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Die Colonie

Friedrich Gerstäcker. (continued 3)

Reading edition

Und dennoch schlug er nicht den nächsten Weg dorthin ein, sondern lenkte links ab, an Meier's Chagra vorüber, und weshalb? Er hatte anfangs ein unbestimmtes Gefühl, als ob er die beiden geschossenen Waldhühner, die an seinem Sattelknopfe hingen, Elise bringen wolle — aber das ging nicht. Er durfte dem alten Manne nicht lästig fallen — nicht jetzt schon wieder sein Haus betreten — und doch, mit wie schwerem Herzen ritt er an der dichten Hecke vorüber, die Alles umschlossen hielt, was seinem Herzen lieb und theuer war. — Vergebens suchte er auch nur einen Blick in die Umzäunung zu gewinnen; der alte Meier hatte schon dafür gesorgt, daß kein neugieriges Auge in sein Heiligthum dringen könne, und tief aufseufzend ließ er seinem Pferde endlich wieder den Zügel, um den Weg zu verfolgen, der ihn hinunter nach Santa Clara brachte.

Noch hatte er aber das Ende der Umzäunung nicht erreicht, als er plötzlich Musik zu hören glaubte. Er griff seinem Thiere rasch in den Zügel und lauschte. Richtig — im Garten selber hörte er die melodischen Töne einer Zither. Eine Weile horchte er, aber er war hier noch zu weit entfernt, um die Melodie deutlich zu unterscheiden; nur die einzelnen, höheren Töne drangen zu ihm herüber, und ehe er noch zu einem rechten Entschluß gekommen, was zu thun, war er schon abgestiegen und hatte sein Pferd am Zügel.

Ein Weg führte dort allerdings nicht hinein, aber die Büsche waren doch nicht so dicht, daß er nicht hindurch gekonnt hätte, und einen Augenblick stand er unschlüssig, ob er das Pferd hier draußen am Wege anbinden solle. Aber vom Hause aus konnte Jemand daher kommen und ihn beim Horchen ertappen — besser, er nahm es mit, und es vorsichtig führend, näherte er sich mehr und mehr dem Spielenden, bis endlich ganz deutlich und gar nicht weit entfernt das Lied zu ihm herübertönte.

Hier aber hemmte eine hohe und vollkommen dichte Hecke jedes weitere Vordringen; zu nahe durfte er überhaupt nicht hinan, daß ihn der Schritt des Pferdes nicht verrieth — er blieb stehen und lauschte der Melodie, die eine Meisterhand aus den Saiten lockte — aber wer spielte hier? Der alte Meier selber vielleicht? Der Director hatte ihm schon gesagt, daß er sehr musikalisch sei. Es war eine jener schwermüthigen deutschen Volksweisen, an denen wir so reich sind, und ein tiefes inniges Gefühl schien die Saiten zu beleben.

Jetzt war das Lied beendet und Alles ruhig — hatte sich der Spieler wieder entfernt? Es war so still geworden, daß er sich ordentlich fürchtete den Platz zu verlassen, weil ihn das durch das Pferd verursachte Geräusch verrathen mußte.

Da plötzlich wurden wieder einzelne Accorde angeschlagen, erst leise und wehmüthig, dann in eine mehr heitere Weise übergehend. Zwei oder drei der kleinen allerliebsten steyrischen Ländler folgten, dann plötzlich in eine andere Tonart überspringend, intonirte der Spieler eine dem Zuhörer fremde Melodie, und jetzt — das Herz schlug ihm auf einmal wie ein Hammer in der Brust, begann eine glockenreine Mädchenstimme ein kleines Lied, von dem er deutlich jede Silbe verstehen konnte.

Die Herzen wachsen alle dort

Im blauen Himmelsfeld,

Und immer zwei beisammen, eng,

Die eine Schale hält.

Vielliebchen gleich, so keimen sie

Je zwei und zwei selband,

Und sind sie reif, nimmt sie der Herr

Und streut sie über's Land.

Eins pflanzt er einem Jüngling ein,

Das and're einer Maid,

Und spricht: Mein Segen ruht auf Euch,

Wenn Ihr vereinigt seid.

Die beiden Hälften suchen nun

Sich in der Welt daher,

Und selig, wer sein halbes find't,

O dreimal selig der!

Das halbe Herz, Du lieber Gott,

Kann doch auch halb nur schlagen —

Wer meine and're Hälfte hat,

Ich wollt', er thät mir's sagen.

Könnern lauschte dem Liede mit glühenden Wangen, kaum aber war es beendet, als er — er wußte kaum was er that — die beiden geschossenen Waldhühner vom Sattelknopfe nahm und mit keckem Wurf über die Hecke hinweg in den Garten schleuderte.

Er hörte noch drinnen einen leisen Aufschrei, aber weiter Nichts, in wilder Flucht trieb er sein Pferd wieder durch den Busch zurück auf den Weg, sprang in den Sattel, und jagte mit einem ganzen Sturm tobender Gefühle im Herzen in die Ansiedelung zurück.

7.

Die neuen Colonisten.

Der scharfe Ritt that dem wilden Reiter wohl, und weil er der Unsicherheit des Weges halber sein Thier fest im Zügel halten mußte, sammelten sich seine Gedanken auch wieder mehr auf seine äußere Umgebung.

An der Gränze des Städtchens schon fiel ihm das rege Leben auf, das er hier traf und das er gestern und vorgestern lange nicht so gefunden. Eine Menge von fremden, abenteuerlichen Gestalten, die meisten mit Gewehren auf dem Rücken, als ob sie sich zu einem Kriegszuge gerüstet hätten, liefen hin und wieder, und als er sich des Directors Hause näherte, fand er dieses von einem ganzen Menschenschwarm ordentlich belagert.

Glücklicher Weise traf er einen der Hausleute, der ihm sein Pferd abnehmen konnte, und dieser theilte ihm auch die Neuigkeit mit, daß das Auswandererschiff angekommen sei.

Mit Mühe arbeitete er sich durch das Gedränge im untern Theile des Hauses, denn die Leute schienen der Meinung zu sein, daß jeder von ihnen sein Haus und Feld schon fertig vorfände, und sie Alle wollten sich jetzt nur beim Director erkundigen, »wo es läge«, damit sie gleich einziehen könnten.

Den Director fand er oben in einer ganz verzweifelten Stimmung, wie er sich gerade mit einem etwas zu frechen Burschen herumzankte und im Begriffe stand, diesen eigenhändig die Treppe hinunter zu werfen. Könnern behielt noch eben Zeit, dem Hinunterpolternden auszuweichen.

»Da haben wir's!« rief ihm der Director schon oben entgegen. »Jetzt sind sie da und Nichts fertig — Nichts in Ordnung, daß man sich auch noch von den Flegeln im eigenen Hause muß Grobheiten sagen lassen!«

»Nun, die Strafe folgte wenigstens auf dem Fuße,« lachte Könnern.

»Da soll einem Andern die Galle nicht überlaufen! Ich hätte mich an dem Lump eigentlich nicht vergreifen sollen, aber, bei Gott im Himmel, sie treiben's zu arg! Er nannte mich geradezu einen Ochsen, und da gebrauchte ich mein Hausrecht!«

»Recht ist ihm geschehen,« sagte Könnern; »aber was nun? — Wo wollen Sie mit der ganzen Gesellschaft hin?«

»Sie können mir dabei helfen, Könnern.«

»Von Herzen gern, wenn ich eben nur weiß wie.«

»Ich habe für diesen Fall, da ich ja schon vorgestern von der Ankunft hörte, ein paar Häuser in der Stadt gemiethet; wir dürfen die armen Teufel, besonders die Frauen, doch nicht im Freien liegen lassen, denn es kann noch jede Nacht ein tüchtiger Regen einsetzen. In dem Auswandererhause bringe ich aber höchstens noch acht oder zehn unter, bei mir vielleicht auch noch zwei oder drei, und die Übrigen müssen in jene beiden Häuser einlogirt werden. Kommen Sie mit hinunter; wir sehen uns die beiden Baulichkeiten gleich noch einmal an, und dann sind Sie vielleicht so freundlich und übernehmen die Hinüberschaffung der Leute. — Apropos, wo waren Sie die Nacht? — Verirrt?«

»Nein; bei einem Herrn Zuhbel auf der Chagra.«

»Ah, bei meinem Freunde Zuhbel; nun, da hatten Sie wenigstens Concert und Wein,« sagte der Director trocken.

»Das sei Gott geklagt!« lachte Könnern.

»Und haben auch gleich einen Überblick über die Privatverhältnisse der Einzelnen bekommen. Doch lassen wir das. Jetzt an die Arbeit, und nachher müssen Sie mir von Ihrer Jagd erzählen!« — —

In dem kleinen Städtchen sah es heute wirklich bunt aus, denn gestern Abend noch, schon nach elf Uhr, waren die Einwanderer mit Booten heraufgekommen, wo sie natürlich an der Landung liegen bleiben mußten. Der Capitän hatte ihnen freilich abgerathen, die Fahrt noch so spät zu unternehmen, aber die Leute wollten so rasch als möglich brasilianischen Grund und Boden betreten, und nur Wenige waren klug genug gewesen, den nächsten Morgen abzuwarten, um ihren Einzug in Brasilien zu halten. Jetzt strömten sie nun nach allen Richtungen in der Stadt umher, und als man sie haben wollte, um ihren nächsten Aufenthalt zu ordnen, war eben Keiner zu finden.

Nur mit großer Mühe gelang es Könnern und dem Director, die Leute endlich in die allerdings engen Räumlichkeiten hinein zu bringen, und sie fanden hier wieder bestätigt, daß alle die, denen man es ansah, wie sie früher in besseren und behäbigeren Verhältnissen gelebt, am Leichtesten zu befriedigen waren und sich die größten Unbequemlichkeiten gern gefallen ließen, während gerade die abgerissensten und verwahrlostesten Subjecte sich mit Nichts zufrieden zeigten und die größten Ansprüche machten.

Noch drei Familien waren übrig geblieben, die im Anfang auch gar kein Verlangen nach einem Unterkommen zu haben schienen, und unten ruhig am Wasser saßen, dem Treiben der Anderen zuzusehen. Der Director hatte sich gefreut, daß sie vernünftig abwarteten bis die Reihe an sie kam, und schon beschlossen, sie so gut als irgend möglich zu quartieren.

Jetzt ging er, während Könnern sich noch mit einer andern Familie oben in der Stadt abquälte, zu ihnen und sagte:

»So, Ihr Leute, Ihr sollt nicht zu kurz gekommen sein, daß Ihr mir das Leben nicht auch schwer gemacht habt. Die Frauen mögen nun noch bei den Sachen bleiben, und Ihr Männer packt indessen auf den Karren, der da gerade wieder die Straße herunterkommt, was Ihr eben laden könnt. Ich habe für den Augenblick nur noch das eine Fuhrwerk zur Verfügung.«

»Ja, das ist schon gut,« sagte der eine Mann, der auf einer Kiste saß und auch keine Miene machte aufzustehen; »wann kommt aber denn nun eigentlich das Schiff?«

»Welches Schiff?«

»Nun, unser Schiff!«

»Das Euch hergebracht hat?«

»Nein, das andere.«

»Das andere? Was für ein anderes?«

»Nun, das uns von hier nach Rio Grande bringen soll.«

»Nach Rio Grande? Ja, Leute, wollt Ihr denn schon wieder fort? Ihr seid doch eben erst hier angekommen!«

»Ja, wir haben alle unsere Freundschaft bei Rio Grande,« sagte die eine Frau, »und die Passage auch dorthin bezahlt.«

»Aber hier legt nie ein Schiff nach Rio Grande an,« sagte der Director; »da müßtet Ihr erst wieder nach Santa Catharina fahren, und das kann noch sechs oder acht Wochen dauern, bis sich dazu Gelegenheit findet. Wenn Ihr da hin wolltet, so mußtet Ihr doch wahrhaftig mit keinem Schiffe nach Santa Clara fahren. Da hättet Ihr Euch vorher erkundigen sollen.«

»Ja, das haben wir doch gethan,« sagte der eine Mann; »der Herr Agent in Antwerpen hat uns ja auch gesagt, das Schiff hier brächte uns nach Santa Clara, und Rio Grande wäre dicht dabei — er hat's uns ja auch auf der Karte gezeigt — keinen Finger breit von einander war's.«

»Und Euer Schiffscontract ist bis nach Rio Grande gemacht?«

»Da — hier steht's,« sagte der Mann und zog das Papier aus der Tasche.

Der Director nahm es; aber auf den ersten Blick sah er schon, daß in dem Contracte stand: Von Antwerpen nach Santa Clara. »Da steht ja kein Wort von Rio Grande?« fragte er den Auswanderer.

»Na, natürlich nicht, weil's dicht dabei liegt,« brummte dieser verdrießlich; »das hat uns ja der Herr Agent ganz genau auseinander gesetzt, daß das Schiff nur bis Santa Clara ginge und daß dann ein anderes daneben liege, welches uns gleich hinüberbringe. Die Schiffe fahren ja doch alle hier erst in Santa Clara an — so dumm sind wir auch nicht, daß wir das nicht genau ausgemacht hätten.«

Der Director faltete den Contract langsam zusammen und gab ihn dem Manne zurück.

»Lieber Freund,« sagte er ruhig, »die Sache ist höchst einfach die, daß Ihr Euch in Antwerpen habt anführen lassen — weiter Nichts. Der Agent dort hatte gerade dieses Schiff liegen und seinem Contracte nach Passagiere dafür zu schaffen; deshalb seid Ihr da mit aufgepackt und fortgeschickt. Zwischen hier und Rio Grande besteht gar keine regelmäßige Verbindung; nur zu Zeiten bietet sich Gelegenheit durch einen der kleinen Küstenfahrer, der Euch nach Santa Catharina bringen könnte. Dort müßt Ihr aber wieder auf ein Dampfschiff. Was außerdem die kleine Entfernung betrifft, so könnt Ihr die Reise nach Santa Catharina vielleicht in vier bis fünf Tagen machen, wenn der Wind gut ist — im andern Falle nimmt sie eben so viele Wochen in Anspruch, und von da sind auch wieder drei bis vier Tage nach Rio Grande nöthig. Außerdem wird Euch diese Tour fast noch eben so viel kosten, als die Reise von Deutschland hierher.«

»Aber Du mein großer, allmächtiger Gott, wir haben ja keinen Pfennig Geld mehr!« schrie die eine Frau.

»Und der Herr Agent hat gesagt, daß uns die Reise von hier nach Rio Grande keinen Heller kosten sollte.«

»Dann hat der Agent einfach gelogen,« sagte der Director ruhig, »und es ist eine Betrügerei, wie sie schon mehrfach vorgekommen.«

»O, Du mein gütiger Heiland,« jammerte eine andere Frau, »dann sind wir verrathen und verkauft und müssen hier elend verderben!«

»Beruhigt Euch, so schlimm ist die Sache noch nicht,« tröstete sie der Director — »wenn Ihr Euch nicht vielleicht doch noch entschließt hier zu bleiben und Euch hier niederzulassen.«

»Aber wir haben unsere ganze Freundschaft bei Rio Grande; meiner Schwester Sohn und der Elias und die Dorothea sind auch drüben und warten auf uns. —«

»Gut, gut, ich sehe jetzt schon wie die Sache steht; ich will einen Versuch machen und an die Regierung nach Rio schreiben, welche schon mehreren anderen armen Auswanderern, die von betrügerischen Agenten in eine ähnliche Lage gebracht worden, geholfen hat, und vielleicht läßt sich doch noch Alles einrichten.«

»Und wann können wir fort?« fragte die Frau rasch — »kommt das Schiff bald?«

»Ja, liebe Frau,« sagte der Director, »so rasch geht die Sache nicht; wenn ich Euch in zwei oder drei Monaten hier wegbringe….«

Ein lautes Gejammer der Frauen unterbrach ihn, aber es war hier gar Nichts weiter zu thun. Die Leute hatten sich einmal betrügen lassen, und es blieb nichts Anderes übrig, als die Regierung um Hülfe anzusprechen, was freilich nicht in ein paar Tagen gethan war. Der Brief allein brauchte acht Tage, bis er hinkam. Diese Leute mußten aber eben doch untergebracht werden, und wie sie in der ganzen Zeit erhalten werden sollten, blieb außerdem noch zu bedenken. Die Männer waren indessen kräftig und konnten arbeiten, und Arbeit gab es immer, wenn es auch nur zu Wegebauten gewesen wäre.

Daß der Director nicht viel ruhige Stunden bei all' diesem Wirrwarr hatte, läßt sich denken, und außerdem wollte auch noch der Bursche, den er etwas unsanft aus seinem Hause gesetzt, die Einwanderer gegen ihn aufhetzen, und lief von einer Gruppe zur andern, ihre Hülfe fordernd, weil er nichtswürdig behandelt sei und sich das nicht gefallen zu lassen brauche. Die Leute hatten aber heute zu viel mit sich selber zu thun; außerdem kannten sie den Gesellen schon von der Reise her und mochten sich nicht mit ihm einlassen.

Es war eine verwilderte, rohe Gestalt, der Bursche, eine Persönlichkeit, wie man sie daheim besonders in Meßbuden und herumziehenden Banden oder Menagerien trifft. Er trug einen hellblauen, fleckigen und zerrissenen Rock, schmutzige Soldatenhosen, keine Weste und auf dem Kopfe eine dunkelblaue Mütze mit einem Stück schmaler Silbertresse darum genäht. Schnurrbart und Knebelbart ließ er sich ebenfalls wachsen. Mit den blonden Haaren hatte sein Gesicht auch trotz der markirten Einschnitte etwas Jungenhaftes behalten, was durch den übergeschlagenen schmutzigen Hemdkragen noch unterstützt wurde, und man wäre veranlaßt gewesen, ihn auf den ersten Blick für einen verwahrlosten Burschen von achtzehn bis zwanzig Jahren zu halten.

Während er aber mitten auf der Straße stand und schimpfte und fluchte, saß neben ihm sein bleiches, abgehärmtes Weib, ein Kind an der Brust und ein Mädchen von etwa acht und ein Junge von zehn Jahren neben ihr stehend — ein Bild des Jammers, mit großen, hellen Thränen in den Augen.

Eine ganze Lebensgeschichte von Jammer und Leid lag in ihrem Antlitz, in der ganzen gebrochenen Gestalt — aber sie klagte nicht, kein Wort kam über ihre Lippen. Nur das Kind beschwichtigte sie mit der einen Hand, während sie mit der andern sich das Blut von der Stirn wischte, wohin sie der Unmensch, als sie ihn gebeten hatte keinen Streit am ersten Tage anzufangen, mit roher Faust geschlagen.

Doch nicht nur solche traurige Bilder bot die Scene. Auf einem kleinen Leiterwagen, dem man nur durch eine Partie Strohschütten einige Elasticität abgewonnen und der, von ein Paar kräftigen braunen Pferden gezogen, lustig dahergerasselt kam, wurden im scharfen Trabe ein Mann und eine Frau die breite Straße entlang geschüttelt, die in die Stadt hinein führte. Der Mann sah sonnverbrannt, aber kräftig und gesund aus, und verrieth auch in seiner ganzen, einfachen aber saubern und passenden Kleidung den behäbigen Bauer. Die Frau neben ihm, die ein Kind auf dem Schooße hielt und dasselbe des bösen Stoßens wegen mehr hob, als vor sich sitzen hatte, war jedenfalls seine Frau; der forschende Blick, den aber Beide unablässig nach rechts und links sandten, verrieth, daß sie Etwas suchten, und als der Wagen den belebteren Theil der Straße erreichte, hielt der Mann sein Pferd an, und die Frau rief fast ängstlich einige der Vorübergehenden an:

»Ja, wo sind sie denn nur — wo sind sie denn hingebracht?«

»Wer?« fragte der Angeredete.

»Nun, die mit dem neuen Schiffe gekommen sind.«

»Ja,« lachte der Mann, »die stecken überall herum, wo man sie eben unterbringen konnte, Einer da, Einer dort.«

»Wen sucht Ihr denn?« fragte eine Frau, die gerade des Weges kam und auch zu den neuen Einwanderern gehörte.

»Die alte Frau Mecheln aus dem Würtembergischen, aus Bellstadt,« rief die Frau vom Wagen herunter, und griff ihrem Manne in die Zügel, weil das Pferd nicht stehen wollte.

»O, die alte Mecheln, die ist mit bei uns! — Gleich da drüben um die Ecke, wo der große Baum vor dem Hause liegt.«

»Und sie ist wohl?«

»Kerngesund, die ganze Reise gewesen.«

Der Mann hatte bei der Erwähnung des Hauses schon sein Pferd in die bezeichnete Straße eingelenkt; die Frau winkte dankend mit der Hand, fort rasselte das Geschirr, daß die Funken stoben, und hielt gleich darauf vor dem genannten Hause. Und sie brauchten hier nicht lange zu warten. Sobald der Wagen anhielt, ging die Thür auf, und die alte Frau, die mit Schmerzen darauf gewartet hatte, daß sie Einer der Ihrigen hier erwarten solle, trat in die Thür.

»Großmutter!« schrie die Frau ihr schon vom Wagen aus entgegen — »Großmutter — wie geht's — wie geht's?«

»O, Du mein himmlischer Vater!« rief die alte Frau und hielt sich an dem Thürgeländer, an dem sie stand. Aber ihre Enkelin war schon unten bei ihr — wie sie mit dem Kinde vom Wagen gekommen, wußte sie selber nicht — mit Einem Satze war sie unten und bei der Großmutter, ließ das Kind auf die Erde niedergleiten, umfaßte die alte, zitternde Frau und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen solle vor Nichts als Wonne und Seligkeit.

Der Mann hatte noch mit den Pferden zu thun, die nicht stehen wollten, aber ein Bekannter kam die Straße herunter, der ihm dabei half und dieselben hielt, und er stieg nun auch ab, warf erst die Stränge los, daß kein Unglück geschehen konnte, und ging dann ebenfalls langsam zur Großmutter hinüber, die er beim Kopfe nahm und herzhaft abküßte.

Dann aber faßte er die Sache auch praktisch an, denn ein einziger Blick in den innern Raum sagte ihm schon, daß die alte Frau hier nicht länger bleiben konnte. Ohne sich deshalb weiter um etwas Anderes zu bekümmern, ging er in das Haus und ließ sich die sämmtlichen Sachen von der »Großmutter« geben, die schon alle zusammen in der einen Ecke standen, lud dieselben mit Hülfe einiger der Auswanderer auf den Wagen und nahm dann die alte Frau selber wie ein Kind auf den Arm, um sie auf den schon für sie bereiten Sitz zu tragen.

»Aber Junge, Junge,« rief die Alte halb erschreckt über die gewaltsame Entführung — »meine Sachen! Alle meine Sachen stehen ja noch in der Stube.«

»Schon Alles auf dem Wagen droben, Großmutter.«

»Auch die blaue Kiste?«

»Da hinten steht sie.«

»Und der kleine Holzkoffer?«

»Alles oben.«

»Aber der Korb mit dem Tuche oben drauf, und die rothe Lade….«

»Alles da; es fehlt Nichts.«

»Aber den Regenschirm seh' ich nicht.«

»Den Regenschirm?« sagte der Enkel verblüfft, denn da war wirklich Etwas, was er vergessen hatte.

»Er steht gleich neben dem Fenster in der Ecke« — aber einer der Jungen aus dem Hause war schon hineingesprungen, um das Vermißte zu holen, und kam gleich darauf im Triumph damit zurück.

»So, Großmutter,« sagte der Mann, »ist nun Alles da?« Die Enkelin hatte mit dem kleinen Kinde schon neben ihr Platz genommen.

»Alles, meine Kinder — und sind wir denn jetzt wirklich in Brasilien?«

»Na, ob!« sagte der Mann, gab seinen Pferden einen kleinen Peitschenhieb, und fort rasselte der Wagen wieder, die glücklichen Menschen ihrer eigenen Heimath zuzuführen.

Gerade als das Fuhrwerk wieder die Stadt verließ, landete noch ein kleines Boot, die Capitainsjölle, worin dieser einige Kajütenpassagiere an's Land brachte. Drei oder vier andere waren schon gestern Abend mit den Zwischendeckspassagieren gelandet und gleich in den Gasthof gegangen, um dort Unterkunft zu finden. Eben dahin hatte sich aber auch eine Anzahl von Zwischendeckspassagieren gewandt, die sich in dem, ihnen von der Direction angewiesenen Raume nicht wohl fühlten und noch Geld genug bei sich führten, wenigstens die erste Zeit davon leben zu können. Waren sie dann erst einmal acht oder vierzehn Tage in der Colonie, so ließ sich mit mehr Muße eine bequemere Einrichtung treffen.

In dem letzten Boote befanden sich ein paar junge Kaufleute und ein junger Baron, ein Herr von Pulteleben; mit einer wahren Unmasse von kleinem Handgepäck, das er im Boote um sich her aufgeschichtet hatte. An der Landung konnte er aber natürlich nicht gleich Jemanden finden, der es ihm trug, und die Folge davon war, daß er, das »Hôtel« eine halbe Stunde später als die Übrigen erreichend, keinen einzigen Platz mehr fand, keinen Platz wenigstens, wie er ihn wünschte, d. h. ein Zimmer allein, wie er auf dem Schiffe auch eine Koje für sich selber gehabt. Der junge Herr hatte übrigens Geld, und glaubte, darauf pochend, Alles durchsetzen zu können.

Der Wirth »Bodenlos«, wie er von den Colonisten genannt wurde — eigentlich hieß er Bohlos — stand schon etwas halbselig in der Thür, denn er hatte es sich nicht nehmen lassen, mit all seinen neu angekommenen Gästen den sogenannten Willkommenstrunk zu leeren, und betrachtete, die Hände in den Taschen, den von zwei endlich gefundenen Lastträgern begleiteten Fremden.

»Ist dieses das Hôtel?« fragte dieser rasch.

»Aufzuwarten,« sagte der Wirth, und überflog mit einem lächelnden Blicke die um die Thür hergestreute Bagage; »Hôtel zum Hoffnungsanker in Santa Clara. Wollen Sie ein Bett?«

»Ich wünschte ein Zimmer — allein, wo möglich mit Cabinet — vorn heraus und im ersten Stock.«

»Kann ich mir wohl denken,« sagte Bodenlos mit unerschütterlicher Ruhe, ohne selbst die Hände aus den Taschen zu nehmen — »das wünschen sich Mehr, können es aber eben nicht kriegen.«

»Nicht kriegen?« sagte der junge Mann erstaunt — »ich heiße von Pulteleben.«

»Ist mir sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen,« sagte der Wirth — »ich heiße Bohlos, Christian Bohlos; das Lumpenvolk in der Colonie nennt mich aber Bodenlos, bleibt sich indessen ganz gleich, wie wir Beide heißen.«

»Aber ich muß ein Zimmer haben,« sagte von Pulteleben, der noch gar nicht recht wußte, was er aus dem Benehmen des Wirthes machen sollte.

»Natürlich, wenn Sie nicht unter freiem Himmel bleiben wollen,« meinte der Wirth, — »und wenn's regnete, wäre das fatal — besonders für alle die Schachteln.«

»Dann bitte ich nur, daß Sie Anstalt machen,« sagte von Pulteleben, »denn es ist nicht angenehm, hier draußen zu stehen, und ich möchte mein Gepäck los sein.«

»Na, das wäre das Leichteste,« lachte der Wirth — »wenn Sie's nur hier eine Stunde allein draußen stehen ließen. Aber Herr von Bullleben, oder wie Sie gleich hießen, ich will Sie nicht lange hinhalten. Verlangen Sie hier ein Bett, um irgendwo mit Drei oder Vier in einem Zimmer zu schlafen, so denke ich, daß ich es möglich machen kann — ich will mir wenigstens Mühe geben, und Essen genug haben wir im Hause, aber ein Zimmer allein können Sie nicht hier bekommen, weil ich eben keins mehr habe, und andere Gäste hinaus werfen geht eben so wenig. Also damit Basta!«

»Und existirt hier kein anderes Hôtel in der Stadt?« fragte der sichtlich schon sehr Enttäuschte.

»Gegenwärtig nicht,« bemerkte äußerst artig Herr Bohlos; »wenn Sie aber vielleicht noch drei oder vier Monate warten wollen, so wird sich wahrscheinlich ein Rheinbaier hier etabliren und ein Hôtel zur Belle Vue errichten; das Grundstück ist wenigstens schon dazu angekauft.«

Herr von Pulteleben stand in einer wahren Verzweiflung mitten auf der Straße, denn die Ironie dieses gemeinen Menschen, des Wirthes, dem er nicht das Geringste entgegenstellen konnte, ließ ihn noch vollkommen unschlüssig, was er thun solle — erst grob werden und den Burschen dann mit Verachtung strafen, oder das Letztere lieber gleich zuerst thun.

»Sie wollen ein hübsches Zimmer, vorn heraus und mit Aussicht?« redete ihn da plötzlich eine Stimme an, nach der sich von Pulteleben überrascht umschaute. Jeremias, denn niemand Anderes war es, der vor ihm stand, sah aber auch in der That wunderlich genug aus, um Jemanden zu überraschen, der frisch aus Deutschland herüber kam und an jene exotischen Individuen noch nicht gewöhnt war, die man über ganz Amerika wild zerstreut findet.

Jeremias war, wie schon vorher einmal angedeutet, eine Art von Factotum in der Colonie. Er trieb eigentlich gar keine bestimmte Beschäftigung, sondern nahm nur da Arbeit an, wo er sie gerade bekam, so daß er oft fünf oder sechs verschiedene Herren zu gleicher Zeit, und dann wieder einmal gar keinen hatte. Dazwischen ließ er sich Wege schicken, putzte den Honoratioren Stiefel und Röcke, reinigte Gewehre und Pfeifen, und stand sogar in dem Rufe, schon hier und da Heirathen zwischen Familien vermittelt zu haben, die sonst im Leben nicht zusammengekommen wären. Jedenfalls hatte er ein ähnliches Gewerbe in Deutschland getrieben, wo zwischen Bauernfamilien und überhaupt auf dem Lande Ehen nur zu häufig auf diese Art geschlossen werden.

Jeremias ging auch demnach gekleidet, denn während der Seidenhut (Cylinder, Schraube, Angströhre, oder wie die Namen alle heißen mögen) in die höhere Gesellschaft hineinragte, stand er mit den groben, schweren nägelbeschlagenen Schuhen mitten im Proletariat, und der übrige Mensch trug außerdem nur die Kleider der übrigen Menschen — abgelegte Hosen, Westen und Röcke, wie sie ihm von den Honoratioren abfielen und meist noch alle aus Deutschland herübergekommen waren. Leider paßten sie nur nicht immer, und Jeremias schien darin eine eigene Geschicklichkeit erworben zu haben, seinen Körper allen derartigen Errungenschaften, so gut das nur möglicherweise gehen wollte, anzuschmiegen.

Heute nun fand er reichliche Beschäftigung bei den neuen Ansiedlern, theils um Gepäck auf einem Handkarren von der Landung herauf zu schaffen, theils die verschiedenen Parten an passenden Stellen unterzubringen. Daß er seine übrigen und alten Kunden dadurch vernachlässigte, störte ihn nicht im Geringsten. Die liefen ihm nicht weg, aber Alles, was er unter der Zeit hier verdiente, war rein gewonnen.

Um aber die Arbeit rasch und leicht verrichten zu können, hatte er seinen Rock ausgezogen und ohne Weiteres in irgend ein offenes Fenster an der Straße hineingeschoben; so stand er denn jetzt vor von Pulteleben, die unten zu einem Wulst aufgekrämpelten Hosen oben mit einer grellrothen, wollenen Schärpe statt Hosenträger festgehalten, darüber eine hellblaue Seidenweste geknöpft, die der frühere Besitzer nicht mehr tragen konnte, da ihm der Kellner eines Mittags die Saucière darüber geschüttet, eine schwarze Halsbinde um den nackten Hals, denn der weiße Hemdkragen war ihm bei der scharfen Arbeit darunter vorgerutscht, und ein großes, blaubaumwollenes Taschentuch in die linke Hosentasche so weit hineingezwängt, wie es möglicherweise gehen wollte.

Jeremias schwitzte außerdem, daß ihm das Wasser ordentlich in Strömen von Stirn und Schläfen herunter lief, und von Pulteleben lachte, trotz seiner unangenehmen Situation, doch gerade heraus, als Jeremias das blaue Taschentuch jetzt durch einen plötzlichen Ruck zu Tage brachte — wobei er die Hosentasche auch mit nach außen drehte — dann mit der rechten Hand seine brennend rothe Perrücke lüftete und sich darunter den vollkommen kahlen Kopf mit dem Tuche wischte.

»Na, Sie brauchen nicht zu lachen,« sagte Jeremias; »ich wollte einmal sehen, wie Sie schwitzten, wenn Sie so ein Ding auf dem Kopfe hätten; das ist wie ein Pelz — nun, wie steht's?«

»Also Sie haben eine Stube zu vermiethen?« fragte der junge Mann, dem jetzt vor allen Dingen daran lag ein Unterkommen zu finden — »in angenehmer Lage?«

»Ich nicht,« meinte Jeremias, »das bleibt sich aber gleich, denn ich weiß eine, wo Sie gleich einziehen können.«

»Allein?«

»Mutterseelens,« sagte Jeremias lakonisch.

»Weit von hier?«

»Gar nicht.«

»Aber wie bekomme ich meine Sachen dorthin?«

»Handkarren,« erwiederte der kleine praktische Bursche, sprang, ohne weiter eine Antwort abzuwarten, hinter das Haus, holte dort seinen eingeschobenen Karren vor, lud die Habseligkeiten des Fremden darauf, schnürte das Ganze mit einem Seile fest zusammen und war nach wenigen Minuten schon unterwegs, und zwar nach keinem andern Hause, als dem der Gräfin Baulen, in welchem er den Fremden ohne Weiteres einzuquartieren gedachte.

Glücklich für ihn und seinen kühn entworfenen Plan war Oskar gerade nicht zu Hause und mit Helenen auf einem Spaziergange begriffen, um die neu gekommenen Ansiedler ein wenig zu besichtigen. Als Jeremias mit dem Karren vor dem Garten hielt, saß die Frau Gräfin gerade in ihrem Zimmer und schrieb ein paar Briefe.

»Das ist aber kein Hôtel,« sagte der junge Fremde, das Haus betrachtend.

»Privatwohnung,« meinte Jeremias — »aber famos — charmante Leute — werden Ihnen gefallen, besonders die Tochter« — und damit rückte er sich ohne Weiteres einen der schweren Koffer auf die Schultern und schritt damit in das Haus hinein, während von Pulteleben bei seinen übrigen Sachen noch zurückblieb. Nach einer Weile kam er wieder zurück und holte den andern Koffer, und als er zum dritten Male kam, packte er dem Fremden selber ein paar Hutschachteln und ein leichtes Kistchen mit Schirm und Stock auf, ergriff dann das Übrige und sagte:

»Nu kommen Sie, jetzt wollen wir einziehen.«

Der Fremde folgte ihm auch vollkommen ahnungslos, daß ihn der kleine Bursche hier ohne die geringste Berechtigung in ein wildfremdes Haus als Miethsmann einführe, und nur erst, als sie die erste Treppe erstiegen hatten und Jeremias voran die zweite hinaufstieg, blieb er stehen und sagte:

»Noch höher?«

»Kommen Sie nur,« ermunterte ihn jedoch sein Führer — »famose Aussicht, wie gemalt,« und da er ihm mit seinen Sachen voranging, blieb auch Nichts weiter übrig, als ihm zu folgen; mußte er doch überhaupt froh sein, nur ein Unterkommen zu finden. Kaum hatte er übrigens etwa zehn Stufen der zweiten Treppe erstiegen, als eine Thür im ersten Stock geöffnet wurde und die Frau Gräfin, welche den Lärm draußen gehört hatte, erstaunt auf ihrer Schwelle stehen blieb. Sie erkannte übrigens, vor dem Fremden, noch gerade den aufsteigenden Jeremias und rief:

»Nun, was ist denn das für Gepäck?«

»Alles in Ordnung!« rief Jeremias zurück, ohne sich weiter stören oder außer Fassung bringen zu lassen.

Die Gräfin schüttelte den Kopf, doch sie konnte nicht anders glauben, als daß Oskar, der gewohnt war sehr selbstständig aufzutreten, ihr irgend einen Gast in das Haus gebracht habe, der ihr allerdings zu keiner Zeit hätte unbequemer kommen können. Gewohnt aber, sich in dessen Launen oder unbedachte Streiche zu fügen, seufzte sie nur tief auf, trat in ihr Zimmer zurück und zog die Thür hinter sich in's Schloß. Wenn Oskar übrigens nach Hause kam, wollte sie ihm tüchtig den Kopf deshalb zurecht setzen.

Der Fremde erreichte das kleine Zimmer, wo Jeremias schon seine übrigen Sachen eingestellt hatte, und sah sich hier allerdings etwas überrascht um. So freundlich das Local auch liegen mochte, denn es bot einen Überblick über einen Theil der Ansiedelung und nach den fernen Bergen hinüber, so fehlte ihm doch auch jede andere Bequemlichkeit. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Bett, kein Spiegel, Nichts, Nichts war zu sehen, als die kahlen geweißten Wände, und Herr von Pulteleben rief:

»Nun, das ist ein hübsches Logis, in dem nicht einmal ein Stuhl steht! Wohin haben Sie mich denn gebracht, Meister Ungeschickt?«

»Nur keine Überstürzung,« sagte Jeremias, indem er den Rest der Sachen auf die beiden Koffer legte; »wir haben Zeit, und nach und nach macht sich Alles. Vorerst sind Sie einmal untergebracht, und was wollen Sie mehr?«

»Mehr?« rief von Pulteleben erstaunt — »Möbel will ich — meine Bequemlichkeit, wofür ich bezahle, und vor allen Dingen einen Waschtisch.«

»Waschtisch?« sagte Jeremias — »giebt's nicht. Vor der Hand setzen wir das Waschbecken auf einen Stuhl, wenn wir erst eins haben.«

Herr von Pulteleben, der anfing, sich über den Burschen zu amüsiren, lachte, und Jeremias, sich im Zimmer umsehend, fuhr fort:

»Hauptsächlich brauchen Sie einen Tisch und einen Stuhl, das ist wohl das Nothwendigste.«

»Ich dächte auch,« sagte der junge Mann, »um nur die bescheidensten Ansprüche zu befriedigen.«

»Das denk' ich, kann ich schaffen,« nickte Jeremias, »und was weiter loszueisen ist, wollen wir nachher sehen. Decken haben Sie doch bei sich?«

»Decken? Denke nicht daran; nur meinen Plaid. Die Leute, welche ein Zimmer vermiethen, müssen doch auch ein Bett dazu haben.«

»Puh!« meinte Jeremias, »reden wir nicht davon; aber ein Plaid ist für das warme Wetter genug zum Zudecken, und der Boden hier im schlimmsten Falle,« fuhr er fort, indem er mit dem Hacken auf die Diele trat, »von weichem Holze — Lust und Liebe zu einem Ding machen jede Müh' und Arbeit gering.«

»Den Teufel auch,« rief der junge Mann erschreckt, »ich werde doch nicht sollen auf der nackten Erde schlafen?«

»Nackten Erde? Pst!« sagte Jeremias mit einem unendlich komischen und ermahnenden Gesichte — »es sind Damen im Hause!«

»Sie sind ein ganz verrückter Mensch!« lachte von Pulteleben; »aber jetzt verschaffen Sie mir wenigstens das Nöthigste. Es soll Ihr Schade nicht sein,« setzte er hinzu, indem er ihm einen Milreis in die Hand drückte; »aber ich bin in Eile, ich muß mich umziehen und dem Director noch meine Aufwartung machen.«

»Aufwartung?« fragte Jeremias, der mit einer dankenden Bewegung das Geld nahm, betrachtete und dann in seine Westentasche schob — »Aufwartung giebt's hier nicht — aber einerlei, wollen schon Alles besorgen,« und damit verschwand er aus der Thür. Jeremias war übrigens nicht der Mann, etwas Begonnenes halb zu thun; ohne deshalb weiter bei der Besitzerin des Hauses anzufragen, ging er in Oskar's Zimmer, wo er zwei Tische wußte, nahm einen davon und trug ihn hinauf. Dann suchte er sich in Helenens Stube und Schlafzimmer zwei Stühle, und das erst einmal erobert, nahm er auch Oskar's Waschbecken und Handtuch, mit Kamm, Seife, Zahnbürste und Allem was dabei lag, und trug es seinem einquartierten Gaste zu.

»Zum Henker auch,« rief Pulteleben, als er damit ankam, »das ist ja ein schon gebrauchtes Handtuch!«

»Herr Du meine Güte, sind Sie eigen!« sagte Jeremias; »ich brauche gar keins, ich nehme immer mein Schnupftuch. Was fehlt nun noch?«

»Wasser und ein reines Handtuch.«

Jeremias schüttelte mit dem Kopfe, stieg aber doch noch einmal hinunter und kam bald mit dem Verlangten zurück. Nur statt des Handtuchs hatte er eine reine Serviette gebracht, die er auf Helenens Toilettetisch gefunden und ohne Weiteres als gute Beute mitgenommen.

»Und wie steht's mit dem Bette?« fragte der Fremde, indem er den Rock auszog und die Hemdärmel in die Höhe streifte.

»Bett? giebt's nicht!« sagte Jeremias trocken, »wenigstens jetzt nicht. Sie wollen sich doch jetzt noch nicht schlafen legen?«

»Nein — aber doch den Abend.«

»Gut, bis dahin wird Alles besorgt werden.«

»Und kann man hier im Hause Etwas zu essen bekommen?«

»Zu essen? Hm« — sagte Jeremias, der darüber noch nicht recht mit sich im Klaren war — »danach müssen wir erst fragen. Für heute sind die Leute vielleicht noch nicht darauf eingerichtet. Aber da gehen Sie lieber in's Gasthaus zu Bodenlos — der hat's.«

»Und wie heißt der Eigenthümer dieses Hauses?«

»Spenker, Bäckermeister.«

»Gut, dann schicken Sie ihn mir nachher einmal herauf — ich will mich erst waschen — damit ich mit ihm reden kann. Das ist ein verwünscht öder Aufenthalt hier, und wenn er mir das nicht ein wenig behaglicher einrichten will, ziehe ich wieder aus.«

»Auf die Straße?« fragte Jeremias; »denn weiter giebt's keinen Platz, Sie müßten denn vielleicht in einem von den Gärten eine Laube zu miethen bekommen.« Damit aber, als ob er jetzt seine Schuldigkeit gethan habe, zog er sich zurück und drückte sich leise an dem Zimmer der Frau Gräfin vorbei, der er jetzt nicht gern begegnen mochte. Der Fremde da oben konnte nun sehen, wie er mit »der Alten« fertig wurde.

8.

Die Einquartierung.

Oskar und Helene hatten einen Spaziergang durch die kleine Stadt gemacht, um sich an dem Gewirre der frisch eingetroffenen Fremden zu amüsiren, und waren, dessen müde geworden, nach Hause zurückgekehrt.

Sobald Helene ihr Zimmer betrat, konnte ihr natürlich die daselbst vorgenommene Änderung nicht entgehen. Die Serviette fehlte von ihrem Toilettetische und die darauf geordnet gewesenen Sachen standen wild zerstreut umher; zwei Stühle fehlten außerdem, auf die sie gewohnt gewesen war ihre Sachen abzulegen. Sie klingelte ihrem Mädchen, um zu erfahren wer in ihrem Zimmer gewesen sei. Dorothea hatte aber in der ganzen Zeit ihre Küche nicht verlassen und konnte ihr deshalb nicht die geringste Auskunft geben.

Oskar suchte indessen sein Gemach, warf seine Mütze in eine Ecke, sich selber auf das Sopha und rauchte in dieser Lage seine Cigarre weiter, als er in dem über ihm liegenden Zimmer die schweren Schritte eines Mannes hörte. Das Haus war nur leicht gebaut, und es klang so deutlich zu ihm herunter, daß er sich endlich aufrichtete und horchte.

»Wer zum Henker ist denn da oben?« brummte er endlich leise vor sich hin — »dem Jeremias bin ich doch eben mit seinem leeren Karren in der Stadt begegnet und die Dorothea hat keinen solchen Schritt.«

Er horchte noch eine Weile; da es sich aber gar nicht verkennen ließ, daß da oben jemand Fremdes sei, sprang er endlich auf und stieg die Treppe hinauf. Die Thür der sonst immer leer stehenden Kammer war offen und nur angelehnt, und neugierig, wer da oben Etwas zu thun haben könne, stieß er sie noch etwas weiter auf und sah hinein.

Herr von Pulteleben war gerade mit Waschen fertig und stand vor einem der geöffneten Fensterflügel, den er vorläufig als Spiegel benutzte, um sich die wohlgeölten Haare, so gut das eben gehen wollte, zu ordnen. Als er aber das Knarren der Thür hörte, drehte er den Kopf herum, und sah kaum den hereinschauenden Oskar, als er ausrief:

»Ah, da ist doch noch jemand Lebendiges in dem Hause. Wohnen Sie hier?«

»Guten Morgen,« sagte Oskar, der, auf's Äußerste erstaunt den Fremden hier zu finden, bald auf ihn, bald auf seine Koffer und Kasten starrte — »ja wohl wohne ich hier!«

»Wo ist denn nur der Lump von Aufwärter hingekommen?«

»Der Aufwärter?« sagte Oskar, noch immer seinen Augen nicht trauend — »der Jeremias etwa?«

»Ich weiß nicht wie er heißt; er wollte ja gleich wiederkommen. Gehen Sie wieder hinunter?«

»Ich hatte die Absicht,« erwiederte Oskar.

»O, dann sein Sie doch so gut und schicken mir ein Glas zum Zahnputzen herauf. Es ist ja noch gar Nichts eingerichtet. Das scheint eine schöne Wirthschaft hier zu sein!«

»Bitte,« sagte Oskar, der aus seiner Verwunderung gar nicht herauskam, »geniren Sie sich nicht — mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?«

»von Pulteleben,« sagte der junge Mann, seinen Locken eben den letzten Strich gebend — »um wie viel Uhr wird hier gegessen?«

»Um ein Uhr,« sagte Oskar, durch die Ruhe des Fremden immer mehr darin bestärkt, daß er jedenfalls ein Gast seiner Mutter sein müsse, wenn er auch keinen denkbaren Zusammenhang dazu finden konnte. Wer hätte der Fremde aber sonst sein können?

»Haben Sie eine richtig gehende Uhr?« fragte dieser endlich weiter.

»Ja,« erwiederte Oskar, indem er danach sah; »es wird gleich zwölf Uhr sein.«

»O, desto besser, dann kann ich vorher noch zum Director hinübergehen. Bitte, vergessen Sie nicht, mir das Glas gleich zu schicken.«

»Mit dem größten Vergnügen,« erwiederte Oskar, drückte die Thür wieder in's Schloß, schickte das Mädchen von unten mit einem Glase hinauf und ging dann zu seiner Mutter in's Zimmer, um sich nach dem Fremden zu erkundigen.

Die Frau Gräfin schloß eben ihren letzten Brief, als Oskar das Zimmer betrat, und sah sich nach ihrem Sohne gar nicht um.

»Wer ist denn der Herr, Mama, den Du uns da oben einquartiert hast?« fragte Oskar jetzt; »das scheint ja ein komischer Kauz zu sein!«

Die Gräfin, welche gerade eine Adresse schrieb, drehte erstaunt den Kopf über die Achsel und sagte:

»Und das fragst Du mich? Erst bringst Du mir, ohne die geringste Erlaubniß vorher einzuholen, einen wildfremden Menschen in's Haus, und dann weißt Du selber nicht einmal wer er ist? Oskar, es wird mit Dir jede Woche schlimmer, und ich fürchte, daß es so nicht mehr lange dauern kann!«

»Ich habe einen Fremden in's Haus gebracht?« rief aber Oskar jetzt seinerseits erstaunt und mit einer gewissen Genugthuung, daß er endlich einmal an einem ihm aufgebürdeten Vergehen vollkommen unschuldig sei — »ich bin mit Helenen spazieren gegangen und habe den Menschen, der da oben Toilette macht, in meinem ganzen Leben nicht gesehen.«

Es war jetzt an der Gräfin, erstaunt zu sein, und sich ganz gegen Oskar drehend, rief sie aus: »Aber Helene kann ihn doch nicht eingeladen haben!«

»Helene — Unsinn! — Helene war ja den ganzen Morgen bei mir, und wir haben mit keiner Seele gesprochen, den Baron ausgenommen.«

»Aber der Jeremias hat ja doch sein Gepäck in's Haus gebracht, und sagte mir, daß Alles in Ordnung sei.«

»Der Jeremias?« wiederholte Oskar, der nur immer noch verwirrter wurde.

»Und Du hast keine Ahnung, wer der Fremde ist?«

»Er sagte mir, er heiße von Pulteleben.«

»Und woher?«

»Das weiß Gott — ich kenne ihn nicht, und der Jeremias — aber zum Henker noch einmal, was zerbrechen wir uns den Kopf ganz unnöthiger Weise; wir werden doch wahrhaftig den fremden Herrn, der sich so sans façon bei uns einquartiert hat, fragen dürfen wo er herkommt und was er will!« Und mit den Worten schoß er auch ohne Weiteres zur Thür hinaus und wollte eben die Treppe hinauf, als er unten Jeremias in den Vorsaal treten sah.

»Jeremias,« rief er hinunter, »komm' einmal herauf — aber rasch!«

»Ich fliege schon,« erwiederte dieser, der sich keineswegs dabei beeilte, denn er wußte recht gut was ihn jetzt erwartete.

Oskar stand oben an der Treppe, und so wie der Alte nur so weit heraufgekommen war, daß er ihn mit der Hand erreichen konnte, erwischte er ihn bei dem einen Ohre, und zog ihn dem Zimmer seiner Mutter zu.

»Donnerwetter, junger Herr!« rief der Alte leise, »Sie reißen mir ja den linken Löffel aus — was ist denn das nur für ein zärtlicher Empfang?«

»Warte, Du Schlingel,« rief Oskar, »er soll noch zärtlicher werden! Jetzt nur herein mit Dir und gebeichtet, was Du für verfluchte Streiche heute gemacht hast! Da bring' ich ihn, Mama — jetzt auf die Kniee nieder, Halunke, und nun gestehe, was das für eine Geschichte mit dem Fremden ist!«

»Aber, so schreien Sie doch nur nicht so,« flüsterte Jeremias, der sich nicht im Geringsten außer Fassung bringen ließ — »die ganze Stadt braucht's doch nicht zu wissen, was wir hier mit einander reden, und der Fremde da oben hat Ohren wie ein Hirsch.«

»Wer ist der Fremde, und wo kommt er her?« fragte die Gräfin streng.

»So lassen Sie doch nur mein Ohr los,« bat Jeremias, »ich laufe Ihnen ja nicht mehr davon, und es stört in der Unterhaltung.«

»Wer ist der Fremde? will ich wissen,« wiederholte die Gräfin, indem Oskar das Ohr des Alten losließ, ihm aber den Ausweg verstellte.

»Kann Ihnen nicht dienen, Frau Gräfin,« antwortete achselzuckend der alte Spitzbube — »fand ihn heute auf der Straße zwischen einem ganzen Berge von Koffern und Hutschachteln, und da er kein Unterkommen finden konnte, wir dagegen Platz haben und er mir gefiel, so brachte ich ihn mit nach Hause.«

»Dir gefiel, Du Galgenstrick,« rief Oskar, »Dir gefiel! Und was für ein Recht hast Du, fremde Gäste hier in das Haus zu führen?«

»Jetzt sein Sie einmal vernünftig,« sagte Jeremias, ohne sich auch nur im Geringsten aus seiner Ruhe bringen zu lassen. »Der fremde junge Mensch ist jedenfalls ein vornehmer Herr, denn er hat ein paar ganz ausgezeichnete Lederkoffer, die ein schmähliches Geld gekostet haben müssen. Außerdem ist er aber auch reich wie Butter und wirft mit den Milreis nur so um sich.«

»Aber was geht das uns an?« rief Oskar, während die Frau Gräfin vor Erstaunen noch immer nicht zu Worte kommen konnte.

»Was das Sie angeht?« wiederholte Jeremias in vollkommener Seelenruhe — »das will ich Ihnen sagen. Die Stube oben….«

»Heh, Wirthschaft!« rief es in diesem Augenblicke laut von oben herunter; »läßt sich denn Niemand blicken? Das ganze Haus ist ja wie ausgestorben — heh, hollah!«

Jeremias, der seine Rede unterbrochen hatte, wie er oben die Stimme hörte, öffnete die Thür ein Wenig, steckte den Kopf hinaus, rief laut: »Komme gleich!« und schloß sie dann wieder, wonach er, ohne eine Miene zu verziehen, ruhig fortfuhr:

»Stand doch außerdem leer und wurde nicht benutzt.«

Oskar lachte gerade hinaus, denn das Ganze fing an ihm unendlich komisch vorzukommen.

»Ich möchte jetzt nur eigentlich wissen,« sagte die Gräfin mit einem finstern Blick auf Oskar und Jeremias, »wer noch Herr hier im Hause ist. Sie werden jedenfalls dafür sorgen, Jeremias, daß der fremde Mensch augenblicklich unser Haus wieder verläßt und eine andere Wohnung bezieht.«

»Giebt's gar nicht,« sagte Jeremias ruhig; »hören Sie mich nur an. Was haben Sie denn von dem leeren Kasten da oben? Der Fremde ist ein anständiger junger Mensch, der Ihnen eine gute Miethe bezahlt, und außerdem hätte auf der Straße logiren müssen.«

»Aber wer hat Ihnen denn die Erlaubniß gegeben, das zu vermitteln?« fragte die Gräfin.

»Nur praktisch,« meinte Jeremias, »das ist die Hauptsache. Außerdem sind Sie ja nicht mit einander verheirathet, und wenn er Ihnen nach zwei oder drei Monaten nicht mehr gefällt, können Sie ihn ja immer noch wieder ausquartieren.«

»Nach zwei oder drei Monaten?« rief die Gräfin erstaunt.

»Oder noch später,« meinte Jeremias trocken; aber jetzt muß ich wahrhaftig hinauf, und sehen was der junge Herr will; er wird mir sonst ganz ungeduldig und am Ende gar noch grob« — und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer und stieg die Treppe hinauf.

»Eine solche Unverschämtheit ist mir aber doch noch nicht vorgekommen,« lachte Oskar, »und das Einfachste wird sein, ich gehe hinauf und ersuche den Herrn, seine Sachen augenblicklich wieder zusammen zu packen und das Haus zu räumen.«

»Warte noch einmal,« sagte seine Mutter, die indessen nachdenkend am Fenster gestanden hatte, indem sie die Hand gegen ihn ausstreckte: »wie sagtest Du daß der Herr hieß?«

»Er nannte sich von Pulteleben.«

»Wie alt etwa?«

»Nun, vielleicht drei- oder vierundzwanzig Jahre.«

»Hm — und er scheint aus guter Familie? Da dürfen wir doch wenigstens nicht ungezogen gegen ihn sein, denn aller Wahrscheinlichkeit nach glaubt er sich hier in seinem vollen Rechte zu befinden, und würde schwerlich eingezogen sein, wenn er wüßte, wie sich Alles verhält.«

»Er fragte wenigstens schon ganz naiv, um welche Stunde bei uns gespeist würde,« lachte Oskar.

Die Gräfin ging im Zimmer auf und ab und blieb endlich wieder vor ihrem Sohne stehen.

»Die Sache kann nicht so bleiben,« sagte sie, »denn einen Miethsmann läßt man sich eben nicht mit Gewalt in das Haus bringen. Da aber der junge Fremde hier wahrscheinlich in der Colonie bleibt, so ist es auch eben so klug gehandelt, sich nicht in Unfrieden, sondern in Frieden wieder zu trennen. Gehe hinauf und lade ihn für heute Mittag ein, unser Gast zu sein — wir sind doch allein — und bei Tische mag er dann erfahren, auf welche außergewöhnliche Art er bei uns eingeführt wurde. Es bleibt ihm dann der ganze Nachmittag, sich nach einem andern Quartiere umzusehen.«

»Der Jeremias ist ein göttlicher Kerl!« sagte Oskar lachend.

»Und je eher Du den wieder fortschickst, desto besser ebenfalls,« meinte seine Mutter, »denn ich bin doch nicht gesonnen, mich der Gefahr auszusetzen, von einem so eigenmächtigen Hausknecht in noch Gott weiß was für unangenehme Situationen gebracht zu werden. Mit einem so stockdummen Menschen ist außerdem gar Nichts anzufangen — ich will lieber mit einem Schurken zu thun haben, denn vor dem kann man sich in Acht nehmen.«

Oskar hatte seine Zweifel, was Jeremias' Dummheit betraf, aber die Sache mit dem Fremden ging ihm im Kopfe herum, und das Zimmer verlassend, wollte er eben zu ihm hinauf, als er aus seinem Zimmer wieder den Jeremias kommen sah, der auf dem Kopfe einen Lehnstuhl, in der linken Hand dabei einen Stiefelknecht und in der rechten einen kleinen Handspiegel trug.

»Du bist doch ein ganz niederträchtiger, abgefeimter Halunke!« sagte Oskar; »wer hat Dir denn erlaubt, mein ganzes Zimmer auszuplündern?«

»Machen Sie keine Geschichten,« erwiederte Jeremias, mit den Augen blinzelnd; »das ist ein prächtiger junger Mensch, und thut schon so, als ob er ganz zu Hause wäre.«

Oskar, dem die Sache Spaß machte, sprang jetzt die Treppe voran hinauf. Als er die Thür öffnete, stand Herr von Pulteleben schon fertig angezogen, nur mit ein Paar glanzledernen Stiefeln in der Hand, mitten in der Stube.

»Na, kommen Sie — ah, Sie sind's — entschuldigen Sie, ich glaubte, es wäre der Strick, der Aufwärter; der bleibt eine Ewigkeit.«

»Er kommt dicht hinter mir,« sagte Oskar; »Herr von Pulteleben, ich soll Ihnen melden daß pünktlich um ein Uhr gegessen wird.«

»So? Sehr angenehm, ich werde auf meinem Zimmer essen.«

»Dazu ist die nöthige Einrichtung doch noch nicht getroffen,« erwiederte Oskar; »ich habe den Auftrag, Sie zu ersuchen mit uns zu diniren.«

»Hm,« sagte von Pulteleben, der sich schon zu Hause vorgenommen hatte, der amerikanischen »Freiheit und Gleichheit« so viel als möglich aus dem Wege zu gehen, und nicht gleich mit sich im Klaren war, ob er vielleicht seiner künftigen Stellung in der Colonie Etwas vergeben würde, wenn er mit der »Bäckerfamilie« speiste, — »ich esse viel lieber allein.«

»Dann lassen Sie sich's heute wenigstens einmal bei uns gefallen,« lachte Oskar, »morgen werden Sie jedenfalls allein essen können.«

»Nun gut,« erwiederte von Pulteleben — »na endlich,« wandte er sich dann an den eben eintretenden Jeremias, indem er ihm den Stiefelknecht abnahm und seine bestaubten Stiefel auszog — »setzen Sie den Stuhl nur dahin — aha, und auch ein kleiner Spiegel. Das muß ich gestehen, lieber Freund, auf Gäste scheinen Sie hier im Hause nicht eingerichtet zu sein. Die Unordnung ist wirklich bodenlos und die Bedienung noch schlechter. Wie heißen Sie, he?«

»Jeremias, zu Befehl,« sagte dieses würdige Individuum in steifer Haltung und warf einen etwas unruhigen Blick auf Oskar hinüber, von dem er nicht wußte, wie er das Urtheil über die Wirthschaft aufnehmen würde. Dieser aber amüsirte sich vortrefflich, und während der junge Mann seine Stiefel wechselte und dann seinen Hut nahm, saß er verkehrt auf dem einen Stuhle, stützte sich mit beiden Armen auf die Lehne und sah ihm lächelnd zu. Endlich hatte von Pulteleben seine Toilette beendet, schloß seine Koffer, sah sich noch einmal im Zimmer um, ob er Nichts vergessen hätte, und sagte: »So — wenn's gefällig ist; ich möchte zuschließen.«

»Aha, mit Vergnügen,« rief Oskar aufspringend — »wollen Sie den Schlüssel mitnehmen oder da lassen?«

»Hm — ich werde ihn da lassen, damit das Mädchen nachher aufräumen kann — man hat doch Nichts zu befürchten?«

Jeremias sah wieder Oskar bestürzt von der Seite an, dieser aber erwiederte lächelnd: »Nicht das Geringste — aber Sie sind pünktlich?«

»Wenn ich irgend kann, gewiß.«

Damit verließ er das Zimmer, wo hinaus ihm die Beiden folgten, und stieg die Treppe hinab, während Oskar zu seiner Mutter hineinsprang, um ihr Bericht abzustatten.

Gerade als von Pulteleben nach der untern Treppe zu ging, öffnete sich dort die nächste Thür, die in Helenens Zimmer führte, und die Comtesse trat heraus. Kaum aber gewahrte sie den Fremden, der sie überrascht und höflich grüßte, als sie sich mit einer halben und flüchtigen Verbeugung wieder zurückzog.

»Alle Wetter,« wandte sich von Pulteleben leise zu dem dicht hinter ihm dreinkommenden Jeremias, »das ist ja ein wunderschönes Mädchen; das war doch nicht die Bäckerstochter?«

Jeremias, ob er die Frage falsch verstanden oder absichtlich seinen Spaß daran hatte, den Fremden im Irrthume zu lassen, nickte nur, vor Vergnügen grinsend, mit dem Kopfe, und von Pulteleben stieg, mit der Entdeckung sehr zufrieden, die Stiege hinunter, um noch vor Tische seine Aufwartung bei dem Herrn Director zu machen. Er war jetzt fest entschlossen, die Stunde des Mittagessens pünktlich einzuhalten.

Arno von Pulteleben war ein lieber, guter, ehrlicher Mensch, der nur mit einem ganz unbestimmten Begriffe nach Brasilien gekommen war, wie er das Land überhaupt finden werde, und was er — wenn er es gefunden — da eigentlich wolle. Es geht einer großen Menge von Auswanderern so, die auch nur zu häufig weder wissen, was man von ihnen fordern könnte, noch was sie im Stande wären zu leisten, und die dabei nur allein in dem Namen Amerika den Inbegriff aller erfüllten Hoffnungen und Träume sehen. »Nur erst einmal in Amerika,« sagen diese, »und das Andere findet sich Alles von selber.« In Etwas haben sie Recht, denn es findet sich in der That; nur freilich manchmal ganz anders, wie sie es sich gedacht hatten.

Mit einer solchen unklaren Idee war auch Herr von Pulteleben herüber gekommen. Er trat übrigens dabei mit vollkommener Sicherheit auf, denn er war sich bewußt, seinen Weg bezahlen zu können. Er hatte Geld bei sich, ein Capital von wenigstens tausend spanischen Dollars, und daß er Speculationsgeist genug besaß, dasselbe im Laufe von einigen Jahren vielleicht zu verzehnfachen, daran zweifelte er selber keinen Augenblick. Sein Grundsatz dabei war, »den Moment zu erfassen« — »frisch gewagt, ist halb gewonnen!« und wie derartige vortreffliche Sprüchwörter alle heißen. Jedenfalls hatte er volles Selbstvertrauen, und da er schon in Deutschland einmal eine Fußpartie gemacht und dabei zwei Nächte hinter einander auf der Streu geschlafen hatte, so hielt er sich auch allen Entbehrungen, die ihm hier etwa aufstoßen konnten, vollkommen gewachsen.

Herr von Pulteleben fand sich übrigens etwas überrascht, als er im Directionsgebäude seine Karte abgegeben hatte und von dem Director die Antwort zurück erhielt: »Es würde ihm sehr angenehm sein, die Ehre ein anderes Mal zu haben, heute sei er aber so ausschließlich beschäftigt, daß er keinen Besuch empfangen könne.«

»Hm — angenehm,« brummte er vor sich hin, als er seine weißen Glacéhandschuhe auszog, zusammenrollte, in die Tasche steckte und wieder hinaus in's Freie ging; »Herr Director Sarno scheinen verwünscht wenig Umstände zu machen, und die Artigkeit hätte doch wenigstens verlangt, daß er … aber was thut's — ich habe jetzt doch meine Schuldigkeit gethan, und wenn er nun meine Bekanntschaft zu machen wünscht, ist die Reihe an ihm.«

Mit diesem beruhigenden Gefühle schlenderte er durch die Straßen der Stadt und fand eine Menge bekannter Gesichter — Leute, die mit ihm in einem und demselben Schiffe über See gekommen waren und alle Gefahren gemeinschaftlich getheilt hatten, aber — sie waren im Zwischendeck gereist, und Herr von Pulteleben in der Kajüte — eine Entfernung, die in ihrer Räumlichkeit wohl kaum zehn Schritte betragen mochte, aber doch ausreichte, beide Theile vollständig fern von einander zu halten. Man kannte sich von Ansehen, aber man grüßte sich nicht, und so unbedeutend das an sich scheinen mag, so diente es doch dazu, ein nichts weniger als freundschaftliches Gefühl zwischen beiden Theilen zu erzeugen.

Das ist nun freilich nicht zu ändern, denn Standes- und Rangunterschiede existiren einmal auf der Welt, und werden trotz aller Communisten fortbestehen, bis wir Alle unser letztes Ziel, das Grab, erreichen. Selbst unter den Thieren und Pflanzen herrschen Rang und Gewalt; es giebt sogar edle und unedle Metalle, und das Menschengeschlecht läßt sich nicht in einen Topf werfen und darin halten. Ein Theil von ihm will seine besonderen Gesache haben — und bekommt sie auch, und der Rest muß entweder danach streben, diese ebenfalls zu gewinnen, oder — sich darein fügen.

Herr von Pulteleben hielt das auch natürlich für ganz in der Ordnung, denn daß es Kajüte und Zwischendeck geben mußte, verstand sich von selbst. Allerdings kam ihm dabei fast unwillkürlich der Gedanke, daß er zufälligerweise am Tische des Bäckermeisters mit einem Zwischendecks-Passagier zusammentreffen könne — aber das blieb doch zu unwahrscheinlich — die junge Dame, der er begegnet, sah dafür zu anständig aus, und — war ihm die Gesellschaft wirklich nicht passend, so gab es immer einen Vorwand, sich zurückzuziehen.

Als er auf seinem Spaziergange die sehr einfache Kirche passirte, zeigte die Uhr gerade zehn Minuten vor Eins, und er gerieth etwas in Verlegenheit, da er den Namen des Bäckermeisters vergessen hatte, in dessen Haus er abgestiegen.

Glücklicher Weise besaß er Ortskenntniß genug, wenigstens die Richtung behalten zu haben; es war überhaupt nicht schwer, sich in dem kleinen Orte zurecht zu finden, und mit dem Schlage Eins entdeckte er vor sich das Haus, das sich überdies vor allen in der Nachbarschaft durch den kleinen, aufgebauten Erker auszeichnete. An der Treppe empfing ihn schon Oskar, der sich das Vergnügen nicht wollte entgehen lassen, ihn einzuführen.

»Ah, Herr Baron, das ist schön daß Sie Wort halten!« rief er ihm entgegen. »Eben wird die Suppe aufgetragen und Mutter und Schwester erwarten Sie mit Ungeduld.«

»Mutter und Schwester?« dachte Herr von Pulteleben, »ist denn das der Sohn des Bäckers?« Oskar sah ihm dazu eigentlich zu elegant aus, aber es blieb ihm keine lange Zeit zur Überlegung, und wenige Minuten später sah er sich der stattlichen Gestalt der Frau Gräfin und ihrer reizenden Tochter gegenüber, und schaute jetzt wirklich verlegen nach seinem Begleiter um, denn daß er sich hier in anderer als der vermutheten Gesellschaft befand, mußte er wohl fühlen.

»Mein bester Herr,« sagte er zu Oskar, »ich muß dringend bitten, daß Sie mich hier vorstellen, ich — ich weiß selbst noch nicht einmal Ihren Namen.«

»O, mit Vergnügen,« lachte Oskar, indem er mit einer etwas förmlichen und muthwilligen Verbeugung sagte: »Herr von Pulteleben, liebe Mutter, — Herr von Pulteleben, ich habe hier die Ehre, Ihnen die Frau Gräfin Baulen und Comtesse Helene, meine Schwester, vorzustellen. Mein eigener Name ist Oskar.«

»Frau Gräfin Baulen?« stammelte der junge Mann, während über Helenens Züge ein leises, spöttisches Lächeln zuckte.

Die Frau Gräfin war aber nicht gesonnen, den jungen Mann weiteren Verlegenheiten auszusetzen.

»Herr Baron,« sagte sie freundlich, »Sie sind durch die Ungeschicklichkeit unseres Hausknechtes oder Dieners in die wunderliche Lage gekommen, sich in einer Familie einzuquartieren, der selbst Ihre Ankunft vollkommen fremd geblieben war.«

»Gnädige Frau, ich will doch nicht hoffen!« rief Pulteleben erschreckt.

»Beruhigen Sie sich,« unterbrach ihn die Gräfin, »ich weiß, daß Sie nicht die geringste Schuld tragen. Das Ganze war ein mißverstandener Diensteifer von Seiten jenes Burschen, der über eine Localität unseres Hauses verfügte, ohne auf Sie, noch auf uns Rücksicht zu nehmen.«

»Aber man sollte doch kaum glauben, daß so Etwas möglich wäre!« rief von Pulteleben entsetzt, denn erst jetzt trat ihm die seltsame Situation vor Augen, in der er, als reiner Eindringling, den Damen gegenüber stand; »meine Seele konnte ja an etwas Derartiges nicht denken, oder Sie müßten überzeugt sein, daß ich….«

»Bitte, keine Entschuldigungen weiter,« lächelte die Gräfin; »Brasilien erzeugt gar sonderbare Zustände, die Sie ebenfalls noch mit der Zeit näher kennen lernen werden. Jedenfalls hat uns Jeremias, wie jener unglückliche Mensch heißt, Gelegenheit gegeben Ihre Bekanntschaft zu machen; alles Andere läßt sich nachher mit Leichtigkeit arrangiren, und nun bitte ich, daß Sie Platz nehmen, denn die Suppe wird sonst kalt.«

Herr von Pulteleben befand sich noch immer in einem gemäßigten Grade von Verzweiflung, denn der Gedanke, sich bei einer solchen Familie auf eine solche Art eingeführt zu haben, trieb ihm fast die Haare zu Berge. Außerdem blieben ihm noch eine Menge Dinge unklar — die Geschichte mit dem Bäckermeister zum Beispiel, und daß ihm der junge Mensch nicht gleich einen Wink gegeben, wo er sich eigentlich befände. Sehr rasch im Denken war er außerdem nicht, und es bedurfte einer neuen Aufforderung der Gräfin, Platz zu nehmen, bis er sich so weit sammeln konnte, ihr den Arm zu bieten und sie zur Tafel zu führen.

Da sich die Gräfin aber einmal vorgenommen hatte, ihm weitere Verlegenheiten zu ersparen, so wußte sie auch bald geschickt in ein Gespräch einzulenken, das ihm seine Unbefangenheit wiedergeben konnte — ein Gespräch über die eben zurückgelegte Seereise, an dem sie ebenfalls Interesse nahm, da sie noch mit Entsetzen ihrer eigenen Fahrt und der damit verbunden gewesenen Seekrankheit gedachte.

In das Capitel eingelenkt, fühlte sich auch von Pulteleben bald wieder behaglicher, und das Einzige, was ihn noch dann und wann genirte, war der etwas sarkastische Zug um der Comtesse Mund, wenn sie einem Blicke ihres Bruders begegnete und sein Auge gerade auf ihr ruhte — und sein Auge ruhte sehr oft auf ihr, denn von Pulteleben erinnerte sich nicht, je in seinem Leben schon ein schöneres Mädchen gesehen zu haben.

Mochte es sein daß es ihm nur so vorkam, weil er gerade durch die lange Seereise dem geselligen Umgange mit dem schönen Geschlechte hatte völlig entsagen müssen, oder fühlte er sich gerade von dieser Form der Züge besonders gefesselt, wie das ja oft im Leben der Fall ist, aber er konnte sich nicht satt an dem lieben Antlitz sehen, und eben so wenig entging Helenen selber, mit welcher Aufmerksamkeit er sie behandelte. Freilich war sie daran gewöhnt, ihren Zoll von Bewunderung überall einzuernten, aber trotzdem fühlte sie einen gewissen Grad von Genugthuung, und ihr Antlitz, das im Beginne der Tafel seine volle Strenge bewahrt hatte, wurde etwas freundlicher gegen den jungen Gast. Sie wich wenigstens Oskar's Blicken aus und schien nicht mehr gesonnen, sich über ihn lustig zu machen, ja, nahm sogar Theil an der Unterhaltung.

Dadurch gewann von Pulteleben endlich seine ganze Fassung wieder, und als das Diner, bei dem Dorothea ihr Möglichstes geleistet hatte, beendet war, wandte er sich an seine freundliche Wirthin und sagte:

»Frau Gräfin, wenn ich auch jenem unglücklichen Jeremias und meinem Schutzgeiste danke, diese mir so liebe Bekanntschaft gemacht zu haben, so fühle ich doch recht gut, daß ich hier, als Ihr Gast, eine sehr unerquickliche Rolle spiele, und je eher ich der ein Ende mache, desto besser. Gestatten Sie also daß ich mich entferne, um mich nach einem andern Quartier umzusehen, und erlauben Sie mir nur — Ihre Güte hat ja meiner Unverschämtheit schon verziehen — daß ich damit nicht gezwungen bin, diese für mich so ehrenvolle und liebe Bekanntschaft ganz abzubrechen. Ich werde mich jedenfalls längere Zeit in Santa Clara aufhalten und würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie mir wenigstens gestatten wollten, Ihnen manchmal meine Aufwartung zu machen.«

»Da Sie nun einmal unser Hausgenosse geworden sind,« lächelte die Gräfin, »so übereilen Sie auch wenigstens Nichts. Es wird Ihnen überdies schwer werden, für den Augenblick eine passende Wohnung in Santa Clara zu finden; bis Sie die aber gefunden haben, bitte ich Sie unser Haus als das Ihrige zu betrachten.«

»Gnädige Frau Gräfin!« rief Pulteleben erstaunt aus.

»Bitte, machen Sie keine Umstände,« fuhr die Gräfin ruhig und freundlich fort, »wir sind hier in Brasilien, wo der Fremde nur zu häufig einzig und allein auf die Gastfreiheit der Bewohner angewiesen bleibt, und es existiren deshalb hier ganz andere Verhältnisse, wie in der alten Heimath. Außerdem sagten Sie uns vorher, daß Sie verschiedene Pläne für Ihre Zukunft hätten.«

»Allerdings,« versicherte der junge Mann, »aber es fehlt mir da freilich noch Kenntniß des Landes, um mein Capital gleich mit Vortheil anlegen zu können, und ich sammle lieber erst Erfahrung.«

»Das ist sehr vernünftig von Ihnen gedacht,« erwiederte die Gräfin; »wo ich Ihnen aber dabei mit Rath an die Hand gehen kann, bitte ich ganz über mich zu disponiren.«

»Sie sind zu gütig, gnädige Frau Gräfin!«

»Wir wohnen schon eine Reihe von Jahren in diesem Lande, und man ist gezwungen, die Verhältnisse genau kennen zu lernen, oft sogar gegen unsern Willen. Doch Sie wünschen jedenfalls eine Cigarre zu rauchen — Oskar, führe den Herrn in den Garten; wir kommen dann ebenfalls hinunter, um dort gemeinschaftlich Kaffee zu trinken.«

Damit standen die beiden Damen auf, grüßten freundlich und verließen das Zimmer, während Herr von Pulteleben in einem wahren Taumel von Seligkeit zurückblieb und jetzt gar nicht oft genug zu Oskar sagen konnte, wie glücklich er sich fühle diese Bekanntschaft gemacht zu haben, wenn er es auch der größten Dummheit verdanke, deren er sich in seinem ganzen Leben schuldig gemacht.

»Na nu werden Sie nicht langweilig,« meinte Oskar — »Apropos, haben Sie etwa eine vernünftige Cigarre bei sich? Das Zeug, was man hier bekommt, ist kaum zu rauchen.«

»Ich kann Ihnen mit einer Havannah dienen,« sagte Herr von Pulteleben, erfreut dem Bruder jenes Engels nur in Etwas angenehm sein zu können.

»Das ist gescheidt,« meinte Oskar — »sie sind doch nicht zu schwer?«

»Nein, sicher nicht — ich selber rauche nie schwere Cigarren.«

»Gut, dann kommen Sie jetzt in den Garten, hier ist eine Hitze, nicht zum Aushalten,« — und seines neuen Freundes Arm ergreifend, schlenderte er mit ihm hinab, um dort den Kaffee und die Damen zu erwarten.

Diese zögerten auch nicht lange, und hatte sich Herr von Pulteleben schon gegen das Ende der Mahlzeit in seiner Umgebung wohl gefühlt, so entzückte ihn jetzt, im wahren Sinne des Wortes, die Natürlichkeit und Liebenswürdigkeit Helenens, die allen Zwang abgeworfen zu haben schien und nach Herzenslust lachte und plauderte.

Helene war wirklich bildschön. Es gab Zeiten, wo ihre so regelmäßigen Züge von einem düstern Ernst beschattet wurden, der ihren Augen etwas Unheimliches, ja Abstoßendes geben konnte. Ihr Mund, wenn fest geschlossen, sah dann ebenfalls, der etwas schmalen Lippen wegen, unschön aus. Wenn aber das lebendige Auge in Scherz, ja Übermuth leuchtete, wenn ihre Zähne, die zwei Reihen aufgezogener Perlen glichen, sichtbar wurden, wenn sich das Grübchen tiefer in ihr Kinn einschnitt und das Lachen auf dem gar so lieben Antlitz spielte, wie das Sonnenlicht auf einem murmelnden Bache, dann konnte man sich wahrlich nicht satt sehen an dem Mädchen, und sie war sich auch ihres Sieges stets so sicher bewußt, daß sie mit ihrer Umgebung machte, was sie eben wollte.

Nur dann und wann verließ sie manchmal die Laube, und von Pulteleben würde noch mehr entzückt gewesen sein, wenn er gewußt hätte, daß sie gerade in dieser Zeit Anordnungen traf, sein Zimmer etwas wohnlicher einzurichten und ein Bett darin aufzustellen. Es hatte das seine Schwierigkeiten, denn die Gräfin war nur nothdürftig auf solchen Besuch eingerichtet, aber es ging doch, und ein paar rasch und geschickt improvisirte Gardinen machten das kleine Gemach noch so viel freundlicher.

Die Zeit, wo der junge Fremde mit der Frau Gräfin allein blieb, wurde dann von dieser benutzt, ihm einen kurzen Überblick über die hiesigen Verhältnisse zu geben, der Herrn von Pulteleben außerordentlich befriedigte. Er ersah nämlich daraus, daß in diesem Lande wirklich nur ein kleines, unbedeutendes Capital dazu gehöre, um, mit kluger Benutzung des Augenblickes, ganz erstaunliche Erfolge zu erzielen. Die Frau Gräfin wußte ihm eine Menge von Beispielen zu nennen, nach denen Leute durch kleine, aber richtige Spekulationen in Stand gesetzt waren, unbedeutend begonnene Geschäfte auf das Großartigste auszudehnen, und sich dann mit einem erworbenen Vermögen nach Deutschland zurückzuziehen, um es dort in Ruhe zu verzehren.

»Sehen Sie, Frau Gräfin,« rief Herr von Pulteleben, durch diese Mittheilungen zu einem vollen Grade von Aufrichtigkeit getrieben, »das ist gerade was ich will. Zu Hause haben sie mir immer vorgeworfen, daß ich unpraktisch wäre, daß ich nie im Stande sein würde, mir aus mir selber eine Carrière zu schaffen. Jetzt will ich doch einmal sehen, ob es nicht möglich ist sie Lügen zu strafen. Sie sollen erleben, mit welcher Energie ich Alles angreife, was ich unternehme. — Wenn ich nur erst wüßte was!«

»Übereilen Sie sich darin nicht, junger Freund,« sagte die Gräfin. »Es giebt zwar eine Menge von Wegen, die zum Ziele führen, aber der eine ist länger als der andere, und wenn man denn doch noch die Wahl hat, warum soll man da nicht suchen den kürzesten zu nehmen? Übrigens seien Sie versichert, daß ich selber schon ein Wenig herumhorchen will. Sie sind uns nun einmal auf so abenteuerliche Weise zugeführt, daß ich ein gewisses Interesse daran nehme.«

»Gnädige Frau Gräfin, Sie sind unendlich gütig.«

»Lassen Sie das; will ich aufrichtig sein, so ist es vielleicht sogar Egoismus von mir selber; denn Sie glauben gar nicht, wie langsam die Zeit verstreicht, wenn man so gar Nichts auf der Gotteswelt zu thun hat. Eine kleine Beschäftigung, eine bestimmte Thätigkeit wird zuletzt wirklich zum Bedürfniß, und ein wenig Sorgen und Umschauen gehört mit zu unserem Leben.«

»Aber durch was habe ich verdient, daß Sie sich meiner gerade so unendlich freundlich annehmen?«

»Lieber Gott, wir sind hier einmal in Brasilien, leben in Verhältnissen, die mit denen der alten Welt auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit haben, und da gestaltet sich Manches oft rasch und wunderbar. Doch Sie werden das Alles noch viel besser kennen lernen, wenn Sie erst einmal selber längere Zeit im Lande sind.«

Oskar hatte sich bei dem Gespräch gründlich gelangweilt, denn er haßte Nichts mehr auf der Welt, als wenn von einem bestimmten Lebenszwecke die Rede war — und seine Mutter hielt ihm dieses Capitel sehr häufig vor. Dafür gönnte er es jetzt aber auch von Herzen seinem neuen Hausgenossen, und amüsirte sich die Zeit über, mit seinem Blasrohr von einem erhöhten Stand der Hecke aus nach vorbeilaufenden Hunden zu schießen. Wenn er sie traf, nahmen sie gewöhnlich den Schwanz zwischen die Beine und rannten in wilder Flucht die Straße hinab, und Oskar wollte sich dann halb todt darüber lachen.

Um das Angenehme übrigens mit dem Nützlichen zu verbinden, nahm er Herrn von Pulteleben nachher mit zu seinem Pferde hinaus, von dem er ihm schon viel erzählt und ihm auch die Überzeugung beigebracht hatte, daß ein Mann ohne Pferd in Brasilien gar nicht existiren könne — nicht einmal eine Frau, und da Herr von Pulteleben erfuhr, daß es früher Helenens Lieblingspferd gewesen sei, die sich jetzt einen etwas ruhigeren Grauen — der Graue war das wildeste Pferd in der Ansiedelung — angeschafft habe, kaufte es der junge Fremde zu einem, wie er glaubte, außerordentlich mäßigen Preise (Oskar hatte auch in der That höchstens hundert Procent daran verdient) und schwelgte dabei in der Hoffnung auf morgen, denn Helene hatte ihm versprochen mit ihm spazieren zu reiten.

9.

Ein Abend in der Colonie.

Das war ein Leben und Treiben heute in dem sonst so stillen Städtchen, daß man es kaum wieder erkannte, und das Wirthshaus »Zum Hoffnungsanker« hatte, so lange der Ort stand, noch keine so guten Geschäfte gemacht. War es doch auch bis unter das Dach hinauf von Gästen angefüllt, die auf Matratzen, Decken, Stroh, oder wie es eben ging, untergebracht werden mußten, während fast alle männlichen Bewohner von Santa Clara hier ebenfalls zusammenkamen, um die Neuangekommenen zu sehen und zu sprechen, und vielleicht auch frische Nachrichten von daheim — das heißt aus ihrem Dorfe zu hören, denn was wirklich deutsche Nachrichten und besonders deutsche Politik betraf, kümmerte die Wenigsten der Colonisten.

Viele waren allerdings schon seit Jahren ausgewandert, und den politischen Verhältnissen daheim, die sie selbst an Ort und Stelle nicht verstanden, so entfremdet worden, daß sie kaum noch die geographischen Namen der verschiedenen Staaten kannten. Aber selbst erst kürzlich Herübergekommene fragten nicht nach dem, was Preußen oder Österreich, oder sonst ein Theil Deutschlands treibe — das war deren Sache, und sie mochten es mit einander ausmachen — sondern nur aus welcher Gegend Der und Jener sei, und ob daheim Der und Jener noch lebe, und nicht Lust habe nach Brasilien zu kommen.

Außerdem wollten sich die Leute aber auch gern einmal einen sogenannten »fidelen Abend« machen, und da der Wirth Christian Bohlos einen ziemlich geräumigen Schuppen an sein Haus gebaut und mit Dielen hatte belegen lassen, ja auch in diesem Schuppen ein hölzernes Gerüst für ein Musikcorps angebracht war, so verstand es sich von selbst, daß heute Abend ebenfalls getanzt wurde.

Das beste Musikcorps der Stadt wurde dazu bestellt — denn es gab deren zwei — und daß sich das andere darüber zurückgesetzt fühlte und erklärte, das sogenannte beste Musikcorps könne gar nicht spielen und vollführe eine wahre Heidenmusik — blieb sich gleich.

Schon mit Dunkelwerden sammelten sich die Gäste — auf acht Uhr Abends waren nach stillschweigendem Übereinkommen die Frauen angesagt, denn die Kinder mußten erst zu Bette gebracht werden — und bis dahin gingen Flasche und Krug lustig im Kreise. — Aber nicht etwa das dünne brasilianische Bier wurde getrunken, das ein Deutscher sogar in Santa Clara braute, obgleich das besonders die Neuangekommenen mit Leidenschaft forderten, sondern vaterländischer Rheinwein bildete bei solchen Gelagen gewöhnlich das schwere Geschütz. Die langhalsigen, schlanken Originalflaschen ragten fast von allen Tischen empor, und Scharlachberger-, Brauneberger-, Markobrunner- und Hochheimer-Etiquetten gehörten zu den gewöhnlichsten Dingen.

An dem einen Tische präsidirte der »Pfarrer« des Ortes, eine breitschulterige, etwas massive Gestalt, mit hochgeröthetem Gesichte, kurzen, etwas struppigen blonden Haaren und einem wenigstens zweitägigen weißen Halskragen, aber nicht etwa in schwarzer Ordenstracht, sondern in einer grauleinenen Sommerjoppe mit Nankinghosen, und um ihn gruppirten sich einzelne Bewohner von Santa Clara — unter ihnen auch unser alter Bekannter Pilger und mehrere Colonisten aus der unmittelbaren Nähe des Städtchens, von denen dann wieder verschiedene »frische Einwanderer« zugezogen worden, um zuerst Bericht über ihre Reise abzustatten, und dann Enthüllung über das »erhoffte Brasilien« zu vernehmen.

An die Ecke desselben Tisches hatte sich ebenfalls der Bursche mit dem Silberband um die Mütze gedrängt, der heute schon mit dem Director Streit gehabt; ein Krug Bier und eine Portion Braten stand vor ihm. Seine Frau lag drüben im Auswanderungshause mit ihren Kindern in einer dunklen, feuchten Ecke, und theilte mit ihnen das kärgliche Mahl, das sie sich von geliefertem Mehle selber hatte bereiten müssen.

Die übrigen Tische waren eben so dicht gedrängt mit Gästen, und Bohlos' Frau und ein paar Mägde konnten sich kaum in dem überfüllten Raume Bahn machen, um die verlangten und oft stürmisch geforderten Speisen und Getränke auszutheilen.

»Na, hier lebt sich's aber doch besser als an Bord von dem Schiffe, das muß wahr sein, wenn ich auch gerade nicht über die Kost auf dem Schiffe klagen will,« sagte einer der Zwischendeckspassagiere.

»Saufressen,« kaute der Mann mit dem Tressenstreifen mit vollem Munde; »bei uns kriegen's die Schweine besser, wie sie's uns für unser schweres Geld auf dem Schiff gegeben haben.«

»Vielleicht sind Sie's zu Hause besser gewöhnt gewesen,« meinte einer der jungen Kaufleute, ein Kajütenpassagier, der sich aber hier schon in brasilianische Gleichheit hinein zu finden suchte, indem er seinen, ihm unangenehmen Nachbar von der Seite ansah.

»Bin ich auch,« knurrte der Mann — »ja, Sie, die Kajütenpassagiere, haben hineingestopft gekriegt, was nur eben hinein ging, aber uns haben sie behandelt wie die Hunde — und noch schlechter.«

»Na, ich weiß nicht,« sagte der Erste wieder, »ich bin doch auch im Zwischendeck gefahren, habe aber Nichts davon gemerkt. Daß man's auf dem Schiff nicht so gut bekommen kann wie daheim, na ja, das haben wir freilich schon zu Hause gewußt, und dafür ist's eben eine Seereise. Außerdem habt Ihr, so viel ich weiß, nicht einmal Passage bezahlt, sondern Eure Gemeinde daheim hat's zusammengeschossen.«

»Das geht Keinem 'was an,« sagte der Bursche mit einem finstern Blicke nach dem Sprecher — »bezahlt ist's doch, ohne daß Ihr dazu die Hand in den Sack gesteckt.«

Die Übrigen schwiegen, denn der Mann hatte nicht genug Einnehmendes in seinem Wesen, sich mit ihm in ein längeres Gespräch einzulassen. Freilich war hier offener Wirthstisch, und man konnte ihm auch nicht gut verwehren, sich der Unterhaltung anzuschließen, so lange er eben nicht selber fühlte, daß er da nicht hinein passe.

Oben am Tische wechselte das Gespräch jetzt wieder auf die Verhältnisse in der Colonie, und die Klagen über die Regierung waren allgemein, daß nie Land vorräthig vermessen sei, wenn einmal Colonisten eintrafen. Die Neuangekommenen wollten das dem Director zuschieben, und der »Pfarrer« gab ihnen Recht. Da stäk' es, denn das sei ein hochmüthiger Patron, der sich den Henker um den armen Mann scheere. Dagegen sprachen aber, und zwar mit Eifer, mehrere der Colonisten selber und vertheidigten den Director.

»Was kann er denn machen, wenn ihn der Präsident im Stiche läßt? Das ist die vorgesetzte Behörde, und an die muß er sich wenden, und für den gemeinen Mann thut gerade er mehr, denn irgend Einer vor ihm. Und wie hat er jetzt wieder gearbeitet, um die Leute alle unterzubringen!«

»Ein Lump ist's,« rief der mit der Tresse, seine Faust auf den Tisch schlagend, daß sich Alle erstaunt nach ihm umsahen — »ein nichtsnutziger, grober Lump, und das hab' ich ihm heute in's Gesicht gesagt, und will es ihm morgen auch noch einmal hinein sagen.«

»Was ist denn der Mann da schuldig, Bodenlos?« fragte Pilger laut, als der Wirth gerade an ihm vorüberging.

»Wer?« fragte Bohlos, sich am Tische umsehend.

»Der mit der hübschen blauen Mütze.«

»Na,« sagte der also Bezeichnete erstaunt aufstehend — »wem geht denn das wieder 'was an, was ich schuldig bin?«

»Der Tisch hier bezahlt's,« sagte Pilger, ohne von dem Einwurfe Notiz zu nehmen — »wie viel macht's?«

»Portion Braten und vier Glas Bier,« sagte Bohlos — »wollen's gerade einen Milreis rechnen, es macht eigentlich noch zwanzig Reis mehr.«

»Sehr schön,« sagte Pilger, »und jetzt, guter Freund, thut uns einmal den Gefallen und macht die Thür von außen zu. Verstanden?«

»Ob ich sie zumachen oder auflassen will, geht Keinem einen Quark an!« rief der Bursche, rückte sich die Mütze auf das eine Ohr, und sah den Redenden mit wüthenden Blicken an.

»Wollt Ihr Vernunft annehmen?« fragte Pilger ruhig, indem er langsam von seinem Stuhle aufstand — »oder soll ich Euch….«

»Ach, laßt den Lump zufrieden, Pilger!« riefen ein paar Andere — »fangt keinen Streit an.«

»Streit?« sagte Pilger vollkommen kaltblütig — »fällt mir gar nicht ein, aber sollen wir uns etwa von so einem Burschen, wie der da, den ganzen Abend verderben lassen? Entweder der Gesell geht, Bodenlos, oder ich gehe.«

»Ach, seid vernünftig,« sagte der Wirth beruhigend.

»Nein, er hat Recht!« riefen nun auch die früheren Mitpassagiere des Burschen; »auf der ganzen Reise hat er Nichts wie Skandal und Streit gehabt, und seine arme Frau dabei mißhandelt, daß es eine Schande war.«

»Ihr Lumpenhunde wollt auch wohl noch mit drein reden?« rief der mit der Mütze, und fuhr von seinem Sitze auf, aber Pilger hatte ihn schon am Kragen und hob ihn mit riesiger Kraft vom Boden; drei oder vier Andere faßten ihn zugleich an Armen und Beinen, und keine Minute später fand er sich ziemlich unsanft hinaus auf die Straße gesetzt. Kaum aber hatten die Männer ihre Sitze wieder eingenommen, als ein ziemlich faustgroßer Stein durch das eine Fenster klirrend hereinschmetterte und glücklicherweise gegen die nächste Stuhllehne traf, sonst hätte er Schaden anrichten können. Fünf oder sechs junge Burschen flogen jetzt hinaus, um den Frevler abzustrafen, aber der Passagier hatte es doch für gerathen gefunden, etwas Derartiges nicht abzuwarten, und war verschwunden.

Indessen rückte die Zeit vor — es war acht Uhr, und die »Damen« kamen zum Balle. Es waren meist Frauen und Töchter von Bauern und Handwerkern, aber viele der letzteren selbst in Brasilien geboren und großgezogen, wo sie dann, mit Kindern der eingeborenen Brasilianer aufwachsend, auch den Schnitt von deren Kleidung, wie eine freiere Haltung angenommen hatten — und reizende Gestalten gab es unter ihnen.

Hier und da kam freilich noch ein echt deutsches Bauernmädchen, die rothe Kattunschürze hoch in der Taille umgebunden, das riesige weiße Taschentuch in der sonnverbrannten, arbeitsharten Hand schlenkernd und mit der eigenthümlich schaufelnden Bewegung im Gange. Junge Mädchen mit weißen Kleidern und Rosabändern dazwischen, mit Füßen, die einem Grenadier zur festen Basis hätten dienen können, und eine Handvoll künstliche, arg zerdrückte Blumen geschmacklos auf den Kopf gebunden. Aber auch leichte und selbst zarte Figuren mischten sich dazwischen, junge Mädchen aus irgend einer kleinen Stadt, die jedenfalls verstanden sich geschmackvoll zu kleiden, und eine buntere Mischung des »schönen Geschlechts« konnte in keinem Lande der Welt aufgetrieben werden.

Und wer war der Ceremonienmeister, der Arrangirende und Ordnende dieses ganzen Balles? Wer stellte, als die Musik endlich begann, die Contretänze? Wer klatschte in die Hände, wenn die ersten Paare antanzen, wer klatschte wieder, wenn sie wechseln sollten? Wer drückte sich dann in einem ruhigen Moment in eine Ecke, um mit einem oder dem anderen Nachbar, nur im Vorbeigehen, ein Glas Wein oder Punsch zu trinken, und war im Nu wieder bei der Hand und mitten im Saale, sobald nur die geringste Unordnung zu drohen schien? Wer anders als Jeremias, der sich aber so entpuppt hatte, daß man ihn heute Abend wirklich nur an der rothen Perrücke wiedererkannte.

Wer den Jeremias heute in Hemdsärmeln gesehen hatte, wie er im Schweiße seines Angesichts, den Karren hinter sich, durch die Straßen keuchte, und wer ihn jetzt sah, wie er im Glanze von wenigstens achtzehn Talglichtern mit blechernen Reflectoren, à quatre épingles gekleidet, durch den Saal hüpfte, würde eine solche Veränderung, ohne den Mann genauer zu kennen, nicht für möglich gehalten haben, und doch war es eine und dieselbe Persönlichkeit.

Es läßt sich nicht läugnen, weder der hellblaue Frack mit den blanken Knöpfen, noch die weißen Hosen, noch die lichten, schon etwas schmutzigen Glacéhandschuhe waren je für ihn gemacht, und die beiden ersteren gerade um das zu weit, was die letzteren zu eng schienen. Aber er zeigte doch, wie der Pfarrer meinte, »den guten Willen«, und einen aufmerksameren und den Formen strenger genügenden Tanzmeister wie ihn gab es nicht auf der weiten Welt, viel weniger denn in Brasilien.

Jeremias war in der That überall, und hatte er heute über Tag bei seinem Karren geschwitzt, so überstieg seine Transpiration gegenwärtig alle Gränzen. Er troff förmlich, und das helle Wasser lief ihm unter der brennend rothen Perrücke in kleinen Bächen nieder.

Eigentlich hatte Jeremias ursprünglich gar kein rothes Haar gehabt, und das kleine Stückchen Backenbart, das ihm noch jetzt vor beiden Ohren stand, war sogar von pechschwarzer Farbe. Als ihm aber damals, nach einer Art Nervenfieber, und kurz vorher, ehe er Deutschland verließ, sämmtliche Haare ausgingen, forderte der Friseur für eine schwarze Perrücke eine seine Kräfte übersteigende Summe, und da er die rothe Perrücke — der Träger war darunter weggestorben — aus zweiter Hand billig erstehen konnte, entschloß er sich kurz und wechselte die Farbe. Jetzt war er nun so an die rothe Perrücke gewöhnt, daß er eine andere, schwarze nicht mehr umsonst genommen hätte.

Übrigens war Jeremias in der ganzen kleinen Stadt als ein fleißiger, nüchterner Arbeiter beliebt, und seiner oft drolligen Antworten wegen fast in jedem Hause gern gesehen. Weil er aber fleißig arbeitete, verdiente er auch ganz hübsches Geld, und nur, was er mit dem Verdienten machte, erfuhr kein Mensch. Verzehren konnte er es nicht, da er außerordentlich mäßig lebte, und nie auch nur einen halben Milreis vergeudete, aber trotzdem hatte er noch Keinem Geld zum Aufheben gegeben. Er kaufte auch kein Land oder Vieh, und von Staatspapieren wußte er außerdem Nichts. Allerdings hatte sich das Gerücht verbreitet, daß er sein Geld heimlich im Walde vergraben und schon einen ganzen Sack voll Milreis irgendwo eingescharrt habe. Gewißheit bekam aber Niemand darüber, und Jeremias war viel zu schlau, Andere das wissen zu lassen, was sie eben nicht zu wissen brauchten.

So gutmüthig Jeremias aber auch im Ganzen sein mochte, und so dienstwillig und gefällig er sich gegen Jedermann in seiner Arbeitszeit zeigte, so unumschränkt regierte er hier, und der geringste Verstoß gegen die Tanzordnung wurde auf das Unerbittlichste geahndet. Ein Schneider aus Santa Clara ärgerte ihn besonders, und man erzählte sich, die Feindschaft zwischen den Beiden schreibe sich daher, daß Jeremias eine Heirath des Schneiders, den er als einen liederlichen Schlingel kannte, hintertrieben habe. Das Mädchen war braver Bauersleute Kind, und Jeremias kannte den Bräutigam, der aus seinem Orte stammte, schon von Deutschland her. Daheim hatte dieser aber ein anderes Mädchen sitzen, dem er die Ehe versprochen, und das auf ihn wartete, und als die Bauernfamilie das hier erfuhr, wurde dem Werber das Haus verboten.

Ob Jeremias ihnen das wirklich mitgetheilt, war nicht ganz bestimmt, jedenfalls hieß es so, und der Schneider haßte ihn seitdem wie seinen Todfeind, ohne daß sich Jeremias deshalb die geringste Sorge gemacht hätte. Heute nun, wo Jener etwas mehr als gewöhnlich getrunken haben mochte, suchte er ein paar Mal Streit mit dem kleinen Ceremonienmeister, und als dieser ihn eben so oft derb abfertigte, wußte er sich auf andere Weise zu rächen. Jeremias hatte gerade wieder in der einen Ecke einen Schluck Punsch mit dem jungen Handlungsdiener getrunken, als er auf der andern Seite des Saales eine Unordnung entdeckte. Wie der Blitz sprang er auf und dorthin; unglücklicherweise mußte er aber an dem Schneider dicht vorbei, der rasch sein Bein vorhielt, und Jeremias, darin hangen bleibend, schoß, so lang er war, mitten in den Saal.

Dem böswilligen Schneider bekam das aber schlecht. Zu viele Leute waren Zeuge gewesen, und ehe sich Jeremias nur wieder vom Boden aufraffen konnte, hatten sie den Schneider gepackt, machten ein Fenster auf und warfen den sich aus Leibeskräften dagegen Sträubenden hinaus in die Büsche.

Übrigens war es eine so allgewöhnliche Begebenheit, daß bei einem deutschen Balle auch zwei oder drei Personen zu Thür oder Fenster hinausgeworfen wurden, daß Niemand weiter darauf achtete. Der Tanz ging ruhig fort, und Jeremias, der mit einer wahren Federkraft vom Boden emporschnellte, sah kaum den Schneider beseitigt, als er auch augenblicklich wieder in den Tact der Musik einfiel, und nur im Herüber- und Hinüberhüpfen noch den Staub von seinem Fracke zu entfernen suchte. Leider war kurz vorher gesprengt worden, und die weißen Hosen hatten dadurch etwas fleckige Vordertheile bekommen, aber Jeremias selber sah es nicht und Niemand achtete weiter darauf.

Pilger war auch aus dem Gastzimmer herübergekommen, um seine Frau zu suchen, die versprochen hatte bei dem Balle zu erscheinen, aber sie fehlte noch, und etwa eine halbe Stunde später ging er nach Hause, um sie abzuholen.

Er mochte vielleicht eine Viertelstunde fort gewesen sein, als er mit etwas verstörtem Gesichte wieder zurückkam und seine Blicke unruhig im Saal umherschweifen ließ — dann verschwand er wieder, ohne daß natürlich irgend Jemand auf ihn achtete, um bald darauf wieder zurückzukehren, wo er den bei einer Partie Skat sitzenden Pfarrer aufsuchte und zu sich hinausrief.

»Nun,« sagte dieser, der eben nicht gern von seiner Partie aufgestanden war, indem er ihm vor die Thür folgte, »was haben Sie denn, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob es bei Ihnen brennte?«

»Meine Frau ist fort,« flüsterte Pilger mit heiserer, von innerer Aufregung fast unhörbarer Stimme.

»Ihre Frau ist fort?« sagte der Geistliche erstaunt — »wohin?«

»Ich weiß es nicht,« stöhnte der Mann — »sie ist nicht hier beim Tanze, sie ist nicht zu Hause und doch vor etwa einer halben Stunde mit einem Bündel in der Hand fortgegangen.«

»Na ja, das wäre nicht übel,« schüttelte der Herr Pfarrer mit dem Kopfe — er hatte drin ein Eichelsolo auf dem Tische liegen, und die Sache kam ihm sehr unbequem — »aber wohin kann sie denn hier?«

»Da steckt der Schuft, der Bleifuß dahinter,« knirschte der Mann zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch; »aber wenn ich die Gewißheit kriegte, dann gnade ihm Gott!«

»Hm,« sagte der Pfarrer, welcher die deshalb umlaufenden Gerüchte schon lange gehört hatte und kannte — »und haben Sie keine Ahnung, wohin sie sich gewandt haben könnte?«

»Keine,« ächzte Pilger; »aber was um Gottes Willen kann ich thun, um sie wieder zu bekommen?«

»Heute Abend gar Nichts,« sagte der Pfarrer; »es ist stockdunkel, und aus dem Tanzsaal bringen Sie Keinen fort — noch dazu, wenn Sie nicht einmal eine bestimmte Richtung angeben können.«

»O, Du großer, allmächtiger Gott!« stöhnte der Mann und preßte die fest zusammengeschlagenen Hände gegen seine Stirn.

»Machen Sie sich keine Sorgen,« sagte der Geistliche, »wenn die Frau Sie auf so leichtsinnige Weise verlassen konnte, so haben Sie auch Nichts an ihr verloren, und den Mosje, den Bleifuß, wollen wir schon kriegen, wenn der wirklich dahinter steckt. Der muß blechen, daß es ihm blau und braun vor den Augen wird.«

»Meine Grethe — meine Grethe!« hauchte der arme Teufel; »daß sie mir die Schande anthun konnte!«

»Es läßt sich heute Nichts mehr machen,« versicherte der Pfarrer — er konnte seinen Eichelsolo nicht länger im Stiche lassen — »gehen Sie ruhig nach Hause — morgen früh komme ich zu Ihnen und da besprechen wir das Weitere« —, und ohne eine Antwort abzuwarten, klopfte er dem Unglücklichen auf die Schulter und ging wieder in das Zimmer zurück an seinen Spieltisch.

Pilger stand noch eine Weile wie vernichtet in der offenen Thür, dann aber lief er noch einmal zurück zu seinem Haus, und als er die Verlorene auch jetzt noch nicht fand, wieder hinaus in die Nacht hinein — er wußte ja selber nicht, wohin.

Unten an der Landung, etwa zweihundert Schritte tiefer als die Boote gewöhnlich lagen, hatte ein kleines Fahrzeug im Schutze dichter Büsche angelegt, und gleich nach Sonnenuntergang waren schon verschiedene Blechkoffer und Kisten hineingeschafft. Vier portugiesische Ruderer, die zu einem der weiter unten ankernden Schooner gehörten, lagen auf ihren Riemen und warteten auf ein verabredetes Zeichen, um den Bug des Bootes, das jetzt ein Stück draußen im Strom ankerte, dicht zum Lande zu schieben. Jetzt pfiff es viermal rasch hintereinander, und während sich das schmale Fahrzeug noch tiefer in die Büsche hineinschob, eilten ein Mann und eine Frau den schräg ablaufenden Hang hinab, gerade auf die Stelle zu, wo dasselbe verborgen lag.

Der Mann hielt ein größeres Paket im Arme und konnte nicht so rasch von der Stelle, weil er, seiner Bequemlichkeit wegen, Pantoffeln trug. Die Frau führte ein kleines Bündel bei sich und war ihm immer um einige Schritte voraus, bis sie den Wasserrand erreichte. Hier hielt sie plötzlich und wie erschreckt an und flüsterte:

»O, Du mein lieber himmlischer Vater, was will ich thun, was will ich thun!«

»Hier sind wir an Ort und Stelle,« sagte der Mann, der sie hier einholte, in portugiesischer Sprache, aber mit unterdrückter Stimme, »nur rasch, meine Geliebte, daß uns die Tölpel nicht doch noch am Ende auf die Spur kommen.«

»O, mein armer Mann, und er ist immer so gut und rechtschaffen, und ich….«

Während sie klagte, hatte der Portugiese schon sein Bündel in das Boot gegeben und der Frau das ihrige ebenfalls abgenommen und einem Matrosen gereicht. Jetzt legte er leise seinen Arm um ihre Taille und schob sie sanft rückwärts.

»Kommen Sie, Margarita, kommen Sie, wir versäumen sonst die günstige Zeit über die Barre — dort hinten höre ich auch Leute. Denken Sie, wenn man Sie hier fände — mit mir!«

Die Frau schreckte empor. Etwa hundert Schritte weiter oben führte ein Weg vorbei, auf dem zwei Männer gingen, die sich laut miteinander unterhielten. Die Frau glaubte die Stimme des Einen zu erkennen und wich scheu mehr in die Büsche hinein. Dort lag die Planke — einer der Matrosen ergriff ihre Hand, und keine halbe Minute später glitt das Boot in die dunkle Strömung hinaus und mit dieser abwärts.

Am Ufer herauf kam eine einzelne Gestalt, die horchend stehen blieb, als sie das Knarren der Ruder in den Blöcken hörte, das nur so viel deutlicher durch die Stille der Nacht drang. Erkennen ließ sich freilich Nichts von dort, wie nur vielleicht der dunkle Schatten des Bootes selber.

»Grethe,« rief da eine leise, klagende Stimme in den Strom hinaus — »Grethe — bist Du dort?«

Keine Antwort erfolgte; blitzesschnell trieben die Ruder das Boot vorwärts, das wenige Minuten später um eine ablaufende Biegung des Flusses verschwand. —

Bei dem Director, in der kleinen Oberstube, saß Könnern, und Beide waren, Jeder mit einem Lichte vor sich, beschäftigt zu lesen. Der Director wühlte in einer Anzahl von Briefschaften, während Könnern ein Packet Zeitungen durchblätterte, die der Capitain des Schiffes mitgebracht hatte. Die Haushälterin brachte gerade den Thee herein, denn die Abende waren frisch genug, um eine warme Tasse Thee recht gut vertragen zu können.

»Na, da hört Alles auf!« sagte der Director plötzlich, und sah über einen eben geöffneten Brief nach Könnern hinüber.

»Nun,« fragte dieser, dem Blicke begegnend — »irgend eine unangenehme Nachricht?«

»Unangenehm gerade nicht,« lautete die Antwort, »aber gerade zu der unpassendsten Zeit in der Welt erhalten. Der Delegado, jener Portugiese, den wir an der Schule trafen, zeigt mir eben an, daß er von der Regierung auf unbestimmte Zeit Urlaub erhalten habe und mir hiermit in seiner Abwesenheit die laufenden Geschäfte übertrage. Die ganze lange Zeit hat der Herr Nichts auf der Gotteswelt zu thun gehabt, weil ich die kleinen Streitigkeiten zwischen den Colonisten immer selber schlichtete, ja, eher noch selber Ursache zu Zank und Unfrieden in verschiedenen Familien gegeben, und jetzt, wo wir eine ganze Schaar durch die Seereise halb verwilderter Menschen bekommen, die außerdem noch untergebracht werden sollen, will er sich von jeder Arbeit drücken. Das geht nun einmal unter keiner Bedingung an, und wenigstens muß er noch die nächste Woche dableiben. Ich habe überdies Scheererei genug — kommen Sie, trinken Sie eine Tasse Thee — da drüben steht der Rum — helfen Sie sich selber.«

Könnern schob die Zeitungen und Papiere bei Seite, um freien Raum zu bekommen. Eine kleine, zierliche Visitenkarte fiel heraus und auf den Tisch.

»Hallo,« lachte er, »die Dinger gehören doch hier wohl eigentlich zu den exotischen Gewächsen. Wie heißt denn der Herr? Arno von Pulteleben — den Namen kenn' ich nicht.«

»Irgend wieder ein junger Adeliger,« sagte der Director, sich Rum zu seinem Thee gießend, »der mit den Diamantgruben Brasiliens im Kopfe herüber kommt, sich hier eine Zeit lang herum treibt und über Alles schimpft, bis sein mitgebrachtes Geld verzehrt ist, und dann, empört über die traurigen Verhältnisse des Landes, nach Deutschland zurückkehrt, für das er Märchenstoff in Masse gesammelt hat. Er wollte mich heute besuchen, aber wie ich nur den schwarzen Frack, Seidenhut und die weißen Glacéhandschuhe durch's Fenster sah, hatte ich schon übrig genug und — ließ mir die Ehre auf ein anderes Mal ausbitten.«

»Wo mag er denn nur Quartier gefunden haben?« sagte Könnern, »die Häuser sind ja fast alle überfüllt.«

»Gott weiß es,« sagte der Director gleichgültig, »vielleicht doch noch im Hotel, denn Bohlos macht oft das Unglaubliche möglich. Überhaupt, lieber Könnern, glauben Sie gar nicht, was sich in einer solchen Colonie wie die unsere oft für wunderliche Subjecte und Charaktere ansammeln, und man könnte sie sich oft nicht besser assortirt für ein Naturalien-Cabinet zum Ausstopfen aussuchen. Aus allen Schichten der Gesellschaft bekommen wir die Proben, und der hohe Adel, wie Künstler und Gelehrte liefern jederzeit die werthvollsten Exemplare. Unseren Baron haben Sie schon gesehen, die Gräfin werden Sie jedenfalls noch kennen lernen; außerdem treibt sich hier auch ein ganz tüchtiger Künstler herum, ein Mann, der wahrscheinlich in Deutschland seiner Kunst Ehre machen könnte, und hier gerade so viel damit ausrichten wird, wie ein Holzhacker in den Pampas, oder ein Ackerbauer in den Schneebergen.«

»Ist es ein Maler?« fragte Könnern.

»Nein,« lachte Sarno, »Sie brauchen keinen Concurrenten zu fürchten — nur ein Clavierspieler. Aber auch ein anderer Musiker macht die Gegend unsicher, aus dem ich aber noch nicht recht klug geworden bin. Er nennt sich Randolph und scheint mir ein excentrischer Kopf, wie alle derartigen Künstler….«

In dem Augenblicke wurde draußen an die Thür geklopft und die alte Haushälterin meldete gleich darauf: Der Schuhmacher Pilger wünsche den Herrn einen Augenblick zu sprechen.

»Ach,« sagte der Director, unzufrieden mit dem Kopfe schüttelnd, »immer wieder die alte Geschichte, aber ich kann ihm jetzt gute Nachricht geben, denn er wird seinen Quälgeist wenigstens auf einige Zeit los. Lassen Sie ihn nur herein kommen.«

Pilger betrat gleich darauf das Zimmer. Er hielt den Hut in der Hand, sah aber todtenbleich aus und der Schweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn.

»Guten Abend, Herr Director!« stöhnte er, ohne auf den noch im Zimmer befindlichen Fremden weiter zu achten.

»Guten Abend, Pilger! Um Gottes Willen, wie seht Ihr denn aus, Mann? Was ist denn vorgefallen?«

»Meine Frau ist mir davon gelaufen, Herr Director,« sagte der arme Teufel, und man sah es ihm an, wie er sich nur mit äußerster Gewalt zwang, seine Fassung zu bewahren.

»Eure Frau? Wann?!« rief der Director erschreckt und ein eigener Verdacht schoß ihm durch den Kopf.

»Heute Abend — vor einer Stunde etwa, vielleicht noch nicht so lange. Sie wollte auf den Ball kommen und hat das Haus verlassen, ist aber jetzt nirgends mehr zu finden.«

»Aber, bester Freund, wenn Ihr sie erst so kurze Zeit vermißt, kann sie ja auch zu einer Freundin gegangen sein, um die abzuholen.«

»Nein,« sagte der Mann ruhig, »sie hat ein Bündel mitgenommen und ist nach dem Flusse gegangen. Ich sprach Jemanden, der ihr begegnet ist.«

»Und habt Ihr keinen Verdacht, wer dabei die Hand im Spiele haben könnte?« fragte der Director.

»Verdacht? Nein,« sagte Pilger mit fest zusammengebissenen Zähnen, »aber die Gewißheit, daß es jener gottverfluchte Bleifuß, der Delegado, gewesen ist. Es giebt jetzt nur noch eine Möglichkeit,« fuhr er fort, während der Director leise vor sich hin mit dem Kopfe nickte, »daß die Flucht nach dem Flusse zu vielleicht nur zum Schein war und meine Grethe jetzt ruhig drüben im Hause des Delegado versteckt ist. Allerdings fuhr vor etwa einer Viertelstunde ein Boot stromabwärts, aber ich kann mir nicht denken, daß der Portugiese die Frau allein fortschicken wird, und deshalb komme ich her, Herr Director, und wollte Sie bitten, das Haus des Portugiesen augenblicklich durchsuchen zu lassen. Finden wir dort nichts, dann muß sie den Strom hinunter sein, und ich glaube, ich weiß ein Haus, wo sie sich möglicher Weise verborgen halten könnte.«

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