Die Entscheidung
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Diplomatisches Zwischenspiel
Zu derselben Zeit, als Rußland endgültig zusammenbrach und die bolschewistische Regierung sich zu Friedensverhandlungen bereit erklärte, richtete Lord Lansdowne, der Leiter der britischen Außenpolitik in dem letzten konservativen Kabinett, einen Brief über Krieg und Frieden an die „Times“, der einen Umschwung in der Gesinnung der politischen Kreise Englands anzukündigen schien. Die „Times“ verweigerten den Abdruck des Briefes. Lord Lansdowne ließ ihn daraufhin im „Daily Telegraph“ veröffentlichen. Der Brief war eine besorgte Warnung vor der Überspannung der Kriegsziele und der Parole des Krieges bis zum Äußersten. Der Wirtschaftskrieg sei als Kriegsmittel gerechtfertigt; aber kein Vernünftiger könne auf die Dauer die feindlichen Mächte vom Welthandel ausschließen wollen. Von den territorialen Kriegszielen sei manches, was früher an erster Stelle gestanden habe, in die zweite Reihe gerückt; an erster Stelle stehe die Wiederherstellung Belgiens. „Wir werden den Krieg nicht verlieren, aber seine Weiterführung würde den Untergang der Kulturwelt herbeiführen. Der Krieg muß zu Ende gebracht werden, um die Welt vor einer Katastrophe zu bewahren.“
Solche Worte aus der Feder eines britischen konservativen Führers, eines Mannes, dem pazifistische Gedankengänge fernlagen, der auf den Grundsätzen des britischen Imperialismus stand und praktisch-imperialistische Politik gemacht hatte, erregten natürlich in der ganzen Welt das größte Aufsehen. Beifall und Widerspruch waren in den alliierten Ländern geteilt. Am heftigsten griff die französische Presse Lord Lansdowne an, da sie ein Abrücken der britischen Politik von den französischen Eroberungszielen befürchtete. Bei uns und unseren Verbündeten erweckten die Äußerungen des Lords neue Hoffnung auf einen gerechten Verständigungsfrieden. Der Staatssekretär von Kühlmann äußerte im Hauptausschuß des Reichstags am 30. November 1917, vielleicht könne der Lansdowne-Brief „als ein hoffnungsvolles Zeichen dafür aufgefaßt werden, daß auch in England gemäßigte Stimmen Boden gewinnen“.
Aber bald erwies sich der Brief Lansdownes als die Stimme eines Predigers in der Wüste. In England selbst wurde er, ohne Widerspruch bei seinem Urheber zu finden, in einer Weise zurechtkommentiert, die den ursprünglichen Eindruck nahezu in sein Gegenteil verkehrte. Am 15. Dezember erklärte Lloyd George in öffentlicher Rede, der Brief Lansdownes sei bei Freund und Feind mißverstanden worden und habe auf der Pariser Konferenz der Alliierten, die zur Zeit seiner Veröffentlichung tagte, eine peinliche Überraschung hervorgerufen. In Wirklichkeit habe Lord Lansdowne nichts anderes sagen wollen als etwa Asquith oder Wilson.
Der Hinweis auf Wilson zielte auf die Botschaft, die Wilson am 5. Dezember 1917 an den Kongreß gerichtet hatte mit dem Antrag, der Kongreß möge auch gegenüber Österreich-Ungarn, mit dem bisher nur die diplomatischen Beziehungen abgebrochen worden waren, den Kriegszustand erklären. Dieser Schritt, für den ein besonderer Anlaß auf der Seite Österreich-Ungarns nicht vorlag, war offenbar auf das Drängen Frankreichs und Italiens zurückzuführen, die durch eine solche amerikanische Demonstration — mehr war die formelle Erklärung des Kriegszustandes seitens der Union an die Adresse der Donaumonarchie nicht — ein moralisches Gegengewicht gegen den bedenklichen Eindruck der italienischen Niederlage in Venetien und des russischen Friedensschrittes schaffen wollten. Als unmittelbare Begründung für seinen Antrag gab Wilson an, es sei eine unbestreitbare Tatsache, daß Österreich-Ungarn im Augenblick nicht Herr seiner selbst, sondern lediglich ein Vasall der deutschen Regierung sei.
In derselben Botschaft machte der Präsident Ausführungen allgemeiner Art, die sich in der schon in seiner Kundgebung aus Anlaß der Erklärung des Kriegszustandes gegen Deutschland und in seiner Antwort auf die Friedensnote des Papstes eingeschlagenen Richtung bewegten und für die Auffassungen und Ziele dieses für die weitere Entwicklung des Krieges so wichtigen Mannes in hohem Maße bezeichnend waren. Er sprach von der „unerträglichen Erscheinung, deren häßliches Gesicht die Herren Deutschlands uns zeigen“, von der „Drohung durch Intrige, verbunden mit Gewalt, als welche wir die deutsche Macht jetzt deutlich sehen, ohne Gewissen, Ehre oder Eignung für einen durch Vertrag geschlossenen Frieden“. Es gelte, diese Macht zu Boden zu schlagen und, wenn nicht völlig aus der Welt zu schaffen, so doch von dem friedlichen Verkehr der Völker auszuschließen. Wenn aber diese Erscheinung besiegt sei und das deutsche Volk Sprecher habe, deren Worten man trauen könne, wenn ferner diese Sprecher bereit sein würden, namens ihres Volkes ein allgemeines Urteil der Nationen darüber anzunehmen, was künftig Grundlage für Gesetz und Verträge unter den Völkern sein solle, dann werde man freudig bereit sein müssen, den vollen Preis für den Frieden zu zahlen. Dieser Preis sei „die volle und unparteiische Gerechtigkeit, Gerechtigkeit in jeder Beziehung und für jedes Volk“. Er ergänzte diese Ausführungen durch den Ausdruck der Bewunderung für Deutschlands Wissenschaft und Industrie und durch die Versicherung, niemand wolle sich in Deutschlands innere Angelegenheiten einmischen, niemand bedrohe Deutschlands Existenz, Unabhängigkeit und friedliche Entwicklung. Aber für die edle und gerechte Sache, für die Amerika seinen Traditionen gemäß in den Krieg eingetreten sei, werde es sich schlagen, bis der letzte Schuß verhallt sei.
Wie schon in seiner Antwort auf den Friedensvorschlag des Papstes, so suchte der Präsident Wilson bei dem deutschen Volke, für dessen Ohren diese Botschaft mindestens ebensosehr bestimmt war wie für die Ohren seiner unmittelbaren Zuhörerschaft, den Eindruck zu erwecken, als gelte der Krieg Amerikas nur den „Herren Deutschlands“, und diesen in aller Unerbittlichkeit, nicht aber dem deutschen Volke selbst, für das er seine Sympathie und Bewunderung ausdrückte; als hänge es nur von dem deutschen Volk ab — in dessen innere Angelegenheiten er sich beileibe nicht einmischen wolle! —, durch Davonjagen seiner „Herren“ zu einem Frieden der unparteiischen, Freund und Feind mit gleichem Maße messenden Gerechtigkeit zu kommen. In späteren Reden und Botschaften hat er denselben Faden weitergesponnen. Das hart geprüfte, unter den Opfern und der Last des Krieges schwer leidende deutsche Volk horchte allmählich auf. Nicht nur in einfältigen Gemütern fanden die verführerischen Worte Wilsons Eingang; auch ein großer Teil der „Intelligenz“ und derjenigen Leute, die bei uns die Rolle von Politikern spielten, sich selbst für Politiker hielten und dafür halten ließen, kam allmählich dazu, in Wilsons Worten Offenbarungen zu hören. Mit besonderer Aufdringlichkeit spielte sich Herr Maximilian Harden, einer der schlimmsten Verderber des deutschen Geistes, als Wilsons Prophet auf. Immer kleiner wurde die Schar derjenigen, die in Wilsons Ausführungen nichts anderes erblickten als den entschlossenen Willen der Fortsetzung des Krieges bis zur Niederwerfung Deutschlands und die mit Doktrinarismus und Unkenntnis europäischer Verhältnisse gepaarte Absicht der Bemäntelung dieses Kriegswillens mit völkerbeglückenden Ideen, dazu den Versuch, das deutsche Volk in sich selbst zu entzweien und es gegen die Monarchie und ihre Träger aufzuwiegeln.
Nichts anderes als dieser Wilson hatte nach Lloyd Georges Bekundung Lord Lansdowne in seinem Briefe sagen wollen. Und Lloyd George selbst? — Er machte in seiner Rede vom 15. Dezember aus seinem Herzen wahrhaft keine Mördergrube. Er warnte eindringlich vor den Pazifisten, die auf allerhand Schleichwegen England zu einem voreiligen Frieden zu bewegen suchten. Er erklärte es für einen Wahn, man könne den Krieg durch einen Völkerbund beenden. Das sei zwar eine gute Sache nach dem Siege, aber jetzt klinge der Vorschlag wie ein Scherz. Wolle man ohne Sicherheit gegen die Wiederholung des von Deutschland begangenen Vertragsbruches ein neues Abkommen schaffen, so sei das aber kein Witz mehr, sondern ein Trauerspiel. Er gebe nichts auf Worte ohne die Kraft und Macht des Sieges. Die „Preußen“ — er sprach mit Absicht nicht von den „Deutschen“ — bezeichnete er als „Verbrecher und Banditen“. Die sichere Hoffnung auf den Sieg trotz des Ausscheidens Rußlands begründete er mit dem Hinweis darauf, daß an die Stelle Rußlands, das sich als der am schlechtesten organisierte Staat erwiesen habe, jetzt die Vereinigten Staaten mit ihrer ganzen Kraft getreten seien.
Einige Tage später, am 21. Dezember, nahm Lloyd George Gelegenheit, sich im Unterhaus in einer großen Rede über die Lage auszusprechen. Er verhehlte nicht die Gefahren: Der Lebensmittelmangel bei den Alliierten sei größer als erwartet. Die zu Anfang des Jahres gehegten militärischen Hoffnungen seien nicht in Erfüllung gegangen; zwar hätten die Deutschen auf dem westlichen Kriegsschauplatz Niederlagen erlitten und hätten die Engländer Bagdad und Jerusalem erobert; aber die Lage sei bedrohlicher geworden durch die unerwartete Niederlage Italiens, dem seine Verbündeten hätten zu Hilfe kommen müssen, und durch Rußlands Eintritt in Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen. Die kommenden Wochen würden die sorgenvollsten des ganzen Krieges sein. Auf Grund dieser Lage kündigte er Maßregeln zur Vergrößerung des Heeres an. Von Friedensbereitschaft war auch aus dieser Rede nicht der leiseste Klang herauszuhören. Zwar wies er den Gedanken als lächerlich weit von sich, England habe am Krieg teilgenommen, um Gebietsteile zu erwerben. Aber er blieb dabei, der Krieg sei verursacht worden durch die „ruchlose Arroganz der deutschen Militärkaste“, und solange der Geist dieser Kaste nicht gebrochen sei, werde kein Friede in der Welt sein. Der Sieg sei das einzige Mittel, den Friedensbedingungen Kraft zu verleihen.
Nun kam die Unterbrechung der Brester Friedensverhandlungen auf zehn Tage mit der ausdrücklichen Begründung, daß Rußlands Verbündeten Gelegenheit gegeben werden solle, den Verhandlungen beizutreten und so den Weg zum allgemeinen Frieden zu öffnen. Für diesen Fall hatten die Mächte des Vierbundes ausdrücklich die Grundlage: „Keine gewaltsamen Gebietserwerbungen, keine Kriegsentschädigungen, Selbstbestimmungsrecht der Völker“ durch die Erklärung des Grafen Czernin vom 25. Dezember als maßgebend angenommen. Die russische Regierung wandte sich mit ihrer Aufforderung, den allgemeinen Frieden auf diesem Boden herbeizuführen, an die Völker. Es konnte kaum mehr zweifelhaft sein, daß im Falle einer Weigerung der alliierten Regierungen, den Friedensverhandlungen beizutreten, Rußland mit den Mächten des Vierbundes in kürzester Zeit einen Sonderfrieden abschließen würde.
Wir wissen bereits, daß die Ententeregierungen es ablehnten, sich auf Friedensverhandlungen einzulassen.
Am meisten beeilte man sich mit der Ablehnung in Paris. Der Minister des Auswärtigen, Herr Pichon, teilte bereits am 27. Dezember in der Kammer mit, daß die Vertreter der Alliierten in Petersburg erklärt hätten, an dem Tage, an dem in Rußland eine regelrecht konstituierte Regierung bestehen werde, seien sie bereit, mit dieser ihre Kriegsziele und die eventuellen Bedingungen eines dauerhaften und gerechten Friedens zu besprechen. Herr Pichon erging sich dann auf eigene Rechnung in Beschuldigungen gegen Deutschland, das Rußland von seinen Verbündeten trennen, es zerstückeln und berauben, schließlich die Revolution niederwerfen und das autokratische Regime unter preußischer Hegemonie wieder aufrichten wolle. Er wiederholte ferner Frankreichs Ansprüche auf Elsaß-Lothringen und schloß mit Clemenceaus Parole: „Zuerst siegen!“
In Rom lehnte der Ministerpräsident Orlando in einer Rede vor dem Senat die Friedensgrundlagen, wie sie in Brest-Litowsk präzisiert worden waren, ab, da sie Frankreich Elsaß-Lothringen und Italien die unerlösten Provinzen vorenthielten. Es handle sich bei den Mittelmächten nicht um ein aufrichtiges Streben nach Frieden, sondern um eine hinterlistige Friedensoffensive, die den Geist der kriegführenden Völker zersetzen und vergiften wolle.
Nicht ganz einfach war die Lage für die britische Regierung. Der Ernst der Situation, von dem Lloyd George am 21. Dezember im Unterhause offen und freimütig gesprochen hatte, und die Notwendigkeit noch stärkerer Anstrengungen, gegen die in der Arbeiterschaft sich Widerstände geltend machten, verstärkten sichtlich die Geneigtheit großer Teile der Bevölkerung, einen billigen Frieden anzunehmen. Hochfahrende Worte, wie sie Lloyd George noch vor kurzem gegen Deutschland, das Land der „Verbrecher und Banditen“, gebraucht hatte, waren in dieser Lage nicht ganz angebracht. Der Reichskanzler hatte in einem Interview geantwortet, nach jenen Schmähungen des britischen Premiers sei klar, daß für uns ein Verhandeln mit Männern derartiger Gesinnung ausgeschlossen sei. Lloyd George mußte sich in Rücksicht auf Strömungen in seinem eigenen Lande hüten, den Bogen zu überspannen.
Als er am 5. Januar vor den Vertretern der Gewerkschaften erschien, um bei diesen Stimmung für die geplanten großen militärischen Neuforderungen zu machen, dämpfte er merklich den Ton. Seiner Rede gab er besonderen Nachdruck durch die Erklärung, daß sie das Ergebnis von Besprechungen mit Vertretern der Arbeiterpartei, ferner mit Asquith und Grey sowie mit Vertretern der großen Dominions sei, also nicht nur die Meinung der Regierung, sondern des ganzen Britischen Reiches wiedergebe. Er führte aus: Mit dem größten Widerstreben sei England in den Krieg eingetreten, nur um die Verträge aufrechtzuerhalten, auf denen die Ordnung Europas beruhe und die Deutschland zertreten habe. Es sei nicht Englands Absicht, Deutschlands Stellung in der Welt zu erschüttern und zu vernichten; nur Deutschlands Streben nach einer militärischen Vorherrschaft müsse gebrochen werden. Auch sei England nicht in den Krieg gegangen, um die monarchische Verfassung Deutschlands zu zerstören; es sei allerdings seine Meinung, daß die Annahme eines wahrhaft demokratischen Systems durch Deutschland der überzeugendste Beweis vom Verschwinden des alten Geistes militärischer Vorherrschaft wäre und es leichter machen würde, einen auf breiter demokratischer Grundlage beruhenden Frieden zu schließen. — Lloyd George blies also in diesem Punkte dieselbe Melodie wie Wilson. — Als Kriegsziele bezeichnete er: die vollkommene Wiederherstellung Belgiens und Schadenersatz für seine verwüsteten Städte und Provinzen; die Wiederherstellung Serbiens, Montenegros und der besetzten Teile Frankreichs, Italiens und Rumäniens. Er fügte hinzu, England werde die französische Demokratie bis in den Tod unterstützen bei ihrer Forderung auf eine „reconsideration“ (Wiedererwägung oder Wiedergutmachung?) des großen Unrechtes von 1871. Er sprach sich ferner für ein unabhängiges Polen aus, das alle Gebiete umfasse, die sich ihm anzuschließen wünschten. Österreich-Ungarn solle nicht zerrissen werden, müsse aber seinen Nationalitäten Selbstregierung gewähren. Das Türkische Reich mit Konstantinopel als Hauptstadt könne bleiben, aber die Meerengen müßten neutralisiert werden, und Armenien, Arabien, Mesopotamien und Syrien müßten das Recht auf Anerkennung ihrer besonderen nationalen Verhältnisse erhalten. Über die deutschen Kolonien müsse eine Konferenz entscheiden, die in erster Linie die Wünsche und Interessen der Eingeborenen zu berücksichtigen habe. Schließlich müsse ein ernsthafter Versuch gemacht werden, eine friedliche Regelung internationaler Fragen an die Stelle des Krieges, dieses Restes alter Barbarei, zu setzen.
Auf diese Rede Lloyd Georges erfolgte am 8. Januar eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den Kongreß, die in ihrem Gedankengang eine auffallende Übereinstimmung mit der drei Tage zuvor gehaltenen Rede Lloyd Georges zeigt. Diese Botschaft sollte späterhin dadurch eine besondere historische Bedeutung erlangen, daß die deutsche Regierung Anfang Oktober 1918 bei ihrem Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden auf die in ihr entwickelten 14 Programmpunkte des Weltfriedens zurückgriff und daß die alliierten Regierungen diese 14 Punkte mit zwei Vorbehalten als Grundlage des abzuschließenden Friedens annahmen.
Wilson ging sehr geschickt aus von den inneren Unstimmigkeiten, die aus dem Verhalten der Vertreter der Zentralmächte bei den Brester Verhandlungen zutage traten. Er stellte die Frage: „Wem haben wir nun eigentlich zugehört? Denen, die den Geist und die Absicht der Resolution des Deutschen Reichstags vom 19. Juli 1917, den Geist und die Absicht der liberalen Führer Deutschlands verkündeten, oder denen, die diesem Geist und dieser Absicht Widerstand leisten, sie verachten und auf Eroberung und Unterwerfung bestehen? Oder hören wir am Ende beide unversöhnt und in offenem und hoffnungslosem Widerspruch?“ Aber einerlei, wie diese Frage sich beantworte, es bestehe kein Grund, die Aufforderung der Mittelmächte nach Bekanntgabe der Kriegsziele nicht mit der äußersten Offenheit zu beantworten. Die Vereinigten Staaten seien in den Krieg eingetreten, weil Rechtsverletzungen vorgekommen seien, die an ihren Lebensnerv rührten. Sie verlangten in diesem Kriege nichts für sich selbst; sie verlangten nur, daß das Leben in der Welt würdig und sicher gemacht werde, und dieses Interesse sei allen Völkern gemeinsam. Das Programm der Vereinigten Staaten sei daher das Programm des Weltfriedens, und dieses einzig mögliche Programm enthalte die folgenden Punkte:
1. Offene und öffentlich zustandegekommene Friedensverträge, nach deren Zustandekommen es keine geheimen internationalen Abmachungen irgendwelcher Art mehr geben solle; vielmehr solle die Diplomatie immer offen und vor aller Welt getrieben werden.
2. Vollkommene Freiheit der Schiffahrt auf den Meeren außerhalb der territorialen Gewässer sowohl im Frieden wie im Krieg, soweit nicht etwa die Meere durch eine internationale Aktion zwecks Durchsetzung internationaler Verträge ganz oder teilweise geschlossen werden sollten.
3. Die Beseitigung, soweit sie möglich ist, aller wirtschaftlichen Schranken und die Errichtung einer Gleichheit der Handelsbedingungen unter allen Nationen, die sich dem Frieden anschließen und sich zu seiner Aufrechterhaltung zusammenfinden.
4. Es sollen geeignete Garantien gegeben und genommen werden, daß die nationalen Rüstungen auf das niedrigste mit der inneren Sicherheit verträgliche Maß herabgesetzt werden.
5. Eine freie, offenherzige und unbedingt unparteiische Regelung aller kolonialen Ansprüche, beruhend auf der strikten Beobachtung des Grundsatzes, daß bei der Entscheidung solcher Souveränitätsfragen die Interessen der betroffenen Bevölkerung ein ebensolches Gewicht haben sollen wie die berechtigten Ansprüche der Regierung, deren Rechtstitel bestimmt werden sollen.
6. Räumung aller russischen Gebiete und eine Regelung aller Rußland betreffenden Fragen, die Rußland die beste und freieste Mitwirkung aller anderen Nationen der Welt zum Zweck der Erlangung einer unbehinderten und unbeeinträchtigten Möglichkeit der unabhängigen Bestimmung der eigenen politischen Geschicke und der nationalen Politik sichert und Rußland eine herzliche Aufnahme in die Gesellschaft der freien Nationen gewährleistet, desgleichen jede Hilfe, die Rußland nötig haben und wünschen sollte.
7. Belgien muß geräumt und wiederhergestellt werden, und zwar ohne jeden Versuch der Beschränkung seiner Souveränität, deren es sich in gleicher Weise wie alle anderen freien Nationen erfreuen soll.
8. Alles französische Gebiet müßte befreit werden, und das besetzte Gebiet und das im Jahre 1871 Frankreich in Sachen Elsaß-Lothringens von Preußen zugefügte Unrecht, das nahezu fünfzig Jahre lang den Weltfrieden in Frage gestellt hat, müßte in Ordnung gebracht werden, damit im Interesse aller noch einmal Friede gemacht werden kann[3].
9. Eine Berichtigung der italienischen Grenzen sollte bewirkt werden nach den klar erkennbaren Linien der Nationalität.
10. Den Völkern Österreich-Ungarns, dessen Platz wir unter den Nationen gewahrt und gesichert zu sehen wünschen, müßte die erste Gelegenheit einer autonomen Entwicklung gegeben werden.
11. Rumänien, Serbien und Montenegro müßten geräumt, die besetzten Gebiete wiederhergestellt werden, Serbien müßte einen freien und sicheren Zugang zum Meere erhalten, und die gegenseitigen Beziehungen der Balkanstaaten müßten durch freundschaftliche Beratung gemäß den geschichtlich gewordenen Grundlinien von Zusammengehörigkeit und Nationalität bestimmt werden; außerdem müßten internationale Garantien für die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und die territoriale Integrität der einzelnen Balkanstaaten geschaffen werden.
12. Den türkischen Teilen des gegenwärtigen Ottomanischen Reiches müßte eine sichere Souveränität gewährleistet werden. Aber die anderen Nationalitäten, die jetzt unter türkischer Herrschaft stehen, müßten eine unzweifelhafte Sicherheit des Lebens und eine vollkommen unbeeinträchtigte Möglichkeit der autonomen Entwicklung erhalten; die Dardanellen müßten unter internationalen Garantien dauernd als freie Durchfahrt für die Schiffe und den Handel aller Nationen geöffnet werden.
13. Ein unabhängiger polnischer Staat müßte errichtet werden, der die von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung bewohnten Gebiete einschließen, einen freien und gesicherten Zugang zum Meer erhalten und dessen politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und territoriale Integrität durch internationalen Vertrag garantiert werden sollte[4].
14. Es muß eine allgemeine Vereinigung der Nationen unter bestimmten Vertragsbedingungen gebildet werden zum Zweck gegenseitiger Garantie politischer und territorialer Unabhängigkeit auch für kleine Staaten.
Wilson erklärte, daß die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten bis zur Erfüllung dieser Forderungen kämpfen würden, lediglich aus dem Wunsche, das Recht zum Siege zu führen und einen gerechten und dauerhaften Frieden herbeizuführen. Er betonte erneut, daß den Vereinigten Staaten jede Eifersucht auf Deutschlands Größe fernliege und daß diese durch nichts in seinem Programm beeinträchtigt werde. „Wir neiden Deutschland keine Errungenschaft oder Auszeichnung in der Wissenschaft oder in friedlichen Unternehmungen. Wir wollen Deutschland nicht schädigen oder irgendwie seinen rechtmäßigen Einfluß oder seine Macht beschränken. Wir wünschen nicht, Deutschland zu bekämpfen, sei es mit den Waffen, sei es mit wirtschaftlichen Kriegsmaßnahmen, wenn es bereit ist, sich mit uns und anderen friedliebenden Nationen der Welt in Verträgen über Recht, Gerechtigkeit und anständigen Handel (fair trading) zu einigen. Wir wünschen nur, daß Deutschland einen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern der Welt einnimmt — der neuen Welt, in der wir leben — statt eines Herrscherplatzes. Ebensowenig vermessen wir uns, Deutschland irgendeine Änderung seiner Staatseinrichtungen vorzuschlagen; aber es ist notwendig — wir müssen das offen aussprechen — und notwendig als Voraussetzung für jedes vertrauensvolle Verhandeln von unserer Seite, daß wir wissen, für wen seine Wortführer sprechen, wenn sie mit uns reden, ob für die Reichstagsmehrheit oder für die Militärpartei und die Leute, deren Credo imperialistische Herrschaft ist.“
Ebenso wie die Rede Lloyd Georges vom 5. Januar unterschied sich diese Botschaft Wilsons im Ton vorteilhaft von früheren Kundgebungen. Dem Inhalt nach mußte jedoch das Wilsonsche Programm bei dem damaligen Stande des Krieges in wichtigen Punkten unannehmbar, ja undiskutierbar erscheinen. Deutschland, das jetzt gerade mit seinem unter gewaltigen Anstrengungen und Opfern zu Boden geworfenen russischen Nachbarn verhandelte, sollte seine Ostmarken, die durch mehr als ein Jahrhundert deutscher Kulturarbeit zur Blüte gebracht und mit dem Reiche zusammengewachsen waren, an den durch die deutschen Siege erst wieder möglich gewordenen und durch die Proklamation der beiden verbündeten Kaiser erst wieder ins Leben gerufenen polnischen Staat herausgeben? Deutschland, das einen großen Teil von Nordfrankreich besetzt hielt, das jetzt nach dem Ostfrieden ein Heer von nie gesehener Stärke auf dem westlichen Kriegsschauplatz vereinigte, sollte Elsaß-Lothringen, ein Land mit 87% deutschsprechender Bevölkerung, an Frankreich ausliefern? Ein unbesiegtes Deutschland sollte seine Bundesgenossen treulos im Stich lassen, sich mit der Zertrümmerung der Türkei und der Einmischung der Westmächte in die inneren Verhältnisse der Donaumonarchie einverstanden erklären? Das alles angesichts der Tatsache, daß der Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Nationalitäten in dem Wilson-Programm lediglich zum Nachteil Deutschlands und seiner Verbündeten angewendet wurde, nicht aber auf das britische Weltreich, für das seine Anwendung ebenso verhängnisvoll wirken mußte wie für Österreich-Ungarn und die Türkei, und angesichts Irlands jedenfalls verhängnisvoller als für das im großen ganzen national geschlossene Deutschland.
Die Erkenntnis der gewaltigen Kluft, die auch bei gutem Willen zwischen den beiden Mächtegruppen lag, fehlte auch auf der anderen Seite nicht. Balfour sprach am 11. Januar in Edinburgh aus, die Kriegsziele der beiden Parteien seien offenbar nicht miteinander zu versöhnen. Deutschland führe seine Jugend zur Schlachtbank, nur um zu verhindern, daß das Unrecht von 1871 rückgängig gemacht, daß Belgien wieder in seinen früheren Zustand gebracht, daß das Werk der Einheit Italiens vollendet, daß die Missetat der Teilung Polens wieder gutgemacht werde; Deutschland wolle, daß Mesopotamien, Arabien und Jerusalem wieder unter die Gewalt der Türken kämen; die Wunden Serbiens, Montenegros und Rumäniens sollten nicht geheilt, und Griechenland solle denen ausgeliefert werden, die es verraten hätten. — Das war durch die britische Brille gesehen und für den Gebrauch der öffentlichen Meinung der Ententestaaten gefärbt. Aber wenn man von den tendenziösen Behauptungen über Belgien und die Balkanstaaten absieht — Fragen, über die wir zu verhandeln bereit waren und an denen von uns aus, wie Balfour wissen konnte, niemals der Friede gescheitert wäre —, was blieb dann als die Feststellung, daß Deutschland und seine Verbündeten einen Verteidigungskrieg für ihren Bestand führten, daß aber die Alliierten Elsaß-Lothringen und die Ostmark vom Deutschen Reich, die Gebiete der Irredenta und Galizien von Österreich, Mesopotamien, Arabien und Syrien von der Türkei losreißen wollten? Und dabei gestand Balfour nur einen Teil der wirklichen Kriegsziele der Alliierten ein. Von Englands Absicht der Zerstörung aller weltwirtschaftlichen Beziehungen und Stützpunkte Deutschlands — einer Absicht, die es seit dem ersten Tag des Krieges überall, wohin sein Arm reichte, hatte zur Tat werden lassen, — war mit keinem Wort die Rede. In diesem Konflikt zwischen den Verteidigungszielen des Vierbundes und den Eroberungs- und Vernichtungszielen der Alliierten lag immer und immer wieder das Friedenshindernis!
War dieser Konflikt unlösbar? Durfte auf den Versuch verzichtet werden, den Frieden vor neuen furchtbaren Kämpfen durch eine Fortsetzung der Friedensgespräche anzubahnen?
Die neuesten Kundgebungen Lloyd Georges, Balfours und Wilsons schienen wenigstens in ihrem Ton nicht alle Aussichten zu verschließen. Außerdem sprachen gewisse Anzeichen für eine weitere Zunahme der Schwierigkeiten der Alliierten, Schwierigkeiten, von denen man eine Förderung der friedensfreundlichen Tendenzen vielleicht erwarten konnte.
Vor allem steigerten sich infolge des U-Bootkriegs auch für die Entente erneut die Ernährungssorgen, die nach der Einbringung der neuen Ernte zunächst behoben schienen. Die amerikanische Regierung sah sich genötigt, unerwartet starken Anforderungen ihrer Verbündeten zu entsprechen. Reuter meldete am 12. Januar 1918 aus Washington, daß die Höchstmenge der normalen Weizenausfuhr der Union schon gegen Ende Dezember verladen gewesen sei, daß aber gleichwohl die Unionsregierung angesichts des bei den Alliierten herrschenden Mangels Vorbereitungen für die Lieferung von weiteren 90 Millionen Bushels (gleich 2½ Millionen Tonnen) treffe. Zu diesem Zweck seien weitere Einschränkungen des amerikanischen Verbrauches geplant. Reuter fügte hinzu: „Die Entscheidung, ob das Abkommen mit den Alliierten über den Transport amerikanischer Truppen nach Europa dadurch berührt wird, bleibt den Alliierten überlassen. Einzelne amerikanische Beamte sind der Ansicht, daß die Alliierten vorerst der Lieferung von Getreide den Vorzug geben werden.“
Daneben machte der Heeresersatz der britischen Regierung fortgesetzt große Schwierigkeiten. Sir Auckland Geddes teilte am 15. Januar dem Unterhause mit, daß die Mittelmächte durch das Ausscheiden Rußlands einen Kräftezuwachs von mindestens 1½ Millionen Mann erhalten hätten, von denen sie die Mehrzahl an die Westfront werfen könnten; demgegenüber müsse England sofort 400–500000 Mann aus denjenigen Gruppen ausheben, die jetzt noch im bürgerlichen Leben ständen. Lloyd George sah sich genötigt, an die Gewerkschaften, deren Zustimmung und Mitwirkung für das Aufbringen des Heeresersatzes unerläßlich war, am 19. Januar einen neuen dringenden Appell zu richten. „Wir stehen vor der Alternative,“ sagte er, „entweder den Kampf mit allen Kräften fortzusetzen, oder es zu machen wie das russische Heer und nach Hause zu gehen... Wenn wir nicht bereit sind, mit aller Macht Widerstand zu leisten, werden die Deutschen die Herrschaft über die Welt antreten, und die Demokratie Englands, Frankreichs, ja ganz Europas wäre der grausamsten Militärautokratie ausgeliefert. Resolutionen machen auf Hindenburg keinen Eindruck; das tuen nur Kanonen.“ Der Kampf gegen die preußische Militärkaste, so fuhr Lloyd George fort, sei derselbe, den er mit den Arbeitern in England gegen die Aristokratie und die Privilegierten geführt habe, und er hoffe, daß sie auch in Zukunft zusammen gegen alle Privilegien kämpfen würden. Er schloß mit den Worten: „Wenn jemand irgendeine gerechte und ehrenhafte Lösung zu finden weiß, um aus diesem Krieg ohne weiteren Kampf herauszukommen, so mag er dies um Gottes willen sagen. Meine Überzeugung ist, daß wir nur die eine Wahl haben: Weiterkämpfen oder unterliegen.“
Noch niemals hatte man bisher im Laufe des Krieges solche Worte von dem den Mund leicht etwas voll nehmenden Walliser gehört.
Bemerkenswert wie diese Rede war auch die sich daran anschließende Debatte. So erklärte Lloyd George auf eine Anfrage, die elsaß-lothringische Frage müsse Frankreich entscheiden, aber England müsse auf der Seite Frankreichs stehen. Das war eine etwas mattherzige Unterstützung des französischen Kriegsziels. Auf eine weitere Anfrage erklärte er, sobald die Deutschen die geringste Geneigtheit zeigten, über einen Frieden auf billiger Grundlage zu verhandeln, werde auf englischer Seite nicht der geringste Widerspruch gegen die Anbahnung von Friedensverhandlungen vorhanden sein. Das klang wesentlich weicher als die harten Worte des Hohnes, mit denen die britische Regierung den deutschen Friedensvorschlag zurückgewiesen hatte.
Dazu kamen Anzeichen von Meinungsverschiedenheiten zwischen den Alliierten. Während die Kundgebungen Wilsons und Lloyd Georges genau aufeinander abgestimmt waren, kamen aus Frankreich andersklingende Töne. Am 12. Januar hatte Herr Pichon in der französischen Kammer eine Interpellation über die Kriegsziele der Alliierten und über die Verweigerung der Pässe an die französischen Sozialisten, die in Petersburg mit der Sowjetregierung Fühlung nehmen wollten, zu beantworten. Während Herr Wilson Worte hoher Sympathie für Sowjetrußland und die von Trotzki proklamierten Friedensgrundsätze gesprochen hatte, erklärte Herr Pichon, die bolschewistische Regierung werde von den Alliierten nicht anerkannt; sie habe die Verträge mit ihren Verbündeten für nichtig erklärt und Friedensbedingungen aufgestellt, denen zuzustimmen sowohl Pflicht wie Interesse verböten. Weiter teilte er mit, er habe nach seiner — obenerwähnten — Rede vom 27. Dezember bei den Alliierten angefragt, ob es nicht angezeigt sei, eine zu vereinbarende gemeinschaftliche Erklärung über die Kriegsziele abzugeben. Die Antwort habe verneinend gelautet. Die Forderung auf Veröffentlichung der Antworten könne er nicht erfüllen. —
Die feindlichen Staatsmänner hatten gesprochen. Jetzt hatten die Leiter unserer politischen Geschicke das Wort.
An einem und demselben Tag, am 24. Januar, sprachen Graf Czernin in Wien vor dem österreichischen Delegationsausschuß, Graf Hertling in Berlin vor dem Hauptausschuß des Reichstags.
Graf Czernin sprach die Überzeugung aus, daß nicht nur die Brester Verhandlungen zu einem guten Ende kommen würden, sondern daß auch der allgemeine Friede im Reifen sei. In dieser Überzeugung sei er bestärkt worden durch Wilsons Friedensangebot, in dem er eine bedeutende Annäherung an den österreichisch-ungarischen Standpunkt erblicke. Allerdings werde die Donaumonarchie ihre Bündnispflichten getreu erfüllen und den vorkriegerischen Besitzstand ihrer Bundesgenossen verteidigen wie den eigenen; ferner lehne er Ratschläge, wie Österreich im Innern zu regieren sei, höflich, aber entschieden, ab. Er äußerte sich dann großenteils zustimmend zu den einzelnen Punkten des Wilsonschen Programms. Hinsichtlich der auf Italien und die Balkanstaaten bezüglichen Punkte bemerkte er, daß er sich weigere, als Assekuranz für feindliche Kriegsabenteuer zu figurieren und einseitig Konzessionen zu machen, die nur den Feinden ermöglichten, den Krieg ins Endlose fortzuschleppen. Italien habe vor seinem Eintritt in den Krieg Gelegenheit gehabt, ohne Schwertstreich einen großen territorialen Erwerb zu machen; es habe abgelehnt und Hunderttausende an Toten und Milliarden an Werten verloren, nur um das, was es umsonst haben konnte, auf immer zu verlieren. In bezug auf das polnische Problem nähere er sich den Auffassungen Wilsons, ebenso in anderen Punkten, so daß die Erwägung nahe liege, ob nicht ein „Gedankenaustausch zwischen Österreich-Ungarn und den Vereinigten Staaten den Ausgangspunkt für eine allgemeine versöhnliche Aussprache bilden könne“.
Graf Hertling erkannte in seiner Rede an, daß sowohl Lloyd George als auch Wilson den Ton ihrer Ausführungen geändert hätten. Aber dem Optimismus, wie er sich daraufhin namentlich in manchen Stimmen des neutralen Auslandes zeige, könne er nicht ganz folgen. Nach allgemeinen Ausführungen über die Friedfertigkeit der deutschen Politik besprach er der Reihe nach die 14 Punkte des Wilson-Programms.
Mit den Punkten 1, 2, 3 und 4 — Ausschluß der Geheimdiplomatie, Freiheit der Meere, Wirtschaftsfreiheit, Rüstungsbeschränkung — erklärte er sich grundsätzlich einverstanden.
Zu Punkt 5, betreffend die kolonialen Fragen, bemerkte er, daß die praktische Durchführung des von Wilson aufgestellten Grundsatzes in der Welt der Wirklichkeit einigen Schwierigkeiten begegnen werde; zunächst könne es jedenfalls dem großen Kolonialreiche England überlassen bleiben, wie es sich mit dem Vorschlage seines Verbündeten abfinden wolle. Bei der unbedingt auch von Deutschland geforderten Neugestaltung des Weltkolonialbesitzes werde von diesem Programmpunkt seinerzeit die Rede sein.
Zu Punkt 6, der Räumung der besetzten russischen Gebiete, stellte er fest, daß die Ententestaaten es abgelehnt hätten, sich den Verhandlungen zwischen den Vierbundmächten und Rußland anzuschließen, und daß er deshalb eine nachträgliche Einmischung ablehnen müsse; er halte an der Hoffnung fest, daß es unter Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der westlichen Randvölker des ehemaligen russischen Kaiserreiches gelingen werde, zu einem guten Verhältnis sowohl mit den neuen Randstaaten als auch mit dem übrigen Rußland zu gelangen.
Zu Punkt 7, der belgischen Frage, sei von seinen Amtsvorgängern wiederholt erklärt worden, daß zu keiner Zeit während des Krieges die gewaltsame Angliederung Belgiens an Deutschland einen Programmpunkt der deutschen Politik gebildet habe. Die belgische Frage gehöre zu dem Komplex der Fragen, deren Einzelheiten durch die Friedensverhandlungen zu ordnen sein würden. Solange unsere Gegner sich nicht rückhaltlos auf den Boden stellten, daß die Integrität des Gebietes der Verbündeten die einzig mögliche Grundlage von Friedensverhandlungen bilden könne, müsse er an dem bisher stets eingenommenen Standpunkt festhalten und eine Vorwegnahme der belgischen Angelegenheit aus der Gesamtdiskussion ablehnen.
Punkt 8. Die besetzten Teile Frankreichs seien ein wertvolles Tauschpfand in unserer Hand. Auch hier bilde die gewaltsame Angliederung keinen Teil der deutschen Politik. Die Bedingungen und Modalitäten der Räumung, die den vitalen Interessen Deutschlands Rechnung tragen müßten, seien zwischen Deutschland und Frankreich zu vereinbaren. Er könne nur nochmals ausdrücklich betonen, daß von einer Abtretung von Reichsgebiet nie und nimmer die Rede sein könne.
Die Punkte 9, 10 und 11 — italienische Grenzen, Nationalitätsfragen der Donaumonarchie, Balkanstaaten — berührten Fragen, bei denen zum größten Teil die politischen Interessen Österreich-Ungarns überwögen; er möchte deshalb die Beantwortung dieser Punkte in erster Linie dem auswärtigen Minister Österreich-Ungarns überlassen. Ebensowenig wolle er hinsichtlich der in Punkt 12 behandelten türkischen Angelegenheiten der Stellungnahme der türkischen Staatsmänner vorgreifen. Unsere Verbündeten könnten bei der Wahrnehmung ihrer berechtigten Ansprüche auf unsern nachdrücklichsten Beistand rechnen.
Zu Punkt 13, Polen, führte der Reichskanzler aus, nicht die Entente, sondern das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn hätten Polen von dem seine nationale Eigenart unterdrückenden zaristischen Regiment befreit; so möge man denn auch Deutschland, Österreich-Ungarn und Polen es überlassen, sich über die zukünftige Gestaltung dieses Landes zu einigen.
Zu Punkt 14, Völkerbund, erklärte er, daß er jedem Gedanken sympathisch gegenüberstehe, der für die Zukunft die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit von Kriegen ausschalte. Wenn der vom Präsidenten Wilson stammende Gedanke des Völkerbundes bei näherer Ausführung und Prüfung ergebe, daß er wirklich im Geiste vollkommener Vorurteilslosigkeit gefaßt sei, so sei die Kaiserliche Regierung gern bereit, wenn alle anderen schwebenden Fragen geregelt sein würden, einer Prüfung der Grundlagen eines solchen Völkerbundes näherzutreten.
Im Anschluß an diese Stellungnahme zu den Einzelpunkten des Wilson-Programms erkannte Graf Hertling an, daß Wilsons und Lloyd Georges Ausführungen Grundsätze für einen allgemeinen Weltfrieden enthielten, denen wir zustimmen und die Ausgangs- und Zielpunkte für Verhandlungen bilden könnten; aber in den konkreten Punkten sei der Friedenswille weniger bemerkbar. Unsere Gegner erklärten zwar, sie wollten Deutschland nicht vernichten, aber sie schielten begehrlich nach Teilen des Reichs und unserer Verbündeten; sie sprächen mit Achtung von Deutschlands Stellung, aber dazwischen dringe immer wieder die Auffassung durch, als seien wir die Schuldigen, die Buße tun und Besserung geloben müßten. „So spricht der Sieger zum Besiegten; so spricht derjenige, der alle unsere früheren Äußerungen von Friedensbereitschaft als bloße Zeichen der Schwäche deutet.“ Von dieser Täuschung müßten sich die Führer der Entente frei machen. „Unsere militärische Lage war niemals so günstig, wie sie jetzt ist. Unsere genialen Heerführer sehen mit unverminderter Zuversicht in die Zukunft. Durch die ganze Armee, durch Offiziere und Mannschaften geht ungebrochene Kampfesfreude.“ Wenn die Führer der feindlichen Mächte wirklich zum Frieden geneigt seien, so möchten sie ihr Programm nochmals revidieren. „Wenn sie mit neuen Vorschlägen kommen, dann werden wir sie auch ernstlich prüfen; denn unser Ziel ist kein anderes als die Wiederherstellung eines dauernden allgemeinen Friedens. Aber dieser dauernde allgemeine Friede ist so lange nicht möglich, als die Integrität des Deutschen Reiches, als die Sicherung unserer Lebensinteressen und die Würde unseres Vaterlandes nicht gewahrt bleibt.“
Die Ausführungen der beiden leitenden Staatsmänner des Zweibundes stellten also den Programmpunkten Wilsons nur dort ein glattes Nein entgegen, wo diese mit der Erhaltung der territorialen Integrität und der Souveränität unverträglich waren. In allen anderen Punkten stimmten sie ausdrücklich zu oder wiesen sie wenigstens eine Erörterung nicht von vornherein ab. Das gilt namentlich auch von Hertlings Erklärung zur belgischen Frage. Der Reichskanzler stellte fest, daß die gewaltsame Angliederung Belgiens an Deutschland niemals Ziel der deutschen Politik gewesen sei. Die positive Ordnung der belgischen Frage wollte er aber nicht aus dem Gesamtkomplex der Friedensfragen herausnehmen lassen, solange die Gegner die Integrität des Gebietes der Vierbundmächte nicht ihrerseits als Grundlage für die Friedensverhandlungen anerkannten.
Damit war wieder einmal für jeden, der hören wollte, hinreichend klargestellt, daß einer ernsthaften und konkreten Friedensdiskussion als einziges Hindernis die Eroberungs- und Zerstückelungswünsche unserer Feinde entgegenstanden. Es handelte sich darum, ob unsere Feinde sich würden entschließen können, auf diese gegen den Bestand und die Unabhängigkeit der Vierbundmächte gerichteten Wünsche zu verzichten, oder ob Deutschland und seine Verbündeten, die gerade jetzt die russische Flanke frei bekamen, nach dreieinhalb Jahren heldenhafter Gegenwehr in dem Augenblick der stärksten Erleichterung, die ihnen der Krieg bisher gebracht hatte, die Waffen niederlegen, alle errungenen Vorteile aufgeben und freiwillig Gebiete ausliefern würden, die unsere Feinde uns mit der Gewalt der Waffen nicht hatten entreißen können.
Letzteres war eine offensichtliche Unmöglichkeit.
Aber auch unsere Feinde konnten sich nicht entschließen, ihre Kriegsziele einzuschränken. Vom 30. Januar bis 2. Februar 1918 tagte in Versailles der Oberste Kriegsrat der Entente. Über das Ergebnis seiner Beratungen wurde eine amtliche Note veröffentlicht, in der es hieß:
Der Oberste Kriegsrat habe die jüngsten Erklärungen des deutschen Reichskanzlers und des österreichisch-ungarischen Ministers des Äußern sorgfältig geprüft; er habe in diesen Erklärungen keinerlei Annäherung an die von sämtlichen Regierungen der Alliierten formulierten maßvollen Bedingungen zu erkennen vermocht. Der Eindruck, den der Kontrast zwischen den angeblich idealen Zielen, zu deren Verwirklichung die Mittelmächte die Verhandlungen von Brest-Litowsk eröffnet haben, und ihrem nun offen zutage liegenden Streben nach Raub und Eroberung hervorrufe — wie soll man heute nach diesen Worten die Versailler Friedensbedingungen der Alliierten kennzeichnen? —, sei nur geeignet, diese Überzeugung zu befestigen. Unter diesen Umständen erachte es der Oberste Kriegsrat als seine unmittelbare Pflicht, die Fortdauer des Krieges mit äußerster Energie und durch die straffste und wirksamste Vereinheitlichung der militärischen Aktion der Alliierten sicherzustellen.
„Diese Kundgebung bedeutet die denkbar schroffste Abweisung jedes Friedensgedankens,“ schrieb damals die demokratische „Frankfurter Zeitung“, und sie hatte recht. Die Intransigenten hatten in Versailles triumphiert.
Der Präsident Wilson antwortete auf die Reden des Grafen Czernin und des Grafen Hertling am 11. Februar in einer neuen Ansprache an den Kongreß. Da auch diese Ansprache als eine der von uns und den Feinden angenommenen Grundlagen des abzuschließenden Friedens von Bedeutung ist, sei das Wesentliche ihres Inhalts wiedergegeben.
Er machte zunächst eine Unterscheidung zwischen den beiden gegnerischen Staatsmännern. Graf Czernin bekam eine gute Zensur: Er habe in freundlichem Ton gesprochen, scheine die Grundlagen des Friedens mit klarem Blick zu erkennen und fühle offenbar, daß Österreich auf die von den Vereinigten Staaten aufgestellten Kriegsziele leichter als Deutschland eingehen könne; er würde wahrscheinlich noch weitergegangen sein, wenn er nicht auf Österreichs Bündnis und seine Abhängigkeit von Deutschland Rücksicht hätte nehmen müssen. Graf Hertling bekam eine schlechte Zensur: Seine Antwort sei sehr unbestimmt und sehr verwirrend; sie sei voll von zweideutigen Sätzen; es sei unklar, worauf sie hinauswolle; aber sicher sei, daß sie in einem ganz anderen Ton als diejenige des Grafen Czernin gehalten sei, und offensichtlich verfolge sie auch einen entgegengesetzten Zweck. Die Rede bestätige den unglücklichen Eindruck der Brester Verhandlungen. Hertlings Erörterung und Annahme von Wilsons allgemeinen Grundsätzen führe ihn nirgends zu einer greifbaren Folgerung; er weigere sich, sie auf die wesentlichen Punkte anzuwenden, die den Inhalt einer jeden endgültigen Regelung bilden müßten. Er sei mißtrauisch gegenüber einer internationalen Aktion und einer internationalen Beratung. Die von dem Kanzler vorgeschlagenen Methoden seien diejenigen des Wiener Kongresses. Dahin gebe es keine Rückkehr. Der Kampf gehe um eine neue internationale Ordnung, aufgebaut auf den weiten und allumfassenden Grundsätzen von Recht und Gerechtigkeit, nicht um einen bloßen Flickfrieden. Der Weltfrieden hänge von der gerechten Schlichtung eines jeden der verschiedenen von ihm formulierten Probleme ab. Diese Probleme könnten nicht getrennt für sich und in verschiedenen Ecken behandelt werden; was den Frieden berühre, das berühre die Menschheit. Auf die Reichstagsresolution vom 19. Juli 1917 hinweisend, erklärte er: Es soll keine Annexionen geben, keine Kriegsentschädigungen, keinen strafweisen Schadenersatz. Kein Volk soll durch eine internationale Konferenz oder durch Abmachungen zwischen Rivalen und Gegnern von einer Staatshoheit an eine andere ausgeliefert werden. Nationale Ansprüche müssen beachtet werden, die Völker dürfen nur noch mit ihrer eigenen Zustimmung beherrscht und regiert werden. Das „Selbstbestimmungsrecht“ ist nicht eine bloße Redensart. Es ist ein gebieterischer Grundsatz des Handelns, den die Staatsmänner künftig nur noch auf eigene Gefahr mißachten werden.
Auf die auffallende Anregung des Grafen Czernin, ob nicht ein Meinungsaustausch zwischen Österreich-Ungarn und der Union den Weg zu allgemeinen Friedensverhandlungen bereiten könne, antwortete Präsident Wilson: Die Prüfung, ob es für die beiden Regierungen möglich sein werde, in dem Austausch der Meinungen irgendwie weiter zu gehen, sei einfach und klar. Die anzuwendenden Grundsätze seien folgende:
1. Jeder Teil der endgültigen Regelung müsse beruhen auf der wesentlichen Gerechtigkeit des besonderen Falles und auf einem solchen Ausgleich, von dem es am wahrscheinlichsten sei, daß er einen dauerhaften Frieden bringen werde.
2. Völker und Provinzen dürften nicht von einer Staatshoheit in die andere herumgeschoben werden, als wenn es sich um Figuren oder Steine in einem Spiel handle, auch wenn dieses Spiel das große, aber jetzt für immer diskreditierte Spiel des Gleichgewichts der Kräfte sei; vielmehr müßte.
3. jede Gebietsfrage, die durch diesen Krieg aufgeworfen worden sei, im Interesse und zum Vorteil der betreffenden Bevölkerung gelöst werden und nicht als ein Teil eines bloßen Ausgleichs oder Kompromisses zwischen rivalisierenden Staaten.
4. Allen klar umschriebenen nationalen Ansprüchen müsse die weitestgehende Befriedigung gewährt werden, die ihnen gegeben werden könne, ohne Elemente der Zwietracht und Feindschaft zu verewigen oder neu einzuführen, die geeignet wären, den Frieden Europas und damit den Frieden der Welt bald wieder zu stören.
Diese als fundamental zu betrachtenden Grundsätze seien, soweit er sehe, bereits überall als zwingend anerkannt außer von den Wortführern der deutschen Annexionisten und Militaristen. Der tragische Zustand sei, daß diese eine Partei in Deutschland gewillt und imstande sei, Millionen von Männern in den Tod zu senden, um zu verhindern, was alle Welt jetzt als gerecht anerkenne. Die Union sei in den Krieg nicht wegen eines geringen Anlasses eingetreten und könne auf dem eingeschlagenen Wege nicht umkehren. Die ganze Kraft der Vereinigten Staaten würde eingesetzt werden in diesem Krieg der Befreiung von der Drohung der Herrschaftsgelüste selbstsüchtiger Gruppen und autokratischer Herrscher.
Auch diese Kundgebung war ein merkwürdiges Gemisch von Doktrinarismus und Parteilichkeit, von Unkenntnis europäischer Verhältnisse und Verschlagenheit. Sie stellte allgemeine Grundsätze auf und verlangte deren Anwendung nur zu Lasten der Vierbundmächte. Sie ignorierte die historisch gewordenen Verhältnisse und die Gemengelage der Nationalitäten im deutschen Osten, in Österreich-Ungarn, auf dem Balkan und in der Türkei, die eine praktische Anwendung der Grundsätze unmöglich machten. Sie suchte die in höchstem Maße selbstsüchtigen Ziele der Ententemächte mit dem Mantel eines großen menschenfreundlichen Prinzips zu verhüllen. Sie bewies alles in allem den Mangel an gutem Willen und an Fähigkeit, den Auffassungen und Lebensnotwendigkeiten der Mittelmächte Verständnis zu zeigen und ihnen gerecht zu werden. Erneut zeigte sich, daß der „arbiter mundi“ trotz seiner hohen Worte dem hohen Beruf nicht gewachsen war, zu dem ihn das Schicksal geführt hatte.
Was wollte es angesichts der Sachlage bedeuten, wenn vereinzelte Stimmen bei unseren Gegnern sich für einen Frieden im Wege der Verständigung erhoben, wenn nach Lansdowne z. B. der frühere britische Minister Runciman sich für einen unmittelbaren Gedankenaustausch zwischen Vertretern der kriegführenden Parteien als den einzigen Weg aussprach, der den Weg zum Frieden erschließen könne!
An der Sachlage wurde auch nichts dadurch geändert, daß Graf Hertling am 25. Februar im Reichstag den vier von dem Präsidenten Wilson in seiner Kongreßansprache vom 11. Februar formulierten Sätzen ausdrücklich und grundsätzlich beistimmte und unter Bewegung des Hauses erklärte, daß ein allgemeiner Friede auf solchen Grundlagen erörtert werden könne. Er machte allerdings einen Vorbehalt, daß diese Grundsätze nicht nur von dem Präsidenten der Union vorgeschlagen, sondern von allen Staaten und Völkern tatsächlich anerkannt werden müßten.
Die Aussichtslosigkeit der Sache des Friedens wurde drei Tage nach dieser Erklärung durch eine Erörterung im britischen Unterhaus bestätigt. Auf eine Anfrage aus dem Hause, die von der grundsätzlichen Zustimmung des Grafen Czernin zu den vierzehn Punkten des Wilson-Programms ausging, erklärte Balfour, die Rede des Grafen Czernin sei offenbar mißverstanden worden; man könne sich kein Polen denken ohne die ihm von Deutschland entrissenen Provinzen, aber deren Rückgabe werde sicherlich nicht in den Absichten des Grafen Czernin liegen. — Mit dieser Wendung erkannte Balfour an, daß für gewisse Punkte des Wilson-Programms eine Annahme seitens der Mittelmächte überhaupt nicht erwartet werden konnte. — Weiter führte Balfour aus, daß auch die letzte Rede des Grafen Hertling keine Grundlage für Verhandlungen biete. Wenn man Verhandlungen beginnen wolle, bevor man die Aussicht auf ihre erfolgreiche Durchführung habe, so wäre das das größte Verbrechen gegen den Weltfrieden.
Mit anderen Worten, die Entente-Staatsmänner waren sich klar darüber, daß ihre Kriegsziele nicht durch Verhandeln mit einem unbesiegten Gegner, sondern nur durch Diktieren nach errungenem Siege erreichbar seien; und deshalb waren sie entschlossen, in dem Vertrauen auf die allmählich wirksam werdende amerikanische Hilfe weiterzukämpfen.
Kein anderes Ergebnis als die öffentlichen Friedensgespräche der leitenden Staatsmänner hatten vertrauliche Sondierungen und Unterhaltungen.
Durch spätere Mitteilungen des Grafen Czernin — in einer Rede vom 2. April 1918 — ist bekannt geworden, daß die im August 1917 ergebnislos verlaufenen Besprechungen zwischen dem Major Grafen Armand und dem Grafen Revertera[5] im Februar 1918 in der Schweiz wiederaufgenommen worden sind; Graf Czernin hat behauptet, auf Initiative des Herrn Clemenceau. Herr Clemenceau hat nicht die Tatsache dieser neuen Verhandlungen und deren vom Grafen Czernin dargestellten Verlauf, aber seine Initiative auf das heftigste bestritten und den Grafen Czernin einen Lügner genannt. Im weiteren Verlauf dieses Streites hat dann Herr Clemenceau den Brief des Kaisers Karl an den Prinzen Sixtus von Parma vom 31. März 1917 veröffentlicht und dadurch den kaiserlichen Herrn des Grafen Czernin und diesen selbst in eine so schwierige Lage gebracht, daß Graf Czernin sich genötigt sah, am 14. April 1918 seinen Abschied zu nehmen.
Aber die Frage der Initiative ist hier gleichgültig. Wesentlich ist lediglich die nicht bestrittene Tatsache, daß Graf Czernin im Einvernehmen mit der deutschen Regierung die Anfrage des Grafen Armand, die er als im Auftrage Clemenceaus gestellt ansah, in den letzten Tagen des Februar 1918 zum Zweck der Mitteilung an Herrn Clemenceau dahin beantworten ließ, Graf Czernin sei zu einer Aussprache mit einem Vertreter Frankreichs bereit und halte ein Gespräch mit Aussicht auf Erfolg für möglich, sobald Frankreich nur auf seine Eroberungsabsicht betreffs Elsaß-Lothringens verzichte. Dem Grafen Revertera wurde hierauf namens des Herrn Clemenceau erwidert, dieser sei nicht in der Lage, die vorgeschlagene Verzichtleistung Frankreichs auf die „Desannexion“ anzunehmen. Unter diesen Umständen erschien auf beiden Seiten jede weitere Verhandlung zwecklos.
So hatte sich abermals das Wort als ohnmächtig erwiesen, dem Kriege ein Ziel zu setzen, sowohl das öffentliche Wort der leitenden Staatsmänner, wie die vertrauliche Aussprache von Mittelspersonen. Nun lag die letzte Entscheidung beim Schwert. Auf beiden Seiten wurden alle Kräfte angespannt zu dem größten und schwersten Völkerringen, unter dessen Wucht jemals die Erde erzitterte.
Deutschlands Heerführer vermochten, wenn auch eine nicht unbeträchtliche Truppenmacht infolge der mangelhaft geklärten Verhältnisse im Osten gebunden blieb, auf dem westlichen Kriegsschauplatz ein Heer zu versammeln, wie es niemals in der Geschichte ein einziges Volk ins Feld gestellt hat. Lloyd George hat später — am 10. April 1918 — im Unterhaus erklärt, noch im Spätherbst sei das Verhältnis der deutschen Truppen zu denen der Alliierten auf dem westlichen Kriegsschauplatz wie 2:3 gewesen; diese zahlenmäßige Überlegenheit der Alliierten sei infolge der Heranziehung deutscher Truppen aus dem Osten nahezu ausgeglichen worden.
Seit der Marneschlacht hatten wir in Frankreich einem weit überlegenen Gegner in der Verteidigung standhalten müssen. Zum erstenmal stand jetzt wieder die Partie auf dem westlichen Kriegsschauplatz zahlenmäßig annähernd gleich auf gleich.
Auch in der Ausrüstung mit Kriegsgerät aller Art waren wir aus dem Zustand unbedingter Unterlegenheit herausgekommen; einmal dadurch, daß das Hindenburg-Programm, nach den anfänglichen Übertreibungen, der Leistungsfähigkeit der deutschen Arbeit und der deutschen Hilfsquellen besser angepaßt worden war; ferner ohne Zweifel auch dadurch, daß der U-Bootkrieg die Ausstattung der feindlichen Heere mit Kriegsgerät empfindlich beeinträchtigte. Die Nahrungssorgen konkurrierten scharf mit dem Heeresbedarf an Munition. Die britischen Staatsmänner richteten dringende Hilferufe an Amerika, zur Ersparung von Frachtraum „Stahl statt Erz und Granaten statt Stahl“ zu schicken.
Wie weit damals, unmittelbar vor unserer großen Offensive, die Schiffsraumnot bei unseren Feinden gestiegen war, das zeigte sich in dem Verhalten der Entente und der Vereinigten Staaten gegen die Niederlande. In der ersten Märzhälfte verlangte die Entente von den Niederlanden, daß sie ihren Schiffsraum den Zwecken der Alliierten dienstbar machen sollten. Es wurde nicht nur die Auslieferung der sämtlichen in den Häfen Amerikas und der Ententeländer liegenden niederländischen Schiffe verlangt, sondern darüber hinaus noch die Auslieferung von 300000 Bruttotonnen in Schiffen, die in den Niederlanden selbst aufgelegt worden waren. Um dieser unerhörten Forderung Nachdruck zu geben, drohten die Alliierten den Niederlanden mit der Requisition aller in ihren Häfen liegenden und auf hoher See befindlichen holländischen Schiffe sowie mit einer Sperrung der Zufuhr von Lebensmitteln für die niederländische Bevölkerung.
Die niederländische Regierung zeigte sich zunächst entschlossen, sich diesem Zwang nicht zu fügen. Die Knappheit von Brotgetreide und die dadurch bedingte Abhängigkeit von auswärtigen Zufuhren erschwerten ihr jedoch ihre Stellung im höchsten Maße. Sie wandte sich an die deutsche Regierung mit der Anfrage, ob Deutschland in der Lage und bereit sei, mit Getreide auszuhelfen. Die Zusage von 100000 Tonnen Getreide hätte damals genügt, um Holland das Durchhalten gegenüber dem Druck der Alliierten zu ermöglichen. Zwar wären auch in diesem Fall die in den feindlichen Häfen liegenden und die auf hoher See schwimmenden holländischen Schiffe in der Gewalt der Alliierten gewesen; aber die 300000 Bruttotonnen Schiffsraum, die in den Niederlanden selbst lagen, wären unseren Feinden vorenthalten worden. Die 100000 Tonnen Getreide, die Holland als Rückendeckung von uns verlangte, hätten für unsere Bevölkerung, verteilt auf die nahezu fünf Monate bis zur neuen Ernte, etwa 10 g auf den Kopf und Tag ausgemacht. Gewiß angesichts der ohnehin schmalen Kopfrate eine empfindliche Einschränkung. Aber auf der anderen Seite stand die Möglichkeit, unseren Feinden in jener entscheidenden Zeit den Schiffsraum vorzuenthalten, dessen Wichtigkeit, ja Unentbehrlichkeit sie gerade durch ihr brutales Vorgehen gegen die Niederlande anerkannten. Ich habe mich damals an den Reichskanzler gewendet und ihm auf das dringendste geraten, die von den Niederlanden erbetene Zusage zu geben. Sie wurde jedoch nach Befragen des Kriegsernährungsamts abgelehnt, und nun blieb den Niederlanden nichts anderes übrig, als vor den Alliierten unter Protest zu kapitulieren. Am 18. März nahm die holländische Regierung das von den Alliierten gestellte Ultimatum an und gab den von diesen verlangten Schiffsraum für deren Zwecke frei. Zwar machte sie dabei den Vorbehalt, daß die Schiffe keine Truppen oder Kriegsmaterial transportieren dürften und nicht bewaffnet werden sollten; aber die englische und amerikanische Regierung gingen auch über diesen Vorbehalt zur Tagesordnung über.
So schloß der letzte Versuch, vor dem Anheben des großen Endkampfes vielleicht doch noch zu einem Frieden des Ausgleiches und der Verständigung zu kommen, mit der brutalen Vergewaltigung eines Staates, der in diesem Kriege keinen anderen Wunsch hatte, als seine Neutralität auf das peinlichste zu bewahren. Dieser Gewaltakt bekundete und bestätigte mit einer Deutlichkeit, die alle Reden übertönte, die unbeugsame, vor keinem Opfer und keiner Gewalttat zurückschreckende Entschlossenheit unserer Feinde, bis ans Ende zu gehen und alles an den Sieg ihrer Sache zu setzen. Nur die Verderber der öffentlichen Meinung in Deutschland wollten nicht sehen noch hören.
Die große Offensive
Während die Staatsmänner beider Parteien über Land und Meer hinweg von Krieg und Frieden redeten, rollten im Westen auf beiden Seiten der großen Grabenlinien Tag und Nacht die Eisenbahnzüge zur Front mit Hunderttausenden von Kriegern und mit ungezähltem Material. In gespannter Erwartung, wie kaum je seit Kriegsbeginn, harrten die Armeen und harrten die Völker des Erdenrundes des gewaltigen Sturmes. Tiefes Geheimnis lag über den Plänen derer, die berufen waren, die größte Schlacht aller Zeiten zu lenken. Zwar stand das deutsche Heer allein — nur hier und dort stand österreichische Artillerie zwischen seinen Reihen — fast der gesamten Macht der Franzosen, Engländer, Belgier mit ihren Hilfsvölkern und den sich allmählich in größerer Zahl einfindenden Amerikanern gegenüber. Aber niemand bei Freund und Feind, der nicht gefühlt hätte, daß dieses Mal der Deutsche auf dem weiten Kampfgelände Frankreichs nach dreieinhalb Jahren des Abwartens und der Verteidigung den ersten Schlag führen und das Gesetz des Handelns vorschreiben würde.
In der Nacht zum 21. März begannen zwischen Scarpe und Oise auf der 80 Kilometer langen Front gegenüber den Engländern die deutschen Geschütze zu donnern. Es war nicht die Einleitung zu einem tage- und wochenlangen Trommelfeuer, wie es unsere Gegner ihren Angriffen vorauszuschicken liebten; es war ein einziger ungeheuerer Feuerschlag, der acht Stunden lang die Erde schüttelte. Inzwischen war es Tag geworden. Aber in dichten Schwaden lag der Nebel noch über der bebenden Erde, als kurz vor zehn Uhr von Arras bis La Fère die deutschen Sturmkolonnen aus ihren Gräben aufstanden und gegen die zerfetzten feindlichen Linien losbrachen. Die ersten Stellungen wurden genommen und überrannt. Unsere Batterien folgten der vorwärtsstürmenden Infanterie. Zäher Kampf um die zweiten Stellungen. Auch hier wurden die Engländer geworfen. Die folgenden Tage ließen den Einbruch zum Durchbruch werden. Die in aller Eile herangeholten englischen und französischen Reserven wurden geschlagen. Im Fluge wurde das ein Jahr zuvor im Rückzug preisgegebene Schlachtgelände an der Somme zurückgewonnen. Péronne und Bapaume, Ham und Nesle, Roye und Noyon, Albert und Montdidier wurden mit stürmender Hand genommen. Bis 20 Kilometer vor Amiens wurde der Angriff vorgetragen. Gegen 100000 Gefangene und mehr als 1300 Geschütze wurden erbeutet. Der Bann des Stellungskriegs schien nun auch im Westen gebrochen, die feindlichen Verbände schienen auf das schwerste erschüttert. Durch das deutsche Volk ging ein großes Aufatmen von langem und starkem Druck. Auch die Zweifler begannen zu glauben, nun könne es möglich werden, den langen und überlangen Krieg mit kurzen und wuchtigen Schlägen dem Ende zuzuführen.
Nach einigen Tagen des Vorwärtsstürmens kam jedoch die Bewegung ins Stocken. Die Kräfte von Mann und Roß begannen nach der ungeheueren Anspannung zu ermüden, die Schwierigkeiten des Nachschubs von Material, Munition und Proviant wuchsen mit jeder Meile, die nach vorwärts gewonnen wurde. Die Eignung der modernen Waffen, namentlich des Maschinengewehrs, zur Verteidigung und zum Aufhalten eines nachdrängenden Feindes, bewährte sich aufs neue. So gelang es Engländern und Franzosen, sich in dem weiten Bogen Arras-Montdidier-La Fère zu setzen. Ein am 28. März von unseren Truppen gegen die starken englischen Stellungen bei Arras unternommener Vorstoß, der diesen wichtigen Stützpunkt dem Feinde entreißen und damit den nördlichen Flügel der feindlichen Stellung aus den Angeln heben sollte, schlug fehl und wurde alsbald abgebrochen.
Die Pause, die unsere Heeresleitung den Gegnern gönnte, war nicht von langer Dauer. Schon am 6. April wurde ein Angriff auf die feindlichen Stellungen südlich der Oise angesetzt, der uns in kurzer Zeit in den Besitz der Höhen zwischen Oise und Aisne mit dem festungsartig ausgebauten Schloß von Coucy brachte. Der Hauptschlag wurde jedoch dieses Mal im Norden an der Front gegenüber Lille geführt. Am 9. April warfen unsere Truppen nach kurzer Artillerievorbereitung in überraschendem Angriff die Engländer und Portugiesen aus ihren Stellungen zwischen Armentières und dem La-Bassée-Kanal und drängten ihnen über die von der Lys durchströmte wasserreiche Niederung nach. Bereits am 11. April mußte Armentières, von drei Seiten eingeschlossen, kapitulieren. Am 16. April wurden die Höhen des Wytschaetebogens und Paeschendaele gestürmt und die wichtige Stadt Bailleul genommen. In wenigen Tagen war die ganze Gegend um Ypern, die uns Engländer und Belgier in den fünfmonatigen Kämpfen der zweiten Hälfte des Jahres 1917 mit ungeheuren Opfern Schritt für Schritt abgerungen hatten, wieder in unseren Händen. Am 25. April stürmten preußische und bayrische Truppen die beherrschende Höhe des Kemmelberges und das Dorf Kemmel.
Aber auch hier kam jetzt in dem schwierigen Gelände die Bewegung ins Stocken. Es gelang den Feinden, den Bogen Ypern-Hazebrouck-Béthune zu halten. Die überschwenglichen Hoffnungen, die nach dem glänzenden Anfangserfolge auf einen Durchbruch bis zur Küste und ein Aufrollen der flandrischen Front gesetzt wurden, erfüllten sich nicht. Auch eine Flankierung der feindlichen Stellungen bei Arras, wie sie wohl im Plane unserer Obersten Heeresleitung gelegen haben mag, mit der Wirkung, daß dieser Frontteil ins Wanken gebracht und damit die Einheit der Aktion mit dem großen Vorstoß zwischen Scarpe und Oise hergestellt worden wäre, wurde nicht erreicht. Auch hier gelang es dem Feind, sich in rückwärtigen Stellungen festzusetzen und rechtzeitig ausreichende Reserven heranzuholen. Abermals zeigte sich, daß die Masse unserer Feinde noch stark genug war, um mit Hilfe der Verteidigungskraft der modernen Waffen auch eine schwere Zerreißung der Front auszugleichen und den beginnenden Bewegungskrieg wieder in die starren Formen des Stellungskriegs zu zwingen. Alles spitzte sich darauf zu, ob die moralische Widerstandskraft und die Reserven des Feindes einem neuen wuchtigen Schlag gewachsen seien, und ob die Offensivkraft des deutschen Heeres ausreichen werde, um in neuen Schlägen die Lockerung des Gefüges der feindlichen Front zur völligen Zerreißung, die Schwächung der feindlichen Verbände zur Zertrümmerung auszugestalten.
In dieser schweren Bedrängnis wandte sich der Appell der englischen und französischen Staatsmänner in erster Linie an die amerikanische Hilfe. Am 28. März gab der britische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Lord Reading, ein Telegramm Lloyd Georges bekannt, in dem es hieß:
„Wir wurden in der Krisis des Krieges von einer überwältigenden Überzahl deutscher Truppen angegriffen und gezwungen, uns zurückzuziehen. Der Rückzug geht planmäßig vor sich unter dem ununterbrochenen Druck immer frischer deutscher Reserven, die gewaltige Verluste erleiden.“ Der Sturmlauf der Deutschen sei augenblicklich zum Stillstand gebracht. Aber die Schlacht, die größte und wichtigste der Weltgeschichte, stehe erst in ihrem Anfang; denn England und Frankreich wüßten, daß die große Republik im Westen keinen Kraftaufwand sparen werde, um Truppen und Schiffe so rasch wie möglich nach Europa zu senden. „Zeit ist alles in diesem Krieg. Es ist unmöglich, die Bedeutung zu überschätzen, die das Heranführen amerikanischer Verstärkungen über den Atlantischen Ozean in der kürzestmöglichen Zeit hat.“
Anfang April konnte als Ergebnis der Verhandlungen zwischen den Staatsmännern und Generalen der Westmächte und der Vereinigten Staaten mitgeteilt werden: Amerika werde nicht nur eine große Anzahl von Bataillonen während der nächsten Monate auf den europäischen Kriegsschauplatz werfen, sondern es sollten auch die amerikanischen Regimenter, die nicht zu eigenen Divisionen vereinigt werden könnten, als Brigaden in die französischen und englischen Formationen eingereiht werden. Dies solle geschehen vor allem mit denjenigen amerikanischen Truppen, die für ein selbständiges Auftreten noch nicht hinlänglich geschult seien.
Wilson erklärte sich zu jeder möglichen moralischen und materiellen Hilfe bereit. Schärfer denn jemals bisher betonte er die Entschlossenheit Amerikas, Deutschland niederzuwerfen. In einem Brief an den methodistischen Bischof Henderson, der in allen methodistischen Kirchen der Union verlesen wurde, sagte Wilson: „Die deutsche Macht, ohne Gewissen, Ehre und Verständnis für einen Verständigungsfrieden, muß zerschmettert werden. Unsere dringendste und brennendste Pflicht ist es, den Krieg zu gewinnen, und nichts wird uns erlahmen lassen, ehe dieses Ziel erreicht ist.“ Und am 6. April hielt er in Baltimore bei der Jahresfeier des Eintritts der Vereinigten Staaten in den Krieg jene Rede, die mit den Worten schloß:
„Deutschland hat noch einmal gesagt (wer, wo und wann?), daß die Macht allein entscheiden soll, ob das Recht, wie Amerika es auffaßt, die Geschicke der Menschheit bestimmen soll, oder die Oberherrschaft, wie Deutschland sie auffaßt. Wir können deshalb nur eine Antwort geben, und die ist: Gewalt, Gewalt bis zum Äußersten, Gewalt ohne Maß und Grenzen, triumphierende Gewalt, die die Gesetze der Welt wieder zur Geltung bringt und jede selbstsüchtige Oberherrschaft in den Staub schleudert.“
Aber England und Frankreich verließen sich nicht nur auf die amerikanische Hilfe, sie spannten auch ihre eigenen Kräfte bis zum Äußersten an.
Zunächst wurde unter dem Druck der höchsten Gefahr die seit langem angestrebte, schon oft angekündigte, aber niemals wirklich durchgeführte Einheit des Oberbefehls endlich verwirklicht. Die französische und britische Regierung kamen dahin überein, den General Foch zum Oberbefehlshaber ihrer Heere an der Westfront „für die Dauer der jetzigen Operationen“, wie es in der Bekanntgabe einschränkend hieß, zu ernennen. Die amerikanische Regierung trat für ihre Truppen diesem Beschlusse bei.
Ferner wurden sowohl in England wie in Frankreich energische Maßnahmen zur Schaffung neuer Reserven ergriffen. Die britische Regierung machte Ernst mit ihren Plänen, durch „Auskämmen“ der Betriebe neue Reserven verfügbar zu machen. Sie benutzte die durch die Niederlage zwischen Scarpe und Oise plötzlich handgreiflich gewordene Gefahr, um die Arbeiterorganisationen für ihre Pläne zu gewinnen.
Die britische Regierung beantragte ferner die Erhöhung der Altersgrenze für die Dienstpflicht auf 50 und in besonderen Fällen auf 55 Jahre, sowie die Ausdehnung der Dienstpflicht auf Irland unter gleichzeitiger Gewährung von Home-Rule. In der Begründung dieses Antrags, die Lloyd George am 10. April im Unterhaus gab, führte er u. a. aus: Die Amerikaner hätten erwartet, im Frühjahr ein großes Heer in Europa einsetzen zu können; die Ausbildung habe aber mehr Zeit gekostet, als man angenommen habe. „Wir wurden von einem starken Bundesgenossen verlassen, und ein anderer noch stärkerer Bundesgenosse ist noch nicht bereit, alle seine Kräfte einzusetzen. Wenn wir künftige Kriege vermeiden wollen, müssen wir diesen Krieg gewinnen. Dazu müssen wir aber die notwendigen Opfer auf uns nehmen.“
Der Antrag auf Ausdehnung der Dienstpflicht auf Irland stieß auf starken Widerstand, nicht nur bei den Iren selbst, sondern auch bei den Liberalen. Asquith und seine Anhänger enthielten sich der Abstimmung. Trotzdem wurde das Gesetz im Unterhaus mit großer Majorität, im Oberhaus sogar einstimmig angenommen. Der Widerstand in Irland war jedoch über alle Erwartungen stark. Die irischen Bischöfe beschlossen, ihren Gemeinden das Gelöbnis abzunehmen, daß sie sich mit den stärksten Mitteln der Dienstpflicht widersetzen würden. Schließlich wurde Ende April die Ausführung des Dienstpflichtgesetzes für Irland durch ein königliches Dekret aufgeschoben. Man wollte ein Home-Rule-Gesetz vorlegen und zunächst dessen Wirkung abwarten; inzwischen wollte man durch Werbung Freiwilliger die Kräfte Irlands ausnutzen, was nur in engen Grenzen gelang.
Immerhin erwartete die englische Regierung von der Ausdehnung der Dienstpflicht einen Zugang von rund 500000 Mann.
In Frankreich hatten die Erfolge der deutschen Offensive die Wirkung, daß die Deputiertenkammer am 29. März unter Zurückstellung aller Interpellationen und aller anderen Vorlagen das von der Regierung eingebrachte Gesetz über die sofortige Einstellung des Rekrutenjahrgangs 1919 annahm. Die Sozialisten erklärten, daß sie im Gegensatz zu ihrer früheren Haltung dieses Mal für die vorzeitige Einstellung der Rekruten stimmen würden, weil sie anerkennen müßten, daß diese Maßnahme für die Rettung des Vaterlands nötig sei. Das Gesetz wurde mit 490 gegen 7 Stimmen angenommen.
In diesem Maße schärfte der Rückschlag und die Gefahr unseren Feinden das nationale Gewissen und die Tatkraft.
Natürlich konnten auch die größten Kraftanstrengungen der Franzosen, Engländer und Amerikaner die Lage auf dem Kriegsschauplatz nicht sofort entscheidend beeinflussen. Sie brauchten Zeit für ihre Auswirkung. Zunächst waren jedenfalls die Heere unserer Feinde so stark mitgenommen, daß sie in der langen Pause, die nach dem Festlaufen unserer flandrischen Offensive eintrat, keinen ernstlichen Versuch machten, die Initiative wieder an sich zu reißen oder wenigstens durch stärkere Angriffsaktionen die deutsche Heeresleitung in der Vorbereitung eines neuen Offensivschlages ernstlich zu stören.
Auch die deutschen Heere waren durch die beiden großen Angriffe geschwächt. Die Verbände mußten aufgefüllt werden und sich erholen, Material und Munition mußten ergänzt werden. Jeder neue Schlag bedurfte zudem der sorgfältigsten Vorbereitung, um einen dem großen Aufwand und den unvermeidlich großen Opfern entsprechenden Erfolg nach Möglichkeit zu sichern.
So kam das Ende des Monats Mai heran, ohne daß seit der Erstürmung des Kemmelbergs eine der beiden Parteien eine größere Kampfhandlung unternommen hätte.
Dann aber brach der Sturm von neuem los, dieses Mal mit einer Wucht, die selbst den furchtbaren Anprall der Märzoffensive übertraf.
In der Frühe des 27. Mai zerhämmerten die deutschen Geschütze mit gewaltigem Feuerschlag die französisch-englischen Stellungen zwischen Laon und Reims. Dem Feuerschlag folgte unmittelbar der Angriff unserer Infanterie. Der Feind wurde im ersten Ansturm überrannt. Der Ailettegrund wurde überschritten, der langgestreckte Rücken des Chemin des Dames, um den jahrelang gekämpft worden war, wurde in wenigen Stunden gestürmt, der Übergang über die Aisne erzwungen, die südlichen Höhen genommen und der Feind bis an den Veslebach zurückgeworfen. Das alles in einem einzigen Tag. Die folgenden Tage erweiterten den Erfolg. Schon am 29. Mai wurde Soissons genommen, ebenso die Forts der Nordwestfront von Reims. Am 30. Mai erreichten unsere Truppen südlich von Fère-en-Tardenois die Marne. Am 1. Juni wurde der auf dem Nordufer der Marne gelegene Teil von Château-Thierry vom Feinde gesäubert. Der Kampf dehnte sich nach Westen hin bis in die Gegend von Noyon aus. Auch hier wurde der sich tapfer wehrende Feind zurückgedrückt: am 2. Juni standen unsere Truppen am Ostrand des Waldes von Villers-Cotterets.
Ergänzt wurde der Erfolg durch einen am 9. und 10. Juni durchgeführten Angriff auf der west-östlich verlaufenden Front zwischen Montdidier und Noyon, der die wichtigen Höhenstellungen zwischen Oise und Matz in unsere Hand brachte und uns bis auf 9 Kilometer an Compiègne heranführte.
Abermals war es gelungen, einen großen und während des Krieges geradezu festungsartig ausgebauten Teil des feindlichen Stellungssystems zu zertrümmern und zu durchbrechen, in wenigen Tagen eine klaffende Lücke in die feindliche Front zu schlagen und in raschem Vordringen großen Raumgewinn zu erzielen, dem Feinde schwere Verluste an Toten, Verwundeten und Gefangenen zuzufügen und ihm nahezu unübersehbare Mengen an Material, Munition und Vorräten aller Art abzunehmen. Von der 250 Kilometer langen Frontlinie zwischen Dünkirchen und Reims hatten jetzt die deutschen Offensiven seit dem 21. März etwa vier Fünftel zerschlagen. Nur noch die kurzen Linien zwischen Arras und dem Kanal von La Bassée und von der See bis nördlich Ypern waren intakt. Tausende von Quadratkilometern an Bodenfläche, teilweise vom Krieg bisher noch unberührtes Land von großer Fruchtbarkeit, waren dem Feinde entrissen, wichtige Straßen und Eisenbahnen waren durchbrochen oder lagen unter dem Feuer unserer Geschütze; bei Château-Thierry war unsere Stellung auf wenig mehr als 60 Kilometer an Paris herangerückt, das schon seit dem Beginn unserer Frühjahrsoffensive aus einem weittragenden Geschütz beschossen wurde. Allein an Gefangenen hatten unsere Feinde seit Beginn der Offensive mehr als 200000 Mann eingebüßt; die von uns eroberten Geschütze erreichten die Zahl von 2800.
In Paris stieg die Erregung auf einen Siedepunkt, wie er seit den ersten Septembertagen des Jahres 1914 nicht mehr erreicht worden war. Zum erstenmal wieder hörten die Pariser das dumpfe Rollen des Schlachtendonners, zum erstenmal wieder brachten Tausende von Flüchtlingen aus den neuen Kriegsgebieten den Jammer des Krieges und die Nähe der Gefahr unmittelbar vor die Augen der Pariser Bevölkerung. Aber gegenüber dem Sturm tödlicher Besorgnis bewahrte die französische Regierung und, ihr folgend, die große Mehrheit des Parlaments und des Volkes auch in dieser schweren Lage ruhige Nerven und feste Entschlossenheit. Clemenceau selbst reiste sofort nach Eingang der ersten Hiobsbotschaften zur Front und entging mit knapper Mühe der Gefangennahme durch eine deutsche Kavalleriepatrouille. Von der Kammer, die ihn über die militärische Lage interpellieren wollte, verlangte er Mut und Vertrauen. Er könne keine Erklärungen über die militärische Lage abgeben. Der Augenblick sei furchtbar, aber der Heldenmut der französischen Soldaten stehe auf der Höhe der Lage. Die Regierung werde nicht die Feigheit begehen, Befehlshaber zu strafen, die sich für das Vaterland verdient gemacht hätten. Die französischen und englischen Kräfte erschöpften sich, aber das gleiche gelte auch von den Deutschen. Die amerikanische Hilfe sei jetzt der entscheidende Faktor, und die Amerikaner seien entschlossen, ihre ganze Kraft an den Sieg zu setzen. Clemenceau schloß mit den Worten:
„Wenn ich meine Pflicht nicht getan habe, dann jagen Sie mich fort. Wenn ich aber Ihr Vertrauen besitze, dann lassen Sie mich das Werk unserer Toten vollenden!“
Die Kammer bestätigte ihm ihr Vertrauen und beschloß mit 377 gegen 110 Stimmen, die Interpellation auf unbestimmte Zeit zu vertagen.
An der Front selbst begann die amerikanische Hilfe sich fühlbar zu machen. Marschall Foch hat später einige interessante Zahlen über das Eintreffen der amerikanischen Truppen in Frankreich gegeben. Danach zählte die in Frankreich stehende amerikanische Armee Anfang März 1918 erst etwa 300000 Mann, die größtenteils noch in der Ausbildung begriffen waren. Im März kamen 69000 Mann, im April 94000 Mann hinzu. Der eine Monat Mai brachte jedoch bereits einen Zugang von nicht weniger als 200000 Mann, der Juni sogar einen solchen von 245000 Mann. In den vier Monaten von Anfang März bis Ende Juni wurde also das in Frankreich stehende amerikanische Heer von 300000 Mann auf rund 900000 Mann verstärkt! Soweit die amerikanischen Truppen noch nicht unmittelbar an der Front verwendet werden konnten, machten sie hinter der Front bisher gebundene Kräfte der Franzosen und Engländer frei. Zum großen Teil aber konnten sie jetzt bereits in die Front eingesetzt werden, nicht nur eingesprengt in englische und französische Divisionen, sondern bereits als selbständige Formationen. Wenn ihre Ausbildung auch nicht auf der Höhe war, so zeichneten sie sich doch durch unverbrauchtes Draufgängertum aus und schlugen sich vorzüglich.
Der amerikanischen Hilfe hatte die Entente schon damals ihre Rettung zu verdanken. Sie allein machte es dem General Foch möglich, dem deutschen Vordringen nach den überraschenden Erfolgen der ersten Angriffstage in dem Bogen Noyon-Château-Thierry-Reims nicht nur zähen Widerstand entgegenzustellen, sondern auch zu energischen, wenn auch zunächst erfolglosen Gegenangriffen zu schreiten. Bei diesen Gegenangriffen trat an der neuen Front nordwestlich von Château-Thierry am 7. Juni zum erstenmal eine geschlossene amerikanische Division in Erscheinung.
Die Gegenangriffe des Feindes verstärkten sich nach unserem Vorstoß vom 9. Juni südlich von Noyon. Schon am 11. Juni führten hier die Franzosen mit starkem Aufgebot und großem Einsatz auch von Tanks und Schlachtfliegern einen wuchtigen Gegenschlag, der uns am 12. Juni stellenweise zurückdrängte und uns Gefangene und Geschütze abnahm, jedoch alsbald zum Stocken gebracht wurde.
Die Lage blieb also auch nach dem gewaltigen Schlag der dritten Offensive unentschieden. Das Ziel und der Zweck unseres Angriffs — Ziel und Zweck, die allein dieser größten militärischen Aktion aller Zeiten und den ungeheuren Opfern, die sie uns auferlegte, Sinn und Berechtigung geben konnten — waren auch mit der Erstürmung des Damenweges und unserem Vorstoß von der Ailette bis zur Marne nicht erreicht. Weder war die moralische Widerstandskraft unserer Gegner gebrochen, noch war es gelungen, ihre Reserven aufzuzehren, das langgestreckte Band der feindlichen Linien endgültig zu zerreißen und die feindlichen Heere zu Paaren zu treiben. Im Gegenteil, ein Vergleich des Auslaufens der neuen Offensive mit derjenigen vom März zeigte bei unseren Feinden eher eine verstärkte Kraft in Abwehr und Gegenstoß.
Diese trotz der großen Einzelerfolge für uns schwierig gewordene Lage wurde nicht verbessert durch die Angriffsunternehmung, die von der österreichisch-ungarischen Armee am 15. Juni gegen die Italiener begonnen wurde. Zwar gelang es den Truppen unseres Bundesgenossen, den Piave zu überschreiten und sich in dem Höhenblock des Montello festzusetzen; aber die gleichzeitigen Angriffe an der Gebirgsfront beiderseits der Brenta und in den „Sieben Gemeinden“ blieben in den Anfängen stecken und lösten Gegenangriffe der Italiener aus, deren sich die österreichischen Truppen nur mit Mühe erwehrten. Bald setzten auch an der Piavefront heftige Gegenangriffe ein. Am 23. Juni mußte der Wiener Heeresbericht melden, daß der durch gewaltige Wolkenbrüche zu einem reißenden Strom gewordene Piave den Verkehr zwischen den beiden Ufern auf das schwerste behindere und den Nachschub an Proviant und Munition zu den jenseits des Flusses im Kampfe stehenden Truppen nahezu unmöglich mache. Am folgenden Tage wurde die Räumung des Montello und der anderen auf dem rechten Piaveufer erkämpften Stellungen mitgeteilt. Die Italiener gingen ihrerseits zum Angriff an der ganzen Piave- und Gebirgsfront über und fügten den österreichisch-ungarischen Truppen große Verluste an Menschen und Material zu. Wenn auch der italienische Gegenstoß ohne nennenswerten Geländegewinn östlich des Piave und am Gebirgsrand zum Stehen kam, so war doch der moralische Eindruck der Niederlage bei unseren Bundesgenossen doppelt stark angesichts des Zusammentreffens der Unglücksnachricht mit einer sehr schweren Zuspitzung der Ernährungslage. Der Aufschwung an Mut und Vertrauen, den der große Erfolg der Isonzo-Offensive in der Donaumonarchie herbeigeführt hatte, war schon längst verblaßt; er brach jetzt, beim ersten Rückschlag, gänzlich in sich zusammen.
Die Gestaltung der militärischen Lage mußte ernstliche Zweifel daran erwecken, ob das Ziel unserer großen Angriffsaktion, die Niederkämpfung der feindlichen Armeen, mit den uns zur Verfügung stehenden Kräften überhaupt erreichbar sei. Unsere Truppen waren stark gelichtet und ermüdet. Vor allem war ein großer Teil unserer besten Offiziere und Unteroffiziere gefallen oder verwundet, ohne daß ausreichender und gleichwertiger Ersatz hätte beschafft werden können. Auch der Mannschaftsersatz machte immer größere Schwierigkeiten; außerdem waren die jetzt von Osten herübergeholten Truppen zum Teil bolschewistisch verseucht, und auch der Ersatz aus der Heimat ließ in seinem Geiste sehr zu wünschen übrig. Unseren Feinden dagegen führte Amerika ständig neue, unverbrauchte und kampflustige Kräfte zu, deren Zahlen man zwar bei uns nicht kannte und wohl auch unterschätzte, deren Anwesenheit und Eingreifen auf den Schlachtfeldern sich aber für die militärischen Operationen bereits fühlbar machte. Jedenfalls mußten wir mit weiteren erheblichen Verstärkungen des Feindes durch amerikanischen Zuzug rechnen, nachdem sich gezeigt hatte, daß die U-Boote, entgegen den Voraussagungen der Marineautoritäten, nicht in der Lage waren, den gut gesicherten Truppen- und Materialtransporten nennenswerten Eintrag zu tun.
Auch abgesehen von dem Versagen in der Verhinderung amerikanischer Militärtransporte hatte der U-Bootkrieg enttäuscht. Die Monatsleistung an versenkter Tonnage hatte in den Monaten April und Juni 1917 mit mehr als 1 Million Bruttotonnen ihren Höhepunkt erreicht. Die Vervollkommnung der Abwehrmaßnahmen verringerte die monatliche Versenkung erheblich. Im Juni 1918 wurden nach den Angaben unseres Admiralstabs nur noch wenig mehr als 600000 Bruttotonnen versenkt, im Juli 1918 nur noch 550000 Tonnen. Nach den britischen Angaben waren die Versenkungen noch erheblich niedriger. Dagegen nahm die Fertigstellung von Schiffen auf den Werften unserer Gegner jetzt sehr beträchtlich zu. Während in den Jahren 1915 und 1916 in England nur 651000 und 542000 Bruttotonnen neu gebaut wurden, stiegen die Ablieferungen im Jahre 1917 auf 1123000 Tonnen und im ersten Halbjahr 1918 allein auf 763000 Tonnen. Noch viel stärker war die Steigerung des Schiffsbaues in den Vereinigten Staaten. Das dort aufgestellte Schiffsbauprogramm sah nicht weniger als 2693 Einheiten mit einem Raumgehalt von insgesamt 16305000 Bruttotonnen vor. Davon wurden in den ersten acht Monaten des Jahres 1918 277 Schiffe mit 1637000 Bruttotonnen abgeliefert, während der gesamte Schiffsbau der Vereinigten Staaten im Jahre 1913 erst 31 Schiffe mit 190000 Bruttotonnen geliefert hatte. Im ganzen Jahr 1918 lieferten die Werften der Welt 1866 Schiffe mit einem Raumgehalt von 5557000 Bruttotonnen ab, also eine Flotte, die derjenigen Deutschlands vor Kriegsausbruch gleichkam. Von den Neubauten des Jahres 1918 kamen mehr als 3 Millionen Tonnen auf die amerikanischen Werften und 1628000 Tonnen auf die englischen Werften. Nachdem der U-Bootkrieg nicht innerhalb des ersten Jahres die von ihm erwartete Wirkung herbeigeführt hatte, war es unseren Gegnern gelungen, mit diesen gewaltigen Anstrengungen der Schiffsbautätigkeit ein beachtenswertes Gegengewicht zu schaffen. Die Behinderung und Schädigung, die Wirtschaft und Kriegführung unserer Feinde durch den U-Bootkrieg erlitten, fiel auch jetzt noch schwer ins Gewicht; abgesehen von der empfindlichen Einschränkung der Zufuhren an Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Kriegsmaterial jeder Art für England und seine europäischen Verbündeten, nahm die durch den U-Bootkrieg erzwungene Steigerung des Schiffsbaues gewaltige Mengen von Material und Hunderttausende von Arbeitskräften in Anspruch, die sonst der Herstellung von Kriegsgerät und der kämpfenden Front unmittelbar zugutegekommen wären und die Überlegenheit unserer Feinde noch weiter gesteigert hätten; ebenso band die Notwendigkeit der immer weiteren Ausdehnung der U-Boot-Abwehr ungezählte Fahrzeuge, Flugzeuge, Geschütze und sonstiges Gerät aller Art, nicht zum mindesten auch ein umfangreiches Personal, das der unmittelbaren Verwendung auf den Schlachtfeldern entzogen wurde. Niemand kann sagen, wie die Dinge gelaufen wären, wenn nicht der U-Bootkrieg seit dem Beginn des Jahres 1917 diese einschränkende und brachlegende Wirkung auf die Kräfte unserer Feinde ausgeübt hätte. Aber alle diese Erwägungen konnten die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß der U-Bootkrieg die von ihm erwartete kriegsentscheidende Wirkung nicht gebracht hatte und daß sich nach der Entwicklung der technischen Momente des U-Boot-Neubaues und der U-Boot-Verluste, des Neubaues von Handelsschiffen und der Versenkung von Handelsschiffen, von dem U-Bootkrieg eine kriegsentscheidende Wirkung kaum mehr erwarten ließ.
Die Entwicklung der militärischen Aktionen zu Lande und zu Wasser stellte also sowohl unsere Kriegführung wie auch unsere Politik gegen die Mitte des Jahres 1918 vor neue Erwägungen und Entscheidungen schwerster Art.
Neue innere Krisen
Im Juni 1918, gleich nach der Offensive vom Damenwege bis zur Marne, veröffentlichte die „Kreuzzeitung“ einige L. H. gezeichnete Artikel, in denen zur Unterstützung der militärischen Operationen von der deutschen politischen Leitung eine „Friedensoffensive“ gefordert wurde. Die Artikel erregten erhebliches Aufsehen schon deshalb, weil sie in einem Blatte erschienen, das bisher sich in scharfer Kampfstellung gegen jede Art von Friedensaktionen und Friedensangeboten befunden hatte. Die Redaktion der „Kreuzzeitung“ betonte allerdings, daß die Artikel nicht redaktionellen Ursprungs seien, aber sie unterstrich damit nur, daß sie von einer auch für die „Kreuzzeitung“ und ihren Kreis hochangesehenen Seite herrührten. Das Aufsehen wurde gesteigert durch einen schweren Angriff, den die „Kölnische Zeitung“ gegen die „Lethargie“ der politischen Leitung richtete, die auf dem diplomatischen Kampffelde die Initiative nach wie vor den Feinden überlasse.
Ich hatte am 17. Juni zufällig Gelegenheit zu einer Unterhaltung mit einem der Obersten Heeresleitung nahestehenden höheren Offizier. Ganz im Sinne der Kreuzzeitungsartikel setzte mir dieser auseinander, die politische Ausnutzung unserer militärischen Erfolge sei gleich Null; wir würden den Krieg nie beendigen, geschweige denn gewinnen können, wenn in diesem unmöglichen Zustand nicht Wandel geschaffen werde. Die für die Sicherung eines guten Friedens unbedingt notwendige Zusammenarbeit zwischen der militärischen und politischen Leitung habe aber einen Personenwechsel zur Voraussetzung. Graf Hertling sei infolge seines Alters und seiner Kränklichkeit aktionsunfähig, und zwischen Herrn von Kühlmann, dem damit die politische Leitung zufalle, und den Herren von der Obersten Heeresleitung sei ein vertrauensvolles und enges Zusammenarbeiten, wie es die Lage mehr denn je erfordere, von beiden Seiten her unmöglich. Wie mehrfach in der letzten Zeit, so trat mir auch bei dieser Unterhaltung die Frage entgegen, ob ich nicht geneigt sein würde, gegebenenfalls das Auswärtige Amt zu übernehmen.
Auf diese letztere Frage antwortete ich mit dem Hinweis darauf, daß Parlament und Presse bei der Gegnerschaft, die sich seit meinem Rücktritt nicht abgeschwächt, sondern eher noch verstärkt hatte, mir eine gedeihliche Führung der auswärtigen Politik unmöglich machen würden. Über den Inhalt der Unterhaltung selbst erstattete ich am folgenden Tage dem Grafen Hertling Bericht, ohne in dem springenden Punkte, daß die Oberste Heeresleitung selbst die Hoffnung auf eine rein militärische Beendigung des Krieges offenbar aufgegeben habe, und daß diese neue Lage alsbald eine auf den Grund der Dinge gehende Aussprache zwischen den beiden Faktoren erfordere, auf volles Verständnis zu stoßen.
Ein von der Obersten Heeresleitung dem Auswärtigen Amt zugeteilter Offizier hatte in diesen Tagen dem Staatssekretär von Kühlmann eine schriftliche Ausarbeitung übergeben, in der er die Aussichtslosigkeit einer rein militärischen Beendigung des Krieges und die Notwendigkeit einer die Kriegführung unterstützenden diplomatischen Aktion darlegte. Es liegt auf der Hand, daß diese Denkschrift nicht ohne die Billigung der Obersten Heeresleitung, insbesondere auch des Generals Ludendorff, überreicht wurde.
Die Kritik an der Passivität unserer politischen Leitung war berechtigt. Seit den diplomatischen Distanzgesprächen in den ersten beiden Monaten des Jahres 1918 war, soweit ich sehen kann, nach Westen hin von unserer Diplomatie überhaupt nichts mehr geschehen. Das lag zum großen Teil daran, daß die Leiter der politischen Geschicke der Zentralmächte vom Dezember an bis in den Mai hinein sich so gut wie ausschließlich durch die Verhandlungen über die östlichen Friedensschlüsse in Anspruch nehmen ließen und in jener Zeit nur zu seltenen und kurzen Besuchen aus Brest-Litowsk und Bukarest an dem Sitz der politischen Leitung erschienen. Ich habe es von Anfang an für einen Fehler gehalten, daß die Herren von Kühlmann und Graf Czernin, statt sich auf die Erteilung allgemeiner Direktiven und Instruktionen für die östlichen Friedensverhandlungen zu beschränken, sich persönlich als Unterhändler nach Brest und Bukarest begaben und sich dort für viele Monate in langwierigen Einzelverhandlungen festhalten ließen. Obwohl ich mich dem Verdacht aussetzte, die Leitung der Friedensdelegationen für mich selbst zu erstreben, habe ich diese meine Bedenken schon im Dezember 1917 sowohl dem Grafen Hertling wie Herrn von Kühlmann dargelegt. Als die Friedensverhandlungen mit Rumänien im Februar 1918 in Fluß kamen, habe ich bei beiden Herren angeregt, die Rumänen und die anderen Beteiligten nach Berlin kommen zu lassen. Aber ich drang nicht durch; man setzte mir vor allem entgegen, daß Graf Czernin fest entschlossen sei, die Verhandlungen für Österreich-Ungarn persönlich zu leiten und zu diesem Zweck nach Brest und Bukarest zu gehen, was uns keine Wahl lasse, als den Staatssekretär des Auswärtigen gleichfalls dorthin zu entsenden. Wie erschwerend überdies die Zuspitzung des persönlichen Verhältnisses zwischen Herrn von Kühlmann und den maßgebenden Männern der Obersten Heeresleitung für jede intimere Aussprache war, hatte sich schon anläßlich der türkisch-bulgarischen Schwierigkeiten gezeigt.
Auch jetzt, nachdem der Reichskanzler und der Staatssekretär des Auswärtigen deutlich auf die Notwendigkeit einer militärisch-politischen Zusammenarbeit hingewiesen worden waren, geschah nicht das einzige, was in dieser Lage hätte geschehen müssen: eine sofortige Aussprache zwischen den leitenden militärischen und politischen Persönlichkeiten über den Stand des Krieges und die zu fassenden Entschlüsse.
Dagegen löste die Herrn von Kühlmann übergebene Denkschrift eine andere Wirkung aus: die Reichstagsrede des Staatssekretärs vom 24. Juni, die den Anlaß zu seiner Verabschiedung gab.
Für Montag, den 24. Juni, war der Etat des Reichskanzlers und des Auswärtigen Amtes auf die Tagesordnung des Reichstags gesetzt worden. In der Woche zuvor hatte die erste Beratung des Friedensvertrags von Bukarest stattgefunden; es hatte dabei in den Kreisen der Reichstagsabgeordneten einiges Mißfallen erregt, daß weder Graf Hertling noch Herr von Kühlmann den Vertrag in einer einleitenden Rede dem Hause präsentiert hatten, daß vielmehr Herr von Kühlmann erst, nachdem die Vertreter der Parteien gesprochen hatten, einige Ausführungen machte. Die Parteiführer legten nun dem Grafen Hertling nahe, er möchte am 24. Juni bei der Beratung seines Etats Gelegenheit nehmen, über die politische Lage, wie sie durch die östlichen Friedensschlüsse und die militärischen Operationen sich gestaltet habe, sich auszusprechen. Der Reichskanzler hatte für seine Person keine Neigung, diesem Wunsche zu entsprechen; als jedoch die Parteiführer auf ihrem Verlangen bestanden, beauftragte er im letzten Augenblick Herrn von Kühlmann, an seiner Stelle zu sprechen, und zwar — wie mir damals gesagt wurde — unter Beschränkung auf Tatsächliches und unter Vermeidung irgendwelcher allgemeiner und programmatischer Ausführungen.
Kühlmann gab in seiner sichtlich zum großen Teil improvisierten Rede zunächst eine kurze Darlegung unserer Beziehungen zu unseren Verbündeten sowie zu Rußland und den sich auf dem Boden des alten Kaiserreichs neu entwickelnden Staatswesen und ging dann mit wenigen Worten auf unser Verhältnis zu den europäischen Neutralen ein. Im Anschluß daran sagte er über die militärische Lage, daß infolge des glänzenden Verlaufs der Operationen in Frankreich die Initiative vollkommen bei unserer Obersten Heeresleitung liege, und daß wir hoffen könnten, der Sommer und der Herbst würden unseren Waffen neue Erfolge bringen. An dieses zuversichtliche Urteil knüpfte er eine Bemerkung, die Bewegung und großes Aufsehen erregte: Man müsse sich fragen, ob der Krieg noch über den Herbst und Winter und über das nächste Jahr hinaus dauern werde. Der Feldmarschall Graf Moltke habe im Jahre 1890 ausgeführt, der nächste Krieg könne ein siebenjähriger, ja ein dreißigjähriger Krieg werden; nach seiner — Kühlmanns — Ansicht sei es unmöglich, mit Sicherheit irgendeinen Augenblick für das Ende des Krieges ins Auge zu fassen. „Das Auge muß nach den politischen Motiven ausspähen, welche eventuell Friedensmöglichkeiten eröffnen könnten, und nach dieser Richtung hin muß ich sagen, daß trotz der glänzenden Erfolge unserer Waffen auf seiten unserer Gegner Friedenswilligkeit, an maßgeblichen Stellen Friedensbereitschaft noch nirgends klar erkennbar hervorgetreten sind.“ Er ließ eine Polemik mit Balfour folgen, der kurz zuvor wieder einmal die „alte Legende erneuert habe, daß Deutschland den Krieg entfesselt habe, um die Weltherrschaft an sich zu reißen“. Diese Legende werde durch fortgesetzte Wiederholung nicht wahrer. Der Krieg zeichne sich immer deutlicher ab „als das Werk Rußlands“; daß Frankreich dabei „als Kriegshetzer auf das schlimmste mitgespielt“, daß die englische Politik „sehr dunkle Seiten in dieser Beziehung aufzuweisen habe“, dafür gebe es Beweise genug. Er halte es für nützlich und notwendig, gegenüber den feindlichen Behauptungen über Deutschlands angebliche Kriegsziele nicht in der Negation zu verharren, sondern „ganz einfach und leicht verständlich für alle“ zu sagen, was wir positiv wollten: „wir wollen auf der Welt für das deutsche Volk — und das gilt mutatis mutandis auch für unsere Verbündeten — innerhalb der Grenzen, die uns die Geschichte gezogen hat, sicher, frei, stark und unabhängig leben, wir wollen über See den Besitz haben, welcher unserer Größe, unserem Reichtum und unseren bewiesenen kolonialen Fähigkeiten entspricht, wir wollen die Möglichkeit und die Freiheit haben, auf freier See unseren Handel und unseren Verkehr in alle Weltteile zu tragen.“ Die Unversehrtheit des Grundgebiets des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten sei nach wie vor eine notwendige Voraussetzung für die Aufnahme irgendwelcher Friedensgespräche oder Friedensverhandlungen; darüber hinaus könnten sämtliche Fragen Gegenstand der Beratung und Einigung sein. Der englische Vorwurf, daß wir nicht bereit seien, in der belgischen Frage öffentlich Stellung zu nehmen, sei unberechtigt, wir betrachteten aber im Gegensatz zu der englischen Auffassung Belgien als eine der Fragen im Gesamtkomplex der Fragen und müßten es ablehnen, in der belgischen Frage, „sozusagen als Vorleistung“, Erklärungen abzugeben, die uns binden würden, ohne die Gegner auch nur im geringsten festzulegen. Was unsere Friedensbereitschaft anlange, so könnten wir uns genau die Worte des Herrn Asquith zu eigen machen, daß die Tür für Schritte in der Richtung eines ehrenvollen Friedens nicht zugeschlagen sei. Aber die Vorbedingung für einen Gedankenaustausch sei ein gewisses Maß von Vertrauen in die gegenseitige Anständigkeit und Ritterlichkeit; solange jede Eröffnung von der anderen Seite als „Friedensoffensive“ und als Falle aufgefaßt und denunziert werde, sei nicht abzusehen, wie ein zum Frieden führender Gedankenaustausch eingeleitet werden könne. „Ohne solchen Gedankenaustausch wird bei der ungeheuren Größe dieses Koalitionskrieges und bei der Zahl der in ihm begriffenen auch überseeischen Mächte durch rein militärische Entscheidungen allein ohne alle diplomatischen Verhandlungen ein absolutes Ende kaum erwartet werden können.“
Der aus dieser Rede haftenbleibende Eindruck war: Der Staatssekretär hat bekannt, daß trotz der glänzenden Erfolge unserer Offensive ein Ende des Krieges nicht abzusehen ist, daß rein militärisch der Krieg überhaupt nicht zu Ende geführt werden könne, daß hierzu vielmehr diplomatische Verhandlungen notwendig seien, zu denen aber auf der anderen Seite bisher noch keinerlei Geneigtheit sich zeige. Ein Bekenntnis von vollständiger Trostlosigkeit und Resignation ohne die leiseste Andeutung, was die deutsche Politik tun wolle, um sich einen Weg zu bahnen.
Nach dem Staatssekretär sprachen die Herren Gröber und Dr. David, letzterer an die zwei Stunden lang. Sie hielten, wie das im Reichstag üblich war, ihre vorbereiteten Monologe, die an Kühlmanns Äußerungen vorübergingen, wie wenn der Staatssekretär überhaupt nicht gesprochen hätte. Dagegen ging der Führer der Konservativen zum Angriff gegen Herrn von Kühlmann vor, dessen Ausführungen unser Vertrauen in den Sieg, die erste Voraussetzung für ein gutes Ende, in Zweifel zu stellen und den Geist unserer Truppen nachteilig zu beeinflussen geeignet seien.
Am nächsten Vormittag ließ mich Graf Hertling aus einer anderen Veranlassung zu sich bitten. Er äußerte sich ungehalten über Kühlmanns Rede; er selbst habe nichts von Kühlmanns Absicht gewußt, Ausführungen dieser Art zu machen; ebensowenig habe sich Kühlmann mit der Obersten Heeresleitung über seine das militärische Interesse doch stark berührenden Ausführungen in Verbindung gesetzt; die Oberste Heeresleitung habe bereits einen scharfen Protest erhoben. — In der Pressekonferenz desselben Vormittags ließ die Oberste Heeresleitung auf Anfrage erklären, daß sie durch die Rede des Staatssekretärs „auf das peinlichste überrascht“ worden sei.
Am Nachmittag erschien Graf Hertling zur Fortsetzung der Debatte im Reichstag und nahm alsbald das Wort. Er habe zunächst nicht die Absicht gehabt, unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu sprechen, und zwar wegen der Erfahrungen mit dem Erfolg der bisherigen Reden bei den feindlichen Staatsmännern. Am 25. Februar habe er seine grundsätzliche Zustimmung zu den in der Botschaft des Präsidenten Wilson vom 11. Februar aufgestellten vier Punkten erteilt; irgendeine Antwort sei darauf nicht erfolgt; ja die aus Amerika herübergedrungenen Auslassungen hätten erkennen lassen, daß der wahre Zweck des propagierten Völkerbundes sei, das unbequeme, aufstrebende Deutschland zu isolieren und ihm durch wirtschaftliche Abschnürung den Lebensodem auszulöschen. Es habe also keinen Zweck gehabt, den damals angesponnenen Faden weiterzuspinnen. Dagegen habe er es für angemessen gehalten, daß der Staatssekretär des Auswärtigen Mitteilungen über die Einzelheiten unserer politischen Lage im Osten machen möge; dieser Aufgabe habe sich der Staatssekretär nach seiner Ansicht in durchaus sachgemäßer Weise unterzogen; dagegen hätten einige seiner Äußerungen zu seinem, des Kanzlers, Bedauern in weiten Kreisen eine mehr oder minder unfreundliche Aufnahme erfahren. Auf die von dem Staatssekretär gestreifte Schuldfrage wolle er nicht eingehen; man könne diese getrost der Geschichte überlassen. Er wolle ein Mißverständnis ausräumen, das in der Auffassung des zweiten Teiles der Ausführungen des Staatssekretärs augenscheinlich obgewaltet habe. Die Tendenz dieser Ausführungen sei lediglich gewesen, die Verantwortung für die Fortsetzung und unabsehbare Verlängerung des entsetzlichen Krieges den Feinden zuzuschieben; denn von einem Erlahmen unseres energischen Abwehrwillens, von einer Erschütterung unserer Siegeszuversicht könne doch selbstverständlich nicht die Rede sein.
Nach dem Kanzler erhob sich Herr von Kühlmann zu einer Abwehr der Angriffe, die Graf Westarp tags zuvor gegen ihn gerichtet hatte; auch er habe den Schwerpunkt auf die militärischen Entscheidungen gelegt und die diplomatischen Verhandlungen als das Sekundäre und Nachfolgende klar gekennzeichnet. Der Verlauf werde immer sein: der militärische Erfolg ist die Voraussetzung und Grundlage der diplomatischen Verhandlungen.
Herr von Kühlmann war nach der Rede des Kanzlers und nach seinen eigenen Ausführungen als Staatssekretär des Auswärtigen erledigt. Was im Reichstag und in der Presse weiter folgte, war nur noch ein Kampf um seine politische Leiche.
Herr von Kühlmann selbst gab sich über die Unhaltbarkeit seiner Stellung keiner Täuschung hin; aber er wünschte noch den Bukarester Frieden im Reichstag unter Dach und Fach zu bringen. Am 6. Juli wurde er jedoch nach dem Hauptquartier gerufen, wohin der Kanzler bereits vorher gereist war. Dort fiel am 8. Juli die Entscheidung. Der Kaiser nahm Herrn von Kühlmann gegenüber die Initiative, indem er ihm rundheraus erklärte, nach dem Vorgefallenen werde man sich wohl trennen müssen. Daraufhin stellte Herr von Kühlmann natürlich sofort sein Amt zur Verfügung. Der Admiral a. D. von Hintze, zuletzt Gesandter in Norwegen, der sich bereits im Großen Hauptquartier befand, wurde zu seinem Nachfolger ernannt.
Diese Vorgänge fielen zusammen mit einer ohnedies nicht unbedenklichen Zuspitzung der inneren Lage.
Graf Hertling hatte bei den Verhandlungen, die er vor der endgültigen Annahme des Kanzleramts mit den Mehrheitsparteien geführt hatte, bestimmte Zusagen innerpolitischer Art gemacht: vor allem die Milderung des Belagerungszustandes und der Zensur, die Beseitigung des § 153 der Gewerbeordnung und die Einbringung eines Gesetzes über Arbeitskammern, die Vermehrung der Mandate der großen Reichstagswahlkreise und schließlich die alsbaldige Einbringung einer Vorlage über das allgemeine, direkte, geheime und gleiche Wahlrecht in Preußen.
Die Versprechungen waren weniger leicht zu verwirklichen, als sie gemacht worden waren.
Einigermaßen glatt vonstatten ging nur die Aufhebung des § 153 der Gewerbeordnung und das Gesetz über die großen Reichtagswahlkreise. Dagegen stieß das Arbeitskammergesetz schon im preußischen Staatsministerium und dann im Bundesrat auf große Schwierigkeiten; als es glücklich an den Reichstag kam, wurde es zum Gegenstand scharfer Auseinandersetzungen, die den Entwurf schließlich auf ein totes Gleis brachten.
Ganz unerquicklich gestaltete sich die Frage des preußischen Wahlrechts.
Zwar wurden die Vorlagen, die an Stelle des Dreiklassenwahlrechts das allgemeine und gleiche Wahlrecht setzen und in Verbindung damit auch das Herrenhaus reformieren sollten, im Herbst 1917 an den Landtag gebracht. Aber der Erledigung dieser Vorlagen türmten sich Hemmnisse entgegen, die zu überwinden die Regierung nicht stark genug war. Ich hatte, als im Staatsministerium die Reform des preußischen Wahlrechts vor der Osterbotschaft des Kaisers und Königs diskutiert wurde, mich dahin ausgesprochen, daß das gleiche Wahlrecht, wenn es jetzt von König und Regierung als Ziel aufgestellt werde, auch so bald wie möglich durchgesetzt werden müsse; denn es erschien mir im höchsten Maße bedenklich, bei einer längeren Dauer des Krieges diese einmal von oben aufgenommene Frage auf unabsehbare Zeit den Gegenstand scharfer innerpolitischer Kämpfe bilden zu lassen. Die Richtigkeit dieser Empfindung ist leider durch den Verlauf der Dinge bestätigt worden. In endlosen Verhandlungen beschäftigten sich erst das Abgeordnetenhaus und seine Kommission, dann auch das Herrenhaus mit den Reformvorlagen, ohne zu einem Schluß zu kommen. Nicht nur die Konservativen und der größte Teil der Freikonservativen, sondern auch ein Teil des Zentrums und der Nationalliberalen, die man durch die Ernennung des Herrn Dr. Friedberg zum Vizepräsidenten des Staatsministeriums hatte gewinnen wollen, blieben in der Opposition gegen das gleiche Wahlrecht. Als die zweite Lesung im Abgeordnetenhause zu einem ungünstigen Schluß zu kommen schien, empfing der Kanzler eine Delegation von Vertretern der Arbeiterorganisationen und gab ihnen die beruhigende Zusicherung, daß er mit dem gleichen Wahlrecht stehe und falle. Das war am 27. April. Am 2. Mai lehnte das Abgeordnetenhaus das gleiche Wahlrecht ab. Die dritte Lesung hatte kein besseres Ergebnis; sie kam mit 236 gegen 185 Stimmen zur Ablehnung, brachte aber auch keine Mehrheit für irgendeinen anderen Antrag, so daß der wichtigste Punkt der Vorlage offen blieb. Herr Dr. Friedberg erklärte, die Staatsregierung halte am gleichen Wahlrecht unverrückbar fest und sei entschlossen, zu seiner Durchführung alle verfassungsmäßigen Mittel in Anwendung zu bringen; aber auch das Herrenhaus müsse noch Stellung nehmen; sollte dieses dem Gang der Gesetzgebung entsprechende Verfahren innerhalb angemessener Frist nicht zum Ziel führen, so werde die Auflösung des Abgeordnetenhauses zu dem ersten Zeitpunkt erfolgen, zu dem dies nach dem pflichtgemäßen Ermessen der Staatsregierung mit der Kriegslage vereinbar sei.
Auch diese Erklärung brachte die Sache nicht vorwärts. Am 11. Juni wurde das gleiche Wahlrecht in vierter Lesung abermals abgelehnt; und zwar war dieses Mal die Minderheit für das gleiche Wahlrecht noch weiter — von 185 auf 164 Stimmen — zusammengeschmolzen.
Es war den Männern des Kabinetts Hertling nicht gegeben, die widerstrebenden Parteien und Parteigruppen davon zu überzeugen, daß das einmal auf Grund einer feierlichen Ankündigung der Krone eingebrachte gleiche Wahlrecht unter keinen Umständen abgelehnt werden könne und daß jede Verzögerung in seiner Annahme die ohnedies schwierige innere Lage noch weiter belasten müsse.
Zu alldem kam der immer schwerer werdende Druck der Knappheit an den Gegenständen des dringendsten Bedarfs und der immer krasser zutagetretende Unfug des Schleichhandels und des Preiswuchers.
Die Agitation der Unabhängigen Sozialdemokraten fand in diesen Verhältnissen einen günstigen Boden. Sie nahm nicht nur in der heimischen Bevölkerung überhand, sondern griff auch mehr und mehr auf die Armee und Marine über. Die Regierung hätte durch die Vorkommnisse in der Flotte im August 1917 gewarnt sein können. Aber sie ließ die Dinge gehen, offenbar nicht nur in einer Unterschätzung der tatsächlichen Gefahr, sondern auch weil sie die Harmonie mit den Mehrheitsparteien als ein politisches Aktivum ansah, das nicht durch ein scharfes Zugreifen auf Grund des ohnedies so stark angefochtenen Belagerungszustandes gefährdet werden sollte.
Aber auch das Ziel, die Mehrheitsparteien zusammenzuhalten und damit den Burgfrieden auf einer neuen Grundlage zu sichern, wurde nicht erreicht. Die Mehrheitssozialisten hatten sich, wie ich oben dargestellt habe, trotz ihrer intensiven Mitwirkung bei der Bildung des „Kabinetts Hertling“ freie Hand vorbehalten. Von dieser freien Hand machten sie jetzt Gebrauch. Die Konkurrenz mit ihren „unabhängigen“ Brüdern um die Seele der Massen drängte sie erneut in die Opposition.
Noch vor dem Rücktritt Kühlmanns hielt Herr Scheidemann bei der dritten Lesung des Reichsetats am 3. Juli eine Rede, die nur als eine Absage an die Regierung Hertling-Payer aufgefaßt werden konnte.
Er richtete heftige Beschwerden gegen die Handhabung der Zensur und des Belagerungszustandes; der Verfassungszustand, in dem wir lebten, sei doch nur „der militärische Absolutismus, gemildert durch die Furcht vor dem parlamentarischen Skandal“. Das darbende Volk fühle sich im Zustand der allerbittersten Not und Knechtschaft. In den kritischsten Wochen der Volksernährung erlebten wir das Trauerspiel der preußischen Wahlreform; dieses Zusammentreffen nicht durch rechtzeitige Auflösung des Abgeordnetenhauses verhindert zu haben, sei einer der schwersten Vorwürfe, die sich gegen die Regierung richteten. „Einer Regierung, die den Belagerungszustand nach vier Kriegsjahren immer noch nicht hat beseitigen können, vermögen wir nicht einmal den Etat zu bewilligen.“
Für Herrn von Payer, der auf das kategorische Verlangen der Sozialdemokraten die Stellvertretung des Reichskanzlers übernommen hatte, entstand nun die Aufgabe, dem Wortführer dieser selben Sozialdemokraten entgegenzutreten. Er tat das mit tapferen und aufrichtigen Worten. Aber es blieb dabei: die erste parlamentarische Regierung Deutschlands sah sich bei der Durchbringung des Reichsetats von der zweitgrößten Partei der „Mehrheit“, die ihre parlamentarische Existenzgrundlage bildete, verlassen; und zwar wurde die Ablehnung des Etats von dem Wortführer dieser Partei in einer Weise begründet, die nichts anderes als ein Mißtrauensvotum darstellte. Das Zustandekommen des Etats war abhängig geworden von der Zustimmung der rechtsstehenden Parteien, die gegen die Regierung in der Opposition standen und von der Regierung ängstlich in der Opposition gehalten worden waren. In jedem wirklich parlamentarisch regierten Lande hätte ein solcher Vorgang zum Rücktritt und zur Neubildung der Regierung geführt. Bei uns nicht. Denn die Regierung Hertling-Payer war entschlossen, die Fiktion der „Mehrheitsparteien“ auch gegen die handgreifliche Tatsache der Etatsverweigerung durch die Sozialdemokraten aufrechtzuerhalten.
In diese Lage fiel der Rücktritt Kühlmanns, desjenigen Mitglieds der Regierung Hertling, das in den kritischen Tagen des November 1917 mehr als jedes andere die Herrschaft der Mehrheitsparteien hatte errichten helfen und das nicht nur als erster Vorkämpfer des parlamentarischen Regimes, sondern auch als erster Vorkämpfer des „Verständigungsfriedens“ galt.
Die Nachricht von der Entlassung des Herrn von Kühlmann und seiner Ersetzung durch Herrn von Hintze, dem alldeutsche Neigungen nachgesagt wurden, schlug in den Kreisen der Mehrheitsparteien wie eine Bombe ein. Man erregte sich nicht nur über den Wechsel an sich, sondern auch darüber, daß die Mehrheitsparteien vor der Ernennung des neuen Staatssekretärs nicht gehört worden seien. Diesen Verstoß gegen den Geist des Parlamentarismus versuchte man zu reparieren, indem man in der offiziellen Ankündigung des Wechsels die endgültige Entscheidung über die Ernennung des Herrn von Hintze als noch nicht erfolgt bezeichnete. Die Ernennung wurde in der Tat formell erst vollzogen, nachdem Herr von Hintze den Parteiführern vorgestellt worden war und der Reichskanzler im Hauptausschuß des Reichstags Aufklärungen gegeben hatte.
Der Reichskanzler führte bei dieser Gelegenheit aus, er habe sich von Herrn von Kühlmann, dessen politische Erfahrung und diplomatische Gewandtheit er lobend anerkannte, trennen müssen, da das notwendige Vertrauensverhältnis zwischen Kühlmann und „anderen Faktoren“ nicht bestanden habe, ein Vertrauensverhältnis, das für eine reibungslose Führung der Geschäfte nicht entbehrt werden könne. Herr von Hintze sei ein sehr genauer Kenner der russischen Verhältnisse, sei lange als Militärbevollmächtigter in Petersburg gewesen und habe große Reisen durch Rußland gemacht. „Aber es versteht sich von selbst,“ so fuhr der Kanzler fort, „daß ich meine Gegenzeichnung zu der Ernennung des Herrn von Hintze nur gebe, wenn Herr von Hintze meine Politik und nicht seine eigene verfolgt. Dafür habe ich aber bereits in den Zusagen des Herrn von Hintze — die Ernennung ist noch nicht erfolgt — meinerseits die feste Bürgschaft. Ich mache die Politik.“
Stolze Worte. Die Auguren lächelten und gaben sich zufrieden. Nur Herr Scheidemann erklärte, er könne nach den Ausführungen des Reichskanzlers, nach denen sich in unserer Politik nichts geändert habe, nicht verstehen, warum Herr von Kühlmann den Abschied erhalten habe. Aber die Mehrheitsparteien, einschließlich der Mehrheitssozialisten, wollten keine offene Krisis. Sie wollten, ebenso wie die Regierung, trotz der Etatsverweigerung seitens der Sozialdemokraten und der Verabschiedung Kühlmanns, die ihnen erwünschte und bequeme Fiktion einer Mehrheitsregierung aufrechterhalten und ließen infolgedessen einen Zustand bestehen, der in sich selbst unmöglich geworden war.
Der Wendepunkt
Die durch die drei Offensiven an der Westfront geschaffene Lage drängte auf eine Klärung. Unsere Front, die vor dem 21. März von der Nordsee bis Verdun einen gleichmäßig geschwungenen flachen Bogen gezeigt hatte, verlief jetzt in grotesken Kurven. Keilartig markierten sich die Erfolge unserer Offensiven gegen Hazebrouck, gegen Amiens, gegen die Marne, und keilartig sprangen die von den Feinden gehaltenen Stellungsteile in unsere neue Front hinein, zusammengehalten von wichtigen und starken Stützpunkten, wie Ypern, Arras, Compiègne, Reims. Schon daß unseren Frontkeilen solche Stützpunkte und die nach diesen zusammenlaufenden günstigen Eisenbahnverbindungen fehlten, gab dem Feind einen Vorsprung. Außerdem aber mußte die Verlängerung der Front für uns ungünstig wirken angesichts der Tatsache, daß die zahlenmäßige Überlegenheit des Feindes, die wir niemals ganz hatten ausgleichen können, durch die amerikanischen Verstärkungen immer größer wurde.