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Der Zweifüßler und andere Geschichten

Das Ding in viererlei Gestalt.

Reading edition

Justizrats waren ausgezogen, und die Villa stand leer.

Eine Frau war dagewesen und hatte in allen Zimmern reingemacht. Man hatte auch den Hof gefegt, und dann war alles verschlossen worden, denn das Haus war nicht wieder vermietet.

Die Ratte fuhr umher — die Treppe zum Speicher hinauf, die Treppe zum Keller hinab — schnupperte überall und fand nichts.

„Diese boshaften Menschen..... diese unangenehmen Menschen,“ sagte sie. „Alles wie weggeblasen. Nicht einen Happen haben sie für eine hungrige alte Ratte übriggelassen.“

Und sie lief auf den Hof hinunter, kroch unter der Tür durch in den Holzschuppen und sah sich um.

„Nicht die Spur,“ schalt sie. „Ich werde wohl auch ausziehen müssen.“

Damit lief sie wieder hinaus.

Die Ratte
Die Ratte

Aber sie irrte sich, wenn sie meinte, es sei niemand im Holzschuppen.

Ganze vier waren da.

Zunächst einmal ein Stück Steinkohle, das war glänzend schwarz. Dann ein Stück Koks, das matt aussah und müde und aufgerieben. Ferner ein Buchenscheit, das im Finstern ganz weiß leuchtete. Und als Vierter im Bunde ein Stück armseligen Torfs.

Jeder von ihnen lag in seiner Ecke, und keiner schien den andern etwas anzugehn. Aber der Raum war so klein, daß sie bequem miteinander schwatzen konnten. Und da kein anderer zum Schwatzen da war, so nahmen sie vorlieb.

„Die idiotische Ratte!“ begann die Steinkohle. „Das einfältige Wesen! Sagt, es wär’ keiner hier, und dabei bin ich doch hier.“

„Und ich,“ sagte das Holzscheit. „Mich übersieht man wohl nicht.“

„Vergiß nur ja mich nicht,“ flüsterte das Stück Koks mit matter Stimme. „Ich kann nicht so schreien wie die Kohle und das Brennholz, denn ich hab’ viel durchgemacht, und das macht einen stiller. Aber darum bin ich doch nicht weniger wert.“

„Ja... ich bin ja auch noch hier,“ meinte der Torf bescheiden. „Mit Verlaub zu sagen.“

Die Steinkohle sah sich um.

„Natürlich seid ihr hier. Leugne ich das etwa? Aber wozu seid ihr denn eigentlich nütze? Darauf kommt’s eben an!“

„Tja — hm... ich bin ja nichts anderes als ein bißchen Brennmaterial,“ versicherte der Torf treuherzig. „Verzeiht, daß ich es sage, aber ich wurde ja gefragt.“

„Ich bin das gleiche,“ sagte das Stück Koks.

„Und ich auch,“ das Holzscheit. „Und auch die großsprecherische Steinkohle ist meines Wissens zu nichts anderm gut, als verbrannt zu werden.“

„Seht richtig,“ erklärte die Steinkohle. „Verbrannt zu werden, ist unser gemeinsames Los. Aber wenn unser Ende auch das gleiche ist, darum ist’s doch noch nicht gesagt, daß wir gleich viel taugen. Ich bin der Wärmste... ich habe so viel Hitze in mir, daß ich manchmal nahe daran bin, auseinandergesprengt zu werden.“

„Aber ich bin der Flottste und der Teuerste,“ sagte das Holzscheit. „Nur reiche Leute sind in der Lage, mit mir zu feuern.“

„Ich bin der Reinlichste,“ sagte das Stück Koks.

„Entschuldigt,“ warf der Torf ein, „ich bin bloß der Billigste.“

„Du himmlische Güte!“ spottete die Steinkohle, „ein jeder hat ja seine Vorzüge. Ich glaube jedoch, daß mir niemand widersprechen wird, wenn ich hervorhebe, daß ich aus der feinsten Familie bin. Ich stamme aus der allerältesten Zeit... es lebt niemand in der Welt, der so alt ist wie ich.“

„Doch... ich,“ widersprach der Koks.

„Was faselst du?“ fragte die Steinkohle.

„Ja.... ich bin nun auch nicht gerade aus dem heutigen Jahrgang,“ ließ sich der Torf vernehmen. „Aber es würde mir nie einfallen, davon zu reden.“

„Und ich bin jung und frisch,“ sagte das Buchenscheit. „Bin noch nicht einmal ganz und gar trocken geworden. Ich pfeif’ auf euer elendes Alter.“

Ein Weilchen lagen sie still da. Dann sagte der Torf:

„Verzeihung... aber wollen wir nicht jeder unsere Geschichte erzählen? Wir werden doch hier ein halbes und vielleicht ein ganzes Jahr zu liegen haben. Und Geschichten, die sind so schön.“

„Meinetwegen,“ sagte der Koks, „nur muß ich auf das bestimmteste verlangen, daß ich zuletzt drankomme. Denn erstens bin ich so schwach, daß ich mich erst ein wenig erholen muß. Und zweitens würde eure Ungeduld, an die Reihe zu kommen, mich ganz nervös machen. Drittens —“

„Das Drittens schenk’ ich dir,“ unterbrach ihn das Holzscheit. „Nun beginne ich. Meine Geschichte klingt frisch und frei... ich besinne mich noch auf alles, als wär’ es gestern gewesen.“

„Fang an!“ sagte die Steinkohle. „Nach dir kommt der Torf an die Reihe, und dann komme ich.“

Die Geschichte des Buchenscheits.

„Ich war einmal der stolzeste Baum im Walde,“ begann das Buchenscheit.

„Prahlhans!“ warf die Steinkohle dazwischen. „Wart’ du nur, bis die Reihe an mich kommt!“

„Wart’ selber so lange,“ sagte das Holzscheit. „Ich war also ein Baum... ein großer Baum... eine Buche. Ich stand im Walde, direkt am See, und konnte meine Zweige im blanken Wasser spiegeln. Frühling auf Frühling trieb ich Knospen, und ich kann wohl selbst von mir sagen, daß ich einen schönen Anblick darbot. Aber ich brauch’ es nicht zu sagen. Denn andere haben das schon getan. Alle, die mich sahen, bewunderten mich in lauten Tönen. Es war auch ein Dichter darunter, der Verse über mich schrieb und in die Zeitung setzte. Viele Liebesleute kamen und schnitten ihre Namen in meine Rinde ein. Zwei Raben bauten ihr Nest in meinem Wipfel, und rings in mir wohnten Buchfinke und Stare und waren hoch erfreut über ihr Logis.“

Der Dichter unter der Buche
Der Dichter unter der Buche

„Das klingt recht hübsch,“ meinte die Steinkohle. „Es ist wirklich ärgerlich, daß man dir so gar nichts von alledem ansehen kann.“

„Wenn man fortwährend in dieser Weise unterbrochen wird, kann ich mich nicht darauf einlassen zu erzählen, wenn ich an die Reihe komme,“ sagte der Koks. „Wollen wir nicht gegenseitig unsre Nerven respektieren?“

„Zu Füßen lag mir stets ein wunderschöner Teppich,“ fuhr das Buchenscheit fort, „der war im Frühling von weißen Anemonen gewirkt. Späterhin kam feines grünes Gras an ihre Stelle. Im Winter aber macht’ ich mir selber einen dicken dichten Teppich aus meinen braunen Blättern zurecht, und dann fiel vom Himmel der Schnee darauf. Jeden Sommer wurde ich größer und größer... an alle Zweige fügt’ ich ein kleines Stück, und im Stamm legte sich Ring an Ring, bis ich schließlich ein echter, rechter Riese war. Wenn es im Winter ganz toll stürmte und meine Kameraden sich bogen und brachen, dann stand ich gleichgültig da. Ein langes Leben war’s und ein herrliches Leben zugleich.“

„Verzeih’,“ sagte der Torf. — „Aber wie kam es denn, daß es zu Ende ging?“

„Das weiß ich nicht,“ erwiderte das Brennholz. „Ich wurde gewiß zu groß. Ich hörte die Menschen darüber reden, daß die jungen Bäume auch an die Reihe kommen müßten, und daß ich gutes Brennmaterial abgeben werde und dergleichen mehr.“

„Die Menschen... ha, ha, ha!“ lachte die Steinkohle.

„Die Menschen... Verzeihung... ha, ha, ha,“ rief der Torf.

„Ich lache überhaupt nie mehr,“ sagte der Koks „Tät ich’s aber noch, so würd’ ich jetzt lachen.“

„Ich weiß nicht, was ihr zu lachen habt,“ sagte das Holzscheit verletzt. „Die Menschen sind doch unsre Herren und Meister, sollt’ ich meinen. — Sie haben mich durchgesägt, ein Tau um mich gezogen und an mir gezerrt, bis ich stürzte. Dreißig Mann mußten mithelfen bei dem Stück Arbeit, und ich fiel mit solchem Krachen nieder, daß die Erde erbebte. Dann sägte man mich wieder und wieder durch, spaltete mich mit Äxten, stapelte die Teile auf, verkaufte mich auf der Auktion und fuhr mich fort. Jetzt ist nur das Stück, das ihr hier seht, von mir übrig. Da habt ihr meine Geschichte! Weiß jemand eine bessere, bitte schön, so soll er damit herausrücken!“

„Vermutlich gibt es so einen,“ sagte die Steinkohle. „Aber erst wollen wir jetzt den Torf anhören.“

„Ja... Verzeihung,“ sagte der Torf. „Was ich zu sagen habe, ist ja ganz unbedeutend.“

„Erzähl’!“ riefen die anderen.

Die Geschichte des Torfs.

„Ich war einmal der stolzeste Baum im Walde,“ sagte der Torf.

Weiter kam er zunächst nicht, so unbändig fingen die andern bei diesen Worten zu lachen an.

„Ja... Verzeihung! Sie müssen sehr entschuldigen ... ich sehe wohl ein, daß es lächerlich klingt, aber was soll ich machen? Ich bin ja genötigt, meine Geschichte zu erzählen, wie sie ist. Und ich war wirklich ein schöner Baum, selbst wenn man mir’s nicht mehr ansehen kann! Freilich keine Buche, sondern nur eine Birke...“

„Die Birke ist ein sehr hübscher Baum,“ sagte das Brennholz. „Nicht von besondrer Bedeutung und ohne rechten Schatten, aber sehr fein.“

„Schönen Dank!“ sagte der Torf.

„Dann haben dich die Menschen wohl gar auch gefällt?“ fragte das Holzscheit.

„Nein, gewiß nicht,“ sagte der Torf. „Offen gestanden, ich hab’ nie einen Menschen gesehen, bis ich zu Torf wurde. Darum hab’ ich mir vorhin zu lachen erlaubt, als die Menschen erwähnt wurden, wenn’s auch vielleicht nicht bescheiden war.“

„Weiter!“ mahnte die Steinkohle.

Illustration from Der Zweifüßler und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen

... „Auch Elentiere gab es in großen Herden“ ...

„Ich war also eine Birke. Auf mir ließen sich allerdings keine Vögel nieder; aber in dem Moor, auf dem ich stand, da gab es Vögel und Hirsche, Füchse und Wölfe und Bären. Im Sommer ging der Bär mit seinen Jungen umher und brummte. Im Winter heulten die Wölfe vor Hunger, daß es viele Meilen weit zu hören war. Auch Elentiere gab es in großen Herden. Und in den Lüften flogen mächtige Adler... ja, Verzeihung, daß ich’s sage, vielleicht klingt es eingebildet ... aber als ich zu Torf geworden war und im Stapel stand und mich im Walde umsah, da kam es mir wirklich so vor, als ob in alten Tagen, als ich ein Baum war, mehr Leben im Walde gewesen wäre.“

„Hahaha!“ lachte die Steinkohle.

„Worüber lachst du?“ fragte das Holzscheit.

„Ach... ich lache nur über den Torf, der da von alten Tagen redet!“ erwiderte die Steinkohle. „Der Grünschnabel!“

„Meine Nerven können diese Unterbrechungen auf die Dauer nicht vertragen,“ sagte der Koks. „Weiter, lieber Torf!“

„Ja, Verzeihung. Man erzählt ja, so gut man’s versteht. — Na. Also dann kam einmal ein grauenhafter Sturm, der wehte mich um, und ich fiel plumps! ins Moorwasser hinein. Da hab’ ich lange, lange Zeit gelegen... im ersten Frühling bekam ich sogar Knospen. Die sprangen auf, genau so wie damals, als ich noch ein Baum war. Aber das war bald vorbei. Der Biber benagte mich, und im Wasser begann ich zu faulen. Nach und nach kam ich ganz von meinem Stumpfe los, und dann sank ich.“

„Sieh, sieh,“ sagte die Steinkohle. „Du hast ja wirklich etwas erlebt.“

„Weiter!“ bat der Koks.

„Ja, da sank ich denn nun und sank und sank. Manchmal ging es schneller und manchmal langsamer. Bald blieb ich an etwas hängen, und bald sträubten sich meine Zweige. Aber hinunter kam ich doch, tief hinunter in das braune Wasser. Um mich her wuchs allerhand Grünzeug zusammen, und dies und jenes sank zu mir herab, so daß ich allmählich ganz vergraben war im Schlamm. Und da fing ich ernstlich zu faulen an.“

„Uha,“ rief das Brennholz. „Das Faulen ist eine ekelhafte Geschichte. Ich hatte mal einen unglücklichen Zufall an meiner einen Seite, wo ein Zweig abgebrochen war. Da kam der Specht und hackte ein Loch hinein, die Larven nagten, das Regenwasser sammelte sich zu einem kleinen See... es war widerlich! Ich hatte einen Vetter, der neben mir stand und einen ähnlichen Zufall erlitt. Der wurde ganz hohl davon.“

„Laß du den Torf reden!“ mahnte der Koks.

„Eigentlich hab’ ich nichts mehr zu erzählen,“ sagte der Torf. „Allmählich bin ich vollständig aufgefault. Es blieb nicht viel mehr von mir übrig als ein Knast, der mitten in mir sitzt. Ich wurde vermischt mit all dem andern, was im Moor war; und das, was von oben herunterkam, drückte und drückte so gewaltig auf uns, daß ich gar nicht mehr so recht weiß, was eigentlich zu mir und was zu dem andern gehörte. Die Jahrhunderte verstrichen. Eines Tages wurde in dem Moor Torf gestochen. In Kuchenform wurden wir auf die Wiese geworfen, zugeschnitten, in der Sonne getrocknet, entzweigebrochen, aufgestapelt und an den Justizrat verkauft. Das ist das Ganze. Verzeiht, daß es nicht mehr ist!“

„Es war doch wenigstens etwas,“ sagte die Steinkohle. „Und es war viel besser als die Geschichte der Buche. Du hast Alter, kleiner Torf, das ist die Pointe! Nur die alten Geschichten taugen etwas. All das Neumodische ist reiner Unsinn.“

„Na,“ sagte das Holzscheit. „Meine dreihundert Jahre hab’ ich doch auch auf dem Buckel.“

„Nun, ich bin wirklich nicht älter als zweitausend,“ erklärte der Torf.

„Laß jetzt die Steinkohle ihre Geschichte erzählen,“ sagte der Koks.

Und es folgte:

Die Geschichte der Steinkohle.

„Ich war einmal der stolzeste Baum im Walde —.“

„Na... also du auch?“ rief lachend das Holzscheit. „Das muß ja ein recht schwarzer Baum gewesen sein!“

„Liebes Holzscheit,“ sagte die Steinkohle. „Du magst ja gerne lachen. Unwissende Leute lachen immer über das, was sie nicht verstehen; und ich nehme an, du wirst Lachkrämpfe bekommen, ehe meine Geschichte zu Ende ist.“

„Weiter!“ befahl der Koks.

„Ja... das ist leicht genug gesagt,“ begann die Steinkohle wieder. „Aber schwerer getan. Alles in allem, kann vermutlich keiner unter euch eine Silbe von dem verstehen, was ich jetzt erzählen will.“

„Gewiß... ich kann es,“ sagte der Koks.

„Meinst du!“ spottete die Steinkohle.

„Meine Geschichte ist im allgemeinen nicht für zerrüttete Nerven. Aber jetzt hört mich also an! — Vielleicht ist es das beste, wenn ich euch gleich erzähle, daß ich aus England bin, und daß ich auf der Reise hierher durch euren Wald kam... den Wald, wo das Brennholz als Buche und der Torf als Birke gestanden haben. Ich sage ungern jemandem etwas Böses nach, am allerwenigsten denen, die tiefer gestellt sind im Leben als ich. Aber es war wirklich ein armseliger Wald! Damals, als ich ein Baum war — da gab es noch Wälder. Aber das ist freilich hunderttausend Jahre her.“

„Das ist eine Lüge,“ schrie das Brennholz.

„Es ist wahr,“ sagte der Koks.

„Es freut mich, daß der Koks mir Glauben schenkt,“ erwiderte die Steinkohle. „Obwohl er doch nicht mehr Grund dazu hat als das Brennholz. Keiner von euch hat es gesehen. Die Wälder, die damals auf der Erde standen, sind weg... ganz und gar weg. Nur die Steinkohlen sind davon übrig. Wogegen es Buchen und Birken noch heut in Massen gibt.“

„Weiter!“ drängte der Koks.

Echsen und Farnbaum
Echsen und Farnbaum

„In solch einem Walde war ich der stolzeste Baum. Ein Farrenbaum. Heutzutage habt ihr solch kleines Krautwerk, das ihr Farren nennt... Gott mag wissen, woher die stammen. Ich war ein Baum ... mit hohem, mächtigem Stamm und breiter Krone. Der ganze Wald bestand aus solchen Bäumen. Und Menschen... es gab keine Menschen damals. Auch keine Vögel, Hirsche und Bären und wovon ihr zu schwatzen wißt. Das ist allerhand kleines Gewürm, das hinzukam, seitdem alles hier auf Erden kleiner geworden ist. Ungeheure Echsen krochen auf den Felsen umher, andere derselben Art schwammen in den Seen, wieder andere durchflogen die Luft. Ich weiß wirklich nicht, wie ich sie euch beschreiben soll... doch, ich sah auf der Reise hierher ein winziges Tierchen, das sonnte sich auf einem Stein, und der Zugführer nannte es eine Eidechse, glaub’ ich. Wenn ihr so eine gesehen habt und sie euch tausendmal so groß denken könnt und mit einem fürchterlichen Schlund voll spitziger Zähne... dann habt ihr eine ganz schwache Vorstellung von den Tieren, unter denen ich meine Jugend verlebte.“

„Das kann man eine Geschichte nennen,“ sagte der Torf ehrerbietig.

„Da stand ich also. Meilenweit im Lande standen wir unter unseresgleichen. Aber freilich...“

Die Steinkohle schwieg ein Weilchen und seufzte.

„Weiter,“ sagte der Koks.

„Ja. Aber ihr wißt nicht einmal, wie es damals um das Land bestellt war. Und es ist mir auch gar nicht möglich, es euch begreiflich zu machen. Das Land war ja ganz anders als jetzt... aber ich muß das überspringen. Ich konnte ja nicht anders, ich mußte vorhin lachen, als der Torf von dem See sprach, in den er als Birke fiel... Herr Gott, was für eine Pfütze das war! Nein, seht ihr... als ich vor hunderttausend Jahren im Walde stand, da geschah eine Erdumwälzung. Das war nicht so ein Sturm, der ein paar armselige Zweige bricht... die ganze Erde zitterte, versteht ihr... sie spaltete sich... die Felsen spalteten sich... alles stürzte in die Schlünde hinab und wurde zerschmettert, Feuer schlug aus der Erde empor, und dann kam das Meer und überspülte das Ganze.“

„Fürchterlich!“ unterbrach der Torf.

„Da lag ich nun. Verborgen, begraben in Sand und Lehm und was weiß ich. Ich ahne nicht im mindesten, was oben in der Welt geschah während der hunderttausend Jahre, die vergingen, bis ich wieder ans Tageslicht kam. Nur kann ich an dem Ganzen sehen, daß es seit meiner Zeit böse rückwärtsgegangen ist mit allen Dingen.“

„Danke verbindlichst! Das kennen wir!“ sagte das Holzscheit. „So reden alle alten Leute. Ich entsinne mich deutlich, wie eines Tages zwei alte Damen in meinem Schatten saßen, die davon sprachen, was für wunderschöne Mädchen auf der Welt waren damals, als sie junge Mädchen waren.“

Die Steinkohle schwieg ein Weilchen.

„Weiter!“ sagte der Koks.

„Ja, ganz recht. Ich hing nur so meinen Gedanken nach. Es ist so seltsam für mich, all das mit anzuhören von Menschen und alten Damen und Mädchen, wovon ich nicht das geringste weiß, trotzdem ich hundertmal so alt bin wie der Älteste von euch. — Na, da lag ich also, und keiner kann sich einen Begriff davon machen, wie ich gedrückt wurde von allem, was oben auf mir lag. In mir entwickelte sich Feuer... nicht solch helle Lohe, die emporschlägt, wenn ein Endchen Brennholz brennt, sondern ein glimmendes, wütendes Feuer, das mich ganz veränderte. Alles, was von Leben und Kraft in mir war, das sammelte sich an zu etwas Unbändigem, Wahnwitzigem, wie ihr’s euch nicht vorstellen könnt, zu Gas nämlich.“

„Ach ja... Gas,“ sagte der Koks und fing jämmerlich an zu weinen.

„Ich sagte es ja, meine Geschichte sei zu stark für Ihre Nerven,“ meinte die Steinkohle.

„Fahrt — nur — fort,“ sagte der Koks und prustete nach jeder Silbe.

„Ich denke, die Erde hat sich gesenkt und wieder gehoben, und das Meer hat sie überspült und ist viele Male fortgeströmt in den hunderttausend Jahren, die ich da lag,“ erzählte die Steinkohle weiter, „davon weiß ich nichts. Eines Tages aber bohrten die Menschen, von denen ihr so viel redet, sich zu mir herunter. Da sah ich sie zum erstenmal. Sie gruben Gänge in den Felsen, wo ich lag, lange Gänge, tief unter der Erde, den einen länger und tiefer als den andern. Sie hackten mich und die andern aus den Schichten los, in denen wir lagen, und hißten uns in Körben empor. Nicht wenige von ihnen erschlugen wir während ihrer Arbeit. Denn als wir Luft bekamen, ließen wir das Gas frei, das in uns war, und es erstickte sie. Kam ein bißchen Feuer an uns heran, so explodierte unser Gas mit einem fürchterlichen Knall, zersprengte das Ganze und tötete die Leute, die in den Gängen waren.“

„O... das Gas... das Gas!“ schluchzte der Koks und bewegte sich hin und her, als käme er um vor Schmerzen.

„Jetzt bin ich auf der Stelle fertig,“ sagte die Steinkohle. „Den Rest meiner Geschichte kennt alle Welt. Ich wuchs auf der Erde als der stolzeste Baum des Waldes, bevor die Menschen erschienen. Ohne die Hilfe der Menschen wurde ich zu dem, was ich bin. Und als sie mich dann entdeckten, da wurde ich ihnen eine größere Hilfe als alles andre, was sie finden. Ich bin das vornehmste Brennmaterial der Welt. Ich treibe alle Fabriken, Eisenbahnen und Dampfschiffe der Erde. Ich habe soviel Hitze in mir wie kein zweiter. Von mir kommt das Gas.“

„Das Gas... ja, das Gas!“

Wieder war es der Koks, der so jammerte.

„Das ist meine Geschichte,“ sagte die Steinkohle. „Ich denke, sie sticht die euren aus.“

„Das ist gewiß,“ sagte der Torf.

„Wird auch wohl die letzte Geschichte sein, die wir zu hören bekommen,“ sagte das Brennholz. „Der Koks sieht nicht danach aus, als ob er sich zu einer Erzählung aufrappeln könnte.“

„Doch... aber gewiß,“ sagte der Koks. „Laßt mich bloß meine Gedanken ein bißchen sammeln, dann wird es gehen.“

Und der Koks faßte sich und erzählte.

Die Geschichte des Kokses.

„Ich war einmal der stolzeste Baum im Walde —.“

Es läßt sich ganz und gar nicht beschreiben, wie es im Holzschuppen herging, als auch der Koks seine Erzählung mit diesen Worten begann.

Das Holzscheit schlug einen Purzelbaum vor Lachen, die Steinkohle grinste, daß sich geradezu Gasgeruch bemerkbar machte, der Torf rollte in einen Winkel und kicherte.

Die Ratte kam unter der Tür her angefahren.

„Mir scheint, hier war jemand?“ sagte sie.

Sie schnüffelte umher, fand aber nichts und lief wieder ihrer Wege.

„Teuerster Koks,“ sagte die Steinkohle, als sie sich wieder erholt hatte. „Deine Nerven müssen noch arg mitgenommen sein. Oder hast du etwa einen kleinen Anfall von Größenwahnsinn bekommen?“

„I, was für ein Baum du gewesen sein mußt!“ höhnte das Holzscheit. „Wenn ich dich doch nur gesehen hätte in all deinem Glanz und deiner Herrlichkeit.“

„Verzeiht!“ sagte der Torf. „Ich lachte, weil die andern lachten, trotzdem das vielleicht unbescheiden war. Aber wollen wir nicht den Koks zu Ende erzählen lassen?“

„Erzähle!“ sagte das Holzscheit. „Wird ja eine Geschichte recht zum Lachen werden.“

„Im Gegenteil,“ erwiderte der Koks. „Meine Geschichte ist überaus traurig. Nicht weil ich meine, daß die euren so übertrieben amüsant wären, für mich selbst wenigstens. Aber mir ist’s noch schlimmer ergangen. Die Sache ist die, daß ich der leibhaftige Bruder der Steinkohle bin.“

„Nein, was Sie wissen, mein Bester!“ rief die Steinkohle.

„Und doch ist es so!“ sagte der Koks.

„Hahaha,“ lachte das Holzscheit. „Mir scheint auch, ihr gleicht euch ganz auffallend, wenn man recht genau zusieht.“

„Ich protestiere auf das bestimmteste,“ sagte die Steinkohle. „Man sehe mich an und sehe den Koks an. Er ist löchrig und jämmerlich, leicht wie eine Feder... ein jeder kann sehen, daß er ein armseliger Kerl ist, nicht vier Pfennige wert. Und dann sehe man mich an! Ich bin hart und bin schwer. Ich leuchte. Ich bin ein leiblicher Vetter des Diamanten, müßt ihr wissen.“

„Ich wahrhaftig nicht minder,“ sagte der Koks. „Es ist gar nicht hübsch von dir, daß du mich verleugnest. Wärest du behandelt worden wie ich, so sähest du wirklich auch kein bißchen besser aus.“

„Dann laß hören,“ sagte das Holzscheit.

„Ihr dürft ihm kein Wort glauben,“ versicherte die Steinkohle.

„Ich bin aus England, ebenso wie die Steinkohle,“ sagte der Koks. „Ich wuchs in demselben Wald und war sogar ein Stück von demselben Farrenbaum — vor hunderttausend Jahren. Darum ist meine Geschichte genau dieselbe wie die der Steinkohle, bis auf...“

Der Koks schwieg und kämpfte mit seiner Rührung.

„Na?“ fragte das Holzscheit.

„Laßt ihn sich fassen!“ sagte der Torf.

Doch der Koks brach in ein Schluchzen aus, das so gewaltig war, daß er nahe daran war, entzweizugehen.

„Bis auf den Augenblick, als das Gas von mir ging,“ sagte er dann.

„Herrgott,“ meinte die Steinkohle. „Sollte es möglich sein?“

„Es ist die reine Wahrheit,“ sagte der Koks. „Wir wurden zu derselben Zeit aus der Kohlenmine ausgehauen, in demselben Korb emporbefördert, und auf demselben Schiff kamen wir hier in dies Land. Aber dann trennten sich freilich unsere Wege. Denn ich kam ins Gaswerk, und da schlossen sie mich in einen großen Behälter ein und erwärmten mich, bis alles Gas aus mir entwichen war. Und dann verkauften sie mich für billiges Geld an arme Leute mit kleinen Stuben.“

Der Koks schluchzte und schluchzte, und die andern ehrten seinen Kummer, weil sie ihn verstanden.

„Das Ganze ist im Grunde genommen recht sonderbar,“ sagte das Holzscheit nachdenklich.

„Nicht herausfinden kann man sich,“ seufzte der Koks.

„Wäre ich nun ins Moor gefallen, so wäre ich vielleicht zu Torf geworden,“ sagte das Holzscheit.

„Und wenn ich vor hunderttausend Jahren gefällt worden wäre, so wäre ich zu Brennholz geworden,“ sagte die Steinkohle.

„Hätte ich noch neunundneunzigtausend Jahre im Moor gelegen, so hätte ich vielleicht mein Dasein als Steinkohle beschlossen,“ orakelte der Torf.

„Und hätten sie mir nicht das Gas entzogen —,“ erklärte der Koks.

Mehr konnte er nicht sagen.

Eine Weile war’s still im Holzschuppen. Ein jeder dachte an seine Siebensachen. Dann ließ der Torf sich vernehmen:

„Nun hab’ ich es.“

„Was denn?“ fragte das Holzscheit.

„Ja... verzeiht!“ gab der Torf zur Antwort. „Ich hab’ nur herausgefunden, daß wir ein und dasselbe Ding sind in viererlei Gestalt.“

Quadrat
Quadrat
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