Erstes Buch (continued 2)
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Sie sah Herrn von Schenna an. Aber der saß ganz still, blinzelte in der Sonne, schwieg. Mutloser noch fuhr sie fort. Es war früher manchmal dagewesen, daß Fürsten, die als Kinder waren verheiratet worden, später feierlich Beilager hielten. Johann hänge so an Zeremonien. Ob Herr von Schenna es für angängig halte, daß sie Johann ein solches Fest vorschlage.
Herr von Schenna ließ eine Weile verstreichen, ehe er antwortete. In die besonnte Stille hinein schrie der Pfau, von unten her aus den tieferen Reben, sehr fern, klang das Geschrei spielender Kinder. Herr von Schenna wußte, daß der junge Herzog anderen Frauen gegenüber durchaus nicht so scheu und blöde war wie Margareten. Behutsam, langsam, merkwürdig sacht hub er endlich an. Wie er den jungen, eigenwilligen, herrschsüchtigen Fürsten kenne, glaube er nicht, daß er einen Gedanken ausführen werde, den ein anderer ihm eingebe. Vielleicht daß sich einmal Gelegenheit biete, ihm den Gedanken so unmerklich beizubringen, daß er ihn für einen eigenen halte. Aber man müsse sehr, sehr vorsichtig sein. Und abwarten.
Dann, froh, abbiegen zu können, wies er auf einen Herrn, der langsam in der prallen Sonne den Weg heraufritt: „Da kommt Berchtold.“
Die Herzogin sehr ehrerbietig grüßend, kam Berchtold von Gufidaun heran. Der stattliche Herr, bräunlich kühnes Gesicht, blaue Augen merkwürdig zu dem dunkeln Haar, war Jakob von Schennas bester Freund. Herr von Schenna pflegte zu sagen: „Er ist zweimal so dumm wie ich, aber zehnmal so anständig.“ Margarete mochte den festen, biederen, sehr ergebenen Mann gern leiden.
Herr von Schenna ließ Wein und Früchte bringen. Es ging gegen Abend, man hielt ein geruhsames Gespräch. In eine Stille hinein fragte plötzlich Margarete: „Sagen Sie, Herr von Gufidaun, Sie kommen doch mit vielen Leuten zusammen, mit Aristokraten, Stadtbürgern, Bauern: wie denkt eigentlich das Volk über mich?“ Der ehrliche Mann, überrumpelt, drückte unbehaglich herum, das Volk liebe und ehre sie geziemend. Schwitzte unter dem klaren, ernsten Blick des Mädchens. Schenna kam dem Verlegenen zu Hilfe. Überall wisse man, wie klug und gewandt sie sei und daß sie das Land vor Habsburg und Wittelsbach gerettet habe.
Margarete fühlte sehr wohl, daß die Vorsicht, die Herr von Schenna ihr riet, sehr am Platz war, mehr als seine Höflichkeit ihr sagte. Aber sie wollte sich das nicht eingestehen. Sie konnte nun nicht länger untätig bleiben und zusehen, wie Johann an ihr vorbeiging. Gut, ihr Gesicht war häßlich, ihre Figur breit, unedel, ohne Reiz. Aber sie war gesund, sie hatte Blut, sie war bereit, tüchtig und berechtigt, Fürstenkinder zu empfangen, zu gebären. Die Männer waren blöde, sie wollten gestoßen sein; sicher war es so. Der Junge kam auf nichts, stieß man ihn nicht an.
Sie fragte ihn, ihre Erregung mühsam bändigend, so beiläufig wie möglich, wann er eigentlich und wo die Feier ihres Beilagers abzuhalten für ratsam halte. Das Kloster Wilten, die Stadt Innsbruck warte darauf. Er schaute sie auf und ab, sein Gesicht verzog sich wütend, spöttisch, gehässig, die Augen wurden ganz klein. Eine Feier auch noch? Er habe sie doch geheiratet. Das sei Feier genug gewesen. Er denke nicht daran, ihr Beilager gar noch feierlich zu begehen. Sie möge gefälligst warten, ihn in Frieden lassen. Er schrie. Die Stimme schlug ihm um. Er lachte knurrend, höhnisch, bösartig. Seine Augen glitten von ihrem harten, kupfernen Haar über den kurzen, plumpen Leib bis zu den Füßen. Er sah aus wie ein tückischer kleiner Affe. Margarete schluckte, wandte sich, ging.
Allein, raste sie, schäumte. Wer war er denn? Wie ein bissiger, häßlicher Köter sah er aus. Wer hätte ihn angeschaut, wäre er nicht Herzog? Und sie hat ihn dazu gemacht. Und muß sich nun – wer hilft ihr? – diese frechste Verhöhnung gefallen lassen. Ist sie darum Herzogin? Wann je war eine Frau so verschmäht und gekränkt wie sie? Sie zerkratzte sich die Brust, ihr armes, häßliches Gesicht. Schäumte, knirschte, knurrte, stöhnte, daß ihre Frauen bestürzt hereinkamen.
Andern Tages war sie eisig umkrustet. Warf sich auf die Politik. Beriet mit Volkmar von Burgstall, Jakob von Schenna, Berchtold von Gufidaun. Markgraf Karl, Johanns älterer Bruder, war auf Reisen am Rhein. Eigentlicher Regent des Landes war, den Herzog Johann klug lenkend, der Bischof Nikolaus von Trient, ehedem Kanzler des Markgrafen in Brünn, Domherr von Olmütz, ein energischer, rasch denkender Herr, den Luxemburgern unbedingt ergeben. Jetzt mischte sich Margarete in jede kleinste Angelegenheit, zwang den Bischof, verbindlich in der Form, aber unnachgiebig, sie an allen Regierungsgeschäften teilnehmen zu lassen. Da sie die eingesessenen Feudalbarone, die dem Luxemburger Prälaten nicht zu großen Einfluß einräumen wollten, auf ihrer Seite hatte, fügte sich der geschmeidige Bischof, Schritt für Schritt weichend.
Den Herzog Johann behandelte sie mit eisiger Höflichkeit, nannte ihn Herr Herzog und mit allen Titeln. Niemals mehr war von Persönlichem zwischen ihnen die Rede. In allen politischen Dingen wurde er beigezogen, aber sie wußte ihn bei aller umständlichen Höflichkeit immer wieder vor den tirolischen Herren als dummen, launischen, kleinen Jungen hinzustellen. Er verzerrte sich vor Zorn; aber wenn er losbrechen wollte, fand er, denn sie hatte sehr klug jede Form gewahrt, erstaunte, mißbilligende Gesichter. Häufig auch traf sie wichtige Maßnahmen selbständig und holte im letzten Augenblick erst seine Zustimmung ein. Sehr geschickt verstand sie seine Einwilligung zu einer leeren Formsache herabzudrücken, ohne daß er, bis aufs Blut gereizt und verärgert, der erstaunt und unschuldig sich Habenden solche Nichtachtung nachweisen konnte.
Die Finanzen des Landes waren besser als unter König Heinrich, aber noch keineswegs gesund. Sie verlangten ein ewiges, vorsichtiges Lavieren und viel Hin und Her. Herzog Johann, der anstrengenden Kleinarbeit müde, berief den Alleshelfer, den er von seinem Vater her kannte, Messer Artese aus Florenz. Unscheinbar, schattenhaft, ungeheuer dienstwillig war der mächtige Bankier mit einemmal auf Schloß Tirol. Selbstverständlich und mit tausend Freuden wird er aushelfen. Er verlangte dafür nur einen ganz, ganz winzigen Gegendienst: die Verpfändung der eben erschlossenen Silberbergwerke.
Herzog Johann war sofort dabei. Margarete, in kluger Berechnung, widersprach nur flüchtig und ohne Nachdruck, ließ ihn ganz sich in den Plan verstricken. Erst als der Plan in allen Einzelheiten ausgearbeitet war, protestierte sie unvermittelt mit größter Entschiedenheit, verweigerte ihre Unterschrift. Johann schwoll an, seine Adern wurden dicke Schlangen. „Der Welsche kriegt die Silberrechte!“ gellte er.
Margarete, bebend vor Triumph: „Er kriegt sie nicht!“
Der Herzog sah rot. Was? Er hat dem Bankier die Silberrechte versprochen und soll es nun nicht halten können? Bloß weil die Hexe, die widerwärtige, scheuselige, die Vettel, nicht mag? „Er kriegt sie! Er kriegt sie!“ und stürzte sich auf sie, schlug sie ins Gesicht, verbiß sich in sie.
Sie, selig, weil sie ihn so tief traf, jubelte, ihre volle Stimme in seine japsende: „Er kriegt sie nicht! Nie kriegt er sie! Nie!“
Keuchend, ohnmächtig sich verzehrend, ließ er von ihr ab.
Margarete schickte Eilboten an den Markgrafen Karl. Mißmutig kam der aus wichtigen Geschäften zurück nach Tirol, als Schiedsrichter. Es war klar, daß Margarete recht hatte; selbstverständlich konnte man die Silberbergwerke dem Florentiner nicht preisgeben. Margarete lenkte klug ein, sparte ihrem Gemahl die offene Niederlage. Aber als sie allein waren, schalt der ältere Bruder den Herzog, daß dem das Mark in den Knochen sich empörte vor Wut.
Der nüchterne, sachliche Markgraf konnte nicht umhin, die Staatsklugheit seiner jungen Schwägerin anzuerkennen. Von Böhmen und Luxemburg aus verbreitete sich der Ruf ihrer diplomatischen Überlegenheit an den europäischen Höfen. Wohl verhandelte man offiziell mit dem Herzog Johann; aber in allen Staatskanzleien wußte man, daß in Wahrheit allein die häßliche junge Herzogin das Land in den Bergen regierte.
Bald nach dem Tod des Königs Heinrich starb auch sehr plötzlich Frau von Flavon, Herrin von Taufers und Velturns. Bei einem Spaziergang mit ihrer jüngsten Tochter, als sie unter Jauchzen und Geschrei Alpenblumen pflückte, stürzte die hübsche, rundliche Dame zu Tod. Die Töchter bestatteten sie unter großer Anteilnahme sehr prunkvoll neben den etwas zweifelhaften Gebeinen, die sie als die Peters von Flavon aus Italien zurückgebracht hatten. Die drei hübschen Fräulein waren in recht bedenklicher Lage. Jetzt, nachdem ihr Protektor, der gute König Heinrich, tot war, erhob der Bischof von Chur seine alten Ansprüche auf ihre westlichen Besitzungen, der Bischof von Brixen forderte mit vielem Grund die Schlösser und Gerichte Taufers und Velturns zurück.
Die drei jungen Damen, blond, lieblich und hilflos, verhandelten hin und her mit den Finanzräten der Bischöfe. Es fanden sich viele, die sich ihrer annahmen; aber gegen die guten, berechtigten Ansprüche der mächtigen Bistümer war schwer aufzukommen. Schließlich gelangte die Sache als an die letzte Instanz an den Hof des Herzogs.
Agnes von Flavon erschien auf Schloß Tirol, tat einen Kniefall vor dem jungen Herzog. Der stand knabenhaft und sehr wichtig vor der Knienden, in dem langen, schmalen Gesicht die Lippen ernsthaft zusammengepreßt. Es streichelte seine Herrschgier, wie das zarte Geschöpf, leicht und schön und wehend unter dem schwarzen Gewand, so ganz verströmend und ergeben vor ihm lag, aus tiefen, blauen Augen fromm und bittend zu ihm aufblickte. So gehörte es sich. So hatte es Gott bestimmt, daß es sei. Mochte die andere, die Häßliche, gegen ihn anbellen. Die da, die Zarte, Liebliche, schönste Frau des Landes, lag vor ihm auf Knien, sah fromm, hingegeben, voll Vertrauen zu ihm auf. Er war sehr gnädig zu ihr.
Agnes machte auch der Herzogin ihre Aufwartung. Margarete widerstand tapfer der Versuchung, über die Schöne zu triumphieren. War huldvoll. Kondolierte in warmen Worten zum Tod der Frau von Flavon. Ihr Vater, König Heinrich, habe ja immer der Familie besonders wohlgewollt, fügte sie undurchdringlich hinzu. Ja, und es sei sehr traurig, daß die Rechtslage, soviel sie höre, so ungünstig sei für die Fräulein. Sie persönlich sei natürlich jederzeit erbötig, aus ihrer Privatschatulle zu helfen.
Agnes hatte sich vorgenommen, Margarete nicht zu reizen. Aber vor diesem undurchsichtigen, doppelt empfindlichen Hohn ging sie durch. Was? Ein Mädchen mit so einem Gesicht und so einem Maul wagte, gegen sie zu sticheln? Und wenn jene die Kaiserin von Rom wäre und sie selber leibeigen, hätte sie dagegen aufbegehrt. Sie schaute sie lange und abschätzig an. Sagte dann, so gar ungünstig scheine es um ihre Sache doch nicht zu stehen. Der Herr Herzog wenigstens habe sich sehr gnädig und tröstlich zu ihr geäußert. Etwas kahl schloß Margarete: nun ja, man werde das Urteil der sachverständigen Herren hören und die Angelegenheit in gnädige Erwägung ziehen.
Bevor Agnes das Schloß verließ, traf sie noch Chretien de Laferte, der ihr in gesetzten Worten kondolierte. Agnes hörte ihn ernst an und erwiderte ihm würdevoll. Er bat, sie auf der Rückreise begleiten zu dürfen. Sie war auch da geziemend melancholisch, unterbrach aber gelegentlich ihre Trauerwürde durch ein spitzbübisch kokettes Scherzwort, den jungen Herrn durch solchen Wechsel tief verwirrend.
Chretiens Stellung am Tiroler Hof war nicht angenehm. Solange der Prinz Johann noch Knabe war, hatte er als ergebener, dienstwilliger Kamerad, der die vielen Verstöße des schwierigen kleinen Prinzen gegen höfische Zucht und Sitte unmerklich besserte und einrenkte, seinen klar umgrenzten Bezirk gehabt. König Johann war überzeugt, man könne keinen taktvolleren Adjutanten für seinen ungezogenen Sohn finden als den hübschen, schlanken, ritterlichen, formvollen und doch so bescheidenen Jungen. Auch Markgraf Karl hielt ihn für den rechten Erzkämmerling seines jüngeren Bruders. Prinz Johann selbst aber hatte seinen offenen, hübschen Kameraden nie recht leiden mögen. Hatte ihn geknufft, mißhandelt, gedemütigt, mit seinen kleinen Wolfsaugen darauf lauernd, ob der geduldige Begleiter nicht einmal rebellieren und Anlaß geben werde, ihn wegzuschicken. Jetzt, seitdem er Herzog war, selbständig und erwachsener, war die Stellung Chretiens noch viel schwieriger geworden. Er hielt sich sehr bescheiden im Hintergrund; wagte er nur den leisesten Rat an den jungen Herzog, so wurde er bösartig und verächtlich zurückgewiesen.
Chretien war jüngerer Sohn eines edlen französischen Hauses, ohne Vermögen, darauf angewiesen, bei Hof sein Glück zu machen. Es hatte für ihn keinen Zweck, seine besten Jahre in Tirol aussichtslos zu versitzen. In den Feldzügen König Johanns hatte er sich brav und tapfer bewährt. Eine Gelegenheit, sich besonders auszuzeichnen, hatte sich ihm nicht geboten. Was sollte er bei diesem jungen, bösartigen Herzog, der ihn immerzu demütigte, ihm jedenfalls nicht gewogen war? Er trug sich mit dem Gedanken, an den Hof König Johanns zurückzukehren oder nach Frankreich zu gehen oder besser noch zum König von Kastilien. In den Kämpfen mit den Mauren war Geld und Ehre zu erwarten.
Margarete hatte dem jungen Ritter lange Zeit keine besonderen Gnadenbeweise mehr gegeben. Erst als sie sah, daß kein Weg mehr war von ihr zu Herzog Johann, begann sie wieder, Chretien zu locken. Übertrug ihm kleine, vertrauliche, diplomatische Sendungen, fragte ihn Unverfängliches, das sie aber durch ihre Betonung bedeutsam machte. Er war zurückhaltend, war voll von Zweifeln, wollte nicht verstehen. Es war ein großer Glücksfall, bei einer Dame von solchem Rang in Gunst zu stehen; aber es war ein zweigesichtiges Glück: man konnte unmöglich für eine so häßliche Frau in die Schranken reiten. Zwar wird niemand wagen, ihm ins Gesicht zu höhnen wie früher; doch er bäumte hoch, wenn er an die feixenden Mienen, die zotigen Bemerkungen in seinem Rücken dachte. Dann wieder hörte er, wie man an allen Höfen voll großer Achtung von ihrer Umsicht und Gescheitheit sprach. Es schmeichelte ihm, daß eine Dame von solchem Urteil gerade ihn erwählte. Sie imponierte ihm, er war ihr dankbar, entzog sich ihr nicht mehr. Er ging auf ihren Ton ein, seine Augen schleierten sich leise, wenn er sie sah, seine Stimme bedeckte sich, wenn er zu ihr sprach.
Einmal – er war nach längerer Abwesenheit zurückgekehrt – meldete er sich bei der Herzogin. Sie war nicht in ihren Zimmern, das dürre Fräulein von Rottenburg führte ihn in einen abgelegenen Teil des abendlichen Gartens. Aus einer Baumgruppe her drang Gesang. Das Hoffräulein legte die Finger an die Lippen, bedeutete ihm, stillezustehen, zu schweigen. Eine warme, volle Stimme sang ein einfaches Lied, jubelte in alle Höhen, schluchzte durch alle Kümmernisse, sehnte sich, dankte, ging durch alle Irrsale. Den jungen Menschen überkam es wie in der Kirche bei einem hohen Fest. Er nahm die Mütze ab. „Die Herzogin?“ flüsterte er, ungläubig. Da kam sie schon den Baumgang herunter. Sie sah das große, bewegte Staunen in seinem offenen Gesicht. Reichte ihm langsam die Hand. Er küßte sie.
*
Unterdes war die Angelegenheit der Hinterlassenschaft der Frau von Flavon so weit gefördert worden, daß man die Entscheidung nicht gut weiter hinauszögern konnte. Juristische wie politische Gründe sprachen dafür, die erledigten Lehen den um die luxemburgische Sache sehr verdienten Bischöfen zurückzugeben. Gleichwohl fanden die Räte allerlei fadenscheinige Gründe, die für die Damen von Flavon sprachen. Es war nämlich Agnes bei jedem einzelnen gewesen und hatte so lange Trauer, Jugend, List, Hilflosigkeit spielen lassen, bis sie die Räte eingewickelt hatte. Johann entschied also herrisch, daß die Güter den Fräulein verbleiben sollten. Doch Margarete widersetzte sich. Mit so guten Gründen und so beharrlich, daß dagegen nicht aufzukommen war. Man einigte sich schließlich auf einen Vergleich. Schloß und Gericht Velturns sollte den Schwestern verbleiben, die westlichen Besitzungen an Chur, Taufers an Brixen zurückfallen; doch mit dem Beding, daß der Bischof von Brixen nur einen von Schloß Tirol vorgeschlagenen Anwärter damit belehnen dürfte.
Die Schwestern, die schon den weiten Besitz unter sich geteilt hatten, mußten sich also mit dem einen Velturns begnügen. Sie waren lärmend, beweglich, eigenwillig, streitsüchtig. Immerzu herrschte giftiges Geplänkel auf Burg Velturns. Auffallend war, daß die angenehmen Stimmen der jungen Damen im Streit eine unerhört harte, pfauenhaft scharfe Tönung bekamen. In der Öffentlichkeit erschienen die Schwestern übrigens immer traulich vereint, umschlungen, lieblich, blumenhaft lächelnd.
Als Kandidaten für das erledigte Taufers schlug Margarete Chretien de Laferte vor. Der Herzog geiferte empört dagegen. Was? In diesen fetten Besitz soll man den Schlucker setzen, den kahlen Mucker, der sich immer so falsch bescheiden an die Wand drückt und sicher nach einem stechen wird, sowie er nur die Macht dazu hat? Doch Margarete blieb fest. Der Herzog von Kärnten und Graf von Tirol könne sich nicht lumpen lassen. Könne nicht so lange jemandes Dienste annehmen und dann knausern und filzig sein. Wenn Chretien jetzt ohne Lohn und Dank an einen andern Hof gehe, so sei sie selber beschimpft durch solchen schmutzigen Geiz. Als Johann sich weitersträubte, drohte sie, die Entscheidung des Markgrafen Karl anzurufen, bis er sich knurrend fügte.
Margarete selbst teilte Chretien diese Entscheidung mit. „Der Bischof von Brixen wird Sie mit Schloß und Gericht Taufers belehnen. Bewähren Sie sich, Herr von Taufers! Es ist mein Ruhm, wenn Sie Ehre einlegen, meine Schande, wenn Sie versagen.“
Chretiens mageres, kühnes, gebräuntes Gesicht rötete sich bis unter das eigenwillige Haar. Langsam ging er ins Knie. Er sah nicht mehr, daß ihr Mund sich äffisch vorwulstete, daß ihre Haut grau und lappig war. „Frau Herzogin!“ stammelte er. „Allergnädigste, herzliebste Frau Herzogin!“ Und es war mehr als die übliche Formel, wie er ihr dankte: „Pour toi mon âme, pour toi ma vie!“
*
In der klobigen, altväterlichen Burg des Tiroler Landeshauptmanns Volkmar von Burgstall saßen sieben, acht von den einflußreichsten tirolischen Baronen beim Wein. Es kam selten vor, daß der wuchtige, massige Herr Gäste zu sich bat, und dann in knurriger, barscher Weise, die wie ein Befehl klang. Die Halle, in der man saß, war dumpf und niedrig, die Wände überhaupt nicht, der Boden mit wenigen Tüchern belegt. Glasfenster, das modische Zeug, verschmähte der konservative Hausherr. Der junge, fröhliche Albert von Andrion, Margaretes natürlicher Bruder, machte sich lustig über die Bretter, mit denen jetzt in der kalten Jahreszeit die Lichtöffnungen vernagelt waren. Man saß wie in einem Keller. Alles war rauchig, rußig vom Kamin, von den Kerzen und Pechfackeln. Dabei war der Raum nicht zu durchwärmen; die Herren rückten unbehaglich hin und her; man briet auf der einen Seite, fror auf der andern. Der nervöse Herr von Schenna hüstelte, schnupperte, bekam Kopfweh in dieser ungemütlichen, dumpfen, stinkenden Höhle, in der kalt und widerwärtig der Geruch der Ställe stand. Aber die Speisen, Wildbret und Fisch, waren mit Liebe und in ungeheuren Massen zubereitet und gereicht, und der Wein, das war nicht zu leugnen, war ausgezeichnet.
Wie die Herren den Landeshauptmann kannten, hatte er sie nicht der bloßen Geselligkeit wegen zu sich gebeten. Aber er war karg und rauh von Wort; es war nicht geraten, ihn zu fragen, bevor er selbst anfing. Man trank also, redete Gleichgültiges, wartete.
Langsam, in brummigen, unvollendeten Sätzen lenkte Volkmar das Gespräch auf die Politik. Stieß die Herren unwirsch dahin, wo er sie haben wollte. Ja, man war unzufrieden mit den Luxemburgern. Der erste, der es deutlich aussprach, war Heinrich von Rottenburg. Der kleine Herr, breit, rauhes, rotes Gesicht, schwarzer Stoppelbart, erregte sich, schlug mit der Faust auf den Tisch, stieß Drohungen aus. Hatte man nicht, weil er gewisse Abgaben verweigerte, sein Schloß Laimburg zerstört, sein gutes Schloß bei Kaltern, an dem Vater, Großvater, Ahn gebaut hatten? Der junge Herzog hatte es gewollt, der kleine, tückische Wolf. Und der Bischof von Trient hatte den Befehl gegeben, der finstere Böhme, der immer „Autorität!“ sagte, „Gehorsam!“ Hätte man ihm Felder gepfändet, Weinberge, ein Dorf, eine Pflege. Aber, nur um ihn zu ärgern, ein Schloß zu zerstören, eine gute Burg aus festem Stein, in eigenem, nicht in Feindesland, das war sinnlos, das war wüstes Heidentum. Auch Frau Margarete hatte es nicht gebilligt, die kleine Herzogin. Das kam, weil sie die angestammte Fürstin war und mit dem Land fühlte. Aber die Fremden, die Böhmen, die Luxemburger, was fühlten denn die? Die wollten Geld herauspressen aus Tirol, nichts weiter, genau wie es der Luxemburger mit Böhmen machte. Und er, Heinrich von Rottenburg, ließ es sich nicht nehmen, daß König Johann damals doch Tirol habe verschachern wollen gegen Brandenburg, möge er abschwören was immer.
Schweigend hörten die andern diese gefährlichen Reden an. Behutsam begann dann der vorsichtige, gepflegte Tägen von Villanders. Rein formal hätten die Luxemburger den Vertrag ja schließlich eingehalten und keine Fremden in die wichtigsten Verwaltungsämter berufen. Es sei doch nicht zu bestreiten, daß Herr von Rottenburg Landeshofmeister sei, Herr von Volkmar Landeshauptmann. Oder? Der gepflegte, bartlose, etwas altmodische Herr sah die beiden so ernsthaft an, daß sie nicht wußten: höhnte er oder was eigentlich wollte er?
Der kleine Rottenburg brach los: Ob der gestrenge Herr ihn zum Narren habe. Solche Würde habe unter dem guten König Heinrich was bedeutet. Heute habe der dümmste Bauer lange schon geschmeckt, daß es kahle Titel seien, und wer in Wahrheit regiere! Es sei ja höllisch schlau, wie die Luxemburger das gedreht hätten; daß sie die weltlichen Ämter arm und leer machten und die geistlichen stark und in die geistlichen ihre Kreaturen hineindrückten. Nein, formal hätten sie dem Land keine fremden Beamten aufgedrängt. Aber wer regiere denn? Der plattnasige Bischof Nikolaus von Trient, der Böhme, der kein Wort Tirolisch versteht.
Herr Konrad Botsch von Bozen erzählte Einzelheiten, wie die Bozener Bürger voll seien von tiefem Verdruß, daß die Luxemburger dem Bischof wieder alle alten, längst abgeschafften Rechte eingeräumt hätten. Und wie der Bischof die Welschen begünstige vor den Deutschen. Herr Albert von Andrion ahmte den Bischof nach, seinen unbeherrschten, heftigen Gang, der plötzlich wieder durch das Streben nach geistlicher Würde und Gravität gezügelt werde, seine zischende, sprudelnde, slawische Aussprache. Dem jungen, fröhlichen Herrn war die Stimmung hier in der Halle zuwider, auch die Politik war ihm zuwider; er wollte einen unterhaltlicheren Ton in die Gesellschaft bringen. Mit dem Talg der Kerzen klebte er sich die Nase platt, stieg auf den Tisch, parodierte eine Predigt des Bischofs in seiner slawischen Mundart. Dröhnendes Gelächter.
Aber mit dieser Wendung ins Harmlose war der massige, wuchtige Gastgeber durchaus nicht einverstanden. „Wissen die gestrengen Herren, was der Pfarrer von Matrei Strafe zahlen muß, weil er dem Markgrafen Karl nicht mehr Umsatzsteuer zahlt als dem König Heinrich?“ Alle waren gespannt. Ging man die Steuern und Abgaben genau durch, dann hätte man wohl die meisten Tiroler Edeln der Hinterziehung beschuldigen können. „Neunhundertvierundachtzig Veroneser Silbermark!“ dröhnte Herr von Burgstall. Man sprang auf, ging durcheinander wütend hin und her. Ei, wenn die Luxemburger so kamen, da wird bald keiner mehr von den Tiroler Landherren ein Dach überm Kopf haben. Das Land war reich. Das Land nährte den Fürsten so gut wie die Ritter. Da brauchte der Fürst kein Filz zu sein und auf den Pfennig zu schauen. Aber dieser Markgraf Karl war von Natur geizig, das Gegenteil seines Vaters, der reinste Schacherer und Jud. Daß dich Gottes Marter schände! So jung und schon solcher Knauser.
Der ehrliche Berchtold von Gufidaun saß schwitzend, mit hohen, unbehaglichen Brauen. Die starken, blauen Augen schauten mißbilligend auf die aufsässigen, widerspenstigen Barone. Solche Reden waren unziemlich gegen das von Gott eingesetzte Fürstenhaus. Auch der junge Albert von Andrion wurde bedenklich. Die Luxemburger hatten ihm zwar übel mitgespielt und gerade die reichen Legate des guten Königs Heinrich für seine vielen unehelichen Kinder arg beschnitten. Aber der junge, offene Albert war ein gutmütiger Junge, illoyalen Ideen keineswegs geneigt und voll Verehrung für seine kleine Schwester, die Herzogin. Nun war wirklich Aufrührerisches kaum gesprochen worden, Herr von Burgstall hatte nichts Greifbares gesagt, der kluge Herr von Villanders schon gar nicht; eigentliche Drohungen, die man nicht dulden durfte, hatte nur der kleine Rottenburg ausgestoßen, und der war stark unter Wein. Immerhin schmeckte die ganze Angelegenheit leicht nach Rebellion.
Der feine Schenna merkte die Verstimmung, renkte ein. Worüber man klage, mit alldem habe die Fürstin selbst nichts zu tun. Margarete sei fernab von Knauserei und Schikanen. Sei die rechte Enkelin ihres erhabenen Großvaters Meinhard. Sei klug, sicher, spüre mit dem Land. Das wüßten auch alle, vom letzten Leibeigenen bis zum Landeshauptmann.
Gewichtig stimmte Volkmar zu, befreit und überzeugt Albert und Berchtold von Gufidaun.
Der behutsame Tägen von Villanders streckte wieder die Fühler vor. Ja, man habe schon das rechte Gefühl. Das angestammte Fürstenhaus, auf dem Boden des Landes, in seiner Luft gewachsen, sei von Gott bestimmt, in Tirol zu herrschen. Hier schwieg er. Der kleine, heftige, wildumbartete Rottenburg nahm den Faden auf. Die Luxemburger sollten dort regieren, wo Gott oder der Teufel sie hingesetzt. In Luxemburg; wenn es die Böhmen sich gefallen ließen, in Böhmen. Aber daß sie in Tirol säßen und regierten, das sei durch Menschenwerk so, nicht durch Gottessatzung, und das sei eben Irrtum gewesen. An ihnen, an den Herren selber, habe es gelegen, wen man nach König Heinrichs Tod ins Land gelassen habe. Den Habsburger, den Wittelsbacher, den Luxemburger. Es habe sich sichtbarlich erwiesen, daß in Tirol nur der regieren könne, den die Tiroler selber wollten. Gott habe es durch Berge und Täler und Pässe so gefügt, daß ein Fremder nicht mit Gewalt könne über sie herfallen. Man sei treu, man halte zu Margarete. Aber dem Luxemburger sei man nicht von Gott, sondern nur durch Vertrag verpflichtet. Herzog Johann und die andern Böhmen hätten den Vertrag schlecht gehalten. Er sei zerrissen, gelte nicht mehr.
Die Herren starrten ihm auf den Mund, schnauften. Das war klar. Das war Meuterei. Hier war nichts zu deuteln.
Wie man sich das denn denke, fragte tastend Herr von Villanders. Wie man denn Margarete und die gottgewollte Untertanenpflicht trennen wolle von den Luxemburgern.
Schenna, vor sich hinblickend, mit halben, unbestimmten Worten, äußerte: Sehr glücklich sei die Herzogin nicht gerade, soviel er wisse. Einen Erben habe sie und das Land von dem Herzog Johann nicht zu erwarten, soviel ihm bekannt sei. An ihr liege es nicht, sei zu vermuten. Wobei er mit lächelnder Kopfneigung auf den Zeugen der Fruchtbarkeit König Heinrichs wies, der rot, frisch, lachend und geschmeichelt unter ihnen saß, auf Albert von Andrion.
Herr von Villanders faßte zusammen: Man habe nichts gesagt, nichts beschlossen. Man könne sich eine bessere, volkstümlichere Verwaltung des Landes denken als die der landfremden Luxemburger. Man hänge mit unbedingter Treue an der von Gott eingesetzten Herzogin Margarete. Vielleicht sei es opportun, sie um ihre Meinung und ihren Willen zu befragen. Seines Bedünkens sei Herr Albert von Andrion dazu der rechte Mann.
Lärmend stimmte man zu. Nur der redliche Berchtold von Gufidaun schwieg, in Zweifeln hin und her gerissen. Der junge Albert, bedenklich zuerst, aber stark unter Wein und geschmeichelt von dem Zureden der andern, nahm an, verpflichtete sich, seiner Schwester die Meinung der Herren zu unterbreiten, mit ihr Fühlung zu nehmen.
*
Margarete liebte es jetzt, viel allein zu sein. Oft hatte sie ein stilles, sattes, ihren Frauen unbegreifliches Lächeln. Auf dem schmalen Sockel der kargen Liebeserlebnisse ihrer Wirklichkeit baute ihre Phantasie einen gigantischen Traum. Aus dem kleinen, ungezogenen, hinterhältigen Jungen, der ihr Gemahl in Wirklichkeit war, machte sie einen finster gewalttätigen, großen Tyrannen, der sie nicht verstand und aus der Finsternis seines herrschsüchtigen Gemüts heraus sie quälte. Den jungen Chretien schmückte sie mit allen Tugenden des Leibes und der Seele. Er war Erec und Parzival und Tristan und Lanzelot und der Löwenritter. Alle hellen, strahlenden Taten, die jemals in Geschichte und Gedicht ein Held getan hat, er hat sie getan oder, wenigstens, könnte sie tun.
Es war Glück und Gnade, daß der Himmel streng zu ihr gewesen war und ihr banale Anmut des Gesichts und der Gestalt versagt hatte. Die Frauen rings um sie, die Frauen des Alltags, hatten ihre Männer, ihre Geliebten, vergnügten sich mit ihnen in dumpfer, tierischer Lust in ihren Kammern, hinter Büschen. Ihre Liebe war ganz rein und hoch, das Schmutzige, Erdhafte war ihr von Anfang an verboten und versperrt. Sie schwebte gelöst, hell und sehr anders über den kleinlichen, ärmlich dumpfigen Lüsteleien und widerlich körperhaftem Getriebe der andern. Süß war es, streng und rein zu sein vor sich und den andern. Süß war es, nicht verstrickt zu sein in tierische, unsaubere Verschlingung von Haut und Fleisch.
Sie wurde krankhaft empfindsam gegen Lautheit, Massigkeit, Körperlichkeit, Schmutz. Es ekelte sie vor fremder Berührung, die Ausdünstung anderer Menschen machte ihr Pein.
März war, von Italien her kam in warmen, linden Stößen Wind, der sehnsüchtig ins Blut ging. Oben lagen die Berge dick in Schnee, aber die unteren Hänge waren voll vom zarten Geflock der Mandel- und Pfirsichblüten. Sie schaute hinaus von der Loggia des Schennaschen Schlosses in das wellige, starkfarbige Land. Über ihr schritten bunt und überschlank Lanzelot und Ginevra, Tristan fuhr übers Meer, Dido stürzte sich in die Flammen. Sie gehörte nun zu diesen. Die Verse, die ihr so lange hohl, versperrt, ohne Sinn gewesen waren, hatten sich aufgetan, sie hatte trinken dürfen aus ihrer dunkeln, wohligen Fülle.
Willkommen, großes, strenges Schicksal! Willkommen, Häßlichkeit! Willkommen, fürstlicher Reif und Zepter!
Fast dankbar war sie ihrem harten, tyrannischen Gemahl, denn seine Härte hatte sie ihren Geliebten finden lassen. Süßer Freund! Er kannte sie. Er wußte, daß diese graue, lappige, körnige Haut, dieser scheußliche Mund, dieses tote Haar ein Außen war, und daß sie innen zart war und schlank und voll Reichtum und Lieblichkeit. Sie sah ihn selten, sprach ihn fast niemals, nie war ein Wort zwischen ihnen gefallen, das nicht jeder hätte hören dürfen.
Dennoch zweifelte sie keinen kleinsten Augenblick, daß er sie liebe. Sie hatte seinen hingegeben dunkeln Blick nicht vergessen damals, als sie gesungen hatte und aus der Vigne zu ihm trat. Und seine Stimme nicht, und wie er verströmt war, als sie ihm von seiner Belehnung mit der Herrschaft Taufers gesprochen hatte. Freilich war dies eine andere Liebe, als die sie so gemeinhin um sich sah mit Küssen und süßlichen Alltagsworten und Firlefanz. Sie, Margarete, hatte ihn durch jene Augen von damals, durch seine Verströmtheit, ganz anders, viel tiefer zu eigen als sonst eine Dame ihren noch so verliebten Galan. Mochten die andern ihre Männer leiblich besitzen. Das war wohlfeil und wie Essen und Trinken gemein. Ihr, der Fürstin, stand eine höhere, strengere Liebe an. Es war wohl auch leicht, so niedrige, wohlfeile Liebe wie der andern immer neu anzufachen, aufzuwärmen durch den Anblick, durch den Genuß tierisch dumpfer Lust. Sie mußte immer wieder gegen ihre Gestalt kämpfen, die Liebe ihres Freundes immer von neuem seinem Widerwillen gegen ihr häßliches Außen abringen.
Selige Bitterkeit solchen Kampfes! Sie dankte Gott und der Jungfrau für so herbe, verschlungene, harte, reine, wahrhaft fürstliche Liebe.
Sie ließ nicht ab, Chretien mit immer mehr Schein und Strahlen zu verklären. Chretien war ohne Ehrgeiz. Sie war ehrgeizig für ihn. Daß sich seine strahlende Begabung nicht auch den andern offenbarte, war nur, weil sie ihn in Tirol zurückhielt, weil ihm hier die Gelegenheit fehlte. Sie, Margarete, war schuld, daß er vor der Welt unscheinbar und ohne Größe war. Sie war ihm verschuldet, sie schuldete ihm die Gelegenheit zur Größe.
Chretien hatte mittlerweile die Herrschaft Taufers übernommen. Er besaß die Dörfer Luttach, Sand, Kematen, das Nevestal, das Reintal. Das alles war unter dem Regiment der Damen von Flavon ein wenig heruntergekommen. Er freute sich darauf, es wieder hochzubringen.
Eine große, unbändige Lust füllte ihn an, nach den langen Jahren bei Hofe sein eigener Herr zu sein. Leer, bunt und widerwärtig lag die Zeit bei Herzog Johann hinter ihm. Die vielen, zwangvollen Zeremonien, das ewige Geknufftwerden, das Nichtsprechendürfen, die tiefen Neigungen und Kniefälle, die frechen Anmerkungen hinterher, das verlogene Gefeilsche bei den Turnieren, das glänzende und dabei so drangvoll bettelhafte Leben, ständig in Angst vor dem Gläubiger. Er reckte das magere, gebräunte Gesicht mit der starken Nase und dem unbekümmerten, langen Haar in die Luft, in seine Luft. Er ritt herum auf seinen Höfen, die Bauern schauten wohlgefällig, voll Verehrung auf den schlanken, sicheren, hurtigen Herrn, die Weiber und Mädchen starrten ihn andächtig an wie in der Kirche.
Am Tiroler Hof hätte er es nicht länger ausgehalten. Er wäre gern und mit Überzeugung irgendwohin geritten ins Abenteuerliche. Jetzt, so war alles anders, und er fühlte sich sehr wohl. Es genügte seiner Unternehmungslust vollauf, sein Leben heraufzuwirtschaften. Natürlich wird er auch zu Hofe reiten, Kriegszüge mitmachen, bei Turnieren nicht fehlen. Aber etwa nach Afrika zu ziehen und Mauren zu erschlagen oder sich mit Türk’ und Sarazen um das Heilige Grab herumzuhauen, danke sehr! Dazu verspürte er vorläufig durchaus kein Verlangen. Er ritt männlich und zufrieden auf seinem Boden herum und genoß seine junge Herrschaft.
Eines Tages besuchte ihn die Herzogin. Er war Margarete tief und untertänig zugetan. Er dachte keinen Augenblick daran, seine flüchtigen und sehr wirklichen Beziehungen zu der und jener Frau mit den Gefühlen für sie zu vermengen. Margarete war ihm ein Begriff, in den sich auch Vorstellungen eindrängten, die er von den Sängern und Spielleuten her kannte. War ihm eine poetische und lustige Angelegenheit, die in der Belehnung mit Taufers eine unerwartete, glückhafte, reale Auswirkung gefunden hatte, die er aber mit seiner übrigen Wirklichkeit nicht in den losesten Zusammenhang brachte. Er ahnte nicht, was er für Margarete war, welche Rolle er in ihrem Leben spielte.
Er empfing die Herzogin freudig und mit ergebener Herzlichkeit. Seine Stimme hatte jene schleierige, vieldeutige Befangenheit, die Margarete erbeben machte. Was er sagte freilich, war nüchtern und sachlich. Er sprach ihr von den Veränderungen, die er für seine Güter plante, von einer mehr rationellen Bodenbewirtschaftung, strafferen Zucht der Bauern. Sie unterbrach ihn unvermittelt, auf die Gletscher weisend, die einsam, klar und höhnisch fern in ein helles Blau zackten: „Haben Sie nie Lust, Chretien, einen von diesen Gletschern zu betreten?“
Chretien sah sie verblüfft und etwas töricht an. Er sagte, und jetzt klang auch seine Stimme ganz klar und ohne Geheimnis: „Nein. Warum sollte ich da hinaufsteigen?“ Dann sprach er wieder davon, wie angenehm und ertragreich die unteren Hänge seien.
Einige Tage später kam Agnes von Flavon. Sie war schon mehrmals bei Chretien auf Schloß Taufers gewesen. Es ergab sich immer wieder eine Kleinigkeit, die noch zu regeln war; auch Chretien fand nicht ohne Geschicklichkeit immer neue Fragen, die Auskunft und persönliche Besprechung erforderten. Agnes war blond, rührend, hilflos und nahm stets von neuem mit verlorenen Blicken Abschied von dem Schloß und den Bergen ringsum.
Unterdes heiratete die ältere Schwester Maria von Flavon einen bayrischen Herrn und überließ den beiden anderen Schwestern Schloß Velturns. Es mußte aber dem Bayern eine ansehnliche Mitgift ausgezahlt werden; die Herrschaft Velturns war an sich schon überlastet; Agnes bat mit großen, treuherzigen Augen Chretien um Rat. Chretien kam nach Velturns, sah die schlampige, elegante Wirtschaft der Schwestern, empfahl Einsparungen da und dort, die sehr praktisch waren, aber die Herrschaft aus einem Fürstensitz zu einem ertragreichen Bauernsitz machen mußten. Agnes beneidete die Schwester. Die habe es gut, sei aus der Misere heraus. Freilich sei der Bayer ein grober, tölpischer Bursch, auch sei es übel, das schöne Tirol mit der faden bayerischen Ebene zu vertauschen. Aber am Ende werde ihr wohl auch nur Ähnliches übrigbleiben. Sie richtete ernst und lange das zarte und doch kühne Gesicht mit den starken blauen Augen auf Chretien, der schlank, gebräunt, befangen und ein bißchen dumm vor ihr stand.
Das Projekt gegen die Luxemburger war gereift. Volkmar von Burgstall, Tägen von Villanders, Jakob von Schenna hatten sich unmerklich, nachdem sie die Sache gesät, mehr und mehr ins Dunkle gedrückt. Vornean stand jetzt der kleine, heftige Heinrich von Rottenburg und, halb gegen seinen Willen, der muntere, harmlose Albert von Andrion, Margaretes Bruder. Margarete selbst wob und zettelte mit leidenschaftlicher, fiebriger Beflissenheit die Fäden. Endlich sah sie, endlich, hier die Gelegenheit, Chretien auf den Platz zu stellen, der ihm gebührte, ihm die Möglichkeit großer Taten zu schaffen, die sie ihm schuldete.
Die andern Herren zögerten, Chretien einzuweihen oder gar ihm eine wichtige Stelle anzuvertrauen. Er war kein Einheimischer, er war ein Welscher, Johanns vertrautester Kämmerling. Margarete mußte umständlich darauf hinweisen, wie gemein der hämische, bösartige Johann ihn immer behandelt habe, und daß von allen Chretien am meisten unter den giftigen Launen ihres tyrannischen Gemahls habe leiden müssen.
Chretien selber war ziemlich verwundert, als Margarete ihm von dem Projekt sprach. Selbstverständlich war er Ritters genug, sofort mitzutun, wenn es galt, die Dame, die er so tief verehrte und der er so sehr verpflichtet war, aus der Hand ihrer Bedränger zu befreien. Aber sehr begeistert schien er nicht gerade. Er war beschäftigt mit der Arbeit für seine Güter, es wäre ihm lieber gewesen, wäre das Abenteuer ein wenig später gekommen. Er sah, abgesehen von der selbstverständlichen, aber im Augenblick lästigen Erfüllung seiner Ritterpflicht, einen einzigen, etwas mageren Vorteil in der Angelegenheit. Er festigte dadurch seine Stellung unter dem einheimischen Adel; der Herr von Taufers-Laferte konnte fortan, hatte er sich an diesem tirolisch bodenständigen Unternehmen beteiligt, kaum mehr als landfremd angesehen werden.
Margarete brannte in Erwartung, schürte, hetzte, spähte mit ihren klugen, raschen Augen alle Möglichkeiten aus. Wußte es einzurichten, daß neben Albert von Andrion und Heinrich von Rottenburg Chretien als das eigentliche Haupt der Unternehmung galt.
Auf Schloß Velturns war mittlerweile ein gewisser Herr Giulio aus Padua eingekehrt, ein unansehnlicher Mensch, langsam, schweigsam, immer lächelnd, eigentlich ein bißchen idiotisch. Allein sein Oheim hatte das Kapitanat von Padua inne, er selber war am Comer See reich begütert. Er schien Agnes hündisch ergeben, und Chretien überfiel jähe Angst, sie könnte sich entschließen, ihm in die Lombardei zu folgen wie das Jahr zuvor ihre Schwester dem Bayern. Seine Burg Taufers, seine Dörfer und Täler schienen ihm auf einmal wertlos und ohne Licht, wenn er das dachte.
Man konnte mit Agnes nicht wohl reden wie mit anderen Frauen. Man konnte sie nicht einfach nehmen. Sie war so zart. Sie wäre einem vor Schreck im Arm vergangen. Ganz behutsam sprach er zu ihr. Wenn es ihr in dem überlasteten Velturns nicht mehr gefalle, ob sie nicht wolle mit ihm in Taufers hausen.
Ei, wie konnte sie erstaunt sein! Sie hieß ihre Augen sich schleiern, ihre Lippen befangen lächeln, ihre Hand scheu und lockend abwehren. Antwortete halbe Sätze voll von Sträuben und Versprechen.
Er war ein hübscher Junge, unleugbar, sehr anders als die plumpen Tiroler Herren. Das kühne, magere Gesicht mit der starken Nase, die kurzen, vollen Lippen. Mit seinem unbekümmerten, langen, kastanienfarbenen Haar mußte sich gut spielen lassen. Auch war Taufers ein reicher Besitz. Aber schließlich, ihr Haar, ihre Augen, ihre Haut, ihre kostbare Zartheit und Lieblichkeit war, Gotts Donner und Blitz, zehn solche Herrschaften wert. Wenn sie dachte, wie die Welschen hingerissen auf ihre Blondheit starrten, wie sie blaß wurden bei ihrem Anblick, dann war sie überzeugt, sie hätte können in der Lombardei einen ganz andern Ritter und Herrn finden. Als Gattin eines Visconti in Mailand, eines Scala in Verona zu herrschen, umrauscht von der Bewunderung der glänzenden Städte, wäre Triumph gewesen, viel offenkundiger, als am Tiroler Hof die Gattin des Herrn von Taufers-Laferte zu sein.
Chretien sah, daß sie zögerte, ihn hinhielt. Er spürte, er müsse sich größer machen, wichtiger. Er weihte sie ein in den Plan gegen die Luxemburger.
Agnes hörte zu mit einem merkwürdigen, dummen, sonderbar befriedigten Lächeln. Sie wußte plötzlich, es war ein viel größerer Triumph, die Gattin Chretiens zu sein als die des Mastino della Scala oder des Visconti von Mailand. War es Sieg, der häßlichen Herzogin, der wüstmäuligen, lapphäutigen, den Mann zu entreißen? Ja, ja! Es war Sieg! Plötzlich wußte sie, daß sie seit langem auf diesen Sieg gewartet, diesen Augenblick mit allen Mitteln herbeigekitzelt hatte. Es floß ein Strom von ihr zu der Häßlichen, sie schaukelten auf einem Brett. Jene war häßlich, gewiß; aber auf ihrem häßlichen Haar saß ein Fürstenreif, und aus ihrem häßlichen Gesicht schauten ein paar höllisch kluge, brennend energische Augen. Sie zu besiegen war viel schwerer als eine andere, Schöne. Der Haß zwischen ihr und jener war ein sehr Lebendiges, war das wichtigste Stück Leben, ihres sowohl wie jener. Wie hatte jene gekämpft um den Mann! Hatte sie beraubt und den Raub dem Manne geschenkt, hatte große Ereignisse künstlich gehäuft, den Mann darauf zu stellen und zu erhöhen. Sie, Agnes, die arm war und bloß und nichts besaß als sich selbst, hatte nur gewinkt und der Mann war sogleich heruntergesprungen von dem riesigen Sockel, den jene so mühsam getürmt, und ihr zu Füßen. Sie kostete ganz diese Erfüllung, schwoll an, schwamm in ihr. Nein, sie wird in Tirol bleiben, wird sich messen mit der Herzogin, die sie haßt, wird ihr mehr noch nehmen als den Mann. Es war herrlich, oben zu schweben auf der Schaukel, selig und schwebend hoch, und die andere ganz tief zu sehen und ganz vernichtet.
Chretien ging in den gefährlichen Handel mit den Luxemburgern wie in ein Turnier. Er war glücklich, Agnes vorher für sich geborgen zu haben. Er dachte nicht einen Augenblick daran, daß durch seine Verbindung mit ihr die Herzogin geschmälert werden könnte. Margarete war hier, Agnes dort, seine Beziehung zu jener, seine Neigung für diese war aus sehr verschiedenem Stoff. Er rüstete die Hochzeit in aller Eile, denn die Ereignisse drängten. Agnes war sehr damit einverstanden; es war kitzelnde Lust für sie, daß Margarete die Befreiung ihrem, ihrem Manne zu danken haben würde.
Zu Ende der Woche wollte Herzog Johann mit dem Markgrafen Karl und dem größern Teil der luxemburgisch-böhmischen Truppen das Land auf mehrere Monate verlassen, um seinem Vater in dem polnischen Krieg Hilfe zu bringen. Agnes fragte Chretien, wann und wie man die Herzogin von ihrer Vermählung unterrichten solle. Chretien hatte geplant, Margarete zur Hochzeit zu bitten. Unter dem unverwandten, tiefblauen, spöttisch unschuldigen Blick des Fräuleins von Flavon wurde er unsicher, verschob die Mitteilung an Margarete, die mit allen Gedanken in ihrer Revolution stecke, erst bis nach vollzogener Vermählung, dann bis zu seiner letzten Unterredung mit der Herzogin. Als er indes die letzten Einzelheiten der Unternehmung mit ihr besprach, schien es ihm richtiger, ihr seine Ehe erst dann zu melden, wenn die luxemburgischen Truppen und Beamten vertrieben und sie die alleinige Herrin ihres Landes sei. Es war übrigens, als er sich von ihr verabschiedete, um sie erst nach geglücktem Staatsstreich wiederzusehen, in seiner Stimme die gleiche vertrauliche, vieldeutige Schleierung, die sie auf den Scheitelpunkten ihrer Neigung so beglückt hatte.
Kurz nachdem Chretien gegangen war, stand Herzog Johann in Rüstung vor Margarete, um nun, auch er, sich zu verabschieden. Markgraf Karl war mit der Masse der luxemburgischen Garde vorausgezogen. Kühl, verächtlich hörte Margarete auf Johanns grimmige Sätze. Bissig schloß er: „Jetzt wird hier ein gescheites Regiment anfangen, wenn Sie ohne mich regieren. Man sieht ja an Taufers, was dabei herauskommt, wenn man meine Maßnahmen kreuzt.“
„An Taufers?“ konnte sie sich nicht enthalten zu fragen.
„Nun ja, jetzt hat sich die Agnes das Schloß eben auf diese Art zurückgeholt. Da hätten wir es ihr gleich lassen können.“
Margarete fragte nicht weiter. Sie wußte plötzlich alles. Sie beherrschte sich, bis der Herzog fort war. Sie fiel nicht um, die Stimme versagte ihr nicht, ihr Blick hielt seinen kleinen, bösartigen, lauersamen Wolfsaugen ruhvoll höhnisch stand.
*
Allein, brach sie furchtbar aus. Wer jemals war so verraten worden? Geschleiert hatte er die Stimme, beredt gemacht und voll letzter Ergebenheit den Blick, jede Geste voll Einverständnis. Hatte sie in den Glauben geschläfert, er sehe durch ihre wüste Haut in die strenge, harte Schönheit dahinter im Innern. Hatte getan, als verzichte er ihre Resignation mit, als kämpfe er ihre Kämpfe, ihre leidvollen Siege mit, ziehe sich mit ihr zurück aus den bequemen Tälern der Alltagslust auf ihre kalte, einsame, wild strenge Erhöhtheit. Und hatte sie sogleich preisgegeben an die glatte, leere Larve. Wer weiß, vielleicht saßen sie jetzt zusammen, Agnes und er, und lachten sie aus!
Schlau hatte er es angestellt, ei ja! Hatte sich seine Gaukelei, die verzückten Mienen, das ergebene Getue verflucht teuer bezahlen lassen. Mit solchem Preis, mit der Herrschaft Taufers, hätte man sich sämtliche Hofzwerge, Sänger, Gaukler, Spielleute des Römischen Reichs erkaufen können. Und jetzt hatte er es gnädig zugelassen, daß sie ihn dem Projekt gegen die Luxemburger an die Spitze stellte. Hatte wohl erwartet, er werde nun Burggraf werden, Landeshauptmann, der eigentliche Regent von Tirol. Darum wohl auch hatte er ihr bis jetzt nichts mitgeteilt von seiner Verbindung mit Agnes. War der Streich einmal geglückt, dann hatte er die Macht in der Hand. Brauchte ihren Zorn nicht mehr zu fürchten. Konnte im Land schalten, als der Retter von der Fremdherrschaft, auch gegen ihren Willen.
Wie sie sich lustig machen mußten, er und jene, über die dumme, häßliche Herzogin, die Gans, die glaubte, sie könne durch Geschenke, durch Gefühle über ihre Wüstheit hinwegtäuschen! Als wiege dem Mann die strahlendste Seele einen plumpen Mund auf und hängende Backen. Sie raste. Sie wütete gegen sich. Mit einem Krach stürzte der ganze künstliche Bau ein, in den sie sich geflüchtet hatte. Oh, wie verlogen waren alle diese Phantasien gewesen von ihrer strengen, hohen Sendung, ihr Willkommgruß an die Häßlichkeit! Lächerlich war sie, lächerlich im Putz ihrer modischen Kleider und weltumströmenden Gefühle, sie, die Gott verworfen hatte durch ihre widerwärtige Gestalt und doppelt verhöhnt durch den Platz, auf den er sie gestellt.
Wie hatte sie herabgeblickt aus ihrer kristallenen Höhe auf Agnes, das kleine, bunte, dumme Insekt. Und jetzt lag sie im Dreck, wo sie hingehörte, ekles Geziefer, das sie war, und Agnes lächelte aus dem Blau auf sie herunter mit ihren feinen, roten, ach, so zierhaft geschwungenen Lippen.
Haßte sie Agnes? Nein, sie haßte sie nicht. Die war nun, wie sie war. Wer so schön war, hatte gut herunterlächeln – warum sollte sie nicht? – auf die Häßliche. Aber er, Chretien! Wie er gelogen hatte! Wie er sie angeschaut hatte aus seinem kühnen, gebräunten, offenen Gesicht, hündisch ergebene Andacht in den Augen! Wie sich ihm die Stimme gepreßt hatte aus Bewegtheit und Neigung! Daß einer mit so offenem, treuherzigem Gesicht so lügen konnte! Daß Gott das zuließ! Daß die Erde nicht aufriß unter ihm! Der Hund! Der Betrüger! Der schmutzige Lügner!
Sie häufte, in ungehemmter Raserei, alle Flüche und Schimpfworte, die unflätigsten, die sie kannte, sinnlose, irgendwo aufgeschnappte. Sie tobte durch das Zimmer, bis sie kraftlos auf den Teppich fiel. Da lag sie, die plumpen, geschminkten Hände von sich gestreckt, unfähig, sich zu regen, heiser, das zarte, kupferfarbene Haar gelöst in spröden Strähnen.
Als sie sich erhob, war sie sehr verändert. Ging an ihre Geschäfte, eisig starr, rasch, ohne Schwanken, zielklar, mit einer kalten, besessenen Energie. Diktierte, schrieb selber Briefe, fertigte Kuriere ab. Neue Briefe, neue Siegel, neue Kuriere. So ging das durch zwei Tage. Dann versank sie in ebensolche Untätigkeit, wie sie vorher rastlos gewesen war. Niemand wurde vorgelassen. Sie schleifte sich auf und ab durch ihre Zimmer. Schaute stundenlang über das Land hin, die dicken, plumpen Lippen halboffen in einem merkwürdig lüsternen, bösartigen Lächeln. Wartete. Aß nicht. Sprach nicht. Wartete.
Bevor Markgraf Karl und Herzog Johann die böhmische Grenze erreicht hatten, erhielten sie einen Eilbrief des Bischofs Nikolaus von Trient, des der luxemburgischen Sache blind Ergebenen. Er habe von den verschiedensten Gegenden des Landes anonyme Warnungen erhalten. Es gäre im Land. An der Spitze der Aufruhrbewegung stünden Chretien von Taufers, Heinrich von Rottenburg, Albert von Andrion. Er rate den Fürsten dringend, mit ihren Truppen zurückzukehren.
In Eilmärschen kehrten die Luxemburger um. Fingen Albert von Andrion und Chretien von Taufers in einem Hinterhalt. Der Aufstand war mißglückt, ehe er ausgebrochen war. Die revolutionären Feudalherren krochen in ihre Burgen zurück; keiner hatte von einem Protest gegen das luxemburgische Regiment etwas gewußt, geschweige denn von bewaffnetem Widerstand. Die eigentlichen Anstifter, Burgstall, Villanders, Schenna, waren von Anfang an zu klug gewesen, sich bloßzustellen. Wie Schnee im Sommer verschwanden die Aufständischen vor den luxemburgischen Truppen. Heinrich von Rottenburg entkam; gute Freunde, um sich zu halten, lieferten ihn aus.
Nachdem der Aufstand so rasch und mühelos erstickt war, hielt Markgraf Karl seinen weiteren Aufenthalt in Tirol für überflüssig. Er empfahl seinem Bruder und dem Bischof von Trient, die Mitläufer nicht zu verfolgen, aber die Führer rücksichtslos zu bestrafen. Legte verstärkte Besatzung nach Schloß Tirol, in die wichtigsten Festungen, zog mit dem Rest der Truppen seinem Vater zu Hilfe nach Polen.
*
Auf Schloß Sonnenburg bei Innsbruck saß der Bischof Nikolaus von Trient, hörte mit finsterer, beflissener Aufmerksamkeit das Protokoll, das der Sekretär des Herzogs Johann vorlas. Johann selber lehnte am Tisch, schaute mit kleinem, bösem, triumphierendem Lächeln auf den sitzenden, finstern Prälaten.
Ja, nun zeigte es sich, daß er recht gehabt hatte. Der Bischof hatte es für unpolitisch gehalten und, wenn dann doch nichts herauskommen sollte, für geradezu schädlich. Aber er, Johann, hatte darauf bestanden, hatte sich kühn hinweggesetzt über so umständliche Bedenken. Was Bruder der Herzogin! Was Blut vom angestammten Fürstenhaus! Ein Hochverräter war er, ein meineidiger Rebell. Und er hatte über Albert von Andrion die Tortur verhängt.
Der blonde, nette, fröhliche Mensch war ihm von je zuwider gewesen. Ei, er hatte ihn immer angehaßt, mit Margarete gegen ihn gezettelt. Nur hatte man ihm nichts nachweisen können. Jetzt endlich konnte man ihn, Gott sei Dank, überführen, unschädlich machen.
Der Herzog selber war dabei gestanden, als man den Gefangenen peinlich befragte. Den ersten Grad überstand er stumm und trotzig. Man zog ihn, die Füße mit Bleikugeln beschwert, an den nach rückwärts gebundenen Händen hoch, ließ nieder, zog wieder hoch. Seine weiße, rosige Haut lief an, schwitzte. Aber er schwieg. Auch die Daumenschrauben überstand er. Es knirschte, Blut spritzte, er erbrach sich. Aber seine Heimlichkeit nicht mit. Erst als man ihn mit glühenden Zangen zwickte und mit Feuerbränden unter den Achseln kitzelte, bequemte er sich und wurde gesprächig.
Und nun also hatte man das Protokoll. Ein gutes, kostbares Protokoll. Der Bischof zwar meinte, der Rottenburger sei ein sprudelnder Narr, Chretien und Albert dumme Jungen, es müßten bessere Köpfe dahinterstecken, und an die könne man trotz des Protokolls nicht heran. Aber jedenfalls hatte man es jetzt schwarz auf weiß, daß die Revolutionäre Margarete verständigt hatten, daß die Herzogin mit im Komplott war.
Der finstere Bischof fragte ironisch, ob Johann je daran gezweifelt habe. Der erwiderte: nein, aber er freue sich, den Beweis in der Hand zu haben; er werde Margarete das Schriftstück ums Gesicht schlagen. Der Bischof fragte, ob er glaube, daß dadurch dem Haus Luxemburg großer Machtzuwachs erreicht sei.
Bevor er nach Schloß Tirol ging, urteilte Johann die Führer der Verschwörung ab. Albert, verrenkt, siech durch die Folterung, wurde seiner Lehen für verlustig erklärt; nachdem ihn die Mönche von Wilten einigermaßen transportfähig gepflegt hätten, sollte er in ewige Haft nach Böhmen gebracht werden. Den kleinen Heinrich von Rottenburg ließ Johann in Lumpen vor sich bringen, zerrte den Gebundenen, Geknebelten am Bart, schlug ihn auf beide Wangen, eröffnete dem unter seinem Knebel Fauchenden, Augenrollenden, daß nun auch seine beiden anderen Burgen zerstört, verbrannt, dem Erdboden gleichgemacht werden würden. Der Rottenburger selber wurde in einen Kerker nach Luxemburg geschafft, Chretien nach Schloß Tirol mitgeführt.
Der Herzog fand Margarete durchaus nicht so verzweifelt und zerknirscht, wie er erwartet hatte. Sie hockte in einer Ecke, in einer seltsamen, toten Müdigkeit. Johann hatte ein Gefühl wie vor einer Schlange, die sattgefressen ist und sich nicht regt und keine Hoffnung und keine Furcht mehr kennt in ihrer gelähmten, apathischen Sattheit. Er klirrte auf und ab vor ihr, machte sich knabenhaft wichtig in seiner Rüstung, stieß Drohungen aus, unflätige Beschimpfungen. Sie solle sich nicht beifallen lassen, zu fliehen, alle Gänge seien bewacht, Gräben, Tore, Mauern dreifach besetzt. Sie dürfe ihr Zimmer nicht verlassen, auf Monate; er werde sich sehr überlegen, wem er Zutritt zu ihr gestatte. Aber er kam mit all seinen großen, bedrohlichen Worten durchaus nicht auf seine Rechnung. Sie fielen leer, ungeflügelt zu Boden. Margarete hörte mit lässiger, stumpfer Neugier zu, man konnte ihr nicht beikommen, es hätte durchaus keinen Sinn gehabt, sie zu schlagen und anzuspeien, wie er es sich ausgemalt hatte. Er funkelte sie an mit seinen kleinen Wolfsaugen; aber er merkte, daß sein Toben und Wüten ziemlich künstlich blieb und ohne Eindruck. Enttäuscht zog er schließlich ab.
Sie lag lange allein. Wie war sie leer und ausgehöhlt! Es war trüber, feuchter Tag. Sie fröstelte. Wollte heizen lassen. Schellte. Niemand kam. Sie schleppte sich zur Tür. Zwei Geharnischte traten ihr entgegen, streckten ohne Wort die Lanzen vor.
Abend fahlte herein. Ein Mensch glitt in den Raum, stellte eine große, brennende Kerze auf den Tisch, still, merkwürdig lautlos, ein Verhülltes daneben und eine Buchrolle, glitt ebenso stumm wieder hinaus.
Margarete fröstelte stärker, blinzelte in die flackernde Kerze. Schleifte sich schließlich heran an das Licht, wärmte die klammen Hände an der Kerze. Die Buchrolle waren Kapitel aus der Schrift. Aus dem Verhüllten stieg ein fauliger, süßlicher Geruch auf. Gezogen fast und wider Willen zerrte sie an dem Tuch, es öffnete sich. Fäden, braune Fäden. Nein, das war Menschenhaar. Langes, kastanienbraunes. Eine Stirn darunter. Dies war ein abgeschlagener Kopf. Vergraust warf es sie zurück. Chretiens Kopf starrte sie an aus verglasten Augen. Er lag schräg da, die starke Nase stach spitz aus dem Tuch, Mund und Kinn waren noch verhüllt.
Der Gaumen wurde ihr trocken. Sie atmete wild, in kaltem Schweiß, drückte sich in den Winkel, röchelnd. Stierte auf den Kopf, den das Licht flackerig, willkürlich und lächerlich verzerrte. Schloß die Augen. Rötlich tanzte vor ihr die Nacht.
Es zwang sie, wieder auf den Kopf zu stieren. Gut wäre es, wenn diese Kerze tot wäre und ihr irrsinniges Geflacker. Man müßte sie auslöschen. Aber sie konnte nicht auf. Hatte sie denn Angst? Nein, sie hat nicht Angst. Sie ist die Herzogin. Wenn man sie belauert, durch ein Loch in der Tür? Sie steht auf; Kopf starr geradeaus, mit seltsam gespreizten Gliedern stelzt sie zu dem Tisch, schlägt die Kerze aus. Sackt hin.
Liegt eine lange Weile steif. Spürt, wohlig fast, die Kälte und nichts sonst. Dann fängt die Nacht wieder an zu tanzen und zu zucken. Der Kopf zuckt in ihr hin und her. Wird endlos lang und schmal. Die mageren, bräunlichen Wangen schillern giftig, bläulichgelb, und jedes dieser schmutzigen, schwärzlichen Flaumhaare sticht nach ihr. Die toten Augen klappen auf und zu in der Nacht. Sie sind ganz ohne Ausdruck, wie von einem toten Tier. Oh, wenn es Tag wäre! Es wäre besser gewesen, die Kerze nicht totzumachen. Jetzt liegt die Nacht so schwer und plump auf ihr wie eine grobe, erstickende Decke. Man liegt in dieser Nacht wie in einem Sarg, und der tote Chretien klappt seine sinnlosen Augen auf und zu.
Er ist häßlich. Das häßlichste Lebendige ist nicht so häßlich wie ein Totes.
Nein, es ist ihm nicht gut bekommen, daß er sie hat betrügen wollen. Die Schöne hat jetzt auch nicht viel von ihm. Mit einem Mann ohne Kopf läßt sich kein Staat machen.
Er hat andere mitgerissen. Armer Albert! Lieber, gutmütiger, freundhafter Bruder! Er war so harmlos und kameradschaftlich. Sicher hat er nur mitgetan, um kein Spaßverderber zu sein. Jetzt ist er kahl und bloß und verrenkt und im Kerker. Der frische, lustige Junge, der er war.
Aber Chretien war doch anders. Das kühne, magere, bräunliche Gesicht. Sie wird keine Furcht mehr haben vor dem toten Kopf. Sie wird ihn lang und genau anschauen, und Chretien wird ihr gehören, nicht der Schönen. Tag sollte es sein, Tag, daß sie ihn sehen kann. Die dummen Gedichte des Herrn von Schenna singen immer von den Herrlichkeiten der Nacht und daß die Nacht der Liebe gehöre und verwünschen den Tag, daß er fernbleiben möge. Unsinn. Ihre Zeit ist der Tag. Herauf, Tag! Schenk’ mir meinen toten Freund, der mir gehört, Tag!
Doch als der Tag heraufkroch und um den toten Kopf das erste graue Licht war, lag sie überschauert, mit geschlossenen Augen, im Fieber.
*
Nach zwei Monaten strenger Überwachung erhielt sie Erlaubnis, für einige Tage nach dem Kloster Frauenchiemsee zu reisen, zu ihrer kranken Schwester Adelheid. Sie fand das sieche, krüppelhafte Mädchen scheu und unzugänglich wie immer.
Margarete war vollkommen leer und ausgeschöpft. Sie aß, trank, ging herum. Beugte in der Klosterkirche das Knie wie die Nonnen, nahm und gab Gruß und Rede und Gegenrede. Sie war jung und alt wie die Welt. Sie war viel älter und erfahrener als die welke, milde Äbtissin, wußte viel besser als diese, daß alles eitel war und Haschen nach Wind.
Der betuliche Abt von Viktring kam zu Besuch. Er war den Luxemburgern nie sehr freund gewesen, König Johann galt ihm als Spötter und Freigeist – darum auch hatte ihn der Herr mit Blindheit geschlagen – und er freute sich, daß Margarete sich gegen sie erhoben hatte. Er sprach in seiner redseligen Manier viel in sie hinein; doch sie blieb wortkarg. Er häufte Zitate, führte tröstlich Anselmus an: „Schneller vergeht nicht die Stunde, als wechselt der Anblick der Dinge. Diesseits ist und für nichts alle irdische Zierde zu achten.“ Aber es schien auf Margarete nicht viel Eindruck zu machen.
Sie saß mit der Äbtissin lange Stunden am Ufer der winzigen Insel, schaute über den blassen, hellen See. Das Wasser gluckste träg im Schilf, stille, fahle Sonne war, weit draußen lag ein Fischer in seinem plumpen, altertümlichen Kahn. Die Äbtissin schaute sie aufmerksam an, streichelte ihre dicklichen, jetzt nicht geschminkten Hände. „Junge Herzogin!“ sagte sie mit ihrer welken, milden, wissenden Stimme. „Junge Herzogin!“
„Jung?“ fragte Margarete zurück, so müde, daß es nicht einmal bitter klang. „Jung? Sie sind zehnmal jünger als ich, hochwürdige Frau.“
Die Äbtissin sagte: „Ein Baum ist nicht tot, auch wenn er im Winter kahl steht.“ Ferner sagte sie: „Es gibt nichts Schmerzhafteres, aber auch nichts Wohligeres, als wenn man, erstarrt, wieder ins Leben zurückkehrt.“ Auch sagte sie: „Sie sollten mit den Nonnen singen, junge Herzogin.“
Als Margarete nach Schloß Tirol zurückkehrte, ließ ihr Ludwig der Bayer von einer prunkvollen kaiserlichen Bedeckung bis an die Grenzen seines Gebiets das Geleite geben. Die ersten Herren des Münchner Hofs führten den glänzenden Zug, die Fahne mit dem wittelsbachischen Löwen wehte ihm voran, Feudalbarone und Behörden standen feierlich an seinem Weg.
Die Herzogin dankte den Herren automatisch, nicht mit der gewohnten pomphaften Sicherheit. Sie war schlaff, gleichgültig, viel zu müde, sich Gedanken zu machen über die Gründe, die den Kaiser zu so auffallender Ehrung veranlaßten.
Ja, der Wittelsbacher hatte seine guten Gründe. Er war erst jetzt wieder peinlich daran erinnert worden, wie sehr die luxemburgische Herrschaft in Tirol ihn behinderte. Seine Absicht, gewisse lombardische Händel durch einen Kriegszug zu beendigen, hatte der Bischof von Trient vereitelt, der ihm kühl und ohne Umschweife den Durchzug durch sein Gebiet verbot. Diese Verärgerung des Kaisers hatten die Tiroler Feudalherren klug genutzt. Die Burgstall, Villanders, Schenna, die sich bei der ersten Revolution gegen die Luxemburger schlau im Hintergrund gehalten, hatten ihre Pläne keineswegs aufgegeben. Das mißglückte Unternehmen hatte sie gelehrt, daß es nötig sei, eine Großmacht als Rückendeckung zu gewinnen. Was lag näher, als sich an den Feind der Luxemburger zu wenden, den Kaiser, den Wittelsbacher? Margarete hatte in dem letzten Unternehmen keine glückliche Hand gezeigt. Es war nicht ganz klar, was der unmittelbare Grund war, über den jener Aufstand strauchelte. Aber so viel war gewiß, daß vornehmlich ihre seltsame Laune, ausgerechnet den Chretien von Taufers zu berufen, die klug gezettelten Fäden verwirrt und zerrissen hatte. Jedenfalls war es geratener, diesmal über ihren Kopf hinweg zu handeln und sie erst im letzten Augenblick beizuziehen. Die Befreiung von Herzog Johann mußte sie, wie immer sie ins Werk gesetzt wurde, so wie die Dinge jetzt lagen, als Erlösung empfinden.
Man schickte also in aller Heimlichkeit Botschaft an den Kaiser. Stellte ihm vor, wie die Erbitterung im Land gegen die Luxemburger steige; wie man bedaure, daß sein italienischer Feldzug an dem steifnackigen Widerstand des Bischofs von Trient, des Böhmen, gescheitert sei. Fragte unverbindlich an, ob er allenfalls einwilligen würde, seinen Sohn, den Markgrafen von Brandenburg, mit der Herzogin von Tirol zu vermählen. Der ländersüchtige Wittelsbacher, ungeheuer gelockt durch die Aussicht, Tirol zu gewinnen, erwiderte ebenso unverbindlich, er werde mit seinem Sohn, dem Markgrafen, den Plan durchsprechen; solange die Luxemburger noch im Land säßen, sei das Ganze ein blaues Projekt.
Den tirolischen Herren genügte solche Antwort vollauf. Sie wußten, es ging nicht an, daß der vorsichtige Wittelsbacher sich mehr exponiere. Seine Antwort war verklausuliert, doch ihr Kern ein deutliches Ja. Die prunkvolle Bedeckung, die er jetzt ihrer Herzogin stellte, wäre Bescheid genug gewesen. Die Zerstörung der Rottenburgischen Festen, die Folterung Alberts, des Sohnes des guten Königs Heinrich, die Hinrichtung des Herrn von Taufers hatten die Luxemburger der letzten Sympathien beraubt. Die Barone schürten weiter, hetzten. Immer ohne Margarete zu verständigen.
*
Agnes von Flavon stand vereist, als sie von dem Niederbruch der Revolution erfuhr. Sie durchschaute sofort die Zusammenhänge. So schreckbar wuchtig also hatte die Häßliche zurückgeschlagen. Sie stand vergraust, kroch in tierischer Angst für ihr Leben in sich zusammen, dachte an Flucht.
Als sie sah, daß gegen sie nichts unternommen wurde, tauchte sie dann langsam aus ihrem Schrecken hoch, äugte um sich. Sah die strengen Maßnahmen gegen Margarete, verwirrte sich. War jene so ungeschickt, daß sich das Unternehmen zuletzt gegen sie kehrte? Sicher nicht. Dazu war sie viel zu klug. Es mußte mit ihrem Willen so gekommen sein. Agnes begriff die Feindin nicht mehr. Ihr Haß wuchs mit ihrer Angst. Sicher plante sie einen noch ärgeren Schlag, sich an ihrer Vernichtung zu weiden.
Es geschah nichts. Man kümmerte sich nicht um sie. Es war verständlich, daß man sich von ihr, der Frau des schmählich Hingerichteten, fernhielt. Aber warum beschlagnahmte man ihre Güter nicht? Sie ertrug nicht die Stille und Gleichgültigkeit um sich herum. Dazu die Angst, dies alles sei nur Vorbereitung tieferer Vernichtung. Sie beschloß, nach Schloß Tirol zu reisen.
Auf dem Stadttor von Meran sah sie auf eine Stange gesteckt den Kopf ihres Mannes Chretien von Taufers. Er glotzte auf sie her, bläulichgelb; in verfilzten Strähnen wehte sein langes, unbekümmertes, kastanienfarbenes Haar in dem lauen Wind. Sie zuckte zurück. Dann schaukelte, von den Pferden getragen, ihre Sänfte unter dem Kopf des Gerichteten in die Stadt Meran. War es eine schlechte Vorbedeutung? Sie hatte keine Zeit für Sentimentalitäten. Sie mußte sich sammeln für die Unterredung mit Herzog Johann. Die war nicht leicht diesmal. Sie war schon einmal in schwarzer Trauerkleidung vor ihm auf der Erde gelegen. Wiederholungen wirken matt. Und diesmal ist die Situation gegen sie.
Johann empfing sie denn auch gereizt, bösartig, höhnisch. Fragte giftig, ob sie auch keine Waffen bei sich habe. Er tue wohl gut daran, sich vorzusehen. Mit großen, traurigen, ob solcher Kränkung vorwurfsvollen Augen sah sie ihn an. Weinte sehr, daß der großmütige, junge Herzog, der ihr huldvoll entgegengekommen, nun Ursach’ habe zu solchem Mißtrauen. Beteuerte, wie sie von den Plänen ihres hochverräterischen Mannes keine Ahnung gehabt. Sagte, es sei gut, daß er tot sei; denn wer so hinterlistig seinen Fürsten verrate, trage gewiß nicht lange Bedenken, auch sein Weib zu verraten. Gestand mit unschuldiger Verruchtheit, sie habe Chretien nie geliebt; ihn nur geheiratet, um Taufers behalten und in der Nähe des Fürsten bleiben zu können. Johann hörte zu, mißtrauisch und geschmeichelt. Sie trat näher an ihn, daß er ihr Fleisch atmete. Er knurrte, er glaube ihr kein Wort, aber er kämpfe nicht gegen Weiber, vorläufig könne sie Taufers behalten. Dann klatschte er ihr, die sich geduldig und lauernd duckte, verächtlich, derb und lüstern den Nacken, kehrte sich grob ab, warf ihr hin, er werde nächstens nach Taufers kommen, nachschauen, ob man dort Rebellion treibe; aber allein, er habe keine Angst. Damit lachte er laut und eindeutig auf, ließ sie stehen, ging auf die Jagd.
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Mittlerweile war die Verschwörung des Adels reif geworden. Schloß Tirol sollte in Abwesenheit Johanns besetzt werden. Man konnte nicht länger umhin, Margarete zu verständigen. Auch mußte man ihre Einwilligung in eine eheliche Verbindung mit dem Wittelsbacher einholen. Herr von Schenna übernahm es.
Er saß vor ihr, dürr, in lässiger, uneleganter Haltung, sprach ihr mit seiner welken, brüchigen Stimme von allerlei Kleinzeug. Glitt mit seinen alten, klugen, skeptischen Augen auf und ab an ihr. Er als einziger ahnte die Zusammenhänge. Behutsam, beiläufig warf er ihr hin, sie möge nicht erschrecken, wenn nächster Tage einmal andere Besatzung das Schloß beziehe, verstärkte Besatzung. Sie möge, auch wenn geschrien, rumort, mit Waffen geklirrt werde, sich nur ja in ihrem Zimmer halten, für sie sei keine Gefahr. Er hielt ein, wartete. Sie reagierte nicht. Nach einer Weile, sacht, holte er aus, ob sie denn nicht frage, warum das alles. Nein, sie fragte nicht.
Er wechselte. Sprach von Agnes. Jeder neue Trauerfall bekomme ihr besser. Jetzt wieder, als sie hier im Schloß war, habe jeder sehen müssen, Schwarz stehe ihr am besten. Margarete horchte auf, der kluge Schenna sah: jetzt war ihre Gleichgültigkeit Maske. Er lenkte ab, kehrte dann wieder zurück. Ja, nun werde Agnes wohl bald auf längere Zeit als Gast hier einziehen; in diesem Stück sei Herzog Johann dem guten König Heinrich ähnlich. Margarete schnellte hoch. Schenna habe sich bisher immer als ihr Freund gezeigt. Ob dies wahr sei? Sie als Gefangene und die andere als Herrin: hier, in den gleichen Wänden, in der gleichen Luft – unausdenkbar sei das. Und er solle jetzt um Christi willen die Wahrheit sagen.
Schenna erwiderte schlicht: Ja, Johann habe Agnes von Flavon eingeladen; und wie er die Dame kenne, werde sie wohl annehmen. Da Margarete die Augen schloß, das Gesicht verzerrte: Es gebe ja noch Mittel, tröstete er, fing an von seinen Plänen. Sie winkte ab, wollte nicht hören.
Bat Herzog Johann dringlich zu sich. Ob das wahr sei? Ob er das wirklich tun wolle? Sie flammte. Das Schloß hier zu einer Hurenherberge machen? Er: Ja er werde machen. Er werde sich erlauben. Er sah, daß er endlich, auf solche Art sie treffen, ihre Starrheit durchstoßen, sie anbohren, wund machen konnte. Er beschaute sie mit seinen kleinen, hassenden, gierigen Wolfsaugen, schwoll an. Was sie sich erfreche? Ob sie ihm das Weib verbieten wolle? Sie ihm? Sie, so wie sie ausschaue? Margarete schluckte, sagte beherrscht: Sie bitte ihn nicht, zu bedenken, was man im Volk, was an andern Höfen sagen werde, wenn er hier, im Schloß ihres Vaters, das sie ihm zugebracht, sie im Kerker und die andere in Glanz halten wolle. Aber daran müsse sie ihn erinnern, daß der Mann seiner Mätresse die Revolutionäre geführt habe, daß jene mit im Komplott, vielleicht die Anstifterin gewesen sei, daß es undenkbar sei, jene habe den schmählichen Tod ihres Mannes so schnell vergessen. Er solle sich hüten vor ihr! Er lachte hämisch: Mit solchen Faxen solle sie ihm nicht kommen. Sie sei eine eifersüchtige Gans. Prahlerisch fügte er hinzu: Wie, wenn etwa gar Agnes ihn gewarnt, ihre Intrigen vereitelt hätte?
„Ich habe dich doch gewarnt!“ rief sie. „Ich! Ich!“
Ihm, für einen Augenblick, stieg ein unbehagliches Gefühl auf: er sah sie wieder wie damals, als sie vor ihm lag wie eine satte Schlange, er fühlte sich gedemütigt durch seine widerlegte Prahlerei. Aber sogleich war er wieder oben. Dies war ja eine offensichtliche, schlaue, freche Lüge, durch die sie ihn verblüffen wollte.
„In einer so plumpen Schlinge kannst du vielleicht deine Tiroler Bauern fangen, nicht mich!“ sagte er mit gespielter, verächtlicher Trockenheit. Und, sich weiter hineinsteigernd: „Also das endlich spürt man? Das geht an die Nieren? Die Schöne soll aus dem Haus? Das stachelt, daß sie da ist? Just erst recht kommt sie! Just erst recht bleibt sie! Ausreit’ ich mit ihr! Auf die Jagd reit’ ich mit ihr! Nach Meran, Bozen, Trient reit’ ich mit ihr! Dir zeig’ ich es, Kröte! Häßliche! Giftige! Schmutzige!“
Sie hockte starr entschlossen, als er fort war. So schlicht und ehrlich hatte sie gesprochen, ihm noch einmal breit den Weg aufgetan zu ihr. Wer nicht taub und verworfen war, mußte hören. Er selber hatte entschieden.
Andern Tages kam wieder Herr von Schenna. Unterbreitete ihr einen kurzen Brief an den Kaiser, dessen Schutz sie sich empfahl, die Abmachung ihrer Barone billigend. Ohne Zögern unterschrieb sie. Schenna eröffnete ihr ferner knapp, sachlich, andern Tags, wenn Johann auf der Jagd sei, werde das Schloß von den Truppen der Barone besetzt, Johann der Eintritt verweigert werden. Sie selber könne ihm das, begehre er bei seiner Rückkehr Einlaß, mitteilen. Man werde sich hüten, sich ins Unrecht zu setzen, Hand an ihn zu legen. Man werde ihm nur in der Grafschaft jede Herberge versagen. Verlasse daraufhin Johann das Land, schloß Schenna lächelnd, werde niemand ihn hindern. Im übrigen, fügte er freundlich und sehr ergeben hinzu, sei diesmal vorgesorgt. Selbst wenn der Herzog gewarnt werde, könne nichts mehr mißglücken. Er nahm den unterzeichneten Brief an sich, neigte sich, ging mit seinen unbehilflichen, ungleichmäßigen, schlendernden Schritten.
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Am andern Tag, einem Freitag, zog Johann mit kleinem Gefolge auf die Jagd. Das Wetter – es war Anfang November – hatte sich klar und blau angelassen, bald aber war Nebel eingefallen und feuchter, widriger Wind. Der Herzog war verdrießlich; was ihm Margarete über Agnes gesagt hatte, war doch nicht so leicht zu verdauen. Auch hatte sich sein Lieblingsfalke, ein schöner, grauweißer, norwegischer Gerfalke, verscheucht von einem größeren Raubvogel, verflogen. Jetzt zankte der Herzog mit dem Falkner herum, keifte, schrie.
So brach er frühzeitig die Jagd ab, kehrte gegen Abend nach Hause. Fand die Zugbrücke aufgezogen, das Tor versperrt. Stand verwundert, dann verärgert, fluchend. Stieß ins Horn. Der Turmwächter erschien, sagte, er habe keinen Auftrag, den Herrn einzulassen. Der Herzog lief rot an, bellte dem Mann unflätige Schimpfworte zu. In der Zinne des einen Torturms war auf einmal Margarete, rief mit ihrer warmen, dunkeln Stimme, der Prinz von Luxemburg möge nicht weiterschreien, hier sei kein Platz für ihn, er möge sich andere Herberge suchen. Vielleicht in Taufers. Johann legte an auf sie. Sie war fort vor seinem Pfeil.
Da stand er nun, schäumend und lächerlich, in seinem Jagdanzug vor dem versperrten Tor. Seine Begleiter tuschelten. Kalter Wind blies, es regnete. Ein paar seiner böhmischen Leute aus der Burg machten sich heran, erzählten kleinlaut, betreten, wie eine riesige Anzahl gutbewaffneter Tiroler das Schloß besetzt, sie hinausgeworfen habe.
Der Herzog hielt noch eine Weile, kotig schimpfend auf die Feigheit seiner Leute, vor der hochgezogenen Zugbrücke. Aus der Burg kam Gelächter, Spottverse:
„Wer steht vorm Tor? Wer schlottert im Wind? Ein Bettler? Ein Jud’? Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.“
Fluchend zog Johann schließlich ab, nach Zenoberg. Das gleiche. Nach Greifenstein. Das gleiche. Es ging schon auf Mitternacht. Er war todmüde, heiser vom Schreien und Toben, zerschlagen. Fröstelnd, jämmerlich, nächtigte er im Freien.
Morgen fahlte herauf. Der Herzog stieg auf sein Pferd, schmutzig, überwacht, die Glieder schmerzten ihn, der Magen war ihm hohl von Hunger. Er hatte nur mehr sechs von seinen Leuten um sich, die andern hatten sich sacht verlaufen.
Es regnete unaufhörlich. Seine Begleiter sagten ihm, das Volk sei sehr einverstanden mit dem Geschehenen, lache, juble, feiere, höhne. Jene Verse brummten, lästige Insekten, um seine Ohren: „Ein Bettler? Ein Jud’? Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.“ Auf Nebenpfaden schlich er sich in die Burgen etlicher Adeliger, die er sich besonders verpflichtet hatte. Die Herren waren nicht da, die Kastellane hatten keine Weisung, verschlossene Tore. Es waren nur mehr vier von seinen Leuten bei ihm.
Er irrte ziellos durch Weinberge, Forst. Regen, Regen. Er glaubte sich verfolgt, umstellt. Er kannte keine Furcht in der Schlacht; jetzt kroch es ihm ekel herauf. Er wollte nicht gehetzt und geschlagen sein wie ein toller Hund von einem Bauern, einem stinkenden Bürger. Er schlug sich höher in die Berge. Kam endlich zu einer abgelegenen Burg des Tägen von Villanders. Der kluge, vorsichtige Baron, er wollte sich, wenn möglich, auch mit den Luxemburgern verhalten, nahm ihn auf. Allein er wagte nur, ihm sehr heimliche, auf ganz kurze Zeit befristete Unterkunft zu geben. Johann lebte die wenigen Tage als ein unbekannter Ritter Ekkehard, ließ sich nicht sehen. Da klatschten ihm auch hier Fetzen jenes Liedes um die Ohren: „Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.“ Er machte sich fort, des Nachts, schlotterig, nur mehr zwei Knechte folgten ihm. Er war noch immer im Jagdkleid. Schmutzig, verschwitzt, stinkend, auf abgetriebenem, versagendem Roß, das auf den versumpften Nebenpfaden nicht mehr weiterkam, schlich er sich die Kreuz und die Quer durch sein Land. Wenn nur wenigstens dieser verfluchte Regen aufhörte! Er verkaufte den Schmuck, den er bei sich trug, Waffen, Jagdhorn, zuletzt auch das Pferd.
Fiebernd, erschöpft, ganz allein erreichte er das Gebiet des Patriarchen von Aquileja. Kam nach Friaul. In den Palast des Patriarchen. Die Knechte grölten, wieherten, als der lausige, verlumpte Mensch behauptete, er sei der Herzog von Kärnten, Graf von Tirol, Enkel der Römischen Majestät. Der Patriarch, Feind der tirolischen Feudalherren, von Luxemburg allezeit sehr gefördert, nahm ihn ehrerbietig auf, schloß ihn in seine Arme. Langsam kam, nach Tagen, der erschöpfte, verstörte Fürst wieder zu sich. Knirschte, wob bösartige Pläne, sott Gift, spie Flüche und Drohungen in das Land, aus dem ihn seine Frau vertrieben.