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Der Sohn

Fünfter Akt.

Reading edition

Erste Szene.

Wenige Stunden später.

Das Sprechzimmer des Vaters im elterlichen Hause. Ein langer Raum; in der Mittelwand rechts und links eine Türe, an den Seitenwänden je eine. Links steht der Tisch des Vaters mit Büchern, Telephon; davor Sessel mit Holzlehne. An der Mittelwand Glasschränke mit ärztlichen Utensilien, rechts ein Untersuchungstisch, aufklappbar. An der rechten Seitenwand der Bücherschrank. Davor, gegenüber dem Arbeitstisch des Vaters, ein kleinerer Tisch mit Stühlen. An der Wand die Rembrandtsche Anatomie.

Der Vater. Der Kommissar.

Der Vater:

Ich danke Ihnen, Herr Kommissar. — Hat mein Sohn sich zur Wehr gesetzt?

Der Kommissar:

Der junge Mann war ganz ruhig. Wir hatten erwartet, einen Rasenden zu finden. Statt dessen trafen wir zwei Herren im Gespräch. Ein Anlaß, Gewalt anzuwenden, lag nicht vor. Trotzdem haben wir auf Ihren Wunsch die Hände gefesselt. Auch die Fahrt hierher verlief in voller Ruhe.

Vielleicht, Herr Geheimrat, war die Maßregel etwas zu strenge. Ich als alter Menschenkenner habe nur mit Bedauern das Zwangsmittel ergriffen. Vielleicht ist es in Güte möglich, den jungen Mann auf die rechte Bahn zu führen. Ich bin überzeugt, er ist kein schlechter Mensch. Es gibt schlimmere Sorte!

Der Vater:

Herr Kommissar, ich habe ihn zwanzig Jahre beobachtet. Ich bin sein Vater, außerdem bin ich Arzt. Ich muß es wissen.

Der Kommissar:

Verzeihung, Herr Geheimrat, ich wollte keineswegs ...

Der Vater:

Im Gegenteil: ich bitte um Ihr Urteil! Sie sind sicher ein erfahrener Mann, doch betrachten Sie die Dinge unter Ihrem Winkel. Ich glaube, ich täusche mich nicht. Ich habe reiflich überlegt, bevor ich mich entschlossen habe. Es ist keine Güte mehr möglich! Nur die äußerste Strenge kann ihn noch bessern. Dieser Junge ist verdorben bis auf den Grund seines Charakters. Er will sich meinem Willen entziehen — das darf unter keinen Umständen geschehn. Sie haben seine Reden nicht gehört! Die Jugend von heute läuft ja Sturm gegen alle Autorität und gute Sitten. Seien Sie froh, daß Sie nicht einen solchen Sohn haben.

Der Kommissar:

Herr Geheimrat: ich habe Söhne. Und ich liebe sie! Ich könnte den Fluch der Schändung nicht auf ihr Haupt rufen. Ich kenne die furchtbare Tragödie zu sehr! Wir haben mit Tieren und Verbrechern zu tun. Bevor ich mein eignes Blut in diesen Abgrund stoße, lieber lebe ich nicht mehr. Selbst bei jugendlichen Kriminellen kennen wir vor dem Gesetz noch Verweise und Strafaufschub. Was hat Ihr Junge denn Schlimmes getan? Hat er geraubt, gefälscht, gemordet? Das sind die Kreaturen, mit denen wir rechnen müssen; das ist die Gesellschaft, in die Sie ihn treiben. Verzeihn Sie mir noch ein offenes Wort: Sie brandmarken ihn für sein Leben. Sie stempeln ihn mit der Marke des Gerichts. Er hat einen kleinen Ausflug gegen Ihren Willen unternommen ...

Der Vater

(lacht höhnisch):

Einen kleinen Ausflug!!

Der Kommissar:

Sie sind im Recht und werden ihn strafen. Aber rechtfertigt das eine Erniedrigung? Ich fürchte, die Fesseln sind nicht mehr gut zu machen. Herr Geheimrat — es kann ein Unglück geben!

Der Vater:

Er hat mir den Gehorsam verweigert; es ist nicht das erstemal. Wenn er, der doch mein Sohn ist, schimpflich mein Haus verläßt — was kann ich anders tun, als ihn meine Macht fühlen lassen! Ich bin sonst der Entehrte. Was wird man von mir denken? Wie wird man mich ansehn! Ich muß, wenn kein Mittel mehr hilft, zu diesem letzten greifen. Das schulde ich meiner Pflicht gegen mich — und gegen ihn. Ich glaube noch, ich kann ihn bessern. Er ist jung: dies sei ihm eine Warnung für sein ganzes Leben.

Herr Kommissar, Sie sind mir ein Fremder. Trotzdem habe ich Ihnen mehr gesagt, als je einem Menschen. Bitte, vertrauen Sie mir. Alles lastet ja auf mir in dieser Stunde — ich will nur das Beste nach meinem Gewissen. Aber das darf ich nicht auf mir sitzen lassen! Sie sind selber Vater. Was täten Sie an meiner Stelle?

Der Kommissar:

Ein Wesen aus meinem Geschlecht, das in meinem Leben entsprungen ist, kann nicht verworfen sein. Das ist für mich das höchste Gesetz! Auch wir altern. Weshalb soll unser Sohn nicht jung sein?

Der Vater:

Und wenn er Sie beleidigt?

Der Kommissar:

Mein Sohn ist doch ärmer und schwächer als ich. Wie kann er mich beleidigen!

Der Vater:

Herr Kommissar, ich bin aktiv gewesen; ich habe für meine Ehre mit dem Säbel gefochten. Ich trage noch die Spuren (er weist auf eine Narbe in seiner Wange): ich muß mein Haus rein halten. Ich kann mich auch von meinem Kinde nicht ungestraft beschimpfen lassen. Außerdem erachte ich die Verantwortung des Erziehers zu hoch, sich einem Zwanzigjährigen gleichzumachen.

Der Kommissar:

Ich fürchte, wir reden einander vorbei. Ich habe auch in meiner Jugend gefochten. Aber die Zahl der Semester und Mensuren erscheint mir kein Maßstab. Unsere Söhne verlangen, daß wir ihnen helfen. Herr Geheimrat: Das müssen wir tun. Ob sie besser sind oder schlechter als wir, ist eine Frage der Zeit — nicht des Herzens.

Der Vater:

Ich bin bestürzt — verzeihn auch Sie mir die Offenheit in einer ernsten Stunde. Wie kann ein Vater, wie kann ein Beamter so reden! Unsre jungen Leute werden schlimmer und verderbter von Tag zu Tag. Das ist notorisch! Und dieser Fäulnis im kaum erwachsenen Menschen soll man nicht steuern!? Ich halte es für meine heiligste Pflicht, gegen die Verirrung zu kämpfen, und ich werde es tun, solange ich atme. In welcher Zeit leben wir denn? Hier lesen Sie in der Zeitung, wie weit es schon gekommen ist! (Er nimmt das Blatt und weist auf die Stelle.) Gestern hat in einer geheimen Versammlung ein Unbekannter gegen die Väter gepredigt. Das kann nur ein Wahnsinniger sein!! Aber das Gift hören Tausende und saugen es gierig. Weshalb schreitet die Polizei nicht ein? Diese Bürschchen sind staatsgefährlich. Hinter Schloß und Riegel mit allen Verführern; sie sind der Auswurf der Menschheit.

Der Kommissar

(mit einem Blick in die Zeitung):

Diese Versammlung war der Polizei bekannt. Es ist ein Klub junger Leute. Er steht unter dem Protektorate einer hohen Persönlichkeit ...

Der Vater:

Auch das noch! Dann haben wir ja bald die Anarchie.

Der Kommissar:

Ich kann Sie über diesen Vortrag beruhigen. Er war nur gegen die unmoralischen Väter gerichtet.

Der Vater

(höhnisch):

Also gegen die Unmoralischen. Und die Regierung unterstützt das Treiben? Um so mehr ist es unsere Pflicht, sich gegen den Verrat in der eigenen Familie zu schützen. Nein, Herr Kommissar, die äußerste Strenge. Die äußerste Strenge!

Der Kommissar:

Wir sind die Leute des Gerichts. Wieviel Verdammnis sehn wir! Glauben Sie mir, ich will keinen Unschuldigen henken, geschweige denn meinen eigenen Sohn. Und wenn er mir tausendfach unrecht tut — ich bin doch sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsre Söhne erringen, ehe wir wissen, was sie sind.

Der Vater:

Sie scheinen unter Söhnen etwas Absonderliches zu verstehn.

Der Kommissar

(bescheiden):

Ich verstehe darunter ein Wesen, das mir geschenkt ist, dem ich dienen muß.

Der Vater

(erhebt sich):

Herr Kommissar — wie gesagt: ich danke Ihnen. Auch ich kenne meine Pflicht als Vater, allerdings in einem andern Sinne. Ich wünsche Ihnen keine Enttäuschungen! Ich werde es versuchen, selbst in diesem Falle noch, mit meinem Sohne in Güte zu reden — solange ich das vermag. Mehr kann ich nicht sagen. Ich bitte, führen Sie ihn mir jetzt zu.

Der Kommissar:

Ich werde Ihrem Sohne die Fesseln abnehmen. Er wird den Weg zu Ihnen allein finden. (Er verbeugt sich und geht. Der Vater setzt sich in den Stuhl links an seinen Tisch.)

Zweite Szene.

(Der Sohn tritt durch die Mitteltüre langsam ein. Er ist noch immer im Frack und bleibt an der Tür in abwartender Haltung stehn.)

Der Vater

(steht auf, ihm entgegen):

Da bist du. — (Er streckt die Hand aus): — Willst du mir nicht die Hand geben?

Der Sohn:

Nein, Papa.

Der Vater:

Wir haben miteinander zu reden. Setz dich. (Er geht zu seinem Tisch und betrachtet ihn.) Du siehst nicht wohl aus — willst du etwas essen?

Der Sohn:

Ich habe keinen Hunger.

Der Vater:

Willst du dich erst umziehn und auf dein Zimmer gehn?

Der Sohn:

Nein; ich danke.

Der Vater

(sitzt in seinem Sessel rückwärts zum Tisch):

Nun, dann setz dich. Dann wollen wir reden.

Der Sohn

(setzt sich, ihm gegenüber, an den kleinen Tisch nach rechts).

Der Vater:

Du bist gestern abend, trotz des Verbotes, aus deinem Zimmer heimlich entflohn. — Wo warst du die Nacht?

Der Sohn:

Du hast die Polizei gerufen. Du hast mich gefesselt hierher bringen lassen.

Der Vater:

Ich wünsche eine Antwort auf meine Frage: wo warst du die Nacht?

Der Sohn:

Du hast, unter dem Deckmantel der Erziehung, ein Verbrechen an mir begangen. Dafür wirst du Vergeltung finden.

Der Vater

(springt auf, beherrscht sich aber):

Ich warne dich!

Der Sohn:

Ich bin nicht hier, um in Tönen des gestrigen Tages dich um etwas zu flehn, für das ich zu klein und zu niedrig dich erkannte. Ich bin hier, Rechenschaft von dir zu fordern — und Sühne: Auge um Auge. Du wirst kein überflüssiges Wort von mir hören. Heute werde ich die nüchterne Rolle spielen, in der du gestern verunglückt bist. Laß alle Gefühlchen beiseite. Willst du mich auf meinen Geisteszustand untersuchen — es steht dir frei. Ich phantasiere nicht. Soll ich mich auf diesen Tisch legen ...? (Er wendet sich zum Untersuchungstisch.)

Der Vater

(zieht hinter dem Schreibtisch eine Hundepeitsche hervor und beugt sie, wie um sie zu prüfen, übers Knie):

Sprich weiter!

Der Sohn

(fährt auf die Geste mit der Peitsche schnell in seine Tasche und läßt die Hand dort):

Als Auskultator minderer Individuen hast du vielleicht deine Verdienste. Doch hüte dich, die Peitsche zu berühren! (Er hebt, vom Vater unbemerkt, den Revolver halb aus der Tasche.) Ich besitze mein eignes Attest. Ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue.

Der Vater

(unwillkürlich eingeschüchtert, läßt momentan die Peitsche sinken; gleichzeitig verschwindet der Revolver in der Tasche des Sohnes):

Man hat dich — in einem verrufenen Hotel — heute morgen gefunden. Was hast du darauf zu sagen?

Der Sohn:

Es ist die Wahrheit. Ich befand mich dort.

Der Vater

(erstaunt):

Du leugnest also nicht?

Der Sohn:

Keineswegs. Weshalb soll ich leugnen?

Der Vater

(nimmt einen Bogen Papier und notiert, wie bei einem Verhör):

Was tatest du dort?

Der Sohn:

Ich habe mit einer Frau geschlafen.

Der Vater

(richtet sich starr auf):

Du hast ... Genug. — Aus meinem Zimmer!

Der Sohn

(ohne sich zu rühren):

Unser Gespräch ist noch nicht zu Ende. Setz dich wieder. Ich sagte dir schon: es handelt sich um dich.

Der Vater:

Ich sage dir: hinaus!!

Der Sohn

(erhebt sich ebenfalls):

Du erlaubst also, daß ich mich entferne?

Der Vater:

Das Weitere hörst du auf deinem Zimmer.

Der Sohn

(geht zur Mitteltür und verschließt sie):

Dann muß ich dich zwingen, mich zu hören. (Er nimmt den Schlüssel an sich und streckt drohend den Arm aus.) Setz dich, oder es gibt ein Unglück! Du willst es nicht anders — du sollst es haben. (Er tritt auf ihn zu. Der Vater erhebt die Peitsche, als wollte er zuschlagen, aber von plötzlichem Schwindel ergriffen, fällt er rückwärts in den Sessel.) Zum letzten, blutigsten Male frag ich dich hier: läßt du mich in Frieden aus deinem Hause? Du hast mich lange genug gequält. Doch die Gewalt am wehrlosen Kinde ist nun vorbei. Vor dir steht einer zum Äußersten entschlossen. Wähle! (Er wartet auf eine Antwort. Sie erfolgt nicht. Er geht zurück zu seinem Tische und setzt sich wieder.) Reden wir weiter.

Der Vater

(kommt langsam aus der Abwesenheit zu sich):

Meine Haare sind weiß geworden ...

Der Sohn:

Was geht mich dein Haar an — denke an deine Worte gestern! Ersparen wir uns die Altersjournale. Wir sind unter Männern: wenigstens halte ich mich dafür.

Der Vater:

Was willst du noch hier?

Der Sohn:

Mein Recht. Und diesmal bin ich willens, es durchzusetzen — bis zu Ende.

Der Vater:

Danke deinem Schöpfer, daß ich in dieser Stunde zu alt war. Sonst ... Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Rede also! Auf meinem Totenbette will ich den Vorwurf nicht tragen, der Erste gewesen zu sein. Rede zu Ende! Ich will volle Klarheit über dich haben, eh ich auch das Band zerreiße, das dich noch an mich kettet.

Der Sohn:

Papa, du wirst nichts mehr zerreißen. Ob so oder so auf deinem Totenbette — mich rührst du nicht mehr. Überlasse mich nur den Furien: sorge du, daß du in Ruhe sterben kannst.

Deshalb höre und glaube, was ich dir sage: gib mich frei. Ich stehe in furchtbarem Ernste vor dir!

Der Vater:

Ich lache über deinen Ernst. Ein Irrer steht vor mir.

Der Sohn:

Papa — laß uns alles vergessen. Aber hör diese Pose auf! Es geht um dein Leben!! Alles sei ungeschehen, Qual und Rache und Hinterlist. Streiche mich in deinem Herzen als Sohn. Und laß mich jetzt gehen!

Der Vater

(höhnisch):

Noch nicht, mein Sohn.

Der Sohn:

Nun denn —: als ich gestern aus deiner Gewalt entfloh, begleiteten mich viele, die im Garten versteckt waren, mit Revolvern.

Der Vater

(aufmerksam):

Was — soll das heißen?

Der Sohn

(fortfahrend):

Und in derselben Nacht, eine Stunde später, hab ich zu ihnen geredet gegen euch, ihr Tyrannen, ihr Väter, ihr Verächter alles Großen — ja, erblasse nur — ich bin nicht mehr in deine Hände gegeben: Dein Intellekt reicht nicht aus zum Gedanken, so beuge dich vor der Tat! Wir sind keine Irren, wir sind Menschen, und wir leben: leben doppelt, weil ihr uns töten wollt. Du wirst keinen Schritt aus diesem Zimmer tun, ohne daß Tausende, die ich rief, dich zerschlagen, bespeien, zertreten. So rächen wir uns an euch und eurer Macht, und keiner von den Göttern wird uns verlassen. (Da er antworten will): Ja, ich habe die Revolution begonnen, inmitten der Folterkammer, wo ich stehe — und bald wird mein Name über Leitartikeln stehn. Jetzt kämpft ein Volk von Söhnen, wenn du längst in Staub zerfallen bist.

Hier — lies in deiner Zeitung, (er wirft ihm ein Blatt entgegen): zitterst du? Das ist dein wahres Gesicht! Ja, ich bin es gewesen! Ich habe geredet!

Der Vater:

Du lügst! Du lügst!

Der Sohn:

Hier ist die Maske des Unbekannten! (Er zieht sie hervor und schwingt sie durch die Luft.) Zweifelst du noch? Ich bin es!! Nun will ich dein Ende sehn — in deinem eignen Zimmer —

Der Vater

(schwankend über den Tisch):

Sage, daß du lügst, ich vergesse mich sonst ...

Der Sohn

(hochaufgerichtet):

Läßt du mich frei? Ich will dein Geld nicht. Ich schenke es den Armen. Du darfst mich enterben. Ich will nur mein Leben, das Ärmste und Höchste! Ich habe noch viel zu tun auf der Welt. Ich will nicht verbluten an diesen Sekunden ...

Der Vater:

Ich bin dein Vater nicht mehr.

Der Sohn:

Du warst es nie! Vater — wer kennt es heute! Wo bin ich geboren! Ich war ein Stiefkind nur. Habe ich je einen Sohn, so will ich gut machen an ihm, was mir Übles geschehen. O wunderbar großes Licht, könnt ich es erleben, eines süßen Kindes Behüter zu sein!

Der Vater

(in ganzer Härte vor ihm):

Dein Wunsch ist erfüllt: Du hast keinen Vater mehr. Ich habe dir seine Hand geboten — du hast sie verächtlich von dir gewiesen. Der Fluch komme über dich. Ich verstoße dich.

Aber weil du in dieser Nacht die Schande über mich gebracht hast, deshalb lösche ich dich aus. In meiner Todesstunde will ich an mein Wort denken —: ich habe vergessen, daß du mein Sohn bist.

Du siehst mich heute zum letztenmal.

Wage nicht mehr, mein Haus zu betreten; ich jage dich durch die Hunde hinaus. Hier nehme ich die Peitsche und werfe sie dir vor die Füße. Du bist nicht wert, daß meine Hand dich berührt. (Er tut es.) Jetzt kannst du gehen.

Der Sohn:

Papa ...

Der Vater:

Sprich den Namen nicht aus!

Der Sohn:

Läßt du mich frei!?

Der Vater:

Frei! (Er lacht gellend.) Noch ein Jahr bist du in meiner Gewalt. Noch ein Jahr kann ich wenigstens die Menschheit vor dir schützen. Es gibt Anstalten zu diesem Zweck.

Verlaß jetzt mein Zimmer und betritt es nicht mehr!

Der Sohn

(Mit eiserner Ruhe):

Das Zimmer ist verschlossen. Hier geht keiner heraus.

Der Vater

(steht auf und geht langsam, schwerfällig zur linken Seitentür).

Der Sohn

(Mit furchtbarer Stimme):

Halt! Keinen Schritt!!

Der Vater

(einen Augenblick wie gelähmt von dieser Stimme, setzt sich an den Tisch.)

Der Sohn

(zieht den Revolver unbemerkt jetzt ganz aus der Tasche.)

Der Vater:

Hilfe gegen den Wahnsinn ... (Er ergreift das Telephon).

Der Sohn

(hebt den Revolver in die Höhe):

Der Vater

(am Telephon):

Bitte das Polizeiamt.

Der Sohn:

Sieh hierher! (Er zielt auf ihn und sagt mit klarer Stimme): Noch ein Wort — und du lebst nicht mehr.

Der Vater

(macht unwillkürlich eine Bewegung, sich zu schützen. Er hebt den Arm, das Telephon entfällt ihm. Er läßt den gehobenen Arm sinken. Sie sehen sich in die Augen. Die Mündung der Waffe bleibt unbeweglich auf die Brust des Vaters gerichtet — Da löst sich der Zusammengesunkene, ein Zucken geht durch seinen Körper. Die Augen verdrehen sich und werden starr. Er bäumt sich kurz auf, dann stürzt das Gewicht langsam über den Stuhl zu Boden. Der Schlag hat ihn gerührt.

Der Sohn mit unverändertem Gesicht nimmt diese Stellung wahr. Sein Arm fällt herunter, dumpf schlägt der Revolver auf. Dann sinkt er automatisch, als setze sein Bewußtsein aus, in einen Stuhl nahe am Tisch.)

Dritte Szene.

(Durch die Seitentür rechts tritt das Fräulein. Sie erblickt den Vater, eilt auf ihn zu und sieht, daß er tot ist. Dann erkennt sie den Sohn im Stuhl und kommt langsam auf ihn zu.)

Das Fräulein:

Nun bist du wieder hier — und dir zu Füßen Vermischt sich Heimat mit dem Wunderland. Ist keine Stimme nah, dich zu begrüßen: Sei nun willkommen einer Mutter Hand! Und deine Stirne, die so heiß gestritten, Ich will sie trocknen dir in Angst und Not. Ich frage nicht; ich weiß, du hast gelitten. Er wird dich nicht mehr hassen. Er ist tot.

Der Sohn:

Kennst du den Knaben noch, der dir entschwindet? O glaube nicht, ich kehrte dir zurück. — Wo ist ein Mensch, der das noch überwindet!

Das Fräulein:

Mein armer Freund! Du bist nicht mehr im Glück.

Der Sohn:

Nein, Fräulein, die vergänglichen Gebärden Entrücken mich des Horizonts nicht mehr. Ich weiß, daß Taten nur durch Opfer werden: Mein Herz war übervoll — jetzt ist es leer. Doch hab ich es vollbracht, ich bin verschwendet. Vorbei ist nun die große Leidenschaft. Viel ist erfüllt — noch ist mir nichts vollendet; Die Wolke zog dahin. Es blieb die Kraft. Und wenn ich über Tote jetzt ins Leben Noch einmal schreite: dem hier bin ich fern. Vermag ich nicht im Rausche zu entschweben, Entschweb ich denn auf einem neuen Stern — Und was in meinem Geist steht ungeheuer, Bald seh ich es in letzter Klarheit Schein: Entzünd ich weiter, immer weiter Feuer, Dann bin ich mehr als bin — dann werd' ich sein!

(Sie kniet vor ihn hin, wie er vor sie im zweiten Akt.)

Ich seh den Himmel über Ihnen scheinen, Den ich in meiner ersten Nacht gesehn. Und könnt ich heut an Ihrem Busen weinen Sie würden meine Träne nicht verstehn. Und könnt ich heute noch die Worte sagen: Geburt und Dasein — einst in Ihrem Schoß — Mich würde Ihre Liebe nicht mehr tragen, Ich bin zu arm. Die Erde ließ mich los.

(Sie erheben sich langsam beide.)

Ins schmerzlich Ungeliebte, in die Schwere Des tief Erkannten treibt mein Körper hin. Umfängt mich auch die grenzenlose Leere: Voll Frucht und voller Segen ist mein Sinn. Denn dem Lebendigen mich zu verbünden, Hab ich die Macht des Todes nicht gescheut. Jetzt höchste Kraft in Menschen zu verkünden, Zur höchsten Freiheit, ist mein Herz erneut!

(Sie reichen sich die Hände und gehen ab nach verschiedenen Seiten. Der Tote, in der Mitte des Saales, bleibt allein.)

Ende des fünften Aktes.

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