IV. Sammlungen und Unterrichtsanstalten der Universität.[29] (continued 2)
Reading edition
J.J. Bischoff.
16. Psychiatrische Klinik.
Es wurden zwar von Herrn Professor Brenner sel. in früheren Jahren öfters Kranke der Irrenabtheilung vor einzelnen Medicin-Studierenden demonstriert, doch begann der eigentliche regelmässige und methodische, theoretische und klinische Unterricht im Gebiete der Geisteskrankheiten erst im Herbste 1875. Es war dies eine Folge des Beschlusses E.E. Grossen Raths von Baselstadt vom 1. Februar 1875, wonach für das Fach der Psychiatrie an der medicinischen Fakultät ein ordentlicher Professor angestellt wurde. Als solcher wurde Dr.med. Ludwig Wille, damals Direktor der Irrenanstalt St. Urban, ernannt, welcher Ende Oktober 1875 seine Wirksamkeit mit der Eröffnung der psychiatrischen Klinik im städtischen Spital begann und bis jetzt fortsetzte. Durch die Genehmigung der Anstellung eines Assistenzarztes, der Anschaffung geeigneter Lehrmittel und zu klinischen Zwecken dienender Apparate, der Verwendung von klinischen Freibetten im Verlaufe der nächsten Jahre erhielt die psychiatrische Klinik allmählig auch die nothwendige Unterstützung zu ihrem ferneren Bestande und zu weiterer Entwicklung. Die im Verlaufe der letzten zehn Jahre geradezu verdoppelte Zahl der Aufnahmen von Kranken in die Abtheilung ergab auch das genügende Material für Beobachtung und Untersuchung. Leider sind die für die psychiatrische Klinik verwendeten zwei wöchentlichen Stunden wenig zur Erfüllung der Aufgabe, was jedoch durch den regelmässigen Besuch der theoretischen Vorlesungen über Psychiatrie während zwei Semestern von Seite der Studierenden wieder einigermaassen ausgeglichen wird.
Die Zahl der die psychiatrische Klinik besuchenden Studierenden während der vergangenen zehn Jahre betrug 199, wovon 104 auf die Winter- und 95 Studierende auf die Sommersemester treffen. Das Maximum derselben in den Wintersemestern war 16, das Minimum 4, der mittlere Durchschnitt 10,4; das Maximum in den Sommersemestern 15, das Minimum 5, der Durchschnitt 9,5 Studierende. Es konnten in den einzelnen Wintern durchschnittlich 41, in den Sommern durchschnittlich 26 Kranke demonstriert werden. Es machte sich hiebei weniger das mangelnde Interesse der Studierenden an dem Spezialfach, als vielmehr die oft ungenügende Vorbildung in den Thatsachen und Lehren der Nervenanatomie, -Physiologie und -Pathologie störend geltend. Immerhin wird das Spezialfach, das bei der Schlussprüfung nicht verwerthet wird, stets nur bei den Strebsamsten das volle Interesse dauernd wach halten.
Von gröster Bedeutung für die Zukunft der psychiatrischen Klinik ist der durch das rühmens- und dankenswerthe Entgegenkommen unsrer Tit. hohen staatlichen und städtischen Behörden, dann durch den hohen Bürgersinn der Frau Merian ermöglichte Beschluss E.E. Grossen Rathes vom 23. April 1883 der Errichtung einer neuen, zur Aufnahme von 210 Kranken bestimmten kantonalen Irrenanstalt an Stelle der bisherigen in jeder Beziehung ungenügenden Irrenabtheilung des Spitals. Es wird nach dem gegenwärtigen Stande der baulichen Verhältnisse möglich sein, die Anstalt im Laufe des Sommers 1886 zu beziehen. Wenn auch einerseits, besonders im Anfang, die etwas weite Entfernung der neuen Anstalt von der Stadt störend auf den Besuch der Klinik einwirken dürfte, so ist andrerseits zu hoffen, dass durch das reichere und mannigfaltigere Krankenmaterial, durch die dem Standpunkt der modernen Wissenschaft entsprechende Ausrüstung, durch die korrekte, den Lehrzweck berücksichtigende Eintheilung und Ausführung der neuen Anstalt diese Störung wieder ihre Ausgleichung finden wird. Es wird dann die psychiatrische Klinik würdig den übrigen grossartigen Schöpfungen des medicinischen Unterrichts während der letzten zwei Jahrzehnte dastehen und hoffentlich in gleicher Weise durch die passende Verpflegung und Behandlung der Kranken, wie durch die Verbreitung der für die Praxis so nöthigen psychiatrischen Kenntnisse, die grossen vom Staate und von Privaten geleisteten finanziellen Opfer rechtfertigen. Möge die neue Anstalt für ferne Zeiten den Bewohnern Basels zum Segen gereichen, wie sie stets als ein herrliches Denkmal bürgerlichen Edel- und Opfersinns anerkannt werden wird!
Ludwig Wille.
17. Poliklinik des Bürgerspitals.
Auf Anregung der Oberärzte des Spitals wurde im Jahre 1874 am 31. August durch Vertrag zwischen der Curatel unserer Universität und dem Pflegamte des Bürgerspitals bestimmt, dass in Verbindung mit dem letztem eine Poliklinik eröffnet werde, welche zunächst die Aufgabe haben sollte, solchen Kranken, welche Spitalaufenthalt nicht nöthig hatten, in einem täglich geöffneten Ambulatorium unentgeltlich Rath zu ertheilen und welche gleichzeitig auch als klinisches Institut dem Unterrichte der Studierenden dienen sollte.
Dieses Ambulatorium wurde unter der Aufsicht und Direktion der Oberärzte des Spitals durch einen ad hoc ernannten Assistenzarzt geleitet und dazu am 22. Oktober 1875 erwählt der Privatdocent für Pharmakologie Dr. Rudolf Massini; derselbe wurde in der Folge im Jahre 1877 zum ausserordentlichen Professor und 1882 zum Direktor der Poliklinik ernannt.
Als Lokal wurden vom Pflegamte des Bürgerspitals zwei Parterrelokalitäten des Markgräfischen Hofes zur Verfügung gestellt, welche einestheils mit der Strasse, anderntheils mit dem Spital in direkter Verbindung stehen und von denen das eine als Wartezimmer, das andere als Untersuchungssaal und Auditorium dienen; dieselben wurden zu diesen Zwecken baulich entsprechend eingerichtet; bei der Ausdehnung des Institutes wurden auch die wünschenswerthen Verbesserungen und Einrichtungen von dem Bürgerspitale stets in zuvorkommender Weise ausgeführt. Am 30. November 1874 konnte die Anstalt für Publikum und Studierende eröffnet werden.
Ueber die Frequenz giebt folgende Tabelle Aufschluss:
Winter-Sem. Studierende. Sommer-Sem. Studierende. Frequenz. Personen. Konsultationen.
1874/75 5 1875 6 1874 111 176
1875/76 8 1876 8 1875 1258 3644
1876/77 7 1877 5 1876 2277 5555
1877/78 3 1878 3 1877 3475 8469
1878/79 8 1879 6 1878 4375 10538
1879/80 3 1880 6 1879 4464 9613
1880/81 4 1881 11 1880 4972 10903
1881/82 2 1882 5 1881 5630 11689
1882/83 5 1883 8 1882 5692 12040
1883/84 13 1884 18 1883 6641 13050
1884/85 14 1885 15 1884 7291 14985
Von grossem Einfluss auf den Besuch der Studierenden war die Zeit der Abhaltung der Poliklinik; dieselbe war in den Jahren 1874-77 auf die Nachmittagsstunde verlegt worden, als die Freistunde der arbeitenden Klassen; für die Hörer aber, welche den ganzen Vormittag die Kliniken besuchen, eine unbequeme Zeit; auch die Verlegung auf Vormittags 8-9 Uhr, welche Zeit theils mit der geburtshilflichen, theils mit der ophthalmologischen Klinik kollidierte, war ohne Erfolg, und erst die seit 1881 eingeführte Morgenstunde 7-8 Uhr brachte eine erfreulichere Frequenz.
Neben dem Ambulatorium wurden stets auch Besuche in der Stadt gemacht und einzelne Patienten vorgerückteren Schülern zur Besorgung überwiesen. Doch war es aus Mangel an Assistenz nicht möglich, ein eigentliches Poliklinikum fest zu organisieren. Vom Jahre 1874 bis 1877 wurde die Poliklinik vom Assistenzarzt allein besorgt; die steigende Frequenz führte im Sommer 1877 zur Anstellung eines Unterassistenten, der namentlich das Protokoll zu führen hatte; doch genügte bald auch diese Aushilfe nicht mehr. Nachdem in den Jahren 1881-1883 die Aerzte a Wengen und Dr. Fiechter in höchst willkommener Weise ihre vorzüglichen Dienste der Poliklinik zur Verfügung gestellt hatten, wurde im September 1883 die Anstellung eines ständigen Hilfsarztes durch den Regierungsrath beschlossen und als solcher Herr Dr. Hoffmann-Paravicini erwählt.
Bei der Gründung der Poliklinik wurde das Honorar des Assistenzarztes auf 2000 Fr. festgestellt, wovon 1500 Fr. der Spital, 500 Fr. die Regierung trug; ausserdem wurde ein Jahreskredit von 700 Fr. für Instrumente, Verbandstoffe u.s.w. eröffnet, wovon 200 Fr. auf den Spital, 500 Fr. auf den Staat fielen. Vom Jahre 1877 an übernahm der Spital die Lieferung von Verbandstoffen und Bureaumaterial, und es wurden nunmehr 300 Fr. von dem Kredit von 700 Fr. für Honorierung eines Hilfsassistenten bestimmt. Vom Jahre 1883 an wurde ausserdem ein Kredit von 1200 Fr. für den Hilfsarzt durch die Regierung zur Verfügung gestellt.
Durch das kräftige und wohlwollende Zusammenwirken der Behörden des Staates und des Bürgerspitals wurde auf diese Weise ein lebenskräftiges und blühendes Institut geschaffen, das sowohl für die öffentliche Krankenpflege, als für den Unterricht eine fühlbare Lücke ausgefüllt hat und von dem wir hoffen dürfen, dass es bald durch weiteren Ausbau zu einer noch reicheren Entwicklung werde geführt werden.
Rudolf Massini.
18. Ophthalmologische Klinik und Poliklinik.
I. Ophthalmologische Klinik wurde zum ersten Male 1867 im Sommersemester von dem damaligen ausserordentlichen Professor Heinrich Schiess in der Augenheilanstalt, Allschwylerstrasse Nr. 9, vor sechs Zuhörern gehalten. Dieselbe wurde Anfangs mit Unterbrechungen, später ganz regelmässig in zwei, später in drei Stunden wöchentlich abgehalten. Von Seite der Akademischen Gesellschaft erhielt die Augenheilanstalt von 1869 an einen regelmässigen Beitrag von 1000 Fr., und damit war eine nähere Verbindung zwischen der Universität und der genannten Anstalt angebahnt. Da die Lokalitäten der Anstalt durchaus unzweckmässig und ungenügend waren, schritt man im Jahre 1875 zu einem Neubau an der Mittleren Strasse. Die Kosten desselben samt Land und Mobiliar beliefen sich auf circa 250,000 Fr. Die hohen Behörden leisteten hiezu einen Betrag von 15,000 Fr., das löbl. Pflegamt des Spitals einen von 20,000 Fr., das Uebrige wurde zum grösten Theil durch freiwillige Beiträge der hiesigen Bürger und Einwohner zusammengebracht. Die neue Anstalt ist daher ein beredtes Zeugniss für Basels werkthätige Nächstenliebe und für das einträchtige Zusammengehen von Behörden und Privaten für humane Zwecke.
Bei dieser Gelegenheit wurde das Verhältniss zwischen Universität und Augenheilanstalt durch einen Vertrag in der Weise geregelt, dass einerseits Regierung, Akademische Gesellschaft und Löbl. Pflegamt zusammen jährlich 6000 Fr. an die Betriebskosten beitragen, wogegen der Oberarzt der Anstalt, der zugleich Direktor der ophthalmologischen Klinik ist, verpflichtet ist, regelmässigen Unterricht in der Ophthalmologie zu ertheilen und eine Poliklinik abzuhalten. Ein im Hause wohnender Assistenzarzt hat ebenfalls beim betreffenden Unterricht behilflich zu sein. Das aus acht Mitgliedern bestehende Anstaltscomité hat einen Delegierten des Löbl. Pflegamts in seiner Mitte.
Die Räumlichkeiten der Anstalt bieten Platz für 48 Kranke; es besteht eine besondere Kinderabtheilung im Erdgeschoss. Für den klinischen und theoretischen Unterricht findet sich ein grosses Zimmer mit Seitenlicht vor, ausserdem ein Spiegelzimmer und Untersuchungszimmer für die poliklinischen Kranken; ein Arbeitszimmer für Studierende ist leider nicht vorhanden. Die Anzahl der jährlich verpflegten klinischen Kranken hat in den letzten Jahren circa 440 betragen; die tägliche Durchschnittszahl 31-33 Kranke. Diese Anzahl erlaubte, nicht nur den Studierenden die gewöhnlichen Augenkrankheiten vorzuführen, sondern sie auch mit den seltenen, pathologischen Formen bekannt zu machen; von dem Assistenzarzte wurden zuweilen ophthalmoskopische Kurse abgehalten, um die Studierenden mit dieser auch für das allgemeine medicinische Studium wichtigen Untersuchungsmethode bekannt zu machen. Es wurden im Sommersemester in den letzten fünf Jahren durchschnittlich 80.2, im Wintersemester 115.4 Kranke den Studierenden vorgestellt.
Die Sammlung pathologischer Augen, die bereits eine sehr ansehnliche geworden, und diejenige der mikroskopischen Präparate sind ebenfalls für den klinischen Unterricht herangezogen. Die Frequenz der Klinik, die vor dem Bezug der neuen Anstalt schon wegen Raummangels eine beschränktere gewesen, hat sich seither wesentlich gehoben und betrug in den letzten fünf Jahren im Sommersemester 15, im Wintersemester 19,4 Studierende.
II. Die ophthalmologische Poliklinik, welche überhaupt die erste Poliklinik war, die in Basel existierte, wurde im Jahre 1865 am ersten Mai eröffnet, und hatte im ersten Jahre eine Frequenz von 262 Kranken. Die Anzahl der Patienten nahm beständig zu und hat sich auch die Befürchtung, dass bei der grossen Entfernung der neuen Anstalt die Frequenz zurückgehen werde, als unrichtig erwiesen. Auch jetzt noch ist die Frequenzziffer im Ansteigen begriffen, wie folgende Zahlen beweisen mögen:
Anzahl der Kranken. Jahr.
1340 1880
1587 1881
1581 1882
1621 1883
1779 1884.
Die Kranken erhalten Gratiskonsultation, keine Medikamente und keine Brillen. Bei der steigenden Frequenz, wobei eine genaue Untersuchung und richtige Protokollführung immer schwieriger wurde, wurde im Jahre 1884 von dem Anstaltscomité ein poliklinischer Assistent angestellt, der das Protokoll zu führen hat und auch bei den Untersuchungen thätig ist. Auf diese Art wird zuweilen einem älteren Medicin-Studierenden, der diese Stelle bekleidet, Gelegenheit geboten, sich etwas mehr, als dies gewöhnlich geschieht, mit dem Fache vertraut zu machen. Die Poliklinik wird übrigens sowohl während des Semesters als auch in den Ferien von ältern Medicin-Studierenden frequentiert.
Heinrich Schiess.
19. Ohrenklinik.
Die Ohrenklinik hat den Zweck, Studierenden Unterricht zu ertheilen in der Kenntniss und Behandlung der Erkrankungen des Gehörorgans und zugleich angehenden Ohrenärzten und sonstigen Interessenten Gelegenheit zu geben zu wissenschaftlichen Arbeiten und weiterer Ausbildung in der theoretischen und praktischen Ohrenheilkunde.
In früherer Zeit widmete der 1868 verstorbene Prof. Dr. Streckeisen diesem Gebiete sein besonderes Interesse und stellte auch mit Vorliebe gehörkranke Kinder in der Klinik des Kinderspitals vor; eine eigentliche Ohrenklinik bestand jedoch in Basel nicht. — Diese wurde durch den jetzigen Vorsteher im Jahre 1876 eröffnet und umfasst:
I. Otologisches Institut. — Dasselbe befindet sich im Universitätsgebäude in zwei demselben von der hohen Curatel zugewiesenen Zimmern.
Nebenbei bemerkt, ist diese höchst willkommene Zuweisung eines Lokals für das otologische Institut die einzige Unterstützung, welche von Seite des Staates der Ohrenklinik zu Gute kommt und werden, abgesehen von dem jährlich dem Institut zufallenden Fakultätsbeitrag (circa 50 Fr.), die Kosten der Ohrenklinik von dem Vorsteher derselben getragen.
Die beiden Zimmer des Institutes dienen als Arbeitszimmer und zugleich als Aufstellungsraum für die Sammlung, welche eine grosse Reihe von Präparaten normal-anatomischen und pathologisch-anatomischen Inhalts enthält. Die Sammlung ist in erster Linie bestimmt zu Demonstrationen bei den Vorlesungen, dann aber auch zur Erweiterung unserer Kenntnisse über Anatomie und Pathologie des Ohres überhaupt.
II. Ohrenklinik. — Diese wird jeden Dienstag von ½3-½5 Uhr abgehalten in der Wohnung des Vorstehers. (St. Albanvorstadt 42).
Die Patienten erhalten unentgeltliche Konsultation, Operationen u.s.w., jedoch nicht Gratis-Medikamente.
Ein kleiner Fond von Fr. 100, den ein in der Ohrenklinik geheilter Patient aus Dankbarkeit dieser später zur Verfügung stellte, wurde benützt zur Anschaffung von Spritzen und ähnlichen Instrumenten, welche an Unbemittelte abgegeben werden.
Im Jahre 1876 besuchten die Ohrenklinik 82 Patienten mit 324 Konsultationen, im Jahr 1883 dagegen 317 Patienten mit 414 und im vorigen Jahre 320 Patienten mit 455 Konsultationen.
Leider gestatten es die in meiner Wohnung disponiblen Räumlichkeiten nicht, eine grössere Zahl, als vier bis fünf Studierende aufzunehmen, besonders im Winter, wo meist nur bei Gasbeleuchtung untersucht werden kann.
Wir hoffen, dass die Zeit nicht so ferne sei, wo durch Zuweisung eines geeigneten Lokals für den klinischen Unterricht und durch Anstellung eines Assistenten es dem Vorsteher möglich gemacht werde, die Beschränkung in der Zahl der aufzunehmenden Studierenden aufzuheben und die Benutzung der Ohrenklinik allen Interessenten zugänglich zu machen.
Albert Burckhardt-Merian.
20. Kinderklinik.
Eine regelmässige Klinik der Kinderkrankheiten besteht im Kinderspital seit der Mitte der Sechziger Jahre und wurde bis zum Jahre 1868 von Herrn Professor Streckeisen sel. abgehalten.
Bei der Neubesetzung der Stelle eines Oberarztes des Kinderspitals, welcher aus einem Doppelvorschlag der medicinischen Fakultät von dem Comité des Kinderspitals gewählt wurde, ist derselbe verpflichtet worden, regelmässig Klinik zu halten, an der Universität zu lesen und eine Poliklinik zu leiten. Seit dem Jahre 1808 hält der Unterzeichnete regelmässig Klinik jeden Donnerstag von 10-12 Uhr und benützt hiezu zum Theil das klinische Krankenmaterial, d.h. die im Kinderspital verpflegten Kranken, zum Theil die Poliklinik, d.h. die aus der Stadt zur Konsultation kommenden kranken Kinder. Im Kinderspital werden jährlich circa 400 Kranke verpflegt; der tägliche Bestand schwankt zwischen 35 und 45.
Die Klinik wird von den älteren Studierenden regelmässig besucht; ihre Zahl beläuft sich im Durchschnitt in den letzten zehn Jahren auf etwa 15-20 und mehr. Es wird dabei dem Studierenden reichlich Gelegenheit geboten, sich mit den Krankheiten des kindlichen Alters, sowohl den medicinischen als den chirurgischen vertraut zu machen. Es steht dem leitenden Arzte zur Pflege der kranken Kinder an ärztlichem Personal zur Seite ein Secundararzt und ein Assistent; in die Krankenpflege theilen sich neun Schwestern aus der Diaconissenanstalt in Riehen. Dem ökonomischen Theil der Anstalt steht ein Verwalter vor. Das Kinderspital steht unter einem Comité, das sich selbst ergänzt; die Anstalt ist eine wohlthätige Stiftung, die eigenes Vermögen hat, zum Unterhalt aber ausserdem auf Legate angewiesen ist. Von der Universität erhält das Spital keinerlei finanzielle Unterstützung.
E. Hagenbach-Burckhardt.
21. Theologisches Seminar.
In der theologischen Fakultät bestand bis zum Sommer 1885 blos ein Seminar für homiletische und für katechetische Uebungen zum Zweck der unmittelbaren Vorbereitung auf den praktisch-kirchlichen Dienst. Dasselbe wurde im Januar 1867 gegründet, nachdem schon früher Herr Professor Hagenbach und seit 1851 Herr Pfarrer (jetzt Professor) Stockmeyer die homiletischen und die Herren Professoren Riggenbach und Auberlen, sowie Herr Pfarrer Miville abwechselnd katechetische Uebungen geleitet hatten. Seit Errichtung des Seminars pflegen die Uebungen der homiletischen Abtheilung ausnahmslos in jedem Semester, die der katechetischen in jedem Wintersemester abgehalten zu werden. Vorsteher der ersteren ist seit der Gründung des Seminars Herr Professor Stockmeyer (bis 1873 für den zweiten Kursus unter Mitwirkung von Herrn Professor Hagenbach), Vorsteher der letzteren Herr Professor Riggenbach. Für den Eintritt ist beiderseits ein vorangegangenes theologisches Studium von mindestens vier Semestern als Bedingung gefordert. Die Uebungen, zu denen alle Theilnehmer verpflichtet sind, bestehen in der Ausarbeitung und Kritik von Predigten und Katechesen; für die homiletische Abtheilung ist ausserdem noch in einem zweiten Kursus, der indessen nicht regelmässig abgehalten wird, die Gelegenheit zum Vortrag der für das Seminar ausgearbeiteten Predigten im öffentlichen Gottesdienst geboten. Durch einen von der Regenz genehmigten Fakultätsbeschluss soll von Herbst 1885 an dieses homiletisch-katechetische Seminar durch Heranziehung zunächst der alttestamentlich und neutestamentlich exegetischen, sowie der kirchengeschichtlichen Disciplin zu einem allgemein theologischen Seminar erweitert werden, dessen einzelne Abtheilungen indessen, was Leitung und Mitgliedschaft betrifft, von einander unabhängig sind und dessen von der Fakultät zu ernennende Vorsteher die maassgebenden Bestimmungen über die Art und die Bedingungen der Theilnahme je für die verschiedenen Disciplinen zu treffen haben. Zugleich ist mit dieser Erweiterung des Seminars die Aufstellung einer Handbibliothek verbunden worden, deren Benützung zunächst den Mitgliedern vorbehalten ist; über die Bücheranschaffungen entscheidet die Fakultät nach den von den Vorstehern der einzelnen Abtheilungen gemachten Vorschlägen.
Chr. J. Riggenbach.
22. Pädagogisches Seminar.
Dieses Seminar trat mit Beginn des Wintersemesters 1873/74 ins Leben und hat die Aufgabe, Studierende für ein höheres Lehramt vorzubereiten. Für seine Einrichtung war die Erwägung maassgebend, dass einerseits bei dem gegenwärtigen Zustande des Unterrichtswesens eine gewisse Orientierung über die wichtigeren allgemeinen Probleme, wie über die Methodik der einzelnen Lehrfächer schon während der Universitätszeit wünschenswerth sei, dass aber andrerseits diese Beschäftigung mit der Pädagogik sich innerhalb gewisser Schranken halten müsse, um nicht den eigentlichen Zweck der Universitätsstudien, die Vertiefung in die Wissenschaft selbst, zu gefährden. Die Seminarübungen sind theils theoretischer, theils praktischer Art. Anfänglich wurden beide vom einzigen Direktor, dem Ordinarius der Philosophie, geleitet; als aber in Folge von Veränderungen dessen Kräfte in verstärktem Maasse für die philosophischen Vorlesungen in Anspruch genommen wurden, übertrug die Curatel die Leitung der praktischen Uebungen dem Rektor des Gymnasiums.
Es leiteten das pädagogische Seminar 1873/74 Professor Dr. Rud. Eucken — 1874/75 Professor Dr. Max Heinze — 1875/81 Professor Herm. Siebeck — 1881/83 Professor Herm. Siebeck und Professor Fr. Burckhardt — seitdem Professor Joh. Volkelt und Professor Fr. Burckhardt.
Fritz Burckhardt.
23. Philologisches Seminar.
Das hiesige philologische Seminar wurde, auf Antrag der philosophischen Fakultät, zum ersten Mal im Jahre 1861 eröffnet unter der Leitung der Herren Professoren Gerlach, Ribbeck und Vischer. Sein in den Bedürfnissen der Zeit liegender Zweck war, jungen Studierenden der Philologie Gelegenheit zu selbstständiger Arbeit zu geben und die Beschäftigung mit der classischen Philologie möglichst dem späteren Wirkungskreis im theoretischen und praktischen Schulleben anzubequemen. Der letztgenannte Gesichtspunkt braucht nun allerdings seit der Lostrennung der pädagogischen Sektion nicht mehr strikte festgehalten zu werden (d.h. seit der Gründung eines spezifisch pädagogischen Seminars, 1873); doch wird er auch nicht völlig aus dem Auge gelassen, insofern ja die Mehrzahl der Philologie-Studierenden später zur Schulpraxis übergeht. Die Zahl der Besucher (bestehend aus ordentlichen Mitgliedern und blossen Auskultanten) schwankte in den Jahren 1861-1872 zwischen 4 und 11, im Winter des Jahres 1872 mussten die Uebungen wegen Mangels an Theilnehmern ausgesetzt werden. Im übrigen wurden Uebungen im Interpretieren und in der Kritik, anfänglich sowohl in lateinischer als auch in deutscher Sprache vorgenommen; später änderte sich dies (s. unten). An fleissige Mitglieder wurden und werden jetzt noch jährliche Prämien vertheilt.
Im Jahr 1874 befand sich das philologische Seminar (Direktoren die Herren Professoren Gerlach und Nietzsche) in grosser Zuhörernoth, da die Zahl der Theilnehmer bis auf einen zurückging. Doch hob sich die Zahl auf erfreuliche Weise schon in den nächsten Jahren, wo auch Professor Mähly als Mitdirektor in die Leitung des Institutes eintrat; von 1875 an ist ein langsames, aber stetiges Steigen (6-10 Theilnehmer) zu konstatieren, — im Winter 1880 nahmen sogar 13 Zuhörer an den Uebungen Theil — um dann wieder ebenso langsam einem decrescendo Platz zu machen (10, 6, 7) und wieder einen kleinen Aufschwung zu erfahren (8, 9), bis im Sommer 1884 mit 4 Zuhörern die kleinste Zahl seit zehn Jahren sich einstellte; im Sommer des laufenden Jahres ist sie wieder auf 7 gestiegen. Freilich machen (mit Ausnahmen) die ausserordentlichen, d.h. die nicht ordentlichen Mitglieder den grösseren Bruchtheil der jeweiligen Zahl aus.
Mit dem Jahr 1878 schloss, nach mehrmaligen durch Krankheit veranlassten längeren Pausen, die Thätigkeit Herrn Professor Nietzsche's am Seminar zugleich mit seiner akademischen ab, und an seine Stelle trat im Winter 1879 Herr Professor J. Wackernagel, der sich mit Professor J. Mähly in die Direktion des Seminars theilt.
Die Uebungen finden seit einer Reihe von Jahren vier Mal wöchentlich statt und gewöhnlich wechseln die beiden Direktoren in der Vornahme derselben also ab, dass der gleiche in dem einen Semester die lateinische, im folgenden die griechische Sprache und Litteratur übernimmt. In den Stunden selber wird nur und ausschliesslich Latein gesprochen. Die (vorwiegend kritisch behandelten) Autoren vertraten so ziemlich nach Stoffen und Zeiten den Umkreis der Zeit beider Litteraturen, von den homerischen Gesängen an bis auf die griechische Anthologie, von Nævius herab bis Silius Italicus, Epiker und Dramatiker, Lyriker und Rhetoren, Grammatiker und Philosophen, Historiker und Scholiasten; oft auch, wo die Werke eines Schriftstellers nicht mehr erhalten sind, wurden die gesammelten Fragmente desselben behandelt.
Jacob Mähly.
24. Germanisch-romanisches Seminar.
Laut der Statuten hat dieses im Wintersemester 1885/86 zu eröffnende Seminar den Zweck, das wissenschaftliche und praktische Studium der germanischen und romanischen Sprachen zu fördern, insbesondere die künftigen Lehrer der neueren Sprachen an Gymnasien und Realschulen für ihren Beruf vorzubereiten.
Es zerfällt in zwei Abtheilungen, eine für germanische und eine für romanische Philologie. Direktoren derselben sind die betreffenden Fachprofessoren.
Die Uebungen des Seminars sind schriftliche und mündliche. Jene bestehen in wissenschaftlichen und stilistischen Ausarbeitungen, diese in Interpretationsübungen und mündlichen Vorträgen. Jedes ordentliche Mitglied muss im Lauf des Semesters wenigstens eine schriftliche Arbeit liefern oder einen Vortrag halten.
Mit dem Seminar soll eine kleine Handbibliothek verbunden werden, zu deren Anlegung die Akademische Gesellschaft, in verdankenswerther Weise einen Beitrag von Fr. 500 der Direktion zur Verfügung gestellt hat. Für die Benützung der Handbibliothek wird eine besondere Ordnung aufgestellt werden. Wer aus dem Seminar austritt, kann auf seinen Wunsch vom Direktor ein Zeugniss über seine Leistungen im Seminar erhalten.
Gustav Soldan.
25. Staatswissenschaftliches Seminar.
Dasselbe wurde 1877 gegründet, trat aber erst 1878 in Wirksamkeit. Zweck desselben ist: »Erweckung und Pflege des Sinnes für das Studium der Staatswissenschaften, sowie die Anleitung zu methodischer Behandlung von Fragen aus den Gebieten der Nationalökonomie, der Statistik, des öffentlichen Rechts, der Verwaltungslehre und wirthschaftlichen Kulturgeschichte.« Behufs Unterstützung der Uebungen besteht eine eigene Seminar-Bibliothek (im Sommer 1885 ungefähr 1800 Bände und Brochüren), welche mit einer grösseren Anzahl ausländischer statistischer Bureaux im Schriftenaustausch steht, zu welchem Zwecke dem Seminar die von der Regierung ausgehenden Publikationen in einer grösseren Anzahl von Exemplaren überwiesen werden. Seminar und Bibliothek stehen unter Leitung des jeweiligen Professors der Nationalökonomie und Statistik. Zur Ertheilung von Prämien, sowie zu Anschaffungen für die Bibliothek ist der Direktion ein jährlicher Kredit bis zu Fr. 400 eröffnet. Die Frequenz schwankte zwischen vier bis zehn Mitgliedern.
Karl Bücher.
26. Mathematisch-naturwissenschaftliches Seminar.
Das Seminar trat mit dem Sommersemester 1866 ins Leben. Es hat den Zweck, Studierende, welche sich der Mathematik oder den Naturwissenschaften widmen, bei der selbstständigen Bearbeitung wissenschaftlicher Aufgaben anzuleiten und zu unterstützen. Sämtliche Lehrer der Mathematik und der Naturwissenschaften an der philosophischen und medicinischen Fakultät, welche sich dazu verständigen, werden als Lehrer des Seminars betrachtet. Die Anmeldung der Studierenden zur Betheiligung an dem Seminar geschieht bei den betreffenden Lehrern. Zur Aufmunterung des Fleisses oder zur Erleichterung bei den durch die Arbeiten veranlassten Unkosten können für eingelieferte Arbeiten Prämien in Form von Geld, Apparaten oder Büchern ertheilt werden, wofür ein jährlicher Kredit von Fr. 500 ausgesetzt ist. Eine grössere Anzahl von zum Theil trefflichen Arbeiten vorgerückter Studierender, meist mathematischen Inhaltes, sind aus dem Seminar hervorgegangen und mit Prämien bedacht worden.
Hermann Kinkelin.