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Die Milchstraße

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Die Milchstraße von Dr. Fritz Kahn
Die Milchstraße von Dr. Fritz Kahn

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart

Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. – Dieses Ziel glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen mittels des

Kosmos, Handweiser für Naturfreunde

Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;

ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es erscheinen im Vereinsjahr 1915 (Änderungen vorbehalten):

Wilh. Bölsche, Die Zukunft des Menschen.

Reich illustriert. Geheftet M 1.– = K 1.20 h ö. W.

Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter. Aus der Naturgeschichte der Krebse.

Reich illustriert. Geheftet M 1.– = K. 1.20 h ö. W.

Dr. Kurt Weule, Schrift und Sprache.

Reich illustriert. Geheftet M 1.– = K. 1.20 h ö. W.

Ferner sind vorgesehen Bände von Dr. Herm. Dekker und Arno Marx. Falls diese nicht rechtzeitig fertig werden, da beide Verfasser im Krieg sind, werden sie durch andere gleichwertige ersetzt werden, worüber noch im Kosmos-Handweiser berichtet wird.

Diese Veröffentlichungen sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen; daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde (auch nachträglich noch für die Jahre 1904/14 unter den gleichen günstigen Bedingungen), entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)

Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.

Die Milchstraße

Von

Dr. Fritz Kahn

Mit einem farbigen Umschlag und zahlreichen Abbildungen nach Photographien u. Zeichnungen von Georg Helbig, R. Oeffinger und andern

Signet
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Stuttgart

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung 1914

Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht vorbehalten.

Gesetzliche Formel für den Rechtsschutz in den Vereinigten Staaten von Amerika:

Copyright by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.

STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI HOLZINGER & CO. STUTTGART

Illustration from Die Milchstraße

Wenn man in einer klaren Sternennacht aus der Lichtnähe menschlicher Behausungen in die Dunkelheit hinaustritt und den Blick zum Himmel wendet, sieht man zuerst nur die hellsten Sterne als leuchtende Punkte auf schwarzem Grund. Je länger man aber im Finstern weilt, um so mehr Sterne tauchen aus dem Dunkel; Hunderte, Tausende, erst vereinzelt, dann in Scharen, und wenn sich das Auge gänzlich an die Finsternis gewöhnt hat, so gewahrt es tief hinter dem Heer der übrigen Sterne einen schimmernden Nebelstreifen, der sich wie ein silbergraues Band um die Himmelskugel schlängelt – die Milchstraße.

Sie erhebt sich als ein 10–12 Mondscheiben breiter Lichtstreifen von unregelmäßiger Helle und Gestalt zwischen den beiden auffallenden Sternen Sirius und Prokyon über den Horizont, steigt zwischen dem glänzenden Bild des Orion und den Zwillingssternen Kastor und Pollux aufwärts durch das Dreieck des Fuhrmanns empor mitten durch den Perseus und überbrückt im W der Kassiopeia den Zenit in ihrer größten Annäherung an den Himmelspol. Von der Kassiopeia läuft sie zum hellen Stern Deneb im Schwan, wo sie sich in zwei Arme teilt, von denen der hellere und breitere genau über den Stern Atair im Adler, der schmälere und schwächere dagegen am Sternbild der Leier vorüber den Horizont hinabstrebt, um sich für unsere Breiten hier im Dunst der Atmosphäre zu verlieren. Auf der uns unsichtbaren Südhälfte des Himmels setzt sich die Milchstraße in genau der gleichen Weise fort. Die beiden Arme laufen getrennt zwischen Schütze und Skorpion und vereinigen sich, nachdem sie ein Drittel des ganzen Kreisumfangs gesondert waren, am hellen Stern Alpha im Centauern. Von hier aus läuft der ungeteilte Ring durch das schönste aller Sternbilder, das Kreuz, dem Südpol zu und steigt dann durch das ausgedehnte Bild des Schiffes hinüber in die Gegend des Orion, wo sich der Milchstraßengürtel wieder unserem nördlichen Firmament nähert.

Illustration from Die Milchstraße

Abb. 1. Die Milchstraße auf der südlichen Himmelshälfte.

Erhöbe man sich so hoch über die Erde, daß kein irdischer Horizont mehr den Blick begrenzte, so würde man demnach die Milchstraße als einen ununterbrochenen Ring um das ganze Himmelsgewölbe ziehen sehen wie einen silbernen Reifen um eine gläserne Kugel.

Die Milchstraße ist keineswegs ein regelmäßige Gebilde. In einem Drittel ihres Laufes vom Schwan bis zum Centauern ist sie in zwei Arme geteilt wie ein Fluß, der eine Insel umfließt. Ihre Breite wechselt, erreicht ihr größtes Maß im Bild des Skorpions, ihre geringste Ausdehnung nahe dem Südpol im Kreuz. Seitenarme zweigen von ihr ab, verlieren sich allmählich im Dunkel des Himmels oder brechen scharf und hart ab, als seien sie abgeschnitten. Ihre Lichthelle ist wechselnd. An manchen Stellen erscheint sie wolkenartig zusammengeballt und auffallend lichtstark, dicht daneben schwach, schattenhaft, zerrissen und zerklüftet, ja völlig von finsteren Räumen und Gängen durchbrochen, von denen man die zwei größten südlich im Kreuz und nördlich im Schwan als die beiden »Kohlensäcke« der Milchstraße bezeichnet hat. (Abb. 1.)

Illustration from Die Milchstraße

Abb. 2. Die Milchstraße auf der nördlichen Himmelshälfte.

Uns, die wir in hellerleuchteten Städten leben und, wenn wir reisen, im Expreßzug sicher unsere Schienenstraße zwischen Telegraphendrähten entlangsausen, kommt das Sternenband der Milchstraße nur selten zu Gesicht. Wir müssen es suchen, um es zu finden. Uns Kindern der Kultur ist zwischen Bogenlampe und Laternenpfahl der Glanz der Sterne entschwunden, und der Silbergürtel der Milchstraße gehört nicht zu den Schönheiten unserer täglichen Betrachtung. Wozu brauchen wir zu den Sternen aufzuschauen? Wann müßten wir durch einen Blick zum Himmel einen Weg erkunden, eine Stunde berechnen, eine Jahreszeit bestimmen? Der Sekundenschlag der Uhren zählt uns unsere Minuten, Turmglocken und Fabriksignale künden uns den Mittag, der Kalender führt uns durch Wochen und Monde, Telegraphenstangen und Eisenbahngleise weisen uns den Weg über wohlgepflegte Straßen und Dämme, Seekarte und Kompaß leiten unsere Dampfer über die Weiten vielbefahrener Meere. Was sind uns die Sterne? Sind sie uns mehr als ein Abendschmuck der Natur? Ist es uns nicht ein Erlebnis, wenn wir einmal auf Gebirg oder Meer den Sternenhimmel in ungetrübter Schönheit sehen? Wer von uns kennt den Lauf des nächtlichen Nebelbandes der Milchstraße?

Aber es gab Zeiten, in denen es anders war. Kein Rauch aus steinernen Schloten hüllte die Städte ein, kein Lichterglanz der Straßen rötete den Himmel über den Dächern der Häuser. Der Schein der Sterne fiel in ungedeckte Hallen und in stillverträumte Gärten. Auf seinem Wege durch das Land begleitete den Wanderer nichts als am Tag die Sonne und des Nachts die Gestirne. Von Meilenstein zu Meilenstein über Busch und Tal waren ihm die Himmelsbilder die einzigen Weiser seines Pfades. Den Schiffen auf weitem Meere zeigte nichts den Weg zur Heimat als die Plejaden und die Milchstraße. Odysseus sitzt des Nachts am Steuer und schaut empor zum Großen Bären; die drei Weisen wandern aus dem Morgenland einem Sterne nach gen Bethlehem; Kolumbus segelt über das Weltmeer unter dem blauen Banner der Sterne. Monde und Jahre wurden durch nichts anderes bestimmt als durch die Stellung der Gestirne. Wenn der Strahl des Sirius zum ersten Male durch den Mauerspalt des Hathortempels fiel und den Altar des Heiligtums mit mildem Glanze übergoß, verkündete der ägyptische Priester die Sonnenwende, und der Jahrestanz zu Dendera begann. Wenn das Regengestirn in der Dämmerung emporstieg, kehrt der Fischer heim vom Meere zur attischen Küste, treibt der Hirte seine Herde von den Bergen des Apennin, bricht der römische Imperator in Britannien seine Zelte ab, denn sie alle wissen, daß der Herbst mit seinen Stürmen naht. Den alten Völkern war der Sternenhimmel die Weltenuhr und die Milchstraße der große Zeiger auf dem gestirnten Zifferblatt. Der Mensch der Vorzeit fand sich am Himmel unter den Sternen zurecht wie wir uns in Fahrplan und Kalender zwischen Zahlen und Rubriken. Dem Menschen der Vergangenheit war der Sternenhimmel ebenso vertraut, wie er dem Menschen der Gegenwart es nicht ist.

Leider. Denn jenseits von allem trockenen Wissen geht dem Menschen, der den Himmel nicht kennt, ein sittlicher Reichtum verloren, der ihm in der maschinenschnellen Zeit der Moderne doppelt not und doppelt teuer wäre. Klein ist die Mühe, groß und nimmer endend der Lohn, ihn zu kennen. Ein abendlicher Blick vom Fenster seines Zimmers, vom Wege seines Gartens, von der Luke seines Daches, ein kurzes Stillestehen beim nächtlichen Gang durch den Park oder beim Überschreiten einer Wiese, und bald ist dem Naturfreund mit Hilfe einer Sternenkarte oder eines Sternbüchleins der Himmel bekannt. Wir wollen absehen von dem Hochgenuß, den ihm das Wissen über die Natur des Himmels bereitet. Jedes Wissen birgt Genüsse. Aber einzig und unvergleichlich ist die Wirkung auf das Gemüt, die aus der Kenntnis des gestirnten Himmels auf den Menschen niederstrahlt. Wer zu den Sternen aufschaut wie zu nimmer wankenden Freunden, dem gibt ihre ewige Ruhe im Strom des Lebens ein Bild von der Unendlichkeit und Größe der Welt, von der Kleinheit und Flüchtigkeit menschlichen Erlebens, den erhebt ihr Anblick über die kleinlichen Nöte des menschlichen Tagesdaseins und lenkt allabendlich wie ein Nachtgebet seine Gedanken aus der Tiefe des Alltagslebens zur Natur, zum Weltempfinden, zur Ewigkeitsidee. Und wenn er mit seinen Gedanken aus den Fernen des Universums zurückkehrt zu sich, zur Menschheit, zur Erde und bedenkt, daß in derselben Stunde Tausende Gleichgesinnter in allen Zonen der Erde zu diesem Himmelsbilde aufschauen, Tausende in seinem Anblick das Wesen der Welt bedenken, Ruhe, Kraft und Erbauung finden, daß Hunderte von Sternkundigen ihre Teleskope ebenso auf den Höhen der Cordilleren wie auf den Türmen des Vatikans, ebenso an den eisigen Felsenküsten des Nordens wie in der dunklen Tropennacht des Kaps auf diese Sternenpunkte richten, alle von gleichem Empfinden beseelt, von der gleichen Schönheit bezaubert – dann findet seine nächtliche Gedankenfahrt ins Reich der Sterne einen würdigen Abschluß durch das erhebende Gefühl von der Einheit der strebenden Menschheit, von dem friedlichen Zusammenschluß, von der geistigen Brüderschaft aller naturforschenden und naturverehrenden Völker und Menschen.

Unter allen Erscheinungen des Sternenhimmels mußte von frühester Zeit an das Band der Milchstraße Geist und Phantasie des Himmelsbetrachters am stärksten locken. Ein Nebelweg hoch zwischen glitzernden Sternen, der sich vom Firmament aus unerforschter Ferne emporhebt, in schwindelnder Höhe das Land überbrückt und jenseits hinter den Bergen, hinter denen das Glück wohnt, geheimnisvoll versinkt – kann etwas die Sehnsucht des Menschen mehr reizen, den Wissensdurst des Denkers mehr entfachen? In den ältesten Volksmärchen und Göttersagen der grauen Vorzeit taucht das Problem der Milchstraße hervor.

Zeus, so erzählt die griechische Sage, wollte seinem Lieblingssohn Herkules Unsterblichkeit verleihen und legte ihn daher heimlich an die Brust der schlafenden Hera. Als diese erwachte, schleuderte sie im Zorn den ihr verhaßten Säugling von sich fort, daß sich die Milch im Bogen über den Himmel ergoß und so die Milchstraße bildete. Nach einer anderen Sage entstand die Milchstraße bei jenem Weltbrand, den Phaëton verschuldete. Phaëton, ein Sohn des Sonnengottes, beschwor seinen Vater, ihn einmal den Sonnenwagen über den Himmel lenken zu lassen. Der Führung unkundig und in der ungewohnten Höhe schwindelig geworden, verlor er die Herrschaft über das Gefährt, die Sonnenrosse jagten zügellos über das Gewölbe und entfachten jenen ungeheuren Himmelsbrand, durch den nach griechischer Auffassung die Wüsten verdorrten, die Vulkane entflammten und die Neger schwarz gebrannt wurden. Als Spur dieses Feuerweges, gleichsam als Asche dieses Weltbrands ist die Milchstraße geblieben.

In der römischen Mythologie beschreibt Ovid die Milchstraße als den Weg, auf dem die Götter vom Olymp zum Palast des Zeus hinschreiten, und zu dessen Seiten die Behausungen der Unsterblichen liegen. Bei den Arabern ist sie die Mutter des Himmels, die mit ihrer Milch die Sternkinder nährt, oder der große Himmelsfluß, an dem die Sternbilder der Tiere zur Tränke ziehen. Schön und sinnvoll nannten die Mexikaner die Milchstraße die Schwester des Regenbogens, poetisch und gedankenreich nennen andere Völker sie den Pfad der Toten hinüber ins Land der Seligkeit.

Im Kreise dieser Volksvorstellungen wurde die Wissenschaft geboren. Bei Chinesen, Indern, Ägyptern und Chaldäern blühte die Astronomie, als Europa noch eine Wildnis war. Aber ihre Wissenschaft war auf das Praktische gerichtet und beschränkt auf Landvermessung, Kalenderkunde und Finsternisberechnungen. Für die Nebelferne der Milchstraße hatten die Astronomen zu Peking und die Irispriester am Nil kein Auge. Um sich mit einer so wenig hervortretenden schattenhaften Erscheinung zu befassen, mußte man Philosoph sein und den Himmel nicht als ein Kalendarium, sondern als eine Naturerscheinung, als ein Welträtsel betrachten, das man zu lösen sucht. Daher finden wir die ersten ernsten Gedanken über die Milchstraße bei den griechischen Philosophen. Wie es sich oft ereignet, daß man in kindlicher Unbefangenheit im ersten Zugreifen der Wahrheit näher kommt als durch gewissenhafte Bemühungen, so erfaßten die griechischen Philosophen ohne alle wissenschaftlichen Grundlagen nur von Vernunft, Gedankenklarheit, Schönheitssinn und Wahrheitsdrang geleitet das Bild der Welt in jenen Grundzügen der Wahrheit, die erst durch eine jahrtausendlange Forschung Allgemeingut der Menschheit geworden sind. Man könnte die griechischen Philosophen geradezu die Propheten der Wissenschaft nennen. Pythagoras hat das Wesen der Algebra, Euklid die Fundamente der Geometrie, Aristoteles die Methoden der Naturbeschreibung, Demokrit die Atomlehre, Aristarch die Mechanik unseres Sonnensystems, Epikur mit Lukrez später den Entwicklungsgedanken mit allen seinen Konsequenzen durchgeführt. Unsere ganze moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung, die sich erst im 19. Jahrhundert zur vollen Blüte entfaltete, finden wir bei den griechischen Philosophen vor über 2000 Jahren als Knospe sprießen.

Im Kreise dieser Männer wurde das Milchstraßenproblem zum ersten Mal als wissenschaftliche Frage aufgeworfen. Die Pythagoräer knüpfen noch an die Phaëtonmythe an und erklären die Milchstraße für die Spur einer ehemaligen Sonnenbahn. Aristoteles hält sie für ein gewaltiges Meteor, sein Nachfolger Theophrast beschreibt sie als die Fuge zwischen den beiden Halbkugeln des Himmels, durch die das Licht des Zentralfeuers hindurchschimmere. Demokrit von Abdera, der geistvolle Begründer der Atomlehre (460 v. Chr.), war der erste Sterbliche, der die Milchstraße als das erkannte, was sie nach den unzweifelhaften Ergebnissen der modernen Wissenschaft in Wahrheit ist: als eine Anhäufung unendlich ferner dichtgedrängter Sterne.

Die Größe dieser Vorstellung im Hirn eines antiken Griechen können wir heute kaum noch würdigen. Man muß bedenken, daß sie im Kopf eines Menschen reifte, der in den Anschauungen erzogen wurde, Wald und Triften seien bevölkert von Nymphen und Faunen, drüben über den Schneegipfeln des Olymp wohnten in Saus und Braus die weltregierenden Götter, die Sonne sei der Wagen des Phoebus Apollo, dem die Mondgöttin Luna in der Nacht verliebt über die himmlischen Gefilde nachschweife, und das Tal zu Delphi sei der Nabel der Welt. In Demokrit verehren wir den Vater der Milchstraßenforschung.

Wie all die köstliche Prophetenweisheit der griechischen Philosophen, so verhallten auch die Seherworte des Demokrit von der Natur der Milchstraße in der allgemeinen Nacht der naturwissenschaftlichen Unbildung des Mittelalters. Kein einziger Forscher der nächsten zwei Jahrtausende befaßt sich ernsthaft mit dieser Frage, nur in Legenden und theologischen Weltbeschreibungen wird hie und da die Milchstraße kurz gestreift. Sie soll die Hufspur der Pferde des Attila sein, berichtet eine Königssage. Kirchengelehrte halten sie für die Weltfuge, in der die beiden Schalen des Firmaments zusammengefügt sind, und betrachten die Milchstraße sozusagen als den Leim, der die beiden Kugelhälften zusammenkleistert. Niemand nimmt den großen Gedanken des Demokrit mehr auf. War das edle Wissen der Griechen spurlos in alle Winde zerflattert? War der Menschengeist im Mittelalter wirklich so verkommen und gesunken, wie es uns die Zeit zu lehren scheint? Schwankt die Kurve der geistigen Entwicklung der Menschheit wirklich so zwischen steiler Höhe und tiefem Abfall? Mit nichten. Wie in der Entwicklung der Lebewelt die einzelnen Tierarten nacheinander die Erde beherrschen, die Kreidetiere, die Ammoniten, die Lurche, die Saurier sich abwechseln und heute die Menschen den Planeten regieren, so beherrschen in der geistigen Entwicklung nacheinander die verschiedenen Ideenarten die Menschheit. Die Art, die Richtung, nicht die Höhe des Geistes schwankt in den Jahrhunderten. Derselbe Sinn, der im Altertum die schönsten Früchte wissenschaftlicher und künstlerischer Leistungen reifen ließ, war im Mittelalter auf das Religiöse, auf das Mystisch-Phantastische gerichtet und daher für die Wissenschaft unfruchtbar. Ein Mensch, der zur Zeit der Pythagoräer durch seine geistigen Gaben auffiel, wurde zu den Naturphilosophen in die Schule gebracht und wurde Philosoph, Mathematiker, Naturforscher. Überragte ein Knabe im Mittelalter seine Genossen, so kam er ins Kloster und wurde im Ideenkreis der Religion erzogen und in die Laufbahn kirchlicher Würden gedrängt. Die Intelligenz des Mittelalters wurde von der Kirche aufgesogen wie das Wasser eines Beckens von einem riesigen Schwamm, und wir finden in ihrem Dienste alle geistigen Elemente vom frömmsten bis zum unreligiösesten vereinigt: kriegerische Päpste, weltlich gesinnte Kirchenfürsten, schürzenjägerische Kardinäle, freigeistige Mönche, der Wissenschaft mehr als dem Glauben huldigende Priester. Wieviel echte Milchstraßenforscher mag es unter ihnen gegeben haben! In wieviel Tausend erleuchteten Geistern, die nie eine ihrer Überzeugungen zu Papier gebracht, nie eine ihrer Ideen zu Papier bringen durften, mag der Gedanke Demokrits nachgeleuchtet haben? Wie oft mögen Freunde, die in stiller Nacht über Fluren wandelten, zu den Sternen emporgeblickt und über das Nebelband zu ihren Häupten gesprochen haben, wie oft mögen Priester, wenn sie auf dem Turm ihrer Kirche standen, Mönche auf dem Hof ihrer Abtei, Talmudisten in der Gasse ihres Ghettos sich in den Anblick der Milchstraße versenkt, sie als ferne Sternenheere erkannt haben und in Andacht versunken sein vor dieser geisterhaften Offenbarung der Unendlichkeit? Kein Lied, kein Heldenbuch nennt ihre Namen, versunken und vergessen …

2000 Jahre nach Demokrit, um 1550, trat Kopernikus, der Domherr zu Frauenburg, mit seiner Schrift über die Bewegungen der Gestirne auf, in der er die antike Weltanschauung, daß die Erde im Mittelpunkt des Alls stehe und die Sonne um sie kreise, widerlegte und durch die Lehre ersetzte, daß die Sonne das Zentrum sei, um das Erde und Planeten sich bewegten. Durch diesen Weltgedanken erwarb sich Kopernikus unsterbliche Verdienste um den Fortschritt der Menschheit. Aber er begründete keineswegs, wie die meisten Menschen annehmen, unsere moderne Auffassung vom Universum. Er glaubte, daß die Sonne der ruhende Pol des ganzen Weltalls sei, und daß die Fixsterne an einem Kugelhimmel angeheftet sich mit diesem um die Sonne drehten. Seine Theorie, ideenreich und gedankentief genug, den ganzen Inhalt eines großen Forscherlebens auszufüllen, erstreckte sich nur auf den Raum unseres Planetensystems. Zum Flug ins Universum hinauf in die Ferne der Milchstraße reichte seines Geistes Flügelkraft nicht hin. Das war seinem jüngeren Zeitgenossen und begeisterten Herold seiner Lehre, Giordano Bruno (geboren 1548), vorbehalten.

Giordano Bruno war wie Kopernikus im Dienst der Kirche aufgewachsen. Als ihm das Buch des Kopernikus zu Gesicht kam, griff er diese neue Weltidee mit Feuereifer auf, entfloh im offenen Zwiespalt mit der Kirchenlehre dem Kloster und wurde auf jahrelangen Reisen durch ganz Europa der Wanderprophet der neuen Weltanschauung. Giordano Bruno ist in der Tat ein prophetisches Phänomen. In noch ausgeprägterer Art als bei den griechischen Philosophen erleben wir an ihm das Wunder, daß ein Mensch ohne alle Mittel sicheren Wissens, nur von Gefühl, Vernunft und Phantasie geleitet die wissenschaftlichen Ergebnisse der kommenden Jahrhunderte vorausahnt. Er hat den Beweis erbracht, daß der phantasiebeschwingte Gedanke, der Sinn für Wahrheit, Größe, Rhythmus und Einheit mit seinen Dichterflügeln weiter reicht als aller grübelnde Verstand, hinausreicht über den Kreis der Planeten in das Reich der Sterne und über die Grenzen der Milchstraße hinaus in jene Bezirke der Unendlichkeit, in denen sich für alle Zeit der menschliche Gedanke hoffnungslos verlieren wird. Giordano Bruno ist der Kopernikus des Universums. Was jener für das Sonnensystem, ist Giordano Bruno für die Fixsterne, für die Milchstraße, für das Weltall. Während Kopernikus als Abschluß des erforschlichen Diesseits die Kristallsphäre der Alten mit den in ihr schwebenden Fixsternen bestehen ließ, zerbrach Giordano Bruno das gläserne Gewölbe, zerstörte den Wahn von der Übersinnlichkeit der Sternenwelt und eröffnete der Forschung das Universum, die schrankenlose äthererfüllte Unendlichkeit, wie er es selbst in poetischer Verzückung ausgesprochen in den Versen:

»Die Schwingen darf ich selbstgewiß entfalten, nicht fürcht' ich ein Gewölbe von Kristall, wenn ich des Äthers blauen Duft zerteile, und nun empor zu Sternenwelten eile, tief unten lassend diesen Erdenball und alle niederen Triebe, die hier walten.«

Als erster Sterblicher, der die Gedankenfahrt hinauswagt aus dem engen Bezirk unseres Sonnensystems in die unermeßliche Weite der Sternenwelt, berauscht sich Giordano Bruno förmlich an der Größe und Schönheit des Alls. »Einzig ist der Himmel,« so beginnt einer seiner berühmten Dialoge, »der unermeßliche Raum, das Universum, der allumfassende Äther, in dem sich alles regt und bewegt. In ihm sind unzählige Gestirne, Weltkugeln, Sonnen und Planeten, wahrnehmbare und unzählige andere nicht mehr wahrnehmbare müssen vernünftigerweise angenommen werden.« »Es gibt zahllose Sonnen und zahllose Erden, die alle in gleicher Weise ihre Sonnen umkreisen, so wie wir es an den sieben Planeten unseres Systems sehen. Wir erblicken nur die Sonnen, weil sie die größten Körper sind und leuchten. Ihre Planeten aber bleiben, weil sie kleiner sind und nicht leuchten, für uns unsichtbar.« Er durchdenkt diesen Gedanken bis in seine letzten Folgerungen und kommt zur Überzeugung von der Bewohnbarkeit der Welten: »Die unzähligen Welten des Alls sind um nichts schlechter und nichts weniger bewohnt als unsere Erde. Denn unmöglich kann ein vernünftiger Verstand sich einbilden, daß jene unzähligen Welten, die doch ebenso und vielleicht noch prächtiger sind als unsere, denen doch ebenso wie uns eine Sonne befruchtende Strahlen zusendet, unbewohnt seien und nicht ähnliche oder gar vollkommenere Bewohner trügen als unsere Erde. Die ungezählten Welten des Alls sind alle von der gleichen Gestalt, demselben Rang, denselben Kräften und denselben Gesetzen untertan.« Mit seinem Seherauge schaut er in die Zukunft kommender Jahrhunderte und prophezeit der Wissenschaft ihre Aufgaben und Erfolge: »Schenk uns die Lehre von der Universalität der irdischen Gesetze auf allen Welten und von der Gleichheit aller kosmischen Stoffe! Vernichte die Theorien von dem Weltmittelpunkt der Erde! Zerschmettere die überirdischen Mächte, die die Welt bewegen sollen, und die Schalen der sogenannten Himmelskugeln! Öffne uns das Tor, durch welches wir hinausblicken können in die unermeßliche, einheitliche, ohne Unterschiede zusammengesetzte Sternenwelt, zeige uns, daß die anderen Welten im Äthermeer schwimmen wie die unsere! Erkläre uns, daß die Bewegungen aller Welten aus inneren Kräften hervorgehen, und lehre uns im Lichte solcher Anschauungen mit sicherem Schritt vorwärts schreiten in der Erforschung und der Erkenntnis der Natur.« Hoffnungsvoll ruft er seinen Jüngern das Zukunftswort entgegen: »Seid getrost, die Zeit wird kommen, wo alle sehen werden, was ich sehe!«

Schöner, als er es ahnen konnte, kam diese Zeit. Zwar schien es hoffnungslos, daß man jemals das Rätsel der Sterne lösen könnte. Keine Kunde dringt zu uns aus jenen Fernen, keine Sphärenmusik klingt, wie die Pythagoräer glaubten, durch den Weltraum. Nacht für Nacht zieht das Heer der Sterne schweigend herauf und hernieder. Nur ein einziger stummer Bote eilt vom Himmel zu uns herab: das Licht. Aber bringt uns dieser Bote auf leuchtenden Schwingen auch eine Kunde? Birgt sich hinter diesen Lichtpünktchen des Himmels eine Sprache wie hinter den Punkten des Morsetelegramms? Wird je eine Zeit kommen, in der die Menschen diese Himmelssprache auch enträtseln? Diese Zeit kam.

Kaum war die Asche verraucht auf dem Scheiterhaufen Giordano Brunos, auf dem er am 16. Februar 1600 zu Rom für sein Weltbekenntnis den Märtyrertod erlitten, da drang aus Holland die Kunde nach Italien, daß man durch Zusammenstellung mehrerer Linsen ein Instrument verfertigen könnte, durch das man ferne Gegenstände nahe sieht. Galilei baute ein solches Instrument: das Fernrohr war erfunden. Das goldene Zeitalter der Astronomie brach an. Galilei richtete sein Rohr zum Himmel und machte wunderbare Entdeckungen. Er sah, daß der Mond eine Kugel war wie die Erde, mit Bergen, Tälern und Meeresflächen, daß der Jupiter von Monden umkreist wurde wie unser Planet, daß die Sonne ein glühender Ball war, auf dem es loderte und brodelte wie in Feuerschlünden, und daß er sich um seine Achse drehte wie Erde, Mond, Jupiter und Saturn. Die Einheit des Sonnensystems war erkannt, der Sieg der Kopernikanischen Lehre über die alte Weltanschauung wurde in allen Ländern proklamiert.

Aber für die Milchstraßenforschung war der Frühlingstag noch nicht gekommen. Sie hatte von der neuen Erfindung keinen Gewinn. Im Gegenteil, man war grenzenlos enttäuscht und konnte sich des Spottes der Gegner nicht erwehren. Die Fixsterne erschienen im Fernrohr noch kleiner und punkthafter als vordem. Die Milchstraße blieb ein undurchdringlicher Nebel, der im schmalen Gesichtsfeld des Fernrohrs noch geisterhafter, überirdischer, unerforschlicher aussah. Nur schüchtern wagte Galilei angesichts der Unzahl der im Fernrohr sichtbaren Sterne den Gedanken Demokrits aufzunehmen, daß die Milchstraße aus dichtgedrängten Sternscharen bestehe. Die Gegner des Kopernikus triumphierten. Ihr habt recht, sagten sie, Erde und Planeten drehen sich um die Sonne. Aber die Sonne ist der Mittelpunkt der Welt, »das Herz des Universums«. Jenseits des Saturn wird die Welt vom kristallenen Himmelsgewölbe begrenzt, in dem die himmlischen Lichter der Fixsterne aufgehängt sind.

Die beobachtende und rechnende Astronomie war ohnmächtig gegenüber der Erscheinung der Milchstraße. Aber der grübelnde Sinn des Menschen gibt sich nicht zufrieden mit den Schranken des Wissens. Was er sieht, will er begreifen, und was er nicht mehr zu sehen vermag, sucht er durch Ideen auszufüllen. Wo das exakte Wissen aufhört, setzt der Vernunftsschluß, setzt die Spekulation ein. Die Grenze der Wissenschaft ist der Markstein der Philosophie; wo jene endet, nimmt diese ihren Anfang. So finden wir im 18. Jahrhundert das Milchstraßenproblem wieder wie in den Tagen Alt-Griechenlands in den Händen der Philosophen und sehen, wie wissensdurstige Männer unabhängig von Berechnung und Instrument sich auf den Flügeln ihres Geistes erheben, um das Geheimnis der Milchstraße zu entschleiern, und wir erleben abermals die Genugtuung, daß der kühne geistvolle Gedanke, daß die klare logische Idee über die Grenzen unseres ach, so beschränkten Wissens hinaus auch die letzten und größten Wahrheiten in ihren Grundzügen zu erfassen vermag; ja, was die Leser dieser Zeilen als Freunde der Natur ganz besonders fesseln wird, die befruchtenden Gedanken über das Wesen der Milchstraße, die zu den erhabensten gehören, die je dem Menschengeist entsprungen sind, gingen nicht aus von zahlenkundigen Astronomen, nicht von Männern mit Doktorhut und akademischen Würden, sondern von Menschen niederster Herkunft und einfachster Bildung, von Dilettanten in der Wissenschaft, die nichts anderes mitgebracht als Liebe zur Allnatur und ihrer Erkenntnis, Wissensdrang und unablässige Streben nach den Quellen der Wahrheit.

Über das Weltmeer fährt ein armer Matrose. Er war als Sohn eines Zimmermanns geboren, zwischen Takelwerk und Teerfaß aufgewachsen und führte nun ein hartes Dasein in Wind und Wellen. Stürmisch wie der Ozean war sein Leben, einsam und freudlos wie die Wasserwüste waren seine Tage. Aber nachts, wenn die Sterne heraufzogen über das Meer, dann lag er vorn am Bug des Seglers auf den Tauen und blickte auf zu den Lichtern, die über der Wasserfläche glänzten, und wenn in der Klarheit der Meeresluft das Band der Milchstraße mit all seinem Reichtum an Nebeln, Wolken, Unterbrechungen und Seitenarmen hervortrat, dann versenkte sich dieser einfache Seemann in die Wunder des Himmels und seine ganze Sehnsucht ging dahin, dieses Weltband zu enträtseln. Er erkannte auf seinen Reisen durch alle Zonen, daß die Milchstraße ein lückenloser Ring war um den ganzen Himmel. Als ihm später in seinem englischen Heimatland ein sorgenloses Dasein winkte, da schrieb dieser ehemalige Matrose eine Schrift über das Wesen der Milchstraße und den Bau der Welt unter dem Titel »Neue Hypothese über das Weltall« 1740.

Zwei Männer schöpften aus dieser Schrift des Seemanns Thomas Wright ihre Ideen über den Aufbau des Universums. Der eine war ein Schneidergeselle aus dem Elsaß, der es durch Fleiß und Talent und durch die verdiente Gunst Friedrich des Großen bis zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften brachte, Heinrich Lambert. Seine populär geschriebenen »Kosmologischen Briefe« (1761) erregten überall durch ihren feurig-enthusiastischen Stil die Begeisterung des Publikums und wurden in vielen Tausend Exemplaren über alle Länder verbreitet. Der andere war der Sohn eines Sattlers. Er kam nie über die Grenze seiner abgelegenen Vaterstadt hinaus. Aber sein Geist kannte keine Schranken und erhob sich bis in die Weiten des Himmels, dessen Bau und Entwicklung er so grundlegend darstellte, daß wir noch heute auf seinem Werke fußen. Dieser dritte war Immanuel Kant.

Diese drei Männer, vor allem in höchster Vollendung Kant, bauten folgendes Weltbild auf. Wir leben auf unserer Erde im Sonnensystem. In der Mitte unseres Systems steht die strahlende Sonne, um sie kreisen in elliptischen Bahnen die Planeten, deren einer unsere Erde ist. Im Gegensatz zur leuchtenden Sonne sind die Planeten infolge ihrer Kleinheit erkaltet und dunkel. Dieses Planetensystem ist als ein System erster Ordnung zu betrachten. Jeder Stern am Himmel ist eine glühende Sonne wie unsere. Diese Sonnen sind so unausdenklich fern, daß sie uns als Punkte erscheinen und selbst im Fernrohr kleinste Punkte bleiben. Mit größter Wahrscheinlichkeit besitzt jede dieser Sonnen um sich ein System von Planeten, die wir aber wegen der großen Entfernung und ihrer Dunkelheit nicht wahrnehmen. Mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit sind diese Planeten zum Teil bewohnt wie die Erde.

Illustration from Die Milchstraße

Abb. 3. Sternhaufen im Centaurn. (Photogr. von Gill.)

Diese Idee von der Sonnennatur der Sterne, von den unsichtbaren Planeten dieser Sonnen und der Bewohnbarkeit dieser Welten hatte schon Giordano Bruno ausgesprochen. Nun aber überflügeln ihn die drei Weltdenker des 18. Jahrhunderts vermöge ihrer größeren astronomischen Kenntnisse. Es waren nämlich durch das Fernrohr am Himmel außer einer Unzahl kleinerer Sterne ungefähr 100 Sternhaufen und Nebelflecke entdeckt worden. Mit unbewaffnetem Auge sind die größten Sternhaufen eben als verschwommene Lichtpünktchen wahrnehmbar wie der berühmte Sternhaufen im Perseus*[1] genau in der Mitte zwischen dem W der Kassiopeia und den Hauptsternen des Perseus. Im Fernrohr enthüllt sich solch ein Sternhaufen als eine kugelförmige Anhäufung Hunderter, ja Tausender Sterne, die eng zusammengedrängt sind wie die Brillanten eines Diadems. Der Anblick eines solchen Himmelsdiadems gehört zu dem schönsten, das die Natur überhaupt dem Menschen zu offenbaren vermag (Abb. 3).

Außer diesen Sternhaufen entdeckte man noch nebelig verwaschene Gebilde von teils unregelmäßig zerklüfteter, teils regelmäßig scheiben-, ring- und linsenförmiger Gestalt, die man Nebelflecke nannte. Auch von ihnen sind die größten mit bloßem Auge gerade noch wahrnehmbar, so der Nebelfleck im Bilde der Andromeda* und als größter von allen der berühmte Nebel im Orion* dicht unter dem Dreigestirn des Jakobstabes.

Die Sterne sind, so schlossen Wright, Lambert und Kant, nicht regellos im Raum verteilt, sondern zu Sternenhaufen gruppiert. Diese Sternenhaufen sind die Systeme zweiter Ordnung. Auch wir leben im Innern eines Fixsternhaufens. Unsere Sonne bildet mit allen helleren Sternen des nächtlichen Himmels zusammen einen Sternenhaufen, wie wir ihn im Bilde des Centaurn oder des Perseus aus großer Ferne erblicken. Uns erscheinen die helleren Sterne am Himmel so verstreut, weil wir uns inmitten dieses Haufens befinden und nach allen Seiten von diesen Nachbarsternen umgeben sind. Würden wir aber aus anderen Sternhaufen, beispielsweise aus dem abgebildeten Haufen im Centaurn auf unsere Sonne herniederschauen, so würden wir die Sterne des Centaurnhaufens rings um uns am Himmel verteilt sehen als hellere Sterne, unsere Sonne dagegen im Innern eines fernen zusammengedrängten Sternhaufens nach Art des abgebildeten als lichtschwaches Pünktchen erblicken. Aber auch diese Sternhaufen sind nicht regellos im Raum zerstreut. Sie sind genau so zu einem System geordnet wie die Planeten unseres Sonnensystems. Sie sind alle in einer Ebene neben- und hintereinander, aber nicht übereinander gelagert, so wie unsere Planeten alle in einer Ebene, der sogenannten Ekliptik, schweben, und kreisen in dieser Ebene wahrscheinlich um einen Weltmittelpunkt wie die Planeten um die Sonne. Während die Sternhaufen als Ganzes in dieser Ebene dahinfliegen, bewegen sich die Sonnen innerhalb ihres einzelnen Haufens um den Mittelpunkt desselben, so wie die Monde während der Sonnenreise ihrer Planeten diese in Kreisen umschwingen. Lambert hielt den Orionnebel, Kant den Sirius* für den Mittelpunkt unseres Sternhaufen. Alle diese Sternhaufen zusammen bilden ein System dritter Ordnung. Die Gestalt dieses Systems ist die einer Linse, wie man sie erhält, wenn man zwei Suppenteller mit ihren Rändern aufeinanderstellt. Der Sternhaufen, dem unsere Sonne angehört, befindet sich in der Mitte einer solchen ungeheuren Weltlinse. Schauen wir durch diese Sternenhaufenlinse nach den Breitseiten, den Polen zu, so sehen wir verhältnismäßig wenig Sterne. Blicken wir dagegen flach durch das ganze Linsensystem, in der Richtung der Sternhaufenebene, so müssen wir durch die ganze Masse der Sterne und Sternhaufen hindurchsehen, und sie erscheinen uns als ein Ring von dichtgedrängten Sternen und Sternhaufen, so fein und so dicht, daß wir ihre Gesamtmasse nur als einen zusammenhängenden, verwaschenen Nebelgürtel rings um den Himmel wahrnehmen, – die Milchstraße.

Illustration from Die Milchstraße

Abb. 4. Sternkarte mit Hervorhebung der für die Milchstraßenforschung wichtigen und erwähnten Himmelsobjekte.

Die Milchstraße ist also nach der Hypothese dieser drei Männer die Erscheinung eines ungeheuren Sternsystems, einer linsenförmigen Weltinsel, in deren Mitte sich unsere Sonne als ein Stern in einem Sternhaufen befindet (Abb. 5). Von den sichtbaren Sternen gehören die helleren unserem Sternhaufen, die schwächeren und alle jene, deren Licht wir nur als Nebel wahrnehmen, den andern Sternhaufen an, alle aber dem einen großen Weltsystem der Milchstraße.

Man stelle sich vor, wir ständen nachts auf dem Deck eines illuminierten Schiffes. Vor, hinter, neben und über uns sehen wir die Lichter unseres Schiffes in den Masten und am Bordrand hängen. In allen Himmelsrichtungen sind wir also von einzelnen hellen, uns sehr nahen Lampen umgeben. In weiter Ferne ist das ganze Meer bevölkert von gleichfalls illuminierten Schiffen. Man sieht von diesen Schiffen, da es Nacht ist, nur die Lichter. Die näheren erkennt man als zusammengedrängte Haufen von Lichtern. Hier eine solche Anhäufung von Lichtern, ein Schiff, dort eine andere Lichtergruppe, ein zweites Schiff. Von den fernen Schiffen nimmt man keine einzelnen Lichtpunkte mehr wahr, sondern nur noch einen unbestimmten Schimmer. Da die Schiffe weiter verteilt sind, als unser Auge reicht, und allseitig um uns das Meer befahren, so sind wir rings umgeben von einem mattleuchtenden nebeligen Schein, von einem Lichtgürtel, der den Horizont ringförmig umschließt.

Das Meer ist der Weltraum. Das Schiff, auf dem wir uns befinden, ist der Sternhaufen, dem unsere Sonne angehört. Die nächste größte Laterne ist unsere Sonne selbst. Die kleinen Lichter über, neben und hinter uns sind die übrigen Sterne unseres Haufens. In mäßiger Entfernung, aber immer noch tausendmal weiter als die letzten Sterne unseres Haufens sehen wir andere Sterngruppen als Sternhaufen. Die weitaus meisten Sternhaufen aber sind von uns so weit entfernt, daß ihr Glanz mit dem der übrigen hinter, neben und vor ihnen verschwimmt, und so ihre Gesamtheit uns als leuchtender Gürtel, als Milchstraße umgibt.

Hört die Welt jenseits der Milchstraße auf? Nein. Die Milchstraßenlinse ist zwar unvorstellbar groß, aber ein durchaus festbegrenztes endliches Gebilde. Sie ist eine Weltinsel. Das Weltall aber ist unendlich. Andere Milchstraßensysteme bevölkern es. Diese fremden Milchstraßensysteme sehen wir als Nebel von Linsengestalt aus ungeheurer Ferne schimmern. Der Andromedanebel ist solch ein fernes Milchstraßensystem, das wir weit außerhalb unserer Weltinsel im Raum schweben sehen. Unendlich wie das All ist die Zahl solcher Milchstraßen. Auch sie sind wieder zu Systemen geordnet, Systemen 4., 5. und 6. Ordnung, kreisen um- und ineinander wie Räder, jede von ihnen ein Rad im Getriebe einer großen Weltmaschine, ein Rädchen an der großen Weltenuhr, deren unerforschlicher Gang dem Menschen ein ewiges Rätsel bleibt …

Illustration from Die Milchstraße

Abb. 5. Das Milchstraßensystem als Weltlinse nach Wright, Kant und Lambert.

Kann etwas kühner sein als die Hypothese dieser drei Männer? Kopernikus stieß die Erde von ihrem ruhenden Thron und wälzte sie zu ewigem Lauf um ihre Sonne. Diese Männer hoben die Sonne aus ihrer Angel und stießen sie hinein in den Weltraum, daß sie in ihm kreise, ein Stern unter Sternen, ein Lichtpunkt im großen Weltgewühl der Milchstraße. Sie ordnen mit weltenschöpferischer Kraft das Heer der Sterne zum wahren Kosmos, zum Schmuck, zur Weltordnung, zur harmonischen Einheit von Raum und Materie, Kraft und Stoff, Masse und Bewegung.

Was konnten sie zur Begründung einer solch kühnen Weltanschauung vorbringen? Konnten sie beweisen, daß die Sonne nur ein Stern war und nicht, wie Kepler glaubte, »das Herz des Universums«? Daß die Sterne Sonnen waren und nur ihrer Ferne wegen als Punkte erschienen? Konnten sie beweisen, daß Planeten um sie kreisen, und sie sich wirklich zu Haufen gruppieren? Daß die Sonne sich in einem solchen Haufen befindet? Daß sich die Sterne im Raum bewegen und keine prima sphaera immobilis, keine höchste unbewegliche Himmelssphäre bildeten? Daß sie eine Einheit waren aus gleichen Stoffen gebaut, von gleichen Kräften regiert? Daß die Milchstraße in der Tat aus Sternen zusammengesetzt und keine Fuge im Himmelsgewölbe ist, und daß die Nebelflecke ferne Milchstraßensysteme vorstellen?

Alles das hätten sie Punkt für Punkt beweisen müssen, wenn sie ihre philosophische Spekulation zum Rang einer wissenschaftlichen Hypothese erheben wollten. Und was konnten sie beweisen? Nichts. Der Mond war erforscht, die Sonne studiert, Planetenbahnen waren berechnet, Kometen bestimmt, aber die Welt der Sterne, die Milchstraße, war ein unerforschte Land. Sie schien aller irdischen Erkenntnis zu spotten und für die Menschheit, die auf diesem winzigen Erdplaneten gebannt ist, ein Rätsel ohne Lösung zu bleiben. Wer hätte auch in jene Fernen dringen können? In jene Fernen, in denen Sonnen zu Punkten werden und selbst im Fernrohr sich nicht einmal zur kleinsten Scheibe verbreitern, ja, in denen selbst diese Punkte schwinden und in ihrer Unzahl zu einem milchigen Schimmer verschwimmen, der uns als Nebelgürtel umleuchtet; und in jene noch tausendmal größeren Fernen, in denen ganze Systeme dieser Art, ganze Milchstraßen zu einem Wölkchen verblassen, so klein, daß das Auge sie kaum in den klarsten Nächten als Fleckchen wahrnimmt! Mußte nicht für alle Zeiten das junggeniale Machtwort Schillers hier dem Menschen eine ewige Grenze bieten:

»Steh! du segelst umsonst – vor dir Unendlichkeit!« »Steh! Du segelst umsonst – Pilger, auch hinter mir! – Senke nieder, Adlergedank', dein Gefieder! Kühne Seglerin, Phantasie, Wirf ein mutloses Anker hie.«

Wer hätte in jene Fernen dringen können, in denen selbst die Phantasie ein mutlos Anker wirft? Wer?

Im Jahre 1759 zog die Regimentskapelle der Hannoverschen Grenadiere nach England. Mit ihr wanderte ihr Hoboebläser, ein blutarmer 19jähriger Musikant, dessen Vater selbst Militärmusiker gewesen war, aus seiner Heimat aus. In England entsagte er bald dem Dienst und schlug sich kümmerlich als Musiklehrer durch. In den Pausen zwischen den Stunden aber setzte er sich hin und studierte die Gesetze der Optik, um sich ein Fernrohr zu bauen, da er kein Geld besaß, ein fertiges zu erwerben. Des Nachts richtete er seine selbstkonstruierten Rohre gegen den Himmel und studierte die Welt der Sterne. Das Geheimnis der Milchstraße zu entschleiern, war das Ideal seines Lebens. Bruder und Schwester entflammte er für sein hohes Ziel, und dieser arme, aber erlauchte Kreis der drei Geschwister wetteiferte im Studium der Milchstraße. Kein Rohr genügte dieser Aufgabe. Da die Linsen, je größer sie geschliffen wurden, um so unschärfere Bilder lieferten, baute er Spiegelteleskope, in denen ein Hohlspiegel das Bild der Sterne auffängt und in einem Brennpunkt sammelt. Immer größere Spiegel stellte er her, immer längere Rohre setzte er zusammen. Es entstanden Teleskope von unerhörten Dimensionen. 1781 entdeckte er mit seinem Rieseninstrument den Planeten Uranus, sein Ruhm drang bis zum König, der ihn zum Hofastronomen ernannte und ihm ein sorgenfreies Leben für weitere Forschungen verschaffte. Mit seinem neuen Instrument, dessen Spiegel 126 cm Durchmesser und dessen Rohr 12 m Länge besaß, »durchbrach« der ehemalige Militärmusiker William Herschel, wie es auf seiner Grabschrift heißt, »die Schranken des Himmels« und begründete so die moderne Fixstern- und Milchstraßenforschung.

Herschels Riesenteleskope waren die ersten Instrumente, die die Milchstraße wirklich auflösten. Er berichtet über seine erste Beobachtung der Milchstraße der Kgl. Gesellschaft im Juni 1784: »Als ich mein Fernrohr auf einen Teil der Milchstraße richtete, fand ich, daß es den weißen Nebel in kleine Sterne auflöste, was meine früheren Rohre nicht vermocht hatten. Die bewunderungswerte Zahl von Sternen aller Größe, die sich hier meinem Blick offenbarten, war in der Tat zum Erstaunen. Ich ließ während einer Stunde die Sterne der Milchstraße durch das Gesichtsfeld meines Teleskopes ziehen und vermochte nicht weniger als 50 000 einzelne zu zählen. Aber es waren gewiß doppelt so viel, von denen ich aber wegen ihrer Lichtschwäche nur einen unbestimmten Schimmer wahrnehmen konnte.« Die Zahl aller mit seinem Rohr erkennbaren Sterne schätzte Herschel auf ungefähr 30 Millionen. Die Unzählbarkeit der Sterne, die Sternnatur der Milchstraße war bewiesen. Auch Herschel kam zu der Überzeugung, daß das Milchstraßensystem tatsächlich eine Weltinsel aus vielen Millionen Sternen sei. Die meisten dieser Sterne sind zu Haufen gruppiert, die in einer linsenförmigen Schicht von großer Ausdehnung und verhältnismäßig geringer Dicke verteilt sind. Zwischen diesen Haufen von Sternen schweben weite Nebelmassen von verschiedenster Gestalt. Da ihm aber seine Rohre in der Milchstraße jene mannigfachen Einzelheiten, Verzweigungen, Wolken, Schattierungen, Spalten und Öffnungen enthüllten, die wir bei der Beschreibung des Lichtgürtels erwähnten, konnte das Milchstraßensystem nach seiner Ansicht nicht die Gestalt einer regelmäßigen Linse, sondern nur die Form einer unregelmäßig verzweigten Sternenplatte besitzen, deren Umrisse er durch sorgfältige Studien zu bestimmen suchte (Abb. 6).

Auch die Stellung der Sonne in diesem System suchte er durch folgende Überlegung zu bestimmen. Da der Milchstraßengürtel uns allseitig fast in gleicher Breite erscheint, müssen wir uns ungefähr in der Mitte des Systems befinden. Die nördliche Hälfte ist etwas breiter als die südliche, also stehen wir dieser etwas näher und nicht genau im Zentrum. Außerdem schwebt die Sonne nicht ganz genau in der Mittelebene des Systems, sondern etwas nördlich über der allgemeinen Ebene der Sternhaufen.

Aber je weiter sich Herschel in die Wunder der Milchstraße versenkte, um so klarer erkannte er, daß sein Milchstraßenbild unvollkommen war und keineswegs die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen erschöpfte. Es war seinem Wissen als Forscher und seinem Scharfsinn als Denker nicht möglich, alle Widersprüche zu bannen und alle Probleme durch ein großes einheitliches Weltbild zu umspannen. Er widerrief in späteren Jahren seine Hypothese und bekannte resigniert, daß weder Fernrohr noch Gedanke reiche, ein zufriedenstellendes Bild der Welt zu geben, und daß es einem späteren Geschlecht vorbehalten sei, das Land, das er entdeckt, in seiner wahren Gestalt zu erforschen.

Daß Herschel als erster, mit großen Instrumenten ausgerüstet, zielbewußt die Milchstraße erforschte, und ein, wie er selber gestand, ungenügende Bild ihrer Natur entwarf, reicht wahrlich nicht hin, ihm eine so führende Stellung in der modernen Wissenschaft anzuweisen, daß man ihn den »Vater der Stellarastronomie« nennt. Herschels unvergleichliches Verdienst liegt tiefer: er lehrte uns das Fernrohr für die Erforschung der Fixsternwelt und des Milchstraßengürtels anzuwenden. Herschel lehrte uns sehen.

Illustration from Die Milchstraße

Abb. 6. Das Milchstraßensystem nach Herschel.

Das Auge des Menschen ist eine Camera obscura wie der photographische Apparat. Er besteht aus einer Linse, die das Licht der Außenwelt auffängt, sammelt, und als verkleinertes verschärftes Bild auf eine lichtempfindliche Platte, die Netzhaut, wirft. Linse und Netzhaut sind die beiden wesentlichen Teile des Auges. Das Fernrohr ist eine künstliche Linse, die sich der Mensch zur Verstärkung seiner natürlichen vor das Auge stellt. Die teleskopische Linse ist hundertmal größer, schärfer, lichtstärker. Dadurch verhundertfacht sie die Leistungen des menschlichen Auges. Während das Auge günstigenfalls 6000 Sterne am ganzen Himmel, also von einem Standpunkt aus 3000 wahrnimmt, die man nach ihrer Helligkeit in sechs Klassen von der ersten bis sechsten Größe einteilt, sieht das Fernrohr viele Millionen bis zur 12., 13. und 14. Größe. Auf einer Himmelsfläche von dem Umfang einer Mondscheibe zählte Herschel 2400 Sterne! Man sieht also im Fernrohr tatsächlich »wie Gras der Nacht Myriaden Welten keimen«.

Neben der Erkenntnis der ungeheueren Zahl der Milchstraßensterne ermöglicht das Fernrohr genaue Untersuchungen über die Verteilung dieser Sternheere. Herschel begann diese Untersuchungen mit seinen berühmten Sterneichungen, d. s. Auszählungen der Sterne nach Stichproben; vollendet wurden sie in unseren Tagen durch die eingehenden »Untersuchungen über die Verteilung der Fixsterne« des Münchener Forschers v. Seeliger. Diese mühevollen Studien gipfeln in dem Ergebnis, daß alle uns sichtbaren Sterne tatsächlich, wie Wright, Kant und Lambert angenommen haben, in einer flachen, linsenförmigen Scheibe, dem Milchstraßensystem, angeordnet sind. Je mehr man sich von den Polen ausgehend dem Milchstraßenäquator nähert, um so zahlreicher, dichtgedrängter erscheinen die Sterne als Zeichen ihrer Anordnung in einer großen Ebene, der Milchstraße.

Fast noch wichtiger als die Bestimmung der allgemeinen Sternverteilung ist die genaue Ortsbestimmung einzelner Sterne durch gewissenhafte Fernrohrbeobachtung, da sie allein zur Ermittlung der Sternentfernung führen kann. Die Kunst, das Fernrohr zu gebrauchen, sollte bald auf diesem Gebiet die schönsten Früchte reifen lassen.

Wenn wir uns in einem Eisenbahnzug durch eine Landschaft bewegen, so fliegen die Bäume und Kirchturmspitzen an uns vorbei, wobei sie sich gegen ihren Hintergrund, den Horizont, verschieben. Je ferner ein Gegenstand sich von uns befindet, umso geringer ist diese scheinbare Verschiebung. Man nennt diese scheinbare Verschiebung eines Gegenstandes gegen seinen Hintergrund bei Ortswechsel des Betrachters die Parallaxe. Man halte seinen Zeigefinger vor dieses Buch und betrachte ihn abwechselnd mit dem rechten und dem linken Auge. Dann verschiebt sich seine scheinbare Stellung gegen den Buchhintergrund. Aus dieser Parallaxe des Fingers kann man seine Entfernung vom Auge berechnen, wenn man den Abstand der beiden Augen voneinander kennt.

Bekanntlich steht die Erde nicht still, sondern bewegt sich in einem Kreis um die Sonne. Der Durchmesser dieser Erdbahn beträgt 300 Millionen Kilometer. Wir stehen im Frühling um 300 Millionen Kilometer von jener Stelle entfernt, an der wir uns im Herbst befunden haben. Es müssen sich demnach die Gestirne zwischen der Frühlings- und der Herbstbetrachtung gegen den Himmelshintergrund genau so verschieben, wie der Finger, den wir einmal mit dem rechten, einmal mit dem linken Auge betrachten (Abb. 7).

Illustration from Die Milchstraße

Abb. 7. Entstehung der Sternparallaxe infolge des Erdumlaufs um die Sonne.

Diese Verschiebung ist so minimal, daß sie weder Galilei noch Herschel trotz eifrigster Bemühungen feststellen konnten. Dieses gelang erst im Jahre 1837 dem berühmten Königsberger Astronomen Bessel, der in seiner Jugend Kaufmann gewesen war, mit einem neuen stereoskopartigen Fernrohr, dem Heliometer. Das von Fraunhofer konstruierte Heliometer ist ein so feines Instrument, daß man damit in der Entfernung eines Kilometer die Verschiebung eines Körpers um ½ mm auf das genaueste bestimmen kann. Nach jahrelanger, unverdrossener Beobachtung bestimmte Bessel die Parallaxe eines kleinen Sternes 61 im Schwan und berechnete seine Entfernung auf 80 Billionen km, d.h. auf das 500 000fache der Sonnenentfernung, die 150 Millionen km beträgt. Die unvorstellbare Entfernung der Fixsterne war bewiesen. Sternentfernungen zu fassen, ist Menschensinnen versagt. Wir können uns Meter und Kilometer vorstellen, aber nicht Sonnenabstände oder Sternenweiten. Die kühnste Phantasie scheitert an jedem Versuch, die Räume des Universums zu messen. Wir sind Erdensöhne und durch unsere irdische Organisation an planetarische Maße gebunden. Was jenseits dieser Erdenwelt gelegen, können wir bewundern, verehren, aber fassen können wir es nicht. Astronomische Entfernungen in Kilometer auszudrücken ist ebenso töricht wie ein Land in Quadratmillimetern zu vermessen. Fehler, die selbst Millionen dieser Einheiten betrügen, wären immer noch unbestimmbar klein. Daher hat man als Normalmaß in der Astronomie das Lichtjahr eingeführt. Die Lichtschwingung des Weltäthers ist die schnellste Bewegung, die wir kennen. Die Lichtwelle pflanzt sich in einer Sekunde um 300 000 km fort. Man lege seine Hand an seinen Puls und zähle. Zwischen zwei Pulsschlägen schwingt die Lichtwelle achtmal um den Erdball. Diesen Weg bezeichnet man als Lichtsekunde. Den Weg, den das Licht in einem Jahr zurücklegt, ein Jahr hat über 30 Millionen Sekunden, d.h. also 10 Millionen mal eine Million km = 10 Billionen km bezeichnet man als ein Lichtjahr und sagt, ein Stern ist 10 Lichtjahre von uns entfernt, wenn das Licht 10 Jahre braucht, um von ihm zu uns zu gelangen. 1 km verhält sich zu einem Lichtjahr wie eine Sekunde zu 60 000 Jahren. Die Entfernungen zwischen den einzelnen Sternen sind ungeheuer. Sie betragen Lichtjahre, Lichtjahrzehnte, Lichtjahrhunderte. Selbst zwischen den benachbarten Sternen einer Gruppe gähnen Räume von unheimlicher Länge und Weite, unüberbrückbar selbst für den Gedanken. Der nächste Stern ist von der Sonne über 4 Lichtjahre entfernt, ¼ Million mal weiter als sie von uns. Nur durch ein Bild kann man sich einer Vorstellung von den Maßen der Sternenwelt nähern. Denkt man sich die Erdkugel, unsere schöne große weite Erdkugel zu einer Erbse geschrumpft, so läge die Sonne 100 m von ihr als ein großer Kürbis. Läge dieses Sonnensystem in Berlin, wo würde dann das nächste Fixsternsystem liegen? Das allernächste? Draußen vor der Stadt? Oder in einem Vorort? Oder gar in Leipzig? In München? Vielleicht selbst in Rom, 1500 km weit entfernt? Nein, es läge über zehnmal weiter, 25 000 km weit, also irgendwo im Innern Australien oder in der Südsee jenseits dieses Erdteils nahe dem Südpol. Der zweitnächste Stern, um die Hälfte weiter entfernt, fände auf Erden gar keinen Raum mehr und schwebte jenseits des Gegenpols draußen im Weltraum! Wir Menschen sind Wesen auf einer Erbse, die irgendwo im Grase versteckt in Mitteleuropa liegt. Im Polareis des Südpols zwischen den gefrorenen Schollen liegt ein kürbisgroßer Stein und einige Schritte von ihm entfernt liegen wahrscheinlich einige Erbsen, das ist unsere nächste Schwesterwelt im Universum! Wenn wir seiner überhaupt fähig waren, welch trostloses Einsamkeitsgefühl müßte uns ergreifen! Welch grauenhafte Öde umschauert uns als toter kalter dunkler Raum! Was ist der Mensch im All? Wenn die Erde eine Erbse wäre in einem Raum so groß wie ein Zimmer, so wäre sie schon klein zu nennen und nicht wert, den Mittelpunkt der Welt zu bilden. Schon dann wäre es Hochmut, wenn der Mensch, der auf dieser Erbse in ganzen Völkerscharen lebt, sich für den Herrn der Welt, für die Krone der Schöpfung hielte. Eine Erbse inmitten einer großen Stadt ist schon ein Nichts, ein unauffindbares, verschwindendes Nichts, dessen Dasein oder Nichtdasein am Bilde der Stadt auch nicht einen Deut veränderte. Aber irgendwo im Grase eines leeren Europa, vielleicht im Geröll der Alpen oder in einem Sumpfried der sibirischen Steppe oder im öden Sande der Sahara oder in den Wellen des Atlantischen Ozeans eine Erbse zu sein und auf ihr zu leben, weniger, 100 000 mal weniger als ein Bazillus – »wenn ich den Himmel anschaue, den Mond und die Sterne, was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und der Menschensohn, daß du auf ihn achtest?«

Nur von den allernächsten Sternen, die naturgemäß die größte Parallaxe besitzen, sind zuverlässige Bestimmungen gelungen, so daß wir von nur ungefähr 200 der nächsten Sterne die genaue Entfernung kennen, während wir von all den übrigen Millionen nur sagen können, daß sie um ein vielfaches ferner sein müssen als diese Schwesterwelten, mit denen wir zusammen eine Sterngruppe bilden. Von den bekannten Sternen sind von uns entfernt:

Alpha Centauri, der nächste aller Fixsterne 4,3Lichtj.

Sirius im Großen Hund 8,6"

Prokyon im Kleinen Hund 9,5"

Atair im Adler 14 "

Kastor in den Zwillingen 17 "

Aldebaran im Stier 30 "

Regulus im Löwen 36 "

Wega in der Leier 39 "

Kapella im Fuhrmann 40 "

Polarstern im Kleinen Bären 46 "

Pollux in den Zwillingen 57 "

Arktur im Bootes 136 "

Beteigeuze im Orion 142 "

Rigel im Orion 320 "

Man wende seinen Blick zum glänzenden Pollux*. Die Lichtwellen, die jetzt unser Auge treffen, haben vor 57 Jahren diese Sonne verlassen. Dieser Stern steht gar nicht an jener Stelle, wo wir ihn jetzt sehen, so wenig wie der Sirius oder die Kapella sich in Wirklichkeit jetzt an ihrem scheinbaren Platz befinden, sondern stand vor 57 Jahren an diesem Punkt. Als diese Ätherwellen, die jetzt unsere Netzhaut erregen, dem flammenden Chaos dieser Welt vor 57 Jahren entwirbelten, waren wir noch nicht geboren, unsere Eltern kannten sich in jener Stunde noch nicht, und während jener Strahl durch den Weltraum zu uns eilte, 57 Jahre lang in jeder Sekunde 300 000 km fliegend, wuchsen wir heran aus einer kleinen Gallertzelle, wurden wir als ein hilf- und ahnungsloses Wesen geboren, lagen wir in der Wiege, lernten wir gehen und sprechen, lesen und schreiben vom ABC und Einmaleins durch Märchenbuch und Räubergeschichte bis zu diesen Zeilen, die uns Kunde bringen von den Wundern, die uns umschwingen. Was haben wir nicht alles in dieser Zeit gesehen und gehört, erlebt und erlitten? Was ist nicht alles geschehen auf diesem kleinen Erdball in 57 Jahren! Und was auf jener Sternenwelt dort droben? Vielleicht ist sie in dieser Zeit erloschen, vielleicht zusammengeprallt mit einem dunklen Körper und in den Weltraum zerstoben, ist vielleicht vor 30 Jahren in glühenden Nebel verdampft und existiert nicht mehr. Wir aber sehen dann in dieser Stunde etwas, was gar nicht mehr ist, und werden es morgen noch sehen und in zehn und in zwanzig Jahren, und wenn die Lichtwellen, die jetzt jene Welt verlassen, in 57 Jahren unsere Atmosphäre überfluten, liegen wir längst draußen im Feld unter dem Rasen, heimgekehrt in den Allmutterschoß der Erde, und kein Sehnerv zittert mehr in unserer Augenhöhle, keine Zellfaser schwingt mehr in unserer Hirnschale in dem Gedanken von der Größe und Erhabenheit der Welt – kurz ist die Frist, die dem Menschen gegeben, zu forschen und zu fühlen, kürzer als die Spanne, die das Licht von einem Stern zum andern schwingt – carpe diem, nützen wir den Tag und die Stunde!

Die äußersten Sterne des Milchstraßensystems, deren verschwommener, zusammenfließender Schein das Milchlicht dieses Gürtels erzeugt, sind von uns 10 000 Lichtjahre entfernt. Wenn wir auf den Planeten einer solchen Sonne lebten und unsere Erde beobachten könnten, so sähen wir die Welt vor drei-, sechs-, acht-, zehntausend Jahren. Die Bewohner einer Sternenwelt in der noch mäßigen Entfernung von 3000 Lichtjahren sähen heute Griechen und Trojaner in der Ebene von Ilion kämpfen, sähen den greisen Priamus im Kreis der Alten auf der Mauer, die schöne Helena auf ihrem Ruhelager im fürstlichen Gemach, Achill grübelnd in seinem Zelte sitzen und Hektor im Kampf mit dem fallenden Patroklus. Wenn wirklich denkende Wesen uns aus dieser Ferne beobachteten – und wer will diese Möglichkeit in unserer Welt der Wunder einfach leugnen? – so sähen sie Europa als Sumpf und Urwald, bevölkert von Heiden und Barbaren, und spotten vielleicht unserer, nicht ahnend, daß auf derselben Stelle, wo sie Götzenaltäre und Göttereichen sehen, in Wahrheit schon Kuppelhallen stehen mit gewaltigen Teleskopen, elektrischen Uhren, Tabellen und Sterntafeln, und daß Menschen unter ihnen sitzen, die die Geheimnisse des Weltalls bis in tausendjährige Lichtentfernungen ergründen …

Bei den genauen Ortsbestimmungen, die zur Feststellung der Parallaxe notwendig waren, entdeckte Bessel an manchen Sternen kleine Verschiebungen, die sich nicht durch die Bewegung der Erde um die Sonne erklären ließen. Vor allem an den beiden hellen Sternen Sirius und Prokyon fielen ihm kleine periodische Bahnbewegungen auf, die er nach jahrelanger reiflicher Beobachtung und Überlegung auf die Anwesenheit unsichtbarer Trabanten zurückführte. Der Sirius sollte von einer Begleitsonne umkreist werden, die ihn in 50 Jahren umläuft und durch ihre Anziehungskraft die Störungen der Siriusstellung hervorruft. Dieser von Bessel vermutete Siriusbegleiter war aber selbst in den stärksten Fernrohren nicht zu entdecken. 18 Monate nach Veröffentlichung seiner Arbeit über den unsichtbaren Siriusbegleiter starb Bessel. Sein Nachfolger Peters führte die Untersuchungen fort und berechnete, daß dieser Begleiter augenblicklich in dem und dem Abstand an einem ganz bestimmten Punkt stehen müßte. Eine verwegene Behauptung! Einen Körper in einer Entfernung von ½ Millionen Sonnenweiten, den kein menschliche Auge sehen konnte, nicht nur zu vermuten, sondern sogar genau seine Bahn, seine Bewegungsgeschwindigkeit, seinen Standort zu berechnen! Klingt es nicht wie ein Märchen, daß ein Mensch im Dunkel nie gesehener Welten, in Fernen, die sich keine Vorstellung mehr auszudenken vermag, unsichtbare Trabanten berechnet, und mit der Bestimmtheit einer eidlichen Versicherung ihr Gewicht, ihre Entfernung, ihre Bahn und ihre Geschwindigkeit zu kennen behauptet? Wer sollte den Sternenguckern solche Phantasien glauben, zumal niemand selbst mit den immer besseren Teleskopen der folgenden Jahre diesen Begleiter zu entdecken vermochte! Aber es kam anders, als die Zweifler glaubten und die Spötter lachten. 20 Jahre nach dem Tode Bessels erprobte der berühmte amerikanische Linsengießer Clark sein neuestes Glas, richtet es auf den Sirius – und entdeckt genau an der Stelle, die Peters für dieses Jahr als Stand des Siriustrabanten angegeben hatte, ein Sternchen! Man verfolgte seinen Lauf und siehe da, es bewegte sich in 50 Jahren um den Sirius und stand in jedem Jahr an jenem Punkt, den Bessel und Peters vor seiner Entdeckung für diese Zeit berechnet hatten! Welches Wunder ist größer? Daß es Welten gibt in dieser Fülle und in diesen Fernen, die sich umkreisen wie Sonne und Planeten, oder daß auf einem dunklen Sonnenstäubchen zwischen ihnen ein Eintagswesen lebt mit einer grauen Gallertmasse in seiner Schädelschale, das die Bahnen dieser Welten bestimmt, ohne sie in ihrer Größe und Entfernung sich vorstellen zu können, ja selbst ohne sie im schärfsten Fernrohr überhaupt zu sehen?

Sterne, die mit einem anderen Stern ein kreisendes System bilden, nennt man Doppelsterne. Fast jeder dritte Stern unserer näheren Umgebung ist ein Doppelstern, so daß wir heute ungefähr 15 000 Doppelsterne kennen. Weit auseinander stehende Doppelsterne wie das Sternpaar rechts neben dem Aldebaran* kann man mit bloßem Auge als solche erkennen, die meisten aber sind erst im Fernrohr und sehr viele auch mit diesem nicht mehr zu trennen. Die Umlaufszeiten der Doppelsterne schwanken zwischen einigen Tagen und mehreren Tausend Jahren, je nach dem Abstand der Sonnen, wie ja auch die Umlaufszeiten unserer Planeten von Merkur bis Neptun zwischen 88 Tagen und 165 Jahren voneinander abweichen. Die Umlaufszeiten betragen im Doppelsystem des

Prokyon40Jahre

Sirius50"

Alpha Centauri87"

Kastor997"

Es gibt aber nicht nur Systeme von zwei Sonnen, sondern solche von 3, 4, 6, 8, 16, ja 20 Sonnen. Dicht neben der Wega in der Leier steht ein Sternsystem*, von dem ein mäßiges Auge nur ein Pünktchen sieht; ein gutes Auge sieht diesen Stern als längliche Linie; ein sehr gutes Auge erkennt zwei eng zusammenstehende Sterne 5. Größe. Schon ein kleines Fernrohr aber zerlegt jeden dieser beiden Sterne in zwei Körper, so daß wir hier ein Sternsystem von vier Sonnen vor uns haben. Der hellste Stern der Plejadengruppe,* Alkyone, ist ein vierfacher, der mittlere Deichselstern im großen Wagen Mizar* ist ein fünffacher Stern. Der Lichtschimmer des Orionnebels* unter dem Jakobstab geht von einem sechsfachen Sternsystem aus, das seiner Gestalt wegen Trapez genannt wird.

Die Entdeckung dieser Doppelsterne und ihrer Bewegungen bedeutet einen großen Fortschritt in der Erkenntnis des Milchstraßensystems. Diese umeinanderkreisenden Sonnen beweisen uns das Wirken der Schwerkraft zwischen den Sternsystemen anderer Welten. Dieselbe Kraft, die uns an den Boden unseres Planeten fesselt, die den Mond an die Erde, die Erde an die Sonne kettet, waltet droben zwischen den Sonnen der Milchstraßenferne und heißt sie umeinanderkreisen in nimmer endendem Doppellauf. Die Doppelsterne beweisen die Einheit und Allheit der Schwerkraft im System der Milchstraße.

Aber nicht nur dies. Die Planeten unseres Systems bewegen sich nach bestimmten Gesetzen um die Sonne, die nach ihrem Entdecker die Keplerschen Gesetze genannt werden. Die drei Keplerschen Gesetze sagen, daß die Planeten sich in Ellipsen um die Sonne bewegen, die im Brennpunkt dieser Ellipsen steht, daß die Bewegung der Planeten um so rascher wird, je näher sie der Sonne kommen, und daß ihre Umlaufszeiten in bestimmtem Verhältnis von ihrer Sonnenentfernung abhängig sind. Als man die Bahnen der Doppelsterne verfolgte, fand man, daß sie sich genau nach den Keplerschen Gesetzen wie die Planeten unseres Systems bewegen. Mit Hilfe der Keplerschen Gesetze kann man, und das haben ja die Vorentdecker des Sirius- und Prokyontrabanten getan, die Stellung jedes Doppelsterns für jeden beliebigen Zeitpunkt der Zukunft ebenso genau bestimmen, wie wir es von den Ortsbestimmungen der Planeten gewöhnt sind. Durch diese Entdeckung ist neben der Einheit der Kraft die Einheit des Gesetzes innerhalb des Milchstraßensystems bewiesen.

Die Planetengesetze wirken im All. Gibt es aber auch Planeten, die ihnen folgen? Werden die Sonnen von dunklen Körpern umkreist wie unsere?

Es gibt dunkle Sterntrabanten. Rechts abseits von der hellen Sternlinie des Perseus steht ein einzelner auffälliger Stern 2. Größe, Algol*. Dieser Stern wechselt seine Lichtstärke. Zwei Tage 20 Stunden 48 Minuten 53 Sekunden ist er hell, dann sinkt sein Licht innerhalb 4½ Stunden von der 2. auf die 4. Größe, so daß er ein unscheinbares Pünktchen wird, verharrt 18 Minuten in dieser Lichtschwäche, um danach wieder in 4½ Stunden zur gewöhnlichen Helle anzusteigen. Derartige »Algolsterne« kennt man über 50, und jährlich werden neue Vertreter dieses Algoltypus entdeckt. Das charakteristische für die Algolsterne liegt in der astronomischen Pünktlichkeit ihrer Periode. Mit derselben Genauigkeit, mit der sich eine Sonnenfinsternis für 100 und für 1000 Jahre voraussagen läßt, kann man von jedem Algolstern die Zeiten seiner Verdunkelungen auf die Sekunde vorhersagen, so daß es keinem Zweifel unterliegt, daß wir hier tatsächlich die Verfinsterungen von Sonnen durch dunkle Begleiter wahrnehmen (Abb. 8). Alle Algolsterne sind Sonnen, die von dunklen Trabanten umkreist und verfinstert werden. Die Algolsterne beweisen die allgemeine Existenz von Planeten um die Sonnen des Milchstraßensystems.

Illustration from Die Milchstraße

Abb. 8. Das Algolsystem im Augenblick der größten Verfinsterung.

Natürlich können wir nur große und den Sonnen nahe Planeten wahrnehmen, denn nur solche können eine merkliche Verfinsterung verursachen. Ein Planet von der Größe und der Sonnenentfernung der Erde, der sich zu seiner Sonne verhält wie einer dieser hier gedruckten Lettern zur ganzen Buchseite und dabei von dieser Seite noch 30 m entfernt wäre, kann keinen verdunkelnden Schatten durch den Weltraum werfen. Außerdem können nur solche Planeten nachgewiesen werden, deren Bahn in der Blickrichtung gelegen ist, also von uns aus gesehen an der Sonnenscheibe vorbei und nicht daneben oder darüber hinwegzieht, da sonst von uns keine Verfinsterung beobachtet werden kann. Infolge ihrer Größe und Sonnennähe leuchten diese Planeten vom Algoltypus meist noch selbstständig. Wenn es aber große leuchtende sonnennahe Planeten gibt, die nach den Keplerschen Gesetzen ihr Zentralgestirn umkreisen, so gibt es auch ganz gewiß kleinere kalte und sonnenferne Planeten, wie wir sie in unserem System sehen und wie einer von ihnen unsere Erde ist; und um diese Planeten schwingen ganz gewiß Ringe und Monde wie um Erde, Mars und Saturn. So erhebt uns die Kenntnis der Algolsterne abermals um eine Stufe auf der Leiter der Milchstraßenerforschung. Blicken wir empor zu den Sternen, die uns zu Häupten glühen und die zu Myriaden zusammengedrängt den Schimmer der Milchstraße zu uns niedersenden – jeder einzelne von ihnen ist eine Sonne, umkreist von Trabanten, eine Welt von Planeten und Monden, von denselben Kräften, denselben Gesetzen beherrscht wie unsere, und so weitet sich uns der Anblick des sternbesäten Firmaments zu einem Gedanken von überwältigender Größe und Erhabenheit, während andererseits vor dem geistigen Auge des Weltbetrachters unser groß-gewaltiges harmonisches Sonnensystem mit all seinem Reichtum an Licht, Farben, Körpern und Leben abermals schrumpft, zusammenschrumpft zu einem Pünktchen im All, einem Lichtfünkchen in dem großen leuchtenden Sonnenkranz der Milchstraße.

Auf allen Lippen schwebt an dieser Stelle eine Frage: sind diese Welten auch bewohnt wie unsere? Wir wissen es nicht. Wie könnten wir auch aus diesen Weiten, in denen ganze Welten Punkte werden, ein Lebenszeichen erwarten? Aber es gibt ein höheres als das verstandesmäßige Wissen, das uns Instrument und Zahlenreihe vermitteln, das ist der Gedankenschluß der Vernunft. Dieselbe Vernunft, die Demokrit und Giordano Bruno, Wright, Kant und Lambert geleitet und ihrem Seherauge die Welt in jenem Lichte offenbarte, in dem sie sich Jahrhunderte später unseren Instrumenten enthüllte, dieselbe Vernunft läßt uns mit Giordano Bruno schwören, daß es unzählige bewohnte Welten gibt. Anzunehmen, daß unsere Erde, dieses dunkle unsichtbare Sonnenstäubchen, dieses Nichts im System der Milchstraße einzig und allein belebt sei, während jene 100 Millionen andere Sonnensysteme, jene Milliarden andere Planeten der Milchstraße, die alle aus den gleichen Stoffen und in den gleichen Größen wie unsere Welt gebaut sind, von denselben Kräften und denselben Gesetzen gelenkt werden wie diese, unter den gleichen Bedingungen sich entwickeln, daß alle diese tot und öde wären, zu nichts und abernichts kreisten, als allein um unsere Nacht zu schmücken, dieses anzunehmen, verlangte einen Mut, den man nur als Hochmut bezeichnen kann. Der Schimmelpilz, der in einem dunklen Honigtopfe wuchert und sich für das einzig lebende Wesen auf der Erde erklärt, ist weniger anmaßend als der Mensch, der sich zum Alleinbewohner des Universums proklamiert. Was nützen uns alle Wissenschaften, was alle Zahlen mit 10 Nullen, alle Teleskope mit ihren Schrauben und Hebeln, alle Kenntnisse des Weltenbaues, wenn wir nichts lernen!? Kopernikus und Kepler, Newton und Herschel hätten umsonst gelebt, wenn wir uns in dieser höchsten aller Fragen, in der Lebensfrage zurückbegäben auf den geistigen Standpunkt des Ptolemäus, der das Weltall um die Erde kreisen läßt. Hüten wir uns, daß wir nicht groß sind in Taten und klein in Gedanken. Kühn wie das Fernrohr und zielsicher wie die Rechnung des Astronomen sei unser Geist und füge sich den Wundern, die die Wissenschaft entdeckt: wenn die Sonne ein Stern ist unter Legionen von Sternen gleicher Art, unser System eine Welt unter ungezählten Schwesterwelten, die Erde ein Planet unter Milliarden ähnlicher Planeten, dann sind auch wir ein Volk unter Völkern, eine Blüte am großen Stamm des Lebens, der sich durch den Sonnengarten des Universums rankt.

»Aus allewigem Grün des Frühlings steigt der Lebensbaum empor; Milchstraß' und Plejaden reichen diesem Baum zur Leiter nicht.«

Wenn die Milchstraße wirklich ein großes Sternsystem darstellt, in dem die Schwerkraft wirkt, müssen sich alle Glieder dieses Systems gegenseitig anziehen – und bewegen. Dann können die Gestirne keine Fixsterne, Haftsterne sein, angeheftet an das Himmelsdach wie die Glühbirnen an die Decken unserer Zimmer, sondern müssen Sonnen sein, die im Raume schweben wie die unsere und der Schwerkraft unterliegen, sich in Bahnen bewegen wie Planeten, Planeten jenes einzig wahren großen Sonnensystems, dessen Sternenfülle uns als Milchstraßengürtel nächtlich umschimmert.

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Abb. 9. Der große Wagen vor 50 000 Jahren, heute und in 50 000 Jahren.

Als im Jahre 1718 der berühmte Kometenberechner Halley die Sternkarten seiner Zeit mit denen des Altertums verglich, bemerkte er, daß der Stern Aldebaran sich um ⅕, Arktur um 1½ und Sirius sogar um 2 Vollmondbreiten von ihrem Standpunkt vor ungefähr 2000 Jahren entfernt haben müßten. Diese erste Bemerkung von Sternortsveränderungen wurde später durch mehrere Forscher bestätigt. Die Sterne sind kein »festgenagelt unbeweglich Heer«, sondern bewegen sich. Natürlich ist diese Sternbewegung nicht unmittelbar zu verfolgen. Die kurze Spanne eines Menschenlebens von 70 Jahren reicht nicht aus, die Ortsveränderungen eines Sternes zu bemerken, so wenig 70 Sekunden genügen, um die Bewegung eines Schiffes am Horizont festzustellen, selbst wenn es in voller Fahrt dahinsegelt. Wenn Aristoteles aus seinem Todesschlaf erstünde und den Himmel anschaute, würde er an seinem falschen Lehrsatz von der ewigen Unveränderlichkeit des Himmels festhalten. Das Bild des Orion, die Plejaden und der Große Bär würden ihm in derselben Stellung erscheinen, die er vor 20 Jahrhunderten sich einprägte. Würde er dagegen den Himmel nach 20 Jahrtausenden wieder erblicken, so böte sich ihm ein völlig verändertes Bild, und der große Forscher des Altertums würde des Satzes belehrt, den wir mit unseren Instrumenten als unwiderlegliche Tatsache erkannt haben: alle Sterne bewegen sich. Der große Himmelswagen konnte ebensowenig vor 50 000 Jahren in der Urzeit als ein Wagen gelten wie nach 50 000 Jahren in der Zukunft, denn seine Sterne streben gruppenweise in verschiedener Richtung auseinander (Abb. 9). Der Sirius bewegt sich in je 1500 Jahren um eine scheinbare Vollmondsbreite von seinem Standort und würde demnach in 1 Million Jahren den ganzen Himmel umkreist haben. Die größte im Bild festgehaltene Sternverschiebung zeigt der Stern 1830, der sich zwischen den Jahren 1800 und 1900 um ¼ Vollmondsbreite gegen das benachbarte Sternenpaar verschoben hat (Abb. 10). Als man die Sterne in der Umgebung dieses Objektes untersuchte, stellte man eine auffallend ähnlich starke Eigenbewegung an den beiden benachbarten Sternen 21 258 und 21 185 fest. Man verfolgte die Richtungen, aus denen diese drei schnellfliegenden Sterne kommen, und fand zur großen Überraschung, daß sie von einem gemeinsamen Punkt nach verschiedenen Seiten auseinanderstreben wie die Splitter einer explodierten Granate. Sind sie vielleicht Weltensplitter einer Sonnenexplosion?

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Abb. 10. Ortsverschiebung des Sternes 1830 zwischen den Jahren 1800 und 1900.

Wir wissen es nicht. Aber wir sehen hier drei Weltkörper in einer Bewegung, die mit größter Wahrscheinlichkeit eine treibende Ursache besitzt. Wir sehen hier drei Sterne in einer offenbaren Gruppenbewegung. Diese Beobachtungen regten die Forscher an, auch die Sonnen der großen Sterngruppen Plejaden*, Hyaden*, Haar der Berenice* auf ihre Eigenbewegung zu untersuchen. Wie erstaunt war man, als man in der Tat an diesen großen Sterngruppen einheitliche Bewegungen entdeckte! Die fünf mittleren Hauptsterne des Großen Bären bilden nicht nur eine scheinbare, sondern tatsächlich zusammengehörige »Bärenfamilie«. Ihre durchschnittliche Entfernung von uns beträgt 6 Millionen Sonnenweiten = 100 Lichtjahre. Auch untereinander ist ihr Abstand trotz ihrer Zusammengehörigkeit noch gewaltig. Der äußerste Stern Merak in der rechten unteren Ecke des Vierecks ist von Mizar in der Deichsel viermal weiter als der Sirius von uns entfernt, und das Licht braucht zum Durcheilen dieser Strecke 30 Jahre. Trotzdem verraten diese Sterne durch Übereinstimmung ihrer Entfernung, Größe, Farbe, Temperatur, stofflichen Beschaffenheit und Bewegung ihre unzweifelhafte Zusammengehörigkeit. Sie bewegen sich sämtlich mit der gleichen Geschwindigkeit in der Richtung auf den Stern Wega* in der Leier und legen auf diesem Sonnenlauf jährlich 600 Millionen Kilometer zurück. Weniger schwer als bei dieser ausgedehnten Sternfamilie läßt sich die Zusammengehörigkeit jener eng gedrängten Sonnen verstehen, die wir als die bekannten Sternhaufen Plejaden, Krippe und Hyaden am Himmel erblicken. 45 von den 150 helleren Sternen der Plejaden* besitzen neben gemeinsamer Entfernung, Größe, Temperatur und Stoffbeschaffenheit eine gemeinsame Eigenbewegung, an der sich von den mit bloßem Auge sichtbaren Sternen Elektra, Atlas und das Alkyonesystem beteiligen. Fast noch auffälliger ist die gemeinsame Bewegung der benachbarten Hyadengruppe im Stier rings um den Hauptstern Aldebaran. Ihre Entfernung von uns beträgt ungefähr 120 Lichtjahre. Zeichnet man die Bewegung dieser Sterne auf, so laufen alle Richtungslinien in einem Punkt des Fuhrmanns zusammen (Abb. 11). Eilen diese Sterne unaufhaltsam einer Katastrophe entgegen? Werden sie eines Tages an diesem Punkt zusammenprallen und das Firmament durch einen ungeheuren Weltbrand entflammen? Nein. Diese Sterne entfernen sich von uns und laufen auf diesem Wege parallel nebeneinander her wie die Gleise einer Eisenbahn, und wie die Schienen scheinbar in der Ferne zusammenlaufen, während sie in Wahrheit in immer gleichem Abstand bleiben, so scheinen die Hyaden auf ihrem Lauf in die Himmelstiefe zusammenzuströmen, während sie in der Tat nur in einer Richtung nebeneinander eilen. Um 40 km entfernen sie sich in jeder Sekunde von uns, enger und enger für unsere Blicke zusammenströmend wie die roten Lichter eines enteilenden Zuges. In 50 000 Jahren haben sie sich um die Länge der eingezeichneten Pfeile bewegt, in 50 Millionen Jahren ist die ausgedehnte Gruppe für uns in der Weltraumferne zusammengeschrumpft zu einem winzigen Haufen, in dem nur das Fernrohr kleinste Sterne 10. Größe wahrnimmt – für immer verschwunden wie ein Zug von Vögeln, der sich im Blau der Ferne als Punkt verliert. Nicht sehr fern von den Hyaden steht eine Sterngruppe, Praesepe oder Krippe* genannt. Zehn Sterne dieser Gruppe stimmen in der Richtung ihrer Bewegung, in ihrer Schnelligkeit, ihrer physischen Beschaffenheit, Temperatur und Größe so vollkommen mit den Hyadensternen überein, daß an einer inneren Verwandtschaft zwischen den Sternen dieser beiden Gruppen wohl kaum ein Zweifel bestehen kann. Leider gestattet die Lückenhaftigkeit unserer Kenntnisse uns heute noch nicht einmal eine Wahrscheinlichkeitshypothese über das Wesen der Verwandtschaft zwischen diesen beiden hervorragenden Sternfamilien.

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Abb. 11. Gruppenbewegung der Hyaden. Die Länge der Pfeile gibt die Ortsveränderung in 50 000 Jahren an.

Diese Gruppenbewegungen der Sterne offenbaren uns ein neues Prinzip in der Mechanik der Milchstraße: es herrscht Ordnung im Milchstraßensystem und in den Bewegungen seiner Sonnen. Die Sterne sind nicht regellos wie der Sand am Meer verstreut, die Schwerkraft treibt sie nicht wahllos durch den weiten Plan. Sie sind geordnet zu Paaren und Familien, sie bewegen sich in Gruppen und Zügen, wie Zugvögel fliegen sie durch das All. Angesichts dieser Gruppenbewegungen fühlen wir das Wirken sonnenordnender Mächte und weltbeherrschender Gesetze, uns durchweht ein Ahnen vom »Kosmos«, vom großen Schmuck des Alls, von der Weltenordnung des Universums. Aber die Grenzen dieses Wissens und Gefühls sind beschränkt. Alle jene Sterne, deren Gruppenbewegung wir verfolgt, sind unsere Nachbarwelten, sind Glieder jenes kleinen im Ring der Milchstraße verschwindend kleinen Haufens, in dessen Mitte unsere Sonne sich befindet. Was wir über die Bewegung dieser helleren Sterne erfahren, betrifft immer nur das Leben dieser kleinen Sternenfamilie von einigen hundert Sternen und nicht den großen millionenzähligen Sonnenstrom der Milchstraße. Um die allgemeine Sternbewegung im System der Milchstraße zu ergründen, müßten wir die Ortsverschiebung all jener unzähligen kleinsten und feinsten Lichtpünktchen, deren Herschel Tausende auf dem Raum einer Vollmondscheibe zählte, erforschen, müßten wir den Sternort jedes dieser Sonnenfünkchen, deren Gesamtlicht uns als Milchschimmer entgegendämmert, aufs genaueste bestimmen. Ein aussichtsloses Unternehmen! Welcher Menschenfleiß könnte diese Scharen bannen? Eine Armee von Astronomen müßte dieser Riesenarbeit ihr Leben opfern. Ganze Batterien von Teleskopen müßten gegen die Milchstraße aufgefahren werden. Und auch dann wäre es unmöglich, sich mit Menschensinnen ohne Irren zurechtzufinden in dem Lichtgeflimmer dieser dichtgedrängten Legionen. Wer kann die Tropfen zählen, die aus Wolken fallen, wer die Flocken berechnen, die im Schneegestöber wirbeln? Der Mensch hätte bedingungslos auf die Erfüllung dieses Wunsches verzichten müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, der Erfindung des Fernrohrs, das ihm diese Wunder enthüllte, eine zweite hinzuzufügen, die ihm diese Wunder festhielt: die Photographie.

Die photographische Kamera kann man das dritte Auge der Menschheit nennen. Sie ist ein echtes Auge. Sie besteht aus einem Augenkasten, der wie der menschliche Augapfel schwarz ausgekleidet ist, einer Linse wie die menschliche Linse und einer lichtempfindlichen Tapete wie die Netzhaut unseres Augenhintergrundes. Genau wie das menschliche Auge stellt sich dieses dritte Auge ein auf nah und fern. Aber es übertrifft das Menschenauge in der verschiedensten Weise. Das menschliche Auge besitzt nur einen Momentverschluß. Es nimmt nur Augenblicksbilder von jedem Punkt auf. Bei scharfer Einstellung auf einen Punkt ermüdet es nach wenigen Augenblicken und liefert nunmehr nur noch verschwommene Bilder. Das photographische Auge arbeitet mit Zeitaufnahmen. Es sieht 10 Minuten, 10 Stunden. Je länger es offen steht, desto mehr sieht es. Es blickt 5 Tausendstel Sekunden hin und sieht die 20 hellsten Sterne erster Größe. Es blickt 10 Tausendstel Sekunden und sieht die 50 Sterne 2. Größe. Es schaut 30 Tausendstel Sekunden und erblickt 200 Sterne 3. Größe. Es öffnet sich 1 Zehntel Sekunde und bannt 600 Sterne 4. Größe auf seine künstliche Netzhaut. Nach 2 Zehntel Sekunden gibt es uns das Bild von 1200 Sternen 5. Größe und nach 5 Zehntel Sekunden das von 4000 Sternen 6. Größe. Wir sind an die Grenze dessen gelangt, was das menschliche Auge unbewaffnet sieht. Eine Sekunde braucht das photographische Auge, um die Sterne 7. Größe, 3 Sekunden, um die der 8. Größe, 8 Sekunden, um die der 9., 20 Sekunden, um die Sterne 10. und 30 Sekunden, um die Sterne 11. Größe, die in der Entfernung von 1000 Lichtjahren leuchten, festzuhalten. Nach 2 Minuten sieht es alle Sterne der 12., nach 5 Minuten alle Sonnen 13. Klasse. In 13 Minuten hat es 44 Millionen Sterne 14. Klasse erfaßt, in 33 Minuten 134 Millionen 15. und in 80 Minuten 400 Millionen Sterne 16. Größe. Die drei Bilder der Abb. 12 illustrieren die Sehkraft des photographischen Auges. Das unbewaffnete Auge sieht an dieser Stelle nur den Stern Deneb*. Im Fernrohr nimmt es noch die Sterne des oberen Feldes wahr, die photographische Platte erblickt in vier Stunden die Sterne des mittleren und in 13 Stunden die Sterne des unteren Feldes.

Da die photographische Platte außerdem im Gegensatz zum menschlichen Auge für die unsichtbaren ultravioletten Strahlen sehr empfindlich ist, sieht die Camera obscura Tausende von Sternen ultravioletter Farbe, die das Menschenauge selbst in phantastisch großen Teleskopen nie erblicken könnte.

Das photographische Auge sieht also mehr. Es sieht aber auch ohne Fehler. Es fälscht nicht wie der menschliche Sehapparat. Wenn ein Astronom einen Sternort bestimmt, muß er das Bild von seiner Netzhaut in die Sehsphäre des Großhirns, von hier ins Muskelerregungszentrum leiten, von hier durch die Nervenbahnen des Rückenmarks in die Handmuskeln schicken, die das Bild des Sternes in ein vorgedrucktes Netz eintragen. Wieviel Fehler können und müssen sich auf diesem mehrfachen Schaltweg einschleichen? Das photographische Auge kennt keine Umschaltung. Es vereinigt auf seiner Netzhaut Sehen, Erfassen und Zeichnen. Was es sieht, hat es schon erfaßt, und was es erfaßt hat, ist schon in seinem Bilde eingezeichnet. Es hält das Bild da fest, wo es physikalisch in Wirklichkeit erscheint. Jedes Pünktchen, und sei es das kleinste, steht an seiner Stelle und keinen Deut daneben.

Das photographische Auge arbeitet schneller. In einer Stunde entwirft es eine Himmelskarte, zu deren Anfertigung ein Astronom ein Jahr gebraucht. Während nämlich das menschliche Auge zu einer Zeit nur eine Stelle scharf erkennen kann, das menschliche Hirn nur eine Ortsbestimmung übernehmen, die menschliche Hand nur eine Sternzeichnung ausführen kann, sieht das photographische Auge zu gleicher Zeit 1000 Sterne und zeichnet alle 1000 in Sekunden auf die Platte ein. Jedes Bromsilberkörnchen in der Gelatineschicht einer Platte ist ein Auge, ein Hirn, eine Hand für sich, ist ein Mensch, der für uns sieht, denkt und zeichnet, und eine einzige unscheinbare gelbe Platte ersetzt die Arbeitskraft einer ganzen Warte. Die Photographie hat durch den automatisch technischen Betrieb das Maschinentempo in die Himmelsforschung eingeführt.

Das photographische Auge besitzt eine grenzenlose Erinnerung. Während der Eindruck eines Bildes auf der menschlichen Netzhaut verblaßt, sobald der Lidverschluß sich senkt, und von nun an immer mehr verwischt, so daß ein Bild, das nicht sofort übertragen wird, schon nach Minuten für alle Zeit verloren ist, bewahrt die photographische Platte den Eindruck des Moments für alle Zukunft. Was es in der Nacht gesehen, enthüllt das photographische Auge am Tage, was es in den Tropen erschaut, erzählt es ohne einen Schattenhauch zu lügen nach einem Jahr in London und Paris. Ehedem mußte der Astronom in Nacht und Kälte an dem Fernrohr sitzen, Stern für Stern aufsuchen, einstellen, ausmessen, berechnen und einzeichnen. An einem anderen Abend mußte er diese Arbeit genau so wiederholen, um die Ergebnisse zu kontrollieren und bei Entdeckung von Fehlern zum dritten Male ausführen. Und heute? Am hellen Tage bei Wolkenhimmel und Nebelatmosphäre werden alle Vorbereitungen für eine Sternphotographie erledigt. Man erwartet die Nacht, prüft den Stand des Rohres, ein Hebeldruck, das photographische Auge öffnet sich, blickt stumm in Finsternis, die Menschenaugen nichts enthüllt, stumm schließt es sich – tausend Sterne sind fixiert.

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Abb. 12. Die Gegend des Sternes Deneb, wie sie sich 1. dem Auge. 2. der photographischen Platte nach vier Stunden, 3. nach 13 Stunden offenbart.

Nur dem photographischen Auge verdanken wir die Erfüllung eines Wunsches, der vor 100 Jahren einem Herschel und selbst vor 50 noch einem Argelander als märchenhafter Traum erscheinen mußte und für die Milchstraßenforschung ein Ereignis ersten Ranges bedeutet: die Anfertigung einer Himmelskarte, in der alle Sterne bis zu den kleinsten hinab aufs genaueste eingezeichnet sind. Im Jahre 1887 trat in Paris ein internationaler Astronomenkongreß zusammen, der die Ausführung einer photographischen Himmelskarte beschloß. Die Aufgabe, nach festgelegten Grundsätzen mit einem bestimmten Instrument den ganzen Himmel photographisch aufzunehmen, wurde verteilt unter die Sternwarten Greenwich, Oxford, Helsingfors, Potsdam, Paris, San Fernando, Tacubaya, Perth, Kapstadt, Sidney, Melbourne, Santiago, Hyderabad, Kordoba und La Plata. Jede Sternwarte hatte eine Himmelszone zu photographieren und zwar in zwei Serien. Sie hat 1200 Aufnahmen von 5 Minuten und 1200 von 50 Minuten Belichtungsdauer anzufertigen. Die kurzen Aufnahmen, die 400 000 Sterne bis zur 11. Größe festhalten, werden zu einem Katalog vereinigt, die langen Aufnahmen, die über 3 Millionen Sterne fixieren, sind für einen Himmelsatlas bestimmt. Jede Platte umfaßt den 10 313. Teil des Himmels. Dadurch, daß die Ecke jeder folgenden Platte mit dem Mittelpunkt der vorhergehenden zusammenfällt, ist jeder Stern auf zwei verschiedenen Platten aufzufinden, wodurch vorkommende Plattenfehler aufgedeckt und ausgeschaltet werden. Im ganzen werden 40 000 Platten angefertigt, die in Paris gesammelt und mit besonderen Meßapparaten ausgemessen werden.

Gerade in unseren Tagen geht dieses Gigantenwerk seiner Vollendung entgegen. Nicht das Werk eines Mannes, nicht die Tat eines Volkes, nicht die Leistung eines Kontinents, hier wird ein Menschheitswerk vollbracht. Länder überbrücken ihre Grenzen, Völker reichen sich die Hände, Antipoden grüßen sich. Über den Dächern von Paris, in den Ebenen Schottlands, an Spaniens südlichster Küste, am Kap der guten Hoffnung, am Abhang des südamerikanischen Hochgebirges, auf den Mauern indischer Festen, an den Küsten des 5. Erdteils in der Südsee – überall richten sich die Rohre gegen den Himmel, öffnen sich die stummen Augen der Camera obscura, und ihr Blick bannt auf die gläserne Netzhaut für alle Zeit das Bild der Sterne, wie es sich der Menschheit um die Wende des 20. Jahrhunderts darbot. Schon der Geist, der über diesem internationalen Friedenswerke liegt, ist erhebend, und um seinetwillen ist es die Mühe wert. Menschen, die sich nie gesehen, nie voneinander gehört, ihre Sprache nicht verstehen, einen sich zu gemeinsamem Tun, dienen einer Idee; widmen ihre Arbeitskraft, ihre Lebensideale einem Werk, an das sich nie der Name derer knüpft, die es verwirklicht, von dem die Schaffer nicht einmal den Lohn genießen werden. Denn die photographische Himmelskarte ist ein Werk der Zukunft. Die Astronomen, die heute den Himmel photographieren, handeln selbstlos wie jener Greis, der Bäume pflanzte, damit die Enkel Schatten und Früchte genießen. Sie selbst pflücken nicht die Früchte ihrer Arbeit. Aber die Saat, die sie ausstreuen, verheißt den Enkeln eine reiche Ernte. In 50 Jahren nämlich wird man die photographische Himmelskarte wiederholen, und dann wird jede noch so geringe Verschiebung auch der kleinsten und letzten Sternchen aufs genaueste festgestellt werden. Nach der Neuauflage der internationalen Himmelskarte in einem halben Jahrhundert wird man die Eigenbewegungen nicht von hundert, sondern von 100 000 Sternen feststellen können, und einen, wenn auch infolge der kurzen Zeitspanne nur allgemeinen, so doch umfassenden Einblick in das Wesen der Sternbewegungen innerhalb der Milchstraße gewinnen.

Bei aller Großartigkeit gibt uns die photographische Maßmethode doch nur ein einseitiges Bild von den Bewegungen im Weltall. Sie unterrichtet uns nur über die seitlichen Verschiebungen der Sterne in der Bildfläche, über die Sternbewegungen in der Bildtiefe, in der Blickrichtung gibt sie uns keinen Aufschluß. Der einfache Verstand kann sich keine einzige Methode ausdenken, die uns über die Annäherung oder die Entfernung der Sterne Aufschluß zu geben vermöchte. Jeder dieser Sterne ist ein Pünktchen, seit Jahrtausenden unverändert, und er müßte um ein Zehntel, um ein Viertel, um die Hälfte seines ungeheuren Abstandes näher oder weiter rücken, müßte also in viel tausend Jahren phantastisch große Strecken zurücklegen, ehe wir an der Zu- oder Abnahme seiner Helligkeit die Richtung seiner Bewegung erkennen könnten. Und wenn wir selbst durch irgendeinen wunderbaren Apparat die Richtung dieser Bewegung in kurzer Zeit feststellen, könnten wir jemals hoffen, die Geschwindigkeit dieser Bewegung zu erfahren? Könnten wir nicht eher glauben, daß die Träume Jules Vernes von der Mondfahrt und der Reise ins Zentrum der Erde Wahrheit würden, als daß wir sagen können, der Sirius nähert sich uns in jeder Sekunde um 7 km, Aldebaran dagegen entfernt sich von der Erde mit einer Sekundeneile von 50 km? Müßten dazu nicht Märchen Wahrheit werden?

Diese Märchen sind Wahrheit geworden. Zwar kümmert sich die große Welt nicht um diese Wunder, weiß nichts von ihnen. Seit jeher war es so der Lauf der Dinge, daß Marktgeschrei und Tagessensation die Menschen locken. Vor einem neuen Gauklertrick jauchzt das Parterre, vor einem neuen Lichteffekt staut sich die Menge, ein neuer Sportrekord begeistert das Publikum, und das Wunder sucht man in Bühnenromantik und am Spiritistentisch. Einen altrömischen König nicht zu kennen, die Jahreszahl eines Kreuzzuges nicht zu wissen, den Roman des neuesten Tagesdichters nicht gelesen zu haben, schämt sich der »Gebildete«. Aber am wahren Wissen, an den wahren Wundern geht die Welt vorüber. Denn die wahren Wunder sind stumm und bescheiden.

Das Fernrohr ist die künstliche Linse, die photographische Platte die künstliche Netzhaut der Menschheit. Sie sind nichts anderes als Verbesserungen unseres natürlichen Sehapparates. Sie erschließen uns nichts neues, unbekanntes, sondern verstärken nur die beiden Grundfähigkeiten unseres Auges: mit der Linse Licht zu sammeln und ein Bild zu entwerfen, mit der Netzhaut dieses Bild aufzunehmen und festzuhalten. Das dritte Instrument des Astronomen aber bereichert uns um eine ganz neue Anschauungsmöglichkeit, es schenkt uns ein neues Organ, gleichsam einen sechsten Sinn. Es eröffnet uns eine ganz neue Welt, sozusagen eine vierte Dimension. Dieses neue Weltbetrachtungsorgan ist das Prisma.

Jeder kennt das Prisma oder den Dreikant. Zu Dutzenden hängt es an den alten Kronleuchtern und hat uns schon als Kind Freude gemacht durch die Buntheit seiner Lichter. Jede geschliffene Spiegelkante ist ein Prisma. Der Kristallschliff unserer Vasen und Schalen zerlegt die glatte Glasfläche in lauter kleine Prismen. Jeder Diamant ist in seinem Schliff ein vielfaches Prisma.

Das Prisma ist das Gegenteil der Linse. Die Linse ist rund, glatt und strebt nach Breite und Wölbung. Das Prisma ist eben, eckig und strebt nach Kante und Spitze. Die Linse sammelt das Licht zu einem Punkt, das Prisma breitet es aus zu einem Band. Wenn man den Lichtstrahl mit einem Zentimeterband vergleicht, so kann man sagen: die Linse rollt dieses Band zusammen, das Prisma rollt es auseinander. Diese Fähigkeit des Prismas, Lichtbündel bandartig zu entfalten, ist den Organismen fremd. Wenn es Menschen gäbe, die Fernrohrlinsen in den Augen und photographische Platten als Netzhaut trügen, so würden sie die Welt genau so sehen wie wir. Wenn es aber Menschen gäbe mit Prismen statt Linsen im Auge, so würden sie ein völlig neues Bild der Welt erhalten. Sie würden alle Dinge statt verkleinert und zu Bildern zusammengedrängt, auseinandergezerrt und zu bunten Bändern entfächert sehen. Welch anderes und doch auch wiederum naturgetreue Bild würden jene Wesen mit Prismenaugen von der Welt erhalten! Wie anders würden sie die Welt erforschen und beurteilen!

Da wir von Natur aus nicht gewohnt sind, mit Prismen statt mit Linsen zu sehen, so sind uns seine Eigenschaften nicht so vertraut und ohne gewisse Vorkenntnisse über die Natur des Lichtes nicht verständlich. Das Licht fassen wir als eine Wellenbewegung des Weltäthers auf. Der Weltäther ist ein unendlich feiner Stoff mit einzigartigen Eigenschaften, der das ganze Weltall von den kleinsten Zwischenräumen zwischen den einzelnen Atomen bis zu den Räumen zwischen den Sternen ausfüllt. Entsprechend seiner Feinheit – er soll 15 Trillionen mal leichter sein als die Luft, – pflanzen sich die Wellen dieses Äthers unvorstellbar schnell fort, und zwar mit der Geschwindigkeit von 300 000 km in der Sekunde. Aber nicht alle Lichtwellen sind gleich lang. So wie ein großer Dampfer größere Wasserwellen von sich wirft als ein kleiner, wie eine Kanone größere Luftwellen aussendet als eine Pistole, so senden die schwingenden Moleküle und Atome je nach ihrer Größe Ätherwellen von verschiedener Länge aus. Die Röntgenröhre erzeugt Ätherwellen von ein Zehnmilliontstel mm, die Röntgenstrahlen, die infolge ihrer Kleinheit die meisten Stoffe durchdringen. Der Telefunkenapparat entsendet Ätherwellen von 5 km Länge, die infolge ihrer Größe über den ganzen Erdball schwingen. Da alle Ätherwellen unabhängig von ihrer Länge in der Sekunde 300 000 km zurücklegen, schwingen die langen in der Sekunde nicht so häufig wie die kurzen, so wie ein Mensch mit langen Beinen nicht so viel Schritte zu machen braucht wie ein ebenso schnell laufender mit kurzen Beinen. Es folgen sich in der Sekunde nur 60 000 telegraphische Wellen, dagegen viele Tausend Billionen Röntgenwellen. Wir können nur einen ganz bestimmten Teil von Ätherwellen direkt wahrnehmen. Wir empfinden nur Ätherwellen zwischen 100 und 1000 Billionen Schwingungen in der Sekunde, die erste Hälfte davon als Wärme, die zweite Hälfte davon als Licht, und zwar als

rotÄtherwellen von700millionstelmmLänge mit450BillionenWellen

orange" "600""" "500""

gelb" "550""" "550""

grün" "500""" "600""

blau" "475""" "650""

indigo" "425""" "700""

violett" "400""" "775""

Diese Ätherwellen werden von den schwingenden Atomen und Molekülen der leuchtenden Körper erzeugt. Die schwingenden Atome eines glühenden Sternes schlagen den Weltäther, wie Mühlräder oder Schiffsschaufeln Wasser in Wellen von sich schlagen. Diese Wellen pflanzen sich im Weltäther des Weltraumes fort, gelangen in unsere Atmosphäre, und wir empfinden sie als das Licht des Sternes. Von der Geschwindigkeit der Atomumdrehungen, von der Zahl und Länge der Wellen hängt die Farbe eines Körpers ab. Schwingt eine Atomart z. B. das Natriumatom allein in ungestörtem Rhythmus, so erzeugt sie eine Ätherwellenart von bestimmter Größe und Zahl und zwar 550 Billionen in der Sekunde, also gelb erscheinende Wellen. Natriumlicht ist gelb. Die Ätherwelle der Kaliumatome erscheint rot, der Indiumatome blau usf. Schwingen dagegen die Atome verschiedener Stoffe mit verschiedenem Rhythmus durcheinander, so laufen diese verschiedenen Ätherwellen neben- und durcheinander her, und es entsteht kein reiner Rhythmus, keine reine Farbe, sondern ein Gemisch von verschiedenen Farben: weiß. Das weiße Licht ist gemischtes Licht und verhält sich zu den einzelnen Farben wie ein vielstimmiges Geräusch zu den einzelnen Tönen. Die Sterne senden gemischtes Licht aus. Treffen Ätherwellen nun ein Prisma, so werden sie von diesem abgelenkt, weil das Glas des Prismas für Ätherwellen ein ähnliches Hindernis bildet wie etwa ein Wehr für Wasserwellen oder ein Sandhaufen für einen Fußgänger. Aber das Prisma hält nicht alle Ätherwellen gleichmäßig auf, sondern lenkt natürlich die großen und kräftigen Ätherwellen weniger ab als die kleinen und schwachen, wie eine Klippe im Meer die großen Wellen weniger stört als die kleinen. Kommt also ein schmales Bündel Sternenlicht, das alle Wellenarten enthält, durch ein Prisma, so lenkt dieses die einzelnen Wellenarten nach ihrer Länge geordnet, die längsten roten am wenigsten, die kürzesten violetten am stärksten von ihrem Wege ab und breitet so das weiße Lichtbündel, in dem alle diese Strahlen zusammenlaufen zu einem Band auseinander, in dem die einzelnen Wellenarten, d. h. Farben nach Wellenlänge sortiert nebeneinander erscheinen. Solch ein Farbenband, das die Farben rot, orange, gelb, grün, blau, indigo, violett nebeneinander enthält, nennt man Spektrum (Abb. 13). Über einem solchen Spektrum, das jedermann vom Anblick des Regenbogens kennt, kann man eine Skala anbringen, die die Anzahl der Ätherwellen an den einzelnen Punkten des Spektrums anzeigt. Am roten Ende steht dann die Zahl 450 (Billionen), über dem orange 500, an der Grenze zwischen grün und blau 600, am violetten Ende die Zahl 800. Man weiß dann, an dem Teilstrich 800 des Spektrums treffen in der Sekunde 800 Billionen Ätherwellen ein, die die Farbenempfindung violett in uns hervorrufen, an dem Teilstrich 500 500 Billionen Wellen, die orangefarben erscheinen.

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Abb. 13. Entstehung eines Spektrums bei Durchgang eines Lichtbündels durch ein Prisma.

Bewegt sich nun eine Lichtquelle mit großer Geschwindigkeit auf uns zu, so treffen uns natürlich in der Sekunde mehr Ätherwellen, entfernt sie sich von uns, so nimmt die Zahl der Wellen in der Sekunde ab. Steht ein Stern im Raum still, und entrollen wir durch ein Prisma sein Licht zu einem Spektrum, so werden an dem Teilstrich 600 unserer Skala in der Sekunde 600 Billionen Wellen in der Sekunde eintreffen. Es wird hier die Grenze zwischen grün und blau liegen. Nähert sich uns dieser Stern mit einer gewissen Geschwindigkeit, so treffen statt 600 Billionen 650 Billionen Ätherwellen ein, diese Stelle des Spektrums erscheint blau. Entfernt sich dieser Stern, so kommen nur 550 Billionen Ätherwellen in der Sekunde an und diese Stelle erscheint grün. Genau so ändert sich natürlich das Spektrum in allen seinen anderen Teilen. Bei Annäherung der Lichtquelle wandelt sich das Rot in Orange, das Gelb in Grün, das Blau in Indigo und dieses in Violett um. Bei Annäherung der Lichtquelle verschiebt sich das ganze Spektrum im Vergleich zum Farbenband eines ruhenden Körpers nach der Seite des Violett, bei Entfernung der Lichtquelle verschiebt es sich umgekehrt nach dem roten Ende. Aus der Größe dieser Verschiebung, die in Wahrheit natürlich nur mikroskopisch wahrnehmbar ist, läßt sich die Geschwindigkeit selbst der fernsten Sterne bis auf ½ km Genauigkeit für die Sekundenbewegung in der Blickrichtung bestimmen (Abb. 14).

Die Anwendung dieser einfach erscheinenden Methode ist in der Praxis äußerst kompliziert. Das Prisma wird in einen Apparat eingebaut, den man Spektroskop nennt. Dieser wird an ein Fernrohr angeschlossen. Um das winzige Spektrum breit auseinanderzuziehen, schaltet man eine ganze Reihe von Prismen hintereinander, von denen jedes folgende das Spektrum des vorhergehenden wieder verbreitert. In neuester Zeit verwendet man an Stelle der Prismen die wirkungsvolleren Beugungsgitter, Spiegel mit feinsten eingeschliffenen Querstrichen, die so eng zusammenstehen, daß 600 von ihnen zwischen 2 Millimeterstrichen nebeneinander laufen. Diese Rowlandschen Konkavgitter stellen sozusagen Tausende kleinster Prismen nebeneinander vor. Das Spektrum wird nicht mit dem Auge betrachtet, sondern photographiert. Das photographische Spektroskop nennt man Spektrograph. Die Photographie wird mit besonders eingerichteten Mikroskopen durchmustert. Neben der Genauigkeit und Arbeitsersparnis deckt die Photographie, da das Bromsilber für die unsichtbaren ultravioletten Strahlen sehr empfindlich ist, noch jene ultravioletten Teile des Spektrums jenseits des violetten Endes auf, die das Auge nicht mehr wahrnimmt. Dagegen ist die photographische Platte für die langwelligen unsichtbaren ultraroten Strahlen jenseits des roten Spektralendes nicht empfindlich. Aber diese Strahlen erzeugen weit über die Grenze der Sichtbarkeit hinaus noch Wärme. Diese Wärme wird mit einem thermoelektrischen Apparat des Amerikaners Langley gemessen, dem Bolometer. Dieser Apparat registriert Temperaturunterschiede von ein Zehnmillionstel Grad Celsius. Also während ein gewöhnliches Thermometer um einen einzigen Grad ohne Zwischenstufe steigt, kann das Bolometer auf dieser Strecke an 10 Millionen verschiedenen Punkten haltmachen. Ja, selbst Schwankungen von ein Hundertmillionstel Grad ergeben am Bolometer noch einen nachweisbaren Ausschlag des Zeigers. Das Bolometer hat »im dunklen Reich des Lichts« Entdeckungen gemacht, wie sie in ähnlicher Feinheit selbst Auge und Photographie im sichtbaren Teile des Spektrums nicht erreichen können. Mit dem Bolometer erwies sich der unsichtbare Teil des Spektrums jenseits des Rot um 20mal länger als der sichtbare! Mit Hilfe dieser »Spektroskopie« kann man die Bewegungsgeschwindigkeit der Sterne auf uns zu und von uns weg aufs genaueste berechnen. Die Fehlergröße beträgt selbst bei Sternen, die 100 Lichtjahre von uns entfernt sind, noch nicht 1 km. Man bedenke: wir sehen über uns am Himmelsgrund kleine Pünktchen, die sich selbst im größten Fernrohr nicht verändern. Seit Menschengedenken stehen diese Pünktchen angeheftet an ihrem Himmelsplatz wie aufgehängte Lampen. Wir wissen nun nicht nur, daß diese Pünktchen Sonnen sind wie unsere Sonne, daß sie 100 Lichtjahre von uns entfernt sind, von Planeten umkreist werden wie unsere Sonne, nein, wir richten unser Rohr auf solch einen Punkt, stellen einen Prismenapparat an sein Okular und schrauben an das untere Ende eine photographische Kamera. Wir öffnen den Lichtschlitz, schließen ihn nach einer Weile wieder, gehen mit einer verschlossenen Kassette in ein Dunkelzimmer, tauchen eine gelbe Glasplatte in ein Bad, legen sie unter ein Mikroskop und sagen: diese Sonne in 100 Lichtjahren Entfernung bewegt sich auf uns zu mit einer Sekundengeschwindigkeit von 23 km. Wir sind bereit zu schwören, daß es nicht 30 und nicht 20 sind, sondern 23. Ist der Mensch nicht auch ein Wunder, den größten Wundern des Weltalls ebenbürtig?

Illustration from Die Milchstraße

Abb. 14. Verschiebung der Spektrallinien eines Sternes bei (oben) 38, (unten) 72 km Entfernung in der Sekunde. Man erkennt deutlich, wie die Linien gegen das Spektrum des ruhenden Eisens (die weißen Linien an den Rändern) nach rechts verschoben sind.

Die spektroskopischen Untersuchungen haben auch bei diesen Sternbewegungen die Einheit des Milchstraßensystem glänzend bewiesen. Sämtliche Sterngeschwindigkeiten schwanken innerhalb kleiner Grenzen. Es gibt im System der Milchstraße keine gesetzlosen Ausnahmen. Phantastische Sonnengeschwindigkeiten, die etwa der Lichteile gleichkommen, sind in ihm ebensowenig zu finden wie Stillstand, größere Abweichungen vom Mittelwert als das Zehnfache werden kaum gefunden. Im allgemeinen bewegen sich die Sterne mit denselben Schnelligkeiten, die wir an den Welten unseres Planetensystems bemerken. Die Geschwindigkeit des Erdlaufes um die Sonne, 30 km in der Sekunde oder 100 000 km in der Stunde, ist geradezu ein Mittelwert für die Bewegungen der Sterne innerhalb der Milchstraße. Von den bekannten Sternen

entfernen sich von uns:

PolluxSek.-Geschwindigkeit 3 km

Bellatrix"9 "

Rigel"17 "

Beteigeuze"17 "

Sterne d. Jakobstabes

der linke"18 "

der rechte"23 "

Kapella"24 "

Die Hyaden"40 "

Aldebaran"51 "

nähern sich uns:

KastorSek.-Geschwindigkeit1 km

Deneb"2 "

Algol"4 "

Arktur"5 "

Bärenfamilie"6 "

Prokyon"6,5"

Sirius"7,5"

Regulus"9 "

Wega"13 "

Polarstern"13 "

Mizar"31 "

Atair"38 "

Der Gedanke, daß eine gewaltige Sonne wie der Sirius sich uns in jeder Stunde um 25 000 km nähert, übt zuerst einen eigenartig unheimlichen Eindruck aus. In der Phantasie sieht man diesen glühenden Weltball größer und größer werden, zur Scheibe anschwellen, unsere Nacht zum Tag erleuchten, uns mit Wärme überfluten, schließlich das Firmament mit seiner gewaltigen Sonnensphäre füllen und eines Tages, nachdem gewaltige Störungen das ganze Planetensystem ins Schwanken gebracht haben, zerschellt unsere Welt an dem Koloß, und in einem feurigen Rachen versinkt die ganze Herrlichkeit unseres Daseins! Weit gefehlt! Nur der Mensch in seiner eingeborenen Beschränktheit kann sich einem solchen Trugbild hingeben. Selbst der nahe Sirius braucht fast eine Million Jahre, ehe er unseren jetzigen Standpunkt im Weltall erreicht. Aber wenn alles kreist und alles sich bewegt, kann dann die Sonne stille stehen? Ist sie der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, das »Herz des Universums«, wie es Kepler glaubte? Nein, die Sonne ist ein Stern unter Sternen, schwebt dahin mit ihrem ganzen Anhang von Planeten wie alle Sterne:

»Die Sonne tönt in alter Weise in Brudersphären Wettgesang, und ihre vorgeschriebene Reise vollendet sie mit Donnergang.«

Die Sonne bewegt sich mit einer Sekundengeschwindigkeit von ungefähr 29 km durch den Weltraum, und wenn der Sirius in 1 Million Jahren jene Stelle passiert, an der wir uns jetzt befinden, ist die Sonne um 600 Billionen km, um 60 Lichtjahre von ihrem heutigen Standort entfernt. Unser Sonnensystem fliegt durch den Weltraum! Während wir uns auf der Erdkugel um die Erdachse bewegen und durch diese Drehung im Lauf von 24 Stunden aus der Sonnenseite in die Schattenhälfte herumrollen (Tag und Nacht), und während wir mit einer Sekundengeschwindigkeit von 30 km in gewaltiger Bahn um die Sonne kreisen und durch die Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter rollen, fliegt unser ganzes System von der Sonne bis zum Neptun mit all seinem Inhalt durch den Weltraum.

Wir stehen im Sonnenschein auf dem Deck eines Schiffes und spielen mit einem Kreisel. Dieser Kreisel ist die Erde. Er dreht sich rasch um seine eigene Achse, jeder Punkt seiner Oberfläche läuft bei jeder Drehung zur Hälfte über die Sonnenseite, zur Hälfte über die abgekehrte Schattenseite. Dies ist das Spiel von Tag und Nacht. Der Kreisel steht aber nicht still an seinem Fleck. In langsamem Lauf beschreibt er große Kreise über den Boden des Decks. Diese Kreise sind der Jahreslauf der Erde um die Sonne. Außerdem fährt das ganze Schiff über das Weltmeer. Das Schiff ist das Sonnensystem, das Weltmeer ist das Weltall. Wie dieses Schiff, so steuert auch das Sonnensystem nicht ziellos durch den Weltraum. Es bewegt sich um das Schwerkraftzentrum des Sternenhaufens, in dessen Innern es sich befindet, gemeinsam mit allen helleren Sternen des Himmels, die diesem Haufen angehören. Die Sonne läuft auf einer Linie, die ungefähr vom Sirius* zur Wega* in der Leier oder dem benachbarten Stern Deneb* im Schwan führt. Welch wundersames Empfinden muß den denkenden Menschen überschleichen, wenn er den hellen Stern Wega betrachtet. Zu ihm ist unsere Sonnenfahrt gerichtet. In jeder Sekunde, da wir ihn anschauen, nähern wir uns ihm um 30 km. Ehe wir diese Seite hinabgelesen haben, sind wir ihm schon um 1000 km nähergerückt, und wenn wir ihn heute abend betrachtet haben, uns niederlegen, morgen unser kurzes Tagewerk verrichten und ihn des Abends wieder anschauen, so sind wir ihm in diesen 24 Stunden um 2 Millionen km näher gekommen. Tag für Tag zwei Millionen Kilometer, und dabei steht sein Bild seit Jahrtausenden unverrückt, als gäbe es keine Bewegung im All! Täglich 2 Millionen km! Das sind die Pendelschläge der großen Weltuhr, auf der die Tage Sekunden, die Jahre Minuten, Jahrhunderte die Stunden und Jahrtausende die Tage sind. Empfand nicht schon der biblische Sänger diesen Rhythmus des Weltenlaufs, als er die Worte sprach: »Und tausend Jahre sind vor ihm als wie ein Tag«?

Notes in this chapter

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