Stein.
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Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein wurde den 26. Oktober 1757 zu Nassau an der Lahn „von sehr achtungswerten Eltern geboren und — so erzählt er selbst — unter dem Einflusse ihres religiösen, echt deutschritterlichen Beispiels auf dem Lande erzogen; die Ideen von Frömmigkeit, Vaterlandsliebe, Standes- und Familienehre, Pflicht das Leben zu gemeinnützigen Zwecken zu verwenden und die hierzu erforderliche Tüchtigkeit durch Fleiß und Anstrengung zu erwerben, wurden durch ihr Beispiel und Lehre tief meinem jungen Gemüte eingeprägt”. Er lernte, nach aristokratischer Weise, sich der Gewalt des Hauses zu beugen; ein Beschluß der Eltern bestimmte ihn, den jüngsten Sohn, zum alleinigen Erben und Stammhalter des uralten, reichsfreien Geschlechts. Die Welt des Schönen ergriff ihn weniger mächtig als die meisten Söhne seines Jahrhunderts. Sein kräftiger, auf das Wirkliche gerichteter Geist versenkte sich früh in die historischen Dinge. Er sah in der Geschichte nicht bloß eine Fundgrube politischer Erkenntnis, sondern vornehmlich eine Schule des sittlichen Ernstes und jener strengen, tief religiösen Frömmigkeit, die er sich in den Tagen der Aufklärung unwandelbar bewahrte. Als die sittlichen Vorbilder seines Lebens nennt er selbst seine Mutter (eine Langwerth von Simmern) und den Minister v. Heynitz. Er besuchte Göttingen, Wetzlar, Regensburg, Wien, um sich, nach dem Wunsche der Eltern, auf eine Laufbahn an den Reichsgerichten vorzubereiten. Mit Vorliebe trieb er während diesen akademischen Jahren das Studium der englischen Geschichte und Politik; Adam Smiths Werke wurden bestimmend für seine politische Bildung. In Brandes und Rehberg fand er gleichgesinnte Freunde, Männer, ergriffen von den Ideen des philosophischen Jahrhunderts, doch zugleich auf das historisch Gewordene mit einer andächtigen Ehrfurcht schauend, welche den meisten Zeitgenossen abging. Der sittliche Ernst, der kräftige realistische Sinn des jungen Mannes fand keine Freude an dem unwahren, verrotteten Treiben des Reichsgerichts. Ein Bewunderer Friedrichs des Großen und eifriger Protestant, entschloß er sich im Jahre 1780, weit abweichend von den Gewohnheiten des Reichsadels und seines eigenen Hauses, in preußische Dienste zu treten.
Er fand zunächst Anstellung im Bergdepartement unter dem Minister v. Heynitz, dem Schöpfer des preußischen Staatsbergwesens. „Verließ ich es gleich im Jahre 1793, berichtet er, so hatte doch das Leben in einem auf die Natur und den Menschen sich beziehenden, die körperlichen Kräfte zugleich entwickelnden Geschäfte den Nutzen, den Körper zu stählen, den praktischen Geschäftssinn zu beleben und das Nichtige des toten Buchstabens und der Papiertätigkeit kennen zu lehren.” Er ehrte die harte Zucht, die angestrengte Arbeitsamkeit des altpreußischen Beamtentums, aber er erkannte schon jetzt die unseligen Folgen bureaukratischer Bevormundung. In solcher Ansicht begegnete er sich mit den Ideen einer aufkommenden jüngeren Schule innerhalb des preußischen Beamtentums, mit Männern wie Kraus und v. Schrötter, welche nach Englands Vorbild von dem freien Spiele der sozialen Kräfte die Stärke des Staates erwarteten. Wider Willen ward er einmal aus der Verwaltungstätigkeit herausgerissen, als er (1785) den Auftrag erhielt, den Kurfürsten von Mainz für den Fürstenbund Friedrichs des Großen zu gewinnen. Er vollzog die Sendung mit Glück und erbat rasch seine Zurückberufung; das Gewirr kaiserlicher und preußischer, französischer und russischer Intrigen an dem geistlichen Hofe hatte ihm jenen tiefen Widerwillen gegen die Diplomatie eingeflößt, den er zeitlebens nicht überwinden konnte. Zurückgekehrt von einer längeren technologischen Reise durch England, begann er im Jahre 1787 sein siebzehnjähriges großartiges Wirken in der westfälisch-niederrheinischen Verwaltung, zuerst als Kammerdirektor und Kammerpräsident in Kleve und Hamm, seit 1796 als Oberpräsident in Hamm, später in dem neuerworbenen Münster. Das Land dankte ihm die Anfänge moderner Verkehrsmittel; er ließ die Ruhr schiffbar machen und die Straßenverbindung zwischen Rhein und Weser vollenden. Trotz seiner herrisch durchgreifenden, rastlos anfeuernden Weise verstand er die Selbsttätigkeit des Volkes zu fördern in diesem Lande, das von allen Provinzen Preußens sich allein eine freie Gemeindeverfassung bewahrt hatte. Mit Zuziehung der Stände führte er ein verbessertes Steuerwesen und vollständige Gewerbefreiheit auf dem flachen Lande ein und bereitete die Aufhebung der Feudallasten vor. Die Bewohner lohnten ihm durch Verehrung und Anhänglichkeit, sie grüßten ihn als den Wohltäter des Landes, einen andern Adolf von Böhmen. Er selbst lernte Westfalen als seine zweite Heimat lieben und erfüllte sich mit dem Stolze eines preußischen Patrioten, daher er auch eine Ministerstelle in Hannover von der Hand wies.
Die aufstrebenden Köpfe in den einflußreichen Kreisen Preußens schauten längst auf den stolzen Reichsfreiherrn als auf eine Säule des Staates. Im nichtpreußischen Deutschland ward sein Name zum ersten Male im Jahre 1804 genannt. Er hatte die Revolutionskriege am Rhein in der Nähe beobachtet, der Einnahme Frankfurts durch die Hessen und Preußen selber beigewohnt und die Überzeugung gewonnen, die er später der Kaiserin von Rußland vor versammeltem Hofe aussprach, daß nicht die Nation, sondern die Nichtigkeit ihrer Fürsten das ungeheure Unglück verschuldete. Nun sollten die Folgen des Reichsdeputationshauptschlusses sein eigenes Haus treffen. Der Herzog von Nassau unterwarf die Güter des Steinschen Hauses eigenmächtig seiner Landeshoheit. Stein verwahrte sein Recht in einem Briefe vom 10. Januar 1804 und verkündete darin die Ideen einer hochsinnigen Vaterlandsliebe, die von den Zeitgenossen kaum begriffen ward. „Deutschlands Unabhängigkeit und Selbständigkeit wird durch die Konsolidation der wenigen reichsritterschaftlichen Besitzungen mit denen sie umgebenden kleinen Territorien wenig gewinnen; sollen diese für die Nation so wohltätigen großen Zwecke erreicht werden, so müssen diese kleinen Staaten mit den beiden großen Monarchien, von deren Existenz die Fortdauer des deutschen Namens abhängt, vereinigt werden, und die Vorsehung gebe, daß ich dieses glückliche Ereignis erlebe.... Es ist noch härter, alle diese Opfer nicht irgendeinem großen, edlen, das Wohl des Ganzen fördernden Zweck zu bringen, sondern um der gesetzlosen Übermacht zu entgehen, um — doch es gibt ein richtendes Gewissen und eine strafende Gottheit.”
In demselben Jahre ernannte ihn der König zum Minister für das Departement der indirekten Abgaben. Ein Fachminister, ohne Einfluß auf die große Politik, konnte Stein den unseligen Gang der Haugwitzschen Staatskunst nicht hindern. In seinem Ressort bewirkte er die Aufhebung der Binnen- und Provinzialzölle, er vereinfachte den Geschäftsgang, ließ zum ersten Male statistische Tabellen für den ganzen Staat zusammenstellen, berief Niebuhr zur Reorganisation der preußischen Bank. Er beschaffte die Geldmittel, womit der Krieg von 1806 geführt wurde, stellte dringend vor, daß der Kredit des Staates sich nur durch eine kraftvolle auswärtige Politik aufrechterhalten lasse, und beschwor den König, im Verein mit mehreren Prinzen und Generälen, das geheime Kabinett und den Minister Haugwitz zu entlassen. Die Anmaßung ward hart gerügt, die Katastrophe von Jena folgte. Stein rettete die Staatsgelder nach Königsberg und bewog den Hof zur Fortsetzung des Kriegs. Jetzt endlich entschloß sich der König, einige seiner Räte zu entlassen. Stein aber verlangte auch die Entfernung des Kabinettsrates Beyme, bevor er sich entschließen könne, die Leitung der Geschäfte zu übernehmen. Darauf empfing er den berufenen „unbegreiflichen Brief”; der König nannte ihn „einen exzentrischen und genialischen Mann, der nur durch Kapricen geleitet, aus Leidenschaft und aus persönlichem Haß und Erbitterung handelt”. Sofort nahm Stein seinen Abschied (März 1807) und kehrte nach Nassau zurück. Inzwischen wurde der Friede von Tilsit geschlossen, Napoleon bestand auf Hardenbergs Entfernung und dieser schlug Stein als einen homme d’esprit dem Könige vor, um mit seiner Hilfe den Neubau des zertrümmerten Staates zu beginnen.
Stein erhielt die Aufforderung zur Rückkehr auf dem Krankenlager. Er nahm an, das Fieber verließ ihn, nach wenigen Tagen reiste er nach Memel ab (September 1807). Der König empfing ihn tiefgebeugt und legte vertrauensvoll die Leitung des gesamten Staatswesens in die Hände des Ministers, dessen Wirken nicht mehr durch die Ränke eines geheimen Kabinetts durchkreuzt wurde. „Man ging”, sagte Stein, „von der Hauptidee aus, einen sittlichen, religiösen, vaterländischen Geist in der Nation zu heben, ihr wieder Mut, Selbstvertrauen, Bereitwilligkeit zu jedem Opfer für Unabhängigkeit von Fremden und für Nationalehre einzuflößen und die erste günstige Gelegenheit zu ergreifen, den blutigen, wagnisvollen Kampf für beides zu beginnen.” Die Ursachen des tiefen Falles und die Mittel der Wiedererhebung schildert eine Denkschrift Steins vom Oktober 1807, die man als das Programm des neuen Regimentes betrachten kann, also: „Das zudringliche Eingreifen der Staatsbehörden in Privat- und Gemeindeangelegenheiten muß aufhören, und dessen Stelle nimmt die Tätigkeit des Bürgers ein, der nicht in Formen und Papier lebt, sondern kräftig handelt, weil ihn seine Verhältnisse in das wirkliche Leben hineinrufen und zur Teilnahme an dem Gewirre der menschlichen Angelegenheiten nötigen... Hat eine Nation sich über den Zustand der Sinnlichkeit erhoben, hat sie sich eine bedeutende Masse von Kenntnissen erworben, genießt sie einen mäßigen Grad von Denkfreiheit, so richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre eigenen National- und Kommunalangelegenheiten. Räumt man ihr nun eine Teilnahme daran ein, so zeigen sich die wohltätigsten Äußerungen der Vaterlandsliebe und des Gemeingeistes; verweigert man ihr alles Mitwirken, so entsteht Mißmut und Unwille, der entweder auf mannigfaltige schädliche Art ausbricht oder durch gewaltsame den Geist lähmende Maßregeln unterdrückt werden muß. Die arbeitenden und die mittleren Stände der bürgerlichen Gesellschaft werden alsdann verunedelt, indem ihre Tätigkeit ausschließlich auf Erwerb und Genuß geleitet wird, die oberen Stände sinken in der öffentlichen Achtung durch Genußliebe und Müßiggang oder wirken nachteilig durch wilden, unverständigen Tadel der Regierung. Die spekulativen Wissenschaften erhalten einen usurpierten Wert, das Gemeinnützige wird vernachlässigt und das Sonderbare, Unverständliche zieht die Aufmerksamkeit des menschlichen Geistes an sich, der sich einem müßigen Hinbrüten überläßt, statt zu einem kräftigen Handeln zu schreiten.”
Diese Gedanken stehen in einem schneidenden Widerspruche zu dem Geiste allfürsorgender Staatsgewalt, der in dem Staate Friedrichs des Großen vorherrschte, sie wollen allerdings die Revolution mit ihren eigenen Waffen bekämpfen, doch sie enthalten in sich nur den kleinsten, den probehaltigen Teil der sogenannten Ideen von 89. Niemand hat den radikalen Bruch mit der Geschichte, den die Revolution vollzogen hatte, leidenschaftlicher bekämpft als Stein. „Eine Verfassung bilden”, schrieb er später an den Großherzog von Baden, „heißt in einem alten Volke, wie das deutsche, nicht sie aus nichts erschaffen, sondern den vorhandenen Zustand untersuchen, um eine Regel aufzufinden, die ihn ordnet; und allein dadurch, daß man das Gegenwärtige aus dem Vergangenen entwickelt, kann man ihm eine Dauer für die Zukunft sichern.” Niemand durchschaute schärfer die Leerheit jener politischen Formen, worin das neue Frankreich das Wesen der Freiheit suchte: „In Frankreich ist die Nation nur zum Schein zur Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten zugelassen, ihr gesetzgebender Körper ist nur eine der registrierenden Verwaltungsbehörden, das Maschinenwesen ihrer Bureaukratie ist zusammengesetzt, kostbar, in alles eingreifend und wird von dem ungebundenen rücksichtslosen Willen eines einzelnen geleitet.” Er wollte den Neubau des Staates von unten beginnen, der freie Staat sollte getragen werden von der freien Tätigkeit des Bürgers. Mit Stolz dürfen wir diese konservativ-liberale Politik als eine nationale der nivellierenden Staatskunst der Romanen gegenüberstellen. Zur Durchführung dieser Reformen fand Stein treffliche Gehilfen in Schön, Schrötter, Niebuhr, Vincke, Stägemann, während er gleichzeitig alle Mittel aufbot, die Kontributionen an Frankreich abzuzahlen.
Zunächst vollzog der Minister in den anspruchslosesten Formen eine tiefgreifende soziale Revolution. Ein uraltes Leiden unseres Nordens, die Unfreiheit des Landmanns, ward beseitigt, die Emanzipation des vierten Standes bewirkt durch das Edikt vom 9. Oktober 1807 über „den erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grundeigentums sowie die persönlichen Verhältnisse der Landbevölkerung”, welches die Gebundenheit der bäuerlichen Grundstücke größtenteils beseitigte und vor allem jedem, ohne Unterschied des Standes, den Erwerb aller Art von Grundeigentum freistellte. Die persönliche Leibeigenschaft und der Gesindezwang ward aufgehoben. Der Edelmann sollte fortan das Recht haben, ein Bauer zu werden und bürgerliche Gewerbe zu treiben — ein Recht, das zugleich als Ersatz galt für die bisherige Bevorzugung des Adels im Heere. Dergestalt war die scharfe Scheidung der Stände, welche eine der Grundlagen des friderizianischen Staates bildete, mit einem Schlage zerstört; denn, Aristokrat von Grund aus und ernstlich gewillt, dem lebensfähigen Teile der Aristokratie eine einflußreiche Stellung im Staate nach englischem Muster zu sichern, verachtete Stein die Begehrlichkeit und die kastenmäßige Absperrung des niederen Adels. „Der Adel in Preußen”, schrieb er damals, „ist der Nation lästig, weil er zahlreich, größtenteils arm und anspruchsvoll auf Gehälter, Ämter, Privilegien und Vorzüge jeder Art ist.” Die Kühnheit des Edikts vom 9. Oktober erhellt am klarsten aus dem Widerspruche Gneisenaus, der von dem Gesetze die schwerste Beeinträchtigung des großen Grundbesitzes erwartete. Es folgten die Edikte vom 28. Oktober 1807 und vom 27. Juli 1808, welche die Erbuntertänigkeit auf den Domänen aufhoben und den Domänenbauern in Altpreußen das freie Eigentum ihrer Höfe gaben. Die großen Grundbesitzer wurden erleichtert durch ein Generalindult — eine höchst gewagte Maßregel, die, mit Schonung und Umsicht gehandhabt, in der Bedrängnis jener Zeit sich vortrefflich bewährte. Ein Edikt vom 24. Oktober 1808 gab den Verkehr mit den Lebensmitteln frei, hob den Zunftzwang für Bäcker, Schlächter und Höker auf. Diese Gesetze bildeten den Ausgangspunkt für die neue Agrargesetzgebung in Preußen, obwohl Stein selbst sich sehr hart und mißbilligend äußerte über die verwegene Fortbildung, welche seine Werke durch Hardenberg erlitten. Sie beruhten auf der selbständigen, eigentümlichen Anwendung von Grundsätzen, welche in Frankreich und dessen Vasallenstaaten sich bereits verwirklicht hatten.
Eine durchaus schöpferische Tat, ohne jedes Vorbild in Europa, war dagegen die Städteordnung vom 19. November 1808, die ihrem Urheber den schönen Nachruf verdiente, er sei mit besserem Rechte als König Heinrich der Städtegründer der Deutschen zu nennen. In den Städten von Kleve und Mark hatte Stein die Überreste alter Kommunalfreiheit achten gelernt. Das neue Gesetz gab den Städten die Verwaltung der Finanzen und der Polizei, den Bürgern die Wahl der Magistrate und Stadtverordneten. Es wurde die Grundlage alles dessen, was seitdem in Deutschland für eine Selbstverwaltung im deutschen Sinne geschehen; selbst in England ist es, mit wenig Glück, nachgebildet worden. Ja, wenn wir den unreifen, zweifelhaften Zustand unserer parlamentarischen Institutionen betrachten, so erscheint leider die Behauptung gerechtfertigt, daß die an Steins Ideen anknüpfenden Gemeindegesetze bis zur Stunde den bewährtesten, bestgesicherten Teil deutscher Volksfreiheit bilden. Dies Gesetz war ein erster entscheidender Schlag gegen die Bureaukratie, deren Alleinherrschaft Stein bis an sein Ende mit unversöhnlichem Hasse bekämpfte. „Unser Unglück ist,” schreibt er im Alter, „daß wir von besoldeten, buchgelehrten, interesselosen, eigentumslosen Buralisten regiert werden. Das geht so lange es geht. Diese vier Worte: besoldet, buchgelehrt, interesselos, eigentumslos — enthalten den Geist unserer geistlosen Regierungsmaschine. Es regne oder scheine die Sonne, die Abgaben steigen oder fallen, man zerstöre alte hergebrachte Rechte oder lasse sie bestehen, man theoretisiere alle Bauern zu Tagelöhnern und substituiere an die Stelle der Hörigkeit an den Gutsherrn die Hörigkeit an den Juden und Wucherer — alles das kümmert sie nicht. Sie erheben ihren Gehalt aus der Staatskasse und schreiben, schreiben, schreiben im stillen, mit wohlverschlossenen Türen versehenen Bureau und ziehen ihre Kinder wieder zu gleich brauchbaren Schreibmaschinen an.”
Des Ministers Absicht ging auf eine umfassende Neugestaltung des Staates, und das von Schön verfaßte Rundschreiben vom 24. November 1808, bekannt unter dem Namen „Steins politisches Testament”, sowie die niemals vollzogene, von demselben Tage datierte Verordnung „über die veränderte Verfassung der obersten Verwaltungsbehörden” zeigen deutlich, in welchem großen Sinne die Reform gemeint war. Das Nebeneinander von Fachministerien und Provinzialdepartements war erträglich gewesen, solange Fürsten von so riesiger Arbeitskraft wie Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. den lebendigen Mittelpunkt des Staates bildeten. An der Verwaltungsorganisation des ersten Konsuls lernte Stein die Notwendigkeit einer übersichtlichen Einteilung der Staatsgeschäfte, wie er aus den Debatten der Nationalversammlung lernte, daß der moderne Staat eine Hauptstaatskasse als den Mittelpunkt des Kassenwesens erheische. Ein Kabinett von fünf Fachministern sollte fortan an der Spitze der Verwaltung stehen, in Sachen der Gesetzgebung aber nur eine Abteilung der höchsten monarchischen Behörde, des Staatsrats, bilden, der alle hervorragenden Kräfte des Staatsdienstes in sich zu vereinigen hätte. Der Plan war nichts anderes als eine Rückkehr zu den alten Traditionen der preußischen und jeder anderen großen Monarchie des Weltteils. Die alte Dienstordnung, welche dem Verwaltungsbeamten das Recht der Unabsetzbarkeit, den Regierungskollegien die Stellung von Gerichtshöfen für das öffentliche Recht gab, war unhaltbar, seit die Städte Selbständigkeit erlangt hatten; Stein verlangte Absetzbarkeit der Verwaltungsbeamten. Eine allgemeine Einkommens- und Vermögenssteuer, ohne Ansehen des Standes, sollte dieser kraftvollen Regierung reiche Mittel zur Verfügung stellen. Alle Regierung und Gerichtsbarkeit sollte von der höchsten Gewalt ausgehen, daher Abschaffung der Gutspolizei und der Patrimonialgerichte, das will sagen: eine neue Gemeindeordnung für das flache Land. Das Edikt vom 9. Oktober, von seinem Urheber die Habeas-corpus-Akte Preußens genannt, muß gesichert werden durch die Abschaffung der Fronden und eine neue Gesindeordnung. Reform des Adels, dergestalt, daß er sich nach englischer Weise durch die tüchtigsten Elemente aus dem Volke immer neu ergänze. Kräftigung des religiösen Lebens und des Volksunterrichts (eben jetzt geschehen die ersten Einleitungen für die Gründung der Berliner Hochschule), Reform des Heerwesens in dem Geiste, der die neue Militärreorganisations-Kommission (Scharnhorst, Gneisenau, Grolman) beseelte und aus Blüchers militärischem Glaubensbekenntnisse sprach: „Es ist vor einer Nationalarmee zu sorgen, niemand in der Welt muß eximiert sein”. Neben den Provinzialbehörden Landstände. Zuletzt nach Vollendung dieses Unterbaues Reichsstände, zwar wesentlich auf dem Grundbesitze ruhend, aber mit dem Rechte der Steuerbewilligung und der Mitwirkung bei der Gesetzgebung, „denn auf diesem Wege allein kann der Nationalgeist positiv erweckt und belebt werden”.
Ein Gewaltstreich Napoleons machte diesen Plänen ein Ende, welche, vollständig verwirklicht, unserem Vaterlande ein Menschenalter tastender politischer Versuche ersparen konnten. Mitten in der Arbeit der inneren Reform ging alles Dichten und Trachten des Ministers auf die Abschüttelung des fremden Jochs, und wenn die neuen Agrargesetze die Anhänger v. d. Marwitz’ unter dem brandenburgischen Landadel erbitterten und einen York zu Flüchen wider das Nattergezücht der preußischen Jakobiner hinriß, so erregte Steins Entschluß, den Kampf mit dem Eroberer zu wagen, Entsetzen unter der französischen Partei am Hofe, den Kalkreuth und Voß, und bei der Masse der Schwachen und Trägen. Stein galt in diesen Kreisen, wie Gneisenau berichtet, „als ein Verzweifelter, der sich mit dem König auf eine Pulvertonne setzen wollte, um sich in die Luft zu sprengen”. Bereits rüstete Österreich. Stein hoffte auf eine gleichzeitige Erhebung Preußens, er gedachte die französischen Satrapenländer im Norden zum Aufstande zu reizen und zählte auf die Kraft der Bauern und des Mittelstandes, während er nichts hoffte von der „Weichlichkeit der oberen Stände, und dem Mietlingsgeiste der öffentlichen Beamten”. Allerdings mochte Stein damals die hohe Leidenschaft, die seinen Feuergeist verzehrte, allzu kühn in die Herzen der müden Masse übertragen. Schwerlich war der Haß gegen die Fremden bereits tief genug in das Volk gedrungen, um jetzt schon einen Verzweiflungskampf zu wagen. Noch weniger ließ sich erwarten, daß Kaiser Franz den Krieg in jenem großen deutschen Sinne, den Stein verlangte, beginnen und seine Truppen unter schwarz-weiß-gelbem Bundesbanner — mit den Namen „der Befreier der Nation”, Hermann und Wilhelm von Oranien, auf den Fahnen — in das Feld schicken werde. Ein Brief Steins, der den Fürsten Wittgenstein ermahnte, die Unzufriedenheit im Königreich Westfalen zu schüren, fiel den Spähern Napoleons in die Hände und erschien am 8. September 1808 im Moniteur. Der Kongreß von Erfurt beseitigte jede Hoffnung auf Rußlands Beistand, und Stein sah sich gezwungen, seinen Abschied zu fordern. Er nahm mit sich das Lob seines Königs, durch die Wirksamkeit eines Jahres „den ersten Grund, die ersten Impulse zu einer erneuerten, besseren und kräftigeren Organisation des in Trümmer liegenden Staatsgebäudes gelegt zu haben”. Am 16. Dezember unterzeichnete Napoleon das Dekret, welches le nommé Stein als einen Feind Frankreichs und des Rheinbunds ächtete und seine Güter einzog. „Sie gehören nun der Geschichte an,” rief Gneisenau dem Geächteten zu. Die Nation wußte jetzt, wen unter den Deutschen der Kaiser am bittersten haßte. In tausend Herzen prägte sich jetzt das Bild des Reichsfreiherrn ein — die gedrungene Gestalt mit dem breiten Nacken, jäh und eckig in jeder Bewegung, die funkelnden braunen Augen und die Eulennase über den fest geschlossenen Lippen — ein Geist von deutscher Tiefe und Gründlichkeit, hochgebildet und dennoch schlicht und kernhaft, der seine schwerwiegenden Gedanken oft in ungelenken Formen, doch mit überzeugender Kraft und volkstümlicher Derbheit aussprach — ein Mann ohne Menschenfurcht, vornehm und herrisch und doch milden Sinnes um die Leiden der kleinen Leute besorgt — voll Feuers und heiligen Zornes, aber ein demütiger Christ und klug besonnen inmitten der Aufregung, unerschütterlich im Glauben an die Zukunft seines Volkes und an das Walten der Vorsehung — der ganze Mann eine wunderbare Verbindung von Naturkraft und Bildung, Tatkraft und Billigkeit, von glühender Leidenschaft und nüchterner Erwägung.
Steins Nachfolger ward nicht Schön, den er vorgeschlagen, sondern Altenstein, unter dessen Verwaltung der Staat, in tiefe Schwäche versunken, den Geächteten nicht zu beschützen wagte. In Brünn, Troppau, Prag verlebte Stein die nächsten Jahre, doch selbst unter dem Ministerium Stadion konnte man zu Wien sich nicht entschließen, diese gewaltige Kraft zum Kampfe gegen Napoleon zu verwerten. Stein durfte dann und wann den österreichischen Staatsmännern einen Rat erteilen, er versuchte auch, als im Jahre 1810 Hardenberg sein Ministerium bildete, wieder auf Preußens Geschicke einzuwirken, auf die innere Verwaltung wie auf die Vorbereitung eines Volkskrieges nach dem Muster Spaniens und der Vendée. Im ganzen blieb er ohne Einfluß. Es war die Zeit, da Gneisenau die entsetzlichen Worte schrieb: „Wir dürfen es uns nicht verhehlen, die Nation ist so schlecht als ihr Regiment.”
Auch Stein, der soeben die Erhebung Österreichs vom Jahr 1809 mit Bewunderung betrachtet, verlebte jetzt Augenblicke, da er an dem preußischen Staate und an dem unverbesserlichen „Phlegma der nördlichen Deutschen” verzweifelte. Endlich bei dem Herannahen des russischen Feldzugs schien ihm die Stunde gekommen für einen großen Befreiungsversuch. Er hatte schon im Jahre 1808 den Zaren Alexander zu einer selbständigen Politik ermahnt und bot ihm jetzt seine Dienste an. Fast gleichzeitig (Mai 1812) ereilte ihn die Einladung des Zaren. Er blieb ohne amtliche Stellung, als ein selbständiger Rat, eine Macht durch sich selber, an Alexanders Seite, und soweit die nun folgenden Ereignisse von dem Willen einzelner Sterblicher abhingen, hat Stein an der Befreiung Europas ein größeres Verdienst als irgendein Mensch. Er war es, der den Kaiser zu dem Entschlusse bewog, den Krieg bis nach Sibirien hinein fortzusetzen, er erfüllte den schwachen, edelsinnigen Monarchen mit einem Hauche seiner eigenen Leidenschaft, er bestimmte ihn, nach dem Siege, den Wünschen des Heeres zum Trotz, den Niemen zu überschreiten. Je näher die Gefahr sich heranwälzte, um so freudiger und zuversichtlicher hob sich alles Schneidige und Heldenhafte seines Wesens. Er verachtete die Oberflächlichkeit der meisten gebildeten Russen, doch er freute sich an der religiösen Begeisterung, dem Opfermute des Volkes, und auch unter den höheren Ständen fand er treffliche Helfer, so die Grafen Kotschubey und Lieven. Er sah in dem russischen Kriege nur ein Mittel für seinen teuersten Zweck, die Befreiung Deutschlands. Stein stand an der Spitze des deutschen Komitees in Petersburg, ließ Aufrufe unter den Rheinbundstruppen verbreiten, um sie zur Fahnenflucht zu verleiten, und durch die Schriften seines treuen E. M. Arndt auf die Herzen der Deutschen wirken, er bildete — mit geringem Erfolg — die deutsche Legion als den Kern des künftigen deutschen Heeres, er drang auf Verbindung mit England und zeigte der Regierung die Mittel, welche ihr nachher ermöglichten, 40 Millionen Rubel russischen Papiergeldes in Deutschland umzusetzen und also den Krieg fortzuführen. Während er also jeden Hebel in Bewegung setzte zur Bekämpfung Napoleons, fand er doch Worte der Billigkeit für jene preußischen Offiziere, welche, dem Fahneneide treu, im Heere des Imperators fochten.
Die Pläne, welche er in jenem Petersburger Winter für Deutschlands Umgestaltung entwarf, sind das Idealste und Verwegenste, was jemals über deutsche Politik gedacht worden. Und dies bildet, nächst seiner Teilnahme an der Umgestaltung Preußens und der Befreiung Europas, das dritte welthistorische Verdienst des Mannes: er hat früher und schärfer als irgendein Staatsmann die Einheit Deutschlands, ohne Phrasen und Vorbehalte, als das höchste Ziel deutscher Politik aufgestellt, er war der erste unter unseren Staatsmännern, der in jedem Wechselfalle unwandelbar und mit hellem Bewußtsein nur das Wohl des ganzen Vaterlandes ins Auge faßte. „Ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland — schrieb er an Münster, der ihn des einseitigen Preußentums beschuldigte — und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teile desselben angehörte, so bin ich auch nur ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben.” Wer ihm von Schonung der althergebrachten Zersplitterung redete, dem erwiderte er: „einen solchen Zustand wiederherstellen ist gerade so, als wolle man darauf bestehen, daß ein toter Mann auf seinen Beinen stehen solle, weil er es tun konnte, solange er noch lebte.” Jede Rücksicht auf die Dynastien verwarf er: „Als ob es in Deutschland darauf ankäme, ob ein Mecklenburg usw. existiert, und nicht, ob ein starkes, festes, kampffähiges deutsches Volk ruhmvoll im Krieg und Frieden dastehe!” Sein Ziel war die „Einheit, und ist sie nicht möglich, ein Auskunftsmittel, ein Übergang”. In jenem Augenblicke, da der gesamte Länderbestand Europas im Wanken war, schien ihm selbst das Höchste erreichbar: eine große Monarchie von der Weichsel bis zur Maas und den Vogesen, ebenso Italien zu einer geschlossenen Masse verbunden — ganz Mitteleuropa in jenem Zustande „der Kraft und Widerstandsfähigkeit”, den er in seiner Lieblingszeit „unter den großen Kaisern” vom zehnten bis zum dreizehnten Jahrhundert zu finden glaubte. Sei dies nicht möglich, so solle man Deutschland nach dem Laufe des Mains zwischen Österreich und Preußen teilen, die Rheinbundsfürsten als „betitelte Sklaven und Untervögte” des Eroberers behandeln und auch die von Napoleon verjagten Fürsten nicht als Bundesgenossen gelten lassen. Könne man auch dies nicht erreichen, so bleibe als letzter Ausweg, daß man jedem der beiden „verfassungsmäßigen Königreiche” Österreich und Preußen einige Kleinstaaten als Vasallen unterordne, etwa Bayern, Württemberg, Baden mit geschmälertem Gebiete der südlichen, Hannover, Hessen, Oldenburg, Braunschweig der nördlichen Macht. Man wird in diesen Plänen den hochherzigen Patriotismus ebensowenig verkennen, wie die leidenschaftlich unklare Erregung der Zeit und den Stolz des Mediatisierten, der nicht begriff, warum „man mit diesen Zaunkönigen so viel Umstände mache”.
Als das Heer die deutsche Grenze überschritten hatte, nahm er die Leitung der ostpreußischen Angelegenheiten in die Hände, zog sich jedoch besonnen zurück, da er York und Schön und die Männer des preußischen Landtags voll Eifers für die große Sache, aber auch voll Sorge wegen der russischen Eroberungslust sah. Am 25. Februar 1813 erschien er mit Anstett in Breslau und beredete den zaudernden König, Scharnhorst in das russische Hauptquartier zu schicken — eine Sendung, welche den Abschluß des preußisch-russischen Bündnisses zur Folge hatte. Er folgte nunmehr dem Hauptquartiere der Monarchen, rastlos anspornend und ermutigend, ein Todfeind aller halben Maßregeln und „verderblichen Waffenstillstände”, der feste Bundesgenosse des Blücherschen Hauptquartieres. Zugleich leitete er den Verwaltungsrat, der die eroberten Länder, zunächst Sachsen, zu verwalten hatte, und seine kühne, schroffe Weise stieß hart zusammen mit der Unentschlossenheit „dieser weichen sächsischen Wortkrämerei”. Er betrieb eifrig den Abschluß der Allianz mit England. Nach dem Waffenstillstand trat der lähmende Einfluß Österreichs auf die große Allianz hervor. Die kühnen Gedanken jenes Petersburger Winters erwiesen sich als unausführbar. Steins Zweifel an der Lebenskraft Preußens waren längst verstummt angesichts der großen Erhebung, er fühlte sich unter dem begeisterten Volke Norddeutschlands „wie in einem unbekannten Lande”. Andererseits sah er mit Trauer, daß in dem Österreich Metternichs der Geist von 1809 gänzlich verschwunden war, daß die Bevölkerung der Kleinstaaten den Dynastien noch eine sehr starke Anhänglichkeit entgegenbrachte und England in den Reichenbacher Verträgen sich für Hannover bedeutende Gebietserweiterungen ausbedang. Sonach war selbst der bescheidenste jener drei Petersburger Pläne unmöglich, und Stein hielt jetzt die Herstellung der Kaiserwürde, des Reichstages und der Reichsgerichte für notwendig, damit eine monarchische Gewalt die kleinen Dynastien in Zucht halte und das halbdeutsche Österreich durch die Pflichten des Kaisertums an Deutschland gekettet werde. Vergeblich versuchte er, in Böhmen während des Stillstandes der Kriegsoperationen nach der Schlacht von Kulm, diesen Plan bei den Monarchen durchzusetzen. Metternich erklärte seine Absicht, die deutschen Staaten nur durch ein System von Verträgen zu verbinden, bald darauf schloß Österreich die Verträge von Ried und Fulda und erkannte die Souveränität der rheinbündischen Könige an. Seitdem war jede Aussicht auf eine gesicherte Verfassung Deutschlands versperrt, und wenn fortan die Ansichten Steins über die Zukunft des Vaterlandes in jähen Sprüngen wechselten, so war dies nur die Folge der Unmöglichkeit, auf Grund der gegebenen Sachlage einen dauernden Rechtszustand zu schaffen.
Nach der Schlacht von Leipzig ward sehr fühlbar, daß Stein, beschäftigt mit der Organisation Sachsens und der definitiven Einrichtung der Zentralverwaltung, dem Hauptquartier nicht gefolgt war. Erst nach seiner Rückkehr faßte man den Entschluß, den Krieg über den Rhein zu tragen. Stein entfaltete eine ungeheure Tätigkeit bei der Leitung des Lazarettwesens und der provisorischen Einrichtung der eroberten Länder. Die Zentralverwaltung war bedeutsam für die öffentliche Meinung, weil sie der Welt wieder das Schauspiel einer Behörde für gesamtdeutsche Angelegenheiten gab. Im Feldzuge von 1814 wiederholte sich das alte Spiel: Stein und die Helden des schlesischen Heeres drängten vorwärts, während das österreichische Hauptquartier zauderte. Der Aufenthalt in Paris erfüllte Stein mit tiefem Mißmut, man sah ihn stachliger und heftiger denn je. Sein Einfluß auf den Zaren begann zu sinken, umsonst forderte er bei den Friedensverhandlungen gesicherte Grenzen für Deutschland, umsonst verlangte er, daß Preußen die gute Stunde zur Befriedigung seiner gerechten Ansprüche benutze. Die Wiedereinsetzung der Bourbonen war ihm willkommen, als ein „Ruhepunkt” für die ermüdete Nation, obwohl er den Doktrinen der Legitimisten nicht huldigte.
Von dem Wiener Kongresse sah er früh voraus, daß „das Ganze auf eine flache und übertünchte Weise endigen werde”, er sah „die Zeit der Kleinheiten, der mittelmäßigen Menschen” gekommen. In den Händeln über die Territorialfragen ragte er hervor als Verteidiger der Einverleibung Sachsens, er warf Talleyrand und dessen Genossen die treffende Beschuldigung zu, daß sie es seien, welche die Zerteilung der Völker verlangten. Sein Vorschlag, das eroberte Land durch einen trefflichen Statthalter, den Prinzen Wilhelm, zu gewinnen, fand keine Erfüllung. Wie ihn einst Napoleons Bulletins als einen Demagogen geschildert hatten, so ward er jetzt in der Presse als ein Borussomane und ein Spießgeselle der brutalen Gewalt angefeindet. Er aber hielt noch im hohen Alter mit voller Überzeugung seine wohlbegründete Meinung fest. Dagegen erkannte er die Unmöglichkeit, ein unabhängiges konstitutionelles Polen mit Rußland auf die Dauer friedlich zu verbinden. Für die deutsche Verfassung hatte er während des französischen Feldzugs in Chaumont einen neuen Plan entworfen, wonach die beiden Großmächte mit Bayern und Hannover als Direktoren die exekutive Gewalt besitzen und den Bundestag leiten sollten. Im Sommer darauf schlug er wiederum ein Direktorium der vier mächtigsten Staaten und eine Kreisverfassung vor, welche so tief in die inneren Landesangelegenheiten eingreifen sollte, daß die Großmächte sich ihr nicht völlig unterwerfen konnten; daher verfiel er auf den Ausweg, daß Preußen nur mit den Ländern links der Elbe, Österreich gleichfalls nur mit seinen westlichsten Provinzen beitreten solle. Wenn Steins Meinungen über die Leitung Deutschlands nicht minder unsicher wechselten, wie die Ansichten der übrigen Zeitgenossen, so bieten seine Pläne doch sämtlich eine glänzende Seite, die den großen Staatsmann bekundet; sie enthalten alle sehr bestimmte Garantien für die Volksfreiheit: — Grundrechte für alle Deutschen und ausgedehnte, von Bundes wegen garantierte, durch ein Bundesgericht gesicherte Befugnisse für die Landstände. Desgleichen verlangte er in allen seinen Entwürfen unbedingte Einheit der Gesetzgebung für den Verkehr im weitesten Sinne. Er wünschte, daß die beiden Großmächte und Hannover die Vorberatung der deutschen Verfassung auf dem Kongresse allein in die Hand nähmen. Als statt dessen das Fünferkomitee gebildet ward und das Werk schon im Beginn an dem Widerstande Bayerns und Württembergs zu scheitern drohte, rief er den Zaren und den Verein der kleinen Fürsten zu Hilfe. Im Laufe des Winters kehrte er nochmals zu seinem Kaiserplane zurück. Als auch dieser verworfen ward, versuchte er nur noch, abermals umsonst, dem Artikel 13 der Bundesakte einen Inhalt zu geben, den Landständen der Einzelstaaten bestimmte Rechte von Bundes wegen zu gewährleisten. Das vollendete Werk erschien ihm gänzlich hoffnungslos. Er stand allein auf dem Kongresse, ohne Vollmacht, ohne Stimmrecht, und sein persönlicher Einfluß war im Sinken, je mehr die Erinnerung an die großen Tage des Krieges verblaßte.
Nach Napoleons Rückkehr brauste Steins alter Haß wieder auf, ein Haß, dessen Glut sich doch sehr wohl vertrug mit scharfsichtiger Würdigung des Feindes — wie denn Stein unter den ersten den Zug der Gemeinheit in dem Wesen des Imperators durchschaute. Stein zuerst ersann den Gedanken, Napoleon zu ächten. Bei den Verhandlungen über den Zweiten Pariser Frieden betrieb er rüstig die Rückführung der geraubten Kunstschätze, doch umsonst verlangte er, diesmal im Bunde mit den Staatsmännern Preußens und der kleinen deutschen Staaten, Elsaß und Lothringen für Deutschland zurück. Nachdem also fast alle Pläne, welche er an die Befreiung der Welt angeknüpft, gescheitert waren, zog er sich in das Privatleben zurück. Den Posten eines österreichischen und eines preußischen Bundestagsgesandten lehnte er ab, den einen, weil er sein Preußen nicht verlassen, den andern, weil er nicht unter Hardenberg dienen mochte und von der Frankfurter Versammlung kein Heil erwartete.
Er verlebte ein reiches Alter auf seinen Gütern Cappenberg und Nassau, in lebhaftem brieflichen und persönlichen Verkehr mit bedeutenden Männern. Die persönlichen Erfahrungen dieser letzten Jahre verstärkten noch seine Liebe zu Preußen, da er in Nassau den kleinen Krieg der Bureaukratie wider die Mediatisierten ertragen mußte, während er in Cappenberg als Landtagsmarschall der Provinz Westfalen eine hochangesehene Stellung einnahm. Der Tod seiner Gattin, die erst in späterer Zeit seinem Herzen nahegetreten war, gab seinem Geiste eine streng religiöse Richtung. Im Eifer seiner Rechtgläubigkeit wünschte er wohl, der Staat möge „ein Dutzend Rationalisten extra statum nocendi versetzen”. Sein Glaube war echt und ohne Prunk, und obwohl er, nach der Weise dieser romantischen Tage, dem Katholizismus nähertrat, so blieb er doch allen ultramontanen Bestrebungen feind: Stein wünschte, wie sein Freund Erzbischof Spiegel, nationale Selbständigkeit unserer katholischen Kirche.
Die neuen politischen Zustände boten ihm wenig Anlaß zur Freude. Er sah auf der einen Seite die Bureaukratie mit ihrer „Wut zu generalisieren” und überhäufte diese Klasse mit schweren Vorwürfen, deren Härte sein alter Freund Kunth dem Aristokraten oftmals verwies. Der Adel andererseits schien ihm „in Selbstsucht, Einseitigkeit, Leerheit, Unbeholfenheit, Egoismus versunken”. Stein suchte mit Montesquieu das Urbild freier Verfassung in England und „den deutschen Wäldern” und verwarf die durch neufranzösische Ideen befruchtete Richtung des süddeutschen Liberalismus als „seichten, rechtlosen Neologism”. Die neue demokratische Strömung schien ihm darauf hinauszulaufen, „das Ganze in ein Aggregat von Gesindel, Juden, neuen Reichen, phantastischen Gelehrten zu verwandeln”. Die rheinische Gesetzgebung bekämpfte er mit dem ganzen Hasse des Franzosenfeindes. Während er so alle vorherrschenden Richtungen im Staatsleben der Einzelstaaten bekämpfte, fand er die gesamtdeutsche Politik noch unglücklicher bestellt. Den Bundestag verachtete er als eine „vom Philistergeist durchdrungene politische Maschine”, und sein Zorn wallte auf, als die Mainzer Zentraluntersuchungskommission ihn selber als einen Haupturheber der demagogischen Umtriebe beschuldigte. Ebensowenig wollte er teilhaben an dem neuen Teutonentum „dieser unbärtigen fratzenhaften Studenten”. Die Opposition am Bundestage galt ihm als eine neue Form der alten Rheinbundsbestrebungen; er verdammte schonungslos jeden Bund im Bunde und das gesamte Treiben der „Afterbündler”.
Dem Kundigen fällt nicht schwer, in dieser Fülle des Tadels, die der Alternde nach allen Seiten hin ausspendete, einige große positive Gedanken zu erkennen, welche zeigen, daß Stein noch immer auf der Höhe der Zeit stand, während er zu Wien als ein Haupt der militärischen Jakobiner, unter den Alltagsliberalen als ein Junker verrufen war. Zunächst verlangte er immer aufs neue Erfüllung der dem Volke gegebenen Verheißungen; denn „den durch die lautere Milch des Jesuitismus noch nicht getrübten Menschenverstand” werde man nicht überzeugen, daß es von dem Willen der Fürsten abhänge, ob und wie sie ihr Wort halten wollten. Die unheilvollen Folgen der Ausschließung der Nation von der Leitung ihrer eigenen Angelegenheiten, die er schon in jenem Programme vom Jahre 1807 vorausgesagt, gingen Wort für Wort in Erfüllung. Jetzt wie damals wollte er den Grundbesitz in den Reichsständen überwiegend vertreten sehen, aber der Reichstag sollte wirksame Rechte haben: „Beratende Stände sind eine inerte Masse oder ein turbulenter Haufe, der ins Blaue hineinschwätzt, ohne Würde, ohne Achtung.” Wie schroff und herrisch der Marschall oftmals die liberalen Redner des westfälischen Landtags anließ — auf dem Verlangen nach Reichsständen bestand der gewissenhafte Mann unverbrüchlich, auch nachdem die Julirevolution alle konservativen Neigungen seiner Natur mächtig aufgeregt hatte. Über alle Verstimmungen und Beschwerden des Tages rettete er sich seine Anhänglichkeit an das Haus Hohenzollern und seinen Glauben an Preußen als den Hort unserer Zukunft. Er nannte Berlin selbst in jenen stillen Jahren, da das öffentliche Leben fast erstorben war, „den interessantesten Ort Deutschlands” und sah mit Stolz auf das preußische Heer; kriegserfahrene Offiziere waren dem streitbaren Manne die willkommensten Gäste. Unberührt von den Modekrankheiten des neuen Liberalismus, hielt er den Blick fest auf die Größe des ganzen Vaterlandes gerichtet. Auch da die kleinen Staaten des Südens als die beneidenswerten Stätten der Freiheit gepriesen wurden, schaute er mit unwandelbarer, grenzenloser Verachtung auf die unheilbaren Mängel des kleinstaatlichen Lebens. Er wußte, die Zeit sei noch nicht gekommen, die Staatsbildungen Napoleons vom deutschen Boden hinwegzufegen, und begrüßte mit Freuden jeden Anfang praktischer Einigung der Nation, so den werdenden preußisch-deutschen Zollverein. Auf die unverwüstliche Gesundheit unseres Volkes baute er felsenfest; nur „das Land der Phäaken”, Österreich, schloß er in der Regel von seinem Lobe aus. Mit unvergeßlichen Worten rief er den Demagogenverfolgern zu, ein treues, sittliches, gebildetes Volk, das soeben einen glorreichen Krieg bestanden, verdiene Vertrauen und wieder Vertrauen. In solchem hohen patriotischen Sinne hat er auch das wissenschaftliche Unternehmen der Monumenta Germaniae begründet und ihm einen guten Teil seines Alters gewidmet. Radikale Blätter des Rheinlandes witterten in dieser Sammlung der Geschichtsquellen unserer Vorzeit feudale Bestrebungen. Der instinktive Widerwille aller Menschen ohne Vaterland, vornehmlich der liberalen Partikularisten, bildet den sichersten Maßstab für Steins Größe. Wer einzelne Ausbrüche der hypochondrischen Laune und der Tadelsucht des Staatsmanns außer Dienst auszuscheiden weiß, findet in den Briefen seines Alters eine unvergleichliche Quelle der Belehrung über die Zeitgeschichte und über die wichtigsten Probleme der Politik, dazu in der ausdrucksvollen Gewalt der eckigen, wuchtigen Sprache mit ihrer Fülle sich drängender Beiwörter ein getreues Charakterbild.
Stein starb, und mit ihm sein Geschlecht, am 29. Juni 1831. Sein Testament schließt mit der Mahnung an seine Erben, sich des göttlichen Segens würdig zu erhalten ... „vornehmlich durch treue und zu jeder Aufopferung bereite Liebe zum Vaterland”. Auf der Inschrift seines Grabes wird er genannt: „Demütig vor Gott, hochherzig gegen Menschen, der Lüge und des Unrechts Feind, hochbegabt in Pflicht und Treue, unerschütterlich in Acht und Bann, des gebeugten Vaterlandes ungebeugter Sohn, in Kampf und Sieg Deutschlands Mitbefreier.” — Die arge Verbildung unserer Zustände spiegelte sich wider in der Teilnahmlosigkeit, womit die Nation die Kunde von Steins Abscheiden aufnahm. Erst zwanzig Jahre nach seinem Tode ist Steins Bild dem Volke wieder nähergetreten. Der größte Staatsmann der Deutschen dieses Jahrhunderts war ein stolzer Preuße und ein Unitarier.
Lessing