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Ein St.-Johannis-Nachts-Traum

Front matter (continued 2)

Christoph Martin Wieland translation

(Alle treten ab, bis auf Wand.)

Theseus. Mich wundert, ob der Löwe reden wird?

Demetrius. Warum nicht ein Löwe, Mylord, da Esel reden können?

Wand. In dem besagten Spiel es sich zutragen thut, Daß ich, Tom Schnauz genannt, die Wand vorstelle gut, Und eine solche Wand, wovon ihr solltet halten, Sie sey durch einen Schliz, recht durch und durch gespalten: Wodurch denn Pyramus und seine Thisbe fein Oft flüsterten fürwahr ganz leis' und ingeheim. Der Merdel, und der Leim, und dieser Stein thut zeigen, Daß ich bin diese Wand, ich will's euch nicht verschweigen. Und diß die Spalte ist, zur Linken und zur Rechten, Wodurch die Buhler zwey sich thäten still besprechen.

Theseus. Könntet ihr fodern, daß Leim und Haar besser sprechen sollten?

Demetrius. Mylord, es ist die sinnreichste Erfindung, von der ich jemals gehört habe.

Theseus. Pyramus nähert sich der Wand; stille! (Pyramus tritt auf.)

Pyramus. O Nacht so schwarz von Farb! o grimmerfüllte Nacht! O! Nacht als jemals schien, wenn es nicht Tag mehr war! O Nacht, o Nacht, o Nacht! ach! ach! ach, Himmel, ach! Ich fürcht' mein' Thisbe hat ihr Wort vergessen gar! Und du, o Wand, o süß und liebenswerthe Wand, Die zwischen unsrer bey—der Eltern Haus thut stehen, Du Wand, o Wand, o süß und liebenswerthe Wand, Zeig deine Spalte mir, daß ich dadurch mag sehen, Hab Dank, du gute Wand! Der Himmel lohn' es dir! Jedoch was seh' ich dort? Thisbe die seh' ich nicht. O böse Wand, durch die ich nicht seh' meine Zier! Verflucht sey'n deine Stein! daß du so äffest mich!

Theseus. Mich dünkt, die Wand sollte wieder zurük fluchen, weil sie empfindlich ist.

Pyramus. Nein, fürwahr, Herr, sie muß nicht. Äffest mich, ist Thisbes Merkwort; sie wird gleich kommen, und ich muß sie durch die Wand ausspähen. Ihr werdet sehen, es wird gerade so gehen, wie ich euch sage. Da kömmt sie schon. (Thisbe tritt auf.)

Thisbe. O Wand, oft hast du schon gehört das Seufzen mein, Mein'n schönsten Pyramus weil du so trennst von mir! Mein rother Mund hat oft geküsset deine Stein, Dein' Stein' mit Haar und Leim geküttet auf in dir.

Pyramus. Ein' Stimm' ich sehen thu, ich will zur Spalt' und schauen, Ob ich nicht hören kan mein'r Thisbe Antliz klar. Thisbe!

Thisbe. Diß ist mein Schaz! Mein Liebchen ists! fürwahr.

Pyramus. Denk was du willt, ich bin's; du kanst mir sicher trauen. Und gleich Limander bin ich treu nach meiner Pflicht.

Thisbe. Und ich gleich Helena, bis mich der Tod ersticht.

Pyramus. So treu war Schefelus zu seiner Procrus nicht!

Thisbe. Wie Procrus Scheflus liebt', lieb' ich dein Angesicht.

Pyramus. O küß mich durch das Loch von dieser garst'gen Wand!

Thisbe. Mein Kuß trift nur das Loch, nicht deiner Lippen Rand.

Pyramus. Willt du bey Ninnys Grab heut Nacht mich treffen an.

Thisbe. Sey's lebend oder todt, ich komme wenn ich kan.

Wand. So hab ich Wand nunmehr mein'n Part gemachet gut, Und nun sich also Wand hinwegbegeben thut.

(Geht ab.)

Theseus. So ist die Scheidwand zwischen beyden Nachbarn auf einmal gefallen.

Demetrius. Kein Wunder, Mylord, da sie so willig war, sich aufzurichten.

Hippolita. Elenderes Zeug hab ich niemals gehört.

Theseus. Das Beste in dieser Art ist nur Schatten; und das Schlechteste ist nicht schlechter, wenn ihm die Einbildungskraft nachhilft.

Hippolita. So muß es also eure Einbildungskraft seyn, nicht die ihrige.

Theseus. Wenn wir nicht schlechter von ihnen denken als sie von sich selbst, so können sie für vortrefliche Leute passieren. Hier kommen zwey edle Bestien, in der Person eines Menschen und eines Löwen. (Löwe und Monschein treten auf.)

Löwe. Ihr Fräulein, deren Herz fürchtet die kleinste Maus, Die in monstroser G'stalt thut an dem Boden schweben, Möcht izo zweifelsohn erzittern und erbeben, Wenn Löwe rauh von Wuth läßt sein Gebrüll heraus. So wisset dann, daß ich Hans Schnok, der Schreiner bin, Kein böser Löw fürwahr noch eines Löwen Weib; Denn käm' ich als ein Löw und hätte Harm im Sinn, So daurte, meiner Treu! mich nur mein g'rader Leib.

Theseus. Eine höfliche Bestie, und recht gewissenhaft.

Lysander. Dieser Löwe ist ein vollkommener Fuchs an Herzhaftigkeit.

Theseus. Das ist wahr, und eine Gans an Discretion.

Demetrius. Nicht so, Mylord, denn seine Herzhaftigkeit kan seiner Discretion nicht Meister werden, wie ein Fuchs einer Gans.

Theseus. Ohne Zweifel kan seine Discretion seine Herzhaftigkeit nicht bemeistern, denn eine Gans bemeistert keinen Fuchs. Gut! wir wollen seine Discretion davor sorgen lassen, und izt hören, was uns der Mond zu sagen hat.

Mondschein. Den wolgehörnten Mond d'Latern z'erkennen giebt.

Demetrius. Er sollte die Hörner an seiner Stirne tragen.

Theseus. Er ist nicht im Zunehmen; seine Hörner steken unsichtbar in der Peripherie.

Mondschein. Den wolgehörnten Mond d'Latern z'erkennen giebt, Ich selbst den Mann im Mond, wofern es euch beliebt.

Theseus. Das ist noch der gröste Fehler unter allen; man hätte den Mann in die Laterne sezen sollen; wie kan er sonst der Mann im Monde seyn?

Demetrius. Er darf es nicht wegen der Kerze; Ihr sehet ja, daß sie schon lauter Buzen ist.

Hippolita. Dieser Mond macht mir lange Weile; ich wollte, er änderte sich.

Theseus. Man sieht an seinem bescheidnen Licht, daß er im Abnehmen ist; aus Höflichkeit und von rechtswegen müssen wir nun schon das Ende abwarten.

Lysander. Komm besser hervor, Mond!

Mondschein. Alles was ich zu sagen habe, ist euch zu melden, daß diese Laterne der Mond ist; ich, der Mann im Mond, dieser Dornbusch, mein Dornbusch, und dieser Hund, mein Hund.

Demetrius. Alle diese Dinge sollten also in der Laterne seyn. Doch stille, hier kömmt Thisbe. (Thisbe tritt auf.)

Thisbe. Diß ist ja Ninnys Grab, wo ist mein Liebchen dann?

Löwe. Oh!—

(der Löwe brüllt, Thisbe läuft davon.)

Demetrius. Wol gebrüllt, Löwe.

Theseus. Wol geloffen, Thisbe.

Hippolita. Wol geschienen, Mond. In der That, der Mond scheint mit einer recht guten Art.

Demetrius. Und da kam Pyramus.

Lysander. Und da verschwand der Löwe. (Pyramus tritt auf.)

Pyramus. Ich dank dir, süsser Mond, für deine Sonnenstralen, Die also hell und schön den Erdenball bemahlen; Dieweil bey deinem Gold und funkelnd süssem Licht Zu kosten ich verhoff mein'r Thisbe Angesicht.

Doch halt! o Pein! Was soll diß seyn? Was für ein Graus ist diß? Aug, siehst du noch? O! schweres Joch! Mein Herz, mein Liebchen süß, Dein Mantel gut, Beflekt mit Blut! Ihr Furien kommt in Trab, Herbey und rächt Und löscht und brecht Den Lebensfaden ab!

Theseus. Diese Leidenschaft und der Tod eines werthen Freundes, würden nahe zu hinreichen, einen Mann finster sehen zu machen.

Hippolita. Ich möchte mir selbst Böses wünschen, daß ich mich nicht verwahren kan, den Mann zu bedauern.

Pyramus. Warum denn, o Natur, thätst du den Löwen bauen? Weil solch ein schnöder Löw mein' Lieb' hat defloriert; Sie welche ist—Nein! war—die schönste aller Frauen, Die je des Tages Glanz mit ihrem Schein geziert.

Komm, Thränenschaar, Aus, Schwerdt, durfahr Die Brust des Pyramo! Die Linke hier, Wo s'Herz hüpft mir, So sterb' ich denn, So, so! Nun bin ich tod, Aus ist die Noth, Mein' Seel im Himmel lacht; Verliehr dein'n Schein, O Zunge mein, Flieh' Mond; gut Nacht, gut Nacht!

Demetrius. So stirb dann, oder ein Aß für ihn, denn er ist doch eines.

Lysander. Minder als ein Aß, Mann; denn er ist todt; er ist nichts.

Theseus. Mit Hülfe eines Barbiers möchte er vielleicht noch aufkommen, und ein Aß werden.

Hippolita. Wie? der Mondschein ist gegangen, eh Thisbe zurük kömmt, und ihren Liebhaber findet. (Thisbe kömmt.)

Theseus. Sie wird ihn beym Sternenlicht finden. Hier kömmt sie, und ihre Passion endet das Spiel.

Hippolita. Mich dünkt, sie sollte keine lange für einen solchen Pyramus nöthig haben; ich hoffe sie wird kurz seyn.

Thisbe. Schläfst du, mein Kind? Steh auf geschwind! Wie? Täubchen, bist du todt? O! Sprich, o sprich! O! rege dich! Ach! todt ist er! O Noth! Dein Lilien-Mund, Dein Auge rund, Wie Schnittlauch frisch und grün, Dein Kirschen-Nas' Dein' Wangen blaß Die wie ein Goldlak blüh'n, Soll nun ein Stein Bedeken fein, O klopf, mein Herz, und brich! Ihr Schwestern drey Kommt, kommt herbey, Und leget Hand an mich! Schweig, Zunge still, Komm, Schwerdt, und ziel Nach meines Busens Schnee; So fahr ich hin Mit treuem Sinn, Adieu, adieu, adieu!

(stirbt.)

Theseus. Monschein und Löwe sind noch übrig, die Todten zu begraben.

Demetrius. Ja, und (Wand) auch.

Zettel. Nein, ich versichre euch, die Wand ist niedergerissen, die ihrer Väter Häuser trennte. Gefällt es euch den Epilogus zu sehen, oder einen Bergomasker-Tanz zwischen zween aus unsrer Companie zu hören?

Theseus. Keinen Epilogus, wenn ich bitten darf. Euer Schauspiel bedarf keiner Entschuldigung. Keine Entschuldigung! Denn wenn die Schauspieler alle todt sind, so hat man nicht nöthig jemand zu tadeln. Wahrhaftig, wenn der Autor dieses Stüks den Pyramus gemacht, und sich selbst an Thisbes Strumpfband erhenkt hätte, so wäre es eine feine Tragödie gewesen; und das ist es auch, in der That, und auf eine recht merkwürdige Art vorgestellt. Aber kommt, euer Ballet; laßt euern Epilogus nur weg.

(Hier folgt ein Tanz von Bauern.)

Theseus. Schon hat die eiserne Zunge der Mitternacht zwölfe geruffen. Ihr Liebhaber, zu Bette! Es ist schon Feen-Zeit. Ich fürchte, wir werden den nächsten Morgen verschlaffen, wie wir diese Nacht verwacht haben. Dieses handgreiflich-dumme Schauspiel hat uns doch den schweren Gang der Nacht unmerklich gemacht. Zu Bette, lieben Freunde. Vierzehn solche Nächte sollen noch mit nächtlichen Spielen, und immer ändernden Lustbarkeiten zugebracht werden.*

{ed.-* Hier folget im Original noch ein kleiner Feen-Auftritt, wo Puk zuerst mit einem Besem erscheint, um das Haus zuvor auszukehren, Oberon und Titania aber mit ihrem Gefolge dasselbe durchtanzen, und durch einen Gesang einsegnen. Es ist mir unmöglich gewesen, diese Scene, welche ohnehin bloß die Stelle eines Divertissement vertritt, in kleine gereimte Verse zu übersezen; in Prosa aber, oder in einer andern Versart als in kleinen Jamben und Trochäen, würde sie das tändelnde und Feen-mässige gänzlich verlohren haben, das alle ihre Anmuth ausmacht.}

Ein St. Johannis Nachts-Traum, von William Shakespeare (Übersetzt von Christoph Martin Wieland).

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