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11. Theodor Däubler und die Schule der Abstrakten
Theodor Däubler ist im menschlichen Schnitt schon kosmisch geraten. Aber seine Monumentalität ist nicht mehr rassehaft; mit schwarzem Bart, dem riesigen Körper und den kleinen halbmondhaften, schrägen Augen langt er nach Asien wie sein Werk. Es geht da alles schon übers Europäische hinaus. Auch ist er der einzige, der neben Schickele weise genannt werden kann. Seine Blutmischung ist romanisch-italienisch, die des Schickele romanisch-fränkisch. Wir scheinen keine germanischen Geistsouveräne mehr zu haben, sind in einem Tiefstand der Rasseäußerung. Wir hätten sonst den Krieg nicht angefangen und nicht verloren. In Clémenceau, in George, in Pétain ist ein auch dem Blutfeind ins Gesicht hüpfender Überlegenheitswille. Bei Jagow, Scheidemann, Hindenburg eine platte Mittelmäßigkeit. Erst aus den Katastrophen wird die deutsche Seele, wahrscheinlich später, wenn beruhigtere Epochen uns ablösen, sternhafte Klarheiten äußern. Däubler ist eine der wenigen Figuren, die heut nicht nur genial sind, sondern eine Größe darstellen, wie sie die überlegeneren Franzosen mehr besitzen. Er ist ein Bruder des Francis Jammes, des in Deutschland fast unbekannten großen Charles Louis Philippe, aber auch einer Litaipes und der Veden. Er ist einer der von innen Leuchtenden, selbst das Dunkle und Wirre hat den einfachen Reiz. Eigentlich ist er wohl Lyriker. Über Kunst hat er das Schönste nicht nur, sondern auch Wesens-Tiefstes gesagt. Als europäischer Wanderer hat er noch für Impressionisten gekämpft, Picasso durchgesetzt, und ist erst im Kriege nach Deutschland gekommen. Man sagt, auch über Musik habe er Bedeutendes geäußert. Lange, ehe italienische Nationalisten damit energisch Schule propagierten, hat er futuristische Verse geschrieben. Seine Prosa ist von großer Bedeutung für die Entwicklung. Sie ist wie sein Vers merkwürdig undiszipliniert, an manchen Stellen läuft sie hinter ihm her, als kümmere sie ihn nicht. Dann aber macht er sie wie Schnee.
Das ist der geheimnisvollste Prozeß auf der Erde überhaupt. Im Schneien sind alle Farben, Freuden und Abenteuerlichkeiten des Erlebens immer vorhanden. Bauern und Gebirgler unterscheiden ihn auch nicht etwa weiß, sondern blau und rot. In Wahrheit ist das natürlich erst der Anfang, ihn zu begreifen. So ist das Wichtigste wohl an ihm. Man muß denken, daß er stark im Süden wandre und am besten von dort aus seine Sehnsuchtsverschwisterung mit den Sternen erreiche, und man kann nicht verfehlen, dabei von Malern reden zu müssen, um ihn deutlich zu machen. Da ist Chagall, der ja auch im slavischen Seelenlabyrinth die Südlichkeit hat. Die russische Seelenbreite hat Däubler gewiß, aber es ist nur ein Bogen. Dann hat er jene Klarheit, die schon aus dem Gefühl vom Jenseits der Gegenstände kommt, das Klee in guten Momenten erreicht. Jenes Nur-Wissen um Tiefe der Farben und der Mondbewegungen. Manchmal scheint es, als laufe die ganze Epoche dort hinaus und das dauernde Zerstören der Form lande in einer ganz abstrakten Kunst. Mir scheint das ein bedeutsamer und enger Irrtum. Denn nur ganz wenigen und innerlich erlauchten Personen ist es verliehen, über die Dinge hinaus zu sehen und die Mauer zu überblicken, hinter der das Weltgeschehen wie ein schönes und feierliches Changieren der leuchtenden und klaren Weltkörper vor sich geht. Dahin rechne ich nicht die italienischen Futuristen, aber Chagall, Klee und Däubler. Die andere Kunst wird immer auf der Erde bleiben, wo sie im Kampf mit den Gegenständen und ihrer Vergeistigung schwere Niederlagen und heftige Siege von fast gleicher Größe erreichen wird. Auf das ins grammophon- und bilderbuchhafte Treiben des Dramas, das in den Scharnieren schon knackt, geistig wohlverstanden, aber dennoch knackt wie ein Panoptikumsaffe, wird ein wilder Hereinsturz naturalistischer Gefühle folgen. Ihr habt’s zu weit geschoben schon. Das Negieren der Tatsachen und Ins-Blaue-Wursteln mit reinen Vorstellungen ist eine Räterepublik von 1919. Die Bauern werden Euch mit Knüppeln erschlagen. Eine Schule der gegenstandslosen Kunst halte ich für unmöglich, aber es wird vielleicht ein starker dekorativer Stil daraus entstehen. Die Suggestivität des erregenden und harmonisch-einschlingenden Weltalls werden nur ganz wenige überirdisch schauende Künstler fertigbringen. Fast alle abstrakten Künstler sonst würden versagen, wenn man sie vor Aufgaben der Stofflichkeitsbezwingung stellte, und zwar so, daß ihnen nur offensichtlich Dilettantisches und Dünnes gelänge. Das heißt, ihr Zusammenbruch wäre kein radikaler und bestürzender, was ja für sie spräche, sondern er würde werden wie eine Entschleierung. Nun hat aber Däubler noch etwas, nämlich auch die kosmische Ruhe, das Idyllische und sich im Geistigen so zu-Hause-Fühlende, als sei das seit Jahrtausenden die Tätigkeit seiner Familie. Etwas ähnliches hat Franz Marc bei uns versucht, indem er auf die großen persischen Vorbilder kam. An geistiger Idylle haben wir ja den Schweizer Walser. Der schreibt immer wie ein Knabe, aber nicht ohne Raffinement. Walsers idyllische Welt hat auch Regenbogen, aber mehr im Sinne der naiven Kinderbücher, sie ist doch in wichtigen Momenten ins andere Jahrhundert zurückgewandt und hat bürgerlich-romantisches Blut wie der Spitzweg. Seine Abenteuerlichkeit besteht doch wesentlich darin, daß er sich abseits der Gesellschaft empfindet, er steht im Gegensatz zu ihr, aber deshalb noch lange nicht in Ninive. Wenn die Schweiz die Welt allein wäre, ließe sich diskutieren, daß er ein großer Dichter des Kosmos sei. Aber wenn Däubler erstaunt ist, ist es nicht die erzwungene Naivität des graziösen, fast rokokohaften Jünglings, sondern das Staunen der ersten Tiere, der Heiligen, des Defoe und der Erdkörper selbst, wenn es wahr ist, daß sie in einem göttlichen Atem immer schaukeln. Sein Glaube an die Erde und gerade ihre Mission und die der Menschen ist ungemein groß. Seine Prosa sagt es genau wie die Lyrik. Interessanter, als was er sagt, ist daher immer das Darumzitternde. Obs ein Bild oder eine Nacht ist, plötzlich geistert es. Natürlich hat er nie Erzählungen geschrieben oder Sachen, die vorgehn. Höchstens, daß er auf sie gleich einem Schemel steigt, um rasch da hinauf zu kommen, wohin ihn es zieht. Seine Sätze werden sofort visionär, umnebeln sich und irren im Freien. Dabei haben sie eine Zeugungskraft in sich selbst, die Däubler oft fast in Hoffmannsthalsche Nähe bringen, wo Lust und Klang sich berauschen an sich selbst. Doch er gleitet immer heraus, er ist weich und monumental, das weist ihn auch (wie die Lasker-Schüler) auf den Erdteil manchmal, der der Welt geistig näher ist als Europa, nach Asien. Suchte man ähnliches im Rein-Deutschen heut, bliebe Hans Thoma, mit guten Altmännersprüchen und der meisterlichen Gestaltung eines Stücks Deutschtum, das man Waldbach oder Mondschein nennen kann, das aber nicht in Siriusakkorde einschwingt. Tief unter Däubler. Wir sind doch sehr arm, eben weil wir, den Anschluß verloren hatten. Welche Geistriesen waren die Ottonen, war Heinrich der Vierte und Geprüfteste noch gegen diesen armen mechanisierten Ludendorff. Däublers Sprache ist eigentlich tatsächlich Schnee. Sie setzt sich aus wenigen Flocken in ein Gestöber um, Vision opalisiert sich an Vision der Farben, öfter kommt eine fabelhafte Gebirgsgegend unter fast fremder Sonne mit donnerndem Blauhimmel. Er hat in der Sprache keine logische Absicht mehr, sondern vielmehr den Willen, aus ihrer ungeheuren Vielhaftigkeit immer das Sternspiel herauskommen zu lassen, berauscht sich am Anblick und spielt damit immer weiter, bis er rasch in Seelenzustände wieder hineinschwingt. Dabei bekommt die verhüllte Farbskala immer einen dalmatinisch silbernen Schatten um die Kontur. Immer neue Landschaften der Seele fallen vor den Wortvisionen auf.
Er hat da einen Antipoden und einen Freund im gleichen Bezirk, sowie einen, der halb in seinem Ring, halb außer ihm liegt. Nämlich das sprengende Prinzip, das ähnliches erreicht, doch nicht mit Pendelschwingen eines alles einbeziehenden Gefühlsmeeres, sondern mit einer bombenhaften Zerschmetterung aus dem Hirn her, das ist Gottfried Benn. Er hat nur ein ganz kleines Territorium inne gegen Däubler, ist aber neben ihm in anderem Sinne gleich wichtig für die in ganz ungekannte Grenzen brandende Bedeutungsentwicklung der Prosa, die wahrlich heut fast genau so viel ausdrücken kann wie die Lyrik. Auf Vorgänge kommt es ihm nicht an, ihn sensationiert das Wort wie eine Metallkugel, in der ihm alles gespiegelt ist, was er liebt, braune Haut, Weiber, Göttliches in Überfülle. Das Zerebrale feuert ihm die Welt auseinander, fast um sich beißend, drückt er aus dem Wort die letzte Schlagkraft heraus, ein dramatischer Vorgang, ein Krampf immerhin. Sein Gesicht wird derart mit Spannung und Ladekraft überhäuft, daß es ungemein angezogene Kurven erhält. Im molluskenhaften Urnebel Däublerscher Sprache vollzieht sich der Bennsche Vorgang wie Kristallisieren, Eckenbekommen, geometrische Schlagkraft des Ewigkeitsausdrucks. Die Entschlossenheit ist ähnlich wie die von Heckel oder Kirchner, wahrscheinlich aber innerlicher und neuere Gebiete aufbrechender als die der beiden Maler. Tatsächlich wird hier explodiert und bis zum Wehtun intensiv umgedacht in gehämmerte neue Gestalt.
Genau so sicher verleugnet Franz Kafka alles, was im menschlichen Bezirk beziehungshafte Bedeutung hat, es interessiert ihn keine Minute. Logik und Psychologie und alles, was uns an menschliche Begrenztheit und Abgeschlossenheit gegenüber dem Äther erinnern könnte, ist gar nicht mehr da später. Allerdings noch am Anfang, was ihn allein von den anderen unterscheidet, denn er fängt Geschichten zu erzählen an, Handlungen und Hergänge wie die Dichter unserer Großmütter auch. Aber dann ist bis zum Gefrieren erschreckend, mit welch übersinnlicher Sicherheit und Präzision sich die Sache ins Kosmische entwickelt. Grad’ wie er die Linien durchbricht, die unsere Welt von der außenliegenden absperren, ist phänomenal. Plötzlich, wie durch Magnetisches, sind sie durch das Glas weg, was uns einschließt, und gehorchen mit gleichen Absichten ganz anderen und größeren Gesetzen. Man denkt an Jules Vernes Vorgang der Expeditierung der Menschen auf den Mars mittels des Fernrohrs, natürlich nur ein recht grober Vergleich. Jedenfalls praktiziert Kafka das Wunder tatsächlich ganz natürlich in seine Vorgänge hinein, die sich auch ganz übernatürlich auflösen. Tod, Schmerz und Lust existieren in diesen Räumen nicht mehr, da entwickelt alles sich aus den Formen eines übergeordneten tragischen Geschehens. Diese Form ist im Grunde natürlicher und bedeutender wie die Meyrinks, der sein Geisterreich immer konstruiert, immer einen Fächer aufschlägt, immer die Pose hat, daß selbst der naivste Schwung bemerkt: alleweil geht es ins Nebulose. Allerdings kommt er dann auch glatt hinein. Natürlich ist aber Kafka ein bescheidenes Talent in der Kraft seiner Äußerung, schmale Novellen und Betrachtungen machen einen recht kleinen Kreis um Prag. Aber die Eindeutigkeit ist gewiß sehr ausstrahlend.
Ebenso ist es mit Paul Adler. Diese Dichter all haben ja nicht die Absicht und wahrscheinlich keineswegs die Gestaltungskraft, das Bild einer Epoche und eines Volkslebens aufzubauen wie Dickens, Voltaire, Balzac, Zola. In diesem Sinn kommen sie überhaupt nicht in Frage und können so gar nicht angeschaut werden. Es fällt eher in Philosophisches statt in soziale Strukturen, was sie erstreben, und viel mehr ins Abseitige, aber ungeheuer erweiternde, Material, geistiges Fundament und Bedeutung Schaffendes als in Kunst allein oder Architektur der Geistesbogen. Wenn Däubler im Nebel der Adria einen Raben schreiend auffliegen sieht, bestürzt ihn der Ton so, daß ihm das Gefühl gibt, dies sei der erste menschliche Ton. Er schaut im Sanskrit nach, da stimmt der Laut. Auf solchen Bögen läuft hier alles; von den ersten Ursprüngen des Existierens bis in die letzten Geahntheiten der Menschenkugel. Alle Grenzen sind durchbrochen, die eine Handlung, einen Zeitkatafalk bauen könnten. Stürzen die Dämme des hochgelegenen Festlands ein, wird Meer Afrika, Asien, Australien, Amerika, Europa, die Pole und alle Inseln überschwemmen. Das wird vielleicht eine Sensation ungemeinen Grades sein. Die Südseeflecken, Palau und Otaheiti werden wie Monde in dem brausenden Nebel zittern, vielleicht wird eine Stadt, Moskau oder Theben, zehn Meter unter der Oberfläche silbern, die Dschungeln, der Bois de Boulogne und der Lunapark mit dem Hradschin und Pekingzentrum auf Mondregenbögen flackern. Es wird ein gewaltiges Ahnen großer Zusammenhänge des Weltgeschehens da sein. In dieser Verbreiterung, die nicht Chaos ist, sondern nur Überwinden der menschlichen Gebundenheiten, vollzieht sich diese Kunst. Bei Paul Adler sind die letzten Konsequenzen gezogen. Er hat einen archimedischen Punkt außerhalb des Sterns gefunden. Von dort aus setzt er sich die Erinnerung des menschlichen Gestirns neu und besser zusammen. Raum und Zeit hebt er auf und schiebt alle Ebenen ineinander, die sehr sauber und abgestaubt auf der reinlich-bürgerlichen Erde übereinanderstanden. Was früher dämmrig war, ist ihm das Chaos der Gebundenheiten, Verwirrungen und Tierheiten. Daraus entwickelt er aus Räumen mystischer Verwandlungsfähigkeit sich ins Gottsucherische hinan. Samten und goldweich seine Sprache. Unergründlich die glanzvoll gedämpfte Biegung der Bilder. In Graves und Largos ergeht die Zwiesprache mit der Schöpfung und aus paradiesisch umnachtetem Raum singen Steine, reden die Pferde. Keine Verwüstung geschieht hier, nur ein Durcheinanderhäufen, damit das harmoniesuchende Menschliche tiefer steigen und höher gleiten kann.
Das ist ein entzückendes Spiel, das der Geist sich mit dem Kosmos gestattet. Manchmal gelingt es dem einen oder anderen, mit einem Traum wie mit einem Tritt die Erde bei Seite zu schieben, dann sieht er das Aquarium des Geschehens in rätselhafter Schönheit. Es wird nicht ganz gelingen vorderhand, solang der Stern noch so unvollkommen, die Menschen so irregeleitet und die Führer so kleinköpfig sind, die Erde selbst zu ignorieren. Wir anderen sind magisch an sie gebannt, müssen ihre Schmerzen durch Bauch und Herz mitschreien, ihr Weggehen mitwandeln, die Not und das Leid unserer Erdenjahre erdulden, mitleiden und gestalten und unser Durchgemachtes aufbauen zu dem Monument, das, einmal an Schmerzen und Sühnen übergroß geworden, den Weg uns ins Kosmische gestattet. Nicht aus dem Spiel des Geistes kommen wir hinter die Mauer, wo Kometen laufen und Raum und Zeit in schöne Farbdunkeleien eingestürzt sind, sondern vorderhand durch die Streiterei und das Aufunsnehmen der Welt. Wir müssen hindurch uns bohren und können uns nicht, schöne Verantwortungslose, hinübersehnen oder sie bei Seite schieben in einer erstaunten Stunde. Zentaurisch sind wir am Leib der Zeit festgewachsen. Das ist Weg und Ziel der Generationen. Das andere ist ein Spiel von Größe, aber ein Spiel nebenan. Es ist sehr wichtig, weil es uns unerschöpfliche Neuatmungen, Aussichten, Farben, Pollen, Fabeltiere, zeigt und zuträgt. Manchmal sehen wir, die wir uns Tausende von Jahren noch mühen müssen, wichtiger als die anderen, wie Däubler dann, der Genosse der großen Indier und Chinesen, von einem Baum aus Sterne wie Uhren reguliert und überwandert ist von Monden, viel größer geworden wie die Sterne all um ihn, später aufstehend und wie in einem Regen zwischen ihnen urwärts fortwandern.
12. Leonhard Frank
Nun wird die Welt sehr fest und hart. Granit und Basalt werden angespieen von dem Geist. Aus den dicksten und schwersten Kristallen wird die Form gebrochen. Die Situation liegt so, daß hier das Deutsche sich mit den Realitäten auseinandersetzt. Zwischen zwei Polen wird hier geschafft: Dostojewsky plus deutsch. Leonhard Frank ist ein Bauernformat, ein Schlosser, ein Fußballspieler, außen rechts, den beim Goalsprung die ekstatische russische Seelenhölle überfällt. Sie hat ihren Zug durch Deutschland schon vor Lunatscharsky und Lenin begonnen. Eigentlich werden Tolstoi und Dostojewsky jetzt erst aktuell. Ganz vom (gewöhnlich jüdischen) Geist her aufgefaßt und weitergegeben, hat sie mancherlei Gefolgschaft. Kornfeld hat sie in Arien und dramatischen Monologen oft bezaubernder Art gefangen. Mondän und elegant verfuhr mit ihr schon Bruno Frank, doch ist er nicht hier einzuwechseln. Sehr deutlich ward die Angelegenheit, als sie tatsächlich auf rein germanischen Ambos geriet. Sie wurde mit furioser Wucht aufgelegt und mit dem Schreien eines Stieres geschichtet. Die Musik der ganz reinen Wolkengeister ist immer für den Cenakel, den ergriffenen Schwärmer unter der Abendlampe und für abstrakte Kaffern. Geschmetter und Zulauf und Wirkung, Tat, vor allem kommt nur, wenn ihr unterwegs ein gesunder Naturalismus begegnet und sie rasend in ihn fährt. Aus der Reibung, dem bis an alle Himmelsdecken dampfenden Beischlaf fährt erst das elektrische Gewitter der aufziehenden Idee. Zuerst stieß Frank, noch grob und derb, gegen die Erziehung, denn was er seither schrieb, ist filtriert aus seinen schlechten Erfahrungen, und seine Wunden bluten sich ins Buch. Da war noch Jugendliches manchmal, aber es drängte schon Bitternis nach. Dann griff er entschlossen ins Dostojewskyhafte und stellte es auf massive deutsche Beine, das heißt, er ahmte es nicht nach, sondern infizierte sich damit. Aus der Okulierung kam seine Sprache, zuerst noch schleichend wie ein verstörter, im Leben unsicherer riesiger Proletarier, dem aber Ziel und Gewißheit unfehlbar sicher sind. Im Krieg gab er Novellen, die Predigten sind. Man wird einmal finden, sie seien das einzige Dokument der deutschen Dichter gegen den Krieg. Ein paar Exemplare, die dank gesinnungshafter beamteter Wächter durch die Pressezentralen der Generalkommandos aus der Schweiz nach Deutschland sickerten, wühlten Tausende auf. Er hat tatsächlich Furor. Man kann nicht sagen, er habe in die Sprache besondere Akzente getragen, ins Dichterische neuen Schwung gebracht. Er war jedenfalls eine Erscheinung von Breitbrüstigkeit in der Herde der Dünnpinkel und Schleimiers, die auf schmalen Flöten sich ungemein erbosen. Auch hat er eine anfangs sehr naturalistische Sprache in höllische Zucht genommen und in die Sätze Sprengstoff und klotzige Geistdurchwitterung getrieben. Bedenklich ist nur die Intensitätsgrube seiner Kraft. Da seine Stärke der Angriff ist, muß man ihn sich in Güte vorstellen. Das ist unmöglich. Das Menschliche reicht nur zur Klage und Drohung. Das kann ein Anfang sein, kein Ende ist denkbar so aus Unfruchtbarkeit und Zorn allein gehoben. Was Liebe in ihm an Augen aufschlägt, kommt nicht aus Hingebung und nicht direkt aus seinem Blut. Zu innerst steht der Haß nur auf, und über diesen Umweg liebt er erst das, was er nicht haßt. Er liebt Opfer der bürgerlichen Gesellschaft. Aber er liebt nicht das Opfer. Zutiefst ist bei aller Flamme eine tiefe Wut, sonst nichts. Es ist von enormster Wichtigkeit, daß Erscheinungen wie Leonhard Frank existieren, und ihr Mut wird nicht vergessen sein, wenn irrgeleitete Knaben mit neu polierten Phrasen in neue Kriege ziehen werden. Viele Unbestochene werden an seinem Namen einen Halt finden und werden sein Buch dem Wahnsinn vielleicht entgegenhalten. Aber es werden auch heute Menschen da sein, die in die tieferen Gründe sehen wollen und eine unbedingte Angst tragen, dieser Dichter, der Liebe forderte wie wenige, aber nichts tat als Felsen schleudern, würde, in den Stand der Macht gekommen, die Menschen nicht schonen sondern erschießen lassen. Es wäre zum mindesten konsequent. Aber es ist nicht der Wille des Schicksals, daß außenseitige Fallen in das Fleisch der ewig marschierenden Ideen schlagen.
13. Döblin und die Futuristen
Am achten März an der Rampe des Theaters Chiarella war die Schlacht von Turin. Auf hinuntergegebene Ideen folgten ebensoviele Faustschläge. Die Futuristen gaben dreitausend Menschen ihr erstes Manifest. Es war ihre heftige Zustimmung zu dem, womit ein Jahr früher Marinetti im Figaro die dichterischen Programme aufwarf. Am neunundzwanzigsten Mai entwickelte neunzehnhundertelf im Circolo Internazionale Artistico in Rom der Maler Umberto Boccioni die Ideen des malerischen Futurismus auf breiter Basis. Carrà, Russolo, Balla, Severini schlossen sich an. Am fünften Februar Montags neunzehnhundertzwölf stellten sie in Paris bei Bernheim-Jeune aus. Es ist nicht unwichtig, die Daten festzuhalten. Europa war eine große Sensation reicher. Manche behaupten, das Moment der Zersetzung dieses Erdstrichs habe damit begonnen. In Deutschland fand sich erst nach fünf Jahren ein innerlicher Vertreter dieser Richtung, George Grosz, bedeutender scheinbar wie die nationalistischen Italiener. Stichhaltig blieb nicht viel mehr als die Mission der Zerstörung.
Vielleicht war nicht einmal das wichtig, denn im Grunde ward das alles überschätzt. Es war ja nichts anderes als das Mosaik, mit dem die Impressionisten noch einzeln spielten, plötzlich in einen Ventilator zu Dutzenden gebracht und durcheinandergewirbelt. Sieht ein Genie die Welt so, wird sie dermaßen ebenfalls in allen Schönheiten strahlen, das ist sicher. Als rein künstlerisches Schema ist es bedeutungslos. Junge Artisten, die mit Übergehung von Arbeit und Sorge gern in den großen Saal der Öffentlichkeit rasch hinein sich turnen, lassen Artikel, Satzzeichen und Frisur weg und wähnen sich Expressionisten. Es ist dieselbe Betrügerei vor dem Geist. Die Nebenumstände irritieren, diskreditieren. Die Zeit fegt das rasch in ihre Eimer und fährt es auf die Äcker hinaus zu Gemüse, Pul und Baum.
Die Futuristen waren nur ein Wind, der apokalyptisch zu wehen begann. An großen Figuren sollte sich später manches daran erfüllen. Man sagt, der Maler Pascin habe, obwohl gut gekleidet, durch die raubtierhaft aufreizende Freiheit seiner Atmosphäre auf den Boulevards harmlose Spazierer älteren Jahres und guter Herkunft und Pfründe in solche eigentlich grundlose Erregung gebracht, daß sie mit klirrendem Stock und bebenden Favorits vor dem stehen blieben, der sie gar nicht sah. Auch die Futuristen gellten den Bürger auf, wie es kaum eine Revolution vermocht hatte. Denn dieser gegenüber hatte er gerade noch Angst. Die anderen aber reizten wehrlos alle seine Instinkte bis zur reißenden Wut und es mag sein, daß dies symbolische Zeitzeichen ein Gleichnis ihres Sinnes und ihrer Mission gewesen ist. Sie sind mir persönlich trotz allem ungewöhnlich sympathisch gewesen.
Über Ja oder Nein eines Stils zu streiten ist armer Unsinn. Immer wird nur der ihn vertragen, der ihn frißt und verdauen kann. Auch die Starken haben den Appetit nach dem Geist, der sie umgibt, weil sie allein ihn vertragen können. Beredet kann nur werden, ob ein Stil gelegentlich so mächtig und im ethischen Bedürfnis der Zeitgenossen von Rang so gläubig verankert ist, daß er sich zu wölben vermag: oben als Kuppel, unten als Tragfläche der Zeit. Man kann in diesem Sinn nicht von den Futuristen, die verbrecherisch sich von der mütterlichen Erde ins Anarchische begaben, reden, wohl aber von den Expressionisten.
Als Alfred Döblin in Deutschland die futuristischen Prinzipien „voll und ganz“ unterschrieb, war er zweifellos von dem Moment der Bewegung und der Änderung überzeugt, das mit einem Male durch die Welt autote. Allein es ist nicht wichtig, eine Sache zu begreifen, sondern sie zu erleben. Zählen die Hillerschen Aktivisten und andere heute auf Sekunde und Woche fest, wann dieser, wann jener schon aktiver, jener noch ästhetisierender Mensch gewesen ist . . . . wird Sandglas und Stechuhr Kontrolle für den Gehalt dieses oder jenes Revolutionärs, dann beginnt schon die Starre, die Verkalkung wird nicht lange auf sich warten lassen. Ein Hirnschlag steht bevor. Erkenntnisse verpflichten zu keiner letzten Bindung, kommen sie nur aus dem Intellekt. Ich sehe manche, die heute rechnen, erbleicht vor der ungeheuren Stärke des kommenden Schicksals, sehen sie sich plötzlich vor Änderungen und Weltkonstellationen gestellt, die sie nicht erahnen und errechnen konnten. Mathematik in der Weltbetrachtung ist viel niederer als Glaube und Wille. Und wo die Genauigkeit ist, weilt nie die Fülle. Aber die Ehrgeizigen waren stets daran, sich am Ziele zu dünken, wenn sie beweisen konnten, daß sie es erstrebt hatten. Doch schon im Herzählen zeigte es sich, daß sie Angst nur hatten, es möge sie einer überholen, und da sie Kraftfülle nicht in diesem Maße mehr spürten, schrieben sie ihre Daten in Stein und kategorisierten andere Läufer, die aus dem Dunklen kamen, nach Tag und Woche und Jahr. Die aber schauten nicht darauf.
Döblin hatte das Programm nicht probiert, als er es lobte, und wie er es anpaßte, sprengte er es auseinander. Er ist einer der stärksten und bedeutungsvollsten Prosaiker heute, manchmal sogar fast monumental. Doch das gilt nur von dem chinesischen Buch. Er war viel zu breit und zu architektonisch, darum konnte er keine Schnitzeljagd und Konfettibattaillen der Bilder und Ballone um sich wirbeln lassen. Ein futuristisches Wirken ist wohl auch nur in der Lyrik recht denkbar, wo Stramm und Becher es bewiesen. Doch brachte Becher nur eine Leistung, weil er wohl Genialisches besitzt, das allerdings noch nicht zur Rundheit, ja fast noch nicht zum Gedicht geschwollen. Stramm aber, einer der wenigen wahrhaft echten Stotterer, erregte nur das Blut wie javanische Instrumente, wie Bartänze, Niggersongs.
Als die Lappen vor unserem Wagen in Småland sangen, wurden wir auch nach dem Eis und der Einsamkeit sehnsüchtig wie ausgehungerte Wölfe, obwohl ihre Melodie uns nicht einging, aber weil die Erregung ihrer Seelen sich uns mitteilte. So wird aus dem Futuristischen sicher nur ein interessanter dekorativer Stil, aber man wird, wie den Jugendstil, ihn in zehn Jahren nicht mehr ohne Wanken sehen können. Was an überirdischen Spektren und Monden aber abstrakte Maler heute gestalten, wird vielleicht tragbarer sein und länger halten.
Döblin hat riesenhaften Respekt vor der Kunst, ist wie ein Frettchen hinter der Psychologie her, deren man keine Spur in seinem Terrain antrifft, er läßt sich von keinem Schlagwort, keiner Begeisterung vom Kunstduft wegdrängen. Gelobt und bestaunt, der das heute wagt, wo Achselzucken und Denunziation dem Freien folgen. Das macht ihm einen guten Boden. In seinen Novellen probiert er andere Dinge aus als im Roman. Dort ist er zu klug, Experimente zu machen im Grundbau, daß ihm die ganze Geschichte dann das Genick einschlägt. Da hat er kürzere Stellen vor sich, eine Mauer nur oder ein Gestell, gewöhnlich nur ein paar Menschen, die er umfassen kann. Sie sind ihm zu naturalistisch, zu nah, er will sie in allgemeinere Luft stellen. Das strengt ihn sehr an, liebenswürdig kann er es nicht machen. Auch ist er nicht so dumm (weil er etwas an athletischer Statur in seiner Schreiberei hat), den Fehler zu machen, den geisttiefe, aber muskeldünne Juden oft probieren. Die netzen solange mit Säuren an der armen Menschgestalt, bis bloß vom schönen Fleisch nur noch das Gerippe übrigbleibt. Nun, meinen sie, hätten sie den wahren Menschen. Um die Ohren sollte man den Burschen das Geknoche schlagen. Wir wollen das Fleisch, aber in gehobeneren Übersinnslüsten. Döblin macht es nun so, daß er das Fleisch mit Geistinjektionen so fabelhaft durchwühlt und durchschimmert, daß nur das Gespenst (was eine andere Geschichte ist als das Skelett) entsteht. Im Drama hat das ja der Schwede Strindberg auch fertiggebracht. Im Prosastück ist es aber ein anderes Ding. Denn das verlangt eine Kurve, eine Folgerung, einen Abschluß und bedankt sich dafür, plötzlich einfach sich aufzulösen, wie ein Rauchkringel zu verschwinden und infolge einiger Doppelampullen Ewigkeitsspritzen aus einer schönen Handlung sich geschwinde aus der eigenen Existenz herauszudrücken. Schließlich ist Prosa keine Graphik. Was dem mächtigen Radierer Beckmann recht ist, hat mit Herrn Döblin aus Berlin nichts zu tun. Wo junge Literaten nur noch malerisch säuseln und aus der auffallenden Parallele der Künste instinktlos und, vom Malerischen selbst in keiner Weise berührt, lerchenhaft geschwätzige Hymnen über Malerisches anstimmen (auch ich tat es einmal, kreuziget ruhig), muß man polizeihaft darauf schauen, daß Unbefugte und Kindliche die Grenzen der Künste, das heißt ihrer Wirkungsmöglichkeiten, nicht verwischen. Die Misere kommt aber aus einer Kraft, weil Döblin nämlich, wie alle starken Handwerker und Leidende am embarras de richesse, die Sprache nicht nur als Mittel, sondern als Selbstzweck ansehn. Auch die großen Erotischen wollen nicht nur Kinder, sondern spielen nächtelang mit den Frauen, und Zweck allein ist eine Fessel für den Geist, eine Unzucht und eine Ignoranz strafhafter Niedrigkeit vor der Fülle und Tropischkeit der Welt.
Döblin ist ein langer Maurer, er geht immer hin und her mit Steinen, Mörtel tut er keinen dazwischen. Er setzt nur breites, viereckiges, genau bemessenes Stück auf das gleiche. So kommt er zum Roman. Da ist tatsächlich noch Welt wie sie in naturalistischen Büchern auch besteht. Man verführt Euch in kein Geschluchz hinter Tüchern, in keine Askese nackter Dialoge, wo, wie man sagt, zwischen Stoffbespannung der Geist „reiner“ sich entfalte. O Kulissenschieber der unreinen Zeitseele, ist das nicht eine Frage des Polsterers oder des Dekorateurs oder Oskar Wildes, und kann der Geist, wenn er irgendwo ist, schöner sein als im vollen und weiten Menschlichen, man muß ihn doch nicht in die Hirnwüste senden. Döblin beschreibt sogar, wird ganz real und zeichnend, wenn es auch immer Vierecke sind. Sein Geheimnis beim Roman ist, daß er eben einfach das Künstlerische zum Menschlichen hinzutut. Nicht mehr und weniger als Rubens in seine Fleischmassen, Lionardo in seine Gesichte, Grünewald in seine Visionen. Es ist nämlich nichts studiert und wiedergegeben, sondern da fängt er erst an: er denkt, er schaut, er formt es sich zurecht. Aber immer, selbst bei den Novellen, wo die Handlung und der Mensch gern ins Unsichtbare auskneifen, ist eine kontinuierliche Entwicklung da, ein schwerer Bogen, der die Last der Idee nie fahren läßt, sondern sie hoch und unwandelbar bis zum Ende trägt. Da ist von Futurismus keine Spur. Der Körper der schöpferischen Kraft ist viel zu zäh, als daß er sich aufgäbe. Er schafft sich weiter. Einmal erreicht er auch First, Turm und Regentraufe, steckt den Dannebusch mit Bändern an die oberste Gerüststange.
Von weitem sieht das Werk dann aus wie ein riesiger Würfel, drohend in der Unbezwingbarkeit seiner Architektur. In der Nähe ist manches nicht so unbedingt. Schließlich besteht das Wachstum jedes powren Grases aus Zellen, die ein Saft, eine Leidenschaft nach Leben durchzieht. Bei Döblin ist eine Konstruktion enormer Breite und Höhe, aber es ist, sie sei etwa aus einem Stein, der die Eigenschaften des Eises habe. Kein Blut, kein Saft pullt sich empor. Keine Leidenschaft wühlt die Formen auf. Man ist nie abgeneigt, große Bewunderung sehen zu lassen, aber man sehnt sich nach den Skisprüngen, mit denen in Blutsonne und Firnschnee Schickeles eifrige und hautsüße Geistigkeit in die Schußfahrt geht. Selbst Franks Fanatismus hat Hochofenglut und Fackeltempo.
Dies da ist aber wie ein Wachstum schon abgestorbener Kristalle. Es wird mit dem Fernrohr noch originell aussehen, und manches Verblüfftsein wird sehr lange währen. Als wir, Zwanzigjährige, von Paris nach Brüssel fuhren, um, mit allen heimatlichen und familiären Geldquellen verkracht, nach Zeitungsverkäuferzirkulation über die großen Boulevards und Araberstatistereien im Odeon auf der Weltausstellung als Führer unermeßliche Goldmünzen uns zuzuerwerben, waren wir gezwungen, im Speisewagen beim Servieren zu helfen und, da uns die Umstände der größeren Welt nicht unbekannt waren, wurde jene Pause und Passion des Daseins kein Stilverstoß. Wie ein mächtiger Amsterdamer auf der Silberplatte den herrlichsten Zander sah, den ihm mitteleuropäische Speisewagen vor den Blick gespült, erhöhte er einen Augenblick sich vor Erstaunen über die Schönheit des Biestes, aber als Kenner und eingedenk des Kommenden winkte er ab und sprach: Visch laat een mensch als ie is. Er pflegte nur das Fördernde zu sich zu nehmen, auch sprach er ein wenig Dialekt, aber ich möchte nicht mißverstanden sein.
14. Jüdisches (Die Ehrenstein, Lasker-Schüler, Brod, Meyrink)
Wer das jüdische Weib kennt von der Wollust bis in den Todesschrei, hat keine Notwendigkeit, den Geist der Rasse lange zu studieren.
Das klingt im Überlegungsweg wie eine Roheit. Aber es ist eine mächtige Lobpreisung. Es gibt im Schreibtum wie bei den Frauen die zwei Linien, von denen eine das Ghetto durchgemacht hat, von denen die andere stolz und aristokratisch aus Spanien über Saloniki oder Amsterdam ins zentrale Europa kam. Einmal gab es eine national-übernationale Poesie unermeßlichen Flügelschwungs, die Bibel, die Psalmen, das hohe Lied. Im Ghetto ging diese Unmittelbarkeit verloren, da schliffen in den Judengassen die Städte, Feudalen und Bourgois den Asiaten so die Leber, daß ihnen nichts andres übrig blieb als Verteidigungs-Parade wie eine dolchscharfe Kultivierung des Hirns. An dieser Übung zehrt, krankt und jubelt die ganze jüdische Dichtung, die, ob sie deutsch, polnisch, russisch sich coiffiert, im Boulevardrock, in Talmudlocken doch immer international und asiatisch ist. Das ist wie ihre Diaspora wohl auch ihre Mission, so sehr Erwerbs- und Konjunkturbeflissene, sowie einige in den Stand der Bourgeois Übergegangene im Krieg sich germanisch maskierten, keltisch fluchten oder jingoisch die Zähne bleckten. Das ist Rampenkomödie. Im Blut rollt unerbittlich, golden und von den Jahrtausenden gefeiert der Rhythmus des Roten Meeres und des Jordans und der Tempel Jerusalems.
Gott warf das Volk hinaus, damit es den groben Teig der stumpfen und westlichen Völker durchsäure, es aufpeitsche, vermittle, Märtyrer sei für die großen Ideen und die neuen Gewitter der geistigen und künstlerischen Spannungen, aber er gab ihnen auch die wundervollste Tragik: nie vergessen zu können, daß sie aus schöner Heimat zum schweren Dienst nur ausgesandt seien, in Wahrheit aber die Sehnsucht nach der Rückkehr und der eigenen Bestimmung nie verlören und einmal wohl bestätigt sehen würden. Die großen Rabbiner des Ostens fanden, als sie gegen die rabbinitische Dogmatik kämpften, in die Schlichtheit des Herzens zurückkehrend, wieder Klänge von der Reinheit der davidischen Sänge. Baalschem hat eine in wundervollen quellklaren Ekstasen Gott erreichende Stimme. Als Werfel zu singen begann, war man erstaunt, in ihm die Ansätze manchmal einer Hymnik zu finden, die unbeschwert und hell war. Doch sie dauerte nicht lange. Der größte Rufer zu dem Goldton hin ist heut Martin Buber, der die junge jüdische Generation zu einer Selbstbesinnung überzeugt. Ihm ist Palästina nicht so wichtig wie das Bewußtsein der palästinensischen Idee. Schüler von ihm haben sich an Hölderlin verschenkt, aber sie ertrinken in ihm. Das alles sind Kämpfe gegen ein tragisches Schicksal. Nur die Lasker-Schüler, auf Mondsicheln fahrend, ist frei. Sie ist die bedeutendste Dichterin des jüdischen Volkes seit Jahrhunderten. Weib und Geist der Rasse sammeln sich unmittelbar in ihr, fast über der Erde. Asien ist mächtig aufgewacht. Sie steht dicht neben dem hohen Lied, keine irdische Passion, die sie hemmt. Wahrscheinlich ist sie durch einen Irrtum einige tausend Jahre zu spät in die Körperlichkeit geraten. Sie hat das Blutfunkeln, was auch Planetengeleucht sein kann, und der Geruch ihrer Gedichte und ihrer Prosa ist von den dumpfen und schönen Uranfängen der Menschheit. Sie trägt frei und königlich das, worum die anderen unten sehr verzweifelt streiten. Manchmal scheint es, sie lächle über diese Bemühung.
Das andere ist verhirnt. Doch darf man diesen Zustand nicht mit Europäischem verwechseln, wo es vertrocknet, unschöpferisch, pedantisch, lehrhaft klingt und den Kunstfunken schon bei der Geburt kastriert. Bei den Juden ist das Hirn in die geistigen Zeugungsorgane gerutscht. Vielleicht auch stieg das Sperma in das Hirn, es ist anatomisch nicht zu erklären. Jedenfalls ergab sich aus der Ghettozeit her eine Vereinigung. Das rein Gescheite kann nunmehr so sehr beflügelt werden, daß es Wolkenhöhe nehmen und Blumenduft erreichen kann. Manchmal reitet das Hirn zärtliche Menuetts, oft ist es auch in galanten Situationen. Es hat seine straffe Begrenzung ausgezeichnet erweitert. Was an Vorrat bei einem von uns Goijims nur ein mittelmäßiger Aufsatz oder eine Überzeugungstafel würde, kann sich zu dichterischer Glosse und gut geformter Novelle hier steigern. Sie haben eben Handikap, und als wir mit Macht und Gewalt jahrhundertelang sie striezten und dumm und breit verlachten, wuchs ihr Hirn und ihr Instinkt ein paar Jahrhunderte und viele Kilometer uns voraus. Stets hat der Geist sich gegen die Brutalität gewehrt und gerächt mit Sieg. Schreit alldeutscher Pressepöbel heut hepp hepp gegen jüdische Entrepreneure, vermöchte ihr teutonischer Gott, selbst mit Stierhelm und Wolfsgurt herabsteigend, sie leider nicht davon zu überzeugen, daß, wer dem verkannten Künstler, dem genialen Projekt, dem extravaganten Gedankenjongleur zäh, mit unbedingtem Glauben und materiellem Einsatz jahrelang die Treue hielt, auch später Lohn dafür ernten dürfe. Es gibt für alles Neue die ersten Jahre ja nur jüdisches Publikum. Sie opfern sich schon für den von ihnen sofort erkannten Gehalt, während die protzigen Kimbern sich noch vor Lachen über die Verrücktheit ihre fetten Wänste schlagen. Auch ich bin, als ich zum erstenmal bei anderen die Sachlage erkannte, von Wodan zu Jehova übergegangen. In gewissen Fällen, mit einigen Vorbehalten, aber mit der besten Überzeugung.
Als unter dem großen Päderasten und Savoyer Eugen man mit Kreuzfahnen noch gegen Belgrad und weiße Halbmonde zog, starrte Wien als Bollwerk des Abendlandes gegen den züngelnden Orient. Heut haben Asiaten die Kanonen herumgeworfen, und die Praterstadt ist die Schleuse, aus der Asien unabänderlich in uns sich ergießt. In diesem Boden, wo es quirlt von Zukunft und Rasse, und wo slavisch-südlicher Kulturboden ganz nah ist, hat das Jüdische sich glänzend entfaltet. (In Norddeutschland hat nur Kerr einen freien Blutstil des Essaiistischen gefunden und Hillers Intellektualismus zieht einen rassig hirn-expressionistischen Stil herauf (den er aber nicht haben will). Arnold Zweig, Heymann, auch Sternheim und tausend andere haben das rein jüdische Bewußtsein nicht so bewahrt oder es bürgerlich, politisch oder literarisch gemischt.) Der bedeutendste Sänger seines Leids an der Überbewußtheit ist dort Ehrenstein. Manchmal reißt er sich zu Gesängen auf, die fast klassisch in ihrer schmerzlichen Kühle werden. Seine Verzweiflung wird oft kosmisch, eine teuflische Hilaritas, ein Veitstanz aus dem wienerischen Geklügel ins Transzendente, Gelächter mit Geheul drin. Kinder, es weint sich ein Beschnittener ins Himmelreich. Die Welt ist über ihm als eine Wand, darum sucht er sie einzuschlagen, zu anarchisieren. Keine großen Worte schüttet er auf seine Pistole. Er geht spazieren an Wirtshausschildern, da weiß er alles, was ihn quält. Er sieht da Arme, Reiche, an allem fühlt er begeistert, was ihn reißt. Er zäumt das Zerebrale bis in die barocke Phantasie hinauf, aber auch in den exotischsten Reichen, in spinneten Zuständen reißt er nur die Ironie bitter in sie hinein. Sein Kampf ist karnevalisch-grotesk und erhaben im Pathos wie ein Stück alten Stils. Wenn auch die Erkenntnis des Intellekts ihn immer wieder befreit, läßt sie den Juden immer weiter schinden in der Entsetzlichkeit der Realität. Es gab einmal eine „analytische Malergruppe“, die nur grau malten. Ähnlich schon, wie er schreibt, aber er hat Geniales, während die anderen spekulative Lapins waren. Das ist der Unterschied. Aber in diesem kleinen Zerschlagenen und Aufgebäumten hat die jüdische Intellektdichtung ihre heroisch-depressive Höhen Ein Zwerg hadert mit sophokleischen Worten vom Sinai gegen Gott, aber dieser schaut nicht nach dem Buckligen. Drumherum stehen Weltwendegewitter.
Ehrenstein kam aus Wien, wo die Psychologen im Zerspalten immer groß waren. Auf tschechischem Kampfboden schlug die Einstellung etwas verändert aus. Übrigens ist auch von da Galizien nicht mehr weit, wo die Hemmungslosigkeit wohnen soll, und es gab und gibt viele, die Not und Eigenart der jüdischen Seele aufzeichnen, ihre Landschaftslosigkeit, ihre Heimatlichkeit in Jordanideen, ihre Efeuzähe, das Angeschmiegte an jede Staude, und doch im Herz der unsplitterbare Glaube an die eigene Berufenheit. Scholem Alechem und noch dichterischer Micha bin Gorion. Aber sie sind Schauende, Gebende, Willige. Mehr zeigen die Gepreßten, die von der Tragik selbst Gehobenen, die Exponenten des Zustandes. Die Prager gaben es bald auf, zu zerfasern und Betrachtungen durch Zerlegung ihres inneren Wesens vorzunehmen. Sie waren gläubig und hatten gleich ihr Ziel hoch im Ethischen aufgepflanzt und machten sich entschieden gegen höchste Klarheiten hin auf. Das besserte ihr Niveau ganz erstaunlich, und man dachte gar nicht so sehr an ihre Machtfülle, sondern an ihre Absicht und über die Klugheit, die fast glatt und sicher so sehr wußte, was not tat und was sie wollte.
Die Vordergrunderscheinung ist Max Brod und der medizinisch einwandfreieste Fall. Wären Unruh oder Frank so gescheit, es zerschnitte ihnen mit vielen Messern jeden Arbeitsblock. Bei Brod schleift es und treibt es voran. Je unheimlicher das Kluge Gott zu suchen scheint, um so näher kommt es ihm scheinbar, ja es findet bei „Tycho de Brahe“ sogar einen philosophischen Kunstgriff, ihn zu erreichen. Baalschem sandte wie einen Atemkringel den Kreis der Gläubigkeit aufwärts, und bald stand der um den Jehova gespannt. Brod erreicht ihn im Tennisduble. Es wird ein Kombinationsspiel. Netzspieler und Driveschläger ergänzen sich zum dreifach eingesackten Satz. Der bewußte Schaffer und der plötzlich eintretend Berufene erspielen die Lösung, den HERRN zu erreichen. In Haag nennt man das „Swanze“. In Marseille sagt man im Theater: „Une blague“. Am Hafen: „Un canard“.
Daß das mit Anstand, immer dichterisch, oft sehr langweilig, aber im Grunde mit der letzten hingebenden Haltung, die das Talent ausgibt, gemacht ist, darüber diskutiert man nicht. Aber diese Feststellung ist ungenügend. Es kommt auf die Ausgiebigkeit an. Auf die Trommel der Brust, die Penetranz des Tons. Man kann es nicht ganz als offene Karte hinnehmen, wenn zufällig, weil es fast gleich aussieht, Gehirnwürze statt Unmittelbarkeit und vornehmste Klugheit als Geist auftreten. Man wird sie entwirren.
Man schießt Brod wie Hirsche beim Wechseln ab.
Nach einer Wiese geht seine Sehnsucht besonders absonderlich, aber es ist sehr schwer für ihn hineinzukommen. Das ist das Übersinnliche. Er rennt, wenn er sich unbeobachtet glaubt, immer davor auf und ab, und sieht man ihn aus der Ferne, schaut es aus, obwohl gar nichts Hemmendes da ist, er renne wie ein Zimmerfalter gegen Glas. Es gibt da etwas, was ihn hemmt, was er nicht sieht. Aber da die Bewußtheit bis in die höchste Kultur bei ihm verfeinert ist, weiß er es wohl, was hemmt, und es bedrückt ihn.
Durch nahe Schleier sieht er die wundervolle Weite der jüdischen Mystik, die oft donnernder ist von Gottes Nahen als die katholische, und er möchte gern in ihr sein wie die Rabbiner, die Propheten, möchte auch das Gras essen des Rabbi Nachmann, und des Sirach. Aber ach, der Eingang ist ihm unsichtbar versperrt. Nun hat er aber den heilgen Berg in manchem Traum auf raffiniertesten Zirkeln seiner Seelenwege erschlichen, darum probiert er jede Finte, mit dem Geweih, mit den Tönen, duckt sich, macht sich unsichtbar, umschmückt sich mit Laub, daß er Bäumen gleiche.
Ehern ist ihm der Eingang gesperrt.
Einmal scheint es, er habe es erreicht. Doch ist es eine Spiegelung gewesen. Je schwerer es wird, um so zäher wird er es versuchen. Es wird noch lange so gehn.
Aber es gibt keinen Weg ins Übersinnliche, weil es im Herzen selbst ist. Und wo die Einfachheit der Blutkanäle fehlt, kommt keine überlegene Geistigkeit hinein. Sein Schleichen um die paradiesische Wiese ist ein Zirkulieren um sich selbst. Er hat gezeigt, daß man Gott erleben kann auch aus dem Hirn. Er hat es gewiesen auf die edelste Weise. Auch Karl May würde auf seine Art es nicht unversucht lassen, dies Gleiche uns ebenfalls zu klären. Schon in dem Augenblick, wo nur der Gedanke auftaucht, er wolle ins Unsinnliche, liegt schon eine Welt zwischen ihm und dem Ziel. Wo er versucht, das Mystische zu beschwören, indem er auf die Wiese wechselt, springt ihm das eigene Hirn ins Gesicht und macht ihn blind.
Ich habe bei Hagenbeck in „Beasts and Men“ ersehen, daß er glaube, in den Sümpfen Afrikas würden ohne Zweifel noch Dinosauren leben. Kürzlich las ich in der „Times“, bei Port Elizabeth im Kongo hätte Herr Levage ein Vieh angeschossen, das einen Rüssel und zwei Nashörner hatte, vorne die Beine des Gauls, hinten zwiegespaltene Hufe und zwischen den Schultern schalige Wülste. Es werden dies, wie ich, auf dem Lande, in York, Chester, Norfolk, im Lincoln Wold, in Kingston, in Hornby, Australien, Neuzeeland, im schottischen Wigtown, in Haidarabad, im kanadischen Athabaska, am Missinaibi-River, im Betschuanaland, in Somerset, in Kent, viele einfache Menschen, Bauern, Neger, Kinder, lesen und glauben. Sie werden Gott näher sein wie Max Brod, indem er ihn am heftigsten beschwört. Ich zweifle nicht, eine solche Sache würde den Prager sehr reizen, aber er in phantastischem Intellekt oder in logischer Ausschweifung daran verderben. Ich glaube, er würde das Tier theleologisch erklären und auch der Tatsache des Wunders einen tieferen Sinn und eine humane Notwendigkeit verleihen. Das gute Tier bei Port Elizabeth aber frißt und liegt in der Sonne afrikanischer Wollust, leckt sich den Bauch und verdaut. Ich muß dies bei aller Liebe und Bewunderung zu so feiner Züchtung des Hirns hinzufügen.
Aber der Zeitgeist liebt Räderschlagen. Der Nichtjude Meyrink geht auf der Wiese spazieren. Er ist tatsächlich darauf anwesend und geht mit Selbstverständlichkeit in den jüdisch-mythologischen Bezirken sogar. Ihm ist dagegen sehr unwohl draußen im Lebenskalkül. Als der Krieg ausbrach, beschloß er sogar, als er mit dem Marktnetz, um Gemüse zu kaufen, nach München hineinfuhr, in eine Bank einzutreten. Doch halfen ihm die plötzlich einsetzenden Börsenhaussen seiner Bücher darüber hinweg. Ist er jedoch aus dem Erd-Gedrückten ins Übersinnliche gekommen, hebt sich ihm Tatkraft und Kopf, er wird gleich in Vollwichs erscheinen. Buber wird schmerzlich lächeln und diese Prosa als Schändung des Göttlichen empfinden. Darüber hat, da es ums Heiligste geht, wohl der feinste Jude nur das richtige Urteil.
Meyrink ist der bedeutsamste Groteskendichter (weil symbolisch) unserer Zeit. Er konnte früher fast allein überweltliche Atmosphäre gestalten. Gewiß war sie oft von außen her gekommen, aber schließlich drang sie doch in die Zimmer. Es ist etwas an Unerlöstheit schon daran, wie bei Kubin, wo zwar die Gesichte manchmal tadellos durch die Bewußtseinsketten stürzen, aber meist doch eine literarische Vorstellung bleibt. Auch mache ich das Kreuz vor den Erfolgsbüchern. Man befaßt sich nicht literarischen Erwerbs halber jährlich mit der Abfassung eines Buches um die letzten Dinge. Dennoch ist er schwer verkannt. Sein Wesentliches wird effektiv lange währen, wenn auch die Signale und Symbole, die er um sein Starnberger Haus gesteckt hat, mit manchen Winden nach der Zugspitze flattern werden. Aber aus Kolportage, Bordell und heiliger Handlung richten sich gleich Fahnenspitzen die Dinge immer ins Gespenstige und das Entscheidende tritt ein, daß es hieraus genau so sicher ins Symbolische geht. Also ist Größe oft nicht fern. Auch ist die Sprache oft von dichterisch gezähmter Kraft. Manchmal kommt er von Kubin bis Ensor und zu Munch. Und das Jüdische mit mittelalterlicher Ghettoverdichtung, mit Angst, die Berufung verlieren, die Ewigkeitsverbindung übers Leben hinaus, den Hineinbruch des Todes in die Lebensebene als eine Parallele . . ., das sammelt sich hier in einer Hellsicht, die vielleicht gartenlaubisch gefühlt ist, aber die Atmosphäre hat, den Prozeß, die Faust und das Gelöste. Und selbst die Fanatiker, die jeden, der in Deutschland mit Auflagen die Kaffeehausziffer überschreitet und Erfolg hat, als Karrieremann und Miesnick so lange verbrüllen, bis sie das gleiche erreicht haben und verächtlich nach hinten schauend lächeln über die zurückgebliebenen Radikalen, auch jene Hanswurste der falschen Entschlossenheit werden zugeben, daß ihm eine Reinheit des Gefühls sehr oft nicht fehle, die an eine schönere und übersinnlichere Welt ein aromatisches und gutes Erinnern trüge.
So wandelt er, vielleicht kitschig aber sicher, auf den mystischen hebräischen Wiesen. Es hat den Fünfzigjährigen verwundert, als die Antisemitischen ihm die Fenster einwarfen. Unten schaukelten seine Segelboote, oben las er im aufgeschlagenen Fachblatt: „Wenige unseres Klubs werden wissen, daß unser Ruderobmann Meyrink auch ein bekannter Schriftsteller ist“. Aber wie Großes kann aus jüdischer Dichtung kommen (schon Werfel zeigt es), wenn sie vom Hirn einmal wieder losgelöst ist und mit Meyrinkscher Geschlossenheit auf den Wiesen geht. Buber wird Wege wissen, wie dies zu erreichen sei. Wahrscheinlich wird die Zeit es noch umfassender verstehen. Umsonst ist das internationale Band durch die Palästinensische Invasion nicht um die Völker der Erde geschlungen.
15. Sternheim
Er hat die Zeitzusammenhänge am tiefsten und erbittertsten begriffen, schließlich ist er tatsächlich schier ein Komplex von Profetie. Er deckte auf, riß Hüllen weg, geißelte und spottete wie keiner. Ehrgeizig gab er sich selbst den Namen des Neuen Moliere. Damit man ihn gut begreife, machte er die Sprache zu Latein, wundervoll glatt wie ein Tänzerinnenleib aus Lodz, gespannt und schmal wie ein Negerbogen von Fungurume, elegant wie ein Zebrafell, totsicher in der Führung der Linie wie Gulbransson oder der Fjord bei Tvervik. Noch interessanter wie seine Stücke spielen seine Prosanovellen in der Arena. Eine doppelte Bühne ist gebaut, übereinander. Unten geht vor sich im Detail und peinlich genau gezeichnet der Lebenslauf eines Kriminalen, einer Köchin, einer Ladnerin. Oben marschieren in ihren Körperhüllen (scheints), ebenfalls aber schemenhaft, imperatorisch aufgeblasen, dantehaft, hölderlinisch verzückt ihre Gefühle. Zwischen den beiden Bühnen ist ein Brett. Später wird um das Groteske zu nehmen, eine Vereinigung nötig. Der himmlische Ausgleich soll bewiesen werden. Da von unten die Kocherls nicht von selbst nach oben flammen, die Schutzleute sich nicht aus eigener Kraft aufsalutieren können, da Bewegung des Irdischen unten mit der himmlischen oben noch auseinanderklappt wie Kinobewegung und begleitende Musik, wird ein Apparat zugezogen. Schleier fallen, Scharniere kreischen, Nietungen krachen, ein Looping the Loop tritt in Tätigkeit, die guten kleinen Kerle kommen in die Schleife und sausen mit Motorgepuff, Vergaserradau in die dritte Kurve und die obere Seeligkeit. Einige riefen Herrn Sternheim auf die Bühne, da es ihnen schien, er habe die Regie verantwortlich gezeichnet. „Un Dupe“ schrie ein verkleideter Heiliger, der von Gethsemane gekommen, und die neue parsifalische Verheiligung der niederen Menschen besichtigen wollte, verließ seine Loge und fuhr, auf franziskanische Schablone eingestellt, nach Kopenhagen, um den Minister und Gesandten der französischen Republik Herrn Paul Claudel, der immer noch nicht gegen den Versailler Vertrag protestiert hat, aber ein großer Gläubiger sein soll, zu besuchen. Es war dem Wanderer bitter um das Herz geworden, denn er gab Geist und Können leicht und billig hin in einer Zeit, wo, wie er vernommen, es auf Gesinnung mehr ankam und auf Bekennertum wie auf das übrige.
Doch tat er Sternheim Unrecht, indem er ihn für einen Buffone ansah und das Geknirsch der Maschinerie für die Taktiken eines Roßtäuschers hielt oder irgend eines Brouillon. Die Unterstützungen durch die Mechanik waren nicht die Taten eines Böswilligen, sondern die Handlungen eines Verzweifelten, der die Gesinnung riesenhaft in sich spürte, aber nicht Muskel genug besaß, ihren Aufforderungen ganz zu genügen. Prokrusteisch eingespannt in Muß und Nicht-ganz-können zog er es vor, mit den Mitteln der Geistmaschine nachzuhelfen. Auch die Kreuzfahrer hatten sie verwandt, als sie die Mauern brachen, die die Predigt nicht stürzte.
Ja, als einige Zweifelnde, eine öffentliche déconfiture witternd, die Kulissen erstürmten, fanden sie einen Fleiß und eine Bemühung, die sie fast erschütterte. Die Ideen waren zwar in der zweiten Bühnenetage nicht mehr vorhanden, denn sie traten nur auf, solange unten die kleinen Existenzen im Parterre agierten, und waren nur solange bereit, diese in sich aufzunehmen, damit sie aus der Existenz übersinnlicher Marionetten oder weltlicher Schatten in eine einmalige und ganze Realität sich schlössen. Denn dann erst könnte allen deutlich bewiesen werden, wie sowohl Welttragik, wie Kunst, wie Herr Sternheim sich aus dem üblen Fall, daß alles in dem Dasein zweihaft sei, herauszöge und Gut und Bös, Groß und Klein, Gerecht und Unglück, zwischen die sich immer Tragödie klammert, zu einem unirdisch schönen Lebenssymbol sich verbände. Sie untersuchten genau. Aber ach, sie fanden nichts, was gegen Sternheim spräche. Die Auswahl seiner Puppen war glänzend, er beherrschte das Weltbild, er kannte die Drähte, die Schliche, die Leidenschaften und Fehler seiner Zeit und des Menschen überhaupt wie kaum je einer. Die Könige, die Dirnen, die Männer, die Generäle, die Niederen waren geordnet und gestaffelt wie der Geist es verlangte. Das Spiel war auf bestes Gelingen angelegt im Sinne der größten Dramatiker, die diese Erde überwandert. Sogar zur Unterstützung waren den Figuren die Linien großen Geschehens in die glatten erlebnislosen Hände hineingemalt.
Sie mußten sich achselzuckend und verlegen entfernen. An der souveränen Führung und Einsicht, auch am besten Glauben des Autors war nicht zu zweifeln. Auch der Herr aus Gethsemane hatte geirrt und eine Verwechselung vorgenommen zwischen der Einsicht des Dichters und seinem Können. Denn der Apparat war ihm schon profanierend. Ritt er jetzt nach Kopenhagen, ritt er, wie die Damen vor hundert Jahren, à califourchon.
Das Malheur ist eingetreten, daß ein Dichter hier zwar fast allein in einer Epoche früh kapiert hat, daß die Zeitlüge gezüchtigt werden muß bis aufs Skelett, damit dahinter eine neue Menschlichkeit vorgewiesen werden kann, daß einem neben der klaren Einsicht der genialste Kopf für Instinkt verliehen wurde, eine eigene neue Sprachform ihm zufiel, und daß dies alles aber nur bis zu viereinhalb Metern und nicht bis zum fünften genügte. Es fehlte Fähigkeit, umzuschmeißen, Kraft der Erschütterung, Schmiß ins Blut. Es blieb bei den Nerven. Man war abgestoßen oder entzückt, jedenfalls voll unbeschränkter Bewunderung. Keiner wird es lieben. Niemand, was selbst vollkommenste Werke verursachen können, wird Schrei oder Weinen fühlen. Man wird sie auch nicht hassen, höchstens beschimpfen.
Einer zog aus, den Stein der Kalifen zu suchen, aber als er ihn fand, war seine Hand zu klein, ihn zu heben. Jedoch auch daß er ihn nur fand und nach allen Richtungen drehte, ist im menschlichen Umkreis ein unvergeßliches Verdienst. Erstaunlich, mit welcher Sicherheit und Unfehlbarkeit Sternheim die Touren der Drehung nun vornimmt. Das Thema bleibt klein umschrieben, an einen geringen Kreis, an die Erde immer gebannt. Er versucht auch nicht titanisch ihn zu recken, müllert nicht, auch schwedische Gymnastik liegt ihm fern. Er bringt Hebebalken und Dampfdruckpressen, so kommt er manchmal etwas höher. Jedenfalls weiß der Autor immer, was nötig ist, wohin es muß. Er weiß es so genau, daß, wenn seine geliebten Marionetten am Horizont hinziehen und sie als typische Anonyme, als Kleine, Bagatellen der Zeit erscheinen, ihre Kulmination ausgezeichnet verläuft. An den Schnüren und Drähten menschlich vorgeschriebener, preußischer oder beamteter Existenz, zwischen Standesanschauung und gesellschaftlicher Verpflichtung läuft solch ein Dasein bis zur Schleife, wo das passiert, was keinem erspart bleibt. Da kommt Tod, Schmerz oder Umwurf oder irgend eine andere Maskerade des Tragischen daher. Das ist der brennende Moment. Nun kommts auf den Entschluß der Seele an, auf ihre Läuterung. Sternheim hat allein kapiert, daß hier der Schwerpunkt aller Kunst in unserer Zeit liegt. Nämlich zu 1: daß die Zeitlichkeit geschildert und dargestellt werde statt in phantastischen Zirkeln allein zu laufen und daß z. B. im Moment des tragischen Blitzschlags die Läuterung der Subjekte zu der seeligen Allgemeinmenschlichkeit vor sich gehe. Versteht sich wohl, natürlich und aus den Subjekten pflanzenhaft herausgewachsen.
Aber der Teufel fügte es, daß gerade an diesem Moment der Stein zu groß, die Hand zu klein war für den mächtigen Intellekt. Da aber stürzt sich, um zu retten, was möglich, Sternheim selbst in seine Figuren. Nun bewohnt nicht mehr das Schicksal den Busen der Bonne, sondern Herr Sternheim singt aus ihr das allgemeine Lied der Schöpfung und der Göttlichkeit. Nun ruft nicht aus der Pflichtgebärde des Schutzmanns eine sanfte Stimme von Aufgehn in der Kosmischkeit, sondern wie Kätchen Paulus an der Mongolfiere, durchfährt an ihn geklammert Sternheims scharfes Sprechorgan die Ballonkurve zur Ewigkeit. Im springenden Moment aufklafft der Knax. Der Sprung ist nicht zu übersehen. Einmal nur gelangs ihn zu verdecken. Doch diese Novelle ist von seiner Frau.
Vielleicht liegt mancher hervorragender Erscheinungen Sinn wesentlich in der Befruchtung, und ein reifrundes Werk hätte nur wieder einen Einzelblock in unseren Kulturweiher geschmissen. Wo aber Reste blieben, sammelt sich bald eine Armee. Hofmannsthal hat seine Generation gelehrt, auf Zwischenfarben zu sehen, geheimnisvolle Musik aus den Worten zu schlürfen. Wilde zeigte, wie apart es sei, daß Apfelschimmel Isabellaschnauzen hätten. Es paßte wohl in ihre Zeit. Wo die Erdachse heißer sich läuft an unteren Gewittern, sind schon stärkere Programme nötig. Führend ist Sternheim dabei ohne Zweifel an der Spitze. Auch hat er nebenbei nach Keyserling den klassischsten Stil im Deutschen, so barock er ihn aufzäumt und so grotesk er ihn verführt. Es ist ein Stil. Weltgefühl kommt hinzu, ergänzend zum dasigen Elend tut er die rosaschöne Ewigkeitsgebärde nach dem Loch ins Jenseits. In seiner Ironie ist wirklich auch Liebe zum Bessern, in der Anklage Wissen um neue Gebiete, der Haß ist oft überschrieene Verzweiflung.
Wie der Türke den Hund faßt er sein Lieblingsinstrument, den Bürger, nur mit der linken Hand an, das bringt die entzückende Schiefe in seine geistige Haltung. Wie einen Kinderdobsch jagt er ihn an der Treibschnur das Parkett der Gesellschaftsstruktur hinauf und dann decrescendo, worauf unfehlbar ein ethischer Träger schlicht in seinem Prunk am Ende erscheint. Und er kennt seine Welt. Verbeugungen, Ihr ahnungslosen Nichtse der Gesellschaftsschilderung, vor diesem Könner! Nicht nur den knabbernden kleinen Bourgeois hat er unterm Mikroskop, den großen auch. Die Welt ist aus Waschküche und schlecht gelüftetem Doppelbett nicht allein gemacht, das bürgerliche Zeitalter hat auch seine luxuriösen Idioten. Nur die Symbole, die Richtungen, die Sehnsüchte sind die gleichen bei Kriegervereinsprolet und kapitalbuntem Landrat.
Oben steigen die einfach geschlemmten Mahlzeiten ins Raffinierte. Was da Kalbsbraten mit Gurkensalat, kann sehr wohl bald sein Artischockensoße aus Milch, und Eier in Zitronensaft. In der Provence speist man Trüffeln, Wachteln, Bordeaux, Ortolane. Sternheim schreibt es nicht, denn er kennt nur die Brüßler und Pariser Küche. Ich füge Terrine de Nérac und Pâte de Toulouse hinzu. Auch Kaffee mit gestoßenem Kandis und Wein in Lackledergefäßen. Da unten fangen die Frauen schon an, vergoldete Augenbrauen zu tragen. Jasminessenzen steigen in die Nase. Ein tolles Leben. Die schönen Saffias tanzen mit den Bäuchen . . . .
Napoleonisch reitet Sternheim die Parade ab seiner Welt, läßt dann alles sich bis auf die Unterhosen entkleiden, da kommen trotz der ausgesuchten Laster bemerkenswerte und ignominöse Dinge zum Vorschein. Er vermeidet es, keine bis auf die Hoden zu verspotten. Auch läßt er die Städte der Menschen mit Spiegeln aushängen, das verdreifacht den entsetzlichen Effekt. Man darf nicht eins oder das andere seiner Kommandos anfassen, sie sind oft dünn und zerbrechen. Im ganzen hat er eine bestaunbare Strategie bewiesen, Kapital und Arbeit, Soziales und Gesellschaft gegenüberstellt, jedes nicht zu treffen vergessen, aber da geschoben, wo es nach vorne ging. Dann hat er wie der beste Mann de l’ancienne Roche sich nicht festgelegt, sondern den guten und idealen Menschen allen vorgeschildert. Aristokratisch letzthin im Prinzip wie Heinrich Mann auch und, wie sein stilistischer Bruder Cicero in seinem Buch über den Staat, gleichfalls die Meinung geäußert, nur die weisesten und edelsten Männer sollten den Staat regieren. Mag er selbst mauscheln, bleibt ihm irgendwo das heißgeliebte Ideal, die Flamme. Zwar etwas mager geraten und nicht gut von Statur zu Pferde, aber in ausgezeichnetem Trab und mit glänzender Fechtkunst schlägt er sich durch Barbarei und Dummheit, oft fast an ihr vor Wut krepierend, kreuzritterhaft mittenmang: en l’honneur de Dieu et de Notre Dame. Das ist wohl seine allgemeine Lage.
Aber vergessen darf nicht werden, daß das Instrument klein ist. Die Variationslinie war von reizvollster Krausheit, aber doch nur ein umfaßbarer Kreis an Radius. Bongré malgré ein genialer Könner mit Krücken. Aber da alles bis in die Satzzeichen und Gotteinstellung tadellos und von Spannkraft, ist die Wirkung auf breitere Fläche geronnen. Selbst Kaiser und Heinrich Mann gingen in das Garn dieser skeletthaft geschmeidigen Prosa. Alles wird gepackt und durchstoßen. Immer wieder wird krampfhaft und eifrig mit Jägerpfeifen und Balzen das Menschliche durchs Transparent der Leiber und Kröpfe hindurch hervorgelockt. Diese Bemühung ist so konsequent, daß sie nicht echolos bleiben kann. Auch der Versager muß Anerkennung sich erzwingen. Auch hat die Linie der Prosa eine hypnotische Wirkung. Wie in Rilkes leicht faßbaren Rhythmus verfingen die jungen Leute sich an sein rasch lernbares Diktat.
Doch auch das genialste Rezept ist nur gut für seinen Koch. Die Sternheim degengesenkt und schweigend vor Respekt anhörten, selbst wenn er ihnen zum Kotzen zuwider war, begannen leicht zu schwindeln, als diese Drachen am Himmel zu steigen begannen. Es schien, es sei die Sonne und das Blau aus ihm vergangen. Jugend, Dampf der Kuhfladen und Äcker, Einfältiges und Wildheit sei vor solch eisiger Diszipliniertheit, solch pinguinischer Leidenschaft und greisenhafter Athletik davongegangen. Die Büsche selbst begannen zu weinen, da es ihnen dämmerte, nun käme Le Nôtreische Zeit wieder und die Natur werde gleich den Pferdeschwänzen von neuem kupiert. Es würde ein erstaunliches Gähnen geben, hätte je dieser Stil die Gartenlauben erreicht. Doch die Imitation hat natürlich keine Frucht.
Wohl aber kommt das Beste aus Sternheims leidenschaftlicher Kraft des Ausscheidens. Nicht deshalb sind seine Sätze sehnenhaft, weil sie dünn gedacht wären, sondern weil er gleich Sherlock Holmes seine Produktionszellen bewacht, die mit der Funktion ausgezeichneter Nieren nur das Geschiedene durchlassen. Das Oberflächliche hat er am radikalsten verjagt. Er hat am intensivsten aufs rein Wesentliche den intellektuellen Stil beschränkt, und was kritische Köpfe von der Ovalform Rudolf Presbers ihm als Telegrammstil vor die Füße warfen, war nichts anderes, als das operative Messer, das als Zeitstil die musisch gewellten Leibchen des Kronprinzendichters unkeusch lüftete und in den Boreas hing.
Auch verführte Sternheim sehr zur Sachlichkeit, was nicht unwichtig ist. Begrenzt ist es natürlich, geht er vor gegen das Ekstatische. Man liebt ja seine eigenen Fehler gemeinhin so wenig wie die Tugenden seiner Feinde. Doch gilt es nicht eine subjektive Norm hinzustellen, sondern bloß Klares und Unklares abzuwägen, um zu harmonischem Urteil zu kommen. Es ist etwas infantil, sein Temperament als Maß für die Welt zu projizieren. Das ist vielleicht Politik, aber nicht Urteil. Ist eventuell erklärlich, aber keineswegs gerecht. Vielleicht ist es in manchen Fällen sogar klug, aber es ist nicht das Bestimmende. Darauf aber kommt allein es an. Auch ist wichtig, daß er allzuvielen Ekstatisierern immerhin ein kühl lächelndes Gegengewicht bietet. Auch auf die Balance kommt es an. Eine Sternheimschule als führende Literaturrichtung Deutschlands würde keine menschliche, ja nicht einmal eine literarische Angelegenheit, es würde eine rein stilistische. Wir hätten die ledernste Akademie.
Der Autor ist auch selbst nicht einseitig in dem Werk selbst. Schwingt sein Reck doch selbst zwischen zwei Regionen, der irdischen und der paradiesischen. Allerdings hat er nicht genug Wade und Hüfte, um ganz hinüberzuschwingen. Jedoch ist keinem seine Richtung unklar: daß es ihn aus dem Boshaften und Harten immer ins Weiche und Unendliche verlangt, jenem Georg dem Vierten nicht unähnlich, der nicht allein ein herber König der englischen Menschheit, sondern auch ein Liebling an Gärten und großer Blumenamateur gewesen war.
16. Heinrich Mann
Ein glänzender Blitz fährt durch Europa vom Süden herauf über Venedig, Genf, München, Paris, Stockholm. In den Städten ist grenzenlose Bläue. Landschaft mit schwebenden Gärten. Meer glüht, See oder Fluß bis in uferlose Berauschung. Die Luft ist erregend, im Blut nur zu verstehen und auszutragen. In der deutschen Achse steht Heinrich Mann, nicht umsonst ist die Leopoldstraße die schönste Gerade Deutschlands, nicht umsonst fällt auf die Dächer der Theatinerstraße schon italienischer Himmel. In Frankreich hätten sie Mann gefeiert, die Römer hätten ihm gehuldigt. Bis in sein fünftes Jahrzehnt haben ihn die Deutschen geschmäht. Er hatte Hohn nur auf die Bourgeoisie und empfing die Quittung. Auch haben seine Bücher einen Stil nach konzentrierter einsamer Größe, daß man, allein an Plumpuddings und Gelees gewöhnt, die breite Schärfe nicht begriff. Was an ihm schon ins Europäische wollte, hielten sie für französisch. Sie hatten nicht ganz unrecht. Er war wie eine Brücke aus dem Sumpf in die hellen Orchester einer jungen Generation, aber auch der Schwebebalken, den die absterbende große romanisch-demokratische Kultur tief in die deutsche Ratlosigkeit hinübersenkte.
Als Rembrandt, Poussin, Bernini starben, stand das Spätbarock den großen Meistern schon ohne Verständnis gegenüber. Wieland höhnte, als Bodmer sich an seinen Zöpfen erhing. Auch Heine hatte nicht viel übrig für die Romantik, die wiederum an den Klassikern nur Gefühle der Abneigung empfing. Seltsam, daß aber in der Zeit widerstrebender kleiner Kämpfe die großen Übergangsbegabungen gleichzeitig die Riesen waren und, noch halb verwirrt und oft ziellos nur im Instinkt, schon nach dem griffen, was der kommenden Generation als einzig sicheres, klares Bild vorschwamm. Wedekind, Strindberg, Heinrich Mann wurden plötzlich aus der Einsamkeit der nachnaturalistischen Zeit zu Mittelpunkten erhöht. Man kann ruhig auch Kerr hinzufügen. Es scheint heute, sie hätten die breiteren Achseln gehabt, während die Generation heut sehniger, aber schmäler ist. Bei den Schauspielern ist’s das gleiche. Bassermann, Steinrück, Wegener spielten den Kitsch ihrer Zeit, aber wen setzt die geisthafte junge Schauspielerschaft ihnen an Blutfülle, Erdkraft und Gewalt der Wirkung gegenüber? Heinrich Mann hatte vor drei Jahren die Liebe der Jugend, es ist möglich, daß es sich ändert. Sie erkannte an ihm im Instinkt den Kämpfer gegen Seitheriges und den angestrengten Arbeiter nach gemeißelter Form, den Erhalter des Dichterischen in der Prosa, als vogelweidhaft aufgeputzte Bürger und Beamte diese in ihre niederen Betten führten. Auch war sein Wuchs zu deutlich, sein Oeuvre das einzig Repräsentative in der neuen geistigen Haltung und Politik (wenn auch lange nicht so geschlossen wie das des Grafen Eduard Keyserling, doch um vieles sicher mächtiger im Können). Das Ausmaß dieses lange Alleinigen zog den Respekt an. Er war unter dem Ansturm einer ihn begeifernden Zeit sehr breit geraten. Auch die Griechen liebten die Eckpfeiler der Säulentempel ein Sechzehntel dicker zu nehmen wie die der Kolonnen, da, wie Vitruv sagt, die Ungeheuerlichkeit der Luftmasse sie dauernder attackiere wie die anderen, und sie nicht, wie die inneren Rohre der Sphinx, aneinandergelehnt und gesichert stünden.
So entwickelte sich die Sache, doch ist die historische Form des Anfassens genau wie ihre Wahrheit wahrlich nicht de saison. Wie die Jungen Mann holten, werden sie ihn wieder abstoßen. Die Entwicklungen haben lange gezögert und sich dann überstürzt. Dem deutschen Publikum waren es lange Anaglyphen, was er edel und unentwegt forderte. In absolutistischer Zeit stritt er für Demokratie. Als der Zustand erreicht war und man seine Bedeutung plötzlich erkannte, war die Seele der Jugend weiter gerutscht und versuchte nicht mehr in Parlamenten und der Mehrzahl völkischen Wollens Gottes Finger an unserm Geschick zu erkennen. Die Distanzen werden sich vergrößern, er wird tatsächlich zwischen den Generationen stehen als ein Könner, der einzige Romancier Balzacschen Sinnes, ein großer Diener und Bewältiger der Idee einer imaginären Gerechtigkeit auf der Erde. Wahrscheinlich werden sogar die für Gestaltung unzugänglichen Literaturgeschichten nach uns dies de rigeur annehmen. Ich habe keine Lust, perpendikulär zu kommen. Aber es wäre möglich, daß durch eine Flankenbewegung in noch späterer Zeit Mann wieder Anschluß bekäme.
Denn die ganz ins Linke geflogene jüngere Generation könnte aus dem Versagen der Revolutionen sich zu einem souveränen Skeptizismus erheben, der wohl Bessern aufs Panier setzt, aber an die Verwirklichung nicht glaubt. Denn immer zog nach heftigsten Revolten die Anziehungskraft der Erde das Bestehende noch grausamer zurück. Die Menschheit war selbst in Ruhrepidemien, zur Blüte der Pestbeulen und in dreißigjährigen Kriegen zu träg und zu elend, sich vorbereiten zu lassen auf das irdische Paradies. Sie liebten ihre Peiniger, und je mehr die Dämonen ihnen das nackte Fleisch aus dem Körper fraßen, lobten sie ihren Biß. Als Dom Miguel nach seiner Verbannung am dreißigsten Juni Achtzehnhundertachtundzwanzig den Staatsstreich in Portugal machte und alles tierisch tyrannisierte, war es genau die gleiche Erscheinung und das nämliche Theater, das im gesegneten Jahr Neunzehnhundertundneunzehn in Budapest und München die Generäle der weißen Garden aufführten. Aber es ist vergessen worden. Auch sonstwo trifft sich in jeder Jahrhundertparzelle der Historie dasselbe Spektakel, nur daß Deutschland die raffinierte Würze hat, den Akt durch eine sozialistische Regierung in Szene gesetzt zu sehen. Immerhin glaubt und kämpft die europäische Jugend noch fest an einem Ziel, das über Manns Ideale der Demokratie weit hinausgeht. Selbst wenn es Utopie und Bürgerspaß bleibt, wird der Akkumulator der ethischen Energien es nicht umsonst sammeln und eines Tages zurückgeben aufgespeichert, gespannter und wie alles Gerade und Kühne nicht umsonst getan.
Die Menschen von ganz links sind die besseren, weil sie die ganz anständigen und idealistischen sind. Die von ganz rechts sind die Schlauen, weil sie auf festem Boden stehen und Kilometerstaffeln der Unterstützung durch alle Dummen und Trägen haben. Außerdem riskieren sie nur wenig. Vielleicht wird eine geistige Partei der optimistischen Skeptiker oder der schlauen Idealisten sich ergeben. Sie werden taktischer vorgehen. Vielleicht ist Heinrich Mann dann aber, wenn sie ihn wieder erreichen könnten, schon von Sturzböen der Zeit überschwemmt, und andere unvorhergesehenen Richtungsschwenkungen der Weltwagen machen dieses Problem hinfällig. Auch dies wäre Tragik. Doch darf man über das Ganze sich keiner Täuschung hingeben. Es ist ein komplizierter Vorgang.
Genau wie Werk und Figur des Mannes selber, der als ein glänzendes Bild des Mutes der unentwegten Gesinnung und des fast beispiellosen Könnertums dasteht. Immer schlingen sich aber Verwirrungen hinein. Eigentlich ist er eine Bestätigung von der ungewöhnlichen Prägungskraft der Form, zu der alles letzthin strebt, und die allein uns alles groß Menschlich-Gewagte zurückgibt. Dies starre, die Materie zermalmende Element fraß sich bei Manns Büchern allein durch die Unkultur seiner Jahrzehnte, ohne sie wäre alles ihm auseinandergefallen. In seinen ersten Vorstößen ist soviel Jugendstiliges, Breites, Kitschiges, daß nur die überlegene Gestaltung es hält. Später ist das klassizistische Suchen und Schwärmen in reinen italienischen Linien uns arg lugüber. Die Fäule des oberen Bürgertums zu detaillieren genügt noch nicht; auch wußte er anfangs nichts damit zu machen. Die minervischen Enthaltsamkeiten der Herzogin von Assy führen in einen geschlechtlosen Ästhetizismus. Es hält schwer, sich für diesen Marmor zu begeistern. Es ist interessanter, bei einem Gewitter einer Dame mit roten Seidenstrümpfen Alfred de Musset vorzulesen.
All das damals Geschaffte hält tatsächlich nur die Form. Doch steckt hinter ihr natürlich als Motor der unerbittliche Geist. Irgendwo kommt auch in den satirischen Büchern, wo’s mehr um Unterleib und Bürgerluxustapeten geht, die radikale, durchpfeifende Fanfare der Gerechtigkeit und des siegreichen Feldherrn Geist durch. Auch in der virtuosen Hanswurstiade von der „Kleinen Stadt“ krönt das schließlich. Gewöhnlich findet er für seine Bücher keine Schlüsse, da wird er tastend, unsicher, bricht in ganz neue Themen aus und kneift irgendwie in den anderen Stoff. Das ist natürlich bezeichnend für den Übergang, er ist sich noch nicht klar in der Welt, auch ein Wort wie Gerechtigkeit und Demokratie muß bis in die letzten Konsequenzen des Weltgefühls gestaltet werden können, wie Balzac aus einer Wiese, aus Blumen und Früchten Ursein machte. Bei ihm wird aber noch viel reflektiert und gedacht. Es ist da ein Zwiespalt. In den Essais ist die Lage fest erfaßt, doch geht es da um Denken und nicht um Stadt, Schwanz, Rasse und Gewächs. Das einzurangieren blieb auch dem nicht ganz erfüllt, der zweifellos der größte Geist der Epoche ist. Auch all das Scheitern sagt nichts dagegen.
Seine Novellen werden neben Kleist gesetzt werden, obwohl sie um etwas Hohles herum gemacht sind. Innen ist ein Krampf. Klopft man die Faßrundung ab, klirrt es nach Ungefülltem. Etwas fehlt. Einmal dekouvriert er sich: Er hat gekämpft jahrelang und manches erreicht, den Deutschen ein großes Oeuvre hingesetzt, für das selbst die Jugend hinter ihm her ihn liebt, wie es scheint. Aber er kennt den Spalt in seinem Wollen. Sein romanisches Mischblut vermag es oft glänzend zu überdecken. Er möchte alles tun, muß aber alles denken. Er muß sich entscheiden zwischen Leben und Schreiben. Er wählt das letzte. Er schreibt und krepiert vor Neid um den Tatmensch. Jene Entscheidung, die jedes Künstlers Zwiespalt ist und die der Instinkt eines jeden von selbst reguliert aus der Kraft heraus, die entscheidet bei Mann sich einseitig. Er geht nur auf das Nachschaffen des Lebens. Er asketisiert sich. In ungeheuren Gebilden phantasiert er Leben zurecht, aber er verzichtet selbst. Liberi aut libri! Er ist für die Bücher, aus ihnen soll der Geist hinausgehen, es wird ein entsetzlicher Krampf, wohl mit Ehre, Ruhm, Ansehen und Glück bekränzt. Spöttisch sieht er gegen die Wand, wo ein Condottieri im Rahmen steht, der nur mit Frauen und Raub sich befaßte, nie geistig Geronnenes in unsterbliche Phantasien schmolz.
Als sich die Blicke treffen, senkt sich der des Dichters.
Hier ist vieles verfehlt. Sein Bau zwar ist errichtet, doch in der Mitte ist Unerlebtes, aus Angst Versäumtes, einer Fischleiche nicht unähnlich, die nur die leere Blase aufrecht hebt. Mediziner und Betrachter niedrigen Rangs nannten es Hysterie. Es ist das Sichaufsparen einer nicht ganz genügenden Potenz für eine einzige Richtung. Manchen Tag wird er sagen: Roi ne puis, Duc ne veux, Rohan suis. Aber es wird eine Verlegenheit sein, die der Geist ihn taktisch zwingt zu gestalten. Er wäre wohl gern das eine und das andere und hätte nie wohl das Königliche vermieden, wäre es in Leben und Gestalten, in Fülle und Geist ihm verliehen worden.
Beschränkung und Verdoppelung kam so aus Schwäche. Indem er sich zurückzog in die Empfindlichkeit seiner Nerven, hat er nicht verfehlt, den Kontinent der Abenteuerlichkeit und der geistigen Navigation bis in die exotischsten Häfen anzulaufen. Er wird oft grausam in der Verhaltenheit, aber die tragischen Hügel seiner Wanderung erhalten eine Süße, als seien Madonnen und Ölbäume auf ihre karge Erhebung gepflanzt. Auch speit er und keift aus Haß gegen die Woge der Zeit, die an ihn heranschwemmt, Gründerjahre und Geld, die ihn manchmal verführen zu spielen, statt zu richten. Aber im einzelnen ist der Geist unfehlbar bei ihm.
Den Menschen erreicht er stets und treibt ihn an die Rampe mit wundervollen Triumphen. Die Gebärde des Stolzes ist spät aber byzantinisch im Goldton und demütig in der Verantwortung. Die Enttäuschung bei so breit angelegten Werken hält ihn nie auf. Plus je connais l’homme, j’aime le chien hat Pascal, nie ihn zur Flucht gewendet. Auch Skepsis wird ihn nie überwältigt haben, so sehr die romanischen Nischen seines Bewußtseins ihn dazu führen. Das verwechselt sich leicht mit Gerechtigkeit, die er sich konstruiert. Er wird nie Partei nehmen, auch nahm er sie nie. Etwas Ängstliches kommt dann ins Gesicht der Sätze. Er ist nicht für Tat und Konsequenz, mehr für Aufgabe. Und für den Egoismus, sich ihr zu erhalten. Vergeßt diese Reservatio nicht. Doch bleibt er, schaut nach einem langsamen Jahrhundert man zurück, ein Turm da, wo er stand. Er konnte viel. Vielleicht irrten, die ihm Plätze zuwiesen, an ihm mäkelten. Vielleicht wird man erst in zweien Säkulis das Hohle wieder hören, dann donnert es vielleicht. Die Zeiten trennen sich jedenfalls hier. Manche werden vielleicht von rückwärts aus der Jahrhundertiefe vor uns ihn reklamieren, etwa kann’s auch geschehen, daß er vom Zukünftigen vor und heftig verleugnet wird. Jedenfalls ist hier Küste. Manchmal stürzten Wachttürme ein und man vermißte sie später nicht.
Letzten Endes kann er immer die Lebenskonsequenzen nicht ziehen. Er hat sich faustisch dem Gerechtigkeitskompaß verschrieben. Das führt ihn zu Summen, die er nicht zu addieren, die er nicht zu gebrauchen vermag. Er weiß den Sinn zu predigen. Als er ans Soziale gelangt, zerbricht es ihm in der Hand. Er hat die Renaissance durchschweift, Seelen und Körper sich hingeben lassen an den Glauben und verschwendet wie kein Deutscher vor ihm. Aristokrat auch er und Gemeines hassend wie Pest. Nun soll er, muß er, geführt und geleitet von dem führenden Stern, die proletarische Kaste beschreiben, die er nicht versteht, deren Sinn ihm nebelhaft ist. Er weiß, das will herauf. Er sieht, wie Zola gigantisch sich gemüht. Er hätte vielleicht vermocht, in einer viel späteren Existenz die Seelengröße des Zeitalters, entfernt und voll innerer Kühle, zu geben wie keiner. Das genügt nicht mehr, er soll nun führen, Weg weisen, nicht Tragik der Tribunen geben. Ach, dieses Ufer ist nackt und ohne Farbe. Es bröckelt Sand ihm aus der Hand. Weiter nichts. Es bleibt vielleicht die Schilderung der Zeit, das Herzeigen der Konflikte, nicht ihre Überwältigung. Matt wird das Blut, dünn der Aufstieg. Auch hierin steht er zwischen der Zeit.
Die Jungen nennen voll Ehrfurcht seinen Namen, übergehen Tadel gerne, weil es ihm geschuldet ist aus den tausend Wunden, die er voll Zähigkeit für sie trägt. Doch sehen sie ihn nur noch spielen mit Ideen und Formeln der Gerechtigkeit, nicht mit ihrem blühenden Fleisch. Als der letzte Große aus Rom kam, den Louvre zu bauen, empfing ihn der Hof des vierzehnten Ludwig mit den größten Ehren, die der Geist verlangte. Den Bau hat aber später ein Junger, Perrault, geschafft. Wundervoll die gespannte, innen tief verhaltene und verkrampfte Gebärde, mit der, wie niemand heute, Heinrich Mann, geistig und adlig, sein vielspaltiges und großes Werk zusammenhielt. Ohne diesen Ring bräche es auseinander wie eine aufgeschnittene Garbe. Es war Leuchte und Kraft in ödester Zeit. Man wird nicht aufhören, sich der Herzogin von Assy zu verneigen, die Süßigkeiten und Trauermärsche stolzen Seelenbewußtseins schwingend zu verspüren. Einer hat die Zeit wütend da gegeißelt, voll Distanz, und beherrscht, und ihr doch das Schöne gewiesen der Inseln der Schiffe, der Tapferkeit tief aus den Rinnen der Historie herauf. Ausschweifungen des Geistes fanden keinen strahlenderen Heros. Süden, Macht des gerechten Kampfes und Blutes sind um ihn. Seine Jacht ist um den Tierkreis und die Erde weit herumgelaufen, während er träumte, auch hat er gebaut, an manches gedacht und kolonisiert. Fahnen senken sich, Häupter sind entblößt vor der Leistung.
Manchmal wird nur gedacht, wo es hohl klinge in der Wölbung des Werks, sei vielleicht falsch gehört. Kein künstlerisches Vakuum sei im Zentrum, auch nicht allein das Versagen. Er habe vielmehr, indem er sich der einen Richtung des Geistes verschrieb, gegen das Menschliche versündigt und mehr gegeben, als er dafür nahm. Ruhm wohl empfangen auf dem Weg des Geistes, aber es sei ein dürrer Kranz. Wo er gegeizt habe wie ein Wucherer, wo er gespart und gefeilscht habe, vom Leben und der Tat immer wegnehmend und es ins Imaginäre der Idee setzend, um Kraft aus der Schwäche zu ziehen, da sei ein Fehler in das Zentrum gefahren, er habe das Wichtigste versäumt und mit schiefer Einstellung nur noch gesehen. Wo blutig das Herz schlüge, sei blaues Eis.
Er habe die Menschen nicht geliebt, sondern ihre Ideen.
Sei fanatisch, aber egoistisch gewesen, habe als schiefer Radikaler und verschobener Märtyrer nur der Pfunde gewaltet. Sei nie bis an die Menschen gekommen, habe, Hand über den Augen, tief denkend, an der letzten Küste gehalten.
Der Weg war indirekt.
Ob er es begriffe.
Am Kap Matifu, als er in Tunis strandete, schrie Karl der Neunte: Glück sei die Hure, die nur von Jugend karressiert sein wolle. Am Ufer sind Kämpfe weit von Mann, neue Generationen aufmarschiert mit anderen Losungen. Ob ihm ein Schleier reiße und er fühle, er habe eigentlich sie nie erreicht, nie erfaßt?
Edel in der Haltung, wird vielleicht er es nicht verstehen, nicht sehen, neuen Büchern zufahren, während die Zeit sich vollendet in seinem Rücken. Vielleicht aber ist jedes Wort falsch und jeder Schritt unrecht, den die am Ufer tun. Aber sie haben sich entschieden und haben aus heißer menschlicher Leidenschaft gehandelt. Doch auch das würde dem Wegfahrenden wohl nicht klar sein, denn es wäre zu nah für ihn. Er kann es aus dem Blut nicht verstehen, nur aus dem Geist. Der aber segelt ihn nur bis dahin, wo das Begreifen beginnt. Hier scheiden sich die Wasser, man muß es nicht deutlicher zeigen wollen, als es ist.
17. Durchstich durch den vierundzwanzigsten Januar Neunzehnhundertzwanzig der Literatur
Zur Not begriffe mein Hund Tobias, daß, als die Menschen in Zahnradbahnen auf die Gletscher glitten, mit Gasbomben und Feuerspritzen sich töteten, im Luftschiff nach Stockholm vom Bodensee aus flogen, das Fett des Zivilisatorischen ihre Brüste und Hüften übergoß, und die heimlichen Lenden der Dichtung abmagerten wie Mädchen im fünfzehnten Jahr. Darum waren Revolutionäre der Ideen wie Baudelaire entschlossene Gegner des Fortschritts. Die Schlappschwänze, welche die Prosa von einem Krieg zum andern zu hüten hatten, liefen aber hinter den Techniken her, und unfähig, sich überhaupt des Größeren zu begeben, verloren sie sogar die Verantwortung vor dem Wort. Bierbaum, der seine Zeit fürstlich repräsentierte, hatte stilistisch nicht mehr als ein Kommis. Man schrieb, wie man aß, badete, ins Bett stieg. Die Magie der Sätze, die Farbskala der Vokale, die dichterische Biegung und Bremsung der Perioden, es galt ihnen nichts. Sie hatten es vergessen. Die Sprache ward Mittel und Zweck, sie kehrten ihre Lächerlichkeiten damit in die Ecken. Jeder Wurm, dem drei Verse gelangen, war ein Papst, aber der Titan, der die mißhandelte, tags genotzüchtigte Sprache aus Gosse und Bürgerschleim auftrieb, melodisch beschwingte und zu Glut der Entfesselungen bestürmte, ward verlacht, übergangen. Irgendwo lebte zwar Nietzsche. Man wußte es nicht. Sie hatten an nichts sich mehr erinnert. Man wird ihre Unfähigkeit vielleicht entschuldigen, weil sie schließlich ihr Leben auch gelebt haben wie andere und nicht mehr Fähigkeit abgeben konnten, als in ihren Knochen Saft hockte, doch man wird sie ohne Besinnen in die Kehrichte schmeißen, weil sie vor der Verantwortung fahrlässig sündigten und wie betrunkene Kutscher vergaßen, wohin sie sollten; aber noch mehr, welche Vermächtnisse und Aufgaben hinter ihnen lagen.
Geliebte Dichter.
Wie saß im Stabreim schon, der nichts anderes war als beherrschte Prosa, die heidnische Rhythmik wie ein gefesselter Athlet und zuckte mit den Muskeln. Man hat die ganze germanische Dichtung erzählend vorgetragen: Die Zaubersprüche der Merseburger, Wiens Hundesegen, Lorscher Bienensegen und Blutsegen, der wundervolle Torso des Wessobrunner Gebets das hinter einer Litanei eine heidnische große Schöpfung schwingt. Notker Labeo entriß den Klerikalen sie aus dem Latein. Hinter dem Epos her führten Ekkehard und Mechthild sie bis an den Rand der Seelendarstellung, glühten sie in Inbrünsten und Sehnsüchten. Brant und Gailer hinterher. Grimmelshausens Sprache ist breit und gewachsen. Volksbücher bringen Derbes, Abenteuerliches, Unzüchtiges hinzu, es geht manchmal schon gewaltig al fresco. Hutten schmiß sie wieder aus dem Außenseiterigen der Bildung und feuerte den Mut und das Bekenntnis hinein, es stieg ins Menschliche und auf die große Tribüne der Gerechtigkeit. Luthers Plastik. Lessings übersachliche Strenge. Nun wurde es reifer Obstgarten, himmlische Schmiede und hohes Urteil. Die Eleganz gab Wieland. Büchner den wilden Aufruf und die Jugendlichkeit der Begeisterung. Die gigantische Ausweitung kam bei Jean Paul, dem schöpferischsten Phänomen der Deutschen. In romantischen Epochen schwankt der Geist immer mehr in der Atmosphäre, und Jugend ist auf Treppen, Dächern und Bergen aus, ihn zu suchen. Dazwischen Heines üppige Schärfe und Gepflegtheit. Klassisches kommt in der Regel auf Jambus und träumt sich in Alexandriner, hat Kothurne für die Bühne. Was in ihr für Prosa bleibt, ist gemessene Beschreibung und zu edel und zu sehr voll Langeweile, die feurigen und sehnsüchtigen Pferde der Sätze die Gangarten großer Erhebungen machen zu lassen. Mit gutem Geschmack ist ein Gedicht Paul Heyses zwischen glitschigen Austern und Crême fraiche vielleicht noch zu ertragen, seine Prosa unentschuldbar. Heinrich Mann und Kerr und Wedekind standen umheult, als nach der Romantik die Prosa in die Trottoirs des Verkehrs geriet und man sie dort verbuhlte. Es scheint, man hatte ihr ein Opiat eingegeben, und die armseligen Verbrecher, die sie beschliefen, entlockten ihr immer wieder das Gedächtnis daran, woher sie komme und welche Haltung und Würde ihr angemessenes Mindesterbe sei. Sie fuhren mit ihr Schnellboot und, Lunapark und Hundertzwanzigpferdekräftler, und als Herr Kellermann sie besaß, hatte sie einen eleganten Geliebten, der sie wohl kühn aus bürgerlichem Gequassel entführte und Geschmeidigkeit und Tempo ihr vorführte wie keiner der Nullen vorher, aber nur raffiniert überkandierte Schleifen mit ihr jagte, innerlich unbeteiligt blieb und reizlos wie Herr Ebers und Schlaf, und nie daran dachte, den Kreisschwung zum Rosahorizont Geist mit ihr zu machen. Er hatte sie getäuscht, denn er sah Bildern früherer Geliebter ähnlich. Sie verließ ihn rasch, als die anderen und Neuen kamen und Verantwortung und das große Pathos um die Lippen hatten, welches sie seit dem Malermüller und der Bettina nicht mehr gesehen. Auch ging ein Schatten über die Pupille und sie kam näher an Europa. Sie nahm ohne Zögern eine Fackel in die Hand.
Sie hatte damit immer schon hinüber und herübergeleuchtet. Einmal gings zwischen Dänen und Deutschen mit den Sagen der Helden. Von den Italienern kams, als Petrarca nach Prag kam, Hutten zwischen den Humanisten heraufritt. Spät gings hinüber zu den Tschechen. Später noch, als der Glîchezare den Ysengrimes den Niederländern nahm, und die indische Fabel unter dem Scheine hereinzog zwischen Elbe und Ems. Immer aber hatte sie zwischen den Vogesen geleuchtet und ohne Pause war es über den Rhein herübergeströmt. Über der Mystik stand Bernhard von Clairvaux. Zwischen Silberhimmel und Olivengrün kam das Provençalische zum Minnesang herüber. Namen fielen ihr ein, als sie Gottfrieds von Straßburg, Wolframs, des von der Aue gedachte, die als gute und große Führer diesen Deutschen den Weg gaben: Chrestien de Troies, der von Britanje, Benoit de St. Maure. Hinter diesen zogen scharf und fast blau die Pyrenäen und das Loch aus dem Asiatischen her, wo blonde Mauren einmal in das bräutliche Fleisch Europas eingeritten und die Dulce France von den Höhen her mit fremden und schönen Orchestern so überspielten, daß es bis über den Rhein, nur in französische Zungen umgebogen, brauste. Immer hatte die Fackel den Zug der europäischen Bindungen überschienen.
Sie lächelte, als große Worte heraufklangen. Es schien ihr, als ob ihre Haut und ihre schönen langen Schenkel bald wieder in paradiesischen Gärten und um wilde Pferdebäuche gehen würden. Als sie den Bart des Francis Jammes sah, der die schönste Stimme Frankreichs hat, nickte sie. Auch Schickele übersah sie nicht, als er sich aufmachte, das denen über dem Rhein zu sagen. Es wurden Feste in München, Heidelberg, Berlin, Darmstadt und in den Bergen gefeiert.
Man war dort sehr erfreut, denn die jungen Dichter fühlten den Atem der gleichen Absicht, das humanitäre, straffe, helfen wollende und leidenschaftlich angreifende aus der Luft. Zurück wich mehr gegen den Rand das Allzuviele, in dem ihre Straße nur als blankster Keil lag. Es kam Verwandteres und Geliebteres als das, was Volksgenossen immer noch den Kriegsinstinkten, den Hetzereien, der bösartiger Dummheit und den einfältigen Lastern gaben, und wo schlechte Handwerker an großen Aufgaben turnten. Epigonen des alten Schrifttums herum schlugen die Leier als Elegiker ihres Verkanntseins und hatten endlich als Fürsten Herrn Paul Ernst sich erwählt. Geschwänzte Knaben ritten Foxtrott auf den Sätteln, unter denen Gäule fehlten, aber sie übertönten den Galopp mit Geschrei. So brandet es rechts und links und von allen Höhen heran, man hält die Mitte und schaut nicht um, aber man saugt es gern auf, stürzt der Horizont herunter mit fremden Freunden. Ich sage es gern.
Denn natürlich steht mir Anatole France näher wie Hermann Stehr. Und René Arcos und Martinet, Goldring, Barbusse, Duhamel, Jules Romain, Dymow näher wie Herr Presber, Herr von Zobeltitz, Frau Dill, Frau Gabriele Reuter, Frau Boy-Ed, wie dieser oder jener Literaturschieber Cohn oder Kahn. Natürlich ist es wichtiger, das nackte Herz der Fremden eigenem Volk angenehm zu zeigen als Quatsch und Bockkohl eigener Volksproduktion immer wieder am Weg zu sehn.
Aber es muß einen Sinn haben, wie der Austausch sich untereinander verbindet.
Einmal müssen endlich die Zollwächter der Verantwortung an den Rhein- und Elbbrücken stehen und auf den Bodenseemonitoren, auf den Ost- und Nordseetorpedos sitzen, damit nur das bei uns einfällt, was als gute Sternschleuder bis auf den Boden zischt und die Völker einander kenntlich macht: so sind diese, das sind jene . . . und daß die Idee, mit Blei und Kugel einmal gegen diese an einem unsinnigen Tag heran zu ziehen, verzischt und verknallt. Aber natürlich darf nichts in jener Tendenz nahen wie die unsterblichen Dokumente der Dummheit, in denen Heerführer und Gesandte anderen Völkern ihre Barbarei bewiesen, indem sie den prunkvollen Glanz deutscher Demut und Kraft ihnen anpriesen wie Wurst und Präservativs. Die Vorsehung wollte es, daß man den gegenteiligen Zweck erreichte. Auch hat man gelacht. Man braucht den Deutschen nur zu zeigen, daß auch die Anderen Menschen und nicht Mörder sind. Haben sie das kapiert, wird ihnen auch die Folgerung aufgehn. Man braucht nur zu sieben, daß nicht der französische Schlamm hereinbricht, sondern daß die Bücher Laternae Magicae der Qualität als Dichtung und der menschlichen Gedanken als Inhalt sind. Das genügt. Aber man muß sie deutlich und mit nicht nachlaßbarem Nachdruck zeigen. Sonst halten sie es für einen Film.
Immer war Deutschland schon der Kulturbottich und das mitteleuropäische Bassin, in dem die fremden Fischsorten schwammen, Delphine und Krabben, Schildkröten und Heringe. Auch Miesmuscheln und Sand. Haifische und Hechte waren selten geworden, eher noch fette Schollen. Aber sie waren immerhin von Zeit zu Zeiten da. Man war urban, um es mit Gerechtigkeit zu sagen. Man gab den Refugiés des Geistes immer Asyl, aber die mittlere speckige Ware kochte ebenfalls durch alle Kessel. Jedoch auch die Genies der kleinen Völker wurden gemünzt. Heut noch degoutieren die Schweden den August Strindberg, heut noch führt ihr repräsentativer Dichter Per Halström (den sein konservatives Herz nur schlafen ließ, wenn die Deutschen am Tage ein Tausend Gefangener machten . . . so waren unsere Freunde) Krieg gegen ihn und den famosen Inselbewohner Hamsun, während das von Millionen beschossene und berannte Deutschland seine späten Stücke zuerst spielte, seinen Namen wie den eines Halbgotts feierte. Den Norweger Hamsun nahmen sie auf, zogen sie aus seinen paar hunderttausend Landsleuten, kiepten ihn auf die Schleuder und zeigten auf dem Donnerschlag des Paukenfells zwischen Alpen und Holstein, daß hier ein Genie lebe, von dem die Franzosen zwei Jahre nach dem Rückzug der Deutschen aus Pikardie und Belgien kaum den Namen und nicht eine einzige Übersetzung kannten. Sie verdarben sich, indem sie Herrn Ibsen zehn Jahre lang ausschließlich spielten, die Schauspielerschaft einer ganzen Generation mit Nervengeflüster und bemerkten gar nicht, daß sie darüber ihren bedeutendsten Dramatiker der letzten fünfzig Jahre, Frank Wedekind, gänzlich vergaßen. Sie haben die Dänen Jensen, Jürgensen, Jacobsen, Madelung, Aage von Kohl, die Schweden Gejerstam, Lagerlöf, Heidenstam weit über ihr Verdienst hinaus, aber auch dreißig hinter diesen her, in die Mitte gezettelt. Sie grinsten in allen Pressenotizen hinter d’Annunzios Abenteuern, Bangs Lastern, Wildes Extravaganzen, Björnsons Späßen schamlos her. Sie haben sich weit ausgebreitet, waren wirklich aufnehmend, geschmacklos in der Gastlichkeit nach allen Seiten wie das Haus eines Parvenüs (das sie auch hatten). Doch erstaunlicherweise, sogar im Kriegsgeifer zeigten sie etwas Genie, serbische Gedichte kamen, Russen und immer mehr Franzosen von Repräsentation erschienen und ihre Geister schwebten ruhig im Kanonenlärm. Zwar hatten der dramatischen Industrie Beflissene unter der strategischen Leitung der Presber und Fulda verlangt, bei Kriegsausbruch schon, den Fremden die Freiheit deutscher Bühnen zu sperren. Doch werden auch in den kaufmännischen Branchen Wucher und Unfairheit mittlerer Häuser keineswegs der ganzen Zunft als belastend ausgelegt. Auch waren die besten Dichter im Dienst des Übertragens. Schon begann im übelsten Lärm der Zeitgenossen die Solidarität der Künstler und geistigen Führer. Die ersten Stufen stiegen sie und proklamierten den Weg, den im Dienste des menschlichen Gedankens sie so bald nicht aufhören werden zu gehen: den zur Macht.
Sie haben einen langen Chausseestaub an sich bis zu diesem Punkt. Der häßliche kleine Homosexuale Sokrates hat sie noch bespieen, selbst Plato sie zu einfältigen Ingenieuren der Idee verwiesen. Das Pamphlet auf sie zu schreiben, blieb Plutarch, der zur öffentlichen Verachtung aufrief, aber Lukian, dem wohl gefiel, was sie schufen und der die Tragweite der heiligen Form begriff, war hinter den Verfertigern noch her als Tagedieben, Apachen und Fronsäuen. Auf den Märkten wandernd führte sie Dio Chrysostomos ans göttliche Licht, Plotin zeigte, ihre Schwängerung sei vom Geist, und Dürer machte sie deutlich, offen die Brust und diese ganz voller Figur. Alberti und der schöne Lionardo hoben sie in die geistige Sphäre ohne Makel hinein, und, im Quattrocento setzte sie der Facius genau neben die Päpste und Kaiser und Fürsten. Aber die Dämonie erst, mit der Michelangelo den Menschen die Überlegenheit seines Lebenssaftes unerhört bewies, stieß den Stand an die Linie des Sichtbaren heran zu Bedeutung und Einfluß. Bürgerliche Epochen haben das manchmal wieder verwischt, aber sie wagten es nie, wie im Mittelalter den Künstler und geistigen Menschen in den Abhub zu stoßen. Man hielt sie für gefährlich, vielleicht für Revolutionäre und Schweine, aber nicht für Schmutzsäcke und Sklaven. Sie waren Herren geworden, Marquis, Kavaliere, Gentlemen. „Ich verlange, daß Sie keine Kleinigkeiten von mir erwarten“ sagte hochfahrend ein italienischer Sculptore der adligen Hofwolke, als ihn der größte französische König empfing. Dort gings um Ruhm noch. Die Richtung ist abgebogen. Es geht um der Menschen und der Gerechtigkeit willen, um den Staat und die Macht. Die Geistigen schließen sich zusammen, werden ein Faktor. An einem Tage der Weltgeschichte werden die Schacherer der staatlichen Maschinerie, die Horde der Minister, Gesandten, Beamten unter die Kontrolle anderer Führer endlich gekommen sein.
Aber man muß die Einzelnen lernen, Sinn aus europäischen Einflüssen zu ziehen. Lobe ich die entgegenkommende Tornüre der Teutonen, gebe ich lang noch keinen Preis. Sie taten es aus einer angeborenen Tugend oder Neugier, vielleicht aus Haltlosigkeit allein, keineswegs aus Verstand oder Moralität. Man weiß wohl, Mischung sei gut und tut es bei Dünger, Tabak und Weinen. In England nimmt man zur Aussat durchgängig ausländisches Getreide. Die Bardrinks sind internationalste Koloristik. Kinder aus zweierlei Volk sind schöner, ja, der Verfasser des alten Buches über „Zeichen und Wert des verletzten und unverletzten jungfräulichen Zustands“ ist der Ansicht, die Häßlichkeit der Juden und Neger stamme lediglich von ihrer Abscheu sich stramm zu vermischen. Auch sind die Kinder südlicher Serails, wo Frauenelite aller Stämme in schönen Ställen stutet, von bester Form. Doch setzt dies alles voraus, daß Wille und Sehnsucht da ist zur anderen Vereinigung. Die Deutschen haben aber ohne Sinn und meskin und roh gelesen und getauscht.
Sie waren sehr verblüfft, daß Maeterlinck über seine großen deutschen Auflagen nicht vergaß, daß der Preuße ihm sein belgisches Haus zerstörte und daß Verhaeren, dem Deutschland mehr als Frankreich Bett und Heimat war, Flüche sprach, als Belgien überflutet wurde. Der deutsche Mensch hatte geglaubt, Dank erwarten zu müssen. Er hatte alle Seelen umsonst studiert, alle Bücher ohne Sinn gelesen, großen Aufwand aus den Fenstern geschmissen in den Hof und den Mist. Sie hatten nicht gelernt, aus der Luft der Freiheit in Tolstoi und Balzac die Lehre zu ziehen, sich selbst zu regieren, und seine Regierer rannten wie arme und stolze Wölfe gegen die ganze Welt, die ihnen so fremd war wie der Geist. Es half dem guten deutschen Teufel den Dreck, daß in seinem Kulturbottich die halbe europäische Literatur bis zu den kleinsten Schreibsardinen saß, als die Generalität in Belgien hauste. Und daß wir an Dichtern und guten, nur seither machtlosen Herren nicht ärmer sind als andere, unterstützte uns nicht die Spur, da draußen in der Breite der Masse man sie nicht kannte. Man setze dies den gallischen Freunden aufs Genick und schreibe es in die Minusspalte. Nur solche, die selbst nichts Gelingendes verstehen, sind drüben bei der Vermittlung tätig. Kleine Literaten und schiefe Journalisten übertragen. Man kann ein hochsteigendes Buch den Stallknechten zum Reiten nicht geben. Deutsche schlupften gern in das Trikot jedes Boulevardschmarrn. Doch zur Zeit des direktesten größten Einflusses unsrer Dichtung auf die romanische, als Musset, Hugo, Gautier vom Saft deutschen Genies überlebten und neben Byron in Hoffmann sich verzückten, gab es nur einfältige Verstümmelungen, nichts an Rhythmus und Klarheit ähnlich aufgetürmtes. Während die Staël von Deutschland schwärmte, empfahl Mathieu de Mirampal, da er dies Land für eines der Eisberge hielt, zum Zurückdrängen der Geschlechtsreife die französische Jugend in das kalte Klima zu senden. Selbst der zarte und süßeste Dichter des Rolla kannte kein Wort in Deutsch. Nun aber wird getan und nicht geschwatzt. Es geht nicht um Utopie, sondern um Aktion. Schon sind bereite und tapfere Hände da, das Blau des Vergessens und der Besserung auf die Wunden zu legen, mit denen man den ärmsten vom Krieg zerstörten Tieren, den Pferden, die geschlagenen Fesseln und Beine bedeckte. Steht Mensch zu gleichgeartetem Mensch erst einmal freundlich im Bund, ist das beste Geschütz gebaut gegen Kriegsgeheul, Revanche, Kastengeknurr. Man könnte ein neues Zeitalter einläuten, wollte man nicht mit der Skepsis, die aller Tapferkeit gesundester Bankert ist, die Resultate erst abwarten. Doch sind die Straßen voll von einigen Zügen Entschlossener, den Griff zu versuchen, der ihnen Mitbestimmung an den Leitungen der Völkergeschicke gäbe. Es ist dafür reichlich an der Zeit geworden.
Währenddem hat d’Annunzio mit Freischaren sich nach Norden begeben. Die Versailler Cäsaren haben in ihrem kompromißlichen Herzen eine Torte Europas zurechtgeschnitten, die zwar die Kandierung eines ersten Völkerbundes versüßte, aber in ihrer wilden Annexionsgier den stolzen südlichen Romanen nicht genügte. Ein Dichter hat Divisionen gegen den Völkerbund geführt und hat kein Unglück damit gehabt. Man hat ihn im pazifistischen Europa ein Konjunkturferkel genannt. Die Pariser haben unter der Führung Barbusses, der mit seinem „Feuer“ den Krieg allen Menschen bloß und grausam in nackter Verviehtheit vor die Pupillen warf, dagegen protestiert. Augenfällig: hier scheidet sich alte und neue Welt.
Man muß gerecht sein. Die Nebbiche sollen einen Dichter nicht verheulen. D’Annunzio wird die Segel gerefft bekommen, die er auf dem Nationalismus aufgezogen hat. Das ist die Zeit, die solche Kühnheiten als eitel und verbraucht bei Seite legt. Als Dichter ist d’Annunzio stärker als Barbusse. Doch dessen ethisches und großes Pathos füllt die Welt wie seinerzeit nur der Engländer Richardson. Die Wikingerei d’Annunzios ist eine Farce. Der Sturzhelm des Fliegers tanzt ein wenig wie auf der neapolitanischen Maskerade, allein wenn er dem Geist abtrünnig geworden, so ist er doch von ihm gestreift und auch nach dem Sturz noch Ritter. Der letzte Knauf ist in ihm von jener Pyramide, mit der die Romanen seit Jahrhunderten selbst den Ruhm dem Staate zuführten und die große Entdeckung und die Beute des Geistes immer nur so sahen, als seien sie lediglich da, bedeutenderen Glanz um das Gefüge ihres Volkes zu legen. Manchmal kam d’Annunzio in seiner Verehrung des Heldentums so weit, daß er wie der Verfasser des Speculum historicum glaubte und wie die Kathedralen französischer Brudererde es lehrten, seit der Ankunft des Christus habe außer Bekennern, Doktoren und Märtyrern die Welt keine großen Männer mehr gehabt, und er wies den Eroberern, Siegern, Kaisern und Königen den geringsten, aber für Hirten, Äbte, Mönche und Bettler den erhabensten Platz an. Doch aus dieser Gabelung treibt ihn rasch in die andere das, was an Glanz und Bedeutung der Jahrhundertsaft in ihm vorangezeigt am Heldentum der Tollkühnen, der Strategen, der Volksführer. Wie von Cicero bis zu dem Mittelalter und den Tempelrundungen alles Italienische ihn durchdringt, so stehen alle Glänzenden auf in der Historie der Schlachten und Niederlagen und geben ihm die Entscheidung. Er wird Instrument mehr als freier Wille. In ihm erfüllt sich eine Epoche und sein Zug wird symbolisch als Abgrenzung der Linie. Da endet irgendwie eine Welt, die vielleicht aufsteht einmal wieder in diesem und jenem Jahrhundert, die aber den Fangspieß im Hals hat, weil zum ersten Mal sich groß und mit aller Bedeutung der Erstmaligkeit eine neue erhoben hat. Meisterlich und sehr verehrt als Dichter hüllt d’Annunzio Schweigen. Um Barbusse steht irgendwie schon die Weisheit.
Empfange ich Neunzehnhundertzwanzig am vierundzwanzigsten Januar, bereit, in die Schweiz zu fahren, einen Ausländer, der den Hut abnimmt, hinsitzt und ernsten Auges fragt: „was habt Ihr getan, wo steht Ihr, ich will nicht Auskunft, eher Rechenschaft“, es wäre schwer, ihn zum Tee zu bitten in solcher Eile. Sind Sie ein Spanier, sagte ich wohl, kennen Sie das Spottbild, wo jedem ein anderer Spruch aus dem Hals speit, Volk König, König Minister, Klerus Arbeiter bestiehlt und alle der Teufel einsackt. Nicht sehr viel anders die Mischung. Über die Grenze können Sie aber noch schärfer sehen und Wichtiges an der Farbe und vertrauten Bewegung im Zentrum erblicken. Wären Sie Deutscher, wäre Ihnen die Orientierung ganz versaut. In Italien lassen sie die Manegen hügelaufwärts legen, daß die Gäule klettern lernen und die Passanten die Muskelarbeit und die Schrittunterschiede glatt unterscheiden. Die Deutschen treiben ihre Pferde ins Wasser, daß sie, statt zu reiten, fast ersaufen, und Publikus nur die Nasen sieht und dem größeren Schnauber die Sympathie zuwedelt. Wohl wäre es angenehmer und eine Erlösung unter sich, europäisch zu sein. Aber es ist wichtiger, aus Unterschriftstellern, Ahnungslosigkeit und Niedertracht der eigenen Volksschreiberei ein gangbares Niveau herzustellen. Die Sehnsüchtigen nach Klarheit und Übersicht wagen sich nicht auf die trügerische Ebene ohne Pfadkenntnis. Anders kommen wir aber nie zu Stil, Ausbreitung des Gefühls fürs Wichtige. Da liegt aber der einzige Quellpunkt, Deutschland unter einem Kulturdruck von annehmbaren Graden allgemein und überall zu setzen. Mir, der ich nicht um Geldes willen mich damit beschäftige, neben der dichterischen eigenen Betätigung mich mit der Bücherwelle auseinanderzusetzen, und nicht schreibe und rede, um Feinde zu treffen, Menschen zu gefallen, Weiber zu haben, es auch nicht nötig habe, an irgendwie für mächtig Gehaltene mich anzufreunden, da ich selbst mächtig bin . . . sondern dies mache, weil ich glaube, damit einer Sache zu dienen, die ich vielleicht schlecht mache, aber im besten Glauben tue, sie tun zu müssen, weil ich keine zwei sehe, die es hinreichend heut verstünden: mir scheint, um Prinzipielles endlich zu sagen, die Form falsch, dumm und sinnlos, wie heut die Masse über Geschriebenes orientiert wird. Das macht den Knäuel noch undurchsichtiger. Erfolg kann nur erzielt werden durch Bearbeitung von langer Hand und bedeutender, immer gleicher Richtung. Das ist das mindeste, was unter heutigen demokratischen Regierungsformen erwartet werden kann. Dauerndes Beisammensein mit ausgewählten Dingen kultiviert bis zu den Graden, zu denen überhaupt auf diese Weise zu gelangen ist, und das ist schon eine gute Portion. Der Herzog von Modena, der anfangs ein Schaf schien, pflegte in seiner Galerie sich rasieren zu lassen, und da Correggios, Raffaels, Tizians ihn umgaben, wurde ein genauer Kenner der Bildkunst aus ihm. Selbst Halbblinde sollen auf Inseln und Prärien, weil sie leben mußten, ausgezeichnete Schützen und Jäger geworden sein. Aber natürlich war eine Vorsehung da, die sie in Zusammenhang brachte mit Wild und Objekt. In Deutschland ist der Schicksalsführer in der Regel ein Dummling, seine Rolle, höflich gesagt, eine Drôlerie. Statt daß die schöpferischsten Kräfte, wie bei allen Führer- und Gesellschaftsschichten, sich mühten, stolz alles nur halb Genügende auszuscheiden und selbst Richter zu sein ihres Gebiets, lassen sie Halunken und Reporter die letzten Urteile fällen. Der Tanz dieser Dioskuren ist einer der blamabelsten Versager unserer geistigen Einrichtung. Daß die Unfähigsten die Richter über die Fähigen werden, hat kein Negerstamm erlaubt. Ihnen fehlt natürlich in der Mehrzahl die Bildung, die Souveränität, die Schreibkunst und die Übersicht. Liebliche Naturen geben Inhalte wieder, intelligentere machen Synthesen. In Caféhäusern ist das Kitzel einiger Literaten. Im übrigen Humbug und Schwindel. Denn die Herrn Stein und Damen Ellenbach und Kuntze, die belehrt sein wollen, denen ist das eine Hieroglyphe, ein Zéro. Die sind aber die einzigen Zielscheiben, nach denen gerichtet werden muß. Das einzelne Buch ist völlig schnuppe. Wirkung vollzieht sich nur, wenn von einem weitsichtigen Feldherrn methodisch und nach Gesichtspunkten der Schlachtplan gegen Barbarei und Dummheit vorgetrieben wird. Es handelt sich um die Abgrenzungen, das Ausscheiden, das Herausschälen der Kerne. Daß die Leute endlich Witterung bekommen, schon riechen, wo Geschmack und Dichte sitzen. Daß er unbedingt weiß „Aha“. Daß er spürt, worum es geht und welche Wichtigkeit es hat in der Gesamtoperation, geht ein Sturmtrupp genial vor oder versagt einer mit aufgebogenen Schnurrbartspitzen. Ist ein ganzer Durchbruch gelungen, ist das all nicht mehr nötig. Aber ich fürchte, es wird erst direkt vor dem Einlaufen ins Paradies sein, zu dem die Erdfahrt ja wieder geht, womit der Kurs erledigt sein wird und Ewigkeitsengel wohl die Lichter löschen und abblasen. Weiter kann man nicht denken. Aber um diese Form der Kritik zu erreichen, bedürfte man Kerle. Die Menschen, die eben in allen Entscheidungen zu geringes Maß haben, fehlen auch hier. Denn in einem Lande, wo die bestwollenden Gazetten auf einer Seite wöchentlich in einer Beilage zwanzig Männlein über zwanzig Bücher reden lassen (wobei ihr Niveau noch toller ist wie ihre Voraussetzung und die Verschiedenart des beschwatzten Materials), in einem Lande, wo knapp drei Buchkritiker erheblichen Verständnisses vorhanden sind, gibt es infolgedessen sehr bizarre Resultate und Schiebung über Schweinerei. Der deutsche und kluge Dichter scheut aus Eitelkeit die Konsequenzen mutigen In-die-Bresche-Springens. Es ist keine Kleinigkeit, sich mit den mittleren Gemeinen einzulassen, überschaut man sie nicht und wirft hin und wieder einen wie die Fischer zweimal aufs Maul. Leider haben aber, wie Livingstone des öfteren bemerkte, die Löwen stets dem Nashorn gegenüber das bessere Teil der Tapferkeit erwählt.