Friedrich Gerstäcker. (continued 2)
Reading edition
Jenny dagegen blieb sich immer gleich gegen den jungen Mann; sie war vom ersten Augenblick an, als er sich der Mutter so annahm, so ungezwungen freundlich gewesen, als ob sie sich von Kindheit auf schon gekannt, und hier nicht fremd, im fremden Lande einander zufällig nur getroffen hätten; nach des Kindes Krankheit aber, in der sich der junge Fremde ihr als ein wirklich treuer Freund bewährt, hatte ihr Betragen gegen ihn weit mehr Herzlichkeit gewonnen; wenn er kam, ging sie ihm bis zur Thür entgegen, und reichte ihm die Hand, plauderte und lachte mit ihm, und freute sich seiner wachsenden Aussichten in der Stadt, die ihnen ja auch die Hoffnung ließen, daß er in Valparaiso bleiben und ihnen nicht wieder so bald genommen würde. Er war ein wirklicher Freund der Familie geworden.
6.
Don Gaspar.
Und was konnte indessen mit Don Gaspar, dem Verschwundenen geschehen sein? — Umsonst waren bis dahin Leifeldt's sämmtliche Anstrengungen gewesen, auch nur seine Spur zu finden; — wie von der Erde fort, blieb ihnen schon fast nichts übrig, als zu glauben, die gierige Fluth, die auf dieser stillen Bai schon so manches Opfer gefordert, habe ihn verschlungen. Leifeldt selbst, der bis dahin viel auf sein überhaupt etwas excentrisches Wesen gebaut und immer noch gehofft hatte, plötzlich einmal aus irgend einer anderen Provinz einen Brief von ihm zu bekommen und dann auch die Ursache zu erfahren, weshalb er ihn, den Freund, so rasch und heimlich verlassen habe, fing an, diese Hoffnung aufzugeben und an den Tod des unglücklichen Freundes zu glauben, als er eines Tages von San Jago und zwar von einem jungen Manne Nachricht erhielt, den er hier in Valparaiso hatte kennen lernen. Dieser versicherte ihn, es lebe dort ein junger Spanier, der seiner Beschreibung fast vollständig entspräche, still und zurückgezogen in einem ganz abgelegenen Theile der Stadt und verkehre fast mit Niemandem. Leifeldt setzte sich augenblicklich auf die Post, die zwischen Valparaiso und der Hauptstadt Chile's läuft, suchte und fand die bezeichnete Gegend, das ihm genau beschriebene Haus und lag, wenige Minuten später in den Armen des Wiedergefundenen, der bei seinem Anblick zuerst fast eine Bewegung machte, als ob er wieder fliehen wolle, dann aber sich an die Brust des Freundes warf und dort weinte, als ob er vergehen wolle vor innerem Schmerz und Weh.
Trotzdem weigerte er sich im Anfang entschieden, wieder mit ihm nach Valparaiso zurückzukehren, jede Ausflucht suchte er vor, die ihn dabei entschuldigen konnte, und war doch auch nicht zu bewegen, einen wirklichen Grund anzugeben. Leifeldt glaubte diesen endlich in einem zu großen Zartgefühl des jungen Spaniers zu finden, der sich vielleicht hier in seinen Erwartungen, Geld zu erheben, getäuscht sah, und nun ihm, der seinetwegen die sichere Stellung aufgegeben, die kleine noch übrige Summe unverkümmert lassen wollte. Froh in dem Gefühl, ihn hierüber wenigstens beruhigen zu können, versicherte er dem Freund, wie er, ganz wider Erwarten, in Valparaiso, in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes sich schon ein förmliches kleines Capital verdient habe, und nicht allein einer sorgenfreien, sondern auch frohen Zukunft entgegenzugehen hoffe — Gaspar werde dem Freund nicht versagen, das mit ihm zu theilen, bis er selber seine eigenen Hoffnungen realisirt habe.
Don Gaspar mußte zuletzt wohl oder übel nachgeben, aber so herzlich er dem treuen Freunde dankte, so froh er sich selber zu zeigen suchte, war es doch augenscheinlich, daß noch irgend ein schwerer Schmerz auf ihm lasten mußte, den er, trotz allen Bitten Leifeldts, nur in seinem eigenen inneren Herzen barg.
Fast mit Gewalt bewog ihn Leifeldt endlich, seine wenigen Sachen zusammen zu packen und mit ihm, noch an dem nämlichen Abend nach Valparaiso zurück, aufzubrechen; er that es endlich, und Leifeldt vergaß dann bald in seinem eigenen Glück die gefurchte Stirn des Freundes, dem er jetzt einen getreuen Bericht der vergangenen Tage, seit dieser Flucht, zu geben anfing, und nicht aufhören konnte, die Liebenswürdigkeit der kleinen Familie zu rühmen, in die ihn sein gutes Glück geführt, oder in die er eigentlich besser durch Don Gaspars tollen Sprung förmlich hineingeworfen worden.
Don Gaspar hörte ihm dabei lächelnd zu und strich sich wohl manchmal, wenn jener immer wieder auf seine frohen Hoffnungen und Aussichten zurückkam, leicht aufseufzend, mit der flachen Hand über die Stirn. Erst als sie am anderen Tag die letzten Hügel erreichten, die nach der Stadt hinunterführten, und wieder in Sicht des Meeres kamen, war es auch fast, als ob ein neuer Geist in dem jungen Spanier erwache. Er richtete sich hoch in dem Wagen auf und mit leuchtenden Blicken nach den einzelnen schneeigen Segeln deutend, die hie und da von dem dunklen Hintergrund des Meeres herüberblitzten, rief er aus:
»Das Meer! — das weite fröhliche Meer — sieh wie es da liegt und wogt und brandet und sich einwühlt in seine eigenen Arme. — Wie ein Becher schäumenden Weines breitet sich's aus — und oh, wer doch, eine Perle in seinem Grunde läge.«
»Unsinn,« lachte aber Leifeldt, jetzt mit der Stadt vor sich ausgebreitet, die Alles in sich barg, was ihm lieb und theuer auf dieser Welt war, in aufsprudelnder Lust — »wie eine Perle? — sag lieber wie eine todte Fliege, wenn Du das Meer denn doch mit einem Glase vergleichst — eine Fliege, Freund, die an's Ufer treibt und wieder ausgeschieden wird. Nein, fort mit den traurigen Gedanken — sieh, Dein Auge hat sich schon ordentlich belebt, und Du fängst an, wieder wie ein vernünftiger Mensch auszusehn. Jetzt weiß ich auch, was Dir bis dahin in den Knochen gelegen — die engen Hügel waren es, die Dich umschlossen, die schwere Luft, die in das schmale Thal herniederpreßte — hier ist der Himmel frei, hier dehnt sich die See wieder in unbegrenzter Breite vor uns aus, und das Herz wird weit und athmet voll, und es ist ordentlich, als ob das Blut in unseren Adern flüssiger, lebendiger geworden wäre. Ich möchte nicht mehr im inneren Lande leben, seit ich erst einmal Seeluft gekostet, und ich kann mir wahrlich nicht denken, daß man sich wieder da wohl fühlen könne, wo man schon einmal den vollen Genuß eines solchen Anblicks, wie wir ihn jetzt feiern, kennen gelernt und mit der Zeit unentbehrlich gefunden hat.«
»Und wenn Deine Jenny nun nach San Jago zöge?« sagte Don Gaspar, lächelnd zu ihm aufschauend, »wie wär es dann mit der See?«
Leifeldt schoß das Blut wie mit einem plötzlichen Strahl in die Schläfe, und er erwiederte, aber mit etwas gezwungener Gleichgültigkeit. »Unsinn, Gaspar — wenn mir das Mädchen wirklich nicht gleichgültig wäre, wie dürfte ich jetzt auch nur daran denken, um sie zu werben, wo ich eben erst angefangen habe, festen Fuß zu fassen. Valparaiso ist ein theurer Ort, und wer hier eine Familie haben und sie anständig durchbringen will, darf eben nicht nur ein junger Arzt und Anfänger sein — und in späteren Jahren — lieber Gott, wir wissen nicht, was die nächste Stunde bringt, wär' es nicht Thorheit, wollten wir uns Pläne auf lange Jahre hinaus machen.«
»Und vielleicht helf ich Dir doch,« sagte freundlich Don Gaspar, ihm die Hand hinüber reichend — »hier in Valparaiso bin ich allerdings nicht im Stande gewesen, Geld zu erheben, auf das ich bestimmt gerechnet hatte, aber ich habe mit der letzten Post nach Madrid geschrieben, und kann schon etwa die Tage berechnen, wo ich nicht mehr der arme Don Gaspar sein werde, wegen dem der Freund Existenz und Brod verläßt, ja seine Freiheit und sein Leben auf's Spiel setzt, ihn zu retten.«
»Unsinn, Unsinn,« lachte Leifeldt, Don Gaspar hatte aber seine Hand ergriffen, schaute ihm ein paar Sekunden, nur gewaltsam eine innere Aufregung bekämpfend, ins Auge und fuhr dann mit leiserer aber fester Stimme fort:
»Es könnte sein, Federigo, daß ich — wir sind Alle Menschen und wissen nicht, wann uns Gott abruft — daß ich plötzlich sterben könnte — ich habe deshalb den erwarteten Wechsel an Dich adressirt, und ich möchte Dich bitten« —
»Gaspar!« rief aber Leifeldt bittend, und jetzt wirklich beunruhigt, »was zum Henker giebst Du Dich plötzlich so trüben Gedanken hin. — Wir sind allerdings sterblich, und jeder Moment kann unserer Laufbahn ein rasches, gewaltsames Ziel stecken, Du vor allen Anderen darfst aber nicht fürchten, daß Dich das Schicksal einem schnellen Tode bestimmt habe, denn wahrhaftig, Du hast ihm Gelegenheit genug gegeben, in solchem Fall zuzulangen. Aber allerdings möchte ich nicht für Dich einstehn, wenn Du so fortfährst, Dein Leben wirklich zum Fenster hinauszuwerfen — einmal findest Du es doch nicht wieder. Mensch, wenn ich nur an die beiden Fälle zurückdenke, wie Du auf den Hai hinuntersprangst, oder Dich den herandonnernden Pferden entgegenwarfst, so weiß ich wahrlich jetzt selber nicht, wie es überhaupt möglich war, nicht einer Gefahr — denn das kann man schon nicht einmal mehr Gefahr nennen — sondern dem wirklichen Tode so durch ein Wunder zwei mal zu entgehen. Die Götter droben können Dich also jedenfalls noch nicht gebrauchen, und Du magst völlig ruhig und unbekümmert in die Zukunft blicken.«
»Und es ist merkwürdig,« sagte Don Gaspar kopfschüttelnd, »ich kann mich auf die Einzelheiten der beiden Fälle gar nicht mehr besinnen — aber sieh da,« unterbrach er sich plötzlich, als der Wagen, von den raschen Pferden wie im Fluge dahin geführt, die äußerste Grenze der Vorstadt berührte — »wir sind an Ort und Stelle, wie es scheint, und die Pferde wittern den Stall. — Wetter noch einmal, wie sie ausgreifen, und dort« — Leifeldt machte plötzlich eine Bewegung, als ob er hinausspringen wollte, und mehrere Damen gingen, ohne jedoch nach dem Wagen selber herüberzusehen, auf den Trottoirs der Straße hin, Don Gaspar ergriff aber seinen Arm und sagte lachend:
»Halt, Señor — machst Du mir Vorwürfe, daß ich mein Leben thörichter Weise auf's Spiel setze und willst gleich hinterher Deine eigenen Gliedmaßen in Gefahr bringen? War das Deine Dulcinea, wie ich keinen Augenblick mehr zweifle, so werden wir sie heute Abend schon auf eine weniger halsbrecherische Weise zu sehn bekommen, und jetzt vorwärts Kutscher, vorwärts, was zügelst Du die Pferde ein, wir sind noch lange nicht am Ziel!«
»Darf hier nicht galoppiren mit den Thieren, Señor,« erwiederte aber dieser — »Polizei will's nicht haben.« —
»Ja so, die Polizei will's nicht haben,« sagte Don Gaspar plötzlich ganz ruhig, und während sich Leifeldt so weit er konnte aus dem Wagen bog, den Damen nachzuschauen, lehnte sich der junge Spanier in die Ecke zurück, und schaute still vor sich nieder.
Im Hotel wieder angekommen, wo Leifeldt, unnützen Fragen zu begegnen, das anscheinende Verschwinden des Freundes einem von diesem abgesandten, aber verloren gegangenen Brief zuschrieb, machte sich der junge Deutsche vor allen Dingen auf, Mr. Newland zu besuchen und der Familie die fröhliche Nachricht von dem Wiederauffinden und Zurückkehren des Freundes zu bringen, um diesen dann, wie ihn auch die alten Leute dringend baten, heute Abend noch dort einführen zu können.
Don Gaspar war an diesem Abend so heiter, wie ihn Leifeldt noch nie gesehen — er schien sich selber auf den Besuch zu freuen, kleidete sich mit besonderer Sorgfalt und erkundigte sich, was er bis dahin noch nicht gethan, genau nach den verschiedenen Gliedern der Familie; ihrem Alter, ihren Beschäftigungen, selbst ihrem Äußeren, und Leifeldt wurde nicht müde, ihm zu erzählen.
Der Empfang, der ihm dort wurde, war auch so herzlich, als ob er ein eigener Sohn der alten Leute gewesen wäre; der Greis nur machte ihm Vorwürfe, daß er sich ihrem Dank so lange entzogen und Leifeldts Hand ebenfalls ergreifend, sagte er mit vor innerer Rührung tief bewegter Stimme:
»Mir und uns Allen hier gewiß zum Heil, hat Sie Gott Beide an diese entlegene Küste geführt, denn Ihnen Beiden danken wir das liebe Kind hier, das — ich darf den Gedanken gar nicht ausdenken — auf wie furchtbare Weise ohne Sie hätte umkommen oder an langwieriger Krankheit vielleicht dahin siechen müssen. Betrachten Sie sich aber auch Beide deshalb wie mit zur Familie gehörig und mehr noch wird Ihnen mein Sohn für diesen, besonders ihm erwiesenen Liebesdienst dankbar sein, denn mit Gottes Hülfe hoffe ich sein Fahrzeug doch in den nächsten Tagen wieder hier einlaufen zu sehn. — Aber Jenny, Kind, was stehst Du da in der Ecke, hast unserem lieben Gast noch nicht einmal guten Abend gesagt, und Dich doch so darauf gefreut, ihn begrüßen zu können. Es ist wahr, Don Gaspar, Sie haben uns das Vergnügen recht, recht lang entzogen, und Sie werden sehr oft kommen müssen, nur einen Theil davon wieder gut machen zu können.«
Don Gaspar wandte sich, die Jungfrau ebenfalls zu begrüßen, und Jenny trat in diesem Augenblick auf ihn zu, reichte ihm, wie einem alten Freund, die Hand und sagte herzlich:
»Sie sind willkommen, Don Gaspar, wie die Blumen im Mai, und es hat uns nur Allen so leid gethan, Ihnen das nicht früher sagen zu können — doch es war Ihre eigene Schuld — kommen Sie jetzt nur recht oft, und Sie werden sich wohl bei uns fühlen. — Aber hier, Bill« — wandte sie sich dann plötzlich zu dem kleinen Burschen, der schüchtern hinter ihr stand und an ihrem Kleide zupfte »hier, Bill, das ist der Gentleman, der Bill damals gerettet hat, als little boy so sehr unartig war und auf die Straße hinaus lief, daß grandmama krank wurde und nicht mehr gehen konnte — weißt Du das noch — und giebst Du ihm kein Händchen?«
Bill, die kleinen Finger seiner linken Hand, die ihm Jenny drei- oder viermal herunter bog, immer unverdrossen wieder in das rosige Mündchen schiebend, kam langsam, das Köpfchen niedergedrückt und nur schüchtern zu dem Fremden hinaufschielend, näher, und reichte ihm verschämt das rechte Händchen hin.
Wunderbar war der Eindruck, den Jennys Anblick auf den jungen Spanier machte, und Leifeldt lächelte mit einer Art freudigen Stolz sogar, als er sah, wie sich der Freund dem holden lieblichen Kinde gegenüber förmlich befangen fühlte.
Don Gaspar stand in der That im ersten Moment da, als ob er eine Erscheinung gesehen, und nur wie bewußtlos ergriff er die dargebotene Hand in seinen beiden Händen, und hielt sie sogar noch fest geschlossen, als Jenny sich schon leise von ihm losmachen wollte, ihm den Knaben zuzuführen. Erst dann, als er fühlte, daß sich ihm die Jungfrau zu entziehen suchte, ließ er sie erschrocken frei, und das Kind aufnehmend, das ihn im Augenblick vertraut, mit den großen hellblauen Augen freundlich anlachte, und in seinem kraußen Bart spielte, küßte er den Kleinen auf Wangen und Mund und nannte ihn einen braven kleinen Burschen, der nicht wieder auf die Straße hinauslaufen und seiner guten Großmutter und Schwester Schmerz bereiten würde.
An dem Abend war Don Gaspar ein ganz anderer Mensch geworden; es schien ordentlich, als ob die sonst manchmal eisige Rinde seines Herzens aufthaue in der Gesellschaft der lieben Menschen. Besonders wurde es Jennys lebendige Unterhaltung, die ihn anzog, Geist und Gemüth fanden dabei gleiche Nahrung, und fortgerissen von dem lieblichen Feuer des schönen Mädchens, vergaß er bald seine ganze Umgebung, und ließ sich mehr und mehr hinreißen in bunter und glühender werdenden Schilderungen und Bildern. Die Pyrenäen und Felsengebirge, der Amazonenstrom wie der Ganges waren, so jung er noch schien, schon der Schauplatz seiner Thaten gewesen — auf der Jagd bald, bald im Kampf mit den Eingeborenen, hatte es den Knaben fast von Land zu Land getrieben. Nach Spanien zurückgekehrt, fand der thätige Geist keine Nahrung für sein Streben, seine Pläne, und der Krieg der Argentinischen Republik mit Monte-Video, schon die Schilderung jener wilden Reiter der Pampas ließ ihm bald daheim den Boden unter den Füßen brennen. Noch ein Jüngling fast, hatte er schon die Thaten und Erfahrungen eines Menschenalters auf sein Haupt gesammelt, und er konnte nicht still stehn an der Grenze des Begonnenen.
»Mehr aber fast noch als der Drang, dieses neue wilde Treiben mit eigenen Augen zu schauen« — fuhr er endlich in der Schilderung seines eigenen Lebens, in die er wie unbewußt hinein gerathen war, und der Alle, besonders Leifeldt, mit gespannter Aufmerksamkeit folgten, fort — »zog mich die Sehnsucht herüber, einen Bruder hier zu finden — einen Zwillingsbruder, den ich seit meinem zwölften Jahre nicht gesehen und an dem mein Herz mit all jener fast wunderbaren, geheimen Sympathie hing, die das Herz zweier solcher Wesen bis zum — — ja vielleicht noch nach dem Tode umschlingt. Leider wußte ich nur, daß er seinen letzten Aufenthalt in Buenos-Ayres selber gehabt, und konnte keine nähere Adresse von ihm bekommen, dort angelangt, blieben auch eine Zeit lang alle meine Nachforschungen nach ihm vergeblich, und während Einzelne den Namen wollten in Monte-Video gehört haben, behaupteten Andere, er sei in eigenen oder Regierungsangelegenheiten nach Mendoza, der fernen Grenzstadt der Republik gesandt worden. Nach allen diesen Orten schickte ich jetzt Briefe aus, in der Hoffnung, daß einer von ihnen den Bruder doch erreichen und ihm meine Nähe melden möge — und — hahaha — es ist eigentlich zu komisch, wenn man bedenkt, wie das Schicksal die Leute manchmal zusammenwürfelt, und welch entsetzliche fürchterliche Folgen aus einer einzigen Idee, einem Wunsch, einem Brief — einem Wort entstehen können.«
Don Gaspar lachte halb, als er die Worte sprach, aber die Todtenblässe, die jetzt seine Züge bedeckte, der starre, kalte Blick, die zitternden Lippen straften sein Lachen gar furchtbar Lügen. Er hatte auch, wie es schien, ganz seine Umgebung vergessen, und die Stirn jetzt eine ganze Weile in den Händen bergend, preßten sich einzelne klare perlende Tropfen zwischen den fast mädchenhaft zarten Fingern durch.
Die kleine Gesellschaft saß indeß in schmerzlicher, fast peinlicher Spannung, und Leifeldt besonders, denn selbst ihm hatte der Freund bis dahin hartnäckig die frühere Geschichte seines Lebens verschlossen gehalten, empfand eine unnennbare, ihm selbst unerklärliche Angst, die Schicksale des Unglücklichen zu hören, die wirklich furchtbarer Art sein mußten, wenn nur die Erinnerung daran das sonst so eiserne, unerschrockene Herz des Mannes in solcher Art zu erschüttern vermochte. Keiner wagte ihn indeß zu stören, und selbst Bill schmiegte sich, die großen, blauen Augen ängstlich und bestürzt auf den fremden Mann geheftet, an das Knie der Tante, und sein kleines Herz schlug schneller in dem Mitgefühl um die fallenden Thränen.
Endlich, wohl nach fünf Minuten, in denen nur das monotone Ticken der großen Wanduhr die fast feierliche Stille unterbrochen, fuhr der Erzähler, die Hände langsam senkend und stier dabei vor sich nieder sehend, mit leiserer Stimme, die aber in der Erzählung selber bald wieder zu der frühern Lebendigkeit anwuchs, fort:
»Drei Monate später erhielt ich endlich Antwort auf eines meiner Schreiben, und zwar von Cordova aus, wohin der nach Mendoza von mir gesandte Brief befördert worden war. — Felipe hatte in einem Jubel an mich geschrieben, daß wir uns endlich wieder sehen sollten. Er war glücklich — in Cordova war ihm Alles geworden, was das Herz nur an diese Erde zu fesseln vermag: ein treues Weib, ein liebes Kind, und nicht Worte konnte er finden, mir die Seligkeit zu schildern, in der er lebe. Nichts destoweniger wollte er Alles dort verlassen, was ihm lieb und theuer war, den Bruder nach so langen Jahren der Trennung wieder an sein Herz zu drücken, und den Tag hatte er mir schon bestimmt, an dem er in Buenos-Ayres eintreffen würde.«
»— Auch ich hatte indessen,« fuhr Don Gaspar nach einer längeren Pause, in der er seine innere Bewegung gewaltsam niederkämpfte, fort: »ein Wesen gefunden, dessen Besitz mich, wie ich damals glaubte, zum Glücklichsten der Sterblichen machen mußte. — Der Tag des Wiedersehns mit meinem Bruder sollte auch am Altar ihre Hand in die meine legen — der Tag kam — aber wie sollte er enden.«
»Schon in der letzten Zeit hatte ich in dem Hause meiner künftigen Schwiegereltern einen Cavallero aus- und eingehen sehen, dessen Betragen gegen meine Braut mir nicht gefiel — mich selber behandelte er dabei ganz mit dem Eigendünkel der südamerikanischen Raçe dem spanischen Blut gegenüber, und nur die Gegenwart meiner Schwiegereltern hatte schon zweimal verhindert, daß es zu harten Worten und vielleicht härteren Thaten zwischen uns gekommen.«
»So brach der Morgen vor meinem Hochzeittag an, und mancherlei Geschäfte, die mich an dem Tag auf der Straße hielten, Einkäufe und Besorgungen, veranlaßten mich, in eine Pulperia12 zu treten, und ein Glas Wein zu trinken — ich wollte eine Erfrischung finden — und fand den Tod.«
»In der Pulperia stand, ohne daß ich ihn anfangs bemerkte, ich hätte ihn sonst an diesem Tage vermieden, jener Argentiner im eifrigen Gespräch mit einem anderen — einem anerkannt schlechten Subjekt, das als Werkzeug schon zu manchem schlechten Streich sollte benutzt sein. Was der Inhalt ihres Gesprächs gewesen, weiß ich nicht, soviel ist gewiß, ich hatte kaum Platz an einem der Tische genommen, als sich ihre Aufmerksamkeit auf mich lenkte und sie mit meinen nächsten Nachbarn ein lautgeführtes Gespräch begannen, das mich nicht gleichgültig lassen konnte. Es galt mein Vaterland, und so fest ich auch gewillt war, gleich im Anfang, als ich den ziemlich grob angelegten Plan, mich zu reizen, errieth, den Saal zu verlassen, fielen doch bald Äußerungen, die es mir unmöglich machten, sie unerwiedert zu lassen. Die beiden Argentiner besonders, beides wenigstens äußerlich fanatische Anhänger des Diktators, schmähten meine Nation auf eine so nichtswürdige und perfide Weise, daß ich endlich gar nicht mehr umhin konnte, ihnen zu antworten — ich hätte Fischblut in den Adern haben müssen. Ein Wort aber gab das andere, im vollsten Übermuth trieben es meine Gegner mit Gewalt zum Äußersten, und der nächste Morgen — mein Hochzeittag — wurde dazu bestimmt, unseren Streit auszugleichen. Noch an dem nämlichen Nachmittag aber überfielen mich die beiden Schurken meuchlerischer Weise, und nur meinem guten Glück hatte ich es zu danken, daß der erste nach mir geführte und jedenfalls tödtlich gewesene Stoß an meiner Uhr abglitt, während der Mörder von meiner Hand fiel. Der andere, der mich rasch wieder gerüstet und seinen teuflischen Plan vereitelt sah, wollte jetzt entfliehen — aber ich war flüchtiger als er. Das Blut zum Sieden getrieben — die blanke Waffe in der Faust, verfolgte ich ihn durch mehrere Straßen, mehr und mehr ihm nahekommend. — Vergebens war sein Hülferuf, die Leute wagten nicht, dem bewaffneten Verfolger in den Weg zu treten, und in demselben Augenblick, als er an der einen Ecke erschöpft und matt zusammensank« — Don Gaspar schwieg einen Augenblick, und setzte dann tonlos hinzu — »traf mein Stahl sein Herz!«
»Erst als ich ihn blutend vor mir liegen sah, wußte ich, was ich gethan, begriff aber auch zugleich die Gefahr, in die ich mich selber dadurch gebracht; die Henkersknechte des Diktators waren schnell in der Vollziehung rascher gegebener Urtheile, und nicht eine Stunde durfte ich mich länger sicher wähnen, denn ich war in der Verfolgung sowohl, wie in der That selber erkannt und auch schon umstellt worden. Meine Waffe brach mir aber auch hier Bahn, und in und durch ein mir bekanntes Haus flüchtend, brachte ich meine Verfolger auf die falsche Fährte.«
Die bald einbrechende Nacht konnte mich dabei leicht aus dem Bereich jeder Gefahr bringen; oben in der Boca13 lag ein kleiner Nachen — ich kannte die Stelle genau, und auf der Außenrhede ankerte ein spanisches Kriegsschiff — einmal dort an Bord, und Rosas sämmtliche Macht hätte mir kein Haar meines Hauptes krümmen können. Vorher aber mußte ich meinem Bruder Nachricht von mir geben; was kümmerte mich die Gefahr, der ich mich dabei aussetzte, und meinen Versteck wieder verlassend, wanderte ich, in meinen Pancho dicht eingehüllt, langsam, um keinen Verdacht zu erregen, dem Mittelpunkte der Stadt zu, wo man mich jetzt, da ich vor mehreren Stunden gerade in einer entgegengesetzten Richtung geflohen, auch schwerlich vermuthen durfte. Nichts destoweniger waren die Straßen heut Abend belebter, als ich sie noch je gesehen, irgend etwas Besonderes schien hier vorgefallen, und um die eine Ecke biegend, hörte ich, wie ein Gaucho zum anderen lachend sagte:
»Sie haben ihn, amigo — caramba, er wollte sich noch verantworten, aber die gnädigen Mashorqueros lassen sich nicht auf Erklärungen ein — er sieht jetzt aus, als ob er sich beim Rasiren geschnitten hätte.«
»Mir stockte das Blut in den Adern, ich wußte nicht weshalb, aber wie ein elektrischer Schlag rührte mich das flüchtige Wort, und anstatt jeder Beobachtung so rasch als möglich zu entgehn, und das nur kaum noch fünfzig Schritt entfernte Haus, durch dessen Hinterpforte ich leicht wieder einen Ausgang finden konnte, zu erreichen, frug ich, mein Gesicht nur soviel als thunlich mit dem Pancho und breitrandigem Hut verdeckt, den mir nächsten Burschen, wen sie gefangen und ermordet hätten?«
»Wen? — caracho,« sagte der grimmige Gaucho lachend, »wen anders, als den Hund von Spanier, der heute Morgen zwei wackere Männer der Föderation meuchlings überfallen und ermordet oder doch bös getroffen hat.« — »Und sein Name?« — mein eigener donnerte mir ins Ohr, und während sich die Straße mit mir zu drehen begann, weiß ich nur, daß ich dem Orte zustürmte, wo die Leiche lag.
»Und dort?« — frugen die Zuhörer in tödtlichster Spannung wie aus einem Munde — denn der Erzähler saß mit stieren Blicken, den rechten Arm vorgestreckt, als ob er das Schreckensbild aus dem Boden steigen sähe, regungslos da, und die Augen gewannen einen wilden, fast unheimlichen Glanz. Plötzlich aber, als ob er fühle, daß aller Augen angst- und erwartungsvoll auf ihn gerichtet seien, fuhr er empor, und den Blick rasch und forschend im Kreis umherwerfend, haftete dieser auf dem Thränenglanz in der Jungfrau Auge, die ihm mit bleichen Wangen und hochklopfendem Herzen gegenüber saß und jedes Wort von seinen Lippen in peinlicher Spannung aufgesogen hatte. Erst seinem Blick begegnend, senkte sie den ihren, und Don Gaspar, der jetzt eine ganze Zeit lang wie träumend zu ihr hinüberschaute, strich sich plötzlich die schwarzen krausen Locken von der Stirn, und hochaufathmend war es fast, als ob er ein schweres, furchtbares Gewicht von seiner Brust gewälzt hätte.
»Und dort? — wen fanden Sie dort?« rief aber jetzt noch einmal die alte Mrs. Newland und auch Leifeldt, der hinzutrat und die Hand auf des Freundes Schulter legte, wiederholte leise die Frage.
»Dort?« lachte aber Don Gaspar, dem in diesem Moment schon wieder der alte kecke Übermuth aus den Augen blitzte, »dort? — wie mir scheint hätte ich Schauspieler werden sollen — hahaha — habe ich mir doch nie im Leben solch ein Talent zum Erzählen zugetraut — wahrhaftig, Señora, Sie sind ja ganz davon ergriffen, und die Señorita hat Thränen in den Augen.«
Er sprang auf und Mrs. Jennys Hand ergreifend, sagte er mit leiserem, fast bittendem Ton:
»Zürnen Sie mir nicht, Señorita, ich wollte weder Sie noch die lieben Ihrigen betrüben — nur zerstreuen, habe es aber, wie ich sehe, ganz falsch angefangen. Nicht wahr, ich wäre alt genug, vernünftig zu sein, und doch plagt mich ein kleiner Teufel, den ich, zu größerer Bequemlichkeit mit mir herumtrage, manchmal wahrhaftig bis aufs Blut solch närrische Streiche zu spielen — aber ich muß nachher dafür büßen, wenn ich sehe, welch Unheil ich angerichtet habe« — setzte er weicher hinzu.
Jenny war so vollkommen durch diese Wendung des Ganzen überrascht, daß sie im ersten Moment in der That gar nicht wußte, ob sie weinen oder lachen solle, ein Blick in die Augen des Fremden aber machte sie auch wieder stutzen — dort lag mehr als ein einfach kecker Leichtsinn, gräßliche Geschichten zu erzählen und das Blut seiner Hörer erstarren zu machen — ein furchtbares Geheimniß schlummerte hinter diesen dunklen Sternen, und welchen gewaltigen Kampf mußte es ihm kosten, das jetzt mit solcher Macht und Ruhe niederzuhalten.
Das schöne Mädchen ließ ihre Hand in der des Bittenden länger, als sie selbst wohl wußte, und als sie ihm dieselbe endlich, und nur langsam entzog, begegnete Don Gaspar dem Blick des Freundes, der halb forschend, halb zweifelnd auf ihm haftete. Er wich dem Blick aus, lächelte aber, als er ihm, mit abgewandtem Antlitz die Hand reichte und fest drückte.
»Nein, so 'was!« rief aber jetzt die alte Dame in größtem Erstaunen, — »segne meine Seele Herr — und das war eine bloße Geschichte, und so natürlich, daß Einem das Herz ordentlich zu klopfen aufhörte und der Athem still stand in der Brust — aber Mr. Gaspar, das müssen Sie uns künftig vorher sagen, daß Sie's nicht so ernsthaft meinen; man weiß ja wahrhaftig sonst gar nicht mehr, woran man ist.«
Don Gaspar hielt indessen noch immer Leifeldts rechte Hand mit seiner linken, und dessen Arm mit seiner rechten Hand gefaßt — es war fast, als ob er ihm noch etwas sagen wollte vor allen Andern — als ob er sich gerade bei ihm rechtfertigen müsse, aber er machte sich auch von ihm endlich los, und sich rasch zu dem alten Herrn wendend, der ihm entgegentrat, schüttelte er ihm herzlich die Hand und sagte, leicht mit dem einen Auge dabei blinzend: — »nicht wahr, Sir, Sie wußten, wo ich hinaus wollte.«
»I'll be damned if I did,«14 rief aber der alte Herr treuherzig, die ihm dargebotene Hand aus Leibeskräften schüttelnd — »nicht die Probe davon, so wahr mein Name Newland ist — hielt die ganze Geschichte für baare Münze und meine Seele dachte nicht daran, daß Sie Spaß machen könnten — haben aber ein famoses Talent, und wenn Sie das so auf dem Theater von sich geben könnten wie hier, Sie müßten reich dabei werden.«
»Ach, das ist ja gerade unser Unglück auf dieser Erde,« lachte Don Gaspar dagegen, »daß wir eben in der Jugend noch nicht selbstständig handeln können, oder wenn wir es könnten, doch nicht im Stande wären, der Bahn mit den Blicken zu folgen, die anscheinend glatt und weitdehnend vor uns ausgebreitet liegt — hat aber die Erfahrung erst ihre Furchen in unsere Stirn gegraben, dann ist es gewöhnlich zu spät, noch einen neuen Lebensweg zu wählen, und wir mühen uns verstimmt und unmuthig auf der, freilich selbst betretenen, breiten und staubigen Heerstraße hin, während links und rechts abzweigend, und doch alle demselben Ziel entgegenführend, die schattigsten, blumenreichsten Gänge und Pfade liegen — wenn die Chausseegräben nur nicht so verwünscht breit wären.«
Mit rascher Wendung führte er seine ihn noch immer halberstaunt halb mißtrauisch betrachtenden Zuhörer wieder auf das erste Feld der Unterhaltung zurück; kleine interessante Züge aus seinem Leben, mit einer ganz eigenthümlichen Mischung von Humor und Ernst vorgetragen, weckten dabei bald wieder ähnliche Erinnerungen bei den Freunden, und ehe eine halbe Stunde verflossen, war das Gespräch wieder allgemein und lebendig geworden, und man lachte und erzählte sich noch bis spät in die Nacht hinein.
Auf dem Heimweg suchte nun zwar Leifeldt den Freund wieder auf die Geschichte seines Lebens zurückzubringen, aber der hielt ihm nicht Stand, sprang rechts und links ab, und war gerade heute so voll von tollen, lustigen Einfällen, daß es unmöglich schien, noch ein ernstes Wort mit ihm zu reden.
7.
Der Verdacht.
Die nächsten drei Tage war Don Gaspar übrigens nicht zu bewegen, seinen Besuch bei Newlands zu wiederholen, trotzdem sogar, daß ihm Leifeldt eine förmliche Einladung dorthin brachte — er entschuldigte sich mit einem peinlichen Kopfschmerz und trieb sich fast den ganzen Tag am Seestrand herum, einkommende Schiffe zu beobachten. Er war auch still und schweigsam dabei, und es schien fast, als ob nach einer zu starken Aufregung jenes Abends eine Abspannung gefolgt sei, die er sich nicht einmal die Mühe geben wollte, von sich abzuschütteln. Bei Newlands dagegen, bildete er fast den einzigen Punkt, um den sich die Unterhaltung drehte, und mochte das Gespräch, nach welcher Richtung es wollte, sich gewandt haben, der erste Schritt im Hause unten, das zufällige Öffnen oder Schließen einer Thür, brachte fast stets die Worte: »Sollte das Don Gaspar sein?« — Leifeldt war auch schon mehrfach gefragt worden, wie und wo er den Freund kennen gelernt habe, wußte aber die Frage immer zu umgehen und suchte nun auch seinerseits die alten Leute darin zu bestärken, Don Gaspar habe sich an jenem Abend mit der gräßlichen Geschichte — wo sie ja nicht anders denken konnten, als sein Zwillingsbruder sei für ihn erschlagen worden — einen freilich etwas entsetzlichen Spaß gemacht, während Jenny dagegen eben so bestimmt behauptete — und Leifeldt pflichtete ihr im Herzen schon fast bei — der Schluß des wahren Vorfalls sei ihm selber so furchtbar vorgekommen, daß er sich gescheut habe, sie mehr zu ängstigen, und lieber Alles das gewaltsam niederkämpfte, was ihm in dem Augenblicke sicher drohte die Brust zu zersprengen. — Der arme Mann, was mußte er seit der Zeit heimlich gelitten und mit sich herum getragen haben.
Erst am dritten Abend betrat Don Gaspar wieder das Haus der Newlandschen Familie, und dießmal bat er sich Leifeldt selber zur Begleitung an. Wenn die alten Leute aber auch oft und oft versuchten, wieder auf seine frühere Erzählung — bei der sie ihn versicherten, wie sie ihn vertheidigt hätten, zurückkamen, wußte er ihnen doch immer geschickt auszuweichen, und es war so augenscheinlich, daß ihm selbst eine Berührung jenes Abends wehe that, und Leifeldt wie Jenny suchten daher das Gespräch in anderer Richtung zu leiten und zu halten.
Von da an war Don Gaspar ein täglicher Gast in Newlands Haus, und während Leifeldt jetzt mehr und mehr Beschäftigung bekam, wie das Zutrauen in der Stadt zu ihm wuchs und seine Kenntnisse sich entwickeln und Bahn brechen konnten, saß er oft stundenlang mit Jenny am Schachbret, las irgend ein Buch mit ihr, oder erzählte den alten Leuten Abentheuer und Scenen aus seinem wunderbar bewegten Leben.
Er war von der Zeit an fast ein anderer Mensch geworden. — Ruhe und Friede schien in sein Herz eingekehrt, und was er auch früher gelitten und ertragen haben mochte, eine freundliche Gegenwart glättete die schmerzgefurchte Stirn, und das Auge lachte wieder, nicht in erkünsteltem, sondern in wirklichem Glück. Er zeichnete dabei kein einziges Glied des kleinen Familienkreises aus — fand er den alten Herrn allein, so saß er stundenlang mit ihm da und plauderte von Jagd und Ackerbau, von Viehzucht und Weinbau, für den sich der alte Gentleman besonders interessirte, und von der See und der fernen Heimath, — war die alte Dame gut aufgelegt dazu, und das geschah oft, so ging er eben so gern auf all die wunderlichen Kapitel ein, die sie, nach alter Gewohnheit, vor ihm herauf zu beschwören wußte, — dann erzog er mit ihr Kinder und mästete Gänse, legte einen Garten an, oder diskutirte die Vorzüglichkeit des javanischen vor dem brasilianischen Kaffee. — Mit Jenny war er derselbe, ihre Nähe schien aber einen besonders wohlthätigen Einfluß auf ihn auszuüben, kein wildes, aufloderndes Wort kam über seine Lippen, wenn er sich gerade allein mit ihr befand, was ihm sonst doch sogar in Gegenwart der alten Dame manchmal passirte, die aber ihre Freude daran hatte und dann immer meinte, es thäte ihrem alten Herzen ordentlich wohl, noch Feuer und Leben in der Jugend zu sehn und ihren Geist daran zu erwärmen. Aber auch selbst Jenny vergaß er manchmal, wenn ihm gerade die Lust anwandelte, mit dem Kinde zu spielen und er nun mit Bill in ausgelassener Fröhlichkeit in Haus und Garten herumtollte, daß selbst das Kind ihn manchmal ganz ehrbar bat, nicht einen solchen Spektakel zu machen, sondern ihm lieber eine kleine Geschichte, oder ein Märchen zu erzählen, wie er sie zu hunderten zu ersinnen und auszuspinnen wußte.
Anders war es aber mit der Familie selber, so herzlich Don Gaspar von Allen aufgenommen wurde, so erkannte das scharfe, so leicht mißtrauische Auge der Eifersucht bald einen Vorzug, den ihm die Jungfrau selbst vor den Übrigen einräumte. Ein wilder Schmerz durchzuckte Leifeldts Herz, als dort zum ersten Male der Gedanke an eine solche Möglichkeit aufstieg. Er war allein mit Jenny gewesen, und neben ihr sitzend hatte er angefangen von seinen Plänen und Hoffnungen zu plaudern, wie ihn das Glück hier in Valparaiso so weit über Erwarten begünstige, und wie er nun fast schon die Zeit berechnen könne, in der es ihm möglich sein würde, einen eigenen Heerd zu gründen. Das Herz lag ihm heute auf der Zunge, und der Muth fehlte ihm nur noch, dem holden Mädchen seine Liebe zu gestehen, und sie — nicht um ihre Hand zu bitten — der unbemittelte, junge Arzt durfte noch nicht wagen, das Geschick eines so lieben zarten Wesens an das seine zu knüpfen, ehe er ihm mehr als die Aussicht eines sorgenfreien Lebens bieten konnte — aber sie zu fragen, ob sie glaube, sich einst an seiner Seite glücklich fühlen zu können, und dann, mit solcher Gewißheit im Herzen, neuen Anstrengungen und Arbeiten in dem süßen, beseeligenden Gefühl entgegen zu gehen, das Ziel zu kennen, dem er zustrebe, und in ihm gerade sein ganzes Glück und Heil zu finden.
Ob Jenny fühlte, daß der bisherige Freund einer anderen Gestaltung ihres Verhältnisses entgegendränge, — ob sie diese Erklärung fürchtete, oder ihr nur ausweichen wollte in mädchenhafter Schüchternheit, aber sie war unruhig und befangen, stand oft auf, unbedeutende Sachen zu besorgen, und suchte wieder und immer wieder dem Gespräch eine andere, gleichgültigere Wendung zu geben, als plötzlich der Klopfer unten an ihrer Thüre ertönte, und gleich darauf des Spaniers rasche Schritte auf der Treppe gehört wurden.
»Don Gaspar,« rief Jenny, freudig überrascht von ihrem Stuhle aufspringend, zugleich aber dem Blick des jungen Schweden begegnend, war sie Weib genug, zu fühlen, wie wehe sie dem in diesem Augenblick gethan. — Das Blut schoß ihr in die Schläfe, und langsam den eben so rasch verlassenen Sitz wieder einnehmend, setzte sie leiser hinzu: »Er wird sich freuen, Sie hier zu finden.« —
Don Gaspar betrat gleich darauf das Zimmer, und das Gespräch drehte sich um gleichgültige Gegenstände; von dem Augenblicke an aber war der Same des Mißtrauens, der Eifersucht in das sonst so treue, ehrliche Herz des jungen Schweden gefallen, und schlug seine breiten Wurzeln da und wühlte und nagte in all seiner wachsenden Stärke und Furchtbarkeit.
Von dem Tage an war es um Leifeldts Frieden geschehen — je freundlicher, je herzlicher Jenny gegen ihn wurde, desto mehr zog er sich vorsichtig in die innersten Vesten seiner eigenen Brust zurück, denn was bis dahin seinem wachenden, sehenden Auge total entgangen, erschloß sich plötzlich dem von Argwohn bewaffneten Blick mit tödtlicher Schärfe. — Er sah, Jenny liebte den Freund, und das war der Todesstoß all seiner süßen, so heimlich und treu gepflegten Hoffnungen und Träume — das der Sturz seiner liebsten, seligsten Pläne.
Sonderbarer Weise blieb sich Don Gaspars Benehmen, der Jungfrau wie dem Freund gegenüber, vollkommen gleich; oft sahen sie ihn zwei oder drei Tage nicht, die er in der Nähe Valparaisos verbrachte — sein Lieblingsplatz war dann die Seeküste, von wo aus er halbe Tage lang kommenden Segeln entgegenschaute, und kehrte er endlich zurück, so betrug er sich gerade, als ob er nicht einen Augenblick abwesend gewesen wäre und irgend vermißt sein könnte.
Nicht so Jenny; — wie unbewußt sie sich auch bis dahin ihrem Herzen überlassen, so war sie seit jenem Abend, wo der erste mißtrauische Blick des jungen Arztes ihrer eigenen Seele Licht gegeben, ihr selbst gewissermaßen die eigene Brust erschlossen hatte, ganz still und schüchtern geworden, und eine fast krankhafte Erregung schien ihr sonst so heiteres, kräftiges Gemüth umhüllen — ertödten zu wollen. Das Mutterauge entdeckte auch bald die, wirklich auffallende Veränderung selbst in ihrem Aussehen, Jenny leugnete aber, sich anders, als vollkommen wohl zu befinden, und der deshalb von der alten Dame befragte Leifeldt erklärte ebenfalls die Blässe der Wangen, den fehlenden Glanz der Augen für ein leichtes Unwohlsein, das die nächsten Tage wieder heben könnten. Ach, ihm schnitten diese eingesunkenen Augen tief, tief ins Herz, und durfte er sagen, was sie verursacht hatte? — mußte er nicht dem eigenen, hoffnungslosen Schmerz da ebenfalls die Worte geben? — Und Jenny reichte ihm diesmal, als er von ihr ging, die Hand, und preßte sie leise — sie sprach kein Wort, aber dieser einzige Händedruck kündete ihm sein Loos deutlicher, als es Worte je im Stand gewesen — sie dankte ihm für sein rücksichtsvolles Schweigen — und er hätte vergehen mögen vor bitterem Weh.
So waren noch zwei Tage verflossen, und Leifeldt rang in dieser Zeit mit sich, ob er offen zu dem Freunde reden, oder dem Schicksal seinen ungestörten Lauf lassen solle. Mit seinem ganzen ehrlichen, offenen Wesen trieb es ihn, diesem ersten Gefühl zu folgen, immer aber warf er sich selber wieder ein, daß der Spanier die Liebe des jungen, engelschönen Mädchens noch gar nicht einmal zu ahnen scheine, und sollte er es sein, der da mit eigener Hand den Funken in die Pulverkammer schleuderte? — Er konnte sich, so oft er sich auch dazu überreden wollte, es sei das Beste, ja das Einzige, was ihm zuletzt zu thun übrig bliebe, doch immer und immer wieder nicht dazu entschließen, und zögerte damit so lange, bis er sich am Ende selbst wieder einredete, er habe sich doch vielleicht getäuscht, und noch liege die Möglichkeit vor ihm, die Geliebte seines Herzens einst auch die Seine nennen zu können.
So kam Jenny's Geburtstag heran, und Mr. Newland hatte in seinem Hause, diesen Tag zu feiern, eine kleine Festlichkeit angeordnet, zu der, außer mehreren anderen Bekannten, auch unsere beiden Freunde, wie der Buenos-Ayres Konsul, Don Guzman de Ribera, geladen waren.
Dieser begrüßte Don Gaspar wie einen alten Bekannten, — er wußte ja, der junge Mann war von Buenos-Ayres herübergekommen, und er selber, dort geboren, hatte noch zu viel Anhänglichkeit an die Stadt, nicht für jedes ein Interesse zu empfinden, das mit derselben, wenn auch in der entferntesten Berührung stand. Es war das eine Art Heimweh — wenn er sich des Gefühles selber auch kaum bewußt sein mag — wie es den Kamtschadalen an seine Eisfelder, den Sohn der Wüsten an die öden Sandflächen seines Vaterlandes bindet, und Don Guzman war noch dazu ein gar eifriger Anhänger des Diktators, und freute sich der Erfolge, die dieser errungen, mit sichtlichem Stolz.
Don Gaspar schien heute besonders guter Laune zu sein, und so viel Mal auch Don Guzman versuchte, seiner habhaft zu werden, ihm die allerneuesten Nachrichten von »der anderen Seite der Cordilleren« mittheilen zu können, wußte er ihm doch immer wieder zu entgehen, und dem Gespräch eine andere, allgemeinere Richtung zu geben.
Leifeldt dagegen zeigte sich still und zurückgezogen, der Freund hatte Jenny's Seite noch kaum verlassen, seit sie das Zimmer betreten hatten, und der junge Schwede versuchte umsonst der Gedanken ledig zu werden, die ihm mit immer herberer Pein das Herz durchzogen.
»Aber Señor Federigo ist heute Abend so mißgestimmt,« sagte endlich die alte Mrs. Newland, die sich bis dahin fast nur mit Don Gaspar und ihrer Tochter unterhalten hatte, und den jungen Arzt eigentlich erst jetzt in ihrem Gespräch vermißte — »segne meine Seele, ich weiß mich noch wahrlich nicht eines Wortes zu erinnern, das Sie heute den ganzen Abend gesprochen hätten — fehlt Ihnen etwas?« —
»Nicht das Mindeste,« lächelte Leifeldt, etwas verlegen aufstehend und sich ihr nähernd — »aber Sie waren Alle dort so gar lebhaft im Gespräch begriffen.« —
»Und dazu gehören Sie eben so gut, Mr. Leifeldt,« sagte Jenny, freundlich ihm die Hand reichend — »wir sprachen eben davon, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, in einem fremden Lande so viele treue und liebe Freunde gefunden zu haben, und wie dankbar wir dafür unserem Schicksal sein müssen.«
»Das Wort Freundschaft ist ein wilder Begriff, Señorita,« erwiederte aber Don Gaspar rasch — »und unsere Sprache ist arm, daß wir nicht im Stande sind, dieß wunderlichste aller Gefühle in seine verschiedenen Klassen einzutheilen.«
»Und haben Sie verschiedene Klassen für Ihre Freundschaft, Don Gaspar?« frug ihn das schöne Mädchen lächelnd.
»Allerdings,« sagte der Spanier rasch — »und so streng geschieden von einander, wie sie das wunderlichste Gefäß im menschlichen Körper — das Herz — zu scheiden vermag — Freunde, die ihr Leben für mich lassen würden« — und er reichte, während er sprach, dem jungen Schweden die Hand — »und Freunde, die mich verfolgen mit — mit ihrer Liebe und mich gern unter die Erde drücken möchten vor lauter Herzlichkeit — Freunde, deren Lächeln schon das Blut in froher Brust durch meine Adern jagt, und Freunde, deren Kuß und Schwur es erstarren machen würde.«
»Und zu welchen dürfen wir uns da zählen?« frug Jenny leicht erröthend.
»Ich brauche Ihnen das nicht mehr mit Worten auszudrücken,« sagte Don Gaspar mit dem herzlichsten Tone seiner Stimme, und während er die Hand des Mädchens ergriff, bemerkte Leifeldt mit tiefem Schmerz, wie es die ganze Gestalt der Jungfrau, einem elektrischen Schlage gleich durchzuckte; »Sie haben mich hier Alle mit so unendlicher Freundlichkeit behandelt« — fuhr der Spanier dabei fort — »ich müßte ein Herz von Stein in der Brust haben, könnte es anders für Sie schlagen, als es thut — aber unser Gespräch wird zu ernst,« brach er dann rasch und plötzlich ab, und Jenny's Hand loslassend und die der Matrone ergreifend, setzte er lachend hinzu — »da, Mama hat schon Thränen in den Augen, und der dürfen wir doch wahrlich den heutigen, fröhlichen Abend nicht verderben.«
In diesem Augenblick wurde zu Tische gerufen, und Jenny trat fast unbewußt einen kleinen Schritt zurück, als ob sie sich der Aufmerksamkeit der Übrigen entziehen wollte, bis — Leifeldt wagte den Gedanken nicht auszudenken und wollte eben an die alte Dame hinantreten, dieser seinen Arm anzubieten, als Don Gaspar schon die Hand der Mrs. Newland in seinen Arm zog, Mr. Newland mit Don Guzman im eifrigen Gespräch langsam dem Speisezimmer zuschlenderte, und der junge Mann jetzt nicht umhin konnte, Miß Newland zu geleiten. Jenny wollte etwas sagen, als er sich ihr zögernd näherte, aber, ob sie fürchtete, ihm wehe zu thun, oder nicht das rechte Wort fand zu beginnen, sie schwieg, und ließ sich von ihm zur Tafel geleiten.
»Aber Don Gaspar,« begann hier Don Guzman, der dem Spanier gerade gegenüber seinen Platz hatte, wie sie kaum ihre Sitze eingenommen — »ich habe Ihnen noch gar nicht erzählen können, daß der chilenische Correo glücklich über die Berge von Mendoza herübergekommen ist, und die Post von ein paar Monaten mitgebracht hat; elf Tage war er in der dritten Casucha15 drüben im Schnee »verschlossen«, und ihr Chargue16 mußte er mit seinen Leuten zuletzt trocken kauen, sich nur am Leben zu erhalten — sie wären beinahe verhungert, und der Temporale17 soll furchtbar gewüthet haben.«
»Die armen Menschen,« sagte Jenny mitleidig — »es ist doch ein entsetzliches Brod, sein Leben auf jedem solchen Marsch tollkühn auf's Spiel zu setzen. Wie Viele sind schon dabei umgekommen, und immer und immer wieder giebt es Andere, die der wenigen Unzen wegen die Glieder dem Frost und Hungertode Preis geben.«
»Und Monte-Video ist immer noch nicht über?« sagte Leifeldt, dem es wohlthat, gerade in diesem Augenblicke mit dem Fremden ein Gespräch zu beginnen.
»Noch nicht, aber es kann sich keinesfalls lange mehr halten,« erwiederte Don Guzman zuversichtlich — »man spricht zwar von einem Waffenstillstand, ich glaube jedoch, daß ihn die Unitarier nur verlangen, zu kapituliren.«
»Und giebt es sonst nichts Neues in Buenos-Ayres?« frug Mr. Newland dazwischen, den Argentiner auf ein anderes Kapitel zu bringen, und nicht etwa genöthigt zu sein, die fremde Intervention mit ihm zu erörtern — »keine neue Revolution, keinen Überfall von Indianern?«
»Nichts derartiges,« lachte Don Guzman, »Se. Excellenz, der Gouverneur, hält die Zügel der Regierung zu straff für dergleichen Versuche.«
»Aber die Indianer haben sich doch schon einige Mal gegen ihn in das Feld geworfen,« warf Leifeldt ein — »die einzelnen Gaucho-Hütten überfallen, ja selbst die Städte bedroht und sogar der Argentinischen Cavallerie Stand gehalten.«
»Ist allerdings vorgefallen,« meinte achselzuckend der Konsul, »jetzt aber sind sie ruhig, und die Grenzbewohner werden wohl nicht wieder von ihnen beunruhigt werden. Nein, aber etwas anderes hatte die Stadt in jener Zeit aufgeregt, und es scheint wirklich seit lange Nichts die Bewohner von Buenos-Ayres in solch Erstaunen versetzt zu haben, als die Flucht eines Tollen aus einer Irrenanstalt — die Blätter sprechen fast von nichts Anderem.«
»Die Flucht eines Tollen?« riefen fast Alle wie aus einem Munde, und Leifeldt, dessen Blick wie unwillkürlich Don Gaspar suchte, sah, wie dieser in völligstem Gleichmuth ruhig, aber kaum bemerkbar vor sich hin lächelte, und mit der Gabel spielte.
»Und hat man ihn nicht wieder bekommen?« frug ängstlich Jenny.
Don Gaspar biß sich auf die Lippen.
»Nein,« versicherte Don Guzman — »merkwürdiger Weise ist er mit seinem Arzte, einem Schweden, Namens Stierna, entwichen, und obgleich man Anfangs alle Ursache hatte, zu vermuthen, Beide wären an Bord eines Schiffes gegangen, tauchte doch auch zu gleicher Zeit ein Gerücht auf, sie wären eine Strecke weit im Innern gesehen worden, und die Behörden, dadurch irre geleitet, scheinen ihre Spur bis jetzt noch nicht wieder aufgefunden zu haben.«
»Heiliger Gott,« sagte Jenny schaudernd und deckte sich dabei ihre Augen mit beiden Händen — »ich glaube, ich würde selber wahnsinnig, wenn ich einem solchen entflohenen Tollen einmal plötzlich begegnete und ihm nicht mehr entfliehen könnte.«
»Haben Sie noch nie einen Wahnsinnigen gesehen?« frug Don Guzman.
»Nie — und Gott bewahre mich auch dafür,« erwiederte das Mädchen, schon in dem Gedanken an solchen Fall zusammenbebend.
»Aber, liebes Kind,« sagte die Mutter — »es giebt auch viele Leute mit einem stillen Wahnsinn, denen man es gar nicht so sehr ansehen kann, und die haben gar nichts Fürchterliches — nur manchmal werden sie gefährlich, wenn ihnen der Rappel kommt. Bei uns im Haus wohnte einmal ein solcher, aber Du warst noch klein und kannst Dich wohl nicht mehr auf ihn besinnen — er sprang später einmal aus dem Fenster und brach den Hals.«
»Es giebt überhaupt wohl keine Krankheit, die in so verschiedenen Gestaltungen und Variationen auftritt, als gerade der Wahnsinn,« nahm hier Mr. Newland das Wort, und Leifeldt hob den Blick fast unwillkürlich zu dem Freund auf, der jedoch vollkommen ruhig, ja fast gleichgültig zu dem Sprechenden hinüberschaute — »von dem Rasenden,« fuhr Mr. Newland fort, »der in seine Ketten beißt und schäumt, können wir die Grade hinunterführen bis zu dem Misanthropen, und während der Eine selbst dem unerschrockensten Menschen, dem, der jeder anderen Gefahr lachend und muthig entgegen gehen würde, mit unnennbarem, unlöschbarem Entsetzen erfüllt, treffen wir den Andern gar nicht so selten in unserer eigenen Mitte und die Krankheit, die ein Zufall vielleicht zum hellen Ausbruch geführt, schläft in ihm, nur ihm selber fühlbar, bis zu seinem Tode. Ich bin überzeugt, wir kommen mit hunderten dieser Art zusammen, ohne den Wurm zu ahnen, der in ihnen schlummert und vielleicht nur eines zufälligen Funkens bedurft hätte, zu lichter Lohe emporzubrennen.«
»Um Gottes Willen, Väterchen,« bat da das schöne Mädchen — »sage doch nicht so Entsetzliches — es wäre ja gräßlich, in jedem stillen Menschen einen angehenden Wahnsinnigen fürchten zu müssen — lachen Sie doch Don Gaspar, lachen Sie doch Doktor, mir läuft es wahrhaftig schon jetzt eiskalt über den Körper, wenn ich Sie Alle so still und ernsthaft da sitzen sehe.«
»Señor Newland macht sich über uns lustig,« sagte aber der Spanier lächelnd, indem er sich zu der Jungfrau hinüber bog, »er will mich von neulich in meiner eigenen Münze bezahlen — es hat überhaupt einen eigenen Reiz, sich vor etwas zu fürchten, und von dem Kind an verläßt uns das Gefühl nicht, bis zum Greisenalter; aber Don Guzman erzählt uns vielleicht ein wenig ausführlicher, wie es mit der Flucht des Verrückten zugegangen — hahaha, ich fange wahrhaftig selber an, mich für den Mann zu interessiren — und hat den eigenen Arzt mitgenommen, he?« —
»Den Arzt der Anstalt selber,« bestätigte der Argentiner — »man begreift eigentlich gar nicht, wie es möglich war, aber der Tolle muß ihm jedenfalls Versprechungen gemacht haben, und der Doktor ist noch toller gewesen, sie ihm zu glauben.«
Don Gaspar lachte laut auf, und Leifeldt schaute einen Moment etwas verlegen vor sich nieder — es war ihm nicht lieb, daß Don Gaspar so gewissermaßen muthwillig die Gefahr, verrathen zu werden, herausforderte. Niemand konnte allerdings in diesem Augenblick einen Verdacht haben, daß sie selber die Flüchtigen wären, und sogar im schlimmsten Fall ihrer Entdeckung reichte doch Rosas Arm nicht bis hier herüber, seinen Gefangenen zurückzufordern; nichts desto weniger brachte es sie in ein schlechtes Licht und — die Hauptsache — in das Gerede der Müßigen, weshalb also einen solchen Fall noch herausfordern.
»Aber in was bestand seine Tollheit?« frug jetzt der Spanier wieder, ohne den Blick des Freundes zu verstehen oder zu beachten, der ihn warnen wollte, zu weit zu gehen — »hat man nicht erfahren können, in welcher Art sie sich zeigte, daß selbst der Arzt darauf einging oder getäuscht werden konnte? und war der Mann überhaupt wahnsinnig?« — Er bog sich plötzlich vor und schaute den Konsul mit seinen großen dunklen Augen erwartungsvoll an — »man hat Beispiele, daß gesunde Menschen, ihrer etwas unbequemen Gegenwart enthoben zu sein, in solcher Art eingekerkert wurden und langsam und elend vergehen und verderben mußten.«
»Nein, nein,« rief Don Guzman rasch, »die Beweise lagen hier wohl zu klar auf der Hand. Vorher scheint irgend eine lange Geschichte gegangen zu sein, aus der man aber, den Zeitungen nach, nicht klug wird, nur so viel ist gewiß, daß der Kranke irgend einer hochgestellten Person — es ist nicht gesagt weshalb — nach dem Leben trachtete, auch schon in seiner Raserei viel Blut vergossen haben soll, so daß man allerdings nicht ohne Besorgnisse war, der Entflohene würde jenen wieder aufzufinden wissen.«
»Und diese hochgestellte Person?« frug Don Gaspar lauernd.
»Wurde nicht genannt,« erwiederte Don Guzman, »Sie wissen, daß die Zeitungen in Buenos-Ayres unter einer ziemlich strengen Censur stehen, und die Redakteure befassen sich nicht gern unnöthiger Weise mit wirklichen Namen, über die sie vielleicht einmal später könnten aufgefordert werden, Rechenschaft zu geben. Der des Entsprungenen soll Morelos gewesen sein.«
»Aber ich werde nun ernstlich böse, wenn Sie nicht die entsetzliche Unterhaltung schließen,« rief da endlich Jenny — »ist das ein Gespräch für ein Familienfest und wollen Sie mir denn mit Gewalt den Abend verderben?«
»Aber mein Fräulein —«
»Keine Einwendungen, Don Gaspar,« rief jedoch die junge Dame in halb scherzhaftem, aber auch entschiedenem Tone — »ich will gern eingestehen, daß ich eine furchtbare, vielleicht kindliche Angst vor einem Wesen habe, das ohne Geist — eine wandernde Leiche — umhergeht, ich kann nun einmal diesen Gedanken nicht los werden, und wer mir jetzt eine rechte Freude erweisen will, erzählt eine hübsche und muntere Geschichte, daß wir die trüben Schatten verscheuchen, die wirklich schon anfangen sich um uns zu sammeln.«
»Muntre Geschichten?« rief da Don Gaspar, rasch emporspringend, »da bin ich Ihr Mann — hol der Böse das Grillenfangen — wenn nicht der Humor manchmal dem Menschen zu Hülfe käme, es säh' schlecht in der Welt aus. — Aber der Ernst ist uns trotzdem dabei oft näher als wir denken, und der Tod schaut ins Fenster, wenn wir glauben die Sonne sei es.« —
»Aber Don Gaspar —«
»Ich kannte einen alten Musikus in Madrid — hahaha, ich muß jetzt noch lachen, wenn ich an den alten Burschen denke, und es sind lange, lange Jahre verflossen, seit sie ihn in sein letztes Bett hinaustrugen — der hatte einen unverwüstlichen Humor und eine Gabe zu erzählen, und das Erzählte mit Akkorden und kurzen Sätzen, Präludien und Nachspielen seiner Geige zu begleiten, daß man manchmal wahrhaftig gar nicht mehr wußte, ob er spielte oder erzählte, die Töne schienen mit zu sprechen, die Worte zu tönen und eine eigene barocke Manier, die er sich angewöhnt und mit der er das Producirte gewissermaßen von sich abstieß, riß seine Zuhörer, in ihrem wunderlichen Effekt nicht selten zum stürmischen Jubel hin. Als ich ihn das letzte Mal hörte, hatte er uns gerade eine Skizze seines eigenen Lebens erzählt, und während uns die Thränen aus den Augen liefen, denn er hatte genug erduldet für einen einzelnen Menschen, schrieen wir auch wieder vor Lachen; und wie er zuletzt mit dahineingreifenden tollen Akkorden schloß und dazwischen schrie und spielte, übertäubte das folgende Gelächter endlich jeden seiner Laute dermaßen, daß er wirklich stillschweigen mußte und eine Zeit lang ruhig sitzen blieb. — Als wir endlich wieder zu uns kamen und ihn bitten wollten, fortzufahren — war er todt. — Nein, Señorita — verlassen Sie uns nicht!« — rief er plötzlich, als Jenny eine Bewegung machte, als ob sie vom Tisch aufstehen wollte — »ich mache wieder gut, was ich gefehlt« — und aufspringend setzt er sich an das offene Clavier, auf dem er mit einem weichen Andante begann, die Töne aber mehr und mehr anschwellen ließ und endlich in einem wilden Allegro all die neckischen, englischen und irischen Melodien einflocht, die sie früher so oft mitsammen geübt und gesungen hatten.
Von dem Augenblick an war es auch, als ob ein ganz anderer Geist über die kleine Gesellschaft komme, Don Guzman, der noch einmal von dem entsprungenen Tollhäusler anfangen wollte, wurde gleich unterbrochen und in den Strudel eines anderen Gesprächs hineingerissen und vor Allen Don Gaspar hatte sich noch nie so liebenswürdig, ja förmlich ausgelassen gezeigt, als an diesem Abend. Er war unerschöpflich im Erfinden und Erzählen, und Jenny lachte und jubelte bald mit den Übrigen.
Es wurde spät und Don Gaspar selber mahnte mehrmals an den Aufbruch, Jenny aber bat immer wieder, nur noch ein ganz klein wenig zu bleiben, und des Spaniers Herz hätte müssen von Eisen sein, wenn er solcher Bitte widerstehen gekonnt.
Eigenthümlich war dabei das Benehmen Don Guzmans, der anfänglich, und zwar schon den ganzen Abend hindurch, Don Gaspar stets, wenn er sich besonders unbemerkt glaubte, aufmerksam fixirte und vorzüglich Leifeldt dadurch beunruhigte, der nicht mit Unrecht fürchtete, der Argentiner habe einen, wenn auch vielleicht noch vollkommen unbestimmten Verdacht gefaßt, der wohl noch durch das anfänglich wunderliche Betragen Don Gaspars verstärkt werden mochte. Wie aber die Laune desselben sich mehr und mehr den Abend hindurch entwickelte, schwand auch augenscheinlich dieses Gefühl, der sonst ziemlich ernste Argentiner wurde freundlich und zutraulich, und als der Wein erst die Köpfe ein wenig erwärmt hatte, war er mit dem Spanier so befreundet worden, daß er sich zu ihm setzte, und die beiden Männer lachten zusammen, daß ihnen die Thränen aus den Augen liefen.
Leifeldt wurde allerdings von der lebendiger werdenden Unterhaltung unwillkürlich mit fortgerissen, aber der einmal gefaßte Verdacht, daß Jenny nicht ihn selber, sondern den Freund liebe, verbitterte ihm nicht allein den Abend, sondern füllte sein Herz auch mit recht tiefem, schmerzlichem Weh. Er wußte es wohl, er hatte es sich schon in den letzten Wochen nicht mehr gut fortleugnen können, aber immer noch schien eine schwache Hoffnung ihn über Wasser gehalten zu haben, heute aber schwand auch diese, und Jennys ganzes Benehmen, jeder schüchterne Blick, wenn sie sich unbeobachtet glaubte — ihr Erröthen, ihr Erblassen in den Erzählungen seines eigenen Lebens, warfen ein furchtbares, aber nur zu treues Licht in seine Seele.
Mit diesem Bewußtsein faßte er nun aber auch den festen Entschluß, zu dem Freund zu sprechen — er wollte wissen, was der Spanier zu thun beabsichtige — er wollte seine Plane hören, denn nicht an ein leichtsinnig Spiel dieses Mannes sollte das Herz, das einstige Glück dieses Mädchens gebunden werden. Erst dieser Entschluß brachte aber auch seiner Seele wieder die volle Ruhe und jede Schwäche von sich abschüttelnd, fühlte er, wie er das schöne Mädchen wirklich aufrichtig genug liebe, ihr freudig das eigene Glück zum Opfer zu bringen und über ihr künftiges Leben mit treuer Freundes Sorgfalt zu wachen. So in sich selbst erstarkt, nahm er mehr und mehr an dem Gespräche Theil, und die alte Mrs. Newland, die ihn besonders in ihr Herz geschlossen, versicherte ihm noch, bevor sie Abschied nahmen, »daß es ihrer Seele wohl thäte, den guten Doktor auch einmal wieder so frisch und fröhlich bei sich zu sehen; — der Don Gaspar,« setzte sie dann in ihrer Gutmüthigkeit hinzu — »ist doch ein herrlicher Mensch, er bringt Leben und Bewegung in eine ganze Gesellschaft, nur ein Bischen zu toll treibt er's manchmal, und heute Abend besonders macht er doch die ausgelassensten Streiche — segne seine Augen, ich bin ihm ordentlich gut.«
Don Guzman mahnte endlich zum Aufbruch — es war Mitternacht schon vorüber, und da die drei Männer ziemlich einen Weg hatten, verließen sie zusammen Mr. Newlands gastliches Dach und wanderten die stille, menschenleere Straße noch lachend und erzählend hinauf, während hinter ihnen die Wächter ihren scharfen Pfiff ertönen ließen18 und die einsamen, stillen Häuserreihen allein den Ausbruch ihrer lauten Fröhlichkeit wiedertönten.
8.
Die Entdeckung.
»Aber wissen Sie, liebster Don Gaspar,« sagte endlich der Argentiner, als sie an einer der Querstraßen-Ecken, wo dieser von ihnen Abschied nehmen mußte, stehn geblieben waren, das begonnene Gespräch erst zu beenden — »wissen Sie, für was ich Sie heute Abend einmal eine ganze Weile gehalten habe?« —
»Nun, Señor?« lachte der Spanier — »doch nicht etwa für den Bösen selber, der sich in Menschengestalt einen kleinen Spaß mache und nach Seelen angele, doch nicht für den Feind?« —
»Nein,« sagte Don Guzman lachend. —
»Oder für einen spanischen Spion, der vom Mutterlande herüber geschickt wäre, sich der Colonien wieder zu versichern?«
»Auch nicht,« lautete die Antwort, »noch schlimmer« —
»Noch schlimmer als Teufel oder Spion?« lachte Don Gaspar, »das ist schmeichelhaft — und für was sonst noch?«
»Für den entsprungenen Tollen!« rief Don Guzman, und Alles, was er noch weiter sagen wollte, erstarb in dem schallenden, dröhnenden Gelächter des Spaniers, der sich gar nicht wieder zufrieden geben konnte. —
»Aber ich versichere Sie, bester Don Gaspar!« —
»Hahahahaha!« — donnerte das dröhnende Lachen dazwischen.
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich« —
»Hahahahaha!« —
Der Argentiner mußte zuletzt selber mit in das Lachen einstimmen, und anstatt dem Spanier den Grund solchen Verdachtes anzugeben, wie er es im Anfang beabsichtigt, jetzt nur auf seine Vertheidigung sinnen und sich entschuldigen, einen solchen Fehlgriff begangen zu haben. Eine kurze Weile plauderten dann die Männer noch mit einander, und wünschten sich dann eine gute Nacht, vorher aber lud Don Guzman die beiden Freunde noch auf das Herzlichste ein, ihn recht bald einmal ebenfalls zu besuchen, was sie ihm auch fest versprachen.
Don Guzman betrat gleich darauf sein Haus und Don Gaspar und Leifeldt wanderten dem ihrigen, beide jetzt still und schweigend, zu.
Leifeldt hatte überhaupt während der ganzen letzten, so laut und munter geführten Unterhaltung, nicht ein Wort gesprochen — es fing ihm an peinlich zu werden, ihre Flucht von Buenos-Ayres erwähnen zu hören, und wenn er auch für sich selber nicht die geringsten bösen Folgen zu fürchten brauchte, hätte er sich hier, in der Stadt zu jenem Fall bekannt, war ihm doch die ganze Sache fatal, und er begriff Don Gaspars Leichtsinn und Fröhlichkeit in dieser Hinsicht nicht. Auch sein falscher Name fing ihm an drückend zu werden und er wußte nur nicht jetzt, wie ihn abzuschütteln, ohne denen, an deren Meinung ihm etwas gelegen, in einem falschen Lichte zu erscheinen.
Zu diesem kam noch der Entschluß, der in seiner Seele kämpfte, Licht und Erklärung selber von dem Freund, die Geliebte betreffend, zu erhalten, ein Entschluß, gegen den er noch immer in seinem Innern ankämpfte, der sich ihm aber mit jeder Minute auch als immer dringender werdende Nothwendigkeit aufdrängte.
So erreichten sie ihre Wohnung, Jeder in seinen Gedanken vertieft und ohne auch nur eine Silbe weiter mit einander zu wechseln, und während Leifeldt mit untergeschlagenen Armen rasch in dem kleinen Gemach auf- und abging, hatte sich Don Gaspar in die eine Ecke des Sophas geworfen und starrte mit zusammengezogenen Brauen vor sich nieder.
Plötzlich blieb der junge Schwede vor dem Spanier stehen und sagte mit leiser, aber fester und entschiedener Stimme:
»Gaspar, ich habe etwas auf dem Herzen, das ich nicht länger mehr allein zu ertragen vermag, und es ist nöthig, daß wir uns darüber verständigen, oder ich gehe in der steten Aufreibung meiner Kräfte und Gedanken völlig zu Grunde.«
Don Gaspar erwiederte kein Wort, sondern schlug nur die großen dunklen Augen staunend und erwartungsvoll zu ihm auf und blieb ruhig und regungslos in seiner Stellung.
»Wie stehst Du zu Miß Newland?« fuhr da der Schwede noch leiser fast fort, und man sah, es hatte ihm schwere Überwindung gekostet, den Namen endlich auszusprechen.
»Miß Newland?« sagte aber Don Gaspar erstaunt, und ein eigenthümliches Lächeln zuckte und blitzte über seine, heute Abend ungewöhnlich bleichen Züge — »wie soll ich zu Miß Newland stehn? — höchst freundschaftlich, hoff' ich doch.«
»Eine Umgehung meiner Frage hilft Dir nichts mehr,« rief aber Leifeldt, durch die, wie er glaubte, angenommene und verstellte Gleichgültigkeit des Freundes mehr gereizt und in seinem Entschluß bestärkt, »Du kannst mich nicht glauben machen, daß Dir das schöne Mädchen gleichgültig sei — es ist nicht möglich, daß Du blind gegen die Neigung wärest, die sie für Dich empfindet.«
»Neigung für mich?« rief aber jetzt der Spanier mit wirklichem Erstaunen und richtete sich auf seinem Sitz empor, »wie kommst Du zu dem tollen, abenteuerlichen Gedanken? — Wie kann das Mädchen eine Neigung für mich empfinden — — was kann sie mir sein?« —
»Was sie Dir sein kann, Mensch?« — rief aber der Schwede jetzt durch die fast wegwerfenden Worte auf das tiefste erschüttert und empört, »was sie Dir sein kann? — Heiliger Gott im Himmel, mir hat es Herz und Seele zerrissen, nur den Gedanken zu fassen, sie aufzugeben, und doch würfe ich meiner Seele Heil selbst freudig in die Schaale, sie nur glücklich zu wissen, und Du, Du könntest sie darum an Dich gezogen haben, nur um sie gleichgültig wieder wie ein Spielwerk, das dem Kinde genügt, wie eine welke Blume bei Seite zu werfen, ja ohne vielleicht einmal Freude, ohne eine einzige Regung des Herzens bei der »Tändelei« gefühlt zu haben?« —
»Aber Federigo, Du faselst,« sagte der Spanier, und ein eignes eigenthümliches Lächeln zuckte plötzlich über seine Züge, — »oder ich verstehe Dich auch falsch — Du meinst doch nicht, daß mich das Mädchen liebt, und daß ich sie heirathen soll?« —
»Allerdings mein' ich das,« erwiederte der junge Schwede mit ernster, fast tonloser Stimme.
»Und soll ich mich hier hängen oder in's Zuchthaus sperren lassen?« frug Don Gaspar laut auflachend.
»Wie soll ich das verstehn? — weshalb?« —
»Aus sehr einfachem Grunde — wie viel Frauen kann ein Mann in diesen Südamerikanischen Republiken nehmen?« frug Don Gaspar und stellte sich, die Arme auf der Brust in einander geschlagen, den Kopf auf die linke Seite geneigt, mit einem komischen Spotte in den Zügen vor dem Schweden hin.
»Wie viel Frauen? — natürlich nur eine — bist Du denn aber schon verheirathet?« rief der Schwede in unverhehltem Erstaunen.
Eine wunderbare Veränderung ging bei dieser Frage in den Zügen des Spaniers vor — zuerst schoß ihm das Blut in Wange und Stirn, als ob es die Adern zu durchbrechen drohte, und im nächsten Augenblick ließ es ihm das Antlitz so weiß und kalt, daß die schwarzen großen Augen unheimlich und wild unter der todtenbleichen Stirn hervorglühten; dann strich er sich ein paar Mal mit der flachen Hand über die Stirn, und es war fast, als ob er gegen ein in ihm erwachendes, aufdrängendes Gefühl stark und gewaltsam anzukämpfen suchte, — er schien auch des Freundes Frage ganz überhört zu haben, gab wenigstens keine Antwort, und erst, als dieser dieselbe wiederholte, lachte er plötzlich still vor sich hin und sagte, die Hand auf des Arztes Schulter legend, leise und zutraulich —
»Versteht sich, Freundchen, versteht sich — aber — man spricht nicht gern davon. Eine Frau ist ein liebenswürdiger Gegenstand zu Hause, doch höchst unbequem auf der Reise, und — man läßt sie deshalb lieber, wo sie am liebsten ist.«
»Aber wie ist mir denn, in des Himmels Namen,« rief der junge Arzt verstört, »hast Du mir denn nicht früher gesagt —?«
»Pst, Freund,« flüsterte der Spanier und lauschte nach dem Nachbarzimmer hinüber, als ob er fürchte, von dort behorcht zu werden, »ich will Dir die ganze Geschichte mit wenigen Worten erzählen, — es ist freilich schon spät, aber wir sind Beide jetzt zu aufgeregt, schlafen zu können und — heute ist so gut eine Zeit dafür, wie jede andere.« — Und seine Hand ergreifend, führte er ihn zum Sopha und begann, sich an seiner Seite niederlassend, auch rasch und ohne weitere Vorrede dem staunenden Freund sein bisher so sorgfältig verschlossen gehaltenes Innere zu öffnen.
»Wenn ich nicht irre,« sagte er, und strich sich dabei sinnend mit der linken Hand die Stirn, — »habe ich schon früher einmal angefangen, Dir einen Theil meiner Lebensgeschichte zu erzählen — wir wurden damals unterbrochen, ich habe vergessen durch was, — Du weißt jedenfalls, daß mein Bruder damals statt meiner von Rosas Henkern ermordet oder gerichtet wurde.« —
»Dein Bruder? — also doch?« — rief der Arzt schaudernd.
»Also doch?« wiederholte Don Gaspar, »allerdings; Du hättest dabei sein sollen,« fuhr er plötzlich lebhafter fort, und die Hand deutete, dem stieren Blick folgend, in die Ecke des Zimmers — »Du hättest dabei sein sollen, wie sie den Mantel zurückschlugen, unter dem die Leiche lag, und ich in den starren, blutigen Zügen den Bruder erkannte, den ich seit meinem zwölften Jahre nicht gesehen, und jetzt so — so — für mich geschlachtet, wiederfinden sollte. — Du hättest dabei sein sollen, wie sie aufschrieen, als sie dasselbe Gesicht lebend zwischen sich sahen, das entstellt, entseelt vor ihnen im Schmutz der Straße lag — hahahaha, ich müßte jetzt noch lachen, wenn mir nicht eben das Blut in den Adern erstarrte.« —
Er schwieg erschöpft still, stützte die Stirn viele Minuten lang in beide Hände, und fuhr dann, während ihn Leifeldt mit ernstem, mitleidigem Blick betrachtete, leiser noch und langsamer fort:
»So lag ich — ich weiß nicht wie lange, auf der Straße, unter dem blutigen Tuch, und erst gegen Abend trugen sie mich hinaus und begruben mich — ich glaube aus besonderer Rücksicht — unter einem alten Ombubaum an der Boka.« —
»Dich?« rief Leifeldt überrascht — »Deinen Bruder!«
»Mein Bruder? — ja ich weiß nicht, was mit dem gleich wurde — ich hatte damals zu viel für mich selbst zu denken,« murmelte der Unglückliche mit halblauter Stimme und fast nur wie mit sich selber redend — »aber da ich die beiden Argentiner ermordet hatte (und wir Beiden uns so entsetzlich ähnlich sahen), doch aber nun leider einmal todt war, so begruben sie mich auch eben, und das Einzige, was ich mir bis jetzt noch immer nicht so recht erklären kann,« fuhr er, den Finger wie überlegend an die Nase bringend, fort — »ist, daß ich nachher — aber ich weiß nicht mehr wie lange — Trauer anlegte in der Stadt und zu meinen Schwiegereltern ging, ihnen die schmerzliche Nachricht von dem Tod meines Bruders, der sich thörichter Weise in ein Duell mit zwei Argentinern eingeladen, mitzutheilen. Ich erinnere mich noch« — setzte er unheimlich lächelnd hinzu, — »wie toll sich meine Frau damals gebehrdete — wie sie mich von sich stieß und ein alter Mann mir den Eingang verwehren wollte — ich warf den alten Mann damals aus dem Fenster und ich glaube, er hat den Hals gebrochen, ich habe ihn wenigstens niemals wiedergesehn, aber auch einen Fremden fand ich bei ihr im Hause — wahrhaftig, einen der Burschen, die ich auf der Straße todtgestochen — und die Teufel schrien mir zu, das sei ihr Mann. — Ich wollte ihm um den Hals fallen — hahahahaha — aber sie litten es nicht — eine Menge Menschen kamen dazwischen, und ich glaube — ich glaube, ich ging wieder nachher hinaus unter den Ombubaum, aber das Alles liegt mir jetzt nur noch, einem Chaos gleich, im Gedächtniß.«
»Die Bilder davon schwimmen zusammen, steigen oft zu riesigen Bergmassen auf, daß ich fürchten muß, sie würden mich unter ihrer Last zusammenpressen, und schwinden dann wieder zusammen, daß das Auge den winzigen, blitzschnell kreisenden, schwingenden Dingen kaum zu folgen vermag.«
Er schwieg einen Augenblick und die Stirn in den, auf den Tisch gestützten Arm werfend, lehnte er wohl eine halbe Minute regungslos da und schien die wild heraufbeschworenen Bilder seiner Phantasie zurückdrängen zu wollen in ihr altes, ruhiges Bett. Leifeldt aber saß mit sträubendem Haar und peinvoll schlagendem Herzen neben dem Freund — das Blut schien seine Adern, das Leben seine Glieder verlassen zu haben, und nur den stieren Blick auf die zusammengebrochene Gestalt des Unglücklichen gebannt, hellte sich zum ersten Mal seinem Auge der wirkliche Zustand des Mannes, den er selber wieder in das Leben eingeführt, und die furchtbare Gewißheit, einem Wahnsinnigen gegenüber zu stehen, trieb ihm das Blut in rasenden Schlägen zum schreckerfüllten Herz zurück.
Don Gaspar sah aber nicht den auf ihm haftenden Blick des Entsetzens, ja er schien die Nähe einer anderen Person fast ganz vergessen zu haben und fuhr nur, wie zu sich selber sprechend, leise fort:
»Es war nicht hübsch von Constancia — ein falscher — falscher Name — es war nicht hübsch von ihr, mich so bald zu vergessen, aber wart Bursche, wart — Du hast ihr trügerische Geschichten in's Ohr geraunt, meine Briefe unterschlagen, meine Existenz verleugnet — hast sie fortgeschleppt in die Fremde und mich selber in Ketten und Banden geworfen und Dein alter Name, Don Luis de Gomez schützte Dich in der Zeit in Deiner Verrätherei, aber jetzt — hahahaha — bin ich frei, frei, frei« — und er sprang empor bei den Worten und seine Augen blitzten und funkelten in wildem wahnsinnigen Feuer — »frei wie der Tiger, der in dem dunklen Waldesschatten seiner Beute geduldig, aber mit wilder Gier entgegenharrt — frei wie der« — er schwieg plötzlich, denn sein Blick fiel in dem Moment auf das stiere, blaue Auge des jungen Schweden, das ihn fest und entsetzt fixirte, und als ob der Blick eine förmlich magische Gewalt über ihn ausgeübt habe, sank er still wieder in sich selbst zusammen und schaute erst vor sich nieder und dann empor und umher, wie ein Mann, der plötzlich aus einem schweren Traum erwacht, und sich wachend müht, die eben geschauten Bilder zu halten und dem lebendig gewordenen Auge zu bewahren.
»Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken,« sagte er plötzlich aufstehend, und mit beiden Händen gegen seine Schläfe gepreßt, im Zimmer auf- und abgehend — »er bekommt mir nicht, und macht mir das Blut schwer und unbändig — nicht wahr, es ist spät, Federigo?« —
Er hatte diese Worte gesprochen, ohne dem Blick des Freundes auch nur in einem Moment wieder zu begegnen, und das Auge des Arztes war ihm in stummen Staunen durch den Raum auf und ab gefolgt; aber zu plötzlich, zu unerwartet kam diese Änderung des eben noch so furchtbaren Zustandes — der Übergang fehlte zwischen den beiden Extremen und Leifeldt, sich selber kaum bewußt, was er sagte, flüsterte nur halblaut:
»Constancia!«
Der Name wirkte mit Blitzesschnelle auf den Spanier — er blieb stehn, sah den Freund rasch und forschend an, und sagte dann lächelnd:
»Constancia? — wie kommst Du auf den Namen?«
»Und nanntest Du ihn nicht selber?« frug der Schwede.
»Ich?« — rief Don Gaspar, jedenfalls mehr erschreckt als erstaunt, »ich hätte den Namen genannt? — und doch, ja — es ist möglich; — das sind ja die alten wunderlichen Ideen, die sie mir in Buenos-Ayres andichten wollten, und so lange haben sie mir den Unsinn vorerzählt, bis ich beinah dazu getrieben gewesen wäre, jene Wahnsinn herausfordernden Gedanken auch selber zu glauben. — Aber es ist spät, Federigo, wir wollen morgen wieder früh aufstehn, und da taugt das lange Schwärmen nichts gute Nacht, Federigo, gute Nacht,« — und das eine Licht, das noch unangezündet auf dem Tische stand, an dem anderen entzündend, reichte er dem Freunde, wie er das alle Abend that, die Hand, und verließ dann langsam das Zimmer — aber er vermied seinen Blick — er wandte den Kopf nicht wieder um, als er ging.
9.
Entschlüsse und Pläne.
Der junge Arzt stand wie in den Boden gewurzelt, den stieren Blick noch immer auf die Thür geheftet, als schon jener das Zimmer lange, lange verlassen, und es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe er sich nur selbst genug zu fassen wußte, alles das zu begreifen, was in der letzten Stunde mit ihm vorgegangen; erst dann aber war es, daß er das ganze Entsetzliche seiner Lage begriff, und sich, vernichtet, in einen Stuhl werfend, barg er das Antlitz in den Händen und schluchzte laut.
Was ihm, ein dunkler, furchtbarer Verdacht, nur manchmal wie das kalte Wetterleuchten einer Schneenacht durch die Seele gezuckt — was ihm selbst dann, wo er den Gedanken von sich warf in wilder Hast, in den wenigen Momenten das Herz mit Furcht und Entsetzen erfüllte — es war Wahrheit geworden, und mit flammenden Buchstaben stand es vor seinem inneren Auge, was er mit leichtgläubigem, thörichtem Herzen gethan.
Einem Wahnsinnigen hatte er zur Flucht aus dem Krankenhaus geholfen — einen Wahnsinnigen eingeführt in den stillen Familienkreis der Freunde, und Jenny — heiliger Gott und Erbarmer — Jenny war elend geworden durch ihn, durch ihn, der sein Leben mit Freuden hinausgeworfen hätte, ihr eines Jahres Glück dafür zu kaufen.
Er verbrachte die ganze Nacht damit, im Zimmer auf und ab zu gehen und Pläne zu ersinnen, all dem Unheil vorzubeugen, das er selber muthwillig heraufbeschworen — Pläne, die er wieder verwarf, wie sie kaum in ihm aufgestiegen und er fürchtete selbst den anbrechenden Tag, der vielleicht schon die Entwickelung des Entsetzlichen mit sich bringen konnte.
Was sollte er thun, wie dem tödtlichen Pfeile wehren, der, einmal der Sehne entflogen, in wilder Flucht seinem Ziele entgegenstrebte? — Sich selber den Gerichten entdecken? bekennen, was er mitleidigen und selbst getäuschten Herzens gethan und den Wahnsinnigen wieder in die Gewalt einer Anstalt liefern? es war das Einzige, was ihm, so viel er sinnen mochte, vernünftiger Weise zu thun übrig blieb, und doch sträubte sich immer und immer wieder sein Herz gegen solche Maaßregel der Gewalt, die den Unglücklichen, mit dem er nun einmal Freud und Leid so lange Monate getheilt, auf's Neue in die Mauern eines Kerkers, vielleicht in die alten Räume zurückwerfen mußte, und hatte er da nicht die Gewißheit, das endlich im furchtbarsten Maaße zu werden, was jetzt doch noch möglicher Weise durch treue Freundeshand geheilt, oder wenigstens gemildert werden konnte? —
Und Jenny — mußte ihr nicht das Herz brechen, wenn sie den Geliebten — Geliebten? einen Wahnsinnigen — arme, arme Jenny.
Er wollte fliehen, aber war nicht gerade jetzt seine Gegenwart es allein, die noch vielleicht Unglück und Verderben von bedrohten, lieben Häusern abwehren konnte? er wollte hin zu Newlands, und sie von dem Schrecklichen in Kenntniß setzen, und fürchtete doch auch wieder den Augenblick, wo er dem Mädchen gegenüber die Schreckensworte aussprechen sollte.
Ihm schwindelte zuletzt von all den Gedanken; die ihm Hirn und Seele folterten, und zum Tode erschöpft, warf er sich endlich auf sein Lager — seine Angst, sein Weh fortzuträumen in tollen Bildern.
Als er am nächsten Morgen erwachte, stand Don Gaspar an seinem Bett, und noch ehe er sich die Vorgänge des letzten Abends ins Gedächtniß zurückrufen konnte — und nur die dunkle Erinnerung daran lag noch, eine Last, auf seiner Seele — bat ihn der Spanier mit vollkommen unbefangener, ruhiger Stimme, aufzustehen und sich anzuziehen — das Wetter sei wundervoll und sie wollten einen Spatziergang mitsammen machen. Fast mechanisch gehorchte er, so oft er aber auch versuchte dem Blick des Unglücklichen zu begegnen, so oft mißlang ihm das, und Don Gaspar trat zuletzt an das Fenster, und schaute, an den Scheiben trommelnd, hinaus, bis jener seine Toilette beendet hatte und ihm auf die Straße folgen konnte.
Auch dort waren sie schon eine lange Strecke neben einander hingeschritten, ehe Einer von ihnen auch nur ein Wort gesprochen hätte — sie schienen sich Beide vor einem Beginn zu fürchten, und so stutzig Leifeldt im Anfang über das vollkommen gefaßte, stille Benehmen des Mannes gewesen sein mochte, bei dem er die Raserei wieder voll ausgebrochen glaubte, so blieb es doch auch keinem Zweifel unterworfen, daß der Spanier sich dessen, was er gestern getrieben, wenigstens halb bewußt sein mußte. Sein ganzes, scheues Benehmen sprach ihn schuldig und Leifeldt wußte nur nicht, ob ihm der ganze vergangene Abend klar im Gedächtniß liege, mit all den Einzelheiten dessen, was er gethan und gesprochen, oder ob nur eine wilde, unbestimmte Ahnung begonnenen Unheils in ihm gähre und arbeite, und er jetzt darauf hoffe, durch den Freund von selbst und ohne weiter darauf einzugehen, die nöthige Aufklärung und Beruhigung; oder — Bestätigung des unbestimmt Gefürchteten — zu bekommen.
Leifeldt schwieg aber ebenfalls; er konnte sich nicht dazu zwingen, jetzt, mit all dem Vergangenen noch frisch, als sei es vor wenigen Minuten geschehen, im Gedächtniß, eine gleichgültige Unterhaltung zu beginnen, und er fürchtete den offenen Schaden zu berühren, der im Bereiche seiner Hand lag.
Don Gaspar konnte endlich dies peinlich werdende Schweigen nicht länger ertragen und sagte, ohne jedoch zu seinem Begleiter aufzuschauen, mit leiser, kaum hörbarer Stimme:
»Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken, Federigo — er bekommt mir jedesmal schlecht, und ich fühle mich aufgeregt und erhitzt nach dem Genuß.«
»Hast Du gestern so viel Wein getrunken?« frug Leifeldt rasch zu ihm aufschauend — eine neue Hoffnung öffnete ihm hier die Bahn — hätte der Wein allein die Schuld getragen, und war es möglich, daß wirklich das starke, ungewohnte Getränk eine solche Aufregung hervorgerufen?
»Viel gerade nicht,« entgegnete der Spanier unruhig, »aber der Wein, den diese Engländer trinken, ist schwer und feurig, er wird in den Adern zu glühender Lava, und treibt das Blut kochend in das Hirn hinauf — ich darf keinen Wein wieder trinken.«
»Er hat Dich sehr angegriffen,« sagte Leifeldt.
Don Gaspar warf ihm einen scheuen Seitenblick zu, und erwiederte mit einem verlegenen Lächeln:
»Es ist das mein alter Fehler, und diente einst zum Vorwand für meine Argentinischen Feinde, mich in Banden zu legen; aber die ganze spanische Nation ist mäßig — Du wirst selten, oder nie einen Betrunkenen unter ihnen sehen, und kleine Quantitäten bewirken dann auch oft bei dem sonst Nüchternen, was zehnfache Massen nicht bei mehr abgehärteten Naturen zu Stande brächten.«
»Und weißt Du, was Du gestern Abend gesprochen und getrieben?« sagte Leifeldt, stehen bleibend und ihn aufmerksam betrachtend.
»Unsinn, wahrscheinlich,« lächelte der Spanier, indem er langsam weiter schritt — »blanken Unsinn, wie ich es oft und oft in fieberhafter Aufregung gethan; ein Wunder wär's nicht, wenn ich zuletzt die tollen Märchen selber glaubte, die sie mir wieder und immer wieder vorerzählt, und mich haben zwingen wollen, dem beizustimmen — mit einiger Ausdauer könnte man, glaub ich, dem besten Menschen zuletzt einreden, er habe seine eigene Mutter erschlagen — was habe ich denn gesprochen?«
Die letzten Worte klangen wieder so leise und lauernd, daß Leifeldt auf's Neue stutzig wurde, und den Freund mißtrauisch betrachtete, es lag mehr wie eine unschuldig hingeworfene Erkundigung in der Frage, und er konnte sich nicht helfen, der Verdacht hatte einmal Wurzel geschlagen, er war nicht mehr im Stande ihn so rasch wieder aus dem Herzen zu reißen. Den Kranken deshalb nicht noch mehr zu beunruhigen, oder gar mißtrauisch zu machen, ehe er sich wirklich von dem Gegründetsein seines Verdachtes überzeugt habe, sagte er gleichgültig — und er mußte sich gar gewaltsam zusammen nehmen, seine Fassung zu behaupten: —
»O, nichts Besonderes — die alte Geschichte, nur mit so furchtbarer Wahrheit erzählt, daß dem Hörer das Mark in den Röhren schauderte — Gaspar, Du wärest im Stande, Einen selbst zum Wahnsinn zu treiben.«
Don Gaspar seufzte hoch auf und meinte lächelnd, während er des Freundes Arm ergriff und mit ihm nach dem Inneren der Stadt zurückdrehte: —
»Tolle Geschichten — tolle Geschichten, und Gott sei Dank, daß ich wieder des Himmels freie Luft athme, hier hat das keine Gefahr, daß solche Gedanken überhand nehmen und uns verderben, aber in dem engen Gemäuer fallen sie wie Tropfen häßlichen Giftes ins Ohr und tödten unsere Gedanken im Keime — freie Luft — freie Luft!«
Mit einem inneren Schauder kämpfend, der ihn wohl in der Erinnerung an das Ertragene beschleichen mochte, schritt er rasch neben dem Freunde her, und erst in der Stadt selber schien sich die Wolke zu verziehen, die vor seiner Seele gelagert. Er wurde gesprächiger, heiterer, und ehe eine halbe Stunde vergangen, lachte und erzählte er wieder wie früher.
Anders war es mit dem jungen Schweden. Im Anfang — von den Gräuelthaten umgeben, die Rosas wirklich verübte oder deren er wenigstens beschuldigt wurde — durch sein gutes Herz getäuscht, konnte er in dem angekündigten Kranken, in dem er selber nie auffallende Zeichen wirklicher Geisteszerrüttung beobachtet, wohl einen unschuldig Eingekerkerten glauben, und einmal auf diese Spur gebracht, ist es erklärlich, daß er trotz den oft wilden excentrischen Streichen des Freundes so wenig daran dachte, in ihm einen Tollen zu sehen, als wir bei den Menschen, mit denen wir täglich verkehren, sie mögen sich so wunderlich betragen wie sie wollen, gleich so Entsetzliches vermuthen. Einmal aber solcher Art der Verdacht geweckt, und jede Bewegung des jetzt sorgfältig, wenn auch heimlich Beobachteten, gab Stoff zu neuen Bestätigungen.
So sehr er sich aber nun auch fürchtete, Newlands die furchtbare Nachricht zu bringen, so wußte er doch nur zu gut, daß sie von der Gefahr benachrichtigt werden mußten; nur er selber wollte der Überbringer solcher Botschaft nicht sein, und nach einigem Zögern entschloß er sich, den Argentinischen Konsul aufzusuchen, und diesem die ganze Thatsache, unbeschönigt, unverändert mitzutheilen. Er war sich keiner unedlen Handlung dabei bewußt, und besser jetzt aufrichtig den Fehler gestanden, und den Rath eines erfahrenen Mannes dabei zur Seite gehabt, als dann die furchtbaren Folgen thörichten Schweigens zu spät zu bereuen.
Unter dem Vorwand, einige Patienten besuchen zu müssen, machte er sich von Don Gaspar los, und ging langsam die Almendral hinauf. Der Kopf war ihm wüst, das Herz schwer — er fühlte sich recht, recht unglücklich. Manchmal zwar tauchte auch der Gedanke in ihm auf, jetzt ja den Nebenbuhler zu verlieren, und der kleine Teufel, der in unser Aller Seelen wohnt und wühlt und arbeitet, und dem Herzen des Menschen die Ruhe nimmt, wollte ihm lockende Bilder vormalen, daß ihm nun bald kein Hinderniß mehr im Wege stehen, ja daß Jenny ihm den Frieden ihres Lebens danken würde, wenn er sie von der furchtbaren Gefahr befreie, der sie fast als Opfer gefallen. Aber solche Träume dauerten nicht lange, der Versucher wich, die kalte Vernunft errang sich nur zu bald wieder den Sieg, und er fühlte dann, daß er Jenny wohl vor der Gefahr warnen und bewahren, ihr Herz aber ihm nie und nimmer zuwenden könne — diese Entdeckung vermochte nie ihn glücklich, aber Jenny wohl recht bald elend zu machen.
Wenn Leifeldt übrigens glaubte, den Kranken durch seinen Vorwand, Patienten besuchen zu müssen, getäuscht zu haben, so hatte er sich weit geirrt. Mißtrauisch, wie alle derartige Kranke sind, und mit einer gewissen Schlauheit, die überhaupt den Zustand des Spaniers charakterisirte, hatte Don Gaspar schon an dem Morgen, durch das ganze Betragen Leifeldts nur noch mehr und mehr darin bestärkt, Verdacht geschöpft, der Arzt ahne seinen wirklichen Zustand, und mit dem Verdacht wuchs natürlich auch die Furcht, daß er ihn verrathen, und an seine Feinde wieder ausliefern würde — eine Furcht, die zur Gewißheit wurde, als er den Schweden seine Richtung gerade zu nach der Wohnung des Argentinischen Konsuls nehmen sah, wohin er ihm vorsichtig in der Entfernung gefolgt war.
Das Herz schlug ihm wild und stürmisch in der Brust, und unter seinem Poncho das Heft des Messers ergreifend, das er heute zum ersten Mal wieder zu sich gesteckt, schien der erste in ihm aufsteigende Gedanke, dem er auch augenblicklich nachgab, der zu sein, dem Verräther zu folgen und beide Mitwissende seines furchtbaren Geheimnisses unschädlich zu machen. —
Die Hausthür fand er noch angelehnt, und statt zu pochen, wie es in den südlichen Ländern, selbst an den offenen Thüren Sitte ist, trat er rasch hinein und wollte eben die Treppe hinauf springen, als er von oben nieder fremde Stimmen hörte, und dem ersten Impuls folgend in ein offen stehendes Seitenzimmer, dessen Thür er rasch hinter sich anzog, hineinglitt.
Die Unterhaltung der Heruntersteigenden wurde laut geführt und Don Gaspar schien ungeduldig ihre Entfernung zu erwarten, als plötzlich ein Name draußen wie ein jäher Schlag durch seine Glieder zuckte, und er in gespanntester Aufmerksamkeit, alles Andere um sich her vergessend, an der Thüre lauschte, kein Wort von dem draußen gesprochenen zu verlieren.
»Don Luis de Gomez,« sagte die eine Stimme, die einem älteren Manne anzugehören schien, »hat sonst weiter keine Befehle hinterlassen, Amigo?«
»Keine daß ich wüßte,« entgegnete die andere — »sorgt nur dafür, daß seine Zimmer in Guillota bereit sind, denn ich glaube kaum, daß er sich länger als zwei Tage in Valparaiso aufhalten wird.«
Die beiden Männer standen jetzt unten vor der Thür, hinter welcher der Spanier, sein Ohr gegen das dünne Holz gepreßt, lauerte, und der erstere meinte wieder: —
»Die Señora wird wohl nicht so rasch wieder fort wollen — Reisen greift an und ein paar Rasttage sind manchmal nöthig.«
»Das weiß ich nicht und geht mich nichts an,« brummte der Andere — »Weiberlaunen sind wunderliche Dinge und wenn's ihr in den Kopf kommt, bleibt sie vielleicht den ganzen Sommer hier, mag Don Gomez dagegen sagen was er will. — Wer war denn der junge Mann, der eben zu Don Guzman ging? — Den habe ich doch noch nicht hier gesehen.«
»Ein deutscher Doktor, glaub' ich, der sich hier aufhält,« lautete die Antwort — »aber ich wollte, wir könnten gehen, weßhalb mögen wir denn hier noch warten sollen?«
»Blitz noch einmal, wie der Señor erschrak, als er Don Luis Namen hörte,« sagte der Jüngere wieder, »und hast Du nicht bemerkt, wie er meinem Herrn etwas ins Ohr flüsterte? — ich glaube wahrhaftig, es ist deßhalb, daß wir warten müssen, denn da wird schon wieder geklingelt oben — bleibe einen Augenblick, Compañero, ich bin gleich wieder bei Dir« — und mit flüchtigen Sätzen sprang er die Treppe hinauf, dem Ruf Folge zu leisten, während der Alte, die Hände auf dem Rücken unter seinem kurzen blauen Poncho gekreuzt, auf- und abging und ungeduldig die Rückkehr des Kameraden zu erwarten schien.
Es dauerte etwa fünf Minuten, bis dessen Schritte wieder auf der Treppe gehört wurden — dem Lauschenden dünkte die Zeit indessen eine Ewigkeit — als er aber wieder herunter kam, flüsterte er rasch und heimlich dem Andern zu:
»Hallo, Compañero — was Neues im Wind — die Señora wird gar nicht in der Stadt bleiben, sondern gleich durch, nach Guillota fahren — der deutsche Doktor hatte unendlich viel zu erzählen.«
»Caramba, was ist da wieder passirt!« rief der Alte, »woher denn wieder die Gegenordre?«
»Soll mich ein Norder mit meinem Boot in der Bai erwischen, wenn ich daraus klug werde,« brummte der Erste — »der Doktor steckt übrigens dahinter, so viel ist sicher, nur konnte ich nicht herausbekommen, was sie eigentlich mit einander hatten. — Aber komm, wir haben wahrhaftig keine Zeit zu verlieren, denn wenn die Herrschaften heute Morgen noch wirklich eintreffen, möchten wir wenig Stunden zu Vorbereitungen übrig behalten. — So viel ist übrigens gewiß, Amigo —« und die Stimmen wurden hier undeutlich, als die beiden Männer vor die Thür traten, und diese hinter sich in das Schloß drückten.
Wenige Minuten später stand Don Gaspar auf der Stelle, die jene eben verlassen, und für Momente schien er unschlüssig, wohin er sich wenden solle, die Treppe hinauf, seinem ersten Plan zu folgen, oder das Haus verlassen, dem nach zu handeln, was er eben gehört. Das Letztere schien zuletzt den Sieg davon zu tragen — er horchte noch einen Augenblick gegen die Treppe hin, ob er keine Stimmen unterscheiden konnte, als sich aber dort gleich darauf eine Thür öffnete und irgend eine fremde Stimme laut wurde, öffnete er rasch von innen die Hausthür und verschwand gleich darauf ins Freie und in der belebten Straße.
Leifeldt indessen, der keine Ahnung davon hatte, daß gerade Don Gaspar, der »entsprungene Wahnsinnige,« ihm gefolgt war und auf ihn gelauert habe, ja daß dieser nur vermuthen konnte, welchen Weg er eingeschlagen, nannte kaum den wirklichen Namen des Spaniers, als Don Guzman auch entsetzt von seinem Stuhle aufsprang und mit wahrhaft peinlicher Spannung der kurz gefaßten Erzählung des jungen Schweden lauschte. Rasch theilte er diesem nun auch die baldige Ankunft Don Luis de Gomez mit, der, wie die Sache jetzt stand, in der That der größten Gefahr ausgesetzt war, von dem Unglücklichen angefallen zu werden, und rieth — nachdem er den Diener wieder heraufgerufen und seine Befehle dahin geändert hatte, die Señora selber wenigstens jeder Unannehmlichkeit aus dem Wege zu führen — dem jungen Arzt, augenblicklich mit ihm auf die Polizei zu gehen, und dort Hülfe zu bekommen, sich des Wahnsinnigen wieder zu bemächtigen, den man ja dann, um wo möglich jedes Aufsehen zu vermeiden, einfach auf seinem Zimmer überraschen und gefangen nehmen konnte.
Dagegen sträubte sich Leifeldt aber auf das Entschiedenste, denn er selber wollte nicht an dem Mann, den er einmal aus seinem Kerker geholfen und dessen Freund er geworden, zum Verräther werden, nur Hülfe verlangte er, bei wirklich wieder ausbrechender Raserei — denn es war ja doch möglich, daß die ganze Krankheit des Unglücklichen einfach und allein in eine harmlose Schwermuth ausgeartet sei — jedes Unglück zu vermeiden, und die nahe Ankunft des einzigen Menschen, der auf den Kranken einen wirklich gefährlichen Einfluß auszuüben schien, mußte jedenfalls diese Katastrophe beschleunigen. Erwachte dann in dem Hirn des Spaniers der alte wilde Grimm auf's Neue, brach sich die Krankheit wieder Luft, dann erbot sich Leifeldt selber mit Hand anzulegen, sich des Unglücklichen wieder zu bemächtigen — nur bis dahin verlangte er Nachsicht, und ersuchte zu dem Zweck Don Guzman, ihm einen passenden Mann zu empfehlen, den er möglicher Weise Don Gaspar als seinen Freund vorstellen und in seiner Nähe halten konnte, im entscheidenden Augenblick kräftige Hülfe zu haben.
Don Guzman war mit dem Plan gar nicht einverstanden, erklärte auch dem jungen Arzte rund heraus, er könne sein Betragen, der Argentinischen Regierung gegenüber, als deren Konsul, keineswegs billigen, und nur der Name seines Freundes, Don Luis de Gomez, halte ihn zurück, die ganze Sache ohne Weiteres den chilenischen Gerichten zu übergeben, er fürchte aber dadurch mehr Aufsehen zu erregen, als Don Luis vielleicht lieb sein würde, aber es verstehe sich von selbst, daß jener gefährliche Mensch, dessen getheilte Flucht dem Arzt selber noch theuer zu stehen kommen könne, wenn er jetzt nicht auch aus allen Kräften dazu beitrage, den Fehler wieder gut zu machen, ohne weiteres wieder eingezogen und unschädlich gemacht werden müßte.
»Señor,« sagte Leifeldt da ruhig — »ich habe Sie aufgesucht und vertrauensvoll zum Mitwisser meines Geheimnisses gemacht, dem Unglücklichen noch die Möglichkeit zu geben, seine Freiheit zu behalten, wenn es sich wirklich ausweist, daß er nicht gefährlich ist; im anderen Fall hätt' ich mich gleich an die Polizei selber gewandt. — Versagen Sie mir die Hülfe, dann bedauere ich aber auch, Sie umsonst bemüht zu haben, denn seien Sie versichert, daß Sie in dem Fall, in Zeit einer Stunde weder mich noch Don Gaspar mehr in Valparaiso finden werden, und alle Folgen kommen über Ihr Haupt.«
Don Guzman war in peinlicher Verlegenheit, und ging wohl zehn Minuten mit untergeschlagenen Armen und raschen Schritten im Zimmer auf und nieder; über die Scrupel einer vertraulichen Mittheilung hätte er sich schon hinweggesetzt, mußte er nicht fürchten, daß der Schwede seine Drohung wahr mache, und dem Spanier zum zweiten Mal zur Flucht behülflich wäre. List allein konnte ihm hier helfen.
»Gut, Señor,« sagte er nach einer ziemlich langen Pause, nach der er mit verschränkten Armen vor dem jungen Arzte stehen blieb — »ich gehe auf Ihren Vorschlag ein, und habe auch einen passenden Mann, einen wirklichen Caballero von Riesenstärke und mir eng befreundet, der mir zu Liebe die allerdings schwierige, ja vielleicht gefährliche Stellung übernehmen wird; ich hoffe aber, daß Sie bald — sehr bald zu einem entscheidenden Resultat auf eine oder die andere Weise kommen, denn Sie können sich denken, daß ich Don Luis nicht der Gefahr aussetzen mag, meiner eigenen und hier allerdings sehr unzeitigen Gutmüthigkeit als Opfer zu fallen.«
Leifeldt versprach Alles, so lange er nur nicht unnöthiger Weise an dem Freund zum Verräther zu werden brauchte; ja nahm sogar gern das Anerbieten Don Guzmans, der ihn nicht aus den Augen lassen wollte, an, ihn zu der Wohnung dieses neuen Agenten zu begleiten, von dem der Argentiner so kräftigen Schutz und Beistand hoffte, und die beiden Männer machten sich dorthin ungesäumt auf den Weg.
10.
Don Manuel.
Don Manuel, den sie glücklicher Weise zu Haus und eben beschäftigt trafen, in aller Gemüthsruhe seinen Maté19 aus einer dünnen silbernen Bombille oder Röhre zu ziehen, war eine kleine behäbige aber korpulente, kräftige Gestalt, mit dem gutmüthigsten Gesicht von der Welt, das nur ein paar schmale, schwarze, lebendige Augen, die gar vergnügt aus der Fettmasse herausblitzten, Lügen straften. Er empfing die Männer auf das Freundlichste, und wenn sich auch Leifeldt eine solche Hülfe allerdings anders gedacht hatte, ließ ihn Don Guzman doch gar nicht zu Worte kommen, sondern machte den neuen Theilnehmer ihres Plans ohne Weiteres mit dem bekannt, was sie zu ihm geführt hatte, und worin sie seinen Beistand in Anspruch zu nehmen wünschten.
Don Manuel schnitt allerdings im Anfang ein etwas bedenkliches Gesicht, und schien sich einer solchen Mission gerade nicht sehr zu freuen, ja weigerte sich sogar, etwas derartiges allein zu unternehmen; Don Guzman zog ihn aber in eine Fensterbrüstung, und nachdem er sich dort eine ziemlich geraume Zeit gar eifrig mit ihm unterhalten, erklärte sich der kleine Chilene bereitwillig, jedoch nur unter der Bedingung, daß der also zu Beaufsichtigende nicht etwa gefährliche Waffen an sich herum trage.