Friedrich Gerstäcker. (continued 3)
Reading edition
»Und Du gehst mit?«
»Du bist ein wunderlicher Dränger, Freund,« lächelte Felix, »daß Du Dich so eifrig bemühst, Dir eine vielleicht fatale Last aufzubürden.«
»Wenn ich Dir aber nun versichere, daß ich vielleicht weit mehr Egoist als irgend etwas Anderes bin, und Dir möglicher Weise den Vorschlag nur gemacht habe, um mir selber aus einer Verlegenheit zu helfen?«
»So würde ich Dir nicht glauben.«
»Und doch ist dem so. Eigentlich bin ich der Regierung gegenüber noch einige Verbindlichkeiten eingegangen, die Vermessungen in einer andern Colonie zu beenden, und wenn ich mich auch davon losmachen könnte, würde das doch immer mit Schwierigkeiten verbunden sein. Alles regulirt sich aber mit der größten Leichtigkeit, wenn ich Dich als meinen Stellvertreter zurücklassen kann, und während Du selber in eine vortheilhafte Beschäftigung eintrittst, ist uns zu gleicher Zeit Beiden geholfen. — Komm mit!«
»Und hast Du die feste Überzeugung, Günther, daß ich im Stande bin, die Stellung mit Ehren auszufüllen?«
»Ja — ich würde Dir sonst nicht dazu rathen.«
»Topp dann,« rief Felix und schlug in die ihm dargebotene Hand des Freundes — »ich bin der Deine!«
»Und wann kannst Du fertig sein, mich zu begleiten?« fragte Günther.
»Mein Bündel ist in zwei Minuten geschnürt,« lächelte der junge Mann, »und wenn ich von meinem bisherigen »Brodherrn« Abschied genommen habe, bin ich fertig.«
»Desto besser; und nun zum Hause, daß wir das rasch besorgen, denn ich möchte so bald als möglich in Santa Clara sein.«
»In Santa Clara?« rief Felix und sah rasch zu ihm auf; »willst Du dorthin zurück?«
»Fürchtest Du Dich vor dem Platz?« lachte Günther; »die Frau Gräfin hat Dir doch am Ende imponirt.«
»Du hast Recht,« sagte Felix finster — »wen hätte ich zu scheuen? Also vorwärts zu einem neuen Leben — was es auch bringen mag, es soll mich vorbereitet finden!« — Und seinen Hut vom Boden greifend und das lockige Haar aus der Stirn werfend, schritt er dem Freunde voran dem Wohngebäude zu, wo dasjenige, was sie zu thun hatten, allerdings rasch abgemacht war. Nur darauf, daß sie noch bei ihm frühstücken sollten, bestand der Brasilianer, und auf zwei frischen Pferden — da Günther das an der Mündung des Santa Clara geborgte von hier aus wieder zurückschickte — trabten sie bald darauf der Colonie zu.
Der Weg war ziemlich rauh, da sie einen der kleinen Höhenzüge zu passiren hatten, und der Reitpfad steil den Hang hinanlief. Wo sich aber ein kleines Thal oder eine Ebene bildete, lagen auch überall freundliche Wohnungen mit blühenden Orangenhecken und breitblätterigen Bananen, von Palmenwipfeln malerisch überragt, und mitten dazwischen, im Schatten der Fruchtbäume und Palmen, kleine, freundliche, weißangestrichene Häuser mit rothen Ziegeldächern und blanken Fenstern, durch die Sauberkeit der ganzen Umgebung, den kleinen Garten, die Reben am Hause und die schattige Laube deutlich die Wohnung deutscher Colonisten verkündend.
Jetzt näherten sie sich der Colonie. Im Wege, der hier oben auf dem Hügelrücken hin von anderen Colonien herüberführte, überholten sie deutsche Fuhrwerke, die sich, von kräftigen Pferden gezogen, mühsam auf der noch immer nicht ganz abgetrockneten Straße durcharbeiteten; auch ein paar Maulthiere mit einem Sacke querüber und einem unverkennbar deutschen Jungen oben drauf.
Hier am Wege trafen sie aber auch die Schneußen, die Günther bei seiner Vermessung durch den Wald gehauen, und einer von diesen folgten sie jetzt, indem sie dadurch nicht allein dem etwas zerfahrenen Wege auswichen, sondern auch ein tüchtiges Stück nach der Colonie zu abschnitten.
In der Schneuße selber mußten sie allerdings hinter einander reiten; bald aber erreichten sie wieder einen betretenen Weg, und hier hielt Felix sein Pferd an und schaute zurück.
»Alle Wetter,« sagte er, »ich glaube wahrhaftig wir haben uns verirrt, denn das hier kann doch nicht der Weg zur Colonie sein!«
»Ein Landmesser und verirren,« lachte Günther, »das wäre nicht übel! — Kennst Du den Platz hier nicht? — Gleich dort drüben liegt die Chagra jenes wunderlichen Menschen, jenes Meier, der sich wie ein Einsiedler in seinem Hause vergraben hat, und das wahre Muster eines Maulwurfs sein muß.«
»Ach richtig, jetzt erinnere ich mich wo wir sind — aber warst Du nie bei ihm?«
»Bei Meier? — ich nie, obgleich ich sein Land sogar vermessen habe; aber er ist nicht ein einziges Mal herausgekommen, um sich die Gränzen anzusehen, und ich selber hatte weder Zeit noch Lust dazu, mich ihm aufzudrängen…«
Günther schwieg und sah die Straße hinauf, die nach dem erwähnten Hause führte; auch Felix wandte den Kopf dorthin, ja selbst die Thiere spitzten die Ohren und schauten nach jener Richtung, denn wildklappernde Hufschläge wurden laut, und im nächsten Moment flog ein reiterloses Pferd, von einem andern, auf dem sich der bügellose Reiter noch krampfhaft festhielt, dicht gefolgt, wie ein Sturmwind an ihnen vorüber, daß sie kaum Zeit behielten, auszuweichen.
»Ein paar durchgegangene Pferde,« rief Günther, der Mühe hatte, das eigene Thier vom Folgen abzuhalten — »ruhig, Alter, mußt Du denn auch alle Dummheiten mitmachen?«
»Das war der junge Baulen,« sagte Felix, ohne auf den Freund weiter zu achten — »und da kommt noch ein Thier — bei Gott, und mit seiner Reiterin!« Und noch während er sprach, sprang er aus dem Sattel, sein Pferd vollkommen rücksichtslos sich selber überlassend.
Er hatte Recht; mit vorgestrecktem Kopf und schnaubenden Nüstern folgte der Schimmel den vorangeeilten Kameraden, und mit flatternden Haaren, das Antlitz marmorbleich, aber keine Spur von Furcht verrathend, saß Helene auf seinem Rücken, und klammerte sich an dem Sattel fest, während das eine Ende des zerrissenen Zügels den Hals des Pferdes peitschte.
»Hab' Acht, Felix,« schrie Günther, der mit Besorgniß sah, wie sich der Freund dem wild heranbrausenden Thiere entgegenwarf — »Du kannst es nicht halten!«
Aber Felix hörte ihn nicht. Der Weg war hier eng, denn das Dickicht an beiden Seiten mit ein paar aus der Bahn geschobenen umgestürzten Bäumen hemmte ihn ein; das durchgehende Pferd konnte nicht ausweichen. Als es aber die mitten im Wege wartende Gestalt des Menschen erblickte, parirte es plötzlich und bäumte in die Höhe. In demselben Moment griff des Unerschrockenen linke Hand in sein Gebiß, und während es zur Seite schreckte, verlor Helene das Gleichgewicht und stürzte in Felix' linken Arm. Allerdings konnte er ihren Fall nicht hindern, denn das Pferd, welches er nicht losließ, riß ihn zur Seite, aber er brach doch die Schwere des Sturzes, so daß das junge Mädchen mehr zu Boden glitt als fiel, und Felix jetzt nur den Schimmel von ihr zurückdrängte, damit sie nicht durch dessen Hufe beschädigt würde.
Aber die Aufregung war zu viel für sie gewesen. So stark und besonnen sie sich bis dahin, trotz des zerrissenen Zügels, im Sattel gehalten hatte, vergingen ihr jetzt die Sinne, und als der ebenfalls abgestiegene Günther hinzusprang, um wo möglich noch Hülfe zu leisten, lag sie ohnmächtig vor ihm im Wege.
Das Ganze war natürlich das Werk nur weniger Secunden gewesen, und noch war Felix mit dem nicht so leicht beruhigten Schimmel beschäftigt, um ihn aus dem Wege zu halten, als Günther schon die ohnmächtige Jungfrau aufgehoben hatte und sie in seinen Armen hielt.
»Und was nun?« rief er halb verlegen, halb lachend; »das ist eine vortreffliche Situation für ein paar Junggesellen! Was fangen wir mit der Ohnmächtigen an? — Hier können wir sie doch nicht liegen lassen!«
Der Schimmel stand endlich; er schnaubte zwar noch und warf den Kopf herüber und hinüber, aber die Gefahr war vorbei, und er wußte, daß er sich wieder in der Gewalt seiner Herren befand. Felix führte ihn ruhig heran und sagte:
»Meier's Haus ist ja, wie Du sagst, dicht bei — da drüben kann ich sogar die Pinie erkennen, die in der Ecke seiner Umzäunung steht — trage die junge Dame dorthin, indessen ich hier den Zügel des Pferdes wieder in Ordnung bringe. In dem Hause findet sie auch weibliche Hülfe und kann später, wenn sie sich erholt hat, in die Colonie zurückkehren.«
»Aber sie werden mich nicht einlassen.«
»Klopf' nur an die Thür; einem solchen Unfall kann der alte Misanthrop sein Haus nicht verschließen!« — Und ohne sich weiter um die Bewußtlose zu kümmern, ja, ohne sie anzusehen, schritt er, den Schimmel noch immer am Gebiß haltend, zu Günther's Pferd, dessen Zaum sein Reiter über einen Ast geworfen hatte, löste den Lasso, der um dessen Hals befestigt war, mit der rechten Hand, und sicherte sich dann den Schimmel, indem er das andere Ende durch den Ring seines unter dem Zaum sitzenden Halfters zog.
Günther war indessen, weil er selber keinen besseren Rath wußte, mit seiner schönen Bürde Meier's Chagra zugeschritten. An der Gartenthür angelangt, hörte er Stimmen im Garten, und mit dem Fuße gegen das Holzwerk tretend, bat er, ihm zu öffnen, da er eine ohnmächtige Dame trage, die Hülfe verlange. Zuerst antwortete Niemand; dann aber auf seine wiederholte Bitte rief eine weibliche Stimme von innen: »Gleich, gleich!« — Der Riegel wurde zurückgeschoben, die Thür ging auf, und Günther sah sich im nächsten Augenblick Könnern und Elisen gegenüber.
Graf Felix indessen, ohne sich weiter darum zu kümmern was aus der jungen Dame wurde, befestigte den Schimmel mit dem Lasso an eine der jungen Palmen, knüpfte den Zügel wieder fest, daß er wenigstens den Ritt hinunter hielt, und schritt dann, da ihm sein eigenes Pferd ebenfalls davon und den anderen nachgelaufen war, zu Fuß in die Colonie hinab.
Eine Viertelstunde mochte er wohl den Platz verlassen haben, als eine klägliche Gestalt denselben Weg herabgehinkt kam, den vorher die Pferde genommen hatten. Es war Herr von Pulteleben, sein Gesicht blutig und mit einigen Rissen, die Dorn oder Stein darauf zurückgelassen, seinen Rock beschmutzt und zerfetzt, und das Gewicht seines Körpers einzig und allein seinem rechten Beine vertrauend.
Er hielt einen Augenblick, als er zu der Stelle kam wo der Schimmel angebunden stand, und schüttelte den Kopf. Er mochte sich wohl nicht recht erklären können, wie der hierher gekommen, und wo die Reiterin geblieben; aber er schien auch nicht in der Stimmung, sich lange bei Vermuthungen aufzuhalten, denn in diesem Zustande konnte er doch Niemandem seine Hülfe anbieten — er sah zu unanständig aus, und mit einem Seufzer seine unteren Kleidungsstücke betrachtend, setzte er sehr betrübt seinen Weg nach der Colonie fort.
8.
Ein Vielliebchen
Könnern verbrachte eine unruhige Nacht. Nicht etwa, daß Sarno's Warnung irgend einen Zweifel in seiner Brust wachgerufen oder seinen Entschluß erschüttert hätte, aber die Aufregung, daß sich mit dem morgenden Tage sein Schicksal entscheiden sollte, ließ ihn nicht schlafen, und erst gegen Morgen fielen ihm die müden Augen zu, nur um einer Masse von tollen und abenteuerlichen Traumbildern Raum zu geben. Mit Sonnenaufgang war er auch schon wieder munter und konnte die Zeit jetzt nicht erwarten, wo er Elise endlich sehen und sprechen würde; denn heute, das hatte er sich fest vorgenommen, ließ er sich von dem Alten nicht abweisen, mochte daraus werden was da wollte.
Vor zehn Uhr durfte er aber keinesfalls hinüber; selbst das schien ihm noch eine etwas frühe Stunde, aber seine Ungeduld ertrug eben nicht mehr, und mit dem Schlage Zehn sprang er auf das schon fertig gesattelte Pferd und trabte lustig der Richtung nach Meier's Chagra zu.
Dicht vor der Colonie überholte ihn eine kleine Cavalcade von Reitern, die mit ihm denselben Weg ritten, und an der jungen, reizenden Dame, die den Zug führte, erkannte er bald die Gesellschaft. Er war aber heute Morgen nicht dazu aufgelegt, irgend eine neue Bekanntschaft anzuknüpfen, hielt deshalb sein Pferd an, grüßte und ließ die Drei an sich vorbei passiren, die dann auch bald in den Büschen verschwanden, welche bis zum Fuße der nächsten Hügel herabliefen.
Da die drei Reiter übrigens mit ihm einen und denselben Weg verfolgten, beeilte er sich nicht mehr so sehr; er wollte gern vermeiden, mit ihnen wieder zusammenzutreffen, und ließ sein Pferd erst wieder austraben, als er sich der Chagra näherte. Dort führte er es seitwärts auf einem schmalen Kuhpfade in den Wald, band es fest und setzte nun von hier ab seinen Weg zu Fuß fort.
Und wie ihm das Herz schlug! Als ob er ein Verbrechen begangen hätte und jeden Augenblick Entdeckung fürchtete, so schlich er auf dem Wege dahin und sah scheu hinauf und hinab, ob Niemand käme, der ihn stören könnte. Und mit dieser Angst auf dem Herzen sollte er dem alten Mann entgegentreten und ihn um die Hand seiner Tochter bitten? Er wagte es nicht, und zweimal war er an der Thür und hob den Arm, und zweimal schlich er zurück in den dichten Busch hinein, um sich erst wieder zu sammeln und das zu überdenken, was er Elisens Vater sagen wollte.
Das zweite Mal war er der Hecke nahe gekommen, welche den Garten umschloß, unfern von da, wo er an jenem Morgen Elisens Citherspiel gelauscht und ihr zuletzt die beiden Waldhühner hinüber geworfen; und überdachte er sich jetzt, daß er das Mädchen seit der ganzen langen Zeit nicht ein einziges Mal wieder gesehen, ja, daß er eigentlich nicht einmal einen einzigen bestimmten Grund für sich anzugeben vermochte, nach dem er sicher schließen konnte, sie sei ihm gut, so kam ihm seine ganze Werbung eigentlich wie halber Wahnsinn vor, und er stand sogar auf dem Punkte, sie vollständig aufzugeben.
Was wußte sie denn von ihm? Was konnte sie von ihm wissen, das ihm ein Recht gab, sie für sich zu fordern? Wenn sie ihm nun geradezu in's Gesicht lachte, wenn sie ihm sagte — — da drangen wieder die weichen Töne der Cither heraus an sein Ohr, und ihre Stimme war es, welche sie begleitete. Was sie sang oder spielte, er hörte es nicht mehr; die Leidenschaft der ersten heißen Liebe hatte ihn übermannt, und kaum sich dessen klar was er selber that, kletterte er im nächsten Augenblicke schon an einer der dünnen, schlanken Palmen nächst der Hecke empor, schwang sich dort hinauf, ergriff den überhängenden Zweig eines im inneren Garten stehenden größeren Baumes, welcher sich unter seinem Gewichte bog und langsam brach, und stand nur wenige Secunden später im Garten selber, und kaum fünfzig Schritte von der Stelle entfernt, an der Elise mit ihrem Instrumente im Schatten eines breitästigen Mandelbaumes saß.
Das junge Mädchen hatte aber ebenfalls das Brechen und Rauschen in den Zweigen gehört und den Kopf dorthin gewandt, und sprang erschreckt empor, als sie die Gestalt eines Fremden bemerkte, welcher also gewaltsam in ihr Heiligthum brach. Aber es war nur ein Augenblick; bald erkannte sie den Eindringling, und zitternd stand sie neben ihrem kleinen Tische, als Könnern rasch auf sie zuging und wenige Schritte vor ihr mit achtungsvollem Gruße stehen blieb.
»Mein Fräulein,« sagte er, noch immer halb verlegen, aber doch jetzt schon mit dem festen Entschluß, das nun Begonnene auch wacker durchzuführen — »vor allen Dingen muß ich tausendmal um Entschuldigung bitten, mich auf solche rauhe Weise in Ihre Nähe gedrängt zu haben, aber ich — konnte mir nicht mehr helfen; ich mußte Sie sprechen, und da mir Ihr Vater, Gott weiß aus welchem Grunde, hartnäckig den Zutritt zu Ihnen weigerte, nahm ich endlich meine Zuflucht zu einem verzweifelten Mittel und — hier bin ich jetzt.«
»Ich weiß nicht,« stammelte Elise in schüchterner Verlegenheit, während sich der purpurne Strom über ihre Wangen und ihren Nacken ergoß und ihren Zügen einen noch viel höheren Liebreiz gab — »ich weiß in der That nicht, weshalb Vater — Sie müssen ihn entschuldigen — er — er ist kränklich, und in der — in der letzten Zeit besonders so leidend gewesen, daß er sich scheu vor allen, selbst den ihm liebsten Menschen zurückgezogen hat.«
»Ich zürne ihm nicht, liebes Fräulein,« sagte Könnern herzlich — »welches Recht hätte ich auch, Etwas von ihm zu verlangen, was er allen übrigen Menschen eben so gut verweigert: den Zutritt zu seinem Hause — und dennoch bin ich hier« — setzte er leise und zögernd hinzu, während auch seine Züge jetzt ein leichtes Roth färbte — »dennoch habe ich den Bann gebrochen, der auf dem Platze liegt, und — vielleicht Unrecht damit gethan, aber ich konnte mir nicht helfen, Elise,« fuhr er leidenschaftlich fort — »ich mußte Sie sprechen, ich mußte Ihnen sagen, daß, seit ich Sie zum ersten Male gesehen und gesprochen, nur der Eine Gedanke mich erfüllt hat, Tag und Nacht — Sie — mußte Ihnen sagen, daß ich mir kein Leben länger denken kann fern von Ihnen, und mir die Entscheidung meines künftigen Schicksals von Ihren eigenen Lippen holen.«
»Herr Könnern!« sagte Elise erschreckt, und jeder Blutstropfen verließ in dem Augenblick ihre Züge.
»Sie haben Recht,« sagte Könnern abwehrend — »es war ein tollkühner Schritt — ein Schritt, der in dieser Weise kaum auf Erfolg rechnen konnte, und erst jetzt, wo ich vor Ihnen stehe, wo es zu spät ist ihn zurück zu thun, fühle ich das Ungehörige desselben in seiner ganzen Schwere. Aber sein Sie auch versichert, Elise, daß ich ihn nicht ganz leichtsinnig gethan, daß ich mir vorher erst ganz klar geworden, ob ich, was mich selber betraf, die Verantwortung übernehmen konnte, Sie aus Ihrem elterlichen Hause zu führen. Meine gesellschaftliche Stellung im Leben ist eine ehrenvolle; ich besitze Vermögen genug, der Zukunft sorgenfrei in's Auge zu schauen, selbst wenn ich nicht mehr die Kraft in mir fühlte, mich durch meine Kunst zu erhalten. — Aber das Alles sind Eigenschaften, welche nur die Existenz selber — nicht das Herz berühren, und ich hatte nicht bedacht, daß Sie mich ja noch gar nicht kennen, daß Sie also auch kein Vertrauen zu mir haben können, ob ich es wirklich so ehrlich und treu meine, wie meine Worte sagen.«
Elise athmete kaum. Der Blick, den sie im Anfange schüchtern zu ihm aufgehoben, hatte schon lange den Boden wieder gesucht, und wenn sich auch ihre Lippen ein paar Mal theilten, als ob sie irgend Etwas erwiedern wollte, wurde doch keine Silbe laut. Auch Könnern schwieg jetzt und Beide standen einander stumm, in peinlicher Pause gegenüber. Da nahm Könnern das Wort wieder auf und sagte leise:
»Sie haben Recht, Elise — die tolle Frage bedarf keiner Antwort. Lassen Sie mich gehen und als einzige Erinnerung Ihr liebes Bild im Herzen mit forttragen für die weite, öde Welt. Nur um das Eine bitte ich Sie, recht aus Grund meiner tiefsten Seele, zürnen Sie mir nicht. Vergessen Sie, daß ich leichtsinnig und unüberlegt gehandelt, und denken Sie, daß ich fortan nur ein einsamer, armer Wandersmann sein werde, der — so fortfahren wird die Welt zu durchziehen, wie er begonnen, weil er eben — nirgends Ruhe finden kann. Leben Sie wohl, Elise — ich werde Ihnen nie wieder störend in den Weg treten und — Gottes reichster Segen über Sie!«
Mit den Worten nahm er ihre Hand, welche sie ihm willenlos überließ, drückte einen innigen Kuß darauf, ließ sie los und wandte sich rasch ab, um den Garten wieder zu verlassen.
»Könnern,« rief da Elise mit leiser, zitternder Stimme — »gehen Sie nicht so!«
»Elise — darf ich glauben, daß Sie mir nicht zürnen?« bat der junge Mann, welcher sich ihr bei dem Laute rasch wieder zudrehte.
»Zürnen?« flüsterte das junge Mädchen, den Kopf traurig zu Boden gesenkt — »zürnen? wiederholte sie, »wo es das erste Freundeswort ist, das ich seit langen, langen Jahren gehört? Gehen Sie, Könnern, gehen Sie in Ihre Welt hinein, welche ich nicht kenne — welche ich nie kennen soll, aber nehmen Sie die Versicherung mit, daß Sie einer Unglücklichen einen lieben, lieben Trost gebracht, daß Sie ihr einen Augenblick des Glückes geschaffen haben, an dem sie, mag er so kurz gewesen sein wie er will, noch lange Jahre freudig zehren wird. Gehen Sie, Könnern, mein Vater wird mir nie erlauben, mich von ihm zu trennen — er könnte auch nicht ohne mich leben, aber denken auch Sie manchmal freundlich eines armen Mädchens, das….«
Könnern hielt sich nicht länger. Mit frohlockendem Herzen hatte er den Worten des lieben Kindes gelauscht — die Hindernisse, welche sie ihm in den Weg warf, er achtete ihrer nicht, er hörte sie kaum, und jetzt rasch zu ihr zurückkehrend, rief er jubelnd aus:
»Elise — meine Elise — Du bist mir gut? Du zürnest nicht dem kecken Fremden, der es wagte, an Dein Herz zu pochen, Du läßt mich hoffen, daß ich Dich gewinnen kann? O, nun ist Alles gut, Alles gewonnen, denn der Vater wird und muß Dich mir geben. O, wenn ich Dir jetzt nur mit Worten sagen könnte, wie herzlich ich Dich liebe; wie all mein Sehnen und Trachten, all' meine Gedanken die ganze lange Zeit, in der wir uns nicht gesehen, gesprochen, nur Dir gehört, nur Dein gedacht! Sieh mich an, Elise, o, laß mich in Deinen lieben treuen Augen das Glück auch lesen, das Du mir mit Deinen herzlichen Worten gegeben, laß mich darin die Bestätigung finden, daß ich nicht mehr allein stehe auf der Welt und ein Herz gefunden habe, das mein sein will in Lust und Leid, in Sorge und in Glück.«
Elise schlug das thränengefüllte Auge zu ihm auf und lehnte ihr Haupt dann schwer und seufzend an seine Brust.
»Es kann nicht sein,« flüsterte sie — »ich darf nicht glücklich werden — werd' es nicht!«
»Du wirst es — mit diesem Kusse gewinn' ich Dich zur Braut, und wie mich Gott verlassen soll in meiner letzten Stunde, wenn ich je von Dir lasse, so vertraue auch mir! Leg' Dein Geschick getrost in meine Hände, und steht uns auch noch eine Prüfung bevor, sollten uns auch noch Hindernisse in den Weg treten, laß Dich nicht entmuthigen. Was es auch sei, wir werden's überwinden, und wie ich jetzt mein ganzes Leben Dir zu eigen gebe, so sei versichert, daß Dein künftiges Glück in guten und treuen Händen ist.«
»Und wenn uns der Vater trennt?«
»Er kann, er darf es nicht, Herz,« sagte Könnern, wieder und wieder ihre Stirn küssend, denn sie hielt das Antlitz noch fest an seiner Brust geborgen — »er wird auch in der Kinder Glück das eigene wieder finden, wieder vergessen lernen, was ihm die Welt vielleicht zu Leid gethan, und so nur können wir auch ihn dem Leben wieder gewinnen, dem er jetzt ja fast vollständig entsagt. Fürchtest Du Dich noch?«
»In Deiner Nähe nicht,« flüsterte die Jungfrau — »hier an Deiner Brust ist mir wohl — o, so möcht' ich sterben. Wenn ich aber weiter denke — wenn ich glauben muß, daß uns ein böses Geschick je wieder trennt — o, gehe nicht von mir,« bat sie, ihn leidenschaftlich umschlingend — »laß mich nicht wieder allein, denn jetzt erst, in diesem Augenblicke erst fühl' ich, was ich mein ganzes Leben lang entbehrt — Liebe! — Liebe! — Liebe!«
Ein lindernder Thränenstrom machte ihrem Herzen Luft, und zitternd, weinend lag sie lange in Könnern's Armen. Endlich rang sie sich gewaltsam von ihm los, und ihre Thränen trocknend, sagte sie, mit einem gar so lieben wehmüthigen Lächeln zu ihm aufschauend:
»Bin ich nicht ein Kind, daß ich dem ersten Glück entgegenweine — und doch — der Allwissende dort oben sieht es — trage ich es mit bitter schwerem Herzen — o, Bernard, willst Du mich nie vergessen, wenn uns auch — das Schicksal wieder auseinander reißt?«
»Nie, nie soll das Eine noch das Andere geschehen!« rief leidenschaftlich der junge Mann — »und jetzt banne die trüben Gedanken aus Deiner Seele, Du süßes Lieb — oder« — fuhr er leise flüsternd und lächelnd fort — »soll ich Dich daran erinnern, daß Du — Dein Vielliebchen gefunden hast? Wie hieß doch der letzte Vers, Schelm?«
Elise barg das erröthende Antlitz wieder an seine Brust und sagte:
»Wie Du mich damals erschreckt hast!«
»Und Du wußtest, von wem es kam?«
Sie antwortete nicht, aber er fühlte, wie sie leise mit dem Kopfe nickte und sich dem Versuche hartnäckig widersetzte, ihr Antlitz zu dem seinen emporzuheben.
»Du wußtest, was es bedeutete?« flüsterte er so leise, daß sie die Worte kaum verstand, und wieder nickte sie und schmiegte sich fester an ihn — und, o der Seligkeit dieser Stunde, in der sich zwei Herzen fanden und verstanden und des reinen Glückes inne wurden, nur in sich selber Eins zu sein! Was kümmerte sie auch jetzt die Außenwelt, was Sorge und Gefahr der nächsten Stunde? Könnern's muthiges Herz setzte sich leicht darüber weg und Elise selbst war zu selig, um nicht dem Augenblicke auch sein Recht zu gönnen.
Könnern führte die Geliebte jetzt zu der kleinen Bank unter dem Mandelbaume, vor welchem ihr Cithertisch stand, und Hand in Hand, Auge in Auge saßen die jungen Leute und plauderten und fanden des Himmels Seligkeit in der Liebe Glück.
Da tönte vom Hause her ein kleines Horn, und erschreckt fuhr Elise empor. Das war das Zeichen zum Frühstück, und sie mußte fort aus dem Garten.
»Die Mutter ruft,« sagte sie ängstlich — »ich darf nicht länger säumen, und — großer Gott, es ist so spät geworden und der Vater jetzt auch schon im Garten — wenn er Dich sieht….«
»Fürchtest Du Dich, Elise? Fürchtest Du Dich an meiner Seite,« sagte Könnern herzlich — »und haben wir denn etwas Böses gethan, daß wir den Blick der Eltern zu scheuen hätten? Offen will ich vor sie treten — jetzt, in diesem Augenblick, nicht im Geheimen mag ich zu ihrem Kinde schleichen und mir dessen Liebe stehlen, wie ein unrecht Gut! Nein, ich habe sie mir ehrlich gewonnen und will sie ehrlich wahren, als meinen höchsten und theuersten Schatz.«
»Aber der Vater….«
»Früher oder später müßte er doch wissen, daß wir einander angehören wollen für das ganze Leben; weshalb dann eine Zeit in Angst und Sorge verleben, die nur dem reinsten Glück gehören sollte? Glaube mir, mein süßes Herz, Dein Vater ist lange nicht so schlimm, wie Du zu denken scheinst. Auch er hat einst mit treuer Liebe um Deine Mutter geworben, und der Zeit mag er gedenken, wenn ich vor ihn trete. Außerdem stehe ich selbstständig in der Welt, und der Director Sarno, welcher meine Familie genau kennt, mag ihm bezeugen, daß er um die Zukunft seiner Tochter nicht besorgt zu sein braucht. Fürchtest Du noch, daß er Dich mir verweigern wird?«
»Ja,« hauchte Elise, während ihre Züge wieder erbleichten — »trotz alle dem; Du kennst den Vater nicht.«
»Und Deine Mutter?«
Elise stand unschlüssig vor ihm, den Blick zu Boden gesenkt. Endlich schlug sie die treuen Augen zu ihm auf und sagte mit einem gar so rührenden Blick voll Vertrauen und Liebe:
»So geh' zu ihm, Bernard — sprich mit ihm — ich vertraue Dir ganz! Wie Dir mein Herz von jetzt allein gehört, will ich mich auch von Deinem Herzen leiten lassen. Ich fühle Du hast Recht; wir dürfen kein Geheimniß vor den Eltern haben — ich wenigstens nicht, nach Allem, was sie schon für mich gethan. Gehe zu ihnen und Gott möge des Vaters Sinn lenken, daß er das Glück des Kindes, zum ersten Mal wo es in seine Hand gelegt, nicht selbst zerstört. Aber noch Eins, Bernard,« fuhr sie fort, als er sie mit sich dem Hause zu ziehen wollte — »was auch der Vater beschließt — wie auch sein Urtheil lautet — und wenn mein eigen Herz darüber brechen müßte — ich kann und darf nicht ungehorsam sein.«
»Elise!«
»Ich bleibe Dir treu,« bat die Jungfrau — »nie wird sich diese Hand in eines andern Mannes Rechte legen, aber wenn mich des Vaters Gebot an seine Seite zwingt, so werd' ich bleiben, was auch mit mir geschehe.«
»Es sei,« sagte Könnern nach einer kurzen, peinlichen Pause — »wie leicht ich aber auch vorher, als ich mich Deiner Liebe versichert wußte, dem entscheidenden Schritt entgegen ging, so schwer gehe ich jetzt, wo ich fürchten muß Dich wieder zu verlieren, in demselben Augenblick, wo ich Dich mein auf immer geglaubt. Aber die erste Bitte kann und will ich Dir nicht abschlagen — ich fühle, daß ich Dich nicht zwingen darf, wenn ich damit nicht Deinen Frieden für spätere Zeiten zerstören sollte. Ich will allein Dein Glück — und daß ich nur das will, kann ich Dir jetzt beweisen.«
»Ach, Bernard,« sagte das junge Mädchen traurig — »nur an Deiner Seite find' ich das, und gehst Du von mir, ist es doch vorbei — aber trotzdem danke ich Dir — danke ich Dir recht von Herzen für Deine Liebe, welche Du mir jetzt stärker als vorher gezeigt — und nun zum Vater, daß wir unsere Bitten dort vereinen.«
Schon vor einiger Zeit hatten sie draußen vor dem Garten wildes Pferdegestampfe und Stimmen gehört, aber, zu sehr mit sich selber beschäftigt, nicht weiter darauf geachtet. Jetzt eben hatte sich das wiederholt, und sie blieben horchend stehen. Könnern dachte an sein eigenes Pferd, ob sich das vielleicht losgerissen haben könnte, aber das war fest und sicher angebunden — vielleicht waren es trunkene Colonisten, die hier dem Städtchen zujagten — was kümmerte es sie — Seite an Seite, Könnern seinen rechten Arm um der Geliebtem Schulter geschlagen, schritten sie langsam den Kiesweg an der Hecke entlang hin, welcher dem Hause zuführte. Kaum aber waren sie in der Nähe der Thür angelangt, die hinaus in's Freie führte und stets sorgfältig verriegelt gehalten wurde, als ein paar heftige Stöße dagegen erfolgten und eine Stimme draußen, welche Könnern bekannt schien, um Einlaß bat.
»Was ist das?« sagte Elise, ängstlich seinen Arm ergreifend — »wir dürfen nicht öffnen.«
»Es ist ein Unglück geschehen!« rief Könnern »sollen wir nicht nachsehen?«
»Ein Unglück?« wiederholte das junge Mädchen erschreckt.
»Ich halte eine Ohnmächtige hier im Arme!« rief da Günther's Stimme wieder — »wollt Ihr sie hier im Wege sterben lassen?«
»Eine Ohnmächtige?! Gleich, gleich!« rief Elise, jede weitere Furcht bei Seite setzend — »der dürfen wir ja doch unsere Hülfe nicht versagen« — und zu der Thür springend, schob sie die beiden großen Riegel zurück. Könnern drückte zugleich das breite Schloß auf, das nach außen keine Klinke hatte, und sah erstaunt den Freund mit seiner Bürde.
»Günther!« rief er überrascht aus — »Sie hier und mit einer Dame im Arm?«
»Ich könnte, glaub' ich, so ziemlich dieselbe Frage an Sie richten, Könnern,« lachte der Freund, »wenn wir jetzt Zeit zur Unterhaltung hätten, aber die Arme sind mir schon erlahmt — mein Fräulein, dürft' ich Sie bitten, sich der armen Dame anzunehmen?«
»O, das Haus ist nur wenige Schritte von hier entfernt,« rief Elise, welche mit gefalteten Händen vor der bleichen Fremden stand — »ach, das bildschöne, unglückliche Kind — kommen Sie rasch mit mir, dort ist Alles was ihr Hülfe bringen kann« — und mit flüchtigen Schritten flog sie ihnen voran, den Gang hinauf. Könnern hatte indessen, dem Freunde die Last zu erleichtern, den Oberkörper der Bewußtlosen in seinen Arm genommen, so daß sie rasch der Jungfrau folgen konnten, und unterwegs erzählte ihm Günther mit kurzen Worten, was draußen vor dem Garten geschehen.
Jetzt hatten sie das Haus erreicht, und stiegen die wenigen Stufen zu dem untern Gartensaale hinauf — die Mutter war schon durch ein paar flüchtige Worte Elisens von dem Unfall unterrichtet und in ihr Zimmer gegangen, englisches Salz zu holen — nur Elise erwartete sie am Eingang, und die beiden Freunde legten die Ohnmächtige jetzt auf das an der entgegengesetzten Wand stehende Sopha.
Günther hatte ihre Kleider etwas geordnet, und richtete sich eben auf, als die Thür links geöffnet wurde, und Meier eilig hereintrat.
»Was geht denn hier vor?« rief er bestürzt — »was ist geschehen? Das ist ja ein Lärm« — sein Auge begegnete Günther's fest und erstaunt auf ihm haftenden Blick, und Könnern, welcher sich eben bei ihm entschuldigen wollte, bemerkte zu seinem Erstaunen, daß der alte Mann zurückschrak, als ob er einen Geist gesehen hätte.
Noch standen sie sich so gegenüber, während Elise mit der Bewußtlosen beschäftigt war und ihr das Kleid zu öffnen suchte, als die andere Thür aufging, und Elisens Mutter mit dem herbeigeholten Fläschchen eintrat — nur Einen Blick aber warf sie auf die Gruppe der beiden Männer, als auch das Flacon ihrer zitternden Hand entfiel.
»Mutter, liebe, beste Mutter!« rief Elise, zu dieser springend — »es ist Nichts — nur eine Ohnmacht — sie schlägt die Augen schon wieder auf.«
»Herr Sellbach!« sagte Günther mit ruhiger, kalter Stimme — »ich hatte allerdings keine Ahnung, daß wir so lange schon nahe Nachbarn gewesen waren, und kann dem Zufall nicht genug danken, der uns hier zusammenführt.«
Der alte Mann stand wie zu Stein erstarrt — seine Lippen hatten sich getheilt, aber er sprach kein Wort; seine Augen, vor denen er heute nicht die blaue Brille trug, schienen aus ihren Höhlen drängen zu wollen, und die beiden Arme hielt er wie abwehrend vorgestreckt.
»Sie kommt zu sich!« rief Elise, welche das ihr entgegengerollte Flacon aufgehoben und der Kranken vorgehalten hatte — »Gott sei Dank! Beruhige Dich, liebe Mutter, und Vater« — sie wandte sich, während sie sprach, dem Vater zu und stieß einen Angstschrei aus, als sie den Zustand sah, in welchem er dem Fremden gegenüber stand.
»Vater!« rief sie — »lieber, bester Vater — um des barmherzigen Gottes willen, was ist geschehen?« und in Windeseile war sie an seiner Seite und umschlang ihn mit ihren Armen. Erst die Berührung schien den Zauber zu lösen, von dem er befangen war. — »O, mein Gott!« stöhnte er — »endlich! endlich!« und wäre jetzt zu Boden gesunken, hätte ihn die Tochter nicht in ihren Armen gehalten und zu dem nächsten Stuhl geführt, in den er, in einander gebrochen, zusammensank.
»Um Gottes willen, was geht hier vor?« rief Könnern, des Freundes Arm ergreifend — »welch' Geheimniß lagert zwischen Euch?«
»Hier ist jetzt weder Platz noch Zeit, das zu erklären,« drängte Günther — »das Fräulein richtet sich auf und — braucht eben nicht zur Mitwisserin gemacht zu werden. Bitten Sie die junge Dame, daß sie die Fremde in ihr Zimmer führt, bis sie sich vollständig erholt hat und das Haus verlassen kann. Wir werden draußen auf sie warten, um sie sicher nach Hause zu geleiten.«
»Aber ich begreife gar nicht!«
»Thun Sie, wie ich Ihnen sage. Alles Andere nachher.«
»Aber wir können die Familie doch nicht jetzt, nicht in diesem Zustande verlassen?«
»Wir können ihr keinen größeren Gefallen thun. Folgen Sie mir nur dieses Mal, Könnern — des jungen Mädchens wegen, wenn Sie sonst nicht wollen!«
Helenens starke Natur hatte indessen vollständig die augenblickliche Schwäche abgeschüttelt. Möglich, daß sie beim Sturze doch vielleicht mit dem Kopf auf einen Stein getroffen und davon nur betäubt gewesen war; aber sie richtete sich empor und sah erstaunt auf ihre Umgebung. Günther, der in diesem Augenblick für Alle zu denken schien, benutzte den günstigen Augenblick, und auf sie zutretend, bot er ihr seinen Arm.
»Ich sehe zu meiner Freude, daß Sie sich erholt haben, Comtesse; erlauben Sie mir, Sie an die frische Luft zu führen, die wird Ihnen wohler thun, als alle Medicamente der Welt.« Leise setzte er dann hinzu: »Die alten Leute sind außer sich über Ihre Ohnmacht, die sie für weit gefährlicher hielten als sie war. Zeigen Sie sich kräftig, daß wir sie beruhigen.«
»Ich bin kräftig,« sagte das junge Mädchen, aber ich begreife nur nicht wo ich bin, wie ich hierher gekommen.«
»Ich erzähle Ihnen die Geschichte unterwegs,« lachte Günther, ihren Arm ohne weitere Umstände in den seinen ziehend. »Könnern, thun Sie mir den Gefallen, und sehen Sie draußen nach dem Pferd, daß kein weiteres Unglück geschieht — Sie können ja dann zurückkehren, wenn Sie wollen,« flüsterte er ihm zu.
Könnern war wie betäubt. Er sah wohl, daß etwas Außergewöhnliches — etwas Furchtbares hier vorgegangen sei, aber er begriff nicht was; Elise war dazu, ohne auch nur weiter seiner zu achten, mit dem Vater beschäftigt, und ehe er selber zu einem recht klaren Bewußtsein gekommen war, hatte Günther, während er an dem rechten Arme Helenen führte, mit der Linken ihn ergriffen, und zog den keinen Widerstand mehr Versuchenden mit sich hinaus in's Freie, durch den Garten und auf die Straße, wo er ohne Weiteres die Thür hinter sich in's Schloß warf, und ihnen dadurch Allen den Rückzug vollkommen abschnitt.
Hier aber half ihnen Helenens Bruder aus der augenblicklichen Verlegenheit, was sie mit der jungen Dame anfangen sollten. Als sie auf den Weg hinaustraten, kam er, da er indeß seines Pferdes wieder Herr geworden, zurückgesprengt, um die Schwester zu suchen.
Allerdings fürchtete Könnern, daß sie sich noch nicht allein im Sattel halten könne, und bat sie, das Pferd, welches noch an dem Lasso befestigt stand, lieber zur Stadt führen zu lassen. Helene schlug das aber lächelnd aus.
»Ich bin an derlei Abenteuer gewöhnt,« sagte sie freundlich; »nur Eins beunruhigt mich: so ganz ohne einen Dank von der Familie zu scheiden, die mir so gütige Hülfe geleistet, und die ich dafür so erschreckt und gestört habe.«
»Ich werde Sie entschuldigen,« wehrte Günther ab, »und Sie können ihr immer später einen Besuch abstatten. Jetzt halte ich es selber für besser, daß Sie so rasch als möglich nach Hause zurückkehren und sich dort erst vollständig ausruhen. Die Folgen eines solchen Zufalls fühlt man gewöhnlich erst später, und es ist immer besser, sich etwas vorzusehen.«
Günther setzte seinen Willen durch. Könnern holte den Schimmel; der Stamm eines umgestürzten Baumes machte es ihr leicht, in den Sattel zu kommen — und bald hielt sie den Zügel wieder fest in der Hand.
Von dem Moment an aber, als sie wieder die Straße betreten, hatte Helene, als ob sie Jemanden suche, auf und ab gesehen, und selbst ihr Bruder, der jetzt neben ihr hielt, bemerkte dies.
»Suchst Du Freund Pulteleben?« fragte er lachend; »dem bin ich vorher in einem traurigen Zustand zu Fuß begegnet, und ihn selber hat der Rappe bös zwischen Dornen und Geröll abgesetzt. Wenn er es hindern könnte, ließ er sich gewiß vor keinem Menschen sehen, ehe er frische Toilette gemacht hat; er ist bitterböse zugerichtet.«
»War nicht noch ein anderer Herr mit Ihnen?« wandte sich Helene aber an den noch neben ihr stehenden Günther, ohne die Leidensgeschichte von Pulteleben's weiter zu beachten — »derselbe — wenn ich nicht irre — der sich meinem Pferd entgegenwarf?«
»Allerdings,« erwiederte der Gefragte — »sein eigenes Thier war ihm aber indeß davongelaufen, und er wird wohl nachgegangen sein, um es zu suchen.«
»Ich bin Ihnen zu vielem Dank verpflichtet!« sagte das junge schöne Mädchen herzlich.
»Mir nicht im Geringsten,« wehrte Günther lächelnd ab; »ich habe kein Verdienst, als daß ich Sie in's Haus getragen habe, und das — trug schon seine eigene Belohnung in sich selbst.«
Helene erröthete, aber sagte freundlich: »Und darf ich hoffen Sie wiederzusehen, wenn Sie hier auf frischer That meinen Dank verschmähen?«
»Wenn Sie mir erlauben, werde ich sicher morgen bei Ihnen nachfragen, ob der kleine Unfall, wie ich fest hoffe, keine weiteren nachtheiligen Folgen für Sie gehabt.«
»Und« — sagte Helene, aber sie hielt das Wort zurück, neigte sich gegen die beiden Freunde und rief: »Auf Wiedersehen denn!« als der Schimmel schon den Druck ihrer Hacken fühlte und mit ihr in scharfem Trab der Colonie zuflog. Oskar hielt sich an ihrer Seite, und Günther nahm Könnern's Arm, und führte den, wenn auch im Anfang Widerstrebenden trotz seinem Sträuben mit sich die Straße hinab, die Jene vorangeritten waren.
9.
Sarno's Abschied.
Könnern folgte dem Freunde wie in einem halben Traume. Die letzten Scenen waren so rasch auf einander gefolgt, daß er sie kaum von einander zu scheiden vermochte, und des Freundes sonderbares Betragen mußte noch mehr dazu beitragen ihn zu verwirren. Dieser sollte ihm aber jetzt Rede stehen, denn er fühlte daß Elise in diesem Augenblick seiner Hülfe bedurfte, und er mußte wissen, weshalb Günther so darauf drang, sie gerade jetzt sich selber zu überlassen.
Mit diesem Entschlusse stehen bleibend, hielt er Günther's Arm und sagte vorerst: »Nicht einen Schritt weiter geh' ich mit Ihnen, bis Sie mir Ihr Betragen erklären, Günther, bis Sie mir das Geheimniß lichten, das Sie und jenen alten Mann verbindet.«
»Glauben Sie, daß ich es gut mit Ihnen meine, Könnern?« fragte Günther herzlich, der Beantwortung der Frage für jetzt noch ausweichend.
»Ja, das glaube ich fest.«
»Gut, dann folgen Sie mir auch jetzt in die Colonie. Wir müssen Beide mit einander berathen, was zu thun, und ehe das nicht geschehen, dürfen Sie jenes Mannes Haus nicht betreten.«
»Nicht betreten?«
»Nein — doch Sie sollen Alles hören — nur zuerst beantworten Sie mir eine Frage: Wie stehen Sie mit jenem jungen Mädchen? Glauben Sie um Gottes willen nicht, daß es bloße Neugier sei!«
»Sie brauchen keine Entschuldigung und ich kein Geheimniß für einen ehrlichen Handel,« sagte Könnern erröthend. »Ich liebe Elisen von ganzer Seele — heute Morgen habe ich ihr das Geständniß meiner Liebe abgelegt und bin ihrer Gegenliebe sicher — wir waren auf dem Wege zum Hause, um die Einwilligung ihrer Eltern einzuholen, als Sie an die Thür klopften.«
»So haben Sie mit Elisens Eltern noch nicht gesprochen?« rief Günther rasch.
»Mißdeuten Sie meine Worte nicht, Günther,« erwiederte Könnern ruhig — »welcher Art auch Ihr Geheimniß sei, ich halte mich fest gebunden an das Mädchen, dem ich mit Leib und Leben zugehöre!«
Günther seufzte tief auf und schwieg für wenige Augenblicke; endlich sagte er herzlich: »Sie haben mir einfach und wahr geantwortet, Bernard, und es soll Sie nicht gereuen. Eben so klar und aufrichtig will ich Ihnen jetzt Alles mittheilen — aber lassen Sie uns zu unseren Pferden gehen; wollen Sie nachher unmittelbar zurückkehren, steht es ja immer in Ihrer Macht.«
»Und was wollten Sie mir sagen?« fragte Könnern, der jetzt an des Freundes Seite, ihre Pferde am Zügel führend, langsam den Weg hinabschritt — »Sie müssen begreifen können, in welche Unruhe mich jene eben erlebte Scene versetzt hat.«
»Ich begreife es,« sagte Günther ruhig, »und will dabei so kurz als möglich sein, denn nur die Umrisse meiner Mittheilung haben Interesse für Sie. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen früher einmal erzählte, wie ich in Deutschland mein ganzes Vermögen durch den Bankerott eines Kaufmannes verlor?«
»Ich erinnere mich dessen.«
»Eben im Begriffe, zu heirathen, zertrümmerte dieser furchtbare Schlag alle meine Hoffnungen. Meine Braut war arm, ich selber besaß Nichts mehr auf der weiten Welt als meine Kenntnisse, die mich aber in Europa nicht über Wasser gehalten hätten. So nahm ich den Kampf mit dem Leben auf und ging nach Brasilien, um hier von vorn zu beginnen. Wie ich hier gearbeitet habe wissen Sie, und ich stehe jetzt im Begriff, mit meinem erworbenen kleinen Capital nach Deutschland zurückzukehren und mein wackeres Mädchen, das treulich für mich ausgeharrt hat, zu heirathen.«
»Aber was hat das Alles mit jenem alten Mann zu thun?«
»Der Bankerott jenes Banquiers,« sagte Günther finster, »wurde durch die Flucht seines Cassirers herbeigeführt. In jener Zeit, wo fast kein Geschäft sicher war und die Kaufleute Alles einziehen mußten, was sie an Geld ausstehen hatten, nur um ihre Verbindlichkeiten zu decken, entfloh er eines Tages mit der Casse — man behauptet, mit mehr als hunderttausend Thalern — und konnte trotz der größten Mühe, die man sich gab, nicht wieder eingeholt werden. Einige der Gläubiger setzten damals Alles in Bewegung, um wenigstens den Ort zu erfahren, wohin sich der Verbrecher gewandt — es blieb Alles umsonst. Wir kamen allerdings einmal auf eine Spur, die nach Brasilien und sogar in diese Gegend führte, und ein Agent, der jenen Menschen kannte, wurde herüber geschickt, um die genauesten Nachforschungen anzustellen — aber ohne Erfolg. Da endlich heute…«
»Heute?« — wiederholte Könnern und fühlte, daß ihm das Blut wie Eis zum Herzen zurücktrat.
»Heute,« fuhr Günther leise fort — »begegnete ich ihm. Zu fest hatten sich seine Züge meinem Gedächtniß eingeprägt, denn daheim war ich oft in seinem Hause, an seinem Tische gewesen. — Auch er erkannte mich wieder — Sie sahen sein Erschrecken, das Erbleichen der Schuld, die ihm das Antlitz so weiß färbte, wie sie in ihrem Bewußtsein sein Haar gebleicht hat. Hätte es übrigens noch einer Bestätigung bedurft, so lieferte seine Frau dieselbe. Auch sie — die, wie man damals allgemein behauptete, die größte Schuld an ihres Mannes Verbrechen trug, ja ihn dazu allein verleitet haben soll — erkannte mich wieder, und wenn sie auch Beide kaum ahnen, wie elend sie mich damals gemacht haben, trieb doch die Furcht vor der endlichen Entdeckung das Blut aus ihren Wangen, die Kraft aus ihren Sehnen.«
»Entsetzlich, entsetzlich!« stöhnte Könnern und barg sein Angesicht in den Händen — »und meine arme, arme Elise!«
»Das arme Mädchen dauert mich!« fuhr Günther leise fort — »sie kann auch keine Ahnung von dem Verbrechen haben, denn sie war damals noch ein Kind. Der Schlag wird sie jetzt, mit dem vollen Bewußtsein der Schuld, um so furchtbarer treffen.«
»Und was wollen Sie thun?« fragte Könnern, rasch zu ihm aussehend.
»Ich weiß es selber noch nicht,« erwiederte Günther leise — »das Ganze brach so überraschend schnell herein, daß mir noch gar nicht Zeit geblieben, zu überlegen, zu denken. — Ich — wollte das eigentlich auch mit Ihnen besprechen, Könnern.«
»Mit mir?«
»Gerade mit Ihnen. Der alte Sünder verdient allerdings keine Schonung, denn er hat damals viele Menschen unglücklich gemacht, nicht mich allein — aber des Mädchens wegen die…«
»Und wird Elise dadurch den Schlag weniger furchtbar fühlen, wird sie weniger unglücklich sein?«
»Lassen Sie mir Zeit zum Überlegen,« bat Günther, nachdem sie wieder schweigend eine Zeit lang ihren Weg verfolgt hatten; »lassen Sie mir Zeit zu überdenken, wie sich Alles am Besten richten lasse. Aber Sie müssen selber fühlen daß jetzt, in diesem Augenblick, Ihre Gegenwart da draußen überflüssig war. Der Fremde in einem solchen Kreise hätte das Furchtbare der Situation nur noch erhöht, davon ganz abgesehen, daß es für Sie selber peinlich gewesen wäre.«
»Aber die Ungewißheit ihres Schicksals wird jetzt noch so viel entsetzlicher auf den Armen lasten!«
»Das haben sie reichlich verdient,« sagte Günther düster, »und das Schwerste was sie treffen könnte, wöge das Elend das sie gestiftet, noch nicht zum tausendsten Theile auf!«
Könnern seufzte tief und starrte vor sich nieder, als Günther den Arm um seine Schulter legte und sagte:
»Armer Freund — auch Sie sind schwer, schwer getroffen, denn es muß hart, recht hart sein, der Liebe erste Blüthe so geknickt zu sehen!«
»Und glauben Sie, daß ich Elise je verlassen könnte?« rief Könnern, rasch zu ihm aufschauend — »soll das Kind die Schuld der Eltern büßen, dem alttestamentarischen Rachespruche nach? Was würde aus ihr, wenn sie allein stände in der Welt mit dem Gedanken, daß sich selbst der treulos von ihr abgewandt, dem sie ihr ganzes, reiches Herz zu eigen gab?«
»Das ist schön und edel von Ihnen gedacht,« sagte Günther seufzend; »aber wollen Sie Ihre Frau der Bosheit des Leumunds aussetzen, wenn Sie nach Deutschland zurückkehren? Halten Sie die Abstammung Ihrer Frau so geheim Sie wollen, ein unglücklicher Zufall kann sie stets verrathen, und könnten Sie — selbst nur mit dem Bewußtsein solcher Gefahr — Ihres Lebens auch nur einen Augenblick froh werden?«
»Und was kümmert mich das Urtheil der Menge,« rief Könnern trotzig, »die ja immer nur Freude an dem Unglücke des Nächsten hat?«
»Sie vielleicht nicht, aber glauben Sie, daß Ihre Frau die Verachtung der Gesellschaft ertragen könnte, ohne sich wenigstens unglücklich und elend zu fühlen?«
»Dann kehren wir zurück nach Brasilien!« rief Könnern aus. »Verweigert mir die Heimath das Glück, das ich in ihr genießen könnte, dann hat sie auch kein Recht, meine weitere Liebe zu fordern, und die Fremde mag dann mein Vaterland werden und bleiben. Verlieren Sie kein Wort weiter darüber, Günther — ich weiß, Sie meinen es gut und haben in Ihrer Art vielleicht auch Recht — aber Sie thun mir nur weh und sind nicht im Stande, Etwas an meinem festen Entschlusse zu ändern.«
»Genug davon, mein lieber Könnern,« sagte Günther, ihm die Hand reichend und die seine herzlich drückend; »ich ehre Ihr edles Herz, und diese Stunde wird uns fortan nur fester binden! Vielleicht läßt sich auch Alles noch günstiger gestalten, als wir jetzt glauben. Noch weiß Niemand um das Geheimniß, als wir Beide, denn glücklicher Weise haben wir die Comtesse noch zur rechten Zeit beseitigt. Was aber jetzt geschehen muß, kann hier nicht auf offener Straße besprochen werden — zu übereilen ist außerdem Nichts, und wir wollen Beide die Sache ruhig beschlafen. Morgen sehen wir Alles mit kälterem Blute und können dann ruhig beschließen, was geschehen soll. Hier nähern wir uns überdies auch der Colonie, und es ist besser wir sitzen auf. Der neue Director ist schon angekommen, nicht wahr? Ich sehe da wenigstens seine würdigen Untergebenen, ein paar betrunkene Soldaten, die sich jetzt müßig in der Stadt herumtreiben und Nichts als Unheil anstiften werden.«
»Allerdings — schon vor einigen Tagen, und es ist sogar möglich, daß Sarno heute Abend die Colonie verläßt, um mit dem Dampfer nach Rio hinauf zu fahren. Jedenfalls wird er im Laufe des morgenden Tages abreisen.«
»Dann lassen Sie uns ein wenig rascher austraben,« sagte Günther, »denn ich möchte ihn gern noch sprechen« — und seinem Pferde die Sporen gebend, sprengte er im Galopp die Straße entlang. — Unterwegs sah er sich wohl nach Felix um, denn er hatte sich mit ihm kein Rendez-vous gegeben und wußte gar nicht, wohin er sich heute Abend gewandt haben konnte. Aber Santa Clara war auch nicht so groß, daß er lange nach ihm hätte suchen müssen, und im Laufe des Tages war er ziemlich sicher ihn irgendwo zu treffen.
Sarno fanden sie zu Hause und eifrig mit Packen beschäftigt. Als sie zu ihm in's Zimmer traten, drehte er sich nach Günther um und rief lachend: »Beinahe hätten Sie mich hier gar nicht mehr gefunden. Alle Wetter, die Frau Präsidentin hat Eile gehabt!«
»Wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie gar nicht,« sagte Günther. »Der Präsident hat kein Recht, Sie so ohne Weiteres, ohne wichtige Gründe Ihres Dienstes zu entlassen. Bleiben Sie hier und schicken Sie mich mit dem Dampfer nach Rio. Ich garantire Ihnen, daß ich einen Gegenbefehl bringe.«
»Ich danke Ihnen, Herr von Schwartzau,« sagte Sarno trocken — »aber ich habe nicht Lust, mich hier mit dem Herrn Director herum zu zanken, nur der unter solchen Umständen sehr zweifelhaften Ehre wegen, Director zu bleiben. Außerdem hat der Herr sich auch gleich eine Abtheilung Soldaten mitgebracht und würde nicht säumen, selbst gewaltsamen Besitz von dem Directionsgebäude zu nehmen.«
»Darauf ließe ich es ankommen.«
»Ich nicht. Mit diesem Präsidenten, oder vielmehr seiner Frau Gemahlin an der Spitze danke ich außerdem für den Posten. Ja, wäre da eine Änderung getroffen, dann von Herzen gern, aber wie die Verhältnisse jetzt stehen, nicht. Ich bin fest entschlossen, mit dem Dampfer nach Rio zu fahren.«
»Gut, dann aber folge ich Ihnen. In kurzer Zeit kann ich meine sämmtlichen Arbeiten hier beendet haben, und dann sprechen wir ein weiteres Wort über diese Präsidialwirthschaft, der unter jeder Bedingung ein Ende gemacht werden muß. Ich habe haarsträubende Dinge in Santa Catharina gehört und Beweise dafür in Händen, mit den achtbarsten Leuten der Insel zu Zeugen. Denen wird die Regierung in Rio ihr Ohr nicht verschließen.«
»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Bemühungen, aber es wird Nichts helfen,« sagte Sarno achselzuckend — »hier in Brasilien geht nun einmal Alles seinen gewohnten Schlendrian, und nur wer keine schmutzigen Hände scheut, kann sich allein emporarbeiten. Ich passe aber zu derlei Intriguen nicht, und werde ruhig wieder meine Vermessungen beginnen, bei denen ich doch wenigstens nur Arbeit und keinen Ärger habe.«
»Aber Sie bleiben, bis ich komme, in Rio?«
»Ich werde unter fünf oder sechs Wochen nicht von dort wegkommen.«
»Desto besser — dann treffen wir uns jedenfalls. Sie wohnen?«
»Im Hotel Pharoux.«
»Schön; weiter brauche ich Nichts.«
»Und Könnern?« fragte Sarno und sah lächelnd zu seinem jungen Freunde auf — »haben Sie reussirt? Aber zum Henker, Mann, Sie sehen so melancholisch aus! Ich will doch nicht hoffen, daß Sie einen Korb nach Hause bringen?«
»Elise wird mein Weib,« sagte Könnern fest.
»Und dabei schneiden Sie ein Gesicht,« lachte Sarno, »als ob Ihnen das größte Unglück begegnet wäre. Sie haben Etwas auf dem Herzen…«
»Ja« sagte Könnern zögernd — »es ist — Etwas vorgefallen, das mein Glück nicht stört, aber doch hinausschiebt; gestatten Sie mir jedoch, daß ich jetzt noch darüber schweige.«
»Mein lieber, bester Freund!« rief Sarno gutmüthig — »Sie glauben doch um Gottes willen nicht, daß ich Sie habe aushorchen wollen?«
»Sie sollen Alles erfahren, denn ich bin es Ihnen schuldig,« erwiederte Könnern, »aber — ich muß erst selbst mit mir im Klaren sein. Ehe Sie Rio verlassen, sehe ich Sie jedenfalls dort, denn auch mich werden bis dahin meine Geldgeschäfte nöthigen, die Hauptstadt zu besuchen. Wen habe ich denn auch noch in Santa Clara, wenn Sie Beide den Ort verlassen?«
»Dann treffen wir uns also Alle in Rio, und nun kommen Sie her und helfen Sie mir ein Wenig mit packen, daß ich die verwünschten Kisten und Koffer in Ordnung kriege. Das weiß der Böse, was man für eine Quantität Gepäck zusammenbringt, wenn man sich erst einmal ein paar Jahre an einem Platze aufgehalten! Ein Glück nur, daß mir Herr von Reitschen — durch einen Unterhändler natürlich — meine Möbel hat abkaufen lassen, ich müßte sonst wahrhaftig eine Auction anstellen.«
Könnern wie Günther halfen jetzt Beide dem Freunde seine Sachen ordnen, da die Abfahrt des Dampfers auf heute Abend festgesetzt war, und Sarno sich gegen vier Uhr, um die rückgehende Fluth zu benutzen, einschiffen mußte. Eine Menge Leute, und zwar die achtbarsten der Colonie, kamen auch heute noch, ihrem bisherigen Director Adieu zu sagen und ihm zu versichern, wie leid es ihnen thue, daß er sie verließe. Dann kam der Transport des Gepäcks zum Boote, welchen Jeremias übernommen hatte, und mit seinem Handkarren wahre Wunder leistete.
Der Weg zur Landung war allerdings nicht so nahe, aber er ging von der Thür des Directionsgebäudes an immer leise bergab, und der kleine kräftige Bursche lud enorme Quantitäten von Koffern und Kisten auf, mit denen er dann im scharfen Trabe und in Schweiß förmlich gebadet, aber immer guter Laune, seinem Bestimmungsorte zueilte.
Der letzten Fuhre folgten die drei Freunde zusammen, und unten an der Bootlandung lagen sämmtliche Soldaten faul ausgestreckt im Schatten und sahen zu, »wie der alte Director fortgeschickt wurde.« Sie lachten auch unter einander und machten ihre frechen Bemerkungen, aber keiner der Drei achtete auf sie. Die verschiedenen Colli wurden an Bord genommen, und Sarno wandte sich jetzt erst noch einmal zu seinem bisherigen treuen Factotum, Jeremias, welcher sich bescheiden zurückgezogen hatte und neben seinem leeren Karren stand.
»Hieher, alter Freund,« sagte er zu ihm — »Du bist der Letzte, der noch eine Forderung an mich hat.«
»Wenn Sie's nur gar nicht erwähnen wollten, Herr Director,« sagte Jeremias, und die Thränen standen ihm dabei in den Augen — »hol's der Teufel, ich wollte — es wäre der Andere, den ich hätte herunterkarren müssen! Hurrje, mit welchem Vergnügen wäre das geschehen — aber Gott straf' mich, wenn er hier in der Colonie eine Stunde seines Lebens froh werden soll! Da ist er, das ist richtig, aber er wird froh sein, wenn er den Platz hier erst wieder mit dem Rücken ansieht!«
»Mach' keine dummen Streiche,« warnte ihn Sarno, »und gebt dem Herrn keine gegründete Ursache zur Klage; Ihr habt es Euch sonst selber zuzuschreiben, wenn er Euch das Leben sauer macht.«
»Ja, aber…«
»Schon gut, Jeremias — hier ist eine Kleinigkeit für Deinen letzten Monat und die heutige Arbeit…«
»Aber Herr Director!« rief Jeremias ordentlich erschreckt, als ihm Sarno eine ganze Hand voll Milreis in den Hut warf — »das kann ich ja gar nicht nehmen — ich bin so den letzten Monat schmählich faul gewesen — das müßte mir ja auf der Seele brennen!«
»Dann betrachte es als Strafe,« lächelte Sarno — »und nun Adieu, Ihr lieben Freunde, die Ihr noch bis zuletzt bei mir ausgehalten habt. Adieu, Könnern, Adieu, Schwartzau, auf Wiedersehen in Rio!« und in das Boot springend, gab er das Zeichen zum Abstoßen. Die Ruderer ließen ihre Riemen einfallen; der Bug des trefflich gebauten Bootes fiel vom Lande ab, und während noch ein freundliches Lebewohl herüber- und hinübergewinkt wurde, schoß das kleine Fahrzeug seine Bahn entlang dem Dampfer zu.
Hinter ihm aber folgte ein anderes kleineres, von vier Soldaten gerudert, welches den Befehl gehabt zu warten, bis der bisherige Director unterwegs sei. Es brachte die Briefe und Depeschen des neuen Directors an Bord.
Herr von Reitschen hatte sich dem Abschied von seinem Vorgänger entzogen.
10.
Bux & Comp.
Könnern und Günther waren zusammen Arm in Arm in der Richtung nach Bohlos' Hotel, wo sie jetzt wohnten, zurückgegangen, und Jeremias folgte ihnen in einiger Entfernung mit dem leeren Karren. Er hatte das erhaltene Silber in seine Hosentasche gesteckt und fühlte von Zeit zu Zeit danach, sah sich auch wohl manchmal in der Straße um, ob ihm das Gewicht nicht etwa die Tasche zerrissen hätte und er jetzt, zum Besten der Colonisten, Milreis auf den Weg streue. Unterwegs aber, als er sich ziemlich allein sah, blieb er stehen, hob seine Tasche etwas mit der rechten Hand und sagte leise vor sich hin:
»Verwünscht schwer geworden heute — kann's wahrhaftig nicht mehr länger so am Beine herumtragen und muß wieder einmal damit auf die »Bank« gehen — und kann ich abkommen? Hm! Bei meinem jungen Herrn Grafen die Pferde abreiben, denn die werden wieder schön abgehetzt nach Hause gekommen sein — aber das kann warten — thu' ich hernach beim Füttern — bei Bodenlos sollte ich heute Flaschen spülen — das hat auch bis morgen Zeit — beim Baron die Pfeifen rein machen — er mag heute noch einmal aus einer alten rauchen — und beim Tischler Bitter — Donnerwetter, der hat heute Kindtaufe und dem sollt' ich den Kuchen vom Bäcker holen, das hab' ich doch in den Boden hinein vergessen! Na, jetzt ist's doch zu spät und er wird sich ihn nun wohl selber geholt haben, der Kindtaufsvater — man kann ja auch nicht an Alles denken, und heute ist's überhaupt zugegangen wie in Sodom und Gomorrha. Also abgemacht — zuerst geh' ich auf die Bank und deponire meine Capitalien — dann müssen vor allen Dingen die Pferde besorgt werden, und nachher — ach was, nachher ist Feierabend und morgen noch ein Tag!« — und damit hakte er sein Tragband wieder ein und zog den Karren pfeifend die Straße hinauf und der Stelle zu, wo er ihn gewöhnlich unterstellte — in einem von Bohlos' Schuppen. — —
Oben vor seinem Hause stand Justus Kernbeutel, und zwar heute, mitten in der Woche, in seinem Sonntagsstaat, einem blauen Frack mit gelben Knöpfen, einem Paar großcarrirter Hosen, gelber Piquéweste, einer hellblauen seidenen Halsbinde und einem zwar etwas abgetragenen, aber doch wieder sorgfältig abgebürsteten Hut auf, ein kleines spanisches Rohr mit einem großen geschliffenen Glasstein als Knopf unter dem Arm, und jedenfalls gerade im Begriff, irgend einen wichtigen Besuch zu machen — denn zu einem Spaziergang brauchte er sich nicht so anzuziehen.
Die Straße herauf kam ein junger Mann im Schritt angeritten; er war in die gewöhnliche Tracht der dortigen brasilianischen Farmer gekleidet, mit breitrandigem Strohhut auf, und gerade als sich Justus zum Gehen wandte, rief er ihn an: »He — holla — halt, Freund!«
Justus drehte sich um und wartete auf ihn, und als er herankam, sagte er weiter Nichts als: »Und?«
»Ihr wollt ausgehen?« fragte der junge Mann — »da komme ich gerade zur rechten Zeit. Ist mein Rock fertig?«
»Morgen,« sagte Justus in größter Gemüthsruhe — »nur noch die Knöpfe anzusetzen.«
»Ei zum Henker, Mann, das hättet Ihr dann aber auch noch vorher thun können! Ich brauche den Rock heute Abend und werde nun schon drei Wochen immer von Tag zu Tag darauf vertröstet. Wenn Ihr nicht arbeiten wollt, so sagt's doch lieber gleich heraus und habt die Leute nicht zum Narren.«
»Hoho,« rief Justus, »nur nicht so vornehm, Herr Köhler — hier in Brasilien thut Jeder, was ihn freut, und ein Künstler läßt sich nun einmal gar keine Vorschriften machen.«
»Ach was, Künstler,« rief Köhler ärgerlich, »wenn die Schneider auch noch Künstler werden, nachher hörts auf!«
»Ich verbitte mir alles Schimpfen!« rief Justus und wurde ganz roth im Gesichte.
»Holla, zankt Euch nur nicht,« lachte ein Vorübergehender, der Wirth Buttlich; »Ihr Deutschen sollt ja einig sein, wißt Ihr denn das nicht? Ist ja eine ganz alte Geschichte —« und vergnügt vor sich hinpfeifend, schlenderte er in eine Nebenstraße hinein.
»Zanken,« brummte Justus vor sich hin, »wer zankt sich denn? Ich will ja gern meine Kunden befriedigen, wenn sie nur höflich sind. Das ist das Wenigste, was ein Künstler außer der Bezahlung verlangen kann.«
»Und wann soll ich den Rock haben?«
»Morgen früh bestimmt, auf Ehre!« rief Justus; »mehr kann ich nicht sagen, das ist mein höchster Schwur.«
»Und um wie viel Uhr kann ich herunterschicken?«
»So früh Sie wollen, und wenn's um neun Uhr ist.«
»Gut; aber was ist denn das, Kernbeutel, seid Ihr irgendwo zu Gevatter gebeten, daß Ihr Euch so furchtbar herausgedonnert habt? Ihr glänzt ja ordentlich wie ein neuer Knopf.«
»Hm,« schmunzelte Justus, an seinen carrirten Beinen hinuntersehend, »heute ist Thé dansant und Concert bei Zuhbel, zur Feier des neuen Directors — wenigstens dazu, daß wir den alten los sind, und da muß man sich doch anständig anziehen.«
»Hm, da hättet Ihr auch etwas Besseres feiern können,« meinte der junge Mann. »Der alte Director war ein Ehrenmann, und ich will zu Gott hoffen, daß der neue eben so gut einschlägt, glaub's aber nicht. Wenn Ihr übrigens nach Zuhbels hinaufgeht, so haben wir, wenigstens ein kurzes Stück, einen Weg, denn ich will nach Barthel's Chagra hinüber.«
»Da reiten Sie aber doch näher die Straße, die hier hinüberführt.«
»Es ist dort eine Colonie ausgemessen, die ich mir einmal ansehen wollte,« sagte Köhler — »der Bach läuft durch, und vielleicht ließe sich dort eine Mühle anlegen.« — Und die beiden Männer, Justus neben dem Pferde her, hielten zusammen die Straße hinauf, bis sie ein Stück im Walde waren; dann bog Köhler links ab an dem Hange hin und Justus Kernbeutel setzte seinen Weg allein fort.
Es ging hier eine kurze Strecke ziemlich steil hinauf, und Justus, der nicht wünschte, sich in Schweiß zu bringen, stieg sehr langsam bergan. Die Sonne war noch eine halbe Stunde hoch, und er konnte, ohne sich zu übereilen, Zuhbel's Chagra recht gut vor oder wenigstens mit Dunkelwerden erreichen.
Als er die Höhe des Weges gewonnen hatte, an der rechts ein steiler, aus rauhen Blöcken bestehender Felshang emporragte, drehte er sich um, theils um auszuruhen, theils um einen Blick auf die sich hier weit ausdehnende Scenerie zu werfen, die am Horizont sogar durch das Meer begränzt wurde. Das Städtchen selber konnte er von hier oben aus nicht sehen, da es hinter dem dichten Gebüsche und Unterholze versteckt lag.
Justus war übrigens, wie man danach vielleicht hätte glauben können, keineswegs ein großer Verehrer von Naturschönheiten, und wenn er einen großen Berg hinaufstieg, fluchte er gewöhnlich leise vor sich hin, bis er oben war; aber er versäumte nie, auf allen den Punkten gewissenhaft anzuhalten, von wo aus er das Meer sehen konnte, und auch nicht etwa, weil er es liebte — Gott bewahre — nein, nur um sich zu freuen, daß er nicht mehr darauf war und festen Boden unter seinen Füßen hatte.
Auf der ganzen Seereise war er nämlich, von dem Augenblicke an wo er sich in Bremerhaven eingeschifft, bis zu dem Moment wo er in die Mündung des Santa Clara mehr wie ein Sack, als wie ein lebendiger Passagier hineingerudert worden, so seekrank gewesen, daß ihm noch bis auf den heutigen Tag übel wurde, wenn er nur Theer roch und dadurch wieder lebhaft an seinen Aufenthalt an Bord erinnert wurde. Sah er aber so recht von Weitem aus die endlose blaue Fläche, oder konnte er gar die weißen Kämme überstürzender Wellen erkennen, dann erfaßte ein eigenes inneres Wohlbehagen seine Seele, er rieb sich die Hände, stampfte mit den Füßen, schnalzte mit der Zunge und machte oft die wunderlichsten und außergewöhnlichsten Capriolen, um sein unbändiges Vergnügen auszudrücken.
Heute fühlte er sich dazu in ganz besonders günstiger Stimmung — war es die Aussicht auf den vergnügten Abend, war es der neue Anzug, den er trug und den er, in Ermangelung eines Modejournals in Santa Clara, einem Theil der Bevölkerung vorzuführen dachte; war es vielleicht die frische, kühle Abendluft, die hier draußen wehte, oder auch die Wirkung einiger Gläser Cognac, die er vorher zu sich genommen, kurz, er blieb stehen, nahm den Hut ab, machte dem einige Meilen entfernten Meere eine sehr formelle, ehrerbietige Verbeugung und sagte:
»Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorsamst, sehr verehrtes Brechmittel, Salzwasserpfütze verfluchte, die Einen herumschlenkert, daß man am Ende gar nicht einmal mehr weiß, wo Einem der Kopf oder wo die Füße sitzen. Hier, hier komm' her, wenn Du dazu Courage hast — hier auf dem Felsen schaukele mich einmal, wenn Du kannst, und wirf mich herüber und hinüber, wie einen schlechten Groschen — ääh!« setzte er hinzu, eine Grimasse gegen das Meer ziehend — »so viel für Dich und alle das dumme Gesindel, das sich auf Dir jetzt herumschütteln läßt, um nach Brumsilien zu kommen — hei, wie die Kerle torkeln und wie hundeschlecht ihnen ist — wie sie würgen und ächzen — wenn ich sie nur sehen und meine Freude an ihnen haben könnte! — Hurrah für festen Boden — hurrah hoch für soliden Steingrund!« — und seinen Hut in die Luft werfend, machte er selber einen Sprung und schlug dabei mehrere Mal die Füße zusammen.
»Na, Gott straf' mich,« sagte da plötzlich eine Stimme dicht an seiner Seite, »wenn das nicht über den grünen Klee geht!«
Erschreckt fuhr Justus herum, denn er hatte vorher keinen Menschen bemerkt, und ein unheimliches Grausen lief ihm über den Rücken, als er auch jetzt noch Niemanden neben sich sah, denn der Weg war vollkommen leer.
»Bux!« — der Gedanke schoß ihm plötzlich durch's Hirn, als er laut den Namen rief — »das ist kein Anderer, als der verfluchte Bux — wo nur der Himmelhund steckt?«
Ein lautes, ordentlich wieherndes Gelächter antwortete ihm von einem der Felsen unweit der Straße, und als er hinaufsah, saß der Bauchredner da oben, schnitt aber jetzt schon wieder ein so finsteres Gesicht, daß Justus ordentlich unsicher wurde, ob nun nicht eben Jemand neben ihm durch den Bauch gelacht und es nur so geschallt hätte, als ob der Ton von da oben käme.
»Was, zum Teufel, machst Du denn da auf der Kanzel oben?« rief er ihm erstaunt zu.
»Gerade das Entgegengesetzte von dem, was Du thust,« sagte Bux mürrisch — »ich gucke 'nunter und Du 'rauf. Aber komm' her, ich habe was mit Dir zu reden.«
»Ja, komm' her, das ist leicht gesagt,« meinte Justus, »aber wie kann ich hinauf? Komm' Du hieher, das ist bequemer.«
»Wenn Du nicht willst, läßt Du's bleiben,« brummte der mit der Silbertresse — »so behalt' ich's für mich.«
»Hm,« sagte Justus, neugierig werdend — »ich zerreiße mir die neuen Hosen und will noch in Gesellschaft.«
Bux antwortete ihm nicht und pfiff gleichgültig in's Blaue hinein, und Justus, der jetzt eine Stelle entdeckt zu haben glaubte, an der er ziemlich bequem aufwärts steigen konnte, kletterte mit einigen Schwierigkeiten, denn seine »Strupfen« genirten ihn, über das rauhe Gestein empor, wobei er besonders ängstlich den Dornen auszuweichen hatte. Als er übrigens unterwegs einmal nach oben sah, war Bux verschwunden, und erst als er den Stein selber erreichte auf dem er gesessen, entdeckte er den Bauchredner hinter den Felsen dort, wo er von dem Wege aus gar nicht gesehen werden konnte. Er hatte sich auf ein kleines Fleckchen Grasboden geworfen und schien die Ankunft seines neuen Freundes ruhig zu erwarten.
»Was, zum Henker, machst Du denn hier?« sagte Justus, als er den Platz endlich erreicht hatte und sich dabei das linke Knie rieb, das er sich gegen einen Felsen gestoßen. »Das ist ja ein ganz verfluchter Weg hier herauf.«
»Ich überlege mir eben,« sagte Bux ruhig, »ob ich mich am Liebsten hängen oder ersäufen soll, denn so viel Geld habe ich nicht mehr, um mir eine Ladung Pulver und eine Kugel zu kaufen, und zum Hängen kann man Bast nehmen. Aber ich glaube, das Ersäufen sagt meiner Natur besser zu.«
»Und um Dich zu ersäufen, bist Du hier oben auf den Berg geklettert,« lachte Justus, »wo nicht einmal so viel Wasser ist, um sich die Finger naß zu machen zum Banknoten zählen? Das ist nicht so übel.«
Bux antwortete nicht; er lehnte sich mit dem Rücken an den Felsen, hielt sein linkes Knie mit beiden Händen umspannt und schaute finster vor sich nieder.
Justus sah ihn eine Weile an, dann fragte er: »Was war denn das, was Du mir sagen wolltest?«
»Jetzt sitz' ich drin,« brütete Bux weiter, ohne die Frage zu beantworten — »mit den Vorstellungen ist es Nichts mehr. Gestern Abend waren drei Personen drin, von denen zwei nicht einmal bezahlt hatten, und ich brauche zwölf, um nur Beleuchtung und Miethe zu bezahlen. Die gottverfluchten Schufte wollen mich zwingen, daß ich die Kinder nicht soll tanzen lassen, und wozu hab' ich denn da die blutigen Rangen. — Verhungern will ich aber nicht — Gott straf' mich!« rief er, sein Knie loslassend und seine Faust in die andere Hand schlagend — »und wenn sie mich dazu treiben….«
Seine Augen blickten stier und wild, und in den schmutzigen, gemeinen Zügen glühte ordentlich Haß und tückische Bosheit.
»Ei, zum Wetter,« sagte Justus, der immer noch solidere Ansichten vom Leben hatte — »wenn's mit der »Kunst« nicht geht, dann versuch's einmal eine Weile mit der Arbeit — verding' Dich bei einem Bauer und….«
»Daß ich mich schinde und plage für ein paar Milreis, nicht wahr, nur um der Heulliese, meiner Frau, und den Rangen die Bäuche zu füllen? Verdammt, wenn ich's thue — da versuch' ich noch wenigstens erst, ob nicht auf andere Weise 'was zu machen ist — he, Schneider!« sagte er plötzlich und sah zu Justus mit einem scharfen, forschenden und doch mißtrauischen Blick auf — »bist Du ein Kerl, auf den man sich verlassen kann?«
»Nanu?« sagte Justus und sah erstaunt zu ihm nieder.
»Ich meine,« fuhr Bux fort, »ob Du das Herz auf dem rechten Fleck hast, wenn es einmal gilt. Du bist auch arm wie eine Kirchenmaus, wenn Du auch jetzt die paar bunten Lappen um Dich herum hängen hast; die Schulden fressen Dich bald auf, und eh' das Jahr um ist, jagen sie Dich so zum Platz hinaus — halt's Maul, ich weiß Alles, und mir brauchst Du Nichts weis zu machen, aber — wenn Du Dir nun mit einem Griff helfen und Alles wieder in's Reine bringen könntest?«
»Donnerwetter!« sagte Justus, und seine Augen wurden immer größer — »was hast Du nur? Weißt Du einen Fleck, wo ein Haufen Gold liegt — aber warum hast Du ihn Dir da nicht schon lange selbst geholt?«
»Weil Einer allein Nichts ausrichten kann,« knurrte Bux, »und mit meiner Vettel von Weib Nichts anzufangen ist. Doch ich will nicht länger hinterm Busche halten, denn Du verräthst mich nicht, so viel weiß ich — dächtest Du daran, bei Höll' und Teufel, ich risse Dir das Herz lebendig aus dem Leibe!«
»Aber was hast Du nur?« rief Justus wirklich erschreckt.
»Hör' zu,« sagte Bux, sich selbst auf diesem abgelegenen Platz scheu umsehend, ob sie Niemand höre — »Du weißt, daß der neue Director angekommen ist.«
»Jedes Kind weiß das,« brummte Justus — »wir feiern's heute.«
»Du weißt aber nicht, daß er einen Haufen Geld mitgebracht hat,« fuhr Bux fort, »um eine Menge Leute abzulohnen, welche der frühere Director angestellt hatte.«
»Und was hilft uns das?«
»Von Buttlich weiß ich's, »fuhr Bux fort, ohne sich stören zu lassen — »und ich selber habe gesehen, wie der schwere Koffer hinauf getragen wurde. Buttlich hat mir aber ebenfalls erzählt, daß nächster Tage eine große Gesellschaft oder ein Ball bei der Frau Gräfin ist — dahin geht der Director jedenfalls, und das Haus ist oben leer — Justus, hast Du Courage?«
»Ne,« sagte dieser, ganz entschieden mit dem Kopf schüttelnd — »zu so 'was nicht — hol's der Teufel, das klingt im Anfang ganz gut, aber nachher wird's auf einmal faul, und dann sitzt man drin. Ne, Bux, das wollen wir doch lieber nicht machen.«
»Memme!« knirschte der Bursche zwischen den Zähnen durch — »habe mir's bald gedacht, daß Du zu Nichts zu gebrauchen bist.«
»Und wenn sie uns erwischen?«
»Wenn wir's so dumm machen, verdienen wir's nicht besser!«
»Ne,« sagte Justus noch einmal nach einer kleinen Pause, in welcher er die Sache hin und her erwogen hatte — »ich verdiene gern einen Thaler Geld und — bin auch nicht übereigen, wie, aber auf die Art — nachher in Eisen nach Rio hinauf geschafft werden und dort in das Loch, wo man erst am gelben Fieber stirbt, ehe man gehangen wird — Gott soll mich bewahren, da — ernähr' ich mich lieber von meiner Kunst, wenn's auch ein Hundeleben ist!«
»Esel!« grinste da Bux plötzlich vor sich hin — »Du bist doch, Gott straf' mich, zu dumm, daß Du glaubst, ich dächte an so 'was. Sitzt der Kerl auf — hahahahaha!«
Justus sah ihn erstaunt an.
»Also war's nur Spaß?« fragte er verdutzt.
»Na, Du glaubst wohl ich wär' ein Einbrecher im Ernst?« lachte Bux — »ne, Justus, für dumm hab' ich Dich immer gehalten, aber für so dumm doch wahrhaftig nicht.«
»Du machtest aber so ein ernsthaftes Gesicht dabei.«
Bux war aufgestanden und sah über den Felsen hin nach dem Weg hinüber. Sein scharfes Ohr hatte einen Schritt auf dem harten Boden gehört, und es dauerte auch nicht lange, bis ein Mann den Weg kam, der anscheinend die Richtung nach Zuhbel's Chagra einschlug.
»Kommt Jemand?« fragte Justus.
»Ist das nicht der Lump, der Jeremias?« sagte Bux, der nur eben mit seinen Augen über den Stein hinausschaute — Justus nahm seinen Hut ab und sah ebenfalls vorsichtig hinüber.
»Ja wohl,« flüsterte er, »das ist die rothköpfige Canaille, seine Perrücke leuchtet ja wie Feuer durch den Wald. Wo will denn der noch heute Abend hin? zu Zuhbel's doch wahrhaftig nicht, denn der würf' ihn den Augenblick aus dem Hause.«
»Und wie er sich immer umguckt,« flüsterte Bux zurück, »genau so, als ob er ein bös Gewissen hätte.«
Es war in der That Jeremias, der, seinen Hut in der Hand, den Weg von der Colonie herauf gekommen war und jetzt auf derselben Höhe stehen blieb, auf welcher Justus gehalten, um nach der See zurückzuschauen. Auch Jeremias sah sich ein paar Mal um, aber es schien, als ob die Scenerie seine Aufmerksamkeit nicht fesseln könne, denn er drehte den Kopf bald der Richtung zu, von welcher er gekommen, bald der entgegensetzten, gerade als ob er Jemanden erwarte und nicht wisse, von welcher Seite er kommen würde.
»Was zum Teufel hat denn der? Auf wen wartet er denn?« flüsterte Bux, als Justus seinen Arm ergriff, drückte und ihn durch ein Zeichen warnte, vorsichtig zu sein. Bux sah ihn erstaunt an. Jeremias, der nicht daran dachte, daß da oben zwischen den Steinen irgend ein menschliches Wesen sitzen könne, schritt vorsichtig weiter und bog endlich, kurz vorher, ehe ihn die Wendung der Straße den Nachblickenden verborgen haben würde, in eben dieselbe Felswand ein, in der die Beiden standen.
Er mochte jetzt ungefähr hundert Schritte von ihnen entfernt sein, als Justus sich zu Bux überbog und flüsterte:
»Bux, ich setze meinen Hals zum Pfande, daß der Schuft jetzt nach dem heimlichen Verstecke kriecht, wo er sein Geld vergraben hat. Wenn wir das ausfinden könnten, da wäre ein Fang zu machen, und dem Halunken gönnt' ich's.«
»Glaubst Du wirklich?« zischelte Bux zurück und stieg auf einen der nächsten Steine, um den kleinen Burschen nicht aus den Augen zu verlieren. Es war jetzt auch gar keine Gefahr mehr, daß sie gesehen würden, denn Jeremias drehte ihnen den Rücken zu.
»Gewiß,« sagte Justus — »was sollte er denn sonst hier oben zwischen den Steinen herum zu kriechen haben, und daß er Geld irgendwo vergräbt, weiß ich ganz gewiß.«
»Komm,« winkte Bux, als Jeremias jetzt gerade hinter dem Rücken der nächsten Abdachung verschwunden war — »zwischen den Blöcken hier kann er uns nicht sehen, und vielleicht bekommen wir ihn da drüben wieder in Sicht« — und ohne eine weitere Antwort seines Kameraden abzuwarten, sprang er von seinem Stein herunter, und glitt wie eine Schlange zwischen den Felsstücken hin der Richtung zu, in der Jener verschwunden war. Justus konnte ihm in seinen engen Kleidern und besonders mit den Stegen an den Hosen, welche ihn im Steigen hinderten, kaum folgen. Bux erwies sich übrigens als ein vortrefflicher Spürhund, denn sein Terrain mit einer wahren Meisterschaft benutzend und jeden Fels, jeden Baum zur Deckung brauchend, pirschte er sich rasch und vollkommen geräuschlos weiter vor, und sah sich nur manchmal unwillig nach Justus um, wenn dieser achtlos auf einen dürren, knackenden Zweig trat oder an einen lockern Stein mit dem Fuße stieß — Dinge, die er verschiedene Mal möglich machte.
Jetzt hatte er den scharfen Kamm, welcher aber hier nicht so steil ablief und einen Blick über die nächste enge Schlucht gestattete, erreicht, und entdeckte auch Jeremias schon an der andern Seite derselben, an der er in die Höhe kletterte. Die Schlucht lag übrigens vollständig vom Wege ab und tief und sicher versteckt mitten im Walde.
Bux mußte hier abwarten, bis Jeremias wieder aus Sicht war, und Justus kam indessen auch heran.
»Ist er da?«
Bux deutete nur einfach mit dem Arm über die Schlucht, wo die lichten Kleider des Deutschen, der langsam an dem Hang hinstieg, deutlich hinter den Büschen sichtbar waren, wohl einmal einen Augenblick verschwanden, aber doch immer wieder zum Vorschein kamen.
»Wenn er noch lange macht,« flüsterte Justus, »geht die Sonne unter, nachher wird's Nacht.«
Bux hob nur warnend die Hand, daß er schweigen solle, denn Jeremias war stehn geblieben und bückte sich dort. Die beiden Männer schauten ihm mit der gespanntesten Erwartung zu, aber keiner von ihnen sprach ein Wort weiter, denn das da drüben mußte der Platz sein. Was Jeremias eigentlich machte, konnten sie freilich nicht erkennen, aber während ihm Justus mit größter Aufmerksamkeit zuschaute, merkte sich Bux genau die verschiedenen Büsche, einen einzeln stehenden Baum, eine junge Palme und einen Felsblock, an dem wie ein Teller groß ein Moosfleck wucherte.
Jeremias hatte sich etwa zehn Minuten an der Stelle aufgehalten; jetzt richtete er sich wieder empor und schien erst vorsichtig umzuschauen, ob er kein lebendes Wesen erkennen könne. Aber Todtenstille herrschte im Walde, über welchem nur ein einzelner Raubvogel kreiste und dann und wann seinen eigenthümlich schrillen Ruf ertönen ließ. Der kleine Bursche mußte sich auch für vollkommen sicher halten, denn er stieg jetzt auf einem andern Wege, als er gekommen, und vorsichtig von Stein zu Stein tretend, gerade in die Schlucht hinab und der Richtung nach genau auf die Stelle zu, wo die Beiden auf der Lauer lagen. Erwarten durften sie ihn hier aber keinesfalls, und Bux, wieder hinter die nächsten Steine zurückgleitend, ergriff Justus' Arm und zog ihn noch etwas weiter den Hang hinauf hinter ein Dickicht von Lorberbäumen, wo er sich niederkauerte und seinem Begleiter ein Zeichen gab, das Nämliche zu thun.
In dieser Stellung blieben sie etwa eine Viertelstunde, und erst als die Sonne den obern Rücken der westlichen Gebirge berührte, hob sich Bux wieder in die Höh und schritt auf seinen alten Stand zurück, um zu erforschen, ob sich noch Etwas von Jeremias erkennen ließ. Dieser mußte sich aber jedenfalls — und für ihn auch der bequemste Weg — die Schlucht hinunter gewandt haben, deren Mündung wahrscheinlich unten wieder auf den Weg oder doch wenigstens in dessen Nähe führte. Es war nicht das Geringste mehr von ihm zu erkennen. Trotzdem zögerte Bux, hier gerade die Schlucht hinab zu steigen, wo sie sich jedenfalls ganz offen zeigen mußten, und zog es vor, einen kleinen Umweg zu machen. Dort begünstigte sie außerdem das Terrain ganz besonders, da sich, ein kleines Stück weiter oben, eine Terrasse über die Schlucht hinüber zog und dadurch einen dünnen Wasserfall bildete, mit dem sich der Bergbach den Hang hinunter warf. Sie erreichten, außerdem fast überall durch Gebüsch gedeckt, die andere Seite der Schlucht dadurch viel früher und konnten nun ohne weiteres Zögern ihrem Ziel entgegen rücken, denn so lange hatte sich Jeremias hier keinesfalls ausgehalten. Außerdem durften sie nicht mehr viel Zeit verlieren, denn schon rötheten sich die Wolken im Westen.
Bux versäumte aber auch in der That nicht viel Zeit. Seine Ortskenntniß ließ Nichts zu wünschen übrig. Bald hatte er den einzeln stehenden Baum und die junge Palme gefunden; dicht darüber stand der Stein mit dem weißen Moosfleck, und hier war die Stelle, wo Jeremias, zu welchem Zweck auch immer, gehalten hatte. Hier aber war auch der Grund so steinig, daß er unter keinen Umständen gegraben haben konnte.
»Zum Henker auch!« brummte Justus, der sich überall umsah, »hier kann es doch nicht sein; Du mußt Dich im Platze versehen haben; ich glaube, es war weiter oben.«
»Dann such' Du weiter oben,« brummte Bux — »wenn ich mir einmal einen Ort gemerkt habe, find' ich ihn auch wieder, und hier war's. Hat er aber hier Etwas versteckt, so ist's nicht vergraben, sondern liegt unter einem Steine, und dem wollen wir verdammt bald auf die Sprünge kommen. Paß Du nur ein Bißchen auf, daß wir nicht etwa überrascht werden — wir sind freilich unser Zwei, aber — besser ist besser« — und ungesäumt hob er einige der nächsten Steine auf, ohne jedoch das Geringste zu entdecken — unter denen konnte Nichts verborgen sein.
»Teufel noch einmal!« brummte er endlich und richtete sich wieder auf — »wenn hier wirklich 'was liegt, ist es verflucht schlau weggestaut, und weiß der Henker, wie er's gemacht hat, denn den großen Felsblock da hat er doch wahrhaftig nicht heben können. Das brächten zwölf Menschen nicht zuwege.«
»Sieh 'mal hier,« sagte Justus, der etwas mehr seitwärts stand — »da ist eine Spalte in dem Fels, aber so eng, daß man nicht einmal den Finger dazwischen bringen kann.«
Bux ging zu dem bezeichneten Platze, hatte ihn aber kaum ein paar Secunden betrachtet, als er sich zu der Platte niederbog und daran probirte.
»Bei Gott, die bewegt sich!« flüsterte er — »und siehst Du, hier oben ist auch Etwas von dem Stein abgestoßen, als ob Jemand mit einem eisernen Instrument daran gewesen wäre.«
»Wenn man nur ein Messer dazwischen brächte.«
Bux hatte sein Taschenmesser schon heraus, und ohne die Klinge zu öffnen, drückte er es ganz hinein und schob daran, bis sich der Stein etwas ablöste und er die Finger dazwischen bringen konnte.
»Schieb Deinen Stock hinein, daß es mich nicht fängt.«
Justus gehorchte, und im nächsten Augenblick hob sich die Platte oben los und zeigte einen ganz eigenthümlich geformten hohlen Raum im Innern, der aber nur mit lockerm Gestein angefüllt schien. Es dämmerte außerdem schon, und sie konnten kaum noch auf zehn Minuten Tageslicht rechnen.
»Halte die Platte — so — daß ich dahinter greife!« rief Bux — »aber laß sie nicht fallen.« Justus hielt sie mit zitternden Händen fest, und Bux, der keine Rücksicht auf seine Kleider zu nehmen brauchte, zwängte sich jetzt von der Seite hinein und warf die Steine drin zurück. Plötzlich stieß er einen leisen Jubelruf aus: »Ich hab's!«
»Was?« rief Justus — »was ist's?«
»Zieh die Platte noch ein klein Wenig zu Dir — so — noch ein Bißchen — so, jetzt geht's — ein Sack — ein Sack mit Geld — hurrah, das war geglückt!« und aus dem Gestein zerrte er einen klingenden Leinwandsack heraus und hob ihn mit Mühe aus der Spalte mit einem Arme zu Tage.
»Jemine!« rief Justus und ließ die Platte los, die wieder in ihre alte Lage zurücksank und so vortrefflich paßte, daß man nur mit großer Aufmerksamkeit den Platz entdecken konnte.
»Esel!« schimpfte Bux — »kannst Du denn den Stein nicht einmal halten, bis man Dir's sagt? Wenn nun noch mehr drin stäke — Du bist doch zu gar Nichts zu gebrauchen.«
»Na, wie viel Säcke soll er denn haben,« lachte Justus — »Junge, Junge, in dem Beutel stecken wenigstens ihre dreihundert Milreis, wenn auch nicht ein einziges Goldstück dazwischen wäre. Aber was machen wir jetzt damit?«
»Wir theilen,« brummte Bux, der indessen mit einiger Mühe die Schnur gelöst hatte, in den Sack griff, eine Hand voll Münzen herausnahm und in seine Westentasche steckte.
»Du, laß mich auch einmal kosten,« sagte Justus — »schmeckst Du prächtig!«
»Komm hier fort!« sagte Bux, den Sack wieder zubindend — hol's der Henker, der Teufel könnte doch noch sein Spiel haben — dort drüben im Dickicht sind wir sicher.«
»Wenn wir nachher nur wieder zum Wege hinunter finden,« meinte Justus ängstlich.
»Narr, der Mond geht ja in einer Stunde auf,« brummte der Bauchredner — »und hab' keine Angst — ich führe Dich sicher.« —
Jeremias, der einmal durch Zufall diesen wunderlichen Stein gefunden und — weil er keinem Menschen sein mühsam erspartes Geld anvertrauen wollte — zu seinem Depositorium benutzt hatte, war indessen wieder auf die andere Seite der Schlucht hinübergestiegen und wollte derselben eben thalabwärts folgen, um zu dem Wege und in die Stadt zurückzukehren. Da entdeckte er an einer Stelle im Sand die Spuren eines Stiefels, welche ziemlich frisch zu sein schienen, und er erschrak heftig darüber. War er etwa von Jemandem bei seiner letzten Arbeit beobachtet? War sein Versteck entdeckt worden? Doch das konnte ja nicht sein. Die Fährten hier hatte jedenfalls einer der Colonisten eingedrückt, der sich auf der Jagd in der Gegend herumgetrieben, und bei dem jetzt trockenen Wetter konnten sie eben so gut mehrere Tage alt sein — was brauchte er sich deshalb den Kopf zu zerbrechen. Außerdem brach auch die Nacht schon an, und er stieg rasch den Hang hinab, um die Colonie noch vor völliger Dunkelheit zu erreichen. Nichtsdestoweniger fühlte er sich heute Abend nicht so recht behaglich — es drängte ihn sogar ein paar Mal, wieder umzukehren und sich selber zu überzeugen, ob Alles sicher sei — wie aber konnte er glauben, daß irgend ein Mensch der Welt — noch dazu in der Dunkelheit — die Stelle ausfinden sollte.
»Und ich wollte doch, ich hätte dem Director das Geld mit nach Rio gegeben,« brummte er endlich leise vor sich hin — zum Kuckuck, ich habe den Platz gefunden und ein Anderer könnte auch einmal darüber stolpern — und noch dazu jetzt, wo das nichtsnutzige Soldatenvolk überall herumschnüffelt und spionirt — daß die braunen Bestien alle der Teufel hole!«
Er hatte den Weg jetzt erreicht und schlenderte langsam eine Strecke darauf hin. Die Sonne war unter und es dämmerte schon stark. Er blieb wieder stehen.
»Ist mir doch ganz curios heut zu Muthe,« murmelte er, indem er sich nach den Bergen umsah, »und ich gäb' was drum, wenn ich noch eine Weile da oben geblieben wäre — es wurde nur gar so spät — und in den alten Felsblöcken kann man Nachts Hals und Beine brechen.«
Er horchte erschreckt empor — war es ihm doch fast, als ob er in der Richtung nach seinem versteckten Schatz hin einen Ruf gehört hätte — es war Alles todtenstill — die Grillen zirpten ihr Abendlied, und von der See herüber konnte man das dumpfe Rollen der Brandung hören — weiter keinen Laut.
»'s ist doch merkwürdig,« dachte Jeremias, »was mir heute nur Alles in den Gliedern liegt und in den Ohren klingt, nur, weil ich da oben die Spur von einem Schuh im Sande gefunden habe! Als ob es nicht Menschen genug gäbe, die da herumstreifen könnten — und außerdem hat's in drei Tagen nicht einmal geregnet. Aber wie Blei liegt's mir trotzdem in den Gliedern und ich möchte die ganze Nacht hier sitzen, um nur morgen früh mit Tagesanbruch gleich wieder an der Stelle zu sein. — Dann nehm ich's aber mit — keine Sonne soll je wieder auf den Stein scheinen mit meinem Geld darunter, so viel weiß ich, denn die Angst will ich nicht noch einmal ausstehen. — Und was hindert mich denn, daß ich's jetzt noch hole? — aber mit dem Gelde mitten in der Nacht den Weg da allein gehen und alle die Soldaten um das Nest herum….?!«
Jeremias war vollkommen mit sich im Unklaren — er wollte Etwas thun und wußte nicht was. Wie machte er's am Gescheutesten?
Gerade, wo er stand, war ein Baum quer über den Weg gefallen, von einem vorbeipassirenden Kärrner wahrscheinlich durchgehauen und eben nur nothdürftig genug mit dem Stammende aus dem Weg gehoben, daß die Räder durchpassiren konnten — wer die Passage breiter haben wollte, konnte sich selber helfen. Auf den Stamm setzte sich Jeremias, seinen Hut neben sich legend, und kratzte sich unter der rothen Perrücke in lauter Zweifel und Ungewißheit den Kopf; es war indessen vollständig dunkel und Nacht geworden.
Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen. »Zum Schwerebrett!« brummte er, jetzt ist's Nacht geworden — jetzt kriecht Niemand mehr da oben herum — und ich auch nicht — und morgen, eine Stunde vor Tag, steh' ich auf, und sprenge die Bank — hol' mich Dieser und Jener wenn ich's nicht thue!«
Damit nahm er seine Perrücke ab, trocknete sich darunter mit einem baumwollenen Taschentuch den Schweiß, zog sie wieder fest, drückte sich den Hut darüber und wollte eben aufstehen und in die Stadt zurückkehren, als er rasche und schwere Schritte auf den Steinen hörte.
»Holla, wer ist das?« fuhr er erschreckt empor. Aber die Schritte kamen rasch näher — es war Jemand, der aus Leibeskräften lief, und im nächsten Momente sah er eine dunkle Gestalt auf sich zuspringen, und zwar genau der Richtung folgend, welche die Straße selber nahm.
Das eine Ende des Baumes lag aber nach dort hinüber, da der umgestürzte Stamm am dünnen Ende durchgehauen war und der Bauer mit seinem Wagen lieber einen kleinen Bogen gemacht hatte. Der Laufende schien den Stamm gar nicht gesehen zu haben, bis er dicht davor war — er wollte einhalten, konnte aber nicht mehr, that einen Fehltritt und schlug der Länge nach über das Holz weg. In demselben Augenblick klirrte Etwas wie Geld auf dem Boden, wie ein Sack mit Silber, und Jeremias, zu dessen Füßen das Alles vorging, sprang in die Höhe und rief überrascht aus: »Holla! — wen haben wir denn da?«
Der Gestürzte mußte keinesfalls die unmittelbare Nähe eines andern Menschen geahnt haben; kaum aber hörte er die Stimme neben sich, so stieß er einen Angstschrei aus, so hell und gellend, daß Jeremias selbst davor zurückschreckte, raffte sich aber auch in demselben Moment empor und war mit Einem Satze seitwärts im Dickicht verschwunden, wo er in wilder Flucht durch Dornen und Geröll hindurchbrach.
»Na ja,« sagte Jeremias und sah verblüfft hinter ihm drein — was hat denn der ausgefressen, und wer war's eigentlich? — Kam mir beinahe so vor, als ob's der Lump, der Bux — alle Teufel!« unterbrach er sich selber und sprang der Stelle zu, aus der er das klirrende Geräusch gehört. Er brauchte auch nicht lange zu suchen, denn mitten im Weg lag ein dunkler Gegenstand, während es ihm durch alle Nerven zuckte, als er nur seine Hand darauf legte.
Es war ein Sack mit Geld — genau so ein Sack, wie er ihn unter dem Stein verborgen gehabt, und als er mit vor Aufregung zitternden Fingern darüber hingriff, konnte er nicht länger im Zweifel sein, daß er sein Eigenthum in Händen halte.
Was war geschehen — wie hing das Alles zusammen? Die Gedanken jagten sich ihm wirr im Kopf und die Furcht überkam ihn jetzt, daß der blos erschreckte Räuber, vielleicht noch mit Genossen, zurückkehren und ihn überfallen könne.
In die Stadt! war jetzt sein einziger Gedanke — zu Menschen, zwischen menschliche Wohnungen, und den wiedergefundenen Beutel fest unter den Arm drückend, lief er, wie der Verbrecher vor ihm gelaufen war, den Weg entlang, als ob ihn selber sein böses Gewissen treibe.
Selbst unterwegs aber überkam ihn die Angst, daß der Flüchtige schon umgedreht sein könne und hinter irgend einem Busche auf ihn lauere, und er brauchte jetzt die wunderlichsten Mittel, sich dagegen sicher zu stellen. Wenn Jener nämlich glauben mußte, daß er nicht allein sei, wagte er sicher nicht vorzubrechen, und Jeremias fing jetzt an zu rufen: »Hier ist er — da hinter dem Busche! — Spring' da herum, daß er nicht wieder durchbricht! — Halt' ihn! — Warte, Canaille, dieses Mal entgehst Du uns nicht!« Und dabei lief er so rasch ihn seine Füße trugen, bis er, endlich bei Justus' Haus angekommen, vor Erschöpfung und ausgestandener Todesangst fast in die Knie brach.
Hier begegneten ihm aber Menschen. Zwei Soldaten gingen plaudernd die Straße hinauf — ein Reiter kam die eine Querstraße herein. In den Häusern war Licht und in den Zimmern konnte er die Leute sitzen sehen. Vor der einen Thür saßen sogar noch ein paar junge Burschen und sangen, und Mädchen gingen über die Straße, um Wasser zu holen. — Er war in Sicherheit.
11.
Könnern und Elise.
Am nächsten Morgen fehlte es in Santa Clara an allen Ecken und Enden: bei Baulens war kein Pferd gefüttert und geputzt, der Baron schimpfte über Jeremias und seine schmutzigen Pfeifen, bei Bohlos sollte Wein abgezogen werden und keine Flasche war rein, beim Kaufmann Rohrland waren die Kleider nicht rein gemacht und die Schuhe ungeputzt geblieben, kurz, überall suchte man Jeremias, der noch im Leben nicht so nöthig gewesen schien als gerade heute, und gerade heute nicht gefunden werden konnte.
Und wo war Jeremias? — In seinem Dachstübchen, aber fest eingeschlossen, das Schlüsselloch verstopft, so saß er auf seinem Bett, antwortete auf kein Klopfen, und brütete über seinem Geldsack, den er wohl verborgen unter der Matratze liegen hatte und sich nicht mehr getraute zu verlassen.
So war es bald Mittag geworden, und er saß noch immer da, als es plötzlich wieder, lauter als je, an seine Thür schlug. Er gab keine Antwort; aber der Klopfer ließ sich dieses Mal nicht abweisen, und rief, mit dem Mund an der Thür:
»Was, zum Teufel, treibst Du denn da drin, Jeremias? So mach' doch auf!« — Keine Antwort — »verstelle Dich nur nicht — ich habe Dich ja eben nießen hören. Mach' auf, oder ich drücke wahrhaftig die Thür ein!«
Jeremias kannte die Stimme — es war der Kaufmann Rohrland selber — konnte ihm der vielleicht einen guten Rath geben? Jeremias stand auf und schob den Riegel zurück.
»Aber, zum Teufel, was treibst Du denn nur hier oben?« rief ihm dieser entgegen, »überall wirst Du gesucht; der Bodenlos flucht und schimpft und der junge Graf wettert im ganzen Orte herum. Bist Du krank?«
»Zahnschmerzen,« sagte Jeremias, und hielt sich mit beiden Händen die Backe.
»So laß ihn herausreißen — wer quält sich denn so lange mit einem kranken Knochen! Ist's denn jetzt besser?«
»Ja.«
»Kannst Du mir 'was besorgen?«
»Und was ist's?«
»Der neue Director war bei mir, und wollte für etwa ein Conto de Reis Silber; ich habe aber nur ein paar Hundert Milreis im Hause — kannst Du einmal herumlaufen und sehen, wo Du sie auftreibst? — Er giebt ganz gute Banknoten dafür, die eigentlich noch eine Prämie bekommen.«
»Ganz gute Banknoten?« fragte Jeremias aufmerksam werdend.
»So gut wie Silber, oder noch besser. Ich wechselte sie ihm gern ein, wenn ich es nur hätte.«
Jeremias sprang wie der Blitz in die Höhe und in seine Schuhe; da war Hülfe in der Noth.
»Sieh' zu, daß Du es bekommst, und wenn es nur wenigstens ein Theil ist, das Andere schaffen wir dann schon.«
»Ich bring' es hinüber,« sagte Jeremias, und meinte seinen Sack — »also gute Banknoten?«
»Ich tausche sie zu jeder Stunde wieder um, wenn ich's nur selber habe. Kommst Du dann hinüber?«
»In einer Viertelstunde; ich — muß mich nur erst waschen.«
»Gut,« sagte Rohrland — »also, ich verlasse mich darauf. Hier hast Du erst einmal fünfhundert Milreis, und wenn Du noch mehr auftreiben kannst, hol' Dir das Übrige — siehst Du, es sind lauter gute Noten und noch alle neu.«
Er zählte sie ihm vor, wickelte das Packet dann wieder in Papier ein, und legte es ihm auf das Bett. Kaum war er aber fort, als Jeremias die Thür wieder hinter ihm fest verriegelte und in voller Hast seinen Schatz vorholte. — Banknoten — weshalb hatte er denn nicht an die schon lange gedacht, daß er sich immer mit dem schweren Silber herumgequält und die Angst ausgestanden hatte, es zu verlieren — Banknoten — die konnte er in seinen Rock oder in seine Weste nähen, und wer wußte nachher, daß er ein Vermögen auf dem Leibe trug? Aber zählen mußte er vorher, was er hatte, und mit vorsichtiger Hand that er das jetzt auf der Bettdecke, daß die Münzen nicht an einander schlugen. — Und wie das hübsch aussah, als da Alles in einer Reihe vor ihm lag — aber Banknoten waren besser — die klimperten nicht und hatten kein Gewicht, und man brauchte nicht draußen in den Bergen herumzukriechen, um sie einzeln zu verstecken, und nachher alle auf einmal stehlen zu lassen. — Wer nur der Dieb gestern gewesen war, und wie er ihn ausgefunden hatte? Wirklich der Bux? — Aber wie konnte der wissen, daß er Geld im Walde versteckt gehalten? — Es mußte jemand Anders gewesen sein — vielleicht der Schneider, der Justus, der ihn wie Gift haßte? — Er hörte bei dem Gedanken ordentlich mit Zählen auf, und brummte leise vor sich hin: »So eine Canaille, — dem traut' ich's zu.«