← Table of contents
Der Wendekreis - Zweite Folge

Sturreganz (continued 2)

Reading edition

Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli zur Audienz eingeführt. Es dauerte diese Audienz über Erwarten lange, denn sie nahm in ihrem Verlauf eine eigentümliche Form an. Form eines Verhörs, einer Umzingelung durch hinterhältige Fragen, einer niederträchtigen Hetzjagd, wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller Sturreganz war, der Marchese das mit kaltem Schweiß bedeckte Opfer und Lady Craven die mehr und mehr erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die zur höfischen Veranstaltung unerläßlichen Vorbesprechungen erledigt waren, – Lady Craven hatte vom Markgrafen gestern noch auf delikate Art die Erlaubnis zu einer abendlichen Aufführung im großen Tanzsaal erwirkt und ihn auf eine sublime Überraschung vorbereitet, – erschöpfte sich Sturreganz in einer höflichen Danksagung gegen die Lady und fügte hinzu, einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit für die erwiesene Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. Er wandte sich an ihn. Er erkundigte sich, wie der Herr Marchese die Nacht verbracht habe und ob es verstattet sei, ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall auszudrücken, der sich unter seinen Schützlingen ereignet habe. Pescanelli biß sich auf die Lippen und wünschte das demütig vorgetragene Mitgefühl zu allen Teufeln. Lady Craven sah ihn neugierig an, aber Sturreganz hatte schon wieder das Wort ergriffen und beglückwünschte noch im selben Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen Wirksamkeit im Dienste Terpsichores. In seiner Schwärze und mit der ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften Höflichkeit, die dem Marchese von Sekunde zu Sekunde mehr zur Grimasse wurde, aus der er den Kern, den Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er näher vor Pescanelli hin und fragte mit dringlicher Wißbegier, ob sich die exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewährt hätten, deren Ruhm über Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen Lady Craven und bat sie mit einer tiefen Verbeugung um Nachsicht für sein spezielles Interesse, aber er handle im Auftrag eines Höheren, der das Unternehmen schon lange mit verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann die Haltung wieder und glaubte an die Einfalt und die höflichen Argumente des Menschen; geschmeichelt leckte er seine Lippen, zur Antwort bereit, doch Sturreganz, in verehrungsvollem Eifer, ließ ihn nicht dazu gelangen, und nun kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug zu preisendes Edukationsmittel die klösterliche Zucht ein, sagte Sturreganz, und seine Höflichkeit verstieg sich zu einem entzückten Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, und er billige es durchaus, daß die jungen Pfleglinge der Anstalt hungern müßten, daß sie in schmierigen und geflickten Fetzen gekleidet gingen, daß sie ununterbrochene Arbeitsfron zu leisten hätten, daß die Öfen in ihren Stuben zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben zersplittert seien; daß sie im Winter frören, im Sommer in Gestank und Unrat versänken, und daß sie in jeder Weise wie zur härtesten Buße verdammte Strafgefangene gehalten seien; ja, es leuchte ihm über alle Maßen ein, er habe auch gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen, aufs Nachdrücklichste eine solche Disziplin verfochten; gewiß entspringe sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder nicht? O gewiß; dem außerordentlichen Einblick gewiß in das Wesen der Kunst, die das Ideal in unerreichbare Fernen rücke, der bewundernswerten und von allen Koryphäen und Fachautoritäten gutgeheißenen Absicht, die gemeine, boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mögliche Weise noch gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar sie bis auf einen schlechthin unerträglichen Grad herabzudrücken, um in den verzweifelten und gequälten Herzen die Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entzünden, den begnadeten Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt der Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen unterer und oberer Region gleichsam auf dem Weg einer geistreichen Allopathie fruchtbar zu machen. Das nenne er eine menschliche Aufgabe an der tiefsten Wurzel fassen, und ein solches Beginnen in den Augen der blöden Welt als vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedürfnis. Nein, der Herr Marchese möge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit sei hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte wagen dürfe, sei es die, ihm gnädigst nähere Daten zu geben: erstlich, wie man mit dem pädagogischen Ergebnis im allgemeinen zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine Stimme flötete förmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese zumut war, als würde er langsam geröstet, dann habe ihm sein hoher Gönner sich zu unterrichten befohlen, wie der Verkauf der mannbar gewordenen und leiblich wohlgediehenen Zöglinge auf den Geist des Instituts wirke? Dies erscheine ihm nämlich als der am grandiosesten erdachte Erziehungs- und Lebenseingriff; seine Durchführung lasse auf antike Charakterkraft schließen und befinde sich in angenehmem Gegensatz zu der heutzutage üblichen Empfindsamkeit. Empfindsamkeit sei ein vulgäres Element und ein fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude die richtige Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, daß Tanz und Eros verschwisterte Genien seien; man könne den nüchternen und plumpen Deutschen gar kein großmütigeres Geschenk machen, als es der Herr Marchese damit getan habe.

Eine devote Reverenz beendigte die Rede.

Pescanelli wußte nicht, wohin den Blick wenden. Seine großen fleischigen Ohren waren rot wie Mohnblüten, seine Lippen kreideweiß. Lady Craven sah ihn an, sah ihn unablässig an, entgeistert, fröstelnd, stumm. Sturreganz aber sah die großen, fleischigen Ohren des Marchese an, höflich, dienstwillig, stumm. Lady Craven mußte das Kopfnicken wiederholen, durch das er sich als entlassen zu betrachten hatte. Abermalige tiefe Reverenz vor der Dame, Verbeugung vor dem Marchese, und mit steinern höflichem Gesicht verließ er rückwärts schreitend den Raum.

»Ein Schwätzer und Schalksnarr,« knirschte der zermalmte Jasager; »man müßte ihn in den Kerker werfen oder Landes verweisen.« Er lachte gezwungen.

»Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, Marchese«, sagte Lady Craven mit kalter Hoheit, wandte sich und ging. In ihrem Boudoir dann stürzte sie vor einem Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen Tränenstrom aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: »So soll ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und Harlekine noch unheimlicher sind als die Schurken, die sie entlarven.«

Zwist

Der Tag des Spektakels ließ sich insofern unerfreulich an, als er unter dem Zeichen markgräflicher Vapeurs stand. Die Vapeurs des Fürsten waren gefürchtet, da sie seine Mißlaune zu Wutausbrüchen steigerten. Sturreganz hatte also von vornherein ein schwer verrückbares Hindernis zu besiegen. Gegen fünf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, er könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch alles in Frage gestellt war und sich unter den Hofleuten Bestürzung und Ratlosigkeit verbreitete.

Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine heftige Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich, daß Pescanelli im Trüben gefischt und die Vorstellung zu hintertreiben versucht hatte, denn der Markgraf sagte, es gehe gegen Würde und Anstand, daß er sich einen Spaßmacher anhören solle, habe er sich doch derartige leichtfertige Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady ärgerte sich, daß ihr die Überraschung durch den Schleicher Pescanelli verdorben war, und sie ärgerte sich über die Sprache ihres Geliebten. Den Marchese zu vernichten, sparte sie sich auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie war die Frau nicht, die schmutzige Betrüger in ihrer Nähe duldete. Wichtiger war jetzt, daß sie sich die Zügel nicht aus der Hand winden ließ und nicht der Anmaßung eines aufgequollenen Despoten unterlag.

Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was er fürchte? Etwa daß der Frost in seinen Adern taue? daß sich in seine weltfeindlichen Gedanken ein Strahl des Lichts mische? daß die vergebliche Grübelei über die menschlichen Mißstände aufhöre, ihm eine schlechte Verdauung zu machen? Wolle er die deutsche Gründlichkeit so weit treiben wie die alberne Person im Märchen, die im Keller greint, weil ein Balken von der Decke fallen und sie erschlagen könnte? Dann ziehe sie es vor, ihre Koffer zu packen und gastlichere Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem traurigen Überrest von Jugend noch etwas anzufangen sei.

Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin.

»Lieber mit einem Tamburin durch die Straßen ziehen, als noch länger in einem Palast die Leibeigene eines Henkers aller harmlosen Freuden sein!« rief sie aus. »Lieber einem generösen Verschwender und Avanturier zum Opfer fallen, als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde spart, mit seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit dem Genius der Menschheit, von dem ich nur so viel weiß, daß er mich langweilt und mir Kopfschmerz verursacht, wenn ich seinen Namen höre, am Zahlbrett sitzt und ihm glaubt vorrechnen zu müssen, wieviel er von diesen teuren Sachen verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie die Lorbeern Ihres Vetters von Württemberg nicht schlafen, der mit dem philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm im Schinznacher Bade spazieren ging? Genug der Krämerwirtschaft. Genug der Seelenpharmazie. Liegt Ihnen das Tugendkloster, in dem Sie in verhängnisvollem Wahn zu leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Glück Ihrer Mätresse, so berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und geben Sie Lady Craven den Abschied.«

Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer finsterer.

Lady Craven näherte sich ihm, schmiegte den Kopf an seinen Arm und sah lächelnd zu ihm empor. »Nachtgedanken,« flüsterte sie, »Nadelstiche aus bösen Träumen. Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erwägen. Sie haben Untertanen verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtswürdigen, wir werden über ihn noch sprechen. Weshalb gehen Sie nicht einen Schritt weiter: verkaufen Sie doch das ganze Land, wie es steht und läuft. Das ist der Rat einer Freundin. Die Markgräfin, so versichert der Leibarzt, hat nur noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen Mühlstein vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. Überlassen Sie es dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein hitziger Wettbewerb, glauben Sie mir. Der Vorteil liegt auf der Hand. Sie tauschen ein glückseliges Alter für ein betrübtes ein, und ich, ich würde mein jubelndstes Lied in die Luft schmettern.«

Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand, schob einige dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite, öffnete den Deckel und begann mit wenig geschulter, aber wohllautender Stimme zu singen: »Le Roi, dimanche, dit à Laverdy, le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en, lundi!«

Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit großen Augen. Welch ein Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen; die von Gott verliehene Krone zum Gegenstand eines Schachers machen! Wie kühn, wie verderbt, wie unsinnig. Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden der Gewissensbürde, ledig der Verantwortung, ledig der Belästigung, ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der unbekannten, feindlichen, wachsamen, eifersüchtigen, häßlichen Menge da unten, Volk geheißen. Wie verwegen, wie frevelhaft, wie strafwürdig; und doch, wie verführerisch im Grunde!

Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady wußte es. Es würde keimen, es würde Frucht tragen, der Tag der Erlösung kam; und sie sang: »Le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en lundi!«

Daß er bei der theatralischen Vorführung nicht fehlen werde, versprach der Markgraf ausdrücklich. Der Kammerherr vom Dienst teilte ihm den Titel des Stückes mit. Es hieß: Baron Gemperlein auf Reisen.

Die Ohren des Herrn Marchese

Eingeladen waren alle gräflichen und freiherrlichen Familien der Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten mit ihren Damen; die Gesandten und die Fremden von Distinktion, die in der Stadt anwesend waren, und einige auserwählte Einzelne, darunter der Dichter Uz.

Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang der Vorstellung war für acht Uhr bestimmt. Der große Saal war strahlend hell erleuchtet, und das auf dem Platz angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung: Kerzenglanz, galonierte Läufer, karmesinbrüstige Lakaien, Fanfarenton; man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz.

Über die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem Damast. Von solchen, die zum ersten Male da waren, wurde das schöne Deckengemälde von Carlino bewundert, allegorische Gestaltungen der Musik, der Architektur, der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier Eckfeldern, in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen, Venus und Amor auf dem Schoß.

Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf, ernst, umwölkt, majestätisch, die Begrüßung der Gäste gemessen erwidernd. Er führte Lady Craven; hinter dem Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von Schlemmerbach, Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als die hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand feierliche Stille und der Vorhang schlug auseinander.

Baron Gemperlein, von einem überlangen, überdürren Menschen gespielt, war ein saurer Herr, gichtbrüchig, asthmatisch, kurzsichtig, argwöhnisch, schwarzgallig, der auf Reisen zu gehen beschließt, erstens um die ihm verhaßten Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr sehen zu müssen, zweitens um in den Abwechslungen der großen Welt Heilung für seine Stockblütigkeit zu finden. Den Hauptteil seiner Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben, Tränkchen, Latwerge, Pflaster, Klistierspritzen, medizinische Folianten, Brillen, Wärmflaschen, und als Diener nimmt er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, lügnerischen, alle Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen, frechen Burschen, der es allmählich so weit bringt, daß Baron Gemperlein in heulende Verzweiflung gerät, sich seiner nicht mehr erwehren kann und ihn kniefällig und um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu überlassen.

Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses Stück durch das Spiel von Sturreganz zu etwas höchst Ungewöhnlichem. Katarakt von Witz; presto furioso der Narrheit; Hexensabbat von Irrtümern, komischen Mißverständnissen, unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen; das wuchs und schwoll an von Replik zu Replik, von Szene zu Szene und war voller Extempores, impertinenter Anspielungen, voller Bewegung, Laune, Schwung, Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit Riesenknöpfen und unter dem Bauch geschnallten Gürtel; die beredten Hände, die unablässigen Zuckungen des Gesichts, das Verrenken der Glieder, die diabolische Geschwindigkeit der Zunge, das geschäftige Hin- und Herrennen, das diebische Augenblinzeln, die unverschämte Verschmitztheit, die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all dies war vollkommen unwiderstehlich und von ursprünglichster Natur.

Die vornehme Zuhörerschaft ließ sich anfangs an beifälligem Lächeln genügen. Sodann begannen Damen zu kichern. Als er im ersten Nachtquartier mit sämtlichen Medikamenten beladen an das Bett des Herrn keucht, ihm alles auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem Tempo Sprüche zur Weltweisheit von sich gibt, vergaß das Auditorium seine Würde und die Rücksicht auf den Fürsten und platzte los. Von da an war kein Halten mehr. Bei der Szene, wo er, um Gemperleins Sinne aufzuheitern, ihm die drei erlesensten Schönheiten der Stadt vorführt, triste Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre Vorzüge preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu macht, gebärdeten sich die Wohledlen und Unnahbaren um nichts anders als das geringe Publikum in der Bretterbude. Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an ihren Stand, ihre Orden, ihre Bürden einfach weg. Genau wie beim geringen Volk blähten sich die Hälse, schluckerte es in den Kehlen, schütterten die Wänste, schlotterten die Kinnladen, tränten die Augen. Genau so bäumten sie sich, wieherten, brüllten, kreischten, tobten sie, aber was sie ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare Wahrnehmung, daß auch der Markgraf nicht vom Sturm verschont blieb. Was man seit Jahren nicht erlebt: er lachte. Sein Mund war offen, seine Zähne blitzten, die erlauchte Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht, zu widerstreben, die Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gnädiger Akklamation zu beschränken; der Dämon da oben war stärker, die Schranken brachen nieder, ohnmächtig gab er sich preis, die Erhabenheit preis und platzte los, immer heftiger, immer wehrloser, und griff mit den Händen um sich, da ihn das Lachen zu ersticken drohte.

Als das Stück mit einem grotesken Sprung Balthasar Schnacks zum Fenster hinaus endigte, wand sich die ganze Gesellschaft wie ausgeblutet von ihren Krämpfen, und das Chaos schriller, gellender, dumpfer, würgender Lach- und Stöhnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob sich schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht, klatschte matt in die Hände und stammelte: »Er soll sich eine Gnade ausbitten; sogleich; der Mann soll sich eine Gnade ausbitten.« Lady Craven, das Taschentuch vor den Mund gepreßt und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint, auch sie, und atmete wie eine Läuferin, warf Herrn von Schlemmerbach einen Blick zu, der stürzte hinter die Bühne, man wartete einen Augenblick, plötzlich teilte sich der Vorhang wieder, Balthasar Schnack steckte den Kopf durch, verbeugte sich grinsend, ohne daß man den Körper sah, vor dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten, kletterte ein Stück am Vorhang empor, hüllte sich in ihn und ließ wieder nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen wie ein Affe, verzog das Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften Ausdruck und rief mitten in den Saal hinein, schlickernd, lachend, mit infernalischer Frechheit: »Wenn Ihrer Gnaden Großmut mir eine Gnade erweisen will, so schenken Sie mir die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen Ohren des Herrn Marchese, damit sich mein Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer goldenen Schale wie das Haupt des Johannes, eine zinnerne genügt, eine irdene genügt. Aber die Ohren des Herrn Marchese für meinen Kater! Untertänigsten Dank im voraus! Les oreilles du marchese Pescanelli! Milles mercis! Geruhsame Nacht!«

Es war unerhört, grausig-lustig, monströs-komisch. Ein Tuscheln ging durch die Reihen. Viele standen erstarrt. Viele blickten in die Richtung, wo sich der Marchese befand. Er lehnte bleich an einer Mauer.

Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein Hanswurstgelächter, und er verschwand.

In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg, der ansbachischen Bastille, verbracht.

Ein Gespräch als Ausklang

Es fügte sich, daß in der Kutsche der Extrapost, mit welcher drei Tage später Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim zu fuhren, auch der Dichter und Justizrat Uz saß, den eine Dienstreise an die württembergische Grenze führte. Sie waren die einzigen Fahrgäste; Uz, des Zusammentreffens froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der Poststation Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der gleichen Höflichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam nur langsam in Fluß; der Schauspieler, schwarz gekleidet wie immer, brütete zumeist finster vor sich hin, und nur wenn er sich an das Kind wandte, das er in einem Winkel des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit befragte oder mit einer seltsam schüchternen Liebkosung anrührte, belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter geschlossenen Mund verschönte ein zärtlich-zartes Lächeln. Beckchen trug schöne neue Schuhe und Strümpfe und einen Mantel aus dunkelblauem Samt und Knöpfen aus Perlmutter, in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte. Unter dem Häubchen sah das sauber gewaschene, rosige Gesicht blumenhaft verträumt hervor, und die herrlich schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen Brauen schienen sich nicht sattsehen zu können an der Welt und dem beglückend Neuen, das Tag um Tag ihnen schenkte.

Es war um die fünfte Nachmittagsstunde; der Himmel, nur zum Teil bewölkt, war in der westlichen Tiefe gerötet, gegen den Zenit mäßigten sich die Farben vom schweren Scharlach bis zum grünlichen Blau, und Grün und Blau und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten Weihern, die von keinem Fältchen gekräuselt waren. Das fränkische Land lag in ausruhendem Frieden; kaum ein Luftzug wehte über die sanften Hügel; die Wiesen gilbten herbstlich, die Kronen der Tannenwälder umzogen den Horizont mit einem schwarzen Band.

Es müsse doch ein beseligendes Gefühl sein, unterbrach der Justizrat ein lastend langes Schweigen, wenn man durch die begnadete Kunst des Wortes Menschen so aus allen Schanzen und Befestigungen reißen könne; es sei mit nichts sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers, ja, des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung, daß es der Geist sei, der solches bewirkte und nicht das Schwert. Denn die tiefen und wichtigen Verwandlungen, die moralischen Revolutionen führe nur der Geist herbei.

Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen Blick in das treuherzig-gütige Gesicht seines Gegenüber. Dann sagte er widerstrebend, nicht dem Mann widerstrebend, sondern der eigenen Rede: »Es hat nichts damit auf sich.«

»Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie das?« fragte Uz erstaunt.

»Es ist zu nichts nütze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es gibt auf der Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme Schwärmer, die sich einbilden, Kunst sei etwas wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier, und man könne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie nehmens hin, sie klatschen Beifall und winden in günstiger Laune dem Liebling einen Kranz; der Beelzebub bleibt drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.«

»Das ist eine furchtbare Skepsis,« sagte Uz traurig; »gerade von Ihnen muß ich solche Worte hören, der sich auf einen weithin sichtbaren Gipfel gestellt hat, wo die tragische Muse und die heitere sich die Hände reichen. Ich bekenne offen, daß mich bei Ihren Darbietungen, so oft ich das Glück hatte, Zuschauer sein zu dürfen, die Erschütterung über das uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig überfiel, wie ich die göttliche Gelöstheit empfand, die erhabene Freiheit, die eine unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen Genies ist. Hier ist der Punkt, wo sich ganz Unsagbares in der Seele ereignet. Die Tiefe wird lichter, die Höhe mysteriöser. Die Furien vermählen sich mit den unbegreiflichen Wesen, die wir im Äther ahnen. Alles wird Sphäre, alles wird Fülle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond und Sonne, unerreichbar fern eins vom andern, und doch jedes zum andern bestimmt, jedes ans andere genietet. Ich habe manches von den Gesetzen des Schicksals begriffen oder doch in mir als Erkenntnis keimen gefühlt, das mir verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der einzige. Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht verliehen ist, muß wissen, was es mit ihr für eine Bewandtnis hat und was ihm die Menschheit schuldet. Wüßte er es nicht, so wäre auch in mir selbst Gefühl und Ahnung Lüge.«

Ein kränkliches Lächeln bewegte Sturreganz’ Lippen. »Sie äußern sich mit sehr viel Freundlichkeit,« sagte er, »und was meine Person betrifft, kann ich Ihnen nur erwidern: es kostet zu viel. Es kostet Blut, es kostet Leben, es kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit und die himmlische dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist sie mir nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag überzeugt mich aufs neue davon, daß es eher möglich wäre, den Kaukasus auf meinen Schultern an den Rhein zu tragen als durch das, was ich bin und tue, nur einen einzigen Schurken von der allergeringsten seiner Schurkereien abzuhalten. Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem Mörder den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der Verleumder entgiften? die Augen der Habgierigen sanft machen? den Sinn der Blutdürstigen fromm? die Dummköpfe mit Vernunft begaben? den Verrätern Treue einimpfen? den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins Elend und Verderben rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? Was ists also? groß? Was hat es denn auf sich mit eurer berühmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der Wüste unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer Weglosigkeit.«

»Aber Sie können es nicht hindern, daß wir Sie lieben und verehren, wir zwei bis drei Dutzend wenigstens«, sagte Uz halb erschreckt, halb begütigend. Sturreganz schüttelte unwillig den Kopf.

Der Abend dämmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz das Gespräch durch die schüchterne Frage wieder in Gang zu bringen, ob Sturreganz an eine Entwicklung der deutschen Komödie über die etwa von Stranitzky-Bernardon geschaffenen Typen und Figuren hinaus zu einem höheren Stil glaube, an eine Form ebenbürtig der von Goldoni oder Molière. Es scheine ihm leider so zu liegen, daß man als Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es sei kein gültiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu früh an eine Idee. Ruhelos werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde auf- und niedergerissen, ruhelos auch zwischen Osten und Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden, alles Geschaffene verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und der Bruder werde am Bruder zuschanden. Er seufzte.

Sturreganz hatte sinnend zugehört, dann sagte er mit schwerer Stimme: »Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist es, sehr, sehr weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden wirren Traum läge. Es hat keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner weiß wohin, spricht und spricht, und keiner weiß was.«

Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen müde zugefallen waren, und flüsterte mit einem Ausdruck mütterlicher Liebe, der den greisen Dichter ergriff: »Dormi, mia bella, dormi!«

Da war es schon Nacht.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings