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Drei Gaugöttinnen

II. Verena mit dem Kamme,

Reading edition

die Kindsmutter.

Erster Abschnitt.

Verena, eine Gauheilige.

Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und Altäre in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches Gedicht von sand Verene.

Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung frühzeitig der Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang mit der frühesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwärts weiter ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen römischen Legion, welche dorten zum Christenthume übergetreten, dann nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt, schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier, unermüdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die ältesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn; Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zürich u.s.w. Die mit dieser Soldatengeschichte ganz äusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet, entkleidet ihrer märchenhaften Zuthaten, ungefähr Folgendes.

Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts, begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Gräber zu besuchen, über die Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre verbreitend, wurde sie vom römischen Statthalter in den Kerker geworfen, jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von lebensgefährlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthätiger Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz; begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat, dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des Ortes in einem Siechenhause sich selbst überlassnen Aussätzigen; ihnen überbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdächtigt sie der Veruntreuung im Haushalte. Während sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben will, tritt ihr argwöhnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krüglein, das sie trägt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Für den Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstätte ward erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit naiver Zweifellosigkeit angesetzt.

Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage über die geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen, denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeräumt worden war, sich der dortigen Römerchristen durch militärische Massen-Niedermetzelungen zu entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende mit dem hebräischen und dem antiken Sagenkreise begann der romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in römisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen denjenigen Städten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst das politische und dann das kirchliche Römerthum das herrschende gewesen war. Daher finden sich die Altäre, Reliquien und Historien der Thebäer schon von Alters her vor in Bonn, Köln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg, Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine solche Legionenstadt der Römer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der Klerus dieser Städte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebäern entweder anhebend oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darüber sind Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch. Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprünglich nicht zu den Thebäern gehörte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen wäre, denn was hätte die phantastische Kühnheit dieser gelehrten Mönche nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige nur allmählich kirchliche Anerkennung fand und in den übrigen Kirchensprengeln unbekannt, ja förmlich ausgeschlossen blieb. Die ritterlichen Thebäer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende örtliche Missverhältnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in Wallis) geschehene Enthauptung der Thebäer gegründet; allein er lässt am 1. Sept., als dem kirchlichen Gedächtnisstage, Verenas, nicht diese feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoräste bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhältniss findet auch in der Diöcese Solothurn statt. Die beiden Thebäer Ursus und Victor sind Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen, Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar trägt die dortige am linken Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit einer gewölbten, von einem Eremiten gehüteten Kapelle versehen, einst der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches für die Zurzacher Stiftsherren ursprünglich das massgebende war, enthält Verenas Namen und Gedächtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des Minoriten Paulus Schwenger Römischem Martyrologium erhellt, verbessert von Pabst Benedictus XIV. Cöln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus überhaupt erst spät in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit der dorten einheimischen Thebäerlegende ursprünglich gleichfalls nicht verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehört dem Konstanzer Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken. Das Konstanzer bischöflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lässt die Heilige nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich anfänglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele.

Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das Konstanzer Bisthum, das herkömmlicher Annahme zu Folge nach gänzlicher Zerstörung Vindonissas, des ursprünglichen Bischofsitzes, um das Jahr 600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung über einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen für den Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthümer. Vom Gotthard reichte es über den Neckar bei Marbach und zum Kloster Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Süd, zwanzig von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation zählte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Klöster, 17,000 Priester und Mönche; nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt. Diejenigen von letzteren, die für unsre lokale Frage belangreich, weil im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak. Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zürichgau, Aargau diesseits der Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und aufwärts über die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der nördliche Theil des Kant. St. Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach; ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur gehörend. Dazu zählte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Würtemberg, die beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algäu, der untere Theil des österreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und Gotteshäusern. Dasselbe zählte in seinem schweizerischen Territorium noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nüscheler, Gotteshäuser der Schweiz, führt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in denen die Heilige entweder Patronin war oder Altäre besass. Im Bisthum Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum: zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gächlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu thurgauisch Ermatingen (52), zu Mülheim (55), Märstätten (57), Langrickenbach (77), Wärtbühl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182), Wil (185), Matzingen (212), diese sämmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127), Ellikon und Stäfa im Kt. Zürich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug 1869, S. 69). Von den übrigen im Aargau, in den Kantonen und den deutschen Nachbarländern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen, Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des Rheines gewesen, und daher hätten zu ihren entfernt wohnenden Kirchgängern selbst die Erdmännchen von Dangstetten im Schwarzwalde gehört.

Uebergehend auf die Gründung und frühesten Schicksale der Zurzacher Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die ältesten Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbrünsten und Verwüstungen verloren gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt (Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise frühzeitig an das benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. 881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben würde; und dieses geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist längst nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht werden können. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein grosse Zeitlücke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Plünderung dergestalt, dass es von den Mönchen verlassen wurde; des vorgenannten Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeändert haben, und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat 1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden Chorherrnstift, Münsterkirche und Klostergebäude abermals in Asche gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so dürftig fliessenden und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der ältesten Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurückgeht, einige werthvolle Ergänzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzählungen führt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Münsterkirche, damit aber auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre Untersuchung hernach überzugehen hat.

An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altrömische Stadt gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlässigkeit das Ewige Licht ausgehen oder versäumte an den vorgeschriebnen Tagen sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer erfüllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfüllten die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Wächter darüber verwundert dem Orte zueilten, fühlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des gleichen Weges strahlende Männer, im feierlichen Schritte Lieder singend, nachrückten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten Sarg begleiteten. Plötzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die Luft, schwebte über das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschädigung gezeigt hätte. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem weltlichen Besitze und übergab sie der Ortskirche unter dem Namen Wîhegaȥȥa, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst täglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten.

Diese kurze Erzählung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas Reliquien von ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Mauritiuskapelle am Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur Stiftskirche erhoben wurde, und gewährt eben damit volle Sicherheit über den ältesten Ruheort der Heiligen, nemlich über die zehn Minuten vom Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser Schluss wird unterstützt von dem Passionale der Würzburger Cartusia, das bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und 1583 gedruckt worden ist; in diesem heisst es: "In der Nähe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am Ufer des Rheines mit vielen Aussätzigen und Armen." Die vorhin genannte Weihegasse eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte führt, da hinaus trägt Verena den Aussätzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst hier eine nördlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Häusergruppe, lauter Ruinentrümmer der Vorburg und des Brückenkopfes der römischen Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller in den Zürch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am Rheinufer stehen noch fünfzehn Eichenpfähle von der römischen Jochbrücke, etliche davon sind beim günstigen Wasserstand des Jahres 1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Mühe, denn sie staken mit ihren eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmörtel. Innerhalb des römischen Kastellgrabens liegt der Hügel Kirchlibuck mit seiner kleinen Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft, zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das österliche Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die Prozession der Stiftsherren und der religiösen Sodalitäten; derjenige Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trägt zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum wieder in die Stiftskirche zurück.

Die urkundlichen Nachrichten über specielle, in Zurzach kirchlich verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knüpfen sich hier an den Namen der Königin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des Ungarnkönigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin seit 1294 in ihren Brandtrümmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der Königin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000 Jungfrauen; die Fürstin fügt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Königsfelden 1357: ein geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und 133. Bei dem höchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensärglein" in Nothfällen aus der Kirche zu nehmen und in Privathäuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wörtlich mitgetheilt steht; es ergiebt für unsere Zwecke: In der runden vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag (Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt wurde. Den Hergang schildert Heinr. Küssenberg, seit 1521 Kaplan im benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche, Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeräumt, in letzterer jedoch die Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, unversehrt gelassen. Nach Eröffnung der Verenagruft fand sich nichts anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stücklein von Verenas Krug und Holztrümmer von Verenas Todtenbaum". Ihre übrigen Reliquien lagen in der Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hölzernen Särglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Während man Sarg und Inhalt ins Feuer warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden überbracht. Von den vier Reliquienbehältern blieben unversehrt ein kleines vergoldetes Särglein, ein grosses und der Röhrknochen eines Armes; diese drei Stücke wurden nachmals den Chorherren wieder zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Röhrknochen wird seitdem für Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals flüchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh. Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so geflökt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung über die erlittene Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeräthe mindestens 5,152 Gld. betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstände schliesst mit der Betheuerung: "das hochwürdig Helthum St. Vrenen mag mit keim gut bezalt werden, dess wir beroubt sin worden." Huber l.c. 93. Unverwüstet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist vergült, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen Gürteli; Silber von St. Verena köpfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel besessen, welche in der vorhin erwähnten Lateinurkunde von 1347 doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, also eben dasselbe Bruchstück, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869 eine kleine "köstlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies könne man bei so vielerlei Heilthümern in specie nicht eigentlich wissen. Durch Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche übertragen, wobei jener Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131.

Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenöss. Bünde 3, 279) zuerst Erwähnung thut und also sich ausdrückt: ecclesia Sancte Verene in Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrüh eine Heilige genannt, während sie 1290, als ihr der Zürcher Scholasticus Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur eine selige Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch andern wunderthätigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring anvertraut. Diesen stiehlt ein Bösewicht, wirft, da der Priester darnach forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der Untreue. Da überbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich der Ring wieder findet. Diese vielen Völkern ohnedies gemeinsame Sage erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsätzlich ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit leichtsinnig verschleuderte Glück nur um so gehäufter zum Glückskinde zurückkehren müsse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage. Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch die Tücke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeinträchtigt; waffenlos steht das Aschenbrödel dem sie vernichtenden Gerüchte ausgesetzt. Damit trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld wird eine Zeit lang dem äussern Elende preisgegeben, um dadurch schliesslich in ein um so höheres Licht empor gerückt zu werden; schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende stärker als die arglistigste Bosheit.

Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem Heiligenkreis der fremdländischen Thebäer zugesellt worden. Ueber ihrem ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionären die Kapelle zur Aufburg, über ihrer späteren Gruft die der Maria geweihte Stiftskirche mit den Altären der Thebäer. Ihre Reliquien sogar werden mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit deren Reihe aufbewahrt und aufgezählt. Deutlich verräth sich dadurch die Bemühung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu stempeln, indem man sie mit dem männlichen und dem weiblichen Aufgebote hier der 6666 Thebäer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zäher als dieser legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stückweise streift Verena den ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es ursprünglich gewesen, eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsströme einsam fortwaltende Naturgöttin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden Abschnitten geltend.

Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v. F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem Berichte über die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es Prof. Franz Pfeiffer in Wien († 29. Mai 1868) für vorliegende Arbeit diplomatisch getreu copieren.

[106b] Von sand verene (roth) Verena diu edel meit, als, uns daȥ puch von ir ſeit. Die was —— —— und eȥ quam alſo, [106c] Do der cheiser maximian furt mauricium mit im dan Her gen deutschen landen, ſi begunde nach im belangen So ſer, daȥ ſi im fůr nach, wanne vil gerne ſi in ſach. Verena was ein christenin, und do ſi quam ze meilan in, Die geuangen christen die heimpt ſi an den vristen Vnd bechlagt mit in ir not, dar zue ſi in helfe pot Mit trinchen und mit eȥȥen. uerena, die vermeȥȥen, Si lie durch nieman daȥ durch vorhte noch durch haȥ, Swa die christen warn erſlagen und auch da ſi warn begraben, Die ſtaete sůcht ſi alle tage mit weinen vnd mit chlage. Mit reinem leben was ſi ſus pei einem, der hieȥ, maximus. Nu wart ir ſchir alda geseit, daȥ mauricij ſchar preit Durch got wer erſlagen, daȥ begunde die vrowe chlagen Vnd wolde nicht lengr da bestan, ſi fůr ubr die alben dan Vnd ze einem waȥȥer ſi quam, daȥ ist genant aram. Alda vant ſi einen man, der gevlohen was chomen dan Der ſagt ir die rechten maere, wie eȥ mauricio ergangen waer. Davon wolt ſi nicht furbaȥ, in einer chlauſe ſi da ſaȥ Mit chlage und mit leide. da warn inne reine meide, Der leben was alſo gestalt, ſi waer iunc oder alt, Daȥ ſi anders lebte nicht wan chraut, arbaiȥ und anders nicht, [106d] Des lebte ſi daȥ gantz iar; daȥ quam auch von ier werch dar Vnd des tages ein lutzel brot, daȥ man igleicher pot. Nu was dapei ein getwerch, daȥ verchauft den meiden ir werch Vnd chauft in da mit ettewaȥ, daȥ die ſamenunge gaȥ Anders lebten die vrowen nicht, gab man in aber immer icht, Des enpiȥȥen ſi nimmer und gabens durch got immer. Sus was geſtalt ir reines leben. got hat verene den geist gegeben, Daȥ man vber al daȥ lant ir leben vil rein erchant, Daȥ man ſei het fur heilic gar, daȥ auch ſi was furwar. Wan got durch ſei tet wunder mit zeihen besunder. Auȥſetzig behaft macht ſi slecht, plint, chrump macht ſi gerecht. Solcher dinge tet ſi vil mit got auff daȥ zil, Daȥ man sei dr meide muetr nant weiten uber al daȥ lant. Nu was in der gegent da ein richter ſam anderswa, Der het got gar verchorn. dem was der meide leben zorn, Vnd daȥ man ier ſo wol ſprach; mit zorn er daȥ an ier rach, Wan er die vrowen vie, dehein gut er ier nie geschehen lie. Doch quam zaller zeit zu ir ein liechter iungelinch fir[3], Der pot ier guten trost, ſi wurde ſchir da von erlost. Doch vragt ſi in, wer er wer? do ſprach er offenwaer, Er waer ir mag mauricius, und mit der rede alſus [107a] Quamen zu mauricio hin in alle die gesellen ſin Und grueȥten die vrowen ſchone, damit ſchieden ſi davon. Nu wart derſelbe richter vberladen mit ſichtum ſwer, Der gedacht rechte wider, er lief hin und viel nider Chlagunde für die reinen meit und ſeinen ſichtvm er ir chleit. Doch pat ſi got umb in, der richter gie geſunt hin Vnd mit groȥȥer gedult bat im vergeben ſein ſchulde. Daȥ was yſa getan, die magt wart do leidich lan Vnd gie zu iern ſwestern wider, da ſi got diente ſider. Nu quamen die swestr auch in not, daȥ ſi ninder heten prot Vnd groȥȥen hunger liten doch mit dultichleichen ſiten. Ier werches acht man nicht ein har, wan eȥ was ein hunger iar. Do verena die not erſach, zu got von himel ſi do ſprach: Wan du deiner geſchefte gist ier leibnar zu rechter frist, Jesu christ, du waiſt wol, weȥ dein gesinde leben ſchol. Do ſi daȥ vollen geſprach, vor der chlause man ligen ſach Viertzig ſekche mit mele vol. er gedacht ir not da wol, Wan daȥ prot wuchs in ier munde, daȥ ſi lange vñ manic ſtunde Heten da von ier leipnar, des lobt got die rein ſchar. Nu was verena, die genende, chumen an ier lebens ende, Vnd do ſi nu ſiech wart, ier andacht ſich nie verchart. [107b] Da ſi vercheren ſcholt daȥ leben und den geist widergeben, Do quam unser vrowe dar mit der hymelischen ſchar; Vnd do verena ſei erſach, zu gotes mueter ſi do ſprach: Waȥ gernde han ich, daȥ gotes mueter siechet mich? Do sprach unser vrowe zu ier: verena, volge mir, Da hin, da du immer mer vreude hast ane ſer. Mit der rede ſi verſchied, got ir ſele da beriet Der ewigen gnaden. die vrowe wart begraben In der chlause alda, die noch haiȥȥet zrzyaca,[4][Nachtrag 3] Da got wol ſcheinen lie, daȥ er ſei minte hie. Wand nieman wirt entwert, der rechter dinge an ſei gert. Nu derhoret got dehein pet ſo gern, ſo daȥ wir ſeiner hulden gern, Dem gibt er, der die ſůhet, vil gern, ſwer ir geruhet Mit hertzen und mit andacht. daȥ wir ze hulden in werden pracht, Des helf uns maria und ir dirne uerena. amen.

FUSSNOTEN:

[3]

fiér, stark und stolz.

[4]

zerzyaca: Zurzach.

Zweiter Abschnitt.

Verena, die Müllerpatronin.

Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen Kleinkindersteine; die Müllerpatronin als Ehegöttin, der in Stein verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke. Wirthschaftsregeln am Verenentage.

Alljährlich am Verenatage lassen die Müller im aargauer Surbthale die Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Denn Verena, deren Wahrzeichen: Kamm und Krüglein, an allen Mühlen und Banngemarkungen des Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstätte an den Strömen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Müller, Schiffer und Fischer. Hiefür sei ein Einzelzug vorangestellt aus der ältesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6, 457. Unter den Gütern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle Mühle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete, suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmälern und änderte den Lauf des Mühlebaches, indem er ihn auf seine Landstücke zog. Allein ohne fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte, schwoll der Bach plötzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg und trat dann wieder in sein ursprüngliches Bette zurück. Nun kam Jener eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er ihr so unklug hatte entfremden wollen.—Ebenso bändigt sie den Gläubigen zu lieb die verheerenden Ströme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Höhe, dass er alle Kornfluren überschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne den Fluthen zu nahen, die über die ganze Feldbreite hinstürzten. Doch in dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein altes Bette zurück, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren wieder schön aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug, hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und führte sie mit der andern wie durch ein Gewölbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer. Während die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier gebietenden heidnischen Präfekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu sehen ist und die Krallen des Bösen eingedrückt trägt. Eine friedlichere Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Mühlstein, der an der Solothurner Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau, und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe die Aare in den Rhein mündet. In der Gegend wütheten eben Seuchen, von den Ausdünstungen eines Leichenackers herrührend, den der Strom unterwühlt hatte; aber die Krankheit hörte auf, indem Verena Heilquellen aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft und beeilte sich, eine so wohlthätige Frau zu sich heim zu führen.[5] Auch ihren Mühlstein wollte man nicht zurücklassen. Man lud ihn auf einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein weiter zu schaffen; doch zurück nach Koblenz zogen ihn die Rosse mühelos, wo er nun neben der Thüre der Kapelle in der Einsenkung der Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmückt mit dem Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm übernatürliche Kraft bei. Auch ist das Gewölbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als 1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einäscherte; es hängt voll wächserner Füsse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst über dem Steine zu lesen stand:

Auf diesem Stein hier aus der Aaren Die heilig Verena ist gefahren Ohne Ruder, Schiff und Schalten, Wie solches geglaubt die frommen Alten.

Die Koblenzer sind seitdem bewährte Fischer und Fergen, die auf den Rath der Heiligen die Stüdlerzunft gründeten; erst vor einigen Jahren ist sie bei Aufhebung sämmtlicher Zünfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft der Laufenknechte stand ein von allen Landvögten verbrieftes Fährrecht mit der Obliegenheit zu, sämmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel befahrende Schiffe und Güter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen) zu führen. Am Gewölbe der Zurzacher Stiftskirche hängt daher ein kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm Gramm. 3, 437 angeführte ahd. Glosse lautet: verenna cymba; was sonst ahd. verſcif heisst, nhd. Fähre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus Tatian: mit ferennu quamun, navigio venerunt.

Allein Verena, die Müllerpatronin, übt zugleich auch das Geschäft der Liebesgöttin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses Doppelgeschäftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des heidnischen Cultus zu entblössen, der im Verenacultus nachklingt. Die Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen Beziehungen übertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung, auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besäen, besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm Entsprossene spurius, der Ausgesäete (Bachofen, Gräbersymbolik 204). So hat auch Mahlen und Mühle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei Theokrit (4, 58) ist μυλλος cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Göttinnen zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenäus XIV, 647 A. Den Sinn des griech. μυλλω (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem, drückt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks Volksliedern no. 285 erwiedert die Müllerin ihrem um Einlass anpochenden Gemahl:

Ich steh fürwahr nicht aufe, Ich lass dich nicht herein; Ich hab die Nacht gemalen Mit sechs jungen Knaben. Davon bin ich so müd.

Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Mühle in unsern ältesten Sagen der Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen König ausserehelich mit der Pyla erzeugt, des Müllers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der Grosse erzeugt und geboren auf der Reismühle am bair. Würmsee. Aretin, Bair. Sag. 1803. Schöppner, Sagenb. no. 22. König Heinrich III. erbaute Kloster Hirschau in der Nähe jener Mühle, darin er war geboren worden; sie steht noch und gilt für eines der ältesten Gebäude in Hirschau. Vgl. Schönhuth, Burgen Würtembergs 1, 88. Meier, Schwäb. Sag. S. 336. Ebenso steht heute noch im würtemberger Schussenthale die Grieslemühle, in der die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern, erzogen worden. Birlinger, Schwäb. Sag. no. 340. Aventins Chronik berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser verkauft und die Kaufsumme daheim mit der hübschen Müllerin auf der Gretelmühle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen Frau Müllerin erzählt alles Volkslied bis auf Göthes "Der Müllerin Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimühle für eine der städtischen Mühlen. Im Mühlgraben liegt jener grosse Stein, hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31. Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem Mühlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol. Darum führen selbst die alles verleihenden Lichtgötter Apollo und Zeus den Beinamen μυλευς, bei den eleusinischen Göttinnen wird ehliche Treue beschworen, der Ceres legifera opfert die bräutliche Dido, der römische Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die wendische Braut zu sitzen, während sie von ihren Freundinnen zur Hochzeit geschmückt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Mühle zu verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt:

Dort niden in jenem Holze Leit sich ein Mülen stolz, Sie malet uns alle Morgen Das Silber, das rothe Gold. Dort hoch auf jenem Berge Da geht ein Mülenrad, Das malet nichts denn Liebe Die Nacht bis an den Tag.

Damit hört denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf, dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Mühlsteine machen, wie Verena auf der Aare und der Wüstenheilige Antonius auf der Wolga. Auch die Stadtpatronin Zürichs, zugleich die angebliche Gefährtin der Thebäer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben, denn ihr Mühlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es urkundlich Im steinin Rad heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.—St. Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus, wird mit einem Mühlstein am Halse in die Günz gestürzt und schwimmt damit in diesem reissenden Gewässer. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem Wasser einher, als wäre es festes Feld. Sie wird alljährlich am 1. Okt. in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac. Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Mühlstein der hl. Brigida ist neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte aufgestellt und wird bei Krankheitsfällen als wunderthätiger Heilstein berührt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Flüsse und Seen sind die Adern, durch welche die älteste Kultur in die Länder floss, und die Mühle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Müller und Becken schlagen sich mit Säcken; der Aargauer: sie putzed (die Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub flügt (wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schüttid: schütten die Frucht auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmühle schiesst. Nach Kärntner Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in den Kasten schüttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der Himmelsmühle (Uhland, no. 344) knüpft Matthäus die Kornsäcke auf, Lukas lässt reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen, dass die Mühle im alten Rechte als Freistätte gilt und ein in diesem befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der Schwabenspiegel bestimmt: diu müle hat ouch beȥȥer reht danne ander hiuser. swer in der müle stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem sol man hût unde har abslahen. ist eȥ vier schillinge wert, man sol in henken. Und eben daher stand auch dem Mühlstein eine besondere Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet sich nemlich in einem alten Liede folgende Prüfung erwähnt über Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere steht am Ufer des Rheins, ein Mühlstein wird gerollt; fällt er rechts, so trägt sie einen Knaben, links, ein Mädchen; geht er aber zu Grund, so ists ein Metzenkind.—Der jungfräulichen Verena Mühlstein aber ist ein schwimmender; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht: die auf dem Felde, in der Mühle und im Mutterschosse. Bereits sind in der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen örtlichen Felsen und erratischen Blöcke des Aargaus aufgezählt, welche den Namen Kleinkindersteine und eine dem gemässe Ortstradition an sich tragen. Hier kommen nur die auf Verena bezüglichen in Betracht. Jener vorhin erwähnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei trägt ein über Faustgrösse ausgerundetes Loch, das man für die Spuren der Hacke der Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern für die Stadt heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenförmig gewölbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus kirchlich gereicht hatte. Eine Felshöhle beim Bergschlosse Teck auf der würtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage über zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des Neckarstroms 1740, 46.

Ein fernerer auf die Korn- und Mühlengöttin hindeutender Zug ist enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu Solothurn gegründet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von unbekannter Hand vor die Thüre gestellt wurden und die aus diesem Mehl gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darüber:

Dum panis victus solitus exhaustus fuit plenius, farris pastus positus est ad fores celitus.

Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt wundersüchtig die bestimmte Zahl dieser Säcke an quadraginta sacci, und Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae. Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht (107a) nacherzählt zu sein:

vor der clause man ligen sach viertzig ſekche mit mele vol. er gedacht ir not da wol, wan daȥ prot wuchs in ier munde.

Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreikönig, zur Zeit der Zwölften, sein Mehl von der Boitzenburger Mühle heimfährt, so begegnet ihm Frû Freen und verlangt, dass er die Säcke öffne und ihren Hunden ausschütte. Thut er dies folgsam, so findet er die Säcke wohlgefüllt des andern Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name zusammengefallen in den der Heidengöttin Frêa (wie Paulus Diaconus Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwölften sich an die Spitze der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwölf Jagdhunden das Land durchstürmt. Der Name Frêne wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415 ausdrücklich als um Halberstadt bestehend bestätigt, und der vierte Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen Gauheiligen erläutern.

Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden, Brod und Wein überbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen örtlichen Schwänken bedient. Er erzählt, wie einst das kleine Städtchen Klingnau an der Aare von einer Feuersbrunst so ganz zerstört worden, dass auch sämmtliche Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man läuten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom herab gefahren kam. Kling au! rief man ärgerlich zur stummen Glocke empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das tägliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der Spottreim:

Wenig Brod und sûre Wî: ach Gott, wer möcht' au z'Klinglau sî!

Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines Priesters in Zurzach habe sich Verena die tägliche Nahrung abgebrochen, um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darüber der Entwendung verdächtigt, tritt ihr der argwöhnische Priester plötzlich in den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krüglein ist nun in Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides als zur Reinigung der Aussätzigen dienend. Daher kommt es, dass die Bildsäulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf in der Hand haben. Das Krüglein der Heiligen ist, wie die älteste Aufzeichnung berichtet, ursprünglich steinern gewesen und hatte die Form einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemässe vor Alters steinern war. Das Zürcher Frauenmünsterstift berief sich 10. Christm. 1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der Klostergründer König Ludwig das Mass eines Kornviertels hatte aushauen lassen. Geschichtsfreund 8, 19.

Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964 berichten. Auch sie zähmte wilde Ströme, lehrte Acker- und Weinbau, pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena, mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedächtnisse fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern Innthal und hatte die Schweine zu füttern. Für jeden Armen sparte sie sich eine Schürze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein geiziger Späher sie darüber anhielt, verwandelte sich die Gabe in Hobelscheiten und in Sautränke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen Hausstand zurück; wollte man sie jedoch über die Feierabendzeit im Felde fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die Sichel in die Höhe, liess sie aus und diese blieb in der Luft hängen. Sie ist die Patronin der Dienstmägde geworden, wie sie selbst in ihrem Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten. Als sie an den brückenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurück und liess Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinüberschreiten. Jenseits auf dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und errichtete eine Kapelle über dem Grabe, die seit 1434 zur Wallfahrtskirche vergrössert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2, no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, überschwamm sie auf einem schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Höhle, die beim würtemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg her überbrachte ihr der Hirsch täglich das Brod, ans Geweih gespiesst, und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch zeigen die Kraichgauer übers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und Butter von ihrer täglichen Kost sich abgespart und den Aussätzigen des nächsten Siechenhauses zugetragen; als der argwöhnische Schlossherr sie auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und Milch in ihrer Schürze in einen Strehl und in warme Lauge.

Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den Verenatag knüpften.

Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-, Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76) verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten (Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fünf "geschlossnen Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht Tage nach dem auf Verena nächstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jährliche Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt. Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.—Das "Verzeichnuss der Statt Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86 die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljährlich auf Verena und Martini an.

Von den Bauernregeln über die Witterung am 1. September sind unter unserer Landbevölkerung folgende üblich.

Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrüegli ûsleert, draejet, löset, umg'heiet, brünnelet—und z'Abig s'Chitteli wider tröchnet, denn isch guet; denn solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der Keimung des Samens besonders günstig. Wenn es an Verena schön Wetter war, so erzählen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Säen hinaus. Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn aber nit, so chan er's frölich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und sein Brodsäcklein, das Zimmis-chörbli, worin der Abendimbiss ist, mit ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz 1862, 259.—

Verenatag günnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es, ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden.

A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rôt; der Krautskopf berathet sich, ob er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain trägt s' Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs Feld gebracht, s' Vreneli zündt a, und s' Mareili löscht ab: die Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnächte begannen mit 1. Sept.; mit Mariae Verkündigung, 25. März, giengen sie wieder zu Ende. Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewöhnlich erst mit 2. Nov. und schliessen mit dem Josephstag, 19. März.

FUSSNOTEN:

[5]

A Solodoro igitur discedens proficiscitur, ubi Rhenus labitur, Zurziacham graditur.

Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus Ratdolt.

[6]

Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit, sagt die Originallegende; erst später wird der Name Hirtacus dazu gefügt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter.

Dritter Abschnitt.

Verena, die Geburtshelferin.

Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und Waschkrug; ihre örtlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von der Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am Glärnisch u.s.w.

Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und stellen hiefür diejenigen Erzählungen voran, welche der ältesten zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehören. Diese von G. Waitz nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch für diejenigen Thatsachen, über welche der Verfasser jener Bruchstücke entweder als Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener Periode anknüpft.

Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen Thronfolger.

Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga geehlichet, des vorhin erwähnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und obwohl schon mehrere Töchter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem solchen beglückt. Dieser war, wie Casp. Lang beifügt (Histor. theol. Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.

Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und übernachteten daselbst im Stifte. Hier träumte Reginlinda von der Empfängniss, die sie sich wünschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.

Eine adelige Frau im Elsass hatte früherhin in kinderloser Ehe gelebt, hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Töchter bekommen. Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingssöhne, denn diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Mädchen und Knaben begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf öfters von den Zurzacher Stiftsherren eingeladen worden, er möchte sich zu ihnen begeben, die Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines Reichthums opfern, dafür werde er seinen Wunsch nach Söhnen erfüllt sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die Unvermögenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.

Ein Höriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel, entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie liessen sich auch in allerlei Schmähungen über derlei Pflichtigkeiten aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend fort. Dafür starben er und sein Weib eines jähen Todes, und seine Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgängig an Gliederlähmung.

So viel erzählen die ältesten Aufzeichnungen der Legende über den durch Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwähnt aber ist, dass derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen hinab und schöpft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und Augenübel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein; auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach, † zu Heidelberg, verdankt.

Eine Zurzacher Frau war Wöchnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in das Städtchen Klingnau hinüber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht stundenweit über den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen Felsentreppen ersteigt man die letzte Höhe zum Rothen Kreuz, einer einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefürchteter Spukort. Wer seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versäumt hat, muss nach dem Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Männer her, die man ein knarrendes Wägelchen über die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden lassen, dann aber zu einer Grösse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst wohlbekannte Höhe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebüsch ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Mündung in den Rhein gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese Erzählung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshülfe zunächst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden Aarthale zu Klingnau hätte suchen sollen. Denn dafür eben fliesst in der Zurzacher Stiftskirche jener heilkräftige Brunnen. Die hier hinabsteigenden Wallfahrer dürfen sich einen Krug voll unentgeltlich schöpfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenübel an; letzteres ein Brauch aus der frühesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St. Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor. Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der Gertrudislegende erzählt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche geführt und kommt hier zufällig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche trieft und des Weibes Mantel beschüttet. Die Umstehenden nehmen daraus Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch auf der Stelle sehend.

Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt die Heilige in den Bädern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel; nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar über der Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden.

Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsäule errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Röhre hinab, durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwärmen und sind der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfüllung ihrer mütterlichen Wünsche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten "Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem Ergöw gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein unfruchtbare Fraw darinnen bade, vñ ein fůss in dz loch stosse, da dz wasser herfür quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie fruchtbar werde."—Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen Kinder." Diese mütterliche Göttin Holda gleicht also vollkommen der von den Albanesen verehrten Geburtsgöttin Ora, einem Wünschelweibe, vermöge deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es gewünscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Märch. 1, S. 37. Holda hütet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, übergiebt sie als Fröschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch für die gebärenden Mütter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen können, und nimmt die unmündig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, überall lokalisirte Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. Schon altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der Dominikanermönch Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt:

du bist der gezeichent brunne, darin schein diu lebendiu sunne.

Und Nachklänge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort:

Storch—Storch—Steine, Mit dem langen Beine, Mit dem kurzen Knie: Jungfrau Marie Hat ein Kind gefunden In dem goldnen Brunnen. Wer solls (aus der Taufe) heben? Der Gothe und die Göthen.

Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den Fängen und zudem auf jedem Flügel je ein Wickelkind trägt. Dieses Wasser macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmüttern. Schäfer, Städtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachträglich noch folgende aargauische anführen. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre 1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljährlich am Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen Brunnenstuben den Säuglingsvorrath holte, so steht dieser Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen lässt, zieht ihm die gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Stäben entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:

Der Bach chunnt, der Bach chunnt: Sind mini Buebe-n-alli gsund? Jo jo jo! Der Bach ist cho, der Bach ist cho: Sind mini Buebe-n-alli do? Jo jo jo!

In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden Brünnli (über Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in Oberfrick aus dem altverschütteten Spagenbrunn, im Dorfe Küttigen aus dem Stampfelgraben des dortigen Mühlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der übrigen Schweiz gehören folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Glücksgöttin Frau Saelde trägt. Lütolf, Fünfort. Sag, S, 550.

Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstände erlaubten, in Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen trägt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227. Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen sein musste, erklärt uns die Kirche ausdrücklich. Abt Tritheim beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen über die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515, 20. Sept.) und entwickelt dabei über die Wassernixen folgende Theorie. "Die in Seen und Flüssen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestüm trügerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund Wasserfrawen. Diese lassen sich an Flüssen und Quellen blicken, kämmen ihr langes Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemüthszustand unwandelbar ist, nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die männliche, und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in Weibesgestalt gezeigt habe."—Die gegentheilige Anschauung greift aber Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit dem lieben Gott ins Gesicht; und daher rührt es, dass in unsren an Quellen, Strömen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die geschichtlich ältesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind. Die zürcherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umspült und in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbrünnlein. Wasserkirchen sind ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau. Auf der Rheininsel zu Säckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der römischen, theils aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zürchersees grösste Insel, deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war für einen grossen Theil der Weiler und Höfe am untern See, war schon zur Zeit der irischen Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am gegenüberliegenden Ufer zu Stäfa war der hl. Verena geweiht. Schweiz. Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zürich bestand bis zur Reformation das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu St. Verena in Brunngassen; es wurde 1551 von dem berühmten Buchdrucker Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau.

Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvögtin der Ehebündnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich geopferten Gegenständen, vornemlich den Brautkrönlein. Die katholischen Landmädchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern kirchlichen oder weltlichen Festanlässen den krönleinartigen Kopfschmuck der Tschäppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über den Scheitel hin wölbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines Sammtkäppchen, oben napfförmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens über das Haar gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das Kirchspiel genannt, ein Mädchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschäppelein zum Opfer aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die Haube gekommen zu sein. Erscheinen dann im Herbste die Züge der übrigen Wallfahrerinnen, so nehmen sie ein solches Brautkränzchen vom Gitter und setzen es während ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Käppchen häuft sich hier an, dass man die veralteten darunter alljährlich am Charsamstag abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezündet wird, mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in dessen Kapelle jener Mühlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach alter Gepflogenheit alljährlich im Frühling der Gemeindebann von Jung und Alt umschritten, so dürfen bei diesem Männergeschäfte die Mädchen allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen für die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich Feldblumen und flechten in die Wette Kränze daraus ins Haar, die gleichfalls Schäppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und überhängen damit die Horizontalstäbe des Eisengitters, hinter welchem Verenas Mühlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der Sigrist, setzt den schönsten der geopferten Kränze der Heiligen aufs Haupt und schmückt mit den übrigen den Grundstein.

Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man überhaupt Kunde hat, ist es gerade ihr Gürtel, der sie als eine die Ehen und Geburten beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem ehemaligen schwäbischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der Grösse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis über den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Gürtel, schreibt Richter (Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des römischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist so durch Verenas vielvermögenden Beistand zur Welt geboren worden.

Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind.

Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Städtchen Klingnau an der Aare führt über den Achenberg. Auf der Hochebene dieses beträchtlichen Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die günstige Jahreszeit, des Berges wilde Schönheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau und Klettgau hinüber, die Wunderthätigkeit des Ortes und der den andächtigen Besuchern gewährte päpstliche Ablass führt alsdann zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer. Doch kein Wallfahrer verlässt den Berg, ohne nicht` über eine in Felsen gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthätigen Verenabrünnlein und lässt auch für seine Kranken daheim ein Krüglein voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage.

Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig bemittelter Mann aus dem Städtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie auf jener berühmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber, das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern Betrachtungen erreichte er das Verenabrünnlein, traf hier einen ihn freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit. Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere, sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung gesteckt und sie gefüllt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei, dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Händen fassen konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf, und ach! da hieng gerade über seinem Kopfe gewaltig sausend ein umrollender Mühlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurück nach Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut, musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem Zehrfieber gestorben sein.

Was soll hier dieser Mühlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die Müllerpatronin Verena und will in ihrer Mildthätigkeit nicht gesehen sein. Es ist dies zwar ein öfters sich wiederholender Sagenzug, siehe Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe Büttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena die erwählte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und die Ortssage fügt bei, wer ehemals in der Abenddämmerung mit abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus einer weiblichen ein Goldstück. Als nun Knaben von Büttisholz einst in der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstücke schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schöne Jungfrau, die nach einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich, dass auch die Quelle versiegt war.

Fäsi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben, berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei schon in ältester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die über diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenüber entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen angemerkt: Verenaloch; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer Sag. no. 1 mit dem Beifügen gedenken, dass die aus dem Elsass über den Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen, sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen trägt, wie schon bemerkt worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden.

Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwähnen in der Nähe der Stadt Zug, gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghöhe an der alten Strasse, die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln führt; auch hier ist ein herkömmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform gebauten Kirchleins war früherhin eine Inschrift angebracht und meldete, der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Müller in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine Renovirung nöthig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste über der Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15. Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle hinausgetragen "unter dem Knallen der Mörser und Doppelhaken". Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwänden verkündigen des Ortes Wunderthätigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das St. Verenabrünneli, der Brunnenstock geschmückt mit der Figur der Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehört, wie der Zugerkalender vom J. 1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdrücklich berichtet: "Bist du krank und die Gütterli (Arzneigläschen) des Doktors wollen nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljährlich Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hören. Auch wird dir den Sommer hindurch so ein kühler Spaziergang in der Frühe überaus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Stärkung für deine schwache Leber im nahen Röthelberg, sofern dir Verena nicht eins aus ihrem Krüglein einzuschenken geruht."

Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren gesetzt und haben übereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige trägt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrüglein, in der andern hält sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt des Krügleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der Flügelthüre dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt, hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der für das nichtlesende Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1. September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten den langgezahnten zweireihigen Haarkamm hält und zu Füssen ein geschnäbeltes Giesskännlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen Verenas hat die ältere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete, dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr geheilten Aussatz hervor:

auzſetzig behaft macht ſi ſlecht, plint, chrump macht ſi gerecht.

In diesem Sinne erzählt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete ihnen die Betten, kehrte den Boden, säuberte die Kleider, wusch alte Erbschäden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Häupter." Auf solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbäder", wie dasjenige in der Stadt Baden, gegründet, jeder Gast hatte sein Krüglein mit Lauge und seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die durch Papst Urban seit 1625 neu bestätiget worden, ist nach dem dritten Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen Almosen und bestimmte jährliche Spendmähler zu verabreichen.

Das Steinkrüglein Verenas wird in der ältesten Legendenaufzeichnung gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals eine Römerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darüber erblindete, erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls." Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewährte dasselbe einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefäss zu setzen, sie würden sonst zu viel Töchter gebären. Ein Stück von diesem Verenakrüglein hat nachmals der Fürstabt von St. Blasien erworben und dafür den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen allgemeiner Ablösung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden: Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Küssennacht, Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses Werk; obenauf liegt in Lebensgrösse gehauen ihr Bild in Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfräulichkeit in fliegenden Haaren, es hält in der Linken den zweireihigen Kamm, in der rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Wäschermagd aus Menschenliebe sich unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt, sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Rössli ist ihr Aufenthalt. Aus dem Vorhöflein desselben schreitet um Mitternacht vor hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spült sie ihr Weisszeug aufs sorgfältigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen Vorhof zurück. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird, erklärt sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier Gotteshöfe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen, welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofür diese verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80 Juchart haltenden Gütern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu gehörenden Antoniuskapelle zu bestreiten und für den Messpriester den Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie sonst im ganzen Lande gesetzlich abgelöst worden ist, haben diese Höfe ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher Hand an den Gemeinderath von Reckingen übergegangen und hat seit dem Jahre 1854 die gründliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstöckigen Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzählt man, kommt zu gewissen Zeiten des Nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt das Gebäude, wird darüber zusehends grösser und ist mit einem male wieder unsichtbar. Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen niemals das Füllen erblicken, wohl aber statt dessen eine weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier Ecken bedächtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.

Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche nähig sind ("übergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schürze zu geben pflegen (Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Königsfelden wurde Ross und Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Rüstpferd lässt die Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst. Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar darauf der Kapelle in Grünthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal, 1860, 6.

Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Wäldchen, das nach einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhölzli heisst. Am südlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt dorten eine schöne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich das Haar kämmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschädliche Nachmittagslamm. Auch das Mütterlein ist freundlich, nur will sie in ihrem Geschäfte nicht gestört und von den Vorübergehenden nicht etwa ausgelacht sein, sonst setzt es für den Spötter gewiss einen geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwärts heisst sie nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Strähl-Anneli, oder nach ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Mütterli, denn Heuel bezeichnet den verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem Liebreize nackter Jungfrauenschönheit, zieht einen Goldkamm durch die Locken und lässt ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer, Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmännin gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschäfte gewidmet, die Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun zwar unsern ästhetischen Begriffen geradezu, eine so widerwärtige Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schönheits- und Liebesgöttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich darüber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Römer ihre Bildsäule mit einem Kamme in der Hand vorstellten, erzählt hiebei: Als einst die römischen Frauen die Krätze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die Kämme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsäule, die den Kamm trug.

Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Mädchen das schöne Haupthaar und zugleich den schönen Schatz. Am 1. September, als dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden, deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein neues vor Krankheit geschützt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Köpfen ihrer Kinder eine gründliche Wäsche abhält, dem jüngsten Mädchen wird der erste Zopf geflochten; das behütet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs. Hält sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim:

Chind, bis ietz still und fîn, oder es chunnt Frau Vrin, die het ne grosse Striegel und zert di kech am Riegel.

Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbüschel. Die Frau Vrin ist also hier eine Drohgestalt, wie in Schöppners Bair. Sagenb. no. 1282 die lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Bürste und Stahlkamm behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Mädchen dabei weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden solle, und hiefür hat man folgendes Sprüchlein:

Ach mî liebi Jumpfere Vre', gsehst, i ha kes Schätzeli meh, strähl und wäsch mi doch au nett, dass mî Hansli Freud ab mer het!

Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen "Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen Landvolke verbreitetes Zauberbüchlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19 folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die Wanzen, wie Simrocks Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der Dreieinigkeit über die Warzen und spricht dreimal:

Frene, Frene, dorra weg!

In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende, geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthümlichkeit des weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende Zartheit ist das Frauengemüth von hingebender Menschenliebe erfüllt. Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so übernimmt es freiwillig das Geschäft der Krankenpflege und vollzieht es im Einzelnen mit grösserem Glücke als der Mann, da es weniger schnell als er in Dienstleistungen ermüdet, mehr und länger als er zu dulden, zu entbehren, auszudauern vermag in Mühen und Nachtwachen. So erscheint das Weib allen Völkern während grosser allgemeiner Leiden als eine heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in der Kunstdarstellung der Rettungsengel für die schmerzbehaftete Welt geworden.

Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzügen Verenas, wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Märchen gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgöttin allmählich "zur demüthigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke (Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgöttern und zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengöttin bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlässt, um unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Büschen und Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum würde man dann die Göttin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, trüge sie nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird sie wieder ein "alt heidnisch Wassergötzli", wie der Berner H.R. Grimm (Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon die rohe Härte, mit der sie ungläubigen Missethätern die Strafe zumisst, lässt ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des Zurzacher Priesters sie fälschlich der Veruntreuung im Haushalte anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten stirbt hin ohne Siechthum, Lähmung, Blindheit und Tobsucht. Dafür, dass ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, während Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rückkehrenden im fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Händen festgeklammert; ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in der erstarrten Hand fest. Gleichfürchterlich bestraft sie den Bauern, der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich dreingreifender Körperstärke herscht besonders in den mehrfach von Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und rhätischen Alpen finden. Sie trägt in Bünden, Engadin und an der bairisch-tirolischen Grenze den Namen Verein, gebildet wie die rhätischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139 Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Prätigau (urkdl. Valzena). Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage in Tirol, S. 251), eine andere an der weitläufigen Eiswüste des Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern Höhlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub, Holz oder Stein in sich; es lässt nichts drinnen, sagen die Hirten und staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Bünden 1, 140. 258. Bündner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte Vrenelisgärtli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des Glärnisch, 9,353 Fuss über Meer, das sich wegen der angeblichen Ausschweifungen des Sennenvolkes aus blühenden Matten in ewige Gletscher verwandelt hat.

Nachfolgende eigenthümliche Sage hierüber beruht auf der schriftl. Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zürch. Lunnern, zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am südlichen Fusse des Albis der unheimliche Türlersee, der tiefste im ganzen Zürcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend gehörte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsrüstigen Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen. Mit Hülfe fahrender Schüler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum für immer vom Gelände der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Türlersee, es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so würden die Wasser sich über ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste einer der fahrenden Schüler die Frau und entführte sie durch die Lüfte auf die Westseite des Glärnisch, setzte sie hier auf einer weiten grünenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach: "Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten gehaust, bis dieser schöne Alpengarten endlich sich in eine weite Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in der Hand, zur Eissäule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herüberblinkt.

Dieser eben erwähnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit alter Zeit bekannt und trägt in der Offnung von Borsikon (Grimm, Weisthümer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zürch. Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzürnte schwur, sie werde den Türlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst von der Erde fortriss bis auf den Glärnisch in Vrenelis Gärtli.

So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen lässt; der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt; die Felsklüfte, Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel, die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel hervor bohrt—verkünden eine ursprüngliche Riesenjungfrau, deren roh angelegte Gestalt später ins Satanische umgeschlagen haben würde, hätte die Kirche sie nicht frühzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen besässe man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der demüthig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die der Unterschlagung beschuldigt entspringt, über die ganze Breite des Thales setzt und ihre Fussspur drüben in die Felsenplatte der jenseitigen Thalwand eindrückt.

FUSSNOTEN:

[7]

In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger Pfarrkirche, waren pfarrgenössisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken, Zeihen, Denspüren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Häner am Schwarzwald, ob Laufenburg.

Vierter Abschnitt.

Verena als Frau Venus.

Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und Vrenenhäuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurückgeführt auf den ursprünglichen Mythus.

Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt. Der Text kommt demjenigen am nächsten, welcher einst von Stalder in Entlebuch gleichfalls nach mündlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und an Lassberg übergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240 veröffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland für seine Sammlung no. 297 C., und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen übereinstimmen. Was die Literaturgeschichte des Tannhäuser-Liedes betrifft, die schon von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Gödekes Deutsche Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollständigkeit aufgeführt.

Tannhäuser war ein junges Bluet, Der wot gross Wunder gschaue,[8] Gieng auf Frau Vrenelis Berg Zu selbige schöne Jungfraue. Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho, Chlopft er an a d'Pforte: Frau Vrene, wend er mi inne loh, Will halte eu'e Orde! "Tannhäuser, i will der mi Gspile ge Zu-m-ene ehliche Wib."[9] Diner Gspilinne begehr ich nit, Min Leben ist mer z'lieb. Diner Gspilinne darf i nüt, Es ist mir gar hoch verbotte, Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet Und drunter wie Schlangen und Chrotte. Tannhauser sass am Figebaum, Drunter er war entschlafe. Es chunt em für i sinem Traum, Er müess uf Rom wallfahrte.[11] Wo er in d'Stadt Rom inne chunt Wohl unters höchsti Thor, Frogt er dem oberste Priester noh, Wo in der Stadt Rom wär. Wo er i d'Chille ie chunt, Vor'm Pobst thet er sich gneige: Gott grüeze eure Heilige, Pobst, Mine Sünd will i eu azeige. Der Pobst het do en düere-düere Stab, Vo Dürri war er gspalte: "So wenig de Stab meh z'grüene chunt, So wenig magst du Ablass erhalte."[12] Und wenn i nümme z'Gnade chum Und nümme mag werde bihalte, So gohn i uf Frau Vrenis Berg Und leben bîn ihr im Walde. Es goht nit meh als dritthalb Tag, So fieng der Stab a z'gruene, Er treit es Laub so grüen wie Gras, Darzue drei schöni Blueme.[10] De Pobst schickt sine Botten us, Sie wüsset ehn niene meh z'gwahre; Er schickt sie us in alli Land, Der Tannhuser blibt verfahre. Sie chömmet uf Frau Vrenelis Berg, Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse Tannhuser soll do usse cho, Sine Sünde eigen ehm nochg'losse! "Zun-ech usse cho, das chan i nit, Do muess i bliben inne. Muess bliben bis am Jüngste Tag, Dä gohts mer erst, wies cha und mag!" Tannhuser sitzet am steinige Tisch, Der Bart wachst ihm drum umme, Und wenn er drümal ummen isch, So wird der Jüngst Tag bald chumme. Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot, Öb der Bart es drittmol umme goht Und der Jüngsti Tag well chumme.

Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Hügel, an dessen südlichem Fusse vormals die Gerichtsstätte des Bezirks gewesen war und wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde älterer Leute der Frau Vrenes Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhäuserlied, und wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehörenden Thiergarten "das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der Stelle der Venus in das Tannhäuserlied und was ist der Sinn dieses Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm (Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene die Göttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither weiter vorgerückte Sagen- und Sprachforschung bestätigt.

Die echte Göttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von Fiölsvinnr und erzählt also. Die Göttin Freyja war dem Halbgotte Odhr vermählt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres berühmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Menglöd; nun aber empfieng sie den neuen Namen die Thränenschöne, denn um den verlornen Gemahl durchsuchte sie alle Länder und weinte ihm goldne Thränen nach. Sie mied der Männer Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhöhe eine Halle, über deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte hier mit heilkundigen Mädchen einträchtig zusammen. "Hilfeberg heisst die Höhe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wüssten." Da kehrte der die Welt durchreisende Odhr nachmals wieder zurück und sprach zum Wächter des Berges: "Reiss auf die Thüre, Wächter! auf kalten Wegen komm ich her, die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Säumniss schuld, doch geh und frag erst Menglöd, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den Langersehnten mit Küssen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfüllt; mein lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide fröhlich!" Die Verwandtschaftszüge zwischen diesem Mythus und dem Tannhäuserliede sind einstweilen folgende. Odhr-Tannhäuser wandert aus dein Waldberge der Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger, hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Wächter (der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und führt ihn in den Berg. Draussen lässt er den dürren Wanderstab liegen, der sogleich an zu grünen fängt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht mehr unterbrochne Glück nach der Länge des Bartes, der ihm dreimal um den Tisch herumwachsen wird. Entzückt über diese doppelte Unendlichkeit ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine Freyja-Vrene, ob nun noch ein jüngster Tag gedenkbar sein könne. Zur Bekräftigung dieser gegebnen Erklärung sowohl als der sogleich mitzutheilenden Etymologie der bezüglichen Eigennamen, fügen wir ein paar Sagenbruchstücke bei, die zu dem Kostbarsten gehören, was in der letzten Zeit zu Tage kam. Pröhle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem königlichen Schloss und hiess Frû Frêen und Frû Frîen. Sie war einmal im Himmel gewesen und da von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden, durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand, brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch folgenden Reim:

Frû Frîen wolle geren frîen un konne keinen krien, da feng se an de schrîen.

Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren verschwundnen Gemahl trauernde Göttin heisst in Wolf's Hess. Sagen no. 12 die Huldgöttin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl über ihren Mann so bittre Thränen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl die Göttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frêa (ahd. Frouwa, domina) und lebt in den niedersächs. Sagen bald unter den diminutiven Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und Drübeck als Frû Frîen, Frû Frêen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S. 414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der Schönheits- und Liebesgöttin stehen nun die oberdeutschen desselben Wortstammes in frî, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frîn: pulcher, venustus. "Bis mer hübsch frîn", sei mir hübsch artig, hübsch sittsam, sagt das Berner Mädchen zu einem allzu stürmischen Liebhaber; "de sim-mer jo die freinste Lüt", gar allerliebste Leute, heisst es luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schönheitsprädikate übereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schöne. Der Stamm des Wortes geht durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus Veneris) heisst irländisch Freyjuhâr, dänisch Fruêhâr und Venusgräs, norwegisch Mariagras, weil die Schönheit das höchste Epithet bleibt, das an Göttinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und Figuren der Göttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung war sogar schon den nordischen Quellen geläufig und hat darin ihre Berechtigung, dass beide ursprünglich nur die in zwei Seiten auseinander gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines älteren Göttersystems gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Götter in Asen und Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die mit dem Gemahl als Windsbraut einherstürmt und Leichenfelder zehntet, hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube eine familiäre, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist die frühere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen, zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So urtheilt über die Vanengötter überhaupt Weinhold D. Frauen, 30.

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