Dritte Abtheilung, Heinrich Potter.
Reading edition
Quelle.
L'otgevallen en Ontmoetingen op eene mislukte Reize naar de Kaap de Goede Hoop. Door H. Potter. 1807 — 9. IV. Vol. 8.
Einleitung.
Der Verfasser war Prediger zu Peins, in der Nähe von Franken, und erhielt im Jahre 1804 einen Ruf nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung. Allein da bald darauf der Krieg wieder ausbrach, so fand sich keine sichere Gelegenheit zur Reise dahin. Erst zu Ende des genannten Jahres bot sich eine solche in einem preußischen Hafen dar. Wir haben uns bemüht, die niederländische Manier des Verfassers sorgfältig beizubehalten, überzeugt, daß es den gemüthlichen Lesern gewiß Vergnügen machen wird.
Erster Brief.
Leer Novemb. 1804.
Liebster Freund. Am 15. October erhielt ich Befehl und Anweisung, bis zum 10. November an Bord zu seyn. Ich eilte daher sofort nach Amsterdam, um alle meine Einrichtungen zu treffen, welches Gott sey Dank, über meine Erwartung von statten gieng. Hierauf kehrte ich am 27. October nach Peins zurück, wo meine Frau inzwischen alles eingepackt hatte, und reiste am folgenden Morgen mit ihr und den Kindern nach Dockum ab. Hier sollte sie bleiben, bis sich bequeme Schiffsgelegenheit nach der Capstadt fand.
So war alles in Ordnung gebracht. — Endlich am 5. Morgens — Nie werde ich den Augenblick vergessen, liebster Freund. — »O bleibe bei uns Vater! Verlaß uns nicht!« — riefen meine ältesten drei Kinder, und klammerten sich an mich an, während der Säugling ruhig in der Wiege schlief. — Wäre meine Frau nicht standhafter gewesen, als ich — Ich glaube, ich hätte in diesem Augenblicke auf Alles Verzicht gethan. So riß ich mich endlich mit gepreßtem Herzen los. Meine Sachen wurden jezt in die Schuit[16] gebracht, und ich folgte mit thränenden Augen nach. Zu meiner Freude waren nur noch zwei Personen in dem Roef[17] daher ich ziemlich ungestört blieb. Abends kamen wir so in Gröningen an.
Ich hatte von Gröningen am nächsten Tage mit der Schuit nach Delfzyl zu gehen gedacht, wo ich Gelegenheit nach Leer zu finden sicher war. Allein es fror die Nacht so heftig, daß ich nicht weiter daran denken konnte. Ich ließ daher meine Sachen auf einen Wagen laden, auf dem sich zugleich ein Siz für mich und den Fuhrmann befand. Da es schon zwei Uhr war, als wir abfuhren, kamen wir Abends nicht weiter als Scheemda, ein großes, schönes Dorf, wo Nachtquartier gemacht ward.
Am folgenden Morgen gieng es bei schönem hellen Wetter, durch den reichsten und fruchtbarsten Theil der Provinz, nämlich das Oldampt. Besonders groß und prächtig sind die Pfarrwohnungen, wie denn die Geistlichen hier solche Einkünfte haben, wie vielleicht nirgends anderes in unserem Vaterland.
In der Nähe von Neuschanz (de Nieuwe Schans) war der Weg außerordentlich schlecht. Indessen kamen wir Abends ohne Unfall an. Hier lohnte ich meinen Fuhrmann ab, weil mit seinem schweren Wagen unmöglich weiter zu kommen war. Ich hielt es fürs beste, zwei kleinere zu nehmen, worauf die Reise am nächsten Tage weiter gieng.
Bald kamen wir nun auf preußischen Boden, indem der Grenzpfahl ganz nahe bei Neuschanz steht. Das Land verräth viel Wohlstand, besonders der Theil, der unter dem Namen, der Preußische Polder bekannt ist. Ueberall herrliches Wiese- und Ackerland, und die schönsten Bauernhöfe, von städtischem Ansehen. Dies machte mich den schlechten Weg vergessen, der bei dem eingetretenen Thauwetter fast ganz ungangbar war. So kamen wir Nachmittags an dem Wirthshause an, das am rechten Ufer der Ems, ungefähr eine Viertelstunde von Leer, gelegen ist.
Ich hätte mich gern noch diesen Abend über den Fluß setzen lassen, allein es war unmöglich, weil er mit Treibeis gieng, und nur das kleine Boot mit großer Mühe hin und wieder fuhr. Da ich nun meine Sachen unmöglich zurücklassen konnte, ließ ich sie abladen, und in einen Schoppen bringen, wo nach der Versicherung des Wirthes alles in Sicherheit war. Bei meinem Eintritt in das Zimmer sah ich sogleich an dem schmutzigen Boden, und der sparsamen Erleuchtung, daß ich mich außer dem Vaterland befand. Ein Dutzend Münsterländer mit langen blauen Hemden, und dicken weißen Schlafmützen, saßen mit dampfenden Pfeifen vor dem Kamine, und erwiederten meinen Gruß in ihrer eigenthümlichen platten Mundart.
Nachdem man mir an der einen Ecke Plaz gemacht hatte, brachte mir der Wirth eine Pfeife, und stellte einen kleinen Tisch mit einer Flasche Wein vor mich. Hierauf fuhr er in einer Erzählung fort, die durch meine Ankunft unterbrochen worden war. Sie betraf seine Jugend, Verheiratung, und Ehe. Nach dem Tode seiner ersten Frau hätte er gern eine zweite genommen, allein er war zu alt dazu. Eine junge würde ihn nicht gewollt haben, und zu einer von seinen Jahren hatte er selbst keine Lust gehabt.
Auch schmerzte es ihn bitter, daß er in seiner Jugend nicht hatte reisen können, es würde etwas ganz anderes, als ein Landwirth aus ihm geworden seyn. Zum Beweise seiner großen Kenntnisse sprach er dann vom Vorgebirge der guten Hoffnung, was bei ihm Ostindien hieß, und von der unerträglichen Hitze, und den hottentottischen Affen daselbst, und dergleichen mehr. Die guten Münsterländer hörten mit offenen Mäulern und Ohren zu, ganz erstaunt über die unerhörte Gelehrsamkeit des alten dicken Wirths. Indessen muß ich ihm lassen, daß er mir ein Abendessen vorsezte, das gar nicht übel war. Auch bekam ich im oberen Stocke ein reinliches Zimmer mit einem rechten guten Bett.
Am andern Morgen ließ ich mich nun mit meinen Sachen übersetzen, und gelangte in einer Viertelstunde nach Leer, mein vorläufiges Reiseziel. Hier nahm ich ein Zimmer in einem großen Wirthshause, bei einem gewissen Wagner, wo es mir aber durchaus nicht gefiel. Besonders stieß mich der gemeine liederliche Ton des Wirthes ab, den dieser am Gesellschaftstische angab. Ich sahe mich also noch denselben Tag nach einer andern Wohnung um, und fand auch bald ein recht artiges Zimmer mit einer angenehmen Aussicht obendrein.
Es war bei einer Schiffscapitainsfrau, die mir zugleich Kost, Licht und Heizung zu geben versprach. Für alles zusammen, das Zimmer mit eingerechnet, forderte sie nicht mehr als sieben Gulden, die Woche, was gewiß äußerst billig war. Das Schiff ist leider noch nicht angekommen, man erwartet es aber, so bald die Ems vom Eise frei ist. Unterdessen habe ich einen Theil meiner Bücher ausgepackt und beschäftige mich so gut es gehen will. Leer selbst, mit seinen 4000 Einwohnern, und seiner jetzigen Handelsstille, bietet so gut als gar keine gesellschaftlichen Hülfsquellen dar. Indessen kann mein Aufenthalt nicht lange dauern, und so nehme ich mit allem vorlieb.
Zweiter Brief.
Leer Feb. 1805.
»Der harte Frost macht alle Schiffarth unmöglich; drum will ich noch einmal Frau und Kinder sehn!« — So rief ich am Neujahrstage aus, und trat sofort die Reise an. Ich überraschte meine Lieben, brachte noch einiges im Haag in Ordnung, und kam vor ungefähr acht Tagen wieder hierher zurück. Seitdem hat es nun so stark getaut, daß die Ems völlig offen ist. Schon liegt ein Schiff nach dem Cap in Ladung, allein das unserige kommt erst übermorgen an. Der Himmel gebe, daß kein neuer Aufenthalt entsteht, damit ich doch endlich einmal meine Gemeinde begrüßen kann.
Unterdessen habe ich Leer ziemlich kennen gelernt. Würden Sie glauben, daß dieser kleine Ort eine lutherische, eine reformirte, eine katholische und eine mennonitische Kirche, so wie eine Synagoge hat? Die Ems fließt hinten daran weg, und ist im Flecken selbst nur von einigen Stellen zu sehen. Indessen trägt sie sehr große Schiffe, so, daß diese vor den Packhäusern ankern können, die an jener Seite befindlich sind.
Als ich gestern fortfahren wollte, kam meine Wirthin, mir zu sagen, daß eben unser Schiff angekommen sey. Sofort ließ ich mich übersetzen, stieg auf den Damm, und sahe es in der untergehenden Sonne gerade vor mir. Bald darauf langte der Capitain mit den übrigen Passagieren an, und wir machten die erste Bekanntschaft bei einer guten Abendmahlzeit. Diesen Morgen kam das Schiff vollends an den Wal, wie man hier sagt, so, daß es die Ladung einnehmen kann. Ich gieng mit einigen Freunden, es zu besehen, und fand, daß es ein gutes, festes, aber etwas kleines Fregattenschiff war. Nun, wir werden uns zu behelfen suchen, so gut es gehen will. Der Capitain, ein geborner Ostfriese, scheint ein recht guter Mann, und sorgt, dem Vernehmen nach, aufs reichlichste für unsern Schiffsbedarf. Er ist das freilich wohl im Stande, da jeder von uns eine sehr ansehnliche Summe für die Ueberfahrt zahlt. Dies ist indessen seine erste große Reise dieser Art. Doch hat er einen erfahrnen Steuermann, einen gebornen Holländer, der schon mehrere Reisen nach Ost-Indien gemacht hat. Eben so erwartet er einen Supercargo, der gleichfalls sehr gute Kenntnisse von diesen Gegenden haben soll. Indessen fand ich die Mannschaft, nur sechszehn Köpfe zusammen, für eine so weite Reise etwas schwach, weil doch immer ein Drittheil davon erkranken kann.
Leer ist der vielen Schiffe und Fremden wegen jezt äußerst lebendig, wobei sich der reiche Theil der Kaufleute besonders in Gastmählern zu zeigen sucht. Gewöhnlich sind es Abendmahlzeiten, von denen man aber oft erst Morgens aufsteht. In diesen legt man hier den größten Luxus zur Schau, besonders was die Weine betrifft. Der Bordeaux macht dabei den Anfang, und der Champagner den Beschluß. Ueberhaupt ist der Ostfriese von ruhigem, gutmüthigem, gastfreundlichem Charakter, so, daß es fast allen Fremden hier sehr wohl zu gefallen pflegt.
Dazu tragen denn auch in vieler Hinsicht die angenehmen Spaziergänge in der Nachbarschaft bei. Der besuchteste davon führt nach Bollinghusen, eine Art Gehöfte mit einem Herrenhause, das dem Baron von Reede gehört. Dabei befindet sich ein schöner Park und Garten, die jedermann offen stehn. Ein großes wohleingerichtetes Wirthshaus mit einem Tanzsaal fehlt ebenfalls nicht. Es ist daher alle Tage, besonders aber Sonntags, große Gesellschaft hier.
Ein anderer angenehmer Weg führt nach Loga, ohngefähr eine halbe Stunde östlich von Leer, auf der großen Straße nach Deutschland. Dieses Loga ist ein ansehnliches Dorf, das aus einigen Straßen besteht und viele stattliche Gebäude hat. Unter diesen befinden sich mehrere Landhäuser, die sehr geschmackvoll eingerichtet sind. Besonders zeichnet sich das Schloß des Grundherrn, des Grafen von Wedel, aus. Es ist fürstlich zu nennen, und mit den herrlichsten Park- und Gartenanlagen versehen.
Eine Viertelstunde nördlich von Leer erhebt sich mitten im freien Felde eine nicht unbedeutende Anhöhe, der Plettenberg genannt. Der Weg dahin führt zum Theil durch eine hohe Ulmenallee, bei den Ruinen eines alten Schlosses vorbei. Man hat von diesem Anhöhe eine sehr ausgebreitete Aussicht auf den schlängelnden Fluß, und einen großen Theil von Ostfriesland. Bei heiterem Wetter kann man selbst Embden, und die Schiffe auf der dortigen Rhede sehn. Nun, in kurzem werden wir selbst dort liegen, und dann mit Gott in offene See.
Dritter Brief.
An Bord, auf der Rhede von Embden, April 1808.
Da bin ich denn an Bord unserer Anna Wilhelmina, dies ist der Name unseres Fregattenschiffs. Nach Abgang meines lezten blieb ich ohngefähr noch acht Tage in Leer. Unterdessen nahm das Schiff den Rest seiner Ladung ein, und segelte den Fluß hinab. Wir Passagiere, acht zusammen, folgten zu Lande nach. Morgens fuhren wir ab, Mittags kamen wir in Embden an. Die Rhede von Embden hat das Unbequeme, daß kein großes Schiff in der Nähe der Stadt vor Anker gehen kann. Man muß daher oft eine Stunde, ja zwei Stunden fahren, ehe man zu seinem Schiffe kommt. Dies war leider auch unser Fall, doch endlich hatten wir die gehörige Höhe erreicht, und konnten unser Schiff gerade vor uns sehn. Da es aber gerade Ebbe war, entstand ein neuer Aufenthalt. So harrten wir bis sechs Uhr Abends am Strande, bis endlich die Schaluppe uns abzuholen kam.
Sobald wir uns an Bord befanden, wies uns der Capitain, je zwei und zwei zusammen, unsere Hütten an. Mit meinem Gefährten hatte ich schon in Leer Bekanntschaft gemacht. Es war ein alter herzensguter Mann, der als Aufseher der afrikanischen Wallfischfang-Gesellschaft ebenfalls nach der Kapstadt gieng. Ich übernahm die Mühe, unsere Hütte in Ordnung zu bringen, was mir denn auch nicht übel gelang.
Denken Sie sich einen kleinen Verschlag, der höchstens drei Personen fassen kann, und das Licht nur durch ein kleines Fenster in der Thür erhält. Denken Sie sich ferner in der einen Wand derselben zwei Koyen, oder Schlafstellen über einander, so haben Sie unsere Hütte vor sich. Hier muß man denn nun sehn, wie man seine Sachen unterbringt. Ein Glück, daß ich beim Einladen unserer Provisionen zugegen war, so ward alles gleich in die Hütte gesezt.
Was wir daher am nöthigsten brauchten, wie Wäsche, Bücher u. s. w. kam unter die Matrazze, oder fand an den Enden der Koye einen Plaz. Andere Sachen, wie Töpfe mit Eingemachtem, Thee, Kaffee, Zucker, Gläser, Seife, Liqueur u. s. w. wurden in einen Schrank verschlossen, der an der entgegengesezten Wand befindlich war. Einige Kleidungsstücke wurden zwischen die Balken an der Decke der Koye gesteckt. Die größeren Vorräthe, wie die Weinkisten, das Selteserwasser u. s. w. befanden sich im Raume, doch oben aufgesetzt. Auf diese Art war unsere Haushaltung sehr bald in Ordnung gebracht. Wir nahmen hierauf bei dem Capitain das Abendessen ein, und sanken zulezt unter dem Rauschen des Wassers in tiefen Schlaf.
Diesen Morgen gieng ich nur auf das Verdeck, fand aber dort alles in der größten Unordnung. Das Schiff ist so voll geladen, daß man die besten Sachen nicht mehr in den Raum bringen kann. So müssen z. B. die Fleisch- und Gemüse-Tonnen sämmtlich oben bleiben, was den Platz gar sehr beengt, und die Schiffsarbeit nicht wenig erschwert. Dazu kommen die Passagiergüter, alles darunter und darüber, wovon jeder nach dem Seinigen sucht. Man will versuchen, aufzuräumen, ich fürchte aber, daß es wenig helfen wird. Von allen den schönen Vorräthen an Hämmeln, Geflügel u. s. w. die uns der Capitain versprochen hatte, ist nicht das mindeste zu sehen. Mehrere Passagiere denken daher, mit der Schaluppe nach Embden zu fahren, und einzukaufen, was zu bekommen ist. Auch für uns werden Hühner, und einige Ochsenviertel mitgebracht. So eben kommt unser Rheder zum Abschiedsbesuch. Ich muß schließen, man ruft mich.
Morgens 7 Uhr.
Der Wind ist günstig, der Lootse an Bord. Eben wird das Anker aufgewunden, wir gehen in See. So leben Sie denn wohl, herzlich wohl. Die Inlage an meine liebe Frau. Gott gebe, daß wir uns alle glücklich wieder sehn! Noch einmal, leben Sie herzlich wohl, und denken Sie meiner mit Freundschaft, wie Ihrer ewig denken wird.
Ihr P.
Vierter Brief.
In See Mai 1805.
Wir laviren im Kanal; die Küsten von England und Frankreich liegen deutlich vor uns. Besonders sind wir jener so nahe, daß wir die herrlichen Landhäuser zu erkennen im Stande sind. Es ist das herrlichste Wetter von der Welt, nur Schade, daß uns der Wind entgegen ist. Anfangs gieng es sehr gut, wir kamen schon am zweiten Tag in den Kanal. Aber seitdem haben wir schon vier verloren, und Gott weiß, wie lange das dauern kann. Mein Reisegefährte sagt mir, daß auf diese Art oft drei bis vier Wochen vergehn.
Unterdessen suche ich mich zu beschäftigen, so gut ich kann. Ich lese, ich schreibe, ich meditire, bald sitzend, bald stehend, wobei mein kleines Pult in die Koye gesteckt wird. Meistens wachen wir schon um vier Uhr auf. Dennoch bleibt jede Parthei allein bis acht Uhr, wo alles zum Frühstück in der großen Cajüte zusammenkommt. Dann folgt ein Spaziergang auf dem Verdecke, worauf jeder wieder in seine Hütte geht. Um elf Uhr versammelt man sich wieder im Caffehause, das von uns selbst errichtet worden ist.
Wir haben nämlich die Einrichtung getroffen, daß jeder nach seiner Reihe den Wirth machen und die andern mit Genever u. s. w. traktiren muß. Um 12 Uhr wird zu Mittag gegessen, wobei jeder aus seinen Provisionen etwas zum Nachtisch hergiebt, und so die ewigen Kartoffeln und das ewige Pökelfleisch etwas erträglicher macht. Wer eine halbe Stunde Mittagsruhe halten will, mag es thun, ich selbst befinde mich wohl dabei. Von drei bis sieben Uhr beschäftigen wir uns mit Lesen, Schreiben, Kommerzspielen und dergl. mehr. Um sieben haben wir das Abendessen, und dann kleine Wein- oder Punschparthien meistens auf dem Verdeck. Um zehn Uhr ist Schlafenszeit, wenigstens muß es in allen Hütten still seyn. Da haben Sie unsere Einrichtung, Tag für Tag, ohne Abänderung.
Fünf Tage darauf.
Gott Lob, wir haben endlich günstigen Wind bekommen, und nun geht es im Fluge den Kanal hinaus. Schon nähern wir uns dem Cap Lezard, oder der südwestlichsten Spitze von England. Indessen gab es diesen Morgen einen so heftigen Streit an Bord, daß wenig fehlte, wir wären umgekehrt. Ich habe ihnen schon gesagt, wie schlecht es mit den frischen Vorräthen des Capitain bestellt war. Dazu kam, daß er uns bei weitem nicht die kontraktmäßige Tafel gab. Hieraus entstand nun zwischen ihm, und dem Supercargo ein heftiger Wortwechsel, wobei natürlich jeder von uns des lezteren Parthei ergriff. Allein dies sezte den Capitain in solche Wuth, daß er sofort das Schiff wenden, und gegen den günstigen Wind anlaviren ließ. Nach einigen Stunden indessen nahm er seinen unvernünftigen Befehl zurück, und ersäufte seinen Zorn in einigen Flaschen Portwein, wovon er ein großer Liebhaber ist. Sie können jedoch leicht glauben, daß dieser Vorfall einen sehr unangenehmen Eindruck auf uns gemacht hat.
27. Mai.
Das herrlichste Wetter, der günstigste Wind. Gestern Morgens segelten wir bei Teneriffa vorbei. Herrlich war der Wiederschein des majestätischen Pics in der klaren, spiegelnden Fluth. Nachmittags begegneten wir einem englischen Kaper, der uns beilegen hieß. Hierauf kam der Capitain desselben mit einiger Mannschaft zu uns an Bord. Er verlangte die Schiffspapiere, sah sie durch, erklärte sie endlich für gut, und verließ uns. Wir Passagiere hatten uns inzwischen in unseren Hütten verborgen gehalten, und kamen so mit dem bloßen Schrecken davon.
Die Hitze wird nur täglich stärker, wir fühlen sie besonders des Nachts. Schon früh um neun Uhr ist das Holzwerk so heiß, daß man die Hand nicht darauf legen kann. Mit unserem Tische geht es so, so; wir helfen uns mit dem Mitgebrachten aus. Das Meer ist sehr schön, und bietet uns eine Menge wunderbarer Erscheinungen dar. Wir bleiben oft bis Mitternacht auf dem Verdeck. Alles ist dann Glanz und Feuer um das Schiff. Dazu der sternbedeckte Himmel gleich einem reinen ätherischen Lichtmeere! Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr dieser Anblick das Herz erhebt!
Eine Stunde darauf.
Während ich obiges niederschrieb, tagte in Südost ein Fahrzeug auf, das bald für ein dänisches Schiff erkannt ward. Es hielt auf uns zu, und kam endlich ganz nahe heran. Es lag drei Wochen in der Tafelbai, und ist nach Rotterdam bestimmt. Unser Supercargo hat eine lange Unterredung mit dem Capitain gehabt, und giebt ihm ein Paket mit. Mein Brief soll darin eingeschlossen werden, daher für diesmal genug. Leben Sie wohl, verehrter Freund; meinen nächsten erhalten Sie wahrscheinlich aus der Kapstadt selbst.
Fünfter Brief.
Insel St. Helena, Juli 1805.
Erschrecken Sie nicht, mein werthester Freund, unser Schiff ist von den Engländern genommen, und hier als gute Prise eingebracht. Noch weiß ich nicht, was aus mir werden soll, fast dürfte die weitere Reise unmöglich seyn. Doch ich will Ihnen in der Ordnung erzählen, wie Alles zugegangen ist. Wir hatten den Passatwind bekommen, und rückten nun immer nach der Linie vor. Sonnenaufgang und Untergang, der Mond und die Sterne, es war ein neuer glänzender Himmel in der reinsten Pracht. So sahen wir unter andern einmal einen Regenbogen, der durch den Mond gebildet ward, und dennoch dem schönsten Sonnenregenbogen nur wenig nachgab.
Auf diese Art waren wir ungefähr bis unter den fünften Grad nördlicher Breite gekommen, als wir am sechsten Juni, Morgens, gerade in Südwesten ein großes Schiff auftagen sahen. Wir freuten uns sehr darüber, denn wir hielten es für einen heimkehrenden, holländischen Ostindienfahrer, dem es auch vollkommen in Bauart und Segelwerk glich. Jeder beeilte sich nun Briefe an seine Freunde zu schreiben, und ich selbst fieng einen an Sie Geliebter an. Doch wie schrecklich sahen wir uns in unserer Hoffnung getäuscht! Das Schiff kam näher, und ward bald für ein englisches Kriegsschiff erkannt. Jezt erfolgten die zwei gewöhnlichen Schüsse, das erstemal blind, das zweitemal hinter dem Schiffe hin, und wir waren gezwungen, beizudrehen. Sofort sezten die Engländer ein Boot aus, und schickten zwei Offiziere, nebst ungefähr zwanzig Mann Seesoldaten nach uns ab. Kaum waren nun diese an Bord, so wurden die Schiffspapiere untersucht, unzulänglich befunden, und Schiff und Ladung für gute Prise erklärt.
Denken Sie sich, wie uns Passagieren bei dieser Nachricht zu Muthe war! Um keinen Argwohn zu erregen, hielten wir uns während der Untersuchung, troz der erstickenden Hitze, in unsern Hütten auf. Hier brachten wir zwischen Furcht und Hoffnung wohl eine Stunde zu. Endlich erfuhren wir unser Schicksal. Unser Supercargo, Herr Van der Pulten, mußte sich an Bord des Kriegsschiffs begeben; eben so wurden auch unsere sämmtlichen Matrosen dahin gebracht. Unser Capitain verlor das Commando, und an seiner Stelle übernahm es ein englischer Lieutenant. Auch erhielten wir eine englische Schiffsmannschaft. Um uns andere schien man sich wenig oder gar nicht zu bekümmern, wie uns denn auch nicht das Mindeste genommen ward.
Aber welcher Lärm, welche Verwirrung auf dem Verdeck! Alles unter, und durch einander; ein Schreien, Fluchen und Rasen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Dazu das Ueberpacken der Hangmatten, Kisten u. s. w. Die fremden Gesichter, die fremde Sprache, der ganz veränderte Zustand. Endlich drangen ein halbes Dutzend englische Matrosen in die Cajüte, erbrachen die Kisten unseres Capitains, und bemächtigten sich seines Eigenthums. So gieng es fort bis vier Uhr, wo alles allmählig wieder in Ordnung kam. Bald darauf gab das Kriegsschiff ein Signal, und sogleich ward alles zum Weitersegeln in Bereitschaft gesezt. Endlich steuerte das Kriegsschiff voran, und das unserige hinter demselben drein. Der Curs war südlich; doch wohin es eigentlich gieng, blieb ein Geheimniß für uns.
Am folgenden Tage neue Verwirrung, neue Angst. Die Engländer beschlossen die Ladung Stück für Stück zu untersuchen, um der Prise desto gewisser versichert zu seyn. Da sie nämlich unser Schiff durchaus für ein verkapptes holländisches hielten, vermutheten sie auch Pulver, Blei, Gewehre u. s. w. unter der Ladung, was bekanntlich gegen die Kriegsgesetze ist. Zu diesem Ende wurden nun alle Kisten und Fässer auf das Verdeck gebracht, und theils zerschlagen, theils angebohrt. Sie wurden dabei so hoch aufgestapelt, daß fast das Umschlagen zu befürchten war. Man fand indessen nichts, als einige Fässer Harz, was dann zur Contrebande gestempelt ward. Hierauf ward alles wieder in den Raum geschafft, wiewohl in größter Unordnung. Diese ganze Untersuchung dauerte von Morgens sechs, bis Abends acht Uhr, und zwar während der Himmel mit furchtbaren Gewitterwolken bedeckt war. Ein einziger Windstoß, ein einziger Wetterschlag, und es würde um uns geschehen gewesen seyn.
Die Nacht war still, aber drückend heiß. Endlich gegen Morgen brach das Ungewitter mit tausend Donnerschlägen los. Das Echo in den Wolken war fürchterlich; der Regen floß in Strömen herab; der Sturm peitschte die Wogen himmelan; unzählige Blitze durchkreuzten sich. Zum Glück waren wir auf diese Travate — dies ist der Schiffsausdruck — schon seit dem Abende vorbereitet, so daß sie uns nicht den mindesten Schaden that.
Am 20. Juni passirten wir die Linie, was mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten geschah, und steuerten immer tiefer nach Süden hinab. Oft nahm uns das Kriegsschiff nunmehr aufs Schlepptau[18], wobei es natürlich tüchtige Stöße gab. Am 3. Juli verließ uns das Kriegsschiff auf eine kurze Zeit. Es beschloß auf einige Schiffe Jagd zu machen, die man in Osten erblickte, und der Capitain für spanische ansah. Er gab uns den Curs auf, den wir in der nächsten Nacht halten sollten, und versprach am andern Morgen wieder bei uns zu seyn. Allein wir harrten vergebens; selbst am dritten Tage erschien er noch nicht. So kreuzten wir immer in der Irre herum.
Das schlimmste dabei war, daß unser Wasser zu Ende gieng, und daß nun jeder auf eine Kanne täglich gesetzt ward. Zum Unglück hatten sich die Ratten auch schon längst über unser Selteserwasser gemacht; wir waren daher auf Wein und Branntewein eingeschränkt. Gekocht konnte nun durchaus nichts weiter werden, wenigstens in süßem Wasser nicht; dagegen machte das Seewasser alle Speisen beinahe ungenießbar.
Um einmal eine gute Tasse Caffe zu haben, gab ich zwei Flaschen Genever, jede zu sieben bis acht Gulden, für eine einzige Flasche Wasser hin. Zwar hatten wir zuweilen starke Regenschauer, allein dies half uns nichts. Segel, Holz- und Tauwerk waren nämlich so stark mit Salztheilen besezt, daß das herabfließende Wasser durchaus denselben Geschmack bekam. An unserem Mangel waren indessen die englischen Offiziere und Matrosen eigentlich selbst Schuld. Bei dem Umladen hatten sie nämlich mehrere Wasserfässer, die ihnen im Wege waren, zerschlagen; eben so hatten sie den größten Theil unseres Vorrathes zum Waschen verbraucht.
Fünf Tage hatten wir so aufs ungewisse herumgekreuzt, als endlich unser Lieutenant den Kurs nach St. Helena zu nehmen beschloß. Der Wind war heftig, aber auch äußerst günstig für uns. Dies war ein großes Glück, da jeder nur noch ein einziges Glas Wasser erhielt. So durchschnitten wir den ungeheuern Ocean ohngefähr vom Rio de la Plata an bis nach diesem einsamen Eiland. Vierzehn Tage waren vorüber, wir hatten nur noch Wasser auf einen einzigen, was gestern war. Da sahen wir mit aufgehender Sonne die schwarze, verbrannte, tausendfach in sich zerklüftete Felsenmasse vor uns. Aber bald verloren wir den Wind, und kamen nur mit Mühe heran. Doch als wir endlich um die hohen Felsen bogen, welch ein erfreulicher Anblick! Es war St. Jamestown, von hohen tropischen Bäumen beschattet, im Hintergrunde einer herrlichen Bai. Unvergeßlicher Abend! Meere und Himmel glänzten in Rosenglut. Bald erkannten wir auch unser Kriegsschiff, das vor 3 Tagen hier eingelaufen war, und ankerten sofort nicht weit davon.
Abends erhielten wir einen Besuch von einem Hamburger Capitain, der unter dänischer Flagge von Ostindien kommt. Er erbot sich, Briefe von uns mitzunehmen, und so wird ihm auch dieser zugestellt. Eben trifft die Antwort des Gouverneurs auf unser Bittgesuch ein, an's Land zu gehen. Sie ist, wie gewöhnlich, bejahend, und wir machen noch heute Gebrauch davon. — Ich umarme Sie mit Herzlichkeit; nächstens mehr von mir.
Sechster Brief.
Bai von St. Helena, Juli 1805.
Es ist ein trüber, regnigter Tag, wie immer in dieser Jahrszeit. Ich bin allein in der Cajüte, alle meine Reisegefährten befinden sich am Lande, so werde ich denn von Niemanden gestört. In der ersten Nacht, nachdem wir vor Anker gegangen waren, hatten wir noch einen gewaltigen Schrecken. Denken Sie, im Vertrauen auf den guten Ankergrund, hatte sich der Capitain mit einem einzigen Anker begnügt. Dieser »raakte los«, wie es in der Schiffersprache heißt, und wir trieben in die offene See. Es war kurz vor Mitternacht, als es die Wache zum Glück noch inne ward. Jezt entstand ein entsezlicher Lärm, und alles mußte sofort an die Arbeit. Wir Passagiere fuhren aus dem ersten Schlafe auf, und glaubten anfangs, daß Feuer ausgekommen sey. Mit vieler Mühe ward nun das Schiff wieder gewendet und in Sicherheit gebracht. Wir wurden indessen nicht eher ruhig, als bis auf jeder Seite ein großer Anker gefallen war.
Nachmittags fuhr ich nun mit dem Supercargo, der uns vom Kriegsschiffe aus besucht hatte, ans Land. Wir stiegen an einem schattigen Wege aus, der längs den Batterien bis zu dem Thore hinläuft. Was einem nun zuerst in die Augen fällt, ist Jamestown, zu deutsch Jacobsstadt. So heißt der einzige Ort, der auf der Insel befindlich ist. Denken Sie sich ein schmales, noch keine halbe Stunde langes Thal, auf beiden Seiten mit 2000 Fuß hohen Bergen eingefaßt. In diesem Thale denken Sie sich nun 3 bis 4 Straßen mit zierlichen Häusern besezt, und hier und da mit Bäumen vermischt, und Sie sehen Jamestown in der Natur vor sich. Die vornehmste Straße geht von Süden nach Norden, und endigt in einem sehr schönen Graben, der der Regierung gehört. Hier findet man die besten Häuser, alle in orientalischem Geschmacke, mit platten Dächern, und Gallerien erbaut. Sie haben sämmtlich kleine Gärten, wo man die herrlichsten Blumen zieht. Da das Thal aufwärts steigt, ragen die hintersten Häuser etwas über die vordersten empor, und haben die Aussicht auf die Bai. In der Mitte der Straße befindet sich ein Grasplatz mit Bäumen besezt, auf dem ein schöner Brunnen steht. Ganz am Ende liegt ein schöner schattiger Gottesacker, wo wir einige geschmackvolle Grabmäler sahen.
Als wir die Straße wieder herunter giengen, traten wir einen Augenblick in den oben erwähnten Graben hinein. Er steht jedermann offen, und ist mit den herrlichsten Pflanzen aller Welttheile bedeckt. Ein artiges Haus von Bananas, Citronen, Orangen und Palmen beschattet, zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es schien uns der beneidenswertheste Aufenthalt auf der Welt. Plözlich hörten wir hinter uns holländisch sprechen, und erfuhren zu unserm Erstaunen, daß ein großer Theil der gefangenen Garnison von Surinam hier in englische Dienste getreten sey. Die Soldaten klagten aber sehr über die Theurung, besonders über den Mangel an frischem Fleisch. Es ist freilich natürlich, daß man alles für die Schiffe aufhebt, und daß sich folglich der gemeine Mann mit seinen gesalzenen Rationen begnügen muß.
Wir giengen nun weiter, um die übrigen merkwürdigen Gebäude von Jamestown zu besehen. Hier wurde uns zuerst das Haus des Gouverneurs gezeigt. Es liegt hart am Strande, mit der Vorderseite nach der Bai gekehrt, wird aber von dem Wege, der an der Batterie hinläuft, durch eine Mauer getrennt. Es ist unstreitig das schönste und größte Gebäude auf St. Helena. Die meisten Zimmer sind mit persischen Teppichen, ostindischen Moußelinbehängen u. s. w. verziert, und mit prächtigen Mobilien von Ebenholz versehen. In einem derselben sind die Bildnisse der englischen Könige von Carl I. bis Georg III. ausgehängt; auch findet man einen schönen Waffensaal. Der Graben enthält eine Menge seltner Pflanzen, und zeichnet sich durch seine trefliche Lage aus. Allein es ist ein eigener Anblick, wenn man die hohen Felsen dahinter so darüber herhängen sieht.
Weiter besahen wir die Kirche, die auf einem freien Platze steht. Sie ist von innen und außen recht zierlich anzusehen, und hat auch einen schönen Thurm mit Glocke und Uhrwerk. Eben so nimmt sich das Schauspielhaus, in geringer Entfernung davon, nicht übel aus. Dasselbe gilt von der Freimaurerloge, der neuen Offizierscaserne, und dem Billiardhaus. Lezteres ist zugleich ein Wirthshaus, wo ich die Nacht zu bleiben beschloß, indem der Supercargo zu einem Bekannten eingeladen war. Mein Abendessen bestand aus Salat, und einem Schinkenbeine, nebst zwei Gläschen Rum. Mein Bett war nicht das beste, und ein Frühstück forderte ich nicht. Jezt rathen Sie einmal, was die Zeche war? O nur eine Kleinigkeit! Nicht mehr als sechs und zwanzig Gulden holl., man kann nicht billiger seyn! — So sah ich denn mit einemmale, wie theuer hier Alles ist. Gegen Mittag fuhren wir an Bord zurück.
Siebenter Brief.
Bai von St. Helena, Juli 1805.
Vorgestern erhielt ich einen unvermutheten Besuch von einem unserer Landsleute, der hier ein artiges Haus und einen großen Kaufladen besizt. Ich mußte ihn an's Land begleiten, und den Sonntag bei ihm zubringen, was ich natürlich sehr gern annahm. Er bewirthete mich aufs Beste, und ganz auf vaterländische Art. Bis auf den Roodkorß[19], nichts, gar nichts fehlte; alles war da. Später nahmen wir den Thee in seinem Garten unter einem herrlichen Orangenbaume ein.
Das Innere der guten Häuser ist sich hier fast durchgehends gleich. Die meisten haben zwei, auch wohl drei Stockwerke, die sehr regelmäßig eingetheilt sind. Um die beiden ersten Stockwerke pflegen Gallerien zu laufen, was sehr viel zur Kühlung beiträgt. Verwundert bin ich indessen, keine steinerne Fußböden zu sehen. Die Möbeln sind alle aus England; doch werden auch Stühle und Kanapees aus einer Art hiesigen ostindischen Binsen gemacht. Diese schönen Häuser sind aber einen großen Theil des Jahrs gänzlich unbewohnt.
Die Eigenthümer halten sich nämlich im Innern der Insel auf ihren Landgütern auf. Diese sind als eben so viele Einsiedeleien zu betrachten, indem jedes von dem andern durch Felsen und Schluchten getrennt ist. Nur wenn die ostindischen Flotten ankommen, eilt alles nach der Stadt. Jedes Haus wird dann ein Gasthaus, wo der Fremde Kost und Wohnung finden kann, sobald er kein Geld zu sparen braucht. St. Jamestown ist dann äußerst belebt; Concerte, Bälle u. s. w. wechseln unaufhörlich ab. Auch werden zu dieser Zeit große Geschäfte in ostindischen und chinesischen Waaren gemacht. Hieraus wird erklärlich, warum die hiesigen Kaufläden so überflüßig damit versehen sind.
Man lebt hier im Allgemeinen ganz auf englische Art. Zum Frühstück: Thee, Butterbrod, kaltes Fleisch, gebackenen Fisch, und Kapwein. Zum Mittag: Rostbeef, oder Beefsteeck, gesottenen oder gebackenen Fisch, Gemüse und Pudding. Der Nachtisch von den auserlesensten Früchten; Kapwein, Madera und Bordeaux. Abends eine Kleinigkeit. Ein kleines Gebäcke, oder auch nur Brod mit einem Glase Milch, Ale, Groy[20], oder Wein. Ich finde dies sehr gesund; man schläft vortrefflich darauf.
Die Insel selbst bringt mancherlei Lebensmittel hervor. Dahin rechne ich außer etwas Weizen, vorzüglich die vortrefflichen Erdäpfel, die man das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß hat. Dann die köstlichen Yams, die mit den Erdäpfeln verbunden das beste Brodsurrogat sind. Eben so eine Menge herrlicher Früchte, wie Citronen, Orangen, Melonen, Ananasse u. dgl. mehr. Auch fehlt es nicht an europäischen Gemüsen fast aller Art. Mehrere antiscorbutische Gewächse und Kräuter, wie z. B. eine Art Portulak, und Sellerie, die Petersilie, die Wasserkresse u. s. w. findet man hier das ganze Jahr an der Küste im Ueberfluß.
Das hiesige Rindfleisch ist vortrefflich, aber freilich so theuer, daß es nur der Wohlhabende bezahlen kann. Dieß kommt von den Viehseuchen her, die nicht selten aus Mangel an Wasser entstehen. Noch vor wenig Jahren z. B. kamen mehr als 2000 Stück schöne Rinder bei einer anhaltenden Dürre um. Schaafe und Ziegen giebt es viel, doch ist das Hammelfleisch etwas zäh. Das Schweinefleisch hingegen ist ausnehmend gut. Wir hatten gestern ein Spanferkel von einzigem Geschmack.
An Geflügel und kleinem Wildpret fehlt es ebenfalls nicht. Man hat Rebhühner, Fasanen, Tauben u. s. w. besonders aber Hühner und Enten in Ueberfluß. Der aus Ostindien eingeführte Reisvogel vermehrt sich hier außerordentlich, und zwar sonderbar genug auf den Anhöhen. Auch die Kaninchen und Guineahühner, die der Gouverneur aus Liebhaberei unterhält, dürften in kurzem sehr zahlreich seyn. Seefische werden in ungeheurer Menge gefangen; man zählt nicht weniger als 70 Arten davon. Auch an Schildkröten fehlt es nicht, doch erhält man die größten von der Insel Ascension. Das Trinkwasser ist das treflichste, das man finden kann.
Was St. Helena sonst noch braucht, wird aus Englands vom Kap, aus Brasilien und von Angola zugeführt. Jährlich kommen nämlich wenigstens vier, und zuweilen noch mehr Proviantschiffe mit den nöthigen Artikeln, wie Mehl, Pökelfleisch, Schinken, Zungen, Weizen, Schaafen, Butter, Wein, Manufakturwaaren u. s. w. an. Es fehlt daher in der Regel an nichts in St. Helena, nur daß alles, zumal wenn die ostindischen Flotten da liegen, ungemein theuer ist.
So kostet z. B. ein Huhn nicht weniger als zwölf Gulden holländisch[21], während ein kaum jähriges Ferkel mit hundert siebenzig Gulden bezahlt wird. Ein Pfund Havanah Cigarren kostet 36 Gulden, ein Glas Liqueur einen Gulden, und so fort. Jeder Verkäufer nimmt hier 180 bis 200 pro Cent. So der Einwohner, der an die Schiffe abgiebt, so der Schiffer, der seine Waaren absezt. Man sollte gar nicht glauben, wie viel Geld hier in Umlauf kommt. Vor einigen Tagen z. B. verkaufte nur ein Capitain in weniger als 2 Stunden für 7000 Pagoden[22] an Werth. Die Kriegsschiffe, die hier mit Prisen einlaufen, lassen oft hunderttausende zurück. Auf diese Art leben die Einwohner, wenn man die Beamten abrechnet, durchgehends von der Landwirtschaft und dem Schiffsverkehr.
Achter Brief.
Bai von St. Helena, Juli 1805.
Was ich so oft gehört habe, finde ich nun vollkommen bestätigt: das Clima von St. Helena ist wirklich sehr angenehm. Dies kommt besonders von dem Paßatwinde her, der unaufhörlich über die Insel weht, und die Luft beständig rein und kühl erhält. Erdbeben und Orkane, in den tropischen Gegenden sonst so häufig, sind hier unbekannt. Es regnet selten, oft, wie man behauptet, in zehn, zwölf Monaten und darüber nicht. Als Ursache hiervon giebt man die Stätigkeit des Paßatwindes, so wie die abgeschnittene Lage, den geringen Umfang, und die verhältnißmäßige Kahlheit der Insel an. Indessen scheint gewiß, daß die hiesige Atmosphäre seit ungefähr 50 Jahren etwas feuchter geworden ist, daß seit dem vermehrten Anbaue ungleich mehr Regen fällt, und daß man eine anhaltende Dürre immer weniger zu fürchten hat.
Wichtig scheint die Bemerkung, daß die Luft auf St. Helena überall, in den Thälern wie auf den Bergen, an den Küsten wie im Innern der Insel, gleich vortreflich ist. Der Wärmegrad hingegen wechselt natürlich nach den Höhepunkten ab. Auf den höchsten Punkten fällt der Wärmemesser bis unter 54° Fahr. herab, während er im St. Jamesthale bis 84° steigt. Beides wird aber freilich nur selten bemerkt. Der sogenannte Wintermonat, der halbe Juni und Juli, pflegt hier am kühlsten zu seyn. Der Himmel ist dann häufig bedeckt, es fallen ziemliche Regenschauer, und nicht selten ist die ganze Insel in einen leichten Nebel verhüllt.
Wie gesund die Luft von St. Helena sey, beweißt unter andern auch das Ansehen der Einwohner, besonders derer, die hier geboren sind. Da ist keine Spur von jener Totenfarbe, jener Abmagerung und Schwäche, wie man sie in andern Theilen von Asien und Afrika bemerkt. Ohne etwas von schweren Krankheiten oder peinigenden chronischen Uebeln zu wissen, erreichen die meisten Einwohner ein sehr hohes Alter, und zeigen noch oft im 70, ja 80sten Jahre, ungemeine Kraft und Munterkeit. Eben so erholen sich die siechsten Personen, an deren Leben man in Ostindien verzweifelte, auf St. Helena größtentheils mit unglaublicher Schnelligkeit.
Von der gefährlichen Nachtluft, die in den tropischen Ländern oft so tödtlich ist, weiß man hier ebenfalls nichts. Im Gegentheil, man kann sogar am Strande schlafen, ohne daß man das Mindeste davon zu fürchten hat. Dies geschieht denn auch von den Matrosen sehr häufig, indem die Schiffe gerade der Stadt gegenüber vor Anker gehen. So vereinigt sich denn Alles, um St. Helena zu einem macenarischen Posten zu machen, der für den englisch-ostindischen Handel sehr wichtig ist. Hier finden nämlich die nach Europa segelnden Schiffe gleichsam auf halbem Wege, den besten Erfrischungsort. Ich sage, die nach Europa segelnden, weil nur diese über St. Helena gehen. Die aus Europa kommenden legen nämlich am Kap an. Dieser Unterschied wird durch die Abweichung des Paßatwindes bestimmt.
Der Umfang der Insel wird auf höchstens 12 Stunden geschäzt. Die größte Länge soll von 6, die größte Breite von 4 Stunden seyn. Die Bevölkerung giebt man auf 2300 Seelen an, worunter 5-600 Mann Garnison, und 7-800 Neger mit begriffen sind. Für die Sicherheit der Insel ist nach Möglichkeit gesorgt. Nicht genug, daß jede Landung durch die hohen Felsen und die heftige Brandung sehr erschwert wird; es sind auch auf den vornehmsten Punkten Batterien und Bollwerke angelegt.
Zugleich sind auf den benachbarten Felsengipfeln immer große Steinvorräthe in Bereitschaft. Auf dem höchsten Punkte der Insel, auf dem Dianenpik, ist ein Wachthaus, von dem man alle Schiffe in der Entfernung von vielen Stunden signalisirt. Eben so sind rund um die Insel Telegraphen errichtet, die sämmtlich mit St. Jamestown in Verbindung stehn. Die Disciplin der Garnison ist sehr gut, und alle Morgen sorgfältiger Namensaufruf. Sobald man nun einen Mann vermißt, wird sogleich Embargo auf die Schiffe gelegt. Dies macht das Desertiren beinahe unmöglich, indem nicht leicht ein Schiffer die Hand dazu bieten wird.
Der jetzige Gouverneur ist ein sehr thätiger und einsichtsvoller Mann. Er hat sich bereits in vielen Hinsichten um St. Helena sehr verdient gemacht. Unter andern hat er eine Einrichtung getroffen, die äußerst nüzlich geworden ist. Alle Vergehungen werden nämlich mit einer verhältnißmäßigen Strafarbeit gebüßt. So wurden mehrere öffentliche Gebäude aufgeführt, die Inselwege verbessert, wüste Strecken angebaut u. dgl. mehr. Der schöne Compagniegarten z. B. entstand allein auf diese Art. Vorher war es ein wüster Platz, wo aller Unrath von St. Jamestown zusammenfloß. Jezt ist es die herrlichste Pflanzung, die man sehen kann.
Die Feldarbeiten werden hier durch Neger verrichtet, die zum Theil freie Leute sind. Der Sclavenhandel ist schon seit 25 Jahren und darüber abgeschafft. Dies hat auf den Anbau der Insel den glücklichsten Einfluß gehabt. Indessen halten sich auch die freien Neger freiwillig zu den einzelnen Gutsbesitzern, was für beide Theile gleich vortheilhaft ist. Eben so sieht man deren als Bediente, Jäger, Aufwärter, theils auf dem Lande, theils in St. Jamestown. Man rechnet in allem 7-800 zusammen, worunter die Weiber die Mehrzahl sind.
Von diesen leben sehr viele in der Stadt. Sie werden besonders als geschickte Näherinnen, Köchinnen und Wäscherinnen gelobt. Die jüngere und schönere treiben ein bekanntes Nebenhandwerk, das während der Anwesenheit der ostindischen Flotten sehr einträglich ist. Die meisten Negerinnen berechnen ihr Alter theils nach dem Monde, theils nach den Proviantschiffen aus England. — »Ich bin 300 Proviantschiffe alt!« — gab mir eine sehr betagte Frau zur Antwort. Dies macht, 4 Proviantschiffe auf das Jahr gerechnet, nicht weniger als 75 Jahre.
Zwei Tage nachher.
Werden Sie glauben, theuerster Freund, daß von der Fortsetzung meiner Reise nach der Kapstadt die Rede gewesen ist? Hören Sie nur! Vor ungefähr 5 Tagen lief hier ein kleines Kapsches Schiff mit Wein und Butter ein. Der Capitain hörte von uns, und bot uns gegen gute Bezahlung sofort die Ueberfahrt an. Meine sämmtlichen Gefährten entschlossen sich fast augenblicklich dazu, ich aber nahm mir vor, etwas bedächtlicher zu Werke zu gehn.
Den andern Tag ward ich zu dem Capitain unseres Kriegsschiffes eingeladen; was schon mehrmals der Fall gewesen war. Er erklärte mir, er würde in 5, 6 Tagen unter Segel gehn. Ob ich ihn begleiten, meine Reise nach dem Kap fortsetzen, oder auf St. Helena bleiben wolle, sey mir freigestellt. Ich bat um eine Stunde Bedenkzeit, und entschloß mich zur Reise nach — England.
Sie werden erstaunen, verehrter Freund, aber hören Sie meine Gründe an. Zuerst ist das Kapsche Schiff ein kleines, altes und sehr schlechtes Fahrzeug, wie sie es in der Regel fast alle sind. Zweitens sind wir im Regenmonßon, wo es in diesen Gewässern, und gerade in der Nähe des Kaps, sehr heftige Stürme giebt. Drittens ist die Reise von St. Helena nach dem Kap ohnehin schon beschwerlich, da man, um den Paßatwind zu bekommen, einen bedeutenden Umweg machen, und wenigstens einen Monat darauf rechnen muß. Viertens endlich glaubte ich, allen Umständen zufolge, durchaus an mein erstes Schiff und dessen Schicksal gebunden zu seyn. Der Capitain selbst gab mir vollkommen Recht. Ich werde nun noch eine Rundreise um die Insel machen, wozu die Erlaubniß bereits ausgewirkt ist, und dann mit vollen Segeln nach Europa zurück!
Neunter Brief.
Bai von St. Helena, August 1805.
Jezt erst kann ich sagen, daß mir St. Helena in jeder Hinsicht bekannt geworden ist. Vorgestern in aller Frühe brach ich von St. Jamestown auf. Mein Führer war ein alter ehrlicher Bootsmann, aber in Wahrheit noch rüstig genug. Wir stiegen zuerst einen hohen, kahlen Felsen, den sogenannten Ladderhill, hinan. Von der Bai aus gesehn, faßt er die rechte Seite des Thales ein. Der ziemlich steile Weg ist in den Basalt gehauen, und überall mit einer gemauerten Brustwehr versehn. Gewöhnlich wird bis auf den Gipfel nur eine halbe Stunde abrechnet; wir brauchten aber an drei Viertelstunden dazu.
Auf dem höchsten Punkte befindet sich eine Batterie, die einen beträchtlichen Theil der Bai bestreicht, nebst einem Flaggenbaum. Daneben sind mehrere Baraken für die Artilleristen, die diesen Posten, wegen der reinen kühlen Luft, allen andern vorziehn. Sie haben ihre Weiber und Kinder bei sich, und bauen ihre kleinen Gemüsegärten sehr sorgfältig an. Die Aufsicht vom Ladderhill ist aber nichts weniger als schön. Auf der einen Seite hat man nichts als nakte Felsen; auf der andern das einsame Meer. Die Stadt selbst nimmt sich in der furchtbaren Tiefe wie ein Haufen Kartenhäuser aus.
Wir erquickten uns mit einem Glase Rum und stiegen dann einen zweiten, gleichfalls ganz kahlen Felsen hinan. Aber wie angenehm werden wir dafür auf dem Gipfel überrascht! Ein liebliches Thal mit grünenden Bergen eingefaßt, lag im glänzenden Morgenlichte vor uns da. Die Pisangs, die Cocospalmen, die Orangen und Bananas; weidende Heerden auf üppigen Wiesen; zierliche Landhäuser zwischen Fruchtbäumen versteckt; alles blühend und grünend, alles in Schönheit und Herrlichkeit; ein irdisches Paradies vom liebenden Himmel geküßt.
Wir wanderten nun am Rande dieses entzückenden Thales immer am Abhange des Berges hin. Der Weg war mit Lorbeer- und Myrthensträuchen, mit Citronen-, Orangen- und Feigenbäumen eingefaßt. Sie bildeten einen so dichten Schattengang, daß uns die Sonne nicht im mindesten beschwerlich fiel. Ich kaufte von einem alten Neger einige Orangen zu einem halben Stüber[23] das Stück, und fand dieselben von vortrefflichem Geschmacke. Gegen Mittag kamen wir an ein schönes Landhaus, das dem Gouverneur gehört. Wir fanden blos einige Neger und Negerinnen daselbst, und konnten es also nach Belieben besehen. Es ist ein treffliches Gebäude, vorn mit einer großen schattigen Kastanienallee, hinten mit einem herrlichen Garten versehen. Am Ende des Gartens befindet sich ein Hügel, auf den man Bäume, Gebüsche und Blumen aus China und aus England vom Kap und von den Südseeinseln beisammen sieht.
Das Innere dieses Landhauses ist sehr geschmackvoll verziert; überall sind die schönsten englischen Möbeln, auch eine Menge ostindischer und chinesischer Kostbarkeiten aufgestellt. Unter andern bemerkte ich ein schönes Fortepiano von Mahagony. Es war, wie ich hörte, auf der Insel selbst gebaut, und zwar von einem Deutschen, der mit den holländischen Truppen aus Surinam hierher gekommen ist. Er besizt bereits ein schönes Haus zu St. Jamestown, und schickt jährlich eine Menge musikalischer Instrumente, besonders aber Pianofortes, theils nach dem Kap, theils nach Batavia. Die wohlfeilsten werden ihm mit 60 Guineen, die theuersten mit 180 bis 200 bezahlt. Leztere sind mit den feinsten ostindischen Holzarten ausgelegt. Nachdem wir dies alles besehen hatten, nahmen wir eine ländliche Mahlzeit von Milch und Eiern zu uns, und sezten nach einem kleinen Mittagsschlafe unsere Wanderung weiter fort. Der ehrliche alte schwarze Castellan fand sich mit einem guten Stück Tabak über seine Erwartung bezahlt.
Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen bald zu einem anderen schönen Landhause, das einem Herrn Vrangham gehört. Die hier gezogenen Früchte und Gemüse sollen die besten auf der ganzen Insel seyn. Kein Wunder, daß daher blos der Obstgarten für 200 Pfund jährlich verpachtet ist. Ich bemerkte viel herrliches Wiesenland, sah aber nirgends Vieh darauf. Gleichwohl befindet sich ein starker Bach in der Nähe, der sich ins Meer ergießt. Das Wasser ist krystallhell, die Ufer sind mit den schönsten Blumen bedeckt.
Wir steuerten weiter nach Sandybay, immer längs einer Reihe mit Lorbeern und Myrthen bedeckter Berge hin. Dies ist der breiteste und bequemste Weg auf der Insel, so daß man selbst zu Wagen fortkommen kann. Allmählig stiegen wir aufwärts, und bald sahen wir das große liebliche Sandybay Thal vor uns. Das Farbenspiel der untergehenden Sonne war entzückend schön; die ganze Landschaft schien in Rosenglut getaucht.
So kamen wir bei dem Landhause eines Herrn Doreton an, das sehr romantisch an dem Abhange liegt. Ich hatte einige Zeilen an den Verwalter, und war daher ein sehr willkommener Gast. Augenblicklich sezte er uns herrliche Milch, frisches Brod und köstliche Früchte vor, während seine Frau ein vollständiges Abendessen versprach. Ich erfrischte mich mit einem Paar Stücken Ananas, und betrachtete die Landschaft, über der jezt der Mond aufgieng.
Nach ungefähr einer kleinen Stunde rief mich der alte ehrliche Neger zum Abendessen hinein. Ich trat in einen freundlichen Gartensaal, der mit den schönsten Kupferstichen verziert war. In der Mitte war ein ziemlicher Tisch gedeckt, und mit allerhand guten Sachen besezt. Wir hatten ein treffliches Stück Rostbeef, eine Schüssel mit Lamscerbonade, zwei andere mit Yams und Erdäpfeln, zwei Teller mit europäischen Pfeffergurken und Eingemachtem, ein Körbchen voll herrlicher Früchte, und eine große Flasche Maderasekt. Hungrig, wie wir nach einer solchen Tagereise waren, langten wir nunmehr herzhaft zu. Es war ein wunderschöner Abend; ich blieb bis nach zehn Uhr auf.
Endlich wieß mir der Verwalter ein Schlafzimmer an. Es war äußerst kühl und reinlich, dennoch that ich die ganze Nacht kein Auge zu. Hieran war eine Legion von Mäusen Schuld, die ihr Unwesen ins unglaubliche trieb. Sie liefen über mich hin und her, gänzlich ungenirt. Endlich kleidete ich mich an, und begab mich auf die Terrasse, wo ich von zwei bis sechs Uhr vollkommene Ruhe fand. Als es Morgen geworden war, brachten die guten Leute ein treffliches Frühstück, auf dem feinsten japanischen Porcellan. Ich beschenkte den Mann mit einem tüchtigen Stücke Tabak, und die Frau mit einigen Briefen Nadeln, nebst einem Röllchen Seidenband, was ihre Erwartung übertraf. So war es fast sieben Uhr geworden; endlich brachen wir auf.
Wir nahmen nun unsern Curs nach Longwood, ein der Compagnie gehöriges Gut, das auf der östlichen Seite der Insel liegt. Der fast zweistündige Weg dahin ist äußerst angenehm, und führt am Fuße des Dianenpik hin. Dies ist der höchste Gipfel von St. Helena, der sich fast 2700 Fuß über die Meeresfläche erhebt. Weiterhin sahen wir die artigen Landhäuser der Herren Pierin und Bazelt mit weitläuftigen Pflanzungen umringt. Hier wird das meiste und vorzüglichste Gemüse auf der ganzen Insel gebaut, was den Besitzern große Summen einträgt. Der Kohl wird für den besten auf der ganzen Welt gehalten, giebt aber keinen Marktartikel ab. Ich sah auch hier eine schöne Rinderheerde, so groß und fett, wie bei uns in Holland.
Zu meinem Erstaunen ward ich auf diesem ganzen Wege eine Menge Kaninchen gewahr. Sie haben Lager wie die Hasen, und schweifen unaufhörlich umher. Man fängt sie daher fast auf die nämliche Art. Zu gleicher Zeit bekamen wir auch sehr viel Tauben, Fasanen und Rebhühner zu Gesicht. Longwood[24] selbst, ist eine sehr schöne Besitzung. Sie liegt auf der Fläche eines Berges, der nicht weniger als drei englische Meilen[25] im Umfange hat. Das Haus ist mit einem weitläufigen Parke, einem vortrefflich unterhaltenen Garten, und herrlichen Wiesengründen umringt. Von der Gallerie und aus den meisten Zimmern hat man eine entzückende Aussicht auf die benachbarten pittoresken Thäler, auf die Bay von St. James und den Ocean. In der Regel wird Longwood von dem Vicegouverneur bewohnt.
Von hier aus führen nun wieder zwei Wege nach St. Jamestown; der eine mitten durch die Insel; der andere längs der Küste hin. Jener ist äußerst pittoresk, wegen des beständigen Auf- und Absteigens aber sehr unbequem. Dieser ist weniger romantisch, ja zuweilen sogar unangenehm; doch bietet er nur selten beschwerliche Stellen dar. Ich beschloß den lezteren zu wählen, um auch die minder angebauten Gegenden des Eylandes zu sehen. In der That fanden wir auch nichts als kleine einsame Negerhütten mit Frucht- und Gemüsegärten umringt. So wanderten wir unter Lorbeer- und Cypressenbäumen bis Mittag fort, wo unter einem Pisang Halt gemacht ward. Mein Führer hatte sich nämlich auf Herrn Doretons Gute mit Wein, Brod und Schinken versehen, und wir hielten auf diese Art eine sehr gute Mahlzeit. Auf den benachbarten waldigen Bergen schwärmten Rehböcke herum, und aus der Ferne donnerte ein herrlicher Wasserfall.
Nach einigen Stunden Ruhe machten wir uns wieder auf den Weg, und bekamen nachher den Wasserfall selbst zu Gesicht. Er stürzt sich an dreihundert Fuß hoch von einem pittoresken Felsen herab, und bildet einen crystallhellen ziemlich starken Bach. Das Wasser wird theils in Röhren nach St. Jamestown geleitet, theils fließt es dem Meere zu, wo es von den Schiffen benuzt wird. Bald näherten wir uns nun wieder der St. James-Bay. Auch hier, wie durchaus längs der Küste, war der Weg mit guten Brustmauern versehen. Endlich ließen wir einen hohen Berg mit einem Fort seitwärts liegen, und stiegen gerade Ladderhill gegenüber wieder nach St. Jamestown herab. So hatte ich denn die ganze Rundreise um die Insel von Westen nach Osten in zwei Tagen gemacht. Morgen und übermorgen besorge ich noch meine Einkäufe, und dann für wenigstens zwei Monate wieder an Bord.
Zehnter Brief.
In See, August 1805.
Gestern verließen wir St. Helena. Ich schlief noch ganz ruhig in meiner Koje[26], als ich durch die Signalschüsse geweckt ward. Schnell zog ich mich an, und eilte auf das Verdeck. Eben stieg die Sonne aus dem Meere auf, und alle Schiffe glänzten im Morgenroth. Wir hatten deren noch sechs in unserer Begleitung, lauter große Ostindien- und Chinafahrer mit Ladungen von unermeßlichem Werth. Der Südostpassat war uns äußerst günstig, bald lag die Insel gleich einem schwarzen Streifen hinter uns, und heute sind wir schon viele Meilen davon entfernt. Ich habe jezt die eine Hütte ganz für mich. So kann ich mich der zweiten Koje als Vorrathskammer bedienen, und bin in allem weit besser daran, als ehedem. Die Kost ist erträglich, das beste müssen aber auch diesmal die eigenen Provisionen thun.
12. August.
Vorgestern segelten wir die Insel St. Ascension vorbei, sie bietet dem Auge nichts als kahle Klippen dar. Das Segeln in Convoy hält unsere Fahrt nicht wenig auf. Immer bleibt ein und das andere Schiff zurück, auf das gewartet werden muß. Dann ist bald dies, bald jenes zu thun. Dann ruft bald dieser, bald jener das Kriegsschiff an. So lagen wir oft drei und mehrere Stunden bei, wobei es nicht an gegenseitigem Besuchen fehlt. Auf dem einen Ostindienfahrer giebt es fast alle Abende große Musik. Es sind besonders Blasinstrumente, was auf der See von ganz eigener Wirkung ist. Morgen passiren wir die Linie, doch finden keine Feierlichkeiten statt.
30. August.
Seit 10 Tagen haben wir den Südostpassat verloren, und rücken nur langsam fort. Der Himmel ist bedeckt, der Barometer gefallen, der Wind veränderlich. Wir sahen unter der Linie einige Wallfische, sie glichen von weitem einem großen umgekehrten Schiffe, das mit den Masten nach unten liegt. Sehr schön nahmen sich die hohen von ihnen ausgeworfenen Wasserstrahlen aus. Sie bildeten, ehe sie wieder niedersanken, einen majestätischen Bogen im herrlichsten Farbenspiel.
Vorige Nacht hätten wir beinahe ein großes Unglück gehabt. Der eine Ostindienfahrer war nämlich vom Curse abgekommen, und schoß in der Nacht kaum anderthalb Fuß vor unserm Vorderstewon[27] vorbei. Wir haben Wassermangel, so eben höre ich aber, daß man uns vom Kriegsschiffe drei große Fässer zugeschickt hat. Nun so will ich mir denn seit 8 Tagen den ersten Thee wieder machen, der mir wie Nektar schmecken soll.
9. September.
Der Capitain hat die Luken öffnen lassen, um nach der Ladung zu sehen. Es ist viel Seewasser eingedrungen, der Schaden scheint größer als man geglaubt hat. Dies ist aber sehr natürlich, da alles unter einander geworfen worden war. So liegen die Kisten mit den feinen Tüchern oben auf. Auch die meinigen sind bis auf den Grund durchnäßt. Die Bücher z. B. bilden nichts als eine verschimmelte Masse, so daß ich sie nur ins Meer werfen kann. Die Matrosen sind jezt beschäftigt, das Schiff anzumalen, und bringen überall, wo sichs nur schicken will, eine Stückpforte an. Wir sollen von weitem recht furchtbar aussehn, damit sich kein französischer Kaper an uns macht. Unsere Fahrt war bei dem veränderlichen Winde langweilig genug. Allein gegen Ende der vorigen Woche bekamen wir den Westpassat, und nun geht es fröhlich den europäischen Gewässern zu.
27. September.
Gestern war ein angstvoller Tag für uns. Ohngefähr auf der Höhe von Kap finisterre rief uns am 24. ein englischer Kutter an. Er gab uns Nachricht, daß der ganze Golf von Biscaya, und besonders die Einfahrt des Kanals mit französischen Kriegsschiffen bedeckt sey. Sie hätten den größten Theil eines nach Westindien bestimmten Convoys genommen, und sich sogar an der englischen Küste gezeigt. Der Capitain unseres Kriegsschiffes hielt es daher fürs beste, seinen Kurs so nördlich als möglich zu nehmen, theilte indessen auf jeden Fall die nöthigen Befehle aus.
Gestern um 9 Uhr Morgens tauchten in großer Entfernung einige Kriegsschiffe auf. Man sah sie allgemein für englische an. Allein um 1 Uhr Nachmittags zeigte sich leider das Gegenteil. Es waren 3 französische Fregatten, von denen die eine mit vollen Segeln auf unser Kriegsschiff zukam. Indessen dauerte es doch noch fast eine Stunde, ehe das eigentliche Gefecht seinen Anfang nahm. Es scheint, daß man auf beiden Schiffen noch mit den Zurüstungen beschäftigt war. Endlich schickte die Fregatte dem Kriegsschiffe einige Kugeln und bald darauf eine ganze Ladung zu, und nun begann der Kampf mit Heftigkeit.
Unser Kriegsschiff leistete den tapfersten Widerstand, selbst als schon in der ersten halben Stunde die zweite, und endlich auch die dritte Fregatte dazu gekommen war. So dauerte das Gefecht, mit einer kleinen Pause bis gegen Abend fort. Jezt aber mußte das Kriegsschiff streichen, worauf es von den Franzosen in Besitz genommen ward. Wir sahen jezt die eine Fregatte auf die Convoy loskommen, benuzten aber den Vortheil des Windes und der Dämmerung, und entgiengen ihr. Doch zweifle ich, ob dies allen Schiffen geglückt seyn mag.
Unsere Offiziere und Matrosen waren über den Sieg der French Dogs[28] vor Wuth ganz außer sich. Sie schwuren, die Prise bis auf das Aeußerste zu verteidigen, und sollte es ihr lezter Augenblick seyn. Die Lichter wurden bedeckt, die Kanonen und Gewehre in Stand gesezt. Jeder hielt sich auf seinem Posten, und spähte in die düstere See hinaus. Indessen bekamen wir nur einige Schiffe und diese sämmtlich nur an der französischen Küste zu Gesicht. Wir erkannten sie in ziemlicher Entfernung an den drei großen Laternen des Hintertheils.
Heute Morgens um 8 Uhr aber erblickten wir ein Schiff, das mit vollem Winde auf uns zugesegelt kam. — »Jezt gilt es Leben oder Tod!« — rief der englische Lieutenant und munterte das Schiffsvolk durch eine kräftige Anrede zum Gefechte auf. Wir Passagiere, der vorige Capitain, der Schiffsarzt und ich, mußten uns in den Raum begeben, und brachten hier eine Stunde in Todesangst zu. Doch endlich hörten wir ein lautes Freudengeschrei, wurden hinaufgerufen, und sahen, daß jenes Schiff ein englischer Kutter von 34 Kanonen war. Er kam uns nun in kurzem zur Seite, und theilte uns allerhand Neuigkeiten mit.
5. October 1805. Morgens.
Wir haben die Küsten von Cornwallis in Gesicht, der Wind ist südost, und also in hohem Grade günstig für uns. Die schönen grünenden Berge mit ihren alten Kastelen glänzen im Sonnenschein, und eine Menge freundlicher Häuser ragen zwischen Baumgruppen hervor. — Ein Amerikaner hat uns mit herrlichem Pökelfleische und Kartoffeln ein erwünschtes Geschenk gemacht. Auch wird so eben ein Netz mit Sardellen aufgefischt. Alles auf dem Schiffe ist Leben und Fröhlichkeit. Wir sehen eine abgehende westindische Kauffartheiflotte von mehr als hundert Segeln, die von zwei Kriegsschiffen escortirt wird. Es ist ein unaussprechlich erhabener Anblick. Noch diesen Abend segeln wir um Cap Lezard herum.
Plymouth, 7 October 1805.
Als ich gestern Morgens erwachte, befanden wir uns in der Cawsandbay. Welcher Mastenwald! Welches Leben und welche Thätigkeit! Ich sage nicht zu viel, es lagen hier an 500 Schiffe zusammen, und dazwischen fuhren unzählige Schaluppen hin und her. Nicht weniger angenehm war der Landprospect. Ein Halbzirkel von herrlichen angebauten Bergen, in den Abhängen mit freundlichen Landhäusern, an dem Fuße mit schönen Dörfern bedeckt. Hier weidende Heerden, dort wohlgekleidete Feldarbeiter, und im Hintergrunde auf der höchsten Spitze ein Telegraphenthurm. Bald kamen nun eine Menge Boote mit Lebensmitteln an unser Schiff. Ich kaufte mir Wasser, Milch, Brod, Butter und Obst, und hielt ein köstliches Frühstück damit. Wenn man so nach drei Monaten zum erstenmal wieder einen frischen Trunk reines Quellwasser kostet — es ist ein Genuß, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt.
Unterdessen ward es von Stunde zu Stunde immer lebhafter in der Bay. Ich zählte an 300 Boote, blos mit Frauenzimmer angefüllt. Alle diese Damen hatten die Nacht auf der Flotte zugebracht, und kehrten jezt ans Land zurück. Sie waren in Mäntel und Pelze gehüllt, und schienen äußerst lustig zu seyn. Aber werden Sie wohl glauben, daß die ganze Gesellschaft, wohl an 2000 zusammen, aus feilen Mädchen bestand? Dies gehört zur englischen Marinepolizei. So wie eine Flotte in einem der fünf Haupthäfen eingelaufen ist, werden die Matrosen abgeholt. Den meisten brennt das Geld in der Tasche; es muß so bald als möglich wieder fort. Nun dürfen sie aber nur bei Tage ans Land, also helfen sie sich auf die obige Art. Es ist sogar ein Gesetz vorhanden, daß es ihnen kein Admiral u. s. w. verwehren darf. So kommt das Geld durch diese Mädchen sofort wieder in Umlauf, und die nächtliche Ruhe der Einwohner bleibt ungestört.
Unser Prisenmeister hatte sich inzwischen an Bord des Admiralschiffes begeben, und ließ uns einen ganzen langen Tag in peinlicher Ungewißheit. Endlich kam er Abends spät zurück, und kündigte uns die weitere Fahrt nach Portsmouth an. Das Kriegsschiff war aus diesem Hafen ausgelaufen; also gehörte auch die Prise dahin. Heute früh lavirten wir demnach wieder aus der Bay heraus, so ungünstig sich auch Wind und Wetter anließ.
Vier Stunden waren wir bereits unter Segel gewesen, und hatten doch kaum zwei Seemeilen zurückgelegt; als die Heftigkeit des Windes zum Sturme anwuchs. Der Regen floß in Strömen herab, und die Wellen schlugen unaufhörlich über das Verdeck. Mehrere die Bay einsegelnden Schiffe riefen uns zu, daß See zu halten unmöglich sey, allein unser Lieutenant kehrte sich nicht daran. Bald verloren wir das Boogspriet, und gleich darauf die Stange vom Besaanmast. Jezt erst schien der Lieutenant die Gefahr einzusehen, befahl das Schiff zu wenden, und rief durch Nothschüsse einen Lootsen an Bord. So liefen wir vor einigen Stunden in Plymouth ein, ich erhielt Erlaubniß, mich ans Land zu begeben, und lasse nun diesen Brief sofort über London an Sie abgehen.
Eilfter Brief.
Plymouth, 14 October 1805.
Der preußische Consul hat mich anerkannt, und ich bin nun vollkommen frei. Es ist ein geborner Engländer, aber ein sehr wohlwollender Mann, der mir bereits eine Menge Gefälligkeiten erzeigt hat. Ich habe auch bereits eine Privatwohnung bezogen, mit der ich vollkommen zufrieden bin. Für Tisch und alles zusammen, zahle ich nicht mehr, als eine Guinee die Woche, was wirklich sehr billig ist. Meine zwei Coffers habe ich nun auch vom Bord erhalten, und mit großer Freude gefunden, daß wenig oder gar nichts davon verdorben ist. Die Bücherlisten aber mögen in Gottes Namen im Raume liegen bleiben, die verschimmelte Waare ist keine zehn Gulden mehr werth. Doch genug von mir selbst; ich theile Ihnen jezt einige Bemerkungen über Plymouth mit.
Plymouth mit 43,000 Einwohnern liegt am Abhange eines Hügels, der sich zwischen den Mündungen der Tamor und des Plym in die See hinaus erstreckt. Die Mündung der Tamor ist unter dem Namen Hamoare, die des Plym, die zugleich der Stadt den Namen giebt, unter der Benennung Catwater bekannt; die vor der Stadt selbst befindliche Bay heißt Plymouth-Sound. Die Mündung der Tamor ist am weitesten von der See entfernt. In der Regel werden daher alle abgetakelten Kriegsschiffe, und besonders die erklärten Prisen dahin gebracht; auch befinden sich die Gefängnißschiffe daselbst. Catwater, oder die Mündung des Plym ist besonders für Kauffahrer, und noch unter Prozeß liegende Prisen bestimmt; beide Ankerplätze sind wegen ihrer Sicherheit berühmt. Plymouth-Sound hingegen, so wie die benachbarte Cadsandbay pflegen bei stürmischen Wetter gefährlich zu seyn. Was man endlich Sutton Poot nennt, ist eine Art natürlichen Hafens im Catwater, an der einen Seite der Stadt. Er ist mit einem Kay eingefaßt, und bietet zum Ein- und Ausladen der Schiffe große Bequemlichkeiten dar.
Plymouth liegt also, wie gesagt, am Abhange eines Hügels, so daß sich die Straßen von oben nach unten ziehen, und die Häuser fast amphitheatralisch über einander gebaut sind. Die Straßen sind mit wenig Ausnahmen eng und düster, und wie man denken kann, ziemlich steil; eben so sind die Häuser fast durchgängig in altväterischem Stile gebaut, und haben bei den vielen zugemauerten oder mit Brettern vernagelten Fenstern ein doppelt häßliches Ansehen. Es ist dies eine Folge der übermäßigen Fenstertaxe, indem für jedes nicht geblendete Fenster, eine Abgabe von 15 Schillingen[29] bezahlt werden muß.
In dem niedrigsten Theile von Plymouth sind die Häuser am häßlichsten, und selten oder nie mit Gärten versehen. In dem mittleren Theile sind sie schon etwas besser, und haben fast alle jene Annehmlichkeit. Auf dem höchsten Theile des Hügels endlich, sind sie fast durchgehends neu und geschmackvoll, auch mit herrlichen Gärten umringt. Sie haben zu gleicher Zeit eine vortreffliche Aussicht auf die ganze Stadt, die umliegende Gegend, und die ganze Bay. So schlecht sich indessen auch der größte Theil der hiesigen Häuser von außen ausnimmt, im Innern sind sie dennoch sehr bequem eingerichtet, und häufig eben so prächtig, als geschmackvoll verziert.
Plymouth wird durch eine Citadelle gedeckt, die eine Viertelstunde im Umfange hat, und deren 5 Bastionen mit 165 Kanonen vom schwersten Kaliber besezt sind. Dazu kommt noch eine starke Wasserbatterie, die mit 18 24pfündern besezt ist. Im Innern der Citadelle befinden sich unter andern auch die Magazine für die Vorräthe der königlichen Flotte besonders an Mehl, Zwieback und Brod. Zu gleicher Zeit sind zwei große Backhäuser vorhanden, wovon jedes vier Oefen hat. Diese Oefen werden alle 24 Stunden nicht weniger als achtmal geheizt, so daß für 16,000 Mann darin gebacken werden kann.
Der Citadelle gegenüber, befindet sich auf einer kleinen Insel, St. Nicolas genannt, ein anderes Fort, das ebenfalls von großer Wichtigkeit ist, indem es die Mündungen des Plym, und der Tamor deckt. Hierzu trägt besonders die Lage desselben gerade vor der Stadt, und in der Mitte von Plymouth-Sound bei. Auch die Insel selbst wird nicht nur durch ihre felsige Küste, sondern überdem durch mehrere Batterien vertheidigt, wovon jede mit einem Roste zu glühenden Kugeln versehen ist.
Die hiesigen Lebensmittel sind vortrefflich, besonders was Fleisch, Gemüse und Fische anlangt, ohne eben sehr theuer zu seyn. So wird z. B. das Pfund Rindfleisch mit 5 bis 6 Stüvern[30], die Maas Kartoffeln mit einem Stüver; ein großer Schellfisch mit anderthalb bis zwei Stüvern bezahlt. Das Pfund Waizenbrod kostet einen Stüver, das Pfund Wachslichter zehn Stüver, das Pfund Thee von vorzüglicher Güte, noch nicht volle drei Gulden u. dgl. mehr. Ueberhaupt kann man annehmen, daß die ersten Bedürfnisse ziemlich wohlfeil, Luxusartikel aber, wie Wein, Liköre u. s. w. sehr theuer sind. Das leztere scheint auch vor allem zu gelten, was zur männlichen Kleidung gehört, während die gewöhnliche Frauenzimmerkleidung hingegen, sehr wohlfeil ist.
Gesellschaftliche Hülfsquellen trifft man zu Plymouth in Menge an. Zuerst sind mehrere gute Leihbibliotheken vorhanden, worunter ich besonders die von einem Herrn Bornickel, einem Deutschen auszeichnen muß; versteht sich, daß man nur nach englischen Büchern fragen darf. Ferner giebt es eine Menge guter Kaffehäuser und Tavernen, eben so ein recht artiges Schauspielhaus. Endlich fehlt es auch an Concerten, Assembleen und Bällen nicht. Wer Spaziergänge liebt, findet in der umliegenden Gegend hinlängliche Gelegenheit dazu.
Sehr schöne Aussichten hat man besonders von der Citadelle, die auf einem hohen, die ganze Bai beherrschenden Felsen liegt, und wohin der Zugang jedermann offen steht. Eben so auf einem andern hohen Berge, ungefähr eine halbe Stunde von der Stadt, von dessen Gipfel man weit in die See hinaussehen kann. Sehr angenehm sind auch die Parthien nach Catwater, oder der Mündung des Plym, wo man mehrere artige Wirthshäuser findet, eben so nach Plymouth-Dock, und dergl. mehr. Ich behalte mir die Beschreibung dieser Abstecher für die Zukunft vor.
Was meine eigene Lebensart anlangt, so wechsele ich mit Studieren und Beobachten, mit Arbeiten und Vergnügungen ab. So bringe ich z. B. den Vormittag bis ungefähr 11 Uhr zu Hause zu. Dann gehe ich auf eine Viertelstunde in ein Kaffehaus, das der Sammelplatz aller hier befindlichen holländischen Schiffer ist, und dann entweder auf das Rathhaus, um dem öffentlichen Gerichte beizuwohnen, oder in eine Leihbibliothek, oder ins Freie hinaus. Bei diesen öffentlichen Gerichten nehme ich gar sehr in der Sprache zu. Bemerkenswert ist auch, mit welchem Selbstgefühl und welcher Unerschrockenheit hier auch der ärmste Einwohner aus den untersten Classen seine Sache vorzutragen pflegt.
Um zwei Uhr ist bei uns Essenszeit, worauf ungefähr eine Stunde verwendet wird. Gegen 4 Uhr mache ich gewöhnlich allein, zuweilen auch in Gesellschaft einen großen Spaziergang. Um 6 Uhr komme ich zurück, trinke Thee, und bringe den Abend meistens mit Lesen, dann und wann aber auch im Theater zu. Hier ist jedoch immer ein solcher Lärmen, daß man wenig oder gar nichts vom Stücke verstehen kann. Die Zuschauer laufen nämlich beständig von einem Platze zum andern, wo es dann besonders in der Nähe gewisser Damen sehr laut zugeht. Diese benehmen sich indessen mit vieler Züchtigkeit, weil der Zutritt in das Theater nur den beiden ersten Klassen gestattet ist. Man erkennt sie jedoch sehr leicht an ihrer Kleidung, und besonders an ihrer wirklichen bezaubernden Artigkeit. Nichts reizenderes, als wenn ein solches Mädchen ihrem Geliebten eine Weintraube oder Orange aufdringt. Doch genug! denn eben ruft mich unsere gute Wirthin zum Abendessen ab.
Zwölfter Brief.
Plymouth, 27 October 1805.
Gestern war hier ein allgemeiner Freudentag. Es liefen nämlich 5 französische, bei Trafalgar genommene, Linienschiffe ein. Majestätisch wehte die englische Flagge vom Quarterdecke, während die französische tief ins Wasser hieng. Der Enthusiasmus des Volkes war unbeschreiblich. Dazu das Glockengeläute, der Donner der Kanonen, und das Freudengeschrei von allen Schiffen ringsumher! Aber bald ward nun auch Nelson's Tod bekannt. — Nelson is killd! — Nelson is killd![31] riefen sich Männer und Frauen, mit Thränen und Händeringen zu. Lebhaft fühlte ich was Volksgeist und Vaterlandsliebe ist.
Seit meinem lezten habe ich nun mehrere Abstecher in die umliegende Gegend gemacht. Zuerst nach Plymouth-Dock, oder gewöhnlich schlechtweg the Dock, nur eine halbe Stunde von hier. Es ist dies eine neue, weit größere und volkreichere Stadt, als Plymouth selbst. Ihr Name zeigt ihren ersten Ursprung, nämlich ein Schiffswerft an. Der Weg dahin ist sehr belebt und angenehm. Zuerst kommt man durch Stonehouse, ein artiges Dörfchen, dessen niedliche Häuser sich fast eine Viertelstunde neben der Straße hinziehen. Dann übersteigt man Stonehouse-Hill, einen ziemlich beträchtlichen Hügel, von dem man eine ausgebreitete Aussicht auf die beiden Nachbarstädte hat. Am Fuße desselben kommt man durch das Dörfchen Stock, und bald tritt man in die schönen, geraden und breiten Straßen von the Dock ein.
In der That, ich ward hier äußerst angenehm überrascht. Alles ist so nett, so freundlich, so lebendig; daß Plymouth wie ein düsteres Gefängniß dagegen erscheint. Wer daher nicht an jenen Aufenthalt gebunden ist, oder von seinen Renten leben kann, zieht in der Regel gewiß diese Stadt vor. Von öffentlichen Gebäuden sind besonders das außerhalb den Thoren liegende Marinehospital, die neuen Kasernen, das schöne Wachthaus, und die prächtigen Schiffswerfte sehenswerth. Die Lebensmittel sind etwas theurer als in Plymouth, man zahlt z. B. ungefähr ein Viertheil mehr als dort. Uebrigens gehen zwischen beiden Städten unaufhörlich eine Menge Postkutschen hin und her, die man zu jeder Stunde des Tages miethen kann.
Eine angenehme Seefahrt machte ich vor einigen Tagen nach Edystone. Dies ist der Name einer Klippenreihe, die sich in der offenen See, gerade vor der Mitte der Bay hinzieht. Auf dem höchsten Punkte derselben, vorzugsweise Edystone genannt, ist ein Leuchtthurm erbaut, der auf den englischen Seekarten, unter dem Namen Edystone-Lighthouse verzeichnet ist, und von den Schiffern sehr sorgfältig beobachtet wird. Ich fuhr in Gesellschaft einiger Bekannten dahin. Wir wählten natürlich einen vorzüglich schönen Tag dazu, weil man diesen gefährlichen Klippen sonst nicht nähern kann. Auch vergaßen wir die nöthigen Vorräthe an Wein, Rum, Rostbeef, Chesterkäse, Brod und Porter nicht.
Das Wetter war vortrefflich, das Meer fast spiegelglatt, der Wind sanfter Ost-Süd-Ost; schon nach einer Stunde langten wir daher bei dem Leuchtthurme an. Einer der Wächter wartete bereits auf uns, befestigte unser Boot an einem eisernen Ringe, und half uns dann durch das stille niedrige Wasser, von Klippe zu Klippe, bis an den Thurm hinan. Hierauf holte er unsere Vorräthe aus dem Boote, und führte uns eine zwar dunkle, aber bequeme Treppe hinauf. Bald öffnete er eine Thür, und wir traten in ein geräumiges Zimmer, das zwar etwas düster, jedoch recht artig meublirt war.
Wir fanden hier seinen Kameraden, einen schon ziemlich bejahrten Mann, der uns mit ungemeiner Freude empfieng. Ein Tag, wo diese armen Leute Besuch erhalten, ist immer ein Festtag für sie. Nach einer kleinen Unterhaltung, die wir mit einem Geschenke von Tabak eröffneten, stiegen wir vollends zur Laterne hinauf, und besahen die Einrichtung zur Erleuchtung, die jezt mit Lampen geschieht. Hierauf folgte eine tüchtige Kollation, von der natürlich unser alter Wirth nicht ausgeschlossen blieb, während dem andern sein Theil zurückgelegt ward. Dies machte denn den guten Alten so gesprächig, daß er uns nicht nur eine kurze Geschichte des Leuchtthurms selbst, sondern auch seine eigenen Lebensumstände zum Besten gab.
Der Leuchtthurm, wie er jezt dasteht, ist eigentlich schon der dritte auf Edystone. Der erste ward in den Jahren 1696 bis 1698 gebaut, stand aber nur bis 1707, wo er bei einem heftigen Herbststurme in einer Nacht von den Wellen verschlungen ward. Der zweite ward 1708 angefangen, und im folgenden Jahre vollendet. Er hielt gegen alle Stürme bis 1755 aus. Hier brannte er ab, und die zwei Wächter fanden einen sehr schrecklichen Tod. Der jetzige Leuchtthurm endlich ward in den Jahren 1756-59 vollendet, und hat seitdem den wüthendsten Orkanen getrozt.
Was den alten ehrlichen Wächter selbst anlangt, so befand er sich schon seit 30 Jahren hier, und trieb zugleich das Schuhmacherhandwerk. Er hatte diese Stelle anfangs aus Bequemlichkeit gesucht, worauf ihm erst die Arbeit lieb geworden war. Troz seinem geringen Gehalte, der nur 25 Pfund betrug, war er dennoch vollkommen zufrieden, und wünschte sich nie von seinem lieben Thurme hinweg.
Mitunter war es ihm freilich manchmal sehr hart gegangen, besonders im Winter, wo die Verbindung oft Monate lang mit dem Lande abgeschnitten ist. So z. B. als einmal sein Mitwächter gestorben war. Sechs und dreißig Tage mußte er den Leichnam bei sich behalten, und obendrein den beschwerlichen Dienst allein versehen. An diese fünf schicklichen Wochen dachte er noch immer mit Entsetzen zurück. Seitdem sind regelmäßig drei Wächter angestellt. Der dritte war gerade auf einige Tage in Plymouth. So hörten wir dem guten Alten einige Stunden mit Vergnügen zu, bis endlich die Nachmittagsfluth eintrat. Jezt machten wir ihm ein kleines Geschenk an Gelde, und segelten mit dem günstigsten Winde nach Plymouth zurück.
Eine andere sehr angenehme Partie machten wir gestern nach Edgecumbe. Dies ist eine Art hohen Vorgebirges, das am jenseitigen Ufer der Tamor liegt, und von der Cadsand-Bay bespült wird. Wir ließen uns über die Tamor setzen, was durch zwei schmucke, rothbäckige Dirnen geschah, wandelten noch eine halbe Stunde zwischen herrlichen Wiesen hin, und langten endlich am Fuße des pittoresken Berges an. Edgecumbe gehört einer der ältesten Familie von England, und bildet im Grunde einen Park, der über eine Stunde im Umfange hat.
So wie wir allmählig aufstiegen, fanden wir nun die herrlichsten Anlagen aller Art. So sah ich z. B. eine Menge Lorbeer- und Myrthen-, Orangen- und Citronen-Pflanzungen, und glaubte mich plözlich wieder nach St. Helena versezt. Sie überwintern hier, wie ich höre, in freier Luft, woraus sich auf die Milde der Temperatur in diesem Theile von England schließen läßt. Auf dem höchsten Punkte, und in der Mitte des Ganzen, befindet sich das große schöne Wohnhaus, mit einer Aussicht, die einen Horizont von 7 bis 8 Stunden, und die herrlichsten Land- und Seeprospekte umfaßt. Das Innere dieser Villa ist eben so bequem als geschmackvoll eingerichtet, und mit Kunstwerken aller Art angefüllt. Der gegenwärtige Besitzer davon ist der einzige Sohn des Grafen von Edgecumbe, Lord Valleton. Er ist unaufhörlich auf neue Anlagen bedacht, so daß Edgecumbe in kurzem unter die ersten Merkwürdigkeiten von England gerechnet werden wird.
Um auf einem andern Wege nach the Dock zurückzugehen, beschlossen wir einen Berg zu übersteigen, an dessen Fuße das Dorf Cadsand, an der Bay gleiches Namens liegt. Auf dem Gipfel jenes Berges fanden wir eine Kirche, auf deren Thurme ein Telegraph befindlich war. Daneben stand ein kleines Haus, für die beiden Wächter bestimmt. Nachdem wir einen sehr beschwerlichen Abhang herunter gestiegen waren, aßen wir zu Cadsand zu Mittag, und kehrten auf einem sehr angenehmen Fußsteige erst nach the Dock, und dann nach Plymouth zurück.
Dreizehnter Brief.
Portsmouth, 7. November 1805.
Ich verließ Plymouth, um geradesweges nach London zu gehen. Zuerst nahm ich meinen Weg nach Exeter, das eine gute Tagereise von Plymouth entfernt ist. Ich that dies in der gewöhnlichen Morning-Coach, deswegen so genannt, weil sie immer des Abends liegen bleibt, während die Evening-Coach Tag und Nacht durchfährt. Es war 5 Uhr Morgens; meine Gesellschaft bestand aus zwei Herren und einer Dame; indessen währte es geraume Zeit, ehe es zwischen uns zum Gespräche kam.
Der erste Ort, wo wir anhielten, war Irybridge, ein vortreffliches Wirthshaus, das nur wenig Schritte von dem Dorfe gleiches Namens, höchst romantisch zwischen baumreichen Hügeln liegt. Wir fanden hier das Frühstück schon bereit, und die ganze Einrichtung äußerst geschmackvoll. Dann fuhren wir durch eine reizende Landschaft bis nach Aschburton, einem Städtchen, wo in einem gleichguten Wirthshause zu Mittag gegessen ward, passirten weiterhin Chudleigh, einen Marktflecken, der seiner Obstgärten wegen berühmt ist, und kamen endlich Abends um 7 Uhr in Exeter an.
Ich trat mit meinen Reisegefährten in einem großen Wirthshause ab, wo auch die Morning-Coach liegen blieb. So einsilbig sie den ganzen Tag über gewesen waren; so redselig wurden sie nach dem Abendessen, als der Portwein zu wirken anfieng. Ich habe dies aber bei allen Engländern bemerkt. Sie pflegen meistens erst bei der Flasche lebendig zu werden, und scheinen dann wirklich ganz andere Menschen zu seyn.
Den andern Morgen gieng ich aus, die Stadt zu besehen. Sie liegt an der schiffbaren Exe, ist im Ganzen nicht übel gebaut, hat mehrere schöne öffentliche Gebäude, und mag ungefähr 2000 Einwohner zählen, deren Hauptnahrung in Wollfabriken und Handlung besteht. An der Nordseite der Stadt befindet sich ein vortrefflicher Spaziergang, Northernhay genannt, der unter die schönsten von England gehört. Sonst sind die Umgebungen von Exeter etwas einförmig, denn sie bestehen blos aus Weideland. Dafür wird aber auch starke Viehzucht getrieben, und sehr viel Butter verführt. Ein artiges Dörfchen ist Drewstington, man kann daselbst mehrere alte Denkmäler sehen. Nicht weit davon fließt der Teign in einer sehr romantischen Gegend, und zwischen hohen Felsen eingepreßt. Ein anderes schönes Dorf ist Exminster an der Exe, deren Ufer mit herrlichen Landhäusern eingefaßt sind.
Am folgenden Abend nahm ich einen Plaz in der großen Londoner Evening-Coach bis Salisbury. Die Gesellschaft war klein, wir schliefen überdem sämmtlich in einem Stücke weg. Um Mitternacht indessen hielten wir an, tranken Thee, und fuhren dann wieder in einem bis Exminster, wo gefrühstückt ward. Dies ist ein Stätdchen, das seiner schönen Teppiche wegen bekannt, und nicht mit obigem Dorfe zu verwechseln ist.
Als der Tag anbrach, befanden wir uns in einer schönen gebirgigen Landschaft, die vortrefflich angebaut zu seyn schien. Wir kamen durch eine Menge Städte, Flecken und Dörfer, deren Namen ich vergessen habe, und erreichten endlich zu Mittag das alte häßliche Dorchester, wo gegessen ward. Meine bisherigen Gesellschafter giengen hier ab, dafür stiegen drei neue ein. Es waren drei junge Leute aus London, von denen besonders der eine mit vieler Selbstgefälligkeit von seiner Vaterstadt spracht: — »Yer in my town!« — hieß es immer, sobald die Rede auf London kam. Abends um 5 Uhr waren wir in Salisbury; ich beschloß hier einen Tag auszuruhen.
Salisbury liegt am Zusammenflusse des Avon, der Nadder, und des Villey, und ist eine finstere, häßliche Stadt. Die Straßen sind eng, winklicht und schlecht gepflastert, die Häuser altväterisch und geschmacklos gebaut. Sehr sehenswerth indessen ist die Kathedralkirche, die mit ihrem herrlichen Thurme für das schönste gothische Gebäude in ganz England gehalten wird. Eine andere Merkwürdigkeit von Salisbury sind die alten Denkmäler aus den Zeiten der Druiden, auf einer ungeheuern wüsten Ebene, Stoneheng genannt.
Ich war jezt willens, ohne weiteren Aufenthalt geradesweges vollends nach London zu gehen. Unvermuthet aber kam in unserem Wirthshause eine Postchaise aus Portsmouth an, und bot mir eine eben so bequeme, als wohlfeile Gelegenheit dahin dar. Ich eilte also davon Gebrauch zu machen, verließ Salisbury noch denselben Abend, und kam am folgenden Morgen über Ramsey in Southampton an. Hier beschloß ich den Tag über zu bleiben, und erst den Abend mit der Evening-Coach weiter zu gehen.
Southampton liegt eben so vortheilhaft als angenehm zwischen den Flüssen Test und Itchin, die beide tief in das Land hinein vollkommen schiffbar sind. Die Stadt ist im Ganzen sehr gut gebaut, und verräth überall Wohlstand und Lebhaftigkeit. Unter den vielen Kirchen und Kapellen, befindet sich auch eine französische, zum Dienst der Einwohner von Jersey und Guernesey, von denen hier immer eine gewisse Anzahl vorhanden ist. Eine andere Merkwürdigkeit von Southampton ist der schöne Spaziergang the Beach genannt. Man findet hier mehrere Reihen herrlicher, schattenreicher Bäume, und hat die Aussicht über die spiegelnde Bay bis auf die gegenüberliegende Insel Wight. Noch größere und mannichfaltigere Aussichten aber hat man auf dem in der Nähe der Stadt befindlichen Bewis-Mount. Hier kann man noch den ganzen Hafen von Portsmouth, und selbst einen Theil des Kanals übersehen.
Abends gieng ich nun, wie gesagt, mit der Evening-Coach nach Portsmouth ab, und kam daselbst am andern Morgen an. Diese Stadt liegt auf einer Halbinsel, Portsey genannt, und kommt fast in allen Stücken Plymouth bei. Bei hohem Wasser, d. h. zur Fluthzeit wird die Halbinsel ganz vom Meere umringt; sie ist daher durch eine eigene Brücke (Portbridge) mit dem festen Lande verknüpft. Der Hafen von Portsmouth kann gegen 1000 Linienschiffe fassen, und ist in jeder Hinsicht einer der ersten in der Welt. Die hiesigen Decken u. s. w. zeichnen sich daher durch Umfang und erstaunenswürdige Thätigkeit aus. Portsmouth ist nämlich als der Centralpunkt der englischen Marine zu betrachten, von wo aus immer die ansehnlichsten Escadern abgehen. Auf dem Hafen hat man übrigens eine herrliche Aussicht auf das gegenüberliegende Gesport, das prächtige Seehospital, Spithead, und die Insel Wight.
Vierzehnter Brief.
London, December 1805.
Ich verließ Portsmouth mit der Evening-Coach, und kam am andern Abend glücklich hier an. Wir fuhren wohl noch eine Stunde lang durch die Stadt. Endlich kamen wir an der St. Paulskirche vorbei, und hielten bei dem Wirthshause zum Doppel-Schwane in Ladlane still. Hier nahm ich ein Zimmer, aß, und schlief vollkommen wohl. Am andern Morgen suchte ich den Prediger an der holländischen Kirche, Herrn Wernink auf, fand ihn, und überzeugte mich in wenig Minuten, daß ich bei einem Freunde, Collegen und Landsmann war.
Jezt gieng es nun an die Erzählung meiner Abentheuer von meiner Abreise von Embden an, bis auf den heutigen Tag. Darauf sprachen wir von meinem Vorhaben, einige Zeit in London zu bleiben, und von der besten Art meiner Einrichtung. In dieser Absicht führte mich Herr Wernink zu einer braven Frau in seiner Nachbarschaft, und miethete ein artiges Zimmer zu einer Guinee monatlich für mich. Von hier giengen wir auf die Börse, wo ich noch mehrere Landsleute kennen lernte, und aßen dann ganz auf vaterländische Art bei einem Herrn Backhuis, der unser erster Kirchenvorsteher ist. Nach Tische, d. h. ungefähr um 7 Uhr Abends, nahmen wir eine Miethkutsche, fuhren nach meinem Wirthshause, berichtigten meine Zeche, und holte meine Sachen ab. Ich mußte hierauf die Nacht bei Herrn Wernink zubringen, und bezog mein neues Logis erst den andern Tag. Was meine Oekonomie anlangt, so aß ich, gegen eine billige Vergütung Mittags mit Herrn Wernink, und finde das übrige, wie Frühstück u. s. w. zu Hause selbst.
London ist so oft beschrieben worden, daß ich Ihnen in topographischer Hinsicht lieber gar nichts sagen will. Dafür mögen einige Bemerkungen über Clima und Lebensart hier stehen. Das Clima ist feucht und veränderlich. Man rechnet 50 bis 60 Tage, wo die Sonne gar nicht, und 120 bis 130, wo sie nur wenig zum Vorschein kommt. Die Winde wechseln, besonders in den Herbst- und Wintermonaten, wohl zwanzigmal des Tags ab; die herrschendsten scheinen indessen die Nordwest und Südwest zu seyn. Die Winter sind gewöhnlich ziemlich mild, die Felder und Wiesen bleiben fast immer grün. Der Frühling zeigt sich meistens schon im Februar, die Temperatur ist dann sehr angenehm. Die Sommer sind verhältnißmäßig heiß; doch wird die Luft oft nur zu merklich abgekühlt. Der Herbst ist in der ersten Hälfte, sobald die Stürme vorüber sind, fast immer von großer Lieblichkeit.
Was die Lebensmittel anlangt, so finde ich, daß sie im Ganzen zwar vortrefflich, aber auch äußerst theuer sind. In diesem Augenblicke z. B. kostet das Pfund Rindfleisch 30 kr. rhein., das Pfund Kalbfleisch 42 kr. und so fort. Ein guter Kabeljau wird mit 5 Gulden, ein Pfund Lachs mit 54 kr. bezahlt. Ein Pfund Weißbrod kostet 16 kr., ein Pf. Butter 54 kr., eine Kanne Milch 24 kr., ein Pf. Käse 36 kr. und so alles in gleichem Verhältniß. Der theuerste Artikel ist das Geflügel (ein Huhn 3-6 Gulden). Der wohlfeilste dürfte das gewöhnliche Gemüse (Erdäpfel, süße Pasteten und Braunkohl) seyn. Für eine Flasche Bordeauxwein werden 5 Gulden, für eine Flasche alten Rheinwein 10-12 gezahlt.
Von den Preisen anderer Artikel führe ich folgende an. Ein Paar Stiefeln 24 Gulden, ein Paar Schuhe 7-9, ein guter Hut 12-15 Gulden, ein halbes Dutzend feine Hemder 70-80 Gulden u. dgl. mehr. Ein Fremder, der in London nur einigermaßen anständig leben will, braucht zwischen 4 bis 5 Pfund die Woche, und muß dabei doch noch haushälterisch seyn. Für ein meublirtes Zimmer in den besten Theilen der Stadt, wie Chearside, Falbern u. s. w. zahlt man nebst Aufwartung 24 Gulden den Monat, in andern Theilen kommt man mit 12-16 Gulden ab.
Der gewöhnliche Thee zum Frühstück ist sehr mittelmäßig, ob er gleich mit 4-5 Gulden bezahlt wird. Ich wette, daß man bei uns dieselbe Sorte für 2-3 Gulden haben kann. Das Brod ist gut, kommt aber dem Fremden anfangs etwas bitter vor, was von den Hefen herrühren soll. Die Butter ist frisch vortrefflich, nimmt aber schon nach einigen Tagen einen ranzigen Geschmack an. Das Wasser ist schlecht, bleifarbig und immer trüb. Es wird entweder aus der Themse, oder aus dem New River in die Stadt geleitet, wobei man freilich nicht an die ekelhafte Nachbarschaft der Schiffsabtritte, der Schlachthäuser u. s. w. denken muß.
Vorige Woche machte ich auf besondere Veranlassung eine kleine Reise nach Chislehurst. Dieses ist ein artiges, höchst pittoresk gelegenes Dorf, nur ungefähr 6 Stunden von hier. Es befindet sich ein großes Erziehungsinstitut daselbst, das von einem Herrn Mace, einem sehr würdigen Mann, geleitet wird. Ein Fremder, der die Sprache aus dem Grunde kennen lernen will, thut sehr wohl, wenn er auf einige Monate in eine solche Kostschule (Boardings-Schoal) geht. Man nimmt nämlich in allen solchen Instituten auch erwachsene Pensionäre auf. Diese zahlen in Chislehurst für alles 6 Guineen monatlich. In den Boardings-Schoals näher bei London, wie Islington, Chelsea u. s. w. ist man freilich weniger wohlfeil. Die Luft von dem hochliegenden Chislehurst ist sehr gesund, auch scheint das Wasser vortrefflich zu seyn. Nach London giebt es täglich bequeme Postgelegenheiten. — Ich erwarte nur noch einen Brief aus Amsterdam, um sofort nach Holland überzugehen.
Fünfzehnter Brief.
In See, 27. Januar 1806.
Es ist Abends 5 Uhr, der günstigste Wind treibt uns den vaterländischen Küsten zu. Gestern Abend begab ich mich nach Gravesand; diesen Morgen um 11 Uhr segelten wir die Themse hinab. Welche paradiesische Ufer bis hinter Chatham! Dann aber wird der Strom so breit, daß er fast einer Rhede gleicht. Man kann in der nämlichen Ferne nur wenig mehr sehen. Um 3 Uhr kamen wir mit 60 andern Schiffen glücklich in See. — Bald umarme ich Sie.
Helvoetsluis, 28. Jan. Mittag.
Wir gehen vor Anker, ich gebe diesen Brief einem Fischerboote mit, damit er noch um 2 Uhr in Rotterdam abgehen kann. Alles ist wohl und fröhlich an Bord, ich selbst bin höchstvergnügt. Heute vor einem Jahre und nun! O Freunde! o Vaterland! o Geliebte! Morgen bin ich bei Ihnen, und dann keine Trennung mehr!
Fußnoten: