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Estella

ESTELLA (continued 2)

Reading edition

»Da wollen wir uns festlich machen und alle graue Weisheit vertreiben und verwirbeln im Tanzen und Lachen!« rief sie entzückt.

»Wieviel poetischer ist doch Estella Brand ohne allzuviel Gründlichkeit!« scherzte er und ein Verlangen kam über ihn, sie einmal, wenn auch nur auf Stunden, herauszuholen aus der gewohnten Umgebung in weitere Verhältnisse – – heraus aus dem ängstlichen Garten – – über die Heide mit ihr auf wilden Pferden – – allein! –

Der alte Brand kam durch den Garten her und erfuhr die Neuigkeit. Erst mit Zurückhaltung, wie einer, dem nichts Übereiltes passieren darf, – dann mit Wärme, als er des Mädchens Freude sah. Dachte er doch an seine eigene Jugend, wo er auch gerne ein Tänzchen schlug. Das vergass er nicht, wie das sonst dem Alter gerne passiert. Und wenn damals die blasse Maria Hagen nicht gestorben wäre – mit ihrem wundervollen dunkeln Haar – dann hätte er vielleicht selbst eine Tochter mit 20 Jahren, die er zu einem Feste führen müsste. Das war schliesslich auch ein Grund. So sagte er dem Maler Dank und gab ihm seine bestimmte Zusage.

Es begannen Tage voll heiterer Arbeit für Estella. Sie richtete sich ihren Staat zusammen, ein weisses Seidenkleid, dessen viereckiger Halsausschnitt vergrössert wurde, da der Hals zu hübsch war und – Makassy ihn noch nicht gesehen hatte. Für alles sorgte sie selber, es war ein Eifer, ein Vorbereiten, ein verhaltener Jubel.

»Wie ist doch alle Gegenwart wichtig und wertvoll,« dachte sie vergnügt, »wenn Zukunft dahinter steckt!«

Sie konnte es kaum erwarten bis sie am nächsten Vormittage mit ihren hübschen Sachen im Köfferchen am Bahnhof stand und die beiden Herren ihr in den Wagen halfen. Auf der Fahrt sprach sie nicht viel; es war ein Hindrängen auf den Abend, ein Vollsein von Gedanken.

Die Gegend wurde während der dreistündigen Fahrt immer reizloser und eintöniger. Lange graue Ebenen, arme einsame Dörfer, dünne, dürftige Wälder – bis man endlich am Bahnhofe der Hauptstadt ankam.

Brand und das Mädchen fuhren nach einem Hotel; Makassy wollte sie um 8 Uhr am Eingang des berühmten Stadtgartens, wo die Feier stattfand, erwarten.

Estella machte sorgfältigst Toilette. Der Onkel lachte über ihre Ausdauer, sonst ging das so schnell bei ihr und sie war sich leicht gut genug. Als sie aber um ½8 aus ihrem Zimmer trat – da tat er selber schnell noch einmal einen Schritt vor den Spiegel, ob er nicht allzusehr abstechen würde von ihr und führte dann seine Nichte mit breitem Stolz zum Tanz.

Sie fuhren nach dem Stadtgarten. Das Mädchen sonst mit dem angenehmen Bewusstsein, heute mit dem bangen Wunsche, zu gefallen. Und heute wollte sie doch nur einem gefallen, sonst Vielen.

Nun stiegen sie aus, traten durch die äussere Pforte in den Park und hier erst wölbte sich ein zweites Tor, die eigentliche Eingangspforte empor, mit Tannenguirlanden umwunden und bunten Bändern. Dazwischen sassen unzählige Glühlichter, die noch zaghaft leuchteten, da der scheidende Tag noch nicht gegangen war.

Man sah ein buntes Gedränge und erst jetzt fiel es ihr ein, dass noch wer anderer als Makassy allein bei dem Feste sein werde.

Der Maler kam auf sie zu. Als er Estella sah, erschrak er, weil sie so schön war. Sein Künstlerauge war geblendet, seine Künstlerseele berauscht – aber es war nicht das, warum er erschrak. Der Weltgewandte, Aalglatte fand kein Wort, das er ihr hätte sagen können. Er war wie benommen und ganz dunkel ward ihm bewusst, dass er ja Gäste vor sich habe und Brand und das Mädchen einführen müsse. Ihnen den Weg bahnend, führte er sie an einen der geschmückten Tische.

Die Beiden sahen sich um.

Es war zauberisch schön unter diesen hohen, uralten Bäumen, die in gleichmässigen Entfernungen voneinander in den prächtigen Anlagen standen. Da waren plätschernde Fontänen und Blumenboskette, üppige südländische Palmen und Blattpflanzen, dazwischen knirschende Wege mit feinem roten Sande bestreut. Es waren Buden aufgeschlagen und Weinkneipen, wo die Künstler selber den Maiwein kredenzten. Mitten in einem der Rasenplätze war ein origineller Stand für den Glückshafen errichtet, gefüllt mit interessanten Skizzen und Bildern und Plastiken und überall wehten Wimpeln und farbige Tücher, für die nur Künstler die rechten Plätze zu finden wissen. Ein anderer kurzgeschorener Rasenplatz bildete den Tanzboden.

Nach und nach wurden auch die Lampions angezündet und standen trotz ihrer hundert bunten Farben in einem milden, ruhigen Lichte zwischen den dunkeln Bäumen.

Ein Leben und Treiben entwickelte sich, die Musik hatte begonnen und der Tanz, Reden voll Geist und Witz klangen durch die Nacht, Gesänge huben an, hübsche Frauen und Mädchen in wallenden Gewändern drängten sich zu den Buden, die Weinkneipen wurden umlagert, Lose wurden lachend aufgerissen – es war ein Leben und eine Lust, wie es Estella nie gesehen.

Es hatten sich Maler und Bildhauer um das schöne Mädchen gedrängt, es wurde gefeiert und mit Blumen übersät. Die Künstler haben offene Seelen und offene Hände, wo sie bewundern.

Sie war entzückt von allem: von dem Feste, den Menschen, dem Wein, ihren Erfolgen und sie war heiter und ihr schönes Lachen erklang in einemfort.

Nur manchmal, wenn ihr Blick sorglos von aussen dahergeflattert kam, verfing er sich in Makassy's zwingenden Augen und blieb angstvoll minutenlang darinnen liegen.

Es waren Stunden vergangen, seit er seine beiden Gäste wie im Traum von der geschmückten Pforte zu dem Tische geführt hatte. Estella war indessen ungezählte Male aufgestanden und weggegangen zu den Buden und zum Tanz und wiedergekommen, immer umringt und in Anspruch genommen von einem Kreise huldigender Künstler, die sich mit überströmendem Eifer um sie bemühten.

Wie betäubt sass er an seinem Platze.

Er hatte alles wie im Nebel an sich vorbeiziehen sehen; er hatte kein Ohr für den Lärm, kein Auge für das Getriebe, kein Wort für Estella. Alle Pläne für dieses Fest waren dahin. So vieles hatte er sich vorgenommen für diesen Abend; er wollte gerade heute das junge Geschöpf umgeben mit Frohsinn und Heiterkeit, er wollte ihr alles bieten, was in seinen Kräften stand, er wollte sie mit komischen Einfällen ergötzen, ihr Blumen schenken, interessante Künstler vorstellen, schöne Frauen zeigen – und mit ihr tanzen wollte er und fröhlich sein. Sie sollte ein rauschendes Künstlerfest erleben, das er ihr geboten.

Aber die Freude versagt so oft ihr Erscheinen, wo man sie recht vorbereitet erwartet hat.

An ihrem Aussehen war mit einem Mal all sein Vorhaben gescheitert. Nur das dumpfe, niederdrückende Bewusstsein eines hoffnungslosen Zustandes war über ihn gekommen.

War es die plötzliche volle Erkenntnis seiner Leidenschaft für das schöne Mädchen, als er es in seinem Liebreiz an der Pforte stehen sah?

Erschrak er über seine eigene Empfindung oder erschrak er für Estella?

Noch war es Zeit; noch konnte er fliehen. Ein heftiger Kampf war in ihm, sollte er sie freigeben, konnte er dies Opfer bringen, das ihm jetzt vor der Entscheidung übermenschlich gross erschien?

Konnte er entsagen – – herrschen über sich selbst? Held sein! Und das Nachschauen haben, wenn sie mit ihrem flüchtigen Schritt lachend von ihm gegangen wäre?

Ach, und er erbebte, wenn nur ein Laut ihres Lachens zu ihm herüberdrang. Es zog ihn zu ihr mit allen Fasern seiner unbändigen Natur.

Oder sollte er sie mit sich ziehen in heissem Geniessen einem dunkeln Schicksal entgegen? Sein Blut schlug dumpf an seine Ohren, nur mit äusserster Anstrengung konnte er sich der quälenden Aufregung erwehren, die bei diesem Gedanken sich seiner zu bemächtigen drohte. Wie das winkte, wie das lockte! Sein wildes Wesen brach aus allen Fugen. –

Hatte er denn ganz vergessen, was sie ihm einst bei den Ruinen sagte – dass sie klug festhalte an dem, was ihr gut sein würde im Leben? Dass sie ihren Kopf helle gelassen und wachend über die blinden Mächte gestellt habe?

Er kannte das. Solche Ideen in stillen Jahren geboren – in einem einzigen Sturm verloren.

Sein Auge glitt zu ihr hinüber.

Wie ihr hoher Hals so stolz und sicher das zaghafte, scheinumwobene Köpfchen von den geraden herben Schultern weghob! Nun hörte er wieder ihrem leichtgeöffneten Munde dieses zuversichtliche Lachen entquellen – da fühlte er sich wie ein Verbrecher mit seinen abwägenden Plänen. Sollte er bittend vor sie treten, dass sie ihm helfe, dass sie ihn mit reiner Hand in ihr kühles friedvolles Reich führe?

Ein Verlangen nach dieser keuschen Hand ergriff ihn – jäh, unaufschiebbar.

Schwerfällig erhob er sich – ein düsterer Freier – und trat vor sie hin.

»Fräulein Brand, ich bitte auch um einen Tanz!«, sagte er, und erschrack über das Donnern dieser einfachen Worte.

Sogleich erhob sie sich, verliess alles um sich und ging mit ihm.

Sie kamen zum Tanzplatz. Hunderte von Paaren wirbelten lustig darauf herum; die Musik brauste und die Lichter glühten still darüber.

Noch immer brachte er nichts über die Lippen.

Sie stellte sich tanzbereit vor ihn hin – er rührte sie nicht an, nur seine Augen standen gross und flackernd vor ihrem unschuldigen Antlitz. – – –

Da endlich nahm er sie hochaufatmend in seine Arme und tanzte mit ihr.

Die Seide ihres Gewandes knisterte leise auf und der Duft ihrer Jugend wehte ihm entgegen.

Bebend fühlte er ihren ruhevollen Tanz und ein sorgloses Vertrauen durch ihre Haltung gehen.

Das erste Umfangen dieses jungen Leibes und dessen leichtes Folgen jeder seiner Bewegungen hatten in ihm ein wildes Entzücken, ein berauschendes Präludium seines Besitzes ausgelöst.

»Estella!« stöhnte er auf. Das eine Wort schrie in ihre Seele um Liebe, um Hilfe.

Er hatte sie mit sich fortgezogen aus dem Gedränge, hin wo die köstlichen Anlagen in einen natürlichen Wald übergingen. Dort war es dunkel und einsam um sie und dort legte er seine Arme schmerzend schwer auf ihre beiden Schultern und sein heisser Atem strich verwirrend über sie hin – und kaum noch fühlte sie es, dass seine brennenden Lippen lechzend und unstillbar auf ihrem Antlitz lagen. – –

Später sind sie wieder zu den andern gegangen, haben getanzt und gesungen, doch sie wussten es kaum. Das Fest der Künstler rauschte eine verschwommene Melodie zu dem Feste ihrer Liebe. –

Jetzt ward ihr Schifflein abgestossen vom Ufer und den stürmenden Wellen vertraut.

Es kamen Tage voll heissen Glücks. Makassy umgab Estella mit wahrhaft fanatischem Kult und sie schritt durch alle diese Gaben hindurch stolz und zaghaft wie eine junge Königin.

Seine Blicke umschlossen sie fast unaufhörlich und alles was sie tat war von einem neuen, anderen Werte.

Auch sie vermochte sich nicht loszureissen von seinem Antlitz, in dem sie ein langsames Gesunden zu sehen wähnte – von diesen dunkelgrauen, innerlichen Augen, aus denen allmählich das Ruhelose, Zermarterte zu weichen schien.

Und wenn einmal durch eine Redensart oder irgend etwas Unvorgesehenes ein kleiner Rückfall zu bemerken war, so konnte sie ihn mit einem einzigen ihrer guten Blicke zurückrufen und in Dank und Freude bot sie ihm dann all die Herrlichkeiten ihrer schönen Seele. –

Von den Menschen hatte sie sich fast gänzlich abgeschlossen, sie war so gerne allein, dass sie erschrack, wenn die Gartentüre aufging und irgend ein buntes Kleid dahinter erschien, denn das war sicher jemand für sie.

Ihr Verhalten hatte dann auch etwas so Gezwungenes, ihr Lachen klang arm und notgedrungen, ihre Blicke waren so anderswo und in ihrer Unterhaltung lag nach jedem Satze etwas so Abschliessendes, zu Ende Gekommenes, dass mancher der Gäste plötzlich aufstand und sich verabschiedete.

Was war da sonst oft für ein heiteres Leben, wenn um die behaglichen Gartentische die jungen, fröhlichen Mädchen sassen und über ihre gegenwartsfrohen Gespräche weg, verstohlen in den Glanz ihrer Zukunft lugten. Da schien ein Bündnis der Jugend erstanden – im Sonnenschein – unzertrennlich – ohne Ende.

Aber so schnell schon sollte eine aus ihrer Mitte gehen – die Eine, die still anerkannte Seele des Kreises, die immer mit unsichtbaren Händen, ungewollt voll höheren Geistes allem das Gepräge verlieh.

Doch die Abschiedsgesänge, die der Geschiedenen erschallen wollten, mussten zerschellen an ihrer Unnahbarkeit und auch an dem Schrecken auferstandener, schnell um sich greifender Gerüchte in der kleinen alten Stadt.

Estella musste vieles ihren Händen entfallen sehen, aber es konnte ja nicht anders sein, sie empfing auch so überreich und all' das erschien ihr so unsäglich viel wertvoller, dass sie es geschehen liess. – –

Einmal nach diesen Tagen hatten sie mit dem Onkel einen grossen Spaziergang gemacht in der weiteren Umgebung der Stadt. Sie gingen auf den Höhenzügen den reichen Waldungen zu.

Der Mai war längst zu Ende und das Getreide stand schon hoch auf den Feldern. Ein leichter Wind wehte über die schimmernden Ähren weg und ein schwaches Wogen entstand auf den Hügeln – den stehenden Wellen der Erde. Die niederen Dörfer waren versunken in einem Meere von Fruchtbarkeit und schwimmend lagen auf ihm die braunen Dächer der Häuser.

Auch über die Bäume weg fuhr sachte die bewegte Luft und ihre Zweige erbebten und ihre Blätter legten sich zitternd um und schlugen leise klingend an einander. Schmetterlinge gaukelten über die Wiesen hin und die Gräser und Blumen alle wiegten auf zarten Stengeln ihre Knospen und Sterne und Glocken wohlig im Wind. Darüber wölbte sich weit und hoch das Firmament und glänzende Wolken zogen in seiner tiefen Bläue stetig dahin.

Die drei schritten langsam durch diese schöne Welt. Der alte Brand gab in lauten Worten seiner Bewunderung Ausdruck, Makassy und Estella sagten nichts. Einmal blieb das Mädchen stehen, so recht erfüllt. Es hielt Gottesdienst in seinem Herzen, dabei hatte es das Gehen gestört.

»Siehst Du nicht die Tränen, die über der Erde liegen?« frug sie plötzlich Makassy, »die musst Du sehen lernen, Weib, dann kannst Du ganze Schönheit schauen, der Erde ganzen, qualvoll-wehen Reiz!«

»Bei mir ist das einfacher,« antwortete Estella, »hier ist die Welt, hier bin ich – dazwischen liegt nichts. Ich schaue nur – – Du komplizierst sie und zerstörst Dir ihre grosse, einfache Linie. Will Dir das Einfache nicht genügen oder kann es Dir nicht mehr genügen?! Dann allerdings wirst Du bald am Ende sein. Überfordere das Leben nicht!! Entkräfte es nicht!! Komm,« rief sie abbrechend, »komm, die Rosen blühen!«

»Die morgen welken,« erwiderte er. »Siehst Du Estella, das ist so arm, so einfach: die morgen welken, – darum muss ich multiplizieren, muss vertausendfältigen im Genuss, darum muss ich heute im Genusse sie zerstören! Ausleben – Schönheitstaumel .... selbst ausleben, selbst zu Ende leben – wollüstiges Willenswerk! Sich nicht zu Ende leben lassen – Ewigkeitstat!«

Sie überlachte es und sagte: »Ich hatt' einmal einen Traum, den will ich Dir erzählen: Es war ein schönes, grünes Land, weit und herrlich. Ein König nannte es sein Eigen. »»Du reicher König,«« dachte ich »»der Du ein so schönes Land hast.«« Aber er selber war nicht darinnen – es genügte ihm nicht. Dann kam ich in sein Schloss. Da blitzt' es und gleisst' es vor Pracht, dass das Auge erbebte. Dort sass der König, »»Du verwegener König,«« dacht' ich, »»der Du Dir solch ein Schloss über die Welt gebaut.«« Er aber – verblendet und krank – schaute hinaus ins Land, das, grau und trüb, ihn dieses bunte Schloss erbauen liess; – noch grauer und noch trüber erschien es ihm jetzt. »»Du armer, armer König.«« dachte ich jetzt und weinte.«

»Urgesunde,« sagte Makassy, »mutig ist Dein Lachen und weise Dein Märchen!«

Sie gingen weiter.

Ausser der Bewegung, die der Wind schuf, rührte sich nichts allumher. Ein einziger dunkler, grosser Vogel hob sich mit weiten Schwingen in feierlichem Kreisen in den Äther auf und verschwand endlich hoch oben als ein kleiner, schwarzer Punkt in den Wolken.

»So ist das Auffliegen des Menschengeistes, der auf der Erde gross erscheint und zusammenschwindend sich dem Ewigen naht,« dachte Estella, – doch das Lachen der Erde rief zurück aus den Fernen und ihr Auge blieb auf dem sonnigen Wiesengrunde liegen.

Da lag die Schöpfung in Unschuld. Zwischen Rotbuchen- und Haselnussstauden und graugrünen Wachholderstöcken standen stolze hohe Königskerzen, Büschel weisser, blanker Margeriten, zitternde Federnnelken und dazwischen schickte ab und zu hart vom Boden weg eine niedere Genziane, einem Aufschrei gleich, ihr in Not erstarktes Dunkelblau. Doch mit gleichem Kosen glitt ein goldnes Sonnenwerben von den Königskerzen bis zu ihnen hin.

»Aus diesen Blumenwesen müssen gute Gedanken kommen und über die Erde ziehen« sagte Estella, »was haben sie schon frohe Poesie zu den Menschen geschickt – –«

»Weil sie unwissend sind« fiel er dazwischen und zitierte mit fast boshaftem Behagen die Verse vor sich hin:

»Blumen, ihr ahnt nicht mit eurem Duft,

Dass ihr erblühet auf einer Gruft.

Euer Standort, der Hügel, der ist ja nur

Eine tote Welle erstarrter Natur.

Ihr selber müsst sterben, wie alles dereinst –

Mein Liebchen, auch wir – mein Liebchen, Du weinst ...«

Sie schwieg; sie wollte nicht hören. –

Bald darauf umfing sie der Wald; er begann hier sehr jäh. Da war noch die sonnige Halde und dort schon standen die trotzigen Tannen in finster geschlossener Reihe. Es gibt oft ein so allmähliges Übergehen in den Wald, wo zuerst Büsche und Sträucher vermittelnd und vorbereitend entgegenkommen und uns sachte hineingeleiten – aber da war es wie das Eintreten in einen Dom, in dem man mit einem einzigen Schritte aus grellem, buntfarbigen Leben stehen kann.

Makassy stand im Walde und wandte sich nach ihr um, die sie noch draussen war im Sonnenglanz. Doppelt erschien sie durchleuchtet, von der Sonne und der eigenen Seele. Das rosige Tüllgewand, das sie heute wieder trug, und das lichte Haar folgten leise der Richtung des Windes wie die Blüten alle um sie her. Es war ein gemeinsames Flattern und Fliegen und Neigen nach vorne, denn der Wind ging dem Walde zu und nahm die leichten Falten des Kleides, die entfesselten Wellen des goldenen Haares und die erschrockenen Köpfchen der Blumen mit sich.

»Schau,« sagte sie lächelnd mit einer solidarischen Bewegung über die Blumen weg, »wir wollen alle zu Dir!« »In die Dunkelheit« rief er und beobachtete ihre Mienen. Aber sie umging die Antwort auch diesmal.

Rasch betrat sie den Wald, um sofort weiterzuschreiten, vorbei an ihm, – den Onkel einzuholen. Makassy jedoch ging gleichen Schrittes mit ihr und behütete sie ängstlich, sie hier von irgend einem kleinen Abhang zurückreissend wie vor einem Abgrund oder ihr dort über eine harmlose Baumwurzel helfend, wie über das schwierigste Hindernis. Aber das konnte sie nicht freuen. War das wirklich nichts als Sorge um sie? Es geschah mit einer Heftigkeit, die ihr zu stark erschien für diese winzigen Gefahren. Warum tat er das?

Er wusste Antwort. Lust war es – – und Angst. Lust, sie zu berühren, Angst sie zu verlieren. Seine unglückselige Art liess ihn sie umlauert sehen von Gefahren. Er zitterte um sein junges Lieb, von dem er so viel erhoffte.

Erhoffte für sich. Selbsterrettung, Lust zum Kampfe mit all' dem Stagnierten, Verwesenden in ihm. –

Weiter gingen die Gedanken.

Sollte er wirklich das alles aufrütteln zum Leben, was so faul und träge, sterbend schon, in dem Satz des Bodens lag? War das nicht unbequem und ohne Freude?

Und weiter gingen die Gedanken.

Auferstehung! – Wie pathetisch für einen Makassy! – Mit neuem Hemdkragen und frischgeputzten Zähnen zum Halleluja singen – –

Aber hinter seinem zynischen Hohne lauerte die Furcht, ganz klein. Die wollte er nicht sehen. Ihm fehlte der Mut zur Reinheit, – er wusste nichts anzufangen damit. – Das war's. –

Indessen waren sie mit dem alten Brand zusammengekommen und unterhielten sich mit ihm. Estella schob ihren Arm in den seinen, obwohl er, nicht gewöhnt an Frauennähe, etwas steif in solchem Falle war und erst wieder doppelt herzlich wurde als sie ihn wieder freigab.

Aber sie hatte sich in den kurzen Augenblicken erholt an diesem Gleichmass, dieser Unerschütterlichkeit einer geklärten Natur. »So von einem Ruheplatz aus über das sturmgepeitschte Meer schauen,« dachte sie, »muss auch schön sein – aber inmitten der Wogen ....« Erschrocken über ihre eigenen Gedanken irrten ihre Augen zu Makassy hin. »Was er nur hat, – er wird immer seltsamer,« grübelte sie. »Er macht so müde, ich kann ihm kaum folgen, – ich werde den Boden unter mir verlieren – doch was liegt daran, wenn ich nur mitkomme – wenn ich nur mitkomme ...!«

Sie hatten sich wieder von einander entfernt.

Brand war stehen geblieben und vertiefte sich in die jungen, hellgrünen Ansätze eines Tannenbaumes und wunderte sich, dass dieselben in seinem Garten noch nicht so weit waren. Dass sie in des Pastors Garten zum Beispiel zurück waren, beunruhigte ihn nicht. »Ein Garten ist eben kein Wald« hatte er neulich erst begütigend zu ihm gesagt. Aber sein Garten, – das war schliesslich doch etwas anderes.

Die beiden anderen waren weitergegangen. Makassy, der dieses Einhängen des Mädchens in Onkels Arm misslaunig beobachtet hatte, liess es rauh an: »Suchst Du Zuflucht? – Du gehörst zu mir, wisse das!«

Da war sie ganz nahe zu ihm getreten und stellte sich wohlig an die leichtentflammte Glut dieser Leidenschaft.

»Küsse mich,« herrschte er sie an und riss sie mit wilder Geste an sich und sich aufreckend fuhr er fort:

»Initiative, Weib! Ich dürste darnach!«

»Siehst Du«, rief sie in wachsendem Schmerz, »siehst Du, ich bin nicht der mächtige Baum geworden – ich bin verbildet und verschnitten – verstümmelt bin ich – –«

Aber er hörte ihre Worte kaum, er hatte sich berauscht und vergessen an der Nähe ihres blühenden Leibes und küsste sie ..... küsste sie .....

Bei ihr führte der Weg von innen heraus; langsam, Schritt um Schritt.

»Vergiss mich nicht, wenn Du mich an Dein Herz nimmst!!« rief sie erschrocken.

Der Wald um sie her rauschte vor Pracht. In die dunkeln Tannenwälder hatten sich Eichen- und Buchenstände eingeschoben. Es war ein Zittern und Schwanken von Licht und von Schatten, ein irres Hüpfen von Sonnenflecken und -Streifen und -Kreisen ringsum.

Und langsam führte sie der Weg aus diesen lebensvollen Wäldern in einen ganz anders gearteten uralten Lärchenhain, der wie ein vergessenes, stehengebliebenes Stück Welt, das das Sterben übersehen hatte, aus langvergangenen Zeiten anmutete.

Zerfetzte, silbergraue Lärchen standen riesenhoch wie die dräuenden Greise des Waldes auf dem graubraunen, verdorrten Grasboden und streckten ihre dürren, vertrockneten Arme gespenstisch in die Luft. Rötlich schimmerte es durch die Risse und Rinnen der dicken, violetten, zerborstenen Rinde der Stämme und da und dort sickerte eine schwere, grosse Zähre durch sie und rann langsam, langsam zur Erde nieder – oder blieb erstarrt auf ihrem mühseligen Wege stehen. Und mächtigen Adern, die noch ein spätes Leben fristen, glichen die Wurzeln der Bäume, die aus dem Boden gequollen waren und die ein uralter, graugrüner Schimmel umzog. Aus den abgestorbenen, bleichen Ästen ohne Rinde und Laub wucherten weisse und gelbgrüne Flechten und wehten graue, lange Bärte, in denen die abgefallenen, rostigbraunen Nadeln zitternd hingen. Und nur an manchen Spitzen dieser entnadelten, filzig umwachsenen Zweige waren noch einige stehen gebliebene Nadeln, die wie durch die Patina stiller Jahrhunderte zu steifen, blaugrünen Sternchen erstarrt schienen.

Ein Windstoss fegte über den Wald, dass es das verdorrte, gelbe Gras, das wie auf verlassenen Gräbern lag, knisternd in die Höhe hob, dass die dürren Äste klappernd aneinanderschlugen, die modrigen Bärte wilder wehten und ihnen die rostigen Nadeln klingend entfielen, dass ein paar aufflatternde Vögel kreischend den Wald verliessen und ein schwarzes Eichkätzchen erschrocken über den verfallenen Weg huschte.

Die drei Menschen standen ganz klein und verloren in dem hohen, seltsamen Walde.

Das gesunde, furchtlose Mädchen wehrte sich am ersten gegen seine Macht. All' seine Klarheit erhob Protest gegen dies düstere Grauen.

»Sing ihm ein Lied zum Trotz«, raunte es Makassy zu.

Und der schlug innerst erleichtert sogleich ein, langte eilig zurück nach einer der alten, fast vergessenen Weisen – hub zu singen an, wie kein Anderer singt – – und sein Lied zitterte heiss und hastig durch den toten Wald. Es schlüpfte zwischen den dürren Ästen durch, streifte die alten, vertrockneten Bärte, lief über die knisternden Grashügel weg, flog zu den kahlen Wipfeln hinauf, huschte durch die Moose und Flechten und sprang über den verlassenen Weg.

Es rast im Tanze

Das wilde Weib.

Es lockt im Glanze

Ihr schöner Leib.

Züngelnde Locken

Umspielen die Brust.

Rundum hocken,

Entfacht in Lust,

Männer und Frauen,

Die trunken schauen.

Alle die Lichter

Schieben sie nah,

Gier'ge Gesichter

Man da sah. –

Doch auf einmal – o Entsetzen! –

Löst sich der Schleier

Und die Fetzen

Fangen Feuer!

Alle johlen,

Nur einer stürzt hin.

Der musst' verkohlen

Samt der Tänzerin. –

Wer voller List

Blos hat geschaut,

Entkommen ist

Mit heiler Haut.

Sie hatten den Wald vergessen. Sie waren voll des Liedes.

Makassy schien in der Ferne zu sein. Estella lauschte mit angstvoll gespannten Sinnen weit über das Lied hinaus. Da war etwas, das sie erschrecken liess; etwas Wildes, Dämonisches, zu dem sie sich nie erheben konnte. Da war etwas Ursprüngliches, Elementares, das ihr fehlte, eine glühende Sinnlichkeit, die sie nicht kannte.

Da war ein Strom, stolz und grossartig, der sich durch Felsen brach – hier ein dünnes Bächlein, das verzagt um alle Steine lief. –

Brand ärgerte sich über das Lied, an seiner faktischen, praktischen Natur scheiterte dessen Poesie; auch genierte ihn dieses nackte Frauenzimmer, das da so zügellos um ihn – den Privatier Brand – herumhüpfte.

Als sie endlich den Wald verliessen, war es spät geworden und leichter atmend betraten sie die freien Höhen.

Es schien fast, als wollte an diesem Tage die Natur selber sich überbieten in verschwenderischem Geben. Denn sie schickte dem reichen Tage einen märchengleichen Abend nach.

Feierlich langsam rollte die Sonne, die feurige Kugel, die blauschwarzen Hügel hinunter und schickte dann einen Gruss zurück, der das weite, abendliche Land noch einmal weckte aus seinen Sommerabendträumen. Eine blutrote, mächtige Flamme schlug auf am Horizonte und die Hügel alle und die schweigenden Dörfer und Felder und Wälder, die schwer und dunkel in dem Tale lagen, erhoben sich langsam zu einem neuen, anderen, verklärten Leben. Sie waren jetzt wundersam durchglüht und ihr violettes Leuchten warf einen nebligen, flimmernden Schein rings um sie in den weiten, magischen Feuerschein, der wie eine erstarrte Lohe über der trunkenen Erde stand.

So ruhte die grosse, stille Welt in verklärtem Lichte.

Allmählich begann ein langsames Umfärben, bis das tiefe Rot des Horizontes in ein dunkelgoldenes Orangegelb hinübergesunken war und alles weit umher träumte in vergeistigtem Sein.

Jetzt schwebten die Hügel der Erde, immer körperloser werdend, wie verwehende Silhouetten, als hätte das Glühen sie ausgeschmolzen und wesenlos gemacht; – und allumher begannen sich langsam wieder Farben und Lichter zu lösen und verschwanden allmählich in dem dunklen, kalten Weltenraum.

Brand und das Mädchen waren vorausgegangen. Fest und sicher zeichneten sich ihre schwarzen Umrisse in den hellen Horizont. Die Jugend mit den schwellenden, zaghaften Linien; starr und hart das Alter. Hier der junge, werdende Mensch, dort das gewordene, unbewegliche Alter.

»Du Junge«, dachte der Maler, »renne nur mutig den hohen Berg hinauf, der vor dir steht. Bis du da droben atemlos ankommst, bist du von selber müder und stiller geworden und kannst ruhiger den enttäuschenden Anblick ertragen, der sich dir bieten wird. Du hast gemeint, da droben sei das Glück, ein endliches Ruhen und Verweilen; einstweilen ist dort oben nur ein schmaler, schwindelnder Felsenplatz, nicht geschaffen für Menschenrast.

Und weiter wirst du eilig müssen, wieder hinab; ein anderer hoffender Mensch, der nächste, will kommen und schauen, und freudlos wirst du hinuntersteigen, arm geworden. Der glückliche Eifer ist erloschen.

Hinuntersteigen, Schritt für Schritt, zähe, ächzende Mühsal – hinuntersteigen – – Hinunterstürzen! Enden im Werden, enden im Vortraum des Gewordenseins! – – trotze, Weib, mit deinen jungen Kräften und Sinnen und sauge dem armen Leben die Freude bis auf die letzten Reste wollüstig aus den Adern!«

So unbemerkt hatten ihn seine Gedanken wieder fortgenommen, dass er sich zurückzwingen musste ins Gegenwärtige, Gute, Einfache. – Die schlichte Idylle des Brandschen Gartens lastete auf einmal bange auf ihm. Er musste sie sich aus seinem Erinnern in weite Fernen schieben. Dort verlor sie an Wirkung.

Wollte ihn sein eigenes Lied aus diesem Paradiese vertreiben?

Sich übertönend rief er hastig und lärmend: »Fräulein Estella, Herr Brand, – warten Sie doch! Sie gehen da schnurstracks in den goldenen Himmel hinein und lassen ...«

»Den armen Makassy allein!« rief mit etwas starrem Humor das Mädchen zurück und wartete, während der Onkel weiterging. Dem war nahezu alles unausstehlich geworden, was der sagte. –

»Estella!« rief Makassy leise und leidenschaftlich und presste ihre zarten Handgelenke, dass es sie schmerzte, »schau über die Welt! Siehst Du, wie sie sich plagen?! Siehst Du, wie sie sich aufrecken, hinausdehnen über sich selbst – ewigkeitwärts?!!

Ihre Farben, ihre Klänge, ihre Bauten, ihre Altäre, die langen hinauf mit verwegener Hand nach der Gottähnlichkeit – voll Sehnsucht, voll Verlangen, voll Trunkenheit!!! Diese Trunkenheit, ja – die trägt fort über Gemeinheit, über das Menschsein, über das Erdentum!

Aber allemal in solch' kühnem Aufflug, den Gott im Auge, Gott nahe – zieht die Erdenschwere roh zurück in die eigene Erbärmlichkeit.

Und siehst Du, Weib, die ungestillte Sehnsucht, diese armen, stolzen Kräfte, die heischen Sättigung – ich dürste, Estella, ich darbe, ich friere – – – ich muss mich zum Hass und zum Bösen wenden, da fühl' ich starkes, heisses Leben, das mich sättigt!!!

Das Gute ist so einfach, so selbstverständlich. Hinter allem steht die Erschöpfung, aber nirgends näher als hinter dem Guten. Es geht auch so bescheiden und leise – man hört sich selber zu sehr dabei. Das Böse ist laut und aufwieglerisch, – es ist mannigfaltig und hat ein dröhnend Gefolge .....«

Er schwieg erregt, um nach einer Weile mühsam mit tonloser Stimme zu sagen:

»Doch Du verstehst mich nicht. Du bist so jung; durchsichtig, glockenklar bist Du; aber das verstehst Du nicht. Verzeih', dieses stille Land da hat sich wieder an meine Ferse geheftet.«

»Und dieses wilde Lied!« schrie sie gemartert auf und ihr Auge stand forschend vor dem seinen.

Aber ohne Antwort, tief und dunkel lag seine Nacht vor ihr.

Sie gingen beide, den Kopf zu Boden gesenkt, und horchten in sich hinein und atmeten schwer.

»Sie müssen auseinanderführen, diese Wege«, dachte sie verzweifelt. –

Dann fingen sie mitsammen zu reden an, laut und leer. –

Hilflos spannte sie auf diesem Heimwege ihr zartes Wesen weit über ihre Kräfte hinaus. Sie suchte sich ängstlich und verzweifelt über sich selbst hinauszusteigern, hinaufzuheben.

Sie wurde laut und unnatürlich, ihre Bewegungen waren wild und aufgeregt – sie betrog sich damit um all ihre ureigenste Schönheit.

Sie jagte ihm nach, sich verlierend, angstvoll, verhetzt – – und sie hatte ihn doch zu sich herüberziehen wollen. Und er sah nur das Unzulängliche, das Verdorbene – nicht die Qual, nicht die Angst, nicht die Liebe.

Als wenn ein Kind sagte: »Mutter, ich trage Dich, wenn du nicht mehr gehen kannst«; die eine Mutter wird glücklich sein und antworten: »Wie gut von dir; hast du mich so lieb!?« Und die andere wird sagen: »Wie dumm von dir. Fühlst du nicht, dass du zu schwach dazu bist!?« – –

Bevor sie auseinandergingen, nahe beim roten Tore der alten verwitterten Stadtmauer, da riss er sie in seine Arme – über alles weg was war; er küsste sie wie von Sinnen und eine wilde, ausirrende Sehnsucht stand in seinen Augen.

Und wieder wollte sie sich wehren und aufschreien: »Ich bin Estella Brand, weisst du, dass ich es bin?« Und wenn er es bejaht hätte, wie glücklich wäre sie gewesen! –

Als sie endlich nach Hause kam in ihr Zimmer, liess sie sich schwer und todmüde auf ihr Lager fallen. War das wirklich nur ein einziger Tag, der hinter ihr lag?

»Wir leben zu schnell, es wird bald zu Ende sein«, dachte sie mit Entsetzen.

Als sie aber eine Zeitlang ruhig lag und der müde Körper sich erholte, zogen auch durch das zerquälte Hirn ruhiger die Gedanken. Sie überdachte alles, Stunde um Stunde, was sich heute zugetragen. Auch das Schöne darin – – und immer mehr das Schöne. Es ist etwas so Rührendes um ein junges, elastisches Menschenherz.

Sie dachte an ihn; sie dachte an das Faszinierende, das von ihm ausging; an sich, an das wilde Stürmen, das ihr klares Wesen durchrüttelte und durchtobte, in dem sie mutig, staunend Stand hielt. – Alles, was er tat und sagte und unterliess, und wie er es tat und sagte und unterliess, war neu und eigenartig, von einem bestrickenden Reize und gleichsam mit Einsatz seiner selbst.

Sein Liebkosen war ein Quälen – und sie liess es geschehen, war erfüllt davon, währenddessen er immer unersättlicher wurde an ihrer wunschlosen Herbheit.

Wird er nicht bald fordern kommen, dass auch sie gebe, war er nicht schon gekommen und wird sie dann geben können?

Es fiel ihr ein, wie sie sich heute hinausmühte über sich selbst, wie sie einmal förmlich zu ihm hinschrie – es war am letzten Teil des Heimwegs, als schon das alte Städtchen in seinem Abendfeiern vor ihnen auftauchte, unweit dem roten Tore – da hatte sie hingeschrien zu ihm:

»Sieh, die Sonne ist fortgegangen!«

Es hatte wahrhaft deklamatorischen Schwung und polterte wertlos und unbeholfen durch den leisen Abend. Wie verkehrt das war. Sie hatte es an seinem Gesichte deutlich gesehen, wie es irritiert aufzuckte.

Sie musste lachen und schämte sich ein wenig dahinter – und lachte dennoch – und Tränen stiegen ihr in die Augen – – und Tränen fielen über die Wangen – – – und aus dem Lachen war ein Weinen geworden.

An einem der kommenden Tage war es, dass zwei Ereignisse dieses äusserlich so ruhig fliessende Leben durchkreuzten. Als Estella am Abend mit ihrem Onkel beisammen sass, er sehr heiter und wortreich, sie mit einem schwer verhaltenen, übervollen Herzen, nur mit Anstrengung Worte der Erwiderung findend, erinnerte er sich plötzlich, dass die eingelaufene Tageskorrespondenz noch durchzusehen sei.

Das Mädchen brachte sie ihm und riss in Gedanken schon geizig die Zeit ungestörten Nachdenkenkönnens an sich.

Es gab so viel zu denken, zu entwirren, – umzubilden, aufzubauen. –

Sie sah sich in einem fremden Lande, kannte die Wege nicht, vermochte sich nicht zurechtzufinden, – – und wusste keinen Rat.

Doch beim Eröffnen des zweiten Briefes schon sagte Brand erfreut:

»Denke, Estella, Thieben will kommen!«

»Was will er denn?« rief sie auffahrend. Nichts hätte ihr störender sein können in ihrer neuen heimlichen Welt. Sie glaubte, dass der Ungerufene in ihre Kreise treten würde, sie sah ihn traurig wie bei einem Sarge bei dem Feste ihrer Liebe stehen.

Sie fühlte seine klagenden Augen beschwerend auf sich ruhen, sie hörte ihn händeringend sagen wie einst: »Es ist nicht gut, es kann nicht gut sein!«

Sie sah ihn im Geiste schon steif und stämmig wie einen Pfahl mit seiner rechten, geraden Art neben dem sturmgepeitschten Manne stehen und nebendort den Onkel mit Verkündermiene bei solch' sinnfälligem Unterschiede.

Erstaunt sah Brand in das zornige Gesicht seiner Nichte. Jetzt erst wusste er es, dass für Thieben nichts zu hoffen war. Und dem Fernen schlug in dieser Stunde ein warmes Freundesherz.

Lange und eindringlich redete der alte Mann zu ihr. Oft gesprochene Worte, im Wind verhallt: Von dem Werte solchen Besitzes, von dem Werte einer abgeklärten Natur, von Beruf und Lebenszweck und dem kostbaren Gut der Treue.

Aber der gequälte Ausdruck in dem sonst so ruhevollen Antlitz des Mädchens liess ihn verstummen.

Ein anderer Gedanke stieg in ihm auf, eine trübe Ahnung, die auf dem Spaziergang neulich ihn zum erstenmal beschlichen hatte, und hastig musste er noch einmal den Mund auftun und fast drohend hinzusetzen:

»Den Frieden musst Du suchen, Mädchen, den Frieden der Seele«, und schwer aufatmend, sich über den Tisch nach ihr hinüberbeugend: »Du bist auf falscher Spur!«

Erregt fiel sie ihm ins Wort:

»Mich langweilt Euer Frieden; ich suche Kampf, Arbeit, Glanz – ich muss um etwas ringen müssen!! Ach« – – und ihr Antlitz erhellte sich wie die durchbrechende Sonne – »ach, um das Höchste, um eine Seele ringen müssen – dürfen, wie grossartig das sein muss!«

Brand fühlte sich verletzt in seinem ehrlichen Rate und das erstemal, seit sie in seinem Hause weilte, ward es ihm bewusst, dass es nicht sein eigenes Kind war. –

Allein gelassen, eilte sie mit ihren Gedanken zu dem Geliebten. Nicht um zu ruhen in seinen Armen, sondern tätig und tüchtig mit ihm auszuschreiten auf einem weiten mühseligen Wege. Einen langen, bangen Schatten wird sie werfen, die grosse, hässliche Vergangenheit und wir werden weit im Dunkeln gehen müssen – aber dann, dann muss die Sonne kommen.

So schlichtete und ordnete sie und scheuerte alle Stuben blank, bis der grosse Sonntag einst kommen würde.

Am andern Morgen begab sich Estella frühzeitig hinunter in den Garten, wo in der Rebenlaube zum Frühstück gedeckt war.

Der Onkel, der sie gestern Abend so kurz verlassen hatte, begrüsste sie auch heute knapp und mit Zurückhaltung und streifte dabei nur flüchtig mit den Blicken ihr Gesicht. Nach einer Weile erst wurde er freundlicher und legte etwas Verzeihendes in sein Verhalten.

Sie liess beides unbeachtet, denn ihr lag der kommende Tag schwer genug in allen Gliedern.

Mechanisch begann sie in ihrer Tasse umzurühren und sah vertieft nach einem nassen, zerfallenden Stück Zucker.

»So geht's allen«, dachte sie, – ein wenig stumpfsinnig, – »den Mutigen und den Feigen – am Ende ist es gleichgültig.« Dann drehte sie die Augen langsam so ringsumher.

Die flatternden Blätter der Reben vertrieben fortwährend das Sonnenlicht, das sich auf dem weissen, glatten Tischtuch prunkend niederlassen wollte. Jetzt kam es herunter in blendenden Kreisen, gleich wurden die vertrieben, verschoben, zusammengequetscht zu Ovalen und Dreiecken, und kaum wollten die brillieren, wurden sie zerschnitten in Stücke, die zitterten und schwankten und flimmerten. Das war ein Anfliegen und Verschwinden, ein Auseinanderfahren, Aufblitzen und Zerstieben. Nett war das! Etwas bewegte sich auf dem Tischtuch, etwas Schmales, Langes, das nie ganz verschwand. Sie schaute prüfend nach dem gewölbten Dach der Laube. Ein Räupchen liess sich da voller Unschuld an seinem eigenen Faden säumig herunter im warmen Sonnenschein. Nun doch etwas besorgt, sah sie nach ihrer Tasse, ob der Weg nicht gerade da hinein führte. Dann schaute sie wieder so rund herum. Behaglich wars da herinnen. Grünes Licht, Sommerweben, Mückensummen. Behaglich wars im ganzen Garten. Behaglich wars auf der ganzen Welt. Ja, das war es. Aber ihr gehörte es nicht mehr. »Schade«, dachte sie und lehnte sich betrachtend zurück, – als plötzlich die Gartentüre aufgerissen und unsanft ins Schloss zurückgeschleudert wurde und sehr erregt Makassy über den Kies daher kam.

»Da brennts schon wieder«, dachte ärgerlich Brand und streifte zuerst langsam und gründlich die Asche seiner Zigarre ab, um ihn dann erst mit einer Gelassenheit zu begrüssen, die sich immer noch frühzeitig genug kam.

Des Künstlers grosses, unruhiges Auge suchte zuerst Estella mit alarmierendem Blick. Sein Blick war ein Ereignis jedesmal wenn er sie traf.

Dann bat er um Entschuldigung ob der frühen Störung, aber er wolle nur mitteilen, dass er heute nicht zur Sitzung kommen könne, da er auf einige Zeit verreisen müsse, bis an die ungarische Grenze, wo die Güter seines verstorbenen Vaters lägen und seine Anwesenheit dringend notwendig geworden sei behufs Regelung testamentarischer Bestimmungen.

Alle sahen aneinander vorbei, denn jedes hatte etwas zu verbergen. Der alte Brand die Freude, die beiden andern den Schmerz.

Und um doch etwas zu sagen, erzählte Makassy einiges über ungarische Verhältnisse und Zustände, aber keines interessierte sich dafür.

Bis endlich Brand aufstand, ins Haus hineinzugehen und dort einiges anzugeben. –

Die Morgensonne spielte so sorglos über der Laube, indessen darunter zwei Augenpaare schwer ineinander ruhten in bitterhartem Abschiednehmen.

Trennungsgedanken, Trennungsqual war ihm neuer, belebender Reiz.

»Ich habe Dir noch etwas mitzuteilen, ehe Du gehst«, sagte nun Estella leise und gepresst: »Thieben wird kommen.«

Ein kleines Mücklein summte und sauste über die Tassen weg, liess sich hastig irgendwo nieder, um gleich wieder aufzufliegen und weiterzusurmeln. –

»So reise ich nicht«, sagte er jetzt mit fremder Stimme durch die Laube herüber.

Sie hatte es erwartet und ein Jubel über solche Liebe stieg in ihr auf, dass sie berauscht von ihrem Reichtum freigebig rief: »O reise nur, reise nur!«

Er verstand sie nicht, dachte an Thieben und frug lauernd:

»Willst Du es also, soll ich das Feld räumen?« Und dann, als er ihre schöne Freude sah, es bereuend und irreleitend:

»Ich verliere ein Vermögen, um mich nicht von Dir trennen zu müssen und Du gebietest einfach ruhevoll: reise doch!«

Treuherzig sah sie ihn mit ihren guten Augen an und sagte, das klare Köpfchen leise schüttelnd:

»Das ist es nicht. Dich hält ein anderer Grund.«

Da flammte er auf:

»Steck' Dir die Blumen ans Herz, zerlege und zerfasere sie nicht!«

Inzwischen kam Brand zurück, – aber um gleich wieder umzukehren, als er hörte, der Maler habe sich anders besonnen und bleibe hier, »seine Arbeit nicht zu unterbrechen.«

»Es erscheint mir wichtiger, da zu sein«, sagte Makassy leichthin.

Seine Gewandtheit, der schnell veränderte Gesichtsausdruck und der so geschmeidig umspringende Ton seiner Stimme bedrückten manchmal ihren feinfühligen Sinn, auch jetzt. Aber schon wieder brannten seine Augen in den ihren – da gab es kein Besinnen mehr, sie musste mit ihm! Geblendet schloss sie die Lider und abwehrend wie in Not streckte sie beide Arme vor und rief:

»Ich will nicht in den Himmel schauen, wenn ich doch auf Erden bleiben muss.« –

Sie hatte Angst vor dem unheimlichen Glanz dieser Liebe; sie hatte Angst, sich nicht dahin erheben zu können, wohin sie diese Augen riefen.

»Was ist das Rechte?« frug sie ratlos und Niemand konnte es ihr sagen.

Nachmittags stand Estella am Fenster der Veranda des eleganten Hauses. Der Privatier Brand hatte es schon verstanden, sich sein Heim mit Geschmack und Wohlbehagen auszugestalten. Blank und schmuck stand es da im Sonnenschein und schaute hoffärtig über den Garten hinaus auf die breite, vornehme Strasse. Und manches Jüngere und ältere Mädchen blinzelte im Vorbeigehen ärgerlich hinein und dachte: »Recht albern ist er doch, der Herr Brand, dass er sich so allein in dieses hübsche Ding da setzt.«

Klematis und Jerichorosen kletterten in lustigen Gewinden tausendknöspig an der Veranda empor und die offnen Blumen webten weisse und violette Sterne dazwischen. Hinter den Blumenfenstern aber stand ein stilles Mädchenangesicht.

Estella wollte auf den warten, den sie heute Vormittag so zwiespältig verlassen hatte ..... aber ein anderer sollte ihm zuvorkommen, einer, der dennoch zu spät kam.

Von draussen herein winkte der mit steifer Zärtlichkeit und wie ein glückliches Kind schwenkte er jetzt mit dem Hute. So arm war das, so traurig.

Thieben wars, gerade, hochgewachsen, freudig – aber seine Bewegungen waren unbeholfen und hatten nichts von der wilden Grazie und der elastischen Sicherheit Makassys.

»Thieben kommt«, rief sie dem Onkel zu, der sich sogleich anschickte, ihm entgegenzugehen. Langsam kam auch sie hinterher und in seiner geräuschvollen Begrüssung konnte sie dem gefürchteten ersten fragenden Blick entkommen.

Des alten Brand überschwellende Liebenswürdigkeit machte den Forstmann unruhig und mit halbem Ohre hörte er die lauten Worte. Dann gingen die beiden Männer ins Haus, »um abzulegen und sich's heimisch zu machen«, wie Brand sagte.

Erleichtert sah Estella die beiden von dannen gehen und wendete den Blick jetzt nicht mehr ab von der Gartentüre, bis sie endlich den eiligen Schritt des sehnlichst Erwarteten vernahm. Es schien fast, als sei er sorgfältiger gekleidet als sonst – und es wollte eben ein Stück ihrer alten Heiterkeit losbrechen, als er schon verbeugend in nachlässigem Tone sagte, dass er sich mit dem Umkleiden verhalten habe und deshalb verspätet gekommen sei, denn er habe Farbenflecken an seinen andern Anzug gebracht.

Ihr Gesicht war weit offen; da stand schon wieder helllichterloh die Wahrheit, über die er so leicht hinüberkam, während ihr das nicht gelang, – auch wenn sie's versuchte. In den langen Jahren der Beachtung hatte sie sich breit gemacht und häuslich niedergelassen bei ihr und war herrschsüchtig geworden und unumgänglich.

Er schaute böse nach ihren Mienen und mit gesteigerter Übellaunigkeit zankte er über den ekelhaften, umständlichen Apparat, den man zum Ausüben der Kunst brauche, der ihm nächstens die ganze Malerei verleide und von den ungezählten grossen und kleinen Hindernissen überhaupt, die die Welt versperren und den Fortschritt hemmen. »Ketten, Knechtung überall« rief er zornig.

Ihr Schweigen reizte ihn – er trat nahe vor sie hin, tat ihr Gewalt an mit seinen wilden Augen, umschloss sie mit seinem ganzen heissen Wesen und frug schnell und erregt:

»Verstehst Du mich, kannst Du mich je verstehen?! ... Dass mir die Kraft geblieben ist zum Trotz, zum Zorn, zum Hass, dass ich verneinen kann und zerstören – wie reich bin ich!« Und sich noch näher zu ihr neigend, frug er bebend:

»Verstehst Du die Lust am Töten, Weib?«

Sie antwortete nichts und erschrocken schlüpfte sie hastig aus seinen schrillen Augen in das blasse, ruhige Tageslicht hinaus. Und er sah, wie sie da draussen das einfache Leben und Weben begrüsste und herzte. – –

Da liess er sie draussen bei den Blumen und Bäumen und gab sie frei – und kam dann selber zu ihr.

Er bat sie, Platz zu nehmen und malen zu dürfen. »Wollen wir fleissig sein, Estella!« sagte er schlicht. »Stelle Dich noch einmal mutig mit mir zur Arbeit – wie einst! Du kannst so tüchtig zugreifen.«

Sie setzte sich auf die Gartenbank unter die Haselnussstauden und errötete bis zu den Haarwurzeln, denn sie stand beschämt vor der Kraft ihrer eigenen Seele.

»Du köstlicher Mensch«, dachte er und konnte sich nicht trennen mit den Augen. So schlicht sass sie da mit ihrem lichtblauen Kleide – so einfach in ihrem Herzen – – so unberührt in ihrer Seele.

»Bist Du denn glücklich, kann es denn sein? Ich quäle Dich ja nur!« frug er bewegt.

Erfüllt, wunschlos sass sie da und hörte seine Worte.

»Du blühest immerfort aus Dir heraus, Estella«, setzte er hinzu.

Und sie atmete kaum vor Glück. Dann ging sie zurück zu all' den unvergessenen Stunden, die sie mit ihm gelebt. Was nur hatten sie an diesem stillen Platze alles zueinander getragen!

Was war an ihrer staunenden Seele alles vorbeigezogen! Wie er empfand und dachte und es wiedergab, das war mit fortreissend und glänzend; er hatte sie durch Länder geführt, weit und grossartig. – Dann wieder hatten sie zusammen geplaudert von den Ländern der Erde, von Bergen und Seen, von Wäldern und dem Meere. Dem Meere zum Beispiel. Da erinnerte sie sich, wie er einmal davon erzählte mit solcher Anschaulichkeit und prachtvoller Gestaltungsgabe, dass sie ein schwankendes Gefühl bekam und erschrocken um sich sah, als stünde sie auf unsicherem Boden mitten in der Flut. Er merkte es und sie mussten beide herzlich lachen.

»Wenn Du nasse Kleider hast«, scherzte er damals, »hänge sie über den Blütenstrauch zum Trocknen und gehe mit mir nackt über die Felder. Du erschrickst? Hältst Du mich für so verdorben, dass es nicht in Reinheit geschehen könnte?«

Einmal hatte sie ihm erzählt, wie schön das sei, wenn man abends im Winter – draussen fällt langsam der Schnee hernieder und seine Flocken glitzern auf der stillen Erde – in warmer Stube bei traulichem Lampenschein sitze und sinne im Reiche seiner Gedanken spazieren gehe, da war er ihr ins Wort gefallen: »Schön nennst Du das, wenn Dir die Lampe über Deinem Hirne siedet, wenn die engen Wände der Stube sich zusammenschieben und Dich zu erdrücken versuchen, wenn die einfältig umherstehenden Zimmermöbel Dich an Dein armseliges Menschsein erinnern: hier sitz'st Du, hier iss't Du, hier liegst Du, hier denkst Du – auf diesem Quadratmeter hier mit dem anregenden Tintenfass – dazu hämmert Dir die Wanduhr zähe Sekunde um Sekunde in die Ohren – – und draussen im Schnee kommt der Nikolaus mit der Rute und entscheidet über Gut und Böse – – – schön, nennst Du das ..... schön, – – ach, Estella, ich bräuchte Königsräume – Paläste!!«

Und in des Mädchens Erinnern war die alte, singende, trauliche Lampe seiner Mädchenstube erloschen.

Wenn er jedesmal gesättigt empfunden hatte, was er zerstört mit grausamer Lust, dann allerdings baute er in masslosem Verschwenden und überschwenglichem Kult ein Denkmal an die leergewordene Stelle, das nur zu unvergänglich in des Mädchens Erinnern stehen sollte. –

Jetzt sahen beide Brand und Thieben aus dem Hause kommen. Estella beeilte sich, aus ihrem Innern herauszukommen, um fest in der äusseren Situation zu fussen.

Zuerst allgemein notdürftige Begrüssung, – dann bat Makassy, weiter malen zu dürfen, was man zuerst nicht verneinen wollte.

Allsogleich drehte sich das Mädchen um, das aufgestanden war und eilte erleichtert der Gartenbank zu; es vergass Thieben gänzlich in diesem Augenblick und wie es sich setzte und niederliess vor dem Künstler in der kindlichen Freude einer wohlbekannten, längst vertraut gewordenen, heissgeliebten Gewohnheit und wie es zu ihm aufsah – das war ein solch restloses Sichwegschenken, eine so grenzenlose Hingabe an eine wunschlose Gegenwart, dass der Forstmann, der Estella nicht aus den Augen gelassen hatte, es mit stummem, rasch um sich greifendem Schmerze sah. Jetzt bemerkte er auch das um einen Schatten trüber gewordene Gesicht und das inwendige Auge, das nicht mehr den sicheren, stets anwesenden Blick von ehedem hatte.

Alles dies sah er.

Der grosse, starke Mann mit dem erzenen Antlitz musste sich schwer auf den Gartentisch stützen – – und dabei versuchte er, sich sein Forsthaus vorzustellen – ohne sie.

Makassy hatte ihn beobachtet; es war ein Schmerz, stolz und stark getragen, das musste er zugeben, und er hielt angstvoll die Geliebte durch Blicke an sich, damit sie es nicht wahrnehmen und in ihrem guten Herzen kein wärmeres Gefühl aufkeimen möge, das er ihm missgönnte.

»Ich meine«, fiel der Onkel in das Schweigen, und es war ihm dabei, als hielte er eine grosse, feierliche Rede, »es wäre doch besser, mit dem Malen heute auszusetzen.« Er hatte Angst, mit Thieben allein zu sein. Und so ergab sich ein freudloses Umhersitzen auf den Stühlen und Bänken, eine gezwungene Höflichkeit, ein kaltes Lachen und verschlossene Mienen – – bis endlich, endlich der Abend kam und der Forstmann sagte, dass er heute noch zurückfahren werde.

Da sass er nun im Wagen, der ihn seiner verödeten Heimat entgegenführen sollte. »Was wird sie für ein Schicksal haben?« dachte er immerzu, als er mit sich selber notdürftig zurechtgekommen war. Er wusste sich keine Antwort oder nur eine trostlose. Makassys Art war ihm fremd, beängstigend, ohne Gewähr, wie gleich das erstemal, als er ihn sah.

Schwerfällig stieg er aus und ging dem hochgelegenen Wohnhause zu, um das es so einsam war und um das die hohen dunkeln Bäume melancholisch rauschten. Dort oben in seinem Hause, in dem Erkerzimmer mit den vielen hohen Fenstern wollte er einst ihr Bild haben, das er sich heute bei dem Künstler erbitten und bestellen wollte. An der hellen, lichtreichen Wand dort hätte es hängen müssen und später einmal, in einem Jahre vielleicht – wären sie davorgestanden, sie beide, Hand in Hand und lächelnd hätte er gesagt:

»Jetzt ist mein einstiges Schmerzenskind auch bei uns, es ist alles so gut geworden.«

Der flimmernde Sternenhimmel spannte sich über die nächtigen Hügel des Schwarzwaldes bis weit fort über die Buchenwellen des Württembergschen Landes und weiter über die kleine, alte vergessene Stadt, in der zwei Menschen auch ruhelos nach ihm hinaufsahen. Nicht in selbstvergessenem Träumen, sondern in bangem Suchen nach einem Ausweg. Beide wussten nur zu gut, dass es so nicht bleiben könne. Der Gedanke an die nächste Zukunft, an die Gestaltung des äusseren Verkehrs oder gar an eine Ehe war ihnen beiden noch nicht in den Sinn gekommen. Ihr Streben und Weiterdrängen lag auf andern Wegen.

Sie hatte ihr ganzes Sein und innerliches Leben still in seinen Dienst gestellt; es sollte dazu sein, ihn über Hemmnisse wegzuführen und dadurch vorwärts zu bringen – und dabei selber an ihm emporzureifen. Und er, er hatte tausend Pläne aufgebaut und tausend umgeworfen, – nur eines hatte er stets gewollt und es war stets das Gleiche geblieben: er wollte seine Seele ausruhen an dieser kühlen, schönen Reinheit – – und dann? Wollte er sich dann mit verdoppelter Lust ihre schlummernden Sinne, ihre ganze Herbheit wach und lebendig küssen – und was dann?

So frugen sich heute Beide in dieser funkelnden Sternennacht, die in erhabenen Ewigkeitsgedanken träumend über der Erde hing. –

Am andern Morgen, schon ganz frühe, trieb es Makassy vor das rote Tor zu Brands Villa.

Da lag in keuschem Morgenschlummer das ganze ihm so teuer gewordene Besitztum. Durch den tauigen Garten lief – ach so wohlbekannt – der schmale, heckengesäumte Fussweg, der zu der schmucken Eingangspforte der Villa führte, die heute noch verschlossen und abweisend das behagliche, ruhende Haus beschützte.

Wie kam er nur aus weiten Fernen auf dieses verborgene Stückchen Erde, das da so wohlig und friedlich hinter der lauten, lärmenden Welt emporgeblüht war?

Die Blumen, die Hecken, die Bäume, das Haus selbst mit seinen leichten Giebeln und luftigen Schornsteinen, das hatte alles etwas so frisch Aufstrebendes – es wuchs aus der Erde und stieg unvermittelt zum Himmel auf. Da heraus war Estella geworden, da hinein war sie geschaffen – dort hätte er sie lassen sollen.

Aber er konnte nicht. Konnte nicht?

Jetzt – ein Augenblick des Mutes – drang er rücksichtslos in sich hinein und riss das letzte, verschlossene Tor vor seinem Innern auf und sah mit hellen verwegenen Augen hinein, – das verschob er immer und immer wieder, denn er fürchtete sich vor dem, was er sehen würde, – – – und es stand vor ihm mit unverhüllter Klarheit: Er wollte auch nicht. Da drinnen, da hatte er sich selber wieder gefunden. Das war doch eigentlich erst er selbst. Der Echte, Wahre, Sichere. Alles andere war ein künstlicher Zustand gewesen, ohne Lebensfähigkeit.

War es nicht am Ende komisch, wie er sich mühselig bückte nach der Waldquelle, um einen Schluck Wassers, er, dem man die schäumenden Becher kredenzt?!

Hastig drückte er auf die Klinke der Gartentüre, als wollte er eilends in diese schützende Umfriedung gelangen und fliehen vor sich selbst, vor dem Gespenst des Hohnes, das ihm so manchmal schon im Leben zerstörend über den Weg gelaufen war.

Und wie ein freundliches Wunder war es, als sich jetzt die schwere, eichene Haustür öffnete und warm und weich die geliebte, traute Mädchengestalt dahinter erschien und aller Qual mit einem Mal ein Ende machte. Von ihrem Gesichte hatte der junge Tag noch nicht so ganz Besitz ergriffen; es herrschte auf ihm noch unüberwunden die vergangene schwere Nacht.

»Was ist Dir, Estella?« frug er. »Es war eine seltsame, grüblerische Nacht, nicht wahr? Musst Du Dich auch erst mit dem Tag befreunden, – musst Du Dich des morgens auch erst von neuem an die Welt gewöhnen?«

»Dieser Tage schon«, sagte sie lächelnd, »denn ich werde Dich entbehren müssen. Denke, Onkel will auf einige Tage verreisen, da kannst Du nicht kommen.«

Beide gingen vor jedem weiteren Besinnen zu ihren alten schützenden Haselnussstauden, hinter denen sich schimmernd und glänzend die mächtigen Linden und Pappeln in die Morgenluft hinausdehnten. Sie trugen ihre Liebe aus dem offenen Tage in ein Refugium, denn sie war nicht mitteilsam, nicht laut und heiter.

War das ein Lachen und Lustigsein sonst oft, wenn eine junge Braut in dem kleinen Städtchen war oder ein Liebespaar auf dem Wallweg oder dem Tanzplatz zusammenkam!

Immer mehr hatte sich ein schwerer Ernst über ihre Herzen gelegt und immer erdrückender wurde diese Last. Wenn ihre Augen ineinander lagen, waren sie ohne dies glückliche Festtagsgefunkel junger Liebe, sondern von fast drohendem Ausdruck.

Als ganz junges Ding hatte sie sich die Liebe so lustig gedacht, wie nichts auf der Welt. Schöne Kleider. Bänder. Rosen. Ein lachend Gekose.

Es war anders gekommen. Wenn sie Makassy in den Arm nahm, war die Heiterkeit über alle Berge. Düsteres Ringen; schmerzende Umarmungen. Und dennoch harrte sie ihnen entgegen, wie die herben Frühlingsknospen der Sonne. Aber es war eine sengende Sonne. –

Mit stiller Wärme und Eindringlichkeit, die ihr wertvoller, weil bleibender erschien, frug er nun bei den Haselnussstauden:

»Glaubst Du, dass wir Tage vergehen lassen könnten, ohne uns zu sehen?«

»Es wird aber dennoch so sein müssen, Du kannst nicht kommen in das herrenlose Haus, – und auf den Strassen herumschleichen, das will ich nicht!« sagte sie gepresst.

Da tat er einen Schritt zu ihr hin und flüsterte ihr zu: »Dann kommst Du zu mir – wir können ja doch nicht ohne einander sein«.

Sie erschrack so heftig, dass sie unwillkürlich von ihm zurückwich.

»Was fürchtest Du?« frug er schnell und gespannt.

»Mich nicht – und Dich auch nicht,« erwiderte sie kühn und aufgeregt.

»Also die Leute!« höhnte er. »Da hast Du recht; sorge nur, dass Du vor denen bestehen kannst, dass sie Dir mit ihren goldenen Fingern wohlwollend auf die Schultern klopfen und Du ja nicht anders seiest als sie.«

»Willst Du mich zum Kommen zwingen? Nimmst Du's so entgegen? Braucht es nicht Geschenk zu sein?« frug sie hastig zurück.

»Einerlei .... wenn Du nur kommst .... wenn ich Dich nur habe! Wenn wir zusammen sind, dann sollst Du mir sagen, warum Du gekommen bist! – Komm'! Komm' auf ein paar einsame, weltvergessene Stunden in mein stilles Atelier. Wir wollen Erinnerungen feiern und alles Gewesene wieder auferstehen lassen. Weisst Du es noch, Geliebte, auf dem Künstlerfeste – da war unser Tanzen wie ein Träumen unter den schimmernden Glühlichtern und den taumelnden Bäumen? Das war das Rechte!«

In seinen Augen war ein Locken und Winken und Verheissen, das sie bestürzte und zugleich reizte, diese wilden Flammen zu löschen.

»Ich komme nicht« schrie sie auf in Angst und Trotz, als hätte sie noch jemand anderen davon zu überzeugen als ihn allein.

»Warum nicht?« frug er rasch.

»Ich komme nicht, weil ich mich schämte vor Dir, so ohne Willen zu sein,« antwortete sie.

Sachte hob er ihr Köpfchen in die Höhe und suchte ihre Augen. Mit Vertraulichkeit in Ton und Blick fuhr er fort:

»Estella, kann zwischen Dir und mir etwas sein, dass uns zu trennen vermag?«

Da geschah Unerwartetes.

Fast brutal rief sie vor sich hin, mit kaltem, hartem Gesichte:

»Wann soll ich kommen, – um Mitternacht mit den Dieben und Dirnen?«

Er horchte auf; – befriedigt glaubte er zu erkennen, dass sie unter seiner Macht litt und dies ein zorniges ohnmächtiges Wehren, der gequälte Aufschrei eines untergehenden eigenen Willens war.

»Komme, wenn es Abend ist!« sagte er jetzt. »Um 9 Uhr – – wie gleichgiltig kann es Dir sein, ob neben Dir ein Dieb geht oder ein König. Die eigene Majestät, Estella!!! Siehe, Du schütztest Dich einfach durch die Dunkelheit vor den Blicken der Menschen, die Dich doch nicht verständen, wenn Du ihnen auch sagtest, was für einen schönen Gang Du tust. Denn schön nenne ich diesen Gang zu mir. Er ist ein Darleben Deiner Liebe, das mit Überwindung geschieht. Also habe Mut und komme!«

Angstvoll abbrechend sagte sie: »Ich binde mich nicht .... ich binde mich nicht ....« und setzte sich hastig auf die Gartenbank, ihn damit zum Malen auffordernd.

Er selber wollte heute noch energisch vor seine Kunst treten, nachdem er auf Tage davon abgehalten werden sollte und folgte ihrer stummen Aufforderung.

Und dann musste er sich auch von dem jungen Weibe befreien – am Ende hätte er es erschreckt durch seine Eindringlichkeit und abwendig gemacht – und dazu bot die Arbeit die einzige Möglichkeit. –

Als er prüfend und vergleichend das Bild übersah, fiel ihm der starke Kontrast zwischen Porträt und Wirklichkeit auf.

Das eine ein lachendes, sorgloses Mädchengesicht, das andere ein innerliches, gedankenschweres Antlitz.

»Es stimmt nicht mehr, nicht wahr? Ich bin so nach und nach aus dem Lachen heraus- und in das Weinen hineingekommen,« sagte sie still und dachte:

»Da baut man sich in Jahren stolze Gedanken mit seinem Verstande auf, – es kommt ein einziger Sturm als Wandler aller Dinge. Denn die Gedanken waren nicht tiefgründig, weil nicht im Herzen, im eigenen Mark gewurzelt. Übernommenes – nicht Selbsterworbenes, aus sich selbst Gewordenes, mit eigenem Herzblut getränkt – darum hat sie alle der Sturm verweht.«

Er trat jetzt weit zurück von dem Bilde und betrachtete es gleichsam als Fremder. Es war nicht gut. Starr und steif wie eine Mauer waren das lachende Mädchen und die grünen Stauden in einander gemörtelt – und die ganze lichte, leichte Frühlingsseele lag darunter begraben. Träge, schwere Farben. Wie waren seine Bilder sonst oft aus einem Guss, voll rücksichtslosem Trotz und Mut. Aber hier war es, als hätte nicht einer gemalt, sondern viele, und keiner mit ganzer Kraft.

Allein selbst diese Erkenntnis konnte ihn heute nicht betrüben; er war zu voll der Erwartung auf morgen. Morgen – ja – –

Der Gedanke, dass dieses junge, reine, feine Mädchen zu ihm kommen würde, erregte ihn immer mehr. Dieses Vertrauen war doch ausserordentlich, nachdem sie ihn kannte und liebte.

»Ich will es Dir danken,« dachte er und kam sich vor wie ein seltener Mensch – – dann aber auf einmal gingen die guten schönen Gedanken ums Eck herum und kamen in eine andere Strasse und bekamen eine andere Richtung.

»Es wird das Vertrauen auf sich selber sein,« überlegte er, »dass sie mir in mein Haus kommt« und zwinkerte die Lider zusammen als wollte er diese neue, abkühlende Erwägung ungestört vor sich haben. Und kaum hatte er sie ins Auge gefasst, erschien sie ihm sympathischer, reizvoller, – weil kampftauglich ..... entbindend .....

Die Sammlung zum Malen war dahin. Estella erhob sich – abschliessend.

Es war nicht mehr das Alte. Es schien ihr vieles umgeworfen, was von jetzt an unbeachtet am Boden liegen würde. Schöne, innere Dinge von stillem, grossem Werte. Zertretene Blumen, über die man achtlos hinwegsteigen würde, einem gleissenden Ziele zu.

Sie bat ihn zu gehen und sich vom Onkel zu verabschieden. Schweigend schritten sie durch den Garten zurück ins Haus.

Ringsum Rosen. Von allen Stöcken und Stauden funkelten sie rot und leuchteten weiss und dufteten aus tausend Kelchen. Das Violett des Flieders war lange gegangen, auch die Flammen der Pfingstrosen waren erloschen. Das feine Gras des Rasens lag zum ersten Mal geschnitten in der Sonne und sein würziger Geruch mischte sich unter den Blumenduft. Winzige Äpfelchen, aus den Blüten geboren, lugten schon durch die Blätter der Obstbäume.

Die Verabschiedung von Brand war schnell erledigt; allzu grosser Trennungsschmerz verlängerte sie nicht. Die beiden Männer waren sich in den langen Wochen nicht um einen Schritt näher gekommen.

Makassy sagte nun zu Estella sehr vernehmlich: »Adieu und auf Wiedersehen, wenn Herr Brand wieder zurück ist,« und leise ..... so ein wenig leichthin ..... zwischen den Zähnen durch:

»Morgen um 9 Uhr.«

»Wie wenn das selbstverständlich wäre,« dachte sie zornig. Nichts erschien ihr überflüssiger und hätte ihr peinlicher sein können als diese Art routinierter Vertraulichkeit, die gar so gemütlich und zuversichtlich Arm in Arm mit ihr ging.

Und es fiel ihr auf einmal der Unterschied auf, der zwischen ihnen war. Sie erschien sich reiner, anders als er, fasste sich selber wieder ins Auge und fiel sich auf in ihrer Sauberkeit – sie lauschte sich nach – und fand sich beglückt und erleichtert dadurch selber wieder.

Als er schon längst gegangen war, hielt dieses Staunen über sich selber noch an. Das war ja noch die alte Estella mit dem klaren, hellen Kopfe, der sich so leicht und fröhlich trug!

Und voll Kraft und Freude war sie auf die eignen Füsse gesprungen in dem köstlichen Bewusstsein wiedererlangter Selbständigkeit. Diese entkräftende Benommenheit war gewichen, die ihr jede freie Entscheidung aus den Händen rang. So musste sie nicht – so konnte sie! – – –

Voll schüchternen Jubels eilte sie in den Garten, von da in ihr Stübchen, wieder hinunter in das Musikzimmer – und riss die Türen hastig auf als brächte sie freudige Botschaft, als wollte sie sich zeigen in ihrer neuen, eigensten Gestalt.

»So war ich,« dachte sie »so will ich wieder werden.«

Fast heiter begleitete sie später den Onkel auf den Bahnhof und fand alles auf dem Wege dorthin so fremd geworden und doch so vertraut und es klopfte ihr zaghaft auf die Schultern und frug leise: »Kennst Du mich noch?«

Diese gute alte Strasse mit den frommen Gärtlein zu beiden Seiten und den steifen, braven Laternen dazwischen, – und dort drüben das »Löwenhaus«. Das kleine, ängstliche Häuslein mit der grossen fensterlosen Wand, die einst so festlich schön gelb gestrichen sein musste, deren Farbe jetzt aber in einander geflossen war und als Wahrzeichen einen grossen leuchtenden Flecken hinterlassen hatte, der wie ein springender Löwe aussah. Sie hatten es das Löwenhaus genannt. Und was war am Löwenhaus schon alles! Da traf man sich – alle Jugend – zu einem interessanten Spaziergang, da klatschte man ein wenig in wohligem Einverständnis, da stand man kichernd und verabredete sich zum nächsten Gartenfest, ob die Schleifen im Haar blau seien oder rot, – – es war am Ende alles so gleichgültig – aber was ist es nicht? – doch heiter wars und ohne Arg – und die weisen Gedanken blieben jedem unbenommen.

Sie waren zum Bahnhofe gekommen und bevor Brand in den Wagen stieg, frug er:

»Hast Du mir gar nichts zu sagen und gar nichts mit auf den Weg zu geben?«

Da begriff sie, wohin es ihn trieb. Er wollte Gutes tun, aber sie hatte nichts hinzuzulegen.

Als sie dem Zuge noch eine Weile nachgehorcht, bis er verdröhnte und verhallte, ging sie langsam wieder nach Hause zurück. Immer stiller. Immer trüber. Immer trauriger. All der schöne Jubel war verflogen und die schwere Leidenschaft dieser Liebe breitete allmählich wieder die dunkeln Fittiche aus und verscheuchte das zaghafte Stücklein Sonne, das sie so stürmisch begrüsst hatte.

Wieder war sie in die stille, alte Strasse gekommen, die aber hatte ihren Glanz verloren.

Von Ferne hörte sie Stimmen. Als die näher kamen, sah sie, dass es Bekannte waren, einige ältere Frauen. Plötzlich blieben sie zaudernd stehen; erst unschlüssig, dann streckte die Eine den Arm vor, deutete auf die andere Strassenseite – und gleich darauf gingen alle drei unisono hinüber.

Estella wusste warum; sie lachte hart auf; es hatte ihr weh getan. –

Unter vielen bangen Gedanken schlich der lange, einsame Abend dahin und die Nacht, die schlafarme, traumschwere – bis der Morgen kam und mit dem erwachenden, wachsenden Tag auch die Sehnsucht wuchs und das Verlangen – – und sie erlöste aus ihren Zweifeln.

Als es Mittag war, stand ihr Entschluss fest. Sie wollte zu ihm!

Lächelnd verwarf sie ihre Ideen von der Selbständigkeit, die ihr gestern so grossartig und begehrenswert erschienen waren und von dem blassen Frieden. Es fiel ihr ein, wie er einmal scherzend sagte:

»Die wahrhaftige Liebe tritt auf zwischen 30 und 40 Jahren bei vorgerücktem Gehalte und Pensionsberechtigung.«

Dieser nichtssagende kleine Scherz hatte sie auf seine munteren Flügelchen genommen und aus den Sorgen fortgetragen.

Makassy hatte sein Atelier verwandelt und geschmückt wie für eine heimziehende Braut. Er konnte nicht genug ersinnen, es weich und warm auszugestalten, damit sich das scheue Mädchen heimisch fühlen möchte. Beim ersten und einzigen Gärtner der Stadt hatte er seltene, wertvolle Blumen bestellt, dass der sich tief vor ihm zur Erde neigte.

Zuletzt, als alles fertig war, übersah er prüfend den ganzen Raum und warf dann noch, um Erklärungen und Verstimmungen vorzubeugen, ein paar alte Briefe, die gerade so obenauf lagen, in den Ofen nebst einem kleinen, koketten Frauenschuh – – dem goldgestickten Atlasschuh einer bekannten spanischen Tänzerin – und zündete an – – – ein reizender Schuh, der da auf den züngelnden Flammen lag – – – ein feiner Fuss, der da mit der Spitze gerade ihm gegenüber stand, als käme er auf ihn zu – – – das Feuer leckte immer gieriger nach dem gleissenden Atlas – – er besann sich und zauderte – – der Schuh der Diega Felipa wars – der Diega Felipa mit dem braunen, prachtvollen Leib, von dem sie einmal – – damals!! – – in kühner Nacktheit bei einem ihrer wilden, rasenden Tänze die letzten Hüllen riss – dass die roten Schleierfetzen wie Blut aus ihren Händen quollen – wie herrlich das war!! – Unvergessen!!! – – – – – –

Und hastig nahm er den Schuh wieder aus der Glut und versperrte ihn eilig in einer Schublade ......... Ängstlich sah er um sich – dann nach der Uhr. Es war schon bald neun.

Ob sie kam? – –

Und er ging die Fenster schliessen und die Lichter verhängen.

Spät abends, als es schon dunkel war, verliess indessen ein schüchternes Kind zitternd das ehrliche Haus. Es ging auf den Fussspitzen ganz leise durch den Garten, musste aber stets dazwischen stehen bleiben, um Atem zu schöpfen. »Wie wenn es Berge wären.«

Behutsam öffnete und schloss es die Gartentüre, die sonst so leicht und laut ins Schloss gefallen war und schaute nun zurück über Garten und Haus – als wollte es Abschied nehmen – als ginge da eine, die nicht wiederkam, ein letztes Mal diesen lieben Weg.

Eine unnennbare Sehnsucht schwoll in Estella's Herzen empor nach all der sorglosen Heiterkeit, mit der sie da in ruhigen Stunden gelebt.

Heimlich, wie eine verbotene Liebkosung, irrte ihr Blick hinauf zu den Fenstern ihres Zimmers mit den trauten, blühenden Geranien davor. Wie sie die einst hegte und pflegte. Jedes Knösplein war ein Ereignis. Jede Blüte ein Fest. Und wenn das erste schrille Rot zwischen den grünen Blättern sass und nach ein paar spannenden Tagen die feuerroten Büschel wie Flammen in den Fenstern standen und hundert bunte Gedanken damit – – Gott, was für reiche, einfache Stunden waren das! Die waren alle davongeschlichen als sie der fremde Mann an seine Brust genommen ..... und haben sich im Weiten verloren und nicht mehr zurückgefunden.

Ein kleines Stück war sie weitergegangen, dann wieder stehen geblieben – an der Stelle, wo ihr gestern die Leute ausgewichen waren. Heute sollten die sie sehen, wie sie dahinschlich in dunkler Nacht – allein – den Kopf zur Erde geduckt – da hätten die bösen, eifrigen Zungen das letzte mordende Wort gefunden. Für die freute sie's eigentlich, dass sie es tat – aber es war eine dürftige Freude.

Wie schwer verlässt man ein erstes Mal im Leben den offenen, geraden Weg. Die Sonntagsstrasse, die breite, behagliche mit dem lichtfrohen Lachen und dem billigen, eiteln Putz junger, unversuchter Tugend!

Jetzt traten ihr drei trübe Gestalten in den Weg und an diesen wohlbekannten Gesichtern glaubte sie zu erkennen, worin ihr Unrecht lag. Da stand ihr Vater und schaute sie an; gross und kummervoll. Er hatte einst zu der Mutter warnend gesagt:

»Bilde ihre Vernunft, es kommt eine kalte Zeit, in der sie not tut.« Und die feine, blasse Frau, die schon lange vor ihnen gegangen war, tat es – legte aber heimlich Rosen dazu.

Sie stand jetzt auch dabei und konnte nicht mehr lachen wie einst. Sie dachte an ihre Rosen und weinte.

Und der ehrliche alte Mann, der Thieben trösten gegangen war und dessen Vertrauen ihr so selbstverständlich zufiel, der war auch dabei und der Kummer schaute ihm aus allen Falten seines Gesichtes. Alle drei standen und sahen nach ihr mit traurigen Augen und schauten ihr nach und schüttelten die Köpfe.

Da riss sie sich los von allem, was sie beschwerte und zurückrief und stürmte weiter, vorbei an ihnen, an allem, an der ganzen schönen Vergangenheit vorbei.

Wie oft glitt sie aus auf dem holperigen Pflaster der alten Stadt und sah zusammenfahrend zu Boden – aber es schwammen nur dunkle Kreise und Flecken vor ihren Augen, die irre führten, wuchsen, gross wurden, bis sie erschrocken innehielt; und wenn ihr Blick dann angstvoll floh und aufflatterte an den steilen Wänden der Häuser, prallte er zurück von diesen dräuenden Mauern, die in düsteren Reihen zu beiden Seiten des Weges standen. Wie dunkle Klötze standen sie da – unheilbrütend mit unzähligen, schwarzen Fenstern, die lauerten wie falsche Augen.

Zischelte und tuschelte es nicht dahinter?

Wie erbärmlich erschien sie sich, dass sie vor irgend einem Hergelaufenen erschrecken musste –

Da drüben auf der andern Seite, da ging eine Dienstmagd – – hoch trug sie den Kopf, das durfte sie auch – – aber sie, Estella Brand, die zum Geliebten gehen wollte – –? Grossartiger hatte sie sich diesen Gang wahrlich gedacht. –

Und weiter hastete sie, an den drohenden, klotzenden Häusern vorbei – noch eine letzte Ecke, dann endlich musste sie am Ziel sein; – ihr Sinn spähte voraus: was wird werden?!

Ist so qualvoll der Weg zum Glück? –

Die Kniee schwankten, als sie endlich am Ziel war. Da schimmerten trübe die verhangenen Fenster des Ateliers – und das arme, verhetzte Auge sah den Vorhang sich bewegen – und die arme verhetzte Seele fühlte seine Nähe und eine heisse Sehnsucht schlug wie eine Woge über das Deck ihrer ausschauenden, schwankenden Gedanken und fegte alle Zweifel und Qualen fort. – –

In kindlichem Stolze, als zaghaft Gebende stand sie auf seiner Schwelle.

Er öffnete die Türe – und als er sie in all ihrem Reize, so fein und holdselig vor sich stehen sah, da zog er sie wortlos zu sich hinein .......

»Du Estella, Du – also doch!« schrie er auf und riss sie in einem Übermass von Entzücken an seine Brust, umschlang ihren Leib, presste ihn an sich als wollte er ihn nie wieder frei geben, legte beide Arme um ihren Hals und zerküsste das süsse Gesicht; Augen, Stirne, Wangen, den Mund, den herben, keuschen. Fast wurden ihr diese wilden Küsse zur Qual.

Dann nahm er sie wie berauscht in seine Arme und trug jubelnd die köstliche Last hinein in die Heimstätte seiner Kunst.

Sanft und vorsichtig wie ein unersetzliches, kostbares Gefäss, liess er sie aus seinen Armen gleiten und setzte sie vorsichtig auf einem Ruhebett nieder.

»Das ist alles für Dich, Du Heissgeliebte!« sagte er und deutete mit einer schenkenden Geberde rings um sich.

Estella sass wie in Betäubung. Glückselig hob sie ihr Antlitz und schickte ein dankbares Lächeln zu ihm hin; lange blieb ihr Blick in seinen Augen liegen.

Welche Macht zog sie zu diesem Manne hin?! Wie sie ihn liebte, wie seine Welt zu ihr herüberschimmerte mit all ihrer Lebenstollheit und Trunkenheit! Wie sich ihre junge Seele von Neuem auftat in Zukunftsglauben!

»Das muss das Glück sein, das muss es sein, wonach die Menschen jagen!« flüsterte sie ihm hastig zu und das Geständnis ihrer erregten Worte versank in seinen lechzenden Sinnen.

»Ist es über Dich gekommen, Weib!?« rief er ausser sich. »Ist es endlich über Dich gekommen – – –?!«

Da erschrak sie vor ihrem eigenen Empfinden und wandte abwehrend den Blick. –

Und nun sah sie umher und fand sich in einem prunkenden, seltsamen Gemache, durch das in zaubrigen Tönen mattes, dämmeriges Licht zog. Überall Schalen voll wundersamer Blumen, denen betäubender Duft entquoll, der in dem stillen Raume träumend stehen blieb. – Dicke, dunkle Teppiche. Tiefe, schwere Falten, die jeden Laut einsogen.

Da lagen seidene Decken, wertvolle, ausländische Stoffe und auf dem Ruhebett, auf dem sie sass, war etwas Feines, Flimmerndes ausgebreitet. Freudlose Landschaftsbilder in breiten, düstergoldenen Rahmen hingen schwermütig von den stoffenen Wänden. Nirgends ein heiterer Gedanke in dem halben, huschenden Lichte.

Beide schwiegen und lauschten dieser verwirrenden Umgebung. Etwas Berückendes ging von ihr aus.

Dieses unausgesprochene Licht, das durch buntseidene Hüllen sickerte und mühsam und verhalten durch den Raum zitterte, diese bestrickenden, einsamen Farbentöne, die von den Wänden klangen, diese versonnene Ruhe, die an allen Gegenständen hing!

Erstorben jeder Laut.

Der Duft, der aus den Blumenschalen stieg und verschwebte, legte sich schmeichelnd, doch immer schwerer und betäubender um die Sinne. Dazu eine vibrierende Stille, die bedrückende Last einer aufregenden Ruhe und in ihr ein ungehörtes Huschen und Gleiten, das über die Blumen und Möbel und Wände ging.

Sie sah ihn fragend an – so bange war dieses Versunkene, Weltweite. Aber banger noch waren seine Augen und angstvoll flohen ihre Blicke aus denselben. Sie bohrten sich in den Teppich und fielen auf einen seiner Füsse, die in Sandalen stacken.

Ihr Herz fing an heftiger zu schlagen, denn sie glaubte zu sehen, wie sein Fuss sich einkrallte in dem dunkeln, dicken Teppich. Suchte er Halt? Wovor?

Sein unbeweglicher Blick rief sie zurück und umschloss den ihren – – und drückender wurde die Stille und furchtbarer das Schweigen. Keines getraute sich auch nur den Finger zu rühren, keines mehr hatte den Mut des anderen Auge zu verlassen.

Die Leidenschaft dieser Liebe wuchs mit jedem Augenblick und zog sie mit glühendem Wunsche zu einander ....

Estella sprang auf mit übermenschlicher Kraft – – – er stand ihr gegenüber mit fliegenden Pulsen und flammenden Sinnen – – – – angstvoll hielt sie ihn mit den Blicken umfangen und gefesselt. Keine Wimper zuckte, kein Glied rührte sich, kein Atemzug war hörbar.

Es war ein verzweifeltes Schweigen und Ringen und Ansichhalten – – – –

Da plötzlich – sein Blick hatte sich leise gewendet und einen Augenblick lang losgelöst von ihr, war haltlos durch's Zimmer geirrt und musste dort etwas Ausserordentliches wahrgenommen haben – – ging eine Verwandlung in seinen Mienen vor ......

Sie wollte aufschreien in rasender Angst: »Halt ein ..... Du wendest Dich ab ..... Du wendest Dich von allem Glück .....«

Sie kannte den Ausdruck dieser unheilvollen Augen, er redete eine deutliche Sprache ...... Aber das Entsetzen stand steil und schrill vor ihr und lähmte ihre Zunge.

Dann einen Augenblick wurde es dunkel um sie, das Herz drohte still zu stehen ...... sie sah in lauter Elend. Ringend griff sie nach dem Herzen – – die erste Bewegung in dem bangen, regungslosen Raum – – da war der Bann gebrochen!!!

Makassy nahte sich ihr wie von Sinnen – ein Anderer geworden – despotisch – – über ihre Seele weg.

Sie wehrte sich: »Ich bin Estella Brand – siehst Du das nicht?! – – Ich frage Dich zum letzten Mal – – –!!«

»Was liegt daran!?« fiel er ihr atemlos ins Wort.

Verzweifelt schrie sie auf in höchster Not. »An mir liegt nichts!!! Nimm mich!! – Nimm alles, nimm mein Leben!!! – Nur darf es so nicht geschehen – –

In dieser Stunde verstehe ich die Kraft, die in Dir liegt, die zum Bösen greift, zum Morde, zum Verbrechen – – aber wohin jetzt sich Deine Sinne wenden, da seh' ich weder Kraft noch Schönheit. Du bist abgekommen von den Wegen, wohin ich Dir folgen kann, wohin ich Dir nachgerast – händeringend – Du bist auf anderer Fährte – abwärts – – – – –

Da hinunter kann ich nicht, fühlst Du das nicht? – – der Ekel, Makassy ..... der Ekel – –!!!«

Lockend, sich überstürzend mit leiser, bebender, verheissender Stimme rief er, sie zu umfassen suchend:

»Unten bist Du, Estella, oben bin ich! Komm zu mir! Du – Du klebst an der Erde, Du lässest Dir vom Nächstbesten sagen, was recht ist und rein, Du lässest Dir vom Nächstbesten entscheiden über Gut und Böse – – – geben Weib – geniessen, verderben, – aber weg über die schüchterne engbrüstige Welt, die Dir den Atem nimmt, – – eigener Flug in trunkenem Zorn, in trunkener Lust!!! – Lass die Seele, die die Menschen verstümmelt haben, die fromme, bange – ohne Lust und Weh: sie betrügt Dich um das heisse Leben – lass die Tugend: sie betrügt Dich um Dein junges Blut – lass die Reue: sie betrüge Dich um den Sinnenglanz – lass das Gute: es betrügt Dich um die Satanslust des Bösen, – – lass die Reinheit, sie hat Mass und Art!!! – In der Niedrigkeit liegt Lust und Raserei!! – – Tier sein, wer nicht Gott werden kann!!! Mensch sein ist erbärmlich! Vergiss ........... komm ausser Dich!! ..... Schenke .... strauchle ... sinke ..... sinke Weib!!! Dann sind wir erlöst .....«

Und so wollte er sie umfangen, – – zügellos, entartet – ausbrechend – mit weit offenen, brennenden Augen.

Aber ein Blitz zuckte auf! Estella ward wach – sie hatte entschieden!! – Pfeilgerade stand sie da, Kraft gegen Kraft, – erhoben das Haupt, – unbeweglich das Antlitz. Als wäre sie aufgewachsen weit über ihn – unerreichbar – – –

Da wich er von ihr zurück und auflachend wie ein Kranker warf er sich in die Kissen des Ruhebettes und verbarg sein Gesicht. – – –

Ihr Leib war schwer, ihr Kopf verworren. Die Schläfen stachen, ein Übelsein überkam sie und schwerfällig schleppte sie sich zum Fenster, es zu öffnen. Der hässliche, betäubende Geruch strömte hinaus und in kalten, klaren Wogen die Nachtluft herein. –

Langsam wandte sie sich um, zurück ins Zimmer, mühselig aus sich herauskommend. Hoffnungslos geworden. Angestrengt musste sie sich besinnen auf alles um sich her – –

Was sah sie dort in der Ecke des Zimmers? Was war das? Sie sperrte die Augen auf, um durch all den Nebel sehen zu können. Drang dort nicht ein dicker Qualm aus den Fugen einer Schublade – – was war das?

Aber sie konnte nicht mehr erschrecken, – in dieser Stunde hatte sie es verlernt.

Die junge Seele, die so gerne aufgestiegen wäre in erhabener Linie, wie ein schönes Lied, war lahm geworden.

Sie kämpfte diese schwerste Stunde ihres Lebens mit Todesmut. Krampfhaft presste sie die kalten Hände in einander und fühlte unaufhaltsam eine schwere, erdrückende Last auf ihre armen Gedanken heruntersinken, so dass sie ihnen mühsam klare Erinnerung an das Geschehene entringen musste.

Einen Sieg hatte sie errungen, einen Sieg ohne Freude, und dafür ihr heisses Glück hingegeben.

Warum jubelte sie denn nicht auf, sie, Estella, die Reine, – wo war denn der Glanz ihrer Selbstherrlichkeit hingekommen? Jetzt, in der Not, da war er von dannen geschlichen – –

Dass solcher Schrecken nicht tötet?!

Ihre Gedanken standen auf und sahen entsetzt umher – weit hinaus – hinaus in die Zukunft – da gab es Leid und Qual – zähe Jahre der Erinnerung – ein elendes Leben.

Dann umschloss sie wieder die Gegenwart mit ihren engen, düsteren Mauern.

Was war? Wie war es? Hartnäckig drang sie in die Tiefe und auf alles stiess sie – Bild auf Bild löste sich aus der Dunkelheit mit unerbittlicher Klarheit.

Du wirst hineingelockt in ein einsames Haus. Abgeschnitten von der Welt. Tiefe Nacht. Die Türen schliessen sich still hinter dir. Die Fenster sind verhangen und die Lichter – – verwirrende, unklare Pracht. Du bist allein. Allein mit ihm. Du schaust bebend in das Antlitz deines Herrgotts – deine Seele weitet sich – – und während du schaust .... lässt der langsam eine Maske fallen; – du erstarrst im Entsetzen – du willst schreien doch vermagst es nicht – – dein Mörder steht vor dir mit verzerrtem Gesichte – –!!

So wars – – jetzt wusste sie's. Morden wollte er sie und dann an sich reissen. Wars am Ende das Rechte und sie hatte es nicht erkannt? – Nein, nein, das ist unmöglich, sonst hätte es geschehen müssen. Kann es aber das Rechte sein, wenn es so furchtbar zu tragen ist!?

Wie unbegreiflich sich das gewendet hatte! Seit sie ihn liebte, bangte sie, sich nicht erheben zu können und jetzt hatte sie ihn verloren, weil sie sich nicht erniedrigen konnte.

Warum habt ihr mich alle so gut erzogen?! Sie suchte Tränen, aber die kamen nicht.

Dafür kam hilfreich ein wilder Zorn über sie, ein Aufflackern letzter Energie, und führte sie über die nächste Stunde fort.

Sie fing an den Raum zu zerstören, in dem solches geschah; sie riss die Blumen aus den Schalen und warf sie aus dem Fenster, – sie zerrte die seidenen Hüllen von den Lampen weg, dass ein helles, blendendes Licht senkrecht, herrisch durch den dämmrigen Raum fuhr und alles Liegende, Träge, Matte, Unklare daraus vertrieb.

Es ekelte ihr vor diesem Gemach, über dem eine Absicht lag, ein Vorsatz. Was wollten diese Decken mit ihrem Flimmern, diese Blumen mit ihrem Duft, diese Lampen mit ihren Schleiern? – »Damit betäubt man meine Seele nicht, damit lädt man Dirnen in sein Haus.«

Ei, und dort in der Ecke qualmte es – dicker und undurchdringlicher mit jedem Augenblick. Das war lustig, das half ihr zerstören – –

Makassy erhob sich. Alt und elend mit leeren Augen in dunkeln Höhlen – aber hochmütig, undurchdringlich. Das zerwühlte Haar klebte wirr an seiner Stirne und zeichnete entstellende Linien in das bleiche Antlitz – – und dennoch, wie sie umherirrte in diesem Gesichte – spähend, aufgeregt, atemlos – sie fand nicht was sie suchte, sie fand nicht was sie erflehte, – sie musste achten – – und ihr Elend türmte sich auf! –

Er sah umher in dem verwüsteten Raum; Blicke und Gedanken blieben auf jener Schublade dort liegen, aus der der Rauch drang. Von da war es ausgegangen, dahin war vorher sein Blick auch gefallen, von da hatte er wie an einem einzigen Faden das ganze Netz seiner Ideen aufgezogen, von da, wo der Schuh der leichtsinnigen Tänzerin, den er aus den Flammen der alten Briefe gezogen hatte, fortzuglimmen schien und zu rauchen begann. Da war sie vor ihm aufgefunkelt, die schöne Spanierin, in einstigem Glanz – und hatte höhnisch aufgeblickt und ihm mit ihren wilden Augen zur rechten Zeit gerufen, als er begann sich zu verirren – sich zu verlieren – zu verfahren in toten Geleisen.

Diega Felipa prangte vor ihm auf in berückender Kraft und Fülle, in bachantischer Lust! Und die Luft, die ihr Tanz vertrieb, fuhr ihm verwirrend über das Gesicht. Die blauschwarzen Lockenringel peitschten – wie damals – ihre braunen, nackten Glieder bei den wilden, heissen Tänzen – wie damals, wo sie die Schleier jauchzend zerriss und ihr grosses, glühendes Auge hinschoss zu ihm, aufloderte, und sie ihm zurief:

»Nimm!! – Wie Du willst ...... für Deine Kunst und – für Dich!«

Grossartig war das! Voll Pracht und Grösse. Da gehörte er hin, in diese Arme, das war sein Reich! Königspaläste! – – Königsgeschenke gibt, wer sich lachend verschenkt, wer lachend sein Schicksal in den Wind zerstreut!!

Entfesselt, Dirne, hast Du mich, – jetzt ist es vorbei mit den frommen Episoden! Ihn ärgerten auf einmal diese weit offenen, staunenden Mädchenaugen – – dieses Warten und Prüfen und Klagen und Denken, wie feige das war, wie bettelarm, – – ja, ja, sie hatte sich verbildet, verstümmelt und nun Krücken statt der Flügel. Sie kannte diese Trunkenheit nicht, die sich über das Menschtum aufbäumt, die der Gottheit trotzt und taumelnd zu den Tieren geht!

Sie suchte das Rechte in den engen Winkeln armseliger Erdenmoral – er konnte nicht mit ihr gehen. »Ich kann nicht mich selbst begraben gehen.«

Schwerfällig bewegte er sich gegen sie hin und sagte hart und kalt aus seinen Gedanken heraus:

»Du hast es gut gemeint, Estella – aber es war umsonst!« –

»Die Vergangenheit hat ihn zurückgefordert,« dachte sie mit letzter Anstrengung.

Und sie wandte sich zum Gehen ohne ein Wort. An der Türe drehte sie sich noch einmal um und sah mit verhüllten, begrabenen Augen nach ihm zurück.

Diese Augen schauten ihn noch an, als sie lange, lange schon gegangen war und er liess sie gesättigt jedesmal auf sich liegen – ein Zerstörungsbild. –

Jetzt war die Klinke ins Schloss gefallen – kurz und knapp – und in des Mädchens umdüsterter Seele das letzte Licht erloschen. – –

Furchtlos schritt sie durch die dunkle Stadt zurück. Die Häuser, die sie vorher so drohend und unheilvoll umstanden und umlauert hatten, lagen in weiten Fernen und Nebeln; die gingen sie nichts mehr an. –

Aus einem Gasthause kam laut lachend eine grössere Gesellschaft. Durch die offenstehende Türe fiel ein breiter Lichtstreifen über die dunkle Strasse. Aber ganz gleichmässig ging sie Schritt für Schritt vorwärts; vom Schatten in das Licht und vom Lichte wieder in den Schatten.

Als trüge sie ein schweres, übervolles Gefäss, das nicht ins Schwanken kommen darf, so sicher und gleichmässig ging sie, – so vorsichtig, doch eigentlich ohne Vorsicht.

Die Leute steckten die Köpfe zusammen, das war ja unerhört, was sie hier sahen! »Wenn es nur schon Morgen wäre«, dachten sie. –

Am andern Tage kam Berta, der Backfisch, an Brand's Gartenzaun vor dem roten Tore draussen vorbei und als sie Estella dahinter sah, wurde sie dunkelrot und verdoppelte ihren Schritt, um eilends daran vorbei zu kommen.

Estella sah es wohl. Gleichgiltig ging sie ins Haus hinein und nach einer Weile wieder aus ihm heraus. – Sie tat alles, was so der Tag mit sich brachte. Arbeiten, essen, lesen, schlafen, – nur unterschied sich keines von dem andern.

Alle Wege waren gleich lang. Alle Gegenstände gleich schwer. Alle Farben gleich trübe. Alle Klänge gleich dumpf. Die Welt rauschte vorbei an ihr, sie hörte sie nicht.

Ihre sonst so flinken Augen blieben stehen wo sie gerade standen – interesselos, bis irgend etwas anderes in ihren Sehkreis trat, sie ein Stückchen weitertrieb und sie wieder stille standen. –

Der alte Brand kam von der Reise zurück; sie redete mit ihm wie mit allen anderen. –

Ein junges Mädchen, eine Altersgenossin von ihr, war in dem kleinen Städtchen plötzlich gestorben an einer akuten Erkrankung. Alles wallfahrtete zum Kirchhof, war ausser sich und rang die Hände; die Mädchen insbesondere wollten sich die Augen aus dem Kopfe weinen.

Estella vergoss keine Träne. Lang und steif stand sie am offenen Grabe. »Die verdorbene Person,« sagten die Leute. –

Ganz deutlich sah sie es, wenn manchmal ein Blick länger auf ihr weilte.

»Suche nur,« dachte sie, »Du findest doch nichts, finde ich ja selbst nichts mehr. – Ich habe gar nicht gewusst, wie still es auf der Welt ist.«

Brand schrieb an Richard von Thieben, dass Estella so vernünftig geworden sei: Der Maler Makassy habe die Stadt verlassen, aber sie rede nie von ihm. Es sei ihr auch ganz gleichgiltig gewesen, ob sie oder er das Porträt behalten sollte, als man ihr die Frage vorlegte. Da habe er es mitgenommen. »Wahrscheinlich ist es ihr nicht hübsch genug, denn eitel sind sie doch alle« hiess es in dem Briefe. Thieben aber, der dieses Schreiben am Morgen erbrach und las, sass Mittags bereits im Zuge, der ihn an die württembergische Grenze bringen sollte. Er fand keine Ruhe, er musste sie selber sehen.

Aber auch er fühlte sich in ihrer Nähe beruhigter. In ihren Augen fand er auf eine stumme, bange Frage keine Antwort; wie eine stille, graue Mauer standen sie vor ihrer Seele.

So reiste er zuwartend wieder ab.

Als er aber nach zwei Monaten einen Brief ähnlichen Inhaltes vom alten Brand erhielt, nur mit dem Vermerk, dass sie sehr wenig zu sich nehme und immer stiller werde – da hörte er die Not um Hilfe schreien – und entschloss sich zu einem Wagnis. Hier musste eingegriffen werden, gleichviel um welchen Preis.

Er forschte die Adresse des Malers Makassy aus und erhielt sie nach vielen, mühseligen Schreibereien. Hierauf schickte er eine grosse Summe Geldes, die indess retourniert wurde, an ihn, mit der Bitte, das Porträt Fräulein Brands an die Adresse des Privatier Brand abzuschicken. Zugleich gab er an letzteren einen dicken, festverschlossenen Brief auf, in dem er alles erklärte, wie er es sah und was geschehen müsse. Erschüttert müsse ihre Seele werden, ihren Bann zu lösen, – aufgerissen müssten erschreckend rasch geschlossene Wunden werden, sie zu heilen. – – –

Es währte keine Woche, als Estella eines Abends wieder wie immer gleichmütig in ihr Zimmer hinaufging.

Die alte Magd, die ihr geleuchtet hatte, zündete das Licht an und schlüpfte hinaus. »Die wird Augen machen,« dachte sie im Gehen. –

Estella war allein.

Langsam begann sie, sich zu entkleiden und durch die dadurch verursachte leichte Bewegung fühlte sie auf einmal einen feinen Duft durchs Zimmer wehen – – – vorüber an ihr – – – wie eine ferne, weite Erinnerung. – – – –

Sie lauschte auf – angstvoll – mit gespannten Sinnen – – war das nicht der wohlbekannte Terpentingeruch – – – aus Sommerszeiten – – – – – Gequält sah sie um sich – – – und ihr starres Auge blieb wie entgeistert auf ihrem eigenem Bildnis liegen, das fast erdrückend gross und schwer in dem kleinen Raume von der Wand hing. – – – – –

Da vollzog sich eine furchtbare Umwandlung in ihr. –

Dem alten Manne, der draussen vor der Türe wachte, zitterten die Kniee; er presste stumm die Hände in einander. Und als er endlich, weit nach Mitternacht drinnen das erste Aufschluchzen hörte, da liefen auch ihm die Tränen über die zuckenden alten Wangen.

Seine Zeit war gekommen; vorsichtig öffnete er die Tür, trat leise zu ihr – aber es dauerte lange, lange – bis er das erste Wort zu sprechen vermochte.

In dieser Stunde noch durchflog eine Botschaft die sich lichtende Nacht. – Ein Bote eilte dem hochgelegenen Forsthause drüben im Schwarzwalde zu und eine bebende Männerhand riss das Telegramm an sich, das die wenigen Worte enthielt: »Sie weint. Sie hat zurückgefunden.« – – Zurückgefunden zu sich selber.

Hast einen Garten dir emsig gebaut

Und nur in Blumen und Blumen geschaut.

Da öffnest das Tor du, herein dringt das Meer

Und feget dein blühendes Gärtelein leer.

Das Meer, es erglänzet und funkelt und dröhnt,

Darunter dein sterbender Garten stöhnt. –

Hoch auf den Fluten, da schimmert's vor Pracht!

Vergessen die Blumen, verhöhnt und verlacht.

Das Meer tritt zurück, der Glanz ist dahin,

Über sumpfige Ufer die Wolken zieh'n. –

Da schaust du hinaus mit irrendem Blick:

Die Blumen sind fort, das Meer und das Glück.

Illustration from Estella: Novelle

Thüringer Verlagsdruckerei · Jena-Ziegenhain.

Illustration from Estella: Novelle
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