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Der Todesgruß der Legionen, 1. Band

Front matter (continued 3)

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"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen, die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne Erschütterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen, welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben gerufen hat."

Herr von Beust schwieg einen Augenblick.

"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog grade anblickte,—"daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen—mehr persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können, dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht hat."

Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn gerichteten Blick des Grafen Beust aus.

"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich, soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wünschenswerth erscheinen möchten."

Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der Decke des Schreibtisches.

"Wie mir der Fürst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber geworden."

"Bei den eigentümlichen Verhältnissen," erwiderte der Herzog, "welche zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch direkten Verkehr hergestellt werden könne.—Auch giebt es Propositionen, die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.—Jedenfalls glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre."—

"Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache," fragte Graf Beust rasch und bestimmt.

"Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte der Herzog mit vollkommener Ruhe, "daß ich Instructionen habe, mich über die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht berührt hat.—Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube."

Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller Aufmerksamkeit auf den Herzog.

"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "daß die Verhältnisse in Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen sind.—Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.—Von diesen Prämissen ausgehend," fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend zuhörte, "würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen großen Gewinn betrachten müssen.—Der König Victor Emanuel ist zu einer solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage, dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin würde ein solcher Gewinn sein—um dieses Gewinns willen würde das italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten, wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort, Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches Oesterreich zu gewähren im Stande ist.—Wir können in diesem Augenblick Rom nicht Preis geben.—Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend erscheint.—Nach meiner persönlichen Auffassung," fuhr er fort, "würde dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach anderer Richtung hin ersetzen lassen.—Frankreich hat dasselbe Interesse wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht unterlassen könnte."

"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem beinahe gleichgültigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort, "ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge, klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und nothwendig—und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen Verhältnisse eingetreten.—Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten—oder möglicher Weise zu schaffenden—vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in Oesterreich—Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns Rußland, dem wir nicht gewachsen sind—"

"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active militairische Hülfe verspricht."

"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, "wenn ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick wirklich gehalten würden, wofür—ich muß es wiederholen—immer schwer eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall, daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict siegreich hervorgehen sollte—"

"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart emporkräuselte,—"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit Frankreich!?—ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben."

"Sie müssen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende.—Eine kluge Politik muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen bestimmen lassen.—Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe, eine Frage zu beantworten:—Glauben Sie, daß es aus irgend welchem Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?"

Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe und bestimmte Frage.

"Ich glaube," sagte er, "daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten.—Indessen hat er auch die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien Volkswillens erhalten haben werden—"

Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an, dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte.

"—dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne Frankreichs Genehmigung zu lenken."

"Aber," sprach Graf Beust, "dazu würde immer ein stichhaltiger und völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe nicht ein—"

"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja täglich verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten Kriegsfall zu finden—"

"So," fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, "so sollte also Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?"

"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,—"ich spreche hier natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus,—daß der mächtigste Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme, uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird, welcher Oesterreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der süddeutschen Staaten einzutreten."

"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war, vollständig aufgab—"da die Unterhaltung, welche wir in diesem Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer maßgebend sein und bleiben würden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren Verfassungszustände zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals, so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn—wie Sie vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte, sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Oesterreich trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die Verhältnisse einzugreifen.—Ich vermöchte mir heute keine Eventualität zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Oesterreichs im Gegensatz zu Frankreich rechtfertigen könnte.—In dieser Anschauung liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Oesterreich vorgeschrieben scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen Staatsmann ein Verbrechen—und vor Allem würde ich wenigstens niemals die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden. Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel über die Haltung bestehe, welche für Oesterreich unabänderlich geboten erscheint."

"Sie müssen natürlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in dem höflichen Ton seiner Stimme, "Sie müssen dies natürlich besser beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte, daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden."

"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich sich jemals von Oesterreich trennen könne.—Eine solche Trennung," fuhr er mit feiner und scharfer Betonung fort, "könnte jedenfalls nur dann möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt würde—ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fügte er im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, "tauschen wir ja in diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte."

Der Herzog erhob sich.

"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, "daß der König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun, immer schwieriger zu machen."

"Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "daß diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen Charakter zu nehmen."

"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von 1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen, wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland zu seiner Sache verhalten wird.—Was Frankreich betrifft, so stehe ich auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden werden," fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu, indem er ihm die Hand zum Abschied drückte.

Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück.

"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden, schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut. Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er, "wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen."

Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.

Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.

"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder für möglich halten?—Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem Besinnen.

Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet. Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe weißes Haar war kurz geschnitten,—sein eckiger Kopf, mit den großen abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten dunklen Ueberrocks noch höher erschienen.

Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich doch ein wenig abwehrende Kälte mischte.

"Was führt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich glaubte, Sie wollten für einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht," fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des Staatsraths fort, "vielleicht wäre das besser gewesen.—Sie wissen, daß nach den Vorgängen mit der Wiener Bank und dem König von Hannover hier Rücksichten zu nehmen sind—"

"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick herübergekommen und denke nicht, hier acte de présence zu machen. Doch habe ich nicht unterlassen können, hier Mittheilungen von dem zu machen, was ich gesehen und gehört, und was so Viele nicht sehen und nicht hören wollen."

"Ich weiß, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hören," sagte Graf Beust lächelnd—"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von besonderem Interesse sein zu hören, was Sie dort wahrgenommen haben."

"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die Hände über der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem Kragen seines Rockes zurückzog, daß das Kinn fast ganz in seiner weißen Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, daß ein großer Sturm im Anzuge ist, welcher Europa noch tiefer erschüttern wird, als die Ereignisse von 1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man meinen Rath hören, wenn man meine Warnung beachten will."

Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath.

"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was hat er Ihnen gesagt?" fragte er,—mit seinen kleinen Augen scharf von unten heraufblickend,—"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig über diese eigenthümliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation des General Türr befragt haben, welcher da plötzlich in Paris erschienen ist, um europäische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt und exerciren läßt.—Eine eigenthümliche Zeit," sprach er, sich unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der Oberfläche der linken trommelte, "eine eigenthümliche Zeit, Alles wird auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr, kein System! Kein Wunder, daß sich da die Fäden zu einem gordischen Knoten verschlingen, und daß Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der kühn—oder plump genug ist," fügte er achselzuckend hinzu, "das unlösbare Gewirr mit dem Säbel zu zerhauen.—Was würde der große Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der politischen Maschinerie Europa's sehen könnte, in welcher zu seiner Zeit so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem Willen so richtig und exact spielte!"

"Nun," sprach Herr von Beust lächelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir müssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur—ganz persönlich—die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf betont. Ich glaube allerdings, daß man in Paris etwas energisch auftreten möchte, und daß man dazu Alliancen sucht.—Findet man sie nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon öfter beruhigt hat."

Ein fast mitleidiges Lächeln zuckte über den breiten Mund des Staatsraths.

"Daß man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "daß man sich beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich nicht theile."

"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flößt ernste Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die höchste Ruhe und Schonung, wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action möglich sein, da doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens für die auswärtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des Kaisers abhängt."

"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die auswärtige Politik hängt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig. Aber von wem hängt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen fast willenlosen Mannes ab?—Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um das jugendliche Haupt zu winden,—und während dieser Lorbeer an den Grenzen gepflückt wird, beabsichtigt man, eine große Generalprobe für die künftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten fangen an, Ihre Majestät zu langweilen," sprach er im höhnischen Ton, "die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen Rath Ihrer Majestät ist der Krieg beschlossen, und täglich werden dort die Vorbereitungen dazu discutirt, während dieser allmälig absterbende Kaiser unter den Händen seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner Schwäche kämpft."

"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehört hatte, mit dichtem Kopfschütteln fort, "glauben Sie, daß es der Kaiserin, wenn sie wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen werde, den Kaiser, der schon in seinen früheren Jahren so schwer zu den äußersten Entschlüssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefährlichen Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der persönlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten können. Und," fuhr er fort, "welche Organe würde die Kaiserin finden, um die Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Glauben Sie, daß Graf Daru—"

"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird über ihn dahinschreiten."

"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und den Staatsrath Klindworth groß ansah, "ein Plebiscit und warum das?"—

"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Körper angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persönliche Regiment und das persönliche Regiment soll ungebunden und frei über allem constitutionellen Kram stehen, den man der öffentlichen Meinung als Spielwerk hinwirft."

"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "daß das Plebiscit eine beschlossene Sache ist?"

"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, daß ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache vollkommen gewiß bin."

"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings ernst, das deutet darauf hin, daß man Etwas wie einen Staatsstreich vor hat, nicht nach Innen kann er sich richten—"

"Le coup d'Etat européen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name, den man in dem geheimen Comité, in welchem die Politik Ihrer Majestät der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem Staatsstreich des 2. December das Plebiscit folgte, so wird es diesmal dem großen europäischen Staatsstreich vorhergehen."

"Wer aber," sagte Graf Beust,—"ich muß meine Frage von vorhin wiederholen,—wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen ausführen wollen?"

"Ihre Majestät," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin, Werkzeuge für ihre Pläne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniß und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr Ollivier—"

"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer—der Mann des Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung möglich."

"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der soeben noch auf dem Platze saß, den ich jetzt einzunehmen die Ehre habe."

Graf Beust neigte sinnend das Haupt.

"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, daß man Grammont einer solchen Aufgabe gewachsen hält?"

"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur Ausführung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genügende Maß jenes altfranzösischen Leichtsinns, welcher schon in früheren Phasen der Geschicke Frankreichs die unmöglichsten Dinge unternommen, und," fügte er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgeführt hat."

Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken versunken.

"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, daß sich Personen finden, welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs auf's Spiel setzen, so gehört doch dazu immer noch ein Kriegsfall.—In Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"—

"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath kaltblütig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor, deren Fäden ganz zufällig in meine Hände gekommen sind, und welche man demnächst gehörig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird."

Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an.

"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "daß die spanischen Angelegenheiten dem Kaiser sehr große Sorgen machen. Die Agitationen des Herzogs von Montpensier erfüllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er haßt und fürchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches Königthum an der andern Seite der Pyrenäen würde ihn keinen Augenblick ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hübsche Idee suppeditirt. Sie erinnern sich, daß Madame Cornu, des Kaisers geistvolle Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits den jetzigen Fürsten von Rumänien auf seinen so wenig sichern und erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, daß diese Dame gegenwärtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee zurückgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,—der Prinz ist ein Verwandter seines Hauses, er ist ihm persönlich sehr geneigt und würde ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien sehen, der freilich ein wenig größer und glänzender, aber darum weder sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fürstenstuhl von Rumänien ist."

Graf Beust lachte.

"Ich habe früher von diesem Gedanken gehört," sagte er, "man hat darüber gesprochen. Ich habe aber das Alles immer für eine von jenen Blasen gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche der Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und verschwinden."

"Es ist möglich," erwiderte der Staatsrath, "daß diese Blase auch diesmal wieder platzen und verschwinden wird, für den Augenblick jedoch ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten des Fürsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden sollte, sich daraus einen hübschen Kriegsfall zurecht machen."

"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt.

"Ganz gewiß," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestät Napoleon III. wird die Idee haben, daß er, indem er diese kleine Negociation gewähren läßt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, daß er sich da einen kleinen befreundeten König von Spanien schafft, wenn er überhaupt an den definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.—Vielleicht wird er auch gar nicht darüber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so Vieles gehen läßt. Dann aber wird man ihm eines schönen Tages klar machen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron—"

"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preußischer Prinz," warf Graf Beust ein.

"Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz Frankreich dafür halten lassen.—Man wird also," fuhr er fort, "dem Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen Kriegsfall haben."

Herr von Beust lächelte abermals.

"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, daß ich das größte Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Ueberzeugung die Grenzen des Möglichen überschreiten."

Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander, richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit scharfer Betonung:

"Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen, was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen. Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm stellt."

Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit.

"Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu rathen.—Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath bitten?"

"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und Trutzbündniß mit Oesterreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath, das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen.—Es war nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit, wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und Veränderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenüber muß Oesterreich nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen haben—den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung in die Ereignisse hineintreiben zu lassen."

"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.—

"Ich meine," sagte der Staatsrath, "daß der Augenblick gekommen ist, um einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann—allerdings unter veränderten Verhältnissen—jene alte Tripelallianz wieder hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches; wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866 verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im ungünstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben würde. Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren. Die norddeutschen Mächte würden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen; vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin nachdenken—vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn Oesterreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische Stellung Oesterreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer aufgegeben werden müssen."

Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.

"Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?" fragte er.

"Die Erinnerungen an die große Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist Alles zu erhalten, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen," fuhr er fort, "auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen. Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird. Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthätig fern geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber," fügte er hinzu, indem sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen hinüberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden."

"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton.

"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten, wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von innen her verhindert würde—wenn Oesterreich gezwungen werden sollte, dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig nach Pesth zu verlegen—vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen Collegen."

Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und sprach:

"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich hoffe—Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen—?" fügte er mit einem fragenden Blick hinzu.

"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten."

"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann über Ihre Beobachtungen weiter au courant zu halten."

Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ.

"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen Stuhl zurücklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich!—Er ist zwar sonst gut unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu seiner Kenntniß kommen.—Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber nachforschen lassen.—Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen für zweifellos halten.—Ich habe es übernommen," sprach er ernst, den Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend, den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fügte er leise hinzu, "daß diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch unüberlegtes Handeln gefährde."

Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben aufgehäuften Depeschen zu durchlesen.

Sechstes Capitel.

In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing saß der König Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem großen, mit golddurchwirkter rother Decke überhangenen Tisch.

Der König trug den weiten Ueberrock seiner österreichischen Uniform und rauchte aus einer langen hölzernen Cigarrenspitze.

Er war soeben aus dem großen Garten der Villa von seinem Morgenspaziergang zurückgekehrt, und seine älteste Tochter, die Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm.

Der König war in den letzten Jahren seines Exils merklich älter geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein alter Humor hervortrat. Sein dünnes Haar begann grau zu werden, die scharfen classischen Formen seines schönen Profils traten markirter als sonst hervor und gaben seinem früher so weichen und jugendlichen Gesicht einen Zug von Härte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war.

Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fürstlicher Würde und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schüchternen Bescheidenheit. Die Prinzessin war groß und schlank gewachsen, ihr einfach frisirtes, natürlich gelocktes goldblondes Haar ließ die edle Wölbung der reinen und weißen Stirn fast ganz frei. Ihre großen blauen, durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drückten muthigen Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht aufgeworfener, schön gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige Zurückhaltung mit kindlicher Naivetät.

Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab, welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefühlen zu kämpfen schien, und mit heftiger Bewegung der Lippen große Wolken bläulichen Dampfes vor sich hinblies.

"Von allen schweren Schicksalsschlägen," sagte der König, "die mich in diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich berührt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muß—daß Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglück so treu geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und," fuhr er fort, "daß diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts vollkommen verloren haben, daß sie es wagen, so gegen mich aufzutreten."

"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weißt Du denn gewiß, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne erscheint—und wie vielleicht Manche," fügte sie ein wenig zögernd hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Düring, und von ihm kann ich doch unmöglich annehmen, daß er irgend Etwas gegen das Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen."

"Ich auch nicht," rief der König lebhaft, mit zwei Fingern seiner rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben, ich stehe vor einem unlösbaren Räthsel. Doch liegen die Thatsachen vor mir, meine Officiere und Düring an ihrer Spitze widersetzen sich der Ausführung meiner Befehle. Ich habe Düring das Commando über die Emigranten abgenommen und ihn der Führung der Geschäfte meines General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz übertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklärung, daß er es mit seiner Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen könne, die Befehle auszuführen, die ich ihm in Betreff der Auflösung der Emigration gegeben habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination—das höchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?"

"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Düring, wie auch Herr von Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle übrigen Officiere freiwillig unser Unglück und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrière aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen öffnete, und welche sie auch, wie so viele andere Officiere der hannöverschen Armee, in Preußen hätten finden können. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fügte sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem Kampf gegeben hast—wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie nicht müde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben—sollte man dann nicht annehmen, daß sie irgend einen ehrenwerthen und verständigen Grund dazu haben, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt, welches man aufklären müßte."

"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der König, schmerzlich aufseufzend, indem er den Kopf in die Hand stützte. "Das habe ich mir auch schon oft gesagt, es ist ja doch unmöglich, daß eine Anzahl von Männern, die bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und meiner Sache zu schaden."

"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Auflösung der Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch unmöglich anzunehmen, daß alle diese Herren nicht irgend einen Grund für ihre übereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa," fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu prüfen und nicht nach einseitigen Berichten und Vorträgen zu entscheiden."

"Gott weiß es," rief der König, "wie schwer es mir wird, überhaupt die Legion aufzulösen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal gefolgt sind, sich selbst zu überlassen. Aber es kann ja nicht anders sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher berührt mich der Widerstand, dem ich begegne.—Ich werde," rief er nach kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hören,—ich will die ganze Frage nochmals reiflich überlegen, denn ich stehe vor einer für mich und die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung."

"Und wenn die Legion aufgelöst wird," sagte die Prinzessin, "würde es dann nicht nöthig sein, für die armen Emigrirten die freie und straflose Rückkehr in die Heimath vom König von Preußen zu erwirken?—Windthorst hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten."

"Niemals," rief der König lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation zu solchen Verhandlungen geben! Das hieße die Annection meines Königreichs anerkennen, das hieße zugestehen, daß der König ein Recht habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit zu bestrafen.—Und das werde ich nie zugestehen."

Nach einem kurzen Schlag an der Thür trat des Königs Kammerdiener Thoms in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu Seiner Majestät Befehl.

"Er soll kommen," rief der König lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein Töchterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn reichte, auf die er zärtlich seine Lippen drückte.

"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet geführt hatte und nun die beiden Flügel der Thür für die Prinzessin öffnete. Prinzessin Friederike verließ mit leichtem freundlichen Gruß gegen den sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters.

Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswärtigen Angelegenheiten des früheren Königreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des verbannten Königs, war damals sechsundfünfzig Jahre alt. Die letzten Jahre hatten seine früher noch jugendliche und kräftige Erscheinung wesentlich älter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine Bewegungen noch die frühere Elasticität, auch trug sein volles, etwas langes und gelocktes Haar noch eine gleichmäßig schwarze Farbe, doch war sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszüge waren welk und abgespannt.

Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, küßte die Hand, welche der König ihm reichte und setzte sich dann in einen der großen, mit schottischem Seidenstoff überzogenen Lehnstuhl neben seinem Herrn.

"Ich bin erfreut, Eurer Majestät mitzutheilen," sagte er, "daß die Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch günstiger für unsere Kasse stellen wird, als es anfänglich den Anschein gehabt hat. Es haben sich einige günstige Verkäufe realisiren lassen, so daß, wenn Alles ferner gut geht, Eure Majestät mit einem Verlust von nicht ganz zwei Millionen Gulden davonkommen werden."

Der König seufzte tief auf.

"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld an sich für mich hat. Es ist für mich immer nur Mittel zum Zweck. In diesem Augenblick muß es mir dienen, um den heiligsten und höchsten Zweck zu verfolgen, den ich kenne—die Wiedererlangung meines Rechts und die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berührt mich dieser an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel sind ja ohnehin schon beschränkt genug."

"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen Händen nunmehr wieder Eurer Majestät Vermögen gelegt ist," sagte Graf Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser unglücklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestät in jedem Jahr dreihundertfünfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so schnell als möglich aus Eurer Majestät Ausgabenbudget verschwinden läßt, so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive Capitalsverzehrung wird Eure Majestät endlich in die Lage bringen, Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preußen auf Gnade oder Ungnade zu ergeben."

"Traurig, traurig!" rief der König, "daß es dahin gekommen ist! Mein Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere damals vor der Amortisation verkauft hätte, was Herr von Malortie verhinderte,—oder wenn die in Hannover befindlichen Bestände vor der letzten Beschlaglegung auf mein Vermögen in Sicherheit gebracht wären, was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wäre ich niemals in die traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem ungewissen Schicksal überlassen zu müssen."

Rasch öffnete sich die Thür. Der Kronprinz Ernst August trat in's Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex.

Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt, fast noch höher, als sein Vater, doch während die Gestalt des Königs in ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Würde und Majestät machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und Sicherheit. Das schöne glänzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten und von der schmalen zurücktretenden Stirn aufwärts emporgekämmt. Der Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit großen Gläsern verhüllte, war freundlich und gutmüthig. Seine platte, eingedrückte Nase und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schönen frischen Zähnen, war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszüge seines Vaters weit entfernt und das freundliche Lächeln, welches gewöhnlich seinen Mund umspielte, berührte nicht so sympathisch als die liebenswürdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Königs erhellte.

Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine auffallend kleine, magere Gestalt war gebückt und in sich zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen Haar zeigte einen stets mürrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug von kritischer Ironie durch die Gläser seiner feinen Brille.

Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu demselben herab, und der König küßte ihn herzlich auf die Stirn. Dann setzte sich der Prinz zu dem König und dem Grafen Platen, während der Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm.

"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen über die Maßregeln auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflösung der Emigration, welche ich leider unabänderlich habe beschließen müssen, durchzuführen."

"Majestät," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich zusammenschmiegte, "ich muß zunächst noch einmal darauf zurückkommen, genau zu constatiren, daß mit den Allerhöchst Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln der königliche Hofhalt und die zur Geltendmachung Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten werden können, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jährlich nicht aus dem Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniß zu machen, um zu gleicher Zeit die Emigrirten, welche, um der königlichen Sache zu dienen, ihre Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir erlaubt, Eurer Majestät vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz schaffen kann."

"Es wird eine große Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den Zähnen an den Nägeln seiner Finger biß.

"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den König vor dem Vorwurf zu schützen, daß Seine Majestät die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach verläßt."

"Und ich hoffe," rief der König lebhaft, "daß die Summe genügend bemessen ist."

"Vollkommen genügend, Majestät," sagte Graf Platen, "um so mehr, da für Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch außerdem das freie Reisegeld gewährt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich herausgestellt, daß die Officiere der Emigration aus Gründen, die ich nicht begreifen kann," fügte er achselzuckend hinzu, "sich der Auslösung der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig entsprechenden Weise widersetzen."

Der König biß schweigend auf seinen Schnurrbart.

"Eure Majestät," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von Tschirschnitz übertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu sein, die Maßregeln Eurer Majestät rücksichtslos durchzuführen. Ich halte es deshalb für nothwendig, daß Eure Majestät Allerhöchst Ihren Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm nicht nur die Geschäfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das Commando der Legion übertragen, damit die nothwendige und befohlene Auflösung der Legion schleunigst und ohne Weitläufigkeit vollzogen werde. Es scheint," sprach er weiter, "daß die Officiere die Absicht haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstützung herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in Algerien auszuführen, für welche sie sehr große Neigung hatten."

"Die Idee wäre durchaus nicht übel," sagte der König. "Nach den Versprechungen der französischen Regierung hätte den armen Emigrirten dort ein gutes Loos bereitet werden können, und ich habe den Gedanken nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben. Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion verkauft werden, wie sie sich ausdrückten. Sie haben zuweilen sehr unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnäckig in ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mußte ja auf eine so allgemein im Lande verbreitete Ansicht Rücksicht nehmen."

"Es möchte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in Algerien ganz angenehm und vortheilhaft für die Leute gewesen sein können. Aber—so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von der Tasche los werden können, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht gegangen wäre, so hätte man immer auf uns recurrirt, und die ganze Geschichte wäre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die Hauptsache ist, daß die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns wieder zur Last zu fallen."

"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der König, das Haupt erhebend. "Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen Verhältnissen kann, für das Wohl meiner Leute zu sorgen, und außerdem habe ich die politische Rücksicht zu nehmen, Ansichten und Wünsche der Bevölkerung meines Königreichs so viel als möglich zu schonen."

"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestät nach reiflicher Erwägung beschließen, die Legion definitiv aufzulösen und eine Auswanderung der Leute nach Algerien möglichst zu inhibiren. Es ist aber nöthig, diesen Beschluß schleunigst auszuführen, damit vor dem 1. April Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestät befehlen, den Major von Adelebsen dorthin zu senden, so—"

Der König hatte das Haupt in die Hand gestützt und dachte längere Zeit schweigend nach.

"Wäre es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem Kronprinzen hinwandte, "wäre es nicht am besten, um die Sache am einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath Meding, den Major von Düring und vielleicht noch einige der Officiere hierherkommen ließ, um ihnen persönlich meine Befehle zu ertheilen und die Mißverständnisse aufzuklären, welche doch wohl in der ganzen Sache bestehen müssen, da ich mir anders den eigenthümlichen Widerstand nicht erklären kann, den man mir entgegensetzt."

Graf Platen bog den Oberkörper zusammen, warf einen schnellen Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte:

"Ich fürchte, Majestät, daß eine solche Maßregel, wie Allerhöchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion über die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausführung der von Eurer Majestät gefaßten Beschlüsse noch weiter hinausschieben würde. Eure Majestät haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, daß dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu gegenseitiger Unterstützung fern halten sollen. Damit ist also ausgeschlossen, daß irgend Etwas geschehen könne, was die dortige Sachlage ändert; wenn Eure Majestät nunmehr den Major von Adelebsen mit bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist übrigens," fuhr er mit einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinüber, "der Feldwebel Stürmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im Auftrage seiner Kameraden persönlich zu erkundigen, was denn eigentlich der Wille und Befehl Eurer Majestät sei."

"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der König schnell.

"Nur flüchtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestät nicht vorgreifen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, wenn Höchstdieselben ihn selbst anhörten."

"Einen Feldwebel anhören, ohne daß ich meine Officiere gehört habe," rief der König lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach einem augenblicklichen Nachsinnen, "daß es am besten sein wird, vor Allen Meding und Düring hierher kommen zu lassen, um zu hören, wie die Sache dort liegt und was sie denn eigentlich für Gründe gegen die von mir beschlossene Art der Auflösung der Emigration haben."

Graf Platen rieb sich die Hände und neigte den Kopf hin und her, ohne indeß etwas zu sagen.

"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefaßten Beschluß wieder abgehen? Es scheint mir doch—"

Ein Schlag an der Thür ertönte.

"Wer ist da?" fragte der König mit seiner lauten hellen Stimme.

Der Kammerdiener trat ein und sprach:

"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniß, Eurer Majestät eine Meldung machen zu dürfen."

"Er soll kommen," rief der König etwas verwundert.

Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren, etwas über Mittelgröße, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe und unregelmäßigen Zügen, welche wenig sympathisch berührten, obgleich in ihnen mehr zurückhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene eigenthümlich-charakteristische Häßlichkeit, welche auf die Dauer zu gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstät und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah.

Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des frühern hannöverschen Garderegiments trug, näherte sich dem König und sprach im Ton dienstlicher Meldung:

"Majestät, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestät im Auftrage ihrer sämmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz."

Der König richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter freudiger Schimmer flog über seine Züge.

"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er.

"Sie haben ein Schriftstück mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und welches ihren Auftrag enthält. Der Inhalt dieses Schriftstücks jedoch hat mich in so hohem Grade befremdet, daß ich fast Anstand nehmen muß, denselben Eurer Majestät mitzutheilen."

"Sprechen Sie," sagte der König im ernsten Ton, während der Kronprinz und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten.

"Eure Majestät," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstützung zu betheiligen und sich überhaupt jedes Einflusses auf die Entschließungen der Soldaten über ihr künftiges Leben zu enthalten."

"Ganz Recht," sagte der König.

"Die Officiere erklären nun," sagte Herr von Adelebsen, "daß sie es für ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen angeschlossen hätten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlaßt hätten, nicht schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich für verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber könnten sie nicht glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "daß der Befehl, welcher ihnen allerdings mit Eurer Majestät Unterschrift vorgelegt worden sei, von Allerhöchstdenselben wirklich in voller Kenntniß des Inhalts unterschrieben sei, da eine Bestätigung der Allerhöchsten Unterschrift auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie hätten deßhalb die Lieutenants von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestät ihre Bedenken vorzutragen und Allerhöchstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere Allerhöchsteigenhändig zu unterzeichnen."

Der König sprang empor, eine flammende Röthe flog über sein Gesicht, er biß die Zähne aufeinander und stieß mit einem zischenden Laut mehrmals den Athem aus seinen Lippen.

Der Kronprinz lächelte still vor sich hin, Graf Platen ließ den Kopf auf die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder.

"Dahin ist es also gekommen," rief der König mir lauter Stimme, "daß die Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine königliche Unterschrift trägt, daß sie von mir, ihrem obersten Kriegsherrn, die Erfüllung jener constitutionellen Form verlangen, welche für die Civilverwaltung des Königreichs gesetzlich vorgeschrieben war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muß in jenen Kreisen herrschen, wenn so Etwas möglich ist. Welcher Dämon muß seine Gewalt über diese Officiere üben, daß sie es wagen, mir so gegenüber zu treten."

"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein höchst unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Aber," fügte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer Gegenwart von Eurer Majestät vollzogen zu sehen, da sie denselben anders nicht für gültig erkennen können."

"Sagen Sie den Herren," rief der König mit zitternder Stimme, "daß ich sie nicht empfangen wolle, daß ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich nach Paris zurückzureisen. Ich werde ihnen," fügte er mit mühsam unterdrückter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an welcher sie keinen Zweifel werden hegen können."

Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lächeln der Befriedigung um seine Lippen spielte und verließ das Zimmer.

"Graf Platen," rief der König, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Düring sofort übernehmen könne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die Auflösung der Legion durchzuführen."

"Wäre es nicht zweckmäßig, Majestät," sagte Graf Platen, "bei dem Geist des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen scheint, die hauptsächlichsten Führer derselben von dort zu entfernen. Ich meine insbesondere den Major von Düring und den Premierlieutenant von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger bestimmen lassen."

"Gewiß," sagte der König, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen. Düring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort meine weiteren Bestimmungen abwarten."

Er lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

"Würde es aber nicht zweckmäßig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Auflösung der Legion in Frankreich durchgeführt werden soll und werden wird, dafür Sorge zu tragen, daß diese Maßregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der französischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestät auf Ihr Recht verzichten und jede Thätigkeit für die Wiedererlangung desselben für immer aufgeben?"

"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "daß man die Sache so ansehen könnte. Jedermann weiß, daß die Mittel Eurer Majestät beschränkt sind, und Jedermann wird begreifen, daß Allerhöchstdieselben auf die Dauer solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermögen."

"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht. Lassen Sie durch Lumé de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon aufsetzen, worin ich ihm die Gründe meiner Maßregeln auseinandersetze, ihm für den Schutz, den er bisher den hannöverschen Emigranten gewährt hat, danke und zugleich erkläre, daß die Auflösung der Legion lediglich durch finanzielle Rücksichten geboten sei und daß ich trotzdem niemals aufhören würde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um für mein verletztes Recht zu kämpfen."

Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der König auf und sagte:

"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein."

Flüchtig berührte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher sich ihm näherte und dann das Cabinet verließ. Graf Platen und der Geheime Cabinetsrath folgten und der König blieb allein.

Er ließ den Kopf auf die Brust niedersinken. Längere Zeit hörte man in dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzüge, welche seine Brust bewegten.

"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.—"Ich habe meinen Thron und mein Königreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt, dessen Glück die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und nun muß ich es erleben, daß auch Diejenigen, welche mein Unglück theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, daß sogar die Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmüthig und opferfreudig sich für mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich gegen mich auflehnen!"

Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches ihn umgab.

"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist, den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine Beschlüsse gefaßt, ich habe gethan, was ich für meine Pflicht hielt,—und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von Denen, welche ich für die Treuesten hielt! Fast möchte ich irre werden an dem, was ich für recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die mich hier mit Rath umgeben—"

Er seufzte tief auf.

"Ich weiß, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche den großen Staatsmann machen, ich weiß, wie leicht er zu beeinflussen ist.—Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene Emigranten, die ich ferner nicht unterstützen kann, werden ja, wenn sie von derselben Begeisterung für ihre Sache erfüllt sind, welche einst ihre Väter auf allen Schlachtfeldern Europa's für ihren König kämpfen ließ, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht—

"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel—oh, daß ich nur einmal die Blicke und Mienen Derjenigen sehen könnte, die zu mir sprechen. Ich würde leichter erkennen können, wo die Wahrheit liegt."

Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stützte den Kopf in die Hände und blieb lange in tiefem Sinnen versunken.

Dann plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er die goldene Glocke, welche auf einem schön ciselirten Teller vor ihm stand. Der Kammerdiener trat ein.

"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der König rasch.

"Zu Befehl, Majestät, der Graf ist bei Seiner königlichen Hoheit dem Kronprinzen."

"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen."

Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf Platen abermals in dem Cabinet des Königs.

"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stürmann. Ist er hier? Ich will ihn sprechen."

Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte dann:

"Der Feldwebel ist hier, Majestät, er hat soeben noch Seiner Königlichen Hoheit Bericht über die Verhältnisse und Stimmungen unter den Emigranten erstattet."

"Bringen Sie ihn her," sagte der König kurz.

Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahren, dem man trotz seiner bürgerlichen Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurück.

Der Feldwebel Stürmann war eine hagere dürre Gestalt von Mittelgröße, sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes Gesicht von graugelber Farbe drückte Verschlossenheit und eigensinnige Beschränktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag jene listige Verschlagenheit, welche man häufig in dem niedersächsischen Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann in militairisch dienstlicher Haltung stehen.

"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der König in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter denselben vorgeht."

Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfälligen Stimme, indem er mit einer gewissen Mühe langsam die Worte hervorbrachte.

"Ich bin hierher gekommen, Königliche Majestät, um genau zu erfahren, was denn eigentlich Eurer Majestät Willen und Befehl ist, da weder ich, noch meine Kameraden uns vollkommen klar darüber sind."

"Und warum nicht," fragte der König kurz.

"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich commandirt haben, und zu welchen wir Alle das größte Vertrauen hatten, haben uns vor einiger Zeit gesagt, daß es der Wille Eurer Majestät sei, für uns eine Colonie in Algerien zu gründen, damit wir dort uns eine neue Heimath schaffen und abwarten können, bis der Moment gekommen wäre, für das Recht Eurer Majestät in den Kampf zu gehen.

"Weiter," sprach der König.

"Wir haben uns Alle bereit erklärt," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzählt wurde. Aber für Eure Majestät und für unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er die Hand auf die Brust legte, "würden wir ja bis an's Ende der Welt gehen.

"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er abermals zum Grafen Platen hinüberblickte, "hat uns vor vier Wochen der Herr Major von Adelebsen und der Herr von Münchhausen, welche die Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, daß Eure Majestät die Colonie in Algerien nicht wollten, daß Sie vielmehr die Legionaire entlassen würden und Jeden auffordern ließen, zu erklären, wohin er zu gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns nun zwar bestätigt, daß von Eurer Majestät eine Colonie in Algerien nicht mehr gegründet werden würde. Dennoch aber haben sie uns aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns gegenseitig zu unterstützen, wollen auch versuchen, ob es nicht möglich sei, ohne Betheiligung Eurer Majestät von der französischen Regierung die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen könnten. Es ist darüber viel hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr Glück in Algerien versuchen. Wir aber, die älteren und namentlich die Unterofficiere würden uns einem solchen Unternehmen nur anschließen wollen, wenn wir bestimmt wüßten, daß wir darin dem Willen Eurer Majestät gemäß handelten. Und deßwegen bin ich hierher gekommen, um womöglich Eure Majestät zu fragen, was wir thun sollen."

"Der Unterofficier Stürmann, Majestät," fiel Graf Platen ein, "und seine Kameraden möchten es besonders Allerhöchstdenselben zur Beherzigung empfehlen, daß sie durch langjährige Dienstzeit eine Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung aus Hannover der preußischen Regierung gegenüber verwirkten, sie glauben deßhalb, daß Eure Majestät Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in andern Verhältnissen sich befinden, als die jüngern in der Emigration befindlichen Soldaten."

"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "daß Du das gewiß anerkennen wirst, Papa, und daß die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden müssen, als die große Masse der Emigranten."

"Gewiß," rief der König lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden. Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese Verpflichtung erfüllen können?"

"Ganz gewiß, Majestät," erwiderte der Minister.

"Dann," sagte der Feldwebel Stürmann, "kann ich Eurer Majestät versichern, daß alle meine alten Kameraden höchst zufrieden und Eurer Majestät besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glücklich sein, ihnen das gnädige Versprechen Eurer Majestät mittheilen zu können, und wir werden unser Möglichstes thun, um die jüngern Soldaten von abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten."

"Am besten wäre es," sagte der Kronprinz ein wenig zögernd, "wenn sie nach Amerika auswanderten. Dort können sie ja doch noch am ersten ein Unterkommen finden."

"Zu Befehl, Königliche Hoheit," sagte der Feldwebel.

"Dann wären sie aber für mich für immer verloren," sprach der König halb leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluß in dieser Beziehung auf ihre Entschließungen üben. Doch," fuhr er abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die Leute eine so große Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, daß meine Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, daß im Lande Hannover die ganze Bevölkerung eine große Abneigung gegen dieses Project hat und befürchtet, die Leute könnten dort zu Grunde gehen?"

Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann sprach er:

"Die Leute sind durch die Officiere fortwährend in dem Gedanken bestärkt worden, daß eine Colonie in Algerien für sie das Beste sei,—ich habe," fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so Manches gehört—daß die französische Regierung eine solche Colonie sehr wünsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man hat sich so Manches erzählt."

Er schwieg abbrechend.

"Was hat man sich erzählt?" fragte der König.

"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer Majestät aber gar nicht erst wiedererzählen möchte."

"Ich will Alles wissen," sagte der König. "Was spricht man?"

"Majestät," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schönes und fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand da, um es zu bebauen.—Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter, da wäre es denn der französischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn kräftige deutsche Einwanderer ihnen helfen würden, das Land zu cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man mir in Paris erzählt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute anzuwerben und dort hinzuführen. Den Colonisten soll es schlecht gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die Unternehmer haben große Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr einträgliche Herrschaften, und sie sind große, reiche Herren geworden. Nun, das könnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken; aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von verschiedenen Seiten hört."

Der König zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des Kronprinzen.

"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.—Darum also dieser Plan, darum dieser Widerstand gegen meinen Willen."

Ein fast unwillkürliches Lächeln glitt über die Lippen des Kronprinzen. Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann zum König gewendet:

"Es ist doch gut, daß Eure Majestät die Gnade gehabt haben, den Feldwebel Stürmann anzuhören. In unklaren Verhältnissen führt es immer zur richtigen Erkenntniß, wenn man die Sache von allen Seiten hin beleuchten läßt.—Und es wird gewiß von großem Nutzen sein, wenn der Feldwebel seine Kameraden über den wahren Willen Eurer Majestät aufklärt."

"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der König, "ich gebe Ihnen noch einmal das Versprechen, daß die Pensionsberechtigung der Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll."

Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus.

"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "daß Sie sogleich die Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so schnell als möglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl, daß er die Unterstützungen der französischen Behörden in den Stationsorten der Emigration für die Auflösung der Legion bewirke.—Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge Raum dieses Zimmers erdrückt mich mit all den traurigen Gedanken, mit denen diese bittern Erfahrungen mich erfüllen."

Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine österreichische Mütze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen gestützt, schritt er in den Park hinaus.

Siebentes Capitel.

Die unruhige Bewegung auf den Straßen von Paris hatte ein wenig nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine größere Menge als sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig einhergingen, finstern Blickes die Spaziergänger betrachtend und zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal eine Zusammenrottung zu bilden.

Die sergeants de ville standen in verstärkter Zahl an den Straßenecken, und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien, ersuchten sie das Publikum höflich, aber bestimmt, weiter zu gehen.

Die Gruppen vor den Kaffeehäusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von Dreher, bei ihrem Grog américain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der noch kalten frischen Luft im Freien saßen, sprachen lebhaft, doch ohne daß man eine besonders bedenkliche Aufregung hätte bemerken können.

Der allgemeine Eindruck war, daß die Bewegung, welche durch die Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorüber sei, und daß dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des äußersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die Popularität Napoleon III. war durch seine persönliche Fahrt über die Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, daß der Kaiser sich nicht fürchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, über welchen die Furcht keine Macht hat.

Vor einem der Cafés auf dem Boulevard des Italiens saßen an einem kleinen Tische mehrere Officiere der hannöverschen Legion und suchten den unangenehmen Einfluß des nebelhaften feuchten Wetters durch einige Gläser norddeutschen Punsches zu bekämpfen, den sie sich nach ihrer Anweisung von dem Garçon hatten bereiten lassen, der ein gewisses Erstaunen über die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrücken konnte, die dem heißen Wasser gegenüber dem Arac in diesem Getränk zugewiesen war.

An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei.

Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Ueberrock und trank in kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand.

"Ich sage," sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart freimüthige Offenheit ausdrückte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht rosig."

"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer Eins,—Zweitens—ad Drei—um kurz von der Sache zu sein—wir sehen einer schaudervollen Zukunft entgegen."

Alle lachten.

"Ich begreife nicht," sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch wahrhaftig ernst genug.—Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in der Tasche in die Welt hinaus schickt."

"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die Legion zu commandiren—ich habe den panache.—Es ist wahrhaftig ganz wie in der 'Großherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, daß meine Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen Schulmeister werden. Jetzt aber"—er schlug die Arme untereinander, blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte, die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend—

"Mauvais général."

"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Götz von Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen."

"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt, wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig, daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die Sache nachdenken.—Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er aber sein Recht aufgeben—nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht," fügte er seufzend hinzu, "wäre es bei der Art und Weise, wie sie gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund gegen seine Befehle demonstriren."

"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Götz, "daß dem Könige unsere Vorstellungen zur Kenntniß kommen?—Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen und Heyse empfangen und hören wird?"

"Das glaube ich gewiß!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der That eine zu große Nichtswürdigkeit."

Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf.

"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren Fassung derselben und bei dem seinen Verständniß des Königs kaum möglich ist."

"So haltet Ihr es für möglich," rief der Lieutenant von Harling, ein junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas verschwiegen würde?"

"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Düring, "ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Aeußerungen untergelegt werden, die ich niemals gemacht habe."

"Es wäre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen den Major von Düring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend."

"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Düring lebhaft, "nach der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war, niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch, daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden."

"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen."

Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und beobachtend umher.

Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch trat.

"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen."

"Sie sehen so vergnügt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks, Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager Friedens endlich ausgeführt wird?"

Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.

"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig, "dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür thun."

"Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit," fragte Herr von Düring, "mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "daß in militärischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre steht."

"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton fragen."

"Nélaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der Doctor Nélaton jetzt die Politik?"

"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit. Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des Anstoßes findet."

"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben wird?"

Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.

"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte Herr von Düring, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt."

Herr Hansen schüttelte den Kopf.

"Die einfache Auslösung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler. Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er die Mittel dazu in Händen behalten."

"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren."

Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene, wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu ruhen pflegte.

Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin, trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thür des Salons öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden hineinrief.

Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen Oelgemälden vorzüglicher Meister.

Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke, magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen, sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand, mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der Wissenschaft Theil zu nehmen.

Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war.

Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit beschäftigt.

In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte, saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.

Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten, weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch lächelnden Munde,—dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel begleitete,—war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren geschlossen.—Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören.

Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück.

Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des Fensters mit einander unterhielten.

In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen.

Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd, sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über die neue Entwicklung des Kaiserreichs.

"Ich fürchte," sagte Herr Mignet, "daß die Ueberführung der so ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung vorübergehen kann,—nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs wesentlich widerspricht—es ist auch eine Erfahrung, welche unsere Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders geeignet ist für allmälige und vermittelnde Uebergänge. Das System, welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen. Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen."

"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und klar denkenden Mannes rechnen kann—"

"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen Stimme ein, "an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "daß die Schwierigkeit derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und dem Nationalwohlstand.—Ich glaube nicht, daß unter einer constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft, so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation erstrebt und gesucht wird."

"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung und der greise General des Julikönigthums herein.

General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache natürliche Offenheit,—seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und ungesuchtester Natürlichkeit.

Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.

Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche ausdrucksvolle Beweglichkeit an,—mit schnellen Schritten näherte er sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre Complimente machten.

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