Note 55112–13 — NACHWEISE
Karl Eugen Neumann translation
»Die unbeschränkte Gemütherlösung, die unbeschwerte Gemütherlösung, die ledige Gemütherlösung, die vorstellungslose Gemütherlösung: das sind Begriffe, o Bruder, die nach der einen Betrachtungsart verschieden sind und verschiedene Bezeichnung haben, nach der anderen Betrachtungsart aber gleich sind, doch verschieden bezeichnet. Nach welcher Betrachtungsart nun, o Bruder, sind diese Begriffe verschieden und haben verschiedene Bezeichnung? Da strahlt, o Bruder, ein Mönch liebevollen Gemüthes weilend nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Erbarmenden Gemüthes — freudevollen Gemüthes — unbewegten Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüthe, mit erbarmendem Gemüthe, mit freudevollem Gemüthe, mit unbewegtem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Das nennt man, o Bruder, die unbeschränkte Gemütherlösung. Und was, Bruder, ist die unbeschwerte Gemütherlösung? Da erwirkt, o Bruder, der Mönch nach völliger Ueberwindung der unbegränzten Bewusstseinsphäre in dem Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins. Das nennt man, o Bruder, die unbeschwerte Gemütherlösung. Und was, Bruder, ist die ledige Gemütherlösung? Da weilt, o Bruder, der Mönch im Walde, oder am Fuß eines Baumes, oder in leerer Klause und überlegt also: ›Leer ist das von Mir und Mein.‹ {298} Das nennt man, o Bruder, die ledige Gemütherlösung. Und was, Bruder, ist die vorstellungslose Gemütherlösung? Da erwirkt, o Bruder, der Mönch, indem er keiner Vorstellung Raum giebt, die vorstellungslose Gemüthvertiefung. Das nennt man, Bruder, die vorstellungslose Gemütherlösung. Das ist die Betrachtungsart, Bruder, nach welcher diese Begriffe verschieden sind und verschiedene Bezeichnung haben. Nach welcher Betrachtungsart nun, o Bruder, sind diese Begriffe einander gleich und haben nur eine verschiedene Bezeichnung? Die Gier, o Bruder, beschränkt, der Hass beschränkt, die Irre beschränkt: die hat der wahnversiegte Mönch verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können. Sind nun, o Bruder, die unbeschränkten Gemütherlösungen unerschütterlich geworden, so gilt die Gemütherlösung von ihnen als das Letzte; und diese unerschütterliche Gemütherlösung ist dann ledig der Gier, ledig des Hasses, ledig der Irre. Die Gier, o Bruder, beschwert, der Hass beschwert, die Irre beschwert: die hat der wahnversiegte Mönch verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können. Sind nun, o Bruder, die unbeschwerten Gemütherlösungen unerschütterlich geworden, so gilt die Gemütherlösung von ihnen als das Letzte; und diese unerschütterliche Gemütherlösung ist dann ledig der Gier, ledig des Hasses, ledig der Irre. Die Gier, o Bruder, schafft Vorstellungen, der Hass schafft Vorstellungen, die Irre schafft Vorstellungen: die hat der wahnversiegte Mönch verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können. Sind nun, o Bruder, die vorstellungslosen Gemütherlösungen unerschütterlich geworden, so gilt die Gemütherlösung von ihnen als das Letzte; und diese unerschütterliche Gemütherlösung ist dann ledig der Gier, ledig des Hasses, ledig der Irre. Das, o Bruder, ist die Betrachtungsart, nach welcher diese Begriffe einander gleich sind und nur die Bezeichnung eine verschiedene ist.«