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Die neuesten Geschichtslügen

V. Das Ende der Kriegslügen

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Warum haben die deutsche und die österreichisch-ungarische Regierung nicht gleich der englischen, französischen, russischen, belgischen, italienischen, serbischen sofort im Anfang des Krieges ihre Akten über dessen Vorgeschichte in einer einigermaßen vollständigen Sammlung veröffentlicht? Weil sie ihr Skelett im Hause kannten, und das waren ihre eigenen Geheimakten, weil sie wußten, was in diesen Akten stand, weil ihr schlechtes Gewissen ihnen verbot, die Welt Einblick in diese ihre Akten nehmen zu lassen. Deswegen war das Wort in der Thronrede Wilhelms II. vom 4. August 1914, die seine und überhaupt die letzte deutsche Thronrede werden sollte, in dieser Lügen-Thronrede, das Wort von der „aufgezwungenen Notwehr“, dem „reinen Gewissen“ und der „reinen Hand“, die erste und die fundamentale Geschichtsfälschung in diesem Kriege. Ihr reines Gewissen war eine Lüge, und auf der Lüge beruhte ihr reines Gewissen. Mit schlechtem Gewissen und unsauberer Hand sind Wilhelm II. und seine Berater in diesen Krieg eingetreten, der ihnen nicht aufgedrungen, nicht eine Handlung der Notwehr war, sondern ein Präventivkrieg, durch den die militärischen Gelegenheitsmacher vom Großen Generalstab die ihres Erachtens militärisch günstige Lage ausnützen wollten. Das mußte schon während des Krieges jedem unbefangenen kritischen Beobachter klar werden, heute steht es aktenmäßig fest. Damit ist auch der Feldzug der Geschichtslügen, der am 4. August vom Kaiser in seiner Thronrede eingeleitet und von seinen Ministern bis lange nach dem Kriege, noch in ihren Memoirenbüchern, fortgesetzt worden ist, zu einem endgültigen Abschluß gelangt, der von gleicher Art ist wie der des Krieges selbst: Wilhelm II. und sein Regime haben diesen Krieg der Geister ebenso verloren wie den der Kanonen. Sie sind geistig geschlagen, nicht von den Feinden, deren Aktensammlungen wir hier absichtlich außer Betracht gelassen haben, sondern durch ihre eigenen Akten, durch ihre geheimen Selbstbekenntnisse, durch ein argumentum ad hominem, gegen das sie keinen Widerspruch erheben können. Sie haben sich selbst moralisch gerichtet, sie haben sich selbst überführt. Zwischen ihren Behauptungen und denen der feindlichen Staatsmänner hatten bisher unüberbrückbare Widersprüche geklafft, und aus diesen hatte sich eine Zweiteilung der geschichtlichen Wahrheit über den Ursprung des Krieges ergeben; ebenso unverbrüchlich wie das deutsche Volk an die ihm von seinen Staatsmännern gebotene Darstellung, glaubten die Völker der Entente und mit ihnen die meisten Neutralen an die der Entente-Staatsmänner, jeder von beiden Teilen beschuldigte den anderen der Lüge und Fälschung, und es gab kein anerkanntes Kriterium der Wahrheit. Mit der von den alten deutschen Staatsmännern nicht vorhergesehenen Veröffentlichung der deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch und der österreichischen Rotbücher ist dieses Kriterium nun plötzlich gegeben, und die deutschen Staatsmänner sind mit ihren voreiligen Memoirenbüchern auf der Lüge ertappt. Die Aktensammlungen der Mittelmächte und die der Feinde stimmen in der Darstellung der Haupt-Tatsachen miteinander überein, die Kluft zwischen der Auffassung hüben und drüben hat sich geschlossen, über die Vorgeschichte des Weltkrieges existiert nur mehr eine Wahrheit, die von Freund wie Feind aktenmäßig bezeugt wird.

Das ist gut und recht so. Welch schneidender Widerspruch hätte in jedem Menschenfreund jeden Glauben an die Menschheit, jede Hoffnung auf die Kraft der Wahrheit und Gerechtigkeit vernichten müssen, wenn die Geschichtslügen der Wilhelm II., v. Bethmann, v. Jagow, v. Tirpitz, Helfferich und wie sie alle ihre unzählbaren Mithelfer heißen, unwiderlegt geblieben wären, wenn es den Geschichtslügnern gelungen wäre, die Geschichte zu fälschen und die Legende aufrecht zu erhalten, daß in diesem größten aller Kriege die Wahrheit und Gerechtigkeit, das gute Gewissen und die reine Hand von dunklen Übermächten besiegt, zerschlagen, vernichtet worden sind! Welch unüberbrückbarer Zwiespalt hätte sich unter den Völkern eröffnet, wenn es dauernd zwei Wahrheiten über diesen Krieg, zwei gegeneinander streitende Geschichtsdarstellungen gegeben hätte, wie die Geschichtslügner es wollten! Welche Mutlosigkeit hätte sich aller guten Geister bemächtigt, wenn sie hätten erkennen müssen, daß die Menschen sich nicht einmal über eine Reihe von so groben, greifbaren Tatsachen verständigen und einigen können, wie es die der Vorgeschichte des Krieges sind! Wäre die doppelte Geschichtsschreibung, die Geschichtsschreibung der Zentralmächte und die der Ententemächte, nicht eine geistige Fortsetzung dieses grauenvollen Krieges bis ans Ende geworden, hätte sie nicht Deutschland, als die einzige Überlebende der Zentralmächte, auf immer geistig von der übrigen Welt abgetrennt, zu ihr in einen unheilvollen Gegensatz gebracht? Hätte sie nicht zum physischen und wirtschaftlichen Ruin, den dieser Krieg über die Menschheit verhängt hat, auch noch die Zermürbung der menschlichen Intelligenz gefügt, die Auflösung des Grundbegriffs alles menschlichen Denkens, des Glaubens an eine einzige, allen Menschen gemeinsame Erkenntnisfähigkeit, des Glaubens an die Wahrheit?

Deswegen ist die Veröffentlichung der deutschen und österreichischen Kriegsdokumente eine erlösende Tat, die allein schon die Revolution rechtfertigen könnte, ohne die sie gewiß nicht möglich gewesen wäre, — rechtfertigen könnte oder, besser gesagt, rechtfertigen wird, wenn das deutsche Volk diese nicht ganz freiwillige und zweifelfreie Tat seiner Regierung zu seiner eigenen macht, wenn es die Dokumente, die da aus dem Staub der Archive ans Licht des Tages gehoben worden sind, nicht unbenützt in den Bibliotheken modern und wieder zu Staub werden läßt. Sache des deutschen Volkes ist es, sich den die Menschheit versöhnenden Inhalt dieser Dokumente zu eigen zu machen, ihn in das allgemeine Bewußtsein aufzunehmen! Damit gewinnt das deutsche Volk eine mit seinen Kriegsfeinden gemeinsame moralische Überzeugung über die Entstehung des Krieges, es überbrückt die von seinen Kriegsmachern geschaffenen und vertieften Gegensätze zwischen sich und den anderen Völkern und schließt so mit einem neuen festen Kitt den Ring der Kulturnationen wieder zusammen, der durch den Weltkrieg gesprengt worden ist. Das ist die hohe Aufgabe, die dem deutschen Volke erwächst. Es wird sie nur dann erfüllen können, wenn seine geistigen Führer, seine Geschichtsforscher, Politiker, Lehrer, Schriftsteller sie richtig erkennen und das ihrige dazu tun, wenn sie den Schatz von geschichtlicher Wahrheit und Gerechtigkeit, der in diesen amtlichen deutschen Dokumenten steckt, durch vielfache, dem Verständnis aller Volkskreise angepaßte Darstellungen den weitesten Schichten des deutschen Volkes zugänglich zu machen sich bemühen werden. Zu diesem großen Werk der Völkeraufklärung und Völkerverständigung, das nun anheben möge, soll diese Schrift in ihrer Art ein kleiner Beitrag sein.

Fußnoten:

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Von dem Verfasser dieser Broschüre erscheint demnächst ein Buch:

„Die Kriegskonspiration Wien-Berlin“

welches in streng logischem Aufbau zeigt, wie die äußere und innere Politik der beiden Mittelmächte in den letzten dreißig Jahren zum Weltkrieg führte.

Als langjähriger Redakteur und Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“, als Herausgeber und Chefredakteur der von ihm mitbegründeten Wiener Wochenschrift, späteren Tageszeitung „Die Zeit“ hat der Verfasser in dieser Zeit reichlich Gelegenheit gehabt, die äußere und innere Politik der beiden Mittelmächte und ihre führenden Persönlichkeiten von einer bevorzugten Stelle aus zu beobachten. Sein Buch ist das Ergebnis dreißigjähriger publizistischer Tätigkeit.

Schritt für Schritt belegt der Verfasser seine historische Darstellung durch Anführung seiner Zeitungsartikel aus der kritischen Zeit, in denen er auf die Fehler und Gefahren dieser Politik in allen Stadien ihrer Entwicklung hingewiesen hat.

Wie es in den letzten dreißig Jahren zu dem gekommen ist, was in der vorliegenden Broschüre dargestellt ist, wird in dem demnächst erscheinenden Buch gezeigt.

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