Front matter
Reading edition
This Etext is in German.
We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email— and one in 8-bit format, which includes higher order characters— which requires a binary transfer, or sent as email attachment and may require more specialized programs to display the accents. This is the 8-bit version.
Die natürliche Tochter
Trauerspiel
Johann Wolfgang von Goethe
Personen
König. Herzog. Graf. Eugenie. Hofmeisterin. Sekretär. Weltgeistlicher. Gerichtsrat. Gouverneur. Äbtissin. Mönch.
Erster Aufzug (Dichter Wald.)
Erster Auftritt König. Herzog.
König. Das flücht'ge Ziel, das Hunde, Ross und Mann, Auf seine Fährte bannend, nach sich reißt, Der edle Hirsch, hat über Berg und Tal So weit uns irr' geführt, dass ich mich selbst, Obgleich so landeskundig, hier nicht finde. Wo sind wir, Oheim? Herzog, sage mir, Zu welchen Hügeln schweiften wir heran?
Herzog. Der Bach, der uns umrauscht, mein König, fließt Durch deines Dieners Fluren, die er deiner Und einer Ahnherrn königlicher Gnade, Als erster Lehnsmann deines Reiches, dankt. An jenes Felsens andrer Seite liegt Am grünen Hang ein artig Haus versteckt, Dich zu bewirten keineswegs gebaut; Allein bereit, dich huld'gend zu empfangen.
König. Lass dieser Bäume hochgewölbtes Dach Zum Augenblick des Rastens freundlich schatten. Lass dieser Lüfte liebliches Geweb' Uns leis umstricken, dass an Sturm und Streben Der Jagdlust auch der Ruhe Zeit sich füge.
Herzog. Wie du auf einmal völlig abgeschieden Hier hinter diesem Bollwerk der Natur, Mein König, dich empfindest, fühl' ich mit. Hier dränget sich der Unzufriednen Stimme, Der Unverschämten offne Hand nicht nach. Freiwillig einsam merkest du nicht auf, Ob Undankbare schleichend sich entfernen. Die ungestüme Welt reicht nicht hierher, Die immer fordert, nimmer leisten will.
König. Soll ich vergessen, was mich sonst bedrängt, So muss kein Wort erinnernd mich berühren. Entfernten Weltgetöses Widerhall Verklinge nach und nach aus meinem Ohr. Ja, lieber Oheim, wende dein Gespräch Auf Gegenstände diesem Ort gemäßer. Hier sollen Gatten aneinander wandeln, Ihr Stufenglück in wohlgeratnen Kindern Entzückt betrachten; hier ein Freund dem Freunde, Verschlossnen Busen traulich öffnend, nahn. Und gabst du nicht erst neulich stille Winke, Du hofftest mir in ruh'gen Augenblicken Verborgenes Verhältnis zu bekennen, Drangvoller Wünsche holden Inbegriff, Erfüllung hoffend, heiter zu gestehn?
Herzog. Mit größrer Gnade konntest du mich nicht, O Herr, beglücken, als indem du mir In diesem Augenblick die Zunge lösest. Was ich zu sagen habe, könnt' es wohl Ein andrer besser hören als mein König, Dem unter allen Schätzen seine Kinder Am herrlichsten entgegenleuchten, der Vollkommner Vaterfreuden Hochgenuss Mit seinem Knechte herzlich teilen wird?
König. Du sprichst von Vaterfreuden! Hast du je Sie denn gefühlt? Verkümmerte dir nicht Dein einz'ger Sohn durch rohes, wildes Wesen, Verworrenheit, Verschwendung, starren Trutz Dein reiches Leben, dein erwünschtes Alter? Verändert er auf einmal die Natur?
Herzog. Von ihm erwart' ich keine frohen Tage! Sein trüber Sinn erzeugt nur Wolken, die, Ach, meinen Horizont so oft verfinstern. Ein anderes Gestirn, ein andres Licht Erheitert mich. Und wie in dunklen Grüften, Das Märchen sagt's, Karfunkelsteine leuchten, Mit herrlich mildem Schein der öden Nacht Geheimnisvolle Schauer hold beleben, So ward auch mir ein Wundergut beschert, Mir Glücklichem! Das ich mit Sorgfalt, mehr Als den Besitz ererbt errungner Güter, Als meiner Augen, meines Lebens Licht, Mit Freud' und Furcht, mit Lust und Sorge pflege.
König. Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll.
Herzog. Wer spräche vor der Majestät getrost Von seinen Fehlern, wenn sie nicht allein Den Fehl in Recht und Glück verwandeln könnte.
König. Der wonnevoll geheim verwahrte Schatz?
Herzog. Ist eine Tochter.
König. Eine Tochter? Wie? Und suchte, Fabelgöttern gleich, mein Oheim, Zum niedern Kreis verstohlen hingewandt, Sich Liebesglück und väterlich Entzücken?
Herzog. Das Große wie das Niedre nötigt uns, Geheimnisvoll zu handeln und zu wirken. Nur allzu hoch stand jene heimlich mir Durch wundersam Geschick verbundne Frau, Um welche noch dien Hof in Trauer wandelt Und meiner Brust geheime Schmerzen teilt.
König. Die Fürstin? Die verehrte, nah verwandte, Nur erst verstorbne?
Herzog. War die Mutter! Lass, O lass mich nur von diesem Kinde reden, Das, seiner Eltern wert und immer werter, Mit edlem Sinne sich des Lebens freut. Begraben sei das übrige mit ihr, Der hoch begabten, hoch gesinnten Frauen. Ihr Tod eröffnet mir den Mund, ich darf vor meinem König meine Tochter nennen, Ich darf ihn bitten, sie zu mir herauf, Zu sich herauf zu heben, ihr das Recht Der fürstlichen Geburt vor seinem Hofe, Vor seinem Reiche, vor der ganzen Welt Aus seiner Gnadenfülle zu bewähren.
König. Vereint in sich die Nichte, die du mir, So ganz erwachsen, zuzuführen denkst, Des Vaters und der Mutter Tugenden: So muss der Hof, das königliche Haus, Indem uns ein Gestirn entzogen wird, Den Aufgang eines neuen Sterns bewundern.
Herzog. O kenne sie, eh' du zu ihrem Vorteil Dich ganz entscheidest. Lass ein Vaterwort Dich nicht bestechen! Manches hat Natur Für sie getan, das ich entzückt betrachte, Und alles, was in meinem Kreise webt, Hab' ich um ihre Kindheit hergelagert. Schon ihren ersten Weg geleiteten Ein ausgebildet Weib, ein weiser Mann. Mit welcher Leichtigkeit, mit welchem Sinn Erfreut sie sich des Gegenwärtigen, Indes ihr Phantasie das künft'ge Glück Mit schmeichelhaften Dichterfarben malt. An ihrem Vater hängt ihr frommes Herz, Und wenn ihr Geist den Lehren edler Männer, Sich stufenweis entwickelnd, friedlich horcht: So mangelt Übung ritterlicher Tugend Dem wohl gebauten, festen Körper nicht. Du selbst, mein König, hast sie unbekannt Im wilden drang der Jagd um dich gesehn. Ja, heute noch! Die Amazonentochter, Die in den Fluss dem Hirsche sich zuerst Auf raschem Pferde flüchtig nachgestürzt.
König. Wir sorgten alle für das edle Kind! Ich freue mich, sie mir verwandt zu hören.
Herzog. Und nicht zum ersten Mal empfand ich heute, Wie Stolz und Sorge, Vaterglück und Angst Zu übermenschlichem Gefühl sich mischen.
König. Gewaltsam und behände riss das Pferd Sich und die Reiterin auf jenes Ufer, In dicht bewachsner Hügel Dunkelheit. Und so verschwand sie mir.
Herzog. Noch einmal hat Mein Auge sie gesehen, eh' ich sie Im Labyrinth der hast'gen Jagd verlor. Wer weiß, welch ferne Gegend sie durchstreift, Verdrossnen Muts, am Ziel sich nicht zu finden, Wo, ihrem angebeteten Monarchen sich In ehrerbietiger Entfernung anzunähern, Allein ihr jetzt erlaubt ist, bis er sie Als Blüte seines hoch bejahrten Stammes Mit königlicher Huld zu grüßen würdigt.
König. Welch ein Getümmel seh' ich dort entstehn? Welch einen Zulauf nach den Felsenwänden?
(Er winkt nach der Szene.)
Zweiter Auftritt Die Vorigen. Graf.
König. Warum versammelt sich die Menge dort?
Graf. Die kühne Reiterin ist eben jetzt Von jener Felsenwand herabgestürzt.
Herzog. Gott!
König. Ist sie sehr beschädigt?
Graf. Eilig hat Man deinen Wundarzt, Herr, dahin gerufen.
Herzog. Was zaudr' ich? Ist sie tot, so bleibt mir nichts, Was mich im Leben länger halten kann.
Dritter Auftritt König. Graf.
König. Kennst du den Anlass der Begebenheit?
Graf. Vor meinen Augen hat sie sich ereignet. Ein starker Trupp von Reitern, welcher sich Durch Zufall von der Jagd getrennt gesehn, Geführt von dieser Schönen, zeigte sich Auf jener Klippen Wald bewachsner Höhe. Sie hören, sehen unten in dem Tal Den Jagdgebrauch vollendet, sehn den Hirsch Als Beute liegen seiner kläffenden Verfolger. Schnell zerstreuet sich die Schar, Und jeder sucht sich einzeln seinen Pfad, Hier oder dort, mehr oder weniger Durch einen Umweg. Sie allein besinnt Sich keinen Augenblick und nötiget Ihr Pferd von Klipp' zu Klippe grad' herein. Des Frevels Glück betrachten wir erstaunt; Denn ihr gelingt es eine Weile, doch Am untern stielen Abhang gehen dem Pferde Die letzten, schmalen Klippenstufen aus, Es stürzt herunter, sie mit ihm. So viel Konnt' ich bemerken, eh' der Menge Drang Sie mir verdeckte. Doch ich hörte bald Nach deinem Arzte rufen. So erschein' ich nun Auf deinen Wink, den Vorfall zu berichten.
König. O möge sie ihm bleiben! Fürchterlich Ist einer, der nichts zu verlieren hat.
Graf. So hat ihm dieser Schrecken das Geheimnis Auf einmal abgezwungen, das er sonst Mit so viel Klugheit zu verbergen strebte?
König. Er hatte schon sich völlig mir vertraut.
Graf. Die Lippen öffnet ihm der Fürstin Tod, Nun zu bekennen, was für Hof und Stadt Ein offenbar Geheimnis lange war. Es ist ein eigner, grillenhafter Zug, Dass wir durch Schweigen das Geschehene Für uns und andre zu vernichten glauben.
König. O lass dem Menschen diesen edlen Stolz! Gar vieles kann, gar vieles muss geschehn, Was man mit Worten nicht bekennen darf.
Graf. Man bringt sie, fürcht' ich, ohne Leben her!
König. Welch unerwartet schreckliches Ereignis!
Vierter Auftritt Die Vorigen. Eugenie, auf zusammen geflochtenen Ästen für tot herein getragen. Herzog. Wundarzt. Gefolge.
Herzog (zum Wundarzt). Wenn deine Kunst nur irgend was vermag, Erfahrner Mann, dem unsres Königs Leben, Das unschätzbare Gut, vertraut ist, lass Ihr helles Auge sich noch einmal öffnen, Dass Hoffnung mir in diesem Blick erscheine! Dass aus der Tiefe meines Jammers ich Nur Augenblicke noch gerettet werde! Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie Nur wenige Minuten mir erhalten: So lasst mich eilen, vor ihr hinzusterben, Dass ich im Augenblick des Todes noch Getröstet rufe: Meine Tochter lebt!
König. Entferne dich, mein Oheim! Dass ich hier Die Vaterpflichten treulich übernehme. Nichts unversucht lässt dieser wackre Mann. Gewissenhaft, als läg' ich selber hier, Wird er um deine Tochter sich bemühen.
Herzog. Sie regt sich!
König. Ist es wahr?
Graf. Sie regt sich!
Herzog. Starr Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher. Sie lebt! Sie lebt!
König (ein wenig zurücktretend). Verdoppelt eure Sorge!
Herzog. Sie lebt! Sie lebt! Sie hat dem Tage wieder Ihr Aug' eröffnet. Ja! Sie wird nun bald Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen. Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende Die Blicke staunend, ungewiss; auf mich, Auf deinen Vater wende sie zuerst. Erkenne mich, lass meine Stimme dir Zuerst das Ohr berühren, da du uns Aus jener stummen Nacht zurückekehrst.
Eugenie (die indes nach und nach zu sich gekommen ist und sich aufgerichtet hat). Was ist aus uns geworden?
Herzog. Kenne mich Nur erst!—Erkennst du mich?
Eugenie. Mein Vater!
Herzog. Ja! Dein Vater, den mit diesen holden Tönen Du aus den Armen der Verzweiflung rettest.
Eugenie. Wer bracht' uns unter diese Bäume?
Herzog (dem der Wundarzt ein weißes Tuch gegeben). Bleib Gelassen, meine Tochter! Diese Stärkung, Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an!
Eugenie (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab, das er ihr vorgehalten, und verbirgt ihr Gesicht darin. Dann steht sie schnell auf, indem sie das Tuch vom Gesicht nimmt). Da bin ich wieder!—Ja, nun weiß ich alles. Dort oben hielt ich, dort vermaß ich mich Herab zu reiten, grad' herab. Verzeih! Nicht wahr, ich bin gestürzt? Vergibst du mir's? Für tot hob man mich auf? Mein guter Vater! Und wirst du die Verwegne lieben können, Die solche bittre Schmerzen dir gebracht?
Herzog. Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz In dir, o Tochter, mir beschieden ist; Nun steigert mir gefürchteter Verlust Des Glücks Empfindung ins Unendliche.
König (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt und dem Grafen unterhalten, zu dem letzten). Entferne jedermann! Ich will sie sprechen.
Fünfter Auftritt König. Herzog. Eugenie.
König (näher tretend). Hat sich die wackre Reiterin erholt? Hast sie sich nicht beschädigt?
Herzog. Nein, mein König! Und was noch übrig ist von Schreck und Weh, Nimmst du, o Herr, durch deinen milden Blick, Durch deiner Worte sanften Ton hinweg.
König. Und wem gehört es an, das liebe Kind?
Herzog (nach einer Pause). Da du mich fragst, so darf ich dir bekennen; Da du gebietest, darf ich sie vor dich Als meine Tochter stellen.
König. Deine Tochter? So hat für dich das Glück, mein lieber Oheim, Unendlich mehr als das Gesetz getan.
Eugenie. Wohl muss ich fragen, ob ich wirklich denn Aus jener tödlichen Betäubung mich Ins Leben wieder aufgerafft? Und ob, Was mir begegnet, nicht ein Traumbild sei? Mein Vater nennt vor seinem Könige Mich seine Tochter. O, so bin ich's auch! Der Oheim eines Königes bekennt Mich für sein Kind, so bin ich denn die Nichte Des großen Königs. O verzeihe mir Die Majestät! Wenn aus geheimnisvollem, Verborgnem Zustand ich, ans Licht auf einmal Hervor gerissen und geblendet, mich, Unsicher, schwankend, nicht zu fassen weiß.
(Sie wirft sich vor dem König nieder.)
König. Mag diese Stellung die Ergebenheit In dein Geschick von Jugend auf bezeichnen, Die Demut, deren unbequeme Pflicht Du, deiner höheren Geburt bewusst, So manches Jahr im Stillen ausgeübt! Doch sei auch nun, wenn ich von meinen Füßen Zu meinem Herzen dich herauf gehoben,
(Er hebt sie auf und drückt sie sanft an sich.)
Wenn ich des Oheims heil'gen Vaterkuss Auf dieser Stirne schönen Raum gedrückt, So sei dies auch ein Zeichen, sei ein Siegel, Dich, die Verwandte, hab' ich anerkannt Und werde bald, was hier geheim geschah, Vor meines Hofes Augen wiederholen.
Herzog. So große Gabe fordert ungeteilten Und unbegrenzten Dank des ganzen Lebens.
Eugenie. Von edlen Männern hab' ich viel gelernt, Auch manches lehrte mich mein eigen Herz; Doch meinen König anzureden, bin Ich nicht entfernterweise vorbereitet. Doch wenn ich schon das ganz Gehörige Dir nicht zu sagen weiß, so möcht' ich doch Vor dir, o Herr, nicht ungeschickt verstummen. Was fehlte dir? Was wäre dir zu bringen? Die Fülle selber, die zu dir sich drängt, Fließt nur für andere strömend wieder fort. Hier stehen Tausende, dich zu beschützen, Hier wirken Tausende nach deinem Wink; Und wenn der einzelne dir Herz und Geist Und Arm und Leben fröhlich opfern wollte; In solcher großen Menge zählt er nicht, Er muss vor dir und vor sich selbst verschwinden.
König. Wenn dir die Menge, gutes, edles Kind, Bedeutend scheinen mag, so tadl' ich's nicht; Sie ist bedeutend, mehr noch aber sind's Die wenigen, geschaffen, dieser Menge Durch Wirken, Bilden, Herrschen vorzustehn. Berief hierzu den König die Geburt, So sind ihm seine nächsten Anverwandten Geborne Räte, die, mit ihm vereint, Das Reich beschützen und beglücken sollten. O träte doch in diese Regionen, Zum Rate dieser hohen Wächter nie Vermummte Zwietracht, leise wirkend, ein! Dir, edle Nichte, geb' ich einen Vater Durch allgewalt'gen königlichen Spruch; Erhalte mir nun auch, gewinne mir Des nah verwandten Mannes Herz und Stimme! Gar viele Widersacher hat ein Fürst, O lass ihn jene Seite nicht verstärken!
Herzog. Mit welchem Vorwurf kränkest du mein Herz!
Eugenie. Wie unverständlich sind mir diese Worte!
König. O lerne sie nicht allzu früh verstehn! Dir Pforten unsres königlichen Hauses Eröffn' ich dir mit eigner Hand; ich führe Auf glatten Marmorboden dich hinein. Noch staunst du dich, noch staunst du alles an, Und in den innern Tiefen ahnest du Nur sichre Würde mit Zufriedenheit. Du wirst es anders finden! Ja, du bist In eine Zeit gekommen, wo dein König Dich nicht zum heitren, frohen Feste ruft, Wenn er den Tag, der ihm das Leben gab, In kurzem feiern wird; doch soll der Tag Um deinetwillen mir willkommen sein; Dort werd' ich dich im offnen Kreise sehn, Und aller Augen werden auf dir haften. Die schönste Zierde gab dir die Natur; Und dass der Schmuck der Fürstin würdig sei, Die Sorge lass dem Vater, lass dem König.
Eugenie. Der freud'gen Überraschung lauter Schrei, Bedeutender Gebärde dringend Streben, Vermöchten sie die Wonne zu bezeugen, Die du dem Herzen schaffend aufgeregt? Zu deinen Füßen, Herr, lass mich verstummen.
(Sie will knien.)
König (hält sie ab). Du sollst nicht knien.
Eugenie. Lass, o lass mich hier Der völligsten Ergebung Glück genießen. Wenn wir in raschen, mutigen Momenten Auf unsern Füßen stehen, strack und kühn, Als eigner Stütze froh uns selbst vertraun, Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehören. Doch was in Augenblicken der Entzückung Die Knie beugt, ist auch ein süß Gefühl. Und was wir unserm Vater, König, Gott Von Wonnedank, von ungemessner Liebe Zum reinsten Opfer bringen möchten, drückt In dieser Stellung sich am besten aus.
(Sie fällt vor ihm nieder.)
Herzog (kniet). Erneute Huldigung gestatte mir.
Eugenie. Zu ewigen Vasallen nimm uns an.
König. Erhebt euch denn und stellt euch neben mich, Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite Das Rechte, das Beständige beschützen. O diese Zeit hat fürchterliche Zeichen: Das Niedre schwillt, das Hohe senkt sich nieder, Als könnte jeder nur am Platz des andern Befriedigung verworrner Wünsche finden, Nur dann sich glücklich fühlen, wenn nichts mehr Zu unterscheiden wäre, wenn wir alle, Von einem Strom vermischt dahin gerissen, Im Ozean uns unbemerkt verlören. O lasst uns widerstehen, lasst uns tapfer, Was uns und unser Volk erhalten kann, Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten! Lasst endlich uns den alten Zwist vergessen, Der Große gegen Große reizt, von innen Das Schiff durchbohrt, das, gegen äußre Wellen Geschlossen kämpfend, nur sich halten kann.
Eugenie. Welch frisch wohltät'ger Glanz umleuchtet mich Und regt mich auf, anstatt mich zu verblenden! Wie! Unser König achtet uns so sehr, Um zu gestehen, dass er uns bedarf; Wir sind ihm nicht Verwandte nur, wir sind Durch sein Vertraun zum höchsten Platz erhoben. Und wenn die Edlen seines Königreichs Um ihn sich drängen, seine Brust zu schützen, So fordert er uns auf zu größerem Dienst. Die Herzen dem Regenten zu erhalten, Ist jedes Wohlgesinnten höchste Pflicht; Denn, wo er wankt, wankt das gemeine Wesen, Und wenn er fällt, mit ihm stürzt alles hin. Die Jugend, sagt man, bilde sich zu viel Auf ihre Kraft, auf ihren Willen ein; Doch dieser Wille, diese Kraft, auf ewig, Was sie vermögen, dir gehört es an.
Herzog. Des Kindes Zuversicht, erhabner Fürst, Weißt du zu schätzen, weißt du zu verzeihen. Und wenn der Vater, der erfahrne Mann, Die Gabe dieses Tags, die nächste Hoffnung In ihrem ganzen Werte fühlt und wägt, So bist du seines vollen Danks gewiss.
König. Wir wollen bald einander wieder sehn, An jenem Fest, wo sich die treuen Meinen Der Stunde freun, die mir das Licht gegeben. Dich geb' ich, edles Kind, an diesem Tage Der großen Welt, dem Hofe, deinem Vater Und mir. Am Throne glänze dein Geschick. Doch bis dahin verlang' ich von euch beiden Verschwiegenheit. Was unter uns geschehn, Erfahre niemand. Missgunst lauert auf, Schnell regt sie Wog' auf Woge, Sturm auf Sturm; Das Fahrzeug treibt an jähe Klippen hin, Wo selbst der Steurer nicht zu retten weiß. Geheimnis nur verbürget unsre Taten; Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein; Der Zufall spielt mit deinem Willen schon; Selbst wer gebieten kann, muss überraschen. Ja, mit dem besten Willen leisten wir So wenig, weil uns tausend Willen kreuzen. O wäre mir zu meinen reinen Wünschen Auch volle Kraft auf kurze Zeit gegeben; Bis an den letzten Herd im Königreich Empfände man des Vaters warme Sorge. Begnügte sollten unter niedrem Dach, Begnügte sollten im Palaste wohnen. Und hätt' ich einmal ihres Glücks genossen, Entsagt' ich gern dem Throne, gern der Welt.
Sechster Auftritt Herzog. Eugenie.
Eugenie. O welch ein selig jubelvoller Tag!
Herzog. O möcht' ich Tag' auf Tage so erleben!
Eugenie. Wie göttlich hat der König uns beglückt.
Herzog. Genieße rein so ungehoffte Gaben.
Eugenie. Er scheint nicht glücklich, ach! Und ist so gut.
Herzog. Die Güte selbst erregt oft Widerstand.
Eugenie. Wer ist so hart, sich ihm zu widersetzen?
Herzog. Der Heil des Ganzen von der Strenge hofft.
Eugenie. Des Königs Milde sollte Milde zeugen.
Herzog. Des Königs Milde zeugt Verwegenheit.
Eugenie. Wie edel hat ihn die Natur gebildet.
Herzog. Doch auf zu hohen Platz hinaufgestellt.
Eugenie. Und ihn mit so viel Tugend ausgestattet.
Herzog. Zur Häuslichkeit, zum Regimente nicht.
Eugenie. Von altem Heldenstamme grünt er auf.
Herzog. Die Kraft entgeht vielleicht dem späten Zweige.
Eugenie. Die Schwäche zu vertreten, sind wir da.
Herzog. Sobald er unsre Stärke nicht verkennt.
Eugenie (nachdenklich). Mich leiten seine Reden zum Verdacht.
Herzog. Was sinnest du? Enthülle mir dein Herz.
Eugenie (nach einer Pause). Auch du bist unter denen, die er fürchtet.
Herzog. Er fürchte jene, die zu fürchten sind.
Eugenie. Und sollten ihm geheime Feinde drohen?
Herzog. Wer die Gefahr verheimlicht, ist ein Feind. Wo sind wir hingeraten! Meine Tochter! Wie hat der sonderbarste Zufall uns Auf einmal weggerissen nach dem Ziel. Unvorbereitet red' ich, übereilt Verwirr' ich dich, anstatt dich aufzuklären. So musste dir der Jugend heitres Glück Beim ersten Eintritt in die Welt verschwinden. Du konntest nicht in süßer Trunkenheit Der blendenden Befriedigung genießen. Das Ziel erreichst du; doch des falschen Kranzes Verborgne Dornen ritzen deine Hand. Geliebtes Kind! So sollt' es nicht geschehn! Erst nach und nach, so hofft' ich, würdest du Dich aus Beschränkung an die Welt gewöhnen, Erst nach und nach den liebsten Hoffnungen Entsagen lernen, manchem holden Wunsch. Und nun auf einmal, wie der jähe Sturz Dir vorbedeutet, bist du in den Kreis Der Sorgen, der Gefahr herabgestürzt. Misstrauen atmet man in dieser Luft, Der Neid verhetzt ein fieberhaftes Blut Und übergibt dem Kummer seine Kranken. Ach, soll ich nun nicht mehr ins Paradies, Das dich umgab, am Abend wieder kehren, Zu deiner Unschuld heil'gen Vorgefühl Mich von der Welt gedrängter Posse retten! Du wirst fortan, mit mir ins Netz verstrickt, Gelähmt, verworren, dich und mich betrauern.
Eugenie. Nicht so, mein Vater! Konnt' ich schon bisher, Untätig, abgesondert, eingeschlossen, Ein kindlich Nichts, die reinste Wonne dir, Schon in des Daseins Unbedeutenheit Erholung, Trost und Lebenslust gewähren: Wie soll die Tochter erst, in dein Geschick Verflochten, im Gewebe deines Lebens Als heitrer bunter Faden künftig glänzen! Ich nehme teil an jeder edlen Tat, An jeder großen Handlung, die den Vater Dem König und dem Reiche werter macht. Mein frischer Sinn, die jugendliche Lust, Die mich belebt, sie teilen dir sich mit, Verscheuchen jene Träume, die der Welt Unüberwindlich ungeheure Last Auf eine Menschenbrust zerknirschend wälzen. Wenn ich dir sonst in trüben Augenblicken Ohnmächt'gen guten Willen, arme Liebe, Dir leere Tändeleien kindlich bot; Nun hoff' ich, eingeweiht in deine Pläne, Bekannt mit deinen Wünschen, mir das Recht Vollbürt'ger Kindschaft rühmlich zu erwerben.
Herzog. Was du bei diesem wicht'gen Schritt verlierst, Erscheint dir ohne Wert und ohne Würde; Was du erwartest, schätzest du zu sehr.
Eugenie. Mit hoch erhabnen, hoch beglückten Männern Gewalt'ges Ansehn, würd'gen Einfluss teilen, Für edle Seelen reizender Gewinn!
Herzog. Gewiss! Vergib, wenn du in dieser Stunde Mich schwächer findest, als dem Manne ziemt. Wir tauschten sonderbar die Pflichten um: Ich soll dich leiten, und du leitest mich.
Eugenie. Wohl denn, mein Vater, tritt mit mir herauf In diese Regionen, wo mir eben Die neue, heitre Sonne sich erhebt! In diesen muntren Stunden lächle nur, Wenn ich den Inbegriff von meinen Sorgen Dir auch eröffne.
Herzog. Sage, was es ist.
Eugenie. Der wichtigen Momente gibt's im Leben Gar manche, die mit Freude, die mit Trauer Des Menschen Herz bestürmen. Wenn der Mann Sein Äußeres in solchem Fall vergisst, Nachlässig oft sich vor die Menge stellt, So wünscht ein Weib noch, jedem zu gefallen, Durch ausgesuchte Tracht, vollkommnen Schmuck Beneidenswert vor andern zu erscheinen. Das hab' ich oft gehört und oft bemerkt, Und nun empfind' ich im bedeutendsten Momente meines Lebens, dass auch ich Der mädchenhaften Schwachheit schuldig bin.
Herzog. Was kannst du wünschen, das du nicht erlangst?
Eugenie. Du bist geneigt, mir alles zu gewähren, Ich weiß es. Doch der große Tag ist nah, Zu nah, um alles würdig zu bereiten; Und was von Stoffen, Stickerei und Spitzen, Was von Juwelen mich umgeben soll, Wie kann's geschafft, wie kann's vollendet werden?
Herzog. Uns überrascht längst gewünschtes Glück; Doch vorbereitet können wir's empfangen. Was du bedarfst, ist alles angeschafft, Und heute noch, verwahrt im edlen Schrein, Erhältst du Gaben, die du nicht erwartet. Doch leichte Prüfung leg' ich dir dabei Zum Vorbild mancher künftig schweren auf. Hier ist der Schlüssel! Den verwahre wohl! Bezähme deine Neugier! Öffne nicht, Eh' ich dich wieder sehe, jenen Schatz. Vertraue niemand, sei es, wer es sei. Die Klugheit rät's, der König selbst gebeut's.
Eugenie. Dem Mädchen sinnst du harte Prüfung aus; Doch will ich sie bestehn, ich schwör' es dir!
Herzog. Mein eigner wüster Sohn umlauert ja Die stillen Wege, die ich dich geführt. Der Güter kleinen Teil, den ich bisher Dir schuldig zugewandt, missgönnt er schon. Erführ' er, dass du, höher nun empor Durch unsres Königs Gunst gehoben, bald In manchem Recht ihm gleich dich stellen könntest, Wie müsst' er wüten! Würd' er tückisch nicht, Den schönen Schritt zu hindern, alles tun?
Eugenie. Lass uns im Stillen jenen Tag erharren. Und wenn geschehn ist, was mich seine Schwester Zu nennen mich berechtigt, soll's an mir, Soll's an gefälligem Betragen, guten Worten, Nachgiebigkeit und Neigung nicht gebrechen. Er ist dein Sohn; und sollt' er nicht nach dir Zur Liebe, zur Vernunft gebildet sein?
Herzog. Ich traue dir ein jedes Wunder zu, Verrichte sie zu meines Hauses Bestem Und lebe wohl. Doch ach! Indem ich scheide, Befällt mich grausend jäher Furcht Gewalt. Hier lagst du tot in meinen Armen! Hier Bezwang mich der Verzweiflung Tigerklaue. Wer nimmt das Bild vor meinen Augen weg! Dich hab' ich tot gesehn! So wirst du mir An manchem Tag, in mancher Nacht erscheinen. War ich entfernt von dir nicht stets besorgt? Nun ist's nicht mehr ein kranker Grillentraum, Es ist ein wahres, unauslöschlichs Bild: Eugenie, das Leben meines Lebens, Bleich, hingesunken, atemlos, entseelt.
Eugenie. Erneue nicht, was du entfernen solltest, Lass diesen Sturz, lass diese Rettung dir Als wertes Pfand erscheinen meines Glücks. Lebendig siehst du sie vor deinen Augen
(Indem sie ihn umarmt.)
Und fühlst lebendig sie an deiner Brust. So lass mich immer, immer wieder kehren! Und vor dem glühnden, liebevollen Leben Entweiche des verhassten Todes Bild.
Herzog. Kann wohl ein Kind empfinden, wie den Vater Die Sorge möglichen Verlustes quält? Gesteh' ich's nur! Wie öfters hat mich schon Dein überkühner Mut, mit dem du dich, Als wie ans Pferd gewachsen, voll Gefühl Der doppelten, zentaurischen Gewalt, Durch Tal und Berg, durch Fluss und Graben schleuderst, Wie sich ein Vogel durch die Lüfte wirft, Ach! Öfters mehr geängstigt als entzückt. Dass doch gemäßigter dein Trieb fortan Der ritterlichen Übung sich erfreue!
Eugenie. Dem Ungemessnen beugt sich die Gefahr, Beschlichen wird das Mäßige von ihr. O fühle jetzt wie damals, da du mich, Ein kleines Kind, in ritterliche Weise Mit heitrer Kühnheit fröhlich eingeweiht.
Herzog. Ich hatte damals unrecht; soll mich nun Ein langes Leben sorgenvoll bestrafen? Und locket Übung des Gefährlichen Nicht die Gefahr an uns heran?
Eugenie. Das Glück, Und nicht die Sorge bändigt die Gefahr. Leb' wohl, mein Vater, folge deinem König, Und sei nun auch um deiner Tochter willen Sein redlicher Vasall, sein treuer Freund. Leb' wohl!
Herzog. O bleib! Und steh an diesem Platz Lebendig, aufrecht, noch einmal, wie du Ins Leben wieder aufsprangst, wo mit Wonne Du mein zerrissen Herz erfüllend heiltest. Unfruchtbar bleibe diese Freude nicht! Zum ew'gen Denkmal weih' ich diesen Ort. Hier soll ein Tempel aufstehn, der Genesung, Der glücklichsten, gewidmet. Rings umher Soll deine Hand ein Feenreich erschaffen. Den wilden Wald, das struppige Gebüsch Soll sanfter Gänge Labyrinth verknüpfen. Der steile Fels wird gangbar, dieser Bach, In reinen Spiegeln fällt er hier und dort. Der überraschte Wandrer fühlt sich hier Ins Paradies versetzt. Hier soll kein Schuss, Solang ich lebe, fallen, hier kein Vogel Von seinem Zweig, kein Wild in seinem Busch Geschreckt, verwundet, hingeschmettert werden. Hier will ich her, wenn mir der Augen Licht, Wenn mir der Füße Kraft zuletzt versagt, Auf dich gelehnt, wallfahrten; immer soll Des gleichen Danks Empfindung mich beleben. Nun aber lebe wohl! Und wie?—Du weinst?
Eugenie. O! Wenn mein Vater ängstlich fürchten darf, Die Tochter zu verlieren, soll in mir Sich keine Sorge regen, ihn vielleicht— Wie kann ich's denken, sagen—ihn zu missen? Verwaiste Väter sind beklagenswert; Allein verwaiste Kinder sind es mehr. Und ich, die Ärmste, stünde ganz allein Auf dieser weiten, fremden, wilden Welt, Müsst' ich von ihm, dem Einzigen, mich trennen.
Herzog. Wie du mich stärktest, geb' ich dir's zurück. Lass uns getrost, wie immer, vorwärts gehen! Das Leben ist des Lebens Pfand; es ruht Nur auf sich selbst und muss sich selbst verbürgen. Drum lass uns eilige auseinander scheiden! Von diesem allzu weichen Lebewohl Soll ein erfreulich wieder Sehn uns heilen!
(Sie trennen sich schnell; aus der Entfernung werfen sie sich mit ausgebreiteten Armen ein Lebewohl zu und gehen eilig ab.)
Zweiter Aufzug (Zimmer Eugenies, im gotischen Stil.)
Erster Auftritt Hofmeisterin. Sekretär.
Sekretär. Verdien' ich, dass du mich, im Augenblick, Da ich erwünschte Nachricht bringe, fliehst? Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe!
Hofmeisterin. Wohin es deutet, fühl' ich nur zu sehr. O lass mein Auge vom bekannten Blick, Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden! Entfliehen lass mich der Gewalt, die, sonst Durch Lieb' und Freundschaft wirksam, fürchterlich Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht.
Sekretär. Wenn ich des Glückes Füllhorn dir auf einmal Nach langem Hoffen vor die Füße schütte, Wenn sich die Morgenröte jenes Tags, Der unsern Bund auf ewig gründen soll, Am Horizonte feierlich erhebt, So scheinst du nun verlegen, widerwillig Den Antrag eines Bräutigams zu fliehn.
Hofmeisterin. Du zeigst mir nur die eine Seite dar, Sie glänzt und leuchtet, wie im Sonnenschein Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten Droht schwarzer Nächte Graus, ich ahn' ihn schon.
Sekretär. So lass uns erst die schöne Seite sehn! Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt, Geräumig, heiter, trefflich ausgestattet, Wie man's für sich, so wie für Gäste wünscht? Sie ist bereit, der nächste Winter findet Uns festlich dort umgeben, wenn du willst. Sehnst du im Frühling dich aufs Land, auch dort Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt, Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen Sich Phantasie zusammendrängen mag, Genießen wir, zum Teil als unser eignes, Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei Noch manche Rente gar bequem vergönnt, Durch Sparsamkeit ein sichres Glück zu steigern.
Hofmeisterin. In trübe Wolken hüllt sich jenes Bild, So heiter du es malst, vor meinen Augen. Nicht wünschenswert, abscheulich naht sich mir Der Gott der Welt im Überfluss heran. Was für ein Opfer fordert er? Das Glück Des holden Zöglings müsst' ich morden helfen! Und was ein solch Verbrechen mir erwarb, Ich sollt' es je mit freier Brust genießen? Eugenie! Du, deren holdes Wesen In meiner Nähe sich von Jugend auf Aus reicher Fülle rein entwickeln sollte, Kann ich noch unterscheiden, was an dir Dein eigen ist, und was du mir verdankst? Dich, die ich als mein selbst gebildet Werk Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstören? Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt, Ihr Grausamen, dass eine solche Tat Ihr fordern dürft und zu belohnen glaubt?
Sekretär. Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf Ein edles, gutes Herz und bildet ihn Nur immer schöner, liebenswürd'ger aus Zur holden Gottheit des geheimen Tempels; Doch wenn das Mächtige, das uns regiert, Ein großes Opfer heischt, wir bringen's doch Mit blutendem Gefühl der Not zuletzt. Zwei Welten sind es, meine Liebe, die, Gewaltsam sich bekämpfend, uns bedrängen,
Hofmeisterin. In völlig fremder Welt für mein Gefühl Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn, Dem edlen Herzog, solche Jammertage Verräterisch bereitest, zur Partei Des Sohns dich fügest—Wenn das Waltende Verbrechen zu begünst'gen scheinen mag, So nennen wir es Zufall; doch der Mensch, Der ganz besonnen solche Tat erwählt, Er ist ein Rätsel.—Doch—und bin ich nicht Mir auch ein Rätsel, dass ich noch an dir Mit solcher Neigung hänge, da du mich Zum jähen Abgrund hinzureißen strebst? Warum o! Schuf dich die Natur von außen Gefällig, liebenswert, unwiderstehlich, Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen, Ein Glück zerstörendes, zu pflanzen dachte?
Sekretär. An meiner Neigung Wärme zweifelst du?
Hofmeisterin. Ich würde mich vernichten, wenn ich's könnte. Doch ach! Warum, und mit verhasstem Plan, Aufs Neue mich bestürmen? Schwurst du nicht, In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben?
Sekretär. Ach leider drängt sich's mächtiger hervor. Den jungen Fürsten zwingt man zum Entschluss. Erst blieb Eugenie so manches Jahr Ein unbedeutend unbekanntes Kind. Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen In diesen alten Sälen auferzogen, Von wenigen besucht und heimlich nur. Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe! Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert, Lässt nach und nach sie öffentlich erscheinen; Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt Und jeder weiß zuletzt, woher sie sei. Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau War dieses Kind ein Gräuel, das ihr nur Der Neigung Schwäche vorzuwerfen schien. Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn. Durch ihren Tod fühlt sich der Herzog frei, Entwirft geheime Pläne, nähert sich Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt Dem alten Groll, versöhnt sich mit dem König Und macht sich's zur Bedingung, dieses Kind Als Fürstin seines Stamms erklärt zu sehn.
Hofmeisterin. Und gönnt ihr dieser köstlichen Natur Vom Fürstenblute nicht das Glück des Rechts?
Sekretär. Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht, Durch diese Mauern von der Welt geschieden, In klösterlichem sinne von dem Wert Der Erdengüter. Blicke nur hinaus! Dort wägt man besser solchen edlen Schatz. Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn Berechnet seines Vaters Jahre, Brüder Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod Und Leben. Selbst der Geistliche vergisst, Wohin er streben soll, und strebt nach Gold. Verdächte man's dem Prinzen, der sich stets Als einz'gen Sohn gefühlt, wenn er sich nun Die Schwester nicht gefallen lassen will, Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmälert? Man stelle sich an seinen Platz und richte.
Hofmeisterin. Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fürst? Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod Zum Übermaß? Wie wär' ein Teil der Güter So köstlich angelegt, wenn er dafür Die holde Schwester zu gewinnen wüsste!
Sekretär. Willkürlich handeln ist des Reichen Glück! Er widerspricht der Fordrung der Natur, Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft, Und spendet an den Zufall seine Gaben. Genug besitzen hieße darben. Alles Bedürfte man! Unendlicher Verschwendung Sind ungemessne Güter wünschenswert. Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern; Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf!
Hofmeisterin. Und was denn wirken? Lange droht ihr schon Von fern dem Glück des liebenswürd'gen Kindes. Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat Beschlossen über sie? Verlangt ihr etwa, Dass ich mich blind zu eurer Tat geselle?
Sekretär. Mitnichten! Hören kannst und sollst du gleich, Was zu beginnen, was von dir zu fordern Wir selbst genötigt sind. Eugenien Sollst du entführen! Sie muss dergestalt Auf einmal aus der Welt verschwinden, dass Wir sie getrost als tot beweinen können; Verborgen muss ihr künftiges Geschick, Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben.
Hofmeisterin. Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich Bestimmt ihr tückisch zur Begleiterin. Mich stoßt ihr mit hinab. Ich soll mit ihr, Mit der Verratnen die Verräterin, Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen.
Sekretär. Du führst sie hin und kehrest gleich zurück.
Hofmeisterin. Soll sie im Kloster ihre Tage schließen?
Sekretär. Im Kloster nicht; wir mögen solch ein Pfand Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte.
Hofmeisterin. So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus.
Sekretär. Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich.
Hofmeisterin. Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not, Die meinen Liebling, die mich selbst bedräut?
Sekretär. Dein Liebling kann auch drüben glücklich sein, Und dich erwarten hier Genuss und Wonne.
Hofmeisterin. O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht. Was hilft's, in mich zu stürmen? Zum Verbrechen Mich anzulocken, mich zu drängen? Sie, Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln. Gedenkt nur nicht, sie als geduld'ges Opfer Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist, Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft Begleiten sie, wohin sie geht, zerreißen Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt.
Sekretär. Sie festzuhalten, das gelinge dir! Willst du mich überreden, dass ein Kind, Bisher im sanften Arm des Glücks gewiegt, Im unverhofften Fall Besonnenheit Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde? Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat, Und wenn sie richtig fühlt und weise spricht, So fehlt noch viel, dass sie gemessen handle. Des Unerfahrnen hoher, freier Mut Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung, Wenn sich die Not ihm gegenüberstellt. Was wir gesonnen, führe du es aus! Klein wird das Übel werden, groß das Glück.
Hofmeisterin. So gebt mir Zeit, zu prüfen und zu wählen!
Sekretär. Der Augenblick des Handelns drängt uns schon. Der Herzog scheint gewiss, dass ihm der König Am nächsten Fest die hohe Gunst gewähren Und seine Tochter anerkennen wolle; Denn Kleider und Juwelen stehn bereit, Im prächt'gen Kasten sämtlich eingeschlossen, Wozu er selbst die Schlüssel wohl verwahrt Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt; Wir aber wissen's wohl und sind gerüstet; Geschehen muss nun schnell das Überlegte. Heut Abend hörst du mehr. Nun lebe wohl!
Hofmeisterin. Auf düstern Wegen wirkt ihr tückisch fort Und wähnet, euren Vorteil klar zu sehen. Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen, Dass über Schuld und Unschuld, Licht verbreitend, Ein rettend, rächend Wesen göttlich schwebt?
Sekretär. Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das Sich vorbehält, den Ausgang unsrer Taten Nach seinem einz'gen Willen zu bestimmen? Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat Gesellen dürfen? Wer Gesetz und Regel, Wonach es ordnend spricht, erkennen mögen? Verstand empfingen wir, uns mündig selbst Im ird'schen Element zurecht zu finden, Und was uns nützt, ist unser höchstes Recht.
Hofmeisterin. Und so verleugnet ihr das Göttlichste, Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten. Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr Vom holden Zögling kräftig abzuwenden, Mich gegen dich und gegen Macht und List Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll, Kein Drohn mich von der Stelle drängen. Hier, Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest.
Sekretär. O meine Gute! Dies ihr Heil vermagst Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr Von ihr zu wenden, magst du ganz allein, Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife Sie schnell, die holde Tochter, führe sie, So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern Von aller Menschen Anblick, denn—du schauderst, Du fühlst, was ich zu sagen habe. Sei's, Weil du mich drängest, endlich auch gesagt: Sie zu entfernen ist das Mildeste. Willst du zu diesem Plan nicht tätig wirken, Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen, Und wagtest du, was ich dir anvertraut, Aus guter Ansicht irgend zu verraten, So liegt sie tot in deinen Armen! Was Ich selbst beweinen werde, muss geschehn.
Zweiter Auftritt Hofmeisterin.
Die kühne Drohung überrascht mich nicht! Schon lange seh' ich dieses Feuer glimmen, Nun schlägt es blad in lichte Flammen aus. Um dich zu retten, muss ich, liebes Kind, Dich deinem holden Morgentraum entreißen. Nur eine Hoffnung lindert meinen Schmerz; Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife. Eugenie! Wenn du entsagen könntest Dem hohen Glück, das unermesslich scheint, An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod, Verbannung als ein Milderes begegnet. O dürft' ich dich erleuchten! Dürft' ich dir Verborgne Winkel öffnen, wo die Schar Verschworener Verfolger tückisch lauscht! Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl Im Taumel deiner Freude mich verstehen?
Dritter Auftritt Eugenie. Hofmeisterin.
Eugenie. Sei mir gegrüßt! Du Freundin meines Herzens, An Mutter Statt Geliebte, sei gegrüßt!
Hofmeisterin. Mit Wonne drück' ich dich an dieses Herz, Geliebtes Kind, und freue mich der Freude, Die reich aus Lebensfülle dir entquillt. Wie heiter glänzt dein Auge! Welch Entzücken Umschwebet Mund und Wange! Welches Glück Drängt aus bewegtem Busen sich hervor!
Eugenie. Ein großes Unheil hatte mich ergriffen, Vom Felsen stürzte Ross und Reiterin.
Hofmeistern. O Gott!
Eugenie. Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder, Gesund und hoch beglückt, nach diesem Fall.
Hofmeisterin. Und wie?
Eugenie. Du sollst es hören, wie so schön Aus diesem Übel sich das Glück entwickelt.
Hofmeisterin. Ach! Aus dem Glück entwickelt oft sich Schmerz.
Eugenie. Sprich böser Vorbedeutung Wort nicht aus! Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen.
Hofmeisterin. O möchtest du mir alles gleich vertrauen!
Eugenie. Von allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt, Geliebte, lass mich mir. Ich muss allein Ins eigene Gefühl mich finden lernen. Du weißt, wie hoch mein Vater sich erfreut, Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht Entgegenkommt, wie mir's der Muse Gunst Bei manchem Anlass willig schenken mag. Verlass mich! Eben schwebt mir's heiter vor, Ich muss es haschen, sonst entschwindet's mir.
Hofmeisterin. Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe Mit reichlichen Gesprächen uns erquicken? Wann öffnen wir, zufriednen Mädchen gleich, Die ihren Schmuck einander wiederholt Zu zeigen kaum ermüden, unsres Herzens Geheimste Fächer, uns bequem und herzlich Des wechselseit'gen Reichtums zu erfreuen?
Eugenie. Auch jene Stunden werden wieder kehren, Von deren stillem Glück man mit Vertrauen, Sich des Vertrauns erinnernd, gerne spricht. Doch heute lass in voller Einsamkeit Mich das Bedürfnis jener Tage finden.
Vierter Auftritt Eugenie, nachher Hofmeisterin außen.
Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend). Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel! Ich hab' es ganz und eilig fass' ich's auf, Was ich dem Könige zu jener Feier, Bei der ich, neu geboren durch sein Wort, Ins Leben trete, herzlich widmen soll.
(Sie rezitiert langsam und schreibt.)
Welch Wonneleben wird hier ausgespendet! Willst du, o Herr der obern Regionen, Des Neulings Unvermögen nicht verschonen? Ich sinke hin, von Majestät geblendet. Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet Erfreut's mich, an dem Fuß der festen Thronen, Ein Sprössling deines Stamms, beglückt zu wohnen, Und all mein frühes Hoffen ist vollendet. So fließe denn der holde Born der Gnaden! Hier will die treue Brust so gern verweilen Und an der Liebe Majestät sich fassen. Mein Ganzes hängt an einem zarten Faden, Mir ist, als müsst' ich unaufhaltsam eilen, Das Leben, das du gabst, für dich zu lassen.
(Das Geschriebene mit Gefälligkeit betrachtend.)
So hast du lange nicht, bewegtes Herz, Dich in gemessnen Worten ausgesprochen! Wie glücklich, den Gefühlen unsrer Brust Für ew'ge Zeit den Stempel aufzudrücken! Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort, Hier quillt es auf!—Du nahest, großer Tag, Der uns den König gab und der nun mich Dem Könige, dem Vater, mich mir selbst Zu ungemessner Wonne geben soll. Dies hohe Fest verherrliche meine Lied! Beflügelt drängt sich Phantasie voraus, Sie trägt mich vor den Thron und stellt mich vor, Sie gibt im Kreise mir—
Hofmeisterin (außen). Eugenie!
Eugenie. Was soll das?
Hofmeisterin. Höre mich und öffne gleich!
Eugenie. Verhasste Störung! Öffnen kann ich nicht.
Hofmeisterin. Vom Vater Botschaft!
Eugenie. Wie? Vom Vater? Gleich! Da muss ich öffnen.
Hofmeisterin. Große Gaben scheint Er dir zu schicken.
Eugenie. Warte!
Hofmeisterin. Hörst du?
Eugenie. Warte! Doch wo verberg' ich dieses Blatt? Zu klar Spricht's jene Hoffnung aus, die mich beglückt. Hier ist nichts zum Verschließen! Und bei mir Ist's nirgend sicher, diese Tasche kaum; Denn meine Leute sind nicht alle treu. Gar manches hat man schon mir, als ich schlief, Durchblättert und entwendet. Das Geheimnis, Das größte, das ich je gehegt, wohin, Wohin verberg' ich's?
(Indem sie sich der Seitenwand nähert.)
Wohl! Hier war es ja, Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit Unschuldige Geheimnisse verbargst! Du, den mir kindisch allausspähende, Von Neugier und von Müßiggang erzeugte, Rastlose Tätigkeit entdecken half, Du, jedem ein Geheimnis, öffne dich!
(Sie drückt an einer unbemerkbaren Feder, und eine kleine Türe springt auf.)
So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk Zu listigem Genuss in dir versteckte, Vertrau' ich heute meines Lebens Glück Entzückt und sorglich dir auf kurze Zeit.
(Sie legt das Pergament in den Schrank und drückt ihn zu.)
Die Tage schreiten vor, und ahnungsvoller Bewegen sich nun Freud' und Schmerz heran.
(Sie öffnet die Türe.)
Fünfter Auftritt Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, die einen prächtigen Putzkasten tragen.
Hofmeisterin. Wenn ich dich störte, führ' ich gleich mit mir, Was mich gewiss entschuld'gen soll, herbei.
Eugenie. Von meinem Vater? Dieser prächt'ge Schrein! Auf welchen Inhalt deutet solch Gefäß?
(Zu den Bedienten.)
Verweilt!
(Sie reicht ihnen einen Beutel hin.)
Zum Vorschmack eures Botenlohns Nehmt diese Kleinigkeit! Das Bessre folgt.
(Bediente gehen.)
Und ohne Brief und ohne Schlüssel! Steht Mir solch ein Schatz verborgen, in der Nähe? O Neugier! O Verlangen! Ahnest du, Was diese Gabe mir bedeuten kann?
Hofmeisterin. Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten. Auf nächste Hoheit deutet sie gewiss. Den Schmuck der Fürstentochter bringt man dir, Weil dich der König bald berufen wird.
Eugenie. Wie kannst du das vermuten?
Hofmeisterin. Weiß ich's doch! Geheimnisse der Großen sind belauscht.
Eugenie. Und wenn du's weißt, was soll ich dir's verbergen? Soll ich die Neugier, dies Geschenk zu sehn, Vor dir umsonst bezähmen!—Hab' ich doch Den Schlüssel hier!—Der Vater zwar verbot's. Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht Unzeitig zu entdecken; doch dir ist Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren, Als du schon weißt, und schweigst nun, mir zuliebe. Was zaudern wir? Komm, lass uns öffnen! Komm, Dass uns der Gaben hoher Glanz entzücke.
Hofmeisterin. Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer weiß, Warum der Herzog weislich so befohlen?
Eugenie. Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck; Der ist vereitelt; alles weißt du schon. Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlässig. Lass uns das Zimmer schließen! Das Geheime Lass uns sogleich vertraulich untersuchen.
(Sie schließt die Zimmertüre und eilt gegen den Schrank.)
Hofmeisterin (sie abhaltend). Der prächt'gen Stoffe Gold und Farbenglanz, Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl Bleib' im Verborgnen! Ach, sie reizen dich Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf.
Eugenie. Was sie bedeuten, ist das Reizende.
(Sie öffnet den Schrank, an der Türe zeigen sich Spiegel.)
Welch köstliches Gewand entwickelt sich, Indem ich's nur berühre, meinem Blick. Und diese Spiegel! Fordern sie nicht gleich, Das Mädchen und den Schmuck vereint zu schildern?
Hofmeisterin. Kreusas tödliches Gewand entfaltet, So scheint es mir, sich unter meiner Hand.
Eugenie. Wie schwebt ein solcher Trübsinn dir ums Haupt? Denk' an beglückter Bräute frohes Fest. Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach. Das Unterkleid! Wie reich und süß durchflimmert Sich rein des Silbers und der Farben Blitz.
Hofmeisterin (indem sie Eugenie das Gewand umlegt). Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick, Sogleich ermattet solch ein Widerglanz.
Eugenie. Ein treues Herz verdient sich diesen Blick, Und, wenn er weichen wollte, zieht's ihn an.— Das Oberkleid, das goldne, schlage drüber, Die Schleppe ziehe, weit verbreitet, nach. Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl, Der Blumen Schmelz metallisch aufgebrämt. Und tret' ich so nicht schön umgeben auf?
Hofmeisterin. Doch wird von Kennern mehr die Schönheit selbst In ihrer eignen Herrlichkeit verehrt.
Eugenie. Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen; Verziertes aber spricht der Menge zu.— Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht, Auch der Juwelen leuchtende Gewalt.
Hofmeisterin. Doch deinem Herzen, deinem Geist genügt Nur eigner, innrer Wert und nicht der Schein.
Eugenie. Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt? Das Wesen, wär' es, wenn es nicht erschiene?
Hofmeisterin. Und hast du nicht in diesen Mauern selbst Der Jugend ungetrübte Zeit verlebt? Am Busen deiner Liebenden, entzückt, Verborgner Wonne Seligkeit erfahren?
Eugenie. Gefaltet kann die Knospe sich genügen, Solange sie des Winters Frost umgibt; Nun schwillt vom Frühlingshauche Lebenskraft, In Blüten bricht sie auf an Licht und Lüfte.
Hofmeisterin. Aus Mäßigkeit entspringt ein reines Glück.
Eugenie. Wenn du ein mäßig Ziel dir vorgesteckt.
Hofmeisterin. Beschränktheit sucht sich der Genießende.
Eugenie. Du überredest die Geschmückte nicht. O dass sich dieser Saal erweiterte Zum Raum des Glanzes, wo der König thront! Dass reicher Teppich unten, oben sich Der goldnen Decke Wölbung breitete! Dass hier im Kreise vor der Majestät Demütig stolz die Großen, angelacht Von dieser Sonne, herrlich leuchteten! Ich unter diesen Ausgezeichnete! O lass mir dieser Wonne Vorgefühl, Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen!
Hofmeisterin. Zum Ziele der Bewunderung nicht allein, Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr.
Eugenie. Der Nieder steht als Folie des Glücks, Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben.
Hofmeisterin. Demütigung beschleicht die Stolzen oft.
Eugenie. Ich setz' ihr Geistesgegenwart entgegen.
(Zum Schranke gewendet.)
Noch haben wir nicht alles durchgesehn; Nicht mich allein bedenk' ich diese Tage, Für andre hoff' ich manche Kostbarkeit.
Hofmeistern (ein Kästchen hervor nehmend). Hier aufgeschrieben steht es: "Zu Geschenken".
Eugenie. So nimm voraus, was dich vergnügen kann, Von diesen Uhren, diesen Dosen. Wähle!— Nein, überlege noch! Vielleicht verbirgt Sich Wünschenswerteres im reichen Schrein.
Hofmeisterin. O fände sich ein kräft'ger Talisman, Des trüben Bruders Neigung zu gewinnen!
Eugenie. Den Widerwillen tilge nach und nach Des unbefangnen Herzens reines Wirken.
Hofmeisterin. Doch die Partei, die seinen Groll bestärkt, Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen.
Eugenie. Wenn sie bisher mein Glück zu hindern suchte, Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein, Und ins Geschehne fügt sich jedermann.
Hofmeisterin. Das, was du hoffest, noch ist's nicht geschehn.
Eugenie. Doch als vollendet kann ich's wohl betrachten.
(Nach dem Schrank gekehrt.)
Was liegt im langen Kästchen, obenan?
Hofmeisterin (die es herausnimmt). Die schönsten Bänder, frisch und neu gewählt— Zerstreue nicht durch eitlen Flitterwesens Neugierige Betrachtung deinen Geist. O wär' es möglich, dass du meinem Wort Gehör verliehest einen Augenblick! Aus stillem Kreise trittst du nun heraus In weite Räume, wo dich Sorgendrang, Vielfach geknüpfte Netze, Tod vielleicht Von meuchelmörderischer Hand erwartet.
Eugenie. Du scheinst mir krank! Wie könnte sonst mein Glück Dir fürchterlich, als ein Gespenst erscheinen.
(In das Kästchen blickend.)
Was seh' ich? Diese Rolle! Ganz gewiss Das Ordensband der ersten Fürstentöchter! Auch dieses werd' ich tragen! Nur geschwind! Lass sehen, wie es kleidet! Es gehört Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht!
(Das Band wird umgelegt.)
Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr! Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich Im Heldenschmuck zu seinem Könige, Sich unter seinesgleichen stellen kann? Was reizt das Auge mehr als jenes Kleid, Das kriegerische lange Reihen zeichnet? Und dieses Kleid und seine Farben, sind Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr? Die Schärpe deutet Krieg, womit sich, stolz Auf seine Kraft, ein edler Mann umgürtet. O meine Liebe! Was bedeutend schmückt, Es ist durchaus gefährlich. Lass auch mir Das Mutgefühl, was mir begegnen kann, So prächtig ausgerüstet, zu erwarten. Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glück.
Hofmeisterin (beiseite). Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich.
Dritter Aufzug (Vorzimmer des Herzogs, prächtig, modern.)
Erster Auftritt Sekretär. Weltgeistlicher.
Sekretär. Tritt still herein in diese Totenstille! Wie ausgestorben findest du das Haus. Der Herzog schläft, und alle Diener stehen, Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt. Er schläft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah Bewusstlos auf dem Pfühle ruhig atmen. Das Übermaß der Schmerzen löste sich In der Natur balsam'scher Wohltat auf. Den Augenblick befürcht' ich, der ihn weckt; Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen.
Weltgeistlicher. Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht.
Sekretär. Vor wenig Stunden kam die Nachricht an, Eugenie sei tot! Vom Pferd gestürzt! An eurem Orte sei sie beigesetzt, Als an dem nächsten Platz, wohin man sie Aus jenem Felsendickicht bringen können, Wo sie verwegen sich den Tod erstürmt.
Weltgeistlicher. Und sie indessen ist schon weit entfernt?
Sekretär. Mit rascher Eile wird sie weggeführt.
Weltgeistlicher. Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschäft?
Sekretär. Dem klugen Weibe, das uns angehört.
Weltgeistlicher. In welche Gegend habt ihr sie geschickt?
Sekretär. Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz.
Weltgeistlicher. Von dorten soll sie in das fernste Land?
Sekretär. Sie führt ein günst'ger Wind sogleich davon.
Weltgeistlicher. Und hier auf ewig gelte sie für tot!
Sekretär. Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an.
Weltgeistlicher. Der Irrtum soll im ersten Augenblick Auf alle künft'ge Zeit gewaltig wirken. An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll Die Phantasie erstarren. Tausendfach Zerreiß' ich das geliebte Bild und grabe Dem Sinne des entsetzten Hörenden Mit Feuerzügen dieses Unglück ein. Sie ist dahin für alle, sie verschwindet Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell Den Blick zum Leben und vergisst im Taumel Der treibenden Begierden, dass auch sie Im Reihen der Lebendigen geschwebt.
Sekretär. Du trittst mit vieler Kühnheit ans Geschäft; Besorgst du keine Reue hintennach?
Weltgeistlicher. Welch eine Frage tust du? Wir sind fest!
Sekretär. Ein innres Unbehagen fügt sich oft Auch wider unsern Willen an die Tat.
Weltgeistlicher. Was hör' ich? Du bedenklich? Oder willst Du mich nur prüfen, ob es euch gelang, Mich, euren Schüler, völlig auszubilden?
Sekretär. Das Wichtige bedenkt man nie genug.
Weltgeistlicher. Bedenke man, eh' noch die Tat beginnt.
Sekretär. Auch in der Tat ist Raum für Überlegung.
Weltgeistlicher. Für mich ist nichts zu überlegen mehr! Da wär' es Zeit gewesen, als ich noch Im Paradies beschränkter Freuden weilte, Als, von des Gartens engem Hag umschlossen, Ich selbst gesäte Bäume selber pfropfte, Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte, Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause Gefühl des Reichtums über alles goss, Und ich nach meiner Einsicht zur Gemeinde Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach, Dem Guten fördernd meine Hände reichte, Dem Bösen wie dem Übel widerstritt. O hätte damals ein wohltät'ger Geist Vor meiner Türe dich vorbei gewiesen, An der du müde, durstig von der Jagd Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen, Mit süßem Wort mich zu bezaubern wusstest. Der Gastfreundschaft geweihter, schöner Tag, Er war der letzte rein genossnen Friedens.
Sekretär. Wir brachten dir so manche Freude zu.
Weltgeistlicher. Und dranget mir so manch Bedürfnis auf. Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte; Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's; Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hilfe. Ihr wart mir hilfreich, teuer büß' ich das. Ihr nahmt mich zum Genossen eures Glücks, Mich zum Gesellen eurer Taten auf. Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr Den sonst so freien, jetzt bedrängten Mann. Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf.
Sekretär. Vertraue, dass wir dich in kurzer Zeit Mit Gütern, Ehren, Pfründen überhäufen.
Weltgeistlicher. Das ist es nicht, was ich erwarten muss.
Sekretär. Und welche neue Fordrung bildest du?
Weltgeistlicher. Als ein gefühllos Werkzeug braucht ihr mich Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind Verstoßt ihr aus dem Kreise der Lebend'gen; Ich soll die Tat beschönen, sie bedecken, Und ihr beschließt, begeht sie ohne mich. Von nun an fordr' ich, mit im Rat zu sitzen, Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder, Auf seinen Sinn, auf seine Kräfte stolz, Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt.
Sekretär. Dass du auch diesmal dich mit uns verbunden, Erwirbt aufs neue dir ein großes Recht. Gar manch Geheimnis wirst du blad vernehmen; Dahin gedulde dich und sei gefasst.
Weltgeistlicher. Ich bin's und bin noch weiter, als ihr denkt; In eure Pläne schaut' ich längst hinein. Der nur verdient geheimnisvolle Weihe, Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiß.
Sekretär. Was ahnest du? Was weißt du?
Weltgeistlicher. Lass uns das Auf ein Gespräch der Mitternacht versparen. O dieses Mädchens trauriges Geschick Verschwindet, wie ein Bach im Ozean, Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr Zu mächtiger Parteigewalt euch hebt Und an die Stelle der Gebietenden Mit frecher List euch einzudrängen hofft. Nicht ihr allein; denn andre streben auch, Euch widerstrebend, nach demselben Zweck. So untergrabt ihr Vaterland und Thron; Wer soll sich retten, wenn das Ganze stürzt?
Sekretär. Ich höre kommen! Tritt hier an die Seite! Ich führe dich zu rechter Zeit herein.
Zweiter Auftritt Herzog. Sekretär.
Herzog. Unsel'ges Licht! Du rufst mich auf zum Leben, Mich zum Bewusstsein dieser Welt zurück Und meiner selbst. Wie öde, hohl und leer Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt, Ein großer Schutt, die Stätte meines Glücks.
Sekretär. Wenn jeder von den Deinen, die um dich In dieser Stunde leiden, einen Teil Von deinen Schmerzen übertragen könnte, Du fühltest dich erleichtert und gestärkt.
Herzog. Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt Unteilbar und unendlich. Fühl' ich doch, Welch ungeheures Unglück den betrifft, Der seines Tags gewohntes Gut vermisst. Warum o! Lasst ihr die bekannten Wände Mit Farb' und Gold mir noch entgegen scheinen, Die mich an gestern, mich an ehegestern, An jenen Zustand meines vollen Glücks Mich kalt erinnern. O warum verhüllet Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp! Dass, finster wie mein Innres, auch von außen Ein ewig nächt'ger Schatten mich umfange.
Sekretär. O möchte doch das Viele, das dir bleibt, Nach dem Verlust als etwas dir erscheinen.
Herzog. Ein geistverlassner körperlicher Traum! Sie war die Seele dieses ganzen Hauses. Wie schwebte beim Erwachen sonst das Bild Des holden Kindes dringend mir entgegen! Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand, Ein geistreich, herzlich Blatt zum Morgengruß.
Sekretär. Wie drückte nicht der Wunsch, dich zu ergötzen, Sich dichtrisch oft in frühen Reimen aus.
Herzog. Die Hoffnung, sie zu sehen, gab den Stunden Des mühevollen Tags den einz'gen Reiz.
Sekretär. Wie oft bei Hindernis und Zögrung hat Man ungeduldig, wie nach der Geliebten Den raschen Jüngling, dich nach ihr gesehn.
Herzog. Vergleiche doch die jugendliche Glut, Die selbstischen Besitz verzehrend hascht, Nicht dem Gefühl des Vaters, der entzückt, In heil'gem Anschaun stille hingegeben, Sich an Entwicklung wunderbarer Kräfte, Sich an der Bildung Riesenschritten freut. Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart; Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum. Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder, Dort seiner Saaten keimender Genuss.
Sekretär. O Jammer! Diese grenzenlose Wonne, Dies ewig frische Glück verlorst du nun.
Herzog. Verlor ich's? War es doch im Augenblick Vor meiner Seele noch im vollen Glanz. Ja, ich verlor's! Du rufst's, Unglücklicher, Die öde Stunde ruft mir's wieder zu. Ja, ich verlor's! So strömt, ihr Klagen, denn! Zerstöre, Jammer, diesen festen Bau, Den ein zu günstig Alter noch verschont. Verhasst sei mir das Bleibende, verhasst, Ws mir in seiner Dauer Stolz erscheint; Erwünscht, was fließt und schwankt. Ihr Fluten, schwellt, Zerreißt die Dämme, wandelt Land in See! Eröffne deine Schlünde, wildes Meer! Verschlinge Schiff und Mann und Schätze! Weit Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen, Und häuft auf blut'gen Fluren Tod auf Tod! Entzünde, Strahl des Himmels, dich im Leeren Und triff der kühnen Türme sichres Haupt! Zertrümmr', entzünde sie und geißle weit Im Stadtgedräng' der Flamme Wut umher, Dass ich, von allem Jammer rings umfangen, Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf!
Sekretär. Das ungeheuer Unerwartete Bedrängt dich fürchterlich, erhabner Mann.
Herzog. Wohl unerwartet kam's, nicht ungewarnt. In meinen Armen ließ ein guter Geist Sie von den Toten wieder auferstehn Und zeigte mir gelind, vorübereilend, Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes. Da sollt' ich strafen die Verwegenheit, Dem Übermut mich scheltend widersetzen, Verbieten jene Raserei, die, sich Unsterblich, unverwundbar wähnend, blind, Wetteifern mit dem Vogel, sich durch Wald Und Fluss und Sträuche von dem Felsen stürzt.
Sekretär. Was oft und glücklich unsre Besten tun, Wie sollt' es dir des Unglücks Ahnung bringen?
Herzog. Die Ahnung dieser Leiden fühlt' ich wohl, Als ich zum letzten Mal—Zum letzten Mal! Du sprichst es aus, das fürchterliche Wort, Das deinen Weg mit Finsternis umzieht. O hätt' ich sie nur einmal noch gesehn! Vielleicht war dieses Unglück abzuleiten. Ich hätte flehentlich gebeten, sie als Vater Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen, Und von der Wut tollkühner Reiterei Um unsres Glückes willen abzustehn. Ach, diese Stunde war mir nicht gegönnt. Und nun vermiss' ich mein geliebtes Kind! Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann. Und niemand, sie zu warnen, sie zu leiten! Entwachsen war sie dieser Frauenzucht. In welchen Händen ließ ich solchen Schatz? Verzärtelnden, nachgieb'gen Weiberhänden. Kein festes Wort, den Willen meines Kinds Zu mäßiger Vernünftigkeit zu lenken! Zur unbedingten Freiheit ließ man ihr, Zu jedem kühnen Wagnis offnes Feld. Ich fühlt' es oft und sagt' es mir nicht klar: Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt.
Sekretär. O tadle nicht die Unglückselige! Vom tiefsten Schmerz begleitet, irrt sie nun, Wer weiß, in welche Lande, trostlos hin. Sie ist entflohn. Denn wer vermöchte dir Ins Angesicht zu sehen, der auch nur Den fernsten Vorwurf zu befürchten hätte.
Herzog. O lass mich ungerecht auf andre zürnen, Dass ich mich nicht verzweifelnd selbst zerreiße! Wohl trag' ich selbst die Schuld und trag' sie schwer. Denn rief ich nicht mit törigem Beginnen Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt? Sie überall zu sehn als Meisterin, Das war mein Stolz! Zu teuer büß' ich ihn. Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie, Die Rosse bändigend, als Heldin glänzen. Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir Den Elementen göttlich zu gebieten. So, hieß es, kann sie jeglicher Gefahr Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren, Gibt Übung zur Gefahr den Tod ihr nun.
Sekretär. Des edlen Pflichtgefühles Übung gibt, Ach! Unsrer Unvergesslichen den Tod.
Herzog. Erkläre dich!
Sekretär. Und weck' ich diesen Schmerz Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens? Ihr alter, erster, hoch geliebter Freund Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt, Verschränkt in Trübsinn, Krankheit, Menschenhass. Nur sie allein vermocht' ihn zu erheitern; Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht; Nur allzu oft verlangte sie hinüber, Und oft versagte man's. Nun hatte sie's Planmäßig angelegt; sie nutzte kühn Des Morgenrittes abgemessne Stunden Mit ungeheurer Schnelligkeit zum Zweck, Den alten, viel geliebten Mann zu sehn. Ein einz'ger Reitknecht nur war im Geheimnis, Er unterlegt' ihr jedes Mal das Pferd, Wie wir vermuten; denn auch er ist fort. Der arme Mensch und jene Frau verloren Aus Furcht vor dir sich in die weite Welt.
Herzog. Die Glücklichen, die noch zu fürchten haben, Bei denen sich der Schmerz um ihres Herrn Verlornes Heil in leicht verwundene, In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt! Ich habe nichts zu fürchten! Nichts zu hoffen! Drum lass mich alles wissen; zeige mir Den kleinsten Umstand an! Ich bin gefasst.
Dritter Auftritt Herzog. Sekretär. Weltgeistlicher.
Sekretär. Auf diesen Augenblick, verehrter Fürst, Hab' ich hier einen Mann zurückgehalten, Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint. Es ist der Geistliche, der aus der Hand Des Todes deine Tochter aufgenommen, Und sie, da keiner Hilfe Trost sich zeigte, Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt.
Vierter Auftritt Herzog. Weltgeistlicher.
Weltgeistlicher. Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen, Erhabner Fürst, wie lebhaft hegt' ich ihn! Nun wird er mir gewährt im Augenblick, Der dich und mich in tiefen Jammer senkt.
Herzog. Auch so willkommen, unwillkommner Bote! Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick, Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefasst, Das letzte Wort bedächtig aufgenommen, Dem letzten Seufzer Mitgefühl erwidert. O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus? Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl?
Weltgeistlicher. Willkommen scheint ein unwillkommner Bote, Solang er schweigt und noch der Hoffnung Raum, Der Täuschung Raum in unserm Herzen gibt. Der ausgesprochne Jammer ist verhasst.
Herzog. Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren? Sie ist dahin! Und diesen Augenblick Ist über ihrem Sarge Ruh' und Stille. Was sie auch litt, es ist für sie vorbei, Für mich beginnt es; aber rede nur!
Weltgeistlicher. Ein allgemeines Übel ist der Tod. So denke dir das Schicksal deiner Toten, Und finster wie des Grabes Nacht verstumme Der Übergang, der sie hinabgeführt. Nicht jeden leitet ein gelinder Gang Unmerklich in das stille Reich der Schatten. Gewaltsam schmerzlich reißt Zerstörung oft Durch Höllenqualen in die Ruhe hin.
Herzog. So hat sie viel gelitten?
Weltgeistlicher. Viel, nicht lange.
Herzog. Es war ein Augenblick, in dem sie litt, Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief. Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschäft, Welch ein Vergnügen hatte mich gefesselt? Verkündigte mir nichts das Schreckliche, Das mir das Leben voneinander riss? Ich hörte nicht den Schrei, ich fühlte nicht Den Unfall, der mich ohne Rettung traf. Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefühl Ist nur ein Märchen. Sinnlich und verstockt, Ins Gegenwärtige verschlossen, fühlt Der Mensch das nächste Wohl, das nächste Weh, Und Liebe selbst ist in der Ferne taub.
Weltgeistlicher. Soviel auch Worte gelten, fühl' ich doch, Wie wenig sie zum Troste wirken können.
Herzog. Das Wort verwundet leichter, als es heilt. Und ewig wiederholend strebt vergebens Verlornes Glück der Kummer herzustellen. So war denn keine Hilfe, keine Kunst Vermögend, sie ins Leben aufzurufen? Was hast du, sage mir, begonnen? Was Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiss Nichts unbedacht gelassen.
Weltgeistlicher. Leider war Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand.
Herzog. Und soll ich ihres Lebens holde Kraft Auf ewig missen! Lass mich meinen schmerz Durch meinen Schmerz betrügen, diese Reste Verewigen. O komm! Wo liegen sie?
Weltgeistlicher. In würdiger Kapelle steht ihr Sarg Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar Durchs Gitter jedes Mal die Stätte, will Für sie, solang ich lebe, betend flehen.
Herzog. O komm und führe mich dahin! Begleiten Soll uns der Ärzte viel erfahrenster. Lass uns den schönen Körper der Verwesung Entreißen! Lass mit edlen Spezereien Das unschätzbare Bild zusammenhalten! Ja! Die Atomen alle, die sich einst Zur köstlichen Gestalt versammelten, Sie sollen nicht ins Element zurück.
Weltgeistlicher. Was darf ich sagen? Muss ich dir bekennen! Du kannst nicht hin! Ach! Das zerstörte Bild! Kein Fremder säh' es ohne Jammer an! Und vor die Augen eines Vaters—Nein, Verhüt' es Gott! Du darfst sie nicht erblicken.
Herzog. Welch neuer Qualenkrampf bedroht mich!
Weltgeistlicher. O lass mich schweigen, dass nicht meine Worte Auch die Erinnrung der Verlornen schänden! Lass mich verhehlen, wie sie durchs Gebüsch, Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig, Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen, Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing. Da segnet' ich, von Tränen überfließend, Der Stunde Heil, in der ich feierlich Dem holden Vaternamen einst entsagt.
Herzog. Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen Verstockten, der Verkehrten einer, die Ihr abgeschlossnes Wesen unfruchtbar Verzweifeln lässt. Entferne dich! Verhasst Erscheinet mir dein Anblick.
Weltgeistlicher. Fühlt' ich's doch! Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn?
(Will sich entfernen.)
Herzog. Vergib und bleib. Ein schön entworfnes Bild, Das wunderbar dich selbst zum zweiten Mal Vor deinen Augen zu erschaffen strebt, Hast du entzückt es jemals angestaunt? O hättest du's! Du hättest diese Form, Die sich zu meinem Glück, zur Lust der Welt In tausendfält'gen Zügen auferbaut, Mir grausam nicht zerstümmelt, mir die Wonne Der traurigen Erinnrung nicht verkümmert.
Weltgeistlicher. Was sollt' ich tun? Dich zu dem Sarge führen, Den tausend fremde Tränen schon benetzt, Als ich das morsche, schlotternde Gebein Zu ruhiger Verwesung eingeweiht?
Herzog. Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst. O! Wehe! Dass die Elemente nun, Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht, Im leisen Kampf das Götterbild zerstören. Wenn über werdend Wachsendem vorher Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte, So stockt, so kehrt in Moder nach und nach Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens.
Weltgeistlicher. Was Lust und Licht Zerstörliches erbaut, Bewahret lange das verschlossne Grab.
Herzog. O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne, Das ernst und langsam die Natur geknüpft, Des Menschenbilds erhabne Würde, gleich Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt, Durch reiner Flammen Tätigkeit zu lösen! Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken, Des Adlers Fittich deutend sich bewegte, Da trocknete die Träne, freier Blick Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott In des Olymps verklärte Räume nach. O sammle mir in köstliches Gefäß Der Asche, der Gebeine trüben Rest, Dass die vergebens ausgestreckten Arme Nur etas fassen, dass ich dieser Brust, Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drängt, Den schmerzlichsten Besitz entgegendrücke.
Westgeistlicher. Die Trauer wird durch Trauern immer herber.
Herzog. Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss. O dass ich doch geschwundner Asche Rest, Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter, Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah, Als Büßender mit kurzen Schritten trüge! Dort lag sie tot in meinen Armen, dort Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren. Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten, Und nun ist sie auf ewig mir entrückt. Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen. Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort In meines Traums Entzückungen gelobt— Schon führet klug des Gartenmeisters Hand Durch Busch und Fels bescheidne Wege her, Schon wird der Platz gerundet, wo mein König Als Oheim sie an seine Brust geschlossen, Und ebenmaß und Ordnung will den Raum Verherrlichen, der mich so hoch beglückt. Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren! Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften, Von rauen Steinen ordnungslos getürmt, Dorthin zu wallen, stille zu verweilen, Bis ich vom Leben endlich selbst genese. O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn, Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet! Mag sich umher der freie Platz berasen, Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten, Der Birke hangend Haar den Boden schlagen, Der junge Busch zum Baume sich erheben, Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn; Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin, An deren Wachstum ich die Jahre maß.
Weltgeistlicher. Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden, Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen, Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft Wohltätiger Zerstreuung übergab, Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast Herbei sich wälzend, ihn bedrohend, schlich? Hinaus! Mit Flügelschnelle durch das Land, Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn Der Erde Bilder heilend sich bewegen.
Herzog. Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn Ich sie nicht wieder finde, die allein Ein Gegenstand für meine Blicke war? Soll Fluss und Hügel, Tal und Wald und Fels Vorüber meinen Augen gehen und nur Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild, Das einzige geliebte, zu erhaschen? Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer, Was soll für mich ein Reichtum der Natur, Der an Verlust und Armut mich erinnert!
Weltgeistlicher. Und neue Güter eignest du dir an!
Herzog. Nur durch der Jugend frisches Auge mag Das längst Bekannte neubelebt uns rühren, Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht, Von Kindes Munde hold uns widerklingt. So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flächen, Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut Bis an das offne Meer zu zeigen, dort Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.
Weltgeistlicher. Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens Beglückte Tage der Beschauung nicht Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit Fürs Wohl Unzähliger am Throne dir Zum Vorzug der Geburt den herrlichern Des allgemeinen, edlen Wirkens gab, So ruf' ich dich im Namen aller auf: Ermanne dich! Und lass die trüben Stunden, Die deinen Horizont umziehn, für andre, Durch Trost und Rat und Hilfe, lass für dich Auch diese Stunden so zum Feste werden.
Herzog. Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben, Wenn alles Regen, alles Treiben stets Zu neuem Regen, neuem Treiben führt Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt. Den sah ich nur in ihr, und so besaß Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr Ein kleines Reich anmut'gen Glücks zu schaffen. So war ich heiter, aller Menschen Freund, Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem. Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir, Dem Vater danken sie's und werden auch Die Tochter einst als werte Freundin grüßen.
Weltgeistlicher. Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit! Ganz andre fordern dich, erhabner Mann! Darf ich's erwähnen? Ich, der unterste Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick In diesen trüben Tagen ist auf dich, Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.
Herzog. Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft.
Weltgeistlicher. So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt Dem Augenblick unendlichen Gehalt, Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kühn Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt. Wie heftig wilde Gärung unten kocht, Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält; Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's Mehr als der Menge, der ich angehöre. O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen! Zum Wohle deines Vaterlands verbanne Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter Wie du um ihre Kinder weinen, tausend Und aber tausend Kinder ihre Väter Vermissen, Angstgeschrei der Mütter grässlich An hohler Kerkerwand verklingend hallen. O bringe deinen Jammer, deinen Kummer Auf dem Altar des allgemeinen Wohls Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest, Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz.
Herzog. Aus grauenvollen Winkeln führe nicht Mir der Gespenster dichte Schar heran, Die meiner Tochter liebliche Gewalt Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt. Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft, Die meinen Geist in holde Träume sang. Nun drängt das Wirkliche mit dichten Massen An mich heran und droht, mich zu erdrücken. Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg! Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst, So führe mich zur Wohnung der Geduld, Ins Kloster führe mich und lass mich dort, Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt, Ein müdes Leben in die Grube senken.
Weltgeistlicher. Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen; Doch andre Worte sprech' ich kühner aus. Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert. Er kehrt in sich zurück und findet staunend In seinem Busen das Verlorene wieder.
Herzog. Dass ein Besitz so fest sich hier erhält, Wenn das Verlorne fern und ferner flieht, Das ist die Qual, die das geschiedene, Für ewig losgerissne Glied aufs neue Dem Schmerz ergriffnen Körper fügen will. Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder? Vernichtetes, wer stellt es her?
Weltgeistlicher. Der Geist! Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht, Was er von Wert mit Sicherheit besessen. So lebt Eugenie vor dir, sie lebt In deinem Sinne, den sie sonst erhub, Dem sie das Anschaun herrlicher Natur Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch Als hohes Vorbild, schützet vor Gemeinem, Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt, Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet Den eitlen Schein, der dich bestechen will. So fühle dich durch ihre Kraft beseelt! Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben, Das keine Macht entreißen kann, zurück.
Herzog. Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes Verworrne Todesnetze mich zerreißen! Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild, Vollkommen, ewig jung und ewig gleich! Lass deiner klaren Augen reines Licht Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor, Wohin ich wandle, zeige mir den Weg Durch dieser Erde Dornenlabyrinth! Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke; Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich Vollendet einst gedacht und dargestellt. So bist du teilhaft des Unendlichen, Des Ewigen, und bist auf ewig mein.
Vierter Aufzug (Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche, im Grund eine Reihe Bäume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.)
Erster Auftritt Eugenie, in einen Schleier gehüllt, auf einer Bank im Grunde, mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im Vordergrunde.
Hofmeisterin. Drängt unausweichlich ein betrübt Geschäft Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze Des festen Lands zu diesem Hafenplatz, So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt, Und deutet mir bedenklich in die Weite. Wie müssen Rat und Anteil eines Manns, Der allen edel, zuverlässig gilt, Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen! Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt, Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt, Zu dir mich wendend komme, den so lange Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken, Erst pries als Beistand, nun als Richter preist.
Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen). Nicht mein Verdienst, nur mein Bemühen war Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch Will es mich dünken, dass du eben diesen, Den du gerecht und edel nennen willst, In solcher Sache fragen, ihm getrost Solch ein Papier vors Auge dringen magst, Worauf er nur mit Schauder blicken kann. Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede; Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt, Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt. Anheim gegeben ward ein edles Kind, Auf Tod und Leben—sag' ich wohl zu viel?— Anheim gegeben deiner Willkür. Jeder, Sei er Beamter, Kriegsmann, Bürger, alle Sind angewiesen, dich zu schützen, sie Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln.
(Er gibt das Blatt zurück.)
Hofmeisterin. Auch hier beweise dich gerecht und lass Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen, Auch mich, die hart Verklagte, höre nun Und meinen offnen Vortrag günstig an. Aus edlem Blut entspross die Treffliche; Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt' Ihr die Natur den allerschönsten Teil, Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert. Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise Der Ihrigen entführen, sie hierher, Hinüber nach den Inseln sie geleiten.
Gerichtsrat. Gewissem Tod entgegen, der im Qualm Erhitzter Dünste schleichend überfällt. Dort soll verwelken diese Himmelsblume, Die Farbe dieser Wange dort verbleichen! Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge Mit Sehnsucht immer zu erhalten wünscht.
Hofmeisterin. Bevor du richtest, höre weiter an! Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung? Doch vieler Übel Ursach' dieses Kind. Sie als des Haders Apfel warf ein Gott Erzürnt ins Mittel zwischen zwei Parteien, Die sich, auf ewig nun getrennt, bekämpfen. Sie will der eine Teil zum höchsten Glück Berechtigt wissen, wenn der andre sie Hinabzudrängen strebt. Entschieden beide!— Und so umschlang ein heimlich Labyrinth Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick, So schwankte List um List im Gleichgewicht, Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt Den Augenblick entschiedenen Gewinns Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt, Dem Staate selbst gefährlich, drohend los, Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen, Zu tilgen, trifft ein hoher Götterspruch Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zögling, Und reißt, verbannend, mich mit ihm dahin.
Gerichtsrat. Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum Mit jenen Mächten, die sich solche Handlung Erlauben können. Leider sind auch sie Gebunden und gedrängt. Sie wirken selten Aus freier Überzeugung. Sorge, Furcht Vor größerm Übel nötiget Regenten Die nützlich ungerechten Taten ab. Vollbringe, was du musst, entferne dich Aus meiner Enge rein gezognem Kreis.
Hofmeisterin. Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin! Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstoßen. Den werten Zögling wünscht' ich lange schon Vom Glück zu überzeugen, das im Kreise Des Bürgerstandes hold genügsam weilt. Entsagte sie der nicht gegönnten Höhe, Ergäbe sich des biedern Gatten Schutz Und wendete von jenen Regionen, Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern, Ins Häusliche den liebevollen Blick; Gelöst wär' alles, meiner strengen Pflicht Wär' ich entledigt, könnt' im Vaterland Vertrauter Stunden mich verweilend freuen.
Gerichtsrat. Ein sonderbar Verhältnis zeigst du mir!
Hofmeisterin. Dem klug entschlossnen Manne zeig' ich's an.
Gerichtsrat. Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet?
Hofmeisterin. Und reichlich ausgestattet geb' ich sie.
Gerichtsrat. So übereilt, wer dürfte sich entschließen?
Hofmeisterin. Nur übereilt bestimmt die Neigung sich.
Gerichtsrat. Die Unbekannte wählen wäre Frevel.
Hofmeisterin. Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert.
Gerichtsrat. Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten.
Hofmeisterin. Versöhnt ist alles, wenn sie Gattin heißt.
Gerichtsrat. Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken?
Hofmeisterin. Vertrauen wird man dem Vertrauenden.
Gerichtsrat. Und wird sie frei solch einen Bund erwählen?
Hofmeisterin. Ein großes Übel dränget sie zur Wahl.
Gerichtsrat. In solchem Fall zu werben, ist es redlich?
Hofmeisterin. Der Rettende fasst an und klügelt nicht.
Gerichtsrat. Was forderst du vor allen andern Dingen?
Hofmeisterin. Entschließen soll sie sich im Augenblick.
Gerichtsrat. Ist euer Schicksal ängstlich so gesteigert?
Hofmeisterin. Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt.
Gerichtsrat. Hast du ihr früher solchen Bund geraten?
Hofmeisterin. Im allgemeinen deutet' ich dahin.
Gerichtsrat. Entfernte sie unwillig den Gedanken?
Hofmeisterin. Noch war das alte Glück ihr allzu nah.
Gerichtsrat. Die schönen Bilder, werden sie entweichen?
Hofmeisterin. Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt.
Gerichtsrat. Sie fürchtet, sich vom Vaterland zu trennen?
Hofmeisterin. Sie fürchtet's, und ich fürcht' es wie den Tod. O lass uns, Edler, glücklich Aufgefundner, Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln! Noch lebt in dir, dem Jüngling, jede Tugend, Die mächt'gen Glaubens, unbedingter Liebe Zu nie genug geschätzter Tat bedarf. Gewiss umgibt ein schöner Kreis dich auch Von Ähnlichen! Von Gleichen sag' ich nicht! O seih dich um in deinem eignen Herzen, In deiner Freunde Herzen sieh umher, Und findest du ein überfließend Maß Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut, So werde dem Verdientesten dies Kleinod Mit stillem Segen heimlich übergeben!
Gerichtsrat. Ich weiß, ich fühle deinen Zustand, kann Und mag nicht mit mir selbst bedächtig erst. Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen! Ich will sie sprechen.
Hofmeisterin (tritt zurück gegen Eugenie).
Gerichtsrat. Was geschehen soll, Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen Hängt viel von Wahl und Wollen ab; das Höchste, Was uns begegnet, kommt wer weiß woher.
Zweiter Auftritt Eugenie. Gerichtsrat.
Gerichtsrat. Indem du mir, verehrte Schöne, nahst, So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet. Du bist unglücklich, sagt man; doch du bringst, Wohin du wandelst, Glück und Heil heran.
Eugenie. Find' ich den ersten, dem aus tiefer Not Ich Blick und Wort entgegen wenden darf, So mild und edel, als du mir erscheinst; Dies Angstgefühl, ich hoffe, wird sich lösen.
Gerichtsrat. Ein viel Erfahrner wäre zu bedauern, Wär' ihm das Los gefallen, das dich trifft; Wie ruft nicht erst bedrängter Jugend Kummer Die Mitgefühle hilfsbedürftig an!
Eugenie. So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht Des Todes an des Tages Licht herauf, Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart Ein jäher Sturz mich lähmend hingestreckt. Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder Die schöne Welt, ich sah den Arzt bemüht, Die Flamme wieder anzufachen, fand In meines Vaters liebevollem Blick, An seinem Ton mein Leben wieder. Nun Zum zweiten Mal, von einem jähern Sturz, Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln, Und deine Milde selbst ein Traumgebild.
Gerichtsrat. Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen, Sind sie wohl näher als die Nächsten, die Oft unsern Gram als wohlbekanntes Übel Mit lässiger Gewohnheit übersehn. Dein Zustand ist gefährlich! Ob er gar Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden!
Eugenie. Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt Sind mir die Mächte, die mein Elend schufen. Du hast das Weib gesprochen, jene weiß; Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen.
Gerichtsrat. Was auch der Obermacht gewalt'gen Schluss Auf dich herab gerufen, leichte Schuld, Ein Irrtum, den der Zufall schädlich leitet; Die Achtung bleibt, die Neigung spricht für dich.
Eugenie. Des reinen Herzens traulich mir bewusst, Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach.
Gerichtsrat. Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz, Ein Fehltritt stürzt vom Gipfel dich herab.
Eugenie. Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzücken, Der Freunde Übermaß verwirrte mich. Das nahe Glück berührt' ich schon im Geist, Ein köstlich Pfand lag schon in meinen Händen. Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld! Und alles war, so darf ich glauben, mein. Doch übereilt' ich's, überließ mich rasch Zudringlicher Versuchung.—War es das?— Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn So hart bestraft? Ein lässlich scheinendes, Scherzhafter Probe gleichendes Verbot, Verdammt's den Übertreter ohne Schonung? O, so ist's wahr, was uns der Völker Sagen Unglaublich überliefern! Jenes Apfels Leichtsinnig augenblicklicher Genuss Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet. So ward auch mir ein Schlüssel anvertraut! Verbotne Schätze wagt' ich aufzuschließen, Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab.
Gerichtsrat. Des Übels Quelle findest du nicht aus, Und aufgefunden fließt sie ewig fort.
Eugenie. In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir Aus eitlem Wahn die Schuld so großer Leiden. Nur höher, höher wende den Verdacht! Die beiden, denen ich mein ganzes Glück Zu danken hoffte, die erhabnen Männer, Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand. Der innre Zwist unsicherer Parteien, Der nur in düstern Höhlen sich geneckt, Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor! Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben, Entscheidet sich, indem es mich vernichtet, Und droht Vernichtung aller Welt umher.
Gerichtsrat. Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt Verkündest du nach deinem Schmerzgefühl. Und schien dir nicht die Erde froh und glücklich, Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest?
Eugenie. Wer hat es reizender als ich gesehn, Der Erde Glück mit allen seinen Blüten. Ach, alles um mich her, es war so reich, So voll und rein, und was der Mensch bedarf, Es schien zur Lust, zum Überfluss gegeben. Und wem verdankt' ich solch ein Paradies? Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt Ums Kleinste, wie ums Größte, mich verschwendrisch Mit Prachtgenüssen zu erdrücken schien Und meinen Körper, meinen Geist zugleich, Ein solches Wohl zu tragen, bildete. Wenn alles weichlich Eitle mich umgab, Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln, So rief mich ritterlicher Trieb hinaus, Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kämpfen. Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin, Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen. Dorthin versprach der edle Vater mich, Ans Meer versprach er mich zu führen, hoffte Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte Mit liebevollem Anteil zu erfreun— Da steh' ich nun und schaue weit hinaus, Und enger scheint mich's, enger zu umschließen. O Gott, wie schränkt sich Welt und Himmel ein, Wenn unser Herz in seinen Schranken banget!
Gerichtsrat. Unselige! Die mir aus deinen Höhen, Ein Meteor, verderblich niederstreifst Und meiner Bahn Gesetz berührend störst! Auf ewig hast du mir den heitren Blick Ins volle Meer getrübt. Wenn Phöbus nun Ein feuerwallend Lager sich bereitet, Und jedes Auge von Entzücken tränt, Da werd' ich weg mich wenden, werde dich Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt! Entbehrung alles nötig lang Gewohnten, Bedrängnis neuer Übel, ohne Flucht. Der Sonne glühendes Geschoss durchdringt Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land. Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens, Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest. Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht, von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken. O die so blühend, heiter vor mir steht, Sie soll so früh langsamen Tods verschwinden!
Eugenie. Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin? Dorthin verstößt man mich! In jenes Land, Als Höllenwinkel mir von Kindheit auf In grauenvollen Zügen dargestellt. Dorthin, wo sich in Sümpfen Schlang' und Tiger Durch Rohr und Dorngeflechte tückisch drängen, Wo, peinlich quälend, als belebte Wolken Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn, Wo jeder Hauch des Windes, unbequem Und schädlich, Stunden raubt und Leben kürzt. Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten.
Gerichtsrat. Ein mächtig ungeheurer Talisman Liegt in den Händen deiner Führerin.
Eugenie. Was ist Gesetz und Ordnung? Können sie Der Unschuld Kindertage nicht beschützen? Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz Durchs Recht Gewalt zu bänd'gen euch berühmt?
Gerichtsrat. In abgeschlossnen Kreisen lenken wir Gesetzlich streng das in der Mittelhöhe Des Lebens wiederkehrend Schwebende. Was droben sich in ungemessnen Räumen Gewaltig seltsam hin und her bewegt, Belebt und tötet ohne Rat und Urteil, Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.
Eugenie. Und ist das alles? Hast du weiter nichts Zu sagen, zu verkünden?
Gerichtsrat. Nichts!
Eugenie. Ich glaub' es nicht! Ich darf's nicht glauben.
Gerichtsrat. Lass, o lass mich fort! Soll ich als feig, als unentschlossen gelten? Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin Mit kühner Hand auf deine Rettung deuten? Doch läge nicht in dieser Kühnheit selbst Für mich die grässlichste Gefahr, von dir Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck Als frevelhaft unwürdig zu erscheinen?
Eugenie. Ich lasse dich nicht los, den mir das Glück, Mein altes Glück, vertraulich zugesendet. Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt, Und nun im rauen Sturme sendet mir's Den edlen Stellvertreter seiner Neigung. Sollt' ich nicht sehen, fühlen, dass du teil An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst!— Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung Schaust du zu meinen Gunsten um dich her. Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick, Dein tiefer, ernster, freundlich trüber Blick. O kehre dich nicht weg! O sprich es aus, Ein hohes Wort, das mich zu heilen töne!
Gerichtsrat. So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich Der tief Erkrankte, fleht um Linderung, Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage; Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann. Doch ach! Ein bitter, unerträglich Mittel Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht Der edlen Glieder grausame Verstümmlung, Verlust statt Heilung angekündigt werden? Gerettet willst du sein! Zu retten bist du, Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin, Und was du sein kannst, magst du's übernehmen?
Eugenie. Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt, Um dieses Lichts erquickenden Genuss, Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch. Was dann zu heilen sei, was zu erstatten, Was zu vermissen, lehre Tag um Tag.
Gerichtsrat. Und nächst dem Leben, was erflehst du dir?
Eugenie. Des Vaterlandes vielgeliebten Boden!
Gerichtsrat. Du forderst viel im einz'gen, großen Wort!
Eugenie. Ein einzig Wort enthält mein ganzes Glück.
Gerichtsrat. Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzulösen?
Eugenie. Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss!
Gerichtsrat. Der obern Macht ist schwer zu widerstehen.
Eugenie. Allmächtig ist sie nicht, die obre Macht. Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen, Für Hohe wie für Niedre gleich verbindlich, Ein Mittel an. Du lächelst. Ist es möglich! Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus!
Gerichtsrat. Was hilf' es, meine Beste, wenn ich dir Von Möglichkeiten spräche! Möglich scheint Fast alles unsern Wünschen; unsrer Tat Setzt sich von innen wie von außen viel, Was sie durchaus unmöglich macht, entgegen. Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los!
Eugenie. Und wenn du täuschen solltest!—Wäre nur Für Augenblicke meiner Phantasie Ein zweifelhafter, leichter Flug vergönnt! Ein Übel um das andre biete mir! Ich bin gerettet, wenn ich wählen kann.
Gerichtsrat. Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland Zurückzuhalten. Friedlich ist's und manchem Erschien' es auch erfreulich. Große Gunst Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Kräfte Erheben's über alle Willkür. Jedem, Der's anerkennt, sich's anzueignen weiß, Verschafft es Glück und Ruhe. Vollbestand Erwünschter Lebensgüter sind wir ihm, So wie der Zukunft höchste Bilder schuldig. Als allgemeines Menschengut verordnet's Der Himmel selbst und ließ dem Glück, der Kühnheit Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben.
Eugenie. Welch Paradies in Rätseln stellst du dar?
Gerichtsrat. Der eignen Schöpfung himmlisch Erdenglück.
Eugenie. Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich!
Gerichtsrat. Errätst du's nicht, so liegt es fern von dir.
Eugenie. Das zeige sich, sobald du ausgesprochen.
Gerichtsrat. Ich wage viel! Der Ehstand ist es!
Eugenie. Wie?
Gerichtsrat. Gesprochen ist's, nun überlege du.
Eugenie. Mich überrascht, mich ängstet solch ein Wort.
Gerichtsrat. Ins Auge fasse, was dich überrascht.
Eugenie. Mir lag es fern in meiner frohen Zeit, Nun kann ich seine Nähe nicht ertragen; Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur. Von meines Vaters, meines Königs Hand Musst' ich dereinst den Bräutigam erwarten. Voreilig schwärmte nicht mein Blick umher, Und keine Neigung wuchs in meiner Brust. Nun soll ich denken, was ich nie gedacht, Und fühlen, was ich sittsam weg gewiesen; Soll mir den Gatten wünschen, eh' ein Mann Sich liebenswert und meiner wert gezeigt, Und jenes Glück, das Hymen uns verspricht, Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen.
Gerichtsrat. Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost, Und wär' er fremd, ein zweifelhaft Geschick. Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiß, Und schnell verbindet ein Bedrängter sich Mit seinem Retter. Was im Lebensgange Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet, Ein Sicherheitsgefühl, ihr werd' es nie An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen, Das flößt im Augenblick ein kühner Mann Dem Busen des Gefahr umgebnen Weibes Durch Wagetat auf ew'ge Zeiten ein.
Eugenie. Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held?
Gerichtsrat. Der Männer Schar ist groß in dieser Stadt.
Eugenie. Doch allen bin und bleib' ich unbekannt.
Gerichtsrat. Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen!
Eugenie. O täusche nicht ein leicht betrognes Hoffen! Wo fände sich ein Gleicher, seine Hand Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Dürft' ich Dem Gleichen selbst ein solches Glück verdanken?
Gerichtsrat. Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald Und unerwartet ist es ausgeglichen. In ew'gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh Und schnelle Leiden unsre Freuden auf. Nichts ist beständig! Manches Missverhältnis Löst unbemerkt, indem die Tage rollen, Durch Stufenschritte sich in Harmonie. Und ach! Den größten Abstand weiß die Liebe, Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen.
Eugenie. In leere Träume denkst du mich zu wiegen.
Gerichtsrat. Du bist gerettet, wenn du glauben kannst.
Eugenie. So zeige mir des Retters treues Bild.
Gerichtsrat. Ich zeig' ihn dir, er bietet seine Hand!
Eugenie. Du! Welch ein Leichtsinn überraschte dich?
Gerichtsrat. Entschiedne bleibt auf ewig mein Gefühl.
Eugenie. Der Augenblick, vermag er solche Wunder?
Gerichtsrat. Das Wunder ist des Augenblicks Geschöpf.
Eugenie. Und Irrtum auch der Übereilung Sohn.
Gerichtsrat. Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr.
Eugenie. Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin.
Gerichtsrat. Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet. O lass dir sagen: Wie vor wenig Stunden, Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich So einsam fühlte, meine ganze Lage, Vermögen, Stand, Geschäft ins Auge fasste Und um mich her nach einer Gattin sann, Da regte Phantasie mir manches Bild, Die Schätze der Erinnrung sichtend, auf, Und wohlgefällig schwebten sie vorüber. Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz. Doch du erscheinest, ich empfinde nun, Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick.
Eugenie. Die Fremde, Schlechtumgebne, Missempfohlne, Sie könnte frohen, stolzen Trost empfinden, Sich so geschätzt, sich so geliebt zu sehn; Bedächte sie nicht auch des Freundes Glück, Des edlen Manns, der unter allen Menschen Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag. Betrügst du dich nicht selbst? Und wagst du, dich Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen?
Gerichtsrat. Mit jener nicht allein!—Dem Ungestüm Des rohen Drangs der Menge zu entgehn, Hat uns ein Gott den schönsten Port bezeichnet. Im Hause, wo der Gatte sicher waltet, Da wohnt allein der Friede, den vergebens Im Weiten du da draußen suchen magst. Unruh'ge Missgunst, grimmige Verleumdung, Verhallendes, parteiisches Bestreben, Nicht wirken sie auf diesen heil'gen Kreis! Vernunft und Liebe hegen jedes Glück, Und jeden Unfall mildert ihre Hand. Komm! Rette dich zu mir! Ich kenne mich! Und weiß, was ich versprechen darf und kann.
Eugenie. Bist du in deinem Hause Fürst?
Gerichtsrat. Ich bin's! Und jeder ist's, der Gute wie der Böse. Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus, Wo der Tyrann die holde Gattin kränkt, Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt, Durch Launen, Worte, Taten jede Lust Mit Schadenfreude sinnreich untergräbt? Wer trocknet ihre Tränen? Welch Gesetz, Welch Tribunal erreicht den Schuldigen? Er triumphiert, und schweigende Geduld Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab. Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben Dem Mann so grobe Rechte; sie vertrauten Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn.— Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte, Verehrte Fremde, weiß ich dir zu bieten; Allein des Bürgers hohen Sicherstand. Und bist du mein, was kann dich mehr berühren? Auf ewig bist du mein, versorgt, beschützt. Der König fordre dich von mir zurück; Als Gatte kann ich mit dem König rechten.
Eugenie. Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor, Was ich verscherzte! Du, Großmütiger, Bedenkest nur, was mir noch übrig blieb. Wie wenig ist es! Dieses Wenige Lehrst du mich schätzen, gibst mein eignes Wesen Durch dein Gefühl belebend mir zurück. Verehrung zoll' ich dir. Wie soll ich's nennen? Dankbare, schwesterlich entzückte Neigung! Ich fühle mich als dein Geschöpf und kann Dir leider, wie du wünschest, nicht gehören.
Gerichtsrat. So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung?
Eugenie. Das Hoffnungslose kündet schnell sich an!
Dritter Auftritt Die Vorigen. Hofmeisterin.
Hofmeisterin. Dem günst'gen Wind gehorcht die Flotte schon. Die Segel schwellen, alles eilt hinab. Die Scheidenden umarmen tränend sich, Und von den Schiffen, von dem Strande wehn Die weißen Tücher noch den letzten Gruß. Bald lichtet unser Schiff die Anker auch! Komm! Lass uns gehen! Uns begleitet nicht Ein Scheidegruß, wir ziehen unbeweint.
Gerichtsrat. Nicht unbeweint, nicht ohne bittern Schmerz Zurückgelassner Freunde, die nach euch Die Arme rettend strecken. O! Vielleicht Erscheint, was ihr im Augenblick verschmäht, Euch blad ein sehnsuchtswertes, fernes Bild. (Zu Eugenie.) Vor wenigen Minuten nannt' ich dich Entzückt willkommen! Soll ein Lebewohl Behend auf ewig unsre Trennung siegeln?
Hofmeisterin. Der Unterredung Inhalt, ahn' ich ihn?
Gerichtsrat. Zum ew'gen Bunde siehst du mich bereit.
Hofmeisterin (zu Eugenie). Und wie erkennst du solch ein groß Erbieten?
Eugenie. Mit höchst gerührten Herzens reinstem Dank.
Hofmeisterin. Und ohne Neigung, diese Hand zu fassen?
Gerichtsrat. Zur Hilfe bietet sie sich dringend an.
Eugenie. Das Nächste steht oft unergreifbar fern.
Hofmeisterin. Ach! Fern von Rettung stehn wir nur zu bald.
Gerichtsrat. Und hast du künftig Drohendes bedacht?
Eugenie. Sogar das letzte Drohende, den Tod.
Hofmeisterin. Ein angebotnes Leben schlägst du aus?
Gerichtsrat. Erwünschte Feier froher Bundestage?
Eugenie. Ein Fest versäumt' ich, keins erscheint mir wieder.
Hofmeisterin. Gewinnen kann, wer viel verloren, schnell.
Gerichtsrat. Noch glänzendem ein dauerhaft Geschick.
Eugenie. Hinweg die Dauer, wenn der Glanz verlosch.
Hofmeisterin. Der Mögliches bedenkt, lässt sich genügen.
Gerichtsrat. Und wem genügte nicht an Lieb' und Treue?
Eugenie. Den Schmeichelworten widerspricht mein Herz, Und widerstrebt euch beiden ungeduldig.
Gerichtsrat. Ach, allzu lästig scheint, ich weiß es wohl, Uns unwillkommne Hilfe! Sie erregt Nur innern Zwiespalt. Danken möchten wir, Und sind undankbar, da wir nicht empfangen. Drum lasst mich scheiden! Doch des Hafenbürgers Gebrauch und Pflicht vorher an euch erfüllen, Aufs unfruchtbare Meer von Landesgaben Zum Lebewohl Erquickungsvorrat widmen. Dann werd' ich stehen, werde starren Blicks Geschwollne Segel ferner, immer ferner, Und Glück und Hoffnung weichend schwinden sehn.
Vierter Auftritt Eugenie. Hofmeisterin.
Eugenie. In deiner Hand, ich weiß es, ruht mein Heil, Sowie mein Elend. Lass dich überreden! Lass dich erweichen! Schiffe mich nicht ein!
Hofmeisterin. Du lenkest nun, was uns begegnen soll, Du hast zu wählen! Ich gehorche nur Der starken Hand, sie stößt mich vor sich hin.
Eugenie. Und nennst du Wahl, wenn Unvermeidliches Unmöglichem sich gegenüberstellt?
Hofmeisterin. Der Bund ist möglich, wie der Bann vermeidlich.
Eugenie. Unmöglich ist, was Edle nicht vermögen.
Hofmeisterin. Für diesen biedern Mann vermagst du viel.
Eugenie. In bessre Lagen führe mich zurück; Und sein Erbieten lohn' ich grenzenlos.
Hofmeisterin. Ihm lohne gleich, was ihn allein belohnt: Zu hohen Stufen heb' ihn deine Hand! Wenn Tugend, wenn Verdienst den Tüchtigen Nur langsam fördern, wenn er, still entsagend Und kaum bemerkt sich andern widmend, strebt, So führt ein edles Weib ihn leicht ans Ziel. Hinunter soll kein Mann die Blicke wenden; Hinauf zur höchsten Frauen kehr' er sich! Gelingt es ihm, sie zu erwerben, schnell Geebnet zeigt des Lebens Pfad sich ihm.