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Die Republik des Südkreuzes

Im unterirdischen Kerker

Johannes von Guenther translation

Nach einer italienischen Handschrift des 16. Jahrhunderts

1.

Sultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei Kaiserreiche sich unterworfen hatte, vierzehn Königreiche und zweihundert Städte, schwor, daß er sein Roß mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus in Rom füttern wollte. Achmed Pascha, der Großvezier des Sultans, durchschiffte mit einem ungeheuren Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und zu Lande und nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im Jahre des Heils 1480. Die Sieger kannten ihren Greueln keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den Befehlshaber des Heeres, zerschnitten sie mit einer Säge, viele der noch kampffähigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof, die Priester und die Mönche wurden in ihren Kirchen auf alle mögliche Weise beleidigt, die wohledlen Damen und Jungfrauen durch Vergewaltigung geschändet.

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Des Francesko Largo Tochter, die schöne Julia, begehrte der Großvezier selbst in seinen Harem. Doch die stolze Neapolitanerin willigte nicht ein, Maitresse des Ungläubigen zu werden. Sie empfing den Türken bei seinem Besuche mit solchen Schmähungen, daß ihn ein furchtbarer Zorn gegen sie befiel. Natürlich hätte Achmed Pascha den Widerstand des schwachen Mädchens mit roher Gewalt besiegen können, doch er beschloß, sich grausamer zu rächen und ließ sie in den städtischen unterirdischen Kerker werfen. In diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur unverbesserliche Mörder und schwärzeste Bösewichte, deren Strafe schlimmer sein sollte als der Tod.

Julia, die man an Händen und Füßen durch dicke Stricke gefesselt hatte, wurde in einer verhüllten Sänfte zum Kerker getragen, da selbst die Türken ihr eine gewisse Ehrerbietung die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht verweigern konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in die Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an die Wand geschmiedet. Julia hatte nur ihr prächtiges Gewand aus Lyoner Seide an, alle ihre Schmucksachen hatte

Der Kerker war eine Erdhöhle unter dem Turme der Stadtmauer. Zwei mit dicken Eisenstäben fest vergitterte und dicht an der Decke belegene winzige Fenster reichten nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie ließen nur ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges Dunkel wäre, und damit die an das Halbdunkel gewöhnten Augen die Mitgefangenen unterscheiden könnten. In den Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengürteln angebracht. Diese Gürtel wurden fest um die Eingesperrten geschlungen und dann verschlossen.

Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Türken wollten keinen von ihnen befreien, da sie die Gebräuche der Länder, die sie erobert, fortzuführen liebten. Und Julia ward angekettet neben der alten Vanozza, die wegen Zauberei und Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben dem bleichen Jüngling Marco, der schon während der Belagerung hier eingesperrt wurde, da er an einer Verschwörung gegen den Befehlshaber der Stadt teilgenommen hatte.

2.

Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie eine Tote. Sie war von all dem mit ihr Geschehenen erschüttert und glaubte in der dumpfen und übelriechenden Kerkerluft ersticken zu müssen. Von Minute zu Minute erwartete sie ihr Hinscheiden.

Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme der Stadt wußten, besprachen unterdes, was sie gesehen. Anfangs stritten sie lange über den Grund des Erscheinens der Türken in ihrem Loche. Dann sprach man von Julia, kritisierte ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Kleidung und warf die Frage auf, wer sie sei und was sie wohl in diese Höhle gebracht hätte.

— Ein schönes Mädchen, sagte Lorenzo, der alte Räuber,

— Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht für uns, sagte die alte Vanozza, — und was trägt sie für ein Kleid! Einen ganzen Dukaten ist die Elle wert.

— Daß ich den Kopf ihr zerschlüge, wär sie mir nur näher, sagte Cosimo aus seiner dunklen Ecke heraus, — sie ist von jenen, die in Seide gehen, während wir hungern.

Die leidende Maria, die schon längst fast zum Skelett geworden, und die der frühere Kerkermeister jeden Tag fragte, ob sie nicht bald stürbe, bemitleidete Julien:

— O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfühle auf die nackte Erde zu kommen, vom fürstlichen Mahle zu Wasser und Brot!

Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mönch, der im Kerker schon über zwanzig Jahre saß, und ganz mit Haaren bewachsen war, drohte mit schrecklicher Stimme:

— Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Ungläubigen übergeben, zur Züchtigung der Stolzen und Schlemmenden, damit später die Kleinen und Armen sich freuen können. Freut euch.

Und nur Marco schwieg. Übrigens betrachteten ihn die Gefangenen noch nicht völlig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener war.

3.

Langsam kam Julia zu sich. Doch ihre Augen blieben geschlossen und sie bewegte sich nicht. Sie hörte von sich sprechen, aber begriff kaum ein Wort. Dann dunkelte es immer mehr und die Gefangenen schliefen einer nach dem andern ein. Von allen Seiten scholl lautes Schnarchen. Da erst konnte Julia weinen und sie schluchzte bis zum ersten Lichte.

Früh am Morgen stiegen die neuen Kerkermeister zu ihnen herab. Das waren zwei Türken: der eigentliche Kerkermeister war älter, sein Gehilfe jünger. Sie begannen, wie

Anfangs wagten die Gefangenen nicht zu sprechen, aber dann erkühnten sie sich, zu fragen, was denn eigentlich geschehen sei, und warum man sie nicht freiließe, wenn doch die Stadt von anderen beherrscht würde. Doch die Türken verstanden kein Italienisch.

Den altern Kerkermeister reizte Julias Schönheit und Jugend. Er legte seinen Brotsack beiseite, sagte ihr einiges in schmeichelndem Tone und wollte sie umfangen. Doch Julia, die ihre traurige Lage vergaß, wollte keine solche Beleidigung ertragen und schlug ihn ins Gesicht.

Der Türke wurde wütend, ergriff eine Peitsche, die er zufällig bei sich trug, und begann, sie grausam zu peitschen. Alsdann, akkompagniert vom Lachen und fröhlichen Schreien des ganzen Gefängnisses, vergewaltigte er sie.

So gewann die Jungfernschaft der schönen Julia Largo, die ihre Gunst selbst dem Großvezir des Sultans versagt hatte, ein einfacher Türke, dem es nicht einmal gegeben war, die Frauen aus dem Harem seines Paschas jemals sehen zu können.

4.

So vergingen die Tage im Kerker.

Julia gewöhnte sich allmählich an ihre furchtbare Umgebung, an die verpestete Luft, an das steinharte Brot und an das faulende Wasser. Sie gewöhnte sich selbst an Dinge, an die sie früher ohne die äußerste Scham nicht einmal denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters Liebkosungen täglich hin, sowie auch zuweilen seine Schläge. Sie entschloß sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller Augen das zu tun, was die Leute gewöhnlich verbergen.

Die Gefangenen waren in solchen Abständen angekettet, daß der eine sich nur mit Mühe bis zum andern strecken

Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete auf keine Frage, und es war, als hörte sie die Schmähungen nicht, mit denen sie überschüttet wurde. Sie sagte keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis für alle Insassen des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem Nachsinnen, ohne zu weinen, ohne zu klagen.

Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie zuweilen einige Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon viele Jahre saß, gab Julien mehrere wichtige Ratschläge. Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen zu sitzen, damit die Füße nicht steif würden. Zeigte ihr, wie man es anstellen müsse, damit der eiserne Gürtel nicht allzu sehr den Körper presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen Wasserrest auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule. Julia mußte die Nützlichkeit dieser Ratschläge einsehen und antwortete aus Dankbarkeit auf die Stimme der Vanozza.

Einmal stieß Julia unversehens an ihren Krug und vergoß ihr Wasser. Die Gefangenen hüteten ihr Wasser sehr, denn es war Sommer und im Kerker sehr heiß. Furchtbar quälte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht.

Der neben ihr angekettete Marco rückte ihr seinen Krug heran.

— Du willst trinken, sagte er, — und ich bitte dich, nimm mein Wasser.

Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen ihr schön vor und ebenso seine bleichen Wangen.

Sie sagte:

— Ich danke dir.

An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders erfrischend.

5.

Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen. Anfangs waren ihre Gespräche sehr abgerissen. Aber allmählich begannen sie mehr und mehr miteinander zu reden. Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in Unterhaltungen.

Julia erzählte von der Pracht und dem geselligen Leben in den Palästen: von den gewölbten Galerien und dem Fußboden aus Mosaik, von Möbeln aus kostbarem Holze und Lüstern aus venezianischen Glase, von Gärten mit künstlichen Wasserfällen und Fontänen, von Kleidern, die mit Gold und Perlen ausgenäht sind, vom Fest und vom prunkenden Mahl, von Bällen mit Tanz, Maskeraden in den von Lampions geschmückten Gärten, von Illuminationen und von den heiteren Jagden im Walde; von Theateraufführungen und vom Spiel auf dem Spinett, der Zither, Flöte und dem Klaviere; erzählte von den Werken der Kunst, von Spangen, Braceletten, Diademen, welche die besten Juweliere gearbeitet hatten, von feinen artigen Medaillen, von Statuen der alten und neuen Bildhauer, von wundervollen Bildern der großen neuen Maler, die Geschehnisse aus der heiligen Geschichte, Szenen aus den römischen Göttersagen oder Bilder des gegenwärtigen Lebens darstellten; erzählte alles, was sie in den Büchern des Filelfo, Pontano, Panoramito, Alberti und anderer zeitgenössischer Schriftsteller gelesen hatte; wiederholte die Novellen des Poggio und Boccaccio und deklamierte die Verse des Petrarca.

Marco hingegen sprach von den schönen Muscheln, die er im Meere gesammelt, von den wunderlichen und bunten Fischen, die er in seinen Netzen gefangen, von den Krabben, deren Gang seitwärts ist, und von den unförmlichen Tritonen; gedachte der nächtlichen Fischfänge, beim Schein der Pechfackeln, der Wettfahrten in Boten, der tiefblauen Grotten, der furchtbaren Stürme auf dem Meere; beschrieb das Leben in Sizilien und Afrika, in den Ländern, wo schwarzhäutige Menschen, Elefanten und Kamele leben; gab wieder die Erzählungen von den Irrfahrten Sindbads des Seefahrers, der einst den Rücken eines Meeresungeheuers für ein Eiland angesehen hätte, der in den Ländern war, wo Menschen ohne Köpfe leben, der den Vogel Rochen weit hinter den Mondbergen gejagt hatte; er träumte von den Sirenen des Meeres, die des Nachts auf Leiern mit goldenen Saiten spielen und die jungen Fischer zu sich heranlocken, um sie zu ertränken, träumte von den Salamandern, die unsichtbar in der Luft rings um uns leben, und die nur im Feuer sichtbar sind, weil sie durch dieses hindurchgehend, entflammen müssen, träumte von den schwarzen Titanen, die unter dem Vesuv liegen und deren Atem schwarzer Rauch ist, und auch von dem Leben auf der Sonne und den Sternen und von den singenden Blüten und von den Mädchen mit Flügeln, ganz wie Schmetterlinge.

Nur von einem sprachen Julia und Marco nie: von ihrem Gegenwärtigen und Zukünftigen, von dem, wie die Tage im Kerker wären, und was sie erwartete.

Die anderen Gefangenen lachten anfangs über ihre Gespräche, hörten aber bald auf, ihnen irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken.

6.

Da sie einander erkannten, schämten sich Julia und Marco wieder vor einander. Und wieder begannen sie jenes im geheimen zu tun, was die Leute vor fremden Augen verbergen.

Eines Morgens wandte der Kerkermeister Julien seine Aufmerksamkeit wieder zu, obgleich sie, geschwächt durch

Dem heraneilenden Gehilfen war es natürlich ein leichtes, den von der langen Gefangenschaft geschwächten Jüngling zu bewältigen. Beide Türken stürzten sich auf ihn und begannen ihn unbarmherzig zu peitschen. Sie schlugen ihn abwechselnd, bis beider Hände vor Ermattung niedersanken. Schimpfreden und Drohungen ausstoßend, entfernten sie sich endlich und ließen den Marco in einer Blutlache zurück.

Im Kerker schwieg alles. Keiner wußte, was zu sagen.

Julia näherte sich dem Marco, soweit ihre Ketten es zuließen, wusch seine Wunden und legte ihm feuchte Umschläge um den Kopf.

Marco öffnete die Augen und sagte:

— Ich bin im Paradies.

Julia küßte ihn auf die Schulter, da sie seine Lippen nicht erreichen konnte und sagte ihm:

— Ich liebe dich, Marco. Du bist so licht.

Alle dachten, daß der Türke am nächsten Tage Marco totschlagen würde. Doch aus irgend welchen Gründen kamen am nächsten Morgen zwei neue Kerkermeister, den Kerker zu reinigen: beide waren düster und beachteten die Gefangenen keineswegs. Hatten nun die Bisherigen Furcht vor der Rache, oder wurden sie abgelöst — dies blieb für den Kerker ein Rätsel.

7.

Marco war einige Wochen lang krank, und Julia pflegte ihn nach Kräften. Doch als Marco wiederhergestellt war, erkrankte Julia.

Eines Abends begann sie laut zu stöhnen, da sie ihre

Gegen den Morgen gebar Julia ein totes Kind.

— Schade, daß es tot ist, sagte Lorenzo, — es wäre ein prächtiger Halunke geworden! Selten genug trifft einen das Schicksal, im Kerker geboren zu werden.

Cosimo beschimpfte die Vanozza, weil sie Julien geholfen hatte.

— Laß sie, es ist ein Weib, entgegnete ihm die leidende Maria.

Am Morgen kamen die türkischen Kerkermeister, wie immer, schaufelten den kleinen ungetauften Leichnam mit dem Unrat zusammen und trugen ihn irgend wohin fort.

8.

Einige Tage darnach sagte Julia zu Marco nachts, als alle schliefen:

— Marco! Du mußt mich ja verachten. Ich bin gefallen. Du bist der Erste, den ich lieb gewann. Aber ich kann dir nicht mehr die Reinheit meines Körpers hingeben. Gegen meinen Willen hat man mich beschmutzt. Ich bin deiner unwürdig, obwohl ich mich nicht an dir versündigt habe. Ach, wäre ich dir in früherer Zeit begegnet, und hättest du als erster meine Brust gesehen, die kein Mann je zu berühren wagte! Dann gäbe es keine Liebkosung, die ich nicht in mir finden würde, um sie an dich mit aller Hingabe der Liebe und Leidenschaft zu verschwenden. Jetzt aber, Marco, laß mich, und wage es nicht, an mich als an ein Weib zu denken. Wenn es mir schon unmöglich ist, dir als Mitgift die einzige wirkliche Kostbarkeit, die ein Mädchen besitzt, ihren ehrlichen Namen, mitzubringen, so will ich auch nicht, daß du dich späterhin deiner Wahl schämen müßtest. Ich werde dich ewig lieben, doch du sollst nicht an mich denken. Aber so lange uns noch der gerechte Zorn des Herrn in dieser Hölle festhält, o, so lange erlaub mir zuweilen dein Gesicht anzusehen, damit ich die Versuchung überwinden kann, die Todsünde des Selbstmordes zu begehen. Sollte aber die Fürsprache

Jedoch Marco entgegnete ihr:

— Julia! Du bist der lichte Engel über mir. Niemals noch, sei’s im Traum oder im Wachen, sah ich etwas, was schöner wäre, als dein Bildnis. Du ließest mich wieder an Gottes Barmherzigkeit und an den Duft seiner Paradiese glauben. Denn wenn dort, inmitten der hohen Lilien, solche Menschen sind, wie du, so verlohnt es sich schon, die Qualen auf der Erde zu erdulden. Der Gedanke an dich blendet mich mit blauem Feuer, wie der Blitz. Wenn deine Hände mich berühren, erbebe ich: es ist wie eine glühende, aber süße Kohle, Deine Stimme ist wie ein Vogellied auf der taufrischen Wiese, oder wie das Raunen einer leise schaumgekrönten Welle, nicht weit vom steinigen Ufer. Den Fleck zu küssen, den du berührst, ist meine höchste Bestrebung. Du bist unberührt und in deinem Wesen aller Sünden ledig; die Sünde ist unter dir und du bist immer über ihr, wie der kristallene Himmel immer über den Wolken ist. O, meine Herrin, laß nicht mich entbehren den Regenbogen deiner Blicke.

Da aber kniete Julia nieder und sagte zu ihm:

— Marco! Mein Geliebter! So nimmst du mich denn zur Frau?

Da aber kniete Marco nieder und sagte zu ihr:

— Mädchen! Vor dem Antlitz Gottes des Herren, der alles sieht, nehme ich dich zum Weibe, verlobe mich mit dir und vereinige uns in einem Bunde, den kein Mensch jemals die Macht hat, aufzulösen.

Und so vereinte sie die Ehe, nachts, während alle schliefen und nur die beiden auf den Knien voreinander lagen.

9.

Die christlichen Herrscher konnten den Gedanken natürlich nicht ruhig ertragen, die Ungläubigen in einem Lande

Die ausgezeichnete Tapferkeit der Christen brach den Widerstand der Ungläubigen, denen außerdem der Mut entfiel, als sie vom Tode ihres Sultans Mahomed hörten, der sein ungestümes Leben im Mai des Jahres 1481 beschloß. Die Muselmänner flohen aus Italien und aufs neue nahmen die Neapolitaner die wohledle Stadt Otranto ein.

Inmitten der Befehlshaber des christlichen Heeres befand sich auch Pietro, der Bruder des unglücklichen Fernando Largo, und er beeilte sich, den Aufenthaltsort seiner Nichte auszukundschaften. Man führte Julia aus ihrem Verließ. Sie vermochte kaum, auf ihren geschwächten Füßen zu stehen und unerträglich blendete sie das Licht der Sonne. Jene aber, die ihre Blässe und Magerkeit sahen, konnten sich kaum der Tränen enthalten. Flinke Dienerinnen badeten sie in wohlriechendem Wasser, kämmten ihre Haare, und kleideten sie in leichtes feines Linnen.

Julia war wie von Sinnen, und gab kaum auf die vielerlei Fragen Antwort. Am Tage nach ihrer Befreiung befiel sie eine schwere Krankheit, und mehrere Wochen hindurch war sie dem Tode nahe. Im Fieberwahne kam es ihr vor, als ob sie schon tot sei und zu ewigen Qualen im Fegefeuer verurteilt wäre, und als ob die Teufel auf jede nur denkbare Weise ihren Körper zu peinigen und schänden bestrebt wären. Sie erkannte keinen ihrer Verwandten und alle ihr sich Nähernden flößten ihr Entsetzen und Abscheu ein.

Als sie dank der ärztlichen Kunst und der Fürsorge ihrer Verwandten sich langsam zu erholen begann, schien es ihr, als wäre all das Vergangene, jenes furchtbare Jahr, das sie im unterirdischen Kerker zubrachte, nur eine Erscheinung

10.

Nach ihrer endgültigen Wiederherstellung reiste Julia nach Neapel und wohnte dort bei einem ihrer Onkel. Der heute bereits entschlafene König Fernando gab ihr im Angedenken des Märtyrertodes ihres pflichtgetreuen Vaters eine jährliche Rente von tausend Dukaten. Außerdem gingen als ihr Erbe alle Schlösser und Länder ihres Vaters in vollem Bestande an sie über. Die Schönheit Juliens erblühte in solcher Pracht wie nie zuvor. Auf den Hoffesten setzte sie alle in Verwunderung, und, da sie reich war, so fehlte es ihr nicht an jungen, artigen und hochgeborenen Männern, die sich um ihre Hand bewarben.

Einstmals ging Julia am Hafen, wo die neuen bemerkenswerten Gebäude errichtet waren, mit ihren Dienerinnen spazieren. Plötzlich bemerkte sie in einem kleinen Haufen von Fischern, die an einem Boote standen, den Marco. Er war ganz wie ein Seemann angezogen, trug eine Jacke mit Posamenten und eine rote phrygische Mütze.

Als hätte ein böser Zauberer ihr mit seinem Magierstabe gedroht, wurde es Julien plötzlich traurig und qualvoll zumute. Sie wollte so tun, als hätte sie den Marco nicht bemerkt, doch offenbar hatte er sie bereits gesehen und erkannt. Da schickte Julia eine ihrer Dienerinnen zu dem Marco, und hieß ihn, am Abend desselben Tages bei ihr zu erscheinen. Sie bemerkte noch, wie Marco lächelte und zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe nickte.

Den ganzen Tag über kannte Julia keine Ruhe. Am Abend erschien Marco, jung, frisch, kräftig, kühn. Julia empfing ihn in ihrem Zimmer. Mit ihr waren ihre Freundin Monna Lucrezia und zwei vertraute Dienerinnen. Julia trug ein goldverbrämtes Samtgewand, mit durchbrochenen Ärmeln, ein Perlengeschmeide zierte ihren Hals, und auf die Stirne

Ehrfürchtig verbeugte sich Marco vor ihr, wie es ein einfacher Fischer vor einer edlen Signora gewiß tun mußte.

Einige Zeit hindurch wußte Julia nicht, was zu sprechen; dann fragte sie ihn:

— Sage mir, mein Freund, womit beschäftigst du dich jetzt?

Marco sah sie mit seinen schwarzen Augen an, lächelte ebenso wie am Morgen und entgegnete:

— Signora, ich bin ein Fischer, handle mit Fischen und führe zuweilen Waren aus Otranto nach Neapel.

— Und du bist mit deiner Lage zufrieden? fragte Julia.

— Mehr habe ich nicht nötig, als leben und die goldene Sonne und blauen Wellen sehen können, antwortete Marco, und seine Stimme tönte so zart, wie in den Stunden ihrer langen Gespräche im Kerker.

Doch Julia bezwang ihr Herz und sagte nur:

— Ich werde dir auf meine Kosten eine Barke ausrüsten lassen, damit du einen selbständigen Handel beginnen kannst.

Marco senkte den Kopf.

— Ich danke Ihnen, Signora, und will Sie nicht durch eine Weigerung kränken. Erlauben Sie mir nur, die Barke zum Gedächtnis an Sie mit Ihrem Namen zu benennen.

Nach diesen Worten verbeugte sich Marco abermals aufs höflichste und bat um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Nachdem er hinausgegangen war, sagte Julia zu der Monna Lucrezia:

— Ich weiß, daß dieser Mensch an einer Verschwörung gegen meinen Vater teilgenommen hat. Doch da er gleich mir die Einnahme unserer Stadt überlebte, kann ich ihm nicht zürnen. Ich werde tatsächlich für ihn eine Barke ausrüsten lassen, werde aber bitten, daß man ihm verbiete, sich in Neapel zu zeigen. Mag er seine Geschäfte irgendwo um Tarent weiterführen.

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