Note 123 — Anmerkungen.
Reading edition
Das Zeitw. schurele findet sich nur vereinzelt ohne weiteren Zusatz gebraucht, nämlich für „begatten“ oder „erzeugen“ (wozu der Gebrauch des Hauptw. Schure für „männliches Glied“ paßt), dagegen versieht es in Zusammensetzgn. die Funktion einer Art von Aushilfszeitw. (vgl. Wittichs „Einleitung“, S. 24 und meine „Vorbemerkung“, S. 16, Anm. 40). So bedeutet z. B. abschurele (außer „abbiegen“) noch: abbinden, ablesen, abmähen, abpflücken, abputzen, abreißen, abschirren, abschneiden, absondern, abwischen und abziehen; ferner anschurele: anbinden, anblasen, anfangen, anhalten, anschneiden; aufschurele: aufbewahren, aufbrechen, aufdecken, aufheben, aufladen, auflesen, aufmachen, aufsuchen; ausschurele: ausbürsten, ausfragen, ausrechnen; einschurele: einblasen, einbrechen, einfangen, einfüllen, eingeben, einschneiden, einschnüren, einschütten, einspannen. Zur Etymologie: Das Zeitw. ist offenbar eine (aus den sonstigen Geheimsprachen mir nicht bekannte) Ableitung des Hauptworts Schure, über dessen Gebrauch als Aushilfswort für die verschiedensten Begriffe, für die es im Jenischen an besonderen Bezeichnungen fehlt, schon in meiner „Vorbemerkung“ (S. 16) und in Wittichs „Einleitung“ (S. 24) kurz die Rede gewesen. Hier folgt nun eine genaue Aufzählung der einzelnen Fälle. Schure im allgem. = „Ding“ (ursprüngl. wohl [wie Sore] = „Ware“, obwohl es im Vokabular unter diesem Worte fehlt) kommt vor: a) für sich allein (ohne Zusatz), zunächst: α) für mancherlei Sachen (unbelebte Dinge), nämlich: Acker, Angel, Bindfaden, Brecheisen, Brei, Bremse, Brücke, Buch, Bürste, Decke, Deckel, Deichsel, Dorn, Dose, Draht, Eimer, Eis, Eisen, Faden, Fahne, Falle, Gitarre, Gürtel, Puppe (Docke); vgl. das Dimin. Schurele = Brett; ferner bes. noch β) für gewisse Pflanzen (Gemüse usw.), so: Binsen, Blume, Bohne, Gurke; γ) für den abstrakten Begriff „Eid“; δ) für menschl. Körperteile: Achsel, männliches Glied; ε) für Tiere: Affe, Bock, Bremse (? [s. d.]), Dohle; vgl. das Dimin. Schurele = Eidechse; b) in Zusammensetzungen: α) für Sachen (im w. S.): Sauftschure = Bettuch („Bett[über]züge“), Feberschure = Bleistift, Lehmschure = Brotschrank, Rutscherschure = Bürsten, Kehrbesen, Schmunk-Schure = Butterfaß (Schmalzfaß), Scheischure = Docht, Bich-, Kies- oder Lobeschure = Geldkasse oder -kästen, Begerschure = Gottesacker (Kirchhof), Grab, Gruft, Straubertsschure = Haarnadel, -öl oder Kamm, Dokschure = Hacke, Niklengschure = Harfe, Harmonika, Nikelschure = Klarinette (Nikleschure = Leierkasten), Stöberschure = Obst, Toberichschure = (Tabaks-)Pfeife, Zigarre, Streiflingschure = Strumpfband; β) für einen mehr abstrakt. Begriff, näml. Randeschure = Bauchgrimmen (Bauchweh); vgl. auch die Verbindung grandiche Schure = Reichtum, Überfluß, Vermögen (vgl. auch „vermögend“); γ) für ein Tier: Jahre- oder Kracherschure= Hirsch; δ) für Personen (Berufe): Schoffeleischure = Gerichtsvollzieher (Spr.), Groenikelschure = Sau- (Schweine-)Hirt, Jerusalemsfreundschure = Schafhirt, Schäfer. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): nur Schwäb. Händlerspr. 480, 481 (Schure = Ding, Gegenstand, nur in Wolfach [484] auch = Mund, in Lütz. [215] = Ware). Die gaunersprachl. Quellen, bes. der älteren Zeit, haben dafür meist die Form Sore (s. darüber Näh. unter „Brücke“). Über sonstige Formen sowie über die Etymologie des Wortes (vom hebr. sĕchôrâ = „Handelsverkehr“) s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 241 u. Anm. 1 u. S. 242 (unter „Sorar“).