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Dhoula Bel

DRITTES BUCH (continued 2)

Gustav Meyrink translation

Ravalette hatte sie offenbar erwartet; denn er schien über ihr Kommen nicht im geringsten überrascht zu sein. Die Wirkung aber, die sein Anblick auf Hokeis und seine Tochter ausübte, war eine geradezu elektrische. Hokeis warf sich vor ihm auf die Knie nieder, neigte sein Haupt, faltete die Hände mit einer halb flehenden, halb anbetenden Gebärde und sagte:

»O schrecklicher Geist des Feuers und der Flamme! Sehe ich dich hier? Ach! Ich bin ein Elender, du aber bist mächtig und wirst verzeihen! Mein Abfall geschah nicht aus freier Wahl, sondern war das Werk eines Zufalls und ich habe in der Religion Isauvis mehr Frieden gefunden, als in deinen oder Astartes Tempeln!«

In meinem Gehirn wirbelte es unter einem Sturm von Erregungen, während Beverlys Gesicht aschgrau wurde und seine Glieder wie Espenlaub zitterten.

Im nächsten Augenblick bereits änderte sich die Szene vollständig, denn das junge Weib, das seines Vaters Tun und Sprechen gar nicht bemerkt zu haben schien, trat auf Ravalette zu, legte die juwelengeschmückte Hand auf seine Schulter, blickte ihm gerade ins Auge, wie wenn ihr Blick ihn vernichten wollte, und sagte mit leiser, aber klarer, tiefer Stimme: »So also, Feind, sehen wir uns wieder! Willst du noch mehr von deinen Kniffen und Zaubereien versuchen? Willst du der Tochter Im Hokeis' noch mehr Schlingen legen? Was hast du dabei zu gewinnen? Du antwortest nicht. Gut, ich werde für dich antworten:

Erinnerst du dich des Tages – vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ein Kind war – da du an eines alten Mannes Tür klopftest und um ein Nachtlager batest? Wohl, ich erinnere mich. Du wurdest von dem edelmütigen Indianer aufgenommen. Du aßest an seinem Tisch, rauchtest seine Pfeife und trankst seinen Wein, dann, als du am Feuer saßest, bemerktest du mich und wolltest mir mein Schicksal weissagen. Du sagtest, ich würde in einem Monat einen traurigen, müden, weinenden, unglücklichen, einsamen Jüngling treffen, der mein Herz entflammen würde; ich würde ihn lieben und ihn heiraten wollen; wenn ich dies aber täte, würden dunkle Wolken über uns heraufziehen und der Morgen der Liebe würde einen Tag des Widerwillens und einen Abend der Sorge und eine Nacht des Verbrechens, der Schande und des Todes bringen. Du sagtest, eine Verbindung mit einem anderen Mann jedoch werde mir alles das geben, was das Leben lebenswert machen kann. Ich glaubte dir, denn vieles von dem, was du weissagtest, ging in Erfüllung. Drei Wochen des Monats verflossen und eines Tages hatte ich einen Traum, und ich sah dich und den Jüngling, den ich im Leben noch nie gesehen hatte. In diesem Traum wiederholtest du alles, was du vorher gesagt hattest, und dann verschwandest du. Aber deine verhaßte Gegenwart hörte nicht eher auf, als bis eine erhabene Gestalt erschien, in Schönheit und Majestät gehüllt, die mir gebot, nicht auf dich zu achten, sondern jenen armen Menschen zu lieben, dessen Schatten vor mir stand – ihn zu lieben, aber es nicht zu gestehen, bis die Stunde gekommen sei; denn wenn ich einen anderen wählte, so würde ich glücklich sein, wenn ich aber ihn wählte, dann würde ich eine Seele vor einem schrecklichen Schicksal bewahren. Sie gebot mir, dir zu widerstehen, den Jüngling zu ermutigen, sein Herz zu trösten und ihn zu ermahnen, er solle nicht verzweifeln, denn er würde trotzdem glücklich sein. Er –«

Aber sie konnte nicht mehr weiter sprechen, Beverly stürzte auf sie zu, stieß Ravalette zur Seite, ergriff ihre Hand, küßte sie und rief:

»Eulampia!«

»Beverly!«

Und sie sanken einander in die Arme.

Ich merkte, daß dieses Drama mit jeder Minute ernster wurde, aber mir blieb keine Zeit, lange darüber nachzudenken, denn in diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, und zwar von niemand anderem als dem Polizeikommissär, dem zwei Mann der Garde de Ville folgten; gleichzeitig sah ich durch die offene Tür, daß Treppe und Vorplatz dicht mit Gendarmen besetzt waren.

Die Sache wurde ernsthaft.

Ravalette stand unbeweglich und sagte lächelnd:

»Ihre Mühe ist umsonst, Monsieur! Sie werden nicht benötigt und werden unverzüglich dorthin zurückkehren, woher Sie gekommen sind; der Herr hier, der Sie kommen ließ, kann hier bleiben.«

Diese kühle Bemerkung verwirrte den Kommissär ein wenig, doch erwiderte er: »Es ist meine Pflicht, alle zu schützen, die meinen Schutz für sich oder für andere verlangen.«

»Richtig; aber in diesem Falle ist nichts geschehen, oder auch nur beabsichtigt, was irgend einen Grund für eine solche Maßnahme geben könnte. Aber da Sie nun einmal hier sind, so mögen Sie bleiben, bis Sie sich von der Wahrheit meiner Worte überzeugt haben. Nehmen Sie Platz!«

Wenn ich sagen würde, daß die Situation »hochdramatisch« war, so gäbe das nur einen sehr annähernden Begriff von diesen seltsamen Ereignissen. Der einzige, der vollkommen ruhig zu sein schien, war Ravalette. Was Hokeis betrifft, so hätten Michelangelo und Raffael zusammen das Bild seines Antlitzes oder nur den hundertsten Teil der ungeheuren grenzenlosen Bestürzung und des Schreckens unmöglich wiedergeben können, der sich auf seinem Gesicht ausdrückte. Nicht zwei Personen sahen die Sache in demselben Licht, oder verstanden einander, aber alle wurden völlig durchschaut von dem großen Meister vor ihnen.

Für eine Weile herrschte beklemmendes Schweigen, das schließlich – sehr zu meinem Erstaunen – von meinem Rosenkreuzerfreunde Beverly gebrochen wurde, der, Ravalette gerade ins Auge blickend, sagte:

»Wer immer du auch sein magst, ich verzeihe dir, daß du versucht hast, mich, einen Sohn Adams, an der Vermählung mit diesem Weibe, Eulampia, der hellstrahlenden Tochter Ichs zu hindern. Ich verzeihe dir, daß du sie zu einer Heirat mit einem andern treiben wolltest, was mich zu einem Schicksal verdammt hätte, vor dem ich seit Jahrhunderten zurückbebte. Ich verzeihe dir alles Weh, das du mir zugefügt hast, aus Dankbarkeit für das, was du für mich getan hast, und weil ich glaube, daß dein Helfershelfer mich damals in Boston vor der platzenden Retorte rettete, als ich La Brières Versuch mit dem weißen Feuer wiederholen wollte. Durch dich oder deinesgleichen habe ich unbezahlbare Geheimnisse erfahren. Ich bin dir dankbar dafür, daß du mich das Geheimnis des magischen Spiegels gelehrt hast. Ich bin dir dankbar für das Geheimnis aller Jahrhunderte – die Kunst, das Lebenselixier zu verfertigen, nach dessen Genuß niemand mehr altern kann; wer aber ein Jahr lang davon trinkt, der erfreut sich ewiger Jugend. Ich werde dieses Elixier niemals zu seinem eigentlichen Zweck verwenden, aber fünf von seinen sieben Bestandteilen bilden ein Mittel, das die Chemie seit langem vergebens gesucht hat. Dadurch, daß ich die Formel dafür meinem Freunde und damit der medizinischen Welt hinterlasse, werde ich meine Sünden büßen, indem ich Tausenden das Leben gebe.

Freiwillig, ohne Zwang, verspreche ich feierlich, den Schlaf Sialam zu schlafen, bevor ich dieses Haus verlasse. Und ich will dir alles beantworten, was ich kann, doch unter der Bedingung, daß du vorher das Geheimnis aufhellst, das dich selbst umgibt. Und da ich dir freiwillig das gewähre, was du durch ein Menschenalter voll Betrug nicht erlangt hättest, so sollst du zuerst feierlich bei dem, durch dessen Willen du existierst, du magst nun Mensch oder Teufel sein, versprechen, mich weder jetzt, noch nachher, wenn ich schlafe, irgendwie zu beeinflussen.«

Ein Schimmer plötzlicher Freude flammte in den Augen des seltsamen Wesens vor uns auf. Er blickte wie ein Bräutigam in der Überfülle seiner Freude und indem er seine Hände – bleiche, magere, blauweiße Hände – auf die Brust legte, sah er auf und sagte:

»So sei es! Ich verspreche dir, mit dem fürchterlichsten Eide, den man sich denken kann, daß ich alle deine Bedingungen annehme.«

Hierauf ging er nach dem Alkoven und brachte einen halbkreisförmigen, etwas weniger als mannshohen Bettschirm, der etwa vier Fuß Durchmesser hatte. Er bat den Kommissär, ihn zu untersuchen, was dieser auch tat und dann erklärte, es sei ein ganz gewöhnlicher Bettschirm.

»Sie haben Recht; es ist nichts anderes als ein Bettschirm, ich bitte Sie aber jetzt, irgendeinen Platz in diesen Zimmern zu bestimmen, wo wir ihn aufstellen können; damit Sie aber nicht glauben, ich hätte die Absicht zu entfliehen, fordere ich Sie auf, Ihre Leute hereinzurufen und ihnen den Befehl zu geben, auf mich zu schießen, wenn ich versuche, das Zimmer zu verlassen!«

»Ganz, wie Sie wünschen, Monsieur! Peter, rufe die Leute!«

Die Polizisten kamen sogleich – 27 Mann hoch – herein und als alle vollzählig waren, sagte der Kommissär, auf Ravalette deutend: »Dieser Herr ist fluchtverdächtig, habt acht, daß er eure Reihen nicht lebend passiert. Seht zu, daß mein Befehl pünktlich befolgt wird. Ist es Ihnen so recht, Mr. Ravalette?«

»Vollkommen – vollkommen! Es könnte nicht besser sein.«

»Ihr werdet vierzehn Mann rings um das Haus aufstellen, um die Fenster zu bewachen und die übrigen dreizehn verteilt Ihr auf die Treppe und die Treppenabsätze«, sagte der Kommissär zu dem Sergeanten.

»Soll geschehen«, erwiderte dieser und führte seine Leute wieder aus dem Zimmer – aber nicht bevor ich ihm eine doppelläufige Pistole und einen Revolver, beide frisch geladen und mit neuen Zündhütchen versehen, gegeben hatte – denn ich haßte Ravalette, mochte er ein Mensch oder ein Teufel sein, ich haßte ihn mit einem religiösen Haß – und dies ist wohl der glühendste Haß, den es gibt –; ich hatte den lebhaften Wunsch, zu erproben, ob er kugelfest sei oder nicht.

Während dieser ganzen Zeit hatten der Vater, die Tochter, Beverly, ich und die beiden Gefährten des Kommissärs nichts gesagt; auf ein Zeichen Ravalettes jedoch setzten wir uns nieder, und zwar so, daß wir die Tür zwischen den beiden Zimmern, den Alkoven, den Kredenztisch und die Fenster an beiden Seiten übersehen konnten. Der Kommissär stellte nun den Bettschirm mit der konvexen Seite gegen uns in der Mitte des Zimmers auf, nahm dann neben mir Platz und sagte, daß er nunmehr das seinige getan hätte. Die Blässe seiner Lippen, der Ton, in dem er sprach und die Häufigkeit, mit der er sich bekreuzte und Gebete in schlechtem Französisch und noch schlechterem Latein murmelte, zeigten deutlich, daß er wünschte, es möchte alles vorüber sein.

»Ich bin fertig,« sagte Ravalette, »ich, der ich nichts mehr zu verbergen habe, erkläre, daß ich derjenige bin, den jener Mann – Im Hokeis und sein Parsenstamm – jahrhundertelang für den Gott des Feuers und der Flamme gehalten hat. Das Geheimnis meines Seins kann noch nicht entschleiert werden. Ich bin nicht allein! Die Herrschaft über die Magie und die Materie ist eine Erbschaft von Menschenaltern. Wir, die wir einst wie die anderen waren, wurden verdammt durch den Fluch eines Sterbenden wie Isaak Ahasverus, der Jude von Jerusalem, der den Herrn verspottete und anspie, als er sein Kreuz auf dem Schmerzenswege trug, und den er, der Sanftmütige, verfluchte, auf der Erde zu weilen, bis er wieder komme. So mächtig wir in allem anderen sind, kann doch keiner von uns seine eigene Zukunft erforschen: nur besonders Begabte können es, wie dieser Beverly hier. Solche aber werden selten geboren; wenn sie aber geboren werden, so gibt es nur eine Möglichkeit, sie uns dienstbar zu machen; sie müssen im Geiste unvermählt bleiben, sonst können sie nicht den Schlaf Sialam schlafen und auf keine andere Weise können wir das Buch unseres Schicksals enträtseln. Daher die Hindernisse, die wir ihm und jenem Mädchen in den Weg gelegt haben … Es ist möglich, unser Schicksal auf ein neutrales Wesen abzuwälzen, wer immer es auch sein mag. In diesem Falle aber bestand ein starker Beweggrund, jenem Manne die Jahrhunderte aufzubürden, der mein Zeitgenosse gewesen ist, seit Epochen, die weit vor der Erbauung von Babylon und Ninive liegen.

Noch einer dieser Art ist am Leben – und bei ihm ist mir mein Plan mißlungen – es ist der Fremde – und noch jemand gibt es: die Mutter dieses Beverly. Ich hoffte, ihn durch Magie zu gewinnen: es ist nicht gelungen. Er hat mich so gesehen, wie ich jetzt bin –« und bei diesen Worten ging er um den Bettschirm herum bis zur andern Ecke und sagte: »Und so.« Wir waren über alle Maßen erstaunt über die Veränderung, die in weniger als zwölf Sekunden vor sich gegangen war:

Ravalette war verschwunden und an seiner Stelle sahen wir einen mageren, dürren, runzligen kleinen Mann, in jeder Beziehung das gerade Gegenteil Ravalettes. »Miakus! so wahr ich lebe – der Mann von Portland und Boston – er ist es!« rief Beverly, als die Gestalt bereits abermals um den Bettschirm herumging, sich von neuem veränderte, »und so!« sagte. »Beim Himmel!« schrie Beverly, »das ist Ettelavar, mein mysteriöser Führer und Lehrer im Reiche des Traums!«

Und schon war eine neue Veränderung erfolgt und mit den Worten: »Und so!« erschienen nacheinander der italienische Graf und Vatterale. In dieser letzten Gestalt sagte er: »Nibchi ist nur eine Umstellung von »Ich bin«, Miakus heißt: »Ich selbst«, Vatterale ist ein Anagramm aus Ravalette und jeder Schuljunge hätte euch sagen können, daß Ettelavar die Umkehrung dieses Namens ist – dieses Namens, der bedeutet: »der Geheimnisvolle«. Für dich, Beverly, bin ich all dies gewesen. Sieh mich jetzt als das, was ich wirklich bin!« Damit ging er abermals um den Schirm herum und erschien als ein kleiner alter Mann, der vom Kopf bis zum Fuß in flammendes Rot gekleidet war.

»Der Vampir: Dhoula Bel!« schrien Beverly und Im Hokeis zugleich.

Was während der nächsten halben Stunde vorging, läßt sich hier nicht schildern; ich bemerke nur, daß Beverly nach Verlauf dieser Zeit in einen tiefen Schlaf gefallen war, und zwar offenbar aus freiem Willen. Das Folgende wird in dem nächsten und letzten Kapitel dieses Werkes zu lesen sein.

9. Kapitel DER SCHLAF SIALAM

Tief war das Schweigen, selbst unser Atem hatte aufgehört. Rasch schlugen unsere Herzen und unsere Augen waren voll Tränen; denn Großes ging vor.

Die Glieder steif und kalt von den Dämpfen der Auflösung, das Gesicht bleicher als der Tod, Herz und Puls vollkommen unhörbar, die Augen weit geöffnet und so weit nach oben gedreht, daß nur noch das Weiße zu sehen war, so saß mein Freund Beverly in einem großen Lehnsessel.

Was wir hier sahen, war kein mesmerischer Schlaf. Innerhalb fünf Minuten machte sich auf dem Gesicht des Schläfers eine Veränderung bemerkbar; er wurde erleuchtet, wie wenn seine Seele in diesem Augenblick die unaussprechliche Glorie des Jenseits sähe.

Er sagte: »Jetzt!«

Bei diesem Worte wurde die Tür des Zimmers leise geöffnet und zwei Männer traten herein und wollten sich eben niedersetzen, als der Kommissär rasch aufstand, militärisch grüßte und rief: »Der Kai…«

»Still!« sagte der Angeredete, »hier sind alle Fremde!« dann wandte er sich an Dhoula Bel, mit dem er sehr vertraut zu sein schien, und fragte: »Endlich?«

»Endlich!« antwortete dieser, worauf die Neuangekommenen sich auf zwei Stühlen niederließen.

Das Ganze war so völlig aller Berechnung entgegengesetzt verlaufen, die Ereignisse hatten eine so absolut unerwartete und plötzliche Wendung genommen, daß ich mich über diesen neuen Zwischenfall nicht mehr wunderte, sondern nur beschloß, sorgsam das Resultat abzuwarten, was es auch sein möchte. Natürlich glaubte ich, daß der Neuangekommene nunmehr die Leitung des Vorganges in die Hand nehmen werde. Dies geschah aber nicht, denn Dhoula Bel, wie ich ihn von nun an nennen will, wandte sich an den kleineren der beiden und sagte:

»Warum sucht Ihr mich zu besiegen? Vor vielen Jahren fand ich Euch als Lehrling der Magie in Eurem einsamen Gefängnis, wohin Ihr gesteckt worden wart, weil Ihr in zwei Fällen Mißerfolg gehabt hattet. Ich half Euch, gab Euch Freiheit, Macht und Ansehen und setzte Euch auf den stolzesten Thron der Erde, ich machte Euch berühmt und gefürchtet. Für Euch habe ich Britannien erniedrigt, für Euch habe ich eine Jahrhunderte alte Macht gebrochen – das Papsttum – für Euch habe ich Österreich zerrissen und ein neues Reich auf der Erde errichtet, für Euch habe ich den fürchterlichsten Krieg entfacht, den die Welt je gesehen hat, für Euch habe ich ein Volk von Brüdern in zwei feindliche Lager geteilt, von denen jedes nach dem Blute des andern dürstete. Und während Ihr das schweigende Werkzeug wart, habe ich Euch die Worte eingegeben und die Drähte regiert, mit denen die Welt beherrscht wird, und habe nichts dafür verlangt und doch seid Ihr nun hier, um meinen Plan zu durchkreuzen, obwohl ich doch immer Euer Freund gewesen bin. Warum tut Ihr dies?«

»Ich gebe zu – ich weiß keinen Grund dafür. Ich bin ein Mann des Schicksals!«

»Soll ich es enthüllen?«

»Ich habe keine Lust dazu.«

»Gut, ich gedulde mich; aber laßt diesen Schläfer es sagen!«

»Ich bin einverstanden. Befragt ihn. Dies ist die Stunde, auf die ich seit langem gewartet habe. Laßt das Orakel sprechen.«

»Hört mir zu«, sagte da der größere der beiden Eindringlinge. »Ihr seid beide nur Werkzeuge einer höheren Macht gewesen und obwohl sogar ich, der Fremde, jeden von euch getäuscht habe, wurde doch mein Tun beschlossen. Das Drama von Jahrhunderten wird heute zu Ende gehen. Keiner von uns kann seine eigene Zukunft lesen: Nur einen gibt es auf der Erde, der es kann und nur eine Stunde gibt es, in der es geschehen kann. Der Mann ist da, die Stunde ist gekommen. Nicht mit dem magnetischen Hauch hysterischer stammelnder Somnambulen, nicht mit dem prahlerischen Vertrauen selbstgefälliger Erforscher apokrypher Regionen, die nicht existieren, sondern in einer einfachen reinen Vision wird dieser Schläfer den Horizont der Zukunft rein fegen und unserem Blick enthüllen. Daher seid ruhig und haltet Frieden, bis das mystische Buch gelesen ist.«

Dann wandte er sich an Beverly und sagte: »Was siehst du, o Seele? Sieh zu! Was siehst du von Frankreich und seinem Herrscher?«

»Frankreich wird noch eine Revolution durchzumachen haben. Sie wird in Wasser beginnen und in Blut und Feuer endigen! Aber das Ende wird aufgeschoben werden. Krone, Zepter, Dynastie – alles wird von der unwiderstehlichen Flut der politischen Umwälzung hinweggespült werden und die letzten Adeligen und Priester werden das Schicksal der letzten gekrönten Häupter teilen – Verbannung und Tod.«

»Was siehst du von den anderen Nationen?«

»Preußen wird unter einer neuen Regierung ein Vaterland für sein Volk werden; Belgien, Holland und andere germanische Länder werden mit jetzt schon bestehenden Reichen vereinigt werden. Spaniens Nacht zieht näher – seine Kolonien werden sich in schwarze Republiken verwandeln und es im Stiche lassen, bis es wie Rom ein Teil des großen italienischen Reiches wird. Österreich wird geteilt werden, Ungarn und Polen werden sich verbünden und eine neue Großmacht bilden. Die Türkei wird in die Hände der Griechen übergehen und Syrien in die der Russen. England wird Kanada, Indien, Oregon und Irland verlieren und dieses letztere wird eine Republik werden. Die Vereinigten Staaten werden Kanada, Mexiko und das ganze britische Amerika in sich aufnehmen – seine schwarzen Rassen werden ein Reich gründen, das sich unter der Herrschaft einer Reihe von Präsidenten von seinen südlichen Grenzen bis nach Brasilien erstrecken wird. Das von den Taipings christianisierte China wird die erste Macht im Osten werden und Japan und viele andere kleinere Staaten verdunkeln. Indien wird ein Kaiserreich, Australien eine Republik werden. Und all dies wird geschehen, innerhalb 63 Jahren von dem siebenten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts an gerechnet.«

»Jetzt, Prophet, was siehst du für dich selbst?«

»Raschen Tod, Befreiung von Sorge, das Schicksal aller Menschen, und ein verhältnismäßiges Glück – auf der andern Seite der Zeit.«

»Was siehst du fürs Rosenkreuzertum?«

»Nach vielen Jahren wird ein großer Mann sich erheben – ein Deutscher, ein Preuße – der den Weg bereiten wird für einen Größeren von derselben Nation und dieser wird dann diese Lehre der Welt erklären und er wird für Europa der Mann des Jahrhunderts sein und er wird eine ungeheure Macht ausüben. Denn er wird Könige und Kaiser stürzen und die Freiheit des Volkes erkämpfen. Um diese Zeit wird in der westlichen Welt ein größerer Mann aufstehen, als die Welt ihn je seit Beginn der Zivilisation gesehen hat. Er wird in gewissem Sinne für die intellektuelle und philosophische Welt das sein, was Gautama Buddha – der Gesegnete! – für Indien war, Platon für Griechenland, Thutmosis III. für Ägypten, Moses für die Juden, Mohammed für Arabien, Luther für Europa und Columbus für die Neue Welt, aber er wird größer sein, als sie alle und mächtiger im Guten als irgendeiner. Er wird rasch ans Werk gehen und sein Erscheinen wird das Zeichen für eine religiöse, politische, soziale, moralische und philosophische Erhebung sein, wie sie die moderne Welt noch nie erlebt hat. Er wird kühn die großen Lehren des dritten und höchsten Tempels des Rosenkreuzes verkünden; und seine Jünger werden sein wie der Sand am Meere und ihre Lehren werden so unwiderstehlich sein wie seine Wogen. Er wird sein Werk selbst beginnen, bevor dieser ganze Aufstand der menschlichen Sklaverei beendet sein wird. Beachtet dies wohl!«

Bei diesen Worten des Schläfers schien der kleinere der beiden Fremden verwirrt zu werden, denn er rief aufspringend:

»Dann wird also die Laufbahn dieses Mannes meiner eigenen ähnlich sein?«

»So wie das Feuer dem Eise gleicht. Seine Laufbahn wird friedlich sein. Sein Pfad wird von keinem einzigen Tropfen Blut befleckt sein, kein Verstümmelter wird ihn verfluchen, keine Witwe, keine Waise wird nach Rache schreien, noch auch wird die Unwissenheit des Volkes den Hebel seiner Macht bilden oder das Instrument, mit dessen Hilfe er sich auf den Thron schwingen wird.«

»Aber ich bin stark! – Mexiko! – Kaiserreich! – Die lateinische Rasse! – Die Kirche! – Maximilian! – Was kann diese Kette brechen, wenn ich ihr noch das letzte Glied hinzufüge?«

»Das Schicksal! Der Hauch der Vereinigten Staaten wird sich bald wie eine Wolke auf Frankreich und das neue Reich legen, wenn aber diese Wolke sich erhebt, werden zwei Dynastien für immer verschwunden sein!«

»Zum Teufel –«, rief der Fragesteller und stampfte mit dem Fuße, während er mit den Zähnen in dämonischer Wut knirschte.

»Es wird zwei verfluchte Nationen geben, wenn dieser Vorsatz ausgeführt wird«, sagte der Schlafende mit melodischer Stimme und so ruhig, daß es eher schien, als spreche er vom Gewinn und Verlust eines Spiels als von dem Schicksal von Königreichen.

Für einen Augenblick herrschte Schweigen; dann sagte Dhoula Bel:

»Und nun mein Los? Was, o Schläfer, siehst du über mir?«

Der Seher lächelte mild und streckte seine Hand gegen ihn und den großen Mann aus. Sie traten näher und ergriffen sie.

»Die Feindschaft von Jahrhunderten ist zu Ende!«

»Sie ist zu Ende!« wiederholte der Große.

»Sie ist zu Ende! Dein Werk ist getan – und das meine – und das deine –«, sagte der Seher, bei den letzten Worten auf Ravalette deutend. »Von nun an ist Ruhe für die Müden – ist Ruhe für dich! Wir drei sind nicht länger verurteilt, auf Erden zu wandeln – wir verlassen sie! Unsere Pfade gehen jetzt auseinander. Über unseren Häuptern stehen die Worte:

Ihr könnt dennoch glücklich sein!«

»Dem Himmel sei Dank!« sagte Dhoula Bel.

»Dem Himmel sei Dank!« wiederholte der Fremde.

»Es ist zu Ende!« sagte Beverly. Während er noch sprach, trat Dhoula Bel hinter den Schirm und gleich darauf ertönte der scharfe Knall einer Schußwaffe, begleitet von einigen in nicht sehr gewähltem Französisch ausgestoßenen Flüchen.

Ich stürzte mit dem Kommissär an die Tür und fragte, was vorgefallen sei.

»Bei den heiligen Evangelisten! Ich habe gerade auf seinen Kopf gezielt und habe um keinen Zoll gefehlt!« schrie der Sergeant.

»Und ich habe ihn mitten in den Kopf getroffen, aber es hat ihm nicht das geringste gemacht!« sagte ein anderer.

»Und ich habe ihm zwei Kugeln in die Brust gejagt, auf zehn Zoll Entfernung, und der Teufel soll mich holen, wenn nicht alle beide auf mich zurückgeflogen sind,« rief ein dritter.

»Und ich will schwören, daß er nicht durch die offene Tür kam, denn sie war fest verschlossen und ich habe meine Hand keine Sekunde von dem Riegel genommen!« beteuerte ein vierter.

»Es war der Teufel!« ächzte ein fünfter.

»Oder einer seiner Kobolde!« der sechste.

»Ich will tausend Eide schwören, daß er bei mir hier an der unteren Treppe nicht vorbeigekommen ist!« bemerkte der siebente Mann.

»Kommt alle hier in das Zimmer und berichtet, was geschehen ist!« Mit diesen Worten machte der Kommissär den Ausrufen ein Ende.

»Erinnern Sie sich noch, daß Sie mir sagten, ich sollte einen gewissen Herrn nicht hinausgehen lassen, selbst wenn ich auf ihn schießen müßte?« fragte der Sergeant, als er eingetreten war.

»Gewiß. Erzählen Sie weiter!«

»Nun, das erste, was ich weiß, ist, daß dieser Herr plötzlich außerhalb der Tür stand und mir Gesichter schnitt und die Zunge herausstreckte und höhnte: ›Ich gehe hinaus, Monsieur!‹ ›Wirklich?‹ ›Natürlich: Sie sehen es ja!‹ Und damit schritt er gerade auf die Treppe zu und vier von uns packten ihn, auch ich war dabei. Haben Sie je eine heiße Kartoffel aufgehoben? Gerade so war es. Wir vier haben diesen Mann so schnell wieder losgelassen, als wäre er wirklich eine. Wir hatten genau das Gefühl, das man hat, wenn man eines jener verfluchten elektrischen Dinger mit den Drähten daran anfaßt, die einem den Blitz in die Glieder jagen, ehe man drei zählen kann. Wir ließen also den Herrn sehr schnell wieder los und er lief zwei oder drei Stufen hinab und lachte uns aus, was mich wütend machte, so daß ich auf ihn feuerte. Auch die anderen taten es, aber wir hätten ebenso gut versuchen können, einen Schatten zu töten. Meine Herren, der Mann ist im Rauch unserer Schüsse verschwunden! In sichtbarer Gestalt ist er nicht hinausgegangen!«

Während dieses Berichtes hatte ich beschlossen, nachzusehen, ob Dhoula Bel tatsächlich das Zimmer verlassen hätte, und ging daher an das Fenster und sah hinter den Schirm. Niemand war dahinter oder in der Nähe. Ich kehrte zurück, sagte aber nichts und ließ mich wieder auf meinen Stuhl nieder.

»Seid Ihr dessen sicher, was Ihr uns berichtet habt, daß Ihr völlig wach seid und nicht träumt?« fragte der Kommissär.

»Ebenso sicher, wie er nicht in diesem Zimmer ist!«

»Das zeigt wieder einmal, wie leicht die Leute zu täuschen sind«, sagte da eine Stimme hinter dem Bettschirm und gleich darauf trat Dhoula Bel selbst hervor in die Mitte des Zimmers und nachdem er spöttisch mit dem Finger auf den Sergeanten und seine Leute gedeutet hatte, kehrte er wieder hinter den Schirm zurück.

Mein Haar sträubte sich vor Entsetzen. Die sieben wackeren Franzosen aber stürzten vor und riefen: »Aber jetzt haben wir dich, Mensch oder Teufel!« Damit warfen sie den Schirm um, aber –

Niemand war dahinter.

Der Sergeant stürzte, wie von einer Kugel getroffen, zu Boden.

Entschlossen, mich selbst vor jeder Überraschung zu schützen, blieb ich sitzen und beobachtete den Fremden und seinen Gefährten. Der letztere stand auf, ging auf Hokeis und seine Tochter zu, die während dieser ganzen Szene schweigend und wie gebannt dagesessen hatten, und sprach leise einige Worte mit ihnen.

Während dessen ging der große Fremde in das andere Zimmer und als ich nach etwa 12 Sekunden mich erhob und ihm folgte, war auch er verschwunden!

Am nächsten Tage wurde in Paris eine Hochzeit gefeiert. Ein Sohn Adams hatte sich mit einer Tochter Ichs vermählt.

Zwei Wochen später brachten wir einen Kranken nach den Bädern der Schweiz. Wir blieben drei Monate dort und brachten ihn, da sein Befinden sich verschlimmert hatte, nach Paris zurück.

Drei Monate vergingen. Ein Leichenzug wand sich durch die Wege des Père-la-Chaise. Ein Sarg wurde in ein neues Grab gesenkt. An seinem Rande aber stand ein alter grauhaariger Mann, der ein schönes, gramzerrissenes Weib stützte. – Sie war erst vor kurzem Frau geworden.

Vier Monate: Es war am Vorabend meiner Abreise von Frankreich. Ich ging nach dem Friedhof und saß eine Stunde lang bei einem Grabstein, auf dem die Worte standen:

BEVERLY Der Rosenkreuzer »Ich erstehe neu aus meiner Asche«

Über dem Ozean. Ich betrat mein Vaterland wieder. Ich habe mich den Kenntnissen gewidmet, die mir mein Freund übermittelt hat.

Als ich gestern abends von der Rosenkreuzerloge, der ich angehöre, heimkehrte, sprach ich bei einer befreundeten Dame in der x-ten Avenue vor. Sie hielt ein reizendes kleines Kind in den Armen – »ein Knabe«, sagte sie, »ist er nicht schön? Gleicht er nicht seinem Vater?«

»Er gleicht ihm wundervoll«, erwiderte ich, »wie heißt er denn?«

»Osiris Budh! Ein seltsamer Name, nicht?«

»Sehr seltsam!« antwortete ich, als ich ging, »sehr seltsam!«

Consummatum est.

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