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Der wilde Garten

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Reading edition

Eine milde Oktobersonne warf ihr Licht durch die weißen Gardinen in das Zimmer des Fräulein Dr. Hanna Südekum. Alles glänzte vor Sauberkeit und Ordnung, trotzdem sie erst vor einer halben Stunde aus dem Bett gestiegen war und nun an dem runden, zierlich gedeckten Tisch in der Ecke langsam und mit Behagen ihren Frühstückskaffee trank.

Auf ihrem Schreibtisch lag noch, säuberlich in Päckchen geordnet, die Post, wie sie sie gestern mittag nach der Heimkehr von der achttägigen Erholungsreise vorgefunden hatte. Sie hatte sich doch entschließen müssen, ein wenig fortzugehen, so entsetzlich müde war sie von allem, was über ihr Herz gestürmt war. Und auch Dr. Klempner hatte so gedrängt.

So hatte sie denn die kleine Handtasche, die sie noch von der Mutter hatte, gepackt und war hinausgefahren in den herbstlichen Wald. Zu müde, um zu denken, aber dankbar aufgetan dem Frieden rings um sie, war sie durch die sonnigen Tage gegangen und hatte so ihre Sicherheit wiedergewonnen.

Die viele Post, die sie hier vorgefunden hatte! O, es war doch schön, daß die Kinder sie nicht allzu rasch vergaßen, die von ihrem Herzen fort in die wilde Welt hinausgestürmt waren.

Die übermütige Lizzie Ebbinghaus schrieb begeistert aus einer mondänen Sommerfrische: „Ich flirte mich zu Tode – und was das Schönste ist: niemand will mir glauben, daß ich erst diesen Sommer Matura gemacht habe.

Alle halten mich schon für einundzwanzig Jahre, – auch der reiche Brasilianer, nach dem alle angeln. Sie zerplatzen, weil er nur mir den Hof macht.“

Und Grete Erb schrieb einen langen, langen Brief aus einer kleinen italienischen Stadt. „Ich glaube, daß nur der Sozialismus diese Probleme lösen kann, – auch das des neuen Liebesrechts des Weibes.“

Fräulein Dr. Südekum lächelte: Das wird kein Ismus können, liebe Grete Erb! –

Und hier ein spöttischer, ein spitziger Brief: „Obwohl man mich zu unanständig fand, um noch länger der Anstalt anzugehören, und tat, als wäre ich das verworfenste Geschöpf, hat mich Mr. Johnson, der Generalvertreter des Welthauses Bloch & Co., wertgefunden, seine Frau zu werden. Er liebt mich abgöttisch. Und das alles ohne Matura.“

– Ohne Matura, – mein Gott! –

„Ich sitze mit meinen Eltern hier in Tirol, und fast ist mir ein wenig bange, daß nun keine Schule mehr sein soll, – daß ich soll morgens schlafen können, so lange ich will, – und nicht mehr in den Garten und nicht mehr lernen. Sobald ich heimkomme, will ich Sie besuchen, liebstes Fräulein Doktor!“ – so schrieb Herta Kobinger.

Von Hertas älterer Schwester aber war ein sehr höflicher Brief da: „zurückgekehrt ... und hoffen Sie bei unserem ersten Empfang als unseren Gast begrüßen zu können ...“

Noch viele Briefe waren da und Postkartengrüße. Fräulein Dr. Südekum betrachtete sie voll Zärtlichkeit.

Aber ganz auf der Seite, gesondert von den anderen, lag ein Brief mit zittriger Hand geschrieben, und ein Bild lag dabei. „Meine Tochter hat uns gestern für immer verlassen und ist unter dem Schutze zweier Schwestern in das Kloster nach Italien abgereist. Dem Wunsche Erikas entsprechend sende ich Ihnen beiliegend ihr Bild.“

Sinnend betrachtete das kleine Fräulein dieses Antlitz, die hungrigen Augen, den so maßlos fordernden Mund. „Leben Sie wohl!“ stand auf dem Bilde.

Fräulein Dr. Südekum nahm alle Briefe und legte sie in eine Lade zu anderen.

Dann aber nahm sie ein Zeitungsblatt, das zusammengefaltet unter den Briefen gelegen hatte. Die Büchertrödlerin hatte sie gestern angerufen, als sie an ihrer Bude vorbeiging, und ihr dieses illustrierte Blatt in die Hand gedrückt. „Es wird Sie interessieren, – sie war doch eine Schülerin von Ihnen – nennen tut sie sich freilich jetzt anders!“

Unter diesem Bilde – o, sofort erkannte sie die so vertrauten, geliebten Züge – auf der ersten Seite der in französischer Sprache geschriebenen Zeitung stand zu lesen: „Wir bringen hier das Bild der mit so beispiellosem Erfolge aufgetretenen siebzehnjährigen Tänzerin Sixta Ferrari, deren Tanzschöpfungen ganz Paris in Atem halten. Wir fügen noch hinzu, daß die schöne Künstlerin das Modell des im Louvre ausgestellten letzten Werkes ‚Göttin der Lust‘ der Pseleuditi ist, für das diese den Rompreis erhielt.“

Ganz langsam zerriß Fräulein Dr. Hanna Südekum die Zeitung in kleine Stücke und warf sie in das Feuer.

Dann trat sie, wie in einem plötzlichen Einfall, vor den Spiegel und betrachtete sich. Und traurig und glücklich zugleich lächelte sie ihrem Spiegelbilde zu: „Ich bin ganz grau geworden – ganz grau.“

Sie setzte den Hut auf und trippelte langsam die Straße hinab, dem großen, weißen Gebäude der Schule zu.

*

Als sie vor der Türe der ersten Klasse stand, blieb sie einen Augenblick stehen und legte die Hand auf das stürmisch klopfende Herz. Aber dann wurde sie ganz still und trat ein. Augenblicklich verstummte der frohe Lärm, der den Raum erfüllt hatte.

„Grüß Gott, Kinder!“ sagte sie freundlich und stieg die Stufen hinauf zu ihrem Pult.

Die Fenster standen offen. Man konnte durch sie hinaus auf den in allen Farben des Herbstes prangenden Park sehen.

Die Lehrerin öffnete ihr Notizbuch, und ihr Blick flog fragend über die Klasse.

„Ich werde euch jetzt der Reihe nach aufrufen und jede, die ich rufe, wird hier! sagen. So werden wir uns kennenlernen. Ja!“

Das kleine Fräulein sah in ihr Buch und rief: „Gerda Brenner!“

Ein verschüchtertes kleines Mädel wurde glutrot, stolperte aus der Bank auf und sagte, indes es seine Augen groß und fragend auf die Lehrerin richtete:

„Hier!“

Vollendet am Semmering, Februar 1927.

Druck und Einband von Hesse & Becker, Leipzig. 3.327

In anderen Verlagen erschienen von Grete von Urbanitzky:

Der verflogene Vogel Gedichte, Wiener Literarische Anstalt, Wien.

Das Jahr der Maria Verszyklus, Wiener Literarische Anstalt, Wien.

Die goldene Peitsche Roman, H. Haessel, Leipzig.

Masken der Liebe Novellen, H. Haessel, Leipzig.

Maria Alborg Roman, H. Haessel, Leipzig.

Mirjams Sohn Roman, J. Engelhorns Nachfolger, Stuttgart.

„Diese Erzählung ist eine überraschende Leistung. Viel weniger noch in der Bewegtheit, mit der die Handlung geführt wird, als in ihrer Architektur, dem Gleichmaß der Verhältnisse, dem Beziehungsreichtum der Motive: sie wirkt wie eine symphonische Partitur, das Historische wird zur Atmosphäre, bleibt nirgends totes Wissen, drängt sich niemals vor und wird eben deshalb zu unmittelbarer Erscheinung; alles ist knapp, ohne toten Punkt, reich an ergreifenden Einzelheiten und ist vor allem vortrefflich erzählt, in einem Stil, der nichts absichtlich Archaisierendes und der doch den Duft des Vergangenen hat. Das Ganze, gleichsam ein weibliches Seitenstück zu Max Brods großartigerem, prachtvoll aufgetürmtem Judenroman ‚Reubeni‘, und eines, das solcher Zusammenstellung nicht unwürdig ist.“

Prof. Richard Specht in der Neuen Freien Presse, Wien.

„Das Buch sollte sich jeder, der Anteil nimmt an den geistigen und seelischen Problemen unserer Zeit, vornehmen. Es ist mit einer Gestaltungskraft geschrieben, mit einer Wucht, mit einer klaren, unerbittlichen Logik, daß man immer wieder erstaunt den weiblichen Autornamen betrachtet. Lest, lest, lest dieses Buch!“

Sächsisches Volksblatt.

„Fast beängstigend vollendet ist dieses Buch, wir spähen nach Fehlern, nach Schroffen, an diesem Marmorbau, denn wir möchten, daß dieses Buch ein Anfang sei und kein Ende. Es gibt manches Problem, das der Hand dieser starken Frau harrt, um von ihr geformt zu werden.“

Robert Hohlbaum in den Leipziger Neuesten Nachrichten, Leipzig.

„Voll dramatischer Kraft sind die Ereignisse geschildert, mit der Intuition des Dichters sind Menschen und ihr Wesen dargestellt. Hat man das Buch zu Ende gelesen, legt man es weg mit dem Gefühl, ein Erlebnis gehabt zu haben.“

M. Fuchs im Pester Lloyd.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

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