435ZWEI ROMAN-ENTWÜRFE
Reading edition
436ÜBERTRAGEN VON FRANZ BLEI
437I.
AN-IMAGINATION
Der leidenschaftliche Mensch, der junge Jean-Jacques haftet sich an die Weisungen seiner Einbildungskraft, Robert tut nur, was er unmittelbar wahrnimmt. Der Verfasser dachte öfters daran, einen jungen Menschen zu gestalten, der aus der Welt einer bestimmten Epoche, z.B. der Welt von 1811, zu Glück und Ruhm aufsteigt, 1811: Cambacèrés, der Staatsrat, der Kaiserliche Hof in den Tuilerien etc.
Der Verfasser wollte vor zehn Jahren einen zärtlichen und anständigen jungen Mann gestalten, und er machte ihn ehrgeizig, aber doch voller Imaginationen und Illusion: Julien Sorel.
Er möchte nun diesen Robert völlig frei von jeder Imagination gestalten außer dieser einen, die dazu dient, alle die nötigen Schliche zu erfinden, um zu Reichtum zu gelangen; aber Robert gibt sich keineswegs dem müßigen Vergnügen hin, sich den Reichtum und dessen Genüsse vorzustellen. Erfahrung hat ihm schon beigebracht, daß sich derlei müßige Träumereien niemals realisieren. Alors comme alors ist sein Wahlspruch.
Küßt er die schönste Frau, so sieht er nur, was auch der ausgedörrteste Jockey nicht zu leugnen wüßte, nämlich Schönheit und Wert ihrer Ohrgehänge. Indem 438Robert seiner Einbildung nicht das geringste Vergnügen verdankt, schenkt er der Bequemlichkeit seines Fauteuil größte Aufmerksamkeit, der Qualität seines Diners, dem Komfortablen seiner Wohnung etc. etc.
Robert ist, was das Herz anlangt, mit vierzehn Jahren ein vollendeter kleiner Lump. Er stiehlt Bonbons aus den Auslagen der kleinen Händler, gemeinsam mit seinem sechzehnjährigen Kameraden Carière. Dieser Carière hat keinerlei freundschaftliche Gefühle für Robert, erhofft sich aber von dessen Geschicklichkeit Annehmlichkeiten. Der Verfasser erzählt von Carière, dem Bastard einer diebischen Kammerfrau. Carière ist anständig nur eigentlich aus Mangel an Geist; man glaubt, er verspreche was für die Zukunft. Dadurch ist er Robert von Nutzen; Carière zieht sich aus allen Einzelheiten geschickt heraus, hat in der Hauptsache das gleiche Verdienst wie Robert: sein Auge ist nie vom Hauch des Imaginären getrübt.
Er erkennt, was in seinem Interesse liegt, aber er steckt voll kleinem Stolz. Diese Schwäche liefert das Komische der Figur. Auch Robert ist nicht ohne diese selbstgefällige Eitelkeit, aber er verneint sie. Carière liefert das Komische.
Bertrand, höchst simplen Wesens, führt Roberts Befehle aus, ohne sie zu verstehen.
Damit der Robert Effekt mache, muß man ihn handeln sehen.
Daher darf sein Reichtum noch keine Tatsache sein. Man muß ihn sehen, wie er sich diesen Reichtum schafft.
439II.
EINE SOZIALE POSITION
September 1832—Juli 1833.
Ich vermache dieses Manuskript dem Maler Herrn Ab. Constantin, meinem Nachbarn, mit der Bitte, es nicht vor 1880 zu zeigen. Rome, 4. Oktober 1882. H. Beyle. — Es muß hierin mehr Wohlklang als in Le Rouge sein, damit es leichter ins Ohr gehe.
Plan. — Die Herzogin will de Roizard nur als Tröster.
Sie fürchtet nur dieses eine: daß er sie verliebt anblicke.
Später sagt sich Roizard: sie will ganz einfach geliebt sein, und parbleu, ich werde sie nicht lieben.
Sein Erstaunen, als er entdeckt, daß sie Liebe gar nicht will.
Bin ich denn zu alt? fragt er sich. Und da verliebt er sich.
Zunächst Beschreibung der Charaktere; die Charaktere gehen aus den Umständen hervor.
Die Charaktere sehr sauber festhalten: die Ereignisse bloß en masse, die Details nur in dem Maße zulassen, als sie sich einstellen (12. Dezember 1882).
Grund: man denkt nur im Augenblicke des Schreibens selber wirklich und ernsthaft an die Details. Ohne mir das vorher zu sagen, habe ich so in Le Rouge gehandelt. Das Detail strömte mir im Schreiben erst zu.
Statt das Buch mit dem Stumpfsinn der Beschreibung nach der Methode Walter Scotts zu beginnen, könnte man anfangen mit der Charakteranalyse der Herzogin, wie ich diese mir aufschrieb im September 1882. Ich fand am 12. Dezember diese zwei Seiten vortrefflich, 440und hatte sie während der Bataillen von Vidau völlig vergessen.
Nach diesen beiden Seiten die Beschreibung der Rue de Palais, und die Soiree oder den Empfang bei der Herzogin.
Die Herzogin. Madame la Duchesse de Vaussay, über dreißig alt, eine Leidenschaftliche. Fortgerissen von einem Feuertemperament ergab sie sich allen Freuden und Genüssen, hatte aber doch immer die höchste Idee von der Pflicht, nicht eine vernünftige Idee, sondern eine ganz abergläubische, deren Fond sie niemals untersuchte und deren sie sich aus ihrer Leichtigkeit, gerührt zu werden, bemächtigt hatte.
Sie hat, wie man sagt, einige Liebhaber gehabt, und ist das ohne weiteres zu glauben; ihre Seele war Leben und Bewegung; immer war sie von den geschickten Manövern eines Mannes fortgerissen, der Frauen zu haben gewohnt war, oder sie erlag mit blinder Leidenschaft einem wirklich von ihr eingenommenen Manne. Niemals liebte sie als die erste, niemals wollte sie sich hingeben, sondern voller Gewissensqualen über ihren Fall, dem sie ruhigen Blutes nicht ins Gesicht schauen konnte, glaubte sie ihn auslöschen zu können, indem sie dieses Gewissen durch eine völlige Unterwerfung unter den Mann beschwor, der gerade ihr Herr war. In ihrem guten Glauben hielt sie sich noch durch eine befehlende Pflicht gebunden, wenn ihr Verstand ihr schon deutlich sagte, daß der Mann, dem sie ihr Herz bewahrte, längst eine andere anführte.
Roizard. For me. In einem Wort ist Roizard der idealisierte Dominique. Ersichtlich höchst wechselvollen veränderlichen Charakters; ein Wort bringt ihn das eine Mal zu Tränen, das andere Mal macht es ihn ironisch, 441hart, aus Angst, davon weich zu werden und sich hinterher dieser Schwäche wegen zu verachten. Er war von mittlerer Größe und zählte über vierzig Jahre. Seine Züge waren groß, nicht schön, aber höchst beweglich. Seine Augen drückten die geringste Nuance seiner Gefühle aus. Und darüber war sein Stolz verzweifelt. Da er dieses Malheur fürchtete, war er brillant, witzig, voller amüsanter Geschichten, elektrisierte seine Zuhörer und machte das Gähnen im Salon unmöglich. In solchen Augenblicken erregte er Abneigungen wie heftigste Bewunderung seiner Person. Man kann nicht geistvoller sein, sagten seine Bewunderer. Aber die Mittelmäßigen erschreckte die Lebhaftigkeit seines Imprevu. Ohne Emotion war er ohne Geist. Im übrigen war sein Erinnerungsvermögen schwach, oder er mißachtete, es zu Hilfe zu rufen. Dann war sein Wort so diskret wie indiskret der Ausdruck seiner Physiognomie. Daß man erriete, was er fühlte, hätte seinen Stolz zur Verzweiflung gebracht. Das Pompöse — la sostenutezza — im Ausdruck eines Gefühles, Affektation im Ausdruck eines Schmerzes waren ihm fremd und zuwider, so legitim solcher Ausdruck auch sein mochte; in solchen Fällen war Roizard Ironie in Blick und Wort. Seriöses, Pompöses, Trauriges waren nie in seiner Konversation, und nie sprach er von dem einzigen, das ein Recht auf sein Interesse hatte; ein echtes Gefühl oder Heroismus, die sich für das Vaterland opferten.
Wie weit darf der familiäre Ton des Verfassers dieses Romans gehen? Die außerordentliche Familiarität Walter Scotts und Fieldings bereitet sehr gut die Momente des Enthusiasmus vor. Ist der Ton in Le Rouge nicht zu römisch? 4. Oktober 1832.