Front matter (continued 3)
Reading edition
Mochte die Welt Carlos schmähen, sie wußte ihn frei von Schuld; eine nicht minder große traf sie selbst, und ihre Kinder wollte sie lehren, sein Andenken hoch zu halten für alle Zeiten.
Und Tibet? Wohlan! Ange mußte handeln! Am nächsten Tage beschloß sie abzureisen, um ihn aus seiner peinlichen Lage zu befreien.
* * * * *
Ange erhob sich am nächsten Morgen ihrer Reisevorbereitungen wegen schon in aller Frühe. Einer der Diener mußte forteilen, sich nach dem Abgang der Züge zu erkundigen, und die Jungfer ward herbeigerufen, die Garderobe einzupacken. Während Ange noch den sie umringenden Kindern Antwort erteilte, sich auch beschwatzen ließ, den Knaben wegen ihrer Abreise die Schule zu erlassen, ja überlegte, ob sie nicht etwa die kleine Ange mitnehmen solle, die ihr diese Bitte unter zärtlichen Schmeichelworten vortrug, fiel ihr plötzlich ein, daß sie vielleicht nicht einmal genügend Geld für die Eisenbahnfahrt habe. Sie eilte in ihr Kabinet, öffnete den Schreibtisch und zählte mit fiebernder Hast, was noch vorhanden sei. Bis zum letzten Augenblick war sie gewohnt gewesen, daß Tibet alle Geldangelegenheiten besorgte. Es fiel ihr jetzt sogar ein und es bedrückte sie, daß sie diesem nicht einmal das Reisegeld eingehändigt habe. Sie würde in der Folge fast nichts ihr eigen nennen! Nur diese Thatsache in ihrer Allgemeinheit und in ihrem nüchternen Schrecken waren in ihr hasten geblieben. Was augenblicklich nötig war, was sie noch in ihrem Besitz fand, darüber hatte sie nicht nachgedacht.
Als nun Ange ihren Schreibtisch durchsuchte, fand sie nur noch drei kleine Goldstücke. Völlig enttäuscht, ließ sie die Arme sinken und beugte mutlos das Haupt.
„Darf ich denn mitreisen, Mama?“ schmeichelte in diesem Augenblick eine Stimme. Es war die kleine Ange, welche ihr leise nachgeeilt war und sich nun bittend an sie drängte.
„Ach, nein, nein, mein Liebling!“ rief Ange, aus ihrer Ratlosigkeit aufgeweckt. „Ich weiß selbst noch nicht einmal, ob ich heute fortkomme. Laß mich jetzt, süße Ange. Geh hinüber; ich bin gleich bei Euch.“
Die Kleine schlich verdrießlich und weinend von dannen und nur zu fühlbar ward Ange durch die Frage des Kindes erinnert, wie heute alles anders sei, denn ehedem!
Was sollte nun geschehen?
Tibet war in einer Lage, aus welcher die Pflicht gebot, ihn so rasch wie möglich zu befreien. Ange durfte keinen Augenblick zögern, und nun ward sie doch aus solchen Gründen vielleicht am Reisen verhindert!
Und was sollte sie ihrer Umgebung sagen, wenn sie etwa alle Vorkehrungen wieder aufhob?
Nach der abschlägigen Antwort von Olga, bei der Befürchtung, alle Welt vermute, wisse bereits um ihre Lage, vermeinte sie, sich durch das Nebensächlichste bloßzustellen und unliebsamen Vermutungen Nahrung zu geben.
War es denn Wirklichkeit? Sie besaß nicht einmal mehr die genügenden Mittel, eine kleine Reise anzutreten, und doch war sie rings umgeben von Luxus und erhob noch immer den Anspruch auf einen großen Haushalt?
Dieser Schein, diese Widersinnigkeit erhöhten Anges bedrückte Stimmung; dazu trat ihre Unkenntnis menschlicher Verhältnisse. Brauchte sie für die Reise nach Frankfurt das Dreifache oder Fünffache, was sie besaß? Sie wußte es nicht. Sie war schon so scheu und unsicher geworden, daß sie nicht nach den Kosten der Fahrt zu fragen wagte, weil sie fürchtete, dies werde auffallen.
Auch die Mittel und Zwecke nach ihrer Bedeutung verwechselte sie bereits. So überlegte sie, ob sie noch das Recht habe, in einem Coupé erster oder zweiter Klasse zu fahren. Nein! Wer nichts besaß, hatte die Pflicht sich einzuschränken. Sie durfte nur das billigste Billet kaufen.
Aber sie sollte an den Bahnhof eilen in ihrem eigenen Wagen, gefolgt von einem Diener, zurücklassend einen solchen Haushalt, und einen Sitz neben rauchenden, vielleicht trunkenen Männern einnehmen in einem ungeheizten Coupé? Sie, die vornehme Dame, in dem kostbaren Reisemantel, der ein kleines Vermögen gekostet halte?
Ah! der Pelz kostete Hunderte, und sie sorgte um einen Bruchteil, wollte um diesen fast verzweifeln? Hatte er einen so großen Wert, weshalb ihn nicht veräußern?
Das war es ja eben! Sie war machtlos zum Handeln, jetzt wenigstens in diesen ersten Tagen. Immer wieder diese Gegensätze von Wahrheit und Schein!
„Carlos, Carlos!“ schrie Ange auf. Noch einmal stieg das Gefühl der Bitterkeit empor, freilich um in dieser sanften Seele ebenso schnell wieder zu verlöschen.
Zuletzt ward Ange noch von einem anderen unruhigen Gedanken beherrscht. Wenn sie nicht zurückkehrte! Wenn jemand ihres Gatten Papiere fand, sie las und der Welt offenbar ward, er habe Hand an sich selbst gelegt—?
Höher als alles stand doch die Pflicht, seinen Namen über das Grab hoch zu halten. Sie beschloß, seine Aufzeichnungen zu vernichten, und ihre Pietät ließ sie doch wieder mit der Ausführung zaudern.
So stand das arme Weib, in der Hand die wenigen Goldstücke und das Herz voller Zweifel, Sorgen und Ängsten. Sie befand sich in einem Zustande des grausamsten Kampfes. Ihre gute Natur lehnte sich auf gegen die geheimen Flüsterstimmen ihres inneren, welche ihr zuriefen: Sprich irgend eine Lüge und Du wirst Dich aus Deiner Sorge befreien!
Immer wieder durchkreuzten ihre Gedanken die Frage: Wo schaffst Du Dir Geld? Und immer wieder antwortete das geschäftige Teufelchen: Meide die Wahrheit, umgehe, verschweige sie und verbirg Deine Not unter einer sorglosen Miene.
Und diese flüsternde Stimme hatte nicht ganz unrecht. Olgas Brief gab den Beweis. Einmal beschloß Ange, sich der Gouvernante anzuvertrauen, aber sie verwarf diesen Plan wie alle anderen. Lügen, verheimlichen konnte sie nicht: offen alles darzulegen, verbot ihr nach den gewonnenen Erfahrungen die Klugheit.
Inzwischen kehrte der Diener zurück und meldete, daß der Zug um die Mittagszeit abginge. Es fehlten noch einige Stunden. Schon wollte er sich nach Erledigung seines Auftrages entfernen, als Ange gleichgültig hinwarf:
„Wissen Sie zufällig den Preis des Billets, Philipp?“
Der Diener bejahte, indem er in einem Kursbuch nachschlug, das er gekauft hatte und Ange einhändigte.
Wie bezeichnend war es!
Während er suchte, beunruhigte Ange der Gedanke, daß dieses Büchlein noch bezahlt werden müsse, daß der Diener den Betrag verauslagt habe.
Nun nannte dieser den Fahrpreis für die erste Klasse.
„Und die zweite?“ fragte Ange obenhin, indem sie in ihren Gedanken die genannte Summe hastig mit ihrem kleinen Besitz verglich. „Gut, ich danke Ihnen.“
Der Diener verbeugte sich und ging. Es war Ange beinah ein Trost, daß jener als selbstverständlich vorausgesetzt hatte, daß sie die erste Klasse wählen werde. Noch schien ihre Umgebung von den gänzlich veränderten Verhältnissen nichts zu wissen.
Und das Geld, das Ange besaß, reichte. Freilich, es blieb nichts im Hause zurück, aber in zwei Tagen war ja auch sicher alles geschehen! So beruhigte sie sich und beschloß zu reisen. Sie gab die letzten Anordnungen, redete der kleinen Ange so lange begütigend zu, bis diese sich zufrieden gab, und fuhr endlich zur festgesetzten Stunde an den Bahnhof. Die Kinder bestiegen mit ihr den Wagen und wurden wie stets, wenn sie erschienen, von den Menschen neugierig beobachtet.
Da stand die Gouvernante; in ehrerbietiger Entfernung auch ein Teil der Dienerschaft; vor dem Portal hielt die offene Kalesche, geschmückt mit dem gräflichen Wappen; auf dem Bock saß der Kutscher in der prächtigen Livree, das Coupé bestieg die schöne, vornehme Frau in dem wundervollen Pelz. Kein Wunder, daß der einzelne den Abstand zwischen sich und jener abwog. Gewiß, sie war doch eine beneidenswerte Frau! Wenn sie auch Herzeleid gehabt hatte, sie kämpfte doch nicht mit den täglichen Nadelstichen des Lebens. Sie saß wenigstens in ihren prachtvollen Räumen in Fülle und Wohlleben, war in ganz anderen Verhältnissen als jene, die umherstanden!
Und nun Umarmungen und Lebewohl! Ein heißes Thränlein funkelte in Anges Auge. Und noch ein Abschiedskuß, und noch einer. Jetzt pfiff die Lokomotive. „Adieu, adieu! Seid folgsam und artig, süßen Kinder!“ Ein weißes Tüchlein flatterte noch eine Weile aus dem Coupé. Nun war Mama Ange abgereist.
* * * * *
Ange blieb allein, und die Fahrt verlief rasch. Ihre Gedanken waren so lebendig, daß sie kaum bemerkte, was um sie her vorging. Vornehmlich beschäftigte sie sich mit Teut. Sie hatte ihm in kurzen Worten geschrieben und ihn gebeten, daß er ihr gleich antworten möge. Wenn sie doch erst einen Brief von ihm in Händen halten, wenn seine Trostworte. wenn sein Mitgefühl sie berühren würden!
Es beängstigte sie, daß er so lange nichts hatte von sich hören lassen. Freilich, die Truppen zogen von Ort zu Ort, Kämpfe wurden ausgekämpft, Schlachten wurden geschlagen; wo blieb Zeit und Ruhe selbst für die wichtigsten Dinge!
Wie oft überfiel Ange ein heftiges Verlangen nach ihm! Sie sehnte sich nach seinem Blick, nach seinem Wort. Wo er wirkte, fügten sich die Dinge von selbst. Ein unbeschreibliches Gefühl der Sicherheit hatte sie stets durchdrungen, wenn Teut in ihrer Nähe war und ihr ratend zur Seite stand.
Und dann richteten sich abwechselnd ihre Gedanken auf Tibet und die Kinder. Die Dinge, die jenen betrafen, so peinlicher Natur sie waren, beunruhigten sie weniger, aber es beschäftigte ihre Gedanken, ob ihnen nichts zustoßen werde. Ben sollte den Magen schonen, Erna hatte Medizin zu nehmen, fand sie abschreckend bitter, und nur ihre Mama vermochte sie bisher zu überzeugen, daß diese ihr notwendig sei. Und die Schularbeiten der Knaben, und der Kummer der kleinen Ange! Ob sie sich wohl beruhigt haben würde? Wie bitterlich hatte sie am Bahnhof geweint.
Einigemal warf Ange den Blick aus dem Fenster und ließ die schon halb unter dem Dämmerlicht verblassenden Dinge an sich vorüberziehen. Ein unruhiges, stürmisches Wetter mit Schneetreiben war aufgekommen und legte seine Himmelsflocken dicht und erbarmungslos auf die Landschaft ringsum. Hier tauchten im raschen Fluge Dörfer, Städte, ein einzelnes Haus, dort ein Feuerfunken in die Luft sendender Fabrikschornstein empor; dann kleine, wie verlorene Posten in der Schnee-Einöde erscheinende Wärterhäuschen, scharf begrenzte Telegraphendrähte, bald sich neigend, bald emporstrebend zu den glockengezierten Stützen, blitzartig wie dunkle Erdfäden sichtbar werdend und verschwindend. Und jetzt wieder flaches, endloses, schneebedecktes Land, aus dem ein einzelner entblätterter Baum wie ein roh entkleidetes Wahrzeichen der Jahreszeit melancholisch sich abzeichnete. Und fort, immer fort in rasender Eile, stundenlang, bis dem schrillen Pfiff der Lokomotive das Stöhnen der Bremse folgte, und sowohl die Szenerie draußen, wie auch das tobende Geräusch des dahinstürmenden Zuges seinen Charakter veränderte: Jetzt hohle, wie unterirdisch klingende Schläge, hervorgerufen durch einige düster aufstrebende, auf den Nebengeleisen flehende Eisenbahnwagen; kleine rote und grüne Lichter, wie unheimliche Erdgeister, allmählich hellere Luft, als Reflex des auftauchenden Lebens in Häusern und Hütten, und dann ein letzter kurzer Schrei der Lokomotive, nochmals kreischendes Bremsen und endlich Stillstand und Ruhe.
Und jetzt Rufe, eilende Schritte, lautes Sprechen, das Rasseln der Postpacketwagen, Auf- und Zuschlagen von Thüren, und um die Coupéfenster zugleich ein pfeifendes Sausen aus der sturmdurchwehten Bahnhofshalle.
Dann ging's abermals wie auf einem von Furien gepeitschten, lebenden Ungetüm hinaus in den Sturm, in den Schnee und in die Nacht. Und wieder dieselben oder ähnliche Bilder: Reihen von ungleichen Häusern, weißglitzernde Dächer, Hunderte von Lichtern, lange, von spärlicher Helle beschienene, verlassene Gassen, aus der umnebelten Luft wie erstarrt emporragende Kirchtürme, wieder Güterwagen, eine einzelne wie ein Dämon mit roten Feueraugen vorbeisausende Lokomotive—ein Ruck, noch ein rücksichtsloser Ruck an den Weichen, und nun endlich ein gleichmäßiges, jagendes, keuchendes, stoßendes Stampfen des dahinfliegenden Kurierzuges.
Nach einstündiger Fahrt hielt der Zug wiederum eine Minute. Die Thür in Anges Coupé ward aufgerissen. Es schien eine der letzten Stationen vor Frankfurt zu sein. Rasche Worte erfolgten zwischen einem in hastigem Laufe herbeieilenden Passagier und dem Schaffner. „Schnell hier! Es ist höchste Zeit—“
Ein Pfiff des Zugführers—ein Schlag;—ein Herr stieg ein, noch ein Pfiff der Lokomotive, und nun brauste der Zug von neuem davon.
Der Fremde, scheinbar den besseren Ständen angehörend, grüßte Ange flüchtig und schien anfangs, trotz der schwachen Beleuchtung, ganz in die Lektüre einer Zeitung vertieft. Allmählich aber begann er seine Blicke auf Ange zu richten und sie endlich in einer so zudringlichen Weise zu betrachten, daß sie dies lebhaft beunruhigte. Der Mann sah unheimlich aus. Er trug einen dunklen Knebelbart, hatte suchende Augen, jene Augen, die eine furchtbare, stumme Sprache reden, und neben gewählter Kleidung eine bis an den Hals zugeknöpfte scharfrote Sammetweste mit weißen Knöpfen. Ange vermochte sich nicht zu erklären, weshalb ihr gerade diese Weste ein so unheimliches Gefühl einjagte.
Endlich brach der Mann das Schweigen und fragte in französischer Sprache, ob ihr wohl—sie möge verzeihen—ein Hôtel in Frankfurt bekannt wäre. Er sei fremd und habe versäumt, sich zu erkundigen. Ange verneinte und gab, wenn auch höflich, durch ihre Miene zu verstehen, daß sie keinerlei Gespräch anzuknüpfen wünsche.
„Werden Sie auch in Frankfurt übernachten, gnädiges Fräulein?“ begann der Fremde trotzdem von neuem.
„Vielleicht—mein Herr!“ und Ange wandte zur größeren Erhärtung ihrer entschiedenen Abwehr den Blick gegen das Fenster und schaute hinaus.
Der Fremde verharrte eine Zeitlang unschlüssig, nahm aber dann noch einmal das Wort und machte eine mit feinem Spott vermischte Entschuldigung. Zugleich veränderte er den Platz und suchte in verletzender Zudringlichkeit Anges Aufmerksamkeit zu erregen.
Ange erbebte, aber sie beschränkte sich diesmal auf einen einzigen Blick, durch welchen sie den Fremden an seinen Platz zurückzuweisen suchte.
In der That schien der Mann endlich belehrt zu sein; er schwieg.
Nun drückte sich Ange mit geschlossenen Augen in die Ecke des Sitzes. Aber noch durch die Lider sah sie in ihrer aufzeigenden Angst die rote Weste und die funkelnden Augen des Fremden vor sich. Von draußen ertönte das hastende Geräusch der dahinfliegenden Wagen; einmal ein kurzer Pfiff der Lokomotive; nun jagte ein anderer Zug, von Frankfurt kommend, über die Schienen. Wie die wilde Jagd raste und stob er mit kurzem, sausendem Gezisch, den Sturmwind im Rücken, an ihnen vorüber. Dann trat das frühere regelmäßige Geräusch wieder ein.
„Mein gnädiges Fräulein! Ich bitte, mein gnädiges Fräulein!“ drang nun die Stimme des Fremden in halb bittendem, halb zudringlichem Tone an Anges Ohr.
„Mein Herr, ich muß dringend ersuchen, daß Sie mich nicht ferner belästigen! Sie haben eine Dame vor sich! Noch einmal, zum letztenmal; ich habe bereits deutlich gezeigt, daß ich keine Konversation wünsche.“
Aber der Fremde rührte sich nicht von der Stelle. Ange schien ihm in ihrem Zorn nur noch reizvoller.
„Wie kann man sich so erregen, so ungehalten sein!“ begann er abermals kopfschüttelnd, suchte Anges Augen, rückte näher und tastete unter weiteren besänftigenden Worten sogar nach ihrer Hand. Eine heiße leidenschaftliche Hand streifte in der That während einer Sekunde Anges Rechte.
„Mein Herr, mir fehlen die Worte für Ihr Benehmen! Ich befehle Ihnen, sich sofort zurückzuziehen!“ rief Ange, flog empor und richtete ihre schlanke, in die dunklen Trauerkleider gehüllte Gestalt so gebietend vor dem Manne auf, daß er zurückprallte. „Wenn Ihr besseres Gefühl nicht von selbst erwacht, wenn Sie Ihre empörenden Zudringlichkeiten nicht einstellen, werde ich die Zugleine ziehen! Ich thue es bei Gott jetzt, sogleich—“
Als der Fremde trotz der Entwaffnung, die sich in seinen Mienen widerspiegelte, dieser Aufforderung dennoch nicht folgte, faßte Ange den Riemen, riß das Fenster auf und rief, während sie nach der Leine tastete, in das Dunkel hinaus nach Hilfe.
Die schwarze Nacht schielte mit ihrem mitleidlosen Gesicht in den schwach erleuchteten Raum, Flocken ihres weißen Totenbettes wirbelten in das Coupé, kalte, eisige Zugluft drängte sich hinein.
Jetzt pfiff die Lokomotive; der schwarze, mit tausend unsichtbaren Atomen geschwängerte Rauch warf seinen stinkenden Atem ins Coupé, drang mit der eisigen Luft in Anges Kehle und tötete jeden Laut. Vorwärts! vorwärts! Der Zug raste dahin! Was scheren den stummen Zeiger an der großen Zeituhr menschliche Vorgänge, gar der Schrei eines geängstigten Menschenkindes, was die Laune eines Zudringlichen?
Zum Glück für Ange hatte der Zug nun bereits das Frankfurter Weichbild erreicht. Der Fremde machte sich hastig mit seinen Sachen zu schaffen, und Ange wandte sich, noch atemlos vor Aufregung, ins Coupé zurück. Wenige Augenblicke und der letzte Pfiff ertönte. Die Wagen hielten, die Thüren wurden aufgemacht, der Fremde sprang mit kurzem, scheuem Gruß eilend hinaus, so eilend, daß Ange ihn in der nächsten Sekunde aus den Augen verlor, und sie selbst verließ, noch unter den Nachwirkungen der Schrecken, die über ihr geschwebt, den unheimlichen Raum und fuhr in die Stadt.
* * * * *
Als Ange nach einer Nacht voll aufregender Träume und Beunruhigungen zu einer Überlegung der Aufgaben des Tages gelangte und zunächst sich erinnerte, daß sie sich einige Geldmittel verschaffen müsse, saß sie lange grübelnd da und vermochte sich nicht zu einem Entschlusse aufzuraffen. Nur wer sich in einer Lebenslage jemals befunden hat, in der das Notwendigste nicht allein fehlt, sondern auch der Blick in die Zukunft das Traurigste vor Augen stellt, wird den Zustand von Mutlosigkeit und Unsicherheit begreifen, in welchem sie sich befand.
Die Rückwirkung der Aufregung des verflogenen Abends, die Geldsorge, die dadurch hervorgerufenen Eindrücke, namentlich das Gefühl, etwas anderes zu scheinen, als die Umgebung voraussetzte, die fremde Stadt, die bevorstehende polizeiliche Vernehmung—dies alles übte eine solche Wirkung auf Ange aus, daß sie, zum Fortgang schon gerüstet, auf der Treppe noch einmal umkehrte, sich in ihr Zimmer zurückbegab, und weinend nach Fassung rang.
Und diese ward ihr endlich! Ja, noch mehr. Was bisher zu keinem Ausdruck gelangt war, weil der richtige Prüfstein fehlte, gestaltete sich allmählich klar und kräftig in ihrem Inneren. Sie gedachte ihrer Kinder, und bei der Erinnerung an diese stärkte sich ihr Pflichtgefühl. Der Adel ihrer Seele half ihr zu einem unabänderlichen Entschluß und zu einem festen Willen. Nun zeigte sich, daß sie aus einem besseren Holz geschnitten war als der Durchschnitt derer, die in der Welt umherwandeln.
Kein Rückblick mehr auf frühere sorglose Zeiten, keine Vergleiche! Geradeaus wollte sie ihr Auge richten! Ein heiliger Ernst durchdrang sie: jener sittliche Ernst bemächtigte sich ihrer, ohne den niemand wagen darf, auf den Kampfplatz des Lebens zu treten, mit dem aber jeder ein Feld sich eröffnet, dessen Enden ohne Grenzen zu sein scheinen.
Ange beschloß, zunächst einen Wagen zu nehmen und nach einem Pelzgeschäft zu fahren; von dort wollte sie sich ins Polizeigebäude begeben. Nachdem sie Erkundigungen bei dem Portier eingezogen—sie wurde rot bei ihrer Frage—, fuhr sie ab.
Kaum zehn Minuten später betrat sie das Magazin und legte den Mantel, den sie im Wagen abgezogen hatte, dem Käufer, einem jungen Menschen mit einer verdrießlichen Geschäftsmiene, vor.
„Ich bin auf der Reise. Dieser Pelz ist mir überflüssig, ich wünsche ihn zu veräußern. Wollen Sie die Güte haben, ihn zu prüfen und einen Preis zu nennen?“
Der Angeredete schob das kostbare Stück hin und her, nickte und sagte endlich: „Ich glaube, daß wir den Mantel erwerben würden. Aber der Chef ist augenblicklich verreist. Wollen Sie ihn nicht bis übermorgen zur Verfügung halten? Ich kann den Handel allein nicht abschließen!“
Ange erwiderte, daß dies nicht möglich sei, und bat um eine andere Adresse. Nachdem eine mürrische Antwort erfolgt war, entfernte sie sich.
Ange fuhr durch eine Reihe weitläufiger Straßen und Gassen, bevor sie ihr Ziel erreichte. Die großen Geschäftshäuser mit ihren geschmückten Läden türmten sich vor ihr auf. Sie sah die eilenden Fuhrwerke und Menschen, blickte in den Dunst und Wirrwarr des Verkehrs und ward hier angezogen, dort abgestoßen von den Bildern des geräuschvollen Lebens. Aber diese Eindrücke gingen gleichsam nur wie ein Schatten neben den Gedanken einher, die sie beschäftigten.
Und da plötzlich tauchte beim Hinausschauen eine Gestalt vor ihr auf, die sie kannte. Im Fluge des Vorüberfahrens sah Ange ihren Reisegefährten; sie bemerkte auch während weniger Sekunden die Dreieckzipfelchen seiner roten Weste unter dem zugeknöpften Rock. Der Mensch hatte Frankfurt also nicht verlassen! Doch gleichviel; wirkte auch die Erinnerung auf sie und ließ diese ein angstvolles Unbehagen in ihr emporsteigen—das war glücklich überwunden. Jetzt, in der belebten Stadt empfand sie keinerlei Furcht.
Endlich hielt der Wagen. Aber hier war nicht, was Ange suchte. Sie befand sich in einer kleinen Gasse und begriff nur zu bald, daß der Kutscher sie falsch verstanden habe. Ange sah auf die Uhr; es war schon spät. Unter raschem Entschluß befahl sie, nach dem Polizeigebäude zu fahren. Sie wollte den Wagen warten lassen, auf ihrer Rückkehr den Mantel veräußern, und dann den Mann ablohnen.
„Warten Sie!“ sagte Ange, nachdem das Polizeigebäude erreicht war. Und in einer unzeitigen Ehrlichkeit fügte sie hinzu: „Es kann etwas lange dauern.“
„Dann lohnen Sie mich ab!“ rief der Kutscher. „Mein Pferd geht schon seit gestern abend; ich möchte ausspannen.“
Ange erschrak. „Ich habe kein kleines Geld—“
„Ich werde wechseln gehen,“ wandte der Mann ein und sprang vom Bock.
„Nein, nein, warten Sie!“ erklärte Ange, eilte rasch an die Thür und schnitt somit alle weiteren Fragen ab, die ihr Ungelegenheiten bereiten konnten. Das Geld, das sie in C. zu sich gesteckt, hatte eben für die Reise gereicht; sie vermochte den Kutscher nicht einmal zu bezahlen.
Nachdem Ange von dem Portier verständigt worden war, betrat sie das Zimmer des Kriminalkommissarius. Einer der dort anwesenden Beamten wußte nicht genau Bescheid, der Vorsteher war nicht anwesend. Es blieb Ange die Wahl zu warten oder wieder zurückzukehren. Sie schwankte.
Bevor sie sich zum Gehen entschloß, fragte sie nach Tibet, und nach einigem Hin- und Herreden empfing sie den Bescheid, der Inkulpat sei in Haft, und es sei nicht möglich und gestattet, ihn zu sehen oder zu sprechen.
Der Beamte, der höflich, wenn auch kurz Auskunft erteilt hatte, sah befremdet empor, als Ange, in Gedanken verloren, vor sich hinstarrte. Nun raffte sie sich auf und erklärte, in einigen Stunden wieder anfragen zu wollen.
In der Thür wandte sie sich noch einmal um. „Ich bitte, dem Herrn Kommissar bei seiner Rückkehr meine Karte übergeben zu wollen und zu melden, daß ich mich eingefunden habe.“
Der Beamte schielte auf die Adresse, nickte gleichgültig und sah auf seine Arbeit.
„Adieu!“
Dieser Gruß ward kaum erwidert. So ging Ange.
Ins Hôtel zurückgekehrt, ließ sie den Kutscher ablohnen und machte sich nach etwas Ruhe und Erholung abermals nach dem Polizeibureau auf den Weg.
Als sie nach längerem Warten endlich vorgelassen wurde, stand sie einem ernsten Mann mit forschendem Blick gegenüber, und es entspann sich ein längeres Gespräch.
„Ich komme, Herr Kommissar, wegen meines am vorgestrigen Tage verhafteten Dieners Ernst Tibet.“
„Ich habe die Ehre, die Frau Gräfin von—“ Der Beamte suchte nach Anges Namen, bat sie mit einer höflichen Bewegung, Platz zu nehmen, griff hinter sich nach einem Aktenfascikel, blätterte darin und neigte zustimmend den Kopf, als jene inzwischen das Wort „Clairefort“ selbst hinzufügte.
„Ganz recht! Der Verhaftete beruft sich auf die Zeugenschaft der Frau Gräfin Ange von Clairefort, geborenen Baronin von Butin, Gemahlin des verstorbenen Rittmeisters Carlos von Clairefort. Ist dies richtig, gnädige Frau!“ Der Kommissar erhob fragend den Blick.
Ange verbeugte sich.
„Die Vorgänge, die Umstände, welche die Verhaftung des Ernst Tibet herbeiführten, sind Ihnen bekannt, gnädige Frau?—Nein?—Ich werde Ihnen dann zunächst das Protokoll vorlesen. Indes, eine Vorfrage: Vermögen Sie sich zu legitimieren? Ich bitte um Ihre Papiere.“
Ange wußte bei den mehrfach und gleichzeitig gestellten Fragen nicht unmittelbar zu antworten; von allen blieb die letztere in ihr hasten. „Legitimation? Ich verstehe nicht, Herr Kommissar!“
„Es würde ein amtlich beglaubigtes Schriftstück aus C., etwa von dem dortigen Polizeimeister, genügen.—Sie haben kein solches?—Vielleicht können Sie sich durch eine hiesige Persönlichkeit rekognoszieren lassen.—Auch nicht?—Hm, das erschwert allerdings die Angelegenheit.“
In Anges Mienen trat ein Ausdruck von Enttäuschung und Unruhe zugleich, und da ein Kriminalkommissarius wie ein Luchs auf der Lauer liegt und jede verdächtige Bewegung beobachtet, auch niemals annimmt, daß ihm die Wahrheit gesagt wird, sondern stets das Gegenteil vermutet, so sprachen diese Dinge nicht eben zu Anges gunsten.
„Eine Legitimation ist durchaus erforderlich, gnädige Frau,“ fuhr der Beamte achselzuckend fort. Die Schwierigkeiten, die sich unvermutet erhoben, ängstigten Ange. Sie sah ihr Gegenüber einen Moment ratlos an.
„Ich müßte schon nach C. zurückreisen, Herr Kommissar. Ich weiß keinen anderen Weg. Hier kenne ich niemanden. Giebt's keine Möglichkeit? Ich bitte freundlichst um Ihren Rat.“
Der Beamte machte eine zweifelnde Bewegung, und in seinem Gesicht malte sich nichts, was Ange hätte ermutigen können.
„Ich glaube allerdings, es wird nichts anderes übrigbleiben, als daß Sie an Ort und Stelle—“
„Aber bedenken Sie, Herr Kommissar, ich bin gestern in aller Eile abgereist, nun wieder zurück und abermals hierher!“
„Allerdings eine mißliche Aufgabe, gnädige Frau. Aber woher soll ich die Überzeugung nehmen, daß ich die Ehre habe, mit der Frau Gräfin von Clairefort zu sprechen? Die ganze Angelegenheit macht, ich muß es Ihnen offen bekennen, einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck. Der Inkulpat hat sich äußerst verdächtig benommen. Nachdem er die sehr wertvollen, wie ich hier berichtet finde, auf eine ganz ungewöhnlich große Summe abgeschätzten Diamanten anfänglich als sein Eigentum bezeichnet hatte, zog er später diese Aussage zurück und weigerte sich, den Namen seines Auftraggebers zu nennen. Der Juwelier mußte Verdacht schöpfen und war in der That selbst die Veranlassung, daß die Verhaftung erfolgte. Was ist denn Ihnen über den Fall bekannt, gnädige Frau?“
Ange berichtete, was sie wußte. Sie erzählte, daß sie ein Telegramm und in diesem die Aufforderung erhalten habe, sofort nach Frankfurt zu eilen. Und während sie das erörterte, kam ihr, wie ihr schien, eine zutreffende Bemerkung.
„Daß ich die Gräfin von Clairefort bin, Herr Kommissar,“ fuhr sie fort, „mag genügend daraus erhellen, daß nur ich die ohne Zweifel mit Ihrer Genehmigung abgesandte Depesche empfangen konnte und solche auch in der That erhielt. Wollte der Verhaftete eine andere Persönlichkeit einschieben, welche Möglichkeit Sie anzunehmen scheinen, so mußte er entweder diese zugleich benachrichtigen oder sich in der Zwischenzeit mit mir in Verbindung setzen. Wie sollte das geschehen sein? Ich erkläre, daß ich die Gräfin von Clairefort bin, daß ich meinen Diener beauftragt habe, meine Diamanten zu veräußern, und daß er nur aus Delikatesse meinen Namen verschwieg. Die Umstände, welche ihn dazu veranlaßten, sind so trauriger Art“—Ange stockte und senkte das Auge—„daß Sie darin nur etwas Selbstverständliches finden würden, Herr Kommissar, wenn Ihnen solche bekannt wären.“
Der Beamte sah Anges Bewegung und legte ihr durch einige artige Worte seine Teilnahme an den Tag. Dann aber nahm er zu dem Gegenstand selbst Stellung und sagte:
„Was Sie als untrüglichen Nachweis anführen, meine gnädige Frau, ist für mich keiner. Ich bitte, nur den einen Fall ins Auge zu fassen, und ein solcher ist unzähligemal vorgekommen. Was kann bei solchen Gelegenheiten nicht alles vorbedacht und abgesprochen sein! Stößt dem Schwindler oder Dieb eine Ungelegenheit zu, bezeichnet er als Entlastungszeugen eine mit ihm im Bunde stehende Persönlichkeit, die sich also im vorliegenden Fall etwa—Frau von Clairefort nennt. Diese erscheint, macht ihre Aussagen, und der gemeinsame, an einer dritten Person ausgeführte Diebstahl—wer weiß wo; in Paris, Madrid oder sonst in der Welt!—bleibt nicht nur unentdeckt, sondern die Komplicen ziehen noch mit triumphierender Miene ab.—Ohne Zweifel verhält sich das alles in diesem Falle nicht, wie ich hier dargelegt habe, aber bedenken Sie, daß es doch möglich sein könnte und welche Verantwortung auf mir lastet. Meine vielen Geschäfte gestatten mir im allgemeinen nicht, mich mit Zeugen in Erörterungen über Eventualitäten einzuladen. Ich gehe streng nach meinen Vorschriften. Wird erfüllt, was ich gesetzlich zu verlangen habe, schreite ich an die Prüfung und entscheide. Legitimieren Sie sich, und ich werde Ihre Aussagen protokollieren, diese mit denen des Tibet vergleichen, Sie beide konfrontieren und, wenn ich die Überzeugung gewinne, daß ein falscher Verdacht vorliegt, mit größter Genugthuung Ihren Diener entlassen und Sie in den Besitz Ihres Eigentums setzen.“
Ange ließ mutlos den Kopf sinken.
„Also es giebt gar keinen—gar keinen Ausweg, Herr Kommissar?“ fragte sie und sah ihn mit feuchten Augen an. „Bedenken Sie gütigst! Ich, eine einzelne Dame! Noch stehe ich unter den Nachwirkungen einer so ernsten Trauer, mein Gatte ist eben gestorben. Ich reiße mich von allem los und eile hierher; nun soll ich nochmals zurück! Und dazu die Peinlichkeit, in dieser Angelegenheit mit den Ortsbehörden zu verhandeln!—Diamantendiebstahl! Verhaftung! Das alles klingt, als ob wirklich ein Vergehen vorläge, und doch ist alles so korrekt wie nur möglich. Ich bitte, ich flehe Sie an, helfen Sie mir! Ich schwöre Ihnen zu, daß ich die Wahrheit rede! Sehe ich aus wie eine Betrügerin? Ihr scharfer Blick muß es erraten, daß ich die volle Wahrheit rede!“
Der Beamte sann einen Augenblick nach, dann sagte er:
„Meinen persönlichen Empfindungen darf ich nicht folgen. Diese sprechen zu Ihren gunsten, gnädige Frau—ich bitte, beruhigen Sie sich.“ (Ange brach in Thränen aus.) „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen: ich werde an den Polizeimeister in C. telegraphieren. Vermag dieser zu recherchieren, daß Sie in C. wohnen, gestern abgereist sind—wann, bitte, mit welchem Zug?—Sehr wohl!—auch Ihr Signalement und dasjenige Ihres Dieners beizufügen—würden Sie endlich das Original der Depesche mir einhändigen können, welche Sie von Ihrem Diener empfingen, so wäre ich hinreichend gedeckt und verspreche Ihnen eine rasche Untersuchung und Erledigung.“
Ange atmete erleichtert auf.
„Wann darf ich also wieder erscheinen, Herr Kommissar?“
„Ich denke, übermorgen vormittag werde ich im Besitz alles dessen sein, was erforderlich ist.“
„Nicht früher?“ warf Ange enttäuscht ein.
„Ich glaube nicht, daß es möglich sein wird.“
„Und darf ich meinen Diener sprechen?“
„Ich bedaure, gnädige Frau—“
„Aber er könnte doch benachrichtigt werden, daß ich hier bin und daß alles eingeleitet ist! Sie würden mich sehr verbinden. Der arme Mensch wird in einer entsetzlichen Unruhe sein, und Sie begreifen, daß ich ihn daraus befreien möchte.“
„Diese Bitte will ich auf Ihren besonderen Wunsch erfüllen, gnädige Frau.“
Der Kommissar klingelte.
„Ich danke Ihnen für diese besondere Rücksicht, Mein Herr,“ sagte Ange, stark betonend.
Der Beamte neigte höflich den Kopf und erhob sich. „Also auf übermorgen zehn Uhr. Ich stehe dann zu Diensten. Ich empfehle mich Ihnen, gnädige Frau.“
Eine stumme Verbeugung, nochmals ein Dankeswort, dann war Ange draußen.
„Nach der Pelzhandlung von M.!“
„Straße? Nummer?“
Ange antwortete, stieg ein und der Wagen rollte fort. Nach zehn Minuten befand sie sich an Ort und Stelle. Sie brachte ihr Anliegen vor und wartete voll Ungeduld auf die Entscheidung. Diese erfolgte erst nach längerer Zeit.
„Wir haben im ganzen nicht viel Neigung zum Kauf, obgleich der Pelz sehr schön ist,“ sagte der Händler, welcher sich mit seiner Umgebung beraten hatte. „Für derartige Ware haben wir hier so gut wie keine Verwendung. Indessen, wollen Sie ihn mit achtzig Thalern abgeben, kann das Geschäft gemacht werden.“
Seit Wochen hatte sich Ange nicht so glücklich gefühlt. Sie hätte aufjauchzen können in der Erleichterung ihrer Seele. Achtzig Thaler! Sie hatte zwar mehr erwartet, da der Pelz mehrere Hunderte gekostet hatte, aber sie empfing Geld—überhaupt Geld, und—dann fand sich alles andere.
Ange nickte, that noch eine Frage wegen Rückkaufs, empfing den Betrag und entfernte sich.
Nach einer Abwesenheit von fast zwei Stunden kehrte sie nun abermals ins Hôtel zurück.
* * * * *
Wer das Leben beobachtet, wird finden, daß diejenigen das höchste Ansehen genießen, welche allezeit den Kopf über das Herz stellen, und in der That sind diese Menschen die eigentlichen Erhalter unserer sozialen Verhältnisse. Was sollte heute aus einer Welt werden, in der die Menschen nach den idealen Vorschriften einer biblischen Bergpredigt handeln wollten?
Anders steht es mit dem Glück solcher Personen. Die tausendfachen Reize, welche den Gemütsmenschen zu teil werden—und mögen diese auch nur bestehen in dem Wechsel zwischen Erfolg und Enttäuschung—entgehen ihnen. Der Gemütsmensch genießt jede Sekunde, der Verstandesmensch entbehrt oft alles. Jener befindet sich bis zum Grabe in einem köstlichen Rausche, dieser—oft ohne wesentlichen Kampf mit der Außenwelt, der Illusionen bar, lernt den eigentlichen Zauber des Lebens gar nicht kennen.
Ange hatte den furchtbaren Ernst ihrer Lage begriffen, und der feste Entschluß, ein neues, auf Pflichttreue beruhendes Leben zu beginnen, war stark und lebendig in ihr geworden; aber ihre lebensfrohe Weltanschauung und ihre sorglose Unerfahrenheit gewannen doch leicht wieder die Oberhand und verführten sie, mehr dem Impuls des Augenblicks zu folgen, als das Ende der Dinge ins Auge zu fassen. Gestärkt durch neue Hoffnungen und im Besitz einiger Mittel, verwischten sich vorübergehend die Eindrücke der letzten Tage, und mit dem halbbewußten Anreiz, sich ihre glückliche Stimmung zu erhalten, durchschritt sie nach dem eingenommenen Mittagessen die Hauptstraßen, guckte in die Läden und betrachtete mit naiver Freude alles, was sich neues ihrem Auge bot.
Die schönen Gegenstände, welche in den Schaufenstern ausgebreitet lagen, reizten ihre Kauflust. Was ihr gefiel, hatte sie bisher stets erhalten—sich erbeten oder selbst gekauft; niemals fand sie den geringsten Widerstand. Nun fielen ihr die Kinder ein! Statt eines Tages würde sie viele Tage fortbleiben! Dafür mußten ihre Lieblinge doch in etwas entschädigt werden!
Unter diesem Gefühlsdrange betrat sie ein Magazin und wählte aus: da war etwas für die kleine Ange, hier etwas für Jorinde und Fred, und da keines der Kinder bevorzugt werden durfte, kaufte sie auch einige hübsche Überflüssigkeiten für Ben und Erna.
Als der Verkäufer die Rechnung summierte, erschrak Ange. Aber dann stellte sie sich die Freude und den Jubel der Kleinen vor, gedachte nochmals der mancherlei Entbehrungen, welche sie durch ihre Abwesenheit erleiden würden, und befahl ohne Zaudern, die Gegenstände abzusenden.
Und dennoch tauchte, als sie draußen zum Nachdenken gelangte, ein bekanntes ernstes und tadelndes Gesicht vor ihr auf; ja sie hörte eine Stimme, die sie sanft schalt und ihr zurief: „Niemals wirst Du die Erfahrungen des Lebens Dir zu nutze machen! Immer wissender wirst Du werden, nicht weiser!“ Es war Teut, der auch diesmal vor ihrem inneren Auge erschien.
Ange erschrak vor sich selbst. Selbsterkenntnis war ihr gekommen, seitdem sie Teut kennen gelernt, Entschlüsse waren in ihr gereift, nachdem Carlos davongegangen und sie in Not zurückgelassen hatte, aber der Gang durch die Schule des Lebens war noch zu kurz, um seine volle Wirkung zu üben.
Den Rest des Tages benutzte sie, um an die Kinder und nochmals an Teut zu schreiben. In ihrem ersten Briefe an ihn hatte sie nur Kunde gegeben von Carlos' plötzlichem Tode; nun bat sie den Freund, ihr in ihrer Lage zu raten. Mit ihrem Zartgefühl zauderte sie lange, die Zukunft zu berühren. War in diesem Falle Rat erbitten nicht gleichbedeutend mit einem Anspruch auf Teuts erneuerte opferthätige Freundschaft?
Dennoch schrieb Ange.
Nachdem sie aber die Feder aus der Hand gelegt, nochmals alles überlesen hatte, und nun den Brief einfalten wollte, stiegen plötzlich Stolz und Scham wie heiße Feuer in ihr empor. Sie zauderte, und aus diesem Zaudern entstand ein unabänderlicher Entschluß. Ange zerriß, was sie dem Papier anvertraut, und warf's in den Kamin.
Es war ein qualvoller, heftiger Widerstreit, der sich in ihrem Inneren erhob. Hier winkten Sorglosigkeit, Fülle vielleicht, mindestens aber alles, was ihre Kinder schützen würde vor der Grausamkeit des Lebens. Dort, in der Zukunft, lagen harte Arbeit, Entbehrung und alle die entsetzlichen Begleiter dieser Quälhexe des Daseins.
Und dennoch, und dennoch! Schon die bisherigen Wohlthaten Teuts brannten wie glühendes Eisen auf ihrer Seele. Und diese noch vermehren?—Niemals! Um keinen Preis! Es war jetzt, wie's war! Etwas blieb! Darben würde sie nicht, wenn sie alles veräußerte. Am besten, sie floh vor dem Freunde für immer, um so mehr, weil sie ihn liebte und weil diese Liebe sie zu einer nachgiebigen Schwäche hinreißen konnte, die sie sicher bereuen würde.
* * * * *
Vier Tage nach dem eben Erzählten saßen sich Ange und Tibet in einem Zimmer des Hotel de Russie gegenüber.
Letzterer war am Tage vorher aus der Haft entlassen worden, und hatte Anges Eigentum zurückerhalten. Eben hatte er, der Aufforderung seiner Herrin folgend, Platz genommen und sich einer ehrerbietigen Haltung entäußert, die unter den bestehenden Verhältnissen auch als etwas Nebensächliches erscheinen mußte.
„Endlich, endlich, mein guter, braver Tibet!“ sagte Ange und reichte dem treuen Menschen die Hand. „Und nun berichten Sie! Ist alles gut verlaufen? Wieviel haben Sie empfangen?“
Über Tibets Gesicht flog ein zufriedenes Lächeln; er griff in die Seitentaschen seines Rockes und legte Ange ein Papier vor, das diese zwar neugierig betrachtete, aber ohne Verständnis wieder aus der Hand gleiten ließ.
„Es ist ein Check auf die Firma Erlanger, Frau Gräfin. Fünfundfünfzigtausend Mark haben wir erhalten.“
„Wie? Fünfundfünfzigtausend Mark? Viel; nicht, Tibet?“ rief Ange naiv und voller Freude.
„Ich glaube, daß wir mehr bekommen hätten, Frau Gräfin, wenn—“
„Wenn?“
„Die Frau Gräfin wünschten eine rasche Erledigung. Wenn ich das Angebot in scheinbar längere Überlegung gezogen hätte, würde möglicherweise ein größerer Preis erzielt worden sein!“
„Vielleicht, vielleicht, Tibet! Aber unter den gegebenen Verhältnissen—“
„Wenn die Frau Gräfin meine Bitte erfüllt haben würden, wenn ich vorläufig hätte eintreten dürfen—“
„Nun kommen Sie schon wieder mit den alten Dingen! Ist's denn nicht gut so? Fünfundfünfzigtausend Mark! Das ist weit über meine Erwartung! Wieviel meinen Sie, Tibet, daß die Veräußerung meiner Einrichtung bringen wird? Hatte der Graf versichert? Wissen Sie etwas darüber?“
„Es ist eine sehr große Summe, Frau Gräfin. Ich erinnere mich nicht genau, wieviel es gewesen ist. Allein die Gemälde im Salon haben einen bedeutenden Wert.“
„Ah, so daß ich doch nicht ganz eine arme Kirchenmaus sein werde! Wie hoch belaufen sich unsere Schulden, die rückständigen Zahlungen der letzten Zeit?“
„Sie sind nicht unbedeutend, Frau Gräfin. Aber falls Frau Gräfin, was ich nicht hoffe, die Einrichtung veräußern, wird wohl gewiß das Doppelte von dem herauskommen, was ich heute für die Diamanten erzielt habe.“
„Also viel, Tibet, sehr viel! Nehmen wir an, daß mir hunderttausend Mark bleiben—werde ich diese wohl behalten, nachdem die Schulden, auch diejenigen an Baron von Teut, abgetragen sind?—Ja?—Sie wissen nicht?—Nun, nehmen wir an, daß mir so viel bliebe—wieviel Zinsen giebt das vom Kapital?“
„Viertausend Mark, wenn dieses sicher angelegt werden soll, Frau Gräfin.“
„Viertausend Mark—und damit sollten wir uns in einer kleinen Stadt nicht bescheiden einrichten können? Wie glücklich bin ich, daß wenigstens das meinen Kindern erhalten bleibt!“
Tibet seufzte. Er schien Anges Hoffnungen keineswegs zu teilen.
„Nun. Sie Zweifler, was ist denn jetzt wieder?“
„Der Herr Baron wird sicher nicht leiden, daß die Frau Gräfin Ihre Einrichtung verkaufen. Schon wegen der Diamanten werde ich einen schweren Stand mit ihm haben.“
Aber Tibet bereute, was er gesprochen hatte, denn die Frau, die ihm gegenüber saß, sagte in einem völlig veränderten und keinen Widerspruch duldenden Ton:
„Was hat Herr von Teut mit diesen Angelegenheiten zu thun? Ist er mein Vormund? Ich wünsche durchaus keine Einmischungen in meine Geldangelegenheiten von seiner Seite. Und damit Sie es wissen, ein für allemal wissen, Tibet: ich verbiete Ihnen, ohne meinen Willen und meine Zustimmung dem Baron irgendwelche Mitteilungen über meine Verhältnisse zu machen. Ja, noch mehr. Wenn ich C., was unmittelbar geschehen wird, verlasse, darf er meinen Aufenthalt nicht erfahren. Ich würde irgendwelche Äußerung von Ihrer Seite, die ohne meine Genehmigung geschieht, als eine Indiskretion, ja als einen Treubruch ansehen, und Sie würden meine Freundschaft verlieren, die Sie heute in so hohem Grade besitzen.“
„Frau Gräfin—“
„Und überall und zur Klarstellung über das, was ich unabänderlich beschlossen, Tibet,“ fuhr Ange, ohne Tibets Einwand zu beachten, in einer diesem Mann gegenüber vielleicht ungeeigneten, aber ihrer Natur entsprechenden Offenheit fort, „merken Sie sich folgendes: Sie werden es verstehen, und ich sage es Ihnen, weil wir uns in diesem Augenblicke nicht gegenübersitzen als Herrin und Diener, sondern als zwei durch lange Jahre und nun auch durch ein trauriges Schicksal verknüpfte Personen. Es giebt niemanden auf der Welt, den ich so hoch schätze wie den Baron von Teut; er ist mein bester, mein treuester Freund, wie Sie, Tibet, es meinem verdorbenen Gemahl gewesen sind. Aber die Dauer der Freundschaft ist fast immer bedingt durch Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse. Da diese sich verändert haben, so könnte unser bisheriges gutes Einvernehmen Schaden leiden, und um unter allen Umständen solches zu verhüten, will ich ihn in Zukunft meiden. Ich kenne ihn. Seine freigebige Hand kann sich nicht schließen, ich aber will keine Wohlthaten empfangen, und wenn ich hungern sollte! Daraus ergiebt sich alles. Auch wir müssen uns trennen, mein braver Tibet! Ich vermag Ihnen nichts zu bieten und darf Sie nicht zurückhalten, sich ein anderes sicheres Brot zu suchen.“
„Wie—auch mich wollen Sie von sich stoßen, Frau Gräfin?“ rief Tibet.
„Ich will Sie nicht von mir stoßen! Ach, Tibet, ich trenne mich nur allzu schwer von Ihnen. Aber gestehen Sie selbst! Meine Einnahme wird in der Folge gering sein, meine Familie ist zahlreich; ich kann Sie nicht belohnen, wie ich es möchte. Ja, noch mehr: ich kann Ihnen überhaupt nicht—“
„Ich wünsche auch gar nichts, Frau Gräfin. Ich bitte nur, bei Ihnen und den Kindern bleiben zu dürfen, die mir ans Herz gewachsen sind.“ Den Schlußsatz sprach Tibet, dieser unverbesserliche Egoist, nicht ohne Berechnung. Und er täuschte sich auch nicht bezüglich der Wirkung seiner Worte.
Immer, wenn die Kinder in Frage kamen, ward Ange wieder schwach oder schwankend. Sie hingen voll Zärtlichkeit an dem alten Diener des Hauses. Sie stellte sich vor, wie gut er stets mit ihnen gewesen, wie er ihre Schwächen kannte und wie günstig er sie stets beeinflußt hatte; ja, welche Entbehrung eintreten werde, wenn er nicht mehr in ihrer Nähe sein würde.
Ange schüttelte denn auch nur den Kopf; sie bewegte ihn wie jemand, der nicht nein und nicht ja zu sagen vermag.
Aber endlich gewann doch das Vernünftige wieder die Oberhand, und sie sagte:
„Und dennoch nein—nein, Tibet. Sie sind nicht mehr jung—wollen Sie die besten Ihnen noch bleibenden Jahre sich verkümmern, gar mit der Aussicht in eine Abhängigkeit treten, welche sicher ein sorgenfreies Alter abschneidet?“
„Dafür ist gesorgt, Frau Gräfin. Ich habe ein kleines Kapital, wie Sie aus meinem bescheidenen Anerbieten bereits erfahren haben. Ich strebe nicht nach Geld! Lassen Sie mich wenigstens vorläufig bei Ihnen bleiben! Die nächste Zeit erfordert so viel! Zuerst werde ich die ganze Abwickelung in C. besorgen müssen, dann kommt der Umzug, die Neueinrichtung, die Eingewöhnung in die neuen Verhältnisse. Das erfordert gewiß ein Jahr, in dem ich mich Ihnen nützlich machen kann.“
Ange sah dem trefflichen Menschen ins Auge, und eine Thräne der Rührung stahl sich in ihr eigenes.
„Gut, unter einer Bedingung, Tibet!“ entschied sie, während sie ihre Empfindungen zurückdrängte „Sie versprechen mir, daß Sie meine vorher geäußerten Wünsche erfüllen, daß Sie dem Baron von Teut—“
Tibet hatte bei den ersten Worten dankbar das Haupt geneigt, jetzt trat ein unverkennbarer Ausdruck der Unruhe in seine Züge.
„Nun, Tibet?“ unterbrach sich Ange.
„Darf ich offen sprechen, Frau Gräfin?“
Ange nickte, ergriff einen kleinen Gegenstand, der auf dem Tische lag, rollte ihn in ihrer Hand auf und ab und horchte mit einem Anflug von Spannung auf.
„Ich gab Herrn Baron von Teut beim Abschied mein Wort, Frau Gräfin, ihm von allem Mitteilung zu machen, was die gräfliche Familie anbeträfe. Ich meine,“ setzte er schnell auf einen stolzen Blick aus Anges Augen hinzu, „ihm sogleich Nachricht zu geben, wenn bei den einmal begehenden Verhältnissen Ungelegenheiten eintreten sollten. Ich versprach es nach einigem Zaudern, denn früher—damals, als der Herr Baron zuerst ins Hauswesen eingriff—hatte ich jede derartige Zumutung abgelehnt. Nun wußte ich sicher, daß ich etwas Gutes, Ihnen nur Nützliches damit bewirken könne, und sagte zu, was er von mir wünschte. Aber noch etwas anderes, Frau Gräfin: der Herr Baron ist, soviel ich weiß, von dem seligen Herrn Grafen zum Vormund der Kinder eingesetzt, und derselbe hat ihm auch Vollmacht gegeben, Ihre Vermögensangelegenheiten selbständig in die Hand zu nehmen. Haben Sie nichts in dem letzten Willen des Herrn Grafen—in seinem Testament gefunden?“
„Ah!“ murmelte Ange erregt und wie abwesend vor sich hinstarrend.
„Und zudem, Frau Gräfin,“—fuhr Tibet, Mut gewinnend, fort—„welchen Nutzen wird es haben, wenn Sie alles verkaufen? Sie bedürfen doch einer Einrichtung, auch an einem anderen Ort! Und glauben die Frau Gräfin nicht, daß der Herr Baron bald ausfindig machen wird, wo Sie sich aufhalten, und wird er nicht—“
Ange erhob sich und ging unruhig im Zimmer auf und ab.
Sie rückte an den mit Plüsch bezogenen Stühlen, zupfte an der Tischdecke und stieß mit dem kleinen Füßchen ein Schnitzelchen Papier unter das Sofa.
„Nein!“ sagte sie und richtete sich empor. „Ich weiß nichts von diesem letzten Willen meines Gemahls, und ich fand nichts Derartiges unter seinen Papieren. Wozu sollte das auch dienen? Bin ich nicht selbst der natürliche Vormund meiner Kinder?“ Und nach kurzer Pause fuhr sie, in ihren naiven Ton zurückfallend, fort: „Müßte ich mich denn fügen, wenn wirklich ein solches Abkommen vorhanden wäre?“
„Ohne Zweifel, Frau Gräfin.“
„Nun, dann mag es sein! Mag der Vormund raten, aber—“
Ange fiel in den Sessel zurück und bewegte in starker Erregung den Kopf. Was sie eben gesprochen, hatte sich unwillkürlich hervorgedrängt. Es war nichts, was an Tibet gerichtet war. Er verstand dies auch, denn er schwieg taktvoll.
„Meine Kinder sollen“—hob Ange von neuem an—„etwas Tüchtiges lernen, und wenn es ein Handwerk ist. Je früher sie leistungsfähige Menschen werden, desto eher werden sie sich ihr Brot verdienen können. Darauf wird sich meine Sorge richten müssen. Freilich, für die Mädchen ist es schwer!
Ich werde sehen, was sie zu begreifen und später nützlich zu verwerten vermögen. Das ist mein Plan und mein unumstößlicher Entschluß. Wo ich in Ehren mir Erleichterungen verschaffen kann—Erleichterungen, die man Unbemittelten in den Schulen durch Stipendien in ähnlichen Fällen gewährt, werde ich sie suchen. Komme ich in die Lage, ein Darlehen zu nehmen, so werde ich das als ein Geschäft betrachten—kurz, Tibet, ich gehe meinen eigenen geraden Weg, und nichts, nichts wird mich davon zurückbringen oder abhalten!“
„Gewiß, gewiß, Frau Gräfin,“ bestätigte Tibet einlenkend und voll Staunens. War das dieselbe Frau, die er seit so vielen Jahren in fast hilfloser Weise sich hatte bewegen sehen, die immer wie ein unerfahrenes, von jedem Impuls getriebenes Wesen gehandelt, die selbst einem Teut seiner Zeit das um ihrer Kinder willen abgebettelt, was sie doch als recht und vernünftig erkannt hatte!?
Er machte, von der Entschiedenheit ihres Wesens betroffen, auch fernerhin keinen Einwand mehr, verneigte sich nur stumm und bat, ihn wegen der Reisevorbereitungen zu entlassen.—
Die Nachwirkung der vorhergegangenen Aufregung trat erst später bei Ange ein. Zunächst hielt sie noch die Sehnsucht nach den Kindern, dann die freudige Erwartung des Wiedersehens aufrecht.
Als der Zug sich am Tage der Rückkehr C. näherte, als Ange sich vorstellte, alle ihre Lieblinge am Bahnhofe wiederzusehen, klopfte ihr das Herz so gewaltig, daß ihr fast der Atem stockte: und als endlich das Ziel erreicht war, als die Kinder ihre Händchen ausstreckten und sie beim Aussteigen küssend und jubelnd umringten, da erschien Ange alles, was vorgegangen, geringfügig gegen diesen Augenblick des Glücks.
* * * * *
Ange hatte bereits auf der Rückfahrt noch einmal mit Tibet überlegt, welche Schritte für die Zukunft einzuschlagen seien. Sie blieb dabei, ihren Haushalt aufzulösen und C. zu verlassen; Tibet sollte nicht nur mit dem Besitzer der Villa wegen einer früheren Auflösung des Mietvertrages sprechen, sondern auch die Dienerschaft sofort entlassen. Das sämtliche entbehrliche Mobiliar, Pferde und Wagen, alle Kunst- und Luxusgegenstände wollte Ange veräußern und sich mit dem Erlös aus diesen und anderen zu verkaufenden Gegenständen in eine kleine Stadt zurückziehen. Über den Ort hatte sie sich noch nicht schlüssig gemacht. Jeder Tag, an welchem der kostspielige Haushalt fortdauerte, schmälerte das Kapital, das Ange unter Berücksichtigung der noch zu lösenden Verpflichtungen endlich verbleiben konnte.
Eine Stütze fand sie in dem Polizeimeister von C., dem sie gleich nach ihrer Rückkehr einen Besuch machte, um ihm für seine erfolgreiche Hilfe zu danken. Er riet ihr, vor der öffentlichen Veräußerung der Einrichtung abzurufen, und versprach, mit Rat und That beizustehen. Auch überlegte er in einer längeren Unterredung mit ihr den Wohnort und gab Ange Ratschläge, die ihr bei ihrer Unerfahrenheit von großem Nutzen waren.
Anges Entschlüsse wurden auch nicht erschüttert, als nun an einem Morgen endlich zwei Briefe einliefen, von denen einer von Teut selbst mit zitternder Hand geschrieben war und die Worte enthielt: „Heute nur mein innigstes Beileid, liebe Ange; Carlos' Tod hat mich aufs tiefste ergriffen. Ich bin voll Sorge daß ich nicht jetzt bei Ihnen sein kann, um Sie zu trösten und Ihnen helfend zur Seite zu stehen. Aber ich liege schwerverwundet darnieder und—“
Hier brach das Schreiben ab, dem nur noch ein undeutliches A.v.T. später hinzugefügt war.
Der zweite Brief, der von Teuts Diener Jamp abgefaßt und einige Tage später abgesandt war, teilte im Auftrage des Herrn Rittmeisters mit, daß die Geschäftsangelegenheiten geordnet werden würden, daß der Herr Rittmeister neuerdings einen Rückfall gehabt habe, daß der Herr Rittmeister den Kindern Grüße sende und daß der Herr Rittmeister ausführlicher schreiben werde, sobald er nur wieder bei Kräften sei.
Ja, einige Tage später kam noch ein Schreiben, das folgendermaßen lautete:
„Frau Gräfin werden verzeihen, wenn ich nochmals schreibe, indem Herr Rittmeister neulich stark phantasierten, und sollte ich heute Frau Gräfin schreiben, daß ich nach Herrn Rittmeisters Verwalter geschrieben hätte, alles für Frau Gräfin auf Schloß Eder in Bereitschaft zu setzen, und Frau Gräfin so gut sein möchten, dahin abzureisen, aber Herrn Verwalter vorher in ergebende Kenntnis zu setzen, wann Frau Gräfin einträfen.
Herr Rittmeister raten Frau Gräfin nichts zu unternehmen, zu thun, bis Herr Rittmeister wieder gesund sind, aber bald abzureisen.
In Ehrerbietung und Gehorsamkeit
Jamp.“
Als Ange diesen Brief gelesen hatte, überwältigte sie ihr Gefühl; Teilnahme und Rührung kämpften in ihrem Inneren. „Ich wußte es ja, ich wußte es ja,“ murmelte sie, „Du unvergleichlicher Freund würdest meiner gedenken, selbst in eigener Not. Im größten Körperschmerz, im Fieber, vielleicht nur auf Minuten mit klarem Bewußtsein, hattest Du Gedanken für mich und rafftest Dich um meinetwillen auf. O, Du Trefflicher, Unvergleichlicher!“
Und nun drängte Tibet noch einmal, Teuts Rat zu befolgen, nichts zu verkaufen, nur die Dienerschaft zu entlassen und höchstens die überflüssigen Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenstände bis auf spätere Entscheidung zu verpacken und beiseite zu stellen.
Aber Ange Clairefort hatte zu Furchtbares erfahren, um noch an äußeren Dingen zu hängen.
Nicht nur die einschneidenden Gegensätze: die Gefahren des Reichtums, des sorglosen Genießens, die Wandelbarkeit des Glückes, die Vereinsamung, die den Unglücklichen trifft, hafteten in ihrem Inneren—auch der Adel ihrer Gesinnung widersetzte sich, heute noch etwas anderes zu scheinen, als sie war. Sie wußte ja, was sie besaß, und die Ehre gebot, fortan alles abzuweisen, was Luxus und Wohlleben hieß.
„Kommt, Kinder,“ sagte sie an demselben Abend zu ihren Kleinen, die sie umringten und die sie heute bei der Erinnerung an frühere Zeiten: an Carlos' Tod und Teuts schwere Krankheit in ihrer überströmenden Empfindung so oft, und scheinbar ohne Anlaß an die Brust gedrückt hatte. „Bevor ihr einschlaft, faltet die Hände und betet recht inbrünstig zum lieben Gott, daß er Onkel Axel bald gesund machen möge. Er ist im Kriege verwundet, liegt gefährlich krank und bedarf Eurer kindlichen Fürbitte.“
* * * * *
Einige Tage nach der Frankfurter Reise saß Tibet um die Abendzeit eifrig schreibend in seinem Zimmer. Man hätte ihn auf den ersten Blick kaum wiedererkannt. In dem Hausrock, welchen er gegen den schwarzen Frack vertauscht hatte, den er allezeit zu tragen pflegte, wirkte seine Erscheinung ganz fremdartig.
Aber die peinliche Ordnung in dem wohnlichen Gemach stand im Einklang zu dem bedächtig arbeitenden Manne mit dem hageren glatten Gesicht, in dem sich Ernst und Nachdenken spiegelten. Langsam, oft innehaltend und überlegend, schrieb er nieder, was durch seine Gedanken ging.
Als er seine Arbeit beendet hatte, waren es viele Stunden nach Mitternacht geworden. Nun las er noch einmal den Brief durch, und fügte hier und dort ein Tüttelchen und ein fehlendes Komma hinzu. Das lange, sorgfältig verfaßte Schreiben war an Teut gerichtet und lautete in überraschend glatter Form, wie folgt:
„Hochzuverehrender Herr Baron!
Ihrem Befehl und meiner Zusage entsprechend, verfehle ich nicht, Ihnen heute Nachgehendes ganz gehorsamst zu melden:
Ich sende voraus, daß mich unliebsame Zwischenfälle und Abhaltungen zögern ließen, Ihnen früher Bericht zu erstatten. Ich fürchte, und noch jetzt stehe ich unter diesem Eindruck, daß Ihnen entweder mein Schreiben vorenthalten werden würde oder daß sein Inhalt Ihnen eine schädliche Aufregung bringen könnte.
Ich muß aber mein Bedenken niederschlagen wegen der eingetretenen Umstände und gebe mich der Hoffnung hin, daß ich für alle Beteiligten das Richtige erwähle, wenn ich meine Zeilen an Sie absende. Ich befinde mich zudem in einem Zustande des Zweifels, der mich solchergestalt bedrückt, daß ich gleichzeitig auch um meinetwillen Ihnen die Verhältnisse darlegen muß.
Als Sie, gnädiger Herr, C. verließen, trat ich gewissermaßen in Ihre Dienste, und Sie nahmen mir das Wort ab, in dieser Stellung nur das Beste für meine Herrschaft, die gräfliche Familie, im Auge zu behalten. Sie gaben mir genaue Instruktionen und banden mich durch mein Wort, daß unser eigentliches Verhältnis, wenn es mir gestattet sein darf, diesen Ausdruck zu gebrauchen, ein Geheimnis zwischen uns bleibe.
Unter den Gesichtspunkten, unter denen Sie mich mit Ihrem Vertrauen beehrten, glaubte ich nicht nur nichts Unrechtes zu thun, sondern gerade wie ein gewissenhafter Freund gegen die gräfliche Familie zu handeln.
Ich nehme mir die Freiheit, dies zu rekapitulieren, weil die eingetretenen Umstände entweder neue Instruktionen erforderlich machen oder ich meines Wortes entbunden werden muß.
Wenn ich nun zunächst über die Vorgänge seit dem Tode des Herrn Grafen zu berichten mir gestatte, so bitte ich von vornherein zu verzeihen, daß ich Dinge berühre, über die auszulassen, mir im Grunde nicht beikommt. Aber nur durch Erwähnung dieser werden Sie, gnädiger Herr, einen richtigen Einblick in die gegenwärtige Lage gewinnen und mir zweckmäßige Befehle erteilen können.
In meinen ersten beiden Schreiben hatte ich die Ehre zu melden, daß der Herr Graf ohne Zweifel durch tödlich starke Dosen Morphium und Chloral seinem Leben selbst ein Ende gemacht habe.
Sodann berichtete ich, daß das Bankhaus die Zahlungen an uns eingestellt. Ich weiß nicht, ob Ihnen das zweite Schreiben zugegangen ist. Die Frau Gräfin befanden sich in einem sehr traurigen Zustande, der zwischen heftigem Schmerz und Ausbrüchen des Vorwurfs gegen den verstorbenen Herrn Grafen und mich selbst wechselte. Den Höhepunkt erreichte die Erregung der Frau Gräfin, als ich—ich bitte, mich deshalb nicht zu verdammen—derselben Mitteilung machen mußte, wie die gegenwärtige Vermögenslage sei, und welche Stellung Sie, gnädiger Herr, zu dieser bereits eingenommen hätten.
Frau Gräfin befahlen mir zu sprechen; ich stand bei Stillschweigen vor der Wahl einer falschen Beurteilung, Ungnade und Entlassung.
Es handelte sich um Geld; wir hatten keines. Ich mußte also die monatliche Rate einfordern und mich rechtfertigen, als ich wegen ungenügender Quittung mit leeren Händen zurückkehrte. Die Hergabe meiner kleinen Ersparnisse wies die Frau Gräfin wiederholt schroff zurück.
Nach allem wenden Sie, gnädiger Herr, verstehen, daß einer Erklärung gar nicht auszuweichen war. Trotz all meiner Vorstellungen bestand Frau Gräfin nach Einblick in ihre trostlosen Verhältnisse auf Veräußerungen ihrer Diamanten und sonstigen Schmuckgegenstände.
Ich gelange nun zu demjenigen Punkt, bei dessen Erwähnung ich Ihre Nachsicht, gnädiger Herr, einholen muß: die Frau Gräfin erklärte mir auf das bestimmteste, daß sie ihren Hausstand aufzulösen wünschte und aus dem Erlöse ihrer überflüssigen Wertgegenstände gesonnen sei, neben den übrigen Verpflichtungen in erster Linie diejenigen gegen den Herrn Baron abzulösen.
Die Frau Gräfin äußerte, daß diese Vorschüsse sie im höchsten Maße bedrückten, und daß sie lieber Not leiden wolle, als irgend welche Darlehen oder gar Freundesgaben aus Ihrer Hand fernerhin empfangen. Das Freundschaftsverhältnis zu Ihnen, gnädiger Herr, das unter den bisherigen gleichen Lebensverhältnissen ein so gutes gewesen sei, könne Schaden leiden, und Frau Gräfin zögen es daher vor, sich Ihrer freundschaftlichen Hilfe (da diese ohne Zweifel auf Ratschläge sich nicht beschränken werde) nicht mehr zu bedienen, sondern sogar Ihnen in Zukunft fern zu bleiben. Die Frau Gräfin, die C. verlassen und nach einem kleinen, noch nicht feststehenden Orte übersiedeln will, um sich dort mit den ihr bleibenden Mitteln einzurichten, stellten sogar das Ansinnen an mich, Ihnen nicht zu verraten, wohin sie gehen werde, und nehmen als selbstverständlich an, daß ich Ihnen auch sonst keinerlei Mitteilungen zukommen lassen würde.
Da Frau Gräfin sich so sehr gegen alles, was sich ihrem Entschlusse entgegenstellen könnte, auflehnt, bin ich völlig machtlos. Um die erwähnten Pläne auszuführen, bleibt ja allerdings nichts anderes übrig, als den gegenwärtigen Besitz zu Geld zu machen. Ich schätze die Zinseneinnahme in Zukunft auf kaum viertausend Mark, welches einem baren Kapital von hunderttausend Mark entsprechen würde.
Was befehlen Sie nun, gnädiger Herr?
Soll ich scheinbar den Verkauf zulassen und etwa das Ganze ohne Wissen der Frau Gräfin für des Herrn Baron Rechnung ankaufen? In solchem Falle ist schnelle Instruktion erforderlich. Ferner: Wie soll ich mich in Zukunft verhalten? Darf ich noch mit dem Herrn Baron korrespondieren? Soll ich nach der Neuordnung aller Verhältnisse den Dienst bei der Frau Gräfin verlassen?
Wenn ich die letztere Frage aufwerfe, so bitte ich diese nicht mißzuverstehen. Ich habe mich gegen die Frau Gräfin bereit erklärt, ohne Entschädigung zu bleiben, und würde mich nur entfernen, wenn der Herr Baron darin etwas Zweckmäßiges für die Frau Gräfin erkennen würden. Mir ist dies zur Zeit allerdings als vorteilhaft nicht ersichtlich.
In jedem Falle werden Sie, gnädiger Herr, gewiß verstehen, daß ich kein doppeltes Spiel treiben kann und mich eines wirklichen Vertrauensbruches schuldig machen würde, wenn unsere Verabredungen ganz in der bisherigen Weise bestehen bleiben.
Sofern es meine Befugnis nicht überschreitet, möchte ich mir den gehorsamen Vorschlag gestatten, daß ich bei der Frau Gräfin ausharre, aber nichts thue, was mit den Entschließungen der Frau Gräfin in Widerspruch gerät, und somit nur in dem Sinne zur Verfügung des Herrn Baron bleibe, daß ich nach besten Kräften über das Wohlergehen der Familie wache. Wenn ich die Hand dazu biete, das Eigentum der Frau Gräfin für Rechnung des Herrn Baron zu erwerben, so glaube ich, dadurch nicht unehrlich gegen die Frau Gräfin zu handeln.
Nochmals bitte ich um Verzeihung, meine Befugnisse durch Darlegung persönlicher Anschauungen und durch die Berührung intimer Verhältnisse überschritten zu haben, und hoffe im übrigen, daß der gnädige Herr aus meinen Darlegungen ein richtiges Bild zu gewinnen vermögen.
Ich empfehle mich dem ferneren Wohlwollen und der Nachsicht des gnädigen Herrn und erwarte weitere Befehle.
Ganz gehorsamst
Tibet,
Kammerdiener.“
Bereits am nächsten Morgen begann Ange mit den Vorbereitungen zu ihrem Umzuge und ward bei diesen von Tibet eifrigst unterstützt. Es galt eine Auswahl unter denjenigen Gegenständen zu treffen, welche veräußert werden und welche der künftigen Wohnungseinrichtung dienen sollten. Zu diesem Zwecke wurden zunächst einige Räume leer gemacht, und nun begann das Wählen. Claireforts Zimmer beschloß Ange zu behalten, ebenso wurden die Möbel aus dem Zimmer der Kinder für den ferneren Gebrauch zurückgestellt. Dazu kamen noch die Kücheneinrichtungen und all derjenige Hausrat, durch den sich eine Wohnung in bescheidener Weise vervollständigt.
Tibet war plötzlich ganz gefügig und erhob nicht einen einzigen Einwand. Er fertigte eine genaue Liste für den Auktionator an und machte mit Hilfe der noch vorhandenen Dienerschaft eine so übersichtliche Aufstellung, daß schon nach wenigen Tagen die Arbeit im wesentlichen beendet war.
Sodann beriet er mit Ange, wie alles übrige abzuwickeln sei, verhandelte mit dem Hausbesitzer und mit dem Personal, einigte sich mit jenem, entließ dieses sogleich bis auf eins der Mädchen, welches in Anges Diensten zu bleiben wünschte, und beglich auch alle Rechnungen, welche zu bezahlen waren. Es erübrigte nun nur noch die Summe, welche die Familie von Teut empfangen hatte, und bevor Tibet diese zu dem Banquier trug, hatte er noch eine Unterredung mit Ange, in welcher auch der zukünftige Wohnort zur Erörterung gelangte.
Ange war nicht minder thätig gewesen, wenn auch alles nach ihrer besonderen Art geschah. Sofern sich in den hohen Bergen von unnützen Kleinigkeiten und Firlefanzereien etwas befand, das der Kinder Verlangen reizte und das sie wieder hervorzogen, konnte Ange ihren Bitten nicht widerstehen und packte es in die ohnehin schon mit vielen Überflüssigkeiten belasteten Koffer.
Bisweilen hielt sie inne und vergaß, was sie eben beschäftigt hatte. Bei diesem und jenem Gegenstand kamen ihr Erinnerungen, die ihre Gedanken ganz in Anspruch nahmen, und Vergleiche stiegen auf zwischen heute und früher. Da stahlen sich denn häufig Thränen ins Auge, und mutlos ließ sie die Arme sinken.
Oft wunderte sie sich, daß alles so glatt verlief, daß niemand Einspruch erhob, wenn sie etwas anordnete. Früher handelten andere für sie, sie ließ sich belehren und befolgte zweckmäßige Ratschläge. Ange hatte es als selbstverständlich angesehen, daß sie die Dinge nicht verstand und daß ihre Umgebung für sie handelte. Jetzt fiel ihr plötzlich ein, wie schwer es doch eigentlich sei, praktisch einzugreifen, und fast wunderte sie sich, daß sie so ruhig und besonnen in Frankfurt aufgetreten sei. Also, sie vermochte es doch! Daran richtete sich denn ihr gesunkener Mut wieder auf.
Gewiß, wenn erst alles in dem neuen Geleise sein werde, würde sie vorsichtig überlegen, nicht mehr nach plötzlichen Impulsen handeln, sich's vernünftig und sparsam einrichten und auch das Kleine achten. Ihr Kopf war voll von Plänen und guten Vorsätzen, und ihre Zuversicht wuchs, bis dann die Kinder mit ihren berechtigten und unberechtigten Bedürfnissen vor ihr auftauchten und sie vorübergehend doch voll Zweifel in die Zukunft blickte.
„Nun, mein lieber Tibet!“ sagte Ange und ließ sich in Carlos' Zimmer, das gegenwärtig als Wohngemach diente, ermüdet und abgespannt in einen Sessel gleiten. „Haben Sie auch die Zahlung an Herrn Baron von Teut bereits geleistet oder müssen wir diese verschieben, bis die Auktion stattgefunden hat?“
„Wenn Frau Gräfin wirklich meinen, daß auch dieser Betrag—“
„Wenn—Tibet!—Dieser Betrag steht in erster, in gleicher Linie mit allen übrigen! Natürlich! Darüber habe ich Ihnen meine Ansicht bereits wiederholt ausgesprochen. Ich komme nur auf diesen Gegenstand zurück, weil die Summe hoch ist und ich nicht weiß, ob gegenwärtig schon unsere Mittel reichen.“
„Allerdings, Frau Gräfin, es scheint durchaus ratsam, daß wir warten. Um so mehr möchte ich dies vorschlagen, weil gerade Umzug und Neueinrichtung viel größere Summen verschlingen werden, als wir in vorläufige Berechnung gezogen haben. Unser Bestand schmolz schon gewaltig zusammen—ganz gewaltig.“
„Nun wohl! Wir haben aber keine Schulden mehr? Alles ist bezahlt?—Welch ein Wort!“
„Ganz recht, Frau Gräfin! Indessen—“
„Nun?“
„Es wird mir recht schwer—ich möchte die Frau Gräfin nicht entmutigen, aber ich fürchte, wir behalten bei weitem nicht die ursprünglich gedachte Summe, aus deren Zinsen Sie sich einrichten müssen. Ich bin besorgt, Frau Gräfin, und muß deshalb die Frage in Ihrem Interesse nochmals anregen, ob es nicht doch zu überlegen sein würde, die Vorschüsse des Herr Baron einstweilen auf sich beruhen zu lassen.“
Auf Anges Gesicht malten sich Schrecken und Enttäuschung zugleich. Nach einer kurzen Pause fragte sie, und aus dieser Frage klang der Zwang hervor, den sie sich anthun mußte:
„Wie hoch beläuft sich—doch noch—der Betrag, welchen wir Herrn Baron von Teut schulden?“
Tibet gab Antwort.
„Das ist sehr viel!“ sagte sie kaum hörbar und ganz mit ihren Gedanken beschäftigt.
„Vielleicht der fünfte Teil alles dessen, was Ihnen bleibt, Frau Gräfin.“
„Und wieviel glauben Sie, Tibet, daß mir im schlechtesten, allerschlechtesten Falle an Zinsen werden könnte?“
„Ich erlaubte mir, Frau Gräfin, schon auf der Reise auseinandersetzen, daß bei wirklich sicherer Geldanlage nur auf einen Zins von vier Prozent gerechnet werden darf.“
„Und Sie meinen wirklich, das ursprünglich angenommene Kapital würde mir nicht einmal bleiben?“
„Ich fürchte, nein, Frau Gräfin—wenn Herr von Teut bezahlt werden soll! Die Frau Gräfin können nach den vorgelegten Quittungen selbst berechnen.“
Ange konnte eigentlich nicht berechnen, aber sie nickte und schwieg.
„Wieviel braucht wohl im Durchschnitt eine gebildete Familie mit fünf Kindern unter bescheidenen Verhältnissen, Tibet?“ hob sie nach einer kleinen Pause an.
Mit der Beantwortung dieser Frage fielen alle Illusionen, welche Ange sich bisher gemacht hatte. Tibet litt bei diesen Gesprächen. Vielleicht fühlte er sogar noch tiefer als Ange den Schmerz, die Enttäuschung, obgleich er scheinbar so teilnahmlos die Wahrheit ans Licht zu ziehen bemüht war. Er gewann es auch nicht über sich, der mut- und trostbedürftigen und mit so guten Vorsätzen ihr neues Leben beginnenden Frau den Vorhang ganz hinwegzuziehen. Er umging ihre Frage und erwiderte:
„Es kommt ja sehr auf die Stadt an, ob das Leben teuer oder billig ist. In kleinen Städten gestaltet sich alles besser.“
„Es ist wohl fast ein Unterschied um die Hälfte?“ fiel Ange hoffend und lebhaft ihre eigenen Worte bestätigend, ein.
„Ich möchte es glauben, Frau Gräfin.“
„Ich weiß nicht, wie ich's richtig mache, Tibet. Nur so viel ist mir klar, daß ich keinen ruhigen Tag, keine ruhige Stunde haben werde, wenn ich Schulden besitze, wenn namentlich—“ sie stockte und fuhr dann fast heftig fort: „Wir müssen Herrn von Teut zahlen, was er meinem Gatten geborgt hat, sobald die Dinge hier geordnet sind; wie's auch immer sein mag! Werde ich weniger besitzen, werde ich doch das unvergleichliche Bewußtsein haben, niemandem mehr verpflichtet zu sein!“
Und nach dieser vorläufig alle Gegeneinwendungen abschneidenden Entscheidung verbeugte sich Tibet und brachte das Gespräch auf Umzug und Wohnort.
„Haben die Frau Gräfin schon eine Entscheidung getroffen? Bleibt es Eisenach, wozu der Herr Polizeimeister geraten?“
Ange bestätigte.
„Es würde sich dann wohl empfehlen, daß ich zunächst dahin abreise, um eine Wohnung zu mieten, und dann wieder zurückkehre, um hier den Verkauf des Mobiliars zu beaufsichtigen. Ich weiß nun aber nicht, ob ich der Frau Gräfin Wünsche bezüglich dieser treffen werde. Vielleicht entschließen Sie sich, die Reise ebenfalls anzutreten.“
Das Gespräch wurde unterbrochen, weil die beiden Knaben herbeigeeilt kamen, die draußen auf der Straße gespielt hatten. Ihre Mienen waren betroffen, und Ben kam zorngerötet ins Zimmer gelaufen.
„Was ist? Was habt Ihr?“ fragte Ange besorgt.
„Der—der—Karl von drüben—vom Krämer sagt, daß—“ hob Ben an.
„Wir haben uns gestritten; er stieß, ich stand Ben bei!“ fiel Fred ein.
„Nun?“
„Er sagte, wir wären schöne Grafen. Mama hätte nicht mal die Rechnung bezahlt. Sein Vater könnte kein Geld kriegen und die anderen auch nicht—“
„Er schimpfte; er brauchte Ausdrücke von uns—na, ich hab's ihm gegeben!“ ergänzte Ben.
Ange sah Tibet fragend an, und Blässe trat auf ihre Wangen. Tibet verstand und nahm rasch das Wort:
„Es ist alles—das letzte schon gestern bezahlt, Frau Gräfin!“
„Ah!“ riefen beide Knaben zu gleicher Zeit, und ihre Blicke flammten. „Dem wollen wir's geben!“
„Nicht so, nicht so, Kinder!“ rief Ange angstvoll, aber suchte sich in Gegenwart der Knaben zu fassen. „Laßt den Streit! Geht ruhig Eures Weges und meidet die Nachbarskinder. Hört Ihr? Ihr hörtet, daß er die Unwahrheit sprach. Und nun geht! Ich habe noch mit Tibet zu sprechen.“
Die Knaben entfernten sich gehorsam, aber noch erregt und lebhaft sprechend.
„Es wird Zeit, daß ich fortkomme,“ rief Ange. „Je eher, je besser; es brennt der Boden unter mir. Was die Menschen wohl alles reden! Wie sie sich mit uns beschäftigen! Schon bei dem Gedanken steigt mir das Blut in die Schläfen.—Wann können Sie reisen, Tibet?“
„Heute—Morgen, Frau Gräfin—“
„Gut, also morgen! Sie werden eine Wohnung wählen und rasch zurückkehren. Wollte Gott, ich säße schon an einem anderen Ort und fände endlich Ruhe und—“ Ange brach in heftige Thränen aus.
„Es wird alles gut werden, Frau Gräfin! Gewiß, gewiß! Sie sollten sich durch dergleichen Dinge nicht aufregen!“ besänftigte Tibet, heftete einen besorgten Blick auf seine Gebieterin und suchte bescheiden ihr Auge, um in diesem zu lesen, daß seine Worte ihre Wirkung nicht verfehlt hätten. Wirklich stahl sich ein Lächeln um Anges Mund bei Tibets Worten; es war aber ein trauriges Lächeln.
* * * * *
Nach den vorerwähnten Ereignissen war reichlich ein halbes Jahr verflossen, als an einem warmen Juniabend des Jahres 187- zwei Männer in dem kleinen Gärtchen saßen, welches zu dem sogenannten Sommerhause des Hotels „Zur Rose“ in Wiesbaden gehört.
Auf dem im Freien gedeckten Tische standen die Reste eines reichlichen Abendessens, und eben hatte der Kellner ein Licht gebracht, mit dem die Cigarren entzündet worden waren.
„Hm, hm,“ sagte der Major von Teut—denn er war es—zu dem ihm gegenübersitzenden Manne und blies den Rauch einer starken Cigarre nach seiner Gewohnheit durch die Nase. „Das klingt ja alles so gut und doch wieder auch so ernst, wie ich's mir gedacht habe. Aber vielleicht—zunächst—wer weiß—war's auch besser so!?—Was haben Sie denn der Gräfin über Ihre Reise gesagt? Wie haben Sie diese begründet?“
„Ich gab vor, daß ich die Meinigen besuchen wolle.“
„Ah! Sie haben Familie, Tibet? Das ist mir ja ganz neu! Auch der verstorbene Graf und die Gräfin haben mir nie davon gesprochen.“
„Sie wußten auch davon nichts, gnädiger Herr.“
Teut wollte diesen Gegenstand offenbar des näheren berühren, denn er blickte fragend empor. Aber ein anderer Gedanke überholte, was sich ihm eben aufgedrängt hatte. Er sagte abbrechend: „So, so—Aber noch eins! Wie haben Sie es angefangen, daß die Gräfin nichts von all den kleinen Hinterlisten gemerkt hat? Glaubt sie, daß ihre Einnahme bisher immer reichte, und daß sie lediglich durch ihre Sparsamkeit alles gut gemacht hat?“
Über das immer noch bleiche Gesicht des Sprechenden flog ein fragendes Lächeln, und er strich den Schnurrbart in sichtlicher Spannung.
„Allerdings, aber es hat mancherlei Künste gekostet, gnädiger Herr!“ entgegnen Tibet, und in der Erinnerung des falschen Spiels, das er getrieben, sichtlich bedrückt. „Anfänglich, damals, als Sie auf meinen Brief antworteten und mir Verhaltungsmaßregeln gaben, war ich zweifelhaft, ob's möglich sein werde, diese auszuführen. Ich mußte mir erst alles zurechtlegen und förmlich ausklügeln, wie ich dem Argwohn der Frau Gräfin begegnen könne. Wenn ich Einkäufe machte, erklärte ich, die Waren seien im Preise gesunken, und die Frau Gräfin sah mich dann groß an und machte ein zufriedenes Gesicht. Im Anfang freilich wollte sie überhaupt nichts von dergleichen hören. Ich erlaubte mir den Vorschlag, daß ich wie früher die Wirtschaft besorgen dürfe, und that dies insbesondere, weil ich dann alles ohne Schwierigkeit einrichten konnte. Aber darauf wollte die Frau Gräfin nicht eingehen. Sie müsse die Dinge selbst übersehen, meinte sie, sonst könne sie nicht wirtschaften lernen. Mit der Miete hätte sich bald alles verraten. Ich machte, des gnädigen Herrn Befehl folgend, dem Wirte Mitteilung, daß er von uns nur die Hälfte erhalten, daß das übrige anderweitig berichtigt werden würde. Ich nahm ihm das Versprechen ab, gegen die Frau Gräfin Stillschweigen zu beobachten und auch seine Umgebung zu verständigen. Eines Morgens nun unterhielt sich die Frau Gräfin mit einem Einwohner, und bei dieser Gelegenheit war von den Wohnungen in Eisenach die Rede. Da äußerte dieser die unsere sei nicht billig, während die Frau Gräfin gerade ihrem Erstaunen Ausdruck gab, wie preiswürdig dieselbe sei. Ein Wort gab das andere. Endlich ward ich herbeigerufen und bestätigte die Aussagen meiner Herrin. Als jener sich entfernt hatte, betrachtete mich die Frau Gräfin bereits mit einigem Mißtrauen und brach endlich in die Worte aus: ‚Haben Sie gehört? Er hat vor uns dies Haus bewohnt und das Doppelte bezahlt. Wie ist es möglich, Tibet, daß Sie die Villa um die Hälfte mieten konnten?‘—‚Die Frau Gräfin haben ja den Mietskontrakt in Händen,‘ erwiderte ich, als ob ich den eigentlichen Sinn dieser Nachfrage gar nicht verstanden hätte. Kopfschüttelnd ging die Frau Gräfin davon. Schon fürchtete ich, daß alles würde entdeckt werden.“
„Und das Schulgeld?“ fragte Teut, der mit größter Aufmerksamkeit zugehört hatte. „Wie haben Sie das gemacht?“
„Ich habe gleich das ganze Semester bezahlt und der Frau Gräfin gesagt—“—Tibet hielt inne, dunkle Schamröte färbte seine Wangen—„daß der Direktor auf meine Vorstellung dasselbe erlassen habe.“
„Und das glaubte die Gräfin?“
„Vorläufig ja, Herr Baron. Aber ich zittere doch jeden Tag, daß es ans Licht kommt, und dann—“
„Und Steuern?“ fragte Teut und konnte sich des Lächelns nicht erwehren, weil er wie ein Beichtvater alle Vergehen aus dem armen Sünder herausholte.
„Die habe ich gar nicht erwähnt! Davon hat die Frau Gräfin keine Ahnung. Ich fing den Steuerboten ab und—“
„Und drohten ihm mit allen Folterqualen der Hölle, wenn er noch einmal erscheine?“ schaltete Teut mit gutmütigem Spotte ein.
„Ja, Herr Baron, Sie können wohl scherzen.“ sagte Tibet, nun wieder von dem Ernst und der Verantwortlichkeit seiner Aufgabe erfaßt. „Aber Sie mögen mir glauben, daß die Dinge sich nicht so freundlich abspielen werden, wenn die Frau Gräfin jemals erfahren sollte, was wir gethan haben.“
Teut trank seinen Wein und wollte, um einer aufsteigenden Empfindung Herr zu werden, die Stiefelhacken zusammenschlagen. Aber es war nur eine Bewegung. Mit einem leisen Anflug von Schmerz hielt er inne. Nicht ohne Grund! Das eine, das linke Bein fehlte, er hatte es im Kriege eingebüßt.
„Aber die Kinder?“ fragte Teut nach einer Pause. „Wie geht's denen? Entwickeln sie sich gut? Sind sie fleißig?“
Tibet nickte. „Gewiß, gnädiger Herr! Wir helfen beide, die Frau Gräfin und ich, bei den Schularbeiten.“
„Ist die kleine Ange hübsch geworden, Tibet? Sie versprach sehr schön zu werden!“
Tibet betätigte lebhaft. „Ange ist ein sehr schönes Kind, gnädiger Herr, und so klug, daß es mich oft fast ängstlich macht. In der kurzen Zeit von einem halben Jahre spielt sie schon kleine Stücke auf dem Klavier und ist so sicher dabei, daß man erstaunen muß.“
„So, so! Wer unterrichtet sie denn?“
„Die Frau Gräfin selbst, Herr Baron! Jeden Nachmittag erhält Ange Unterricht von der Frau Gräfin, und Erna und Jorinde müssen ebenfalls täglich bei ihr üben. Sie machen alle gute Fortschritte.“
Teut machte eine Bewegung, er murmelte auch etwas vor sich hin, das Tibet nicht verstand. „Wie ist denn Eure Tageseinteilung, Tibet? Die Frau Gräfin muß ja sehr in Anspruch genommen sein. Sie hat doch Mädchen zur Hilfe?“
„Nur eins, Herr Baron! Aber die wurde uns gleich schwer krank und mußte wochenlang das Bett hüten. Da hat die Frau Gräfin selbst morgens Kaffee gemacht, die Stuben geräumt, die Kinder angezogen und in die Schule befördert. Die Frau Gräfin ist überhaupt von morgens früh bis abends spät unausgesetzt in der Wirtschaft und um die Kinder beschäftigt.“
Teut murmelte wieder etwas.
„Ah! herrliches Weib!“ glaubte Tibet zu hören.
„Und Sie, Tibet?“ fragte Teut dann kurz und mit einem scheinbaren Vorwurf, während in sein Auge ein silbernes Pünktlein trat.
„Ich, ich?“ erwiderte Tibet arglos und verlegen zugleich. „Ich habe morgens alle die Stiefel geputzt, die—die—gröbere Arbeit in den Schlafstuben besorgt und der Kinder Betten gemacht und—und auch gekocht während der Zeit. Kochen kann die Frau Gräfin nicht; aber sie lernt es schon ganz gut. Neulich hatten wir zwei Gerichte, die sie ganz allein zubereitet hatte. Ihre Augen glänzten, als es den Kindern so gut schmeckte. Die Frau Gräfin war so glücklich, daß sie im Zimmer herumtanzte.“
„Aber Freund!“ schaltete Teut scheinbar tadelnd ein. „Weshalb haben Sie denn damals nicht eine Hilfe genommen?“
„Die Frau Gräfin wollte es durchaus nicht, gnädiger Herr! Sie meinte, es sei der beste Weg, alles zu lernen. Freilich, ich folgte auch nichts thun—aber ich habe sie sogar überrascht und in einer Nacht mit Hilfe einer Frau die Wäsche besorgt. Die Alte hat die Garderobengegenstände vorgenommen, ich machte mich an Servietten und Tischzeug. Gegen Morgen haben wir aufgehängt, jeder sein Teil.“
„Allen Respekt!“ murmelte Teut, trank in hastigen Zügen und schenkte von neuem aus der Flasche ein. „In der That, über alles Lob erhaben! Aber das muß doch anders werden!“ Und nach einer Pause: „Wenn ich nur einen Weg wüßte—“
Tibet hatte nur halb gehört, aber doch genug, um zu verstehen. Er nahm sich, in der Sorge um seine Herrin, die Erlaubnis einzufallen, und sagte:
„Wenn der Herr Baron mir gestatten wollten, einen Vorschlag zu machen?“
Teut bewegte den stolzen Kopf und sagte in seiner kurzen, unhöflich klingenden Weise:
„Nun, was soll's?“
Tibet ward durch diesen Ton eingeschüchtert. Er fürchtete, sich eine Vertraulichkeit angemaßt zu haben, die ihm nicht zukam. Takt und Vorsicht riefen ihm zu, sich in den bisherigen Grenzen zu halten. Er entgegnete deshalb rasch:
„O, es war doch nichts, gnädiger Herr—“
Teut blickte auf und sah, daß Tibet mit dem Ausdruck einer gewissen Enttäuschung vor ihm saß. Er verstand und bereute seine Schroffheit.
Ohne auf den Gegenstand zurückzukommen, dessen Berührung von jener Seite ihm nach den wunderbaren seelischen Schwankungen, denen jeder, selbst der beste und vorurteilsfreiere Mensch, unterworfen ist, plötzlich widerstrebt hatte, sagte er:
„Eine Angelegenheit will ich doch heute gleich berühren, Tibet. Mein Zustand verhinderte mich, Ihnen das bisher zu schreiben:
Vom Ersten des nächsten Monats sind Sie bei mir für Lebenszeit als Sekretär engagiert. Es werden Ihnen monatlich dreihundert Mark von meinem Rendanten ausbezahlt werden. Alle Ihre Auslagen seit vorigem Jahr werden Sie mir baldigst aufgeben, und auch das Honorar für die verflossene Zeit werde ich ordnen. Sind Sie damit einverstanden, Tibet?“
„Herr Baron!—Gnädiger Herr!“ rief Tibet. Er erhob sich und neigte in seiner überströmenden Empfindung das Gesicht auf die Hand des Mannes, der seine Worte mit einem Blick begleitet hatte, in dem sich die ganze Fülle seines unvergleichlichen Herzens widerspiegelte.
„Aber Waschen und Kochen ist nun vorbei! Das paßt nicht für den Sekretär und Vertrauten des Herrn von Teut-Eder, nicht wahr? Und nun wollen wir morgen weiter reden, Tibet! Es wird kühl, ich muß ins Haus, Jamp, Jamp!“ rief er mit seiner schneidigen Stimme, und dieser eilte herbei, um ihn ins Gartenhaus zu geleiten.
Nachtfalter und weiße Sommermotten irrten durch die warme Luft. Drüben zirpte es in dem dunklen Garten, und aus dem Rasen drang der sanfte erdige Geruch des Sommers. Im Hôtel zur Rose aber blitzten Lichter durchs ganze Haus, und durch die Abendstille ertönte noch einmal verspätetes Lachen sich haschender Kinder. Eine Zeit lang stand Tibet wie träumend da. Endlich warf er den Blick gen Himmel, und eine Thräne stahl sich in die ernsten Augen des Mannes.
Er gedachte seines zerstörten Lebensglückes und der Menschen, die er liebte—seiner schon ein halbes Jahr nach der Trauung unheilbar erkrankten Frau, seiner Mutter, seiner Schwester—, aber das Naß, das in seine Augen trat, entquoll diesmal der unbeschreiblichen Empfindung, daß nun sicher für die Zukunft jener gesorgt sei.
* * * * *
Tibet wurde am nächsten Morgen zu Teut zum Frühstück befohlen und fand den Major, umgeben von tausend Siebensachen, die auf Tischen und Stühlen umherlagen, bereits eifrig schreibend. Er trug einen kurzen, seidenen Hausrock, und um den offenen Hals war lose ein weißes Tuch von demselben Stoff geschlungen. Aus den Ärmeln guckte eine feine Batistmanschette hervor, und sein Fuß steckte in einem roten ledernen Schuh.
„Guten Morgen, Herr Sekretär!“ rief Teut, ohne sich umzuwenden. „Bitte, nehmen Sie Platz! Gut geschlafen?“
Tibet bejahte. „Darf ich mich erkundigen, wie der Herr Baron geruht haben?“
„Ah—nicht zum besten, Tibet! Die verteufelte Sache beschäftigt mich allzusehr. Wie Ameisen laufen die Gedanken in meinem Kopfe herum. Aber ich glaube jetzt einen Ausweg gefunden zu haben.“ Hier wandte sich der Major um, sah, daß Tibet noch immer stand, und unterbrach seinen Satz durch die wiederholte Aufforderung, einen Stuhl zu nehmen.
„Also, wie ich schon gestern sagte, Tibet, so geht die Sache auf die Länge doch nicht!“ hob Teut an, humpelte durchs Zimmer, winkte dem herbeieilenden Tibet ab, klingelte, gab dem eintretenden Jamp einen Befehl und ließ sich dann an dem Frühstückstisch nieder.
Mit inniger Teilnahme sah Tibet, wie unbehilflich der bisher so kernfeste, kräftige Mann mit dem künstlichen Bein sich bewegte und welche Spuren Strapazen und Krankheit auf seinem Angesicht zurückgelassen hatten.
„Bedienen Sie sich!—Also, Tibet, so geht's nicht. Aus diesem Grunde bat ich Sie auch, mich hier zu besuchen. Sie sollen mit der Gräfin sprechen; ich habe einen Plan, dem sie hoffentlich beipflichten wird. Die Sommerferien sind vor der Thür, die Gräfin wird gewiß wünschen, ihren Kleinen ein Vergnügen zu bereiten und selbst sich ein wenig nach all den Aufregungen und Sorgen zu zerstreuen. Ich werde sie einladen, auf Schloß Eder diese Wochen zuzubringen, und will meiner Cousine, der Gräfin Aspern, schreiben, dort die Honneurs zu machen. Ich werde dann vielleicht auch—später—nachkommen und bei dieser Gelegenheit auszuführen suchen, was ich seit dem Tode des Grafen in mir herumtrage. Was meinen Sie dazu, Tibet?“
„Vortrefflich, Herr Baron! Aber ich fürchte, daß die Frau Gräfin dieser Einladung ein entschiedenes Nein entgegenstellen wird. Wir haben so oft über diese Dinge gesprochen—alles war fruchtlos. Die Frau Gräfin geht—darf ich mich ganz offen äußern, Herr Baron?“—Teut erhob den Kopf, nickte und trennte die eben mit dem silbernen Löffel zerschlagene Schale von einem Ei.—„Die Frau Gräfin geht davon aus, daß der gnädige Herr sie beeinflussen will, Wohnort und jetzige Lebensweise zu ändern. Dagegen sträubt sie sich—der Herr Baron kennen die Gründe—zum Teil wenigstens—“
„Hm—zum Teil?“ fragte Teut. „Ist's noch etwas anderes, als was Sie mir mitteilten und was ich bei dem Charakter der Gräfin auch wohl verstanden habe?“
Tibet zuckte die Schultern nur machte die Miene eines Menschen, der wohl sprechen möchte, aber sich's doch nicht getraut.
„Nun?“ forschte Teut ungeduldig. Aber dann in einen anderen Ton übergehend sagte er: „Ein für allemal, Tibet! Ich nannte Sie gestern meinen Vertrauten, aber noch mehr, ich betrachte Sie als meinen Freund! Sprechen Sie, was es auch sei! Das Schicksal, das Wohlergehen dieser Frau beschäftigt mich mehr als mein eigenes. Der Zweck, ja der ganze Zweck meines Lebens ist, sie glücklich zu machen. Ich versprach's dem Grafen beim Abschied, und viel früher hatte ich mir's selbst zugeschworen. Das alles wissen Sie am besten. Also, weshalb hinterm Berge halten, wo diesem Vorhaben genützt werden kann!?—Ah!“ fuhr Teut seufzend und stark betonend fort und lehnte sich zurück. „Ich sollte nur kein Krüppel sein! Wir säßen nicht hier und berieten! Nur dieser Umstand hat verhindert, daß ich—alles wäre lange—“ Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, und ein Ausdruck von tiefer Trauer blieb in seinen Zügen haften.
„Nun, Herr Baron,“ sagte Tibet, rasch den Rest des Frühstücksbrötchens hinabschluckend und seinem Herrn ins Auge schauend, „wenn ich denn sprechen darf, wie mir's ums Herz ist?—Ich meine—ich meine—die Frau Gräfin hat—eine—tiefe Neigung zu dem gnädigen Herrn, und darin ist alles zu suchen! Wenn die Frau Gräfin sich so scheu zurückzieht, so—so—“
Tibet spähte ängstlich auf Teuts Angesicht, während er sprach. Trotz aller Ermunterung stand er unter dem Eindruck, dies, eben dies hätte er niemals ansprechen dürfen.
Teut hatte sich gerade erhoben, um sich eine Cigarre zu holen. Nach Tibets Worten blieb er am Fenster stehen und schaute lange wortlos hinaus.
Als er sich wieder umwandte, blickte er Tibet mit freundlichem Ernst ins Auge und schüttelte den Kopf. „Sie täuschen sich, Tibet! Täuschen sich gewiß! Und wenn nicht—wenn nicht—Nein, solche Gedanken habe ich begraben ein für allemal—“
Nun ging er abermals ans Fenster und ließ gewaltige Rauchwolken der angezündeten Cigarre durchs Zimmer schweben. Der eindringende Sonnenstrahl fing sie auf und verwandelte sie in lichtes Blau. Eine lange Pause trat ein, ohne daß eine Silbe gesprochen ward.
„Ah! ja!“ rief dann Teut plötzlich. „Es muß so sein! Hören Sie mich an, Tibet! Machen Sie also der Gräfin den Vorschlag auf mein Anerbieten einzugehen. Sie wissen ja, wie und wo am besten einzusetzen ist. Stecken Sie sich hinter die Kinder! Wenn diese betteln, daß ihr Wunsch erfüllt wird, kann sie nicht widerstehen! Und wenn die Gräfin auf den leidigen Punkt kommt—Sie wissen—meine gefürchtete offene Hand und dergleichen Thorheiten mehr—so sagen Sie ihr—ja, so sagen Sie ihr, was Sie wollen, aber in allen Fällen, daß ich ihr verspräche, niemals diesen Punkt zu berühren, viel weniger ihren Absichten entgegen zu handeln.“
„Zu Befehl, Herr Baron! Ich hoffe, Ihrem Vertrauen Ehre zu machen. Ich werde mein möglichstes thun.—Nur eins! Wenn ich diesen Auftrag erhalte, muß ich eingestehen, daß ich Sie gesehen habe, und das wird den Argwohn der Frau Gräfin wecken. Je scheinbar unvorbereiteter ich das vortrage, um so besser ist es!“
„Nun, im Flunkern haben Sie ja schon gute Übung, Tibet!“ lächelte Teut und suchte doch durch seine Miene den auf Tibet hervorgerufenen Eindruck zu verwischen. „Ich denke, Sie müßten schon sagen, Ihre Angehörigen wohnten hier in der Gegend, und zufällig hätten Sie mich getroffen. Wo wohnen denn eigentlich die Ihrigen?“
Tibet nannte den Ort.
„Ah—in M.! Sind Sie auch dort geboren?“
„Ja, Herr Baron.“
„Und lebt Ihr Vater noch?“
„Nein, Herr Baron.“
„Ihre Mutter ist Witwe?“
„Ja, Herr Baron—“
Teut unterbrach Tibet lächelnd und sagte, sich eines Gesprächs erinnernd, das er einst im Clairefortschen Hause mit demselben Manne geführt, der jetzt so einsilbig Antwort ereilte: „Ganz wie damals:—ja—nein, Herr Baron!—antworten Sie mir, Tibet. Aber ich will gar nicht in Ihre Geheimnisse dringen. Nur mein Interesse für Ihre Person ließ mich fragen.“
„Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen, Herr Baron. Mich leitete etwas anderes. Was ich über die Meinigen mitzuteilen habe, ist sehr wenig erfreulicher Natur. Ich habe nie darüber geredet, schon deshalb nicht, weil meine Person dabei eine nicht gleichgültige Rolle spielt.“
„In der That,“ sagte Teut teilnehmend, „geht es den Ihrigen schlecht? Haben Sie etwa noch unversorgte Geschwister?“
„Ich habe“—hier stockte Tibet eine Weile—„eine arme kranke Frau, unheilbar krank und gelähmt seit der ersten Zeit unserer Ehe, die mir ein kurzes Glück gewährte; sie lebt bei meiner Mutter und meiner Schwester, die sie pflegt, gnädiger Herr. Auch meine Mutter war schon völlig gelähmt, als mein Vater, der als Musiker sein Brot verdiente, starb. Vermögen war keins vorhanden bei seinem Tode. Ich hatte ursprünglich das Gymnasium bis zur Aufnahme in die Prima besucht und wurde dann—wie ich früher schon mitzuteilen mir erlaubte—Kaufmann. Ich hatte aber darin kein Glück, es wollte mir nicht gelingen, vorwärts zu kommen. Die dringende eigene Not und die meiner Angehörigen, die ganz auf mich angewiesen waren, bestimmte mich, die Stellung eines Haushofmeisters bei dem Herrn Grafen von Clairefort anzunehmen, die ich seit so vielen Jahren bekleidet habe. Ich mußte verdienen, gleichviel in welcher Lebensstellung, und hier fand ich, was ich suchte. Während dieser Zeit habe ich die Meinigen ernährt, ja mir selbst ein wenig sparen können für meine späteren Tage. Was ich empfand, gnädiger Herr, als Sie mir gestern die Aussicht eröffneten, fürs Leben an Ihrer Seite bleiben zu dürfen, vermag ich nicht zu sagen. Und Sie werden nach dieser Darlegung auch verstehen, welche Sorge von mir genommen ist. Ich bin ja nun sicher, daß die Meinigen—“ In dem hageren Gesicht stieg's bei diesen Worten auf, wie wenn der Sonnenschein plötzlich durch dunkle Wolken bricht, und die Rührung übermannte den Mann so sehr, daß er sich abwandte.
„Wie? Alle die Jahre haben Ihre Frau, Ihre Mutter und Schwester lediglich von Ihrem Fleiß gelebt?“ sagte Teut voll bewundernden Erstaunens. „Braver Mann! Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen! Ich schätze es um so höher, weil selbst Ihre engsten Freunde von diesen Dingen nichts wußten. Es bleibt wahr: Die echten Perlen liegen versteckt in den Muscheln tief auf dem Meeresgrund! Man muß sie mühsam hervorholen. Eine echte Perle ist solche Pflichterfüllung und den Ruhm nicht an den breiten Weg stellen! Sie üben sie um ihrer selbst willen, in der Stille, ohne Geräusch. Das heißt ein Christ sein! Hier meine Hand, Sie braver Mensch! Ich bitte jetzt um Ihre Freundschaft! Ich biete sie Ihnen nicht mehr an!“
Tibet richtete sich bei diesen Worten in seiner ganzen Größe empor; ein ungewöhnlicher Glanz trat in seine Augen, und über sein Angesicht flog der Widerschein eines Sturmes von Empfindungen.
„O, zu viel! Zu viel, gnädiger Herr!“ rief er in jenem Rausche, der nur die Brust solcher Menschen zu durchdringen vermag. „Mit diesem Worte habe ich nicht umsonst gelebt! Mit diesem Tage werde ich ein anderer in dieser Welt und die Welt eine andere für mich! Aber mit diesem Worte, gnädiger Herr, haben Sie auch Ernst Tibet zu Ihrem Schatten gemacht für alle Tage und Stunden seines Lebens! Was ich bin und habe für die Zukunft, gehört Ihnen!“
* * * * *
Es war Morgenzeit. Ange öffnete voll Ungeduld einen Brief, den sie soeben erhalten hatte. Derselbe war von Tibet, welcher mitteilte, daß er an dem heutigen Tage zurückkehren werde. Als Ange dies mittags den Kindern kundgab, faßten sie einstimmig den Beschluß, ihn vom Bahnhof abzuholen. Nun standen sie erwartungsvoll da und schauten über den Perron hinaus. Als der Zug endlich näher kam, drängten sie sich zusammen, und waren voll Ungeduld, den Langersehnten zu begrüßen.
„Tibet! Tibet! Hier!“ riefen sie und stürmten auf den Ankömmling zu, der sich gerührt zu ihnen hinabbeugte und ihre Liebkosungen entgegennahm. Alle griffen zugleich nach seiner Hand, um einen besonderen Vorzug zu genießen, bis endlich Jorinde und Ange sich seine Rechte und Linke eroberten.
Tibets erste Frage galt der Mama, und diese ward zufriedenstellend beantwortet. Mama Ange ginge es gut; sie habe auch an den Bahnhof kommen wollen, sei aber abgehalten worden. Dann setzte sich die kleine Schar, Tibet in der Mitte, in Bewegung.—
An demselben Abend saßen sich Herrin und Diener im Wohnzimmer gegenüber.
Tibet erzählte, wie's ihm auf der Reise ergangen sei, und Ange hörte freundlich und aufmerksam zu.
„Auch den Herrn Major von Teut habe ich gesehen und gesprochen,“ warf Tibet in unbefangenem Tone hin, nachdem er den ersten Bericht erstattet hatte. „Er läßt sich der Frau Gräfin aufs angelegentlichste empfehlen.“
Ange blickte im höchsten Grade befremdet empor. „Wie? Sie haben Herrn von Teut gesehen, Tibet? Wann? Wo? Und ganz zufällig?“
Tibet nickte und erzählte eine Geschichte, die er sich unterwegs zurecht gelegt hatte.
„Und geht's ihm besser? Geht's ihm wieder gut?“ fuhr Ange zögernd fort.
Tibet betätigte und wollte schon, froh, daß die Dinge sich so günstig gefügt hatten, fortfahren. Aber entweder wünschte Ange das Gespräch nicht fortzusetzen oder sie wollte Zeit gewinnen. Sie brach ab und kam auf allerlei häusliche Angelegenheiten.
Inzwischen grübelte Tibet, wie er die Dinge nach seinen Wünschen einrichten könne, und sagte endlich, eine kleine Pause benutzend, ziemlich unvermittelt:
„Ich habe auch einen Auftrag an die Frau Gräfin von dem Herrn Baron auszurichten. Ich vergaß vorher—“
Ange sah Tibet fest ins Auge, aber sie hinderte ihn nicht am Weitersprechen. Nur ein kurzes: „Nun?“ glitt von ihren Lippen.
„Zunächst läßt sich der Herr Baron für den Brief der Frau Gräfin recht sehr bedanken. Er würde denselben schon beantwortet haben, wenn er nicht wünschte, der Frau Gräfin mündlich—“
Tibet hielt inne; er fürchtete nun sicher eine Unterbrechung. Aber zu seiner Überraschung sagte Ange nichts, nur ihr Blick blieb noch ebenso ernst, ja, so eigentümlich auf ihm haften, daß er unwillkürlich die Augen niederschlagen mußte. Er raffte sich aber auf und fuhr fort:
„Der Herr Baron hofft in einigen Wochen wieder so weit hergestellt zu sein, daß er Wiesbaden verlassen kann. Er will dann nach Eder reisen und auf dieser Reise die Frau Gräfin gern in Eisenach begrüßen.“
„Und was sagten Sie dazu, Tibet?“ fragte Ange kalt.
„Ich—ich—Frau Gräfin—“ Er sprach nicht aus. Einen Augenblick schwiegen beide: nur Anges fleißige Nadel, die auf-und abflog, unterbrach die Stille. In dem Gemache stand ein runder Tisch, der von einer Lampe erhellt ward. Ringsum befanden sich die Möbel, welche einst in Carlos' Zimmer Platz gefunden hatten. Dieselben Bilder schmückten die Wände; selbst die kleinen Nippessachen von damals standen auf dem Schreibtisch. Plötzlich legte Ange die Arbeit aus der Hand, und sagte, dem Manne, der ihr gegenübersaß, forschend ins Auge schauend:
„Tibet!“
„Frau Gräfin?“
„Was soll ich von Ihnen denken? Sie haben Herrn Baron von Teut gesehen und einen solchen Auftrag übernommen? Ich werde irre an Ihnen. Ich muß es Ihnen aussprechen. Also war's doch wie ich vermutete. Hinter meinem Rücken! Also war's doch, wie ich fürchtete, als Sie mir von einer notwendigen Reise sprachen!“
„Frau Gräfin—ich bitte—ich verstehe nicht—“
„Sie verstehen ganz gut, Tibet! Mehr noch. Sie waren befangen, als Sie in unserem Gespräch auf diesen Gegenstand kamen, und da ich nicht arglos war, beobachtete ich Sie.“
Ange stützte schwermütig den Kopf und schien für Augenblicke ganz mit anderen Gedanken beschäftigt. Sie hörte nichts von Tibets Beteuerungen, nichts von seiner geläufigen Rede, durch die er ihr das Mißtrauen zu nehmen suchte. Erst als er zu einem anderen Mittel griff, sie seinen Plänen gefügiger zu machen, und plötzlich sagte: „Sehr, sehr verändert hat sich doch der Herr Baron. Sie wissen, Frau Gräfin, das Traurige noch gar nicht. Ich gelangte noch nicht dazu, dies Ihnen mitzuteilen. Der Herr Baron hat das linke Bein im Kriege verloren!“ überwogen Teilnahme und Sorge alle anderen Gedanken.
„Wie? was?“ rief Ange erregt, ließ die Arbeit fallen, erhob sich von ihrem Stuhl und blickte Tibet mit allen Zeichen der Bestürzung an. „Amputiert? Das Bein verloren?“
Tibet atmete erleichtert auf.
„Mein armer, armer Freund!“ flüsterte Ange vor sich hin. „Ist er sehr ernst, sehr bedrückt deshalb, Tibet? Sie sagen, er habe so leidend ausgesehen? O, und das wußte ich nicht einmal! Das verschwieg er mir. Ich möchte zu ihm eilen, ihn trösten, ihn pflegen—“
Aber sie unterbrach sich ebenso rasch, setzte sich wieder und ergriff still und wortlos die eben fallen gelassene Arbeit.
„Erzählen Sie weiter, Tibet. Berichten Sie mir, was Herr von Teut Ihnen gesagt hat,“ hob sie dann gelassen an. „Natürlich verlangt es mich Näheres zu erfahren.“
„Zu Befehl, Frau Gräfin. Ich fand den Herrn Baron sehr wortkarg und offenbar tief verstimmt. Er äußerte die Absicht, sich ganz von allem zurückzuziehen, fortan in Eder zu wohnen und jeden Verkehr einstellen. Welche Stimmung den Herrn Baron beherrschte“—nun hielt Tibet es an der Zeit, seine Pläne auszuführen, und er that es mit zitterndem Herzen—„mögen Frau Gräfin daraus erkennen, daß, als zufällig in einem Gespräch zwischen dem Herrn Baron und einem dort anwesenden Freunde die Rede auf des letzteren bevorstehende Heirat kam und derselbe den Herrn Baron scherzend auf Gleiches hinwies, dieser sagte: ‚Lieber Freund, das war längst und ist jetzt erst recht für alte Zeiten begraben! Nichts blüht mir noch auf Erden, selbst meine besten Freunde habe ich—ohne meine Schuld, ich darf es sagen—verloren!‘“
Tibet schwieg und wartete. Weiße Rosen brachen hervor auf Anges Wangen. Eine Blässe färbte diese, vor der Tibet erschrak. War er zu weit gegangen, hatte er zu rasch, zu unvermittelt gehandelt. Gewiß, so schien es, denn Ange sagte bitter: „Galt mir die letzte Bemerkung, Tibet? Nur das wünsche ich noch zu wissen.“
Der Mann schwieg.
„Nun?“ wiederholte sie hart.
„Ich glaube—ich weiß nicht, Frau Gräfin.“
„Und was sagen Sie zu alle dem, Tibet?“
Plötzlich brachen die Thränen unter Anges Wimpern hervor; ihre Augen verschleierten sich, und jener zaghafte Ausdruck trat in ihre Mienen, der das Gesicht von Kindern und Erwachsenen gleich rührend verändert.
Tibet wollte reden, aber Ange schüttelte den Kopf und wehrte ihm ab. „Ich habe schon zu viel heute abend gehört,“ sagte sie kurz und in seltsamer Weise abbrechend. „Wir sprechen morgen weiter. Gute Nacht.“
Noch stand der Mann eine Weile; er hoffte, Ange würde wenigstens noch einmal emporblicken. Nichts! Nun verbeugte er sich und ging.
Sobald Tibet das Zimmer verlassen hatte, sprang Ange auf und durchmaß den Raum mit erregten Schritten. Ihre Gestalt hatte trotz der Anstrengungen des letzten Jahres an reizvoller Fülle gewonnen. Die Züge ihres Gesichtes waren ausdrucksvoller geworden ihre dunklen gesättigten Augen hatten eine eigene Glut und jenen rätselhaften, halb schmachtenden, halb in sich gekehrten Ausdruck, der uns so unwiderstehlich zu Frauen hinzieht. Noch immer wirkte ihre Erscheinung überraschend, noch immer war sie eine blendend schöne Frau. Wie es in ihrem Innern gärte nach diesen Mitteilungen! Jene Liebe, die sich noch unter dem Schmerz um einen teuren Verdorbenen in zartem Empfinden gegen eine andere auflehnt, jene tiefe wahre Liebe, die ihre Neigung ängstlich verbirgt, jene stolze Liebe, die fürchtet, sie könne nicht um ihrer selbst willen begehrt werden, durchdrang das Herz der Frau—und nun war alles vernichtet, was doch hoffend in dem tiefsten Winkel ihrer Seele geschlummert hatte. Denn es giebt Wünsche, die der Mensch aus besserer Einsicht zurückdrängt bis zum letzten Atemzug—Wünsche auch, von denen er weiß, daß sie sich nie erfüllen können, aber die doch beglücken, so lange ein Wahrscheinlichkeitsschimmer bleibt.
Teut ein Krüppel! Teut des Trostes, vielleicht noch der Pflege bedürftig; Teut abwehrend gegen alles, was sonst Menschen mit Menschen verbindet; Teut voll Verbitterung. Teut—die Liebe, den Besitz eines Weibes ein für allemal von sich weisend im mißmutigen Verzichten!
Und sie stieß ihn von sich, wo sie ihm vielleicht ersetzen konnte, wonach sein Herz verlangte; sie erfüllte—vielleicht in falschem Stolze—nicht einmal die Pflichten dankbarer Freundschaft!?
Ange verlor den Faden für den richtigen Maßstab dessen, was Recht und Pflicht geboten.
Was sollte sie thun? Ehre, Stolz, Scham und Liebe kämpften in ihr und ließen sie zu keinem Entschluß gelangen. Einmal hatte sie alles zurückgedrängt, nur ein Gedanke beherrschte sie: Wie's auch kommen, wie's auch sein mochte, sie mußte an seiner Seite stehen, solange sie ihn unglücklich, zweifelnd und zagend wußte.
Schon glaubte sie klar zu sein und den Kampf überwunden zu haben. Aber dann nahm doch wieder die angstvolle Befürchtung von ihr Besitz, Teut könne jetzt gerade zu dem Schlusse gelangen, sie suche nur nach einem Vorwand, sich ihm zu nähern. Diese Annäherung könne als eine stumme Werbung von ihrer Seite erscheinen, sie sei noch die alte leichtfertige, nur dem Genuß lebende und nach plötzlichen Eingebungen handelnde Frau von ehedem, dasselbe nur von halben Pflichten erfüllte Wesen ohne rechte Grundsätze, festen Willen und Thatkraft.
Und dann würde in diesem Falle an sie herantreten, was sie zurückweisen wollte um jeden Preis: die Mildtätigkeit aus seiner Hand. Sie, gerade sie hatte doch einen so großen, ja vielleicht allen Anteil an der entsetzlichen Nacktheit der Dinge nach Carlos' Tode, und Teut war es gewesen, der sie gewarnt und dessen Warnung sie nur ein halbes Ohr geschenkt; er hatte in der Not geholfen und kam nun wieder und mußte helfen, weil sie es nicht verstand, sich einzurichten, immer gleich thöricht und unbeholfen dem Leben gegenüberstand. Scham und Stolz, auch Quellen falscher Scham, falschen Stolzes brachen wieder in ihr auf und ließen sie, wie bisher so oft, den rechten Weg verfehlen.
* * * * *
Am folgenden Vormittage fand sich für Tibet keine Gelegenheit, abermals mit Ange zu sprechen. Er forschte auf ihrem Gesicht, ob das Gespräch des vorhergehenden Abends böse Nachwirkungen zurückgelassen habe, und in der That schien es ihm, als ob ihr Blick ernster als sonst, ihr Morgengruß nicht so warm sei, wie er stets gewesen. Er war voll Ungeduld, mit ihr zu sprechen, um so mehr, als er bisher nur die Vorbereitungen für den Auftrag getroffen hatte, der ihm von Teut geworden war.
Nachmittags gab Ange einer Bitte der Kinder nach, mit ihnen einen Spaziergang zu unternehmen. Sie verständigte Tibet, daß sie zum Abendbrot zurückkehren werde, und machte sich mit ihren Lieblingen auf den Weg zur Wartburg.
Ange sehnte sich selbst hinaus; in der freien Natur hoffte sie besser der sie bestürmenden Gedanken Herr zu werden und zu irgend einem Entschlusse zu gelangen, der Teut wenigstens bewies, daß sie ihm nicht teilnahmlos gegenüberstand.
Niemals war ihr der Sommer so schön erschienen wie in diesem Jahre. Die Bäume standen in blütenschwerer Fülle, und als sie den Weg zur Wartburg hinaufstiegen, hemmte sie immer von neuem ihre Schritte, um ihre Blicke ringsum auf die Gegend zu werfen, oder bei Lichtpunkten auf das vor ihnen liegende Thal hinabzuschauen.