VIII.
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Du klagst, daß Deinen Blick umfloren Die Schatten um der Wahrheit Thron? Dein eigen Herz hat sie geboren; Sie sind der Sünde Frucht und Lohn.
Idalia glaubte in ihrem ganzen Leben nie so glücklich gewesen zu sein, als sie jetzt sich fühlte. Diese häusliche Geschäftigkeit, der sie sich mit allem Eifer hingab, hatte, je ungewohnter sie ihr war, einen desto größeren, ja zauberischen Reiz für sie, der noch durch das Eigentümliche ihrer Lage und ihres Aufenthaltes auf einer Hallig erhöht wurde. Die Liebe löste in ihrer Brust, die früher nur Raum hatte für das flatterhafte Wesen eines eitlen Mädchens, alle Ahnungen der wahren Weiblichkeit und den Sinn für die Würde einer Hausfrau. Zugleich wußte sie ja, daß sie so gerade Dem am meisten gefalle, von welchem sie geliebt sein wollte. Sie benutzte nicht einmal alle Vorteile, welche ihr die Mittel ihres Vaters liehen, um Bedürfnisse und Annehmlichkeiten, die sonst der Hallig fremd waren, für ihren Zustand zu gewinnen; sondern gefiel sich in der Einfachheit und Genügsamkeit ihrer jetzigen Heimat, und machte tausend, fast immer unausführbare Vorschläge, um das Ganze noch mehr in die Form einer Gesner’schen Idylle zu kleiden. Den Rand des sogenannten Soods, in welchem sich das Regenwasser sammelte, umkränzte sie mit einer breiten Lage von Seemuscheln, die sie mühsam hatte am Strande zusammensuchen müssen, weil dieser in jener Gegend auch damit geizt. Der Bedarf an Trinkwasser mußte jedoch für die verwöhnten Zungen vom festen Lande herübergebracht werden. Den Schatten und die trauliche Enge einer Laube zu ersetzen, hatte sie mit Godber’s Hülfe ein Zelt von Segeltüchern auf der Werfte aufgeschlagen, und wenn das Wetter es nur zuließ, ward der Kaffee unter dem Dache desselben getrunken. Sie führte auch mit ihrem Bruder manchen Streit, indem sie das Leben auf diesem Eilande vor allen Herrlichkeiten der großen Stadt rühmte, und so oft sie eine der Eigentümlichkeiten der Hallig, wenn auch nur scherzhaft, mit den glänzendsten Lobeserhebungen anpries, fühlte sich Godber enger und enger zu ihr hingezogen und gab sich den schönsten Träumen einer goldenen Zukunft hin. Bei ihm war ja die Liebe zu seiner Heimat so mit seinem innersten Wesen verwoben, daß er Alles, was Idalia in dieser Hinsicht sagte, nur für natürliche Anerkennung der Wahrheit, für ein Zeugnis voller Uebereinstimmung ihrer Seelen nahm, und mit jedem Lobe aus ihrem Munde wuchs daher auch seine Liebe zu ihr, die allein in der Liebe für das Land seiner Geburt ein Gleichgewicht hatte, sonst alle seine andern Gedanken und Empfindungen weit überwog. Die Erinnerung an Maria trat immer weiter in den Hintergrund zurück, und kamen auch einzelne Augenblicke, die an Treu und Glauben mahnten, so übte sich Godber in der Kunst, mit seinem Gewissen sich so zu beraten, daß er Recht behielt. Was konnte er dafür, daß er jetzt erst den Stern gefunden, der ihm auf seiner Erdenwallfahrt zu leuchten bestimmt war? Daß er nun erst sich selbst ganz gefunden durch die Gemeinschaft mit einem Wesen, in welchem sein Denken und Fühlen sich wie in einem verklärenden Spiegel abmalte, so daß er selbst dadurch zu einer nie geahnten Höhe erhoben und begeistert wurde? Er erschrak jetzt vor der niedern Sphäre, in welcher sein Geist und sein Herz geblieben sein müßten, wenn nicht Idalia’s Zauberschlag an die Tiefen seiner Brust gerührt, wenn er mit der unbedeutenden Maria sein Leben hingebracht.
So war es bei ihm, und so ist es bei Allen, die Eitelkeit, die in den verschiedensten Formen und Gestalten, mit den verschiedensten Wendungen und Umkleidungen sich in unsere Selbstbetrachtungen mischend, den Dingen einen Schein leiht, der uns verblendet gegen die klare Beurteilung der Verhältnisse, gegen die offenen Forderungen des Rechtes und der Pflicht. Darum ist es dem Menschen so not, daß er sich halte an dem festen prophetischen Worte. Er soll in Stunden, die er als Scheidewege erkennt, weder blindlings folgen den von Außen gegebenen Eindrücken, noch es versuchen, durch vielseitige Ueberlegung den rechten Pfad herauszufinden. Bei solcher Ueberlegung wachen in ihm alle bösen Geister auf, als fände der Aberglaube seine Erklärung und Bestätigung, der die Kreuzwege zum Tummelplatz nächtiger Dämonen macht. Sinnlichkeit, Eigennutz, Eitelkeit werden sein Urteil irre zu führen suchen, und selbst mit dem besten Willen wird seine Prüfung nie eine gerechte Würdigung Dessen sein, was sich für die eine oder andere Seite sagen läßt. Er soll vielmehr auch in diesem Sinne seine Vernunft, die durch das Erwachen jener bösen Geister in der Abgebung eines wahrhaftigen Zeugnisses gehindert wird, gefangen geben unter den Gehorsam des Glaubens. Er soll fragen, was da sei des Herrn Wille? und die Antwort darauf nicht suchen in sich selbst, als wäre seine Brust eine Wohnung des heiligen Geistes, da doch, wenn sie das wäre, es der Frage nicht bedurft hätte; sondern er soll die Antwort suchen in den Geboten Gottes, wie sie ihm gegeben sind in der reinen und lautern Offenbarung des göttlichen Gesetzes. Ein solches in seiner festen Entschiedenheit, in seiner einfachen Hoheit dastehendes Gesetz, an dem sich nicht drehen und deuteln läßt, so viel man es auch hin- und herwenden mag, und das kein Zuthun und kein Abnehmen leidet, wenn man es nicht ganz verändern und in Widerspruch mit sich selber bringen will: ein solches Gebot ohne Ausflucht, ein solcher Wegweiser ohne Seitenarm, ein solches Ja und Nein, ohne ein Wörtchen darüber, muß allein entscheiden. Ohne einen solchen Gesetzfels kommt es dahin und ist dahin gekommen, daß jeder Mensch seine eigene Moral hat, und daß diese Moral noch dazu ein wahrer Januskopf ist mit zweierlei Gesichtern, und mit Augen, die, was sie heute grün sehen, morgen früh für grau halten und umgekehrt. Berufst Du dich auf Dein Gewissen, so ist dies ja eben nichts Anderes, wenn es den Namen verdient, den Du ihm beilegst, als der Strom lebendigen Wassers vom Felsen des Gesetzes; und ist es das nicht, so ist noch weniger Verlaß darauf als auf eine von jedem Winde bewegte Wetterfahne, die darin noch den Vorzug hat, daß sie doch wenigstens die Richtung anzeigt, woher der Wind bläst. Also das klare, lautere, gegebene, nicht erst nach den Umständen und Verhältnissen zu machende oder zu modelnde Gesetz Gottes sei Dir für Dein Wollen und Thun ein unerschütterlicher Sinai. Vor Seiner Stimme durch die Wolken müssen alle andern Stimmen schweigen; und schmeicheln sie noch so lockend als Stimmen der Wahrheit um Dich her, sie sind Lüge mehr oder minder, in dem Maße, in welchem sie sich von dem einfachen, offenen Sinn des Gesetzes entfernen. Denkst Du an die Folgen? Ein lieblicher Sonnenschein lächelt Dir entgegen, wenn Du es nur einmal nicht so streng und scharf nehmen wolltest mit den Geboten Gottes, oder sie umkleidest in eine Dir gefälligere Wahrheit. Schwere Wolken dagegen hängen herab über Deinen Pfad, bereit, ihre Gewitter und ihren Hagelschlag auf Dich und die Deinen, auf die Saat Deines Nächsten zu entladen, wenn Du ohne Weichen und Wanken beharrest in dem Worte des Gesetzes. Beharre bis in den Tod, auf daß Du das Leben gewinnest! Du sollst Deine unsterbliche Seele beraten, daß sie bestehe vor dem Richter der Lebendigen und der Toten. Für die Folgen da laß Ihn sorgen; sie stehen ja in Seiner, in des gnädigen Vaters Hand. Sie sind nicht Deine Sache. Dein ist es aber, treu erfunden zu werden! Dies sei Dir genug; wenn auch die Erfahrung Dir nicht so oft zeigte, wie unsere Berechnung der Folgen so leicht dem Irrtum unterworfen ist; wie das Licht die Nacht, und die Nacht das Licht gebiert. Immerdar müssen ja auch alle Dinge, sei’s Reichtum oder Armut, Glück oder Unglück, Leben oder Tod, zum Besten dienen dem, der da sagen kann: „Hier bin ich, Herr! Dein Wort war meines Fußes Leuchte!“
Woher kommt denn all die Armseligkeit selbst unter den sogenannten „guten Menschen?“ Woher denn bei ihnen diese vielen „unschuldigen Schwächen,“ diese feinen, scheuen Wendungen, wenn Gott einmal ein Brandopfer wieder fordert auf dem Altar der Pflicht? Weil sie sich selbst ihre Tugend gemacht haben, um sie, gleich einem bequemen und behaglichen Kissen, bald nach der einen, bald nach der andern Seite hin ihrem Erdenschlummer unterzulegen. Weil sie um den Sinai in der Wüste einen schattenreichen Park angepflanzt haben, der ihnen den Berg aus den Augen rückt, während sie auf blumigen Pfaden über Thal und Hügel dahinwandeln, ganz zufrieden damit, wenn sie nur nicht so weit sich entfernen, daß die Mitgäste im Park sie nicht mehr als ihres Gleichen erkennen wollen. Wahrlich, es thut diesem Geschlecht der Flammenspiegel des Gesetzes not, vor dem die Spreu, die sie eine gute Saat nennen, zur Asche werden muß, nicht einmal geeignet, die dürre Stätte zu bedecken.
Es stimmt freilich wenig mit der sogenannten Aufklärung unserer Zeit, sich an ein solches festes Wort zu binden. Nein, wir wollen lieber uns selbst Gesetz sein, und reden daher viel von dem ins Herz geschriebenen Gebot, worunter wir, wenn wir die Wahrheit sagen wollten, eine weiche Wachsfläche verstehen, worin die äußeren Eindrücke allerlei Figuren malen, aus denen wir dann ein mit unsern Neigungen am besten übereinstimmendes Orakel herauslesen, um ihm als einem Götterspruch nachzufolgen. Daher haben wir es denn auch so leicht gefunden, recht gute und sittliche Menschen zu werden; weil wir, wenn unsere Neigungen nur durch glückliche Umstände, durch Erziehung und Scheu vor dem Urteil der Welt in einer gewissen Flauheit gehalten werden, die es nicht zu tobenden Ausbrüchen der Leidenschaften kommen läßt, davor bewahrt bleiben, Diebe und Mörder zu heißen. Ein bischen Hoffahrt, Weltlust, Verleumdung, Rachsucht, Betrug, ja selbst ein bischen Buhlerei mag dabei gern mit unterlaufen; es ist ja einmal das Erdenleben nicht anders, und es ist ja kein Richter in unserer Brust, der es so genau nimmt; es ist kein Gesetz da, das schärfer als ein zweischneidig Schwert teilet zwischen Gott und Welt, Recht und Unrecht, Tugend und Sünde. Wie im lauen Wasser Wärme und Kälte gemengt sind, so ist auch in unserem selbstgeschaffenen Gesetz Licht und Finsternis zu einem die Augen nicht angreifenden Nebel vereinigt. Wie die Schlangenlinie bald rechts und bald links führt, und wenn sie der einen Seite zulenkt, schon die Wendung nach der andern vorbereitet, so ist auch in unserm Wandel weder ein Fortschreiten auf dem Wege des Lebens, noch ein völliges Abirren auf den Weg des Todes. Freilich, wenn der Tag aufgehet, an welchem Gott die Völker der Erde richtet; wenn Er Rechenschaft fordert auch von jeglichem unnützen Wort, das aus unserm Munde gegangen ist; wenn von Seinem Throne das Wort niederleuchtet: „Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig!“ dann freilich wird das weiche Wachs unseres Gesetzes vor den Flammenstrahlen seines Gesetzes hinschmelzen; dann wird unser gefügiger Mittelweg offenbar werden als ein Weg des Fleisches und des Verderbens, der in seinen Windungen nur darum an den Weg des Lebens hinstreifte, auf daß wir keine Entschuldigung hätten, als wäre uns verborgen geblieben, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. — Die Fabel vom Gewissen, wie dies Wort gewöhnlich genommen wird, muß aufhören, eher mag keine rechte Tugend gedeihen. Und eine Fabel, noch dazu mit gar schlechter Moral, ist das Gewissen; so es, wie bei den meisten Menschen, nichts weiter ist, als ein Gebräu von Lebensklugheit, Sorge für den guten Ruf, Beachtung des Anstandes, versetzt mit einem Teil natürlicher Gutmütigkeit, die eben so gut Charakterschwäche heißen mag, und einem Teil Erkenntnis des göttlichen Willen, die aber nicht recht weiß, wie sie sich mit jener Mixtur verbinden soll, und nur als Bodensatz zu dienen scheint, der, wenn das Gewissen sich einmal aufrüttelt, unstät im Ganzen verschwimmt. Das wahre Gewissen ist kein Gesetzgeber, sondern nur das Auge, das geöffnet ist für das gegebene Gesetz. Es fragt nicht, wie entschieden werden soll, sondern zeigt nur, wie entschieden ist durch Den, der da sprach: Du sollst, und Du sollst nicht! es erlaubt sich kein Urteil über die Umstände und Verhältnisse; sondern erinnert Dich nur an das Urteil Gottes über den Fall, der vorliegt. Dadurch allein bewahrt es sich in seiner Freiheit wider die Anläufe böser Neigungen und Begierden, daß es sein Licht und seine Kraft nimmt aus einer Höhe, zu der diese nicht hinaufreichen. Will es selbst den Weg finden, den Du wandeln sollst, dann fällt es der Knechtschaft anheim; ist nur ein vielleicht hochmütiger, aber doch williger Diener alles ungöttlichen Wesens und der weltlichen Lüste, und trägt die Livree seiner Herren. Es ist also ein fester Pol, ein: „Gieb mir, wo ich stehe!“ dem Gewissen not, von welchem aus es die Welt überwinde. Es hat sein Licht nicht in sich selber; sondern bedarf eben so gut, wie Dein leiblich Auge das Licht von Außen her, um zu sehen. Ist denn etwa der inwendige Mensch nach seinen verschiedenen Geistes- und Seelenthätigkeiten so getrennt und gespalten, daß jede ihr eigenes Gebiet habe, welches sich frei hält von aller Berührung und Einwirkung der andern? Daß jede schaffet und waltet für sich, ohne von der Bewegung der andern sich mitbestimmen zu lassen? Also daß, während das Herz sich krümmt vor einem Opfer, das die Tugend fordert, während die Sinnlichkeit der bösen Lust zustrebt, während die Klugheit eigennützig rät, den breiten Weg zu wählen, daß nun das Gewissen, ohne einen Führer außerhalb dieser Bewegung, sich ganz frei halten sollte von dem Einfluß dieser Hausgenossenschaft? Wird es nicht bald in den verführerischen Sirenengesang mit einstimmen, oder wenigstens bald übertäubt werden, wenn ihm keine Hülfe von Außen her wird? Wenn lange Gewohnheit leichtsinnig und gleichgültig machte gegen den Weg, den wir wandeln, wenn die Geleise, die wir betreten, unserm Fuß einmal so bequem und natürlich geworden sind, daß es uns gar nicht mehr in den Sinn kommt, andere zu wählen: ist dann Dein Gewissen nicht mit Dir in gleiche Gewohnheit versunken? Wird es wachen, wenn Du schläfst? Wird es stille stehen, wenn Du fortgehst? Wird es sehen, wenn Du blind bist? Wird es reden, mahnen, strafen, anders als Du willst, als ob es kein Teil von Dir wäre, da Du es doch auf Dich selbst allein hinweisest, als auf den Quell, woraus es seine Erkenntnis nehmen soll? Damit verlangst Du ja, daß Du Dir selbst widersprechen, Du selbst Dich selbst überwinden sollst; verlangst Licht von der Finsternis, Kraft von der Ohnmacht, Antwort von der Frage. — Es muß Etwas außer uns sein, wohin wir schauen, als auf einen festen Polarstern, ein Licht, das erhaben ist über die Nebeldünste dieser Welt, ein Wegweiser, auf den wir nicht selbst den Weg malen, den wir für den richtigen halten, sondern auf dem er vorgezeichnet ist von Dem, dessen Wort unseres Fußes Leuchte ist, und ein Licht auf dunklen Wegen. Es muß ein heiliger Wille uns verkündet sein vom Vater des Lichtes. Sonst leben wir in einem revolutionären Lande, wo das alte Recht abgeschafft ist und noch kein neues wieder gegeben; wo Jeder mit seinen Ansichten und Neigungen zu Rate geht, was er thun und lassen soll, und wo der Eine mit dem besten Gewissen ein Totschläger wird und der Andere mit gleich gutem Gewissen die Beute zu sich nimmt. Nicht weil man ohne Gewissen handelte, wurden Scheiterhaufen erbaut und die Guillotine aufgerichtet, sondern weil man das Gesetz Gottes: Du sollst nicht töten! vergaß, und die eigenen Ansichten und Neigungen sich zur Gewissenssache machte. Nicht gegen sein Gewissen lebt der, welchem die Befriedigung des irdischen Gelüstens, das Treiben in zeitlichen Geschäften, der behagliche Genuß des weltlichen Friedens Alles ist; der, dem kein Blick der Andacht den Himmel öffnet, keine ernste Frage nach den göttlichen Dingen das Herz bewegt, keine Heiligung des Sinnnes und Wandels als Lebensaufgabe vorliegt. Er merkt vielmehr in sich gar keinen Widerspruch gegen solche Weise, weil er es nicht gelernt oder wieder verlernt hat, sein Leben im Spiegel des göttlichen Gesetzes zu betrachten; und hat nichts destoweniger auch seine Ehrenpunkte, die sein Gewissen ihm nicht zu verletzen erlaubt. Der Ton, der vielleicht auch bei ihm in einzelnen Stunden wie aus einer höheren Welt anschlägt, ist nur ein Nachklang des früher erkannten göttlichen Gesetzes, oder ein Anklang desselben, durch Gottes Schickungen hervorgerufen. Das Gewissen aber in seiner Wahrheit und Klarheit ist nichts mehr und nichts weniger, als ein Abglanz der Herrlichkeit des göttlichen Gesetzes. Ein Spiegel ist es, in welchem wir den Willen des Ewigen erkennen, wenn wir diesen Willen davor halten. Wollen wir aber nur unser eigenes Bild davor hinstellen, so sehen wir eben auch nur unser eigenes Bild, und unser Wollen und Thun wird auch nichts Anderes sein, als eine Nachäffung dieses Bildes; kein Wollen und Vollbringen dessen, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. Der Pilger, der kein Ziel vor sich hat, nach dem er strebt, oder keine Anweisung, wie und wohin er wandern soll, richtet sich nach der Munterkeit oder Müdigkeit seiner Glieder, nach der Annehmlichkeit oder Beschwerde des Weges, nach dem Sonnenschein oder Regenwetter des Tages. So auch die Wallfahrt durch’s Leben ohne Gesetz von Außen her. Wo aber dies als Machtgebot des Richters der Lebendigen und der Toten uns vorleuchtet, da gilt kein Säumen und kein Wanken, da gilt kein Fürchten und kein Gefallen, da gilt kein Leben und kein Sterben, da gilt allein das strenge, unerbittliche Wort, das kein Drehen und kein Deuteln zuläßt, das keine Vorwände und Entschuldigungen annimmt, das keine Verführungen und Versuchungen anerkennt, das Gehorsam, nur Gehorsam will. Ohne ein solches Wort der Zucht und der Kraft, das ganz über unser Klügeln und Mäkeln hinausgehoben ist, werden wir nie die Sünde überwinden, nie wandeln in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum soll unser Gewissen nie etwas Anderes sein, als ein Merken und Erwägen dieses Wortes; und redeten auch tausend Stimmen dagegen und spräche auch die ganze Welt ihr Anathema aus gegen dessen Ausspruch, und flehten auch alle Seufzer und Thränen Deines Herzens gegen seine Erfüllung, und gelte es auch den letzten Brosamen unseres irdischen Glückes, die letzte Hoffnung unseres zeitlichen Daseins: laß fahren dahin, Du hast nur ein Gesetz, das Gesetz des Herrn! und darin beharre bis an’s Ende! Das Reich Gottes muß Dir doch bleiben. Godber war in der Furcht Gottes und in der Zucht des Gesetzes erzogen. Es war ihm darum nicht so leicht, sein Gewissen, das wenigstens mit einem Fuße noch auf dem Boden stand, zu seinen jetzigen Ansichten hinzudrängen. Wenn er eben glaubte, daß es mit ihm ruhig auf dem Wege fortwandle, welchen er fortan als den für ihn notwendigen, durch die Fügungen des Geschicks ihm vorgezeichneten Lebensweg zu betrachten sich zu gewöhnen suchte, dann trat es eigensinnig aus dem Geleise und stand wieder wie eingewurzelt auf der Stelle der Schrift: „Laß Dich nicht einen jeglichen Wind führen, und folge nicht einem jeglichen Wege, wie die unbeständigen Herzen thun; sondern sei fest in Deinem Gemüt und bleibe bei einerlei Rede!“ Doch wir sind nie schlauer und gewandter, als da, wo es darauf ankommt, uns selbst zu betrügen; und so förderte sich auch Godber immer weiter in der Kunst, aus der ehernen Gesetztafel eine wächserne zu machen, und das störrige Roß seines Gewissens in ein folgsames Paradepferd umzuwandeln. Der Herr aber in der Höhe wollte ihm zeigen, wie eitel solche Kunst sei und wie wenig haltbar der Zügel, an dem sie ein Gewissen, das einmal eine andere Führung gewohnt war, zu leiten sucht. Gott sprach durch den Mund der Toten, und — vor das Paradies, in das Godber ruhig einzugehen meinte, trat der Engel mit dem feurigen Schwert.