Der Silbergarten. (continued 2)
Reading edition
Traumhaft fragte Arno, während er mit Sibylle dahinschritt: »So fühlst du dich denn niemals einsam?«
Sie sah ihn sehnsüchtig an. Sich selbst erkannte sie nicht wieder. Wie ein entfesselter Strom brauste ihr Wesen frei dahin, das sonst immer so gehalten zu sein pflegte. Das macht, weil ich ihn liebe! dachte sie voll Jubels, und er hat mich ja auch lieb, und ihm allein kann ich alles, alles sagen.
»Jetzt erst weiß ich, daß ich einsam war,« sagte sie leise. »Aber dann – hatte ich ja meine Bücher. Einige davon lese ich immer und immer wieder, ich kenne ganze Seiten davon auswendig.«
Er nickte. Auch das stimmte zu ihr. Tastend fragte er weiter: »Sehnst du dich denn nie nach Menschen? Nach Standesgenossen, meine ich.«
Sibylle schüttelte langsam den Kopf. »Im Leid sind wir alle Standesgenossen, und Leid gibt's überall, nur zuviel. Ich habe auch früher niemand vermißt, weil ich ja nicht ahnte, daß ich jemals zu einem Menschen so frei reden könnte wie zu dir, denn auch Mama … kannte mich nicht, wie ich mich von dir gekannt fühle.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Nicht weinen, Liebling!« sagte er weich. Seine ganze Seele war gefangen, berauscht und zugleich geheiligt durch ihr liebliches Vertrauen. Ja, er verstand sie, weil er sie liebte – wie er sie aber liebte, durfte er ihr das sagen?
»Ja, so ist es,« plauderte sie unbefangen weiter, »ich bin ein richtiger Einsiedler. Die Leute erzählen mir von ihrem Kummer, ihrem Leide. Nach dem meinen fragen sie nicht, und ich möchte auch um alles in der Welt nicht gefragt werden. Sie meinen, ich trüge Trauer um meinen Bräutigam.«
»Aber, Herz, so könntest du doch nicht weiterleben.« Er wußte genau, daß sie es konnte.
»Warum nicht?« fragte sie unschuldsvoll. »Ich bin im Grunde sehr bedürfnislos, Arno, nur frei muß ich mich fühlen können. Und was gibt es Freieres und Schöneres als die Schnee-Einsamkeit der Berge! Da ist auch Religion, Arno. Einsam bis ins innerste Mark, fühle ich doch das Leben der Natur mit, das ich in seiner Größe und Schönheit anschauen darf. So wird die Natur ein Spiegel der Seele.«
Er war hingerissen. Fast schämte er sich, sie durch seine nichtigen Einwürfe zu veranlassen, immer mehr die Schönheit ihrer Seele zu offenbaren.
»Aber du hast ja noch gar nicht gelebt,« sagte er leise im Gefühl seiner Schuld.
Sie kniff die Augen ein und lachte glücklich. »Meinst du? Ich glaube, ich lebe nur zu intensiv. Ich habe aber auch Männer kennen gelernt, dein Regimentskamerad Zur-Linden wollte mich heiraten.«
Das hatte er nicht erwartet. »Und du?«
»Ich konnte ihn nicht lieben, wie er es wollte,« sagte sie einfach. »Ja, ich bin in einer Beziehung sehr unerfahren,« fuhr sie schelmisch fort; »außer einer kleinen Tanzgesellschaft bei Wredes habe ich noch nie einen Ball mitgemacht. Aber sind denn Bälle zum Leben nötig? Dennoch aber sagt mir ein Instinkt: dies hast du zu tun, das zu lassen. So konnte ich auch nicht Zur-Lindens Frau werden.«
Arno fühlte sein Herz beben. Was er da in den Armen hielt, war ein Wunder, sein heiliges Wunder! Er hatte es erfaßt, dennoch aber überwältigte es ihn.
»Kind –« sagte er gepreßt, »ist denn das möglich, ist es denkbar, daß ein junges Mädchen so aufwächst, in solcher Stille, solch heiligem Frieden? Hast du denn nie schlechte Menschen getroffen?«
»O,« meinte sie eifrig nickend, »mein Hauslehrer und deiner, der Herr Brandt, der war schlecht. Er hat mich beim Baden belauscht, aber ich bat ihn, seinen Abschied zu nehmen, und er tat es. So hat niemand etwas davon erfahren.«
Auch dieses Erlebnis war ihm neu, und doch schien es ihm, als kenne er auch ihre Fähigkeit der Abwehr. »So hast du auch Stacheln?« fragte er.
»Ellenlange, wenn's nötig wird. Denke nur ja nicht, daß ich keinen Willen habe und nur ein gefügiges Lamm bin, Arno. Die Leute haben immer Respekt vor mir. Jetzt aber hab' ich genug von mir geredet, nun will ich von dir hören!«
»Du weißt ja schon alles,« sagte er traurig. Dennoch begann er zu erzählen, wie sie es wollte, und ein bitterer Schmerz brannte sich dabei ihm in die Seele. Während sie wie ein Schmetterling in schöner Verklärung Friede und Freude aus des Lebens mannigfachen Blüten, den süßen und bitteren, gesogen hatte, war er wie eine Motte um flackernde Flammen getaumelt, hatte sich die Flügel versengt und die Kraft der Seele geschwächt. Ihm blieb nur noch eine Hoffnung: rein zu werden in ihrer Reinheit, stark, indem er sie schützte, und frei dadurch, daß er sich selbst befreite.
Nachdem er ausführlich berichtet, sich selbst nicht schonend, schloß er: »Den hellen Stern meiner Kindheit hatte ich verloren, mein Gewissen verhärtet und betäubt. Toll genug habe ich gelebt. Anfangs fand ich viele Freunde, mit den Jahren wurden sie seltener. Mein Beruf – nun ja, ich suche ihm zu genügen. Ein paar Avancements – was will das im Grunde sagen? Das Beste im Leben ist ja doch an mir vorübergegangen, oder ich an ihm. Äußerlichkeiten, Geselligkeit – das ist übriggeblieben. Meine Frau liebt das. Nie kommen wir dazu, gemeinsam ein gutes Buch zu lesen, wir reden eben verschiedene Sprachen. Meine einzige Stärkung ist jährlich eine einsame Fußtour in die Berge, die ich liebe wie du.«
Sie wußte und verstand ihn, noch ehe er zu Ende gesprochen. Sie sah ihn voll Trauer an. »Aber du hast ja doch deine Kleinen!« sagte sie leise.
»Das ist auch das beste, was ich bisher besaß,« erwiderte er bedeutungsvoll.
Sie versanken in ein tiefes Schweigen. Er fühlte sein Herz pochen, als wolle es ihm die Brust sprengen. Konnte, durfte er ihr von seiner Liebe sagen? Sie liebte ihn, das fühlte er mit einer Seligkeit, die ihn schwindeln machte. Keinen Augenblick hatte sie gestrebt, ihm ihr Empfinden zu verbergen – offen und klar, wie ein Gebirgssee, lag es vor ihm da. Aber folgte daraus, daß sie einwilligen würde, seine Frau zu werden? Würde sie ihm erlauben, die anderen Bande zu zerreißen? Wie hatte sie doch gesagt? »Wenn mein Gelöbnis auch auf einem eingebildeten Grunde beruhte – ein Gelöbnis war es immerhin, und das soll man halten.« Hatte sie ihm damit einen Fingerzeig geben wollen? Oder hatte sie das unbewußt hingesprochen, und war es nur einfach der Ausdruck ihres Wesens? In ihrer Hand lag sein Geschick – er war zur Scheidung, auch zur Trennung von seinen Kindern bereit – ja auch von seiner kleinen Marie-Sibylle. Aber durfte er heute schon sprechen? Er hatte ja vierzehn Tage Zeit, vierzehn goldene, endlose Tage! – Er schwieg, sie aber fühlte sein rasendes Herzklopfen.
»Was ist dir, Arno?« fragte sie sanft. »Ich bin dir doch wohl auf die Dauer zu schwer. Rasten wir ein wenig.«
Da brach es aus ihm hervor, heiß, glühend, unaufhaltsam: »O Sibylle, o Geliebtes – was sollen wir miteinander Versteck spielen? Du weißt es ja, und du mußt es in jeder Fiber fühlen: Ich liebe dich, ich liebe dich …«
Sie wurde sehr blaß. »Ich habe dich mein Leben lang geliebt,« flüsterte sie. »Du weißt es auch.«
»Und Sibylle … und … und …?« drängte er, »willst du, kannst du mein werden?«
»Setze mich nieder,« sprach sie erstickt. »Ich will dir zu antworten versuchen …«
Er setzte sie behutsam auf einen Stein, warf sich vor ihr nieder und vergrub den Kopf in ihrem Schoß.
Sie legte die Hand auf sein Haar und rang nach Worten. Mit zitternder Stimme begann sie zu sprechen: »Daß es so kommen würde und mußte, wußte ich in dem Augenblick, als du vor mir standest. Ich habe dir nichts verhehlt … zu lange Jahre habe ich gedürstet – nach dir, Arno, ohne es zu wissen. Aber jetzt antworten kann ich dir noch nicht, denn ich weiß nicht – was ich soll. Hättest du nicht die Kleinen, die du liebst, die an dir hängen, denen du Vater und Vorbild sein sollst – sieh, dann wüßt' ich's. Laß mir Zeit, Arno, dränge mich nicht. Sprich mir nicht mehr davon, ich will's dir selber sagen, wenn ich Klarheit habe …«
Ihre Stimme klang flehend und zerbrochen.
»Daß ich dir Kampf und Leid bringen muß!« schluchzte er.
»Du hast mir die Seligkeit meines Lebens gebracht, Arno – ob sie Stunden dauert oder Jahre, ist gleich. – Es gibt Blumen, die nur einmal blühen – sagte mir einmal eine alte Freundin – und vielleicht nur eine kurze Stunde lang, aber zum Blühen und zur Vollendung kommen sie doch, früher oder später. – Du hast mir meine Blüte geschenkt, Arno, und ich habe nicht umsonst gelebt. Das ist das eine, das andere aber ist: dein Gelöbnis und daß du Vater bist und Pflichten hast.«
»Ja! Ja!« stöhnte er.
Sie sah ihn leuchtend an. »Du Armer, Lieber!« sagte sie, »daß du deine Pflichten nicht leicht nimmst, das macht dich mir ja noch lieber.« Sie schwieg, in sich versunken, dann fuhr sie leise und fast feierlich fort: »Die nächsten Tage werden es mir sagen, wie lieb ich dich habe – denn noch kenne ich mein Herz nicht – ob für die Ewigkeit, Arno, und daraus folgt Trennung, oder für die Zeit. Trage mich heim, Arno, Geliebter, und sprechen wir nicht mehr darüber. Ich sage es dir selbst.«
Er beugte sein Haupt tiefer und tiefer. Ihm war, als sei sein Urteil schon gesprochen – ehrfurchtsvoll, von heiligen Schauern erschüttert, berührte er ihren Fuß mit seinen Lippen.
»Trage mich heim!« gebot sie tonlos.
Und er nahm sie wieder in seine Arme und trug sie heimwärts. Sie sprachen kein Wort. Ihre Seelen aber redeten miteinander ununterbrochen. – –
Es folgten nun seltsame Tage. Sibylle mußte ihres geschwollenen Fußes wegen der Ruhe pflegen; Arno besuchte sie auf der Burg und saß die Tage über bei ihr in ihrem Zimmer, oder er trug sie hinunter in den Park, wo er ihr in der breiten Hauptallee, die die Aussicht auf die Schneeberge frei ließ, ein Ruhebett hergerichtet hatte. Da saßen sie stundenlang schweigend Hand in Hand unter den schweigenden Bäumen, angesichts der hart und gewaltsam aufgetürmten grandiosen Hochgebirgskette, die Seelen voll ungesprochener tiefer Zärtlichkeit. Manchmal sah ihn Sibylle mit einem so strahlenden Blick der Liebe an, daß er bis ins Innerste in Hoffnung erbebte – es war ja nicht möglich, daß sie ihn wieder gehen hieß! Nach und nach aber wurde es ihm zur schmerzlichen Gewißheit, daß sie gerade um der Größe ihrer Liebe auf ihn verzichten werde. Sie konnte ruhig, fast heiter mit ihm reden. Sie sprach von ihren Lieblingsbüchern, bat ihn, das oder jenes zu lesen, erzählte mit freundlicher Selbstironie von ihren naturwissenschaftlichen und medizinischen Studien, sie berührte die höchsten und tiefsten Dinge mit schlichtem, wahrheitsuchendem Ernste, aber Tag für Tag sah er, daß sie feiner, blasser und zarter wurde, daß sie gleichsam dahinschwand in einer seelischen Verklärung. Manchmal fühlte er, daß sie zum Sprechen ansetzen wollte und doch wieder innehielt, weil sie die Kraft in sich nicht fand, oder weil sie die kostbaren Stunden weder ihm noch sich zu verkürzen wagte.
So war ihnen jede Minute ihres Beisammenseins zum Kleinod geworden, das sie hüteten wie einen Schatz, der ihnen unter den Händen zergehen könnte wie ein Tropfen Wassers, ein Hauch, ein Klang …
Qualvoll-süße, selige Stunden waren es, aber wie sie auch die Augenblicke festzuhalten, wie sie sie auch in heiligem Schweigen zu verlängern strebten – diese Augenblicke schwanden unaufhaltsam, unwiederbringlich dahin. –
Zwei Tage vor der angesetzten Zeit seiner Abreise saßen sie wieder Hand in Hand, stumm vor seligem Leid. Arno sah, daß Sibylle mehrmals die Lippen öffnete und tief Atem schöpfte. Aber ihre Lippen erzitterten immer wieder, und sie schwieg. Er sah, wie sie litt. Um ihretwillen mußte der Qual ein Ende gemacht werden. Er kniete vor ihr nieder, nahm ihre beiden Hände, küßte sie und legte ihre Fingerspitzen auf seine Augenlider.
»Sprich, mein Liebling!« sagte er sanft, »ich bin gefaßt.«
Es kam kein Ton als ein schwerer, leidvoller Seufzer, dann einige unverständliche Flüsterworte. Er wartete, wie man auf den Todesstoß wartet.
»Arno, Geliebter –« begann sie, als sie ihre Stimme gefunden hatte, »ich habe die Tiefe meiner Liebe erkannt; sie ist wie das Himmelsgewölbe, sie reicht so weit, daß ich selber eher alles Leid und jeden Schmerz auf mich nehmen könnte, als das Bewußtsein, dich mir weniger groß, weniger stark und frei zu denken. Das Bittere ist nur, daß du leiden sollst …«
»Süße … Süße …!« stammelte er.
»Du sollst dir nie vorzuwerfen haben, deinen Kindern nicht ein Vorbild gewesen zu sein, nie sollst du dich einer unerfüllten Pflicht wegen anklagen dürfen. Ich danke dir – mit meinem ganzen Leben, mit jedem Atemzuge für deine Liebe, Arno, aber wir zwei wollen nichts halb tun – nicht wahr?«
Sie rang nach Atem, ihre Finger zitterten auf seinen geschlossenen Lidern, sie waren eiskalt, obwohl die heiße Junisonne brannte.
»Ich darf dich weder deinen Kindern nehmen, noch will ich dich deiner Frau stehlen,« fuhr sie tonlos fort, »du sollst mir nie schreiben, Arno, weder Briefe noch Karten.«
Er zog ihre Hände an seine Lippen und küßte sie voll unendlichen Schmerzes, voll unendlichen Mitleidens.
»Versprich mir das, mein Liebling –«
Er beugte das Haupt und gelobte.
»Ich … habe nie einen Menschen geliebt wie dich und werde nie einen Menschen lieben wie dich …«
Jetzt sah er auf. Sie war geisterhaft bleich, um ihre Lippen zuckte ein herzzerreißendes Lächeln.
Mit letzter Kraft hauchte sie: »Küß mich noch einmal.«
Sie umfingen sich, sie wußten: das war Abschied auf Leben und Tod. Die schneeweißen Berge schwiegen, die Bäume horchten und staunten, die ganze wundergroße Natur schien sich in Andacht zu beugen vor Menschenleib und Menschengröße.
Sie konnten voneinander nicht lassen.
»Mein … mein … du meine Seele – du mein Glück und mein Leid,« murmelte er.
»Du ganzer Mensch – ich will deiner wert zu werden suchen.« Mit einer kleinen, fernen Stimme sagte sie noch: »Arno, wenn dein Junge einmal groß ist, schick ihn zu mir – ja, willst du?«
Er erhob sich schwankend – er sah sie noch einmal an, noch einmal streckte sie ihm die Hände entgegen, noch einmal suchte er ihren Mund – dann ging er. – Die Bäume schauerten zusammen, die Berge leuchteten. – –
Sibylle hat ihn nie wiedergesehen. Jahre kamen und gingen, und sie wuchs und erstarkte in ihrer Seele. Sie entfaltete sich wie eine Wunderblume. Wie ein freundliches Gestirn sandte sie ihre Strahlen in Nacht und Dunkel an Kranken- und Sterbebetten. Wo es Leid zu tragen und Wunden zu heilen gab, war sie zur Stelle; wo es zu raten, zu helfen, zu lindern galt, fand sie sich ein; wo man der Mitfreude bedurfte, da konnte man gewiß sein, ihrem freundlich-gütigen Lächeln zu begegnen. Wenn aber jemand über Sünde und Schuld richtete und hart verurteilte, die gefehlt hatten, da war sie es, die zur Milde ermahnte. »Wir stehen allesamt an der Schwelle der Schuld,« sagte sie dann; »es weiß keiner, ob er nicht schon diese Schwelle übertreten hat. Niemand hebe den ersten Stein!« Die Leute im Dorfe nannten sie oft kopfschüttelnd ihre Heilige. Gegen Kummer, Kränkungen und Leid jeder Art schien sie fortan gefeit zu sein – es gab ja nichts mehr, wodurch man sie hätte leiden machen können. – Mitten im Winter, am Datum ihres Geburtstages, am 9. Dezember, legte sie plötzlich ihre Trauergewänder ab und ging fortan in ihren lichten weißen Kleidern wie vor dem Tode ihrer Eltern. Die Leute zerbrachen sich die Köpfe über diese freudige Wandlung; die alte Kastellanin hatte den Grund vielleicht erraten, aber sie nickte nur mit dem greisen Kopf und schwieg. Sibylle hatte an diesem Tage zwei Pakete aus Berlin erhalten; in dem einen war ein Buch: »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde«, aus dem anderen fielen duftende Stiefmütterchen, das Wort »Pensées« stand auf einem Zettel.
Geliebt, auf Händen getragen von ihrer Umgebung und dennoch gänzlich vereinsamt, lebte sie dahin, Jahr um Jahr, und sie freute sich wie ein Kind, als sie ihr erstes weißes Haar entdeckte. Ihr Leben ward in seiner scheinbaren Einförmigkeit so reich und vielfältig, daß sie es nicht hätte gegen irgendein anderes eintauschen wollen. Alle Jahre zweimal aber hatte sie besondere Festtage: das eine Mal an ihrem Geburtstage, wo sie immer wieder einen Strauß Stiefmütterchen oder weißen Flieders und ein gutes Buch erhielt, das zweite Mal an dem Datum ihres Wiedersehens mit Arno im Mai. Da brachte ihr die Post einen Strauß Alpenblumen, Edelweiß und Veilchen, oft als Gruß aus nächster Nähe, und sie wußte, Arno streifte dann einsam durch die Dolomiten, seine innere Heimat – sie – mit der Seele suchend.
Sie begann sich im heißen Sommer auf den Silbergarten des Winters zu freuen und im Winter auf den Mai, der ihr in seinem zarten Frühlingsgewande fast ebenso lieb geworden war. In ihrem tiefsten Innern aber hatte sie sich einen eigenen Silbergarten gezogen, den sie vor fremden Blicken zu wahren und zu hüten wußte. Hier träumten Wunderbäume, ihre heiligsten Erinnerungen, bereift und seltsam, schauten nach innen und harrten der Zeitlosigkeit entgegen. Die goldenen Tore des äußeren Lebens hatten sich für Sibylle früh geschlossen, andere goldene Tore aber taten sich weit und lockend auf. Gestorben war sie, um zu werden.
Einmal war sie auch wieder nach Wangen gefahren, aber sie blieb dort nur kurze Zeit. Der Vormund schlug ihr nun selbst vor, das Gut zu verkaufen, da er einen zahlungsfähigen Käufer gefunden hatte. Sie aber schüttelte mit einem leisen Lächeln den Kopf. »Ich habe meine Verfügungen darüber schon anders getroffen,« sagte sie freundlich.
Das Erbgut ihrer Eltern vermachte sie testamentarisch Arnos Sohn und der kleinen Marie-Sibylle.
Der alte Pastor schüttelte bekümmert das Haupt. »Sie hatte alle Anlagen zu einer echten Christin,« meinte er, »aber ihre Verinnerlichung und Umdichtung der Natur ist doch wohl nicht der direkte Weg zum Heil.« Und zu Sibylle sprach er, als er von ihrer Tätigkeit hörte: »Martha, Martha, du machst dir viele Mühe.«
So war sie einsam, wie sie als Kind gewesen, einsam bis ins innerste Mark, doch nicht allein. Sie hatte ja doch ihren köstlichen Silbergarten, und da träumten hohe, schlanke Bäume und dufteten, leuchtete glanzerfüllte Stille. – –
Der 18. Mai war gekommen. Sibylle saß in festliches Weiß gekleidet in ihrer tiroler Heimat in ihrer Lieblingsallee, einen köstlichen, taufrischen Strauß Alpenblumen vor sich, den ihr die Post soeben gebracht hatte.
Da trippelte die alte Kastellanin freudig erregt auf sie zu. »Es ist ein junger Herr da, gnädig Fräulein,« sagte sie geschäftig, »der fragt nach gnädig Fräulein.«
Sibylle öffnete weit die Augen – ein schöner, schlanker Knabe von etwa fünfzehn Jahren kam eilends über den Gartenkies gelaufen und schwenkte seine Touristenmütze.
»Tante Sibylle! Liebe Tante Sibylle!« rief er von weitem. Er trat vor sie hin, groß, braun, feurig, und küßte ihr ritterlich die Hände.
»So bist du Arnos Sohn!« sprach sie mit zitternder Stimme. Sie legte ihm die feinen Hände auf die Schultern und sah ihm tief in die Augen. »Arnos Augen!« murmelte sie.
Der Knabe stand betreten. Eine heilige Ahnung mochte seine junge Seele durchrieseln.
»Mein Vater –« er stockte, »wir sind auf einer Gebirgstour – die Blumen hat er alle selbst gepflückt … ich darf vierzehn Tage bei dir bleiben, wenn du mich magst.«
»Mein lieber Junge,« sie schloß ihn in ihre Arme, »wenn du bei mir bleiben magst!«
»O – gern!« sagte er ein wenig gönnerhaft. »Du bist mir doch viel lieber als Tante Elisabeth, die redet immer so gräßlich fromm.«
Sie lachte hell auf.
»Wie du lachen kannst!« sagte er anerkennend, »und doch hast du weiße Haare!«
»Wir wollen noch oft zusammen lachen – du mußt mir aber auch alle deine Schulstreiche erzählen, gelt?«
»Hm,« meinte er listig zwinkernd, »wenn wir erst damit anfangen, gibt's sobald kein Ende. Ich bin aber Primus in Sekunda geworden – weißt du das schon?«
»Potztausend!« sagte Sibylle mit lachenden Augen, »da wird sich der Papa aber gefreut haben!«
»Na und ob!« meinte der Junge selbstbewußt. »Ich hab' ja auch nur Papa zuliebe gebüffelt, denn eigentlich mach' ich mir aus dem ganzen gelehrten Kram wenig. Landwirt möcht' ich werden! Das ist doch eine andere Sache!«
»Du bist ja ein Blitzkerl!« sagte Sibylle strahlend. »Was sind denn sonst deine Passionen? Schlittschuhlaufen, Skilaufen, Reiten und, ich wette, Sahnentörtchen – heraus mit den Leibspeisen, Junge!«
»Oho! Das kommt später – ausführlich. Ich hab' dir aber noch was mitgebracht, Tante Sibylle. Erst die Pflicht, dann das Vergnügen. Das ist nämlich Papas Lieblingsspruch.«
Er suchte umständlich in seinen Taschen und holte eine Photographie hervor. »Das da ist Marie-Sibylle!« sagte er mit verschämtem brüderlichen Stolz. »Ein ganz passables Mädel – nicht? Und hier – das schickt dir der Papa, das hast du ihm einmal als kleines Mädel geschenkt. Vielleicht macht es dir Freude. Ihm ist es lieber als alle Schätze – komisch, was? Aber Papa kann man so was nachsehen – er ist schon so besonders!« schloß er großmütig. Wichtig überreichte er ihr eine alte Zündholzschachtel. Sie zog sie auf, darin lag in verblaßtem rosa Seidengewand ein winziges Püppchen – Lady Rosalind.