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Die Ostereyer

Sechstes Kapitel. Ein Ey, das wirklich in Gold und Perlen gefaßt wird.

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Den Frühling und Sommer über fiel in dem Thale nichts besonders vor. Die Kohlenbrenner bauten ihr kleines Feld und gingen fleißig in den Wald, Kohlen zu brennen; ihre Weiber besorgten die Haushaltung und zogen viele Hühner; und die Kinder fragten sehr oft, ob es wohl nicht bald wieder Ostern sey. Die edle Frau aber war jetzt manchmal sehr traurig. Ihr alter, treuer Diener, der sie hieher begleitet hatte, und anfangs von Zeit zu Zeit bald größere, bald kleinere Reisen machte, und ihre Geschäfte besorgte, konnte das Thal schon lange nicht mehr verlassen. Denn er fing an zu kränkeln. Ja, als es Herbst ward und die Gesträuche an den Felsen umher bereits bunte Blätter hatten, konnte er kaum mehr vor die Thüre, um sich, was er sonst so gerne that, ein wenig zu sonnen. Die Frau vergoß aus Mitleid mit dem guten, alten Manne, und aus Besorgniß, ihre letzte Stütze zu verlieren, manche stille Thräne. Auch das fiel ihr sehr schwer, daß sie nun durch ihn von ihrem Vaterlande keine Nachricht mehr erhalten konnte, und in diesem abgelegenen Thale von der ganzen übrigen Welt wie abgeschieden war.

Um diese Zeit setzte aber noch ein anders Ereigniß die gute Frau in nicht geringe Aengste und Schrecken. Die Kohlenbrenner kamen eines Morgens aus dem Walde heim, und erzählten, als sie die vergangene Nacht wohlgemuth bey ihren brennenden Kohlhaufen gesessen wären, da seyen auf einmal vier fremde Männer zu ihnen gekommen, die eiserne Kappen auf dem Kopfe und eiserne Wammse angehabt, und große Schwerter an der Seite und lange Spieße in der Hand geführt hätten. Sie hätten sich Dienstleute des Grafen von Schroffeneck genannt, der mit vielen Reisigen in dem Gebirge angekommen sey. Sie hätten sich auch nach allem in der Gegend wohl erkundigt. Der Müller eilte mit dieser Neuigkeit sogleich zu der Frau, die eben an dem Bette des kranken Kuno saß. Sie wurde, als der Müller den Namen Schroffeneck nannte, todtenbleich, und rief: „O Gott, der ist mein schrecklichster Feind! Ich glaube nicht anders, als er stellt mir nach dem Leben. Die Kohlenbrenner werden den fremden Männern meinen Aufenthalt doch ja nicht entdeckt haben!“ Der Müller versicherte, so viel er wisse, sey von ihr gar nicht die Rede gewesen. Die Männer hätten sich an dem Feuer nur gewärmt und seyen gegen Tag wieder weiter gegangen. Daß sie aber noch in dem Gebirge umherstreifen, sey dennoch gewiß.

„Lieber Oswald!“ sagte die Frau zum Müller, „Ich habe, seit ihr mich in euer Haus aufnahmet, euch immer als einen gottesfürchtigen, rechtschaffenen, redlichen Mann kennen gelernt. Euch will ich daher meine ganze Geschichte anvertrauen, und auch die große Angst entdecken, die jetzt mein Herz erfüllt; denn auf euern guten Rath und auf euern treuen Beystand mache ich sichere Rechnung.“

„Ich bin Rosalinde, eine Tochter des Herzoges von Burgund. Zwey angesehene Grafen warben um meine Hand — Hanno von Schroffeneck und Arno von Lindenburg. Hanno war der reichste und mächtigste Herr weit umher, und hatte viele Schlösser und Kriegsleute; allein er war nicht gut und edel. Arno war wohl der tapferste und edelste Ritter im Lande; allein im Vergleich mit Hanno arm; denn er hatte von seinem edlen, uneigennützigen Vater nur ein einziges alterndes Schloß geerbt, und war auch gar nicht darauf bedacht, durch Gewalt mehrere an sich zu reißen. Ihm gab ich, mit Gutheißen meines Vaters, meine Hand, und brachte ihm eine schöne Strecke Landes mit mehreren festen Schlössern zum Brautschatze. Wir lebten so vergnügt, wie im Himmel.“

„Hanno von Schroffeneck faßte aber einen grimmigen Haß gegen mich und meinen Gemahl, und wurde uns todtfeind. Indeß verbarg er seinen Groll, und ließ ihn nicht in öffentliche Feindseligkeiten ausbrechen. Nun mußte mein Gemahl mit dem Kaiser in den Krieg gegen die wilden heidnischen Völker ziehen. Hanno hätte den Zug auch mitmachen sollen. Allein unter allerley Vorwänden wußte er seine Rüstungen zu verzögern, blieb zurück, und versprach blos, dem Heere sobald möglich zu folgen. Während nun mein Gemahl mit seinen Leuten an den fernen Grenzen für sein Vaterland kämpfte, und alle genug zu thun hatten, den übermächtigen Feind abzuhalten, brach der treulose Hanno in unser Land ein — und niemand war, der sich ihm widersetzen konnte. Er verwüstete alles weit umher, und erstürmte ein festes Schloß nach dem andern. Mir blieb nichts übrig, als mit meinen zwey lieben Kindern heimlich zu entfliehen. Mein guter alter Kuno war mein einziger Schutzengel auf dieser gefährlichen Flucht, auf der ich keinen Augenblick vor Hanno’s Nachstellungen sicher war. Er führte mich in dieses Gebirg, wo ich in diesem vor aller Welt verborgenen Thale einen so ruhigen Aufenthalt fand.“

„Hier wollte ich nun weilen, bis mein Gemahl aus dem Kriege zurück kommen, und unsre Habe dem unrechtmäßigen Besitzer wieder entreißen würde. Von Zeit zu Zeit zog Kuno aus dem Gebirge in die bewohntere Welt, Kunde von dem Kriege einzuholen. Allein immer kehrte er mit traurigen Nachrichten zurück. Immer noch waltete der böse Hanno in unserm Lande, immer noch dauerte der Krieg an den Grenzen mit abwechselndem Glücke fort. Nun aber ist schon bald ein Jahr, daß mein guter Kuno krank ist, und seit der Zeit weiß ich nichts mehr von meinem theuren Vaterlande, und von meinem lieben Gemahl. Ach, vielleicht fiel er schon lange unter dem Schwerte der Feinde! Vielleicht kam Hanno, der mir mit seinen Leuten so nahe ist, meinem geheimen Aufenthalte auf die Spur — und was wird dann aus mir werden? Der Tod wäre noch das Beste, was mir begegnen könnte! —“

„O redet doch mit den Köhlern, lieber Oswald, daß sie mich doch nicht verrathen!“ „Was verrathen!“ sagte der Müller. „Ich stehe euch gut für alle; jeder gäbe sein Leben für mich. Ehe der von Schroffeneck euch etwas zu leid thun sollte, müßte er es mit uns allen aufnehmen. Seyd daher außer Sorgen, edle Frau!“ Eben so sprachen die Kohlenbrenner, als ihnen der Müller die Sache vortrug. „Er soll nur kommen,“ sagten sie, „dem wollen wir mit unsern Schürhacken den Weg weisen.“

Die gute Frau brachte indeß ihr Leben unter beständigen Sorgen und Aengsten zu. Sie getraute sich kaum mehr aus der Hütte, und ließ auch keines ihrer Kinder vor die Thüre. Ihr Leben war sehr betrübt und kummervoll. Da es aber in dem Gebirge wieder ruhig wurde, und man von den geharnischten Männern nichts mehr sah und hörte, wagte sie es einmal, einen kleinen Spaziergang zu machen. Es war nach langem Regen gar ein schöner, lieblicher Tag spät im Herbste. Einige hundert Schritte von ihrer Hütte war eine Art ländlicher Kapelle. Sie war nur aus rohen Tannenstämmen erbaut, und an der Vorderseite ganz offen. In der Kapelle sah man die Flucht nach Aegypten, ein sehr liebliches Gemählde, das Kuno einmal von einer seiner Wanderungen mitgebracht hatte, die gute Frau über ihre eigene Flucht zu trösten. Hinter der Kapelle erhob sich eine hohe Felsenwand, und vor der Kapelle standen einige schöne Tannen, und beschatteten den Eingang derselben. Das Plätzchen hatte noch etwas Stilles und Trauliches, daß man mit Wehmuth und Freude hier verweilte. Ein angenehmer Weg über grünen Rasen, zwischen mahlerischen Felsen und Gesträuchen führte dahin. Dies war ihr liebster Spaziergang. Sie ging — nicht ganz ohne Bangigkeit — auch dieses Mal dahin. Sie kniete mit ihren Kindern einige Zeit auf dem Betstuhle am Eingange der Kapelle. Die Aehnlichkeit ihres Schicksals mit dem der göttlichen Mutter, die auch mit ihrem Kinde in ein fremdes Land flüchten mußte, rührte sie, und manche Zähre floß von ihren Wangen. Sie betete eine Zeit, und setzte sich dann auf die Bank. Ihre Kinder pflückten indeß an den Felsen umher Brombeeren, freuten sich, daß jede Beere gleichsam ein kleines, glänzendschwarzes Träubchen bilde, und entfernten sich nach und nach ziemlich weit.

Als nun die Frau so einsam da saß — sieh, da kam ein Pilgersmann zwischen den Felsen hervor und näherte sich der Kapelle. Er hatte nach Art der Pilger ein langes, schwarzes Gewand an und einen kurzen Mantel darüber. Sein Hut war mit schönfarbigen Meermuscheln geziert, und in der Hand führte er einen langen, weißen Stab. Er war, wie es schien, schon sehr alt, aber doch ein stattlicher, sehr wohlaussehender Mann. Seine langen Haare, die auf beiden Seiten der Scheitel schlicht herab hingen, und sein langer Bart waren weiß wie Schleeblüthe, aber seine Wangen noch röther, als die schönsten Rosen. Die Frau erschrack, als sie den fremden Mann sah. Er grüßte sie ehrerbietig und fing ein Gespräch mit ihr an. Sie aber war in ihren Reden sehr vorsichtig und zurückhaltend. Sie blickte ihn nur sehr schüchtern an, als wollte sie ihn erst ausforschen, ob sie ihm — als einem ganz Fremden — wohl auch trauen dürfe.

„Edle Frau,“ sagte endlich der Pilger, „habt keine Furcht vor mir. Ihr seyd mir nicht so fremd, als ihr denket. Ihr seyd Rosalinde von Burgund. Ich weiß auch gar wohl, was für ein hartes Schicksal euch zwang, zwischen diesen rauhen Felsen eine Zufluchtsstätte zu suchen. Auch euer Gemahl, von dem ihr nun schon drei Jahre getrennt seyd, ist mir recht wohl bekannt. Seit ihr hier in dieser abgelegenen Gegend wohnet, hat sich in der Welt vieles geändert. Wenn euch je noch daran liegt, von dem guten Arno von Lindenburg zu hören, und das Andenken an ihn in eurem Herzen noch nicht erloschen ist, so kann ich euch die fröhlichsten Nachrichten von ihm mittheilen. Es ist Friede! Mit Siegeskränzen geschmückt kehrte das christliche Heer zurück. Euer Gemahl hat seine geraubten Festen wieder erobert. Der Bösewicht Hanno rettete sich mit genauer Noth in dieses Gebirg, und auch aus diesem hat er sich schon weiter flüchten müssen. Der innigste Wunsch eures Gemahls ist nun, euch, seine geliebte Gemahlinn, wieder aufzufinden.“

„O Gott!“ rief jetzt die Frau, „welch eine Freudenbothschaft! O wie dank ich Dir, lieber Gott!“ Sie sank auf die Knie, und reichliche Thränen flossen über ihre Wangen. „Ja,“ sprach sie, „Du, guter Gott, hast meine heißen Thränen gesehen, meine stillen Seufzer vernommen, mein unaufhörliches Flehen erhört! — O Arno, Arno, daß mir doch bald der selige Augenblick würde, dich wieder zu sehen, und dir deine Kinder, die bey deiner Abreise noch ganz unmündig waren, vorzuführen, damit du nun aus ihrem Munde das erste Mal den holden Vaternamen vernehmest!“

„Ja wohl zweifeln, du frommer Mann,“ sagte sie zum Pilger, „ob ich meines Gemahls noch gedenke — ob nicht sein Andenken in meinem Herzen erloschen? — O meine Kinder,“ rief sie jetzt ihren zwey Kleinen zu, die schüchtern in einiger Entfernung standen, und den fremden Mann neugierig betrachteten — „o kommt hieher!“ Beyde Kinder kamen eilig.

„Du, Edmund,“ sprach sie jetzt zum Knaben, indem sie das Kind küßte und ermunterte, nicht scheu, sondern hübsch dreist zu seyn, „sage dem Manne hier das kleine Gebet, das wir alle Morgen für den Vater beten.“ Der Kleine faltete, als ob es allzeit so seyn müßte, auch wenn man es nur auswendig hersagte, andächtig die Hände, und sprach mit sichtbarer Rührung, die Augen zum Himmel gerichtet, laut und mit Ausdruck: „Lieber Vater im Himmel! Sieh auf uns zwey arme Waislein herab! Unser Vater ist im Kriege. O laß ihn nicht umkommen! O wir wollen auch recht fromm und gut seyn, damit der liebe Vater Freude habe, wenn er uns einmal wiedersieht! Ach ja, erfülle unsre Bitte!“

„Und du, Blanda,“ sagte sie zum gelblockigten Mädchen mit den Rosenwangen, „sag, wie beten wir Abends für den Vater, ehe wir uns schlafen legen?“ Das Kind faltete eben so wie der Knabe die kleinen Händchen, schlug die blauen Augen zum Himmel auf, und betete schüchtern mit sanfter, leiser Stimme: „Lieber Vater im Himmel! Ehe wir zur Ruhe gehen, flehen wir noch zu Dir für unsern Vater auf Erde. Laß ihn sanft ruhen und dein Engel beschütze ihn vor feindlichem Ueberfall. Schenke auch der lieben Mutter sanften Schlaf, damit sie ihres tiefen Kummers ein wenig vergesse. Oder wenn Du ihr auch den süßen Schlaf entziehen willst — so laß ihn auf die Augenlieder des Vaters sanft herabsinken. O möchte dieser Abend der letzte unsrer traurigen Trennung seyn — möchte bald der frohe Morgen jenes Tages anbrechen, an dem wir ihn wiedersehen!“

„Amen, Amen!“ sagte die Mutter, indem sie die Hände faltete, und weinend zum Himmel aufblickte. — —

Jetzt fing der Pilger mit einem Male an laut zu weinen. In einem Augenblicke hatte er die Verkleidung — Haare und Bart, Pilgermantel und Pilgerrock hinweg geworfen — und stand nun in prächtiger, ritterlicher Tracht, in Gold und Purpur, in jugendlicher Schönheit, voll Kraft und Leben da, und breitete seine Arme weit gegen Frau und Kinder aus, und rief mit lauter, tiefgerührter Stimme: „O Rosalinde, meine Gemahlinn — o Edmund und Blanda, meine liebsten Kinder!“

Die Frau war vom plötzlichen Freudenschrecken ganz betäubt. Die Kinder, die bey dem lauten Weinen des Pilgers eben zu ihrer Mutter aufgeblickt hatten, als wollten sie um Hülfe für den Mann flehen, schauten, als sie jetzt ihren Namen hörten, um — und erschracken über das Wunder, das sie zu sehen glaubten; denn sie meinten, da die Mutter ihnen öfters aus der Legende erzählt hatte, nicht anders, als der Greis habe sich mit einem Male in einen schönen Jüngling des Himmels — in einen Engel verwandelt; so schön kam ihnen ihr Vater vor. Denn wirklich war er auch der schönste Mann unter dem ganzen christlichen Heere. O wie entzückt waren sie, als die Mutter ihnen nun sagte, der schöne Herr sey ihr lieber Vater, von dem sie ihnen so oft erzählt habe. Vater und Mutter und Kinder fühlten sich so glücklich, als wären sie schon im Himmel, und ein Paar Stunden verschwanden ihnen wie ein Paar Augenblicke.

Rosalinde hatte aus den Reden ihres Gemahls vernommen, daß er unter starker Bedeckung spornstreichs hieher geritten sey, um sie hier abzuholen; daß er aber wegen der steilen, gefährlichen Felsenwege sein Gefolge von Reitern zurückgelassen habe, und in Pilgertracht, deren sich die Vornehmen damals oft bedienten, wenn sie unbekannt reisen wollten, zu Fuße vorausgeeilt sey, schneller bey ihr zu seyn, sich unter dieser fremden Gestalt von ihrem Wohlbefinden und von dem Wohlverhalten seiner Kinder zu überzeugen, und sie auf seinen Empfang vorzubereiten. Rosalinde fragte, wie es gekommen sey, daß er ihren Aufenthalt so sicher erfahren habe.

„O Rosalinde,“ sagte er, „unser Wiedersehen ist die Frucht deiner Wohlthätigkeit gegen die armen Leute, besonders gegen die Kinder in diesem Thale. Darum hat Gott deinen Kindern den Vater wieder geschenkt. Ohne diese deine wohlthätigen Gesinnungen hätten wir uns nicht so bald, ach vielleicht gar nicht mehr gesehen! Denn überall warest du von unsren Feinden umgeben, und leicht hättest du in ihre Hände fallen können. Erst nachdem ich mit meinen Leuten im Gebirge angekommen war, entfloh Hanno mit den Seinigen über alle Berge. Sieh da,“ sprach er, und zeigte ihr das gefärbte Ey mit dem Spruche: Vertrau auf Gott, Er hilft in Noth! „Dieses Ey ward in der Hand Gottes das Mittel, uns wieder zu vereinigen. Ich hatte lange Zeit her Leute ohne Zahl ausgesendet, dich zu suchen — aber immer vergebens. Da kam einmal Eckbert, einer meiner Edelknechte, den ich schon für verloren hielt, weil er mir gar lange ausblieb, von einem Ritte zurück. Er war in einen Abgrund gestürzt, und wäre da bald verhungert. Ein fremder Jüngling rettete ihn mit einem Paar Eyer vom Hungertode, und ließ ihm noch obendrein dieses Ey mit dem schönen Spruche zum Andenken an seine Rettung. Eckbert zeigte mir das Ey. Aber, lieber Himmel, wie erstaunte ich! Auf den ersten Blick erkannte ich deine Hand. Augenblicklich saßen wir auf, und ritten dem großen Marmorbruche zu, in dem der gute Jüngling arbeitete. Dieser zeigte mir den Weg hieher. Hättest du den schönen freundlichen Gedanken nicht gehabt, den Kindern mit den bunten Eyern ein Fest zu machen; hättest du bey den leiblichen Wohlthaten nicht auf den Geist so schön Bedacht genommen, und die schönen Denkreime nicht auf die Eyer geschrieben, wäret ihr alle — du mein lieber kleiner Edmund da, und du meine kleine holde Blanda hier, gegen einen fremden Jüngling nicht so wohlthätig gewesen: o so wäre uns der heutige Freudentag nicht geworden. Auf jeder milden Gabe — sie sey auch noch so klein — ruht doch immer der Segen des Höchsten, wenn sie aus reinem Herzen und ohne Hoffnung einer Vergeltung gegeben wird. Sie ist ein Samenkorn, das reichliche Früchte trägt. Unter Gottes Leitung bringt sie uns oft auf Erden schon großes Heil. Merkt euch das euer Leben lang, ihr lieben Kinder! Gebt den Armen gerne, sucht andern einen frohen Tag zu machen, gleicht eurer Mutter! Helft andern aus der Noth, und euch wird auch geholfen werden! Erbarmet euch, und ihr werdet auch Erbarmen finden. Freudig werdet ihr dann auf Gott vertrauen können, und die felsenfeste Wahrheit auf der zerbrechlichen Eyerschale da, die heute so schön in Erfüllung ging, wird auch fernerhin an euch herrlich in Erfüllung gehen. Er wird euch nie ohne Hülfe lassen. — Dieß seht ihr aus dieser Geschichte. In Gold und Perlen werde ich deßhalb dieses Ey fassen, und zum steten Andenken in unsrer Burgkapelle am Altare aufhängen.“

Indeß war es Abend geworden, und schon glänzte hie und da ein Sternlein am klaren Himmel. Graf Arno ging mit seiner Gemahlinn am Arme ihrer ländlichen Wohnung zu, und die zwey Kleinen gingen voraus. Hier erwartete sie neue Freude. Der Edelknecht und Fridolin, sein Erretter, waren hier und hatten sich indeß mit Kuno unterhalten, den die Ankunft seines geliebten Herrn schon fast gesund gemacht hatte. Der gute Jüngling Fridolin, dem die Gräfin die Eyer geschenkt hatte, kam zuerst herbey, und grüßte sie und die Kinder als alte Bekannte auf das freundlichste und freudigste. Dann trat Eckbert, der Edelknecht, den die Eyer vom Hungertode gerettet hatten, ehrerbietig herbey und sagte: „Laßt mich, theure Gräfin, die wohlthätige Hand küssen, die mir unter Gottes Leitung das Leben rettete.“ Den braven Kuno umarmte der Graf als seinen treusten Diener, und auch dem wackern Müller, der festlich geputzt in seinem hellblauen Sonntagsrocke dastand, schüttelte er mit dankbarer Rührung treuherzig die Hand. Sie speisten den Abend alle zusammen und waren von Herzen fröhlich und vergnügt.

Am andern Morgen aber war großer Jubel im ganzen Thale. Die Nachricht, der Gemahl der guten Frau, ein vornehmer — vornehmer Herr, sey angekommen, setzte alles in Bewegung. Groß und Klein kam herauf, ihn zu sehen, und die kleine Hütte ward ganz von Leuten umringt. Der Graf trat mit seiner Gemahlinn und seinen Kindern heraus und grüßte die Leute auf das liebreichste, und dankte ihnen für alles Gute, das sie seiner Gemahlinn und seinen Kindern erwiesen hätten. „O nicht wir sind ihre Wohlthäter,“ sagten die Leute mit Thränen in den Augen, „sie ist unsre größte Wohlthäterinn!“ Der Graf unterhielt sich lange mit den guten Leuten, und sprach mit einem jeden aus ihnen, und alle waren über seine Freundlichkeit entzückt. Indeß hatte das Gefolg des Grafen, mit Hülfe einiger Kohlenbrenner einen Weg in das Thal gefunden. Unter dem Klange der Trompeten kamen mehrere Ritter, und eine Menge Knappen zu Pferd und zu Fuß zwischen zwey waldigen Bergen hervor, zogen in das Thal herein, und ihre Helme und Spieße leuchteten im Glanze der Sonne wie Blitze. Alle begrüßten ihre wiedergefundene Gebietherinn mit hoher Freude — und ihr Freudenruf hallte rings von den Felsen zurück.

Graf Arno blieb noch ein Paar Tage hier; am Abende, bevor er mit seiner Gemahlinn und seinen Kindern, mit Kuno und dem übrigen Gefolge abreiste, gab er noch allen Bewohnern des Thales eine große Mahlzeit. Der Müller und die Köhler saßen zwischen Rittern und Knappen, und die Tafel sah sehr bunt aus. Am Ende der Mahlzeit beschenkte der Graf seine ländlichen Gäste, vorzüglich den Müller, noch sehr reichlich. Martha blieb in den Diensten der Gräfinn. Für die Mutter und Geschwister des guten Jünglings Fridolin sorgte er noch ganz besonders. Zu den Kindern der Köhler aber sagte er: „Für euch, ihr lieben Kleinen, will ich zum Andenken an den Aufenthalt meiner Gemahlinn unter so guten Leuten eine kleine Stiftung machen. Jedes Jahr sollen auf Ostern allen Kindern Eyer von allen Farben ausgetheilt werden.“ „Und ich,“ sprach die gute Gräfinn, „will diesen Gebrauch in unsrer ganzen Grafschaft einführen, und dort zum Andenken meiner Befreyung alle Jahre auf Ostern gefärbte Eyer unter die Kinder austheilen lassen.“ Dieß geschah auch. Die Eyer nannte man Ostereyer, und die schöne Sitte verbreitete sich nach und nach durch das ganze Land.

Die Leute an andern Orten, die den Gebrauch nachmachten, sagten: „Die Erlösung der guten Gräfinn aus ihrem Felsenthale und jenes Edelknechtes aus dem Abgrunde vom nahen Tode, geht uns zwar nicht so nahe an, ihr Andenken jährlich zu feiern. Die bunten Eyer sollen daher unsre Kinder an eine größere, herrlichere Erlösung erinnern, die uns sehr nahe angeht — an unsre Erlösung von Sünde, Elend und Tod, durch Denjenigen, der vom Tode auferstand. Das Osterfest ist das rechte Erlösungsfest — und die Freude, die wir da den Kindern machen, ist ganz dem Sinne des Erlösers gemäß. Die Liebe, die gerne groß und klein erfreut, ist ja die Summe seiner heiligen Religion, und das schönste Kennzeichen seiner wahren Verehrer. Ja, die Sitte, den Kindern Eyer zu schenken, kann auch den Aeltern und allen Menschen eine schöne Erinnerung an die Vaterliebe Gottes gegen uns Menschen, gleichsam ein Pfand der wohlwollenden Gesinnungen seines treuen Vaterherzens seyn. Denn der Mund der Wahrheit hat es ja selbst gesagt: Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohne, der ihn um ein Ey bittet, einen Skorpion geben könnte? Wenn nun ihr euren Kindern gute Gaben zu geben wißt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen, die Ihn darum bitten — (die beste aller Gaben) den guten Geist geben?“

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

... armen Kohlenbrenner. Das enge Thal war ... ... arme Kohlenbrenner. Das enge Thal war ...

... wunderlich er den Schweif trägt, fast wie ein ... ... wunderlich er den Schweif trägt, fast wie eine ...

... merken konnten, das ich ihnen nichts zu leid ... ... merken konnten, daß ich ihnen nichts zu leid ...

... aufgetragen. Kuno brachte ein Teller voll ... ... aufgetragen. Kuno brachte einen Teller voll ...

... abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schönen ... ... abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schönes ...

... schöner Frühlingtag — ein wahrer Auferstehungstag ... ... schöner Frühlingstag — ein wahrer Auferstehungstag ...

... Ereigniß die gute Frau in nicht geringe Aengsten ... ... Ereigniß die gute Frau in nicht geringe Aengste ...

... wagte er es einmal, einen kleinen Spaziergang ... ... wagte sie es einmal, einen kleinen Spaziergang ...

... ob sie ihm — als einen ganz Fremden — ... ... ob sie ihm — als einem ganz Fremden — ...

... über das Wunder, daß sie zu sehen glaubten; ... ... über das Wunder, das sie zu sehen glaubten; ...

... dankte ihnen für alles Gute, daß sie seiner ... ... dankte ihnen für alles Gute, das sie seiner ...

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