Zweites Kapitel
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Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre, betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im „Zimmer“ wurden zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten.
Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf den bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras.
Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile blickte er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. „Was glaubt ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist erschossen worden.“
„Oh, halt doch’s Maul!“
„Da hockt er ja“, sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou.
„Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Büchern“, rief der bleiche Kapitän wütend.
„Winnetou ist tot?“ fragte Winnetou leise. „Das ist nicht möglich. Wie soll denn das passiert sein.“
„No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert Siouxindianer gegen Winnetou allein! Er ist halt überrascht worden, in einer Höhle, die nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er tödlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Höhle geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.“
„Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in so einem Augenblick nit da sein?“ fragte Winnetou erregt.
Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber waren auf den bleichen Kapitän geheftet.
„Das ist’s ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist er in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer geritten, sondern geflogen auf seinem ‚Rih‘. Und ist halt doch grad um ein paar Augenblick zu spät kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous müßt ihr les’ . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heißt’s: Hundertmal hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt muß ich zu spät kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.“
Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die den wilden Westen sahen, die Höhle, in der Winnetou verschieden war.
Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren — aber am äußersten Ende, da, wo Prärie und Himmel sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner, schwarzer Punkt — schußbereit.
„Da kann man jetzt nix mehr mach“, sagte der bleiche Kapitän und reckte sich auf. „Aber fürchterliche Rache hat er geschworen.“
„Leih mir das Buch bis morgen“, bat Winnetou.
„Das geht auf kein Fall. Ich hab’s selber noch nit ausgelesen“, wehrte der bleiche Kapitän ab.
„Morgen früh geb ich dir’s wieder zurück.“
„Morgen früh muß ich’s ja schon abliefern, sonst muß ich vier Pfennig mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt du’s gleich les . . . Wir gehn jetzt in die Weinwirtschaft ‚Zum Lochfischer‘. Kommst halt nach, wennst’s ausgelesen hast.“
Winnetou griff nach dem Buch.
Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die Sonne war untergegangen.
Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, die Herr Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des säbelbeinigen Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. „Ich muß erst die Stiefel vom Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da . . . Geh mit“, sagte er zum König der Luft.
„Hn!“
„Der frißt dich doch nit.“
„Also hopp! Also wenn du meinst.“
„Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis wir nüberkommen?“ fragte der König der Luft auf der Treppe.
Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. „Das ist fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux übrigbleiben . . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war.“
„. . . Verlangst du mehr für die Stiefel?“
„Sei doch still.“
Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich’s bequem gemacht. Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die Höhe zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem Kanapee hing.
„Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig kosten die Stiefel.“
Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös mit den Daumen.
„Schon fertig?“ Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief blaurot an. Dabei preßte er hervor: „Drei . . . Mark . . . neunzig?“
„Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.“ Der König der Luft blickte starr vor sich hin.
Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke, schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem Daumen auf das Oberleder. „Die sind wieder fest beisammen . . . Richt einen schönen Gruß aus an deinen Vater“, sagte er und zog den Geldbeutel.
„Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag“, sagte der Schreiber auf der Treppe. „Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.“
„Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.“
„Was glaubst denn, da wär er drauf komme.“
„Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder.“
„Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen hab ich eine Mark siebzig dran verdient.“
„Hn!“
„Eine Mark siebzig.“
„Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.“
„Geb halt das Geld erst später dein Vater“, drängte der bleiche Kapitän vor dem Hause. „. . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber, daß eine Rettung absolut nit möglich war“, sagte er zu Winnetou, der stehend las. „Also, jetzt gehen wir zum ‚Lochfischer‘ . . . Komm aber, wennst’s ausgelesen hast!“ rief er Winnetou nach, der „Ja, ja, sicher!“ rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging.
Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und wollte in sein Zimmer schleichen.
Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: „Da komm mal her!“ Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus baumelte an ihrer Brust.
Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee neben der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör standen auf dem Tisch.
„Wo hast du das Buch!“ rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf die Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen.
„Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!“
Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein und schlug das Kreuz.
„Nun?“
Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. „Gelobt sei Jesus Christus.“
„In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?“ fragte der Kaplan und nippte vom Likör.
„. . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden verzeihen.“ Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor.
Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: „Oldshatterhands Eisenfaust hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der rote Mann tot zu Boden.“
Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.
„Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.“
Frau Steinbrecher wurde blutrot. „Von wem hast du das Buch!“
„Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.“
Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. „Morgen gehe ich mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!“
Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.
„Wird’s bald!“
Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand vorstreckte.
„Jetzt komm!“ rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos das Zimmer. Die Tür verschloß sie.
Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die zart errötend ihm die Hand überließ.
Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.
Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter, daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen trockneten. Die Gesichtshaut spannte.
Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: „Dort . . . dort.“
Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder.
Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem Wagen gelegen und eingeregnet worden.
Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim „Lochfischer“ versammelten Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken.
Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren ging.
Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze Südwand des Hauses bedeckte.
Die Räuber hatten sich beim „Lochfischer“ um einen langen Tisch herumgesetzt.
Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke streifte.
Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte.
Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte.
Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond, mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte. Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil sie ihm den Namen „Duckmäuser“ gegeben hatten.
Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden.
Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: „Nooo, seid ihr auch wieder einmal da.“
Die Räuber lächelten befangen.
„Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir’s Wasser so versaut.“
Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: „No, wo wird’s herkumme, d’r Michl läßt halt ’n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.“ Er drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu den Räubern. „Was wird’s sei, d’r Drääk vo d’r Färberei is.“
„No, da soll aber doch weeß d’r Teufl was alles neischlag! Läßt der Hammel sei Farbsoß wied’r ins Wasser läff? Wied’r?“
„Jau“, winkte der Wirt ab, „die alte G’schicht . . . Grüß Gott, meine Herrn.“ Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf seitwärts zum Fischer hin: „Die alte G’schicht! . . . No, Herr Vierkant, wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.“
Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. „Ich weiß nit, wo er is.“
„Ein guter Tropfen“, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen.
Der Wirt lächelte. „No, Herr Widerschein.“ Er legte dem Schreiber die Hand auf die Schulter.
„Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat“, sagte der Schreiber sehr schnell.
„So, so . . . No, lasse Sie sich’s nur schmeck, mitnander . . . Gretl! ’n Herrn Widerschein sei Glas is leer“, sagte der Wirt und ging nach hinten zu seinem Schanktisch.
Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. „Beim ‚Lochfischer‘ müssen wir Stammgäst werden“, sagte der bleiche Kapitän. Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: „Hören Sie mal, kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?“
Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an, deutete auf einen Stuhl: „No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche“, und wandte sich zurück zum Tisch.
Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. „Die hab ich ihm erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten“, flüsterte er. „Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei Schuh bei mein Vater mach.“
Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke, sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: „Enormjemütlich!“ und las laut den gerahmten Spruch an der Wand:
„Ob ich morgen leben werde, Weiß ich freilich nicht, Daß ich aber, wenn ich lebe, Trinken werde, das ist ganz gewiß.“
Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und begann an einem roten Strumpf zu stricken.
Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte. „Isterfrisch?“
„He?“
„Ist der Fisch frisch?“
„No, wenn Sie ’n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er Ihne schlecht“, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden Karpfen unter die Nase.
„Was glaubt denn deer“, sagte der Schreiber laut.
„Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke“, meinte der Fischer.
„Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da. Größter Seifenverbrauch usw.“
„No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is? Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.“
Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann, der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend an. „Was hat denn der Verrecker“, rief Johann Jakob Streberle und lachte, wobei „zs-zs“-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen geschlossen. „Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin wir schö derhem gebliebe. Nit amal ’s Geld hätte mir g’habt. Besuffe sin sie a no.“
Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.
„No, was mi angeht“, antwortete der Fischer, „i hab’s grad so gemacht . . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho ’n Arsch aushaue, wenn’s nöti is. — I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle, weil’s mit der Brautschau Wasser war.“
„No, allemal!“ rief der Schreiber.
„O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will“, sagte der Glasermeister speichelspritzend.
Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise auf der Gitarre. „Doch! Jetzt singen wir“, flüsterte er. „Hopp!“
„Gretl, noch ein Maß“, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte.
„Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer“, sang das blonde Mädchen.
„Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung“, sagte der Berliner.
„O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!“
„Einfach weil’s Wasser war mit der Brautschau“, sagte plötzlich der Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von „In einem kühlen Grunde“ unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten Glasermeisters:
„Johann Ja—a—kob Streeeberle, Johann Stre—e—berlee — — —“
die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte, gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen durch und blickte wütend zu den Räubern hin.
„No, jetz is aber genug“, sagte der Wirt und lächelte vergnügt.
Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: „Also hopp! . . . Los!“ Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher Mädchenstimme: „Nieder mit der Tyrannei!“ Worauf die anderen sofort einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ:
„Hoch leb die Anarchie! Es lebe der Achtstundentag, Die Ruh, die Republik!“
Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. „Bezahle Sie doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . . Die ham sowieso scho genug auf’n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur, Bürschli“, schloß er geheimnisvoll.
„Was wolle denn Sie von uns“, rief der Schreiber.
„Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.“
„Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.“
Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. „Pst! Sei still!“ flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. „Wißt ihr, was auf dem Hobel steht?“
„Auf was für’n Hobel?“
„Aha! Hat’s euch scho?“ rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten.
„No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf’n Schloßberg g’funde ham. J. J. St. steht darauf“, flüsterte der bleiche Kapitän. „Der Hobel gehört dem Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg’schnüffelt.“
Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum Glasermeister hin.
„Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix g’sagt hab.“
„Sie wisse nix . . . gar nix“, sagte der Schreiber.
„Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul“, flüsterte der bleiche Kapitän.
Der Glasermeister schnellte in die Höhe. „Sooo . . . ihr habt mein Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!“ Er sprang an den Räubertisch.
„Wolle Sie was von uns!“ Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.
Da trat Winnetou ein.
Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.
„Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie, was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie“, sagte Winnetou laut und setzte sich.
Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. „Ruh jetzt! . . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute in Ruh.“
„Ihr Gauner!“ Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll sah der Wirt den Glasermeister an. „Setzen Sie sich auf Ihren Platz . . . Dort ist Ihr Platz!“ sprach er hochdeutsch.
„No ja, aber hat’s denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . . Wir Männer — — —“
Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.
Auch die Räuber setzten sich.
Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit ihm eilig die Weinstube.
„I wer mir mei Gäst vertreib lasse.“
„No, jetzt sage Sie selber.“
„Streberle, i will gar nix wiss.“
„Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein“, fragte der Berliner den Fischer.
„Das is ’n Widerschein seiner.“
„Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.“
„Ja, Berliiiiiiin!“
„Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . . Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.“ Der Berliner nahm sein Glas in die Hand.
„Was? . . . Erhööööhen?“
„Flecke auf die Absätze.“
„Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.“
Der Schreiber horchte gespannt.
„Aber hörn Sie mal!“ Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne getrunken zu haben. „Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip . . . Ich bin Reisender.“
„Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch hab.“
„Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.“
Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem Stuhle herumrutschte. „Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.“
„Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit — reelle Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.“
„Ja no, das Solide is no alleweil das beste.“
„I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln“, sagte Johann Jakob Streberle und erhob sich.
„’n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch rauskrieg, was er vor hat“, sagte der bleiche Kapitän, als der Glasermeister gegangen war.
„Solide — reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit dem Kriege siebzig/einundsiebzig.“
„Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind in einem Dorf gelege — —“
„Hör’n Sie mal!“ unterbrach der Berliner: „Die Preußen — — — — —“
Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: „Mir ist jetzt alles gleich“, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die Augen und rief streng: „Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am heiligen Sonntag zu arbeiten!“
„Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine“, rief erbost der Schmied.
„Hau mal her!“
Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.
„Hau no mal her!!“
Er hieb ihm wieder eine herunter.
„Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!“
Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und ging in seine Werkstatt zurück.
Die Räuber gingen die Straße vor bis zum „Spitäle“. Alle waren etwas angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts nachdenklich nebenher ging.
Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr.
„Ich hab’s euch ja g’sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab’n genau g’sehn.“ Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und deutete zur Festung.
„Hast halt auch amal was g’sehn“, sagte der ernüchterte Schreiber.
„Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!“ rief der bleiche Kapitän. „Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie’s Maul halte, kriege Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget . . . ich weiß ja gar nit, was da wär.“
Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag.
„Wollen wir nicht lieber ins ‚Zimmer‘“, fragte Oldshatterhand. „Wir zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.“
„Hohaho!“ rief der Schreiber. „Oldshatterhand hat Angst, in die Wirtschaft zu gehen.“
„Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?“
„Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?“
„Kerzen? — Kerzen haben was mit Indianern zu tun.“
„Also der spinnt!“ Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust, und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend, erhaben die Hände gegen den Knochen aus.
Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie, eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen wieder auf das Pflaster.
Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung. Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen — und rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang.
Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.
Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete Ergriffenheit.
Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte.
Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger, frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung.
Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn.
Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging er den Räubern nach.
Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in „Wilhelm Tell“, und schloß ärgerlich: „Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.“
Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar, das in die einzige Droschke stieg.
Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb zurückweichend stehen. „Und frei erklär ich alle meine Knechte!“ rief er und breitete die Arme aus. „. . . Vorhang.“ Sein Mund blieb offen, rund und schwarz.
„Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.“ Alle redeten auf ihn ein.
„Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie’s treiben!“
„Was ist ohne Beispiel?“
„Wie sie’s treiben!“
„Jetzt halt doch’s Maul!“
„Theater! Theater! . . . Diese Pracht!“
„Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten kann.“
„Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . . Aufruhr! Mut! Freiheit!“
„Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen nur zusammenhalten.“
„Wir halten zusammen!“ rief die Rote Wolke begeistert.
Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem „Eckertsgärtle“, anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän für alle zusammen eine „Liesl“ Bier bestellte, einen hohen Krug, der zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe einer Hand zu trinken die Ehre verlangte.
Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst kein Spiel zustande käme.
Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden Schlange zuflüsterte: „Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen. Vielleicht den ersten!“ Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige eingesetzt.
„Der andere kommt!“ rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu.
„Das brauche Sie doch bloß zu sagen.“
„Ich hab’s ja g’sagt.“
Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder, rief: „Weg da! Weg da! Weg da!“ auch wenn ihm niemand im Wege stand, mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum, schleuderte sie hinaus — und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen. Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal: „Die Dreckbahn fällt nach links ab“, wenn er nichts getroffen hatte.
Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit einer Hand aus dem Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.
Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte, waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah.
Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den Hobel auszuliefern gedenke.
Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.
Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem Schmied erregt zu: „Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau. Sie Lügenbeutel!“
Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann, vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand — die Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber. Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im Menschenknäuel.
Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie — Scherben. Der Schreiber wankte. Falkenauge griff sich ins Gesicht — und griff ins Loch; durch einen Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn hinaus.
Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen, hinaus zu seinen wartenden Kameraden.
Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging hinaus zu den Räubern.
Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die Räuber wieder vor der Gartentür einfanden.
Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen.
„Bring auch mein Auge mit“, bat Falkenauge.
Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn — und wurde schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen, traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke, während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre gewonnenen Preise verlangten.
Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber verschwanden.
Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des Schreibers Hand ruhte darauf.
„Und unser Preis ham wir auch nit“, sagte der bleiche Kapitän.
Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. „Nur fünfzig Pfennig übern Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater laufe. Ich kann’s ihm ja zurückgeb, wenn er’s will.“
„Hättst dei Maul nit so gewetzt“, rief der König der Luft Oldshatterhand zu, „dann hätten wir jetzt unser Preis.“
„Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!“
„Darauf kommt’s ganz allein an“, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme, stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main. „Der Schub war gültig.“
„Und das ist die Hauptsache!“ rief der bleiche Kapitän. „Das wär noch schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g’fall ließeten. Wenn doch der Schub gültig war.“
Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll: „Der Trainsoldat war’s.“
Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten kalt und gemessen fragte: „Heute hat doch Leutnant von Platen Kasernendienst?“ und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte, erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen.
„Horch, wer zieht so still und leise Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf. Ach, es sind die armen Briten, Die so manchen Stoß erlitten. Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf. Plötzlich bleibt die Truppe stehen, Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da. Seht sie kämpfen, seht sie streiten, Durch des Feindes Mitte reiten Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!“
klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der Kneipe.
„Leih mir zwölf Pfennig“, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän.
„Ich hab ja selber nimmer genug.“ Er lieh ihm aber sogar vierzehn Pfennige und sagte: „Die zwei gibst Trinkgeld.“
In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des ganzen Krieges ein gutes Geschäft.
Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.
In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der Wand spielte, viele Töne auslassend:
Sah’ ein Knab ein Röslein stehn — — —
Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann, mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte.
Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger zur Türe wies: „In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin poussiert! Merk dir das!“
Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit übertrieben gleichgültiger Miene.
Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: „Gehen Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.“
Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht verschönte.
Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße, schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine, altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein — da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben.
Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe Benommen.
Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. „Gott, daran kann ja gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.“
„Wo das Recht ist, ist der Sieg“, sagte die Rote Wolke und hob die Hand.
Der Schreiber sagte ernst: „Ex!“ trank sein Glas leer und reichte es gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren der Räuber nicht unterdrücken konnte.
Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„In meiner Wirtschaft gibt’s das einfach nit“, sagte unwirsch der Wirt und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab.
„Ja, in deiner Wirtschaft“, sagte die Witwe Benommen hämisch. „Was willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed’n rumschmier läßt.“
„Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.“
Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht.
„Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich kann mich ja nit rühr in der Schenk.“
Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in ihrer Wirtschaft beobachtete.
Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. „Das ist er!“ Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die Hand reichte. „Der war’s“, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein blutiges Vorhemd.
Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker, überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: „Stellen Sie mal ein kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.“ Er hielt sich zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten, entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen Hemdkragen trug.
Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den Tisch und rief: „Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa! Ja.“ Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, schmalen Bart entlang.
Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf sie ausüben.
Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen wünschten.
„Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!“ rief der Schreiber plötzlich der Kellnerin zu.
„Kannst sie denn bezahl?“ fragte erstaunt der bleiche Kapitän.
„Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho angerissen.“
„Mein Lieber, was machst denn da jetzt?“
„Ich geh halt heim . . . und halt’s aus. Da kann man jetzt nix mehr mach . . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.“
Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn.
Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog.
Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen:
Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb. Sie flohen heimlich von Hause fort, Es wußt’s weder Vater noch Mutter.
Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem Rasseln fortfuhr:
Sie sind gewandert hin und her, Sie haben gehabt weder Glück noch Stern, Sie sind verdorben, gestorben.
„In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du’s nit? Und trink e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut“, sagte der Wirt zu seiner Mutter.
Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: „Das war von Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter hat’s auch immer gesungen, als ich noch ’n kleener Junge war.“
„Der kann leicht sei Maul vollnehm“, sagte der Schreiber und beugte sich zu den Räubern. „Wenn man eine Million verdient im Jahr.“
„So viel wird’s aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das eigentlich, dahinten in der Fischergaß?“
„So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.“
Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen verschmiert war.
Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: „Daa bist du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.“
Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: „Mei eigener Bruder! Mei eigener Bruder!“
„Es is nit wahr“, sagte der Eingetretene. „Also, wenn i dir sag. I bin doch dei Bruder.“
„Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat’s mir ja selber ei’g’stande. Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!“ brüllte der Kohlenführer plötzlich laut.
Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken auf seinen Bruder: „Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin. Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir . . . Mit der eigene Schwägerin.“
Der Kohlenführer hob den Kopf. „Du sagst, es is nit wahr?“
„Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir trinke a Maß Bier mitnander“, schloß beruhigend der Sandschöpfer. „Lone! a Maß Bier für mich und mein Bruder.“
Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder sangen kräftig mit:
„Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen, Denn sie fechten toll und kühn — — —“
Die Alte war schlafen gegangen.
„Setze Sie sich und esse Sie was“, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin und lächelte.
Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort.
„Jetzt!“ rief der bleiche Kapitän.
Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter.
Vor dem „Spitäle“ stand der Soldat, summte: „Als die Römer frech geworden“, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs Pflaster.
Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel gegen den Himmel.
Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein auf den Soldaten zu und sagte: „Sie sind doch der . . . von der Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt ihr . . . He?“
Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.
„Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.“ Und plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat das Geschehene begriffen hatte, schon weg war.
Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.
Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang ins „Zimmer“ und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er seitdem verblieben ist.
„Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können“, sagte der bleiche Kapitän.
Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde stehen, wo ihre Wege sich trennten.
Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend und grünbleich Oldshatterhand. „Was hat das alles, was wir heut gemacht ham, eigentlich für einen Wert“, sagte er, und rief, plötzlich zornig, weil er den Widerstand der Räuber fühlte: „Für uns hat das gar keinen Wert! sag ich . . . Für uns nit!“
„No und der Säbel?“
„Ich geh jetzt heim“, sagte der Schreiber. „Es is einfacher, wenn ich gleich heim geh.“
Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der Schloßgasse.
Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den sammetschwarzen unterirdischen Gang ins „Zimmer“ und zündete eine Kerze an.
Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel, und sagte plötzlich haßerfüllt: „So, da hast du’s jetzt. Geschieht dir ganz recht. Ganz recht.“ Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden Glases verdreifacht unter der Vitrine lag.
Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm.
Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte, kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die Mutter schießen würde. „Hopp!“ schrie er gellend und drückte ab. Es knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden.
Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen „Zimmer“ und atmete keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und schlief augenblicklich ein.