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Die evangelische Kirche im Jahrhundert der Reformation

Erster Abschnitt. Was Gott durch D. Martin Luther gethan hat.

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1. Von Luthers Eltern und wie es unserm Reformator in seiner Kindheit ergangen ist.

Armer Leute Söhne müssen sich aus dem Staube arbeiten, müssen viel leiden. Und weil sie nichts haben, darauf sie können stolzieren und pochen, lernen sie Gott vertrauen, drücken sich und schweigen still.

Luther.

W
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Wenn sich Gott für eine große Arbeit in seinem Reiche ein Rüstzeug erwählt, pflegt er nicht nach Reichtum oder Macht oder Ehre zu fragen. Wen er zu einer großen Aufgabe beruft, dem schenkt er auch die nötigen Gaben. Den König David hat er von den Herden weggeholt. Der Apostel Petrus legte sein Fischernetz beiseite, um dem Herrn zu folgen. Und der Mann, den Gott zum Reformator der Kirche ausersah, bekannte von sich: »Ich bin eines Bauern Sohn, mein Vater, Großvater und Ahn sind rechte Bauern gewesen.« Es mag ein gar kümmerliches Leben gewesen sein, das Vater Hans Luther mit seiner Ehefrau Margarethe in dem Dörfchen Möhra, zwischen Eisenach und Salzungen gelegen, geführt haben. Nach altem Landesbrauch war der väterliche Bauernhof dem jüngsten Bruder zugefallen. Die älteren hinterlassenen Söhne mußten sehen, wie sie durch fleißige Arbeit in fremder Leute Dienst sich ihr Brot verdienten. Da der blühende Bergbau guten Lohn verhieß, wandte sich Hans Luther diesem zu und zog nach Eisleben.

In der Langen Gasse zu Eisleben zeigt man noch heute das Haus, in dem am 10. November 1483 Nachts zwischen elf und zwölf Uhr Hans Luther und seiner Frau das erste Knäblein geboren wurde. Man wartete damals nicht lange mit der heiligen Taufe. Schon am nächsten Tag wurde das Kind in der nahen Peterskirche getauft. Weil aber für diesen Tag im Kalender der Name des heiligen Martinus steht, erhielt der kleine Luther den Namen Martin.

Luthers Geburtshaus
Luthers Geburtshaus

Luthers Geburtshaus.

Luther war sechs Monate alt, als die Eltern mit ihm nach Mansfeld zogen. Der Vater hoffte dort lohnendere Arbeit zu finden. Allezeit hat unser Luther mit herzlicher Dankbarkeit an Vater und Mutter zurückgedacht. »Meine Eltern,« sagt er einmal, »sind erstlich arm gewesen; mein Vater war ein armer Häuer und die Mutter hat ihr Holz auf dem Rücken getragen, damit sie uns Kinder erzogen haben. Sie haben sich's lassen blutsauer werden.« In diesem Hause ist kein Kind verzogen worden. Aber bei aller strengen Zucht herrschte herzliche Liebe. Recht wenig Freundlichkeit aber scheint in der Schule zu Mansfeld gewohnt zu haben. Der Lehrer hat den kleinen Martin einmal an einem Vormittag fünfzehnmal hinter einander »gestrichen«.

Luthers Vater
Luthers Vater

Luthers Vater.

Wie gern hätte Vater Luther etwas Ordentliches an sein Kind gewandt! Aber woher die Mittel dazu nehmen? Doch dachte er, sollte nicht Gott, der meinem Martin gute Geistesgaben verliehen hat, auch etwas Tüchtiges aus ihm machen können? Es gab manchen armen Schüler, der von Haus zu Haus zog, mit seinen Kameraden vor den Thüren ein Lied sang und dann eine milde Gabe empfing. Wollte Martin einmal ein Gelehrter werden, dann blieb ihm auch nichts anderes übrig. So hat er denn auch »das Brot vor den Häusern genommen«, erst, seit dem Jahre 1497 in Magdeburg, dann, vom folgenden Jahre ab, in Eisenach. In Eisenach aber hat Gott den jungen Luther in ein wohlhabendes Kaufmannshaus geführt. Das ist ihm zum zweiten Elternhaus geworden. Frau Ursula Cotta hatte schon öfters den Knaben beobachtet in seinem Singen und herzlichen Beten. Der arme Junge that ihr leid. In ihrem Hause war noch Platz genug. Darum nahm sie ihn wie ein eigenes Kind zu sich. »Als er eine Zeit lang in Eisenach,« so erzählt der Joachimsthaler Pfarrer und Freund Luthers, Johann Mathesius, »auch vor den Thüren sein Brot ersang, nahm ihn eine andächtige Matrone zu sich an ihren Tisch, dieweil sie um seines Singens und herzlichen Gebets willen in der Kirche eine sehnliche Zuneigung zu dem Knaben trug.« Das war eine Fügung Gottes. Nun lastete nicht mehr der Druck der Armut und Sorge ums tägliche Brot auf dem kindlichen Gemüt. Im freundlichen Hause der edlen Frau Cotta hat wohl Martin erst die Freude der Erholung nach gethaner Arbeit recht kennen gelernt. Hier konnte er nun auch mit ganzem Eifer lernen. Seinem braven Eisenacher Lehrer ist er zeitlebens dankbar gewesen. Der Magister Trebonius — so hieß er — war nicht nur ein grundgelehrter Mann, sondern auch ein freundlicher Lehrer. Kam er ins Schulzimmer, nahm er sein Barett ab und grüßte die Kinder; denn, sagte er, ich kann nicht wissen, ob unter ihnen ein zukünftiger Ratsherr, Bürgermeister oder Kardinal ist. Nach alledem verstehen wir, warum Luther Eisenach seine »liebe Stadt« nennt.

Luthers Mutter
Luthers Mutter

Luthers Mutter.

Schule Luthers in Mansfeld
Schule Luthers in Mansfeld

Schule Luthers in Mansfeld.

Eisenach mit der Wartburg
Eisenach mit der Wartburg

Eisenach mit der Wartburg.

2. Der Student und der Klosterbruder oder: Wie Luther Frieden sucht.

Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir.

Psalm 42, 2.

Lutherhaus in Eisenach
Lutherhaus in Eisenach

Lutherhaus in Eisenach.

N
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Nicht ohne Wehmut ist Luther aus dem Cotta'schen Hause geschieden. Wie viel Liebe hatte er dort gefunden! Wollte er aber seinem Ziele weiter zustreben, so mußte er die Eisenacher Georgsschule mit der Universität vertauschen. Das benachbarte Erfurt hatte eine berühmte Hochschule. Im Jahre 1501 trat Luther in die Schar der Erfurter Studenten ein. Was aber die meisten Universitätslehrer trieben und lehrten, wollte dem jungen Studenten nicht sonderlich behagen. Seine Seele brauchte Speise. Solche reichte ihm niemand dar. Trotzdem studierte und lernte Luther fleißiger als die meisten seiner Kameraden und hielt sich getreulich an seinen Spruch »Fleißig gebetet ist über die Hälfte studiert.« Aber recht froh ist er dabei nicht geworden. Oft wurde seine Seele von einem tiefen Weh und einem schmerzlichen Sehnen ergriffen. Sein Herz suchte etwas und er konnte sich selbst nicht sagen, was dies wäre. Später ist's ihm immer deutlicher geworden: es war das Verlangen nach einem gnädigen Gott, die Sehnsucht nach Seelenfrieden. Er konnte ihn erst finden, als er in der Heiligen Schrift studiert und seinen Heiland gefunden hatte. Jenes ungestillte Sehnen und dazu die rastlose Arbeit warfen den Jüngling aufs Krankenlager. Damals hat ihn ein ehrwürdiger Greis mit den prophetischen Worten aufgerichtet: »Seid getrost! Ihr werdet dieses Lagers nicht sterben, sondern unser Herr Gott wird noch einen großen Mann aus euch machen, der viele Leute trösten wird. Denn wen Gott lieb hat, dem legt er zeitlich das heilige Kreuz auf, in welchem geduldige Leute viel lernen!«

Erfurt.
Erfurt.

Erfurt.

Einen ganz besonderen Freudentag hat aber Gott in jener Zeit dem jungen Luther beschert. Das war der Tag, an dem er ihn in der Universitätsbibliothek eine ganze lateinische Bibel finden ließ. »Da vermerkt er mit großem Verwundern, daß viel mehr Texte, Episteln und Evangelien darin wären, denn man pflegt in den gewöhnlichen Predigtbüchern und auf den Kanzeln auszulegen. Wie er im Alten Testament sich umsieht, kommt er über Samuelis und seiner Mutter Hanna Geschichte. Die durchliest er eilend mit herzlicher Lust und Freude, und, weil ihm das alles neu war, fängt er an von Grund seines Herzens zu wünschen, unser getreuer Gott wolle ihm dermaleinst auch ein solch eigen Buch bescheren.«

Schon war Luther »Magister« geworden. Das war eine hohe Gelehrtenwürde, die die Universität nur fleißigen und tüchtigen Leuten verlieh. Der Vater Luther war so erfreut und so stolz auf seinen Sohn, daß er ihn jetzt nicht mehr »Du«, sondern »Ihr« nannte. Er sah schon seinen Martin in Amt und Würden, etwa als den hochangesehenen, rechtsgelehrten Rat des Landesherrn.

Es sollte aber ganz anders kommen, als der Vater dachte. Einst reiste Martin in Begleitung eines Freundes in die Heimat. Nicht weit von Erfurt stieß er sich bei einem Fehltritt die Waffe, die er nach Studentensitte an der Seite trug, tief in den Schenkel. Das Blut konnte kaum gestillt werden. Der Jüngling mußte ans Sterben denken. Wie, wenn er plötzlich vor Gottes Richterstuhl gerufen würde! Tiefe Wehmut und ernste Todesgedanken weckte in seiner Seele auch der plötzliche Tod eines seiner Freunde. Endlich — es war im Sommer 1505 — wurde er auf dem Wege von Mansfeld nach Erfurt von einem furchtbaren Gewitter überrascht. Es war ihm, als sähe er im Blitz den Schrecken des jüngsten Gerichts und hörte im Donner die Stimme des zornigen Weltenrichters. In der Todesangst rang sich von Luthers Lippen das Gebet und Gelübde: »Hilf, liebe heilige Anna, ich will ein Mönch werden!« Das Gelübde war gethan. Der Entschluß war gefaßt. Im Kloster hoffte Luther zu finden, wonach seine Seele hungerte und dürstete: Frieden mit seinem Gott!

Im Juli 1505 schlossen sich hinter dem jungen Magister die Pforten des Augustinerklosters zu Erfurt. Nicht nur die Freunde trauerten um ihn. Für den Vater war es ein schwerer Schlag. »Da ich ein Mönch ward,« erzählt Luther, »war mein Vater übel zufrieden und wollte mir's nicht gestatten und sagte mir alle Gunst und väterlichen Willen gar ab.« Freundliche Aufnahme fand Luther im Kloster nicht. Gerade weil er so ernst und gelehrt und mit dem Magistertitel geschmückt war, lud man ihm die allerniedrigsten Arbeiten auf. Wenn er gern still in seiner Zelle über den Büchern gesessen hätte, jagte man ihn hinaus. »Mit dem Sack durch die Stadt!« hieß es. »Mit Betteln und nicht mit Studieren macht man das Kloster reich!« Daß aber einer ihrer Magister im Mönchskittel mit dem Bettelsack auf der Schulter durch Erfurts Straßen zog, rechnete sich die Universität zur Schmach. Sie wandte sich deshalb an Johann Staupitz, der allen Augustinerklöstern in Thüringen und Meißen vorstand. Dessen Fürsprache hatte es Luther zu danken, daß man ihm hinfort alle niedrigen Arbeiten und das Bettelngehen abnahm. Nun konnte er ungestört in seiner Zelle studieren. Das liebste Buch aber war ihm die Heilige Schrift. »Da ward ich,« sagt er selbst, »darinnen also bekannt, daß ich wußte, wo ein jeglicher Spruch stand und zu finden war, wenn davon geredet wurde.«

Wie jeder anderer Mönch, so mußte auch Luther ein Probejahr durchmachen. Erst dann wurde er für immer Mönch und legte sein Gelübde ab. Man hat gewiß damals keinen zweiten gefunden, der es mit seinen Gelübden so genau nahm, wie unser Luther. »Wahr ist's,« bekennt er selbst, »ein frommer Mönch bin ich gewesen und habe so streng meinen Orden gehalten, daß ich's nicht sagen kann. Ist je ein Mönch gen Himmel gekommen durch Möncherei, so wollte ich hineingekommen sein.«

Ein großer Ehrentag war's für Luther, als man ihn zum Priester weihte. Da füllte sich das Kloster mit Gästen. Auch Vater Luther, dessen Arbeit Gott in den letzten Jahren reich gesegnet hatte, kam »mit zwanzig Pferden geritten«. Aber vergessen hatte er es doch nicht, daß sein Martin wider den väterlichen Willen ins Kloster gegangen war. Als an jenem Tage der Sohn frug: »Lieber Vater, warum habt ihr euch so hart dawidergesetzt und waret also zornig, daß ihr mich nicht gerne einen Mönch wolltet werden lassen?« antwortete Vater Luther mit vernehmlicher Stimme, daß es auch die Nachbarn hörten: »Ihr Gelehrten habt ihr nicht gelesen in der Heiligen Schrift, daß man Vater und Mutter ehren soll?« Später hat's Luther eingesehen, daß der Vater ganz recht hatte.

Johann Staupitz
Johann Staupitz

Johann Staupitz.

Aber es ist doch auch Gottes Fügung gewesen, daß Luther das Klosterleben von Grund aus kennen lernte. Mitten im Mönchtum sollte er es erfahren, daß römische Werke nicht zum Frieden führen können. Im Kloster wollte Gott ihn von dem Wahn befreien, daß der Mensch durch seine guten Werke gerecht zu werden vermöge. Luther sollte in die tiefste Unzufriedenheit mit sich selbst geführt werden, sollte hungern und dürsten lernen nach Gerechtigkeit und den Seufzer verstehen: »Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« (Röm. 7, 24). Nur einer, der das gelernt hatte, konnte mit solcher Freude seinen Heiland ergreifen, wie es Luther gethan hat.

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3. Der Wittenberger Professor oder: Wie Luther den Frieden fand.

Ich habe nun den Grund gefunden, Der meinen Anker ewig hält. Wo anders als in Jesu Wunden? Da lag er vor der Zeit der Welt, Der Grund, der unbeweglich steht, Wenn Erd und Himmel untergeht.

J. A. Rothe.

I
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I m Jahre 1502 hatte Kurfürst Friedrich der Weise die Universität Wittenberg gegründet. Die Hochschule sollte ein Kleinod des Sachsenlandes werden. Dazu brauchte sie vor allem tüchtige und fromme Lehrer. Johann Staupitz hat bei der Berufung solcher Leute seinem Landesherrn manchen guten Rat gegeben, er beste Rat aber war der, daß er ihm empfahl, den jungen Magister Martin Luther von Erfurt nach Wittenberg zu holen. Im Herbst 1508 siedelte denn auch Luther aus dem Erfurter in das Wittenberger Augustinerkloster über.

Kurfürst Friedrich der Weise
Kurfürst Friedrich der Weise

Kurfürst Friedrich der Weise.

Gern hätte der neue Professor im Mönchsgewande gleich von Anfang an die Heilige Schrift seinen Vorlesungen zu Grunde gelegt. Aber weil er dazu nach der Ordnung der Universität noch kein Recht hatte, wurde er beauftragt, die Studenten in die mittelalterliche Weltweisheit einzuführen. Dabei ist er selbst in der wichtigen Erkenntnis bestärkt worden, daß auch die Weisheit der Welt nicht den Weg zur Seligkeit zeigen kann.

Schon das Jahr darauf ist Luther — wie das zuging, wissen wir nicht — wieder ins Erfurter Kloster versetzt worden. Er hat aber auch in Erfurt seine Lehrthätigkeit an der Hochschule fortgesetzt. Wie fleißig er in den Werken des alten Kirchenvaters Augustin und in den Schriften der Kirchenlehrer des Mittelalters studiert hat, kann man in den stattlichen Bänden sehen, die die Stadt Zwickau aufbewahrt. Da hat er mit seiner feinen, aber festen Schrift die eigenen Gedanken an den Rand geschrieben.

Von Erfurt ist Luther aber wieder nach Wittenberg zurückgekehrt, freilich auf einem großen Umwege, nämlich über Rom. In seinem Lebensgang ist das aber kein Umweg gewesen. Im Kloster hatte ihn Gott gelehrt: »Die Werke helfen nimmermehr, sie mögen nicht behüten.« Die Weisheit der Welt hatte er als Finsternis erkannt. In Rom sollte er erfahren, daß auch am »allerheiligsten« Ort in der Nähe des »heiligen« Vaters die Seele keinen Frieden finden kann. Das waren die Wege, die Gott mit unserem Luther ging, um ihn zu der Erkenntnis zu führen: Die Heilige Schrift allein zeigt den Weg zur Seligkeit. Der einzige Weg zur Seligkeit ist Jesus Christus. Ihn ergreift allein der Glaube.

Älteste Handschrift Luthers
Älteste Handschrift Luthers

Älteste Handschrift Luthers (1509; aus einem Bande der Zwickauer Ratsschulbibliothek).

(Moritur beatus Augustinus Anno domini 433. Et nunc scilicet 1509. fuit mortuus ad 1076. annos d. h. Es stirbt der selige Augustinus im Jahre des Herrn 433 und ist jetzt, nämlich 1509 gegen 1076 Jahre tot).

Wie aber kam Luther nach Rom und was hat er in Rom erlebt? Johann Staupitz war der Meinung, daß in den Augustinerklöstern Deutschlands mancherlei anders werden mußte. Mit seinen Besserungsvorschlägen waren aber nicht alle Klöster einverstanden. Da sollte der Papst selbst die Entscheidung treffen und ein Machtwort sprechen. Ein Wittenberger Doktor der Theologie, der früher selbst einem Augustinerkloster vorgestanden hatte, wurde beauftragt, nach Rom zu reisen und dem Papst die Angelegenheit zu unterbreiten. Luther sollte sein Begleiter sein. Durch Thüringen, Bayern, Schwaben, Vorarlberg und Graubünden zogen die beiden im Spätherbst des Jahres 1511 nach Mailand, von da über Florenz nach Rom. Wenn heutzutage jemand nach Italien reist, bewundert er die schneebedeckten Bergriesen, welche die deutschen von den welschen Landen trennen, erquickt sich dann an der Lieblichkeit der fruchtbaren italienischen Ebene und bewundert Schritt für Schritt die Denkmäler des grauen Altertums, die prächtigen Kirchen

und die reichen Kunstschätze. Luther reiste mit anderen Gedanken. Sein ganzes Sinnen war auf das Seelenheil gerichtet. Ob er nicht dessen in der Hauptstadt der Christenheit würde gewiß werden können? Als Luther Rom zum ersten Male schaute, sank er in die Kniee, erhob die Hände und sprach: »Sei mir gegrüßt, du heiliges Rom, dreimal heilig von der Märtyrer Blut, das da vergossen ward!« Bei den Augustinern fand er mit seinem Gefährten Aufnahme. Diesem lag die Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten ob. Luther hatte Zeit, sich in der Stadt umzusehen. Da lief er, wie er selbst erzählt, durch alle Kirchen, betete, beichtete und las an manchem Altar die Messe. Er hatte gedacht, in Rom müßten alle Leute recht fromm, die Priester aber ganz besonders heilig sein. Zu seiner tiefen Betrübnis aber mußte er wahrnehmen, daß das in Italien gebräuchliche Sprichwort: »Je näher Rom, je ärger Christ!« die Wahrheit redete. Wenn nun Rom mit seinen reichen Gnadenschätzen wirklich einer Seele zur Frömmigkeit und zum Frieden sollte helfen können, mußte es da in der »heiligen« Stadt nicht ganz anders aussehen? So wurde gerade in Rom Luther von dem Gedanken gequält, daß alle von der Kirche angepriesenen Gnadenmittel ihm nicht geben konnten, was er mit der ganzen Inbrunst seiner nach Gott verlangenden Seele suchte.

In Rom zeigt man noch heute, wie damals die Treppe, die einst vor dem Richthause des Pilatus zu Jerusalem gestanden haben soll. Luther rutschte ihre 28 Stufen auf den Knien hinauf, weil solch »frommem« Werke reiche Ablaßgnade verhießen war. Während er's aber that, mußte er an ein Wort denken, daß ihm auf der ganzen Romreise durch die Seele klang: »Der Gerechte wird seines Glaubens leben« (Habakuk 2, 4). Stimmte zu diesem Worte der Heiligen Schrift, was die Kirche von dem Friede suchenden Christen forderte? War es nicht die Pflicht eines Jeden, der seine Kirche lieb hatte, ihre Lehre und ihr Leben wieder mit der Heiligen Schrift in Einklang zu bringen? Mit solchen Gedanken mag Luther heimgekehrt sein. Im Frühjahr 1512 finden wir ihn wieder in Wittenberg.

Luther als Mönch
Luther als Mönch

Luther als Mönch.

Noch lag für ihn ein Schleier über der Heiligen Schrift. Wer Gottes Wort verstehen will, der muß die Eine große Wahrheit erfaßt haben: Gott ist die Liebe. Die Liebe Gottes in Jesu Christo geoffenbart, ist das Licht, das die Bibel durchflutet. Bisher hatte die Furcht vor Gottes Zorn und Christi strengem Gericht Luthers Herz erfüllt. Er hatte gemeint, alles thun zu müssen, was er nur thun konnte, um Gottes Zorn zu besänftigen und Christi Erbarmen zu verdienen. Da war es Johann Staupitz, der ihn Gott anders erkennen lehrte: Gott ist nicht ein Gott des Zorns, sondern Gott ist die Liebe. Christus ist nicht der zürnende Richter, sondern unser Heiland und Erlöser. Nicht unsere Werke vermögen etwas, sondern die Liebe Gottes, die in uns wohnt. Jetzt erst erschloß sich Luthers suchender Seele die Heilige Schrift in ihrer ganzen Herrlichkeit. Jetzt erquickte sich sein Herz an den köstlichen Sprüchen, wie: »Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß er sich bekehre und lebe« (Hesek. 33, 11); »Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten« (Ps. 51, 19). Und als Luther die berühmte Stelle des Römerbriefes (3, 21. 22): »Nun aber ist ohne Zuthun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, geoffenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesum Christ zu Allen und auf Alle, die da glauben« verstehen lernte, daß da »nicht die Gerechtigkeit des Menschen oder des eigenen Willens gemeint ist, sondern die Gerechtigkeit Gottes, aber nicht die, durch welche Gott gerecht ist, sondern die, mit der er den Menschen bekleidet, wenn er den Gottlosen rechtfertigt«, da war's ihm wie heller lichter Tag, da hatte er den Frieden gefunden und bekannte jubelnd: »Das Leben muß aus dem Glauben herkommen! Da wurde mir die ganze Heilige Schrift und der Himmel selbst aufgethan!«

»Gezwungen und getrieben ohne seinen Dank« wurde Luther im Oktober 1512 zum Doktor der Theologie ernannt. Der Kurfürst Friedrich der Weise hat die Kosten bezahlt. Nun galt Luthers ganze Thätigkeit der Heiligen Schrift. Nur ihr lebte er fortan. Was dem Tier die Weide, dem Menschen das Haus, dem Vogel das Nest, der Gemse der Fels, dem Fische der Strom ist, das ist die Heilige Schrift den gläubigen Seelen, lautete sein schönes Bekenntnis. Die Heilige Schrift legte er den Studenten aus. Ihr Verständnis erschloß er den Klosterbrüdern. Jede seiner Predigten wurde ein freudiges Zeugnis des Friedens, den er in Gottes Wort gefunden hatte, eine ernste Mahnung zu aufrichtiger Buße und eine freundliche Einladung: Kommt zu Jesu! Er sollte nun die Mauern niederreißen, die die Kirche des Mittelalters zwischen der Menschenseele und ihrem Gott aufgerichtet hatte. Er war dazu berufen, auf Grund der Heiligen Schrift der Christenheit den zu zeigen, der da spricht: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Niemand kommt zum Vater, denn durch mich« (Joh. 14, 6).

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Wittenberg
Wittenberg

Wittenberg.

4. Kampf und Sieg.

a) Der Ablaßhandel.

Ihr habt den Weinberg verderbet, und der Raub von den Armen ist in eurem Hause.

Jes. 3, 14

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J e glücklicher sich Luther fühlte, seit er innerlich frei geworden war im Glauben an seinen Heiland, um so schmerzlicher empfand er's, daß es die Kirche versäumte, gewissenhaft die Leute zu lehren: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden« (Apostelg. 4, 12). Das hätte doch auf allen Kanzeln gepredigt werden müssen. Das hätten die Lehrer den Kindern ins Herz prägen sollen. Vor allem hätten die Priester den Leuten, die im Beichtstuhl ihre Sünden bekannten und Vergebung begehrten, sagen müssen: Glaubt an den Herrn Jesus, so habt ihr Vergebung der Sünden! Davon war nichts zu hören! Der Papst benutzte vielmehr das Verlangen der Christen nach dem Seelenheil, um seine Kassen zu füllen.

Johann Tetzel
Johann Tetzel

Johann Tetzel.

Zu diesem Zwecke hatte man im Laufe der Zeit folgende Irrlehre ausgebildet: Nur der Priester kann dem Christen Vergebung der Sünden zusprechen. Er spricht sie dem zu, der Schmerz über seine Sünden empfindet und seine Sünden bekennt. Damit ist der Christ vom ewigen Tod befreit, aber die zeitlichen Strafen im irdischen Leben und im »Fegefeuer« bleiben noch bestehen. Diese Strafen behauptete nun die Kirche für diejenigen mildern zu können, die gewisse Büßungen oder Leistungen nach ihrer Anordnung auf sich nähmen. Diesen Erlaß oder Nachlaß der zeitlichen Sündenstrafen nannte man Ablaß. Man konnte ihn erlangen, wenn man gegen die Türken in den Krieg zog, wenn man eine Wallfahrt nach Palästina unternahm, wenn man die Pilatustreppe in Rom hinaufrutschte, wenn man eine bestimmte Anzahl Vaterunser betete und dergleichen mehr. Je mehr aber der Papst und seine Bischöfe Geld brauchten, um so mehr wurde den Leuten — angeblich »aus rücksichtsvoller Milde der Mutter Kirche« — die Möglichkeit gegeben, derartige Leistungen mit Geld abzulösen. Und um den Leuten solchen Ablaß als recht verlockend erscheinen zu lassen, pries man jetzt geradezu Vergebung der Sünden um Geld an. Frug aber jemand: Wer leistet denn nun jene Büßungen und »guten Werke« für mich? so antwortete man: Christus hat ja in seinem Leben viel mehr gute Werke gethan, als zur Tilgung der Sündenschuld der Menschheit nötig waren, und die Heiligen haben auch viel mehr gute Werke gethan, als Gottes Gesetz von ihnen forderte. So sind eine Menge überflüssiger guter Werke vorhanden. Das ist ein unermeßlicher Schatz der Kirche, aus dem sie ihren schwächeren Gliedern spenden und mitteilen kann. Wer Ablaß kauft, bekommt davon etwas. Ja, man kann auch zu Gunsten der armen Seelen im Fegefeuer Ablaß kaufen. Denn: »sobald der Groschen im Kasten klingt«, erklärte der Erzbischof von Mainz selbst, »fährt die Seele aus dem Fegefeuer zum Himmel auf.«

Welch' entsetzliche Verirrung ist das gewesen! Und wie frech priesen die Ablaßkrämer des Papstes reiche Gnade an! Luther sollte davon im eigenen Beichtstuhl zu hören bekommen. Als er den Beichtenden sagte, sie könnten Vergebung der Sünden nur erlangen, wenn sie dieselben ernstlich bereuten und Besserung gelobten, zeigten sie ihm ihren Ablaßzettel und sagten, da wäre ihnen schon Vergebung der Sünden schwarz auf weiß zugesichert, Buße und Besserung hätten sie also gar nicht nötig.

Schon seit einigen Jahren zog nämlich in Deutschland, auch in unserm Sachsen, der berüchtigte Ablaßkrämer Johann Tetzel umher. Er vertrieb den Ablaß für die Kasse des Kurfürsten Albrecht von Mainz, der zugleich Erzbischof von Magdeburg war und verstand das Geschäft des Ablaßhandels ganz vorzüglich.

Albrecht von Mainz brauchte viel Geld. Das Erzbistum hatte er teuer bezahlen und deshalb eine große Summe bei den reichen Fuggers in Augsburg borgen müssen. Zwar konnte der Papst sagen, daß er ihm nicht das Erzbistum verkauft hätte, sondern nur das erzbischöfliche Pallium. Das war ein schmaler, weißer, mit Kreuzen besetzter Kragen, dessen Wert Luther auf »etwa einen Groschen« schätzte. Der Papst ließ sich aber dafür 30000 Gulden bezahlen. Der Ablaßhandel sollte nun die Schuld decken. Die eine Hälfte des Ertrags bekam der Papst, der angeblich für den Neubau der Peterskirche das Geld verwenden wollte, die andere Hälfte steckten die Fuggers ein. Daß aber die Deutschen eifrig kauften und gut bezahlten, dafür sorgte Johann Tetzel.

Das war ein großer Festtag, wenn er mit seinem Kram in einer Stadt Einzug hielt. Rat und Bürgerschaft, Geistlichkeit und Schüler erwarteten den hohen »Himmelsgast« vor den Thoren, um ihn mit Fahnen und brennenden Kerzen unter Glockengeläute in die Stadt zu führen. Ein breites, rotes Kreuz mit des Papstes Wappen und ein sammetnes Kissen mit des Papstes pergamentenem Ablaßbriefe trug man Tetzel voran. So ging es bis zur Kirche. Am Hauptaltar wurde der Ablaßkasten niedergelegt und das Kreuz aufgerichtet. Da gab es ein Leben die kommenden Tage. Von weither zogen die Leute herbei, um Ablaß zu lösen, den Tetzel und seine Gehilfen beredten Mundes anzupreisen wußten: »Nie wird wieder Sündenvergebung und ewiges Leben zu einem so geringen Preise erlangt werden können. Auch ist keine Hoffnung vorhanden, daß, so lange die Welt steht, eine solche Freigebigkeit des römischen Stuhls für Deutschland wiederkehrt. Es mag jedermann des Heils seiner eigenen Seele und der Seelen seiner Verstorbenen wahrnehmen! Jetzt ist der Tag des Heils, jetzt ist die angenehme Zeit! Versäume niemand seiner Seele Seligkeit!« Da wanderte manch schönes Guldenstück in Tetzels Ablaßkasten. Friede in Herz und Gewissen war dem Volke mehr wert, als Gold und Silber. Niemals ist schändlicherer Betrug geübt worden, als in jenem Ablaßhandel.

Im Herbste des Jahres 1517 kam Tetzel in die Nähe von Wittenberg. Viele ernste Christen waren entsetzt über den schmählichen, Gottesfurcht, Frömmigkeit und Zucht untergrabenden Handel. Da ließ es Luther keine Ruhe mehr. Herz und Gewissen drängten ihn, dagegen seine Stimme zu erheben. Er that es in seinen berühmten »95 Thesen.«

b) Luther schlägt die 95 Thesen an.

Wir können nichts wider die Wahrheit sondern für die Wahrheit.

2. Cor. 13, 8.

Am 1. November, dem Allerheiligentage, feierte die Schloßkirche zu Wittenberg ihre Kirchweih. Das war ein großer Festtag, zu dem viel Volks, auch viele Priester und Mönche nach Wittenberg kamen. Die Universität wollte solchen Tag in ihrer Weise mitfeiern. Ein gelehrter Professor stellte Thesen, d. i. einzelne Sätze, auf und lud andere gelehrte Leute ein, über dieselben in feierlicher Versammlung mit ihm zu disputieren. Am Tag vor Allerheiligen — am 31. Oktober — 1517, einem Sonnabend — es soll Mittag 12 Uhr gewesen sein, schlug Luther 95 solche Thesen an die Thür der Schloßkirche zu Wittenberg an. Dort waren schon manchmal derartige Streitsätze angeschlagen worden, ohne daß man lange davon gesprochen hätte. Luthers 95 Thesen sind noch nicht vergessen. An jedem Reformationsfest wird ihrer gedacht. Die Thür, an die Luthers Hand sie einst geschlagen, ist nicht mehr vorhanden. Eine eherne Pforte steht an ihrer Stelle und darauf sind jene Streitsätze, in Erz gegossen, zu lesen.

Luther hat seine Thesen in lateinischer Sprache abgefaßt. Sie waren nicht für das Volk bestimmt. Die Gelehrten sollten sich aussprechen über das von Luther Gesagte. Die Überschrift und die wichtigsten jener 95 Sätze lauten auf Deutsch also:

»Aus Liebe zur Wahrheit und aus Verlangen, sie an den Tag zu bringen, soll über nachfolgende Sätze zu Wittenberg disputiert werden unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, der freien Künste und der h. Theologie Magister, der letzteren auch ordentlichen Lehrers daselbst. Er bittet daher, daß die, welche nicht mündlich in persönlicher Anwesenheit mit uns sich unterreden können, es abwesend auf schriftlichem Wege thun wollen. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi. Amen.«

1. These: »Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: »Thut Buße!« (Matth. 4, 17) hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.«

32. These: »Wer durch Ablaßbriefe meint seiner Seligkeit gewiß zu sein, der wird ewiglich verdammt sein samt seinen Lehrmeistern.«

33. These: »Nimm dich wohl in Acht vor denen, die da sagen, der Ablaß des Papstes sei jene unschätzbare Gabe Gottes, durch welche der Mensch Gott versöhnt werde.«

36. These: »Jeglicher Christ hat, wenn er in aufrichtiger Reue steht, vollkommenen Erlaß von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablaßbriefe gebührt.«

37. These: »Jeder wahre Christ, ob lebend oder tot, hat Anteil an allen geistlichen Gütern Christi und der Kirche. Gott hat ihm diesen auch ohne Ablaßbriefe gegeben.«

43. These: »Man lehre die Christen, daß, wer dem Armen giebt oder dem Bedürftigen leiht, besser thut, als wenn er Ablaß lösen wollte.«

45. These: »Man lehre die Christen, daß, wenn er einen Bedürftigen sieht und des ungeachtet sein Geld für Ablaß hingiebt, nicht Papstes Ablaß, wohl aber Gottes Zorn damit erwirbt.«

46. These: »Man lehre die Christen, daß, wenn sie nicht überflüssiges Gut reichlich besitzen, sie verpflichtet sind, das, was zur Notdurft gehört, für ihr Haus zu behalten und mit nichten für Ablaß zu verschwenden.«

50. These: »Man lehre die Christen, daß, wenn der Papst den Schacher der Ablaßprediger wüßte, er lieber den Dom St. Petri werde zu Asche verbrennen lassen, als daß derselbe von Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe sollte erbaut werden.«

53. These: »Das sind Feinde Christi und des Papstes, die um der Ablaßpredigt willen das Wort Gottes in anderen Kirchen gänzlich verstummen machen.«

55. These: »Des Papstes Meinung ist selbstverständlich, daß, wenn man den Ablaß, als der nur geringen Wert hat, mit einer Glocke, mit einfachem Gepränge und Feierlichkeit begeht, man das Evangelium, als welches den höchsten Wert hat, mit hundert Glocken, hundertfachem Gepränge und Feierlichkeit rühmen soll.«

62. These: »Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.«

Da hört man den ganzen tiefen Ernst des Reformators heraus. Seine 95 Thesen »sind der Notschrei, der aus der Tiefe des erwachten deutschen Gewissens heraufdrang. Noch geht das Wort nicht gegen den Papst, der im Gegenteil verteidigt statt angegriffen wird; neuer und alter Wein, Gesetz und Evangelium gähren noch durcheinander. Wohl rollen schon von ferne die Donner drin und zucken die Blitze, die sich über dem ganzen Bau entladen werden; aber es scheint auch die warme Sonne des Evangeliums schon hindurch. Der das erste Wort hat, ist doch der Herr und Meister Christus. Die Sprache ist schon gewaltig und kühn, wuchtig die Worte, wie der Hammer, der sie anschlägt.«

Mit beispielloser Schnelligkeit verbreiteten sich Luthers 95 Thesen weit über Deutschland hinaus. »In vier Wochen hatten sie schier die ganze Christenheit durchlaufen, als wären die Engel selbst Botenläufer.« In Rom hatte man keine Ahnung von dem tiefen Ernst des deutschen Mönches und von der Tragweite jener Sätze. Was sollte das Mönchlein dem Haupte der Christenheit und dem gewaltigen, festgefügten Bau der Kirche anhaben können? Als unumstößliche Wahrheit galt, was die Kirche lehrt, mochte es in der Bibel begründet sein oder nicht. Wer anders als die Kirche lehrte, war ein Ketzer. Wie mancher war bereits beseitigt worden! Sollte es so schwer sein, auch mit diesem deutschen »Sohn der Bosheit« — so nannte damals Papst Leo X. unseren Luther — fertig zu werden?

Papst Leo X
Papst Leo X

Papst Leo X.

Hingebende, treue Liebe und fester Gehorsam banden auch jetzt noch Luther an die Kirche. Aus Liebe zur Kirche kämpfte er gegen eine Irrlehre und einen Mißbrauch, durch die, wie er meinte, Papst und Kirche betrogen seien. Papst und Kirche haben niemals einen besseren Freund gehabt als Luther. Er hat es ehrlich gemeint. Aber für ihn war kein Platz in einer Kirche, die keinen Widerspruch vertragen und den Satz nicht dulden konnte: Die Heilige Schrift allein ist die Quelle des Glaubens und die Richtschnur des Lebens. Man lud Luther nach Rom vor. Hatte man ihn nur erst dort, so war ihm leicht der Prozeß zu machen. Luther fürchtete sich gewiß nicht vor dem Papst, obgleich er wie bei der Löwenhöhle in der Fabel so auch in der Löwenhöhle (»Leo« heißt auf deutsch »Löwe«) Rom nur Fußstapfen sah, die hinein, aber keine, die hinaus führten. Aber Kurfürst Friedrich der Weise war in Sorge um seinen Professor und ließ ihn nicht in die gefährliche Löwenhöhle ziehen. Da mußte der Papst versuchen, auf deutschem Boden mit Luther fertig zu werden. Umsonst verhandelte Kardinal Kajetan zu Augsburg mit dem unbequemen, unbeugsamen Mönch, den weder Drohungen noch Versprechungen zum Widerruf bewegen konnten. »Geh! widerrufe oder komm mir nicht wieder vor die Augen!« war des Kardinals letztes Wort. Und die »Bestie mit den tiefen Augen und den wundersamen Spekulationen im Kopfe« — so titulierte der Kardinal unsern Luther — widerrief nicht und kam ihm nicht wieder vor die Augen. Geschickter als Kajetan wollte des Papstes Kammerherr, Karl von Miltitz, die Sache anfangen. Es gelang ihm auch, von Luther das Versprechen zu erhalten, er werde in Zukunft schweigen, wenn seine Gegner auch schwiegen. Aber lange dauerte es nicht, so riefen ihn diese von neuem auf den Kampfplatz.

Der Ingolstädter Professor Dr. Johann Eck meinte im Kampfe gegen Luther sich ohne Mühe besondere Lorbeeren verdienen zu können. Auf sein Anregen sollte im Sommer 1519 zu Leipzig eine Disputation gehalten werden. Da wollte er den Gegner öffentlich schlagen. Er hat sich freilich sehr geirrt. Was er erreichte, war nur dies, daß Luther unumwunden erklärte: Das Papsttum beruht nicht auf göttlicher Einsetzung. Daß sogar eine Kirchenversammlung (Concil) irren kann, hat das Kostnitzer Concil bewiesen, indem es ganz evangelische Sätze verdammte. Herzog Georg der Bärtige von Sachsen, der für die Schäden der Kirche nicht blind war, aber das, was Luther lehrte als Ketzerei ansah und haßte, rief, als er solches hörte, aus: »Das walt' die Sucht!« Immer deutlicher ward es Luther, daß man in Glaubenssachen sich weder auf ein Wort aus dem Munde des Papstes noch auf einen Beschluß der Kirche, sondern einzig und allein auf die Schrift gründen dürfe.

Johann Eck
Johann Eck

Dr.

Johann Eck.

Titelblatt der von Luther gehaltenen Predigt
Titelblatt der von Luther gehaltenen Predigt

Titelblatt der von Luther in Leipzig gehaltenen Predigt.

(Das auf diesem Titel befindliche Bild Luthers ist das älteste des Reformators. Die Umschrift ist im Spiegel zu lesen).

Ein Leipziger Professor, der der Disputation von Anfang bis zu Ende beigewohnt hat, hat uns den Eindruck geschildert, den Luthers Person und Auftreten machte. Seine Worte zeichnen uns ein anschauliches Bild des mutigen Gottesstreiters: »Luther ist zwar nur mittelgroß und schmächtig; denn Sorgen und Studien haben ihn gleichmäßig erschöpft, so daß, wer ihn nur näher ansieht, alle Knochen an ihm zählen kann. Aber er ist frisch und bei voller Jugendkraft, seine Stimme hell und klar, bewundernswert seine Gelehrsamkeit und Schriftkenntnis, so daß er alles bereit hat. Griechisch und Hebräisch hat er soweit inne, daß er über Auslegung der Heiligen Schrift urteilen kann. Auch fehlt es ihm nicht an Redegabe; denn es steht ihm ein großer Vorrat von Wörtern und Sachen zu Gebote. Vielleicht möchte man an ihm Urteilskraft und die rechte Anwendung derselben vermissen. Im täglichen Leben ist er höflich und freundlich, ohne alles Finstere und Strenge in seinem Wesen, ein launiger und angenehmer Gesellschafter, bald lebhaft, bald ruhig, je nachdem, aber immer freundlichen Angesichts, wie arg auch die Gegner ihn bedrohen, so daß es nicht glaublich ist, ein Mann unternehme so Schwieriges ohne den Willen Gottes. Aber freilich, was fast alle ihm zum Fehler machen: er ist im Tadeln rücksichtsloser und bissiger, als es für einen, der auf Neuerungen in der Religion denkt, sicher aber für einen Theologen anständig ist. Vielleicht hat er diesen Fehler mit allen denen gemein, die erst spät zur Gelehrsamkeit gelangen.«

Alt-Leipzig
Alt-Leipzig

Alt-Leipzig.

c) Der Sieg des Gebannten.

Viele schelten mich übel, daß jedermann sich vor mir scheuet; sie ratschlagen miteinander über mich und denken mir das Leben zu nehmen. Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!

Psalm 31, 14. 15.

Die Geschichte von David und dem Riesen Goliath hat sich oft wiederholt. Mancher christliche Held hat im Kampfe auf Gott geschaut und zu seinem Feind gesprochen: »Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth« (1. Sam. 17, 45) — und hat gesiegt! Sieger waren die beiden Apostel, die als Gefangene vor dem Hohen Rat standen und das Bekenntnis ablegten: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden. — Wir können es ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben« (Apostelgesch. 4, 12. 20). Verhöhnt von der Weisheit Griechenlands predigt Paulus auf dem Areopag — und doch stürzt sein Wort Götterbilder und Götzentempel. Als ein Gebundener zieht er in Rom ein — und doch muß der Kaiser, der der Welt gebietet, vom Throne steigen und Krone und Szepter dem Gekreuzigten zu Füßen legen.

Kaiser und Papst, die ganze Welt steht Luther gegenüber — und Luther siegt. Es mußte wahr werden:

»Es streit für uns der rechte Mann, Den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer er ist? Er heißt Jesus Christ, Der Herr Zebaoth, Und ist kein andrer Gott: Das Feld muß er behalten!«

Luther wollte keinen andern Helfer im Kampfe als Gott und sein Wort. Edle deutsche Ritter, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Hartmut von Kronberg, boten ihm ihr Schwert und ihre Burgen an. Er aber wollte kämpfen nur mit dem Schwert des Geistes. Seine feste Burg sollte allein Gott der Herr bleiben. Und wie hat Luther das Schwert des Geistes geschwungen! Jeder evangelische Christ müßte auf seinem Bücherbrett stehen haben Luthers herrliche Hauptschriften vom Jahre 1520.

»Gott gebe uns der Posaunen eine, womit die Mauern Jerichos umgeworfen würden!« ruft er in seinem Büchlein: »An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung.« Die drei »strohernen und papiernen Mauern« will er umstürzen, hinter denen sich die Römlinge verschanzen. Die erste dieser Mauern ist die Behauptung, weltliche Gewalt stehe unter der geistlichen. Diese Mauer, wie überhaupt den Unterschied von Geistlichen und Laien stürzt das Schriftwort 1. Petri 2, 9 um: »Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das Königliche Priestertum.« Jeder Christ ist ein Priester. Die zweite Mauer ist die Behauptung, nur der Papst könne die Heilige Schrift richtig auslegen. Sie fällt, weil von der Unfehlbarkeit des Papstes kein Wort in der Bibel steht. »Sie werden alle von Gott gelehret sein,« heißt es dort (Joh. 6, 45). Die dritte Mauer ist die Behauptung, nur der Papst könne eine Kirchenversammlung einberufen. Diese Mauer ist eigentlich schon beim ersten Posaunenstoß mit umgefallen. Bricht ein Feuer aus, so löschen alle mit, obgleich nicht alle die Macht des Bürgermeisters haben. »Wo die Not fordert und der Papst ärgerlich der Christenheit ist, soll dazu thun, wer am ersten kann!« Nun sind die Mauern niedergelegt. Rücksichtslos geht der Held jetzt gegen seinen Feind. Ohne Furcht deckt er die vielen Schäden der Kirche auf. Soll Hilfe gebracht werden können, so muß erst die Krankheit erforscht und festgestellt werden. »Ich achte wohl,« heißt's am Schlusse, »daß ich hoch gesungen hab, viel Dings fürgegeben, das für unmöglich werde angesehen, viel Stücke zu scharf gegriffen. Wie soll ich aber thun? ich bin es schuldig zu sagen ... Es ist mir lieber, die Welt zürne mir, denn Gott ... Wohlan, ich weiß noch ein Liedlein von Rom und von ihnen.«

Franz von Sickingen
Franz von Sickingen

Franz von Sickingen.

Dieses »Liedlein«, darin Luther »die Noten aufs Höchste stimmen« wollte, sang er in seiner herben Streitschrift »von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«, darin er die Siebenzahl der Sakramente bekämpft.

Ist das schadhafte Alte beseitigt, so kann der Neubau beginnen. Herrliche Steine zum Neubau des evangelischen Lebens trägt Luther in der dritten jener großen Hauptschriften herbei. Sie führt den Titel: »Von der Freiheit eines Christenmenschen.« Am Anfang stehen die beiden Sätze, gleichsam als Thema des köstlichen Büchleins: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und Niemand unterthan; ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und Jedermann unterthan.« Was er in der Schrift auseinandergesetzt hat, faßt er am Schlusse in die Worte zusammen: »Ein Christenmensch lebt nicht ihm selber, sondern in Christo und seinem Nächsten: in Christo durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe, und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe. Siehe, das ist die rechte christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten: welche alle andere Freiheit übertrifft, wie der Himmel die Erde.«

Wie wenig mußten die Römlinge von der weltüberwindenden Kraft eines gläubigen Christenmenschen, der mit Gott im Bunde steht, ahnen, wenn sie meinten, solch ein Mann werde sich vor dem Bannstrahl fürchten. Im Oktober 1520 kam Luther das Schriftstück unter die Augen, das seine Lehre verdammte und binnen 60 Tagen den Widerruf forderte. Luther antwortete darauf dem Papst: »Daß ich sollte meine Lehre widerrufen, daraus wird nichts. Ich kann nicht leiden Regel oder Maß, die Schrift auszulegen dieweil das Wort Gottes, das alle Freiheit lehret, nicht soll gefangen sein. Wo mir diese zwei Stücke bleiben, soll mir sonst nichts aufgelegt werden, das ich nicht mit allem Willen thun und leiden will. Ich bin dem Hader feind, will Niemand reizen, will aber auch ungereizt sein.« Aber auch eine Antwort durch die That gab Luther. Am 10. Dezember 1520 zog eine große Schar vors Elsterthor zu Wittenberg. Bald war an der Stelle, wo man die Kleider der an der Pest Verstorbenen zu verbrennen pflegte, ein Scheiterhaufen errichtet. Luther legte sämtliche päpstliche Rechtsbücher darauf. Als das Feuer hoch aufloderte, warf er des Papstes Bulle in die Flammen mit den Worten: »Weil du den Heiligen des Herrn (gemeint ist Christus, vgl. Mark. 1, 24) betrübt hast, verzehre dich das ewige Feuer!«

Titelblatt der Bannbulle
Titelblatt der Bannbulle

Titelblatt der Bannbulle.

Hätte Luther nicht unter dem Schutze des Kurfürsten von Sachsen gestanden, so würde die weltliche Obrigkeit den Gebannten haben festnehmen und seine kühne That auf dem Scheiterhaufen haben büßen lassen. Friedrich der Weise setzte es aber beim Kaiser durch, daß Luther auf dem nächsten Reichstag zu Worms durch gelehrte und verständige Leute verhört werden sollte. Das paßte den Römlingen, die bereits triumphierend den verhaßten Ketzer den Scheiterhaufen besteigen sahen, gar nicht. Der päpstliche Abgesandte in Worms schrieb damals in seinem Zorne: »Wenn ihr Deutschen das römische Joch abwerft, so werden wir dafür sorgen, daß ihr euch untereinander mordet, bis daß ihr im eigenen Blute untergeht!« Im dreißigjährigen Krieg haben die Jesuiten versucht diese entsetzliche Drohung wahr zu machen.

Als Luther am dritten Osterfeiertag (2. April) 1521 von Wittenberg nach Worms abreiste, wurde manches Auge feucht. Ob man je den teuern Gottesmann wiedersehen, ob man je aus seinem Munde wieder das lautere Gotteswort vernehmen würde? Ein wahrer Triumphzug ist Luthers Reise gewesen. Wie drängte sich das Volk, den wunderbaren Mann zu sehen und zu hören, der es wagte, ohne Furcht dem Papst entgegenzutreten! »Christus lebt und ich werde nach Worms kommen, allen Pforten der Hölle und Fürsten der Welt zum Trotz,« lautete Luthers Bekenntnis. Wenige Stunden nur noch von Worms entfernt ward er durch einen treuen Freund gewarnt und an Johann Huß' Schicksal erinnert. »Wenn so viel Teufel in Worms wären als Ziegel auf den Dächern,« antwortete er, »dennoch wollte ich hinein.«

Am 17. April hat Luther zum ersten Male vor dem Reichstag gestanden. In lange Unterhandlungen wollte man sich nicht mit ihm einlassen. Er sollte nur erklären, ob er widerrufen wollte oder nicht. Luther bat um Bedenkzeit. Am nächsten Tag gab er die Erklärung ab, seine Bücher seien verschiedener Art: die einen handelten von Glaube und Sitte — sie widerrufen, hieße die Wahrheit verdammen; die andern kämpften gegen falsche Lehren des Papstes — sie könne er nicht widerrufen; die dritten richteten sich gegen seine einzelnen Widersacher — wohl könnten diese hier und da zu heftig abgefaßt sein, aber widerrufen könne er auch sie nicht. Soviel wollte man aber gar nicht im Reichstage hören. Eine »schlichte Antwort ohne Hörner und ohne Mantel« wurde von Luther gefordert. Da gab er denn die berühmte Antwort: »Weil denn Eure Kaiserliche Majestät und Eure Gnaden eine schlichte Antwort begehren, so will ich eine Antwort ohne Hörner und ohne Zähne geben diesermaßen: es sei denn, daß ich durch Zeugnisse der Schrift oder durch helle Gründe überwunden werde — denn ich glaube weder dem Papst noch den Concilien allein, dieweil am Tage liegt, daß sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben, — so bin ich überwunden durch die von mir angeführten heiligen Schriften und mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort; widerrufen kann ich nichts und will ich nichts, dieweil wider das Gewissen zu handeln unsicher und gefährlich ist.«

Nochmals frug man Luther, ob er wirklich glaube, daß Concilien irren könnten. Er blieb dabei. Da erhob sich ein Tumult im Saale. Mitten in der aufs Höchste erregten Versammlung stand unser Luther. Bei der großen Unruhe werden nur Wenige seine letzten Worte verstanden haben: »Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir! Amen.«

Die deutsche Gewissenhaftigkeit und der deutsche Mannesmut haben im Reichstagssaale zu Worms Papst und Kaiser besiegt. Ein gebannter Mönch triumphiert über die Welt. »Ich bin hindurch, ich bin hindurch!« mit diesen Worten trat Luther wieder in seine Herberge.

Noch eine Woche blieb er in Worms. Unterhandlungen mit ihm führten zu keinem Ziele. Am Vormittag des 26. April verließ Luther die Reichsstadt, ausgerüstet mit freiem Geleit auf 21 Tage nach der Heimat. Er wußte, daß er sie nicht erreichen würde.

Am 25. Mai verhängte der Kaiser über den gebannten Luther die Reichsacht. Niemand sollte ihm Essen und Trinken und Herberge geben. Wer ihn fand, sollte ihn festnehmen und dem Kaiser überantworten. Die Acht war kraftlos. Luther hatte ein sicheres Gewahrsam gefunden. Der siegreiche Held weilte an friedlicher Stätte.

deko
deko

5. Was Luther dem deutschen Volke geschenkt hat.

a) Die deutsche Bibel.

O selig und aber selig und überselig ist der und nimmer genug zu loben, der diesen Schatz hat. Denn er hat einen Schatz, nicht von Gold noch Silber, sondern ein ander höher Gut und ist reich und voll von eitel großen Gütern.

Luther.

M
M

Mit Recht trägt Kurfürst Friedrich von Sachsen den Ehrennamen »der Weise«. Daß er ihn verdient, hat er schon durch die Art bewiesen, wie er für den geächteten und gebannten Luther sorgte. Auf alle Fälle mußte dieser jetzt in Sicherheit gebracht werden. Es mußte sich bald zeigen, ob seine Sache die Wahrheit sei — dann war der Jünger der christlichen Wahrheit geschützt —, oder, ob er im Irrtum sei — dann war der Führer der großen Bewegung unschädlich gemacht. Friedrich der Weise überließ es seinen Räten, alles Weitere vorzubereiten und zu bestimmen. Welcher Ort Luther aufnehmen sollte, mochte er gar nicht erfahren. Dann konnte er, falls der Kaiser ihn darnach fragen würde, mit gutem Gewissen sagen: Das weiß ich nicht.

In der Nacht vom 3. zum 4. Mai 1521 wurde Luther in der Nähe von Altenstein von bewaffneten Reitern überfallen, aus dem Wagen gerissen und auf die Wartburg geführt. Luther war darauf vorbereitet. Nur mit Widerstreben war er auf den Plan eingegangen. Viel lieber hätte er für seinen Herrn Christus und für die Wahrheit den Tod erlitten.

Für die Welt war Luther verschwunden. Die Feinde jubelten über seinen vermeintlichen Tod. Die Freunde trauerten um den Märtyrer der christlichen Wahrheit. Lange hat's freilich nicht gedauert, bis die Freunde zu ihrem Jubel, die Feinde zu ihrem Entsetzen es erfuhren: Luther lebt! Nur, wo er lebte, blieb ihnen ein Geheimnis.

Inzwischen saß Luther, dem Weltgeräusch entrückt, auf seiner einsamen Bergwarte, zu seinen Füßen die »liebe Stadt«, die der Schauplatz seiner freundlichen Jugendtage gewesen, in der sagenumwitterten »Region der Luft und der Vögel«, zu der er als Knabe ahnungsvoll emporgeschaut. Aus dem Mönch war jetzt ein Rittersmann geworden; rasch verwuchs ihm die Tonsur, um Mund und Kinn kräuselte sich ein stattlicher Bart, der »Junker Georg« trug jetzt ein höfisches Kleid, ein Schwert an der Seite, eine goldene Kette um den Hals, ein Barett auf dem dichten Haupthaar, und ein Edelknabe wartete ihm auf. In Sitte, Haltung, Kost und Lebensgewöhnung mußte er sich, so sehr er widerstreben mochte, nach der ritterlichen Weise schicken. Er wurde gehalten wie ein Edelmann, der zu einer leichten Haft verurteilt war; so war ihm eine mäßige Bewegung vergönnt: er durfte nach Belieben in die Stadt hinabsteigen oder in Begleitung eines Reiterbuben weithin die Gegend durchstreifen. Wie ist auch hier der Finger Gottes und die gnädige Führung des Höchsten sichtbar! Die Welt sollte erfahren, daß die große Bewegung die Sache Gottes sei, die bestehen müsse auch ohne Luther. Dieser aber brauchte stille Zeit nach den Jahren heißen Kämpfens. In der Stille der Wartburg ward er sich erst bewußt der weltgeschichtlichen Bedeutung der letzten Ereignisse, in deren Mittelpunkt seine Person stand. »Erschüttert begann er die inhaltsschwere Wirklichkeit jener Tage tiefer und tiefer zu begreifen: was hing nicht alles an jener großen Stunde, da er vor dem Angesicht Europas Zeugnis abzulegen hatte von seinem Gott!« Und vor seine Seele trat der ganze Ernst der großen Aufgaben, die seiner warteten. War er ihnen gewachsen? War er würdig, seinem Herrn Christus zu solch großen Dingen zu dienen?

Auch auf der Wartburg hat Luther manchen inneren Kampf zu bestehen gehabt. Er wußte aber, wo Trost und Kraft zu finden ist: im Gebet und in Gottes Wort.

Auf der Wartburg hat Luther die Stille gefunden, die er zu dem großen, wichtigen Werke der Bibelverdeutschung nötig hatte. Kein anderer als er war dazu berufen, die Heilige Schrift »deutsch reden zu lehren« und dem deutschen Volk die deutsche Bibel in die Hand zu geben. Versucht hatte es vor ihm schon mancher. Die Deutschen hat's doch immer wie mit geheimnisvoller Macht zur Bibel gezogen. Schon vor anderthalb tausend Jahren hat der Gothenapostel Ulfilas die Bibel in die Sprache seines Volkes übersetzt. In den Bibliotheken werden mehrere hundert alte geschriebene deutsche Bibeln aufbewahrt. Kaum war die Buchdruckerkunst erfunden, so stellte sie sich in den Dienst der Bibelverbreitung. Als Luther auf der Wartburg war, gab es schon achtzehn verschiedene deutsche gedruckte Bibeln.

War denn da Luthers Arbeit nicht überflüssig? Sie wäre es gewesen, wenn jene Bibeln in Wahrheit deutsch gewesen wären und das unverfälschte Gotteswort enthalten hätten. Aber ihre Sprache war nicht das echte Deutsch des Volkes. Man merkte ihr gleich an, daß sie mühsam auf deutsch sagen wollte, was in der Bibel lateinisch stand. Alle jene Übersetzer vor Luther hatten es sich nämlich bequem gemacht. Sie legten nicht das hebräische alte und das griechische Neue Testament, sondern die lateinische Bibel (Vulgata) zu Grunde. Was also dort falsch stand — und das war nicht wenig — ging nun mit in die deutsche Bibel über.

Philipp Melanchthon.
Philipp Melanchthon.

Philipp Melanchthon.

Luther verfuhr anders. Er besaß die nötigen Sprachkenntnisse, die Heilige Schrift aus dem Urtext übersetzen zu können, er besaß das »rechte fromme, treue, fleißige, furchtsame, christliche, gelehrte, erfahrene, geübte Herz«, das, wie er selbst sagt, »zum Dolmetschen gehört« und er war ein echt deutscher Mann, mitten aus dem deutschen Volke stammend, der wußte, wie die Deutschen reden und wie ein Buch geschrieben sein muß, wenn's das deutsche Volk verstehen soll. »Man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt fragen, wie man soll deutsch reden, und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden.«

Titelblatt der ersten Ausgabe des Neuen Testaments
Titelblatt der ersten Ausgabe des Neuen Testaments

Titelblatt der ersten Ausgabe des Neuen Testaments.

Mit dem Neuen Testament begann Luther seine Arbeit. Das war der leichtere Teil. Als Luther von der Wartburg kam, brachte er diesen Teil der Heiligen Schrift in deutscher Sprache mit. Mit seinem Freund Melanchthon, der wie kaum ein anderer Griechisch verstand, hat er's dann noch einmal durchgegangen. Auch ein anderer Freund Luthers, Georg Spalatin, gab ihm manchen guten Rat. Melchior Lotter in Wittenberg übernahm den Druck. Damit das Werk rasch fertig wurde, ließ er die vier Evangelien und die Apostelgeschichte einerseits und die Episteln andrerseits gleichzeitig neben einander setzen. Drei Pressen arbeiteten an der Vollendung des Buches. Im September konnte man die ersten Exemplare kaufen. Anderthalb Gulden betrug der Preis. Auf dem Titel standen die Worte: »Das Newe Testament Deutzsch. Vuittemberg.« Ob auch wohl alle erraten konnten, aus welcher Feder die Übersetzung geflossen war, so wollte doch der bescheidene Luther seinen Namen auf dem Buche verschweigen, das er in die Hand der deutschen Christenheit legte.

Viel längere Zeit und weit mehr Arbeit hat die Verdeutschung des Alten Testamentes gekostet. Sehnsüchtig wurde sie erwartet. Soll doch sogar Herzog Georg der Bärtige, der sonst nichts von Luther wissen wollte, gesagt haben: »Wenn doch der Mensch die Bibel vollends deutschte und ging darnach hin, wo er wollte.« Es waren damals tüchtige Kenner und Lehrer der hebräischen Sprache in Wittenberg, außer Melanchthon: Matthäus Aurogallus, Bernhard Ziegler und Johann Förster. Sie haben alle unserm Luther bei dem großen Werke wacker beigestanden. Er aber hat immer der Übersetzung das letzte Gepräge aufgedrückt.

Oft mag Luther angesichts der Schwierigkeit seiner Aufgabe geseufzt haben. Um so größer war dann seine Freude, wenn er sich sagen konnte: So muß es in rechtem Deutsch lauten! So soll es heißen! »Ach Gott!« klagt er einmal, »wie ein groß und verdrießlich Werk ist es, die hebräischen Schreiber zu zwingen deutsch zu reden! Wie sträuben sie sich und wollen ihre hebräische Art gar nicht lassen und dem groben Deutschen nachfolgen! Gleich als wenn eine Nachtigall sollte ihre liebliche Melodie verlassen und dem Kuckuck nachsingen!« — »Ich habe mich,« sagt er ein ander Mal, »dessen beflissen im Dolmetschen, daß ich rein und klar deutsch geben möchte. Und es ist uns wohl oft begegnet, daß wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen haben nach einem Wort gesucht und gefragt, haben's dennoch zuweilen nicht gefunden. Lieber, nun es verdeutscht ist, läuft einer jetzt mit den Augen durch drei oder vier Blätter, und stößt nicht einmal an, wird aber nicht gewahr, welche Wacken und Klötze da gelegen haben, darüber er geht, wie über ein gehobelt Brett. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist; aber die Stöcke ausroden und den Acker zurichten, daran will niemand.« — »Das kann ich mit gutem Gewissen bezeugen, daß ich meine höchste Treue und Fleiß darin erzeigt und nie eine falsche Absicht dabei gehabt habe. Denn ich habe keinen Heller dafür genommen noch gesucht und damit gewonnen; so habe ich meine Ehre darin nicht gemeint, das weiß Gott mein Herr; sondern habe es zu Dienst gethan den lieben Christen und zu Ehren Einem, der droben sitzt, der mir alle Stunden so viel Gutes thut, daß, wenn ich tausendmal so viel fleißig dolmetsche, ich solches doch nicht verdiente, auch nicht eine Stunde. Es ist alles Seiner Gnaden und Barmherzigkeit, was ich bin und habe; darum soll es auch alles Ihm zu Ehren dienen, mit Freuden und von Herzen. Ich bin allzu reich belohnt, wo mich nur ein einziger Christ für einen treuen Arbeiter erkennt.«

Im Jahre 1534 war die Bibelübersetzung vollendet. Luther hat stets bescheiden von seinem Werk gedacht und bis an sein Ende dran gebessert, wo er bessern konnte.

Die evangelische deutsche Christenheit aber soll's D. Martin Luther nie vergessen, welch köstliche Gabe der teure Gottesmann ihr mit der deutschen Bibel darreichte. »Wie einer lieset in der Bibel, so steht am Hause sein Giebel,« pflegte Luther zu sagen. Lasset auch uns fleißig Luthers Gabe benutzen, damit wir ihm nachsprechen können: »Die Heilige Schrift ist ein sehr großer, weiter Wald, darin viel und allerlei Bäume stehen, davon man kann mancherlei Obst und Früchte abbrechen. Denn man hat in der Biblia reichen Trost, Lehre, Unterricht, Vermahnung, Warnung, Verheißung und Drohung. Aber es ist kein Baum in diesem Walde, daran ich nicht geklopft und ein paar Äpfel oder Birnen abgeschüttelt hätte.«

b) Das deutsche Gesangbuch.

Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit; lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem Herrn in eurem Herzen.

Coloss. 1, 16.

Während Luther auf der Wartburg war, ging zwischen der guten Saat des Evangeliums auch mancherlei Unkraut auf. Das Unkraut drohte die gute Saat zu unterdrücken. Manchem ging's mit der Beseitigung des Alten nicht schnell genug. Manche dachten, am Alten sei gar nichts Gutes, darum müsse es mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Da wurden auch allerlei unlautere Leidenschaften wach. In der Verwirrung aber meinte Erzbischof Albrecht es wieder einmal mit dem Ablaßhandel versuchen zu können. Schon im Dezember 1521 war Luther einmal ganz insgeheim bei seinen Wittenberger Freunden gewesen. Lukas Kranach, der berühmte Maler, hat den Reitersmann mit dem stattlichen Vollbart auf dem Bilde festgehalten. Im März 1522 kehrte Luther trotz des ernstlichen Widerspruchs Friedrichs des Weisen ganz nach Wittenberg zurück in Gottes Hand sich wissend, auf den Schutz des Höchsten vertrauend. Gleich bestieg er die Kanzel der Stadtkirche. Mit kräftigem Wort rottete er das Unkraut aus. Das Werk der Reformation war wieder in die rechte Bahn geleitet.

Unter den vielen Arbeiten der nächsten Zeit war eine der wichtigsten die Neugestaltung des Gottesdienstes. »Drei große Mißbräuche,« klagt Luther damals, »sind in den Gottesdienst gefallen. Der erste: daß man Gottes Wort geschwiegen hat und allein gelesen und gesungen in den Kirchen; das ist der ärgste Mißbrauch. Der andere: da Gottes Wort geschwiegen gewesen ist, sind nebeneingekommen so viel unchristlicher Fabeln und Lügen, beides, in Legenden, Gesängen und Predigten, daß es greulich zu sehen ist. Der dritte: daß man solchen Gottesdienst als ein Werk gethan hat, damit Gottes Gnade und Seligkeit zu erwerben. Da ist der Glaube untergegangen und hat jedermann zur Kirche geben, stiften, Pfaff, Mönch und Nonne werden wollen.«

Die katholische Kirche meint, daß sie mit ihren Gottesdiensten, in denen der Priester mit prächtigem Meßgewande am Altar in lateinischer Sprache redet oder singt und die Gemeinde stumm zuhört, Gott einen Dienst thue. Luther hat's dafür gehalten, daß im rechten Gottesdienst Gott uns dienen will mit seinem Wort und Sakrament. Darin steigt Gott zu uns hernieder. Die Sakramente, Taufe und Abendmahl, sind gemäß der Heiligen Schrift und der Einsetzung durch Christus zu verwalten. Gottes Wort ist reichlich sowie lauter und rein zu predigen. Es kann keinen rechten Gottesdienst ohne Gottes Wort geben. Darum schenkte Luther dem deutschen Volke die deutsche Bibel. Darum gab er dem Prediger, der nicht selbst aus Gottes Wort eine Predigt gestalten konnte, seine Kirchenpostille, d. i. eine Sammlung von Predigten für jeden Sonn- und Festtag über die Episteln, wie über die Evangelien in die Hand.

Wie aber Gott herabsteigt in Wort und Sakrament, so erheben wir uns zu ihm mit unsern Gebeten und unsern Gesängen. »Des Christen Handwerk ist das Beten,« sagte Luther. Er hat das Handwerk meisterhaft verstanden und hat Großen und Kleinen die Hände zum Gebet gefaltet. »Ach wie gar ein groß Ding,« so lauten seine Worte, »ists um ein rechtschaffen Gebet frommer Christen! Wie gar kräftig ist es bei Gott, daß ein armer Mensch mit der hohen Majestät im Himmel so reden soll und vor ihm nicht erschrecken, sondern wissen, daß ihn Gott freundlich anlache um Jesu Christi willen, seines lieben Sohnes, unseres Herrn und Heilands!«

Luther ist's aber auch gewesen, der uns das deutsche evangelische Gesangbuch gab. Die Deutschen haben von jeher gern gesungen und singen auch noch heute gern. Aber in deutschem Liede will der Deutsche hinaussingen, was sein Herz bewegt. Und wenn's die römischen Priester, die das deutsche Gemüt und deutsche Glaubensinnigkeit nie verstanden, auch nicht gern hörten, in deutscher Zunge klang doch schon in grauer Vorzeit durchs deutsche Gotteshaus das Osterlied:

Christ ist erstanden Von der Marter alle; Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein! Hallelujah.

Und zu Pfingsten sang man:

Nun bitten wir den heiligen Geist Um den rechten Glauben allermeist, Daß er uns behüte an unserm Ende, Wenn wir heimfahren aus diesem Elende. Kyrieleis.

Viele Lieder waren's freilich nicht, die die deutsche Christenheit im Gotteshaus singen konnte. »Es fehlt uns an deutschen Poeten und Musikern, die christliche und geistliche Gesänge, wie sie Paulus nennt, machen können, die es wert wären, daß man sie täglich in der Kirche Gottes brauchen möge.«

Als Luther so klagte, ahnte er wohl selbst nicht, daß er dazu berufen war der Schöpfer und Vater des deutschen Kirchenliedes zu werden. Unser Luther war ja eine durchaus dichterische Natur. Ist nicht sein köstlicher Brief vom Paradiesesgarten an sein Söhnlein Hänschen wie ein Gedicht? Und welch' herrliche Lieder voll von Glaubenskraft und Christenmut hat er uns gesungen!

Wunderbar, daß gerade »der Feinde Blutgier den Quell öffnen helfen mußte, aus dem der reiche evangelische Liederstrom entsprungen ist!«

Am 1. Juli 1523 hatten die Römlinge zwei junge Anhänger der Lehre Luthers, Heinrich Voes und Johann Esch auf dem Marktplatz zu Brüssel verbrannt. Das sollte die Bekenner des Evangeliums einschüchtern. Aber was geschah? Der Glaube der ersten Märtyrer stärkte den Glauben der Anderen. Je wütender die Welt Luthers Lehre verfolgte, um so deutlicher erwies es sich: Diese Lehre ist die Wahrheit! Damals hat Luther den Mund zu seinem ersten Liede geöffnet:

»Ein neues Lied wir heben an, Das walt Gott unser Herre! Zu singen, was Gott hat gethan Zu seinem Lob und Ehre!«

Dann erzählt der Dichter die Leidens- und Siegesgeschichte jener evangelischen Glaubenszeugen. Siegesbewußt schaut er in die Zukunft:

Die Asche will nicht lassen ab, Sie stäubt in allen Landen. Hier hilft kein Bach, Loch, Grub noch Grab, Sie macht den Feind zu Schanden. Der Sommer ist hart vor der Thür, Der Winter ist vergangen, Die zarten Blumen gehn herfür: Der das hat angefangen, Der wird es wohl vollenden!

Der Liederstrom aus Luthers gläubigem, in Gott zufriedenen Herzen quoll weiter. »Die Wittenbergisch Nachtigall, die man jetzt höret überall,« wie der Nürnberger Schuhmacher und Meistersinger Hans Sachs unsern Luther nennt, sang uns noch manches Lied. Im Jahre 1524 erschien das erste evangelische Gesangbüchlein. Nur acht Lieder standen drin, unter ihnen vier von Luther. In demselben Jahre hat dann Luther zum ersten Male selbst ein »Geistliches Gesangbüchlein« herausgegeben.

Titelblatt des Zwickauer Gesangbuchs
Titelblatt des Zwickauer Gesangbuchs

Titelblatt des Zwickauer Gesangbuchs, des ältesten des jetzigen Königreichs Sachsen (1525).

Gegen 40 geistliche Lieder besitzen wir von Luther. Aus den Psalmen des Alten Testaments schuf er Gesänge für die evangelische Christenheit (»Aus tiefer Not schrei ich zu dir« nach Psalm 130; »Es wolle Gott uns gnädig sein« nach Psalm 67). An alte deutsche Lieder fügte er neue Verse (»Gelobet seist du, Jesu Christ, daß du Mensch geboren bist«; »Nun bitten wir den heiligen Geist«). Alte lateinische Gesänge wurden ins Deutsche umgedichtet (»Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen«). Den ganzen Katechismus, von dem wir im nächsten Abschnitt hören werden, brachte er ins Gesangbuch (»Dies sind die heil'gen zehn Gebot«; »Wir glauben all an Einen Gott«: »Vater unser im Himmelreich«; »Christ, unser Herr, zum Jordan kam« (über die Taufe); »Gott sei gelobet und gebenedeiet« (über das heilige Abendmahl). In aller Kinder Herzen sang sich Luther hinein mit seinem »Kinderlied auf die Weihnachten zu singen vom Kindlein Jesu«: »Vom Himmel hoch da komm ich her«. Wo aber deutsche evangelische Männer und Frauen sich versammeln, um miteinander in ihrem teuren Glauben Kraft und Trost zu suchen, da stimmen sie das Schutz- und Trutzlied der Reformation an, wie es Luther uns vorgesungen: »Ein' feste Burg ist unser Gott«.

Zum Lied aber gab Luther auch oft die Melodie, mochte er sie einer alten Volksweise abgelauscht oder aus der eigenen singenden Seele geschöpft haben. Vergessen sei aber nicht seines getreuen Gehilfen, des kurfürstlichen Hofkantors Johann Walther, der ihm treffliche Dienste geleistet hat!

Der Sang der »Wittenbergischen Nachtigall« weckte manche Stimme. Der freundliche Leser wolle in seinem Gesangbuch nur einmal aufschlagen die Namen Albrecht, Markgraf von Brandenburg, Nikolaus Decius, Paul Eber, Johann Gramann, Nikolaus Hermann, Johann Mathesius, Hans Sachs, Paul Speratus! Da wird er die Lieder finden, an denen die evangelische Gemeinde der Reformationszeit sich erquickt hat. Sie bleiben eine reiche Segensquelle für die evangelische Kirche aller Zeiten. Sie sind zu einem großen Teile in fremde Sprachen übersetzt. Und wie manche unter unseren katholischen Brüdern und Schwestern haben schon in ihnen Erholung der Seele gefunden!

c) Der deutsche Katechismus.

Wenn D. Luther in seinem Lauf sonst nichts Gutes gestiftet und angerichtet hätte, denn daß er beide Katechismen in Häuser, Schulen und auf den Predigtstuhl gebracht, so könnte ihm die ganze Welt das nimmermehr genugsam danken und bezahlen.

Johann Mathesius.

Georg Spalatin
Georg Spalatin

Georg Spalatin.

Wenn man hört und liest, wie D. Luther so fleißig arbeitete, wie es nun eine deutsche Bibel, eine Postille, ein Gesangbuch gab, und wenn man bedenkt, daß ihm tüchtige Männer in treuer Mitarbeit zur Seite standen, wie Philipp Melanchthon, der Stadtpfarrer Johann Bugenhagen, Friedrichs des Weisen Hofkaplan, Georg Spalatin — so möchte man wohl meinen: Es muß im lieben Sachsenlande ganz herrlich um Kirche und Schule gestanden haben! Dem war aber leider noch nicht so. Es dauerte lange, bis die Schäden, die Folgen römischer Verwahrlosung im Mittelalter, geheilt wurden. Vor allem fehlten die Männer, Gottes Wort auf den Kanzeln zu verkünden und es in der Schule den Kindern ins Herz zu pflanzen. Dazu mußte einer mehr verstehen als Messelesen.

Es war unbedingt nötig, daß man erforschte, wie es in den einzelnen Gemeinden stand, ob die Geistlichen auch zu predigen und die Schulmeister zu lehren fähig waren, und ob ihre Predigt und Lehre mit dem Evangelium übereinstimmte. Damit keine Gemeinde übersehen und dieses Prüfungswerk möglichst bald beendet würde, teilte man ganz Sachsen in Bezirke und wählte für jeden derselben mehrere Gottesgelehrte und rechtsverständige Räte des Kurfürsten, die ihn visitieren sollten. Melanchthon setzte die Fragen auf, die den Geistlichen vorzulegen waren. Aber er war auch der Erste, der sich selbst aufmachte, in seinem Bezirke Kirchen und Schulen zu besuchen. Ihm nebst zwei Pfarrern und drei adligen Räten war Thüringen zugewiesen worden. So schön dieses Land ist, so traurig stand es dort um manche Gemeinde in Kirche und Schule. Kaum glauben möchte man's, daß die Römischen es gewagt hatten, einen Mann als Geistlichen anzustellen, der nicht viel mehr wußte, als die zehn Gebote, die drei Artikel und das Vaterunser. Man kann auch heute noch in den Klöstern Leute finden, die nicht viel mehr als Lesen und Schreiben gelernt haben. Melanchthon fand aber einen früheren Mönch als Pfarrer, der antwortete, als er nach den zehn Geboten gefragt wurde: »Ich habe das Buch noch nicht!«

Das war traurig, sehr traurig. »Mein Herz blutet,« schrieb Melanchthon angesichts solchen Elends, das der Papst und die Bischöfe auf dem Gewissen hatten, »wenn ich diesen Jammer sehe. Ich gehe oft beiseite und weine meinen Schmerz aus, wenn wir mit der Untersuchung eines Ortes fertig sind. Und wer wollte nicht jammern, wenn man sieht, daß die Anlagen des Menschen so ganz vernachlässigt werden und die Seele desselben, die so viel lernen und fassen kann, nicht einmal von ihrem Schöpfer und Herrn etwas weiß.«

Auch Luther sollte bei der Visitation geistliches Elend genug sehen. So traurig aber die Erkenntnis der vorhandenen Übelstände war, so hocherfreulich war die Frucht, die aus der Trauer um das Elend des Volkes erwuchs. Diese Frucht waren die beiden Katechismen D. Martin Luthers. Ein »Katechismus«, das ist »eine Kinderlehre, so ein jeglicher Christ zur Not wissen soll«, war das Nötigste, was man jetzt in Kirche und Schule brauchte. Schon mancher hatte versucht, solch ein Büchlein zu schreiben. Aber der rechte Katechismus konnte nicht vom Schreibtisch aus verfaßt werden, sondern mußte herauswachsen aus der fleißigsten, hingebendsten Belehrung der Gemeinde. Den konnte auch nur einer schreiben, der mit inniger Liebe den Kindern zugethan war und selbst ein kindliches Gemüt besaß. Dieser eine war unser Luther.

Wie hat Luther die Kinder so lieb gehabt! Wie oft betrat er die Kanzel, um den »Einfältigen« zu predigen! Wie hat er es den Eltern und der Obrigkeit ans Herz gelegt: Sorgt für die Kinder! Erzieht sie zu Gottes Kindern! Gründet gute Schulen! An alle »Bürgermeister und Ratsherren der Städte in deutschen Landen« wendet er sich mit der herzlichen Bitte, »daß sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen.« Wie redet er dem armen Vater, der nicht weiß, wovon er seinen Sohn studieren lassen soll, freundlich zu in seiner köstlichen »Predigt, daß man Kinder zur Schule halten soll«: »Laß deinen Sohn getrost studieren! Und sollte er auch dieweil nach Brot gehen, so giebst du unserm Herr-Gott ein feines Hölzlein, daraus er dir einen Herrn schnitzen kann.« Wie preist er das hohe Amt eines christlichen Lehrers: »Das sage ich kürzlich: einen fleißigen, frommen Schulmeister oder Magister oder, wer es ist, der Knaben treulich erzieht und lehrt, den kann man nimmermehr genug lohnen und mit keinem Gelde bezahlen!« — — »Und ich, wenn ich vom Predigtamt und anderen Sachen ablassen könnte oder müßte, so wollte ich kein ander Amt lieber haben, denn Schulmeister oder Knabenlehrer sein. Denn ich weiß, daß dies Werk nächst dem Predigtamt das allernützlichste, größte und beste ist, und weiß dazu noch nicht, welches unter beiden das beste ist.«

Weil Luthers Katechismus jedes evangelische Kind durch die Schulzeit begleitet und weil kein Erwachsener dieses Büchlein je auslernen kann, soll hier auch kurz erzählt werden, wie dasselbe entstanden ist.

Stadtkirche zu Wittenberg
Stadtkirche zu Wittenberg

Stadtkirche zu Wittenberg.

Der Katechismus, d. h. die zehn Gebote, der Glaube, das Vaterunser und was jeder Christ von den beiden Sakramenten wissen soll, muß dem Volke gepredigt, muß den Kindern ins Herz hinein geschrieben werden, wenn's besser werden soll! meinte Luther, als er von der entsetzlichen geistlichen Verwahrlosung in Stadt und Land hörte. Darum trat er im Jahre 1528 auf die Kanzel der Wittenberger Stadtkirche und predigte über die genannten Katechismusstücke. Sein Freund Bugenhagen, der Stadtpfarrer, war nämlich verreist, und man war's längst gewöhnt, daß Luther trotz seiner vielen anderen Arbeiten die Stellvertretung des Abwesenden übernahm. Da hat denn Luther in drei Predigtreihen (im Mai, September und Dezember) je den ganzen Katechismus vor einer zahlreichen Gemeinde ausgelegt.

Was aber die Leute gehört hatten, das sollten sie auch in ganz kurzer Form schwarz auf weiß mit nach Hause nehmen können, und den Predigern mußte es höchst willkommen sein, an Luthers Katechismuspredigten ein Muster für die eigenen zu haben. Also in doppelter Gestalt sollten Luthers Predigten hinaus in die Welt ziehen. Ganz kurz ließ er die Summa derselben auf Tafeln drucken, damit man sie in Haus, Kirche und Schule an die Wand hängen könnte. Schon Mitte Januar 1529 war die erste Tafel fertig. Sie enthielt die drei ersten Hauptstücke mit ihren Auslegungen. Zur Osterzeit erschien die zweite Tafel, das vierte und fünfte Hauptstück. Diese beiden Tafeln sind dann in Buchform gedruckt worden. Das ist der »kleine« Katechismus.

Johann Bugenhagen
Johann Bugenhagen

Johann Bugenhagen.

Inzwischen aber hatte Luther auch fleißig daran gearbeitet, die Katechismuspredigten vom Jahre 1528 unter Abstreifung des Predigtgewandes zu einem »Katechismus« umzugestalten. Die Arbeit zog sich in die Länge, so daß er nicht nur jene Katechismuspredigten, sondern auch noch die Predigten vom Palmsonntag und Gründonnerstag verwerten konnte. Gegen Mitte April wurden die ersten Exemplare des »großen« Katechismus verschickt.

Übrigens verrät Luther diese Entstehung seiner Katechismen selbst, wenn er in der Vorrede zum kleinen Katechismus von »Tafeln« spricht und wenn er die Vorrede zum »großen« mit den Worten beginnt: »Diese Predigt ist dazu geordnet und angefangen, daß es sei ein Unterricht für die Kinder und Einfältigen.«

Wer mag den Segen ermessen, der aus Luthers Katechismen erwachsen ist! Es sollte ihn niemand beiseite legen, wenn seine Schulzeit und seine Konfirmation vorüber ist! Wenn Luther von sich bekannte: »Ich muß ein Kind und Schüler des Katechismus bleiben und bleib's auch gerne!« so werden wir alle Zeit unseres Lebens an ihm zu lernen haben.

Wer kann es aufzählen, wie man im Laufe der Jahrhunderte Luthers Kinderlehre gepriesen! Eines Mannes Urteil sei nur genannt! Der große deutsche Geschichtsschreiber Leopold von Ranke sagt von Luthers kleinem Katechismus: »Er ist ebenso kindlich wie tiefsinnig, so faßlich wie unergründlich, einfach und erhaben. Glückselig, wer seine Seele damit nährte, wer daran festhält! Er besitzt einen unvergänglichen Trost in jedem Momente, hinter einer leichten Hülle den Kern der Wahrheit, der dem Weisesten der Weisen genugthut.«

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6. Luther gegen den Aufruhr.

Es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin Christus; und werden viele verführen.

Matth. 24, 5.

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Jeder Krieg hat etwas Furchtbares. Am erbittertsten aber sind immer die Kriege geführt worden, in denen man angeblich um Gottes und des Glaubens willen kämpfte. Die Bauern, die sich zu Luthers Zeit im »Bauernkrieg« erhoben, schrieben das »Evangelium« auf ihre Fahne und begründeten ihre Forderungen mit dem »Evangelium«. Die Feinde der Reformation waren sofort mit der Behauptung da: Nun seht ihr's, das Evangelium führt zur Revolution. Der Luther und seine Anhänger sind Empörer!

Noch heute kann man's im Lager unserer Feinde hören: Die Reformation ist die Mutter der Revolution. Das stimmt aber schon deshalb nicht, weil thatsächlich die katholischen Länder die Herde der Revolutionen sind. Und wenn jemandem revolutionäres Wesen fern gelegen hat, dann ist's sicher Luther gewesen. Sein Grundsatz war: Das Alte soll bleiben, soweit es nicht gegen Gottes Wort ist. Das Neue aber soll auf dem Grunde des Wortes Gottes aufgebaut werden.

Die Predigt des Evangeliums hatte die Gewissen vom Joche des Papsttums befreit. Aber nicht zu einer fleischlichen Freiheit, nicht zur Zügellosigkeit und Zuchtlosigkeit führte es die Leute. »Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemand unterthan (durch den Glauben); ein Christenmensch ist ein Knecht aller Dinge und jedermann unterthan (durch die Liebe).« Luther gerade ist es gewesen, der der weltlichen Obrigkeit ihre göttliche Ehre wiedergab auf Grund von Röm. 13, 1-2: »Jedermann sei unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun wider die Obrigkeit setzet, der widerstrebet Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.« Und im kleinen wie im großen Katechismus rechnet Luther die Obrigkeit zum »Vaterstand«: »Denn Gott giebt und erhält uns durch sie, als durch unsere Eltern, Nahrung, Haus und Hof, Schutz und Sicherheit. Darum, weil sie solchen Namen und Titel, als ihren höchsten Preis, mit allen Ehren führen, sind wir auch schuldig, daß wir sie ehren und groß achten für den teuersten Schatz und köstlichstes Kleinod auf Erden.« So spricht wahrlich kein Revolutionär.

Gewiß hat es der Bauer nicht leicht gehabt im Mittelalter. Wenn das Landvolk unter keiner anderen Last zu seufzen gehabt hätte, als unter der, die die Bibel mit dem Worte meint: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!« so hätten sie sich noch glücklich preisen können. Aber die Bauern wurden manchmal kaum als Menschen angesehen, und wie es ihnen erging, war ihren harten Herren zumeist ganz gleichgiltig, wenn sie nur arbeiteten, ihre Abgaben richtig bezahlten, sich alle Willkür gefallen ließen und dazu schwiegen. Nirgends erhielt der arme, leibeigene Bauer sein Recht. »Das edel Recht,« sagte das Sprichwort, »ist worden krank, dem Armen kurz, den Reichen lang.« Und wenn die Großen mit gepanzerter Faust ihr Recht suchten und sich befehdeten, war's wieder der Bauer, der das Meiste litt, dem man das Feld verwüstete, das Haus ansteckte und das Vieh wegtrieb. Da läßt sich wohl denken, daß er mit Freuden die Predigt von der »evangelischen Freiheit« vernahm und auf Erlösung aus dem verhaßten Joche hoffte.

Schon mehr als einmal hatten sich die Bauern erhoben. Aber das Schwert der Mächtigen hatte sie niedergeschlagen. Jetzt, wo alle Welt von Freiheit redete, wollten sie auch frei werden, allerdings nicht frei im Sinne des Evangeliums, frei von Sünde, Schuld und Tod auf Grund der Erlösung durch Jesum Christum, frei vom Papst und seinen Menschensatzungen, sondern frei von dem Drucke der Gewaltigen. Im Herbst 1524 thaten sich in Schwaben die Bauern zusammen und stellten in »zwölf Artikeln«, von denen sie jeden aus der Heiligen Schrift begründen wollten, ihre Forderungen auf. Eine Reihe Gottesgelehrter sollte ihre Sache prüfen. Was von ihren Forderungen gegen die Bibel wäre, wollten sie gern zurücknehmen.

Obenan unter den Gottesgelehrten waren Luther und Melanchthon genannt. In einer ernsten »Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben« zeigte Luther, daß das Evangelium mit solchen Dingen gar nichts zu thun habe. Daß die Bauern in vielen Stücken recht hatten, sah er wohl ein, gab's auch zu. Aber »mit Trotz und Streit werdet ihr nichts schaffen«, schrieb er und riet zu einem gütlichen Vergleich. Dazu war es zu spät. Die Leidenschaften waren schon zu sehr erregt, und was Luther, »Deutschlands Prophet«, vorausgesagt, war geschehen: man hatte zum Schwert gegriffen. Am schlimmsten geberdete sich Thomas Münzer. »Dran, dran, weil das Feuer heiß ist! Lasset euer Schwert nicht kalt werden vom Blut!« rief er Bauern und Bergleuten zu. Alles stand jetzt auf dem Spiele. Das war eine Revolution, wie sie schlimmer nicht gedacht werden konnte. In seiner Schrift »wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern« forderte jetzt Luther das entschiedene Einschreiten der Fürsten, ermahnte aber zugleich die ganze Christenheit zum Gebete, daß Gott die verblendeten und irregeführten Bauern erleuchten und bekehren möchte.

Auch Melanchthon war, wie wir hörten, unter jenen Gottesgelehrten mit genannt, die die Forderungen der Bauern prüfen sollten. Er hätte wohl am liebsten geschwiegen. Luther, der von sich bekennen konnte: »Ich bin eines Bauern Sohn, mein Vater und Ahn sind rechte Bauern gewesen,« wußte aus eigener Erfahrung, wo den Bauern der Schuh drückte. Melanchthon hatte in einem behäbigen städtischen Elternhause und dann von seiner Studierstube aus von den Nöten des Bauernstandes nichts gesehen. Trotzdem konnte auch er nicht leugnen, daß in den Forderungen der Bauern vieles berechtigt war. Aber, sagte er, zu den Tugenden der Christen gehört vor allem mit der Gehorsam gegen die Obrigkeit. Also keine eigenmächtige Hilfe! Vielmehr lasse man die Obrigkeit dafür sorgen, daß allerorten gute evangelische Prediger wirken, damit Glaube und Liebe im Volke gepflanzt, und gepflegt werden! Das sei der rechte Weg zu Einigkeit und Frieden.

Der Rat kam zu spät, und, wäre er früher gegeben worden, so hätte er wohl auch wenig genützt. Wie fast in ganz Deutschland, so hat der Bauernkrieg auch in Sachsen gewütet. Manches schöne Schloß, manches reiche Kloster wurde zur Ruine. Viel Blut wurde vergossen, viel Wohlstand begraben.

Ein furchtbares Gericht ist über die Aufständischen gehalten worden. Am 15. Mai 1525 wurde Thomas Münzer bei Frankenhausen besiegt und bald darauf gefangen genommen. Als einen falschen Propheten hatte er sich erwiesen, da er den Bauern Mut einsprach: »Gott ist mit uns! Wer von euch im vordern Treffen fällt, der steht hinten wieder auf. Fürchtet euch nicht! Die feindlichen Kugeln fange ich alle mit den weiten Ärmeln meines Priesterrockes auf!« Man hat ihn mehrmals gefoltert und dann in Mühlhausen hingerichtet. Viele mußten sein Schicksal teilen. Am furchtbarsten aber wurden die Aufrührer im Frankenland bestraft. Der Markgraf von Brandenburg ließ in der Stadt Kitzingen 47 Aufständischen die Augen ausstechen. Vielfach war's nur dem inständigen Bitten der Pfarrer zu danken, daß Gnade für Recht erging.

In jenen Tagen starb Friedrich der Weise. »Ach, was soll ich doch länger hier auf Erden thun«, sagte er wenige Tage vor seinem Tode, »denn es ist doch hier auf Erden keine Liebe, Wahrheit und Treue mehr!« Auf seinem Sterbebette ließ er sich das heilige Abendmahl unter beiderlei Gestalt reichen, »der erste deutsche Fürst, der so im Tode zur evangelischen Lehre sich bekannt und ihr gemäß in Gottes Wort seinen letzten Trost gefunden hat.«

Friedrich der Weise verdiente die tiefe Trauer seines Volkes. Wohl am tiefsten trauerte Luther. Als man den edlen Kurfürsten in der Schloßkirche zu Wittenberg beisetzte, hielt Luther tiefbewegt die Leichenpredigt. »Unter seinem Schutz und Schirm,« rühmt er dankbar von diesem Fürsten, »ging das Evangelium glücklich von statten und nahm allenthalben überhand. Sein Leben lang hat er ein friedsam, still und ruhiges Regiment geführt und mit Recht Friedrich geheißen.«

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7. Das Augsburgische Glaubensbekenntnis und die »Apologie«.

Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.

Matth. 10, 32.

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Ein kluger Mann ist Kaiser Karl V. gewesen, ein mächtiger Mann war er auch, aber doch nicht so klug und so mächtig, daß er hätte das alte Wort zu Schanden machen können: »Ist der Rat oder das Werk aus den Menschen, so wird's untergehen; ist's aber aus Gott, so könnet ihr's nicht dämpfen« (Apostelgesch. 5, 38. 39). So lange der Kaiser mit seinen Feinden außerhalb des Reichs zu thun hatte, suchte er auch mit den Evangelischen im Reiche gute Freundschaft zu halten. Kaum aber hatte er seine Feinde überwunden, so meinte er, die Evangelischen nicht mehr zu brauchen und alles thun zu können, sie wieder unter des Papstes Joch zu zwingen. Das sollte, wie er hoffte, auf dem Reichstag geschehen, der im Frühjahr 1529 zu Speyer seinen Anfang nahm.

Man konnte es gleich am ersten Tag merken, daß der Reichstag dazu berufen war, die Bekenner des Evangeliums zu unterdrücken. Zunächst wurde der Beschluß vom Jahre 1526, wonach es jeder Fürst in Sachen der Religion in seinem Lande halten sollte, wie er es vor Gott und kaiserlicher Majestät zu verantworten gedenke, für null und nichtig erklärt. Dann bildete man einen Ausschuß, der beraten sollte, wie es hinfort in Religionssachen zu halten wäre. In diesem Ausschuß waren mehr Katholiken als Evangelische. Darum konnte sich niemand wundern, daß derselbe vorschlug, bis zu einer allgemeinen Kirchenversammlung dürfe an den kirchlichen Verhältnissen nichts mehr geändert werden, wohl aber sei auch jetzt dort, wo die Evangelischen die Oberhand hätten, katholischer Gottesdienst nicht zu hindern. Da nun auch im Reichstag selbst mehr Katholiken als Evangelische saßen, nahm derselbe in der Mehrzahl jenen Vorschlag an. Das bedeutete nicht nur den Stillstand der Reformation, sondern die Wiederaufrichtung des Papsttums und damit die Unterdrückung des Evangeliums.

Die evangelischen Stände erklärten, daß über Dinge, die das Gewissen angehe, kein Reichstag abstimmen und beschließen könne. Sie protestierten gegen den Beschluß mit den Worten: »Wir gedenken mit der Hand und Hilfe Gottes bei dem zu bleiben, daß allein Gottes Wort und das heilige Evangelium, Altes und Neues Testament, in den biblischen Büchern verfaßt, rein gepredigt werde, und nichts, das dawider ist; denn daran als an der einzigen Wahrheit und dem rechten Richtscheit aller christlichen Lehre und Lebens kann niemand irren noch fehlen, und wer darauf baut und bleibt, der besteht wider alle Pforten der Hölle!« So ward der Evangelischen Protest oder Verwahrung und Einspruch zugleich ein schönes Bekenntnis. Die Katholischen spotteten der Minderzahl der Evangelischen, die »protestierten«, dachten, das Protestieren sei nichts als Worte, und nannten die Evangelischen »Protestanten«. Sie sahen aber den Glauben nicht, der zum Proteste trieb und der die Welt überwindet. Uns ist der Name »Protestanten« ein Ehrenname. Noch heute protestieren wir gegen alles, was »wider Gott, sein heiliges Wort und unser Gewissen« ist.

Tief war's zu beklagen, daß nicht alle Evangelischen treu und fest zu einander standen. In Sachsen war man über die Lehre vom Abendmahl anderer Meinung als in Süddeutschland und in der Schweiz, und man hielt diesen Unterschied für so wichtig, daß man glaubte, sich darüber nicht die Bruderhand reichen zu können. Über solchen Zwiespalt war insbesondere der Landgraf Philipp von Hessen sehr betrübt. Vielleicht, meinte er, sei eine Vereinigung möglich, wenn die Führer der Evangelischen in Sachsen Luther und Melanchthon, in Süddeutschland und der Schweiz Ökolampadius und Zwingli, einmal zusammen kämen, sich in Liebe und Freundschaft zu besprechen. Das geschah denn auch im Herbste 1529 zu Marburg. Man einigte sich über die vornehmsten Stücke des evangelischen Glaubens, aber nicht über die Abendmahlslehre. »Wir haben sie in Frieden entlassen,« schrieb Luther; »Liebe und Frieden sind wir auch den Feinden schuldig; es ward ihnen bedeutet, daß wenn sie über das Abendmahl nicht besser denken lernen, sie zwar unserer Liebe gebrauchen können, daß es uns aber nicht möglich ist, sie als Brüder und Glieder Christi zu betrachten.« Ähnlich äußerte sich Melanchthon.

Zu gleicher Zeit beredeten sich der Kurfürst von Sachsen und der Markgraf Johann von Brandenburg, ob nicht ein Bund der Evangelischen anzustreben und zu erreichen wäre. Dazu brauchte man ein gemeinsames Bekenntnis. Luther sollte es ausarbeiten. Er legte ihm die Artikel, über die man sich in Marburg geeinigt hatte, zu Grunde und fügte einen Abschnitt über das heilige Abendmahl hinzu, der seine eigene Lehre enthielt. Es gelang aber weder zu Schwabach noch zu Schmalkalden, wo man dieserhalb zusammenkam, die Süddeutschen zur Unterschrift dieser Artikel und zum Anschluß an den Bund zu bewegen. Daß übrigens ein solcher Bund jemals gegen den Kaiser die Waffen erhöbe, widerrieten Luther und Melanchthon aufs entschiedenste.

Zu Anfang des Jahres 1530 sah es nicht gerade gut um die protestantische Sache aus. Noch waren die, die sich zur Reformation bekannten, zersplittert. Es fehlte ihnen die Fahne eines einmütigen Bekenntnisses. Drüben aber unter den Römischen war Einigkeit. Dazu hörte man allerlei Gerüchte von einem neuen Reichstag, zu dem der Kaiser selbst kommen würde und auf dem endlich die verhaßten Evangelischen, die aller Übel Ursache wären, für immer in die Schranken des Gehorsams gegen den Papst und die Kirche zurückgewiesen werden sollten. Um so überraschter war man, als das kaiserliche Schreiben, in dem ein Reichstag nach Augsburg eingerufen wurde, nichts als Güte und Milde atmete. Selbst Luther und Melanchthon glaubten jetzt, nur Gutes hoffen zu dürfen.

Anderer Meinung war der scharfsichtige Kanzler des sächsischen Kurfürsten Dr. Gregor Brück. In des Kaisers und der Katholiken Freundlichkeit erblickte er nur Fallstricke und das schlaue Bestreben, die Evangelischen sicher zu machen, damit sie dann desto leichter überrumpelt werden könnten. Darum sei es unbedingt nötig, daß die Lehre der Protestanten in einer besonderen Schrift zusammengestellt und sorgfältig mit Gründen der Bibel bewährt würde. Würde dann den evangelischen Gottesgelehrten auf dem Reichstage das Wort verwehrt, so könne man diese Schrift als Verteidigung der evangelischen Lehre Kaiser und Reich vorlegen. Das leuchtete dem Kurfürsten wohl ein. Er beauftragte Luther, Melanchthon, Bugenhagen und Jonas, sich über eine solche Schrift zu beraten. Das war keine geringe Arbeit; kam es doch darauf an, eine Schrift zu bieten, welche die Zustimmung womöglich aller Evangelischen fände. Sie berieten lange, zuerst in Wittenberg, dann in Torgau, bis sie schließlich auf Melanchthons Vorschlag eingingen, nur das in die Schrift aufzunehmen, was im Einklang mit der Kirche der ersten Jahrhunderte stand. Denn dann mußte jeder sehen, daß nicht die Evangelischen, sondern die Katholischen »Neuerer« waren. In einzelnen Artikeln übergaben die Männer ihrem Kurfürsten das Ergebnis ihrer Beratungen. Dieser war wohl damit zufrieden; nur war es nötig, die »Artikel« noch in zweckentsprechende Form zu bringen. Damit beauftragte der Kurfürst Melanchthon.

Anfang April verließ Johann der Beständige mit seinem Gefolge — darunter auch Luther, Melanchthon, Spalatin und anderen — Torgau. Daselbst verweilte man längere Zeit, so daß Melanchthon noch ausgiebig Gelegenheit hatte, sich mit Luther über die ihm übertragene Verteidigungsschrift zu besprechen, die nötigenfalls »als Bekenntnis und Rechtfertigung der Evangelischen« in Augsburg vorgetragen werden könnte. Denn Luther selbst sollte in Coburg zurückbleiben. Ein Mann wie er, in Acht und Bann, konnte unmöglich vor Kaiser und Reich erscheinen.

Coburg
Coburg

Coburg.

Am 2. Mai langte als der Erste der Fürsten Kurfürst Johann in Augsburg an. Erst allmählich füllte sich die Stadt mit den übrigen Fürsten, geistlichen und weltlichen, Reichsständen und Gesandten. Kaiser Karl hatte seinen Einzug bis auf den 15. Juni verschoben. Den Tag darauf feierte man in öffentlicher Prozession und größtem Gepränge das Fronleichnamsfest. Bestimmt lehnten die evangelischen Fürsten jede Beteiligung daran ab. Charakterfest wahrten sie ihren evangelischen Standpunkt. Am 20. Juni wurde der Reichstag mit einem feierlichen, selbstverständlich katholischen Gottesdienst in der Stiftskirche eröffnet. Die Reden, die man darnach hielt, ließen deutlich erkennen, daß man bereit war, selbst mit dem Schwerte in der Hand den Protestantismus zu unterdrücken. Die Evangelischen aber setzten ihre Hoffnung auf Gott. Auch hatten sie die Zuversicht, daß der Kaiser sein Wort halten und ihr Bekenntnis anhören werde.

Fleißig hatte Melanchthon seit seiner Ankunft in Augsburg daran gearbeitet. Immer mehr ward aus der geplanten Verteidigungsschrift eine Bekenntnisschrift. Dem Kurfürsten lag viel daran, daß auch Luther Melanchthons Arbeit begutachtete. Am 15. Mai schickte er ihm die Schrift auf die Feste Coburg, indem er ihm dazu schrieb: »Nachdem ihr und andere unsere Gelehrten zu Wittenberg auf unser gnädiges Ansinnen und Begehren die Artikel, so der Religion halber streitig sind, in ein Verzeichnis gebracht, so wollen wir euch nicht bergen, daß jetzt allhier Magister Philippus dieselbigen weiter übersehen und in eine Form gezogen hat, welche wir euch hierbei übersenden. Und ist unser gnädiges Begehren, ihr wolltet dieselben weiter zu übersehen und zu bewegen unbeschweret sein. Und wo es euch dermaßen gefällig oder etwas davon oder dazu zu setzen bedächtet, das wollet also daneben verzeichnen, damit man alsdann auf Kaiserlicher Majestät Ankunft, der wir uns in Kürze versehen, gefaßt und geschickt sein möge, und uns dieselbige alsdann bei diesem Boten wohl verwahrt und verpetschaftet unverzüglich wiederum anher schicken.« Luther erfüllte des Kurfürsten Wunsch und gab über Melanchthons Schrift, die er als eine Verteidigungsschrift (Apologie) bezeichnet, folgendes Urteil ab: »Ich hab Magister Philippsen Apologie überlesen, die gefället mir fast (d. i. sehr) wohl, und weiß nichts dran zu bessern noch ändern, würde sich auch nicht schicken, denn ich so sanft und leise nicht treten kann.« Trotz dieses Urteils hörte Melanchthon nicht auf, an seiner Schrift zu feilen, zu ändern und zu bessern; auch Kanzler Brück und andere Räte und Gelehrte waren ihm dabei behilflich.

Schließlich berieten die evangelischen Stände die Schrift, die trotzdem sie durch viele Hände gegangen war, dennoch überall das Gepräge Melanchthon'schen Geistes trägt. Unterschrieben wurde sie zunächst vom Kurfürsten Johann von Sachsen samt seinem Sohne Johann Friedrich, von den Herzögen Ernst und Franz von Lüneburg, vom Markgrafen Georg von Brandenburg, dem Landgrafen von Hessen, dem Fürsten Wolfgang von Anhalt und den Städten Nürnberg und Reutlingen. Später, aber noch während des Reichstages, gaben auch die Städte Kempten, Windsheim, Heilbronn und Weißenburg ihre Unterschrift.

Am 25. Juni 1530, nachmittags 3 Uhr, begann in der Kapitelstube des bischöflichen Hofes der sächsische Kanzler Beyer vor Kaiser und Reich das Bekenntnis der evangelischen Stände in deutscher Sprache zu verlesen. Der Kaiser nahm dasselbe deutsch und lateinisch entgegen und versprach, die Sache in reifliche Erwägung zu ziehen. Er wünschte nicht, daß man die Schrift drucken ließe. Sie hätte ja leicht den Evangelischen neue Genossen gewinnen können. Trotzdem wurde in demselben Jahre allein der deutsche Text sechsmal gedruckt.

»An diesem Tage ist der allergrößten Werke eines geschehen, die je auf Erden geschehen sind,« sagte Spalatin am 25. Juni 1530. Aber nicht nur auf die Protestanten hatte die Verlesung ihres Glaubensbekenntnisses den tiefsten Eindruck gemacht. »So hör' ich nun wohl, die Lutherischen sitzen in der Schrift und wir Päpstlichen daneben,« bekannte Herzog Wilhelm von Bayern, und der Augsburger Bischof, Christoph von Stadion, mußte zugeben: »Was vorgelesen worden, ist reine Wahrheit, wir können es nicht leugnen.« Von der Tiefe aber evangelischen Bekenntnisses schien des Kaisers Beichtvater eine Ahnung erhalten zu haben; denn er sagte: »Ihr habt eine Theologie, die man nur begreift, wenn man viel betet.« Luther hatte recht, wenn er einmal sagte: »Der Reichstag zu Augsburg ist mit keinem Gelde zu bezahlen um des Bekenntnisses des Glaubens und des Wortes Gottes willen, so von den Unsern da gethan ist. Denn da haben die Widersacher bekennen müssen, daß unsere Konfession recht und wahr sei.«

Das Augsburgische Glaubensbekenntnis oder die »Augsburger Konfession«, wie man gewöhnlich sagt, enthält 28 Artikel. Die ersten 21 stellen die Glaubenslehre der Protestanten dar, die letzten sieben geben an, welche Änderungen in kirchlichen Gebräuchen sich als notwendig erwiesen. Die ersten 21 sind also die Hauptsache. Sie sind im Anhang unseres Gesangbuchs abgedruckt. In unserer Zeit, wo die römische Kirche überall den Kampf gegen uns Evangelische eröffnet hat, wo die »römisch-katholischen Widersacher unsern Glauben so heftig wie in den Zeiten des Augsburger Reichstags befeinden und lästern«, muß ein evangelischer Christ, der konfirmiert und reifer geworden ist, auch diese erste Bekenntnisschrift seiner Kirche kennen und verstehen lernen. »Für unsere Kirche, die hier den Gegnern gegenüber vor Kaiser und Reich zum ersten Mal ihrem Glauben einen förmlichen und gemeinsamen öffentlichen Ausdruck gegeben hatte, ist sie mit ihrem gedrängten, reichen Inhalt und festen, schlichten, feierlichen Ton ein bleibendes, teures Kleinod geworden. Es mahnt uns fort und fort, für was und gegen wen wir auch heute noch zu kämpfen haben. Es ruft jedem von uns zu: Halte, was du hast! (Offenb. Joh. 3, 11).«

Daß die Römischen auf solch' herrliches Bekenntnis nicht schweigen konnten, verstand sich von selbst. Nicht weniger als zwanzig Theologen beauftragte der Kaiser dasselbe — nicht zu prüfen — sondern zu widerlegen. Sie arbeiteten lange daran und hatten doch den Schmerz, ihre Schrift, weil sie viel zu schwerfällig, unklar und heftig war, vom Kaiser zurück zu erhalten. Als sie endlich am 3. August in deutscher Sprache dem Reichstage vorgelesen wurde, fühlten nicht nur die Evangelischen, auf wie schwachen Füßen die Lehre der Römischen stand. Sie hätten gern eine Abschrift jenes Machwerks in Händen gehabt. Der Kaiser wollte sie ihnen aber nur unter der Bedingung zustellen, daß sie keine Gegenschrift erscheinen ließen. Das war unannehmbar. Glücklicherweise hatte aber ein guter Freund Luthers und Melanchthons bei der Vorlesung der »Widerlegung« das meiste zu Papier bringen können. Auf Grund dieser Nachschrift hat dann Melanchthon seine »Apologie« (d. i. Verteidigungsschrift, nämlich des Augsburgischen Glaubensbekenntnisses) ausgearbeitet, die im April 1531 erschien.

Diese Schrift ist ein wahres Meisterwerk. Einige Sätze aus der Vorrede mögen hier mitgeteilt sein: »Ich habe die höchsten Gründe der Gegner zusammengefaßt, daß bei hohen und niedern Ständen, bei den Jetzigen und unsern Nachkommen, bei allen eingeborenen Deutschen, auch sonst aller Welt, allen fremden Völkern ein klar Zeugnis vor Augen sei und ewig stehen bleibe, daß wir rein, göttlich, recht von dem Evangelio Christi gelehrt haben; wir haben wahrlich nicht Lust oder Freude an Uneinigkeit, auch sind wir nicht so gar stock- oder steinhart, daß wir unsere Gefahr nicht bedenken. Denn wir sehen und merken, wie die Widersacher in dieser Sache uns mit so großer Bitterkeit suchen und bis hierher gesucht haben an Leib, Leben und Allem, was wir haben. Aber wir wissen die öffentliche göttliche Wahrheit, ohne welche die Kirche Christi nicht kann sein oder bleiben, und das ewig heilige Wort des Evangelii nicht zu verleugnen oder zu verwerfen.« — »Darum wollen wir, so die erkannte helle Wahrheit mit Füßen getreten wird, diese Sache hier Christo und Gott im Himmel befehlen, der der Waisen und Witwen Vater und aller Verlassenen Richter ist; der wird, das wissen wir ja fürwahr, die Sache urteilen und recht richten. Und du, Herr Jesu Christ, dein heiliges Evangelium, deine Sache ist es; wollest ansehen so manch betrübt Herz und Gewissen und deine Kirche und Häuflein, die vom Teufel Angst und Not leiden, erhalten und stärken deine Wahrheit; mache zu Schanden alle Heuchelei und Lügen, gieb also Friede und Einigkeit, daß deine Ehre fürgehe und dein Reich wider alle Pforten der Hölle kräftig ohne Unterlaß wachse und zunehme.«

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8. Einig und stark.

Wir sind bereit, Friede zu halten und Liebe zu üben gegen alle, wofern sie uns die Lehre des Glaubens rein und unverletzt lassen.

Luther.

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Uneinigkeit ist ein alter Erbfehler des deutschen Volkes. Es hat ihn oft schwer genug büßen müssen. Vielfach hat erst der vor den Thoren stehende Feind die deutschen Stämme veranlaßt, sich die Bruderhand zu reichen.

Angesichts der Feindschaft des Kaisers und der Römischen schlossen am 29. März 1531 die evangelischen Stände zu Schmalkalden einen Bund auf sechs Jahre. Der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf Philipp von Hessen sollten die Oberhauptleute sein. Hätten sich damals nicht die Türken wieder gerührt, so wär's wohl zum Kriege gekommen. Statt dessen ward nun zwischen dem Kaiser und den Evangelischen im Sommer 1532 zu Nürnberg ein Religionsfriede geschlossen. Es sollte zunächst alles bleiben, wie es war. Auch durfte weder der Kaiser die Protestanten noch die Protestanten den Kaiser angreifen.

Bald nach diesem Friedensschluß erlitt der schmalkaldische Bund einen schmerzlichen Verlust. Am 15. August hatte Kurfürst Johann den Beständigen von Sachsen auf dem Schlosse Schweinitz ein Schlagfluß getroffen. Am nächsten Morgen früh 10 Uhr standen Luther und Melanchthon am Sterbebette des edlen Fürsten, der zu Speyer, Augsburg und Schmalkalden fest, entschieden und beständig für die evangelische Sache eingetreten war. Am Sonntag darauf bestattete man ihn neben seinem Bruder, Friedrich dem Weisen, in der Schloßkirche zu Wittenberg. Luther hielt die Leichenpredigt. Johann Friedrich, des Heimgegangenen Sohn, übernahm das Regiment.

Insbesondere Melanchthon und die süddeutschen Gottesgelehrten, allen voran Martin Butzer in Straßburg, hatten den dringenden Wunsch, alle Evangelischen Deutschlands und der Schweiz möchten sich aufs engste verbinden. Von solchen Einigungsplänen war Luther kein Freund. Er fürchtete, daß dabei die reine Lehre, insbesondere vom heiligen Abendmahl, leiden werde. Auf keinen Fall wollte er seine feste Gewißheit, daß im heiligen Abendmahle Christus selbst gegenwärtig sei und sich allen Abendmahlsgästen mitteile, preisgeben. Als Geistesverwandte aber der Süddeutschen und der Schweizer, insbesondere Zwinglis, erschienen ihm die Wiedertäufer, die gerade damals viel von sich reden machten. Die entsetzlichste Verzerrung evangelischer Freiheit und die abscheulichste Verkehrung derselben in fleischliche Zügellosigkeit hat im Jahre 1534 zu Münster stattgefunden. Man müsse an der Wand greifen, sagte Luther, daß der Teufel dort leibhaftig haushalte. Am 25. Juni 1535 ward die Stadt in blutigem Kampfe den »Heiligen« abgenommen. Erst als die Süddeutschen sich in ihrer Abendmahlslehre derjenigen Luthers eng näherten, ließ sich dieser zu weiteren Verhandlungen herbei. Im Mai 1536 war eine große Zahl Gottesgelehrter aus Straßburg, Augsburg, Ulm, Memmingen, Frankfurt, Konstanz und anderen Städten in Wittenberg versammelt. Da wurde die Einigkeit hergestellt. Es war ein großer Augenblick, und man begreift's, daß den Anwesenden die Thränen ins Auge traten, als Luther mit freudig bewegter Stimme erklärte: »Weil es denn so steht, so sind wir eins, erkennen und nehmen euch an als unsere lieben Brüder im Herrn.«

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