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Reading edition
Unser neuer Roman. Man kennt das Leben der vormärzlichen schlesischen Leineweber, man kennt das Leben der modernen Textilarbeiter, wer aber fragt nach denen, die dem Textilarbeiter das Rohmaterial liefern, nach den Baumwollpflückern, nach den Arbeitern auf den Baumwollfarmen? Ein erheblicher Teil der in Mexiko geernteten Baumwolle geht in deutsche Spinnereien. Vom Leben und den Lebensbedingungen der in jenen tropischen Gegenden tätigen Arbeiter erzählt uns der nicht umfang-, aber inhaltsreiche Roman „Die Baumwollpflücker“, mit dessen Veröffentlichung wir heute beginnen. Dieser Roman hat weder einen Helden noch eine Heldin. Es kommt auch keine süße Liebesepisode in ihm vor. Wo um das nackte Leben gekämpft wird, hat man für Liebe und Sentimentalitäten keine Zeit. Die mitgeteilten Tatsachen sind brutale Wahrheit. Der Verfasser B. Traven spricht aus eigener bitterer Erfahrung und die von ihm eingestreuten humoristischen Szenen vertiefen nur den Eindruck der Tragödie. Der Held des Romans – denn es gibt doch einen – ist die arbeitende Klasse, sind die mexikanischen Landarbeiter, meist Indianer. Im Vergleich zu diesen führen die Landarbeiter in den ostelbischen Gefilden das reinste Schlaraffenleben. Der Verfasser kennt das Proletarierleben in Mexiko, in Nordamerika, in Zentralamerika. Als Oelmann, als Farmarbeiter, Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und Apfelsinenpflücker, Urwaldroder, Maultiertrieber, Jäger, Handelsmann unter den wilden Indianerstämmen in der Sierra de Madre, wo die „Wilden“ noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen, ist er tätig gewesen. Noch heute liegt sein mexikanischer Wohnplatz – wie er uns schreibt – 35 Meilen von der nächsten Stadt entfernt, wo er „Tinte kaufen kann“. Ein Bild in der heutigen Nummer von „Volk und Zeit“ gibt unseren Lesern einen Begriff davon, wie es in diesen tropischen Einsiedeleien aussieht.
„Vorwärts“, Berlin, 21. Juni 1925