiner edeln Stirn verwitternd zu den humoristischen Fratzen abschmelzen, die der Volksmund nicht müde wird, mit Tier- und Teufels- und Gespensternamen zu begaben. Wie er zu losen Kugeln zerfällt, die in ungeheuren Felsenmeeren zu Tal branden gleich Riesenkieseln der leibhaftigen Sintflut und in Wahrheit doch auch nur das Geröll dieser viel zäheren Dauersintflut des fressenden Wassertropfens sind. Bis endlich Ton und Sand die letzte Spur des alten Wolkenwanderers andeuten, wie es in der Dichtung von dem toten Cäsar heißt, daß er, Staub und Lehm geworden, eine alte Wand verklebt.

Illustration from Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Abb. 3. Verwitterung des Granits am sogenannten Mittagsstein auf dem Kamm des Riesengebirges. (Dr. E. Mertens & Cie., phot.)

Wenn man sich dazu nun noch vergegenwärtigt, daß die Tropfen sich an der Erdoberfläche vielfältig selber zu Riesen auch an wirklicher Größe vereinigen, Ströme und Seen von unabsehbaren Uferweiten bilden; daß sie als Niagara so über den Fels stürzen und mit ganzer Kraft dieses Niagara sich rückwärts in jenen Fels einschneiden; daß der Frost nicht bloß mit Wasserhilfe den Stein sprengt, sondern auch vom Gebirgsschnee den Gletscher herabschiebt, der für sein Teil wieder wie ein enormer Pflug das härteste Gestein bearbeitet, Berge bricht und anderswo häuft und mehr als hausgroße Blöcke auf seinen Eisschultern zu Tal trägt, als sei es ein Kinderspiel; daß immerhin auch die Brandungen und Fluten des Ozeans selbst, von Sturm oder Mondgezeiten bewegt, von den Küsten aufwärts in die Hand arbeiten, indem auch sie den steilen Uferfels höhlen, Blöcke wälzen, Uferland fortreißen; daß eine Masse anderer Zerstörungsfaktoren des Festlandes, steinzersprengende Temperaturgegensätze der Wüste, Wind, der den Staub aufwühlt und weithin verwirbelt oder selber das Gestein höhlt, anschneidet und ausbläst, Pflanzenwuchs, der seine Wurzeln als zähe Keile in jede Steinspalte drängelt, von sich aus wirkend dem Wasser helfen; und wenn man bedenkt, daß dieser Kreislauf des Wassers heute keine Sekunde rastet und nie gerastet hat, seit große Wasserflächen auf der Erde sind, von Urwelten zu Urwelten bis auf diesen Tag beim Werk ist, und daß auch nur der jüngste dieser Urweltsabschnitte schon Jahrhunderttausende umfaßt, während dahinter vielleicht hundert und mehr Millionen von Jahren liegen: so muß klar werden, daß es sich hier wirklich nicht mehr wie bei jenen Sintfluterklärungen bloß um örtlich ändernde Vorgänge handeln kann, sondern daß es um alle Kontinente, alles Festland der Erde überhaupt zuletzt gehen muß – um die Gestalt der Erdkarte im ganzen – um Dinge, die heute wie seit je an dieser Karte rütteln.

Die Arbeit, wie sie hier skizziert ist, hat aber in der Tat zweifellose Sintfluttendenz. Sie arbeitet gegen das Land. Wohl kann ja das Wasser die Bestandteile der Feste nicht wirklich einschlucken im Sinne einer Vernichtung. Es kann ein Gebirge zu Sand reiben und den Sand bis in den Ozean tragen, aber endlich muß er doch wieder sich irgendwie ablagern. Den Kalk, den es in sich aufgelöst, muß es gelegentlich wieder irgendwie absetzen; was es davon bis ins Meer schleppt, das ziehen dort Tiere heraus, die sich Schalen davon bauen, die als solche wieder eine große Widerstandsfähigkeit gegen erneute Zersetzung haben und nach dem Tode ihrer Bewohner gehäuft ebenfalls wieder kalkiges Gestein bilden helfen. Eine tüchtige Menge Wasser geht auch bei dem Kreislauf immer verloren. Es ist nicht so, daß bloß das Wasser Stein fräße, es gibt auch Steine genug, die Wasser fressen. Eben bei jenem kühnsten Verwitterungsangriff, dem selbst der Granit erliegt, schluckt immer der übrigbleibende Ton ein ganzes Teil Wasser für sich ein, das zunächst nicht wieder in den Kreislauf kommt. Auch feuchtet sich zuletzt alles Gestein in die Tiefe abwärts allmählich durch, und wenn die Erdkugel im ganzen eine trockene und mäßig kühle Masse bis zum Mittelpunkte wäre, so läge hier auf die Dauer eine nicht unbedenkliche Wasserfalle für den ganzen Kreislauf der Oberfläche.

Aber für diesen letzteren Punkt ist der wahre Sachverhalt, daß wir eben aus diesen großen Erdentiefen unterhalb des gewöhnlichen Quellenkreislaufs beständig auch Wasser erhalten. Wir wissen ja heute noch nicht genau, wie es im eigentlichen Kern unserer Erde aussieht. Gewiß aber ist, daß in einer bestimmten Tiefe nicht einfach die Gesteine in Kellerfeuchte weitergehen, sondern daß dort eine starke Hitze herrscht. Gerade von hier aber beobachten wir nun ein eigentümliches Emportreiben von Wasser. Man könnte denken, daß es das äußerste versickernde Oberflächenwasser selbst wäre, das beständig an der Zone der Erdhitze zur Umkehr, zum Wiederaufdrängen genötigt würde; jedenfalls bliebe dann der Kreislauf nach dieser Seite gedeckt. Die größere Wahrscheinlichkeit ist aber sogar, daß wir aus dieser Tiefenzone fortgesetzt Wasser nach oben hinzubekommen, wirklich neues Wasser, das bisher noch niemals im Kreislauf der oberen Gewässer mitgelaufen ist. Man denkt sich, daß unsere Erde aus ihren ältesten Bildungstagen da unten noch eingeheimste Wasserbestandteile bis heute bewahre, die langsam erst entbunden werden. Juveniles, noch jungfrisches Wasser hat man dieses geheimnisvolle Tiefenerzeugnis unseres Planeten also benannt. Solches juvenile Wasser dampft und regnet beständig aus den ungeheuren Gasgemischen und Lavaeruptionen unserer tätigen Vulkane, die, einerlei wie tief sie nun ihrem eigentlichen Herde nach in der Erde wurzeln mögen, jedenfalls Material unseres Planeten heraufwerfen, das eine Schicht tiefer gesessen hat, als aller gewöhnliche Regenwasserkreislauf. Da aber Vulkane seit den ältesten Tagen der Erdgeschichte, die wir kennen, immerzu gespien haben, muß die Masse des Wassers, das so ins obere Spiel hinzugebracht worden ist, geologisch auch stets eine höchst beträchtliche gewesen sein. Auch von einzelnen warmen Quellen nimmt man wohl mit Recht an, daß sie unmittelbar juveniles Wasser führen, so interessanterweise von dem heilkräftigen Karlsbader Sprudel. Natürlich läßt sich die Ziffer nicht genau herausrechnen, wieviel an solchem Zuschußwasser unser Planet im ganzen beständig liefert. Aber die Möglichkeit kann nicht abgelehnt werden, daß sie sich mit der (im Genaueren natürlich auch unbekannten) Ziffer des beständigen Wasserverlustes durch jenes Wasseraufsaugen und Wasserbinden der Gesteine deckt. Dann wäre aber das Wasser in gleicher Kraft und Arbeitsbereitschaft, so weit wir geologisch zurückblicken können, und es müßte bei ebensolcher Kraft verharren auch in alle Zukunft hinein, solange Vulkanismus und juvenile Quellen dort dauern; von einer Abnahme dieser beiden Erderscheinungen kann einstweilen aber wahrlich keine Rede sein.

Illustration from Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Abb. 4. Durch Verwitterung entstandenes Felsenmeer am Felsberg im Odenwald. (Dr. Bruno Baumgärtel phot.)

Was aber das beständige Wiederablagern der zerstörten Gesteine durch das Wasser betrifft, so ist dieser Verlauf doch immerhin einseitig. Das Wasser schafft zwar die Mineralstoffe der oberen Erdrinde nicht aus der Welt, aber es nivelliert, es arbeitet von sich aus unablässig einseitig dahin, die Ungleichheiten der Landfeste möglichst fortzuglätten. Über das Schicksal einer Erde, lediglich in seine Hand gegeben, könnte bei der nötigen Zeit also kein Zweifel sein. Alle Gebirge würden endlich heruntergetragen. Jede gegenwärtige Unebenheit des Bodens aller Länder würde beseitigt. Gleichzeitig aber würden die Kontinentsockel selbst von den Rändern und in die Tiefe hinab zernagt und erniedrigt, während die Meere umgekehrt durch das hier entzogene Material immer mehr ausgefüllt, durch wachsende Schlammschichten immer seichter gemacht würden, was wieder eine umfassendere Überflutung der überall holländisch platten Festländer zur Folge haben müßte. Als ungefähres Schlußbild könnte die Phantasie sich denken, daß zuletzt die allseitig ausgewalzten und angeebneten Schutt- und Sandreste des alten Erdreliefs einen völlig einheitlichen Plan um die Erde bildeten, auf dessen Höhe ein seichtes Meer ebenso einheitlich die ganze Kugel umwogte. So sehr seicht brauchte dieses sieghafte Schlußmeer noch gar nicht einmal zu sein: die heutige Wassermasse aller Ozeane, über die gesamte Erde gleichmäßig verteilt, ergäbe immer noch einen Wasserstand von rund 2000 m Tiefe. Also eine recht tüchtige »Sintflut« als Schluß!

Der Faden der Geschichte des Land- und Wasserwechsels im Wandel der Zeiten wäre also, rein so besehen, ein ungemein einfacher: alles Land, wie es heute unsere Erdkarte noch zeigt, vergeht allmählich zugunsten eines allseitig erhöhten einheitlichen Meeresgrundes; die Sterne der Zukunft spiegeln sich in einem absolut sieghaften Meer. Fragt sich bloß, warum bei der sicher erweislichen ungeheuren Länge der geologischen Zeiträume dieses Ziel nicht längst erreicht ist. In all diesen Zeiten hat das Wasser doch rastlos so gearbeitet und es hat Sandschichten gehäuft, die selber wie Gebirge so dick sind und denen man also zutraute, daß sie Gebirge geschluckt haben könnten; trotzdem ragen noch immer himmelhohe Gebirge über uns. Die Jahrmillionen scheinen aber selbst für die Zerstörung von Kontinenten zu langen. Und doch stehen noch fünf zum Teil genügend ansehnliche Erdteile auf unserer Karte, während gleichzeitig der Meeresgrund keineswegs Anstalten macht, überall gleichmäßig zu versanden; noch gibt es Meerestiefen, in denen der höchste Himalajagipfel versenkt werden könnte, ohne aus dem Wasserspiegel zu ragen.

Illustration from Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Abb. 5. Reste eines versunkenen Waldes an der deutschen Ostseeküste.

(Nach einer Zeichnung von Heinz Niederbühl.)

In diesem Widerspruch weisen jetzt jene alten Meermuscheln tief im Lande sogleich den weiteren richtigen Weg. Sie fallen doch versteint aus versteintem Meeresschlamm von ehemals. Dieser Schlamm ist offenbar vorzeiten durch Arbeit des Wasserkreislaufs vom Lande, vom Gebirge heruntergewaschen und im Meeresgrunde abgelagert worden; die Muscheln bezeugen, daß er wirklich schon einmal im Meere war. Aber heute liegt er ebenso ersichtlich nicht mehr in diesem seinem Meeresgrunde. Hoch auf dem Festland liegt er vielmehr wieder, weit im Binnenlande, ja den Wolken nahe neu in himmelragendem Gebirge. Unglaublich hoch kann er so liegen: im Himalaja finden sich gewisse Schichten mit Meertieren noch bis 5000 m hoch. Hier ist also etwas Besonderes noch nachträglich geschehen, das niemals vom Wasser selbst ausgehen konnte. Durch eine unabhängige Macht ist der Meeresboden wieder ganz aus dem Wasser gehoben, zu neuem Festland gemacht worden. Und auf diesem Festlande ist er, wenn er heute gar hoch im Gebirge liegt, nochmals höher und höher bis in die Wolken hinaufgestaut worden durch eine Gebirgsbildung dieses Festlandes, die ebenfalls seither noch neu stattgefunden haben muß. Im einzelnen können wir heute oft noch angeben, wann diese Bildung erst sich vollzogen haben kann. In jenen jetzt so fabelhaft hoch verstiegenen Schichten am Himalaja finden sich die Reste gewisser meerbewohnender Urtiere, der Nummuliten, die in dieser Gestalt für die Meere im Anfang der sogenannten Tertiärzeit (also schon des dritten geologischen Hauptweltalters, von unten gerechnet) charakteristisch waren. Um diese Zeit muß ein solches Nummulitenmeer also auch dort in Indien noch geblaut haben. In der Zwischenzeit seit damals kann dann aber erst das Gebirge sich gebildet haben, das an seinem Fleck eben diesen Meeresboden bis zu 5000 m Höhe hinaufgeschoben hat, während es selber zugleich in seinem alleräußersten Gipfel es dabei bis zum Mount Everest gebracht hat, also der höchsten Bergerhebung überhaupt der ganzen Erde.

Kein Zweifel, daß wir auch hier vor einer Arbeit unseres Planeten stehen, die sich noch heute fortwirkend studieren läßt, genau wie die Zerstörungsarbeit des Wassers. Wenn wir vom Meer sprachen und seinen unruhigen Wassergeistern, die in Tropfengestalt die Feste zu meistern suchten, so erschien diese Feste, erschien die ganze harte Erdrinde in ihrer mineralischen Starre als der Gegensatz des ewig Ruhigen; passiv ließ sie sich nur von jener Wasserunruhe zerstören; ohne diese Unruhe stand der Granit wirklich von Ewigkeit zu Ewigkeit. Aber auch das ist niemals genau richtig. Um noch einmal an das alte Sintflutbild zu erinnern: in bestimmtem Sinne wandeln wir auch auf dieser festesten Erde beständig eigentlich über einer geheimen Flut, die langsam steigt und ebbt, schaukelt und Wellen wirft, – das alles aber, wunderbar genug, jetzt in Gestalt tiefinnerlichster Verschiebungen des Gesteins selber, die mit echter Wasserbewegung gar nichts zu tun haben.

Seit alters war schon den Menschen, die noch naiv an die Sintflut glaubten, eine höchst unheimliche Erscheinung auch nach dieser Seite geläufig: nämlich das Erdbeben, bei dem die Feste selber wenigstens vorübergehend schwankte wie eine wellenbewegte See. Die neuere Geologie kennt aber noch andere Anzeichen genug. Ganz gemächlich, ohne jede wüste Störung, heben sich gewisse Länder, z. B. Norwegen und Schweden, in geschichtlicher Zeit immer mehr aus dem Ozean. An den alten eingehauenen Wassermarken liest man noch ab, daß die schwedische Küste sich in hundert Jahren stellenweise je um etwa anderthalb Meter gehoben hat. Aus den natürlichen Strandlinien mit ihren vom ehemaligen Wogenschlag eingekerbten Wassermarken kann man aber noch ersehen, daß diese Bewegung schon seit vielen Jahrtausenden (seit Ende der Eiszeit) periodisch andauern muß. Umgekehrt sinken die deutsche Ostsee-, die holländische Nordseeküste. Man hat bemerkt, daß an der Küste der Bretagne sich Reste unterseeischer Wälder finden, alte Römerstraßen sich im Meeresgrunde verlieren, prähistorische Steindenkmäler (Dolmen) nur bei Ebbe noch aus dem Wasser herauftauchen. Der Meeresboden selber, von dem man meinen sollte, er könne bei der beständigen Einfuhr von Bergeslasten Flußsand doch nur seichter werden, senkt sich in ganzen Riesengebieten ersichtlich, wie z. B. im Stillen Ozean die eifrige Gegenarbeit der Korallentiere beweist, die ihre Bauten immer nur in einer gewissen nicht zu großen Tiefe herstellen können, deshalb immer höher bauen mußten und so allmählich Korallenriffe erzeugt haben, die heute wie steile Türme über dem abgesunkenen Grunde ragen. Mitten im Lande bei uns in Deutschland hat man mehrfach bei genauen Messungen Höhenänderungen bis zu 17 cm schon im Laufe von 20 Jahren feststellen können. Im Bergwerksbetrieb glaubt man öfter im explosionsartigen Vorbrechen und Sichfalten geöffneter Schichten, im Aufbäumen und Sichstrecken befreiter Steinplatten unmittelbar Zeuge des geheimen Drängelns der Tiefengesteine zu sein. Gewiß ist es eine schwindelerregende Vorstellung, daß solche sich hebende Küste einen neuen Erdteil, solcher Zentimeterzuwachs langsam aufschwellender Bodenfalten zuletzt einen Himalaja ergeben sollten. Aber die Denkschwierigkeit dabei ist keine größere, als daß die Arbeit eines rinnenden, mit Kohlensäure geschwängerten und im Frost sich dehnenden Regentropfens endlich ein Gebirge von der Höhe dieses Himalaja abtragen und als Sand ins Meer schwemmen sollte. Zu beidem ist nichts nötig, als geologische Zeitmaße. Von jeder einzelnen der größeren geologischen Epochen aber wissen wir, daß sie schon mehrere Millionen von Jahren umfaßte. Der Verlauf einer einzigen könnte also wohl genügen. Wie wir ja auch hören, daß gerade der Himalaja sich erst seit Anfang der uns verhältnismäßig noch nahen Tertiärzeit ganz aufgegipfelt haben muß, während er gleichzeitig seither schon wieder infolge der Wasserverwitterung im vollen Verfall zur Ruine ist. Schwieriger mag die Vorstellung sein, wie es rein technisch überhaupt möglich sei, daß feste Gesteine sich nachträglich so schieben, so knicken, biegen und falten lassen. Es gibt da sehr verschiedene Erklärungen, von denen bisher keine ganz genügt. Über das »Daß« aber kann schlechterdings keine Frage sein. Ein paar Spaziergänge auf bekanntesten Alpenstraßen genügen für jedermann, sich da selber ein Bild zu machen, z. B. an der Axenstraße oder am Walensee. Unsere Alpen sind größtenteils erst in der gleichen verhältnismäßig jungen Erdperiode emporgedrängelt worden, wie der Himalaja. Dabei sind aber die verschiedensten alten Meeresböden mit ihren zu Stein erstarrten uralten Schlammschichten, die einstmals hübsch wagerecht gelegen hatten, in ein geradezu beängstigendes Gewirre und Geschlinge von Falten gepreßt worden, die sich jetzt im Anschnitt der halb zerstörten Felsschroffen wie hin und her gebogene Riesenschlangen oder gigantische Würste vor Augen stellen. Den schlichtesten Beschauer, der nie von den Geheimnissen der Geologie gehört hat, kann man dort staunend ausrufen hören, das sehe ja aus, als wenn der Stein Wellen geschlagen hätte. Es sieht aber nicht bloß so aus, sondern es ist so.

Illustration from Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Abb. 6. Gesteinsfalten an der Axenstraße (Schweiz).

Das geschulte Auge des wirklichen Geologen stößt aber in jeder Gegend bei Schritt und Tritt auf die steinernen Wogenspuren. So stark die Wasserarbeit sich überall aufdrängt: die Arbeit dieser Steinflut ist im sichtbaren Erdbilde doch vielfach noch durchschlagender. Wo immer jenes Zerstörungswerk des wühlenden Wassers das Gestein in seinem Gefüge aufgeschlossen oder wo immer es seine ursprünglichen Außenformen noch nicht zu verwischen vermocht hat, da stößt man auf sie. Es brauchen nicht immer unmittelbare Falten zu sein. Wo die drängelnden Gesteinsmassen sich gestaut haben, gewahrt man die Spalten, zu denen sie kämpfend zerbrochen sind, man erkennt, wie die dicken Schichten an solchen Brüchen sich geradkantig auf- und abgeschoben haben, wie ganze Schollen zu Gräben und Kesseln hinabgesunken, andere in Restbrocken als hohe einsame Klötze darüber stehengeblieben sind. Der Laie muß sich belehren lassen, daß aus der Heimat oder von der Karte allbekannte Landschaften solchen wilderen Wogenprall darstellen: das mittlere Rheintal und das Rote Meer solche Grabenversenkungen zwischen zwei Spalten, unsere Vogesen oder unser Schwarzwald solche stehengebliebenen Restklötze. Der Geolog verfolgt die Spur aber weiter auch an den ganzen Kontinenten, die wieder im noch größeren teils solche Klötze und Blöcke, teils aneinander gescharte Faltensockel über den gewaltigen Senkungsfeldern der tiefen Ozeane bilden. Und an tausend Anzeichen erkennt er, weit über den einzelnen Muschelfund im Binnenlande noch hinaus, daß dieses Wogen der Steinrinde unseres Planeten seit Urtagen dauert. Alle geologischen Epochen hindurch dauert es, von der endlos entlegenen Devonzeit, deren Seelilien und Meerkrebse heute im Kalkstein der Eifel liegen, bis zur Steinkohlenperiode, durch deren heute tief verborgene Kohlenschichten noch die Sprünge und Zickzackfalten einer damaligen europäischen Gebirgsbildung laufen, von der sogenannten Triasepoche, deren Korallen- und Kalkalgenriffe heute unsere Dolomitalpen bilden und in der man trockenen Fußes über den Indischen Ozean gehen konnte, bis zur Kreidezeit, deren ozeanischer Schlamm heute aus den weißen Felsen von Rügen glänzt, und zum Tertiär, wo die Seekühe bei Mainz durchs Rheintal schwammen wie heute im Roten Meer, während Scharen flüchtiger Steppenpferde über die Reste der »Atlantis« von Grönland nach Europa herüber und hinüber kreuzten. Immer hat das flutende Auf und Ab des Gesteins dem einförmigen Nivellieren der Wasserarbeit Schach geboten. Ging dieses Nivellieren unablässig neben ihm her, nagte seine Erdteile, seine Gebirgsfalten immer wieder an und suchte seine Meereshöhlungen erneut mit Sand zu verschütten, so machte dieser Wellenschlag des Steinmeeres es zu einem Danaidenwerk, das nie fertig wurde, ewig neu beginnen mußte. Glättete der Wassertropfen rastlos am Relief der Erdkugel, so baute der drängende Stein ebenso ruhelos neues Relief. Gegenüber der wesentlich landfeindlichen Richtung der Wasserarbeit war die Steinarbeit geologisch stets eine landfreundliche. Während der Wasserkreislauf auch da, wo er scheinbar baute: bei seinem Häufen von Sandschichten am Meeresgrunde, eigentlich nur an der noch gründlicheren Überflutung der Länder arbeitete (denn das emporgedrängte Wasser der so versandenden Meere mußte stets bestrebt sein, sich landeinwärts flächenhaft auszudehnen), schuf die Steinbewegung selbst da mehr Land, wo sie den Meeresboden zeitweise senkte; denn in den Abgründen, die sie tiefte, liefen die Wasser umgekehrt zusammen, wodurch anderswo das Flachland der Küsten trocken gelegt werden mußte. Andrerseits wurde auch der Wasserflut mit ihrer rinnenden Sanduhr ein wirkliches Bauen von ihr selbst nachträglich noch aufgezwungen, wenn sie die ungeheuren Lasten Meersand, die jene zwecklos häufte, durch ihr Schaukeln gleichsam über Nacht tatsächlich wieder zu Land machte. Über Nacht freilich nur im Sinne, wie es in der Bibel von den Nachtwachen des Weltschöpfers heißt. Denn in Wahrheit ging das Spiel auch hier durchweg langsam genug. Dafür ging es durch Jahrmillionen. Auf jeden Fall aber mußte die titanische Doppelarbeit dieser beiden Erdgewalten im Laufe dieser Zeiten ein wahrhaft kaleidoskopisches Wechselspiel von Meer und Festland auf unserm Planeten schaffen, von dem das heutige Bild nur gerade einen zufälligen Einzelfall gibt.

Zufällig! Dieses Wort sagt nicht viel und macht dem Naturdeuter durchweg wenig Freude, wenn es auftaucht. Wir möchten das Gesetz dieses Wechsels kennen lernen. Das Gesetz der Wasserarbeit ist ja klar. Waren Festländer, Gebirge, Meere irgendwo gegeben, so drängte das Wasser das Land allmählich ins Meer, und so oft im Verlauf der geologischen Perioden dieser Zustand neu eintrat, so oft trat hier auch mit untrüglicher Folgerichtigkeit die gleiche Arbeit in Kraft. Aber was wir nun noch wissen möchten, ist das Gesetz, nach dem auch die »Steinflut« immer wieder neue Hebungen, Faltungen, Senkungen, Länder, Gebirge, Meere schuf, indem sie den andern Verlauf gleichsam immer wieder herabschraubte. War es ein periodisches Schaffen, das immer in bestimmten Zeiträumen wieder stärker einsetzte? Wohnte ihm ein gewisser Zwang des Umschlags in der Richtung inne, daß etwa, was eine Weile Meeresgrund gewesen war, notwendig dann wieder Land werden mußte, und umgekehrt? Folgte der Schub seiner Falten bestimmten Linien auf der Erdkugel? Und so weiter. Ja das möchten wir wissen, weil es ein vorzüglicher Faden wäre für die Reihenfolge der geologischen Karten in den einander ablösenden Perioden der Erdgeschichte. Leider werden wir hier aber einstweilen von unserm sicheren Wissen noch überall im Stich gelassen.

Diese Unkenntnis hängt stark zusammen mit einer andern. Während uns nämlich die Ursache jenes beständigen Wasserflutens um die Erde von der Sonnenwärme an, die zuerst die Wasserteilchen aus dem Ozean lockt, bis zu den letzten zermahlenen Sandteilchen, mit denen das wolkenragende Gebirge endlich in diesem Ozean anlangt, so gut wie ganz durchsichtig ist, haben wir lange nicht die gleiche Einsicht in die Ursachen jener faltenden Steinflut der Erdrinde.

Eine ganze Weile hat man sich dabei auf einer unmittelbar falschen Fährte bewegt. Man suchte die Ursache in den von unten hebenden vulkanischen Erscheinungen. Aus der Erdentiefe drängen bekanntlich immerzu glühend flüssige Massen aufwärts. Bald entfließen sie unsern Vulkanen noch als Lava, bald erstarren sie bereits in der Tiefe. Zu der Erdrinde verhalten sie sich wie die juvenilen Quellen zum Kreislauf der Gewässer. Sie bringen neue Stoffe hinzu, entsprechend hier statt Wasserdampf und Heißwasser geschmolzenes Gestein. Zweifellos nehmen sie in ihrer Art so auch Anteil an der Arbeit dieser Rinde. Sie mehren die Masse dieser Rinde, schaffen erkaltend mächtige Einlagen und Auflagen, gelegentlich schütten sie auch einmal selber eine Insel im Meer, einen Berg über der Feste auf. Man glaubt auch zu beobachten, daß sie gern da hochquellen, wo eine jener Rindenspalten zeitweise den Druck von oben vermindert. Und auch gegen Teile der Rinde drängeln sie gelegentlich in ihrer Weise. Aber davon kann keine Rede sein, daß sie wirklich die geheimen Kobolde wären, die das ganze Steinmeer tanzen ließen, hinter allen Erdbeben, Faltungen, Senkungen, ja hinter der Entstehung jener Spalten selber ständen. Vollkommen mußte das aufgegeben werden von der neueren Geologie.

Die heute gangbarste Meinung sucht die Ursache der Steinflut vielmehr in der fortdauernden Zusammenziehung der Erdkugel. Gleich allen andern Weltkörpern verdichtet sich die Erde fortgesetzt im Innern. Dabei verkleinert sich ihr Kern. Die Rinde muß nachsinken. Vielfach bricht sie dabei örtlich ein, während andere Teile einzeln stehenbleiben. Vielfach auch wirft sie Falten wie ein schrumpfend sich runzelnder Apfel. Ich verhehle nicht, daß auch diese Ansicht noch viele Schwierigkeiten hat. Sie teilt vorläufig die Gefahr aller Erklärungen, die vom Geologischen ins Astronomische greifen. Immerhin ist sie zurzeit die beliebteste.

Aber auch wenn sie ganz genau richtig wäre, so würde uns das noch gar nichts sagen über das Gesetz, das nun im Engeren dieses Nachgeben und Sichrunzeln der Erdkruste geologisch beherrscht hat. Wir wissen nicht, in was für Absätzen, Zeitfolgen, in was für einem Rhythmus sozusagen diese Rindenschrumpfung sich vollziehen soll. Auch das ist das Mißliche gerade astronomischer Deutungen, daß sie für geologische Dinge durchweg zu allgemein, zu umfassend sind, um im einzelnen etwas zu besagen. Der Astronom hat das Glück äußerst sicherer Berechnungen, eben weil er die Dinge meist so im großen sieht; ihm sind ganze Weltkörper vielfältig nur leuchtende Punkte. Der Geolog haftet trotz seiner langen Zeiträume, die den Laien schon erschrecken, mit seinen Wünschen an sehr viel kleineren Erscheinungsreihen. Und so bleibt es trotz so mancher Versuche, die in alter und neuer Zeit gemacht worden sind, einstweilen aussichtslos, den Wechsel von Wasser und Land in der Urwelt gleichsam aus einer allgemein errechneten Formel ableiten zu wollen.

Wir sind auf die schwerere Aufgabe angewiesen, nach dem mehr oder minder zerstückelten Material, das uns die geologische Vergangenheit hinterlassen hat, die alten Karten einzeln wieder Stück für Stück zusammenzusetzen. In vielen Fällen erscheint das ja einfach. Wenn heute in Schwaben unverkennbarer alter schwarzer Faulschlamm einer Meeresbucht mit den hübsch eingesargten Mumien der an das Leben lediglich im Ozean angepaßten Ichthyosaurier aus der älteren Jurazeit liegt, so ist für diese Ecke die Karte von damals natürlich fertig: wir setzen blaue Meerfarbe auf das betreffende heutige Land. Und so kann man noch vieles deutlich verfolgen. Uralte Gebirge, die der Zahn der Zeit, das heißt die unerbittliche Arbeit des Wassertropfens oben längst wieder heruntergebaut hat, deuten sich noch in den Faltenresten der Tiefe an. Die Sandbarren ihres Meeresdeltas, zu Sandsteinblöcken erstarrt, lehren urweltliche Riesenflüsse kennen. Salzlager verraten die verdampften Salzpfannen von Binnenmeeren. Im roten Stein ringsum erkennt der Geolog noch den alten Wüstenboden. Aber lange nicht alles ist so reinlich geblieben. In nur zu vielen Fällen hat die Regenarbeit die alten Meeresböden, nachdem sie Land geworden waren, seither völlig wieder fortgefressen, und sie hat damit für unsere geologischen Kartenbilder genau die Rolle gespielt wie die Mäuse oder Termiten in wirklichen geographischen Archiven, wo nachher bald dieses, bald jenes Blatt im Atlas fehlte. Anderes haben die Faltungen und Senkungen selbst unkenntlich gemacht. Schließlich sind wir Menschen heute auch noch nicht einmal ganz im Besitz unserer gegenwärtigen Erdkarte, geschweige denn, daß wir überall wüßten, was für Restblätter darunter liegen; die geologische Erforschung der großen Meeresbecken hat eben erst knapp an der Oberfläche begonnen. So bleibt in jeder geologischen Karte, zumal wenn sie ganze Erdteile wiederherstellen will, viel Fragliches, vieles, das bessere Einsicht bald wieder ebenso fortradieren muß, wie die Arbeit des Regentropfens Teile des Originals wegradiert hat.

Aber andrerseits gibt das Wenige, das heute schon ungefähr der Kritik standhält, eine solche Fülle bereits des Lehrreichen und Überraschenden, daß sich jeder Rundgang reichlich lohnt.1 Die großen Erregungen, die in den Tagen der Kolumbus, Tasman und Cook unsern Vorvätern noch zu teil wurden: daß ganz neue Erdteile noch in der Phantasie oder Wirklichkeit auftauchten, sind für unsern späten Abend der eigentlich heroischen Geographie heute zu Ende. In dieser geologischen Ferne sind dagegen wirklich noch unbekannte Erdteile zu finden oder bereits gefunden; was seit Amerigo Vespuccis Zeiten nicht mehr möglich gewesen ist, sollte dort wieder schlichten geologischen Fachleuten beschieden sein: einen neuen Namen zu ersinnen für einen bisher völlig unbekannten und unbenannten Erdteil. Das Märchen, das noch romantischer als das von der Sintflut durch die Völker geht: von ganzen Ländern, die irgendwann einmal im Ozean wieder verschollen wären, von einer »Atlantis«, über deren Grab wir heute mit dem Schiff segelten, viele Tage lang, hat greifbare wissenschaftliche Gestalt dort gewonnen, – anders, aber noch wunderbarer, als die Phantasie zu träumen wagte.

Wenn wir einen denkenden Blick auf unsere heutigen Erdteile und Meere werfen, überzeugt jetzt im allgemeinen, daß auch dieses Umrißbild unseres Schulatlas nicht die Ewigkeit bedeutet, sondern geworden ist, wie alles andere auf dieser Erde, wie Tier und Pflanze, wie wir selbst, und daß ihm eine ganze Kette andersartiger »Erden« im geographischen Sinne voraufgegangen ist, so können uns gewisse Züge kaum entgehen, die hier wie ein Fingerzeig aussehen, auch ehe man noch beginnt, alten Meeresböden, alten Gebirgen, alten Festländern wirklich im Gestein nachzuspüren.

Durch den Zufall der Entdeckungsgeschichte haben wir uns daran gewöhnt, bei den Erdteilen von einer Alten und Neuen Welt zu reden, also zwei großen getrennten Landmassen auf der Ost- und der Westhalbkugel; und beim Meer denken wir am meisten an das atlantische, das diese beiden Gegenstücke für uns Kulturmenschen so lange und so weit voneinander gehalten hat. Ein Betrachter vom Weltraum aus würde aber anders urteilen, und wir können uns leicht seinen Standpunkt verschaffen, wenn wir einen in der richtigen Achsenschiefe eingestellten Globus drehen. Es gibt da eine Lage, bei der fast die ganze Frontwölbung einheitlich erfüllt ist vom Wasserblau des Stillen oder Pazifischen Ozeans. Eine wirkliche »Wasserseite« hat hier der Erdball. Schaut man dann über den Nordpol hinaus, so erscheinen die Landmassen drüben für ihr Teil ebenfalls als eine Einheit; sie ergeben eine »Landseite« der Kugel; der Atlantische Ozean gewinnt dort nur das Wesen eines sehr großen Kanals, der zweimal, nördlich über Schottland, Island, Grönland, südlich bei Afrika-Brasilien, eine starke Neigung zeigt, sich zu schließen. Den stärksten Block dieser »Landseite« bilden im Norden Asien (mit Europa) und Nordamerika (mit Grönland). Mit geringer Phantasie ließen sie sich über den Pol hinweg als wirklicher nordischer Riesenerdteil zusammenschließen. Die heutige trennende Überflutung, die unter den Eisfeldern des Pols durchgeht, erschiene dann nur als ein nebensächliches, mehrfach durch Inseln oder Meeresbodenwölbung stark verstopftes, vielleicht vergängliches Kanalstück, das sich hier als Verlängerung des atlantischen Kanals durch die einheitliche nordische Landmasse ziemlich mühsam bis zum Stillen Ozean durchgebohrt hat. Es scheinen noch mehrere Anläufe zu solchen Kanälen dort zu bestehen, die aber noch weniger erreicht haben; so zwischen Grönland und Nordamerika einer in der Verlängerung der Davis-Straße; bei uns in Europa der stumpf auslaufende Vorstoß Nordsee, Ostsee, Bottnischer und Finnischer Meerbusen; aus der heutigen Landbeschaffenheit ließe sich leicht aber auch noch einer dazu denken, der Asien und Europa am Ural hin, etwa zwischen dem Kaspischen Meer und der Obmündung, teilte und vielleicht südwestlich Anschluß an das Mittelmeer erhielte.

Jedenfalls liegt die heute auf der Karte noch unruhigste, wie frisch erst zerstückelt aussehende, überall klippenhafte Stelle dieser Einbrüche zwischen den Nordteilen Europas und Grönland. Die bekannte, überaus unruhige Gestaltung des Kartenbildes von Europa wird hier von der einen Seite mitbedingt. Sie ist ja bemerkt worden, so lange die Kultur sich jetzt auf dieser (eigentlich ist sie es heute doch nur) Halbinsel Asiens immer enger vereinigt hat. Nicht müde sind denkende Geschichtsforscher und Geographen geworden, aus ihr die weittragendsten Folgerungen für die Entwicklung dieser Kultur zu ziehen. In der Tat gibt es kein zweites so großes Landgebiet der Erde, das geographisch einen so durchgearbeiteten Charakterkopf hätte, wie Europa, und daß gerade er für die weitere Charakterbildung auch des Kulturantlitzes der Menschheit von der größten Bedeutung sein mußte, ist klar. Aber wieder diesen geographischen Charakter wird man sich nur erklären können durch eine ungemein reiche geographisch-geologische Vergangenheit. Seit den ältesten Zeiten bis in die jüngsten Tage meint man hier eine Stätte nicht abreißender Erlebnisse, Wandlungen, Kämpfe des Erdbildes zu sehen, deren Geschichte die eigenartigsten Überraschungen zu versprechen scheint. Das gilt aber wie von Europas Nordseite, so eher verstärkt noch auch von seiner Südseite am Mittelmeer. Hier aber gibt sich Gelegenheit, auf etwas Neues in der gesamten Kontinentbildung der Landseite unseres Planeten von heute aufmerksam zu werden.

Nimmt man Nordamerika, Grönland, Asien und Europa als eine geschlossene nordische Landmasse an, so stellen sich dieser Masse unverkennbar die übrigen Erdteile alle als südlich gelagert gegenüber: Südamerika, Afrika, Australien und die einsame hohe Klippe des Südpolarlandes. Statt der hergebrachten Einteilung in einen Ostteil und Westteil des Festlandes der Erde erhalten wir einen ausgesprochenen Nordteil und einen ausgesprochenen Südteil. Dieser Südteil läßt sich aber heute nicht entfernt so zu einem Einheitsblock vereinigen, wie die Nordmasse. Eigentlich sind es vier heute gut in sich geschlossene Einzelblöcke, die sich wie riesige Inseln südwärts unter den Nordblock lagern. Nähert sich immerhin noch einigermaßen die äußerste Ecke des westlichen Nordafrika der östlichsten von Brasilien, grüßt Feuerland merkbar zu der südpolaren Klippe hinüber, so trennen doch ganz unabsehbare Meeresweiten heute etwa das Kap Horn vom Kapland, das Kapland von der australischen Westküste, Afrika von der Antarktis. Man hat das Gefühl, daß hier statt unruhiger, noch spät möglicherweise fortdauernder Einzelversuche von Kanalsprengungen wie in der Nordmasse zu irgendeiner älteren Zeit eine wirkliche endgültige Zerstücklung mit Sinken ungeheurer Zwischengebiete stattgefunden haben müßte, falls man auch für diese Südhälfte der Gesamt-Landseite eine ursprüngliche geschlossene Blockeinheit annehmen will, die dem Nordkontinent einen ebenso großen Südkontinent im ganzen gegenüber gesetzt hätte. Und das unverkennbar größte Loch würde man dabei im Indischen Ozean annehmen müssen. Nordamerika liegt immerhin heute noch Südamerika, Europa Afrika, Ostasien Australien gegenüber; von Vorderindien geht es dagegen in die offene blaue Wasserwüste hinein, bis tief unter die abschneidende Wölbung der Kugel. Obwohl der mathematische Südpol selbst gegenwärtig auf einer einsamen Ecke Landes liegt, muß man im ganzen doch sagen, daß auf unserer heutigen Karte das Wasser eine gewisse Neigung zeigt, zu der eigentlichen, durch irgendein Gesetz ihm preisgegebenen Wasserseite unseres Planeten (wie sie der Stille Ozean darstellt) auch noch den Südteil der Landseite von den höheren Breiten an äquatorwärts aufdringlich stärker zu überschwemmen. Wobei aber doch auch wahr bleibt, daß vier große Blöcke darin liegen, die wirklich in mehrerem Betracht ganz wie vier stehengebliebene Pfeiler einer Gesamtmasse aussehen, die auch hier im Süden einmal der »Sintflut« trotzte, heute aber aus irgendeinem Grund in diese Trümmer zerfallen ist. Noch wieder ein Interessantes betrifft aber dann die Angliederung dieser Südstücke an die große Nordmasse.

Der Ausdruck »Insel« für die Südkontinente im Verhältnis zum Nordklotz ist ja nur bedingt richtig. Nordamerika hat eine ganz dünne Verbindung mit Südamerika, und Afrika hing wenigstens noch in geschichtlicher Zeit bei Suez mit Asien zusammen. Aber diese winzigen Landbrücken von heute können nicht darüber täuschen, daß auf weite Strecken hin ein »Mittelmeer« bestrebt ist, in ungefähr paralleler Richtung zum Äquator den Nordkontinent von den Südkontinenten durch ein mehr oder minder deutliches westöstliches Wasserband zu scheiden. Unmittelbar geläufig ist uns das gewohnheitsmäßig als Mittelmeer bezeichnete Stück dieses Trennungsmeeres, das Europa von Afrika sondert. Es ist hier schmal, kanalhaft, streckenweise fast verstopft heute; sein europäisches Ufer ist über alle Maßen reich gegliedert, und wir alle wissen hier wieder, wie diese Gliederung in Spanien, Italien, Griechenland eine Macht ersten Ranges für die Kulturgeschichte geworden ist. Mehr naturgeschichtlich werden wir aber auch hier den Schauplatz langer und noch nahe zu uns heranreichender Bewegungen und Umwälzungen vermuten. Ein ganz ähnliches Mittelmeer mit großen Inseln und reicher Ufergliederung finden wir dann zwischen Nordamerika und Südamerika. Die erwartete künstliche Durchstechung der Landenge von Panama würde ihm eine freie Einlaufstelle zum Stillen Ozean geben, wie sie unser altweltliches Mittelmeer bei Gibraltar zum atlantischen hat. Zwischen dieses mittelamerikanische und unser europäisch-afrikanisches Mittelmeer schiebt sich das Mittelstück dieses Atlantischen Ozeans. Dächten wir uns wirklich die Nordmasse einmal ganz vereint, also etwa von Nordeuropa über Island nach Grönland und Nordamerika eine geschlossene Küste bildend; und dächten wir uns auch einmal in den Südgebieten wirklich noch Afrika und Südamerika mit ihren zustrebenden Ecken verwachsen: so wäre der so allein übrigbleibende Mittelteil des Atlantischen Ozeans auch nur ein echtes Stück »Mittelmeer« zwischen Nord und Süd, in dem das vom Stillen Ozean kommende amerikanische Mittelmeer mit breitem weiterschreitendem Wasserring sich einfach bis zu dem europäisch-afrikanischen Mittelmeer fortsetzte. Die Wasserbahn zwischen Nord und Süd ginge tatsächlich von Panama bis etwa nach Palästina einheitlich durch. Von dort könnte man sie weiter abbiegen lassen durch den großen Einsturzgraben des Roten Meeres bis an die asiatische Seite des Indischen Ozeans, wo heute allerdings, wie gesagt, das große Loch ist und die Fortsetzung des Südlandes überhaupt fehlt, wenn man nicht die unendlich entfernte Südpolklippe noch für den entlegensten Rest nehmen will. Jedenfalls käme man aber auch hier mit Wasser weiter, schnitte noch einmal zwischen Ostasien und Australien eine Art mit Landvorsprüngen und Inseln fast verstopften malaiischen Mittelmeers, um endlich wie auf der amerikanischen Seite im Stillen Ozean, also auf der großen Wasserseite überhaupt, zu münden. Von Wasserseite zu Wasserseite durchbrechend, schnitte das »große Mittelmeer« als Gesamtbegriff die ganze Landseite des Planeten quer auf Nord und Süd auseinander. Immerhin muß auf dem letzten, dem asiatischen Stück die starke Richtungsbiegung beim Roten Meer auffallen. Der klaren Richtungsfolge entsprechend, möchte man mit dem Wasserring dort viel lieber unmittelbar durch Asien hindurchgehen, quer durch Zentralasien bis, sagen wir einmal, Südchina oder Hinterindien. Ein hier durchbrechendes zentralasiatisches Mittelmeer als östliches Ringstück des Ganzen hätte jedenfalls noch eine interessante Folge. Es schlüge ein Stück von Südasien, vor allem das riesige Dreieck Vorderindien, zu den Südländern hinüber, machte es zu einem heute vereinzelten Pfeiler dort gleich Afrika und Südamerika, einem letzten Pfeiler, der doch noch wenigstens an der Grenze des großen rätselhaften Lochs im Indischen Ozean ragte. Keiner kann die Karte von heute ansehen, ohne zu fühlen, daß Vorderindien trotz seiner kleineren Maße eine geradezu auffällige äußere Ähnlichkeit mit Südafrika und Südamerika besitzt; wenn etwa in der Gegend des Himalaja statt eines schneebedeckten Hochgebirges heute noch ein Meeresarm blaute, so würde keiner zweifeln, daß hier in Indien ein kleiner fünfter Südblock, eine Art von Süd-Asien im viel schärferen, Süd-Amerika drüben entsprechenden Sinne erhalten sei. Die Erwähnung des Himalaja gibt aber selber einen neuen Fingerzeig.

Dieser Himalaja im Bunde mit den andern riesigen Gebirgsfalten Zentralasiens verstopft heute einer so gedachten östlichen Verlängerung des großen trennenden Mittelmeers den unmittelbaren Weg, eben weil er vorhanden ist. Das muß uns auch sonst auf die störende Rolle gewisser großer Gebirgszüge unserer heutigen Weltkarte bei diesem Mittelmeer aufmerksam machen. In dem vorhandenen Mittelmeer zwischen Europa und Afrika kann uns nicht entgehen, daß eine Hauptschuld an den zahlreichen Hemmungen, Verstopfungen und Verengungen, die dieses Stück Wasserring zwar nicht ganz unterkriegen, aber doch allenthalben sozusagen quetschen, auch einige der bekanntesten Faltengebirge von heute tragen: die Apenninen schneiden es nahezu mitten durch, die Pyrenäen, Alpen, Karpathen hemmen seine Breitenentfaltung nach Europa hinein, und so weiter. In Mittelamerika bauen die Kordilleren, von Nordamerika kommend und nach Südamerika weiterlaufend, mit an der Mauer, die dem freien Anschluß des großen Mittelmeers zum Stillen Ozean an dieser Stelle den Weg verlegt. Alle die hier genannten Gebirge gehören aber ein und derselben Faltungszeit der Erdrinde an, und zwar (es wurde beim Himalaja oben schon erwähnt) einer verhältnismäßig noch jungen. Sie sind erst entstanden im Verlaufe hauptsächlich des mittleren Abschnitts der Tertiärperiode, also zu einer Zeit, da der Mensch schon entweder im Entstehen begriffen oder sogar bereits vorhanden war. Wir haben keine Überlieferung davon, aber vielleicht könnten sich Menschenaugen alle diese Gebirge noch fortdenken. Damals dann muß auch jedes jener Hemmnisse fortgefallen sein, und wir würden uns denken dürfen, daß der Ring unseres trennenden Riesenmittelmeers zwischen dem Nord- und Südlande tatsächlich noch ganz anders glatt durchgegangen wäre.

Es würde mir nicht einfallen, den Leser so lange auf unserm doch allbekannten Kartenbilde von heute spazieren zu führen, wenn nicht der vielleicht verblüffende Sachverhalt einfach der wäre, daß mit dieser Betrachtung schon ein ganzer Hauptteil der wesentlichsten Veränderungen gestreift ist, die uns der Geolog für seine Weltalter gegenwärtig an dieser Karte aufzuzählen weiß. Die eigentümliche Lage des Stillen Ozeans gegenüber den andern Meeren und dem Gesamtblock der Landgebiete; die allmähliche Entstehung des Atlantischen Ozeans; der ungeheure Nordblock; seine Durchkreuzung durch polar gerichtete Meereskanäle; die Zertrümmerung der atlantischen Landverbindung zwischen Nordeuropa und Grönland; Europa als ein Brennpunkt immer erneuter geologischer Unruhe; die Möglichkeit eines Südblocks und seiner Zersplitterung; das Geheimnis des Indischen Ozeans; Entstehung und wechselnde Schicksale des großen Mittelmeers; die wahre Rolle Indiens; die Wandlungen des Kartenbildes durch neu aufsteigende Gebirgsfalten: jeder einzelne dieser Punkte bildet ein entscheidendes Kapitel in unserer heutigen Kenntnis vom Wechsel von Wasser und Land in der geologischen Vergangenheit, so weit es sich um halbwegs beweisbare Vermutungen handelt.

So gern der Geschichtsschreiber der Erdkarte möchte: er kann niemals mit dem wirklichen Anfang beginnen. Wenn eine Anschauung, die wieder mehr astronomisch als geologisch ist, die Erde in ihren äußersten Urtagen auch an der Oberfläche glühend flüssig sein läßt, so hat das mit einer Karte noch nichts zu tun. Die älteste Erstarrungskruste dieses Glutballs – darüber sind sich heute die meisten Geologen und Mineralogen so ziemlich einig – kennen wir ebenfalls heute nicht mehr; wir haben keinen Fleck, der in diesem Sinne nachweisbar noch jetzt echtes »Urland« wäre. Eine gangbare Vermutung, die natürlich von jenem Bilde der glühenden Urerde abhängig ist, läßt auf dieser zunächst noch warmen Rinde das Wasser, das bis dahin als Dampf in der Atmosphäre schwebte, sich zum ersten Mal überall niederschlagen in Gestalt eines ältesten allumflutenden Erdmeeres. Auch über dieses Bild läßt sich mit Tatsachen noch nichts aussagen. Es muß dahingestellt bleiben, ob wenigstens dieses wahre »Urmeer« wirklich zunächst noch sintfluthaft die ganze Kugel umwogt haben könnte oder ob es auch damals sich sogleich schon Unebenheiten, Schollen, Falten, vulkanischen Aufgüssen der neuen Rinde anbequemen, steile Rindenteile frei lassen und sich in Senkungen sammeln mußte; das letztere ist natürlich das wahrscheinlichere. Was man aber gelegentlich sonst schon von diesem Urmeer oder diesen Urmeeren zu wissen glaubte, hat sich durchweg als viel zu frühe Vermutung herausgestellt. Ihre noch heißen, chemisch weit wirksameren Wasser sollten die sogenannten kristallinischen Schiefer als eine Art ersten Heißschlammes abgesetzt haben. Es handelt sich hier um mächtige Gesteinsschichten der heutigen Erdrinde, die einerseits wie Wasserabsätze, Meeresschlamm der Vorwelt, aussehen, andrerseits aber im Gegensatz zu sonstigen geologischen Meeresniederschlägen auch irgendeinen Wärmeeinfluß, der sie innerlich anders gestaltete, verraten. Frühere Ansicht nahm sie sämtlich für uralt, älter als alle sonstigen Schichten jener Art. Da sollte sie dann das heiße Erstmeer unter ganz absonderlichen Verhältnissen, die nie mehr so wiedergekehrt wären, gebildet haben. Die neuere Geologie glaubt zunächst nicht mehr an das wirkliche Uralter aller dieser kristallinischen Schiefer; auch viel jüngere Bodenabsätze des Meeres können in solche nachträglich verwandelt worden sein, wenn sie durch Senkungen und Faltungen der Erdrinde nachmals noch wieder in das Bereich stärker erwärmter Erdentiefen gerieten. Je tiefer andrerseits aber eine Schicht ihrem Alter nach wirklich lag, desto sicherer mußte sie dieser nachträglichen Umformung im Erdenschoße verfallen. Was also an Schiefern wirklich bis ins Uralter reicht, das muß vermutlich heute samt und sonders kristallinisch verändert sein. Zu ihrer Zeit und in ihrem Urmeer selbst aber können auch solche Urschiefer genau so entstanden und ursprünglich beschaffen gewesen sein, wie alle späteren nicht kristallinischen. Dann verraten sie uns aber auch nichts über ein heißes Urmeer, mögen sie so alt sein wie sie wollen.

Wie immer es sich aber mit dieser, man darf wohl noch sagen, »mythischen« Periode der Geologie verhalte: unfaßbar lange Zeiträume müssen nach ihr bereits verflossen gewesen sein bis zu dem Punkte, wo unsere wirkliche geologische Überlieferung beginnt. Bekanntlich bezeichnet man die uns bekannten und aus allerlei Gründen mehr oder minder gut voneinander unterscheidbaren großen Abschnitte der Erdentwicklung mit hergebracht festen Namen, die bald an einfache Zahlzeichen (z. B. Tertiärperiode für das dritte Hauptweltalter), bald an eine ihrer bekanntesten Hinterlassenschaften anknüpfen, z. B. die Steinkohlenperiode oder die Kreideperiode, bald endlich einen Ort nennen, wo solche Erbteile von damals in Gestalt von Gesteinsschichten sich besonders auffällig gemacht haben, z. B. die Devonperiode nach der englischen Landschaft Devonshire (abgekürzt Devon). Die größte Errungenschaft der neueren Geologie ist aber dabei, daß man die zeitliche Reihenfolge dieser Einzelabschnitte von oben nach unten kennt, also weiß, daß etwa die Steinkohlenperiode weit älter liegt, als die Kreideperiode, und die Devonperiode noch wieder älter als diese Periode der Steinkohlenbildung. Längere Zeit hindurch war nun überhaupt die älteste dieser Epochen, aus der man nicht bloß mehr oder minder kristallinisch veränderte und unklar gemachte Gesteinsschichten, sondern wohl deutbare Ablagerungen mit noch eingebetteten Tierresten hatte, die sogenannte kambrische Periode, die ebenfalls nach einem südenglischen Berggebiet (Kambria ist ein alter Name für Wales) ihre Bezeichnung bekommen hatte. Und erst eine neuere Errungenschaft ist es wieder, daß man doch auch dahinter noch ein Stück weiter vorgedrungen ist, – bis in eine Erdperiode hinein, die man nach dem Heimatgebiet der heute untergehenden nordamerikanischen Algonkin-Indianer (wo von ihr gebildetes Gestein unter anderm gefunden wird) die algonkische oder kurz das Algonkium nennt; diese zweite Bezeichnung entspricht dem Brauch der auch sonst abkürzend von »dem Kambrium« oder »der Kreide« oder »dem Tertiär« geologisch reden läßt.

Mit diesem Algonkium geht für uns recht eigentlich der Vorhang der Erdgeschichte im engeren auf. Nicht allzu viel ist es, was wir von ihrem ersten Akt dabei noch zu sehen bekommen, aber bezeichnend genug ist es schon. Mit aller Sicherheit erkennen wir, daß wir auch hier nicht bei einem wirklichen Anfang der Dinge selbst, sondern bloß bei einem Anfang unseres Wissens stehen. Denn nicht erst im rohen Werden, sondern aufgeschlagen, längst offenbar aufgeschlagen bereits ist die ganze Bühne, auf der fortan die Erdentwicklung weiter spielen sollte. Man vermag dieser algonkischen Periode auf Grund ihrer bisher bekannten einwandfreien Hinterlassenschaften nicht mehr so auf der Erde nachzugehen, daß man eine Karte ihrer Länder und Meere entwerfen könnte. Aber das Wenige, das wir von ihr noch haben, beweist, daß sämtliche Voraussetzungen zu einer solchen Karte im heutigen Sinne schon in ihr klar gegeben waren. Nicht so, daß ihre Länder, Meere und Gebirge genau am gleichen Fleck hätten liegen müssen, wo diese geographischen Einzelheiten heute liegen; aber so, daß Land, Meer, Gebirge schon überhaupt vorhanden waren. Aus ganz einfachen Stichproben läßt sich das mit sieghafter Überzeugungskraft nachweisen.

Da gähnt in Nordamerika, in der Landschaft Arizona, das Naturwunder des sogenannten großen Cañon des Koloradoflusses. Alle Vergnügungsreisenden dort besuchen und bestaunen es heute schon. An einer weiten Hochebene hat sich eine Reihe von Jahrhunderttausenden lang wieder einmal die Macht des rinnenden Wassers erprobt. Das Stromnetz hat unablässig wühlend und nagend die Gesteinsschichten zerstückelt, eine nach der andern wie Butterbrotscheiben abwärts wieder erschließend, wie sie sich in der geologischen Reihenfolge der Perioden einst übereinander gestapelt hatten. Zuletzt hat es sich dann noch wie mit dem Messer in den Grund eingeschnitten, schauerliche Spalten von fabelhafter Tiefe bildend, die eher an die Rillen des Mondes erinnern, als an irdische Täler. Cañons, Röhren, nennt sie der Spanier. Jener größte ist 60 Meilen lang und bis 2000 Meter tief. Nackt starren die Schichten aus seiner Wand, in wunderbar grellen Farben gleißend, hinunter und hinunter steigend, als solle es mit dem Wort der Bibel wirklich bis in der Erde Nieren gehen. Schier unglaublich wirkt es schon, was an solchem einzelnen Fleck sich im endlosen Verlauf der Urwelt überhaupt alles ablagern konnte. Die Hochebene im ganzen beginnt fern oben mit Gesteinen aus der Tertiärzeit. Dann aber geht es rückwärts buchstäblich durch alle Weltalter. Die eigentliche enge Cañonspalte muß sich noch durch eine Bergesbreite Kalk und Sandstein der alten Steinkohlenperiode sägen. Bis sie noch immer tiefer und tiefer stürzend in ihrem grauenhaften Schlunde endlich auch den uralten Boden des Kambriums schneidet. Selbst dort aber ist diesmal kein Ende. Aufspalten muß sich die noch entlegenere Urerde des Algonkiums. Auf einen einzelnen hellen Augenblick sehen wir in ihre Landschaft. Aber wieviel sieht der Geolog da sogleich.

Illustration from Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Abb. 7. Versteinerter Sand mit Erhöhungen und Furchen (sogenannten »Rippelmarken«), die durch Wellenschlag oder unmittelbar durch den Wind in urweltlichen Tagen erzeugt wurden.

(Aus dem Buntsandstein der Permperiode.)

Zu Stein verbackener Sand mit sogenannten Rippelmarken, rippenförmigen Erhöhungen und Furchen, wie sie durch Wellenschlag und Wind an flacher Küste noch heute entstehen, deutet auf Uferdünen. Also Grenze, wo Wasser und Land sich schon damals begegneten. Kalk hat sich abgesetzt, wohl aus seichten Seen; also auch so etwas war schon da. Zu andern Malen hat das wirkliche Meer den Fleck überflutet, Krebse und beschalte Wurmtiere heranführend. Gelegentlich im Laufe der Zeiten ist ein mächtiger Lavastrom des Weges geflossen. Also auch schon Vulkanismus. Und wie sollte er nicht? Die ganze Schichtenlage, nachdem sie eine geraume Weile sich so gebildet hatte, ist eines Tages damals schon ergriffen worden auch vom Schaukeln der Steinflut. Spalten sind hindurchgebrochen, von denen wir wissen, daß sie dem Aufquellen glühender Massen heute noch so günstig sind. An diesen Spalten haben die ganzen Schichten sich zerstückelt, verschoben, schief gelagert, steile Blockmassen als Berge und tiefe Senken als Täler bildend. Auch dieses zeitweise Landschaftsrelief aber ist durch den Kreislauf der Gewässer abermals abgenagt, geglättet, in ebenen Plan verwandelt worden, ehe noch die folgende kambrische Periode begann. Denn diese konnte ihre eigenen Schichten wieder ganz wagerecht auf solchem Plan lagern. Noch mehr aber verrät uns das Wunder des Cañon. Ehe das alles sich bildete im Algonkium, diese Ufersande, Kalke, Lavadecken, hatte an dieser gleichen wandlungsreichen Stelle bereits ein gewaltiges Gebirge gestanden. Kristallinische Schiefer, durchsetzt mit empordrängendem Granit, waren durch Faltung der damaligen Erdrinde (damals schon!) hoch emporgestaut worden, wie so viel Jahrmillionen später unsere noch stehenden Alpen oder Kordilleren. Noch zeigt die tragende Masse unter jenen andern Schichten innerlich ganz deutlich die Wellenlinien dieser Faltung. Aber wiederum: noch ehe jene algonkischen Schichten, die heute darauf lagern, sich absetzen konnten, hatte auch an diesem Gebirge die zerstörende Verwitterung durch den schürfenden, sprengenden und schmelzenden Wassertropfen gearbeitet. Und heruntergearbeitet endlich (in was für Zeiträumen sicherlich!) hatte sie noch vorher das ganze, ganze Gebirgsrelief schon so vollkommen, daß auch dieses Gebirge zuletzt wieder einen oben vollständig glatten Plan gebildet hatte, der nur noch in der Tiefe die letzten abgeschnittenen Faltungszacken wahrte. Über die flache Platte dieses Blocks aber war dann die Uferwelle dahergekommen, die jene Rippelmarken in den Sand schrieb, – in den Sand, in dem wohl hier und da noch letzte Körnchen von diesem abgewaschenen Gebirgsrelief selber lagen. Kein Zweifel: alles, was bis heute eine »Karte« auf der Erdkugel gebaut hat, ist schon damals beim Werk gewesen. Und auch das bestand bereits, was in aller Folge so abhängig gewesen ist von dieser Erdkarte mit seinen tausend Anpassungen und Entwicklungen, zugleich aber dieser Karte erst noch wieder den eigentlichen Inhalt für uns gegeben hat: das organische Leben.

Illustration from Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Abb. 8. Durchschnitt durch eine Wand des großen Cañon des Koloradoflusses in Arizona. gn uralte gefaltete Gebirgsmasse aus Gneiß, durchsetzt mit vulkanischen Durchbrüchen, oben durch Verwitterung wieder bis auf die Wurzel platt abradiert. al aufgelagerte Schichten von Schiefern und Sandsteinen der algonkischen Periode, durch erneute Bewegungen des Bodens samt der Unterlage zerbrochen und verschoben. cam abermals platt aufgelagerte Schichten, die in der kambrischen Periode sich bildeten und bis heute horizontal liegen geblieben sind. dev ebenso aufgelagerte devonische Ablagerungen, nur schwach noch vorhanden. carb Kalk- und Sandsteine, die in der Steinkohlenperiode in außerordentlicher Masse noch darauf getürmt wurden.

(Nach Frech.)

Fast einförmig will die Erdgeschichte erscheinen, wenn man sie gleich so »modern« einsetzen sieht. Es war aber in Wahrheit noch für Überraschungen genug gesorgt, und auch das geographische Bild liefert deren noch sehr sinnfällige. Auf die algonkische folgte die kambrische Periode. War es dort möglich, an einer Stichprobe festzustellen, daß schon alle nötigen Voraussetzungen zu einer Karte gegeben waren, so besitzen wir für sie jetzt eine Anzahl erster Stichproben des Kartenbildes selbst. An den verschiedenen Punkten der Erde erscheinen Ablagerungen noch der kambrischen Meere. Eine nicht allzu reiche, aber doch kennzeichnende Tierwelt zeigt sich in versteinerten Resten darin und erleichtert die Bestimmung der Zugehörigkeit. Wo diese Schichten abreißen, wo sie fehlen, da vermutet man Küste, vermutet man Land von damals, vorausgesetzt natürlich, daß nicht spätere Zerstörung die Meereszeugnisse dort irreführend wieder beseitigt hat; eine Voraussetzung, die allerdings, wie gesagt, leider nicht immer gilt. Auf jeden Fall verraten aber die mächtigen Schuttmassen selber, die die kambrischen Meere schon häufen konnten, mit Sicherheit das Dasein großer Festlandmassen überhaupt. Gelegentlich kann man auch aus der zwar allgemein zeitgenössisch verwandten, aber doch in Einzelzügen schon örtlich etwas verschiedenen, gleichsam in abgesonderten »Provinzen« entwickelten Meerestierwelt deutlich erkennen, daß solche Landgebiete sich wie heute trennend zwischen zwei Meere schoben. So wie man aber nun Einzelheiten der Karte daraus zu erfassen sucht, treten rechte Seltsamkeiten hervor. Viel Land scheint da zu sein, auffällig weite zusammenhängende Festlandstrecken, zwischen denen auch noch das Meer, wo es eingreift, sich zumeist ganz unzweideutig als seicht darstellt. Auf keinen Fall scheint weniger Land vorhanden als heute. Und das ist gleich schon interessant für ein Anfangsbild, ja es ist wertvoll, wie ich hinzufügen möchte, auch für ein Schlußbild. Wie endlos weit wir jedenfalls schon von einem vermutungsweisen »allumflutenden Meer« der Anfangstage entfernt sind (falls ein solches Meer je vorhanden war), zeigt es. Aber es beweist auch etwas für gewisse Ideen über die Zukunft der Erde, die man öfter heute hören kann. Die Erde werde allmählich, wie der Mond, austrocknen, sagt man uns, und damit werde natürlich alles Leben, auch das menschliche, zuletzt jämmerlich zugrunde gehen. Wenn das richtig wäre, so müßte sich das Festland im Verlauf der geologischen Epochen seit der uns bekannten ältesten jedenfalls schon merkbar vergrößert, das Wasser dagegen im Kartenbilde abgenommen haben. Wir würden also auf der Karte des Kambriums größere und tiefere Ozeane mit nur erst ein wenig inselhaftem Land darin erwarten müssen. Das Gegenteil ist der Fall, und wir werden sogar gleich ein paar Karten früher Erdzeiten sehen, auf denen ganz entschieden mehr Land lag, als heute besteht. Es scheint somit, daß das Wasserschlucken und Wasserspeien der Erdkugel sich wirklich im Sinne des früher schon Gesagten auch geologisch stets mindestens die Wage gehalten hat, und so brauchen wir in dem Punkt jedenfalls nicht pessimistisch in die Zukunft zu sehen.

Illustration from Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten

Abb. 9. Festländer und Meere in der unteren kambrischen Periode (größtenteils nach Frech und Arldt).

Was aber nun die Verteilung der kambrischen Festländer und Meere anbetrifft, so scheint es, daß auch damals schon die Erde eine ausgesprochene Landseite und eine ausgesprochene Wasserseite besaß. Und zwar bildete die Wasserseite wie heute der Stille oder Pazifische Ozean, der noch ein gut Teil größer war, als gegenwärtig, während die ganzen Erdteile äußerst dicht geschart auf dem übrigen Raum der Kugel beisammen lagen. Es sei gleich gesagt, daß dieses Grundverhältnis sich auch in allen zwischen heute und damals liegenden wechselvollen Erdperioden niemals ernstlich verschoben zu haben scheint. Obwohl uns die geologische Geschichte dieses Stillen Ozeans in vielem ja heute noch eine unbekannte Welt sein muß, eben weil sein Grundgestein auch heute tief unter den Wassern liegt, so sprechen doch die urweltlichen Meeresablagerungen, die sich in den verschiedenen Erdperioden immer wieder rings um seine ungefähren Ufer angesetzt haben, recht eindringlich für eine solche Beständigkeit. Das wirkt nun wieder verblüffend, obwohl es an sich auch noch bloß Heutiges urweltlich wiederholt. Verblüffend ist es nämlich für jene Vermutung, daß alle Regungen und Bewegungen der großen »Steinflut« in unserer Erdrinde, die seit alters Meeresbecken, Erdteile und Gebirge neu geschaffen haben, bloß ein Ergebnis des Nachsinkens, Einbrechens und Sichrunzelns dieser Erdrinde über einem sich beständig verkleinernden Erdkern seien. Aus dieser Meinung heraus ist jedenfalls sehr schwer verständlich, ja unbegreiflich, warum die Erdkugel alle Jahrmillionen der bekannten Erdperioden hindurch gleichsam auf ihrer einen Backe eine riesengroße mehr oder minder tiefe Grube oder Mulde dauernd bewahrt haben soll, während alles Stehenbleiben oder größere faltenhafte Emporquellen von Erdteilen durchaus auf die andere Backe beschränkt blieb. Fast möchte man hier eher an einen kosmischen oder sonst ganz allgemeinen Einfluß denken, dem die Erde noch in jener »mythischen Epoche« ihrer Uranfänge unterlegen wäre und der ihr Bild unabänderlich fortan bestimmt hätte, – wenn man nur wieder wüßte, was man sich darunter genauer vorzustellen hätte. Jedenfalls muß die merkwürdige Sache uns aber die Augen dafür offen halten, ob jene einseitige Schrumpfungstheorie so ganz auf dem richtigen Wege ist.

Uns graut heute schon vor der Wasserwüste, die dieser Stille Ozean etwa zwischen Kalifornien und China bildet. Wer damals dort hätte segeln dürfen – sagen wir in der Phantasie ein Wesen von fremdem Stern, das schon in kambrischen Tagen, fünfzig und mehr Millionen Jahre vor dem ersten Menschenauge, den Erdball entdeckt und besucht hätte – der wäre aber noch auf eine ganz andere Fläche gestoßen. Heute neigen sich doch weiter nördlich wenigstens Asien und Amerika in der Beringstraße eng zu einander. Der kambrische Pazifik trieb dagegen seine ungeheuren Wellen auch hier noch unvergleichlich viel weiter, er rollte sie über den engeren Fleck des heutigen China, über ganz Ostsibirien, wo jetzt die Lena zum Eismeer strömt, bis hoch hinauf in sieghafter Riesenentfaltung gegen die asiatische Nordspitze, das Kap Tscheljuskin. Am Schlamm, den er dort überall abgesetzt und den diese Länder, nachdem sie längst wirklich »Land« geworden, heute noch an ungestörten Stellen als dicke versteinte Decken tragen, erkennt man deutlich noch seine Spur. Und entsprechend überschwemmte er weite Gebiete des heutigen westlichen Amerika. Von Alaska bis San Franzisko wälzten sich auch hier seine grauen Wellen sintfluthaft. Er stand über der ganzen Breite des unteren, zugespitzten Teils von Südamerika, von Chile und Paraguay bis zum Kap Horn. Man fühlt sogleich, daß hier die Gebirgsmauer der amerikanischen Kordillere noch fehlen mußte, die heute als Felsengebirge und Anden westlich das Land verteidigt; und in der Tat ist auch diese Kordillere erst viel, viel jüngeres geologische Werk, wie die Anordnung und Faltung ihres Gesteins erweist. Wohl hätte ein Besucher von damals, der sich wie ein verlorener Schmetterling über diese endlosen Wasser hinausgejagt fand, doch auf eine Weile den Eindruck erhalten können, er schaue noch über eine Urerde, deren Kugelfläche ganz anders unter Wasser stand als später. Und der Eindruck hätte sich verstärkt, wenn er inmitten dieser westamerikanischen Überflutung nun folgerichtig damals auch keinem Isthmus von Panama begegnet wäre, sondern auch dort quer über den Ort des heutigen Mittelamerika hinweg in freier Fahrt ostwärts in das Gebiet des Atlantischen Ozeans hätte einlenken können. Dann erst, bei dem Versuch, dieses Becken zu erforschen, das zunächst auch nur wie eine offene östliche Fortsetzung der bisher durchquerten pazifischen Wasserfläche aussah, wäre er auf die wahre Sachlage auch der kambrischen Festlandverteilung gekommen. Er mußte auf die riesigen inneren Küsten der »Landseite« stoßen und das jetzt in einer Form, die einerseits ganz entschieden abwich vom heutigen geographischen Sachverhalt, andrerseits aber die wirklich nicht zu verachtende Masse auch des damaligen Landes dartat.

Südöstlich von der breit offenen mittelamerikanischen Einfahrt, einem natürlichen Panamakanal von damals fast zwanzig Breitengraden Öffnung, hätte unser kambrischer Seefahrer endlich erstes Land gesichtet in der Gegend etwa der heutigen atlantischen Küste von Kolumbien. Es war der damals allein über Wasser stehende Nordblock von Südamerika, in der Hauptmasse das heutige Brasilien umfassend. Es ist amüsant, sich hier daran zu erinnern, daß auch unsere späte europäische Entdeckungsgeschichte in der Zeit kurz nach Kolumbus einmal eine Neigung gehabt hat, statt des heutigen großen Kontinents von Südamerika dort bloß eine »brasilische Insel« zu suchen. Der Portugiese Cabral hatte damals im Atlantischen Ozean südwärts nach dem Kap der guten Hoffnung fahren wollen und entdeckte dabei zufällig, durch eine Strömung aus dem Kurs gebracht, die für sein Wissen ganz vereinzelte brasilische Küste. Eine Weile spukte daraufhin eine solche brasilische Insel in den Köpfen, bis man durch weiteren Verfolg der Uferlinien den wirklichen Umfang des neuen Kontinents für unsere Tage erfaßte. Aber es gibt nicht leicht eine menschliche Phantasie, die nicht irgendwo einmal auch im Reichtum der Natur verkörpert gewesen wäre, und so ist im Kambrium und noch lange später auch ein urweltliches Südamerika wirklich dagewesen, das wesentlich nur aus Brasilien bestand. Eigenartigerweise aber wieder war der Begriff »Insel« dabei aus einem ganz andern Grunde auch nicht richtig. Während dieses Stück Südamerika nämlich im Gegensatz zu unsern Karten damals bei Panama wirklich als Insel frei in den Ozean ragte, hätte unser kambrischer Seefahrer gerade an der Seite, wo Cabral es als vermeintliche Insel entdeckte, die befremdlichste Feststellung machen müssen. Eben da, wo Cabral durch den Südteil des Atlantischen Ozeans nach Südafrika durchfahren wollte, wäre ihm zu seiner Zeit der Weg völlig versperrt gewesen. In der Verlängerung rund etwa von Venezuela ostwärts steuernd, wäre er immer weiter und weiter an einer Küste entlang gefahren. Schon nach kurzer Zeit konnte das nicht mehr die südamerikanische sein. Südamerika hatte vielmehr damals ostwärts gegen Afrika zu keine abschließende Ecke. Fortlaufende Festland sperrte die ganze Einfahrt zum südlichen Atlantischen Ozean auf der vollen Breite von Venezuela bis Nordafrika. Afrika und Brasilien bildeten eine einheitliche afrikanisch-brasilische Masse mit riesigem Verbindungsstück, an dem westlich das wirkliche Brasilien nur wie eine Halbinsel hing. Nie hätte ein Portugiese den »Seeweg nach Ostindien« in dieser Richtung finden können! Vollzogen war in dieser uralt entlegenen Zeit, was wir oben als Möglichkeit einer phantasievoll ausgestalteten modernen Meereskarte flüchtig uns einmal vorgestellt hatten: der Atlantische Ozean in seinem Südteil war einfach verrammelt mit Festland, bestand als Ozean dort hinunter überhaupt nicht mehr.

Wenn unser kambrischer Segler nach dem vergeblichen Versuch, dieser einförmigen Südmauer zu entrinnen, sich aber nun quer über das Mittelstück des geheimnisvollen Meeres, in das er bei Panama doch so offen eingefahren war, nordwärts gewendet hätte, so hätte er eine neue eigentümliche Landerfahrung machen müssen. Nach Überquerung des mittleren Teils des heutigen Atlantischen Ozeans wäre er nördlich abermals auf eine ungeheure, ebenso endlos und einförmig sperrende Küste gestoßen. Sie kam zunächst etwa aus der Gegend von Mexiko im Bogen herauf. Offenbar also gehörte sie hier einem ebenfalls damals schon über Wasser stehenden Teil jetzt von Nordamerika an. Genau folgte sie allerdings zwischen Florida und Neufundland nicht dem gegenwärtigen Küstenrand, sondern schnitt ein gut Teil noch in das heutige Land selber ein. Man merkt, daß auch hier noch eine große Gebirgskette fehlte, die Alleghanys, die für diese atlantische Küste Nordamerika jetzt eine ähnliche Rolle als schützende Mauer spielen wie drüben die Parallelfalten der Felsengebirge für die pazifische. Dann aber, jenseits von Neufundland, verließ auch diese nordatlantische Sperrküste einfach jede Landgrenze von heute. Sie schritt vor der Südspitze von Grönland und Island her abermals östlich quer über den ganzen Atlantischen Ozean auf Schottland und Skandinavien zu! Ein zweites, ganz unfaßbar riesiges Festland mußte hier liegen, an dem diesmal der vorhandene Teil von Nordamerika als Halbinsel hing, wie Südamerika drüben an dem andern.

Dieses nordatlantische Festland ist die zweite recht eigentlich bedeutsame Tatsache in der Länderverteilung der Urwelt. Damals im alten Kambrium schon vorhanden, hat es eine gar nicht zu überbietende geographische Rolle durch alle die folgenden Erdepochen bis noch in die späte Tertiärzeit hinein gespielt. Wechselnd in den äußeren Grenzen, da, dort einmal durchbrochen, streckenweise überflutet, von den andern Festländern bald mehr getrennt, bald mehr brüderlich umfaßt, hat es immer doch wie ein im ganzen unbeugsamer Recke dieser Urwelt sich wieder erhoben, bis es erst ganz nahe zu unsern Tagen endlich fallen sollte. Als wesentlicher Rest steht heute von ihm nur noch Grönland. Dieses Grönland ist auf unsern Karten ja immer ein sonderbarer, man möchte sagen, nicht mit klarem Rest aufgehender Landfleck. Soll man es zu Nordamerika rechnen? Ist es eine Art eigenen Erdteils noch heute? Das versteht man eben erst geologisch jetzt. Heute ist Grönland in der Tat nur eine einzelne Ruinenzacke im Meer. Damals dehnte es sich offen verfließend durch das Herz eines Erdteils; eine Landschaft war es in seinen heutigen Nordteilen, wie heute etwa Tibet im Herzen Asiens oder der Sudan in Afrika. Wer sich in jenen kambrischen Urtagen hoch darüber hätte erheben können zu umfassender Schau, der sah das Land darüber hinausfluten östlich bis über Spitzbergen und noch weiter, westlich ohne trennende Meeresarme und Buchten über das ganze polare Inselland von Nordamerika. Wie weit die Grenzen im Norden gingen, weiß man nicht. Wahrscheinlich aber doch wohl über den Pol selbst noch hinüber. Wenn man sich denken dürfte, Erdteile ließen sich schwimmend fortbewegen wie Eisschollen, so könnte man fast versucht sein zu sagen, Nordamerika sei in Gestalt dieser riesenhaften Masse damals polwärts heraufgerutscht gewesen. Aber die ganze Größe der Dinge tritt erst hervor, wenn man sieht, daß ja Nordamerika außerdem damals noch vorhanden war oder es doch sein konnte. In den kambrischen Tagen, deren Bild wir bisher verfolgt haben (wesentlich das mutmaßliche Bild des ersten, ältesten Abschnitts noch wieder innerhalb der gesamten kambrischen Erdperiode), ragte von ihm wenigstens das Mittelstück als gewaltiges Dreieck aus dem Ozean, über den Fleck der heutigen Baffinsbai, wie gesagt, als Halbinsel anschmelzend an den rätselhaften nordatlantischen Riesenblock; in folgenden geologischen Epochen ist es aber auch gelegentlich fast ganz schon über den Wassern gewesen, und doch ragte ebenso dieser Block.

Da wird man dann genötigt sein, für das Nordland einen besonderen Namen zu suchen. Am besten wird man ihn anknüpfen an seine eigentlich revolutionärste Eigenschaft, die es gegenüber dem heutigen Kartenbilde stets besaß: seine ausgesprochene Richtung, nicht wie Nordamerika den Atlantischen Ozean südnordwärts offen an sich vorbeiströmen zu lassen gegen das Eismeer hin, sondern diesem Atlantischen Ozean von Norden eine lange Mauer hemmend quer durch den Weg zu ziehen; wie immer seine Grenzen im Verlauf der folgenden Erdperioden im einzelnen geschwankt haben mögen, bald sich noch mehr vorschoben in den Ozean hinaus, bald etwas zurückwichen, bald irgendwo vorübergehend einrissen: immer, so lange es bestand, hat es diesen zähen Eigenwillen nicht aufgegeben. Für ein Land aber, das den Atlantischen Ozean durchsetzen, einengen, teilweise ausfüllen wollte, haben wir ein altes Sagenwort: Atlantis. Die griechische Sage nennt auf Grund ägyptischer Überlieferung eigentlich so ein Land, das noch in höheren Kulturtagen parallel zu Altägypten jenseits der Säulen des Herkules, also modern gesprochen der Straße von Gibraltar, mitten im Atlantischen Ozean gelegen haben soll. Sehr hohe Kultur sollte dort geblüht haben, in einer Nacht der Schrecken aber hätte der Ozean selber es wieder verschlungen. Es ist auch hier, wie bei der Sintfluterzählung, schwer, mit der Sage geologisch zu rechten. Man hat an mancherlei Möglichkeiten gedacht: alte Ahnungen von Amerika; alte afrikanische Kultur, deren Ort später sagenhaft geworden wäre. Will man sich auf den Ort gerade westlich von Spanien versteifen, so ist wohl mit ziemlicher Gewißheit zu sagen, daß in diesem eigentlichen Mittelstück des Atlantischen Ozeans in allen bekannten Erdperioden niemals ein größeres Land gewesen ist, also vollends nicht noch in Kulturtagen. Höchstens kleine Landvorsprünge und vereinzelte Inseln könnten hier in Betracht kommen. Dagegen sind wir eben für das Kambrium ja an einem Lande vorbeigefahren, das südatlantisch Afrika mit Brasilien verband, einem atlantischen Lande wirklich und wahrhaftig fast so groß wie dreiviertel Afrika selber. Und nun haben wir entsprechend auch ein solches nordatlantisches Sperrland. Für die Sage kommen allerdings auch diese Wunderländer der Vorzeit wahrscheinlich nicht in Betracht. Das afrikanisch-brasilische hat zwar auch nach der kambrischen Zeit noch viele Jahrmillionen bestanden, aber zuletzt ist es doch endgültig fortgebröckelt, fortgeschwemmt worden bereits in Tagen, aus denen von Kulturüberlieferung noch keine Rede sein kann, denn der Mensch war noch gar nicht da; seine tierischen Vorfahren können ihm doch nicht gut von dieser »Atlantis« erzählt haben. Die letzte Brücke des nordatlantischen Festlandes aber dürfte im Ausgang der Tertiärzeit zerbrochen sein: hier könnten also höchstens noch Menschen mit Steinkultur der Neandertaler durchgezogen sein, aber auch keine Ableger ägyptischer Weisheit mehr geblüht haben. Inzwischen ist aber das hübsche Wort zu vergeben. Will man es auf die beiden atlantischen Sperrländer der Geologie übertragen, so hätten wir unten eine Südatlantis, oben eine Nordatlantis. Da aber (wie gleich zu erzählen ist) für die Südatlantis in der Hochblüte ihres Bestehens noch ein anderer Name übergreifend bedeutsam wird, empfiehlt es sich, gewöhnlich den Nordblock, der gebieterisch einen Namen für sich fordert, als »Atlantis« schlechtweg zu bezeichnen.

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings