Die Hexe (continued 2)
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Da in diesem Augenblicke Friedrich Lerch aus der Rentstube daherkam, um seinen Gönner zu begrüßen, benützte dieser die Gelegenheit zu einem Scherze; er rief: „Er kommt gelegen. Er kennt doch die Geschichte von dem Gebetsstuhl, den mir der Herr Baron soeben zum Gebrauch für eine Hochzeit angeboten? So sag Er mir doch, welchen Bescheid Er hätte ergehen lassen, wenn Er Geheimer Rat des durchlauchtigsten Erzkanzlers gewesen wär.“
Friedrich Lerch sah Babette an und entgegnete nach einer Weile: „Wir Johann Karl Friedrich von Gottes Gnaden, des Heiligen Römischen Reiches durch Germanien Erzkanzler und Kurfürst etc. fügen Unserm lieben getreuen Amtmann zu wissen, daß der beklagte Gebetsstuhl in Unserer Pfarrkirche zu Bischofsheim an seinem Platz zu bleiben hat; aber Wir geben ihm den wohlmeinenden Rat, den Vorhang offen zu halten, wenn der Herr Dekan predigt oder das Hochamt zelebriert, und die beklagte Schließung des Vorhangs, die Wir seiner christlichen Demut zugute halten wollen, für die Predigten und stillen Messen der Vikare und Kapläne zu versparen —“
Der Ratsherr lachte: „Er hat etwas gelernt! Er wird Sein Glück an einem Hof machen.“
Doch da mischte sich Babette ins Gespräch: „Und wie haben wir uns im Betstuhl zu verhalten?“
Der Frankenthaler Ratsherr entgegnete: „Die Jungfer wird nie das Gelüsten haben, den Vorhang zuzuziehen; denn die Frauenzimmer wollen auch beim Beten gesehen werden.“
Babette knickste und ergriff die Hand ihres Liebsten, um mit der Gesellschaft den Gang in die Kirche anzutreten, wo der Betstuhl in seiner funkelnagelneuen Pracht mitten in dem Hauptgang vor dem Chore stand. —
Christopher Kemmeter kam erst nach einer vollen Woche mit einem Hochzeitssträußchen an seinem Roquelaure und einem verschmitzten Gesicht heim. Er sprach zuerst bei der Margret Hippler vor, die wie sonst mit friedlichem Gesicht an ihrem Spinnrad saß, und erzählte dann in der Trinkstube und im Geheimen Rat, daß er in der Stadt der heiligen Lioba zwar auch einen festen, runden Hexenturm, aber keine Hexe darin gefunden habe, da die Hexen im Taubergrunde gründlich ausgestorben seien.
Friedrich Lerch half dem kurmainzischen Amtmann Collenberg eine Zeitlang bei dessen Amtsgeschäften, und später, als der Graf Stadion den Junker Emmerich als Rat des Erzkanzlers nach Mainz zog, begleitete er den jungen Herrn an den kurfürstlichen Hof, wo er selbst bald darauf eine Stellung als Geheimschreiber fand und durch Josef II. in den Adelsstand erhoben wurde. Babette Glock schenkte ihm ein einziges Töchterchen, das sich im Blütenalter von sechzehn Jahren mit dem Hauptmann Ignaz von Schreckenbach vermählte und sieben Söhne zur Welt brachte, die nach Wien gerieten und da in kaiserliche Dienste traten. Sie hatten alle sieben das Gemüt ihrer Großmutter geerbt, und wenn es heute unter den vielgepriesenen Wienerinnen noch viele heimliche Hexen gibt, so ist diese Wesenheit gewiß zu einem kleinen Teil auf das Blut der letzten Frankenthaler Hexe zurückzuführen.
Im Insel-Verlag zu Leipzig
erschienen von
Wilhelm Weigand
Die Frankenthaler. Roman. 11.-15. Tausend.
Der Ring. Ein Novellenkreis.
Wendelins Heimkehr. Eine Erzählung aus der Fremdenlegion. (Insel-Bücherei Nr. 167.)
Der verschlossene Garten. Gedichte aus den Jahren 1901-1909.
Könige. Ein Schauspiel in fünf Akten.
Psyches Erwachen. Ein Schauspiel in drei Akten.
Stendhal und Balzac. Essays.
Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig