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Erinnerungen einer Überflüssigen

Front matter (continued 4)

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Aufgemuntert durch meine abschlägige Antwort auf den Antrag dieses Alten wagte noch am selben Abend der blutjunge Hafnermeister Edmund Sack, dem kurz nacheinander Vater und Mutter gestorben waren, mir in einem anschaulichen Brief Herz und Hand anzubieten; doch kannte ich ihn viel zu wenig, um ihm meine Zukunft anzuvertrauen, und dann hatte ich eine ausgesprochene Abneigung gegen diese Loahmpatzer, die Ofensetzer. Da war das edle Handwerk der Bäcker doch appetitlicher, und ich hörte ganz erbaut auf die salbungsvollen Worte des achtundfünfzigjährigen Feinbäckers und Melbers Kanisius Dumler, mit denen er mich zur Herrin über sein Haus und seine Guglhopfe und Zuckerbretzln erkiesen wollte. Er war schon seit zehn Jahren Witwer und bekleidete die ehrenvollen Posten eines Armenrates, Kirchenbaurates, Distriktsvorstehers und Rechnungsführers bei einem Kriegerverein. Auch war er einer von den Auserwählten unseres Pfarrers und durfte bei allen Prozessionen den Himmel tragen. Sein kleines Haus war schuldenfrei, und das gute Geschäft, dem jetzt seine Schwester vorstand, sicherte ihm ein behagliches Leben. Doch besaß er einen schon zwanzigjährigen Sohn, der eben seine Militärzeit als Freiwilliger abdiente. Dieser Sohn aber, der Ferdl, ein fescher Bursch und großer Tunichtgut, war nun die Ursache, daß ich dem Alten meine Hand versagte; denn ich sah den Jungen nicht ungern. Von seiner Ausgelassenheit und den übermütigen Streichen, die man ihm nachsagte, konnte ich nichts bemerken; vielmehr war er immer der bescheidenste unter meinen Freiern geblieben. Stundenlang saß er da und starrte mich wortlos und wie in Verzückung an, trank dabei seine zwölf bis fünfzehn Glas Bier und schien außer mir nichts mehr zu hören und zu sehen. Ja, er übersah und überhörte regelmäßig die Stunde, da er in der Kaserne hätte eintreffen sollen; und so kam es, daß er eine Arreststrafe um die andere meinethalben abzubüßen hatte. Schließlich bekam er eine ganze Woche Mittelarrest zudiktiert, und während er in der Kaserne brummte, fuhr eines Abends, da ich eben in der Schenke beschäftigt war, vor unserm Hause ein Wagen vor, dem ein sehr sorgfältig gekleideter junger Mann, mit einem großen Strauß Veilchen in der Hand, entstieg. Er trat in die Wirtsküche, und ehe ich mich noch von meinem Erstaunen erholt hatte, hörte ich schon die Mutter in die Gaststube rufen: „Josef, geh, komm a bißl raus!“ worauf die drei eifrig miteinander verhandelten.

Nach einer Weile kam der Vater zu mir in die Schenke und sagte unter öfterem Räuspern: „Was i sagn will, Leni, der Hasler Benno is draußn und hat g’sagt, daß er di heiratn möcht; du sollst dein Ausspruch toa, wiast g’sonna bist. Jatz, vo mir aus ko’st es macha wiast magst; i red dir nix ei und rat dir net ab!“

Ich zählte noch die eben begonnene Rolle Geldes fertig, rechnete mit der Kellnerin ab und schenkte noch etliche Glas Bier ein, mich sorglich zusammennehmend, daß die Hand nicht zittere oder sonst eine Bewegung über mich Herr würde. Dann ging ich, ohne dem Vater zu antworten, in die Küche, wo der stattliche Bewerber sich sehr lebhaft mit der Mutter unterhielt. Als er mich sah, sprang er von seinem Sitz, einem rohen, blankgescheuerten Holzstuhl, auf, reichte mir die Hand und begann: „Liabs Fräuln Leni, ich hab Sie lang beobacht und hab g’funden, daß bloß Sie mi glücklich machen können. Wenn’s Ihnen also recht ist, heiraten wir; Ihre Eltern haben mich nicht abgewiesen.“

Da ich nichts darauf erwiderte, fuhr er fort, indem er mir den Strauß gab: „Ich mein’s ehrlich mit Ihnen, Fräuln Leni; ich hab’s nicht nötig, nach Geld zu schauen, ich heirat aus Liebe. Nehmen S’ halt meine Lieb auch freundlich an, wie die Blümerl und sagen S’ ja!“

Bei diesen letzten Worten hatte er mich wieder an der Hand gefaßt und sah mich bittend an; dennoch antwortete ich zögernd und leise nur: „I will ma’s überlegn; dös ko ma net so auf’n Augenblick sagn, ob ma oan gern habn ko oder net!“

„Ja, bedenken Sie’s noch, liebs Lenerl; Sie brauchn’s nicht zu bereuen! Ich bin der einzige Sohn, erb einmal das Haus mitsamt dem ganzen Holzg’schäft und vorläufig hab ich mein gutes Einkommen als Prokurist des alten, feinen Hauses Protus Stuhlberger. Wenn Sie sich b’sonnen haben und einschlagen wollen in mei Hand, so können wir bald Hochzeit machen!“

Meine Mutter hatte schon während der Rede des Freiers wiederholt das Taschentuch an die Augen gedrückt und sich umständlich geschneuzt; jetzt aber zog sie mich laut aufschluchzend an ihre Brust und rief aus: „So a Glück, ha, so a Glück! I gunn dir’s von Herzn Deandl; bist ja so a richtigs und ordentlichs Madl und konnst’n glückli macha, den liabn Herrn Hasler!“

Dann schob sie mich von sich und drückte mich ganz fest an die Schulter des freudig Überraschten, der sofort die Arme ausbreitete und mich zärtlich umfing. Dann bedankte er sich noch mit wohlgesetzten Worten bei der Mutter und trat danach in die Gaststube, die Verlobung bei einer Flasche Wein zu feiern.

Unterdessen hatten sich mehrere Leute an der Küchentür angesammelt, die sich nach vorhandenen Abendspeisen erkundigen wollten, in der Erregung des bedeutungsvollen Augenblicks aber ganz übersehen worden waren. Diese Menschen waren die ersten, die mein bevorstehendes Glück inne wurden.

„Was ma no z’essen ham, Frau Kugler? — naa, so a Glück hat dös Madl! — ja so, a Schnitzl, a Kottlett, a bachens Hirn, — und nach Liab kon er heiratn; Geld hat er selber gnua! — a guats Kalbszüngerl hab i aa no, Frau Kugler!“ so ging der Redestrom über die Lippen meiner hocherfreuten Mutter.

Ich aber tat meine Arbeit wie zuvor und dachte bloß, ob ich wohl ein seidenes Brautkleid kriegen würde.

Als dann in der Küche nichts mehr zu tun war, durfte ich mich auch an den Tisch zu meinem Hochzeiter setzen, und nun sprachen wir ausführlich über die Bekanntgabe der Verlobung, über meine Aussteuer und über die Zeit, wann wir heiraten wollten. Ich sagte zu allem ja, und auch meinem Vater gefielen die Vorschläge seines zukünftigen Schwiegersohnes ganz wohl. Nur als dieser wissen wollte, wie hoch die Brautgabe für mich ausfallen würde, da räusperte er sich wieder verlegen und meinte dann: „Da muaß d’Muatter aa dabei sei, wenn ma d’Geldangelegenheit bereden,“ und er ging hinaus in die Küche. Doch die Mutter war schon zu Bett gegangen und hatte nur durch die Küchenmagd sagen lassen, sie hätte Kopfweh. Also blieb die Geldfrage noch unbeantwortet.

Wir saßen noch bis ein Uhr beisammen, und als mich jetzt der Benno ganz leise an der Hand faßte und mich mit seinen von Wein und Liebe glänzenden Augen selig anblickte und nochmals fragte: „Kannst mi a ganz kloans Bröckerl gern haben, Lenerl?“ kam er mir auf einmal recht schön und liebenswert vor und alle meine Bedenken schwanden, und ich sagte lachend, nachdem ich rasch ein Glas Wein hinuntergestürzt hatte: „Ja, ja! I wer dei Frau und mag di!“ und besiegelte das Versprechen später noch unter der Haustür, da ich ihn hinausgeleitete, mit einem laut schallenden Kuß, worüber der Benno so beglückt war, daß er beim Fortgehen noch ganz verklärt hinter sich sah und auf den Randstein nicht achtete, so daß er auf ein Haar zu Fall gekommen wäre. Ich aber schlug rasch die Türe zu und mußte beim Zusperren laut auflachen über dies Mißgeschick.

Doch dachte ich in der Nacht nicht weiter mehr über das Erlebte nach, sondern schlief ganz ruhig; und als am andern Tag durch einige Ratschkathln die Sache in allen Milch- und Kramerläden herumgetragen worden war und nun eine nach der andern kam, mir zu gratulieren, da erschien mir diese Wichtigkeit so lächerlich, daß ich am End ganz wild wurde und keiner mehr eine Antwort gab.

Am Vormittag nun kam der Dumler Ferdl. Er hatte für seinen Hauptmann etwas besorgen müssen und wollte mir nun rasch einen Gruß bringen; denn ihm waren die acht Tage Arrest gar lang geworden.

Mit langen Schritten trat er in die Gaststube, und da er mich nicht sah, stürmte er in die Küche und rief: „Guat Morgn, Zirngibimuatterl! Wo is’s Lenerl?“

Ich stand wie angenagelt in dem kleinen, dunklen Speiskammerl und gab keinen Laut von mir, so erschrak ich. Die Mutter aber begann mit großem Pathos und feierlicher Miene, den Münchner Dialekt mühsam zu einem zierlichen Schriftdeutsch drechselnd: „Ja, was, der Herr Ferdl! Mei Leni möchtn S’? ... Is s’ net da, mei Leni? ... Setzn S’ Eahna doch a wengerl, Herr Ferdl! I muaß Eahna nämlich leider die freudige Mitteilung machen, Herr Ferdl, daß sich mei Leni gestern mit’n Herrn Hasler Benno verlobt hat!“ Und in überschwenglichem Ton fuhr sie fort: „Ja, ja, a bravs, rechtschaffens Bürgersmadl sucht a jeder! Aber es is ihr zum gunna! Geltn’s, Herr Ferdl, Sie gunna’s ihr aa!“

Aber der Herr Ferdl hörte schon längst nicht mehr. Er war bei der Mitteilung, daß ich mich verlobt habe, aufgesprungen, hatte im Gastzimmer hastig sein Glas Bier auf einen Zug geleert, der Kellnerin ein Zwanzgerl hingeworfen und war auf und davon gegangen.

Ganz baff sah ihm die Mutter nach und begriff lange nicht, warum er so rasch fortgelaufen war. Nun trat ich aus der Speis; da rief mir die Mutter zu: „Da bist ja! Warum gehst denn net zuawa? Jatz is er davo, weilst net komma bist!“

„Naa, naa, Muatta! Deswegn is er net fort,“ rief ich nun eilig; „dem hockt er halt, weil er mi net kriagt hat; er hätt mi ja gern g’heirat!“

„Der Rotzlöffi! Is kaam trucka hinter die Ohrn!“ antwortete die Mutter und ging in die Gaststube, kam aber sogleich wieder zurück und hielt einen Brief in der Hand: „Da schau her; der Hasler ladt uns ei für heut auf d’Nacht in Löwenbräukeller. Der Peuppus halt sein Abschied. Vo mir aus konnst scho hingeh; i geh net mit.“

Damit gab sie mir den Brief, den ich hocherfreut durchlas und dann die Mutter lange bat, sie solle doch mitgehn. Endlich sagte sie zu.

Nun mußte ich der Küchenmagd noch alles zeigen und ihr für den Abend die nötigen Weisungen geben. Ich tat dies am Nachmittag und versicherte mich ihrer Gewissenhaftigkeit durch ein gutes, heimliches Trinkgeld.

Also machten wir uns gegen Abend für das Konzert und den Hochzeiter zurecht. Die Mutter ließ es sich nicht nehmen, ihr Schwarzseidenes aus dem unergründlichen Eichenschrank zu holen und goß eine Menge Patschouli hinein, um den aufdringlichen Kampfergeruch ein wenig zu übertäuben. Dazu legte sie schwere goldene Armspangen und eine Menge Ringe an, tat eine massive Goldkette um den Hals und steckte die feine Uhr mit der altmodischen Kette zwischen die funkelnden Glasknöpflein der nach Art der Schneiderkleider ganz glatt gearbeiteten Taille. Danach setzte sie ein kleines, mit einem reichen Stutzreiher versehenes Kapothütchen auf, nahm den kostbaren Spitzenschal aus der Kommode und legte ihn um die Schulter.

Also geschmückt trat sie nochmals vor den alten, vergoldeten Spiegel des Schlafzimmers und besah sich. Da erblickte sie durch denselben mich in meinem einfachen, blauen Tuchkleid und rief: „A so willst vor dein Hochzeiter hinsteh? Was fallt dir denn ei! Daß er moana kannt, mir warn Bettlleut!“

Und eilig öffnete sie ihre Schmuckschatulle und behing mich mit einer köstlichen Halskette aus Granaten und Perlen, tat mir statt meiner kleinen Korallen schwere Perlgehänge in die Ohren und legte mir ein breites, protziges Armband an. Dann nahm sie einen alten Siegelring aus einem vergilbten Plüschkästlein, steckte ihn an und gab mir dafür ein mit Türkisen und Perlen besetztes Ringlein, das ihr mein seliger Vater einst geschenkt hatte.

„Den kannst glei b’haltn,“ meinte sie, „an dem liegt mir nix.“

Ich sagte ihr vielen Dank für das Geschenk; denn es war das Einzige, was von dem so furchtbar ums Leben Gekommenen noch vorhanden war. Ich hielt das Ringlein hoch in Ehren und habe es nachmals, als das Schicksal mir in meiner Ehe mein ganzes Hab und Gut nahm, unserer lieben Frau im Herzogspital auf den Altar gelegt; denn ich hätte es nicht über mich gebracht, es gleich den andern Kostbarkeiten dahingehen zu lassen.

In diesem reichen Aufputz begaben wir uns alsdann nach der Küche, wo der sehr gewählt gekleidete Freier schon mit einem prächtigen Strauß roter Rosen uns erwartete.

Als wir eintraten, sprang er von seinem Sitz auf und küßte der Mutter erst galant die Hand; dann gab er ihr die Blumen mit einer tiefen Verbeugung: „Nehmen S’ die Rosen als Dank, daß Sie mir heut die Ehr geben, mitzukommen, werte Frau Mutter!“ Hierauf begrüßte er mich mit einem flüchtigen Kuß ans Ohr, worüber ich mich höchlich verwunderte, da ich dergleichen weder in Geschichten gelesen, noch je selbst erlebt hatte. Dann zog er ein weißseidenes Schächtelchen aus der Westentasche und übergab es mir mit den Worten: „Heut feiern wir Verlobung, und da g’hört sich’s, daß ich der Braut was schenk.“

Erwartungsvoll öffnete ich das zierliche Kästlein; da blitzte mir ein herrlicher Brillantring entgegen. Da ich dergleichen auch noch nicht erlebt hatte, besann ich mich, was ich nun tun oder sagen sollte. Zum Glück fiel mir die Stelle eines Romans ein, an der so etwas vorkam, und ich machte es wie die Heldin des Buches: ich errötete, sah verwirrt zu Boden und flüsterte verliebt: „Ah, wie herzig!“ doch in meine gewöhnliche, natürliche Art verfallend fuhr ich fort: „Woaßt, Benno, so viel Geld hättst aber net ausgebn solln. Da werd si d’Muatta schö o’strenga müassn, daß s’ dir dös wieder ersetzt!“

Aber da kam ich schön an bei der Mutter.

„Dös war no dös besser!“ rief sie mit funkelnden Augen. „Moanst, i hab net scho lang g’sorgt, daß d’dein Breitigam a anständigs G’schenk gebn konnst! Hier, Herr Hasler, is Eahna Verlobungsring; i hoff, daß i net schlecht ei’kaaft hab beim Thomaß!“

Und damit zog sie aus der Rocktasche ein rotes Plüschetui und entnahm demselben einen recht ansehnlichen Solitär; den gab sie mir, indem sie mit vor Rührung bebender Stimme sagte: „Da, Leni, steck’n dein Herrn Breitigam o; hoffentli paßt er eahm!“

Obgleich mir diese ganze Szene wie eine Komödie vorkam, tat ich doch der Mutter ihren Willen und steckte meinem Verlobten den protzenhaften Ring an den kleinen Finger, an den er gerade paßte. Dann tat ich auch meinen Brautring aus dem Schächtelchen und schmückte damit meine rechte Hand.

Nachdem wir noch rasch einige Worte mit dem Vater gewechselt hatten, gingen wir. Doch an der nächsten Hausecke stand schon ein Wagen bereit, und der Benno hieß uns einsteigen, worauf wir nach den festlich geschmückten Räumen des Löwenbräukellers fuhren.

Während des von einer schier zahllosen Menge besuchten Konzerts kam ich nur wenig dazu, mich mit meinem Verlobten zu unterhalten; denn meine Mutter schwatzte ihm so viel vor von meinen allseitigen Vorzügen und guten Eigenschaften, daß er vor Freude über meine Tugenden ganz auf mich selber vergaß. Ich saß einsam auf meinem Platz an der Wand und betrachtete abwechselnd mein Brautringlein und das meines Vaters, oder ich ließ die Augen über die lärmende Menge gleiten und besah mir die vielen verliebten Mägdlein und ihre Herren, meist Unteroffiziere und Soldaten in den verschiedensten Uniformen, bis mich endlich die Mutter mit den Worten: „So, Leni, jetzt gehn ma!“ aus meinen Träumen aufschreckte.

Wieder nahm der Benno eine Droschke, und in rasselnder Fahrt ging’s nach Hause.

Daheim mußten wir uns noch zu ihm an den Tisch setzen, und bald klangen die Champagnergläser und ertönte das glockenhelle Lachen der Mutter. Der Vater war an diesem Abend auch sehr aufgeräumt und gab alle möglichen Schnurren zum besten, wobei der vor Glück strahlende Hochzeiter ihn eifrig unterstützte und an lustigen Einfällen fast übertraf.

Ehe wir uns trennten, wurde noch ausgemacht, daß ich am andern Tag den Eltern meines Bräutigams vorgestellt werden sollte, und die Mutter bat ihn, er möge daheim sagen, daß sie sich schon sehr auf einen Besuch der geschätzten Familie freue.

Mit nicht geringer Angst sah ich dieser Vorstellung entgegen und hatte eine schlaflose Nacht. Doch verlief das Ganze, wenn auch ziemlich zeremoniell, so doch recht gut, und es kam mir vor, als wollte eins das andere überbieten an Zuvorkommenheit und herzlicher Freundschaft.

Der Vater meines Hochzeiters, ein noch sehr rüstiger, hochgewachsener Mann von etwa sechzig Jahren, führte mich erst in die altmodische Wohnstube, die mich mit ihren sauberen Kattunbezügen über den behaglichen Polstermöbeln und den vergilbten Stichen an den mit einer großblumigen, verschossenen Tapete bekleideten Wänden und den freundlich blühenden Geranien am Fenster sogleich anheimelte. Die Mutter aber meinte, für einen so liebwerten Gast müsse man schon die gute Stube aufsperren und lief dann eilig in die Küche, um nach dem Kaffee zu schauen.

Sie war ein kleines, zusammengeschrumpftes Weiblein mit glattgescheiteltem Haar über der runzligen Stirn. Aus dem gelblichen, furchigen Gesichtlein blickten ein paar wasserhelle Augen forschend umher, und die rauhen, schwieligen Hände erzählten von rastloser Arbeit, deren Segen man überall in Haus und Geschäft wahrnehmen konnte.

Während die Frau Hasler geräuschvoll in der Küche herumhantierte, sorgte der Hausvater für die Unterhaltung, und ich ward nun inne, daß den eigentlichen Grundstein zu dem Reichtum und gediegenen Ruf der Familie die kleine Frau durch ihre Herkunft sowohl, als auch durch das ansehnliche Kapital, das sie dem Mann in die Ehe gebracht, gelegt hatte. Sie entstammte einer schon seit länger denn einem Jahrhundert allerorts als ehrsam und lauter bekannten Alt-Münchner Kaufmannsfamilie und hatte als vierundzwanzigjährige Jungfrau dem als Schreiner im Elternhaus tätigen, eben aus dem Feldzug zurückgekehrten Burschen ihre Hand gegeben, unbekümmert darum, daß er nur der Sohn einer dürftigen, alten Hebamme aus einem kleinen Dorf im Schwabenland war und außer einem Paar nerviger Fäuste und der Tapferkeitsmedaille nichts in die Ehe einbrachte.

Und sie hatte es nicht zu bereuen gehabt, daß sie dem heftigen Widerstand ihrer stolzen Eltern zum Trotz den stattlichen, dunkellockigen Hannes heiratete; denn er war ein heller Kopf und hatte schon als Kind seine zehn Geschwister sowohl an Klugheit, wie auch an Geschicklichkeit übertroffen. Sein Vater war schon in jungen Jahren zum Bürgermeister seines Orts gewählt worden, da er eine sehr rechtliche, gerade Natur und von männiglich geschätzt war. Doch hatte der sonst so fürtreffliche Mann einen einzigen Fehler: er trank. Das wurde ihm und der ganzen Familie zum Verhängnis; denn der Unglückliche ward von seiner unseligen Leidenschaft bald so weit gebracht, daß ihm kein Branntwein mehr genügte und er nicht nur alle Balsam- und Painexpellergläser leerte, sondern am Ende noch zum Petroleumkruge griff und Hofmannstropfen flaschenweise trank. Es dauerte nicht lange, so verlor er Amt und Würden und endete zuletzt als kaum vierzigjähriger Mann elendiglich in einem Schweinestall, darin er schon seit Monden hausen mußte, da er in seinem Rausche alles zerschlug und zerstörte, was ihm unter die Hände kam. Damals war der Hannes gerade zwölf Jahre alt geworden, und es hieß nun hinaus in die Welt und selber schauen, wie das Brot am besten für den Hunger ging. Also machte er sich mit vieren seiner Geschwister auf und zog mit ihnen gen München, wo ein jedes bald Arbeit fand. Die Mutter hatte zum guten Glück schon während ihrer traurigen Ehe sich im Ort ein sicheres, wenn auch beschwerliches Fortkommen geschaffen: sie war Kindlesfrau, so hieß man die Hebammen, geworden. Noch mit ihrem vollendeten neunzigsten Jahr hat sie ihrer bedeutend jüngeren Kollegin gar manche schwere Geburt abgenommen, und es kam nicht selten vor, daß ein Bauer stundenweit fuhr und die alte, halbblinde Haslermutter holte, während in seinem Orte irgendeine tüchtige, junge Hebamme das Nachsehen hatte.

Indes der Hausvater mich also unterhielt und allmählich immer mehr in Wärme geraten war, kam die Frau wieder zu uns herein und bat uns in die gute Stube zum Kaffee. Sie hatte sich inzwischen in Staat geworfen und prangte in einem altmodischen Gewand aus starrer, violetter Seide, das bei jeder Bewegung bald rötlich, bald grau schimmerte und dessen Jacke mit vielen Rüschen und langen Schößen geziert war.

Mein Verlobter hatte sich für diesen Nachmittag von seinem Herrn Urlaub erbeten und kam nun gerade recht nach Hause, den Kaffee mit uns zu trinken. Er nahm meinen Arm und führte mich in die Ehrenstube, deren Möbel alle aus Kirschbaumholz gefertigt und mit dunklen Ornamenten eingelegt waren. Die ganze Einrichtung stammte noch von den Eltern der Frau Hasler, wie der Benno mir berichtete. Auf dem sauber gedeckten Tisch standen zierliche Tassen und Kannen, deren eine jede in einem bunt gemalten Kranz die goldene Inschrift trug: Lebe glücklich!

Wir tranken nun vergnüglich Kaffee, und mein Verlobter sprach viel von meinen guten Eigenschaften, von seiner schönen Stellung, seiner gediegenen Herkunft und von baldigem, sicheren Eheglück. Dann brachte er mich wieder nach Hause, nachdem ich mir noch das Versprechen der beiden alten Leute hatte geben lassen, daß sie uns am folgenden Sonntagnachmittag mit ihrem Besuch beehren würden.

Dies taten sie auch. Pünktlich um die angegebene Stunde fuhr ein Fiaker am Hause vor und heraus sprang mein Hochzeiter und half seinen Eltern beim Aussteigen.

Ich hatte schon vormittags genaue Weisung von der Mutter erhalten, wie ich sie zu empfangen hätte: also eilte ich geschwind von der Wirtsküche auf die Straße, reichte jedem die Hand und sagte: „Guten Tag, Frau Mutter und guten Tag, Herr Vater! Grüß Gott, Herr Benno! Die Mutter hält’s für a große Ehr, daß S’ uns die Freud machen und a Tass’ Kaffee bei uns trinkn. Bitt schön, kommen S’ nur glei mit ’rauf in d’Wohnung, d’Mutter is scho drobn!“

Und nun führte ich alle drei nach der im ersten Stockwerk gelegenen, für den hohen Besuch frisch gestöberten und geschmückten Wohnung, wo die Mutter in ihrem nobelsten Aufputz aufgeregt durch alle Zimmer lief und bald ein Deckerl anders legte, bald ein Stäubchen wischte oder umständlich ihr Spiegelbild betrachtete.

Als sie uns kommen hörte, ging sie mit steifer Würde auf die beiden Alten zu, reichte ihnen mit ausgesucht höflicher Verbeugung die Hand und sagte: „Herr Hasler, Frau Hasler, dös freut mi! Derf i vorausgeh? Kommen S’ nur ’rei in Salon und nehman S’ Platz! ... Herr Benno, mögn S’ net auf’n Divan hintre mit der Leni!“ Und geschäftig rückte sie den Tisch zur Seite und bot jedem seinen Platz an; dann trat sie unter die Tür und rief: „Rosl, an Kaffee ’rei! Nehman S’ dö silberne Plattn zum Kuchn!“

Während sich nun eine lebhafte Unterhaltung über die gleichgültigsten Dinge entspann, betrachtete bald der Vater, bald die Mutter meines Verlobten die protzige Einrichtung des Salons und sie wechselten von Zeit zu Zeit verstohlen Blicke der Befriedigung; und als die Augen des Alten auf das Klavier fielen, fragte er, wer darauf spiele. Die Mutter sagte stolz: „Mei’ Leni kann’s; i hab’s ihr lerna lassn, daß s’amal ihren Mann unterhaltn ko. Geh, Leni, spiel deine zukünftign Schwiegereltern oan auf! Vielleicht an Bienenhausmarsch oder ’s Glühwürmchenidyll, oder was die Herrschaften sonst gern hörn!“

Ich setzte mich an das Instrument und spielte etliche Stücke, wie sie mir gerade einfielen. Da ging die Tür auf und herein kam der Vater, begrüßte die Familie Hasler und sagte: „I hab der Kathi g’sagt, sie soll dö paar Halbe Bier hergebn, die jatz gehn, daß i aa a bisl raufschaugn ko zu dö Herrschaftn ... No, wia steht’s werte Befinden? — Scheene Tag hama allweil jatz. — Warn S’ scho auswärts heuer? — Bei dem warma Weeder macht a jeda a G’schäft vo dö auswärtign Wirt. — Hast no an Kaffee, Muatta?“

Damit setzte er sich und begann von dem zu reden, was bis dahin ein jedes wie auf Verabredung vermieden hatte, von unserer bevorstehenden Heirat.

„Dös hat si ganz unverhofft g’schickt!“ meinte er, zu dem alten Hasler gewendet. „Mir ham’s glei gar net glaabn könna, daß ma d’Leni wirkli scho herlassn solln.“

„Ja, dös is wahr;“ fiel ihm die Mutter ins Wort, „so geht’s zua in der Welt! Will ma selber no net zu dö Alten g’hörn, derweil hat ma scho heiratsfähige Kinder!“

„Oho!“ rief da der Benno. „Jetzt möcht gar d’Frau Zirngibl aa schon vom Alter redn und schaut aus, wie a eiserne Venus, so g’sund und so sauber. Der Zirngiblvater kann stolz sei auf so a Frau!“

Geschmeichelt lächelte die Mutter, und auch der Vater hörte diese Lobrede wohlgefällig an. Die alten Haslerleute aber warfen ihrem Sohn halb ärgerliche, halb verlegene Blicke zu, und es entstand eine kleine Pause, die ich rasch benützte, den Benno zu mir an ein kleines Tischlein zu ziehen, wo ich meine Erinnerungen und Andenken aus der Klosterzeit aus einem kleinen Kästlein kramte. Dabei fielen meinem Verlobten etliche Briefe und Karten auf, die sämtlich die Adresse trugen: An die Jungfrau Magdalena Christ, Kandidatin bei den Josefschwestern zu Bärenberg.

Auf seine Frage, ob die Briefe einer Freundin gehörten, erwiderte ich ihm: „Naa, naa! Dös san lauter Briaf an mi!“

Erstaunt sah er mich an, und auch am Tisch wurde man aufmerksam, so daß ich mich an die Mutter wandte: „Denkn S’ Eahna, Mutter, der Benno woaß net amal mein rechtn Namen!“

Mit hochrotem Kopf saß die Mutter da, und Zorn und Verlegenheit kämpften sichtbar auf ihrem Gesicht, während sie zögernd sagte: „Ja, mei lieber Gott! Dös wissen dö wenigsten Leut, was für a Unglück mi scho in meine jungen Jahr troffn hat; dös erzählt ma net so mir nix, dir nix an jeden, der daher kommt!“

Sie konnte nicht mehr weiter reden; ein heftiges Schluchzen erschütterte ihren Körper, während sie von Zeit zu Zeit einen wütenden Blick zu mir hinüberwarf. Die Familie Hasler aber saß starr und stumm da und blickte fragend von einem zum andern.

Da ergriff der Vater rasch das Wort und sagte: „Da brauchst net z’woana, Muatta; deswegn is dir aa no koa Perl aus da Kro’ g’falln. Und was d’Erziehung und dös ander betrifft, hat si no nie nix g’feit. A jeder ko froh sei, wann er so a Madl zum Heiratn kriagt!“

Erst jetzt begriffen die Haslerischen den Sachverhalt, und die Frau rief mit kläglicher Stimme: „Ja, was is denn net dös! Na is also d’Leni gar net von Eahna, Herr Zirngibl?“

„Naa. Der Leni ihra Vata is damals bei dem großen Schiffsunglück, wo dö englischn Hund den scheena Dampfer Cimbria a so o’gfahrn ham, daß’n glei da Deixl g’holt hat und d’Leut allsam dasuffa san, aa dabei g’wen. Der hat sein Ruah! Und da hab halt i d’Muatta g’heirat.“

Schweigend hatten alle zugehört, und endlich begann der alte Hasler: „No ja; in Gott’s Nam’! Sell isch au di g’fährlichscht Sünd no nit, daß e so e saubre Frau amal was Kloins kriagt! Im übrige ischt’s mir ja ganz gleich, ob’s Mädle lediger Weis’ isch dag’wesa oder von der Eh; d’Hauptsach isch halt, daß sie e aaschtändige Mitgift ei’bringt!“

Jetzt hatte sich auch die Mutter wieder erholt und schilderte nun in beweglichen Worten, wie sie mich ausstatten wolle und daß sie jederzeit da wäre, wenn’s einmal drauf ankäme. Der Vater aber sagte kurz: „Zwegn der Mitgift braucht koa Hochzeiter a Sorg z’habn. D’Leni hat bei dreiß’gtausend Mark Muatterguat und vo ihran Vatern achtausend Mark ausg’machts Geld auf der Bank. Und wenn amal d’Not an sie kam, na war allweil i aa no da; vorläufig kann i ihr allerdings vo mir no nix gebn; dös steckt alls im G’schäft drin.“

Während dieser Rede war die Wolke, die unheildrohend auf der Stirn der alten Haslerin gestanden, von ihr gewichen und das sonnigste Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Auch der Herr Hasler rieb sich vergnüglich die Daumenballen und sagte bloß: „Scheen, guat, isch ja sehr aagenehm!“

Der Benno aber, der zuvor, als meine Abkunft an den Tag kam, sich auf einen von mir ziemlich entfernten Stuhl gesetzt hatte, kam jetzt mit zärtlicher Miene auf mich zu und sagte, indem er mich um die Hüfte nahm, leise: „Du glaabst gar net, Lenerl, wie gern i di hab!“

Und in heiteren Gesprächen verfloß die Zeit, bis die Mutter um fünf Uhr zum Vater sagte: „Josef, jatz werd’s Zeit ins G’schäft!“

Da brachen die Haslerischen auch auf und empfahlen sich mit großer Höflichkeit.

Nun war ich also Bennos Braut und lebte im übrigen wie zuvor.

Die Hochzeit war auf den Herbst festgesetzt worden, und der Benno eilte mit viel Fleiß von Amt zu Amt, um die zur Heirat notwendigen Schriftstücke zusammenzubringen. Der alte Hasler kündigte einer schon lange Jahre in seinem Haus wohnenden alten Jungfer die Wohnung und ließ viel Arbeitsleute kommen. Die Wände wurden tapeziert, die Böden frisch lackiert; in die Küche kam ein neuer Herd und in die Kammer daneben ein Bad. Die Frau Hasler stand bei größter Sommerhitze auf der Altane und füllte Kissen und Betten mit Flaum und zeigte den Nachbarn die Größe der mütterlichen Liebe, die nicht bloß zusieht, wie das Kind, das nun dem Nest entflogen, sich in der neuen Lebenslage zurechtfindet, sondern die in Beherzigung des Wortes „Wer sich gut bettet, liegt gut“ sorglich ihr Teil dazu beiträgt, daß dessen Lebensbett ein lindes werde.

Mein Vater ließ den Schreiner kommen und bestellte die Möbel, nachdem er sich die für uns bestimmte Wohnung angesehen hatte. Alles sollte altdeutsch werden, und die Schränke sollten Spiegel haben und ein jedes Stück noch einen Muschelaufsatz. Der alte Tapezierer Fünffler mußte für die Polster sorgen und den Divan samt den Stühlen nebst einem kleinen Kanapee anfertigen.

Die Mutter aber lief zum Nachbar Glaser und erstand das Neueste an buntem Porzellan, an irdenem Geschirr und Gläsern.

Dann kam der Tag, an dem sie ging, das Brautkleid einzukaufen. Da mußte ich zur alten Haslerin und diese bitten, daß sie uns die Liebe tät und mitginge, den Stoff zu kaufen, was sie mir versprach.

Also machten sie sich auf den Weg, eine jede starrend in Seide und blitzend im Schmuck der Nadeln, Ringe und Spangen, die an Glanz wetteiferten mit den langen Perlenfransen der Mantillen und Kapothütchen.

Erst spät abends kamen sie heim, und ich vernahm, daß nun alles eingekauft sei, dessen ich als Braut bedürfe, um zu glänzen. Ich erschrak beinahe, als ich von der Mutter hörte, daß mein Brautkleid von Seide wäre und der Zeug allein schon mehr denn hundertfünfzig Mark gekostet hätte. Ich vergaß darüber ganz und gar den Dank, so daß die Mutter sehr entrüstet ward und rief: „Woaßt net, was si g’hört, du Hackstock? Gibt ma so viel Geld aus für dös G’stell und kriagt net amal an Dankschö’ dafür!“

Da kam ich erst wieder ein wenig zu mir und sagte halblaut: „Dank schö, Mutter, so was hätt’s net braucht.“

„So, dös hätt’s net braucht! Moanst vielleicht, i laß mi lumpn und oschaugn von dö Haslerischen? Hab’s scho g’sehgn, wie s’ d’Letschn hat hänga lassn, weil i z’erscht g’moant hab, a Schlepp war net notwendi; aber jatz hab i so viel kaaft, daß d’an meterlanga Schwoaf hint nachiziagst!“

Ich wußte nicht viel darauf zu antworten und empfand im Grunde wenig Freude über den Prunk, in den man mich stecken wollte. Als ich jedoch nachher das schwere, glänzende Gewebe sah, regte sich meine Eitelkeit doch, und ich dachte, wie die in der Nachbarschaft wohl schauen würden, wenn sie mich in dieser Pracht erblickten. Ich trug den Stoff alsbald zur Nähterin, die mir einen Arm voll Modeblätter mit nach Hause gab zur Durchsicht, damit wir wählten, was uns gefiele. Ich suchte mir ein sehr einfaches Bild zum Muster aus und bat die Mutter, sie möchte das Gewand nach diesem machen lassen, was sie mir zusagte.

So waren die Tage der Brautzeit immer mehr ihrem Ende zugegangen, und es war nun an uns, zum Pfarrer zu gehen, das Stuhlfest zu feiern.

Also meldete mein Verlobter an einem Oktobersonntag nach dem Gottesdienst in der Sakristei unserer Pfarrkirche dem alten einäugigen Meßner, daß wir am nächsten Tage zum Herrn Pfarrer kämen, damit er uns in allem unterweise, was für den Stand der christlichen Ehe von Nutz und Frommen sei.

Hand in Hand schritten wir denn andern Tags gegen elf Uhr mit klopfendem Herzen durch die Straßen und zögernd stiegen wir im Pfarrhause die breite Treppe hinauf zur Tür, hinter der ein wirres Durcheinander von Kinderstimmen zu hören war. Im gleichen Augenblick stürmten etwa zehn Schulkinder jubelnd und lärmend aus der Wohnung und schwangen im Triumph bunte Heiligenbilder, die sie gewiß als Lohn für gute Antworten in der Religionslehre erhalten hatten. Hinter ihnen erschien lächelnd der noch ziemlich junge Pfarrer und mahnte: „Kinder, tut’s schö stad sei; pfüat euch Gott und tut si koans derfalln! So, pfüat Gott, so!“

Da erblickte er uns: „So, so! ... Grüß Gott, Leutln! ... So, geht’s nur glei da rei; so ... Ja, jetz san ma also da, so ... So, sitzt’s euch nur glei da her, so!“

Und sorglich führte er uns zu einer Fensternische, die eigens zu dem Zweck, der uns hingeführt, gemacht schien. Ein kleiner Sammetdivan stand in der Ecke, darauf wir Platz nahmen; vor uns ein Tischlein, auf dem nichts als ein kleines Buch lag. Davor stand ein bequemer Armstuhl, der für den Priester bestimmt war.

Da saßen wir nun mit seltsam bewegtem Gemüt. Ein leichter Duft von Weihrauch umgab uns; die Sonne schimmerte durch die großen Glasbilder, die an den Fenstern hingen, und ließ die reichen Blumenstöcke bald in bläulichem, bald rotem Licht erglänzen. Auch zu dem blassen Herrgott, der an einem hohen Kruzifix aus schwarzem Holze hing, huschte einer von den roten Strahlen und gab dem Gottessohn ein Kleines seiner Wärme und beinahe einen Hauch von Leben.

Stumm blickte ich bald auf den Pfarrer, bald auf die lebensgroße Statue des Jesukindes, die zwischen Blumen und Kerzen in einer Ecke stand. Dann schielte ich verstohlen hin zum Benno: der saß etwas gebeugt und Tränen rannen ihm über sein Gesicht.

Nun begann der Priester seine Lehre: erst gab er uns den Segen, dann führte er uns im Geist zurück zu den ersten Menschen, zur ersten Ehe im Paradiese; hierauf gab er uns alle jene Mahnungen und guten Lehren, deren junge Eheleute bedürfen. Vor allem aber bat er uns, die Tage vor der Trauung nichts zu tun, was gegen Sittsamkeit verstoße, und in der Ehe Gottes Segen nicht durch Anwendung von irgendwelchen Schutzmitteln freventlich zu hemmen oder zu vermindern; denn das sei ja der Kern der Ehe, daß die Welt durch sie bevölkert bleibe. Nach diesen Unterweisungen fragte er den Benno: „Also, Herr Hasler, nachher kannt ma am Sonntag scho zum erstenmal verkünden, so, und nachher setz’ ma glei die Trauung fest. Wie moanatn S’, Herr Hasler, wenn ma den zwoatn Deanstag im November nahm?“

Mein Hochzeiter, der während der Ansprache des Herrn Pfarrers wiederholt in Schluchzen ausgebrochen war, trocknete nun seine Tränen und erwiderte: „Jawohl, Herr Hochwürden; am zweiten Dienstag im November is uns scho recht. Aber i möcht halt bitten um a g’sungene Mess’ und daß uns halt der hochwürdige Herr Pfarrer d’Liab tät, selber die Trauung z’machen. Es wär halt a recht große Ehr für uns, und auch der Vater moant, es wär viel feierlicher, wenn der Herr Hochwürden d’Traumess’ haltet.“

Der Pfarrer sagte ihm dies zu, und nachdem er uns noch aufgetragen hatte, den Tag vor der Hochzeit eine Lebensbeichte abzulegen und am Hochzeitsmorgen noch die Kommunion zu empfangen, gab er uns den Segen und geleitete uns dann bis zur Gangtür.

Wie von einer großen Last befreit, atmete ich auf, als wir draußen waren, und übermütig sprang ich die Stiegen hinab und auf die Straße. Der Benno aber war sehr ernst und schüttelte den Kopf, als er meine Ausgelassenheit sah, und während ich mit tänzelnden Schritten und lebhaftem Geplauder dahineilte, schritt er beinahe bedrückt neben mir her und sah mich schweigend an. Da schob ich lachend meinen Arm in den seinen und rief: „Juhu, g’heirat werd! Da derf i mit der Scheesn fahrn und hab an Schlepp und a seidens G’wand, juhu!“

Etwa eine Woche vor dem Hochzeitstage kamen die Handwerksleute und meldeten, daß sie mit allem, was ihnen aufgetragen worden, fertig seien.

Also mußten nun die Möbel in die für uns bereitete Wohnung gebracht werden, und ich erbat mir deshalb von der Mutter die Erlaubnis, etliche Tage vom Geschäft wegbleiben zu dürfen. Da stieß ich zum erstenmal seit langem wieder auf heftigen Widerstand, und die Mutter begann zu fluchen und zu schelten und machte mir die gröbsten Vorwürfe, daß ich jetzt, wo ich endlich etwas taugte, heiratete.

„Und i leid’s einfach net, daß d’gehst! Dös war dös rechte! I kannt mi dahoam darenna vor lauter Arbat und dö gnädi Fräuln laafat furt und tat d’Wohnung eirichtn. Sag’s nur dö Haslerischen! Dö ham mehra Zeit wie mir; dö solln si um d’Wohnung kümmern! I muaß alles zahln, drum verlang i aa, daß d’dafür arbatst!“

Ratlos schlich ich davon und besorgte, es möchte der Tag meiner Hochzeit kommen und ich hätte nichts gerichtet, worin wir wohnen und schlafen könnten. In meiner Not ging ich zum Vater und bat ihn um seine Fürbitte, und nun konnte ich wenigstens für einen Tag Urlaub bekommen.

Ich ging also in aller Früh schon fort und trat bei der Familie Hasler eben in dem Augenblick in die Stube, als der Benno seinen Hut vom Nagel nahm und in das Geschäft wollte. Als ich berichtete, wie schwer ich von zu Hause fortgekommen sei, meinte er: „Da muß i glei dahoam bleibn, daß ma heut no ferti wer’n; i möcht net habn, daß dei Mutter harb werd.“

Also blieb er bei mir, und wir begannen sogleich unsere Arbeit. Erst stellten wir alles das auf, was in die Schlafstube gehörte, wobei wir beinahe in Streit gekommen wären, da der Benno haben wollte, wir sollten die beiden Betten zusammenrücken, ich sie aber gern getrennt gehabt hätte. Doch gab ich endlich nach, nachdem mich mein Verlobter auf die Worte des Pfarrers: „Das Weib muß dem Mann gehorchen“ hingewiesen hatte.

Gegen Mittag hatten wir ein Zimmer fertig, und ich wollte nun nach Hause gehen zum Essen; doch gaben die alten Haslerleute keine Ruhe, bis ich blieb.

Nachmittags räumten wir dann die Wohnstube ein; doch kamen wir zu keinem Ende, da ein jedes die Dinge nach seinem Kopf gestellt haben wollte. Daher ließ ich den Benno bei seiner Arbeit allein und ging in die Küche, wo Geschirr und Bilder, Möbel und Nippsachen, Spiegel und Stellagen bunt durcheinander standen und lagen.

Nach wenig Stunden wurde es dunkel, und ich war noch nicht einmal zur Hälfte fertig mit meiner Arbeit. Da kam mit einemmal eine große Traurigkeit über mich, und ich setzte mich in einer Ecke auf einen kleinen Hocker und begann zu weinen. Die Unordnung ringsum bedrückte mich, und alles kam mir so fremd und unwirtlich vor und ich empfand plötzlich eine große Furcht vor dem Heiraten.

Währenddem war es ganz finster geworden, und ich stand auf und ging in die Stube, wo ich den Benno gelassen hatte. Da war sie leer. Ich ging in das Schlafzimmer, doch auch da fand ich ihn nicht. Nun wollte ich hinuntergehen zu den Eltern Bennos; da fand ich die Wohnungstür verschlossen und war also eingesperrt. Ratlos stand ich da und wußte nicht, was ich beginnen sollte. Es fiel mir nicht ein, daß ich ja nur ein Fenster zu öffnen brauchte und auf die Straße zu rufen; vielmehr ging ich wieder zurück in die Schlafstube, legte mich auf ein Bett und weinte bitterlich. Da hörte ich aufsperren, und es kam der alte Hasler mit einem Licht und wollte sich unser Werk beschauen. Er erschrak gar sehr, als er mich so trostlos hier fand, und ich erfuhr nun, daß der Benno geglaubt hatte, ich sei im Zorn fortgelaufen, und er hatte deshalb gar nicht weiter nach mir gesehen.

Als ich daher mit dem alten Hasler eine Weile später drunten in die Wohnstube trat, war große Freude über den guten Ausgang dieser Geschichte.

Spät abends brachte der Benno mich nachhause und bat die Mutter, sie möge mich doch noch einen oder zwei Tage fort lassen.

Mit süßsauerem Lächeln erwiderte sie: „Ja, ja, sie kann scho geh vo mir aus; jatz muß i mi alleweil scho dro g’wöhna, ohne Hilf z’sei. Dös is scho was alt’s, daß d’Kinder, wann s’ oan gnua kost’ ham, davolaafn und heiratn!“

Wir bedankten uns für die Erlaubnis, und am andern Morgen machte ich mich wieder auf den Weg, ohne vorher etwas zu essen. Als ich daher von der Frau Hasler zum Kaffee geladen wurde, nahm ich dies gern an, sagte aber, daß ich mittags heim ginge; denn ich befürchtete, es möchte ihr zu viel werden.

Der Benno war schon in aller Früh zu seinem Herrn ins Geschäft gegangen, ihn um Urlaub zu bitten, bis wir eingerichtet wären. Nun kam er, und wir begannen wieder unsere Arbeit. Es ging uns jetzt alles gut von statten, da ich zu müde war, um noch länger zu streiten, und mir vorgenommen hatte, nach der Hochzeit doch alles so zu richten, wie es mir gefiel.

Am Mittag wollte ich dann heimgehen, vorher aber gab es noch ein kleines Unglück.

Mein Hochzeiter war über unsere Arbeit so erfreut, daß er mich mit einem Male um die Hüften faßte, mit mir in der Stube herumtanzte und am Ende mich in die Höhe hob und auf den Divan fallen ließ. Ich hatte schon während des Aufhebens heftig gezappelt und kugelte nun beim Fallen vom Divan herab und gerade hinein in einen schönen, großen Spiegel, den ich kurz zuvor darangelehnt hatte. Er ging in Scherben, und es kostete mich nicht geringe Mühe, aus dem Rahmen, in dem ich saß, herauszukommen. Die Holzwand war durchgebrochen und die beiden goldenen Amoretten, welche den Rahmen zierten, standen nun auf meinem Rücken und hielten mit Anmut das goldene Wappen. Der Benno war erst wie erstarrt; als ich aber unter großem Jammer begann, mich von der unbequemen Einrahmung zu befreien, brach er in so lautes Gelächter aus, daß ich in heftigsten Zorn geriet und schwur, ich würde ihm den ganzen Spiegel an den Kopf werfen, wenn ich nur erst heraußen wär. Zum Glück hatte ich keine Verletzung davongetragen, und als mir der Benno herausgeholfen hatte und sich nun selbst hineinsetzte, um mir das komische Bild zu zeigen, da mußte auch ich lachen. Die alte Haslermutter freilich war sehr erschrocken, als sie’s vernahm, und prophezeite uns, daß wir nun sieben Jahre kein Glück hätten, worüber ich wieder hellauf lachen mußte. Ob nicht doch ein Körnlein Wahrheit in dem Worte lag?

Mein Verlobter begleitete mich heim und trat gleich in das Gastzimmer, um rasch ein Glas Bier zu trinken; ich aber ging in die Küche. Als ich die Mutter grüßte, dankte sie mir nicht und fragte nur: „Was willst?“

Ich sagte, daß ich zwar zum Essen geladen worden wäre, es aber ausgeschlagen hätte. Da schrie sie: „Also was z’essen möchst! Sonst fallt dir nix ei! Dös war no dös schönere; an ganzn Tag rum z’vagiern und dahoam ’s Essen z’verlangn! Nix da! Wannst net bei mir arbatst, hast aa nix z’fordern von mir. Laß di nur von dö Haslerischen fuattern!“

Ich gab ihr keine Antwort mehr darauf, sondern lief in die Gaststube und sagte mit vor Erregung heiserer Stimme zum Benno: „Komm, gehn ma! Rasch!“

Auf der Straße erst erzählte ich dem aufs höchste Erstaunten und Erbitterten den Vorfall.

Als wir nachher bei seinen Eltern zu Tisch saßen und ihnen berichtet hatten, wie es mir ergangen, da meinte der alte Hasler: „So was isch aber do scho ganz aus dr Weis’! Da mögscht ja glei e Narr wera! Was ha i dr g’sagt, Benno; da hascht es jetzt. I ha’s ja allweil g’sagt: e Mädla aus’m Gaschtlokal isch e Stückle vom a Saustall! Jetzt ka’scht luadrige Tag grad gnua kriege. Am brävschte wär’s halt, wenn d’heut auf d’Nacht hi’fahrn tätsch’ und alls rückgängig mache!“

Da sprang der Benno auf und schrie überlaut: „So! Was fallt dir denn ei, Vater! Was kann denn ’s Madl dafür, daß s’ so a narrische Muatta hat! Naa, so viel Ehrenmann bin i allweil no, daß i woaß, was si g’hört! I heirat, und geht’s wie’s mag!“

Nun mischte sich auch die alte Mutter in das Gespräch: „Gar so unrecht kann i ja der Frau Zirngibl net gebn, Vater; du mußt allweil bedenkn, daß d’Leni ledi is!“

„Ja, ledig, dies isch scho recht; aber ’s Fressa braucht ma au em ledige Kind it vorz’werfe!“ ...

Mitten im Reden brach er ab und sah auf mich. Ich war völlig ohne alle Fassung dagesessen und große Tränen rannen mir über die Wangen; doch sagte ich kein Wort und stand nur nach einer Weile auf und ging wieder in mein werdendes Heim. Dort setzte ich mich neben dem zerbrochenen Spiegel auf einen Stuhl und bedachte zum erstenmal den Schritt, den ich mit meiner Heirat zu tun im Begriff stand. Ich sah jetzt ein, daß ich von den Schwiegereltern nicht viel Liebe zu erwarten hatte; daß mein Gatte heute für mich eintrat, gab mir nicht die sichere Gewähr, daß dies auch morgen noch geschehe; daß ich aber trotzdem nicht mehr zurücktreten durfte, wenn ich nicht der gröbsten Schmähungen von seiten meiner Mutter gewärtig sein wollte, stand fest bei mir. Es bedrückte mich zwar das rauhe Wesen meiner Mutter, doch mehr noch ängstigte mich das unbekannte und doch naheliegende Schicksal, das mich in meiner Ehe erwartete.

In dieser trüben Stimmung begab ich mich ins Schlafzimmer, wo ein großes Bild der Mutter Gottes hing. Dort setzte ich mich auf den Rand eines Bettes und redete mit dem Bild: „Liabe Muatta Gottes, hilf mir do in dera Angst. Laß mi net z’grund geh; sag’s dein Sohn, daß er’s recht macht!“

Da tönte die Klingel der Haustür, und es kam mein Verlobter. Wir sprachen nichts mehr über das Vorgefallene und arbeiteten den ganzen Nachmittag fleißig. Abends gegen sechs Uhr wollte ich aufhören, doch hatte ich mir vorgenommen, nicht heimzugehen, sondern in einem der neuen Betten zu schlafen. Ich sagte dies dem Benno, und er meinte auch, daß es besser wäre, wenn ich heute nicht heimginge. Also bereitete ich mir noch eins der Betten für die Nacht. Als es nun so frisch gerichtet war, meinte mein Verlobter, ich sollte es doch einmal mit ihm probieren, wie sich’s in den neuen Betten schlafe. Ich aber wies ihn streng zurecht und gab trotz der Versicherung, daß wir es ja leicht noch beichten könnten, nicht nach. Schmollend ging er hinaus und nahm mir meine Weigerung recht übel. Vielleicht trug er auch einen Groll gegen die kirchlichen Ehegesetze in sich, weil sie dem Mann nicht auch in diesem Fall die Durchsetzung seines Willens gestatteten.

Da ich befürchtete, er könne sein Begehren, wenn ich da schliefe, noch stürmischer wiederholen, so machte ich mich bald auf den Heimweg.

Als ich in die Küche trat, sagte mir unsere Magd, daß die Nähterin soeben mit der Mutter in der Wohnung droben sei; sie hätte das Brautkleid gebracht. Ich konnte aber keine Freude darüber empfinden, und nicht einmal die Erzählung des Mädchens, daß das Kleid eine lange Schleppe habe, bereitete mir Vergnügen. Mißmutig schnitt ich mir ein Stücklein Wurst ab und aß, ohne mich zu setzen.

Da kam die Schneiderin mit der Mutter herein und rief, als sie mich erblickte: „Ah, da is ja d’Fräuln Leni scho! Jetz kannt ma glei no schaun, ob’s Brautkleid aa paßt!“ Und ich mußte mit ihr in die Wohnung hinaufgehen und das Gewand anziehen. Es sah recht nobel aus, doch paßte es nicht gut und war der Kragen viel zu eng. Ich bat sie daher, das Kleid wieder mitzunehmen und zu richten, was sie auch tat.

Als ich nachher wieder hinunter kam, war der Benno gekommen und saß mit etlichen seiner Freunde in der Gaststube, gerade dem Fenster gegenüber, aus dem man die Speisen in die Stube langte. Er grüßte mich freundlich und winkte mir zu, aber ich ging nicht hinein, sondern setzte mich an die Anricht und begann für den kommenden Tag Gemüse zu putzen. Die Mutter saß nahe bei dem Ausgang, der in die Schenke führte, und hatte eine Zeitung in der Hand, doch las sie nichts und blickte von Zeit zu Zeit zornig auf mich. Mit einem Mal sprang sie auf und schrie mich an: „Du unverschämts Frauenzimmer, woaßt net, was si g’hört? Hast du koan Dank für dei Mutter? Moanst leicht, i war dir’s schuldi, daß i dir a seidas hab kaaft!“

Ich blickte sie erschrocken an und wollte eben erwidern, daß ich es ja noch gar nicht hätte, da fuhr die Mutter aufs neue heraus: „Umanander renna, d’Gnädige spieln und dabei d’Letschn hänga lassn, dös kann’s; aber dir treib i’s aus, du Herrgottsakramenter!“ Und ehe ich mich versah, hatte sie den Schürhaken ergriffen und mir denselben etliche Male um die Schultern geschlagen.

Ich sprang auf und rief: „Aber Mutter! Denkn S’ doch, daß i Braut bin!“

Da kam sie in eine furchtbare Wut; sie faßte mich an den Haaren und riß mich herum, gab mir etliche Ohrfeigen und stieß mich schließlich mit dem Schrei: „Geh nei zu dein Kerl, G’stell, verfluchts! Moanst vielleicht, i fürcht mi vor dem Bürscherl!“ in die Gaststube hinein.

Da sprang mein Verlobter auf, stürzte in die Küche hinaus und schrie: „Frau Zirngibl, dös is a Saustall, wie Sie mit meiner Braut umgehn! Schamen S’ Eahna! Sie führn Eahna ja auf wie a Zigeunerin!“

Mein Vater hatte mich, als ich so in die Stube flog, sogleich beim Arm gefaßt und trat nun mit mir in die Küche, als eben der Benno so laut das Benehmen der Mutter geißelte. Und als die Mutter gerade wieder begann zu toben, rief der Vater dazwischen: „Was is denn dös für a Wirtschaft! Kannst di jatz du gar net a weng eischränka, Muatta?“

Der Benno aber fluchte und rief: „Dös war ma dös Rechte! Sofort muß ma d’Leni aus’m Haus! Koa Minutn laß i’s mehr bei so ana Megärn! Dös war dö recht Zigeunerwirtschaft!“

Aber die Mutter fuhr ihn an: „’s Maul halten, Rotzlöffel! Dö bleibt ma da! Und wann’s ma net paßt, na derf s’ ma aa net heiratn! Dös kannt enk passen, scho vor der Trauung z’ammz’hocka in Konkubinat! Sie san a ganz a feiner, Sie Rotzer! Moanen S’ vielleicht, i kriag koan andern Schwiegersohn mehr als Eahna? Da brennan S’ Eahna! I ko mei Tochter gebn, wem i will, verstanden!“

In maßloser Wut hatte der Benno bei diesen Schmähungen gestampft und geflucht, jetzt aber faßte er mich rauh am Arm und schrie: „Marsch, du gehst ma sofort aus dem Haus, wannst willst, daß i di heirat!“

Da trat der Vater abermals dazwischen, drückte die Mutter auf einen Stuhl, schob den Benno in die Gaststube und schickte mich zu Bett; dazu sagte er bloß mit seltsam bewegter Stimme: „Bringt’s mi do net um alles! Mei ganz’ Renomee is beim Teufl durch enkern Saustall; seids g’scheit und hüt’s enker Zung! Geh Benno, gib aa wieder an Fried!“

Grollend ging der Benno wieder in die Stube, die Mutter machte einen kleinen Spaziergang in den Hof und ich ging zu Bett.

Am andern Tag schien alles wieder gut zu sein, und ich machte mich auf den Weg, meine Wohnung vollends zu richten.

Das war drei Tage vor meiner Hochzeit. Es gab immer noch viel zu tun, wenn ich alles gut instand setzen wollte, und ich arbeitete ohne Rast bis zum späten Nachmittag.

Als ich endlich fertig war, richtete ich noch die Öfen her, daß ich sie beim Einzug nur anzuzünden brauchte. Dann eilte ich heim, ohne noch zu den Haslerischen zu gehen; denn ich schämte mich sehr wegen der traurigen Szene am Tag vorher.

Als ich heimkam, trat ich mit freundlichem Gruß in die Küche und sagte: „So, jetz bin i ferti. Wenn S’ vielleicht Lust hätten, Mutter, daß Sie’s Eahna anschaun möchtn, tat’s mi freun!“

Ich bekam keine Antwort und wußte also, daß ich, wenn nicht abermals etwas Unliebsames vorkommen sollte, gehen mußte. Daher sagte ich bloß noch: „Gut Nacht!“ und ging dann zu Bett.

Am andern Tag wollte ich mein Geld von der Sparkasse abholen und kleidete mich daher schon früh an. Der Vater wollte mitgehen, und es mußte also die Mutter in die Schenke. Sie tat es, ohne ein Wort mit uns zu reden; nur als ich ihr Adieu sagte, rief sie mir nach: „Kannst glei dein Bräutigam ’s Brauthemad kaafa und a Myrtnsträußerl! Na gehst glei hoam!“

Ich hatte mir schon allerhand ausgedacht, was ich mir um die neunzig Mark, die mir von dem Geld aus der Floriansmühle noch geblieben waren, alles kaufen wollte; als ich aber heimkam, verlangte mir die Mutter das Geld sofort ab und sagte: „Dös Geld gibst her, na kaaf i dir an saubern Spiegelkasten drum.“

Obschon ich gerne dagegen gesprochen hätte, blieb ich doch stumm auf diese Rede; denn ich fürchtete, aufs neue den Zorn der Mutter zu erregen, wenn ich nicht zu allem ja sagte. Also ward ich auch dieses Geldes los, wie ich einst des meines Großvaters und des Hausls los geworden war.

Es ist ein alter Brauch, daß man den Vorabend einer Hochzeit mit einer kleinen Feier begeht, und nennt man diesen Abend den Polterabend.

Zu der Zeit meiner Verheiratung wußte ich über den Ursprung und die Bedeutung dieses Wortes noch nicht viel, doch schien mir der Name für meine Verhältnisse gar nicht so unrecht; denn die Mutter polterte an diesem Tag im ganzen Haus herum, fluchte, zeterte, zertrümmerte verschiedenes Geschirr, jagte die Küchenmagd aus dem Haus und prügelte meine Stiefbrüder, ohne daß man recht wußte, warum. Ich war deshalb sehr bedrückt und tat nichts, wovon ich vermeinte, daß es die Mutter erzürnen könnte, und hatte auch wirklich bis zum Nachmittag Ruhe.

Um zwei Uhr ging ich in die Wohnung hinauf, um meine kleinen Andenken und all die Kästlein und Schächtelchen, die Bilder und Büchelchen zusammenzupacken, die mir zu lieb waren, als daß ich sie hätte zurücklassen mögen. Auch die Mutter kam bald hinzu und warf mir manches hübsche und auch kostbare Stück hin, das sie nicht mehr mochte; doch brummte sie beständig vor sich hin und schrie mich plötzlich ganz unvermittelt an: „Hast es ja recht notwendi, daß d’heiratst! Hättst es ja nimmer aushalten könna dahoam! Aber wart nur, du wirst es scho sehgn, wia’s dir geht! Daß dir i nix guats wünsch, kannst dir denka, du undankbars Gschöpf! Kannt ma s’ so guat braucha und muaß ma fremde Leut haltn, während die gnädig Fräuln heirat und si auf die faule Haut flackt!“

Dabei warf sie mir etliche Schmuckschächtelchen auf den Tisch, dazu ein schweres Kettenarmband, eine Halskette mit einem schönen, alten Medaillon, einen schwarzen Beinschmuck und ein großes, kostbares Ametystkreuz, das sie einst von einer Gräfin von Lindwurm erhalten hatte. Ich glaubte nicht, daß die Dinge alle für mich bestimmt seien und ließ sie liegen. Da schrie die Mutter wieder: „Is dir leicht mei Sach nimma guat gnua? Bist leicht z’schö dazua, daß d’ was alts, was guats tragst?“

Da nahm ich rasch die Sachen vom Tisch, leerte eine hübsche Schatulle, in der ich Briefe liegen hatte, aus und tat alles hinein, indem ich sagte: „Was denken S’ denn, Mutter! Freili mag i alles! Und von Herzen ’gelt’s Gott dafür! Dös freut mi anders, daß i grad dös schönste kriagt hab! Dank schö, Mutter! ’gelt’s Gott!“

Da lief sie aus dem Zimmer und schlug krachend die Tür zu.

Ich hatte großes Mitleiden mit ihr und dachte, ob ich wohl auch einmal ein Mädchen bekäme und wie ich mit ihm sein wollte; doch bald verscheuchte ich diese Gedanken und trug meine Kostbarkeiten nach der neuen Wohnung, wo ich alles in die Kommode räumte. Danach ging ich zur Familie Hasler, wobei mir das Herz klopfte; doch sagten sie kein Wort wegen des Verdrusses, den wir gehabt. Sie luden mich ein, mit ihnen den Kaffee zu trinken, aber ich entgegnete, ich müsse erst daheim um Erlaubnis bitten.

Ich ging also gleich wieder nachhause und bat den Vater, der es mir zwar erlaubte, doch meinte, ich müsse schon auch die Mutter fragen. Dies tat ich, und da ich ohnehin auch noch zur Beicht mußte, ließ die Mutter mich gleich fort und sagte bloß: „Daß d’hoam kommst bis auf d’Nacht! Bringst Haslers mit, mir ham heut a Konzert!“

Nach dem Kaffee, etwa um fünf Uhr, brach ich auf und holte meinen Hochzeiter vom Geschäft ab, um mit ihm zur Beicht zu gehen. Er war wieder sehr ernst und redete nicht viel.

Nach der Beicht gingen wir wieder zu seinen Eltern, wo wir die alten Leute bereits in sonntäglicher Kleidung antrafen. Der Tisch in der Wohnstube war weiß gedeckt, ein Rosmarin prangte in der Mitte und eine große Torte mit der Aufschrift: „Dem Brautpaar“, stand daneben. Der Vater holte eine Flasche Wein herbei und die Mutter stellte die Gläser mit zitternder Hand dazu. Es war schon völlig dunkel, und im Zimmer verbreitete die altmodische Lampe ein behagliches Licht.

Da ertönte draußen im Hof Musik, und das Lied: „Nur einmal blüht im Jahr der Mai, nur einmal im Leben die Liebe“ wurde mit viel Gefühl auf einem Piston vorgetragen. Nun schenkte der alte Hasler die Gläser voll und mit herzlichen Worten wünschte er uns Glück; die Mutter hatte die Augen voll Tränen und gab uns ihren Segen, der Benno aber hatte mich an sich gezogen und schluchzte.

Da ergriff mich eine große Dankbarkeit gegen diese Menschen und ich dankte ihnen unter heftigem Weinen. Trotzdem fühlte ich mich so elend, als sei ich wieder am Grab meines Großvaters, und es befiel mich ein Zittern und Unwohlsein, und ehe man sich recht zu helfen wußte, war ich ohnmächtig geworden.

Als ich wieder zu mir kam, waren alle um mich besorgt, die Haslermutter aber fragte mich, ob ich öfter an solchen Zuständen leide. Ich sagte ihr, daß ich manches Mal auch ohne besonderen Anlaß mit solchen Ohnmachten zu kämpfen hätte. Da nahm sie mich beiseite in die Schlafstube und wollte ausführlich über meine Gesundheit berichtet sein: „Denn,“ sagte sie, „du kannst mir’s net verargen, daß i mi um mein’ Oanzign sorg.“

Nun erzählte ich ihr, daß ich schon seit meinem vierzehnten Jahr bleichsüchtig gewesen sei, daß ich die Reife des Mädchens erst vor wenig Wochen zum erstenmal erfahren hätte, während bisher jahrelang nur diese Ohnmachten eine gewisse Zeit andeuteten. Diese Bewußtlosigkeit sei immer plötzlich gekommen, und einmal gerade, als ich in der Küche stand und am Fleischtisch ein Stück Leber schnitt. Zum Glück hatte ich das große Tranchiermesser nur locker in der Hand, sonst wäre vielleicht ein Unglück geschehen. Auch berichtete ich ihr, wie ich einmal nach einem großen Verdruß mit der Mutter am Brunnen gestanden, um ein Kalbshirn zu häuten. Da hatte mich mit einem Mal ein kurzer, heftiger Husten gepackt und ein schöner Faden hellen Blutes lief den Brunnen hinab, während ich mit heißem Kopf und müden Beinen dort lehnte und Schmerz und Übelkeit bekämpfte. Die Mutter hatte mich am andern Tag zum Arzt geschickt, der an eine Magenkrankheit glaubte, da ich vordem nur selten gehustet hatte. Doch sei dies alles längst wieder gut und ich hätte nicht Sorge, daß ich eine Krankheit in mir habe.

Nach einigem Nachdenken meinte die Frau Hasler: „Du bist halt überarbeit’t! Wennst jatz dei Ruah hast, wirst scho wieder! ’s Heiraten is dös best’ für di und der Benno is der g’scheitste Doktor. Aber jatz müaß ma wieder zu dö andern, sonst wer’n s’ uns granti!“

Und sie nahm mich bei der Hand und führte mich wieder in den Bereich des Lichts, wo die zwei Männer inzwischen ernste Dinge verhandelt haben mußten; denn der Vater sah den Benno fest an und sagte noch kurz: „Hascht mi verschtande?“ worauf der Benno ihm die Hand drückte und sagte: „Ja, Vater, i wer’ mir’s merkn.“

Wir machten uns nun auf den Weg zu meinen Eltern. Schon aus etlicher Entfernung tönte uns lustiges Klarinetten- und Geigenspiel entgegen, und als wir eintraten, brachen die Musikanten das eben begonnene Stück ab und empfingen uns mit einem feierlichen Marsch.

Wir gingen erst an die Schenke, dann in die Küche, die Eltern zu begrüßen. Da sah ich, daß die Mutter geweint hatte, und ich fragte sie sogleich, ob ich in der Küche helfen könne; sie sagte aber: „Naa, naa! Bleib nur drin! Dös war no dös nettere: a Polterabend ohne Braut!“

Da setzte ich mich an den Tisch, wo schon die ganze Verwandtschaft und Freundschaft Platz genommen hatte, und ein lustiges Treiben begann, und es währte nicht lange, da forderte mich mein Verlobter zum Tanz. Und heiter ging der Abend dahin, und um Mitternacht ertönten Hochrufe und knatterten Schüsse und begann ein Glückwünschen und eine Lust, daß ich mir wie verzaubert vorkam. Bald stimmte auch ich in die Lustbarkeit ein und sang noch manches Trutzliedlein in dieser Nacht.

Endlich um drei Uhr morgens gingen wir auseinander; denn da der Benno und ich seit Mitternacht weder essen noch trinken durften wegen der morgendlichen Kommunion, so freute uns schließlich der ganze Spaß nicht mehr.

Ich lag noch nicht lange im Bett und war kaum eingeschlafen, als mich ein heftiges Weinen aufweckte. Ich setzte mich erschreckt auf und horchte. Da vernahm ich, daß dasselbe aus dem Schlafzimmer der Eltern, welches unmittelbar an meines stieß, drang. Deutlich hörte ich jetzt die Mutter klagen: „Hätt i meine Leut g’folgt! Hätt i auf mein Vatern g’hört! So a Schand! Jatz bin i no so jung und muaß dös derlebn!“

Vergebens tröstete der Vater: „Mach dir do nix draus, Muatta! Da denkt koa Mensch weiter drüber nach, daß d’ no so jung bist!“

Sie wurde immer erregter: „Jatz kann i mi aa zu dö Altn hi’hocka im Kaffeehaus! Und i will no net so alt sei! I will no lebn! Koa Mensch acht a Schwiegermuatta! Hätt do i dem Lumpen net glaabt, damals! O mei!“

Und sie weinte und klagte, und der Vater redete begütigend mit ihr, und seine Stimme wurde immer liebevoller und leiser, und endlich vernahm ich nichts mehr, als ein Flüstern, dessen Zärtlichkeit mir anzeigte, daß die Mutter wieder gut sei.

Da legte ich mich wieder hin und versuchte zu schlafen, doch obschon ich mich bald auf die eine, bald auf die andere Seite drehte, gelang es mir nach dem eben Gehörten nicht mehr. Am End stand ich auf, wusch mich mit kaltem Wasser und begann mich dann für die Frühmesse und Kommunion anzukleiden.

Kurz nach fünf Uhr verließ ich das Haus und begab mich in die matt erhellte Kirche, wo nur etliche Beterinnen und vier Klosterfrauen knieten. Ich setzte mich in eine der vordersten Bänke und erwartete meinen Bräutigam.

Ohne Teilnahme, ohne Andacht und ohne Bewegung saß ich da und blickte stumpf auf den riesigen Kronleuchter vor dem Tabernakel. Die rote Ampel ließ kaum das kleine Lichtlein durchscheinen, und der weite, schmiedeeiserne Reif darum bewegte sich leise hin und her.

Wenige Augenblicke vor Beginn der Messe, als eben der Kirchendiener die Kerzen des Altars entzündete, kam der Benno. Leise trat er in meinen Stuhl und begrüßte mich flüsternd. Dann kniete er sich nieder, zog ein Andachtsbüchlein aus der Tasche und schien recht gesammelt und ehrfurchtsvoll zu beten. Ich aber versuchte vergebens, ein Vaterunser zu vollenden; schon bei der dritten oder vierten Bitte war ich mit meinen Gedanken wieder in der Welt und in der Zukunft. Erst als der Ministrant bei der Wandlung mit seinem silbernen Glöcklein zur Anbetung des menschgewordenen Gottes mahnte, konnte ich der frommen Handlung folgen und empfing andachtsvoll das Sakrament des Lebens.

Nach der Kirche gingen wir zusammen bis zu unserm Haus und trennten uns mit gemessenem Gruß.

Unsere Fanny, meines Vaters jüngste Stiefschwester, die seit einem halben Jahr im Hause war und schon etliche Wochen hindurch hatte lernen müssen, all die Arbeiten zu tun, welche sonst ich zu verrichten hatte, war inzwischen schon mit dem Kaffeekochen fertig und ich trank schnell meine Tasse. Dann ging ich ins Bad und begann danach in meinem Zimmer mich mit der feinen Wäsche zu bekleiden, die mir die Haslermutter zur Brautgabe gesandt hatte; denn es war bei uns der Brauch, daß die Braut für den Bräutigam und wiederum er für die Braut jenes Hemd anschaffte, das den Körper am Tag der Vermählung bekleidet. Nach der Hochzeit wird es dann gewaschen und aufgehoben bis zum Tod, wo es noch einmal die Glieder kleiden soll. Es waren recht ernste Gedanken, die mich dabei bewegten, und ich besah mich nachdenklich im Spiegel, nachdem ich das kostbare Linnenhemd angetan hatte. Doch gewann bald meine muntere Natur die Oberhand, und als ich meine Füße in die weißen, seidenen Strümpfe hüllte und in die feinen Stiefelchen aus weißem Leder schlüpfte, kam es mir plötzlich in den Sinn, zu versuchen, ob ich in diesem Schuhwerk auch gut tanzen könne. Und ich stand auf und begann erst allerhand Schritte zu machen, und dann tanzte ich auf dem weichen Teppich und summte dazu die Donauwellen.

Da ging die Tür auf und die Mutter und der Vater kamen herein. Erstaunt sahen sie mich an, und der Vater meinte: „Schau, schau, wie ’s Bräutl scho munter is! Denkst leicht, wenn ma in Ehstand einitanzt, na hat ma mehra Glück? Da paß nur auf, daß dir koan Fuaß vodrahst, sunst is vorbei mit der Freud!“

Nach diesen Worten ging er hinab ins Geschäft. Die Mutter aber befahl mir kurz: „Ziag den Schlafrock o, den i auf mei Bett g’legt hab, na gehst nüber zum Teuerl und laßt di frisiern!“

Ich ging, nachdem ich den feinen, dunkelroten Schlafrock angezogen und der Mutter dafür gedankt hatte.

Das Frisieren dauerte über eine Stunde, da der Fritzl, der kleine Sohn des Friseurs, das Brenneisen erwischt und verräumt hatte, so daß über dem Suchen beinahe eine halbe Stunde verrann.

Endlich trat ich fein gelockt und gescheitelt aus dem Laden und lief geschwind heim; denn es schlug eben neun Uhr und um halb zehn Uhr war schon das Frühstück angesagt.

Als ich wieder in mein Zimmer kam, fragte die Mutter, ob ich das Brautgewand gleich mitgebracht hätte. Da fiel mir erst ein, daß die Schneiderin versprochen hatte, um sieben Uhr schon da zu sein. Ich lief daher schnell ins Nachbarhaus zu ihr und fragte, warum sie denn nicht käme. Sie war recht krank geworden und konnte sich kaum aufrecht halten, ihre Gehilfin aber war nicht gekommen. Inständig bat ich sie, sie möge doch versuchen, mitzukommen, da ich ja sonst nicht heiraten könne. Da zog sie sich doch an, packte das Kleid und die Nadelbüchse zusammen und ging mit. Nun sperrte die Mutter ihren Salon auf, und ich wurde vor dem großen Spiegel angekleidet und mit Kranz und Schleier geschmückt.

Als sie fertig war, ging die Nähterin wieder nachhause und bat, man möge ihr das herkömmliche Mahl hinaufschicken.

Nun stand ich also bräutlich angetan da und ein feierliches Gefühl überkam mich.

Da trat die Mutter zu mir, besah mich lange, und es kam wieder etwas Böses in ihren Blick, das ich schon kannte und fürchtete. Eine große Angst befiel mich und ich war unfähig, mich zu rühren, noch zu reden, als sie begann: „Also, heunt bist erlöst vo mir; werd dir net gar z’wider sei, dös! Jatz kannst dein Mo ärgern, wie’st bis heunt mi g’ärgert hast!“

Ich konnte kein Wort erwidern und sie fuhr fort: „I wollt dir z’erscht hundert Mark Taschengeld gebn, aber i tua’s net. Leicht kannt’s eahm gar net recht sei, an Hasler! Aber den Frauntaler gib i dir; den kannst dir aufhebn, bis d’ amal nix z’fressn mehr hast. Und mein Wunsch will i dir aa no sagn: du sollst koa glückliche Stund habn, so lang’st dem Menschn g’hörst, und jede guate Stund sollst mit zehn bittere büaßn müaßn. Und froh sollst sei, wannst wieder hoam kannst; aber rei kimmst mir nimma. Jatz woaßt es!“

Ich war während dieser grausigen Worte wie unter Peitschenhieben zusammengezuckt; ein unsagbar elendes Gefühl überkam mich, und dann fiel ich ohne Besinnung zu Boden.

Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einem der bequemen Polsterstühle, und um mich standen zitternd die alte Haslerin und ihre Schwester Hanne, der alte Hasler, die zwei Beiständer oder Trauzeugen und die Kranzljungfern. Meine Mutter bemühte sich schluchzend und jammernd um mich und reichte mir mit den Worten: „Geh, trink a bißl, arms Kind!“ ein Gläschen Wein. Willenlos ließ ich es geschehen, daß man es mir eingab, obschon ich das Gefühl hatte: jetzt vergiftet sie dich. Doch war es nicht so, und ich bekam in den nächsten Minuten immer mehr die Empfindung, daß ich das Furchtbare zuvor nur geträumt; denn die Mutter war so voll Schmerz über mein Scheiden und schien in Tränen aufgelöst. Sie zog mich an sich und rief: „Viel Glück, mei liabs Kind! Jatz gehst halt und laßt mi alloa! Bleib mir g’sund und vergiß mi net!“

Dann schritt sie gerührt von einem zum andern, gratulierte, klagte und weinte, wie es gerade paßte, bis die Kellnerin meldete, daß der Bräutigam warte.

Da stand ich auf, und die Haslermutter trat zu mir, küßte mich und sagte: „I wünsch dir Glück! Sei mei guats Töchterl!“ Und ganz langsam rollte eine Träne über das runzlige Gesicht. Dann beglückwünschte mich eins nach dem andern, die Kranzljungfern faßten die Schleppe meines Kleides, die Mutter legte mir eine kostbare, alte Goldkette um den Hals, die Haslerin steckte mir einen feinen Opalring an die Hand und große Opale in die Ohren; der Haslervater gab mir seinen Arm, und nun ging’s mit großer Feierlichkeit hinab in die festlich geschmückte Gaststube. Mein Hochzeiter stand schon mit dem prächtigen Brautbukett da und begrüßte mich mit einem Handkuß. Er gefiel mir in dem festlichen Gewand recht wohl, und ich empfand ganz plötzlich ein großes Verlangen, ihm um den Hals zu fallen und ihn zu küssen, doch die vielen Menschen, die uns von allen Seiten umgaben, ließen mich davon abstehen.

Nun setzten wir uns zum Frühstück; es wurden Bratwürste auf großen Porzellanplatten herumgereicht und man trank Märzenbier dazu. Während des Essens trat auch mein Vater herzu und gratulierte uns und übergab mir einen schönen Ring, daß ich ihn meinem Bräutigam anstecke. Und indes derselbe von allen Seiten beschaut und bewundert wurde, kam die Mutter und sagte: „Lieber Benno und Leni! I kann leider net mitfahrn in d’Kirch; denn i hab koa Aushilf kriagt zum Kochen. Und d’Hauptsach is ja do a guats Mahl nach dem Schreckn, net wahr!“

Und mit freundlichem Lächeln ging sie wieder hinaus in die Küche.

Die Haslerischen waren über diese Mitteilung gar nicht erfreut und konnten es nicht begreifen, daß wir nicht mehr darauf gedrungen hatten, die Mutter solle mitkommen. „Denn,“ meinte die Frau Hasler, „wann dö eigene Muatter net mitgeht in d’Kirch und für ihra Kind bet, na is mit’n Ehglück net weit her.“

Und sie ging hinaus und bat die Mutter dringend, doch mitzukommen.

Ich ließ sie gewähren, obwohl ich schon wußte, daß all ihr Bemühen vergeblich sei.

So war es auch. Die Haslerin kam bald mit hochrotem Kopf wieder herein, nickte etliche Male für sich wie zur Bestätigung und murmelte unverständliche Worte.

Da kam der Brettlhupfer, jener dienstbeflissene Mann, der den Wagenschlag öffnet, ein jedes aus der Gesellschaft in den bestimmten Wagen bringt, acht hat, daß kein Zylinderhut verdrückt, kein Kleid beschädigt und keine Schleppe in die Wagentür eingezwickt wird; der mit viel Grazie und wohlgesetzten Worten die Braut leitet und einem jeglichen sein Amt weist und sowohl am Standesamt als in der Kirche für die gute Ordnung sorgt. Er war in schwarzer Wichs, seine Lackschuhe und sein Zylinder glänzten, und Handschuhe und Halsbinde schimmerten in reinstem Weiß. Mit der Haltung eines Kavaliers stand er an der geöffneten Tür und sagte: „Verehrte Herrschaften, d’Wägn wärn da! Darf ich bitten?“

Und er nahm zuerst die Kranzljungfern vor und geleitete sie zu einem Wagen; dann kamen die Beiständer und mein ältester Bruder, hierauf die Schwester der alten Haslerin und meine Firmpatin, die Nanni, sowie die beiden Stiefschwestern meines Vaters. In dem vierten Wagen saß der Bräutigam und sein Vater, und im fünften endlich nahmen ich und die Haslermutter Platz.

Während der kurzen Fahrt zum Standesamt redeten wir nichts. Als wir vorfuhren, hatte sich eine kleine Menge Neugieriger, sowie eine Horde Kinder angesammelt, und während der Brettlhupfer sich eifrig umtat, uns die bei einer solchen Gelegenheit übliche Ordnung zu geben, konnte man aus dem Spalier der Gaffenden allerlei Bemerkungen hören: „Ah, der Breitigam is sauber!“ rief eine junge Köchin, die mit aufgestülpten Ärmeln dastand. „Wia nur der dö Molln mag, dö aschblonde!“

„Dö werd scho a Geld g’habt habn!“ erwiderte eine ältere Frau, an deren schmutzigem Kittel zwei noch schmutzigere Kinder hingen.

In dem Augenblick humpelte ein altes Weiblein auf seinem Krückstock daher und hielt seine verkrüppelte Hand hin: „Gott g’segn an Ehestand, schöne Braut! Derft i bittn um a freundliche Gab!“

Ich hatte nichts, was ich ihr geben konnte, da ich ja kein Geld besaß. Die alte Haslerin schimpfte über die Frechheit des alten Mütterleins und prophezeite mir großes Unglück durch diese Begegnung. Mein Hochzeiter aber griff in die Tasche und langte ein neues Markstück heraus, das er der Alten mit den Worten gab: „Aber nix Schlechts derfan S’ uns wünschen, Muatterl, verstandn!“

„I, wia wer i denn so gottvergessn sei!“ schmunzelte das Weiblein und humpelte davon.

Und während sich die Umstehenden über den Zwischenfall unterhielten, begaben wir uns in den im ersten Stockwerk gelegenen Vorsaal des Standesamts.

Der Brettlhupfer flüsterte aufgeregt mit den Trauzeugen, gab den Verwandten Weisung, wo sie sich hinzustellen hatten und ermahnte dann die Kranzljungfern noch, beim Aus- und Eingehen recht achtzugeben, daß sie nicht zu stark an der Schleppe zögen: „Net, daß uns d’Braut z’letzt hi’fallt!“

Mit einem Male taten sich vor uns zwei Flügeltüren auf, und wir gingen in schöner Ordnung in den Trauungssaal. Voran der Bräutigam und ich an seinem Arm. Dahinter die trippelnden Kranzljungfern, dann die Trauzeugen, die mit langen Schritten rechts und links von uns Platz nahmen, und darauf kamen die andern; doch sah ich sie nicht mehr, da mich nun die Handlung ganz in Anspruch nahm.

Der Brettlhupfer hatte dem Diener des Standesbeamten das Schächtelchen mit den Trauringen übergeben, und der legte diese nun auf eine schöne, silberne Platte, worauf der Standesbeamte unsere Namen verlas und eine sehr weihevolle Ansprache über die soziale Wichtigkeit der Ehe, über ihre Wirksamkeit, sowie über die Pflichten und Verantwortungen der Eheleute hielt. Danach kamen die Trauzeugen daran, und es wurde ihnen auch eine kleine Rede gehalten, worauf die eigentliche Trauung vor sich ging. Wir erhielten die Ringe, steckten sie uns gegenseitig an die Rechte und beantworteten die feierlichen Fragen des Beamten mit kräftigem Ja. Dann wurde noch etliches gesprochen, was mir aber nicht mehr erinnerlich ist, da ich mit einem Male so erregt war, daß ich weder hörte noch sah und nur mechanisch am Arm meines vor der Welt nun mir angetrauten Gatten zum Wagen ging.

Diesmal war die Ordnung eine andere; denn ich saß neben dem Benno, und wir fuhren nun zum Photographen. Die andern Wägen hatten uns zwar begleitet, doch stieg niemand aus und fuhren sie, indes wir uns da aufhielten, spazieren. Der Brettlhupfer aber war bei uns geblieben und half mir nun mit viel Anmut aus dem Wagen, hielt mir die Schleppe und trug sie mir bis zum Empfangssalon des Photographen. Wir waren schon gemeldet und kamen daher sofort daran, obwohl noch mehrere Leute warteten.

Während des Photographierens hatte der Benno eine kleine Auseinandersetzung mit dem Meister; denn als er seinen Arm um meine Schulter legte, sich fest an mich schmiegte und mit seligem Gesicht meinte: „Jatz standn ma ganz schö, net wahr?“ da zog ihm der Photograph wortlos den Arm wieder herab, schob uns auseinander und sagte: „Net so stürmisch, Herr Hasler, net so stürmisch! Dös kommt später!“

Der Benno war darüber so gekränkt, daß er ein ganz rotes Gesicht bekam und so ernst und geknickt dreinsah, daß die Verwandten, als sie nach etlichen Wochen die Bilder sahen, sich darüber lustig machten und meinten: „Aber Benno! Du schaugst ja auf dem Bildl aus, als obst zum Köpfa ganga warst, statt zum Heiratn!“

Als die Aufnahme gemacht war, kam wieder der Brettlhupfer und geleitete uns hinaus; doch zu meinem Staunen kam ich nun wieder in den Wagen meiner Schwiegermutter, während der Benno zu seinem Vater hineinstieg. Auf meine Frage, warum dies geschehen sei, sagte mir die Frau Hasler, daß ich vor Gott noch nicht Bennos Frau sei, deshalb dürfe ich auch noch nicht mit ihm zusammen fahren. Ich war es zufrieden und blieb während der übrigen Fahrt wieder schweigend.

Das hohe Portal unserer Pfarrkirche stand weit offen, und feierliches Orgelspiel empfing uns beim Eintritt in das Gotteshaus. Voran gingen die Verwandten, dann die Trauzeugen und zuletzt wir und die Brautjungfern.

Nur wenige Leute waren anwesend, und ich sah mich ein wenig um, ob nicht ein Bekanntes darunter wäre. Da sehe ich plötzlich hinter einem der mächtigen Pfeiler das verzerrte Gesicht meiner Mutter auftauchen; sie stand da ohne Hut, im Wirtschaftsgewand und in der weißen Schürze, nur ein leichtes Tuch um die Schultern gelegt und starrte mit glühenden Augen auf den Zug. Und wie sie mich erblickte, da streckte sie den Kopf weit vor. Ich konnte nicht mehr hinsehen und hing mich fest an den Arm meines Bräutigams, und es bemächtigte sich meiner eine solche Bewegung, daß ich ohne alle Fassung zu schluchzen begann und nicht aufhörte während der Trauung und der feierlichen Messe.

Die Verwandten hatten in den Chorstühlen neben dem Hochaltar Platz genommen; mein Bräutigam und ich knieten uns auf einen rotsammetenen Betstuhl, der vor dem Altar stand, während die Trauzeugen sich rechts und links von uns aufstellten.

Da trat der Pfarrer im reichen Chorhemd, angetan mit der weißen Stola, aus der Sakristei, und es begann die heilige Handlung. Nach einer ernsten Ansprache legte er dem Bräutigam die Frage vor: „Herr Benno Hasler, wollen Sie sich mit der Jungfrau Magdalena Christ in den heiligen Stand der Ehe begeben und darin verbleiben, bis der Tod Sie scheidet, so sprechen Sie ‚ja‘.“

Mit lautem, bestimmtem „Ja“ antwortete mein Verlobter, und nun kam die Frage an mich. Kaum vernehmlich und in Schluchzen fast erstickt war meine Antwort.

Nach dieser Ablegung des Ehegelübdes faßte der Priester unsere Hände, legte sie zusammen, wickelte seine Stola darum und machte unter weihevollen Gebetsformeln das Zeichen des heiligen Kreuzes darüber. Danach besprengte er uns mit Weihwasser und betete mit lauter Stimme, worauf er die Trauringe weihte. Unter abermaligen feierlichen Gebeten reichte er uns sodann dieselben, und wir steckten uns diese Symbole der unverbrüchlichen Treue und unwandelbarer Freundschaftsliebe an, worauf wir mit dem Priester das Paternoster beteten.

Damit war die eigentliche Trauung beendet, und der Pfarrer trat wieder in die Sakristei, um sich zur Messe zu bereiten.

Während derselben versuchte ich immer wieder meiner Bewegung Herr zu werden, doch gelang es mir nicht, und als unter der Kommunion des Priesters das Schubertsche Ave Maria ertönte, konnte ich mich nicht mehr fassen und weinte laut auf. Da flüsterte mir mein Bräutigam zornig zu: „Hör do auf mit dem Getrenz! Hättst ja grad naa sagn brauchn, wenn’s di so reut!“

Das brachte mich plötzlich wieder zu mir, und ich wurde still und das Gefühl einer kühlen Gleichgültigkeit kam über mich und verließ mich den ganzen Tag nicht mehr.

Nach dem Meßopfer sang der Chor das Tedeum, und der Priester erteilte uns mit aller Feierlichkeit den Brautsegen. Dies war eine große Ehre; denn derselbe wird sonst nur bei ganz großen, festlichen Hochzeiten gespendet.

Als wir uns zum Gehen ordneten und über die Stufen des Hochaltars hinabschritten, sah ich, daß inzwischen eine große Menge Bekannter und auch andere Neugierige gekommen waren; meine Mutter aber konnte ich nicht mehr erblicken. Sie war wohl schon früher nachhause geeilt, um für das Mahl zu sorgen.

Beim Wegfahren von der Kirche durften ich und mein Bräutigam in der eigentlichen Brautchaise Platz nehmen, und half er mir mit großer Ritterlichkeit beim Einsteigen. Er schlang auch gleich seinen Arm um mich und küßte mich wiederholt und fragte mit zärtlicher Stimme: „Kimmt’s dir net hart o, daß d’furt muaßt vo dahoam und mit mir geh?“

Ich antwortete mechanisch: „Naa.“

Da drückte er mich fest an sich und bat mich, ihn doch anzusehen: „Geh, schau mi halt a kloans bißl o und gib mir halt a Busserl!“

Auch das tat ich, doch ohne Wärme, ohne Leben, so daß dem Benno ganz angst wurde und er fragte: „Bist leicht krank, daß d’ so stad und wunderli bist? Warum redst denn nix?“

Ich blickte durch das Wagenfenster und sagte nur: „I bin net aufglegt!“

Da meinte er, ich hätte vielleicht Hunger und schmeichelte: „Hast halt no nix G’scheits z’essn g’habt, gel! Aber jatz wer’n ma glei g’holfn habn, wart nur, Weiberl! Jatz tuast amal z’erscht was essn, na trinkst a paar Glaserl Wei, und na werst sehgn, wia dir da d’Fröhlichkeit und d’Liab kimmt!“

Ich gab ihm nur ein halblautes „Hm hm“ zur Antwort und lehnte mich mit geschlossenen Augen in meinen Sitz zurück. Der Benno aber glaubte, ich wollte mich an ihn schmiegen und drückte mich stürmisch an sich.

Da hielt der Wagen. Wir waren bei den Eltern, und der Brettlhupfer stand schon mit den Kranzljungfern am Wagenschlag.

Beim Aussteigen sah ich, daß es leicht zu schneien begonnen hatte, was etliche von den vielen Neugierigen, die Spalier standen, zu dem Ausruf veranlaßte: „So viel Schnee und Regen, so viel Glück und Segen! Natürli, dö Großkopfatn habn allweil no’s meiste Glück aa, an Goldhaufa habn s’ ja a so scho!“

Die Kinder der Nachbarschaft drängten sich um mich und schrien: „Schenkn S’ uns was, Frau Leni! Bitt schö, schenkn S’ uns was!“

Da schickte ich eine der Kranzljungfern hinein zum Vater und ließ mir für drei Mark Zehnerln geben, die ich dann unter die Kleinen verteilte.

Inzwischen war die Festmusik, für die der alte Knoflinger, seines Zeichens ein Schuhmacher, mit noch sieben Genossen sorgte, vor die Tür getreten und empfing uns mit dreimaligem Tusch, und unter den festlichen Klängen des Pariser Einzugsmarsches zogen wir in die Gaststube ein.

Voran ging Meister Knoflinger mit der Geige und hinter ihm sein fünfzehnjähriger Sohn Eusebius, der die zweite spielte. Ihnen folgten zwei Flöten und zwei Klarinetten, darauf der weißköpfige Hundshändler Schniepp mit weithinschallendem Bandoneonspiel, und den Schluß bildete der alte, bucklige Baßgeigenmichel, ein gewesener Kaminkehrer.

So zogen wir hinein und nahmen an der schön gezierten Tafel Platz. Mit allen Geladenen waren unser siebenundzwanzig an derselben zum Mahl. Auch andere Gäste waren so viel erschienen, daß die Stube sie kaum fassen konnte, und immer kamen noch neue hinzu und wollten Platz haben.

Während des Essens spielte die Musik lauter feierliche, vaterländische Weisen; doch als der letzte Gang verzehrt war und nur noch einzelne Tellerchen mit Kuchen auf dem Tische standen, da vertauschten die beiden Flötisten ihre zarttönenden Instrumente mit ein paar Trompeten, und der Baßgeigenmichel holte einen blanken Bombardon aus dem schwarzen Ledersack, und nicht lange darauf ertönte ein zünftiger Landler.

Das war das Zeichen zum Beginn des Tanzes, und als gleich darauf ein Ziehrerscher Walzer erklang, stand der Hochzeiter auf und tanzte mit mir ein paarmal auf dem winzigen Flecklein, das ausgeräumt und mit geschabten Kerzen bestreut worden war. Wir tanzten nicht gut zusammen, da der Benno in seinen neuen Stiefeln auf dem Wachs immer rutschte und weil, wie er zu seiner Entschuldigung sagte, ihm die Landler besser ins Geblüt gingen, wie die schleifenden Walzer.

Indessen kamen immer noch mehr Leute herbei und schon füllte sich die Schenke und die Küche mit Gästen, worüber die Eltern nicht gar erfreut waren, da sie sich so kaum umdrehen konnten vor Arbeit. Und als am Abend die Handwerks- und Geschäftsleute Feierabend hatten, kamen sie auch noch und wollten dabei sein.

Da bat ich den Vater, er möge auf den Tanzplatz etliche kleine Tische stellen, daß sich die Gäste setzen könnten; wir hätten nun genug getanzt. Er war sehr froh darüber, und bald waren auch die drei Tische, die er nebst fünfzehn Stühlen herbeischaffen ließ, voll besetzt.

Als es nun mit dem Tanzen aus war, begannen alle die, welche Geschenke gebracht hatten, ihre Reden, Widmungen und Glückwünsche.

Da kam zuerst der Vorstand der Tischgesellschaft Eichenlaub: er sagte viel schöne Worte und überreichte uns einen großen, gerahmten Stahlstich „Andreas Hofers letzter Gang“. Darauf folgte eine launige Ansprache des Vorstandes der Arbeitsscheuen, und er ließ eine reiche Waschgarnitur hereinbringen. Ich nahm sie dankend in Empfang und wollte sie zu dem Bild auf das breite Fensterbrett stellen; da sah ich, daß überall, in der Waschschüssel sowohl als auch im Krug und Nachtgeschirr Spiegel angebracht waren, was mich in nicht geringe Verlegenheit setzte. Ein kleines Mägdlein, als Rotkäppchen gekleidet, entriß mich daraus und sagte sein Verslein mit viel Pathos und lebhafter Bewegung der Arme. Und zum Schluß reichte es mir sein Körblein, dem der neugierige Hochzeiter zur großen Belustigung der Anwesenden eine Säuglingsflasche und allerlei Wickelzeug, mit blauen Bändlein verziert, entnahm. Ganz unten lag ein silbernes Schepperl mit einem Zettelchen daran: Für unsern Liebling. Rasch entriß ich ihm die Dinge und warf sie wieder in das Körblein, während es ringsum launige und anzügliche Bemerkungen regnete.

Da erhob sich ein Bräumeister der Löwenbrauerei, von der die Eltern das Bier hatten, beglückwünschte uns in einer kurzen, stotternden Ansprache und überreichte uns im Auftrage der Brauerei einen großen Lederkasten mit feinem Silberzeug.

Ihm folgten noch viele, und es war schon zehn Uhr, als das Schenken ein Ende nahm, und die Musiker waren froh, endlich mit ihrem Tusch- und Hochblasen fertig zu sein, und mit viel Behagen verzehrten sie das Freimahl, das ihnen gespendet worden.

Mein Schwiegervater hatte ein Schwein und ein Kalb gestiftet, das als Braten, Suppe und Ragout an die Arbeiter unserer Fabriken sowie an die Musiker verteilt wurde. Mein Vater schenkte ihnen dazu einen Hektoliter Bier, und so gab es an diesem Tag viel Lust und Freud und manchen Dank und warmen Glückwunsch.

Gegen halb elf Uhr wurde ich in die Küche gerufen, und als ich hinaus kam, stand ein Bruder meines Schwiegervaters, der Jörg Hasler, welcher eigens zur Hochzeit von Augsburg hergefahren war, da und bedeutete mir, es sei nun Zeit, daß ich entführt werde. Die Mutter meinte, er solle mich zu meinem Onkel, der etliche Straßen weiter eine gute Wirtschaft habe, führen, sie lasse gleich einen Wagen holen.

Fast auf allen bürgerlichen, altbayerischen Hochzeiten herrscht noch die Sitte des Brautausführens: Der Hochzeiter soll gut achthaben auf seine Braut. Wird sie ihm dennoch von ihren Freunden entführt, so muß er mit seinen Freunden sie suchen gehen und zur Strafe für seine Unachtsamkeit alles bezahlen, was die andern mit der Braut inzwischen verzehrt haben.

Also fuhren wir fort, und meine Verwandten, vor allem der Onkel, hatten große Freude, als wir kamen. Der Vetter Hasler bestellte sofort Champagner, und wir waren sehr lustig; denn die Frau Bas spielte recht gut auf der Zither, während der Onkel sie auf der Gitarre begleitete. Da nur wenige Gäste in der Wirtsstube waren, gab es viel Platz, und die Dienstboten räumten Stühle und Tische beiseite, damit wir, wenn man sich gefunden hätte, gut tanzen könnten. Auch streuten sie Federweiß auf den Boden und tanzten etliche Male, damit er glatt wurde.

Mit einem Male ertönte draußen auf der Straße lautes Juchzen und Musik, und herein kam der Bräutigam, die Beiständer, die Kranzljungfern und viele der Gäste, und es begann nun ein ausgelassenes Treiben, während der Bräutigam mich mit hellem Juchschrei begrüßte und mit mir tanzte.

Wir blieben noch etwa eine Stunde dort und machten uns dann wieder auf den Weg zu den Eltern. Der Onkel sperrte seine Wirtschaft zu und begleitete uns mit allen seinen Leuten und blieb bis zum Morgen auf der Hochzeit.

Inzwischen waren immer noch mehr Gäste gekommen und der Andrang so groß geworden, daß die Leute in dem großen Hausgang Tische und Stühle aufstellten und etliche sogar auf der Stiege sich niederließen. Es war fürchterlich heiß und ein solcher Lärm im Lokal, daß ich es kaum mehr aushielt. Ich trank in die Hitze viel Champagner und nickte nur mechanisch denen zu, die kamen, mich zu begrüßen und zu beglückwünschen. Dabei ward mir immer elender zumut und mit einem Male drehte sich alles vor meinen Augen, und ich fiel unter den Stuhl. Man brachte mich hinaus in den Hof, wo ich alles, was man mir zu Hilfe reichen wollte, von mir warf: ein Glas mit Magenbitter, eine Tasse voll schwarzen Kaffees und ein Stück Zucker mit Hofmannstropfen. Dann entledigte ich mich noch alles dessen, was meinem Magen zu viel schien und verlangte schließlich unter furchtbarem Weinen ins Bett.

Also führte meine Schwiegermutter mich wieder in die Gaststube und sagte meinem Gatten, der mit großem Rausch und starker Rührung dasaß und tränenden Auges auf das horchte, was sein Vater ihm eben mit viel Eifer erzählte, daß ich nach Hause möchte.

„Ja, Herrgott, i bin ja verheirat!“ rief der Benno da aus. „Was, hoam möcht mei Weiberl? Geh, Muatter, führ’s derweil naus in d’Küch, daß ihr d’Zirngiblmuatta was Warms oziagt. I laß derweil an Wagn holn.“

Ich packte nun meine Hochzeitsgeschenke alle auf einen Haufen zusammen und deckte etliche Tischtücher darüber. Dann nahm ich alle Blumen, die man mir am Morgen gegeben hatte und sagte den Verwandten und Bekannten Dank für ihr Kommen und verabschiedete mich von allen.

Als ich nun gehen wollte, erhob sich ein furchtbarer Lärm, und man wollte mich mit Gewalt zurückhalten, doch machte ich ein so jämmerliches Gesicht, daß die Gäste glaubten, ich sei ernstlich krank, und sie ließen mich ziehen. Mein Gatte war, noch ehe jemand etwas ahnte, fortgegangen und holte selbst einen Wagen; denn nicht weit von unserer Wirtschaft pflegten immer etliche Fiaker zu stehen.

Meine Mutter war den ganzen Tag keinen Augenblick zur Ruhe gekommen, doch schien sie heiter und guter Laune zu sein, und als ich nun Gute Nacht und Pfüat Gott sagte, erwiderte sie lachend: „So, gehst scho! I wünsch dir halt an guatn Ei’stand und a g’ruhsame Nacht! Feier dein goldnen Tag recht schö und laß di bald wieder sehgn!“

Ich dankte ihr nochmals, und auf einmal überkam mich eine große Sehnsucht nach ihrer Liebe; ich fiel ihr um den Hals, drückte meinen Kopf an ihre Brust und weinte. Da zog sie langsam meine Arme von ihrem Hals, schob mich sanft von sich und sagte: „Geh, sei do g’scheit, Leni! Du machst ja dei ganz Gwand voll Fettn! Jatz brauchst do nimma nach mir z’jammern, hast do an Mann!“

Die Frau Hasler war gerührt dabei gestanden, als sie aber sah, daß meine Mutter mich weggeschoben hatte, faßte sie plötzlich meinen Arm, zog mich an sich und sagte: „Hast scho no a Muatter aa, Leni; und wenn was is, komm nur zu mir. Dei Muatter hat so allweil so viel z’tuan!“

Meine Mutter merkte den Hieb gar nicht und meinte, zu mir gewendet: „Sigst, wia’s dei Schwiegermuatta guat mit dir moant! Da war manche froh, wenn s’ so oane dawischn tät!“

Derweilen kam der Benno mit dem Wagen, und nach nochmaligem, umständlichen Abschied von meinen Eltern, besonders von meinem Stiefvater, der mir noch ein Goldstück zusteckte und mir viel Glück wünschte, fuhren wir drei fort.

In unserer Wohnung angekommen, gab es sogleich eine kleine Auseinandersetzung der Frau Hasler mit ihrem Sohn; denn während er alle Lichter anzündete, die er fand, schürte sie rasch den Ofen des Wohnzimmers an und begann dann mir den Schleier und Kranz abzunehmen. Sie war fast damit fertig und ich mittlerweile auf dem Stuhl beinah eingeschlafen, während sie mit halblauter Stimme mir allerhand freundliche, gütige Worte sagte, als mein Mann dazukam und rief: „Was fallt dir denn ei, Muatta! Dös is mei Arbat, mei Frau ausz’ziagn!“

„Schrei net so grob, du Wüaster! Dei alte Muatta werd wohl so viel Ehr wert sei, daß s’ ihrana Schwiegertochter beim Ausziagn helfn derf!“

„Naa, sag i, dös leid i net!“ schrie da der Benno und entriß ihr den Brautkranz, den sie mir eben vom Kopf genommen hatte. „I ziag mei Frau scho selber aus, und überhaupts hast du jatz nix mehr z’tuan da herobn; i brauch di nimma!“

Da begann die alte Frau bitter zu weinen über die Grobheit ihres Sohnes und sank fassungslos auf einen Sessel. Ich empfand tiefes Mitleid mit ihr und nahm ihren Kopf in meine Hände und sagte: „Sei do stad, Muatterl! Der Benno moant’s net a so; der hat halt heunt an Rausch!“

Aber sie war nicht zu trösten: „Wie werd’s dir geh, arms Kind, bei dem Rüapel!“ rief sie aus und sprang dann plötzlich auf und stellte sich mit funkelnden Augen vor meinen Gatten: „Dös sag i dir; daß d’ma s’ schonst, dei Frau; sonst, bei Gott, is g’fehlt, wannst es machst wia ...!“

Mitten im Satz brach sie ab und trat zur Seite, doch hatte das Ganze einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und ich ging nochmals zu ihr hin und sagte: „Muatterl, reg di net auf! Mach mir mein Rock auf, und nachher tuast schlaffa geh. I komm morgn früah scho nunter zu dir, gel!“ Dann gab ich ihr noch einen Kuß, und nachdem sie mir das Kleid geöffnet hatte, ging sie, ohne dem Benno noch eine gute Nacht zu wünschen.

Ich zog mich schnell vollends aus und schlüpfte, während mein Mann überall herumlief und sich an unserm Eigentum erfreute, ins Bett.

Und ich war schon eingeschlafen, als er kam, und am andern Morgen, als ich aufstand, war ich nicht mehr das frische, sorglose Mädchen, und der Spiegel zeigte mir ein müdes, fremdes Gesicht.

So hatte ich denn den ersten Schritt in das Leben getan, das mir noch so übel geraten sollte.

Den Tag nach der Hochzeit nennt man bei uns gemeiniglich den „goldenen“, wie überhaupt die erste Zeit der Ehe gar viel belobt und besungen wird. Ein jedes Mädchen kennt die Flitterwochen und manche Braut träumt von der Zeit des Honigmonds.

So lebte auch ich in der Erwartung einer goldenen Zeit und hoffte von einem Tag zum andern auf den Beginn derselben; und als es inzwischen Weihnachten geworden war, da begann ich mich zu bedenken, warum nicht auch in meiner Ehe Flitterwochen gewesen waren. Und ich ging zu einer alten Frau, die für Geld den Leuten ihre Zukunft und ihr Schicksal aus Karten und Planeten prophezeite; doch als die mir weiter keine Erklärung gab, als daß ich immer noch im Honigmonde lebe, da wußte ich, daß auch diese Zeit ganz anders sei, als ich geglaubt; wie denn vieles in meinem Leben anders kam, als ich es erhofft.

Ich konnte nicht begreifen, warum man diese Wochen als Flitterwochen besingt; ich sah nichts Herrliches und kein Glück darin, der nimmersatten Willkür und den schrankenlosen Wünschen des Gatten zu dienen, jeden Morgen mit umränderten Augen meinen müden Leib zu erheben und nicht einmal wenigstens die eine Befriedigung zu haben, sich Mutter zu fühlen.

So erkrankte denn mein Gemüt, und es währte nicht lange, da empfand ich tiefe Angst vor der Fortsetzung dieser Ehe, und die Zärtlichkeiten meines Mannes verursachten mir körperlichen Schmerz; dazu litt ich an quälendem Herzweh und hatte nur noch den einen brennenden Wunsch: ein Kind.

Dieses Verlangen allein bewog mich immer wieder, zu gehorchen, mich hinzugeben, zu leiden und zu schweigen.

Nun erst erkannte ich, daß es nicht die rechte Liebe war, die mich mit Benno verband. Wohl war ich ihm dankbar für das, was mir die erste Zeit hindurch als Leidenschaft und Liebe erschien. Dazu kam die Hoffnung, daß bald Stille auf den Sturm eintrete und mit der angenehmen Ruhe der Gemüter auch das Glück zu mir käme. Auch hatte ich viel religiöses Empfinden und hielt es mit den Gattenpflichten im Gefühl meiner erhabenen Berufung zur Mutterschaft genau.

Nun aber drang Zweifel um Zweifel an dieser Berufung auf mich ein, und ich begann mir einzureden, daß meine Heirat nicht von Gott gewollt und gesegnet sei. Und ich suchte durch ein frommes Leben den Himmel zu versöhnen und hielt neuntägige Andachten zur Mutter Gottes und verlobte mich zu unserer lieben Frau von Birkenstein, wenn sie mir die Gnade erwirkte, daß ich Mutter würde.

Besonders am Feste Mariä Lichtmeß betete ich mit großer Andacht und empfing auch die Sakramente in der Meinung, daß Gott mir meinen Herzenswunsch erfülle.

Mein Vertrauen auf die Hilfe Gottes war um so größer, als ich schon etliche Tage vor Lichtmeß infolge eines eingetretenen natürlichen Zustandes nach langem Bitten bei meinem Gatten erreicht hatte, daß er mir für kurze Zeit die Ruhe und Schonung gewährte, deren ich mich weder vordem noch nachher jemals erfreuen konnte.

Etliche Wochen später fühlte ich denn auch wirklich allerlei Anzeichen, die mir Gewißheit darüber boten, daß Gott mir meinen Wunsch erfüllt habe.

Von diesem Augenblick an begann ich meinen Gatten zu liebkosen und ihm alles zu gewähren. Ich kochte ihm seine Leibgerichte, fertigte ihm allerlei Dinge, von denen ich meinte, daß sie ihn freuen würden, und suchte auf alle Weise ihm unser Heim lieb und wert zu machen.

Er aber hatte es anders im Kopf und wollte nun alle Welt das zu erwartende Glück sehen und bereden lassen und empfand stets die größte Freude, wenn in Wirtshäusern und Bräukellern irgend ein Geschäftsfreund oder Zechkumpan mit schamloser Deutlichkeit auf meinen Zustand hinwies. Herausfordernd stellte er mich mitten in den Kreis solcher Gesellen und hatte kein Ohr für meine lauten Bitten und Klagen.

Schon zu Zeiten meiner Kindheit und Jugend war mir das Wirtshauswesen oft zu einer schier unerträglichen Last geworden; darum war es nicht verwunderlich, daß ich jetzt, zumal in diesem mir wunderbar und fast heilig vorkommenden Zustande, viel lieber daheim in der gemütlichen Stube geblieben wäre, um in Stille und ruhiger Beschaulichkeit die Ankunft des Kindes vorzubereiten. Nun kam es aber fast täglich zu den gröbsten Auseinandersetzungen; denn der Benno fand seine größte Freude und liebste Unterhaltung bei Bier und Wein und wurde darin auch von seinen Eltern ehrlich unterstützt, die meinten, ein Ehemann müsse unter allen Umständen der Herr im Haus bleiben, was auch komme.

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