Leopold Schefer Die Osternacht (continued 2)
Reading edition
Der Apotheker ist auch dabei! den vertret’ ich! bemerkte er ihm.
Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an Gelde!
Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lächelnd.
Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit.
Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrießlichen Miene.
Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch’ ich für die Kinder!
Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz.
Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schürze hervor.
So? mein Kind! — Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt uns doch sehen! sagte die Frau Lizentiatin.
So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten sich, es in Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man muß von Euch nehmen, was Ihr habt! Es thut mir recht leid.
Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne Wurst.
Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind! Wurstgift — das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend, und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: „Nimm! wann es schmerzt“ — so nimm nur noch jetzt: wenn es auch schmerzt! Das kleine Verbindungswörtchen „auch“ ist ja keine Grausamkeit! — Nur aufgeladen und festgebunden auf den Bedientensitz!
Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, daß es wieder abgebunden werden mußte. Die Gans im Wagen schrie auch.
Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß, zu gehen und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fühlen, daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen — die Stadt ist nicht weit — Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg mit dem kleinen guten Dinge.
Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu beschäftigen und ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie fuhren erst fort, als Johannes schon längst einen tüchtigen Stock genommen und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Straße war.
Christel und Wecker sahen nach.
Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah’! sprach er.
Das Schweinchen? sprach Christel.
Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker.
Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel.
Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister.
Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. —
Das wollt’ ich nur wissen! lächelte Wecker.
14.
Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging und zerhackte erboßt den Treibestock, legte dann einen blanken Zehnkreuzer, sein empfangenes Trinkgeld, auf den Tisch und warf sich auf’s Bett.
Ist Dir der Gang nicht wohl bekommen, mein Johannes? fragte ihn Christel.
Recht schlecht! sagt’ er.
Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig.
Nein! sagt’ er; aber erbittert!
Es war auch ein schwerer Gang! seufzte sie; ich will Dir es glauben. So drang sie nicht weiter in ihn.
Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus dem alten entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon nach Sonnenuntergang auf dem Rückwege von dem Lizentiat an das Feldgärtchen der alten Frau, seiner Wirthin, gekommen war, sah er einen Hasen, der ein Loch durch den Zaun gefunden und sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu frieren, mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken. Er sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun klemmte sich ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte ihn mit dem unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte, in dem Hasen sein ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige mit dem Essefleisch, todt zu schlagen. Dann zog er den Hasen hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld. Als er aber, durch den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte wie ein Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt.
In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten, von einem Fremden und Niklas begleitet.
So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß auch die Rebhühner und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein Faden Schwefel ist nicht theuer, und wovon lebt Ihr denn sonst, Ihr Ungeziefer!
Johannes erzählte den Fall.
Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt der Hase, hier habt ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen!
Johannes mochte nicht bitten.
Der einzige Fall ist auch genug! sagte der junge Herr. Es soll so einmal ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb, daß es Euch trifft. Die Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei Dank! scharf und in Ehren, weil sie vornehmer und reicher Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist Gerichtstag! der Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und Euch zu beweisen, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch also nur dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die Vorladungskosten will ich Euch sparen aus Gnaden.
So war die Gesellschaft lachend von dannen geritten.
Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter dem Vorwande, wo anders hin zu gehen, und empfing seinen Bescheid und sein Urtheil, das auf dreimonatliche Gefängnißstrafe lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das ruhig an und bat nur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche, weil jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und er hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der Kälte gefangen zu sitzen. — Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte der Herr Gerichtshalter. Dann bat Johannes nur noch, daß seine Strafe verschwiegen bliebe, bis er wieder entlassen sei. — Das ist wider die Lehre von der Besserung durch das Beispiel! erhielt er zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen über die Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte.
Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter leiser zum gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen, es erinnert mich immer unangenehm an den Menschen in mir, und ich bin nur der leibhaftige Justinia-si-nus! Denn unsere Last ist schwer! schon die treuherzige Miene zu machen, die Rolle durchzuführen und immer gleichgültig — grau auszusehen und uns sicher zu stellen, daß man uns nicht auf das Pergament klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel! und besser! Ruhig sie — hängen lassen, so spielen es die Meister. — Nun können Sie die Schule mit ihr anfangen!
Mit ihr ist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane Ehre! ich habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr.
Bedauere! — Ich habe meine Schuldigkeit gethan! neigte sich der Justini—anus.
Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise zu einem entfernten Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war fleißig bis zum Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder zur Noth zu versorgen, denn ihre Zahl sollte gegen Ostern noch um Eins vermehrt werden, wenn nicht durch Zwei, wie Gott nun segnete.
15.
So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der — Abreise saß Johannes in trüben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei sich — die Strafe hab’ ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die Großen verbieten oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlösung auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei, die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der Lizentiat, — der Schulmeister hat mir das wohl erklärt — und einen armen Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest steht im Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt. Aber davon wissen die Gesetze nichts, und die nichts, die sie unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbücher, die ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja, dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein wahrer Pilatus, der züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die Sache dem Principal vorträgt — um ein Paar Eier. Gut, daß mir das Beispiel einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer Johannes ganz Anderes litt!
Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es selber für rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir einmal aus der Noth kommen! Ich kann Dich nicht länger so sehen, Du grämst Dich mir ordentlich ab, und die Jacke ist Dir so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten.
Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen schon durch, seufzte Johannes.
Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden, wenn Du weg bist. Ich — ich stelle mir tagtäglich vor: das ist ein großes Glück, zu besitzen, was ein großes Unglück wäre zu verlieren. Da hast Du’s! Sag’ einmal, würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder nicht haben wollen? Oder uns haben wollen — und arm sein, wie wir sind, und doch nicht sind! —
Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder dazu? sprach Johannes. —
Also bist Du mit mir und den Kindern nicht ganz zufrieden? erschrak fast Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts Tisch stecken, ich will Dir’s ja nicht beneiden — komme nur wieder! wenn Du auch lange bleibst, und laß einmal schreiben! —
Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich stürzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die stürmenden Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten sich auf der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden, verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle wälzten, auf einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur Kleider auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand dabei und fror, und doch warm angezogen, und den einzigen großen Hut im Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, daß er kaum hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er noch nicht mitspielen konnte.
Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: — und sie nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß ihnen doch lieb sein! und Christel nennt mich: lieber Mann! ich muß ihr doch lieb sein, — ich muß ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen könnte — lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte!
Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und es war Jubel im Hause, daß die Mutter Ruhe gebieten mußte, weil die alte Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war.
Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute ihm Wecker, ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten vom Orgelpult hab’ ich noch. Man wird wieder ein Narr mit den Kindern! sagt’ er, die Hände reibend.
Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes.
Das wollt’ ich nur wissen! versetzte der Alte.
Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern, kalten Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend erinnert — er dachte, wie die Kinder in der dunklen Stube sitzen und sich fürchten und freuen, daß das Christkind doch im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum Troste sagen würde: zu Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen früge: ob ein Jahr lange sei? Dann dacht’ er, daß Daniel ihm schon beschert — den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon fort. Die Kinder baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und Christel hatte ihn mit einem kleinen Päcktchen beschwert; aber er mußte es nehmen, die Kinder und sie darum berauben, um sie glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang. Das Herz pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied. Und er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister die Wintermütze — sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den Kopf drücken lassen und hören, wie Christel ihm nachrief: Sorge nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns! — und Wecker ihr sagte: das wollt’ ich nur wissen!
16.
Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen, still in der finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooße, weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes.
Da macht’ es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem Flur, dann ging sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drüben kam Wecker mit dem Hirtenhäuschen, das hell schimmerte wie eine große Laterne. Christel war ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt angezündet, hatte noch die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die unschuldige Freude gemacht!
Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte es auf den Tisch, das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast böse, daß seine Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch, und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten hätte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf Aepfel und Nüsse und einen Zappelmann.
Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen Bilder aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes darin im Kreise getrieben, und Jäger und Hunde und Hirsche sich einander friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen.
„Ein Pischkind!“ schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her!
Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre, sagte die Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die Wickelschnuren! nur geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen!
Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind schlug die Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog über sein Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann näher und hielt ihm den kleinen Finger an den Mund.
Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber — Euch das zu bringen, das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan hat, der muß Euch nicht kennen! Ich setzt’ es einem Reichen hin!
Wecker aber sagte: Höchstens geben die das Körbchen wieder auf die Ziehe! und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht alle Weiber Christel, meine Frau Redemehr! Ich dächte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt’ Ihr es haben? —
— Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott für das gnädige Zutrauen zu uns Armen!
Das wollt’ ich nur wissen! sagt’ Wecker.
Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr?
Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht getauft! das macht wieder Kosten!
Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die Aeltern. Noth ist Noth, das weiß Ich! —
Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, daß sie eine herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den Kindern geben zu können.
Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh’ ich Gevatter.
Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein Annaröschen?
Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder kramten im Grunde des Körbchens und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und mehrere Silbergulden.
Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhäuschen brannte, lieblichen Dämmer und eine stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum Morgen.
Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, zum Kuchenbacken, wie er fröhlich sagte: — den Kuchen zu backen, der uns schmecken soll! Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu „den Kuchen backen!“ ergo heißt Einen Kuchen backen auch „Kuchenbacken.“ Und dazu gehört ein ganzer Backofen, so gut wie zum „Schulmeisterabsetzen“ ein ganzer Schulmeister, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenlose Anonyma. Der Mann bin ich. —
Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten großen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen Gulden auch in der größten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier? und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand mit bangem Erschrecken die Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in der Bibel verborgen gewesen.
Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromäus was hätte! Der ist nicht der Mann!
Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel. Nun soll mich mein Gott bewahren, ihm das anzuthun.
Er verdient’ es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh’ mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium — oder kurzen geraden Wegs zum seligen Herrn, da werd’ ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so närrisch soll sein — was kümmern ihn die lieben Kinder!
Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth vergelten.
Das wollt’ ich nur wissen! sagt’ er gerührt. Aber der alte Mann weinte zum ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weißen Haare und sah ihn mild und lächelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes Stück vor ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache.
Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das Körbchen beschert. Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weiße feine Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers Töchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon geweint über das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als daß sie es liebte, weil ihm der Vater gut gewesen war.
Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen Pastor an ihren Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld für die Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn’ er, nun er scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und da es die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater zu, sich das Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus Frankfurt, der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in Ihrem Hause aufgehalten.
Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Großvater zugesandt, der Brief war an den Pastor überschrieben, der Großvater hatte ihn nicht aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie freute sich jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knäbchen noch lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleich Gottliebchen hieß, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes Diminutivum von — Gottlieb, wie Wecker es nannte.
17.
Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung, Liebe und herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März schon heran, und an einem heitern Nachmittage war Clementine, von Dorothee begleitet, vor das Dorf und an Frau Redemehr’s Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne entgegen. Auf dem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die arme junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu ruhen. Das traf sich eben vor Christel’s Fenster. So ging sie denn hinaus, und bat sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte und nahm es an. Dorothee folgte stumm. In dem freundlichen Stübchen saß Clementine lange still, sah sich Alles mit wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und hielt sie an der Hand: Hätt’ ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt, so lebt’ ich noch!
Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte freundlich: Ich lebe nicht mehr — ich sterbe nur, so langsam, wie ich gehe. Die Lerche wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt’ ich mit Dir getauscht, mein Kind!
Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige Frau, sagte Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird man gar nicht fertig! ich lege mich so müde hin, zu schlafen, daß mich das arme Kind kaum weckt.
Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure Kinder.
Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen. Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei, oder sah’ es ja deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den wenigen Wochen des Kindes seine Mutter nicht könne gewesen sein. Sie wiegte es still auf ihren Knieen, war abwesend mit den Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht, waren ihr zuletzt vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem sanften lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so lieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel kaum sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder von ihr zu nehmen.
Dann lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen Thränen vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den schwachen Druck an ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog.
Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte die Kinder Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so Wenigem, daß ihre Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich habe nicht viel! und brauche nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis wird es langen.
Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang ganz im Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich auf und machte der fremden vornehmen Frau alle seine besten Diener.
Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel. — Da besann sich Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder auf, erkannte auch Dorotheen und ging erbittert hinaus.
Das verdien’ ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen Thaten bin ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der Welt zu wissen? Gott weiß es ja.
Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie gewiß zu werden. Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und — sie nahm es und wiegte es, zwar mit Verdruß; sie nahm es ihr ab, und sie gab es — ohne Verdruß.
Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und Sophiechen neben sich im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt, nahm Christel auch den Brief vom alten Prediger an ihren Vater und gab ihr ihn zu lesen.
Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als wenn sie ihr eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker draußen ein kleines Strohkränzchen geflochten und den Daniel hereingeschickt, vor Dorotheen es hinzulegen, gab sie dem armen unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte es sich auf, besah sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann unaufhörlich, aber still.
Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel tröstete sie. Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie: Christel! meiner Mutter Schwester! schont die arme junge Frau dort! Pflegt das Kindchen wohl! Das wird Euch Gott vergelten. — Gebt Ihr das Goldstück nicht! —
Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen geschwind aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das wollt’ ich nur wissen! und behielt seine Mütze auf.
Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied. Wenn Euch Gott lieb hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm. Der Arme, oder der Geringe, den die Welt nicht kümmert, der hat die besten Güter, mit welchen sich Reichthum gar nicht, oder doch nicht lange verträgt und zuletzt sie heimlich aufhebt und zu Grabe trägt — und sei’s des Reichen eigne, reiche, unglücksel’ge Frau! —
Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche nicht, nur der Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer!
Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche thut — so wird der Fromme die Armuth vorziehen, gern ertragen, segnen — oder, ohne es zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich sein, wie Ihr, mein gutes Kind. —
Das heißt ja nur: halt’ fest an Gottes Wort! weiter nichts.
Weiter nichts! wiederholte Jene und nickte freundlich und schied von ihr.
Wecker aber sagte: Die lob’ ich mir! sie ist nicht stolz; doch wenn der gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern ließ in die kalte Zugluft, ruckt’ er und stieß er mit seinem in Händen habenden Stöckchen, wegen ermangelnden Respekts, so lange an meiner Mütze, bis ich mit bloßem Kopfe da stand! Aber ich schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu sein, dem der Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm’ ich meine Mütze tief vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr vor ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich!
18.
Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen Ostern kam, und die Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher ihr Johannes zurück sein konnte, da ward ihr bang und bänger um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben übermannte sie manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen? getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er wie Dorothee ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last zu sein! Dann schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die Kinder und empfand, daß es ja gar nicht möglich sei, die lieben Gottesgeschenke bei klarem Verstande nur kurze Zeit freiwillig je zu verlassen, geschweige für immer. An sich selber dachte sie kaum.
Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug zum Verkauf von ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung, als sie ihn sah: denn sie getraute sich nicht über den Steg zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre Augen.
Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt’ er ihr mit trockenen Worten: Euer Mann ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn Euch Niemand — er sitzt nur den Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt nun schon auf der Blume! Er ist bald drüber hinweg. Seid nur ruhig.
So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon vorüber war. Sie ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz.
Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß sie, den Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand. Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich nicht mehr entfernen.
Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit dem seligen Herrn zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld übernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle „exigibilen“ Reste wären im „Transsubstantiations“ Verkauf mit angenommen; die „inexigibilen“ aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu einem Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf den Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die Schwuracten nicht aufgehoben haben — sollte! Wer hat danach zu fragen? — Das sahe Christel ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so verständig als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine Freistelle in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und Schule halten; das Wecken besonders hatte der immer gern, aber Morgens am süßesten schlafende Pastor sehr übel genommen; desgleichen hatten es die anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer wandern, sein tägliches — Schulgeld holen, das er mit Thränen aß, und dabei Christel mit Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoßen in der Kälte.
Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel — so stürmisch und kalt winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine mährchenhaften Einfälle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich brennende Flüsse — hoch beschneite Berge — lange Eiszapfen an den Weinstöcken statt der Trauben — wie mit weißen Blüthen beschüttete Bäume im Walde — eingefrorene Fische — weißbereifte Bärte und Blumen an den Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schönheit zeigen und recht lange den Wintergarten sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt daran sähen und wieder einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei. Denn alle Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wäre das große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nur eine weiße flimmernde Decke, und ein blauer feiernder Himmel, mit seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur Einem Herrn gehöre.
Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen Leid. Denn die alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andern kleinen Arbeiten konnte, und ihre Umstände es erlaubten, von Spinnen lebte, hatte ihr die letzten Monate her nach und nach drei Thaler geliehen. Nun aber wurden die „inexigibilen“ Reste eingetrieben, wo freilich kein Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren schon begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten, und das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mußte statt der geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mußte nun fort auf das Schloß geführt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür gelöschte Geld nur hin, daß Christel die große Schuld abzahlte, wenn auch die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau nach, die ihrer kaum Herr ward.
Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was sie aßen, Christel war in der That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker ließ sich den „alten Rest von den Besen“ schmecken. Von der Ziege äße ich auch nicht, sagt’ er; aber welcher große Herr weiß denn immer, was er ißt? Was würden da manchmal, d. h. so manches liebes Mal und Mahl für Dinge auf dem Tische stehen! was für Getränke würde man auf den Inhaltszetteln an den Weinflaschen lesen! Von was würden die Braten und Torten sein, wenn Alles in rerum natura zu sehen wäre! — Hu! Phantasmata! daß mir die Haut schauert — wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? — und er lachte mit nassen Augen, als sie sagten: Ja! Herr Wecker — — und sein: „Das wollt’ ich nur wissen,“ konnte er das Mal vor Jammer nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat einmal einen uralten Weltweisen gegeben, — als welche auch Unterschiedliches gegessen haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, — der hat in seinem unchristlichen Gedicht den Magen ein Unthier genannt. Das ist so wahr wie das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister muß sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel!
Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht satt war, fing er statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch ein Mal sein Gebet um Speise, das: „Herr Gott, himmlischer Vater“ an, schämte sich wie ein Nachtwächter, der, wenn er den Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre Nacht — aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! — legte sich hin und schlief sich wenigstens satt, wie ein armer Tagelöhner in der Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im Schatten der Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel mit Furcht die Worte: „Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten sie“ — — und wieder: „die Sonnenrinder brüllten an den Spießen — — und die Häute krochen umher“ — — — — — und mir — mir meckert die Ziege im Leibe — — sie will mir das Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein Unthier, den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort! hebe dich weg! — Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich, mein Sohn!
Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder fürchteten sich und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er schwatzt ja nur aus der Schule! und hat nur den Schlucken! ach im Traume gedenkt er seines Sohnes, der unter den Soldaten ist, wie mein armer Bruder Stephan. Ach! — Sie rief ihn erst leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! — Wecker! — Wecker! — wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt es nicht! —
19.
Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die junge, arme, liebe, schöne, gnädige Frau noch ein Mal — auf ihrem Castrum doloris zu sehen und sich satt zu weinen, und kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war lang, die Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut’ angelegt und verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen. Es war Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes Holz vor der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber sie bedurfte sein. Banden die Jünger den Esel nicht los? sprach sie bei sich; aß David nicht die Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz! und dennoch ging sie erst an der Stube der alten Frau Redemehr horchen. Alles still, doch die Kinder weinten! Sie eilte, sie drückte die Augen fest zu und ladete schnell einen Arm sich voll. Aber das trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit auf Scheit legte, wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und es fiel ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug, hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte: Wollt’ Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch niemals vor Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! —
So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mühe und Noth die Stubenthür; aber niedergedrückt von der ersten Schuld in ihrem Leben und von der ängstlichen Last, sank sie zu Boden und hätte noch lange gelegen, wenn ihr nicht Daniel beigestanden.
Das ist brav! sagte Wecker und legte ohne Weiteres an von dem Holze.
Christel aber saß auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz erstaunt über sich selbst, und darüber, daß das Holz brannte! die Flamme sie anschien und wärmte! — Johannes hat Recht! sagte sie für sich. Aber es wird den Kindern wohlthun und dem alten Manne! und daß mich die Alte gesehen, das ist meine Strafe auf Lebenszeit. Sie wollte in der Bibel lesen; aber es ging nicht.
Da trat die Alte ein und sagte ihr: Laßt das Holz doch nicht liegen! ich helfe Euch, oder trag’ es mit Weckern ins Haus. Die liebe gnädige Frau hat es Euch geschickt; sie hat noch an alle Armen gedacht, selbst auf dem letzten Lager. Ihr waret nicht da. Meins ist schon verwahrt. — So ging sie, Wecker und Daniel.
Aber Christel war darum nicht erheitert. Ihr war die Last nicht vom Herzen. Desto schlimmer! seufzte sie. Wer oft nur einen Augenblick warten, nur etwas Geringes entbehren will — dem giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu seiner Freude. Außerdem aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem Gott versöhnen, daß ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte Zeit, und gut für jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fuße im Grabe steht.
So war sie noch fleißig bis zum Charfreitag früh. Dann wickelte sie das Goldstück, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig für den Prediger ein und ging in die Kirche. Zuvor bat sie Weckern, der Alten und den Kindern ab, wenn sie sie ja mit Worten oder Werken beleidigt, und im Geiste bat sie es auch ihrem Johannes ab, den sie ordentlich vor sich stehen sah, wie sonst an solchen Tagen, und hörte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du hast mich nicht beleidigt, meine Christel, vergieb nur mir! Und das that sie nun von Herzen.
In der Halle der Kirche hörte sie schon den Tremulanten, der heute zum Todestage des Herrn gezogen war, und seine dumpfen Schläge schlugen an ihre Brust, und sie bebte mit, wie die Töne bebten, daß sie hinknien mußte, vor eigenem Elend, weit übertroffen von dem schönsten aber schmählichsten Tode. Die Orgel führte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O Traurigkeit! o Herzeleid! — Der erste Vers war geendet, die langsam schwebenden Töne klangen allein, und nun fiel die ganze Gemeinde dumpf, und doch durch die Menge der Stimmen mit erschütternder Macht in die Worte ein:
O große Noth: Gott selbst ist todt! —
Sie wußte nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch das nicht mehr; so ergriffen, ja entsetzt war sie von diesen Worten, die ihr so wahr, so traurig und fürchterlich erklangen. Und nun erst, als das Beben und Brausen schwieg, zitterte ihr Herz nicht mehr so ängstlich über das furchtbare Bild, das sie durch die Worte wie durch ein Feuer gehört und gesehen, aber es klang ihr selbst am Altar noch immer vor den Ohren, ihr war, als raunte eine tiefe Stimme zu ihrem Herzen:
O große Noth: Gott selbst ist todt! —
Und wie das arme verlassene Weib durch die Noth aller dieser Tage zuletzt selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das große Wasser und Dorothee, der Leinweber und Wecker einfiel, die gnädige Frau, ja selbst die Ziege, und jene Reden im Traum, wie sie die Kinder vor Augen sah, Johannes vor Augen sah und bedachte, welche neue Angst ihr bevorstehe, die sie vielleicht den Kindern raube und in das Grab stürze; so brach ihr das Herz; und nun wiederholte sie selbst mit Grausen die Worte in ihrem verworrenen Geiste: Gott selbst ist todt.
Dann opferte sie das Gold, wartete den Segen ab und ging ganz unter den Letzten aus dem Gotteshause.
Wie aber die Geistlichen während des Opfers auf dem Altare stehen, ohne noch zu fungiren, und wie dabei doch auch von dem Würdigsten zu Zeiten ein Blick zur Seite nach dem Gelde fällt: so war besonders das Goldstück dem Herrn Prediger in die Augen geblinkt, und er hatte die Geberin gemerkt, sich sagen lassen, wer sie sei, und von dem neuen Schulmeister — des alten wegen — nichts eben Besonderes erfahren, auch daß ihr Mann im Stockhause sitze, und daß sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen. So winkte er ihr dann auf dem Nachhausegange. Sie beantwortete seine Frage, wie sie zu dem Golde komme, nicht unbefangen, noch wahrhaft; aber sie hörte kaum mehr, als er sagte: vielleicht ist es nicht wohlverdient, wohl gar entwandt! und es reut Euch, weil Ihr es opfert? Oder liegen da mehr wo Eins liegt? — Sie lispelte nur „o große Noth!“ und als er fortfuhr, ihr das Herz zu zerreißen und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Daß Ihr nicht etwa entlauft! — pfui schämt Euch, eine Frau, die mit einem Fuße im Grabe steht! nach den Feiertagen will ich die Sache untersuchen — — da weinte sie sogar nicht, sondern sie war todtenblaß, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die helle Mittagssonne nicht, und sie bebte und hörte wieder das bange Wort: Gott selbst ist todt. —
Daß das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen mit mütterlicher Zärtlichkeit gebildet, nämlich das Weihnachtskind indessen verschwunden war, daß weder die Alte und Wecker, die auch in der Kirche gewesen, noch die Kinder, die Verstecken gespielt, deßgleichen nichts davon wußten, das rührte sie kaum. Sie glühte, sie war krank über Nachmittag; sie sah sich die untergehende Sonne noch einmal an, empfahl sich Gott und ging dann, als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thränen in ihr Stübchen blickend, wie Fackeln vorüber zogen, wie Clementine, die gestorben war, nach ihres Vaters Gut, nach ihrem Willen, nicht in Breitenthal zu ruhen, mit schwarz behangenen Pferden langsam fortgeführt ward; hörte, wie die Glocken ihr nachriefen, ängstlich, ängstlich! und der Mond in den Fackelglanz schien — bis Alles verschwand, bis sie die Augen schloß.
In der Nacht nun träumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott sei gestorben. Engel, blaß wie der Tod, hatten es ausgerufen, mit Stimmen, die bebten vor Wehmuth. Thränen fielen wie Thau und warmer Regen vom wolkenlosen Himmel, und die Kinder standen mit ausgestreckten Händen und fingen die Tropfen in ihrer Hand auf und staunten sie an und zeigten sie den Menschen, die sich lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhörliches Lauten, wie von großen silbernen, aber gedämpften Glocken, summte in der Luft, und Alle sahen und hörten hinauf, und Niemand wußte, woher das feierliche Lauten scholl. Die Sonne stand verfinstert; ängstliche Düsternheit ward auf der Erde, die innerlich bebte. Die Eulen kamen aus ihren Höhlen, die Johanniswürmchen flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hähne krähten und gingen zu Bette, die Blumen schlossen sich zu und senkten ihr Haupt, die Vögel schwiegen, und die Krähen zogen zu Walde. Die verschatteten Gewölke erschienen wie schwarze herabgeworfene Flore, die Nachtigall brach in einzelne Klagetöne aus und verstummte plötzlich, und die Gestirne traten am Himmel bei Tage heraus, und eine Verwirrung war in der Natur voll Angst und Zagen und Hast und Bestürzung, und aus der äußersten Ferne des Himmels erdröhnte es dumpf, als stürzte sein altes Gewölbe zusammen und würde verschüttet, und das Dröhnen scholl immer näher, hörbarer, herzbeklemmender, und Niemand wußte Rettung. Und die Erde schwebte mit der Träumenden empor, und ihre Schwester Martha raunte ihr ins Ohr: Ich bin todt, und Du bist todt! Nichts lebt mehr, wenn der Vater todt ist. Unser Herz hat ausgeschlagen, unsere Augen sehen ungeblendet selbst in den Blitz — komm! komm! komm — ich will Dir den Heiligen zeigen in seinem Sarge. Und sie klopften an die Thür des Himmels, und Weihrauchduft quoll ihnen entgegen, und sie sahe in dem wie Herbstnebel wallenden silbernen, Alles verhüllenden Duft hohe, diamantene Leuchter stehen, aber keine Kerzen darauf, sondern ruhig um dieselben im Kreise sich drehend, schimmerten Lichtkugeln wie Gestirne und Sonnen, und kleinere Lichter wieder um sie. Und so standen unzählige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen Katafalks, von unten bis oben hinauf um das Castrum doloris, und oben darauf stand ein krystallener Sarg, und Engel hielten Wache um den wie schlafenden Vater und hatten vor Schmerz sich eingehüllt in ihre Flügel. — Niemand wagte hinzuschauen. Eine feierliche, tödtliche Stille wie Gewitterschwüle. Nur leise Donner murmelten dumpf in der Ferne, weit, weit, wie Sterbegeseufz der Natur, und Flügelschlag der Winde sauste vorüber, und das veilchenblaue Gewand des Schlummernden, sanft davon bestreift, duftete lieblich wie ewiger Frühling, und die damit getränkte Luft verhauchte den Wohlgeruch, köstlich duftend, und hin und her ein Engel nur seufzte aus tiefer Brust: O große Noth! Und aus allen Regionen der Welt stürzten athemlos und verblaßt, Angst im Antlitz, auf ihren Flügeln, wie vor dem Sturm heimeilende Tauben, Engel herzu und sahen und blieben stehen, zu Bildern erstarrt mit gehobener Hand, oder sanken auf ihr Gesicht.
Siehe da trat Einer mit gescheiteltem, goldenem Haar vor den Sarg und las mir weicher Stimme: Er, Er, der allein ist, der allein sein wird, Er wollte die Welt nicht wieder zerstören, seiner Hände Werk; sie war ihm zu schön, zu geliebt — aber zu sündhaft. Niemand sah Ihn durch sein Werk, über ihm, in ihm, mit ihm, Sie lebten wie ohne Ihn! — Wehe! nicht das einzige Verbot: Du sollst nicht tödten! dieß grellklingende, leichte Verbot an die rohen Pilger in der Wüste, das Er auf den harten Stein mit dem Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glücklichere, Spätere seiner Kinder zu halten! geschweige das ewige einzige Gebot, das im Blute der Natur wie Balsam zu allen Herzen drängt, das Sterne und Sonnen voll Milde und Schweigen laut in Strahlen verkünden, das die Erden blühen mit tausend Blumen, das auf dem Antlitz der Neugebornen als Lächeln steht, das Gebot: liebe Gott über Alles, und Deinen Nächsten als Dich selbst. — So ist er gestorben, wie Er sterben kann; so ist er todt, wie Jemand todt sein kann: — Er schweigt und ruht in seiner eignen stillen Seligkeit, um der Welt zu zeigen, was sie ohne ihn sei, ohne die Liebe, die Er ist. Ihr Heiligen aber, verzaget nicht! Ihr wohnt, wie zuvor schon auf der Welt, auch jetzt in seinem schlummernden Geiste. —
Und eine Geisterstimme rief:
Zur Gruft! zur Gruft! zur Gruft! Komme hinaus, mein König!*)
Nun, sahen sie, nun erhoben ihn schauernd die Engel und trugen ihn zur Gruft und versenkten ihn. Auch Moses war unter den Begrabenden, und streute sein abgeschnittenes Silberhaar mit den Blumen Streuenden zuletzt in das offene Grab. — Da fielen die Sterne vom Himmel, der Welt entging die Kraft, und sie zog zurück in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn umwob, und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewölk glänzte und senkte sich, glühend und rege fließend, auf seine Brust. Finsterniß ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lüftchen wehte; die Flüsse versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse stockten, keine Thräne hatte selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine Stimme; keine Hände hatten die Kraft, zum Gebet sich zu falten; keinen Gedanken jetzt mehr: „Wir wollen uns lieben,“ irgend ein Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Söhne Gottes von allen Sternen herbeigeschwirrt wie weiße Schatten, hauchten Gott den Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurückgenommenen geliehenen Kraft verlassen. Selbst die Engel sanken zuletzt am Grabe, von seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermeßlicher weißer Regenbogen, wie eine unendliche, breite Milchstraße, zog sich aus allen den zerschollenen und zerstäubten flirrenden Massen von Leben und Licht über dem Grabe zusammen, aus welchem Glanz hervorbrach, warm und sanft und rosig, wie eine Rose schimmert im Mondschein. — Sie nahte mit heiligem Schauder, sie beugte sich zitternd über, sein Antlitz — Gottes Antlitz zu sehen — aber sie sah nur zwei Thränen blinken wie Thau an seinen leicht geschlossenen Augenwimpern, und nur ein unaussprechliches Lächeln, ein wie sichtbares Lieben, das sie unwiderstehlich näher und näher, hinab, und zuletzt ihm fest an die Brust zog, unabtrennlich-fest, und selig-süß. Und die letzten leisen Stimmen der sterbenden Engel ächzten: Gott selbst ist todt! — Und auch sie war gestorben — ein Säuseln strich noch einmal verlöschend über die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie fühlte auch todt noch ein warmes Herz in dem liebenden Busen des Vaters schlagen — und sie verging. — — —
Wem sie aber am Herzen erwachte, das war ihr Johannes. Er war wiedergekehrt. Sie setzte sich auf, sie sah ihn an und erkannte ihn nicht. Ihr Geist war noch nicht zurückgekehrt, in diese Welt, wo so eben das schwere Geschütz vorüber in den Krieg rasselte, noch nicht wieder eingewohnt in ihrer Hütte, herabgestimmt zu ihren Kindern, zu ihrem Johannes, der vor Freuden weinte. Bis er sie munter küßte, bis sie ihm leise und schüchtern erzählte, was sie geträumt.
Ich bin verwandelt, meine Christel, sagt’ er ernst. Gott hat Dir den Traum zum Troste gesandt, daß Du für eine kurze Stunde heiliger Angst zeitlebens nun gedenken sollst: Gott lebt! Gott kann nicht sterben. So lebt er auch uns — Du hast den Traum für mich geträumt, und nicht für Dich, Du gute Seele, für alle Armen und wer ihn hört. Wer reines Herzens ist, der soll Ihn schauen, und Du hast Ihn gesehen, Er lebt! Sieh’ auf, dort scheint ja die Sonne!
20.
Noch in der düstern Morgendämmerung des Ostersonnabendes, ehe der Vater nach Hause gekommen, war aber der kleine Daniel schon mit Wecker in ein anderes Dorf gegangen. Sie hatten sich Abends heimlich beredet, Daniel hatte sich ein kleines Säckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie nöthig das Nöthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter verlangt, nur er nicht. Er hatte die Jacke des Vaters an, die ihm in der Kälte ein kleiner Mantel war.
Das hatte die Alte gesehen. Heut’ ist ja heiliger Abend, sagte sie zu Johannes, da wird der Weg nicht leer von Dorf zu Dorf, wo nur Essen rauchen; da macht sich ja mancher auf und wird darum nicht übler angesehen, weil er auch sonst das ganze Jahr nicht kommt! Mir ist nur der Schnee zu hoch, sonst ist es ja eine wahre Labung und Stärkung, gerade an solchem heiligen Tage betteln zu gehen. Die Wehmuth hat mir Gott schon geschenkt! Man wird so reich, so reich — Ihr wißt das gar nicht, mein Johannes. Gönnt das dem Kinde und dem Alten!
Doch war es schon Abend, ja Nacht geworden, und Beide kamen nicht wieder. Die Mutter hatte aber Manches in der Stille zurecht gelegt und besorgt, was sie genäht, und was so klein, so lieblich anzusehen war! Sie lächelte nur Johannes an, saß oft lange still, schlummerte wieder und bat ihn endlich nach Mitternacht, „mit dem blauen und rothen Strumpfe zu laufen,“ wie es heißt, und den Storch zu holen.
Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mädchen kam ans Fenster, nicht die Kindelfrau. — Die Mutter ist drüben im andern Dorfe bei der reichen Müllerin, sagte sie ihm; schon drei Tage. — Er zündete sich eine Kienfackel an und eilte, durch das feine Schneegestöber sich leuchtend, und geblendet, in einen engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit außer dem Dorfe, vom Wege ab, in Windwehen, machte sich Bahn hindurch und stand auf einmal in dem Kalksteinbruch. Er leuchtete an dem bunten marmoradrigen Gestein umher, den Ausweg zu finden. Da sah er auf einer natürlichen Marmorbank, wie in einer Grotte die außer dem Winde und ohne Schnee war, eine kleine ruhige Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit Herzpochen; Knöpfe blitzten ihn an, das Tuch war blau — es war sein gewesener Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lächelte ihn an — es war sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Täschchen auf seinem Schooße, einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand. Er leuchtete das an, er sah es und sah es nicht, er hielt die Hände fest vor die Augen, es nicht zu sehen. So stand er lange. Und als er wieder aufsah, mit Wehmuth hinblickte, war Alles verschwunden, wie ein Traum, keine röthliche grellerleuchtete Grotte, kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch geträumt? fragt’ er sich froh und bestürzt. — Er sahe zu Boden. Der Kienbrand, den er vor Schrecken fallen lassen, zischte im Schnee mit dem letzten Funken und war verloschen. — So sagte er nichts und dachte Verwirrendes. Er fühlte sich zu dem Kinde, er umfaßt’ es und küßte ihm die Hand, und das Brot. — Du bist hin! sagt’ er weich. So warte denn hier, mein liebes Kind! Die Mutter bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden, daß ich gehe! — und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse? — Gewiß! Du bist es zufrieden. Du gingst ja schon um der Mutter willen, und um die Geschwister! Heiße mich gehen! mein Kind! und ich möchte doch bei Dir bleiben! Fürchte Dich nicht! ich komme ja wieder! Bald, geschwind! —
So redet’ er mit dem erfrornen Kinde, das ermüdet und von Kälte ergriffen, ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und süß und immer süßer eingeschlafen war, und das der unerbittliche Tod, der auch des Nachts überall umherschleicht, der weder Vater noch Mutter, Brüder und Schwestern hat, auch hier gefunden und ohne Herz und Mitleid nicht verschont. — Das dachte Johannes im Weitereilen und sprach vor sich: Ich möchte doch der Tod nicht sein! Das ist das schrecklichste Amt in der Welt. Wie gern doch bin ich dagegen der arme Johannes! Und doch muß ich das sehen und dulden! Das Kind ist glücklich. Wie konnt’ ich besser sehen, wie gut es ist, wie glücklich ich war, als so! — Heut’ in der heiligen Osternacht hab’ ich’s gesehen und erfahren: Kein Mensch ist so unglücklich, daß er nicht noch weit unglücklicher werden kann! Ach, du lebendiger Vater im Himmel, sei doch auch Keiner so elend, der nicht wieder glücklich werden könnte. — Gewiß, der Gute kann immer wieder glücklich werden! — sprach eine innere Stimme in ihm. Gott ist nicht todt. — Du warst ein Thor und bist vielleicht noch einer. — Wer das wüßte! seufzt’ er. Wer weiß, wo Wecker sitzt! —
Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mühle stand. Die Räder waren eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die Müllerin ließ die Kindelfrau nicht fort, und sie selbst versprach sich keinen Lohn und tröstete ihn mit Gott und Gottes Hülfe.
Das Wort trieb ihn beruhigt fort. Aber Wecker hatte in der Mühle geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf dem Stroh keine Federn in Haaren, wie er vergnügt bemerkte, fragte nach Daniel, der sich nicht halten lassen, und ging mit Johannes, dem jetzt die Angst entnommen war: er könne auch den alten Mann so finden wie den Knaben.
Wecker trug eine große Fackel brennend in einer Hand, und eine zum Vorrath in der andern. Johannes schritt vom Wege ab, in den Steinbruch, und als Wecker das starre Kind sah, fehlte nicht viel, er hätte die Fackel fallen lassen. Aber er zitterte nur, daß in den flackernden Lichtern und den bewegten Schatten das Kind lebendig zu werden schien. —
Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sündenbekenntniß, das Johannes wohl verstand, aber schweigend den Knaben sich auflud und mit ihm fortschritt, während Wecker heut’ im erregten Wahnsinn wunderliche Reden führte, während er vorn leuchtete.
Das wollt’ ich nur noch wissen! sagt’ er zuletzt; nun kann ich sterben; die andre Noth hab’ ich alle gelernt, bis auf den Tod. Ich sollte dem kleinen Betteltäschchen die Freude nicht machen! — Wecker, du solltest mit heim gehen! das heißt, wo er zu Hause ist, oder auch heim! wo du heim bist! Johannes sollte lieber „das alte Schulhaus“ schleppen, wie die Engel das Haus nach Loretto; dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann müßte der Pastor einmal umsonst begraben. Der sollte sich ärgern! — Aber an einer oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hände erfrieren, Johannes! Merkt Euch das.
Gott wird der Christel den Schaden ersetzen, sagte Johannes. — Da will ich die Wiege sein, die Euch fehlt; der Mann bin ich! freute sich Wecker. —
Aus den Dörfern umher schallte schon Ostergesang und hallte freudig im Walde nach, wie ein Echo vom Himmel, oder wie sanfte Stimmen unsichtbarer Engel, die an dem heiligen Morgen um die Menschen wandelten auf Erden. Alles war angeklungen von dem geweihten Gesang. Der Himmel und vor ihnen der blinkende große Morgenstern schien nicht sein eigen, die Erde nicht ihr eigen, nicht Wald und Flur, Hütten und Weinberge nicht, auch die Menschenherzen nicht, sondern der Name: Christus, gesungen aus der Brust der Mädchen, umfing und befing Alles mit sanftem Schall und eignete Ihm es zu; und die Welt war Gottes des Vaters in dieser heiligen Morgenstunde.
Hört ihr die Jungfrau’n, Johannes? wie das erbaulich klingt! sprach Wecker. Sie haben’s heut kalt. Aber sonst wär’s auch keine Kunst, zu singen! So Etwas ist ewig, und verlangt sein Recht zu aller Zeit. Ich mußte auch lauten, und wenn das Gewitter dicht über mir stand; es hat mich auch einmal so halb und halb, das heißt aber nicht etwa ganz versengt, so nur angesengt! Dafür hab’ ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes Unglück trifft Niemanden zwei Mal, wie das große Loos! Das könnt Ihr Euch merken! —
Johannes merkte sich das mit Stöhnen. Er blieb ein Weilchen stehen, um auszuruhen und Athem zu schöpfen, aber er setzte seinen guten Daniel unterdessen nicht in den Schnee.
Hört nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drüben das Lied:
Der Tod ist todt, Das Leben lebet, Das Grab ist selbst begraben! —
Das wäre gut für den Daniel! und gut für den Todtengräber, die Erde ist jetzt steinhart!
Darauf gingen sie wieder. Als sie aber zum Dorfe kamen, vernahmen sie die Melodie, ja selbst die Worte:
Auf, auf, mein Herz mit Freuden, Nimm wahr, was heut geschieht! Wie kommt nach großen Leiden Doch ein so großes Licht!
Johannes stand gerührt.
Nun da kann ich die Fackel auslöschen! meinte Wecker und stieß sie vor dem Hause in den Schnee.
Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hörte mit Freudenthränen eine zarte Kinderstimme in dem Stübchen, stand und sah durch das kleine Fenster in der Thür, wie die Alte es schon im Bettchen auf den Armen trug. So legt’ er den Daniel hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht sähe. Er dachte kaum, daß dieser kein Strohdach hatte, daß es schon tief hinein geschneit, daß es immerfort noch häufig hinein schneie — ihm schadete ja das Alles nichts! Da ruhe in Gottes Namen, mein Kind! sagt’ er; nahm ihm das Täschchen ab und zog sich aus eigner Wehmuth selbst wieder den alten Sonntagsrock an, sahe noch einmal zurück, ob es gleich noch düster war, und ging erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thür stehen. Die Alte hatte das Kind der Mutter zum ersten Mal auf die Arme gegeben, und er hörte, daß Christel leise sprach: Segne dich Gott! mein liebes Kind! Lebe gesund und werde alt, bis Dir die Tage nicht mehr gefallen! Halte fest an Gottes Wort. — Du bist zu uns gekommen — fuhr sie mit weicher Stimme fort — anstatt in eines Reichen Haus? Wir haben Dich! — und an Liebe soll Dir’s nicht fehlen, und an nichts, was ich habe, und was Du noch brauchst. Sei nur zufrieden und weine mir nicht. Du bist bei mir. —
Nun ward es still. Eine Herzstärkung thät ihr nun wohl! meinte leise die Alte. Und so öffnete Johannes das Täschchen, legte erst ein rothes Osterei daraus auf den Tisch und brockte das Brot in das kochende Wasser. Dann ging er und setzte sich zu Christel auf’s Bett.
Sie aß. Er hatte die Augen zu. — Was weinst Du denn? Vor Freuden? ja wohl! mein Johannes, sprach sie, siehe nur her! — Er aber sagte: Weißt Du auch, was Du issest? — Ich habe ja meine Besinnung, antwortete sie: Brotsuppe! die ist mir jetzt am besten und dienlicher als von rüdesheimer Hinterhäuser.
Aber von was für Brot! meine Christel, nickt’ er. — Bettelbrot von Daniel? sagte sie heiter; sei doch ruhig, Johannes, das Kind hat es gern gethan. Alles ist von Gott, auch das Brot, und von dem nehm’ ich es an, und von dem guten Kinde noch einmal so lieb. — Wo ist denn der Daniel? ruf ihn doch her. — Er schläft; sagte Johannes; er war sehr müde, die Augen fielen ihm immer zu. — Nun so laß ihn schlafen, lächelte Christel; er hat ein gutes Werk gethan. — Der Vater aber ging von ihr, besah das Osterei, brachte heraus, was darauf gekritzelt war: „Friede sei mit Euch,“ schnitt einen Eierkorb und hing es über dem Eßtisch auf, zu des Kindes Angedenken.
21.
Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen und verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging die Hausthür auf, derbe Tritte stampften den Schnee von den Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer erleuchtete Fensterchen in der Thür lockte den Fremden herein.
Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt’ er; guten Morgen auch! Man sieht im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen.
Wir wohnen im letzten Hause von Breitenthal, oder im ersten, wenn man kommt; sagte Johannes.
An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine des Feuers, erkannte der Fremde jetzt Johannes, reicht’ ihm die Hand und sagte: Kennt Ihr mich noch!
Ihr seid wohl der Herr vom Kirchthurm, meinte Johannes.
Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt der Herr von Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin noch in Eurer großen Schuld! aber ich habe an Euch gedacht; ein kleines Schiff mit Sachen liegt für Euch schon befrachtet in Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der Fluß wieder aufgeht, kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer. Nehmt damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer.
Ihr habt ja gehört — ich bin nur nach Dorothee gefahren! Ihr sollt mir ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht nöthig; wiederholte Johannes.
Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß, und, seh’ ich recht, auch Euch.
Da möcht’ es nur bald aufthauen! sagte Frau Redemehr.
Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis.
Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen sie nicht nach der! Sie hat uns großes Herzeleid angethan. Weihnachten hat sie mir ein Kind beschert, das Gottliebchen, und niemand anders als eben auch sie hat es zu meinem Kummer mir wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige Frau hat an ihrem Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb, und Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden, wenn der Schnee und das Eis vergangen.
Sie hat Dir ein Kind gebracht? fragte Johannes seine Christel verwundert.
Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte Paschalis. Wie man sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug genug, beim ersten Anblick eines Menschen ihm sein Schicksal aus dem Gesicht zu lesen; wie er war, und wie er sein kann! Aber seid nicht in Sorgen um sie.
Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm. Da erblickte Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete Namen „Martha“ schimmerte still ihn an.
Martha! sagt’ er für sich. Martha? und auch der alte Johannes! Kinder, fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein?
Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete Christel. Der Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung.
Deine Schwester, die arme Martha! sagt’ er weich. Ich steh’ als ein großer Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich nicht. Ich war aus Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen, aber es gut zu machen — zu schwach, zu stolz, zu verblendet und fortgerissen von derselben Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben ist und es bringt! und als mein Vater gestorben war, als ich aus fremden Städten heim kam — als ich weiser war — da war sie todt. Arme Martha!
Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen, so kann ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen Ostertage machen! Dorothee ist Martha’s Tochter. — Geh’ doch in die große Bibel, Johannes, und gieb dem Herrn den Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und auch den andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr armer Mann!
Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung von Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee.
Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu Johannes: Geht und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und schickt ihn dann auf das Schloß. Der allzu gnädige Gottlieb droht’ er. —
Ihr bringt uns Dorotheen? fragte ihn Christel mit Freud’ und Schmerz wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme.
— Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee watend, um nach Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie als dasselbe Mädchen, das ich bei Euch gesehen. —
War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig.
Allein! kein Kind! versetzte Paschalis.
Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in den Händen verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher und blieb dann gedankenvoll vor der Inschrift stehen.
Dorothee trat ein.
Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an.
Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern Augen ihn messend.
Dein Vater! antwortete Paschalis noch strenger und ergriff sie bei der Hand.
Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee.
Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und kehrte sich von ihr.
Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch klüger hätt’ er gethan: sich erst zu schämen, eh’ ich seine Tochter ward — und so sich von Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee. Aber die Kunst ist nicht groß — ich kann es auch. Und nun kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im Gesicht, und doch blaß und schneller und hörbar athmend.
Eh’ wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist Dein Kind?
Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst nicht zum Weinen wäre! —
Hätt’ ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte Paschalis. Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde zum Prediger, dem ich sie anvertraut. Ein junges Weib sitzt da: ich schweige, ich gehe; ich will morgen wiederkommen, um zu erfahren, wo sie nun ist — da brechen in der Nacht die Dämme, da eil’ ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute, daß sie meine Stimme höre! laute, um in der Menge verborgen sie mit zu retten — nur sie — — hätt’ ich doch nicht gelauten! hätt’ ich doch Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen mir aufzuschreiben, dann zog sie nicht auf das Schloß!
Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann sie ja der gnädige Gottlieb auch heirathen.
Das ist meine Tochter! würd’ ich ihm sagen, trotzte Paschalis und hielt Dorothee an seiner ausgestreckten Hand.
Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält er das Gut.
Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist weder Gott lieb! noch sind Sie Gott lieb! wenigstens mir nicht! Zieh’ in den Krieg! rieth ihm Paschalis.
Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so seid Ihr doch werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht eine Mutter? lebte sie nicht als Wittwe bei ihr und bei ihm? war sie nicht jung noch und üppig genug? — Ihr hab’ ich ihr Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth, daß eine Tochter vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom Sarge der Tochter entfloh! —
Alle schwiegen mit stummer Scheu. Dorotheens Worte hatten eingeschlagen. Jeder sah zur Erde, Jedem bebte das Herz.
Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen und rief: Mein einziges Kind! —
Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden! sprach sie. Das Schloß ist Euer — das Schloß betret’ ich nimmer wieder! — Ihr habt die Schulden zu Euren Schulden gemacht; gebt Eurer Martha Schwester ihre tausend Gulden, und mir den Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder erstatte — dann lebt in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und daß Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt Ihr so schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er wieder, und Johannes befährt den alten Rhein.
Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen! Du, Breitenthal! Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in solchen Händen! Johannes aber ein Schiff mit goldenem Boden — ich will Euch Alle glücklich machen! sagte Paschalis erregt zu Johannes.
Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete ihm Johannes. So elend war ich da nicht wie heut’, und nun immerfort! — o mein gutes Weib! — und doch lebt ja der alte Gott! Du verstehst mich, aber nur halb!
Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer begreift das Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre gemacht, o Dorothee, das segnet Dir Gott und mir!
Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr Vater! lächelte Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie der älteste Kaufmann. — Nicht wahr, Ihr verliert nur Eure Schätze, wenn Jemand fallirt, dem Ihr sie anvertraut. Aber — ein gefallenes Haus hat keinen Credit, und ein Mädchen borgt Ihm nicht einen Finger, geschweige die Lippe! — Das sag’ ich noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen.
Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie der Vater.
Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das kecke Mädchen.
Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und wankte hin, um sich auszuweinen bei seinem Daniel. — Aber er fand Jemand schon neben ihm. Wer seid Ihr? fragt’ er verwundert. — Still! Still! ich bin Wecker! der wahre Wecker? Ich bin der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der Doctor! sprach er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist eigentlich nur ein Lizentiat! fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme hat sich eine Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine Wange glüht. Ex Noth wird wieder Ex voto! Hört ihr das Osterlied! Nun kommen die heiligen Frauen.
Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der Hände nicht thun, was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf die Füße stellte und in des Vaters Arme gab. Der Knabe besann sich endlich langsam wieder, glaubte noch in dem Steinbruch zu sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte dann des Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater? da hast Du Brot! komm’, führe mich heim, der Mutter wird bange sein!
Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der aufgehenden Sonne Licht und Glanz geblendet, und schwach, schwankte das Kind und stand wie im Traume und gähnte und strich sich die Haare aus der Stirn.
Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die Mutter.
Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung, die aus Johannes Worten und Wesen sie anschauerte.
Nun — nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr Johannes leiser fort und zog ihn der weinenden Mutter nah.
Daniel! — sprach sie mit versagender Stimme und streckte die Arme nach ihm.
Mutter! — sprach er, als bät’ er sie um Vergebung, und lag in ihren Armen.
Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte sie nicht an Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich da und hatte die Augen zu.
Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel wieder! und noch einen kleinen: „Vom Himmel hoch, da komm ich her!“ — Ich habe Alles! — Dorothee! hörst Du, Dorothee, ergieb Dich Deinem Vater! — Du weinst, mein Mädchen?
Da traten die Jungfrau’n der Osternacht auch vor das kleine Haus und sangen:
Es gingen drei heilige Frauen Alle-alleluja! Des Morgens früh im Thauen, Alle-alleluja!
Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen. Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da waren die drei Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert, und die zwei Engel in weißen Gewanden. Und sie standen wie Erscheinungen, fuhren fort in dem Wechselgesang, und es sangen:
Die Engel:
Erschrecket nicht, und seid All’ froh! Alle-alleluja! Denn, den ihr sucht, der ist nicht da. Alle-alleluja!
Martha:
Ach Engel! lieber Engel fein, Alle-alleluja! Wo find’ ich doch den Herren mein? Alle-alleluja!
Die Engel:
Er ist erstanden aus dem Grab, Alle-alleluja! Heut’ an dem heil’gen Ostertag. Alle-alleluja!
Maria:
Habt Dank, ihr lieben Engel fein. Alle-alleluja! Nun woll’n wir Alle fröhlich sein! Alle-alleluja!
Sie schwiegen nun und lächelten. —
— Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein! sagte Paschalis und zog seine Tochter, die Willige nun, an das Herz.
Und Ihr auch? alter Wecker! sprach mit dankbarem Handschlag Johannes. Ihr bleibt bei uns und zieht mit hinab, wenn das neue Haus steht.
Das wollt’ ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit Thränen ein frohes: Alle-alleluja!
Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann rief sie Sophiechen und sagte: siehe, mein Kind, heut’ tanzt die Sonne! denn heut’ ist heiliger Ostertag!
Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah’ in die rothe, große, zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm über, und Dorotheen.
Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha, die ihn aus dem Schleier ansah, und bot ihr, wie zur Versöhnung, die Hand und blickte mit feuchten Augen zum Himmel.
Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle mit freundlichem Lächeln und sprachen: Friede sei mit Euch!
Anmerkungen zur Transkription
Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107. Im Original gesperrte Textstellen werden kursiv wiedergegeben. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... oder ein Stübchen haben der Barromäus. Es sind auch ... ... oder ein Stübchen haben der Borromäus. Es sind auch ...
... sie glichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ... ... sie gleichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ...
... einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestoft ... ... einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestopft ...
... Am andern Morgen erwachte Johannnes zeitig, so still auch ... ... Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch ...
... Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel ... ... Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel. ...
... sich au’s Bett. ... ... sich auf’s Bett. ...
... Dannn lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen ... ... Dann lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen ...