Front matter (continued 4)
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Die Häuser der Bauerngehöfte zeugten alle von Wohlhabenheit, große Viehställe umgaben sie, und ihre Eigenthümer, obwohl in die eigenthümliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher Sitte lebend, würden doch nach der Ausdehnung ihrer Ländereien, nach der Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen beschäftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch für Bauern gegolten haben.
Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die übrigen reichen Besitzungen ab.
In der Mitte einer fast im regelmäßigen Viereck sich ausdehnenden Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener Obstgarten, eine Allee von Obstbäumen führte von dem Hause durch das Feld hin zu der in einiger Entfernung vorüberziehenden Landstraße.
Auf der andern Seite des Wohngebäudes lag ein kleiner Hof, von Ställen umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Ställen standen drei sauber gepflegte Kühe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken kräftigen Pferde, an welchen das hannöversche Land so reich ist; den reinlichen, mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich gehaltenes Federvieh; hinter den glänzenden, blank geputzten Scheiben der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weiße Gardinen, blühender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den übrigen Besitzungen des Dorfes erheblich zurückstand, so zeichnete er sich doch vor allen Uebrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und Sauberkeit aus.
An einem schönen Aprilabend saßen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses, dessen einfache Einrichtung aus einem großen eichenen Tisch, einigen Stühlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten mächtigen, mit braunem Leder überzogenen Lehnstühlen bestand und dessen Wände ebenfalls mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der großen Lehnstühle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der Feierabendstunde das häusliche Leben mit einem fast sonntäglichen Frieden umgiebt.
Der Mann war ein hoher Sechziger, kräftig und markig gebaut, das weiße dichte Haar hing lang an den Schläfen herunter, sein scharf markirtes, von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus seinen großen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthümlich ist, auch eine tiefe Weiche und Milde heraus.
Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen über dem Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis zu den Knieen und war beschäftigt, durch eine silberne Brille mit großen, runden Gläsern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor Kurzem gebracht hatte.
Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm saß, schien älter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe traurig blickenden Augen war mager und kränklich, ihr fast weißes, glatt gescheiteltes Haar war unter einer großen weißen Haube mit breitem Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Bändern fast ganz verborgen.
Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein großes, schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschäftigt, nachdem sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt hatte, mit langen starken Nadeln einen großen Strumpf zu stricken, wobei sie leise zählend die Lippen bewegte.
Der Mann war der Eigenthümer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher ohne Kinder in seiner schönen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die Stelle der Hausfrau vertrat.
Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der hannöverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu seiner Mutter zurückgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu leisten, hatte sich voll Begeisterung für die Sache des Königs Georg und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867 unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfältig die Wirthschaftsgeschäfte besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen Abwesenheit alle ihre Hoffnungen für die Zukunft in Frage stellte.
Sie hatten nur seltene und wenig ausführliche Nachrichten von ihm erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath zu schreiben aus Furcht, ihre Angehörigen in Verwickelung mit den Behörden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu durchforschen, um irgend etwas über die Legion zu erfahren.
Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr spärlich und unklar gewesen und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den unglücklichen Verhältnissen lasen, in welchen nach einzelnen Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten.
Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn ihr beim Abschied gegeben, daß er siegreich mit allen seinen Kameraden den König in der Mitte wieder in die Heimath zurückkehren werde.
Ihr Bruder hatte tiefes Mißtrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit zäher und liebevoller Anhänglichkeit an den alten Verhältnissen, aber sein scharfer und practischer Verstand ließ ihn wenig an eine Möglichkeit der Wiederkehr derselben glauben.
Es war dies ein Punkt, über welchen die beiden alten Leute, welche sonst in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, häufig in lebhaften Wortwechsel geriethen.
Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen und wurde nicht müde, in seine Schwester zu dringen, daß sie mit ihm gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken möge, wieder in die Heimath zurückzukehren.
Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie über die Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschließen. Es erfüllte sie mit hohem Stolz, daß ihr Sohn „in des Königs Legion diente“, wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller Mühe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu überzeugen, daß die damaligen Verhältnisse und die damalige Legion, welche der mächtige König von England aus seinen hannöverschen Unterthanen gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem verbannten, machtlosen König in das Exil gefolgt war; sie war überzeugt, daß es wieder anders werden müsse, wie es damals anders geworden war, und daß ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und ausgezeichnet von dem König, dem er so treu geblieben — und ihn dieser glänzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht entschließen.
So saßen sie denn auch heute wieder da, — sie hatten ihre Arbeit gethan, der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit längerer Zeit zur Gewohnheit geworden war, und seine Schwester füllte die Muße ihres Abends durch die Beschäftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie mit jeder Masche desselben theils eine wehmüthige Erinnerung an ihren Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glänzende Zukunft verwebte.
Plötzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug kräftig mit der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch auf die Stirn hinausschob.
„Das ist eine gute Nachricht,“ rief er laut, „der König hat die Legion aufgelöst, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthätigen Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschluß, der vernünftigste, den unser Herr hat fassen können. Jetzt haben wir doch Hoffnung, daß der Junge wieder zu uns zurückkommt, und daß unser altes, liebes Besitzthum nicht noch in fremde Hände übergehen wird, während sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und abenteuerliches Leben führt.“
Die alte Frau Cappei ließ den Strickstrumpf in ihren Schooß sinken, ein freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann aber schüttelte sie trübe und traurig den Kopf.
„Das wird wieder eine von den Nachrichten sein,“ sagte sie, „welche schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rückkehr meines Sohnes geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion wäre auseinandergegangen, und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr sein,“ sagte sie mit einem gewissen Stolz, „der König kann ja seine Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder hier zu sehen, so möchte ich doch nicht wünschen, daß er als Flüchtling hierher wieder zurückkehrt, ohne für seinen König sich geschlagen zu haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat.“
„Du bist thöricht,“ sagte der Alte, „Du möchtest womöglich Deinen Jungen noch als großen Feldherrn wiedersehen.“
„Nun das Zeug dazu hat er schon,“ fiel seine Schwester etwas gereizt ein, „daß er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie hübsch und fein sieht er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, daß große Generale sich ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden, — wenn es meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund gehabt, daß er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen.“
„Das sind Alles Possen,“ rief der Alte mürrisch, „und ich hoffe, daß der Junge selbst nicht solche thörichten Gedanken in seinem Kopf haben wird. Er sollte Gott danken, daß er hier eine feste Heimath und einen wohl geordneten Besitz hat und sollte so schnell als möglich hierher zurückkehren, um diesen Hof zu übernehmen, dessen Bewirthschaftung mir täglich schwerer zu werden anfängt. Nun,“ fuhr er fort, „das wird sich jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preußischen Amtmann, den sie uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir versichert, daß er nicht glaube, daß gegen meinen Neffen irgend etwas Unangenehmes unternommen werden möchte, wenn er zurückkäme und sich zur Erfüllung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche Desertion liege ja nicht vor und“ —
Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen.
Schnelle, kräftige Schritte ließen sich vor dem Hause vernehmen, rasch wurde die Thür geöffnet, und Derjenige, über dessen Schicksal die beiden Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer.
Der junge Cappei trug einen kleinen Ränzel auf dem Rücken, sein Gesicht war von dem raschen Gang geröthet und erschien dadurch noch blühender, als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glück und Freude, als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte Zimmer, in welchem kein Meubel sich verändert hatte, als er seine Mutter und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem alten Vaterlande ihm nahe standen.
Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen Arme entgegenstreckte; er drückte ihren Kopf an seine Brust und küßte zärtlich ihre weißen Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher aufgestanden war und mit glücklichem stolzem Ausdruck auf die kräftige Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene Hand ein und sagte tief aufathmend:
„Da bin ich wieder bei Euch — Gott sei Dank, daß ich Euch Beide am Leben und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fuß hierher ging, hat mich eine entsetzliche Angst erfaßt, daß ich das Alles hier vielleicht nicht so wiederfinden könnte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen.“
Abermals schloß er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzählen von seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun Alles zu Ende sei, da der König die Legionaire entlassen habe und eine große Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, während Andere in Algier ihr Glück versuchen wollten. „Sie haben mir viel zugeredet,“ sagte er, „auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich will nicht mehr als heimathloser Flüchtling in der Welt leben, und auch Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich muß meine Verhältnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt behaupten kann.“
„Das hast Du brav gemacht, mein Junge,“ sagte der Alte, indem er ihm kräftig auf die Schulter schlug, während die Mutter zusammentrug, was im Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen großen Bierkrug, damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen ihm und dem alten Hause wieder fest geknüpft wurde.
Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des kräftigen Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte.
Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzählte ihnen von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rückhalt bliebe, denn oft brach er plötzlich ab, sah schweigend vor sich nieder, und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf.
Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht, — eine Mutter liest ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches sie mit ihrem Kinde verknüpft, wird durch die Zeit und das Alter niemals gelockert. Die Alte schüttelte das Haupt, sie fühlte, daß da noch Etwas war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach — aber sie sagte nichts darüber, sie behielt sich vor, später ihn danach zu fragen, überzeugt, daß es ihr gelingen würde, auch die verschlossensten Tiefen seines Innern zu öffnen.
„Jetzt aber,“ sagte der alte Niemeyer endlich, „obgleich es schon spät ist, mußt Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du mußt Dich auf der Stelle melden, Deine Rückkehr darf keine heimliche sein, und was die Behörden über Dich verfügen, mußt Du ruhig über Dich ergehen lassen. Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon vorbereitet, da ich immer überzeugt war, Du würdest früher oder später hierher wieder zurückkehren.“
Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem großen Amthaus hin, ließen sich bei dem Amtmann, einem preußischen Assessor, welcher hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer geführt, welches bereits von einer Lampe erleuchtet war.
Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, ernst und ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an welchem er mit Durchsicht von Acten beschäftigt war und trat demselben entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf.
„Herr Amtmann,“ sagte der alte Niemeyer, „ich bringe Ihnen hier einen Flüchtling, der nach der alten Heimath zurückgekehrt ist, und der nun nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung über uns verhängt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige Behandlung für das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares begangen haben könnte und stellt sich zu Ihrer Verfügung.“
Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und fest an.
„Es freut mich,“ sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, „daß Sie sich entschlossen haben, in die geordneten Verhältnisse zurückzukehren und auf thörichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich will nicht fragen und untersuchen, welche Pläne Sie bei Ihrer Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen haben — allein Sie sind nach den preußischen Gesetzen noch landwehrpflichtig gewesen und werden sich über Ihre eigenmächtige Entfernung zu verantworten haben. Ich wäre berechtigt, Sie zu arretiren und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, daß Sie sich der Untersuchung und der eventuell zu verhängenden Strafe entziehen werden, so will ich von einer solchen Maßregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre Freiheit lassen, allein um der Form zu genügen, müssen Sie eine Bürgschaft leisten.“ —
„Die Bürgschaft übernehme ich, Herr Amtmann,“ rief der alte Niemeyer lebhaft. „Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafür, daß der junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung stellen wird.“
„Ich will diese Garantie annehmen,“ erwiderte der Beamte — er setzte sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen mußten und entließ dann die Beiden.
Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Aktenfascikel aus einem verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und öffnete dasselbe.
„Die Erscheinung dieses jungen Mannes,“ sagte er, „ist durchaus Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen Blick, daß ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann. Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der sich den thatsächlichen Verhältnissen stillschweigend unterordnet und alle Agitationen und Conspirationen mißbilligend, bekannt; und doch ist mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preußischen Herrschaft und als einen gefährlichen Verschwörer und Agitator bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurückgekehrt, um nach Frankreich hin Mittheilungen über die hiesigen Verhältnisse, Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen, — mir kommt das ein wenig unwahrscheinlich vor,“ fuhr er fort, „allein die Mittheilung ist bestimmt, und die Zeitverhältnisse gebieten die größte Vorsicht. Ich werde ihn genau beobachten lassen und eine Ueberwachung seiner Correspondenz bei der Postbehörde anordnen, — ist jene Mittheilung richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen.“
Er schrieb nach genauer Durchsicht des Aktenfascikels eine Verfügung, ließ seinen Secretair rufen und übergab ihm dieselbe mit dem Befehl schleuniger und discreter Expedition. Dann verschloß er das geheime Aktenstück wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen regelmäßigen Arbeiten zu.
Lange noch saß der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem jungen Cappei bei der großen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten — immer erzählte der junge Mann, — immer deutlicher fühlte die Mutter, daß in allen diesen Erzählungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhängen müsse.
Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch aufgeschichteten Federbett geführt, und die Hände segnend auf sein Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem Lehnstuhl am Fußende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend über die Fügungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Träume zerstört hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch diesen Sohn lebendig, frisch und blühend ihr wieder zugeführt hatte und jetzt opferte sie jenen Traum gern der schönen und lieben Wirklichkeit. Sie fühlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der verborgene Punkt sei, der in allen Erzählungen ihres Sohnes noch dunkel geblieben; sie fühlte, daß die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land, aus welchem er zurückgekehrt ein Band geknüpft habe.
Aber sie war nicht traurig darüber und wieder regten sich ehrgeizige Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so hübscher junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war.
Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schloß sie Diejenige, welche ihr Sohn gewählt haben möchte, und welche ihr mütterlicher Stolz in hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein.
Der junge Cappei aber war in körperlicher Ermüdung, welche die kräftige Jugend noch stärker fühlt, als das Alter, und in jenem süßen Wohlgefühl, welches das Bewußtsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schooß des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen Schlaf versunken.
Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Träumen die Bilder der Ferne, zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln seines Lebens geschlagen waren, miteinander.
Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner Louise und an der Spitze des immer blühender erwachsenden Handelsgeschäfts — bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild seiner Geliebten, wie dieselbe glücklich lächelnd in das Haus seines Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in häuslichen Geschäften und neues fröhliches Leben in die alte Heimath brachte.
So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem süßen Gefühl des Glücks und der Freude erfüllten.
Neuntes Capitel.
In einem großen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines düstern Hauses des Faubourg St. Antoine war das democratische Comité versammelt, welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das Volk in Massen dahin zu bestimmen, daß es die Abstimmung entweder ganz verhindere oder wo die Kühnheit dazu vorhanden sein möchte mit „Nein“ stimme.
Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerückter Abendstunde statt, der große finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch geschwärzten Wänden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem großen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch saßen die Leiter des Comités in scharfer Beleuchtung, während der übrige Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fünfzig der hervorragendsten Agenten des Comités befanden, in Dunkelheit gehüllt war.
An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der unermüdlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich, einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem nur die glühenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation ausschließenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde.
Hier sah man Ulric de Fonvielle, den Begleiter Victor Noirs bei dessen verhängnißvollem Besuch im Hause des Prinzen Pierre Bonaparte — mit seinem großen Bart und seinem unruhigen, aufgeregten und wichtig thuenden Wesen.
Hier war Varlin, der Buchbinder, in seiner gebückten Haltung mit dem kalten höhnischen Lächeln auf den Lippen, mit dem niedergeschlagenen Blick, der nur zuweilen im schnellen Blitz von unten hinauf schoß und dann fast immer Denjenigen, auf welchen er sich richtete, durch seinen stechenden scharfen Ausdruck aus der Fassung brachte.
Hier sah man Raoul Rigault, den jungen einundzwanzigjährigen Verschwörer mit seinem blassen, selbstgefällig lächelnden Gesicht, den müden, etwas gleichgültigen Blick hinter dem Monocle verbergend, in seiner stutzerhaften, aber etwas abgeschabten Eleganz, mit der Wäsche von zweifelhafter Reinheit, das kleine Stöckchen mit dem unechten Silberknopf in der Hand.
Hier sah man Ancel, Boyer, Delacour, Dembrun, Portalier, Robin, Mangold — theils in Blousen, theils im einfachen bürgerlichen Anzug — und auf allen diesen finstern Gesichtern ruhte der Ausdruck starrer düsterer Entschlossenheit und grimmiger Unversöhnlichkeit. Sie waren zum großen Theil die Führer des Pariser Zweigvereins der internationalen Arbeiterassociation, welche aber jetzt nicht mehr wie früher sich einer gewissen wohlwollenden Duldung der Regierung zu erfreuen hatte, nachdem sie durch richterliches Erkenntniß aufgelöst worden war. Es war nicht mehr jene Internationale von Tolain und Fribourg, welche durch Belehrung und ruhige gesetzliche Agitationen die Lage des Arbeiterstandes zu verbessern strebte, und welche von idealen Anschauungen geleitet wurde.
Jene Führer waren verschwunden, die Internationale von heute war eine proscribirte und geächtete Gesellschaft, welche sich lange den Nachforschungen der Polizei verbarg, und im Geheimen dafür aber um so wirksamer ihre Lehren propagirte und ihre Pläne verfolgte. Diese Lehren aber waren heute offen und rückhaltslos auf die Zertrümmerung der bestehenden Staatsordnung und der bestehenden Gesellschaft gerichtet, und die Pläne, deren eigentliches Geheimniß nur den ausgewählten Kreisen, den Leitern, bekannt war, richtete sich auf eine möglichst schnelle und nachdrückliche Vernichtung aller Autorität und alles Besitzes.
Die internationale Association als solche konnte sich mit der Frage des Plebiscits nicht beschäftigen, sie konnte sich nicht versammeln, ohne sich sogleich polizeilicher Auflösung auszusetzen, sie hatte deshalb das democratische Comité gebildet, an dessen Spitze wiederum ihre Leiter standen, um in dieser Form ihren Einfluß auf das Plebiscit auszuüben und um wo möglich diese Gelegenheit zur Herbeiführung einer Catastrophe zu benutzen.
Auf Bänken und Stühlen ringsum den Tisch des eigentlich leitenden Comités saßen dessen hervorragende Agenten in den verschiedenen Stadttheilen von Paris fast Alle in der Blouse der Arbeiter, Alle denselben Ausdruck ruhiger und kaltblütiger Unversöhnlichkeit in den Gesichtern.
Lermina erhob sich:
„Wir haben, meine Freunde,“ sprach er, „nunmehr die Berichte aus allen Theilen von Frankreich empfangen, welche uns mittheilen, daß überall die Comités constituirt sind, um diesem frevelhaftem Possenspiel entgegenzutreten, durch welches man in einem gefälschten Ausdruck des Volkswillens für den Despotismus und die Tyrannei eine neue Stütze suchen will. Allgemein ist die democratische Partei organisirt, um auf die unklare und furchtsame Bevölkerung den Druck ihres Einflusses auszuüben. Nach Allem, was man uns mittheilt, wird es schwer werden, eine große Majorität dahin zu bringen, daß die an das Volk gestellte Frage mit „Nein“ beantwortet wird. Die Furcht vor den Machtmitteln der Gewalt ist zu groß — dagegen müssen wir aber mit aller Kraft dahin streben, daß der größte Theil der Bevölkerung sich von jeder Abstimmung zurückhält, um vor der Welt beweisen zu können, daß die Majorität, welche die Regierung erreichen möchte, im Verhältniß zur Gesammtzahl der Bevölkerung garnichts bedeutet. Ich habe deshalb die Instructionen, welche Sie Alle früher bereits gebilligt haben, an eine Anzahl von zuverlässigen Personen vertheilt, die in diesem Augenblick bereits in die Provinzen abgegangen sind, um überall die Agitation noch fester zu organisiren und zu beleben. Unser unermüdlicher Freund Cernuschi hat mir von London aus abermals die Summe von hunderttausend Francs übersendet, um die nothwendigen und unvermeidlichen Kosten unserer Thätigkeit zu bereiten.“
Ein Ruf des Beifalls tönte durch den Saal.
„Ich habe ihm den Dank des Comités ausgesprochen,“ fuhr Lermina fort, „und schlage nunmehr vor, daß wir hier in Paris selbst unvorzüglich eine demonstrative Versammlung in Scene setzen, welche hier in der Hauptstadt die Bewegung in Fluß bringt und den Provinzen ein Beispiel giebt. Ich schlage zu diesem Zweck den Saal der Folie-Bergère vor, welcher den nothwendigen Raum bietet und zugleich der ganzen Bevölkerung von Paris bekannt ist. Hat Einer von Euch, meine Freunde, gegen den Vorschlag Etwas einzuwenden?“
Die Versammlung schwieg — einzelne Rufe der Zustimmung ließen sich hören.
„So wollen wir also,“ fuhr Lermina fort, „die democratische Volksversammlung in der Folie-Bergère auf den vierten Tag, von heute an gerechnet, festsetzen. Und ich bitte alle unsere Freunde,“ fuhr er sich nach den Zuhörern im Hinterraum des Saales wendend fort, „in den verschiedenen Stadttheilen von Paris ihre ganze Thätigkeit aufzubieten, um den Besuch der Versammlung so zahlreich als möglich zu machen. Zugleich ersuche ich Euch alle, meine Freunde, Euch vorzubereiten und nachzudenken über das, was Jeder von Euch der Versammlung sagen will, damit die Worte zünden und die Massen zu energischem Widerstand entflammen.
„Vor Allem,“ rief Ulric de Fonvielle mit lauter Stimme, „müssen wir diesen verrätherischen Lügner und Heuchler Ollivier dem Volk in seiner wahren Gestalt zeigen. Es giebt immer noch Leute,“ fuhr er fort, „welche sich durch seine Vergangenheit täuschen lassen und auf welche sein Name einen gewissen Einfluß übt, — durch ihn will die kaiserliche Tyrannei das Volk irre führen, ihn gilt es zu vernichten und ihn des letzten Restes seiner Popularität zu berauben. Ich werde über Ollivier sprechen,“ rief er mit der Hand durch seinen Bart fahrend, „das Volk hat Ollivier in die Gosse geworfen — und das Kaiserthum hat ihn daraus wieder hervorgefischt!“ —
Lautes Gelächter, Beifallsrufen und Händeklatschen erfüllten den Saal. Dann trat eine augenblickliche Stille ein.
Varlin erhob sich, zog ein Papier aus der Tasche und sprach:
„Ich bin in Allem mit den Maßregeln des Comités und mit seinen Vorschlägen vollkommen einverstanden. Doch ich habe nunmehr meinerseits einen Vorschlag zu machen, welcher in der Vorsicht begründet ist und zum Zweck hat, unsere Agitatoren gegen einen Gewaltstreich der Regierung zu schützen.“
Aufmerksam hörten Alle zu.
„Ihr wißt, meine Freunde,“ fuhr Varlin fort, „daß die Internationale gesetzlich verboten ist, und daß die Polizei das Recht hat, jede Thätigkeit dieser Association sofort zu verhindern. Nun aber ist unsere ganze Organisation, wenn wir uns auch als democratisches Comité constituirt haben, dennoch die der Internationalen. Wir Alle sind Mitglieder des Bureaus derselben, und in allen Provinzen sind es wieder die Zweigvereine der Internationalen, in deren Händen die Agitation liegt. Das giebt der Polizei Gelegenheit, sobald sie will, unsere ganze Agitation als eine Thätigkeit der Internationalen zu bezeichnen und zu verbieten — es wäre unklug, ein solches Verbot zu provociren oder möglich zu machen, und ich halte es demnach für nothwendig, daß von Seiten der Internationalen eine öffentliche Kundgebung stattfindet, welche vollkommen klar stellt, daß die democratische Association gegen das Plebiscit mit der internationalen Arbeiteragitation nichts zu thun hat. Ich halte eine solche Kundthuung practisch für nothwendig, außerdem aber,“ fuhr er einen raschen Blick im Kreise umherwerfend fort, „deshalb für geboten, weil allerdings die jetzt von uns ausgeübte Thätigkeit mit den eigentlichen Zielen der Internationalen wie dieselbe in den Statuten derselben ausgestellt sind, nicht identisch ist.“
„So soll die Internationale die Thätigkeit des democratischen Comités desavouiren,“ fragte Lermina, den flammenden Blick auf Varlin richtend.
„Das nicht,“ erwiderte dieser, „doch soll sie erklären, daß sie mit dieser rein politischen Sache nichts zu thun hat. Ich wiederhole,“ fuhr er fort, „daß diese Erklärung nach meiner Ueberzeugung zunächst der Polizei gegenüber nöthig ist, um ihr die Möglichkeit zu nehmen, gegen das democratische Comité unter dem Vorwand einzutreten, daß es mit den Internationalen identisch sei, so dann aber auch im Interesse der Macht der Internationalen selbst. Wir Alle, meine Freunde,“ fuhr er fort, „sind darüber einig, daß nur durch eine politische Revolution, durch welche das jetzt begehende Regiment und die ganze Staatsordnung zertrümmert, die socialen Ziele in der Internationalen erreicht werden können, aber — ihr müßt wissen, wie ich, daß unter den Arbeitern, namentlich in den Provinzen, noch sehr viele vorhanden sind, welche vor einer politischen Revolution zurückschrecken, und welche noch in der Idee befangen sind, von welcher wir in dem leitenden Mittelpunkt uns frei gemacht haben, — von der Idee nämlich, daß auf friedlichem und gesetzlichem Wege eine Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes erreicht werden könne; um Aller dieser willen ist es ebenfalls nöthig, daß wir die Internationale als solche von jeder Thätigkeit gegen das Plebiscit fern halten.“
Lermina blickte nachdenklich vor sich hin, die Gründe Varlins schienen ihm einzuleuchten, dennoch mochte es seiner im Grunde ehrlichen und graden Natur widerstreben, aus Rücksichten der Klugheit solche Doppelwege zu gehen.
Einzelne Stimmen der Mißbilligung erhoben sich aus dem Zuhörerkreise.
„Das würde nur Verwirrungen in die Begriffe bringen,“ rief man — „warum nicht etwas sagen, wovon man überzeugt ist, — um so besser, wenn in diesem Augenblick ein Zusammenstoß mit der Gewalt erfolgt, — einmal muß es ja doch dazu kommen.“
„Halt, meine Freunde,“ rief Varlin mit seiner durchdringenden Stimme die verschiedenen Rufe übertönend, „höret zunächst an, wie ich die Erklärung der Internationalen entworfen habe, Euch wird dann Alles besser klar werden. Sie soll wahrlich die Thätigkeit unseres democratischen Comités nicht desavouiren, und sie soll uns nur davor schützen, daß wir durch einen rohen Eingriff der Polizeigewalt in unserer Wirksamkeit gehemmt und unterbrochen werden, bevor dieselbe ihre Früchte getragen hat.“
Er winkte gebieterisch mit der Hand und während der aufmerksamen Stille, die unmittelbar eintrat, las er, den Blick auf das Papier in seiner Hand geheftet, den von ihm vorgeschlagenen Entwurf der Erklärung der Internationalen:
„Der Bundesrath des internationalen Arbeitervereins giebt den Insinuationen und Anschuldigungen der offiziellen und offiziösen Blätter über seine Theilnahme an der politischen Agitation dieser Tage hiermit ein formelles Dementi. Die Internationale weiß nur zu gut, daß die Leiden aller Art, welche das Proletariat zu dulden hat, bei weitem mehr den ökonomischen Zuständen der Gegenwart, als den Zufälligkeiten des Despotismus einiger Staatsmänner zuzuschreiben sind. Sie wird ihre Zeit nicht mit Nachsinnen über die Befestigung des kaiserlichen Despotismus verlieren. Der internationale Arbeiterverein, der eine permanente Verschwörung aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten ist, wird den ohnmächtigen Verfolgungen gegen seine Führer trotzend, so lange fort bestehen, bis alle Ausbeuter der Arbeit, alle Capitalisten, alle Pfaffen und alle politischen Abenteurer verschwunden sein werden.“
„Ich glaube,“ sprach er, indem sein Blick über die Versammlung hinglitt, „daß nach dieser Erklärung Niemand wird sagen können, es sei die Internationale, welche die gegenwärtige democratische Agitation führe, — und doch wird darin gewiß kein abfälliges Urtheil über seine Thätigkeit gesprochen.“
„Varlin hat Recht,“ rief man von allen Seiten — „er ist klug und vorsichtig, — er denkt an Alles, die Proclamation ist gut, sie soll erlassen werden.“
Niemand widersprach an dem Tisch des Comités, nur Raoul Rigault zuckte leicht die Achseln und schlug mit dem Spazierstöckchen auf seine Stiefel.
Varlin legte das Papier, dessen Inhalt er vorgelesen, Lermina vor, der es mit einem raschen Federzug unterzeichnete. Die Uebrigen folgten Alle.
Lermina erklärte sodann die Sitzung für geschlossen, und die Versammelten verließen in einzelnen Gruppen, um kein Aufsehen zu erregen, langsam und schweigend das Zimmer, indem sie sich, sobald sie aus dem äußern Theil des Hauses auf die Straße traten, nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten.
Raoul Rigault näherte sich Lermina.
„Bleibt noch einen Augenblick hier,“ sprach er, „ich habe Euch eine Mittheilung zu machen.“
„Gut,“ sagte Lermina.
Raoul Rigault trat zu Varlin und dann zu Ulric de Fonvielle, indem er sie ebenfalls aufforderte, noch zu bleiben.
Bald war das Zimmer leer, und an dem großen Tisch befanden sich nur noch Lermina, Varlin, Ulric de Fonvielle und Raoul Rigault.
In der Tiefe des Zimmers war ebenfalls eine Gestalt sitzen geblieben, welche man bei der matten Beleuchtung nur in dunkeln Umrissen erkennen konnte.
„Meine Freunde,“ sagte Raoul Rigault indem er das herabgefallene Monocle mit einer etwas gezierten Bewegung wieder in das Auge warf, „ich habe Euch ruhig sprechen und beschließen lassen, ohne irgend Etwas dabei zu bemerken, weil ich Alles das für ein Geschwätz halte, durch welches Nichts erreicht wird; — dieses Plebiscit,“ fuhr er mit selbstgefälligem Lächeln fort, „— wird trotz unserer Agitation ganz nach dem Plan seiner Arrangeurs ausgeführt werden, — und“ sagte er sich zu Varlin wendend — „trotz des Protestes der Internationale wird man uns alle verhaften, wenn man irgend dazu Lust verspürt.“
„Das ist Alles was Sie uns zu sagen haben und weshalb Sie uns gebeten haben, hier zu bleiben?“ fragte Lermina mit seiner harten klanglosen Stimme.
„Der Bürger Rigault ist sehr jung,“ sagte Varlin mit einem finstern Blick auf den stutzerhaft lächelnden jungen Mann, — „es würde ihm vielleicht besser anstehen aus den Erfahrungen ältere Personen zu lernen, als deren Handlungen zu critisiren.“
Ulric de Fonvielle sagte Nichts, — er kannte Raoul Rigault und wußte, daß wenn dieser junge Mensch mit dem blasirten gleichgültigen Gesicht lächelte ein furchtbarer, blutiger Gedanke in seinem Gehirn arbeitete. Er blickte ihn forschend an und wartete.
„Handlungen?“ fragte Raoul Rigault höhnisch die Achseln zuckend, ohne die unmuthigen finstern Blicke Lermina's und Varlin's zu beobachten, — „Ihr nennt das Handlungen — diese versteckten Agitationen, diese zweideutigen Erklärungen und Proteste? Handelt“ — fuhr er fort, „handelt, wie man in großen ernsten Angelegenheiten handeln muß, und meine Critik wird schweigen, — ich werde wahrlich der Erste sein mit Euch zu handeln, — aber ich sehe nicht ein wozu alle diese Geschäftigkeit führen soll.“
„Wenn man tadeln will was Andere thun, so muß man Etwas Besseres vorzuschlagen haben,“ sagte Lermina kurz und hart.
Varlin machte eine Bewegung, als wollte er ausstehen.
„Hört mich an,“ sagte Raoul Rigault, indem er ihn mit der Hand zurückhielt.
Er stützte die Arme auf den Tisch und bewegte sein Stöckchen leicht in der Luft hin und her.
„Der Augenblick ist günstig,“ sprach er weiter in einem Tone als unterhielte er sich über irgend ein gleichgültiges Tagesereigniß, — „der Augenblick ist günstig um einen großen Schlag auszuführen, — einen Schlag der uns mit einem Mal an das Ziel aller unserer Bestrebungen führen kann.“
„Und wie sollte dieser Schlag ausgeführt werden,“ fragte Varlin mit einem fast verächtlichen Lächeln.
„Sehr einfach,“ erwiderte Raoul Rigault, immer mit seinem Stöckchen spielend, „unsere Vereine sind in ganz Frankreich vortrefflich organisirt, wir können sie von hier aus mit einem Wort in active Bewegung setzen, wir können überall den Aufstand ausbrechen lassen.“
„Das können wir,“ erwiderte Lermina, „wenn wir es aber thun, so wird das in diesem Augenblick keine weitere Folgen haben, als daß der Aufstand überall durch die rohe Gewalt der Tyrannei niedergeschlagen und für die Zukunft alle unsere Hoffnungen zertrümmert werden.“
„Wenn eben die Tyrannei noch besteht,“ erwiderte Raoul Rigault, „wenn diese Maschine, welche man die kaiserliche Regierung nennt, überhaupt in jenem Augenblick noch arbeitet.“
„Und wie wollen Sie,“ fragte Lermina, „indem Augenblick des Aufstandes die so fest gegliederte Regierungsmaschine zerstören und unwirksam machen?“
„Die Maschine,“ sagte Raoul Rigault, „wird von selbst unwirksam, wenn sie keinen Mittelpunkt, eine bewegende Triebfeder mehr hat. Ich kümmere mich nicht um die Maschine, ich zerstöre den Mittelpunkt, und die Arbeit des Ganzen hört auf — Frankreich gehört uns.“
Lermina begann aufmerksam zu werden.
„Der Gedanke ist logisch,“ sagte er. „Wie kann er ausgeführt werden?“
„Sehr einfach,“ erwiderte Raoul Rigault, „indem man den Kaiser tödtet und den Sitz der Regierung zerstört.“
Ganz erstaunt blickten Lermina und Varlin auf diesen jungen Menschen, welcher im gleichgültigen und ruhigsten Ton von der Welt einen Satz aussprach, der in seinen wenigen Worten den Umsturz der öffentlichen Ordnung Frankreichs vielleicht Europas enthielt.
„Um den Kaiser zu tödten,“ fuhr Raoul Rigault fort, „bedarf es nur eines entschlossenen Menschen, welcher sein Leben aufs Spiel setzt, wie dies ja alle Soldaten oft für viel unwichtigere und gleichgültigere Dinge thun, und in dessen Hand man ein Werkzeug legen würde, welches den Erfolg seines Unternehmens nicht von dem Zufall abhängig macht, — zur Zerstörung des Mittelpunkts der Regierung bedarf es nur,“ sagte er mit selbstgefälligem Lächeln, „einiger practischen Anwendungen der Chemie, — und was sonst die Folge der Revolution war, wird gegenwärtig der Revolution vorangehen und ihr den Weg frei machen. Die Mittel, von denen ich so eben gesprochen habe, sind gefunden. Um den Kaiser sicher zu tödten, ohne die Sache von einem falschen Augenmaß oder von einem nervösen Zittern der Hand abhängig zu machen, ist hier das Mittel.“
Er zog aus der Tasche seines Rockes einige kleine eirunde Eisenkörper mit verlängerter Spitze hervor und legte sie auf den Tisch.
„Sie sind,“ sagte er lächelnd, „allerliebste Sprengbomben von einer gewaltigen Explosionskraft. Man hat garnicht nöthig zu zielen. Man wirst sie eine nach der andern in den Wagen des Kaisers, wenn er vorüber fährt und vor die Füße seines Pferdes, wenn er reitet, und bevor die vierte oder fünfte geworfen ist, wird von Demjenigen, der heute Frankreich zu beherrschen glaubt, nichts mehr übrig sein, als einige kleine in der Luft zerstreute Atome. Um diese Bomben zu werfen,“ fuhr er, die Stimme etwas dämpfend, fort, „gehört ein Mann, welcher fanatisch oder gleichgültig genug ist, um sein Leben an dies Wagniß zu setzen — ein Gleichgültiger,“ fügte er hinzu, „ist mir lieber, als ein Fanatiker, — und dieser Mann ist gefunden.“
Er erhob sich, wandte sich nach der Tiefe des Zimmers, die dunkle Gestalt, welche von den Uebrigen unbemerkt dort bei der Entfernung der Versammlung geblieben war, trat in den Lichtkreis, und man sah einen jungen Mann von höchstens zwanzig bis einundzwanzig Jahren, dessen völlig bartloses, gleichgültiges und etwas stupides Gesicht einen noch fast knabenhaften Ausdruck hatte.
Raoul Rigault ergriff diesen jungen Mann, der einen einfachen Anzug von sogenannter Marengofarbe und einen kleinen runden Hut trug, bei der Hand und sagte:
„Hier ist der Bürger Beaury, welcher von London kommt und bereit ist, den ersten und gefährlichsten Schlag in dem großem Entscheidungskampf für die Rechte der arbeitenden Gesellschaft zu führen. Er wird diese Bombe werfen und den fanatischen Imperator, vor welchem sich heute die blöde Menge in den Staub beugt in die Luft sprengen.“
Tief erstaunt, beinahe bestürzt und erschrocken blickten die drei Andern auf diesen jungen Menschen, welcher da so plötzlich wie aus der Erde hervorgezaubert unter ihnen stand und sie mit einem ruhigen gleichgültigen Lächeln anblickte.
„Wer sind Sie,“ fragte Lermina.
„Ich heiße Beaury,“ erwiderte der junge Mann. „Ich war früher Corporal in der Armee des Tyrannen, seit einem Jahr bin ich Flüchtling in London, Herr Flourens hat mich hierhergeschickt, — hier ist meine Beglaubigung.“
Er zog aus der Tasche seines Rockes ein offenes, etwas zerknittertes Papier hervor und überreichte es Lermina.
„Ein Brief von Flourens,“ sagte dieser.
„An meine Genossen in Frankreich,“ fuhr er fort, das Papier lesend, „der Ueberbringer dieses, der Bürger Beaury ist bereit und geschickt Alles das auszuführen, was man ihm austragen wird, man kann sich vollkommen auf ihn verlassen. Gustav Flourens.“
Er reichte das Papier Varlin, Fonvielle neigte sich herüber und sah über dessen Schulter in die Schrift.
„Es ist Flourens' Handschrift,“ sagten Beide.
„Sie wissen, was Sie thun sollen,“ fragte Lermina, immer noch verwundert den knabenhaften jungen Menschen ansehend.
„Gewiß“ erwiderte dieser, „ich soll diese Bombe da,“ er deutete auf den Tisch, „nach dem Kaiser werfen, den ich sehr genau kenne, und den ich nicht verfehlen werde. Ich habe auch noch dies zu übergeben,“ sagte er dann.
Er zog ein anderes Papier aus der Tasche und gab es Lermina.
„Eine Anweisung auf vierhundert Francs,“ sagte dieser, „ebenfalls von Flourens unterzeichnet.“
Lermina gab die Anweisung an Varlin, welcher einen Schlüssel aus der Tasche zog, eine Schublade des Tisches öffnete und dem jungen Menschen vier Bankbillets von hundert Francs übergab.
„Nun gehen Sie,“ sagte Raoul Rigault zu Beaury, welcher ganz vergnügt seine Bankbillets einsteckte, „Sie werden Ihre näheren Anweisungen erhalten. Ihre Adresse?“
„Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig,“ sagte der junge Mensch, indem er sich leicht gegen die Uebrigen verneigte und das Zimmer verließ.
„Ihr seht,“ sagte Raoul Rigault mit zufriedenem Lächeln, „daß ich mich ein wenig auf das verstehe, was Handeln heißt, und daß ich vielleicht ein wenig Recht habe, unpractische Maßregeln zu kritisiren.“
Varlin und Lermina erwiderten nichts.
„Doch weiter,“ sagte Ulric de Fonvielle, „die Ermordung des Kaisers nützt uns wenig, wie wir ja langst überlegt haben.“
„Das ist eine Ansicht, die ich stets vertreten habe,“ sagte Raoul Rigault, „Ihr könnt also nicht erwarten, daß ich glauben sollte, mit diesem ersten Schlage sei Alles gethan. Auch habe ich Euch ja vorhin gesagt, daß meine Pläne zur Handlung zwei Punkte haben. Der Erste war die Ermordung des Kaisers; der Zweite ist die Zerstörung des Mittelpunkts der Regierung.“
„Das wird etwas schwerer sein,“ sagte Varlin, den Kopf schüttelnd.
„Allzu umfassendere Vorbereitungen bedürfen wir nicht,“ sagte Raoul Rigault. „Wir haben von diesen kleinen Maschinen,“ fuhr er fort auf die auf dem Tische liegenden Bomben deutend, „einen Vorrath von tausend Stück, welche ein Herr Lepet, ein harmloser Mann, in dem Gedanken gegossen hat, daß es Theile eines neu erfundenen Vélocipédes wären. Sie befinden sich an einem sichern Ort und können im Lauf weniger Stunden gefüllt werben. Wir bedürfen dann nur noch einer gewissen Quantität Petroleums, einer Quantität Pikrinsäure und eines Haufens alter Weiber und kleiner Kinder, wie wir sie in beliebiger Menge in Belleville und St. Antoine finden können.“
„Und dann,“ fragte Lermina.
„Dann,“ sagte Raoul Rigault die Achseln zuckend, „nehmen diese alten Weiber und die Kinder die Bomben, werfen je einige hundert Stück davon durch die Fenster der Tuilerien und der verschiedenen Ministerialgebäude, gießen zu gleicher Zeit Jeder sein Gefäß voll Petroleum in die Keller und Souterrains und zünden diese angenehme Flüssigkeit mit einem kleinen Schwefelholz an. In wenigen Augenblicken werden alle diese Centren der Regierungsgewalt in Flammen stehen, alle diese Minister, Bureauchefs und Beamten werden fliehen. Das Ende der Fäden, welche in die Provinzen führen und dort die Regierungskräfte in Bewegung setzen, wird zerstört sein, und das Volk wird sich aus den Vorstädten heranwälzen, und bevor noch irgend Jemand weiß, was eigentlich vorgeht, wird Alles gethan sein, Paris wird uns gehören, und diese träge, unentschlossene Masse, welche man Volk nennt, wird hier wie im ganzen Lande unsern Befehlen folgen und durch unsere Organisation in Bewegung gesetzt werden. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, daß die Sache schnell und auf allen Punkten gleichzeitig ausgeführt wird.
Das ist mein Vorschlag,“ sagte er, sich auf seinen Stuhl zurücklehnend und mit dem Stöckchen an seine Stiefel klopfend, „er ist einfach, leicht ausführbar und wirksam. Die Vorbereitungen sind getroffen. Wollt Ihr handeln, so handelt, wollt Ihr es nicht, so laßt es bleiben, dann aber werde ich mich zurückziehen, denn ich habe keine Lust mehr, meine Zeit mit Redensarten und zwecklosen Agitationen zu verschwenden.“
„Der Plan ist großartig, vortrefflich! Dieser kleine Raoul Rigault hat wirklich eine Armee in seinem Kopf,“ rief Ulric de Fonvielle.
„Die Sache ist allerdings gut ausgedacht,“ sagte Lermina, „und sie kann reussiren.“
Varlin sagte nichts. Er saß tief nachdenkend da, doch zeigte der Ausdruck seines Gesichts, daß er den Plan Raouls billige und über dessen Ausführung nachsann.
„Natürlich kann die Sache reussiren,“ sagte Raoul Rigault, „und sie muß reussiren, wenn sie nicht überaus dumm angegriffen wird, und daß dies nicht geschieht, dafür müßt Ihr sorgen. Ich habe nicht Lust,“ fügte er im affectirt hochmüthigen Ton hinzu, „mich um diese petites besognes zu kümmern. Ich habe Euch die Instrumente geschafft, ich habe Euch einen Menschen gestellt, welcher den ersten Schlag führen wird, an Euch ist es, die Stunde fest zu stellen und Eure alten Weiber und Kinder an die richtigen Orte zu führen, um aus diesen alten dumpfen Bureaus und Aktenhaufen ein lustiges, fröhliches Feuer aussteigen zu lassen. In drei Tagen könnt Ihr damit fertig sein. Jetzt laßt uns gehen, es könnte im Hause Aufsehen erregen, wenn wir noch länger hier bleiben.“
Er stand auf, grüßte mit einer stutzerhaften Bewegung mit der Hand und ging hinaus.
„Er hat uns in der That überflügelt,“ sagte Lermina, ihm finster nachblickend, — „ich liebe ihn nicht, diese ganze geckenhafte Art wichtige Dinge zu behandeln, mißfällt mir. Aber seine Ideen sind gut und seine Vorbereitungen vortrefflich. Wenn Ihr einverstanden seid, soll der Plan ausgeführt werden, er kann uns Jahre langer Agitationen überheben und mit einem Schlage an das Ziel unserer Wünsche führen, — und selbst, wenn der Plan mißlingen sollte, was ist dabei verloren — ein zerschmetterter Kaiser, einige ausgebrannte Steinhaufen, — weiter nichts,“ fügte er mit einem entsetzlichen Lächeln hinzu, welches seine steinernen und unbeweglichen Züge in furchtbarer Weise verzerrte.
„Der Plan wird gelingen,“ rief Ulric de Fonvielle lebhaft, „die ganze Kraft der Regierung ist zertrümmert, sobald der Mittelpunkt zerstört ist, Frankreich und die Zukunft gehört uns.“
Varlin stand auf.
„Der Plan kann gelingen,“ sagte er, „wenn Niemand außer uns etwas davon erfährt, keines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, darf den ganzen Zusammenhang dessen, was geschehen soll, auch nur ahnen.“
Er streckte seine Hand aus.
„Schwören wir uns gegenseitig,“ sagte er, „bei unserm Hasse gegen die Ausbeuter der Arbeit Verschwiegenheit und Tod dem, der den Schwur bricht.“
Lermina und Fonvielle legten ihre Hände in diejenige Varlins.
„Wir schwören Verschwiegenheit,“ sprachen sie, „Tod dem, der diesen Schwur bricht.“
Dann verschlossen sie sorgfältig alle Schubladen des großen Tisches, in welche sie vorher die von Raoul Rigault mitgebrachten Proben der Sprengbomben legten, verließen das als ein einfaches Versammlungslocal erscheinende Zimmer, ohne dessen Thür zu verschließen und gingen vor dem äußern Thor des Hauses nach verschiedenen Richtungen auseinander.
Einige Augenblicke blieb der große dunkle Raum im tiefen Schweigen, dann ließ sich ein leises Geräusch vernehmen; — unter dem Tisch, an welchem die vier Verschwörer so eben gesessen hatten, drang ein Lichtstrahl hervor, eines der Bretter des Fußbodens erhob sich, aus der Öffnung stieg ein Mann mit einer kleinen Blendlaterne hervor. Er leuchtete mit dem hellen Strahl seiner Laterne nach allen Seiten in die Tiefe des Zimmers hinein, dann drückte er das erhobene Brett sorgfältig in seine alte Stelle zurück, scharrte etwas von dem auf dem Boden liegenden Staub in die Spalten, zog dann mehrere sauber gearbeitete Schlüsselhaken aus der Tasche und öffnete die Schublade des Tisches. Er nahm eine der Bomben und steckte sie in seine Tasche, dann zog er ein kleines Notizbuch hervor und schrieb beim Schein seiner Laterne einige Worte in dasselbe, indem er vor sich hinflüsterte.
„Lepet, Gießer, — Beaury, Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig.“
Dann ging er zur Thür, löschte seine Laterne aus, verließ leisen Schrittes den Hof und das Haus und begab sich ruhig, die damals so beliebte Melodie des Pompier de Nanterre vor sich hin pfeifend nach der Polizeipräfectur, wo er durch den Dienst thuenden Huissier sogleich in das Cabinet des Präfecten geführt wurde.
Ende des zweiten Bandes.