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Edgar Allan Poe, Die Dichtung, Band XLII

DICHTUNG

Reading edition

HERAUSGEGEBEN VON PAUL REMER

BAND XLII

EDGAR ALLAN POE

VON

HANNS HEINZ EWERS

Umschlagsbild

DIE DICHTUNG BD. XLII EDGAR ALLAN POE VON HANNS HEINZ EWERS

DIE DICHTUNG EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN HERAUSGEGEBEN VON PAUL REMER BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER

Band I. Henrik Ibsen von Paul Ernst

Band II. Anzengruber von J. J. David

Band III. Victor Hugo von H. v. Hofmannsthal

Band IV. Liliencron von Paul Remer

Band V. Leo Tolstoj von Julius Hart

Band VI. Hölderlin von Hans Bethge

Band VII. Boccaccio von Hermann Hesse

Band VIII. Cervantes von Paul Scheerbart

Band IX. Gottfried Keller von Ricarda Huch

Band X. Mörike von Gustav Kühl

Band XI. Droste-Hülshoff von Wilh. v. Scholz

Band XII. E. T. A. Hoffmann von Rich. Schaukal

Band XIII. Franz von Assisi von Hermann Hesse

Band XIV. Peter Hille von Heinrich Hart

Band XV. d’Annunzio von Alberta v. Puttkamer

Band XVI. Lenau von Leo Greiner

Band XVII. Novalis von Willy Pastor

Band XVIII. Walt Whitman von Johannes Schlaf

Band XIX. Ebner-Eschenbach von Gabr. Reuter

Band XX. Kleist von Wilh. Hegeler

Band XXI. Wilhelm Busch von Rich. Schaukal

Band XXII. Homer von Willy Pastor

Band XXIII. C. Ferd. Meyer von Wilh. Holzamer

Band XXIV. Theod. Fontane von Franz Servaes

Band XXV. Grabbe von Otto Krack

Band XXVI. Schiller von Fritz Lienhard

Band XXVII. Rich. Wagner von Hans v. Wolzogen

Band XXVIII. Hebbel von Wilhelm v. Scholz

Band XXIX. J. P. Jacobsen von Hans Bethge

Band XXX. Paul Verlaine von Stefan Zweig

Band XXXI. Bismarck von Max Bewer

Band XXXII. Klaus Groth von Timm Kröger

Band XXXIII. Maeterlinck von Anselma Heine

Band XXXIV. Oscar Wilde von Hedw. Lachmann

Band XXXV. Lessing von Otto Ernst

Band XXXVI. Fritz Reuter von Marx Möller

Bd. XXXVII. Sophokles von Paul Ernst

Bd. XXXVIII. Verhaeren von Johannes Schlaf

Band XXXIX. Shakespeare von Franz Servaes

Band XL. Heinrich Heine von Wilh. Holzamer

Band XLI. Eichendorff von Gustav Falke

Band XLII. Edgar Allan Poe von H. Heinz Ewers

In Vorbereitung:

Luther von Adolf Bartels

Gerhart Hauptmann von Hermann Stehr

Li-tai-pe von Arno Holz

Euripides von Hermann Bahr

Richard Dehmel von Gustav Kühl

Theodor Storm von Paul Remer

und andere

Jeder Band elegant kartoniert M. 1.50 Jeder Band in echt Leder geb. M. 2.50

FÜR BÜCHERLIEBHABER WURDEN DIE ERSTEN ZWANZIG EXEMPLARE DIESES BUCHES AUF ECHTES BÜTTENPAPIER GEDRUCKT UND HANDSCHRIFTLICH NUMERIERT. DER PREIS DIESER IN ORIGINAL-COLLIN-LEDER GEBUNDENEN LUXUSAUSGABE BETRÄGT 10 MARK. SIE IST DURCH ALLE BUCHHANDLUNGEN ZU BEZIEHEN

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zeichnung von Poe
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Buchtitel
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Titeltext

GUSTAV MEYRINK,

dem Rauschkünstler, dem Träumer, der an Träume glaubt als an das einzig Wirkliche — wie es Poe tat, wie es der tut, der dies schrieb — sei dies Büchlein gewidmet.

In der Alhambra April 1905 HANNS HEINZ EWERS.

Illustration from Edgar Allan Poe Die Dichtung, Band XLII

Leicht schreitet mein Fuss über die grauen Steine, den alten Weg, den ich so oft gegangen, hinauf zu der Alhambra heiligem Haine. Das Tor der Granaten öffnet sich weit meiner Sehnsucht, dahinter bin ich der Zeit entflohen — — so leicht wandelt man in der Träume Land. Wo die Ulmen rauschen, wo die Springquellen plaudern, wo aus Lorbeerbüschen hundert Nachtigallen singen, da mag ich wohl an meinen Dichter denken.

***

Man sollte es nicht tun. Wirklich nicht.

Man sollte nicht hingehen und irgendein Buch lesen über den Künstler, den man liebt. Fast immer wird man enttäuscht sein — — wie kann ein Pfaffe über Gott sprechen? So vorsichtig soll man damit sein, so sehr vorsichtig.

Du solltest es so machen:

Du liebst Firdusi? — Goethe schrieb über ihn; den kennst du nicht? Nun gut: lies wenn du den genau kennst, der über deinen Liebling schrieb, dann erst entscheide dich, ob du das lesen willst, was er über ihn sagt! — So wirst du keine Enttäuschung erleben.

Lies nie, was Hinz und Kunz über den Künstler schreiben, den du liebst. Und wenn Hinz und Kunz die allergrössten Sterne sind, und wenn dein Liebling ein ganz kleiner Nebelfleck ist — — lies es nicht! Lies es nicht eher, bis du Hinz und Kunz genau kennst, bis du weisst: sie haben ein Recht, über deinen Künstler zu sprechen.

Ich habe es nicht so gemacht. Ich habe irgendwoher ein paar dickflüssige Tropfen im Blute: unerträgliche deutsche Gründlichkeit. So eine Art Pflichtgefühl. Ich dachte: eh du über den Dichter schreibst, den du liebst, lies das, was andere vor dir schrieben. Ich dachte: „Vielleicht — —“

Ich las also viel über Edgar Allan — Nun bin ich so enttäuscht, so sehr enttäuscht. Da war nur einer, dessen Geist ihn fassen konnte.

Baudelaire — —

Baudelaire, der aus dem Haschich eine Kunst schuf. — Wie hätte er ihn auch nicht fassen sollen, ihn, der aus Alkohol und Laudanum Kunstwerte formte?!

***

— Jetzt muss ich das alles vergessen, was die anderen sagten. Diesen grässlichen Griswold muss ich vergessen, dessen ganze Poebiographie nichts anderes ist, als ein giftiges Ausspucken: „Er soff, er soff, pfui doch, er soff!“ — — Und den noch grässlicheren Ingram muss ich vergessen, diesen Narren, der meinen Künstler ehrenrettete, indem er immer wieder stammelte: „Er trank gar nicht, wirklich, er trank gar nicht!“

Rasch, ehe ich sie vergesse, will ich die Daten niederschreiben, die ich von ihnen habe:

„Edgar Allan Poe, geb. am 19. Januar 1809 in Boston. Irische Familie, langer Stammbaum, normannisches, keltisches, angelsächsisches, italienisches Blut. 1816 nach England mit seinen Westpoint. 1834 Leiter des Southern Literary Messenger in Richmond. 1836 verheiratet mit seiner Cousine Virginia Clemm. Er schrieb. —1 Er lebte abwechselnd in New-Jork, Philadelphia, Richmond, Fordham. Es ging ihm sehr schlecht. ,Er soff‘ (sagt Griswold). ,Er trank gar nicht‘ (sagt Ingram). Er starb am 7. Oktober im Armenkrankenhaus zu Baltimore, vierzig Jahre alt.

So, das wären diese allergleichgültigsten Daten. Nun kann ich auch das vergessen.

— Wie schwer das doch ist! — Ganz langsam

Ich weiss wohl, wohin ich will. Rasch durch den Myrtenhof, durch den Saal der Mocaraben in den Hof der zwölf Löwen. Links hinein in das Zimmer der beiden Schwestern und durch das der Ajimeces. Nun bin ich da, im Mirador de Daraxa, wo Boabdils Mutter ‘Aicha wohnte. Ich sitze am Fenster, blicke hinaus auf die alten Zypressen — —

Wie schwer es doch ist, zu vergessen! Da gehen meine Pfaffen im Garten spazieren. Zwei englische Heuchler, runder Hut, kurze Pfeife, schwarzer Rock. Den Bädeker in der Hand.

„Er soff!“ zischt der eine.

„O nein, er trank wirklich nicht!“ fistelt der andere.

Ich möchte sie mit den Köpfen zusammenstossen!

Sie gehen ja schon, gewiss doch! Ich bin wieder allein — —

***

Er soff — — er soff nicht! — So streiten Engländer über ihre Dichter! Sie lassen Milton verhungern, sie stehlen Shakespeare sein ganzes Lebenswerk, sie wühlen mit krummen Fingern in Byrons und Shelleys Familien­geschichten, sie begeifern Rossetti und Swinburne, stecken Wilde ins Zuchthaus und zeigen mit den Fingern auf Charles Lamb und Poe — — weil sie tranken!

Ich bin doch froh, dass ich ein Deutscher bin! Deutschlands grosse Männer durften — — unsittlich sein. Unsittlich — — das heisst: nicht eben genau so sittlich, wie die guten Bürger und Pfaffen. Der Deutsche sagt: „Goethe war unser grosser Dichter“. — darum war er kein grosser Dichter“. Nur in England konnte des widerlichen Moralpfaffen Kingsley Wort über Heine ein geflügeltes werden: „Sprecht nicht von ihm — — — er war ein schlechter Mensch!“ —

Wenn es aber gar nicht mehr anders geht, wenn alle Völker ringsum die „unsittlichen“ englischen Dichter anerkennen und lieben, wenn der Engländer endlich gezwungen wird, zu sprechen — — — dann lügt er. Er gibt seine Heuchelei nicht auf, er sagt dann: nach neueren Untersuchungen war der Mann gar nicht unsittlich; er war vielmehr hochsittlich, ganz rein und ganz unschuldig! So haben die englischen Lügner Byrons „Ehre gerettet“, so wird es nicht lange mehr dauern, bis sie auch aus Saulus Wilde einen Paulus machen! — So ist für Poe den Griswolds ein Ingram gefolgt: „Ach nein, er trank wirklich nicht!“

Die Engländer dürfen nun Edgar Allan Poe anerkennen, nachdem

Wir aber, die wir nicht den geringsten Anspruch auf bürgerliche und pfäffische Sittenreinheit machen, wir lieben ihn, wenn er auch trank. Ja noch mehr, wir lieben ihn, weil er trank, denn wir wissen, dass eben aus dem Gifte, das seinen Leib zerstörte, reine Blüten entsprossten, deren Kunstwerte unvergänglich sind.

Wie Kunstwerte entstanden, das geht den Laien nichts an. Das hat der Künstler mit sich allein abzumachen, niemand darf da ein Wort mitreden, oder gar ein abfällig Urteil fällen. Nur die wenigen, denen er einen Einblick gewährt in sein Schaffen, weil sie ihn lieben, nur die dürfen schweigend zuschauen, dürfen erzählen — —

Wilde erzählt das Märchen von der wunderschönen Rose, die aus dem Herzblut der sterbenden Nachtigall erwuchs. Der Student, der sie brach, schaute und staunte, nie hatte er eine solch wunderrote Blutrose gesehen. Aber er wusste nicht, wie sie entstand.

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EDGAR ALLAN POE Nach E. Manet

Wir bewundern Odontoglossum grande,

— Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man mitleidig lächeln wird über die breiten Landstrassen unserer rauschlosen Kunst, die nur spärlich hier und da durch des Alkohols trübe Laternen erhellt werden. Eine Zeit, für die die Begriffe Rausch und Kunst ein untrennbares Ganzes sind, die nur innerhalb der grossen Rauschkunst Unterschiede kennt. Dann erst wird man den Pfadfindern die hohe Stelle geben, die ihnen gebührt, den Hoffmann, Baudelaire, Poe — — den Künstlern, die zuerst bewusst mit dem Rausche arbeiteten.

Denn es gibt manche andere Weisen — —

Die Kunst ist der Natur entgegengesetzt. Ein Mensch, der physisch und psychisch rein abstinent lebt, dessen Voreltern auch durch lange Generationen hindurch ebenso abstinent lebten, so dass sein Blut nicht, wie bei uns allen, längst „vergiftet“ ist, kann nie ein Künstler werden — wenn nicht eines Gottes Gunst seinem Leben andere Sensationen schenkt, die Ekstasen erwecken mögen. Aber auch das sind Vergiftungen des Geistes! Natur und Kunst sind die schlimmsten Feinde: wo die eine herrscht, ist die andere unmöglich.

Was ist — — im engsten, im besten Sinne — der Künstler? Ein Pionier der Kultur in das Neuland des Unbewussten!

Edgar Allan Poe, das müssen selbst die Griswolds dem Dichter zugestehen, der in so manchen seiner Geschichten ein geheimes Land der Seele betrat, von dem niemand vor ihm — und am wenigsten die Wissenschaft — eine leise Ahnung hatte!

In grauer Nebelwolke träumt vor uns das gewaltige Land des Unbewussten, das ewige Land unserer Sehnsüchte. Warm liegt der Bettler in der Sonne, hockt der satte Bürger am Ofen. Aber es gibt Menschen, deren blutende Sehnsucht so ungeheuer ist, dass sie hinaus müssen aus dem, was wir wissen. Robur et aes triplex muss ihre Brust schirmen, wenn sie das sonnige Land des Bewusstseins verlassen, wenn sie durch die grauen Mörderfluten nach Avalun steuern. Und viele, viele gehen schmählich zugrunde, ohne je einen Blick hinter die Wolken zu werfen.

Ganz wenigen aber gelingt die Fahrt. Sie finden ein Neuland, entdecken es für die Kultur: sie haben die Grenzen des Bewusstseins ein Stück weiter hinausgeschoben.

Die Künstler sind diese ersten Entdecker. Dann mag die Menschheit Forscherfahrten ausrüsten, um das neue Land zu vermessen und zu untersuchen: Grundbuchleute und Katasterbeamte entsenden — — — Männer der Wissenschaft.

— — Nun ist gewiss, dass — neben andern Wegen — die sogenannten Gifte, die wir Narkotika nennen, geeignet sind, uns über die Schwelle des Bewusstseins hinauszuführen. Gelingt es jemand, in diesem „Jenseits“ irgendwo festen Fuss zu fassen, das Metaphysische in etwas Positives umzuwerten, so schafft er einen neuen Kunstwert, ist, im edelsten Sinne, ein Künstler.

Vielleicht ist hier nötig, die Binsenweisheit zu betonen, dass nie natürlich von einem Schaffen im Rausche selbst die Rede sein kann?! Oder die andere, dass kein Rauschmittel der Welt aus einem Menschen etwas heraus zu holen vermag, das nicht in ihm steckt?! Die Griswolds und Ingrams mögen Aber: der durch Narkotica bewirkte Rausch ist unter Umständen — — neben andern Ursachen — geeignet, irgendwann später eine Ekstase hervorzurufen. Und: in dieser Ekstase leistet jeder Mensch das Höchste, was seine Intelligenz überhaupt zu leisten imstande ist.

***

Der Griswold hatte recht: Edgar Allan Poe trank. Und da — wie bei uns allen — sein Leib verhältnismässig schlecht auf die Vergiftung des Alkohols reagierte, abgestumpft war durch die Trinkgewohnheiten von Generationen von Vorfahren, so trank er viel. Er soff. — Aber er tat das mit Absicht, tat es, um in den Rauschzustand zu kommen, aus dem heraus er — später, vielleicht Jahre später — neue Kunstwerte schaffen konnte. Solch ein Rausch ist kein Genuss, er ist eine entsetzliche Qual, die bewusst nur der ersehnt, dem das

— Gibt es eine schmählichere Lüge als die der Banausen: „Künstlerisches Schaffen ist keine Arbeit; es ist eine Freude!?“ Der das sagte, und die grosse Masse, die es gedankenlos nachplappert, haben nie einen Hauch der Ekstase verspürt, die allein künstlerisches Schaffen bedingt. Und diese Ekstase ist immer eine Qual, selbst dann, wenn — in seltenen Fällen — der Grund, der sie hervorrief, ein Genuss war.

Man sagt, dass die Katzenmütter ihre Jungen mit Genuss zur Welt bringen — — aber es sind auch nur arme blinde Kätzlein. So mag der Wochen­plauderer der Buxtehuder Zeitung, mag der Textdichter von „Berlin bei Nacht“ mit Genuss seine Zeilen zu Papier bringen — — ein Kunstwerk ist nie ohne Schmerzen geboren worden.

***

Ich bin hinausgegangen. Durch den mächtigen Palast des fünften römischen Kaisers

Ich schau über das Tal auf den Hügel, von dem Boabdil beim Scheiden seinen letzten Seufzer dem verlorenen Granada sandte. Ich blicke auf den Garten des Generalife, deutlich sehe ich die vielhundertjährigen Zypressen, unter deren Schatten des letzten Maurenkönigs Frau — Hamet, dem schönsten der Abenceragen das unheilbringende Stelldichein gab.

— Hier erzählt jeder Stein eine trübe, verklungene Sage — —

Tief unten im Tal geht der Weg, der weit hinauf zur Totenstatt führt. Ein paar schwarze Ziegen weiden an den grünen Abhängen; hinten, unter dem Turm der Gefangenen, sitzt ein zerlumpter Zollwächter vor seiner schmutzigen

Ein Trupp zerlumpter Bengels zieht durch das Tal. Zwei tragen einen kleinen Kindersarg auf den Schultern, offen nach spanischer Sitte; ein anderer schultert den Deckel. Der Sarg ist sehr einfach, drei gelbe Bretter und zwei Brettchen. Aber drinnen liegen Blumen, viele Blumen, rote, gelbe und weisse und blaue Blumen, unter denen das wachsbleiche Köpfchen in schwarzem Haar hervorschaut. Kein Priester, keine Verwandten, nicht einmal Vater und Mutter im Zuge; sechs zerlumpte Bengels — —

Doch zwischen so vielen bunten Blumen ruht das tote Kind, in solch frischem, blühendem Dufte. Wie gut, dass man ihm die Augen nicht schloss! Nun schaut es heraus, neugierig aus den bunten Blumen, hinauf zu dem alten, maurischen Königsschloss. So zufrieden blickt es heraus aus seiner bunten Pracht,

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POE’S LANDHAUS ZU FORDHAM Zeichnung von H. Crickmore

Hier hätte Edgar Allan Poe sitzen müssen. Wie hätte er geträumt, wie wären die bunten Sagen auf leichten Flügeln um seine Stirn geflogen. Und er hätte in ehernen Worten eine neue Alhambra gebaut, die die hausdicken Türme der Nasseriden um viele Jahrhunderte überdauern würde — — —

Hier hätten ihn vielleicht andere Wege zur Ekstase geführt; er hätte wohl nicht getrunken. Aber er war ja da drüben in Neu-England, seine arme Dichterseele stark eingepfercht zwischen realsten Prosawerten, indes zur selben Zeit Washington Irving, dies Musterbild englischer Sittlichkeit, im Mondscheinzauber der Alhambra träumen durfte! Und seine Alhambrasagen wurden weltberühmt; Tag um Tag sehe ich die Fremden die geheiligten Räume betreten: in der Hand den Baedeker, in der Rocktasche sein Buch. So, wie sie im Hause der Vettier oder in dem des Dionysos die „Letzten Tage von Pompei“ lesen. Sind die paar Schönheiten in diesen Büchern, die sich nicht wegleugnen lassen, Lord Lyttons trotz ihnen.

Poes glühende Sehnsucht kannte nichts von alledem. Um sich herauszuheben, um in sich eine Ekstase zu erwecken, die ihn forttrug aus all den Dutzendwerten, die ihn umgaben, blieb ihm nur ein Mittel. Von ganz geringen Anregungen abgesehen, die wohl kaum geeignet waren, zur Ekstase zu führen, hat dieser unglückliche Dichter nur einmal in seinem Leben von aussen her der Muse Kuss empfangen: durch sein schönes geliebtes Weib, Virginia Clemm. Mag der Moralist diesen Rausch einen heiligen, göttlichen nennen, mag er des Dichters andere Ekstasen, die aus Alkohol und hier und da aus Opium erwuchsen, als unheilig und teuflisch schelten: das

Qualvoll aber war für den Geweihten die göttliche Ekstase kaum minder als die teuflische! Eine Hölle sollte ihm sein, was andern ein Paradies war, eine heissgeliebte, eine selige Hölle, deren Flammen aber nicht weniger sengten. Denn Virginia, deren sterbenden Augen wir Morella und Ligeia, Berenice und Leonore verdanken, war dem Tode bestimmt, ehe sie noch dem Dichter die Hand reichte. Er wusste, dass die Schwindsucht das leuchtende Rot auf ihre Wangen log, wusste, dass aus diesen tiefen, feucht schimmernden Augen die unerbittliche Krankheit herausgrinste. Wenn er am Abend die geliebten Locken streichelte, fühlte er: „Noch so viele Tage wird sie leben“; und am andern Morgen: „Wieder einen Tag weniger“. Eine Sterbende war es, die seine Lippen küsste, eine Sterbende, deren schöner Kopf nächtens neben dem seinen ruhte. Wenn er aufwachte von dem Röcheln und Rasseln ihrer mühsam arbeitenden Lungen, schien ihm das weisse Linnen ein Leichentuch, Glück“ dieses unseligsten aller Dichter. O ja, Sensationen gab ihm die schöne todgeweihte Gattin, aber es waren Sensationen der Angst, des stummen verhaltenen Schmerzes, der Verzweiflung in lächelnder Larve: ein Paradies der Qualen. Lies seine schönsten Geschichten, die Virginia in seine Seele senkte: du wirst einen Hauch davon verspüren, in welch namenlosen Qualen sie geboren.

Ehe noch der letzte Faden zum Leben zerrissen und die stille Frau in die Gruft gesenkt war, schrieb Edgar Poe sein Meisterstück, den „Raben“. Und zu diesem Gedicht, das in der Weltliteratur nicht seinesgleichen hat, nahm er, — ich möchte es den englischen Heuchlern ins Gesicht schreien — die Ekstase wie aus dem „heiligen“ Rausche des um die Verlorene blutenden Herzens, so auch aus dem „gemeinen, lasterhaften“ Rausche der Weinflasche!

Jeder Irrenarzt, der sich mit Säuferwahnsinn lost Lenore“, hier verdankt. Und damit vergleiche man das freimütige, wunderbar klare Essay, das Poe über die Entstehung des Gedichtes schrieb. Jede Strophe, jede Zeile, jeden einzelnen Wortklang begründet er in verblüffend einfacher Logik, es ist fast, als ob er den binomischen Lehrsatz beweisen wollte! Freilich die Hauptsache, die Ekstase und ihre Entstehung aus einem heiligen und einem — ach, so unheiligen Rausche erwähnt er mit keinem Wort — schrieb er sein Essay doch für neuengländische Magazinleser, wie hätten die einen Dichter verstehen sollen, der von einer Ekstase sprach!? Das Handwerksmässige, das rein Technische, das, was die Kunst ausmacht, die auf das Können sich stützt, das ist nie von einem Dichter klarer und überzeugender dargelegt worden, als in diesem Essay: ein Lehrbuch der Dichtkunst an einem Meisterbeispiel! Freilich — — nie können, für den Künstler aber ist er die wertvollste Belehrung, die es gibt. — Mag er daraus ersehen, dass „der göttliche Rausch“ allein kein vollkommenes Kunstwerk schafft, dass die gemeine Arbeit, die verachtete Technik, das Überlegen und Feilen, das Wiegen und Tönen ebenso unentbehrlich sind.

— Nicht der gewaltige Gedanke des arabischen Baumeisters allein schuf die herrliche Alhambra: Maurer und Eseltreiber, Gärtner und Anstreicher, jeder trug sein Teilchen bei!

— Edgar Allan Poe war der erste Dichter, der mit solcher Offenheit von der Arbeit, von dem rein Handwerksmässigen sprach. Da, und auch wohl nur da, war er Amerikaner, da stand er, und das will mehr sagen, an der Schwelle modernen Denkens — — als erster. Ein glänzender Beweis für den Vollwert dieses Künstlers, der nur von der Technik spricht und mit keinem Worte hier die Intuition erwähnt, die der Dilettant immer im Munde führt. Vielleicht, wenn er für andere Leser in seinem Magazine geschrieben hätte,

Nie vor ihm hat ein anderer sein eigenes Kunstwerk so zergliedert, so bis auf die letzte Faser anatomisch zersetzt. Der göttliche Hauch, der die Bibel diktierte, spukt bis auf unsere Tage in dem Glauben der Masse herum, und die Herrn Künstler von Gottes Gnaden hüteten sich wohl, das Inspirationsfabelchen aufzuklären. Wenn der heilige Geist über sie kam — dann malten, dichteten, komponierten sie und setzten mehr oder weniger immakulate Geisteskindlein in die Welt. Das war so nett, so bequem, dass gewiss manche grosse Künstler selbst an die geheimnisvolle Weihe glauben mochten. „Trunken vom Gotte“, hiess der thrakische Sänger, auch wenn er so nüchtern war wie Sokrates. Dieser Gedanke, der sich in der dionysischen Urform fast mit unseren modernen Anschauungen von Rausch und Ekstase deckt, bekam in der spätern apollinischen Auffassung — — die „göttliche Salbung“, die die christliche Weltanschauung, wie so vieles, das klares Denken da ihren Ursprung.

Es gehörte Mut dazu, diesen leuchtenden Nebel zu zerschlagen; wenige, gar wenige Gedichte der Weltliteratur vertragen eine solche unerbittliche Zersetzung. Aber weil Poe in seinem „Raben“ ein Kunstwerk geschaffen, so rein, so vollendet, konnte er den Schritt wagen. Das Kleinliche, das Lächerliche und Absurde, das alles Erhabene sonst in den Staub reisst, vermag nichts dieser Vollkommenheit gegenüber.

— Mein Blick fällt auf die Wandbekleidung des Saales. Im Stile Mudejar verschlingen und lösen sich die Arabesken und kufischen Sprüche, das Auge mag sich nicht satt sehen an all diesen phantastischen Harmonien. Nun, das arabische Wunderwerk besteht aus Gips, gemeinem Gips — — wie lächerlich, wie kleinlich, wie absurd! Aber obschon es aus erbärmlichem Gips besteht, verliert dieses vollkommene die Kunst triumphiert über die Natur, und diese Kunst ist so gross, dass ihr meine Erkenntnis des lächerlichen Stoffes nichts anhaben mag!

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DER RABE Zeichnung von C. F. Tilney

Poe brauchte eben das uralte Lügenmäntelchen nicht mehr. Er sah, dass es fadenscheinig und zerrissen war, und warf es kühn zur Seite. In den paar Worten, mit denen er in „Heureka“ den Begriff der Intuition definierte, als „eine Wahrheitserkenntnis, die sich auf Induktionen und Deduktionen gründet, die so schattenhaft sind, dass sie sich unserem Bewusstsein entziehen, sich vom Verstande nicht fassen lassen und der Ausdrucks­fähigkeit der Sprache spotten“, — liegt eine klarere Erkenntnis der Wege des künstlerischen Schaffens, als einer seiner Zeitgenossen sie hatte. Indem der Dichterphilosoph also der sogenannten „Intuition“ der Philosophie gegenüber — speziell Aristoteles und Bacon gegenüber, mit denen er sich auseinandersetzt — eine Stelle einräumt, die ihr diese abspricht, bestimmt er zugleich ihren Wert und zwar in engbegrenzten, untheologischen, durchaus modernen Sinne. Das ist das Grosse an diesem ersten Menschen mit modernem Geiste, dass er, der Romantiker, der Träumer, doch ein Anbeter des Verstandes war, der nie den Boden der Erde unter den Füssen verlor!

***

Edgar Allan Poe bekannte also — als Erster — offen die Technik des Denkens, nahm Zolas „Genie ist Fleiss“ um Jahrzehnte vorweg. Und dieser selbe Edgar Allan Poe schrieb in seinem Vorwort zu „Heureka“:

„Denen, die mich lieben und die ich liebe; den Träumern und denen, die an Träume glauben, als an das einzig Wirkliche — widme ich dies Buch der Wahrheiten, nicht um Wahrheiten zu erzählen, sondern um der Schönheit willen, die in der Wahrheit sich birgt, die allein die Wahrheit wahr macht. Ihnen weihe ich diese Arbeit, nur als ein Werk der Kunst, einen Roman, wenn ihr wollt; oder auch, ist wahr, deshalb kann es nicht sterben: und wenn es irgendwie vergehen sollte, so wird es wieder auferstehen zu ewigem Leben.“

So stellt Poe, völlig unabhängig von Th. Gautier, sein L’art pour l’art-Prinzip auf. Grösser als Gautier, der die Schönheit nur mit dem Auge des Malers sah, stellt er seine Forderung, und auch tiefer als Gautier, dem die äussere Form allein die Schönheit offenbarte. Die Schönheit erst macht ihm die Wahrheit — zur Wahrheit, deren Daseinsberechtigung er ohne die Schönheit verneint: das ist die höchste Anforderung an die Kunst, die je gestellt wurde. Und da diese Forderung sich nur in Sehnsüchten erfüllen kann, sind ihm die Träume das einzig Wirkliche, spricht er dem wachen Leben jeden Realitätswert ab. Auch hier ist Poe — der Romantiker — ein Pfadfinder, auch hier offenbart er als Erster das, was wir „modernen Geist“ nennen. Hat er das von Zola gemünzte Prinzip des technischen Schaffens vorweg genommen, hat er weiter der Parnassier Kunstprinzip unabhängig

Die Befruchtung der Literatur der Kulturvölker durch Poes Geist wird erst in diesem Jahrhundert volle Blüten treiben: das vergangene sah ihm nur ein paar lächerliche Äusserlichkeiten ab, ein Räuspern und Spucken, das freilich den glücklichen Abguckern, den Jules Verne und Conan Doyle ein Vermögen eintrug. Ganz gewiss hat der darbende Poe diese Sachen nur für das tägliche Brot geschrieben: die See- und Mondreisen Gordon Pyms und Hans Pfaals usw., sowie einige der Kriminal-Novellen (wie z. B. der „Mord in der Rue de Morgue“, der „Entwendete Brief“, der „Goldkäfer“) sind durchaus nur aus dem Bedürfnis heraus entstanden, warm zu Mittag speisen zu können. Denn Poe wusste, was hungern heisst! So schrieb er diese Sachen, wie er auch Übersetzungen anfertigte und an allen möglichen wissenschaftlichen Werken über dem Erzähler — das will er! Poe aber nimmt ihn beim Schopfe, reisst ihn in Abgründe und schleudert ihn in Höllen, dass dem armen Tropf Hören und Sehen vergeht, dass er nicht wollte, steckte er sein Ziel viel zu hoch; sprach zu Bürgerköpfchen und glaubte zu seinesgleichen zu reden! Um sein Hirn zu Markte zu tragen, lief er von Verleger zu Verleger herum — — zu Leuten, die Stroh kaufen wollten!

***

Aber eine Zeit, die kommt, wird reif sein für des Dichters Gaben. Schon erkennen wir klar den Weg, der von Jean Paul und Th. A. Hoffmann zu Baudelaire und Edgar Allan Poe führt, diesen einzigen Weg, den eine Kunst der Kultur gehen kann, schon haben wir manche Ansätze — —

Diese Kunst wird nicht mehr in engem nationalen Kleide stecken. Sie wird sich bewusst sein, wie sich Edgar Allan Poe als Erster bewusst war, dass sie nicht für „ihr Volk“ da sein Volk“ geschaffen, und doch haben es fast alle gewollt und geglaubt. Der grossen Masse in Spanien ist Velazquez und Cervantes genau so völlig unbekannt, wie dem englischen Arbeiter Shakespeare und Byron, wie dem französischen Rabelais und Molière, wie dem holländischen Rembrandt und Rubens sind. Das deutsche Volk hat nicht die geringste Ahnung von Goethe und Schiller, es kennt die Bürger und Heine nicht einmal dem Namen nach. Die kleinen Rundfragen bei den Soldaten einzelner Regimenter: „Wer war Bismarck? — Wer war Goethe?“ sollten doch dem vertrauensseligsten Blinden endlich die Augen öffnen. Ganze Welten trennen den Kulturmenschen in Deutschland von seinen Landsleuten, die er täglich auf der Strasse sieht: ein Nichts aber, eine Wasserrinne nur, trennt ihn von dem Kulturmenschen in Amerika.

Heine fühlte das und warf es den Frankfurtern ins Gesicht, Edgar Allan Poe sprach Über dem Deutschen, über dem Briten und Franzosen steht eine höhere Nation: die Kulturnation; für sie zu schaffen, ist des Künstlers allein würdig. Hier war Poe bodenständig, so wie es Goethe war, wenn auch in anderm, ebenso bewusstem, aber längst nicht so modernem Sinne.

***

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DIE WASSERGRUBE UND DAS PENDEL Zeichnung von C. F. Tilney

Ganz langsam schreite ich im Parke der Alhambra unter den alten Ulmen, die Wellington pflanzte. Zu allen Seiten plätschern die raschen Quellen, mischen ihren Singsang mit den süssen Liedern von hundert Nachtigallen. Zwischen den hohen Türmen schreite ich in dem üppigen Tale der Alhambra.

Schönheit zur Wahrheit zu machen. Alles um mich herum und all das andere, was schön ist auf dieser Erde, ist ein heiliges, unverletzliches Eigentum der Kulturnation, die über den Völkern steht. Sie ist Herrscherin, sie ist Besitzerin: einen andern Herrn duldet die Schönheit nicht. Das begreifen heisst die Welt ergreifen: Edgar Allan Poe tat es als Erster.

Ich sitze auf der Steinbank, auf der Aboul-Haddjâdj einst träumte. Vor mir springt ein Quell in die Höhe, fällt in das runde Marmorbecken. Ich weiss wohl, warum der Sultan hier sass, allein in den Dämmerstunden: o, es ist so süss, hier zu träumen.

War einst ein Dichter, der schrieb nichts alle die, die an Träume glauben, als an das einzig Wirkliche.

Bin ich nicht heute mit ihm, den ich liebe, dort oben durch die Säle gewandert? Habe ich nicht dem Toten ein Teil von der Welten Schönheit gezeigt, die des Lebenden Augen nie sahen? Nun steht er da vor mir, an die Ulme gelehnt — —

„Frage nur,“ sagt er.

Er fühlt wohl, wie ich mit den Augen ihn liebkosend frage. Und er spricht. Bald tropfen die Worte klar von den Lippen, bald plätschert seine Stimme aus dem Springbrunn, sie singt aus den Kehlen der Nachtigallen und rauscht mit den Blättern der alten Ulmen. So klug sind die Toten.

Ich lass den Blick nicht von ihm: „Erzähle! Denen, die dich lieben, und die du liebst!“

„Das Leben vergass ich, das ich lebte,“ sagte er, „o nicht erst, seit ich tot bin, wie die Menschlein sagen. Jeden Tag vergass ich am nächsten Tage — — hätte ich sonst weiter leben können? — Mein wahres Leben aber, mein Leben in meinen Träumen, das kennst du ja!“

— — Vom Boden her huscht ein leichter Nebel durch den Abend, eine süsse Kühle fächelt meine Schläfen. Freilich: das Leben seiner Träume kenn ich wohl, schenkte er es doch mir und der Welt. Und langsam lass ich dies Leben in seinen Dichtungen vor mir vorübergleiten.

— — William Wilson. Natürlich ist es Poe. andern Wilson: sich selbst. Und er, dessen ererbter leichter Sinn ihn als Knaben, Jüngling und Mann immer wieder zum Lumpen werden lässt, wird sein Gewissen nicht los: den andern Wilson, sich selbst. Trotz des Gewissens stösst ihn sein Hang zum Verbrechen in der Welt herum, und immer von neuem ist er selbst sein strafender Richter.2

So ist des Dichters Kindheit, so sein Jünglingsalter vergiftet. Das ererbte und durch die Erziehung noch mehr entwickelte Gefühl für gut und böse ist so überstark in ihm, dass er aus dem ewigen Hin und Her nicht herauskommt, schier an ihm zugrunde geht. Jedes kleine Unrecht, das er begangen, wächst in seinen Träumen zum ungeheuerlichen Verbrechen selbst der Held all seiner grausigen Geschichten. Die Sünden der Väter rächen sich an dem letzten Spross des Geschlechtes; wie sein Friedrich von Metzengerstein reitet er auf dem dämonischen Ross in alle Flammen der Hölle.

***

— — Wie doch die Ulmenblätter rauschen! Und ich höre des Unseligen Stimme aus den Winden:

„Wenn ich kein Dichter gewesen wäre, wäre ich wohl ein Mörder geworden. Ein Betrüger, ein Dieb, ein Räuber und Falschspieler.“

Die Blätter der Ulmen klingen, und wieder rauscht seine Stimme:

„Und vielleicht wäre ich glücklicher gewesen.“

***

die er nie begangen? Denn Edgar Allan Poe ist in seinen Träumen, die ihm allein das wahre Leben waren, nicht nur der Mörder, er ist auch zugleich das Opfer. Er mauert seinen Feind lebendig in den Keller ein — und er ist es selbst, der eingemauert wird. („Ein Fass Amontillado.“) Er mordet, weil er muss, den Mann mit dem Geierauge, er verscharrt ihn unter den Dielen, und das Herz, das darunter klopft und klopft und die Tat verrät, ist wieder sein eigenes. („Das verräterische Herz.“) Der doppelte William Wilson: überall.

Selten hat ein Künstler so wenig über dem gestanden, was er schuf, nie hat einer so sehr in seinen Werken gelebt. Ein Deutscher, ein Franzose hätte sich leichter von dem unseligen Moralbegriff emanzipiert; dem Dichter aber lastete durch Abstammung und Erziehung eine erdrückende Religiosität auf der Seele, von der er sich nie ganz befreien konnte. Spät erst gelang es ihm, sich etwas zu distancieren:

O ja, wäre er ein Verbrecher der Tat, nicht des Gedankens gewesen, hätte er am Galgen sein Dasein beschlossen, statt im Armenkrankenhaus, sein Leben wäre elend und jammervoll gewesen — — doch nicht so schrecklich, als es war.

Aber Tempel erstanden aus den Schädelstätten, Lilienfelder auf blutgedüngten Wiesen. Und wir Glücklichen geniessen die herrlichen Blumen, die aus des Dichters vergiftetem Herzblut erwuchsen.

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Die Quellbächlein plätschern durch den Park der Alhambra. Kleine muntere Bächlein, die plaudern und schwatzen. In den schmalen

Dann träumte er irgendeinen lustigen Traum. Etwa von dem Manne mit der wunderbar grossen Nase, die alle Welt in Begeisterung setzte, die Maler malten und Herzoginnen küssten. Diese köstliche kleine Geschichte, die in der bizarren Art ihrer Anlage Mark Twain vorweggenommen ist. Nur dass bei Poe die grotesken Übertreibungen viel feiner, viel natürlicher herauskommen, dass sich nirgends ein Wortwitz vordrängend breit macht.

Oder er macht sich über die breiten Bettelsuppen lustig, die die Wochenblätter ihren gutmütigen Lesern auftischen, gibt der Miss Zenobia Unterricht, wie sie einen tüchtigen Blackwoodartikel abzufassen hat, lässt den ehrenwerten Herrn Thingum Bob von der „Weltlaterne“ höchst ergötzlich über seine literarische Laufbahn plaudern. — So leicht, so liebenswürdig und einschmeichelnd ist des Dichters Witz! Wie die Bächlein, die munter

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Aber wie die Nachtigallen schluchzen seine Träume der Sehnsucht. Und aus der Seele einer Nachtigall scheint die Stimme gemacht, die sie sang. So rein, so ohne Makel; die heilige Cäcilia möchte aus Neid ihre Geige zerbrechen und Apoll seine Leier zerschlagen. War dem Dichter in seinen Verbrecherträumen keine Hölle tief genug, so war ihm in diesen heiligen Gesängen kein Himmel zu hoch.

Nirgends finden wir bei Poe nur einen Satz, einen leisen Gedanken, der sich auf sexuelle Liebe bezöge. Die Erotik ist ihm so völlig fremd,3 wie keinem andern Dichter, den einen Nur dass er den Menschen nicht lieben kann, weil er immer und überall die kleinen Seiten sieht, die ihn abstossen, die die zur Liebkosung ausgestreckte Hand festbannen, das schmeichelnde Wort auf der Zunge ersterben lassen. Da wendet sich die Sucht Gutes zu tun, Liebes zu erweisen, dem Tiere zu, streichelt den Hund, füttert die verhungerte Katze und ist dankbar für einen treuen Blick, für ein zufriedenes Schnurren. Wie bewusst Quelle seiner Freuden bezeichnet. War es die reichste Freudenquelle eines armen Lebens, so war es auch gewiss die reinste, denn die hohe Liebe zu der sterbenden Gattin gab ihm Freuden nur mit grässlichen Qualen vermischt.

Der Edgar Allan Poe, der Roderich Usher ist, hatte wie der Engel Israfel des Korans statt des Herzens eine Laute in der Brust. Wenn er die schöne Geliebte anblickte, schluchzte sein Herz, und die Laute sang. Sang die hohen Lieder der Sehnsucht, deren Titel schon mit so süssen Tönen ins Ohr klingen, Eleonora und Ligeia. Dieselbe innere Musik, die den „Raben“ durchflutet und „Ulalume“, und die vielleicht das Höchste der Kunst ist, rauscht durch diese Poesie in Prosa. Und das Wort, das der Dichter seinem Weltensang „Heureka“ zum Geleite gab, gilt auch für diese Klänge: „They cannot die: or if by any means they be now trodden down, so that they die, they will rise again to the life eternal.“

Ja, sie haben Ewigkeitwert, sie werden die kurze Spanne Zeit leben, die wir Menschlein Ewigkeit nennen: das aber ist das Höchste, was je ein Mensch erreichen kann, auch in alle Zukunft hinaus.

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sie tut es. Poe ist heute kein Problem mehr, er ist eine Erscheinung, die lichtklar vor allen denen liegt, die sehen können. Das Bewusste seiner Rauschkunst, das Hervorheben der Bedeutung der Technik, das klare Erkennen des parnassischen Kunstprinzips in weitester Auffassung, die starke bis zur äussersten Grenze gehende Hervorkehrung der hohen Bedeutung der innern Musik für alle Poesie — — das alles sind Momente, die einzeln von manchen andern betont sind, in ihrer Gesamtheit und durchdringenden Verbindung aber von keinem Künstler so erkannt in ihrem Aggregat das darstellen, was als die Forderung des modernen Geistes für die Kulturkunst bezeichnet werden kann, so ist das eingehende Studium wohl keines Dichters für den Künstler und gebildeten Laien so dankbar, wie das Edgar Allan Poes. Dass man freilich solche Studien nicht an Übersetzungen machen kann, liegt auf der Hand: kennen lernen und geniessen mag man den Dichter in Übersetzungen, zu einem Eindringen in sein innerstes Wesen ist die Urform notwendig. Das mag von allen Dichtern gelten, von keinem aber mehr als von Poe.

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seiner Seele Lieder singen die kleinen Vögel. Da lauschen die Bäche und Bäume, da lauschen die roten Quadersteine, da lauschen die purpurglühenden Kuppen der Schneeberge. Und

Die Dämmerung atmet durch die Ulmen, und leichte Nebelschatten heben sich aus den Lorbeerbüschen, steigen hinab aus dem maurischen Geisterschloss. Wie ein langer Zug schreiten sie vorbei, setzen sich ringsum auf die Marmorbänke. Ich weiss wohl, wer sie sind: Granadas Dichter, Juden und Araber. Ganz nahe bei mir sitzt Gabirol, dann Ibn al-Khabib und Ibn Esra. Und Jehudah ben Halevy und Mohammed Ibn Khaldoûn und Ibn Batoûta, hundert tote Dichter lauschen schweigend dem Sange der Nachtigallen. Sie wissen alle, was heute die grauen Vöglein singen — so klug sind die Toten. Sie hören das Herz des Engels Israfel, von dem der Koran erzählt, und preisen dankend den Gott, der solche Töne erweckte. — Oualâ ghâliba ill’ Allâhta ‘alâ — murmeln die Nebelschatten der Alhambra.

Poes Seele singt, und hundert tote Dichter lauschen den Klängen. Und von ihren Lippen lösen sich immer wieder die uralten Worte: — Oualâ ghâliba ill’ Allâhta ‘alâ. — — So dankbar sind die Toten.

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Und tiefer sinkt die Nacht herein. Die Nachtigallen schweigen, und der Ostwind hebt sich von der Sierra her. Da weichen die Nebelschatten; wieder bin ich allein in der Alhambra verzauberten Parke, allein mit eines grossen Dichters Seele. Und wie der Wind durch die Blätter fährt, rauschen die alten Ulmen

’The skies they were ashen and sober; The leaves they were crispèd and sere — The leaves they were withering and sere; It was night in the lonesome October Of my most immemorial year. It was hard by the dim lake of Auber In the misty mid region of Weir — It was down by the dank tarn of Auber In the ghoul — haunted Woodland of Weir. Here once, through an Alley Titantic Of Cypress, I roamed with my Soul — — — — — —‘

Ich weiss wohl, dass ich es bin, der die Verse spricht. Aber ich fühle, dass meine Lippen nichts anderes sagen, als das, was die Ulmen da rauschen. Ich fühle: das ist das trübe Oktoberlied der heulenden Winde, das eines Dichters überirdische Sehnsucht in sich aufsog und in Menschenworte bannte. Das ist das Einatmen eines innersten Sinnes der Natur, ist ein Aufgehen des eigenen Wesens Einheit als Quelle aller Dinge“.

Mein Mund spricht die geheimnisvollen Worte, die meinem Ohre der Wind zuträgt. Ich fürchte mich in dieser düstern Einsamkeit, in der eine märchenferne Zeit lebt; ich will hinaus aus dem Tale der Alhambra. Da verirrt sich mein Fuss, tappt im Dunkel und verfehlt den Weg. Und wie ich eine Allee gewaltiger Zypressen zu Ende schreite, stosse ich hart an ein niederes Tor. O, die Angst lehrt im Dunkeln sehn — — ich weiss, ich weiss, wessen Grab das ist. Und gegen meinen Willen sprechen meine Lippen zu meiner Seele:

— — — „What is written, sweet Sister, On the door of this legended tomb?“ She replied: — „Ulalume — Ulalume — ’Tis the vault of thy lost Ulalume!“’

Immer steigert sich meine Furcht. Des toten Dichters Seele, die durch der Ulmen Blätter rauschte, in der Nachtigallen Sang erklang, auch von mir Besitz. Von mir: einem winzigen Stäubchen der Natur, die sie durchdringt. Ich weiss, dass dieser Gedanke mich vernichtet, dem ich nicht entfliehen kann. Doch wehre ich ihm nicht, — — und seltsam! ich werde ruhig, so ruhig, wie ich ganz von ihm erfüllt bin.

Leise schwindet die kleine Menschenangst.

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Nun finde ich auch meinen Weg wieder. Ich schreite durch die Pforte der Reben auf den Platz der Aljibes zu. Ich gehe in die Alcazaba, steige den Ghafar hinauf, den mächtigen Wachtturm der maurischen Fürsten. Ein leuchtender Halbmond glänzt nun zwischen ziehenden Wolken, das alte Wahrzeichen arabischer Grösse, das kein Christengott vom Himmel wegwischen kann. Ich blicke tief hinunter auf das kirchenfrohe Granada, lärmend und schwärmend im nächtlichen Strassentreiben. Das läuft in Kaffeehäuser, das liest kein Mensch hebt den Blick, kein Mensch schaut hinauf auf die einzige Pracht hier oben!

Rechts von mir braust der Darro daher, hinten höre ich des Genil Rauschen. Helle Feuerscheine dringen aus den Erdhöhlen des Zigeunerberges, und zur andern Seite strahlen silbern im Mondlichte die Schneehäupter der Sierra. Zwischen dem Wachtturme, auf dem ich stehe, und den Purpurtürmen des Mohrenberges zieht sich tief im Tal der dunkle Park hin, hinter mir liegt, Saal an Saal, Hof an Hof, der Alhambra Zauberschloss.

Dort unten lärmt das kleine Leben des Jahrhunderts, hier oben ist der Träume Land. Und das da unten — — wie fern, wie unendlich weit ist das von mir. Und das hier oben — — ist nicht jeder Stein ein Stück meiner Seele? Bin ich, allein in dieser Welt der Geister, die das blinde Leben unten nicht sieht, bin ich nicht zur Wahrheit: hier blüht das Leben, und die Wirklichkeit da unten wird zum Schattenspiele.

Die Tat ist nichts — der Gedanke ist alles. Die Wirklichkeit ist hässlich, und dem Hässlichen fehlt die Berechtigung des Daseins. Die Träume aber sind schön, und sind wahr, weil sie schön sind.

Und darum glaube ich an die Träume, als an das einzig Wirkliche.

WIE SAH EDGAR ALLAN POE AUS?
WIE SAH EDGAR ALLAN POE AUS?

Es gibt Männer, von denen ein seltsamer Zauber ausgeht. Sie ziehen in ihren Bann, willenlos: man muss an ihre Persönlichkeit glauben. Und dann ist da ein Etwas, das zurückstösst; man weiss nicht, was es ist — — aber es ist da. Sie sind gezeichnet: mit dem Kennzeichen der Kunst. So war Oscar Wilde, so war Edgar Allan Poe.

Seine Gestalt war hoch, sein Gang leicht und seine Haltung stets harmonisch. Immer vornehm, trotz seiner Armut; von einer romantisch ritterlichen Art. Seine stolzen Züge waren regelmässig, ja, sie waren schön; die reinen Augen dunkelgrau mit einem seltsam violetten Glanze. Die selbstbewusste Stirn hoch und von wunderbarem Ebenmass. Bleich war stets seine Gesichtsfarbe und schwarz die Locken, die sie beschatteten. Schön war Edgar Allan Poe, an Leib und an Seele. Wie Musik klang seine leise Stimme — —

Geschmeidig war er und kräftig, zu jeder Leibesübung geschickt. Ein ausdauernder

Er war ein Gentleman vom Scheitel zur Sohle. Seine gesellschaftlichen Formen waren kühl und doch bestrickend liebenswürdig. Er war weich und zart und doch ernst und fest. Er war ein Gelehrter, besass eine fast universale Bildung. Es war ein gleich grosser ästhetischer Genuss ihn zu sehen, wie ihm zuzuhören. Er war immer der Schenkende, und sein Fluch war, dass so wenige, wenige all derer, an die er seine reichen Gaben zerstreute, sie zu würdigen verstanden. Ein paar schöne Frauen — — verstanden ihn? — nein, aber sie ahnten den Adel seiner Seele; instinktiv, wie es immer die Frauen tun. — Drei Menschen, die zu seiner Zeit lebten, vermochten ihn ganz zu erfassen: Baudelaire und die beiden Browning. Aber sie lebten drüben im alten Europa, und er sah sie nie —

Edgar A. Poe
Edgar A. Poe

(Nach einer Radierung von Harry G. Webb)

Und wie er schön war und über alles die Schönheit liebte, so musste auch alles das schön sein, was ihn umgab. Grandiose Schönheiten schuf er in seinen Träumen, die ihm ja Wirklichkeit waren; da hauste er in Landors köstlichem Landhaus oder auf dem herrlichen Gute zu Arnheim. Aber auch in dem armen bescheidenen Leben, das die Pfennige zählt, wusste er um sich herum ein Sein zu schaffen, das die Bewunderung Reichster erregte. Seine kleine Hütte zu Fordham, in der er an der Seite der schönen todgeweihten Gattin ein Paradies der Qualen durchlebte, durchflutete eine köstliche Harmonie, die jeden Besucher entzückte. Krempel und Gerümpel stand da herum — — aber wie es herum stand, war es reizvoll und schön. Es war eine erbärmliche Hütte auf der Spitze eines kleinen Hügels, aber blühende Kirschbäume standen auf der grünen Wiese, kleine Singvögel lockten frühmorgens den Dichter hinaus in die nahen Fichtenwälder. Dann schritt er durch seine bunten Georginenbüsche, atmete den süssen

Nun ruht er — — irgendwo. Am Tage nach seinem Tode begrub man ihn, auf dem Westminsterchurchfriedhofe zu Baltimore. Wie einen Landstreicher las man den sterbenden Dichter von der Strasse auf, wie einen Hund verscharrte man ihn am andern Tage. Sein Grab soll nahe bei dem seines Grossvaters liegen, des Generals David Poe, der in dem Befreiungskampfe der Union sich einen Namen machte. Da ungefähr soll es sein; man weiss es nicht so genau. Kein Kreuz, kein Grabstein erhebt sich an der Stelle; kein Mensch bekümmert sich darum. Seine Landsleute haben andere Sorgen: was geht die ein toter Dichter an! — So eine Woche noch beschäftigten sie sich mit dem elend Verschiedenen

Ob sie es heute sind?

Aber nach hundert Jahren werden sie die morschen Knochen zusammensuchen, werden ihnen einen mächtigen Denkstein errichten und darauf schreiben:

„Die Vereinigten Staaten ihrem grossen Dichter.“

Mögen sie die Knochen behalten, die da drüben! Wir aber wollen des Dichters Seele lauschen, die in den Nachtigallenkehlen der Alhambra lebt.

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Notes in this chapter

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