Front matter (continued 2)
Reading edition
»Wieso, Herr Baldrian?«
»Weil ich zwei Billette hab. Aber es is mir was dazwischen gekommen. Vielleicht gehn Sie mit Ihrer Frau hin?«
»Ei, mit Vergniege! Ich dank Ihne aach schee, Herr Baldrian!«
»Bitte, bitte!«
— Auf dem Nachhauseweg malte sich Adolf aus, wie Käthchen sich freuen werde.
»Vielleicht geht se mit'm Vadder 'rei?« dachte er. »Ich dhät's zwar gern selwer gucke, awwer dem ahle Bindegerst mecht's sicher noch viel mehr Spaß wie mir! — Dheader, — Gott, wie lang bin ich in kaam Dheader mehr gewese! Ich kann doch'm Kättche werklich gar nix biete! Annern Madamme, die hocke jed' Woch e baar Mal im Dheader unn kenne die Sänger unn Schauspieler schonn von weitem an der Nos. Ja, 's is doch was Scheenes um die Bildung! — Ich freu mich uff'm Kättche sei Gesicht!«
Aber diese Freude war verfrüht.
»Ich geh in kaa Dheader!« fauchte Katharina. »Ich habb dahaam Dheader genuch! Mich indressiert der Stuß net!«
So benutzten denn Adolf und Bindegerst die Karten.
Bindegerst machte sich hochfein. Er schien sich den König David zum Vorbild genommen zu haben, von dem zweimal geschrieben steht »und sie salbten ihm das Haupt«, er ließ sich von Herrn Hippenstiel eine geradezu feudale Frisur zurechtkleben, zog den schwarzen Gehrock an und tanzte reichlich eine halbe Stunde vor dem Spiegel, ehe er mit sich zufrieden war.
»Der Widerspenstigen Zähmung« wurde gegeben.
»Des muß in Amerika spiele,« sagte Bindegerst beim Lesen des Theaterzettels. »Nor in Amerika hawwe die Leut so verrickte Name'! Vincentio, Lucentio, Petruchio, — so haaßt in ganz Offebach kaa Mensch!«
Plötzlich fing er an zu lachen. »Da, les emal: Katharina, die Widerspenstige, Baptistas Tochter. Gut, daß merr's Kättche dahaam gelasse hawwe! Die hätt sich am End' noch bedroffe gefiehlt! — Du, ich bin neugierig, ob die mit #unserm# Kättche konkurriern kann?«
Auch Adolf mußte lächeln.
»Adolf, des is sicher e lehrreich Stick! Adolf, da haaßt's die Ohrn spitze! Des hat sicher e #Verheierater# geschriwwe!«
Sie hatten zwei gute Plätze im ersten Rang, inmitten vornehmer Leute. Bindegerst fühlte sich infolgedessen als Aristokrat, dem kleinen Adolf aber war in dieser noblen Umgebung nicht sonderlich wohl. Er hätte lieber auf der Galerie gesessen, unter seinesgleichen.
»Ich komm merr vor, wie e Köchin, die ihrer Gnädige ihr Schleppekleid aagezoge hat. Da schwebt se drin erum unn dänzelt wie e Wackelpudding, awwer wann se de Schnawwel uffmecht, schmeckt's wie Kardoffelschale.«
Doch bald ließ ihn das Stück das Publikum vergessen.
Das Käthchen auf der Bühne war ein schlimmes Frauenzimmer, das sah er gleich. Aber ihr Vater war wenigstens so ehrlich, es den Freiern im voraus zu sagen. Der pries seine böse Tochter nicht als Quetschenkuchenvirtuosin an, wie Bindegerst. Er warnte Heiratslustige. Und dennoch hielt Petruchio um ihre Hand an.
Herrgott, gibt's mutige Menschen!
Eines freute Adolf: es wuchsen also auch in den vornehmen, reichen Kreisen weibliche Teufel! Nicht nur unter den Proletariern. Das Schicksal ist doch nicht so ungerecht, wie man ihm nachsagt. Die höhere Töchterbildung tut's also doch nicht!
Er schmunzelte.
Bindegerst stieß ihn wiederholt mit dem Ellbogen an. Jedes Mal, wenn die Bühnen-Katharina eine bösartige Antwort gab, oder von ihrer Störrigkeit die Rede war, versetzte er dem Schwiegersohn einen Rippenstoß und flüsterte: »Wie dahaam!«
Am lieblichsten zeigte sich Katharina im zweiten Akt. Gleich in der ersten Szene prügelte sie, ohne Ursache, ihre sanfte Schwester Bianka.
»Wie dahaam!« zischelte Bindegerst und schlug sich vor Freude aufs Knie.
Drei Minuten später haute sie dem Musiklehrer die Laute am Kopf entzwei.
»Die is großartig!« jauchzte Bindegerst. »Ganz wie dahaam! So e Kanallje!«
»Psssst!« machten die Umsitzenden.
Adolf kümmerte sich wenig um Katharinas Böswilligkeiten, ihn interessierte weit mehr Petruchios Stellungnahme. Mit beifälligem Kopfnicken vernahm er dessen Rezept:
»Schmält sie, so sag' ich ihr ins Angesicht, Sie singe lieblich, gleich der Nachtigall. Blickt sie mit Wut, sag' ich, sie schaut so klar Wie Morgenrosen, frisch vom Tau gewaschen.«
Ja, das war auch seine Ansicht: nur mit Güte ist etwas zu erreichen. So wollte auch er es halten.
Aber — o weh! — schon beim nächsten Zusammentreffen erntete Petruchio eine Backpfeife, die aus dem Vorrat des #Offenbacher# Käthchens hätte stammen können.
»Ganz wie dahaam!« jubelte der Drechslermeister. »In des Stick muß 's Kättche erei! Unn wann's hunnert Dhaler kost'!«
Trotz der Ohrfeige erklärte Petruchio die Widerspenstige für seine Verlobte.
Im dritten Akt aber begann er die Pferdekur.
Bindegerst geriet außer sich vor Entzücken, als Petruchio absichtlich zu spät und zerlumpt zur Trauung erschien, in der Kirche wie ein Roßknecht fluchte, dem Priester auf die Frage, ob er Katharina heiraten wollte, mit einem gebrüllten »Zum Donnerwetter, ja!« antwortete, dem Küster den Weinbecher ins Gesicht warf, seine Braut in der Kirche laut abschmatzte, kurz die Widerspenstige auf jede erdenkliche Weise demütigte.
»So mußtde's mache!« rief der Drechslermeister. »Des is mei Mann! Der krieht se klaa! Baß uff, er krieht se klaa, des Oos!«
Die Logenbesucher begannen, sich über den Begeisterten zu belustigen. Aber Bindegerst ließ sich nicht stören.
»Des mißt' merr bei jedder Hochzeit gewwe, des Stick!« schwärmte er in der Pause. »Des is mehr wert wie die scheenst Preddigt! Des is aus'm Lewe gegriffe! Wannn's aach in Amerika spielt!«
Er zog im Foyer die Schnapsflasche aus dem Gehrock und labte sich.
»Nemm Derr e Beispiel«, hetzte er. »Adolf, mach's wie der Amerikaner! Ich garandier Derr for de Erfolg! Ich habb Derrsch schonn emal gesacht: haag se, daß die Lappe fliehe!«
Und als im vierten Akte Petruchio sein Käthchen durch Hunger und Grobheit vollends zähmte, als sie in ihm ihren Meister erkannte, sich aufs Bitten verlegte und zuletzt so mäuschenklein ward, daß sie auf Petruchios Befehl die Sonne für den Mond, einen Mann für ein Weib erklärte, da kannte Bindegersts Wonne keine Grenzen mehr.
»Adolf, wannsde kaa Hansworscht bist, mechstde's gradso! Adolf, ich guck Dich net mehr aa, wannsde's net gradso mechst!«
Adolf war durch das Theaterstück nachdenklich gestimmt worden.
Hatte Petruchio Recht? Mußte der Dichter mit dem seltsamen Namen die Frauen nicht besser kennen als er?
Sollte er dem Rat Bindegersts, der unablässig auf dem Heimweg in ihn hineinredete, folgen?
Ja, er wollte es versuchen.
Auch wenn es bitter weh tat.
Er beschloß, Petruchios Vorbild nachzuahmen.
An einer Straßenecke verabschiedete sich sein Schwiegervater.
»Ich geh noch e Schöppche drinke! Unn morje frieh geht die Dressur los! Adolf, sei e Mann!«
Er verschwand in einer Seitengasse, die sich nicht des besten Rufes erfreute.
… Adolf Borges schloß in dieser Nacht kein Auge.
Grob sein sollte er, wie ein Wüterich auftreten, — wie schwer das sein mußte!
Schreien sollte er, — er, der Sanftmütige.
Und gar schlagen.
Ach Gott! Ach Gott!
Am liebsten wäre er mitten in der Nacht zu dem Schauspieler gelaufen und hätte sich Unterricht geben lassen.
Wie würde Käthchen erschrecken! Von dieser Seite kannte sie ihn doch gar nicht!
Weinen würde sie, gerade wie die Widerspenstige in dem Theaterstück, — und er konnte doch Niemanden weinen sehen!
Oh, welch furchtbare Aufgabe!
Aber es mußte sein. Er konnte sich doch nicht vor Bindegerst lächerlich machen und seinen Vorsatz wieder aufgeben? Und vielleicht half die bittere Medizin tatsächlich?
Am nächsten Morgen erschien Bindegerst ungewohnt pünktlich zum Kaffee. Während Katharina das braune Getränk aus der Küche holte, zwinkerte er dem Schwiegersohn vielsagend zu.
»Sei stark!« bedeutete dieser Blick. »Adolf, jetzt gilt's!«
Und Adolf bemühte sich, stark zu sein.
Kaum hatte er einen Schluck getrunken, so setzte er die Tasse energisch ab und behauptete: »Des soll Kaffee sei'? E Gesöff is des!«
Bindegerst sekundierte: »E Drecksbrieh' is es, awwer kaa Kaffee!«
Katharina war erstaunt.
»Sieh mal an!« dachte sie.
Und laut sagte sie: »Ei, laßt' s doch stehn, wann's Euch net schmeckt! Mir is des schnubbe!«
»Awwer #mir# is es net schnubbe!« begehrte Adolf auf und wunderte sich über sich selbst. »Ich verlang 'n #ordentliche# Kaffee!«
»Unn ich verlang aach en ornliche Kaffee!« echote Bindegerst. »Zum Donnerwedder noch emal!«
Käthchens Erstaunen wuchs.
»Ihr seid wohl verrickt, Ihr Zwaa? Ihr seid scheint's im Dheater iwwergeschnappt?«
»Mir sin noch lang net so meschugge wie Du!« trumpfte Adolf, der allmählich in Schwung kam.
»Noch lang net!« bestätigte Bindegerst.
»Unn so e Gesöff kimmt merr net mehr uff'n Disch!« erklärte Adolf.
Und wie er es bei Petruchio gesehen hatte, packte er die Tasse und feuerte sie in die Zimmerecke, daß die Scherben flogen.
Er hatte erwartet, daß Käthchen nun in Tränen ausbrechen, daß sie um das schöbe Geschirr jammern werde.
Aber es kam ganz, ganz anders.
»Da is noch #mehr# Platz!« sagte Katharina seelenruhig und schmiß Kaffeekanne, Milchkanne, Zuckerdose und ihre eigene Tasse gegen die Wand.
Dann ging sie hinaus, kam mit einem Arm voll Tellern wieder. »So, des könne merr zum Iwwrige lege!« Und knax, holterdipolter, prasselten die Teller auf den Boden.
Dann kamen die Gläser an die Reihe.
Und zuletzt hauchte der Ritter von Stolzenfels am Rhein sein Dasein aus.
»Seid'r jedz zufride?« frug Katharina.
Adolf und Bindegerst sahen sich an.
»Ich wer' an mei Arweit gehe!« sagte Bindegerst kleinlaut.
»Unn ich muß ins Geschäft!« fügte Adolf hinzu.
»Unn mir könnt'r de Buckel erunnerrutsche!« schloß Katharina das Frühstück.
Mittags wartete Adolf vergebens aufs Essen.
Halb zwei Uhr war es schon geworden, um zwei mußte er im Geschäft sein, und noch immer hatte Käthchen nicht angerichtet.
Er schlich in die Küche. »Kriehe merr dann heut nix zu esse?«
»Wodruff? Hastde Deller mitgebracht? Ich habb kaa, die sin all' kabutt.«
Adolf kratzte sich hinter'm Ohr.
»Da haww ich ganz draa vergesse,« stotterte er. »Heut Awend bring ich welche mit!«
»Awwer vorher fegstde die Scherwe uff!« befahl Katharina.
Sie band ihm die Küchenschürze um, drückte ihm Besen und Schaufel in die Hand.
»Marsch, erei, unn uffgekehrt!«
Und der kleine Adolf kehrte demütig die Scherben zusammen.
Bindegerst sah ihm zu und sprach: »Adolf, Du hast Dei Sach' gut gemacht, awwer gege #höchere Mächte# kann der Mensch nix mache!«
»Sei widder gut, Kättche!« bat Adolf abends. »Ich waaß selwer net, was ich heut morje gehabbt habb. Gebb merr en Kuß!«
Aber Käthchen drehte ihm den Rücken. »Merr sin noch lang net fertich miteinanner, mei Liewer! Ich guck, daß Samftmut bei Dir nix nitzt, — gut, ich kann aach annerschter sei'!«
Und sie war fortan so annerschter, daß Adolf auf die Frage des Herrn Baldrian, wie ihm das Stück gefallen habe, antwortete: »Gespielt hawwe se's ganz schee, — awwer des Stick daugt nix! Ganz unwahrscheinlich, Herr Baldrian! E echt amerikanischer Schwindel!«
Gar viele Liebespärchen, solche mit und solche ohne standesamtliche Ambitionen, hatte der Mann im Mond beobachtet, seit er den scheppen Adolf hatte in die Falle gehen sehen, in der ein so magerer Köder hing. Nun hatte er ihn längst aus den Augen verloren. An einem Winterabend aber, als die Luft klar war wie geschliffenes Glas, fielen die Blicke des himmlischen Holzarbeiters wieder einmal in das Dachfensterchen und blieben erstaunt an dem Bilde haften, das sich bot:
Vater Bindegerst hatte das Ohr an die Türe gelegt und lauschte grinsend dem Lärm, der aus dem unteren Stockwerk scholl.
»Se kloppt em de Aazug, ohne daß er'n ausgezoge hat!« schmunzelte er. »Jeder Schlag en Treffer! Ich kann de Adolf net verstehe! So e Eh' hätt ich schonn hunnertmal gekinnigt. Awwer so is des Lewe: e Gemeinheit von hinne bis vorne! Von owwe bis unne. — Ui, schonn widder! Adolf, Adolf, ich ließ merr de Buckel vernickele an Deiner Stell!…«
Er zog den Kopf schnell zurück, denn er hatte unten die Türe gehen hören, setzte sich an den Tisch und zündete behaglich eine Pfeife an.
Schlürfende Schritte kamen die Treppe herauf. Adolf trat ein.
»Hat se widder ihrn elektrische Dag?« erkundigte sich Bindegerst und schnitt ein teilnehmendes Gesicht.
Adolf ließ sich aufs Bett fallen.
»Ich halt's net mehr aus, Vadder!« stöhnte er. »Kaa friddlich Minut haww ich mehr!«
»Der Sultan hält's mit vierhunnert Weiwer aus,« sprach sein Schwiegervater großartig, »unn Du willst net emal die aa aushalte?? — Mach Derr nix draus, Adolf, du waaßt doch, wie se is!«
Aber diesmal war Adolfs Seele zu tief verwundet, als daß sich der Schmerz hätte durch solch schwache Narkotika besänftigen lassen.
»Ich wollt', ich wär dod!« sagte er. »Vier Schuh unner der Erd', — ich glaab, da is's Lewe am scheenste! Da is so still, die Werm unn die Maulwerf sin kaa bissi nervös, unn was vier Schuh #iwwer# merr bassiert, davoo heer unn seh ich nix mehr… Bloß die Sterncher, die leuchte dorch die Erd' dorch, unn dorch de Sargdeckel, unn ich guck se trotz meine geschlossene Aage, unn ihr Schei' mecht merr warm wie die best Zentralheizung. An en Dodedanz, nachts von zwelf bis um aans, waaßtde Vadder, dadraa glaaw ich net. Die Hopserei dhät mich aach nix nitze. Ich kann ja gar net danze. Awwer daß alsemal so e Zwerg, so e Gnom kimmt, glaaw ich, unn hebt de Sargdeckel uff unn guckt neugierig erei, — awwer ich stell mich, als ob ich nix merke dhät, dann ich habb kaa Lust zu babbele. Ich habb im Lewe genuch dumm Zeug geheert. — Gell, Vadder, Du dhust merrsch verspreche, daß De merr Watt in die Ohrn stobbst, wann ich dod bin?«
Bindegerst sah ihn erstaunt an.
Was sein Schwiegersohn für komische Gedankenspaziergänge unternahm! Er selbst hatte ja auch manchmal Halluzinationen, nämlich wenn er seiner Geliebten zu eifrig zugesprochen hatte, aber so verrücktes Zeug kam ihm nicht in den Sinn. Ihm erschien höchstens ein Riese und trommelte ihm mit einer Keule auf den Schädel, und wenn er sich dann aufrichtete, sah er, daß er im Suff mit dem Kopf wider die Drechslerbank geschlagen war, und so lösten seine Visionen sich stets natürlich und logisch.
Aber was sein Schwiegersohn in der letzten Zeit mitunter phantasierte, das grenzte ja an helle Verrücktheit.
»Es schlägt sich bei em uffs Gehirn!« dachte er und beschloß, dem Gespräch wieder eine reale Wendung zu geben. »Was war dann los? Was hat se dann gehabbt?«
»Was se jedz #immer# hat! Se hat doch jedz die fix Idee: ich mißt mehr verdiene! Da leiht se merr derrmit in de Ohrn, des is ihr Leibtrompetestick, wo se merr von frieh bis in die Nacht enei vorbläst! Des geht wie e Uhrwerk —
»Unn wannsde widdersprichst, dann fängt die Uhr aa zu #schlage#!« ergänzte Bindegerst.
Adolf wischte sich mit der Hand über die Augen. »Wann ich nor wisse dhät, ob se mich iwwerhaapts noch lieb hat? Guckstde, Vadder, des frißt an merr unn läßt merr kaa Ruh! Ich dhät merr ja gern alles gefalle lasse, — was zwische meine vier Wänd vorgeht, des guckt ja Niemand —. Maantswege kratzt se merr die Aage aus, awwer #aus Lieb# muß se kratze! Ach Vadder, manchmal, da is merrsch grad, als ob se mich #hasse# dhät, als ob se mich net ausstehn könnt, als ob ich'r zuwidder wär wie Rizinusöl, unn des mecht mich noch ganz krank!«
Er schwieg verzweifelt. Der Alte legte die Pfeife weg, nahm die Flasche unter dem Tisch hervor und stärkte sich durch einen langen Schluck zu der Beruhigungsrede, die er jetzt angemessen hielt.
»Du nemmst's zu schwer!« tröstete er. »Iwwer die Weiwer soll merr iwwerhaapts net so viel nachdenke! Wie se sin, so sin se, — ich habb se net geschaffe, ich wasch mei Pote in Unschuld. Unn's Kättche, no, wo se doch jedz in dem Zustand is …«
»Was for e Zustand?« frug Adolf Borges mißtrauisch.
Bindegerst feixte verschmitzt. »Awwer verstell Dich doch net, Adolf! Des mußtde doch längst gemerkt hawwe!«
»Ich habb nix gemerkt.«
»#Des# hastde net gemerkt? Ei, in #annerne# Zuständ is se doch …«
Adolf war erregt aufgesprungen und ergriff seines Schwiegervaters Hand. »Was hastde da gesacht?!«
»No, bring mich nor net um!! Ich kann doch nix dafor! An mir braachstde doch Dein Ärjer net auszulasse!«
»Ärjer?? Ärjer, Du Rindvieh?« jubelte Adolf und lachte vor Glück. »Is es sicher? Hastde Dich aach net verguckt? Vadder, wann's nor wahr is!!«
»No, heer emal, ich bin doch net farweblind! Se geht doch schonn uff wie Hefeteig! — Unn des merkt der Schlemihl gar net!«
»In annerne Zuständ!« jauchzte Adolf und fing an, in der Stube herumzutanzen.
Er war, nach seinem eigenen Geständnis, in der Kunst Terpsichores ein vollkommener Nichtskönner und doch: selbst die Schwestern Wiesenthal und die Clotilde Derp haben niemals die Freude so überwältigend getanzt wie in diesem Augenblick das scheppe Adolfchen.
»In annerne Zuständ!! Was e Glick, was e Glick! In annerne Zuständ! Vadder, ich wer' meschugge! Ich muß Derr en Kuß gewwe! Odder naa, — ich muß doch erscht emal nachgucke, ob's aach werklich so is! In annerne Zuständ!!«
Und er tanzte zur Türe hinaus.
Kopfschüttelnd sah Bindegerst ihm nach. »Jetz wer' ich bald e Gummizell reserwiern lasse misse!« dachte er. »Hastde schonn so ebbes erlebt! Ich glaab, der schreit noch Hurrah, wann's #Drilling# wern!«
Adolf Borges sprang die Treppe hinunter, mit jedem Sprung drei Stufen, mit den Händen gestikulierend und immer wieder jauchzend: »In annerne Zuständ! In annerne Zuständ!«
Als er aber vor der Schlafzimmertüre stand und gerade die Klinke herunterdrücken wollte, da fiel ihm ein, daß sein Käthchen jetzt nicht in der Laune war, Begeisterungsausbrüche in Empfang zu nehmen, er wandte sich zum Kleiderständer, nahm Hut und Mantel und lief davon.
Der Mann im Mond konnte ihn nun nicht mehr beobachten, denn die Erde hatte den dichten Schleier eines Schneegestöbers vor ihr Antlitz gezogen. Die dicken Flocken flatterten Adolf ins Gesicht, schmolzen auf Nase und Wangen, besäten seinen Mantel mit Sternchen, als wollte der Himmel den kleinen Mann mit unzähligen weißen Orden auszeichnen für das Verdienst der Vaterschaft.
Wie alle Leute, die nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen, hatte Adolf es sehr eilig. Er stürmte durch die Straßen, als gelte es, eine Wette zu gewinnen, bis er sich auf der Landstraße nach Frankfurt fand. Da mäßigte er das Tempo und ergab sich, langsameren Schrittes, seinen stillen Betrachtungen.
»Wie schee is doch die Nadur eigericht': merr denkt an nix beeses, unn uff aamal is e Kind da! Grad als ob's von selwer komme dhät, so wie die Blumme unn die Bäum! Es gibbt Leut, die lasse sich die deuerste Beete in ihr Gärte eneiplanze unn lasse de Gärtner dadraa erumkorkse, Gott waaß wie lang! Awwer se könne sich uff de Kopp stelle: so e schee Zusammestellung, wie se drauße uff de Wiese ganz von selwer werd, bringe se net eraus. Unn wie mit de Blumme, werd's aach mit de Kinner sei'. Die so unverhofft komme, ohne daß merr sich vorher die Bää drum ausreißt, des wern die beste! — Naa, ich mach merr gar kaa Gedanke drum, ob's blond odder schwarz werd, ob's helle oder dunkle Aage hat, ob's e Bub is odder e Mädche. Der Storch is doch kaa Gemiesfraa, daß merr mit'm #hannelt#! Awwer blond wär merr schonn am liebste, unn wisse dhät ich halt gern, ob's helle Aage hat, — ach so, ich wollt merr ja kaa Gedanke driwwer mache!«
Er lächelte in sich hinein und blieb unwillkürlich stehen. Er hörte das feine, silberige Geräusch der fallenden Flocken und dachte: »Der liewe Gott streichelt die Erd'. Unn er hat waaße Glacehandschuh derrzu aagezoge. Unn er fährt mit der Hand iwwer die Schneedeck, wie e Mudder iwwer des Wiegedeckche von ihrem Kindche, unn summt »Schlaf, Erdche, schlaf! …«
Wieder lächelte er.
»Ich möcht nor wisse, was ich heut habb, daß ich heut immer an #Kinner# denk! — Ach so, ich soll ja selwer aans kriehe! Ich krieh ja Kinner!«
Und er rief gegen den Sachsenhäuser Berg: »Heerstde's, ahler Berg, ich krieh Kinner! Ei, Du Spinat unn gehle Riewe unn Quetschebäum unn was sonst da drowwe wachse dhut: Kinner kriehe merr! So dhut doch lache, Ihr verrickte Planze, schlagt doch Borzelbäum: Kinner gibbt's!«
Und er fing laut an zu lachen und schnappte im Übermut mit dem Mund nach den Schneeflocken wie ein Fisch nach einem Brotbrocken.
Und die Telegraphendrähte summten: »Annerne Zuständ«, »Annerne Zuständ«, als würde dieses Ereignis in der ganzen Welt herumdepeschiert.
Eine Kirchturmuhr im nahen Oberrad schlug die zehnte Stunde. Der dumpfe Klang weckte Adolf Borges aus seinen fröhlichen Träumereien.
»Wann ich so weider laaf, bin ich morje frieh in Afrika!« sagte er sich und machte kehrt.
Mit dem Erwachen aus seiner Seligkeit kam ihm auch die nächtliche Kälte zum Bewußtsein. Er fühlte, daß er nasse Füße hatte, und er rieb sich die roten Ohren. Eine Weile trabte er nun still und gesittet auf der Landstraße dahin, gewissermaßen schon umstrahlt von Vaterwürde.
Dann kam die Freude wieder zum Ausbruch. Er bückte sich, knetete Schneeballen und eröffnete ein Bombardement auf Telegraphenpfosten und Bäume.
»Wann ich treff,« sagte er sich beim ersten Schneeballwurf, »dann werd's e Bub! Geht's danewe, werd's e Mädche!«
Und beim zweiten Wurf probte er aus, ob die Haare blond oder schwarz, beim dritten, ob die Äuglein hell oder dunkel werden würden.
Einen blonden Buben mit blauen Augen verhieß ihm dieses Orakel, und er war damit sehr zufrieden.
Schneebedeckt und durchnäßt kam er nach Hause. Er schüttelte Mantel und Hut vor der Haustüre aus und trampelte sich den Schnee von den Stiefeln, um nicht Käthchens Zorn zu erregen.
Recht zärtlich wollte er seine Frau begrüßen und sie gleich befragen, ob Vater Bindegersts Behauptung denn auch wirklich wahr sei?
Aber dazu kam er gar nicht, denn sobald er das Schlafzimmer betreten hatte, schrie ihn Katharina erbost an, wo er jetzt herkäme, und was das für eine neue Mode sei, mitten in der Nacht heimlich aus dem Haus zu laufen?
Einen ganz fürchterlichen Krach machte sie, wahrend dessen sich Adolf bekümmert auszog und niedergeschmettert ins Bett kroch. Katharina drehte ihm den Rücken zu, blies das Licht aus und schlief ein, ohne seinen zaghaften Gute-Nacht-Wunsch zu erwidern.
Ein gehöriger Schnupfen war das erste väterliche Opfer Adolfs.
Am nächsten Morgen beim Kaffee hielt er's nicht mehr aus, er mußte Gewißheit haben. Er hatte seine Frau genau beim Ankleiden beobachtet, aber er, der Unerfahrene, hatte sich kein Urteil bilden können. So blickte er denn, als sie am Frühstückstisch saßen, sein Weibchen recht innig an, beugte sich zu ihr hinüber und wisperte lächelnd: »Is es so weit, lieb Kättche?«
»Mit was?« schrillte es grob zurück. »Kannstde Dich net so ausdricke, daß Dich e vernimftiger Mensch versteht?!«
»Ich maan, lieb Kättche, … es kimmt merr so vor, als ob … als wie wann ebbes Klaanes unnerwegs wär!«
»Unn was weider?«
»Also is es so?« strahlte Adolf. »Is es so?«
Da stand Katharina ärgerlich auf. »Ich habb Derrsch doch schonn gesacht! Frag net so dumm! Was is'n weider dabei!«
Und sie ging in die Küche und schien sehr zornig zu sein.
Im ersten Augenblick war Adolf verblüfft. Dann sagte er sich: »Es kimmt von ihr'm Zustand. Ich wär wahrscheinlich aach net annerschter, wann ich so weit wär!«
Und dies mußte er sich fortan oft sagen. Denn Katharina ward immer unleidlicher und reizbarer. Kein Tag verging ohne Lärmszene. Aber Adolf beklagte sich nicht mehr bei seinem Schwiegervater, er ertrug die geistigen und körperlichen Mißhandlungen mit noch geduldigerer Sanftmut als je. Jede Launenhaftigkeit Katharinas war ihm nur ein neuer Beweis des Glückes, das er zu erwarten hatte. Denn jetzt wußte er den Zustand seiner Frau und dessen Begleiterscheinungen sachverständiger zu beurteilen: hatte ihm doch Bindegerst aus seiner dreibändigen Bücherei »Das Geschlechtsleben des Menschen« zu lesen gegeben.
Daraus erfuhr Adolf mancherlei, was ihm bisher unbekannt gewesen. Die wichtigsten Stellen fielen ihm leicht ins Auge, denn die hatte Bindegerst mit Bleistift angestrichen. Und auch einige Randbemerkungen von Bindegersts Hand fanden sich in dem Buch, die bewiesen, daß der Alte in Bezug auf das Geschlechtsleben des Menschen höchst menschlich dachte.
Bindegerst ließ für einige Zeit das Schnitzen von Affenköpfen sein, er zimmerte ein Kinderbettchen. Den Ausmaßen nach schien es für ein Riesenkind bestimmt zu sein.
Es wurde Adolfs Lieblingsbeschäftigung, dem Schwiegervater beim Bau dieser kleinen Arche Noah zuzuschauen, und schon sah er im Geiste seinen Stammhalter in dem Bretterkasten zappeln. Er gewöhnte sich an, schon jetzt den alten Bindegerst mit »Großvadder« anzureden, und dieser zeigte sich seinerseits durch die Anrede »Herr Babba« erkenntlich.
»Großvadder, maanstde net, merr könnt bei dem Bettche noch so vier Engelsköppcher an die Ecke mache?«
»Unn vielleicht aach noch e Oferohr in die Mitt, Herr Babba?« spöttelte der Meister. Ihn belustigten Adolfs ewige Anregungen zu Verschönerungen des Bettes, und er gefiel sich deshalb darin, ihm die unmöglichsten Verzierungen vorzuschlagen.
»Ich maan als, Herr Babba, merr sollt an dem Bettche en Kleiderhake mit eme Zylinnerhut aabringe! Daß der Bub aach grieße kann, wann der Dokter zum Impfe kimmt!«
»Maanstde net, Herr Babba, merr sollt en Aschebecher draamache? Odder werd's e Nichtraacher?«
Katharina rümpfte verächtlich die Nase, wenn sie Brocken solcher Gespräche aufschnappte. Sie schien sich nicht im mindesten auf das Kind zu freuen, sie nahm ihre Schwangerschaft wie eine etwas lästige Selbstverständlichkeit hin, über die Worte zu verlieren nicht lohnt.
Manchmal mußte sie sich, wenn sie das Essen auftrug, plötzlich mit leisem Stöhnen setzen. Neigte sich dann Adolf besorgt über sie, so knurrte sie böse: »Laß mich! Ich kann des dumm Gedhu net verdrage!«
»Kättche, merr wolle in der Kich' esse, dann braachstde des Esse net ereizudrage!«
»Unsinn! Ich bin net krank!«
»Kättche, willstde dich net e bissi umlege?«
»Mei Ruh will ich hawwe! Ich bin net so zimberlich unn faul wie gewisse annern Leut!«
Fühlte sie Adolfs zärtliche Blicke auf sich ruhen, so drehte sie ihm in spöttischer Verachtung den Rücken. Und einmal sagte sie wütend: »Jedz haww ich genuch von dem alwerne Erum-Gescherwenzel! Des is des erste unn letzte Kind, was ich krieh! Dadafor wer' ich schonn sorje!«
Adolf hatte eine Heidenangst vor der Entbindung. Immer wieder las er »Das Geschlechtsleben des Menschen«, er erkundigte sich eingehend bei Bindegerst, wie es denn seinerzeit zugegangen sei, als Katharina auf die Welt kam.
Aber der konnte ihm nur die Auskunft geben: »Ich waaß es net, ich bin solang spaziere gange!«
Am fünften Mai wurde Adolf vormittags gegen zehn Uhr in das Privatkontor seiner Chefs gerufen.
»Adolf,« sagte der dicke Herr Schröder, »es hat nach Ihne delefoniert, Se solle aageblicklich haamkomme!«
Da wußte Adolf gleich, was los war.
»Herr Schröder,« stammelte er erregt, »Herr Schröder, merr kriehe Kinner!«
»#Merr#??« meinte Herr Schröder. »Merr? — Net, daß ich wißt'!«
Adolf Borges stürmte davon. Er rannte unterwegs eine alte Dame um, aber er hatte keine Zeit, sie um Entschuldigung zu bitten, sondern er fauchte nur im Weitersausen: »Ahl Schachtel, kannstde net Blatz mache!«
Als er zu Hause ankam, war schon alles vorbei. Katharina lag erschöpft und bleich im Bett, mit zusammengekniffenen Lippen. Er stürzte auf sie zu, sie zu umarmen und zu küssen, aber sie runzelte die Stirn und zog den Kopf zurück.
Großvater Bindegerst saß am Bett und sagte: »Ich gradulier! Gut is gange! Awwer 's nächste Mal geh' ich widder spaziere!«
Adolf suchte das Kind. In dem kunstvoll gezimmerten Bettchen lag ein kleines Etwas, das einem gelblichen Affen nicht unähnlich sah. Er wollte es an sich reißen, da sagte eine fremde, dicke Frau: »Nix da! Se hawwe jedz hier gar nix zu suche! Se könne sich den Bub später noch genuch betrachte!«
»Den Bub?« jubelte Adolf. »E Bub is es! Kättche, was e Glick!«
Er wollte wieder zu Katharinas Bett eilen, niederknien, sie küssen; er stieß dabei eine kleine Badewanne um, die am Boden stand, und verursachte eine Überschwemmung.
»Rindviech!« hauchte Katharina.
Die fremde Frau, die sich offenbar hier als Herrscherin fühlte, packte ihn am Ärmel und befahl: »Jedz mache Se awwer, daß Se 'nauskomme! Merr braache jedz Ruh!«
Da stieg er hinauf in das Dachzimmerchen, über die Stufen stolpernd, vor deren Unzuverlässigkeit ihn Bindegerst schon beim Mieten des Zimmers gewarnt harte. Er hatte sich die Nase gehörig aufgeschlagen, aber er spürte keinen Schmerz.
Er streckte den Kopf zum Dachfensterchen hinaus und brüllte: »Ich habb 'n Sohn! 'n Sohn haww ich!«
Aber die Stadt Offenbach nahm keine Notiz von diesem großen Ereignis.
Und plötzlich kniete er vor dem Schrank mit dem kaputenen Schlüssel nieder, betete ein Gebet, über dessen Verwirrtheit alle Engel im Himmel hellauf lachten, schüttete die ganze Frömmigkeit, die in seinem harmlosen Herzen schlummerte, aus.
»Ich dank Derr schee, liewer Gott, daß es so gut voriwwergange is! Ich wer' mich schonn revanschiern! Ich will so e guder Mensch sei', wie's iwwerhaapt noch kaan gewwe hat! Du werst's schonn gucke! Unn laß merr nor des Kättche unn de Bub gesund bleiwe, laß liewer #mich# die Cholera kriehe! Was e scheener Bub, liewer Gott! Unn #ich# bin der Vadder! Gell, da guckstde? Laß en nor was Gescheides wern, liewer Gott, es braacht ja net gleich Brofesser zu sei', awwer so recht e aastänniger Mensch! Unn Geld soll er aach verdiene, denn ohne Moses unn die Prophete, da schweige alle Fleete! Unn sei net bees, liewer Gott, daß ich so 'n Stuß zusammebet', awwer ich bin ja ganz meschugge vor Freud! Amen.«
Im Geschäft wurde die Nachricht vom Familienzuwachs des scheppen Adolfchens mit großer Heiterkeit aufgenommen. Und wieder machten die männlichen Angestellten solche Witze, daß die Damen rot wurden. Aber das wurden sie gern.
Und der eklige Kassierer sagte: »Bloß #aans#? No, gewwe Se de Mut net uff, des nächste Mal wern's schonn Zwilling wern! Ibung mecht de Meister.«
Und der gute Herr Heinrich Baldrian drückte ihm die Hand und sprach in seiner besonnenen Art: »Ich gratuliere Ihnen. Aber es ist eine große Verantwortung, so ein Menschenkind in diese miserable Welt zu setzen. Ich sag's Ihnen offen: #ich# hätte nicht das Gewissen dazu.«
Und der Herr Schröder sagte: »E Bub? Mei' Hochachtung! Dichtige Leut hawwe merr im Geschäft! No, Se wern jetz allerlei Ausgawe hawwe, — vom nächste Erschte ab kriehe Se fuffzeh Mark mehr!«
Und bald ging Alles wieder seinen gewohnten Gang.
Katharina war schon nach wenigen Tagen wieder aufgestanden. Ihr Wesen blieb zänkisch und bösartig, ihre Streitsucht nahm eher zu als ab. Sie bewies dem Kinde keine Zärtlichkeit, sie betrachtete seine Anwesenheit einfach als eine Vermehrung ihres Arbeitspensums, das sie mit mürrischer Selbstverständlichkeit erledigte. Sie vernachlässigte das kleine Gustavchen ebensowenig wie sie je ihren Haushalt vernachlässigt hatte, sie erfüllte ihre Pflicht, — aber wer auf dieser Welt nur seine #Pflicht# tut, tut zu wenig.
Pflicht ist ein häßliches Wort, ein Wort des Zwanges, und erst wenn dieser Begriff aus dem Denkvermögen der Menschen geschwunden sein wird und #dennoch# jedermann »seine Pflicht tut«, werden wir uns rühmen dürfen, Kultur zu besitzen.
Adolf empfand tiefschmerzlich die Lieblosigkeit der Mutter. Für alle seine glücklich-neckenden Fragen, ob der Kleine ihm oder ihr ähnlicher sähe, ob er diesen und jenen Zug von den Borges oder von den Bindegersts geerbt habe, hatte sie nur ein frostiges Achselzucken. Er aber war hemmungslos vernarrt in den Säugling, der nur das Mäulchen zu einem Lachen zu verziehen brauchte, um seinen Vater in einen Taumel des Entzückens zu versetzen.
Täglich entdeckte er neue Eigenschaften an ihm, ausnahmslos Tugenden und Anzeichen ungewöhnlicher Gescheitheit, über die er zu seinem Kummer nur mit dem #Großvater# plaudern konnte, denn Katharina hatte sich ein für allemal dieses »dumme Geschwätz« verbeten.
Den Großvater aber konnte der kleine Gustav nicht leiden. Näherte er sich nur dem Bettchen, so fing er an zu schreien, als stünde die schlimmste Mißhandlung bevor. Weder Adolf noch Bindegerst konnten sich dieses seltsame Verhalten erklären, und doch war die Lösung des Rätsels so naheliegend: das Büblein konnte einfach den Schnapsgeruch des Alten nicht ertragen.
Schrie der Kleine des Nachts, so geriet Adolf in die höchste Aufregung. Er verstand nicht, daß Katharina das Plärren Gustavchens kaum beachtete, und er zweifelte in solchen Augenblicken ernstlich daran, daß Katharina überhaupt Gefühl besäße.
»Heerstde's net?« bat er eines Nachts. »Mach doch 's Licht aa unn gebb 'm die Brust!«
»Gebb Du se'm!« brummte Käthchen.
Die Strenge der Mutter trug übrigens gute Früchte, der kleine Schreihals gewöhnte sich bald das nächtliche Konzertieren ab.
Auch im Geschäft erzählte Adolf von seinem Wunderkind. Er sah nicht die ironischen Blicke, die die Angestellten bei seinen begeisterten Schilderungen austauschten, er hörte aus den scheinbar teilnehmenden Fragen nach Einzelheiten nicht den losen Spott heraus. Er hielt es für aufrichtiges Interesse, wenn sie ihn ausforschten, wieviel das Gustavchen an Gewicht zugenommen habe, wieviel es getrunken habe, und wie es mit seinem Stuhlgang stünde.
Mitten in seiner Arbeit überfielen ihn Zärtlichkeitsanfälle, heftigere noch als damals in seiner Bräutigamszeit. Hatten ihn damals die Putzfrauen dabei erwischt, wie er vor einer Modellfigur niederkniete, so erwischte ihn jetzt der eklige Kassierer dabei, wie er ein frischgeschnürtes Paket gleich einem Wickelkinde in den Armen wiegte und so tat, als kitzle er's unter dem Kinn: »Du-du-du, — wie lacht das tleine Dustavchen?«
Das war dem Gestrengen doch zu bunt, er ging zu Herrn Schröder, sich zu beschweren. »Herr Schröder, des geht net mehr so weider mit'm Adolf! Der werd ja ganz verrickt!«
Aber der dicke Herr Schröder gab Denunziationen grundsätzlich kein Gehör. »Werd er for #Ihr# Geld meschugge, odder for #meins#? — No also!« fertigte er den Angeber ab.
Da Adolf sich in seinen Gedanken unausgesetzt mit seinem Kinde beschäftigte und im Geiste mit ihm die lieblichsten Gespräche führte, passierte es ihm, daß er, als ihn Herr Feldmann rief, antwortete: »Tleich tomm ich, Herr Feldmann! Tleich!«
Da wollte der Chef ernstlich böse werden, aber sein dicker Teilhaber besänftigte ihn: »Lass'n, Hermann! Merr muß Geduld mit'm hawwe: er hat noch e bissi 's Wochebettfiewer!«
Adolf erhoffte von dem Kinde eine glücklichere Gestaltung seines Ehelebens, er glaubte fest, dieses Kinderherz müsse der paradiesische Boden sein, auf dem sich die Eltern nach so langem Mißverstehen finden müßten.
Ach, und gerade durch das Kind erhielt ihr Zusammenleben den tiefsten, unheilbaren Riß.
Ungefähr ein halbes Jahr war Gustavchen alt, als Katharina Sonntags, nach dem Mittagessen, anordnete: »Vadder, geh enuff, Dei Middagsschläfche mache, ich habb mit'm Adolf zu redde!«
Es wurde Adolf unbehaglich bei dieser Ankündigung. Was konnte ihm seine Frau in Abwesenheit des Großvaters zu sagen haben?
»Heer' emal,« sagte Katharina, als sie allein waren, »'s werd Zeit, daß merr uns emal iwwer's Gustavche klar wern!«
Gott sei Dank: um das Gustavchen handelte es sich also! Nun, er würde sich gewiß gegen nichts sträuben, was dem Kinde von Nutzen sein konnte.
Katharina trat dicht vor ihn und frug betont: »Du hast doch vierdausend Mark uff der Sparkass?«
»Ja, Kättche!« antwortete Adolf unsicher und verlegen. »Was is damit?«
»Ich habb mich bisher nie drum gekimmert, awwer des Geld muß uff'm Gustav sein Name geschriwwe wern! Merr sin all nor Mensche unn merr kann net wisse, was bassiert. — Bistde eiverstanne?«
Adolf wußte nicht mehr, was er antworten sollte. Das Geld, ach, das hatte er ja gar nicht mehr. Damit hatte ja Bindegerst seinen Holzlieferanten bezahlt.
Aber nun mußte das Geld unter allen Umständen wieder herbeigeschafft werden. Es #mußte#. Noch heute würde er mit Bindegerst reden …
»Ich habb gefragt, obsde eiverstanne bist?«
»Nadierlich bin ich's, Kättche.«
Sein Blick irrte ratlos im Zimmer umher, er konnte Katharina nicht in die Augen sehen. Ein schrecklicher Gedanke durchrieselte ihn: wenn Bindegerst das Geld nicht mehr beschaffen konnte? Der Großvater hatte zwar versprochen gehabt, ihm Haus und Geschäft zu verschreiben, aber Adolf war viel zu anständig gewesen, ihn jemals an diese Verschreibung zu mahnen.
»Also dann gebb merr des Buch!«
Adolf Borges wurde kreidebleich. Nun half nichts mehr, jetzt galt es Rede stehen.
»Kättche, des is … des is so e Sach!« stammelte er und zitterte am ganzen Körper. »Des Buch … des haww ich nämlich … des haww ich nämlich net mehr.«
»Wa—as?!«
»Des Buch, des haww ich nämlich … 'm Großvadder gewwe … weil er doch Schulde gehabbt hat … unn da …«
Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er starrte mit großen, ängstlichen Augen sein Weib an.
Katharina stand einen Augenblick mit offenem Mund da. Dann brach sie los:
»Du Lump! Du Schuft! Dadafor haww ich mich abgerackert wie e Dier! Dadafor haww ich jeden Fennich zusammegekratzt unn merr nix, nix, nix gegönnt! Du Schwein, Du! Kinner in die Welt setze unn net sorje dafor! Des baßt Derr! Aas!«
»Awwer Kättche … 's is doch Dei Vadder … ich konnt doch den ahle Mann unmeeglich sitze lasse …«
»Den Säufer? Des Schwein, des verdammte? Des sich bei uns dorchfrißt unn kaan Fennich dafor bezählt?« Sie lachte schrill auf. »Zu #mir# hätt' er komme solle! Ich hätt'm was annerscht gebumbt! Unn Du Rindviech gibbst unser schee Geld her! Unn frägst mich net! Saukerl! …«
Sie schlug die Hände vors Gesicht und heulte. In langgezogenen, kreischenden Tönen.
Schuldbewußt stand Adolf neben ihr.
Ja, sie hatte recht, er hatte seinen Sohn um das Geld gebracht. Aber damals, als er sich von Bindegerst beschwatzen ließ, #hatte# er ja noch gar keinen Sohn! Freilich, er hätte dennoch an die Möglichkeit denken sollen …
Katharinas hysterisches Weinen ließ ihm das Herzblut gerinnen. Wie gerne, ach wie gerne hätte er sie durch Liebkosungen beruhigt, hätte er ihr Haar gestreichelt! Aber er traute sich nicht, sie zu berühren. Er wollte ja seinen Leichtsinn wieder gut machen, er wollte den Verlust nach und nach wieder ersetzen: keinen Tropfen Bier würde er sich mehr gönnen, keinen Pfennig Trinkgeld mehr für sich behalten. Und nichts, nichts mehr tun, ohne seine Frau zu befragen.
»Flenn doch net, Kättche! Des dhut merr ja so weh! … Guck, lieb Kättche, der Großvadder hat merr ja des Haus dafor verschriwwe, unn's Geschäft …«
Da schüttelte sie die Wut von neuem. »Des Haus? Des Geschäft? Wo kaan rote Batze wert sin? Wo kaa Backstei' mehr davoo ihm geheert? Du dreckiger Hund, Du Vieh …!«
Sie wußte nicht mehr, was sie schrie. Sie riß das Kind aus dem Bettchen, hob es hoch, rüttelte es wild in der Luft: »Da, guck Derr Dein Vadder aa! Guck Derr'n aa! Dei Geld hat'r zum Fenster nausgeschmisse, der Lump! Hätt er Dich doch gleich hinnerher geschmisse! Des wär des Gescheitste!«
Das Kind brüllte unter den krallenden Griffen Katharinas jämmerlich. Mit einer instinktiven Angstgebärde entriß Adolf es ihr, wollte es zurück legen ins Bettchen, aber Katharina stürzte auf ihn zu, schlug sinnlos auf ihn ein, — und er ließ den Hagel von Faustschlägen stumpf über sich ergehen, das kreischende Kind dicht an sich pressend, um es vor den wahllos niederprasselnden Hieben zu schützen.
Schließlich hörte er die Türe knallend zuschlagen, er hob verstört den Kopf, — er war allein.
Da küßte er das Gustavchen, legte es ins Bettchen, blieb bei ihm sitzen.
»Sei still, Gustavche,« flüsterte er, »danz brav sei', Dustavche! Danz brav is'm Babba sei Liebling!«
Und mitten in diesen zärtlichen Einlullungsversuchen legte er plötzlich sein Haupt auf den Rand des Kinderbettes und weinte lange.
Als das Kind endlich schlief, stieg Adolf hinauf in das Dachzimmer, das seine Zufluchtsstätte in allen Leiden geworden zu sein schien, und sprach zu seinem Schwiegervater: »Nemm Dei Sach, Großvadder, unn zieh erunner! Von heut ab wohn #ich# widder hier owwe!«
Und da Bindegerst ihn fragend ansah, fügte er hinzu: »Ich will nix weider driwwer redde, awwer 's is besser so!«
Und Bindegerst fügte sich. Aber er dachte in seinem Innern: »Des is der Aafang vom End'!«
Von dem Sparkassenbuch wurde nicht mehr gesprochen. Katharina fand sich mit dem Verlust als einer gegebenen Tatsache kurz und energisch ab.
Aber sie wußte sich zu rächen. Sie legte sich eine neue, kränkende Redensart bei, sie gewöhnte sich neben der Behauptung, sie habe »Prinze unn Korferschte heierate« können, den höhnischen Ausruf an: »Merr könne's uns ja leiste! Merr hawwe ja's Geld zum Nauswerfe!«
Hatte sie früher jede Münze dreimal in der Hand gedreht, ehe sie sich zum Ausgeben entschloß, so schien sie jetzt das Sparen für die größte Torheit zu halten. Sie kaufte sich allerhand nichtigen Tand, holte sich bei dem blondgelockten Herrn Hippenstiel Parfüms und Haarpfeiler, fuhr bei ihren Wirtschaftsbesorgungen die kleinsten Strecken mit der Elektrischen und rieb alle diese kleinen Verschwendereien Adolf mit dem Hinweis unter die Nase: »Merr hawwe's ja! Leut wie mir!«
Jeden Sonntag, nach dem Mittagessen, begann sie zu sticheln: »Fahr doch e bissi in die Umgegend, Adolf! Ich bin froh, wann ich Dich net guck. Unn die Koste spiele doch kaa Roll bei uns! Merr hawwe's doch! Leut, die's Geld gleich dausendmarkweis verschenke!«
Adolf ertrug alle diese Niederträchtigkeiten widerspruchslos. Nur manchmal seufzte er tief, strich sich mit der Hand durch die Haare und starrte vor sich hin, aber keine Klage kam über seine Lippen.
Noch immer gab er den Versuch nicht auf, seine Frau durch unerschütterliche Geduld zu zähmen. Nicht aus Trotz war er in das Dachzimmerchen gezogen, sondern weil er zu der schmerzlichen Einsicht gelangt war, daß sein Anblick auf Katharina aufreizend wirkte.
»Wann se mich weniger guckt,« sagte er sich, »wern sich ihr Nerve beruhige! Es leiht ja bloß an de Nerve, — 's Herz is net schlecht. #Sie# kann ja doch schließlich nix dafor, daß ich zu arm bin, um se in e Nervebad zu schicke, wie's die reiche Leut mit ihre beese Weiwer mache. Unn älder werd se ja aach mit der Zeit, unn des Alter, des is die best Massag' for nerwöse Leut. Mit'm erschte Schnorrbarthäärche werd der Jingling meschugge, unn mit'm erschte #graue# Häärche wern die Weiwer vernimftig. Wann merr älder werd, da kimmt aam so vieles ganz wurscht vor, wo merr sich frieher driwwer uffgeregt hat, merr werd viel stiller unn verdräglicher, es is, als ob uff'm Weg zum Dod unnerwegs uff beide Seite Ruhebänkcher uffgestellt wär'n: »Da, ruh Dich e bissi ab unn geweehn' Dich langsam an de ewige Dauerschlaf!«
Tückischer als die neue Redensart war das zweite Mittel Katharinas, ihre Rache zu kühlen: sie hielt geflissentlich das Kind von seinem Vater fern. Sie tat so, als habe er überhaupt keinen Anspruch auf das Kind, sie erstattete ihm nie Bericht, was das Kind während seiner Abwesenheit getan hatte, sie lobte es nicht und tadelte es nicht.
Selbst die Ankunft des ersten Zähnchens, die doch in allen Familien als festliches Ereignis betrachtet wird, überging sie mit Stillschweigen.
Hatte Adolf den Jungen auf dem Schoß, sich an ihm zu erfreuen, so fand sie nach wenigen Minuten einen Vorwand, ihm das Kind wegzunehmen.
Aber ihre Taktik, das Kind systematisch dem Vater zu entfremden, blieb erfolglos. Kinder sind Menschenkenner. Das kleine Gustavchen zeigte eine unverkennbare, unbeirrbare Vorliebe für seinen Papa. Sobald er das Zimmer betrat, fing es an zu lachen, streckte die Ärmchen nach ihm aus, wollte getätschelt sein. Ja, der kleine Wurm wußte ganz genau die Zeit, wann Adolf mittags und abends aus dem Geschäft kam, und fing schon eine Weile zuvor an, unruhig zu werden und mit Gesten nach seinem Vater zu verlangen.
Dann warf Katharina dem Kind einen bitterbösen Blick zu.
Adolf kam nur noch zu den Mahlzeiten herunter ins gemeinsame Wohnzimmer. Den größten Teil seiner freien Zeit verbrachte er in dem Dachstübchen, und es war, als sei er wieder wie ehemals der »möblierte Herr« und nicht der Gatte, der Ernährer der Familie.
Nun saß er wieder manche Stunde am Dachfensterchen und erneuerte die Beziehungen zum Mann im Mond. Er sah wieder von seiner hohen Warte herab die Menschlein wie kleine Käfer in den Straßen krabbeln, aber er ernannte sie nicht mehr zu Pagen seines Märchenhofstaates. Manchmal überwältigte ihn schmerzende Bitterkeit, und er dachte: »Ich wollt, ich hätt e groß Insektepulverspritz, so groß wie e Kanon, damit ich euch Käwwer da drunne beweise könnt, was ich for e Menschefreund bin!«
Das Schneeball-Orakel hatte richtig prophezeit: Gustav wuchs heran zu einem blonden Büblein, seine blauen Augen wurden denen des Vaters immer ähnlicher. Er lernte laufen und drollig plappern. Einer der ersten Sätze seines Sprachschatzes war die selbstgebildete Beschwerde: »Mama bees!«
Nur allzu deutlich zeigte es sich, daß das Kind seine Mutter fürchtete; es beobachtete beim Spielen jede Bewegung Katharinas, als erwarte es jeden Augenblick Schelte oder Schläge.
Für Adolf Borges wurde das Kind eine Art Fetisch. Er trieb eine abgöttische Verehrung mit ihm, einen Gottesdienst, dessen Zeremoniell in der Hauptsache darin bestand, auf allen Vieren vor ihm herumzurutschen und dabei zu krähen, zu bellen, zu miauen.
»Mach nor Dei Hose kabutt!« geiferte Katharina. »Mach se nor hie! Merr könne's uns ja leiste! Merr hawwe's ja!«
Bei seinen Geschäftsgängen machte Adolf, wenn es irgend möglich war, einen kleinen Umweg, um schnell einen Augenblick in die Wohnung hinaufspringen und sein Kind sehen zu können. Das trug ihm dann zwei Rüffel ein, einen von Katharina und einen von Herrn Feldmann, — aber was lag daran?
Er gewöhnte sich allerlei Fertigkeiten an, dem Kleinen damit eine Freude zu bereiten: er lernte aus Zeitungspapier Schiffe und Helme bauen, aus Lappen, die er sich im Geschäft von den Flickmamsells schenken ließ, mit der Schere Tiere und Menschen schnitzeln, aus Holzstückchen Bausteine zimmern.
Mit gespannten Augen und glühenden Bäckchen sah Gustav ihm zu, neugierig, was es werde, und lispelte, mit der Zunge leise anstoßend: »Was machß'n Du da?«
Und dieses »Was machß'n Du da??« beseligte Adolf stets von neuem. Dieses freudige, dankbare, wißbegierige »Was machß'n Du da??« lag ihm Tag und Nacht wie eine süße Melodie in den Ohren, ward ihm zum geflügelten Wort.
»Was machß'n Du da??« lispelte er Bindegerst zu, wenn dieser seine Schnapsflasche an den Mund setzte. Und dann lachten sie Beide Tränen.
»Was machß'n Du da??« sagte er, wenn der Gasmann kam und den Gasometer ablas.
Und wenn des Nachts die Katzen ihre Gesangsproben abhielten, steckte er den Kopf zum Fenster hinaus und schmunzelte: »Was machß'n Du da, ahl Katzeviech? Willstde still sei'! Wo dhät'n des hieführn, wann #mir Mensche# bei der Lieb so e Geschrei mache wollte?!«
In den ersten Monaten der Ehe hatten Katharina und er an den Sonntagnachmittagen zuweilen kleine Spaziergänge in den Stadtwald oder in eine der benachbarten Ortschaften unternommen. Bald aber hatte sie keinen Gefallen mehr an diesen Ausflügen gefunden. In der Regel saß sie Sonntag mittags zu Hause und bastelte an irgendeiner Handarbeit, während Adolf allein in der Stadt und der Umgegend herumbummelte.
Das Heranwachsen des kleinen Zappelphilipps, der nicht den ganzen Tag stillsitzen mochte, machte eine Änderung des Sonntagprogramms notwendig. Bindegerst nahm die Angelegenheit in die Hand, indem er einfach bei einer günstigen Gelegenheit erklärte: »Adolf, mach's Gustavche fertich! Die Sonn' scheint, merr wolle e bissi Luft schnappe!«
Katharina stutzte. Dann sagte sie: »Schert Euch zum Deiwel!«
Sie hatte offenbar ihren Plan, das Kind dem Vater zu entfremden, als aussichtslos aufgegeben und begnügte sich damit, Vater und Kind mit erprobter Technik #einzeln# zu quälen.
Fortan trippelte Gustavchen Sonntag mittags, rechts und links von schwieligen Männerhänden geführt, durch die Stadt und ins Freie. Sein Vater erklärte ihm alle die tausend Wunder und Neuigkeiten, die sich den Kinderaugen bieten, die Denkmäler, Kirchtürme, Bäume, Blumen, Wiesen, Quellen, den Main mit seinen Schiffen, den Himmel mit der Sonne, den Wolken, dem Mond und den Sternen, die elektrische Straßenbahn, die Eisenbahnen, die Hunde, Katzen, Vögelchen.
Oh, wie viel gab es zu sehen in der Welt! Welche Schätze offenbarte allein das Schaufenster des Herrn Hippenstiel! Die zahlreichen Fläschchen, Kämme, Bürsten, die Bartbindenplakate mit den unmenschlich schneidigen Männerbildnissen, die Zahnwasserplakate mit den süßen Grisettenköpfchen, und — o Wunder! — da hingen auch Zöpfe, an denen gar kein Mensch wuchs!
Adolf, der zu Hause so schweigsam war, redete auf diesen Spaziergängen zu Bindegersts Erstaunen wie ein Buch. Und gab es nichts mehr zu erklären, dann erzählte er dem Gustavchen Geschichten, gelesene und improvisierte, was ihm gerade in den Kopf kam. Was in diesen Geschichten alles zusammengehext und zusammengezaubert wurde, das war selbst für eine Märchenwelt zu bunt.
Wurde Gustav müde, so trug sein Vater ihn auf den Armen, oder die kleine Karawane setzte sich zum Ausruhen auf eine Bank.
Während einer solchen Ruhepause sagte Bindegerst einmal plötzlich, indem er Adolfs Hand ergriff: »Adolf, — mich drickt ebbes! Des war damals net schee von merr mit dene vierdausend Mark … Ich hätt's net dhun gesollt …. awwer 's Wasser is merr an der Gorjel gestanne …«
Ergriffen, gerührt von dieser Selbstanklage schüttelte der überraschte Adolf wehmütig den Kopf und lächelte versöhnlich: »Laß gut sei', Großvadder! 's is net mehr zu ännern!«
»Awwer leid dhut merrsch! No, vielleicht kimmt doch emal e Gelegeheit, wo ich mich erkenntlich zeige kann! Vielleicht!«
»Redde merr net driwwer, Großvadder! Ich war Derr nie bees deswege! Werklich net!« schnitt Adolf das Gespräch ab.
Aber es war ihm so vorgekommen, als verschwiege ihm sein Schwiegervater irgend etwas, als sei die Selbstanklage eigentlich die Einleitung zu einer Selbstentschuldigung wegen irgend eines ganz anderen, ihm noch unbekannten Unrechts gewesen.
Und er war auf dem Heimweg sehr nachdenklich und köpfte zerstreut Blumen und Pilze, so daß ihn Gustav wiederholt fragen mußte: »Babba, — was machß'n Du da??«
* * * * *
Die nächsten Jahre in Adolfs Leben leierten sich ab wie ein Drehorgellied.
Die Jahreszeiten führten die ewigen Kämpfe miteinander auf, alljährlich feierte der Frühling seine Auferstehung, um von neuem gekreuzigt zu werden.
Die alte Tante Klio, die ja auch mit der Zeit moderner geworden ist, tippte gleichmütig auf ihrer Schreibmaschine Weltgeschichte. Und wie alle Schreibmaschinendamen tippte auch sie gelegentlich daneben, und daraus entstand mancherlei Unangenehmes für die Menschheit. So hatte sie bei der Eintragung von Adolfs Eheschließung den Namen Katharina mit lauter großen Buchstaben, den Namen Adolf aber mit kleinem Anfangsbuchstaben getippt, und daher stammte das ganze Unglück der Borgesschen Ehe.
Gustav war sechs Jahre alt, in einigen Wochen sollte er in die Volksschule kommen.
»Gott sei Dank, daß es endlich e Ruh gibbt im Haus!« sagte Katharina. »Es is schonn net mehr auszuhalte mit dem miserawele Bub!«
Da erschien an einem Dienstag vormittag Herr Bindegerst aufgeregt im Hause Feldmann & Schröder und verlangte nach seinem Schwiegersohn. »Adolf, komm gleich, der Bub is krank!«
Adolf Borges ließ das Paket, an dem er herumschnürte, fallen und rannte zu Herrn Schröder.
»Ich muß haam, Herr Schröder … mei Bub, der Gustav … er is krank, Herr Schröder.«
Und dabei liefen ihm schon die Tränen über die Wangen.
»No, 's werd net gleich so schlimm sei', Adolf!« tröstete der dicke Chef. »Gehe Se nor! — Ja, Kinner mache Sorje, ich kann aach e Lied dervoo singe, ich habb aach so e Kollektion von Stickerer sechse. Mit Schmerze wern se geborn, mit Schmerze wern se großgezoge, unn mit Schmerze nemmt merr später de Dank dafor in Empfang! Gehe Se haam! Unn ich empfehl Ihne de Dokter Grienebaum, des is e dichtiger Arzt unn net so deuer!«
Unterwegs erstattete Bindegerst bruchstückweise Bericht. Das Kind hatte schon in der Nacht gefiebert, und morgens hatte es keinen Kaffee trinken wollen. »Ich habb Derrsch net gesacht, daß De Dich net uffregst!« Und dann hatte es gehustet, über Halsweh geklagt, und nun lag es im Fieber und ächzte und erkannte Niemanden. Und wimmerte beständig in seiner Bewußtlosigkeit: »Babba, was machß'n Du da??«
»Laaf doch net so, Adolf! Ich komm ja net mit!« pustete der alte Bindegerst.
Ein fremder junger Herr, mit einem koketten Schnurrbärtchen und einem goldgerahmten Zwicker, stand an Gustavs Bett und fühlte den Puls. Er öffnete mit sanfter Gewalt den Mund des fiebernden Kindes, sah in den Hals, zog ihm das Hemd herab, beklopfte Brust und Rücken.
Katharina saß am Fußende des Bettes und harrte des Ergebnisses der Untersuchung. Ihr war keine Erregung anzusehen, sachlich wie eine bezahlte Krankenpflegerin verfolgte sie die Maßnahmen des Arztes.
Adolf hingegen konnte seine Aufregung nicht zügeln, er trat von einem Bein aufs andere, seine Augen hingen mit unendlich rührendem, verzweifeltem Hilfeflehen am Munde des Arztes, die Untersuchung schien eine Ewigkeit zu dauern.
Der Doktor deckte den Kranken wieder zu.
»Es ist ernst,« sagte er. »Zumal das Kind unterernährt ist. Wie alt ist der Junge?«
Adolf konnte nicht antworten. Er mußte sich an einen Stuhl klammern, um Haltung zu bewahren.
»Sechs Jahr', Herr Dokter!« sagte Katharina mit sicherer Härte.
»War er schon öfters krank?«
»Nein, Herr Dokter.«
»Das Herz ist schwach.«
Der Blick des Arztes fiel zufällig in den Spiegel über dem Sofa, er drehte selbstgefällig die Spitzen seines Schnurrbärtchens, rückte den Kneifer zurecht. Ein lautes Schluchzen veranlaßte ihn, den Kopf zu wenden. »Na, Herr Borges, man braucht die Hoffnung noch nicht aufzugeben. Kinder sind manchmal überraschend widerstandsfähig. Allerdings —«
Er trat wieder zum Bett, warf noch einen kurzen Blick auf das Kind.
»Sie scheinen sehr an dem Jungen zu hängen, Herr Borges?«
Adolf nickte.
»Es ist wohl Ihr Einziger?«
Adolf sank an dem Bett auf die Knie, ergriff das herabhängende, fiebernde Händchen und bedeckte es mit Küssen.
»Tja,« sagte der Arzt, »tja …!«
Er wartete einen Augenblick, sah ungeduldig auf die Taschenuhr. »Ich würde Ihnen empfehlen, den Kleinen ins Spital bringen zu lassen. Er hat dort doch eine bessere Pflege. Es ist auch nicht sonderlich gut geheizt bei Ihnen. — Ich werde nachher an die Sanitätskolonne telephonieren. Einstweilen können Sie ihm ja diese Tropfen geben.«
Er schrieb ein Rezept und gab es Adolf, der es hastig zusammenknitterte, aufsprang und in die Apotheke lief.
Dreiviertel Stunden mußte er warten, bis das Rezept ausgeführt war.
Er saß auf einer Bank an der Wand und sah die Käufer kommen und gehen; Leute, die harmlose Dinge kauften wie Hustenbonbons, Watte, Lysoform; vergrämte Mütterchen, die gleich ihm auf Arzneien warten mußten; kokette Dienstmädchen, die mit dem Provisor poussierten; und alle Menschen kamen ihm so beneidenswert, so glücklich vor.
Als er wieder zu Hause eintraf, war das Gustavchen schon abgeholt.
Er wollte wieder davonlaufen, nach dem Krankenhaus, aber Katharina hielt ihn gebieterisch zurück.
»Merr derf'n jedz net besuche! Morje Middag von drei bis vier, — ich habb mich erkunnigt.«
Und der alte Bindegerst sagte: »Des war e netter Mensch, der Dokter. So mitfiehlend.«
Die ganze Nacht hindurch studierte Adolf in dem Buch aus Bindegersts Bibliothek. Es war freilich ausgeschlossen, daß in dem »Geschlechtsleben des Menschen« irgend ein Aufschluß über Gustavs Krankheit zu finden war, aber Adolf dachte in seiner Verzweiflung, vielleicht stünde doch irgend ein Hinweis in dem Buch, der ihn belehre, der ihm Hoffnung geben könne. Vielleicht konnte er den Ärzten doch irgend etwas sagen, an das sie gerade nicht dachten.
Drei Tage später war Gustavchen tot. Der Scharlach hatte ihn dahingerafft.
Wie ein Kriegsverwundeter in den meisten Fällen anfangs nur das Gefühl eines dumpfen Schlages hat, ohne wirklichen Schmerz zu verspüren, bis dann beim Verbinden, beim Heilungsprozeß die unerträglichen Qualen einsetzen, so empfand Adolf zunächst nur eine dumpfe Betäubung. Das Unglück war zu groß, um in seiner ganzen Schwere erfaßt werden zu können. Er hörte die Worte der Krankenschwester: »Ihr Sohn ist leider gestern Abend sanft entschlummert«, aber er konnte sich nichts dabei denken.
Bis plötzlich der Gedanke: »Du wirst Dein Kind nie, nie wieder sehen!« die Wunde mit glühendem Eisen ausbrannte.
Er fand nicht die Kraft, alle jene Gänge und Meldungen zu erledigen, die in unserem geordneten Staatswesen der Tod eines Familienmitgliedes den Hinterbliebenen auferlegt. Die, ach so praktische Katharina besorgte alle diese Dinge mit der Selbstverständlichkeit und nüchternen Klarheit, die sie in jeder Lebenslage bewies. Sie besorgte den Totenschein, bestellte den Pfarrer, kaufte den Sarg, die Blumen, nähte an Adolfs Kleiderärmel den Trauerflor, telephonierte ins Geschäft, ihr Mann könne die nächsten drei Tage nicht kommen, garnierte einen schwarzen Schleier auf ihren Hut, schneiderte sich ein Kleid für die Beerdigung.
Nichts vergaß sie; man hätte meinen können, sie hätte seit Jahren Bestattungen arrangiert.
Dann kam der Tag der Beisetzung.
Die Firma Feldmann & Schröder hatte einen Kranz geschickt, von den Angestellten waren nur Herr Heinrich Baldrian und eine der Putzfrauen erschienen, denn der Herbstausverkauf war in vollem Gang. Einige Nachbarn hatten sich eingefunden, darunter der blondlockige Herr Hippenstiel in einem frischgebügelten, seidengefütterten Überzieher, tadellos gebürstetem Zylinder und erstklassigen schwarzen Glacéhandschuhen.
Adolf sah nichts, er weinte ununterbrochen, sodaß ihm Katharina während der Ansprache des Pfarrers einen Stoß mit dem Ellbogen gab: »Was solle dann die Leut denke!«
Zuletzt schritten die Menschen an ihm vorbei, drückten ihm die Hand, murmelten irgend etwas, was er nicht verstand und nicht verstehen wollte, und dann war er plötzlich wieder zu Hause, im Dachzimmerchen, und nach einer Weile hörte er Katharina schreien: »Komm erunner, der Kaffee is aagericht!«
Sie hatte für ihn kein Wort des Trostes. Sie hatte ihm bei Lebzeiten des Kindes nie erzählt, was der Junge getrieben hatte, sie sprach auch nach Gustavs Tode nie mit dem Vater von ihm. Und als Adolf anregte, eine Photographie Gustavchens vergrößern und einrahmen zu lassen, sagte sie nur: »Des kann merr ja!«
Sie sprach kein Wort, als Adolf das Kinderbettchen aus dem Schlafzimmer hinauftrug in seine Dachbehausung und es neben seinem Bett aufstellte. Sie ließ ihn ruhig den Matrosenanzug, den Gustav Sonntags getragen hatte, hinaufnehmen und in dem Schrank mit dem kaputenen Schlüssel verwahren.
Und als dann das vergrößerte Bild vom Photographen kam, hatte sie nichts dagegen einzuwenden, daß Adolf es oben in seinem Zimmerchen aufhängte. Aber die Rechnung fand sie zu teuer.
Bindegerst, dem der Verlust Gustavchens sehr nahe ging, ersäufte seinen Kummer in Schnaps. Er war mitunter sinnlos betrunken und gröhlte dann allerhand unanständige Lieder, von denen man nicht recht wußte, wo er sie eigentlich her hatte. In seinen nüchternen Stunden arbeitete er an einem Grabkreuz für sein Enkelkind.
Und wie ehemals der Entstehung des Kinderbettes sah Adolf nun dem Werden des Totenzeichens zu. Aber sie scherzten nicht mehr bei der Arbeit, er machte keine Verschönerungsvorschläge, er redete auch den alten Bindegerst nicht mehr mit »Großvadder« an, sondern degradierte ihn zum »Vadder«.
Und acht Tage nach der Einschaufelung Gustavchens gingen die beiden hinaus auf den Kirchhof und richteten das Holzkreuz auf.
Adolf war seltsam ruhig während dieser traurigen Verrichtung, diesmal war es der alte Bindegerst, der seine Tränen nicht meistern konnte. Er jammerte ein über das andere Mal: »Wie merr der Bub fehlt… wie merr der Bub fehlt!«
Adolf konnnte das Jammern nicht mehr ertragen, er schlich während der letzten Spatenstiche davon, ging hinaus in den Stadtwald, in dem der fröstelnde Herbsttag sein Totenamt hielt.
Man hat auf Gemälden oft die Pest als einen Dämon dargestellt, vor dessen Hauch alles Leben dahinsinkt. Solch ein Pestdämon ist auch der Herbst. In seinen gelben Mantel gehüllt, schreitet er über die Erde, und unter seinem Geschwür-zerfressenen Fuß sterben die Blumen und Gräser. Er haucht die Bäume an, und die Zweige verdorren, die Blätter werden vergiftet und fallen ab. Verwesung folgt seiner Spur.
Adolf warf sich auf den kalten Boden und stierte in den Himmel.
Vor langer Zeit, als ihn noch fröhliche Träume umgaukelten, hatte er inmitten blühenden Sommers hier einmal versehentlich seinen Kopf auf einen Ameisenhaufen gebettet und hatte, erschrocken auffahrend, an dieses Mißgeschick mit resigniertem Humor lächelnde Betrachtungen geknüpft. Diese Episode fiel ihm jetzt, durch eine eigenartige Gedankenverbindung, ein. Ach, wie hätte es jetzt seinen Gram gekühlt, den Kopf in einen Ameisenhaufen stecken zu können und den Seelenschmerz durch körperlichen Schmerz zu betäuben!
Wie riesige Galgen kamen ihm die entlaubten Bäume vor, die ihre leeren Äste gleich Querbalken streckten, und er dachte: »Merr sollt sich uffhenke! Da drowwe sollt merr sich uffhenke, unn der Wind dhät ein schaukele, ganz samft unn schmerzlos, unn lang sollt's dauern, bis se ein finne! Unn e Eichhörnche käm' gehippt unn dhät mich aaglotze unn dhät denke: >So'n große Tannezappe haww ich meiner Lebdag noch kaan geguckt!< Unn e Vögelche käm', unn dhät sich uff mei Schulter hocke, unn ließ' sich mitschaukele! Unn wann se mich dann haamgebracht hätte, dann hätt' der ahl Bindegerst widder e neu Kreuz zu schnitzele, unn des praktisch Kättche dhät sage: >Jedz kann ich mei Trauerkleider gleich noch emal benitze unn braach merr kaa neue aazuschaffe<!«
Seine Gedanken verwirrten sich, und plötzlich tauchte aus der Wirrnis eine andere Episode seines Lebens auf, und er sah sich im Odenwald stehen, auf dem Gipfel des Melibokus, wie er dem Käthchen die Welt zeigte: »Guck, lieb Kättche, die Nadur, die is e groß Sparkass, viel größer als wie die Offebächer Städtisch Sparkass, unn wann merr emal in Seelennot komme, dann hewe merr aafach in dere Sparkass en Poste Erquickung unn Trost ab, — unn wann merr aach noch so viel abhewe, #des# Guthawe nemmt kaa End'!«
Und nun war die Seelennot da, aber die Natur spendete keinen Trost, das Guthaben war erschöpft, und er fühlte, nie wieder würde ihm diese Sparkasse Erquickung auszahlen.
Ja, Bindegerst hatte recht: das Leben ist eine Gemeinheit. Eine so unbarmherzige Gemeinheit, daß die guten Kerle, wie Adolf Borges, niemals mit ihm zurecht kommen können.
»Wann des so weider geht,« sagte Herr Feldmann, »dann misse merr'n halt entlasse. Der packt uns ja die ganz Waar dorchenanner, babbt die verkehrte Adresse uff die verkehrte Paketcher, — es geht net mehr!«
Der dicke Herr Schröder ließ seinen Teilhaber ausschimpfen, dann bemerkte er: »Entlasse? 'N Mann, wo so lang im Geschäft is?«
»Wann'r awwer doch Alles verkehrt mecht?«
»Wo so lang im Geschäft is?«
»Wann awwer doch alles Ermahne unn Zuredde nix hilft?«
»Wo so lang im Geschäft is?«
»Solle merr'n vielleicht for's Nixdhun unn Verkehrtmache füttern?« schrie nun Herr Feldmann wütend.
»Ja, des solle merr!« sprach der dicke Schröder mit Überzeugung. »Weil e Mensch kaa gespalte Fedder is, die merr wegwerft, wann merr se kabutt geschriwwe hat. Ich gebb's zu, der Adolf is net mehr, was er war. Seit sei Bub dod is, scheint 'm Alles worscht zu sei', unn ich habb mich schonn grie unn blau geärjert iwwer die ewig Leichebittermien'. Dann ich will #vergniegte# Mensche um mich gucke, mei Lewe is merr selwer mies genuch! — Awwer entlasse? Naa, Hermann, des mache merr net. Wer emal bald dreißig Jahr im Geschäft is, der is bei merr pensionsberechtigt. Net bei 'ner Pensionsanstalt mit hunnert Paragraphe unn sechshunnert Klausle, sonnern bei der Pensionsanstalt da drin!«
Und damit schlug er sich auf den dicken Bauch, ungefähr in die Gegend, wo sein Herz saß, das zwar ein Fettherz war, aber ein sehr gutes Fettherz.
»Mach, was De willst!« brummte Herr Feldmann.
»Des is e ahl Gewohnheit von merr, daß ich mach, was ich will. Unn se is merr bis jedz gut bekomme. Also merr wern de Adolf #net# entlasse. Awwer en zweite Auslaafer wern merr dazu angaschiern, en junge, der em so nach unn nach die Arweit aus de Finger nemmt. Des werd's Geschäft aach noch trage könne, ohne daß es pleite werd!«
So tauchte ein zweiter Ausläufer in der Firma Feldmann & Schröder auf, und Adolf, der sich zu Hause so überflüssig vorkam, kam sich bald auch im Geschäft überflüssig vor.
»Se sollte mich dodschlage unn ausstoppe unn als Modellfigur ins Schaufenster stelle,« dachte er. »Dann dhät ich all die neue Kleider trage, viel scheenere Kleider, als wie ich in meim ganze Lewe getrage habb. Unn ich dhät e recht liewenswerdig Gesicht mache unn dhät als e bissi mit de Aage zwinkere, daß recht viel Kundschaft ereikäm unn kaafe dhät, dann der Herr Schröder is immer aastännig zu merr gewese. Nor wann der eklig Kassierer vorbeikäm, dhät ich die Zung erausstrecke. Unn vielleicht käm aach als des Kättche voriwwer unn dhät dem Prinz odder Korferscht, wo se dann geheierat hätt, des Schaufenster zeige: »Guck, des is mei erschter Mann!« Unn vielleicht dhät se'm aach sage: »Ich unglicklich Fraa! Auslaafer hätt ich hawwe könne, unn en Korferscht muß ich kriehe!«
Er lächelte vor sich hin. Ein Lächeln, in dem viel Mitleid mit sich selbst lag.
Sein Eheleben war ein unheilbar Kranker, das sah er nun selbst ein. Weder mit Gewalt, wie es Petruchio in dem Theaterstück fertig gebracht hatte, noch mit Güte war eine Widerspenstige wie Katharina zu zähmen.
»Merr secht, daß aus der ehelich Lieb mit de Jahrn die still Freundschaft erausschluppt wie e Hinkelche aus'm Ei, — awwer mei Eh' is e Windei. Da schluppt kaa Freundschaft eraus unn kaa Kameradschaft, unn wann ich noch hunnert Jahr druff erumbrüt'! Des Ei, des hat der Deiwel gelegt.«
Äußerlich freilich war seine Ehe seit einiger Zeit geruhiger geworden. Katharina machte ihm kaum mehr Szenen, sie schien es nicht mehr der Mühe wert zu halten. Sie behandelte ihn jetzt mit einem verächtlichen Lächeln, sie benahm sich ihm gegenüber etwa wie ein Lehrer, der einen Schüler endgültig aufgegeben hat. »Wozu sich noch über solch einen Menschen ärgern? Da ist ja doch Hopfen und Malz verloren.«
Adolf bekam pünktlich sein Essen, sein Zimmer wurde aufgeräumt, seine Wäsche wurde gewaschen und geflickt, — mehr hatte er nicht zu beanspruchen.
Um so eifriger beschäftigte sich Katharina nun mit sich selbst. In ihr war offenbar endlich die weibliche Putzsucht erwacht; sie, die bisher stets im Aufzug einer Aufwaschfrau im Hause herumgetobt hatte, begann plötzlich Wert auf proppere Kleidung und eine ordentliche Frisur zu legen. Sie abonnierte eine billige Modenzeitung, schneiderte sich nette Blusen, ja sie fing sogar an, ihre Fingernägel zu pflegen. Sie wurde eine gute Kundin des blondgelockten Herrn Hippenstiel.
Das Glanzstück ihrer Ausstattung war ein greller, knalligbunter Sonnenschirm, der jedem Negerhäuptling zur Zier gereicht hätte. In der Wüste hätte der Sonnenschirm sicherlich sehr dekorativ gewirkt, — in Offenbach blieben die Leute stehen, wenn Käthchen das Monstrum spazierentrug, und dachten: »Da muß e Farwe-Fabrik explodiert sei'!«
Katharina aber hatte sich von je wenig um die Meinung anderer Sterblicher gekümmert; sie fand den Schirm wundervoll, und sie machte es den Kritikern gegenüber wie der Esel in der Fabel, der behauptete, die Nachtigall beneide ihn um seine schöne Stimme.
Adolf hatte anfangs die Änderung in Katharinas Kleidung mit freudiger Hoffnung gesehen. »Se will mich an sich locke!« sagte er sich. »Se will merr widder gefalle.«
Und er beschloß, ihr auf halbem Wege entgegen zu kommen, und dachte schon daran, sein Dachstubenexil aufzugeben.
Aber der erste Annäherungsversuch wurde mit so unverkennbarem Hohn aufgenommen, daß er keinen zweiten wagte. Obwohl ihn Bindegerst dazu ermunterte.
»Du kannst sage, was De willst, Adolf, des war net gut, daß De da enuff gezoge bist! E Mann geheert bei sei Fraa! Sonst kimmt se uff dumme Gedanke! Odder hastde am End' noch die Absicht unn baust Derr e Nest uff de Schornstei' unn haust da drowwe als Klapperstorch?«
»Ich wollt, ich #wär# e Klapperstorch!« seufzte Adolf. »Dann könnt ich jeden Herbst nach Afrika ziehe, unn dhät merr die ahle Piramide aagucke unn dhät mit de Kamele e bissi polidisiern. Nor Kinner bringe dhät ich kaa. Dann ich glaab, ich könnt mich net trenne von dem Storchedeich. All die klaane Buwe unn Mädercher, wie se da erumplätschern in dem Deich unn uff de Blädder von dene Wasserrose Dambfschiffches fahrn, — Vadder, muß des schee sei'!«
Bindegerst ließ ihn stehen. Auch er hatte Adolf längst aufgegeben. Wenn er ihn sah, summte er vor sich hin:
»O Gummizell, o Gummizell, Wie grien sin Deine Blätter!«
Im übrigen wich er Adolf aus, wo er irgend konnte. Es war, als habe der Alte ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen, als fürchte er, das Gespräch könne auf ein Thema kommen, über das er nicht reden wollte oder durfte. Der ehedem so geschwätzige Drechslermeister wurde immer stiller, die Schnapsflasche war seine einzige Ansprache. Sie war von der heimlichen Geliebten zur offiziellen Kaiserin gestiegen, und Bindegerst hielt es für seine Pflicht, alle zehn Minuten eine Audienz bei ihr zu erbitten.
»Vadder, da steht Dei Schnapsflasch uff'm Disch!« mahnte Adolf einmal erschrocken, als er zum Nachtessen herunterkam.
Aber Bindegerst erwiderte: »Des is net die mei'! Die geheert'm Kättche!« Das hatte ihm einen tiefen Stich ins Herz gegeben. Also auch Käthchen fing an …
Aber er hatte nichts gesagt. Er wußte ja, sein Wort galt nichts. Vielleicht hatte Käthchen ganz recht, und es war tatsächlich das beste, das Leben, dieses zweifelhafte Geschenk, von dem man nicht wußte, ob es vom lieben Gott oder vom Teufel stammt, im Halbschlaf, in der Narkose des Alkohols zu verbringen? Vielleicht haben die Eltern Unrecht, die ihre Kinder zu eiserner Pflichterfüllung erziehen, und jene Leichtlebigen sind die besseren Eltern, die die Genußsucht ihrer Sprößlinge fröhlich und ungehemmt emporschießen lassen? Vielleicht ist der Fleiß nur eine törichte Angewohnheit, und die Ehrlichkeit nur eine Feigheit?
»Ich wer's #aach# emal mit'm Schnaps browiern!« nahm sich Adolf vor.
Aber er brachte es nicht übers Herz. Ihn ekelte davor. »In meim Alter lernt merr nix mehr dazu«, sagte er sich resigniert. »Net emal mehr e Laster! Dreißig Jahr frieher hätt ich 's Saufe aafange solle, dann wär vielleicht e glicklicher Mensch aus merr worn!«
Und er sann: »Weshalb dhut's Kättche drinke? Hat se'n Schmerz zu bedäuwe? Is se unglicklich? Unn #wann# se unglicklich is, wer annerschter kann draa schuld sei' wie #ich#? — Awwer ich dhu err doch nix zu leid? Ich redd err doch in nix erei, ich gebb err doch Alles, was ich verdien, unn habb noch nie e Abrechnung verlangt? Awwer vielleicht is des grad der #Fehler#? Vielleicht faßt se des als Gleichgiltigkeit uff?«
Er spann diesen Gedankenfaden weiter, und die Frage überfiel ihn: »Lieb ich se eigentlich noch?«
Ach, das war eine schmerzliche Frage, — viel, viel peinigender als die Frage, die er sich ehemals vorgelegt hatte: »Hat se #mich# eigentlich noch e bissi lieb?«
Liebte er Katharina noch? Wenn er sie nicht mehr liebte, dann lastete ja alle Schuld des Unglücks auf #ihm#, dann war #er# es ja, der die Ehe entweiht hatte, dann hatte er sie durch ein Gelübde an sich gelockt, das zu halten er nicht imstande war.
Und der arme Adolf Borges, dessen ganzes Wesen lichte Güte war, zermürbte sich in Selbstquälerei: kannst Du überhaupt lieben? So lieben, daß es nicht nur Dich, sondern auch den Gegenstand Deiner Liebe beseligt?
Oder war seine Liebe nur ein süßer Eigennutz? Zuckerzeug der Seele, das man behaglich lutscht, sich einen Genuß zu verschaffen?
»Hätt' ich's iwwer 's Herz gebracht, in die Dachstubb zu ziehe, wann ich se werklich noch lieb hätt'? Hätt' ich des in de erschte Jahrn von unserer Eh' gekönnt? Da haww ich doch net eischlafe könne, wenn ich se net newe merr gefiehlt habb!«
Aber ihm kamen selbst Zweifel, ob dies ein Prüfstein der Zuneigung sei.
»Merr werd doch älder, unn immer fordissimo singe, des kann kaa Mensch. Außer'm ahle Bindegerst. Is die Lieb werklich wie e geheizt Zimmer, wo merr von Zeit zu Zeit nachschürn muß, daß merr net erfriert? Kann merr die Lieb iwwerhaapts mit'm Thermometer nachmesse?«
Nein, so konnte er sich nicht über den Zustand seines Herzens klar werden. Er begann sich auszumalen, wie sein Leben wohl #ohne# Katharina aussehen würde?
Und da mußte er sich gestehen: nein, ohne Katharina konnte er sich sein Dasein nicht mehr vorstellen. Der Gedanke, daß sie vor ihm sterben könne, daß er sie überleben könne, war unmöglich. Katharinas Tod würde auch der seine sein.
Und er jubelte auf: »Ich lieb se noch! Gott sei Dank, ich lieb se! Net mit erer Lieb, die sich alle fimf Minute abknutsche muß, awwer mit 'rer Lieb, die wo aach des schlimmst häuslich Gewidder net entworzele kann! Ich lieb se noch! Unn wer net uffheern, se zu liewe! Grad wie de klaa Gustav!«
Er hatte sich von Herrn Schröder eine der ausrangierten Modellpuppen, die oben auf dem Speicher moderten, schenken lassen, eine jener Holzpuppen, die ehemals zum Ausstellen von Schulanzügen für Knaben gedient hatten, bis vornehmere Wachsfiguren ihnen dieses Amt abnahmen.
Diese Holzpuppe hatte er mit heimgenommen, hatte ihr Gustavchens Matrosenanzug angezogen.
Nun stand sie neben seinem Bett, und manchen Abend saß er davor, zupfte die Joppe zurecht, band ihr den Schlips und führte mit ihr die seltsamsten Gespräche.
Oder er rückte seinen Stuhl ganz dicht heran, schnitzelte aus Zeitungspapier Schiffchen und Helme, und ihm war, als höre er wieder das süße Stimmchen lispeln: »Was machß'n Du da??«
Und der Mann im Mond schüttelte den Kopf und murmelte: »Thät' er lieber Schnaps saufen! Das war' immer noch besser!«
Im Geschäft machten sie jetzt kaum mehr Witze über ihn, — denn Witze macht man nur über Menschen und Dinge, die man innerlich ernst nimmt. Den kleinen Adolf aber betrachteten die übrigen Angestellten lediglich noch als Gnadenbrotempfänger. Der neue Ausläufer, ein fixer, mundgewandter Kerl, hatte fast alle Packarbeit an sich gerissen, und an Adolf Borges erinnerte man sich eigentlich nur noch am Tage der Gehaltszahlung.
Und auch da schien man ihn einmal zu vergessen. Denn der eklige Kassierer, der jedem Angestellten am Monatsschluß das Gehalt in verschlossenem Briefumschlag aushändigte, überging ihn. Verdutzt wartete Adolf, bis es Zeit für ihn war, die Pakete zur Post zu bringen, dann klopfte er an die angelehnte Türe des Privatkontors.
»No, Adolf, was is dann?« frug väterlich der dicke Herr Schröder.
»Ich habb kaan Lohn krieht, Herr Schröder. Ich bin vergesse worn.«
Herr Schröder sah ihn erstaunt an. »Awwer Adolf,« sagte er vorwurfsvoll, »Se hawwe'n doch schonn längst! Ihne Ihr Fraa hat'n doch vor acht Dag perseenlich abgeholt. Unn hat sich aach noch Vorschuß gewwe lasse uff's nächste Mal! Wisse Se dann des net?«
»Doch!« stotterte Adolf. »Nadierlich!… Entschuldige Se bloß… mei Kobb… mei Gedächtnis läßt mich als im Stich…«
Er lief schnell hinaus. Er fürchtete, man könne ihm seine Bestürzung, sein Entsetzen ansehen. Die Kunst der Verstellung hatte er nie beherrscht.
Als Adolf an diesem Abend das Postgebäude verließ, trat Herr Heinrich Baldrian, der offenbar auf ihn gewartet hatte, auf ihn zu.
»Gu'n Abend, Adolf«, redete er ihn an. »Wollen wir nicht 'n Stückchen zusammengehen?«
»Wann Se sich net scheniern, mit so'me schäwige arme Deiwel zu laafe«, erwiderte Adolf bitter.
»Reden Se kein' Unsinn!« sprach Herr Baldrian. »Wir können aber auch 'n Glas Bier zusammen trinken, wenn Ihnen das lieber ist?«
»Naa, Herr Baldrian, des geht net! Ich habb kaa Zeit, ich muß haam bei's Gustavche!«
Heinrich Baldrian sah ihn von der Seite an. Was sagte Adolf da?
Einige Minuten schritten sie schweigend nebeneinander.
Dann hub Herr Baldrian an: »Adolf, ich hab' heut Abend die kleine Szene zwischen Herrn Schröder und Ihnen beobachtet, — hm, wenn Sie vielleicht etwas Geld brauchen?«
Unwillkürlich blieb Adolf stehen. Er war leichenblaß geworden.
»Nun ja,« sagte Herr Baldrian, »ich geb's Ihnen gern. Wirklich. Und kein Mensch wird's erfahrn. Mein Ehrenwort.«
Er hatte noch mehr sagen wollen, aber erschrocken hielt er inne.
Denn Adolf lehnte an einem Laternenpfahl, das Gesicht in den Händen bergend, und haltloses Weinen schüttelte seinen Körper.
»Aber Herr Borges, was ist Ihnen denn? Wenn ich das gewußt hätte… Ich wollt' Ihnen ja nicht weh tun…«
Da raffte sich Adolf wieder auf, richtete seine nassen, blauen Kinderaugen stumm auf den Begleiter. Und es war Herrn Baldrian, als hätte er noch nie in so dankbare, treue Augen geblickt.
Ganz beschämt fühlte er sich, und wie abwehrend meinte er, in grenzenloser Verlegenheit: »Aber Adolf, Sie überschätzen das… Das ist gar kein so großes Opfer für mich!«
Adolf drückte seine Hand und flüsterte: »Ich waaß, Herr Baldrian, ich waaß!… Sage Se nix mehr, sage Se nix mehr… Ich waaß schonn!…«
Und nach einer Weile: »Sin Se froh, Herr Baldrian, daß merr uff der Gass' sin, unn daß die Laderne so hell brenne, — sonst dhät ich jedz vor Ihne nidderkniee… Herr Baldrian, Se wisse ja net, wie dankbar so e eisamer Mensch sei' kann!«
Oh doch, das wußte Heinrich Baldrian nur zu gut. Und deshalb sprach er im Weitergehen: »Adolf, ich bin vielleicht noch viel einsamer gewesen als Sie! Aber man muß das Leben nicht so wichtig nehmen. Schattenbilder, sonst nichts. Zur Freude am Leben gelangt man erst, wenn einem das Leben gleichgültig geworden ist. Der liebe Gott hat den Menschen aus Erde gemacht, heißt es — aber an dem Tag muß es beständig geregnet haben, und so ist der Mensch aus lauter Schmutz entstanden. Schmutz, wohin man sieht — vergoldeter Schmutz, versilberter Schmutz oder unbeschönigter, purer Schmutz. Aber das macht nichts. Das ist sogar ganz lustig, wenn man erst einmal dahinter gekommen ist. Solang man sein Glück von den Menschen erhofft, ist man zur Einsamkeit verdammt. Man muß sich jenseits des Lebens umsehen und seine arme Seele mit den überirdischen Stationen telephonisch verbinden lassen, mit der Religion, oder der Dichtkunst, oder der Musik, oder der Philosophie. Und das schönste ist: wenn man so mitten im besten Telephongespräch ist, dann merkt man auf einmal, daß das Fräulein in der himmlischen Telephonzentrale wieder einmal geschlafen hat, und daß man #mit sich selbst# verbunden ist.«
So redete Herr Heinrich Baldrian wohl eine halbe Stunde lang.
Aber Adolf Borges schüttelte verneinend den Kopf. »Se maane's gut, ich spier's, unn es dhut merr wohl, so wohl — awwer des is All zu hoch for mich! Ich geheer' scheints zu dem #unbeschönigte# Schmutz. Ich versteh nix von der Philosophie unn all dem Zeug, unn #wann# ich ebbes dervoo verstehn dhät, dhät merrsch aach nix nitze! Des verseehnt merr mei Kättche net, unnn gebbt merr aach mei Gustavche net widder. — Gu'n Nacht, Herr Baldrian! Schlafe Se wohl! Grieße Se merr des himmlisch Delefon, — awwer ich bin e armer Schlucker unn kann merr kaan Delefonanschluß leiste!«
Dies war der letzte Abend in Adolfs Leben, an dem die Nächstenliebe seinen Weg kreuzte. Und bald dämmerte der Abend, der sein letztes bißchen Glückshoffnung in Scherben schlug.
Er saß Katharina gegenüber am Abendtisch und würgte schweigend das bescheidene Essen herunter. Das war nicht das beseligende Schweigen, das zwischen zwei Freunden webt, die des groben Werkzeugs der Sprache zur Sicherung gegenseitiger Hingabe nicht bedürfen, ein verbittertes Schweigen war es, hinter dem das Mißtrauen lauerte, ein Schweigen, das die Angst vor bösen Worten diktierte.
Katharina hatte sich nach ihrer neuen Gewohnheit so durchdringend parfümiert, daß der süßliche Geruch sogar den scharfen Duft der marinierten Heringe übertäubte. »Wo nor der Vadder bleibt?« sagte Adolf schließlich. »Die Quellkartoffle wern ganz kalt.«
»Dann soll er se #kalt# fresse!« knurrte Katharina. »Ich habb'm schonn zwaamal gerufe, die Gorjel kann ich merr net aus'm Hals kreische!«
Adolf aß weiter. Aber als nach einer Viertelstunde Bindegerst noch immer nicht erschien, stand er auf. »Ich wer' en hole!«
Er tastete die Treppe hinunter, auf der aus Sparsamkeit kein Licht brannte.
Das Geräusch des Holzsägens drang an sein Ohr.
Er schmunzelte. Was mochte der Alte zu so später Stunde noch für ein Kunstwerk zusammenzimmern? Welche Arbeit nahm ihn so gefangen, daß er sogar das wiederholte Zeichen zum Essen überhört hätte?
Aber plötzlich lief es Adolf eiskalt über den Rücken. Das war kein Holzsägen … das war ein langgezogenes Röcheln…
Er sprang atemlos die Stiege hinab, riß die Türe zur Werkstatt auf.
Da lag der alte Bindegerst mit geschlossenen Augen neben der Drechslerbank am Boden. Die Hände griffen mit gekrümmten Fingern nach dem Hinterkopf, aus dem das Blut sickerte, und mit dem Schnaps der zerbrochenen Flasche eine schmierige Lache bildete.
»Vadder, was is Derr?«
Adolf kniete neben ihm nieder, versuchte den Ächzenden aufzurichten.
»Vadder«, wimmerte er. »Vadder, so redd doch 'n Ton!«
Aber der Alte gab keine Antwort. Nur sein Röcheln klang noch schärfer, und sein Gesicht verzerrte sich in doppeltem Schmerz.
Adolf stand auf. Instinktiv erkannnte er, was geschehen war. Der Alte hatte, wie so oft, im Schnapsrausch das Gleichgewicht verloren, war gegen die Drechslerbank getaumelt und mit dem Hinterkopf in eines der geschärften, spitzigen Werkzeuge gefallen.
Wieder kniete er nieder.
»Vadder, kennstde mich dann net? Ich bin doch der Adolf!«
Er rüttelte den Bewußtlosen.
Da schlug Bindegerst die Augen auf. Seine Hände tasteten an Adolfs Ärmel. Er richtete den Kopf ein wenig empor, sank aber gleich wieder zurück.
»Willstde Wasser, Vadder? So sag doch ebbes … ich fercht mich ja so!«
Die Lippen des Sterbenden bewegten sich, aber er brachte kein Wort hervor.
»Willstde merr was sage, Vadder?«
Ein kaum sichtbares Kopfnicken.
Adolf riß ihm die Joppe auf, nestelte mit zitternden Händen den Kragen ab. Das schien dem Verblutenden wohl zu tun.
»Adolf … Adolf … ich habb Derrsch versproche … weilsde merr mit dem Sparkassebuch …«
»Awwer Vadder, des is doch jedz ganz egal, des dhut doch nix …«
»Adolf …!«
»Ja, Vadder?«
Er beugte sein Ohr dicht zu Bindegersts Mund. Aber die Worte ertranken in rasselndem Stöhnen.
Adolf umarmte den zuckenden Leib, küßte die Stirn verzweifelt.
Noch einmal kehrte das Bewußtsein auf kurze Augenblicke zurück.
»Adolf … Du bist … zu gut for se …«
»Nein, Vadder! Nein!« jammerte Adolf. »Sag des net!«
»… Adolf … des Kättche unn der Hippestiel … der Friseer … schon iwwer zwaa Jahr … Adolf!!«
Er versuchte sich aufzurichten, seine angstvoll geweiteten Augen starrten in unbekannte Ferne. »…ich wollt Derrsch schon immer … die zwaa … des Kättche unn der Hippestiel… die zwaa…«
Er ballte die Faust, sein Leib wälzte sich in der Lache, seine Linke griff in die Scherben der Flasche, zerkrallte sie. Aber er fühlte nichts mehr.
Adolf rannte die Treppe hinauf. »Kättche, der Vadder sterbt!«
Ein gellender Schrei antwortete ihm.
Dann war er allein.
Er schloß die Türe zur Treppe. Eisige Ruhe überkam ihn. Noch nie in seinem Leben hatte er die Dinge so klar gesehen.
Was geschah hier? Sein Schwiegervater starb. Gut, alle Menschen müssen sterben. Auch sein Gustavchen hatte sterben müssen. Und war doch so jung gewesen.
Aber weshalb hatte Katharina so geschrieen? Das war der Schrei tiefsten Schmerzes gewesen. Also liebte sie doch einen Menschen, ihren Vater. — Ihren Sohn, ihren Gatten hatte sie nie geliebt. Merkwürdig.
Aber mit dem Vater hatte sie ja unter einer Decke gesteckt. Die Beiden hatten ja gemeinsames Spiel gespielt, sie hatte ihn betrogen, und der Alte wußte es — seit zwei Jahren — —
Plötzlich griff er mit den Händen an den Hinterkopf, so wie es vorhin Bindegerst getan hatte.
»Ich will nix wisse!« stöhnte er. »Ich will nix wisse!«
Er ging wieder hinunter in die Werkstatt.
Da lag der alte Bindegerst ganz still. Und Käthchen saß auf dem Schemel, auf dem er einst dem Alten beim Schnitzen der Wiege und dann beim Zimmern des Grabkreuzes zugeschaut hatte, und weinte, wie er sie noch nie hatte weinen sehen.
Es trieb ihn unwillkürlich, sie zu trösten, er hob die Hand, sie zu streicheln, aber er zog die Hand wieder zurück, als habe er sie glühendem Eisen genähert. Und ging hinaus.
Und wieder kam der Zug zum Friedhof, der Pfarrer redete, die Nachbarn drückten ihm beileidsbezeigend die Hand, und Herr Hippenstiel trug wieder seinen tadellos gebügelten Zylinder und die erstklassigen schwarzen Glacéhandschuhe.
Adolf beobachtete ihn genau. Er lauerte, ob der Friseur und Käthchen einen Blick wechseln würden.
Aber Katharina hielt während der ganzen Dauer des Begräbnisses das Taschentuch vors Gesicht und schluchzte ununterbrochen.
Und Adolf dachte: »Vielleicht haww ich'n in der Uffregung falsch verstanne. Vielleicht hat er aach in der Besoffeheit net gewißt, was er redt. Odder vielleicht hat'r ganz was annerscht sage wolle, unn die Wörter sin em im Sterwe dorchenanner komme? Könnte ich'n nur aus der Erd' kratze unn en noch emal frage!«
Er nahm sich vor, Hippenstiels Laden zu besuchen. Er wollte sich rasieren lassen und dabei genau auf das Benehmen Hippenstiels und des Gehilfen achten: irgendwie würden sie sich schon verraten, durch ein Lächeln, ein Zucken der Mundwinkel, eine unwillkürliche Geste. Oh, ihm würde nichts entgehen.
Aber er führte den Plan nicht aus. Ihm fehlte die Tatkraft. Er besaß nicht den Mut, dem Unglück entschlossen entgegenzutreten. Er wußte nicht, daß das Unglück eines jener Raubtiere ist, die keinen Angriff wagen, wenn man ihnen furchtlos ins Auge sieht.
Statt sich durch rasches Zugreifen Gewißheit zu verschaffen, fing er an zu grübeln, zu kombinieren, wie es seine Art war.
Er rief sich jene Szene draußen auf der Waldbank ins Gedächtnis zurück, als Bindegerst ihn so unvermutet wegen des Sparkassenbuchs um Verzeihung gebeten hatte: »Vielleicht kimmt doch emal e Gelegenheit, wo ich mich erkenntlich zeige kann! Vielleicht!«
Was hatte der Vater damit gemeint? Hatte er Adolf damals schon die Augen öffnen wollen? War das eine Andeutung gewesen, die er nicht verstanden hatte?
Er hatte ja auch im Sterben vom Sparkassenbuch zu lallen begonnen. Sollte die Enthüllung der versprochene Dank sein?
Und wie ihm Bindegerst in der letzten Zeit ausgewichen war! Und sein Vorwurf »des war net gut, daß De da enuffgezoge bist!« Hatte der Alte deutlicher sein können? Und das Alles hatte er überhört.
»Ich bin blind«, sagte sich Adolf. »Wie die Kinner, wann se Blindekuh spiele, laaf ich mit verbunnene Aage erum, unn dapp nach rechts, unn dapp nach links, unn erwisch nix, sonnern reiß merr nor an de Bäum unn Hecke die Händ blutig! Ich bin dümmer wie die Bolizei erlaabt, unn grad uff #dem# Gebiet erlaabt doch die Bolizei mehr wie uff jeddem annern. Ich bin e Kamel, so groß, daß es in der ganze Wüst' kaan Blatz hätt'. Wie der Verstand ausgedeilt worn is, muß ich geschlafe hawwe. Awwer ich glaab als, der Verstand is iwwerhaapts net #ausgedeilt# worn, sonnern der liewe Gott hat'n unner die Mensche geschmisse, wie die reiche Leut als Klaageld unner die Buwe schmeiße, unn die Frechste hawwe am meiste erwischt.«
Konnte sich der alte Mann nicht überhaupt getäuscht haben? Wenn seine Anklage sich nur auf leeren Verdacht gründete? Einen Beweis hatte er ja nicht gegeben.
Aber war Katharinas verändertes Wesen nicht Beweis genug? Für wen zierte und schmückte sie sich? Und parfümierte sich, daß es kaum auszuhalten war? Und behandelte ihn mit offenkundiger Verachtung? Mit der Verachtung, die dem Manne, der sich betrügen läßt, nur allzu reichlich gebührt?
Adolf wußte nicht, was er glauben sollte. Denn er #wollte# nicht glauben. Ihm war zumute wie einem schuldigen Verbrecher vor der Urteilsverkündung. Er bebte: gibt es kein Mittel, gar kein Mittel, die Entscheidung hinauszuzögern?
Nun wich er Katharina aus, wie ehemals Bindegerst ihm. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen, nicht mit ihr sprechen. Gleichgültiges brachte er nicht über die Lippen, und den Verdacht, der ihm die Seele beschwerte, wollte er nicht preisgeben.
Er kannte aus Romanen und Zeitungsgeschichten die heroische Geste, mit der sich betrogene Gatten zu rächen pflegen. Aber zu dieser Geste hätte er sich nie aufraffen können. Denn er verspürte keinen Rachedurst. Nicht einmal richtig »böse sein« konnte er dem Herrn Hippenstiel, — nur traurig war er, trostlos traurig.
Alle Sterne seines Himmels waren erloschen, tiefschwarze Nacht umbrodelte ihn.
»Was haww ich eigentlich von mei'm ganze Lewe gehabbt? E Fußball bin ich, den wo die Herrn Feldmann unn Schröder vom Geschäft uff die Post, von der Post haam, unn von dahaam ins Geschäft gekickt hawwe! Unn wie e Fußball bin ich von alle Mensche nor mit Fußtritte beehrt worn. — Naa, daß ich gerecht bleib, e paar aastännige Mensche haww ich #doch# kenne gelernt: de Herr Bernheim, der merr immer sei Butterbrod zor Vesper gewwe hat, »Da, Adolf, freß!« unn de Schröder, des gutmiedig Zwaazentnerferkel, unn de Herr Baldrian, der mich zum himmlische Delefonfräulein ausbilde wollt'. Des warn gute Mensche, unn wann die groß Schnaps-Sintflut komme dhät, wo der ahl Bindegerst davoo geschwermt hat, dann dhät ich de liewe Gott bitte: »Nemm die drei mit in die Arch', se verdiene's! Die iwwerig Menschheit kannstde ruhig versaufe lasse! Mich zu allererscht! Ich kann sowieso net schwimme! Wann ich aach e Fußball bin.
Unn ich habb doch emal Wunner geglaabt, was ich for e Mordskerl bin. Damals, wie merr verlobt warn, wie ich mit'm Kättche awends am Mää spaziern gange bin. Ach, wär' ich doch damals gestolwert unn ereigeborzelt! Da hätte wenigstens die Fisch was zu lache gehabbt! …«
»Adolf,« sagte Katharina am dritten Tag nach Bindegersts Begräbnis, »des Haus geheert jedz uns!«
»Ja,« sagte Adolf, »jedz geheert's uns. Merr könne's verkaafe, wannstde maanst.«
»Schafskobb!« fuhr ihn Katharina an. »Des guckt Derr widder ganz ähnlich! Nix werd verkaaft! Awwer unne die Werkstatt unn de Lade wer' ich vermiete. Verstanne?«
Und sie führte diese Absicht sogleich aus. Als Adolf einige Tage später ins Geschäft ging, arbeiteten schon drunten die Handwerker an der Auffrischung der Räume.
Und am nächsten Mittag turnte vor dem Schaufenster ein Mann auf einem Gestell herum und pinselte in großen Buchstaben den Namen einer Firma auf die Glasscheibe.
»Gottlieb« stand da. Der Nachnamen war noch nicht geboren.
Drüben an der Ladentüre stand Herr Hippenstiel und schaute dem Malkünstler zu.
»Gu'n Dach, Herr Borges!« rief er hinüber.
Aber Adolf gab keine Antwort.
»Wann ich mich nur e bissi verstelle könnt!« murmelte er. »Wann ich nor so e bissi Katzefreundlichkeit heuchele könnt! Awwer ich bring's net fertich. So was dummes wie ich werd net zum zweite Mal geborn!«
Er ging geradewegs ins Geschäft, denn auch das Abholen der Geschäftsschlüssel in Herrn Feldmanns Wohnung besorgte längst der neue, junge Ausläufer.
»Ich glaab, se dhäte's iwwerhaapts net merke, wann ich dahaam bleiwe dhät! An mich denkt kaa Mensch!«
Mit dieser Behauptung tat Adolf Borges der Menschheit wieder einmal Unrecht. Denn gerade an diesem Nachmittag sagte der dicke Herr Schröder zu seinem Teilhaber:
»Hermann, nächste Woch' werd's dreißig Jahr, daß der Adolf bei uns is. Maanstde net, merr sollt da erjend ebbes mache?«
»Schreib emal an die Kasern, vielleicht halte se e Parad for en ab!«
»Da werd'r kaan Wert druff lege. Awwer e Geschenk könnt mer'm doch gewwe. Es braacht ja net gleich e Milljon koste. Unn aach'm Personal sollt merrsch sage, daß se so e klaa Feier veraastalte. Der Herr Baldrian könnt die Festredd halte, ich glaab, dem leiht so was! — Unn 's war doch aach e Reklam' fors Geschäft, wann's in die Zeidung käm.«
»Mach, was De willst! Mir is worscht, ich bin kaa' Danzlehrer!«
Als Adolf Abends nach Hause kam, war der Mann mit dem Malgestell verschwunden.
Und Adolf las auf der Glasscheibe:
Gottlieb Hippenstiel Coiffeur und Friseur
Ausführung aller Haararbeiten zu billigsten Preisen.
* * * * *
Eine unbändige Wut überkam ihn.
Also an #ihn# hatte Katharina den Laden vermietet. So weit trieb sie den Zynismus.
Er stürmte hinauf, bereit, Katharina zu prügeln, zu mißhandeln.
Aber schon auf der Treppe wurde er in seinem Entschluß schwankend. Was nützte es, eine Szene zu machen? Gar keinen Wert hatte es. Es war ja doch Alles aus.
Und als er vor der Wohnungstüre stand, hörte er drinnen zwei lachende Stimmen.
Da stieg er langsam zur Dachstube. Er schloß das Fenster, denn draußen regnete es.
Er nahm das Bild Gustavchens von der Wand, betrachtete es lange, lange.
Dann drehte er es um, schnitt es aus dem Rahmen, zerriß es in kleine Fetzen, stopfte sie in den Ofen und verbrannte sie.
Ganz ruhig und bedächtig tat er das.
Wie ein sorglicher Familienvater, der seine Angelegenheiten ordnet.
Dann zog er der Holzfigur den Matrosenanzug aus. Er rollte ihn zusammen, schnürte ihn mit dem Schlips fest.
Nahm das Bündel unter den Arm und stieg langsam, auf den Zehenspitzen, die Treppe hinab.
An der Wohnungstüre blieb er einen Augenblick stehen.
Und nun schlich er durch die naßtrüben Straßen, dem Main zu.
Das Bündelchen mit Gustavs Matrosenanzug hielt er dicht an sich gepreßt.
»Babba, was machß'n Du da??« frug plötzlich ein Stimmchen.
»Ich geh ins Wasser, Gustavche! Versaufe dhu ich mich!«
»Warum dann, Babba?«
»Da bistde noch zu jung dazu, des verstehstde noch net, mei Liebling.«
»Awwer 's Wasser is doch so kalt, Babba?«
»Des spier' ich net mehr, mei Kind. Ich habb kaa Gefiehl mehr. Laß' mich nor mache!«
Das Zwiegespräch verstummte.
Bis nach einer Weile das Stimmchen wieder begann: »Die Mama is bees!«
»Des mußtde net sage, lieb Gustavche! Die Mama kann nix dafor. Du mußt Dei Mama lieb hawwe!«
Der Regen geißelte sein Gesicht. Er eilte, ans Ziel zu kommen.
* * * * *
Auf einem der großen Mainkähne saßen schwatzend drei Schiffer, in dichten Sturmmänteln und Kapuzen. Der Jüngste von ihnen spielte Ziehharmonika.
»Hastde nix plumpse heern?« frug der eine.
»Mir war's aach so! 's werd e Bierflasch ins Wasser gefalle sei'!«
»Hoffentlich kaa volle!« lachte der Frager.
Sie wandten sich wieder ihrem unterbrochenen Schwatz zu.
Und die Ziehharmonika spielte gedehnt:
»Katharinchen mit dem Selleriekopp, Allez hopphopphopp, Allez hopphopphopp… «
=Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn=