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Der Schwimmer

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So war der alte Schwimmklub Berlin von 1879 mit einem Schlage wieder in den Vordergrund des Interesses getreten, und seine alten Mitglieder sahen wohl ein, daß sie dem Drängen der jüngeren nicht länger widerstreben durften und konnten, sondern verpflichtet waren, das Eisen zu schmieden, das wieder zu glühen begann.

Mit der Hoffnung auf neue, rege Beteiligung an der Öffentlichkeit und mit der begründeten Aussicht auf neue Siege begann sich ein neues, frisches Leben in den Sitzungen, wie auf den Übungsabenden zu entfalten, und nie war der Ton bei den Zusammenkünften so frei und fröhlich gewesen, wie zu Beginn dieses Sommers…

Felder übte unablässig. Als der laute Tag vorbeigerauscht war, der ihm seinen so heißersehnten Sieg gebracht, erschien es ihm wieder so wenig, was er getan, daß ein tiefes Gefühl der Unbefriedigtheit ihn fast nicht mehr verließ. Ja, er hatte gesiegt—aber war das ein Sieg gewesen, wie er zu wünschen war?—Weder war seine Zeit eine besondere gewesen, noch sein Stil bis zu Ende rein geblieben; dabei hatte er seine Kraft völlig verausgabt; und endlich hatte Wenzel, der Meistgefürchtete, nicht teilgenommen. Alles das beeinträchtigte den Wert seines Sieges in seinen Augen bedeutend und er war ungeduldig nach neuen Kämpfen.

Er übte unermüdlich. Er erreichte es zunächst, die hundert Meter in derselben Zeit, wie auf dem Bundesschwimmen, aber in glatt durchgeführtem Stil zu schwimmen; dann verbesserte er seine Zeit von Woche zu Woche um ein weniges.

Als der Frühling kam und die ersten Ausschreibungen für die Sommerfeste erlassen wurden, begann er, das frühere Training für Strecken über drei- und fünfhundert Meter wieder aufzunehmen. Seine Fortschritte setzten selbst seine Klubgenossen in Erstaunen. Sogar Nagel, der ihn unausgesetzt beobachtete, sagte nichts mehr. Nach außenhin bewahrte der Klub absolutes Stillschweigen.

Dann kamen die Siege dieses Sommers, einer nach dem andern: er siegte zweimal auf den internen Veranstaltungen seines Klubs gegen seine eigene Mannschaft, war dessen erklärter bester Schwimmer über alle Strecken und in jeder Stilart und verzichtete damit fürs erste auf die Beteiligung an Kämpfen mit seinen eigenen Leuten. Er schlug auf dem schönen Fest des "Delphin" dessen besten Schulschwimmer im Brustschwimmen über 150 Meter; er holte sich ein Diplom in Reinickendorf und einen Ehrenpreis in Halensee. Und er erlebte einen anderen, in seiner Art merkwürdigen Triumph. Er erreichte auf dem diesjährigen großen Verbandsschwimmen im Kochsee, auf dem er zu dem großen 500-Meter-Schwimmen um den Hauptpreis nicht gemeldet war, da diesmal die abmahnenden Stimmen seines Klubs, die vor allzu hastigem Vorgehen warnten, im Übergewicht gewesen waren, er erreichte auf diesem Fest im Juniorenschwimmen über dieselbe Strecke, bei dem er natürlich startete, eine Zeit, die so nahe an die des Siegers im Hauptschwimmen heranreichte, daß alle Gegner schweigen und denen recht geben mußten, die schon für dieses Jahr ungestüm eine Beteiligung Franz Felders an ersten Konkurrenzen gefordert hatten.— Das war auch ein Sieg, und nicht der schlechteste!

Dazu kamen noch in diesem Sommer seine ersten Reisen. Sie wurden über den Sonntag gemacht, da er zur festgesetzten Zeit wieder bei seiner Arbeit sein mußte. Im Fluge hin, im Fluge zurück; oft im Morgengrauen zur Bahn, eine lange Fahrt, ein hastiger Sieg, ein Telegramm an den Klub, und schon wieder zum Bahnhof zurück… Nur einmal konnte er ein paar Tage Urlaub benutzen, um nach Stuttgart zu gehen, wo er zwei Tage blieb. Auf diesen seinen ersten Reisen, die mehr Ausflüge waren, unternommen auf Kosten seines Klubs und stets in Begleitung irgendeines Kameraden, kam er nacheinander nach Magdeburg, Hamburg und Stuttgart und im Spätherbst nochmals nach Hamburg, wo er den schönsten aller seiner bisherigen Siege errang: in dem deutschen Schulschwimmen einen Ehrenkranz mit Gravierung für ein tadellos durchgeführtes Brustschwimmen von hundert Metern gegen und hundert Metern mit dem Strom, bei dem die Art des Schwimmens, nicht nur die Schnelligkeit gewertet wurde. In Stuttgart holte er sich den zweiten Preis im Wettschwimmen über einhundert Meter, in Magdeburg den ersten im Hindernisschwimmen: ein in seiner künstlerischen Ausführung wirklich wertvolles Diplom.

Und dann hatte sich Felder im folgenden Winter in seiner Meisterschaft von Berlin im Schwimmerbund über die kurze Strecke zu behaupten: diesmal gegen Wenzel vom "Poseidon" und die besten Berliner Schwimmer, und er tat es in einer Weise, die deutlich zeigte, welche Sicherheit ihm bereits die sommerlichen Siege verliehen hatten—er schwamm die kurze Strecke nicht nur in reinstem spanischem Stil und verbesserte seine eigene Zeit gegen das Vorjahr nicht nur um fast drei Sekunden, sondern er schlug den gefürchtetsten Gegner, der alles daran setzte, die verlorene Meisterschaft wieder zu gewinnen, um eine ganze Sekunde.

Zum zweiten Male war er Meister von Berlin geworden. Kaum war ein kurzes Jahr vergangen, und doch: welcher Unterschied zwischen heute und damals!

Als er—umstanden von seinen jungen und alten Klubfreunden—sein Trikot überzog und der immer behäbiger werdende Brüning den anderen in seiner spöttisch-gutmütigen Art erzählte, wie sie ihn damals vom Sofa aufgeweckt und den Mutlosen in einer Droschke hierher gebracht, dachte Felder selbst einen Augenblick an die trübe, einsame Viertelstunde, in der er hier allein niedergedrückt bei dem grauen Zwielicht eines trüben Wintertages gesessen, fast verzweifelnd an sich und seiner Zukunft.

Heute zweifelte er nicht mehr. Er dachte überhaupt wenig mehr an Siegen und Unterliegen. Die heitere Zuversicht der Ruhe, erworben in so manchen ernsten Kämpfen des letzten Jahres, war über ihn gekommen, und kaum ließ die Erwartung jetzt sein Herz höher schlagen, wenn ein neuer Sieg ihn reizte. Er wußte, er tat, was er konnte, und er tat es in erster Linie für seinen geliebten Klub. Er hatte ihm bereits Ehre gemacht. Er wußte es, und er war stolz darauf. Als das Diplom des Bundesschwimmens, das seinen Namen trug, in dem alten, gemütlichen Klubzimmer der Lindenstraße, wo der Klub nun schon seit fast einem Jahrzehnt tagte, dieser Stätte so zahlreicher, erregter Debatten, so zahlloser freudiger und gehobener Stunden, zwischen der Unmenge Ehrengeschenke und Urkunden vergangener Tage seinen Platz fand, wich zum ersten Male recht eigentlich das Gefühl einer gewissen Fremdheit, das ihn nie ganz verlassen hatte, von ihm: denn jetzt hatte der Arbeitersohn aus dem Osten angefangen, seine Schuldzurückzuzahlen, und man brauchte es nicht mehr zu bereuen, den armen Jungen unter sich aufgenommen zu haben. Und er schwur sich damals und viele Male später, immer und immer wieder zu: ganz und bis aufs letzte die in seinen Augen so unermeßliche Schuld zurückzuzahlen, und vielleicht nicht nur das, sondern dem "S.-C. B. 1879" mit Zinsen und Zinseszinsen zu vergelten, was er an ihm getan.

Daher freute er sich an jedem seiner Erfolge, nicht nur für sich, sondern auch für seinen Klub mit. Und so glücklich er auch war, einen Preis nach Hause tragen zu dürfen und die Ehrenzeichen und Medaillen auf seiner Brust sich vermehren zu sehen—lieber war es ihm doch noch und größer seine Siegerfreude, wenn er seine Preise in den Besitz des Klubs übergehen und dort die Wand zieren sah, während ihm selbst nur eine einfache Urkunde—gewissermaßen als Bestätigung—zuteil wurde.

So rein und ehrlich war seine Freude, daß er fast noch keine Neider hatte, wenigstens nicht unter seinen Leuten. Er war noch ganz der, als den sie ihn damals aufgenommen hatten, wenn er auch äußerlich ein junger, eleganter Mann geworden war, der es lernte, Wert auf sein Äußeres zu legen. Auf seinen Lippen zeigte sich der erste Flaum, aber sein Körper—obwohl Felder auch im letzten Jahre tüchtig in die Höhe geschossen war—zeigte noch immer die unentwickelte Formen des Knaben, und wenn er an den Start ging, verschwand seine Gestalt fast neben denen der anderen. Wer ihn nicht kannte, prophezeite ihm vor seinen meist voll entwickelten, muskulösen Gegner sicher nicht den Sieg, bis er ihn mit kurzen und sicheren Schlägen das Wasser teilen und den schmächtigen Schwimmer schnell allen vorauseilen sah.

Diese Liebe zu seinem Klub, diese fast kindliche Freude an seinen ersten Triumphen, diese so bescheidene und doch selbstbewußte Zurückhaltung und Ruhe, die Felder eigen war, erhöhte seine Beliebtheit im Klub von Tag zu Tag; und wann immer er kam, woran er auch teilnahm, stets war er gern gesehen und fühlte sich mehr und mehr heimisch in diesem Leben, das mehr als je fast jede seiner nicht der Tagesarbeit gewidmeten Stunden in Anspruch nahm. Noch immer waren und blieben die besten seiner Freunde die alten: Nagel, der treue und ernste Berater; Brüning, dessen ausgesprochener Schützling er blieb und der, so oft er nur konnte, den Unerfahrenen auf seinen Reisen begleitete und natürlich stets alles zahlte; und Koepke, der Unzertrennliche, sein Schatten, der bei jedem neuen Siege von neuem aus dem Häuschen geriet und ihm Erfolge voraussagte, über die Felder selbst einstweilen nur lächelte. Aber auch an manchen anderen Klubgenossen hatte er wahre und aufrichtige Freunde, die verlernt hatten, sich an seiner Schwerfälligkeit und Wortkargheit zu stoßen und ihm näher standen, als Felder es selbst wußte.

Und noch eines trug dazu bei, seine Beliebtheit zu erhöhen: trotz seiner erstaunlichen Fortschritte und der in Anbetracht seiner Jugend außergewöhnlichen Siege drängte er sich doch nie zu den Konkurrenzen, und immer war es der freie Entschluß seines Klubs, der ihn—vor der von Brüning und einigen anderen gelenkten Majorität sich beugend— hinaussandte. So ließ er sich ruhig mitnehmen in die fremden Städte, überwand schnell das anfängliche Unbehagen der hastigen und überstürzten Fahrten, und tat sein Bestes, sich für die Kämpfe möglichst frisch zu erhalten, indem er geduldig die Ratschläge seiner Begleiter über sich ergehen ließ und aß und schlief, wenn diese es für nötig erachteten, und nicht, wenn er hungrig und müde war. Die Reisen selbst interessierten ihn wenig: er sah wohl hier und da eine Sehenswürdigkeit der fremden Stadt, wenn es zufällig eine freie Zwischenstunde erlaubte, auch machte das neue und bunte Hafenleben Hamburgs einigen Eindruck auf den Binnenländer, aber im allgemeinen drehten sich seine Erinnerungen an diese Reisen doch nur um deren Zweck und Ziel: um die Wettläufe am Nachmittag und die Preisverteilung am Abend, und die glichen sich alle mehr oder minder, mochte es nun in Hamburg sein oder in Stuttgart oder Berlin.

Aus diesem Jahre, vielleicht dem glücklichsten seines kurzen Lebens, stammte eine Photographie, auf der er sich zum ersten Male bildlich im Schmucke seiner Siegeszeichen zeigte. Die kleine, braune Rettungsmedaille war fast nicht mehr sichtbar unter den sechs bis sieben großen Silbermünzen, die bereits eine ganze Reihe auf der linken Brustseite bildeten; und um den Hals trug der junge Meister bereits das breite Band mit der kleinen, vergoldeten Medaille, das in leuchtenden Buchstaben den frühen Ruhm seines Trägers verkündete.

Als der "Welt-Sport", das berühmte und angesehenste Sportblatt der ganzen Welt, Felder um sein Bild bat und es zu Ende dieses Winters seinen Lesern zeigte, schrieb es dazu:

"Wenn wir heute—entgegen unserer sonstigen Gewohnheit—unseren Lesern das Bild eines jungen Schwimmers zeigen, dessen Name, obwohl bereits rühmlich bekannt in seinen Kreisen, doch noch keine eigentlich nationale Geltung erlangt hat, so tun wir es in der sicheren Überzeugung, daß der Name Franz Felder eines, vielleicht nicht einmal fernen Tages über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus genannt werden wird. Was uns zu diesem Ausspruch treibt, sind nicht so sehr die in Anbetracht seiner Jugend allerdings außergewöhnlichen Leistungen und staunenswert schnellen Fortschritte dieses Schwimmers, sondern vor allem die Beobachtung der ganz nur auf ein Ziel gerichteten Energie dieses jungen Mannes, mit der er von früh auf sich selbst gesteckte Ziele rastlos und unbekümmert zu verfolgen scheint… Wir wüßten unter allen deutschen Schwimmern der jüngeren Generation keinen, der uns so zu den höchsten Hoffnungen berechtigt erscheint, wie Franz Felder, der Meister von Berlin über die kurze Strecke der letzten beiden Jahre…"

Als an einem Sitzungsabend des Klubs die Nummer herumgereicht und von allen Seiten mit launigen und spöttischen Bemerkungen über den Schreiber begleitet wurde, war es wieder nur Nagel, der ernst blieb. Indem er verstohlen das Bild mit dem ihm seit Jahren bekannten Gesicht verglich und Zug für Zug hier wiederfand, was er dort so gut kannte: die niedrige, trotzige Stirn, den Mund mit den ausdrucksvollen, gewölbten Lippen, das energische Kinn und die oft so unnatürlich ernsthaft blickenden blauen Augen mit den scharf gezogenen Brauen darüber—da mußte er innerlich dem gewiegten und in allen Lebenssätteln gerechten Menschenkenner des großen Sportsblattes recht geben und seiner Beobachtungsgabe Bewunderung zollen. Aber was jenen, den gleichgültigen Kritiker, so zu überschwänglichen Prophezeiungen begeisterte, erfüllte ihn mit heimlich-banger Sorge um seinen Schützling.

Er sprach nicht aus, was er dachte. Man würde ihn mitverlacht haben. Denn für die meisten anderen lag alles dies, was er in diesem Augenblick in voller Schärfe sah, noch verborgen unter der Weichheit der Jugend, die in diesen Zügen noch nichts Hartes hervortreten ließ, und gerade in dieser Stunde, in diesem lustigen Kreise, unter diesen ihm so vertrauten und lieben Menschen, kam alles, was in Felders Natur an unbekümmerter Fröhlichkeit, an sich und anderen vertrauender Güte und natürlicher Liebenswürdigkeit lag, hervor. Mit den anderen lachte er über die Überschwänglichkeiten des Reporters, denn wenn je in ihm die Stimme des Ehrgeizes geschwiegen hatte, so rat sie es jetzt. Seine ersten Siege hatten ihn beruhigt. Wenn es so leicht war, zu siegen—nun, dann wollte er noch oft siegen. Aber wozu darüber nachdenken?—Das würde alles schon kommen, wie es kommen sollte. Für ihn war die Hauptsache, daß er seinem Klub Ehre und Freude machte. Hier hatte er die Heimat seiner knabenhaften Wünsche gefunden, und hier wollte er bleiben. Sein Klub würde ihn leiten und ihm sagen, wie weit er zu gehen, wo er stehen zu bleiben hatte. Er vertraute sich ihm ganz.

Er war ganz ruhig, ganz sicher, ganz glücklich.

Er hatte ein großes Vertrauen in seine Kraft gewonnen. Denn er fühlte sie wachsen von Tag zu Tag, von Tag zu Tag!

9

Sie waren eine glückliche Zeit für den jungen Schwimmer—die Jahre dieses rapiden, sicheren und doch nicht überhasteten Aufstiegs.

Aber nie schien ein Sommer in Franz Felders Leben so voll Sonne zu werden wie dieser nächste, der seines achtzehnten Lebensjahres, in dem er seine Lehrzeit beendete und in dem er in einer Fülle anderer erstklassiger Siege, die sich Schlag auf Schlag in fast beängstigender Schnelle folgten, auch seine erste, ganz große Meisterschaft und mit ihr die große goldene Medaille erfocht: die Jahresmeisterschaft von Deutschland über die große Strecke von tausend Metern—den schönsten und reinsten aller seiner bisherigen Siege.

Der Wunsch, sich an diesem höchsten Wettkampf zu beteiligen, um den alle ersten Schwimmer Deutschlands Jahr für Jahr mit ihrem besten Können rangen, hatte lange in ihm gelegen, bevor er sich hervortraute. Die kurze Strecke, über die er sich Meister fühlte, reizte ihn schon nicht mehr. So kam es, daß er sich mehr und mehr auf die langen Strecken legte und im Frühjahr dieses Jahres wochenlang überhaupt nur noch über tausend Meter trainierte, bis er auch hier Zeiten erreichte, die sich kühnlich neben anderen sehen lassen konnten. Aus dem unübertrefflichen Flieger war ein ausgezeichneter Steher geworden. Als daher die Beratungen über die jährliche Beteiligung begannen, konnten die schwachen und vereinzelten Einwände meist älterer Mitglieder gegen ihn nur seiner Jugend gelten, und sie wurden von dem allgemeinen lebhaften Verlangen des Klubs nach neuen und größeren Siegen auf neuem Gebiet glatt überstimmt.

Das große Schwimmen des "Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes" sollte in diesem Jahre besonders großartig ausgestaltet werden, jede Art von Konkurrenz im Schwimmen, Springen und Tauchen umfassen und sich über zwei ganze Tage erstrecken, einen Sonnabend und einen Sonntag im Juli. Als Ort war diesmal Grünau gewählt, der allbekannte Sportplatz an der Dahme, der "wendischen Spree", dem Heim der großen Regatten. Seit Jahren waren keine zahlreicheren und bedeutsameren Meldungen aus allen Orten Deutschlands eingetroffen, und die gesamte Schwimmwelt blickte den entscheidenden Tagen mit außergewöhnlicher Spannung entgegen. Der "Schwimmklub Berlin 1879" hatte neben Felder, der am ersten Tage in einem 200-Meter-Schwimmen, am zweiten sich an dem großen Schwimmen beteiligen sollte, seinen ausgezeichneten Springer, Grafenberger, und zu den kleineren Wettkämpfen mehrere verheißungsvolle Kräfte gemeldet, so daß er schon nach der Zahl seiner Meldungen im Vordergrund des Interesses stand!—

Der Eröffnungstag, der Sonnabend, war nicht vom Wetter begünstigt und verlief auch sonst unbefriedigend. Grafenberger hatte seinen schlechten Tag, und sogar Felder holte sich nur einen zweiten Preis, indem er gegen den Meisterschwimmer Westdeutschlands aus Frankfurt über die 200-Meter-Strecke unterlag. Man trennte sich unter strömendem Regen früh, um sich zu dem Haupttage durch ausgiebigen Schlaf zu rüsten.

Um so zahlreicher und auserlesener war am Sonntag die Zuschauermenge, die in dichten Reihen die Holzbänke an dem sanft aufsteigenden Ufer zu vielen Hunderten schon vor der angesetzten dritten Stunde des Beginnes besetzt hielt, während von einem wolkenlosen, blauen Himmel die Sonne in vollster Pracht auf Wasser, Wälder und sie, die Menschen, herniederstrahlte.

Fast alles, was in der Welt des Schwimmsports einen Namen hatte, war vertreten. Man sah mehr bunte Mützen und Farben als je zuvor, und aus der Zahl der Zuschauer und der Vertreter und Deputierten öffentlicher Behörden konnte man ersehen, welchen Aufschwung das Schwimmwesen in den letzten Jahren genommen und wie sehr es an Interesse in weiteren Kreisen gewonnen haben mußte.

Von Anfang an wurden alle Rennen mit allgemeinster Aufmerksamkeit verfolgt, und selbst solche, die sonst nur Ermüdung und Langeweile bei den Zuschauern hervorzurufen pflegten, wurden mit Beifall begleitet.

Als dann aber das Hauptschwimmen kam, als die schlanke, ebenmäßige Gestalt Felders die Flut mit der Regelmäßigkeit und Kraft eines Dampfers durchschnitt, als er erst den bestaunten Koloß der Hamburger, dann den Meister der langen Strecke von Süddeutschland, endlich in der letzten Länge auch den bisher als unbesieglich geltenden Karl Becker, den Sieger des Vorjahres, hinter sich ließ und vor allem ebenso ruhig aus dem Wasser stieg, wie er hineingegangen war, da löste sich die aufs höchste gestiegene Spannung in einem nicht endenwollenden Jubel. Es war ein Sieg, so rein und schön erfochten, daß jedes Mäkeln und Deuteln vor ihm verstummte; und so einfach und ungezwungen war die Haltung des Siegers (als habe er das Selbstverständlichste der Welt getan), daß man nicht anders konnte, als ihn bewundern und lieben zu gleicher Zeit.

Felder konnte sich vor den Beglückwünschungen kaum retten. Da es ihm bei seiner Schwerfälligkeit noch immer lästig war, vor so vielen fremden Menschen Rede und Antwort zu stehen, suchte er sich ihnen möglichst bald zu entziehen. Heute hatte er einen guten Grund.

Seine ganze Familie hatte heute ausnahmsweise "nach Grünau hinausgemacht", um "einmal zu sehen, auf welche Weise er denn zu all diesen schönen Geschenken und den Medaillen käme". Franz hatte zuerst protestiert. Was fiel ihnen plötzlich ein?—Er wollte sie nicht da haben. Sie sollten ihre eigenen Wege gehen, wie er die seinen ging. Aber er konnte ihnen schließlich nicht verbieten, unter den Zuschauern zu sein und zuzusehen. So hatte er ihnen denn möglichst gute Plätze verschaffe und im benachbarten Restaurant einen großen Tisch am Wasser belegt. "Einen recht großen, denn es würden noch mehrere dabei sein", meinte sein Vater.

Jetzt kam ihm diese ganze Familiengeschichte gerade recht, um sich auf eine Stunde den anderen zu entziehen. Auch war er ganz zufrieden, daß die Seinen nun endlich einmal gesehen hatten, was aus ihm geworden war, wenn sie auch nicht viel davon verstanden. Denn mehr als je zerfielen für ihn die Menschen in die zwei Klassen: in die, die schwimmen konnten, und in die, die es nicht konnten…

Als er—die Brust bedeckt mit seinen Siegeszeichen—an den Tisch trat, fand er auch bereits seine Familie fast vollzählig vor: die Geschwister, verheiratete und unverheiratete, waren da, die Kinder der ersteren und andere Verwandte. Außerdem befreundete Familien, von denen er nur einzelne Mitglieder kannte—alle bunt durcheinander.

Man hatte ihm einen Ehrenplatz oben am Tische aufgehoben. Er sah sich flüchtig um. Zu seiner Linken saß ein junges Mädchen, das ihm fremd war, zur Rechten seine alte Mutter. Ein paar Plätze von ihm entfernt machte sich ein beleibter Herr mit einer mächtigen Bowle zu schaffen. Überall bekannte Gesichter.

Franz nickte seiner Mutter zu.

Mit einem schwachen und seltenen Versuch, zu scherzen (sein neuer Sieg hatte ihm Mut gemacht) meinte er:

—Na, Mutter, heute ging es ja noch mal gut; aber das nächste Mal ertrinke ich dann sicher.—Die alte Frau glaubte nämlich noch immer, ihr Franz müsse eines schönen Tages seinen Tod im Wasser finden. Ins Wasser gehen bedeutete für sie, sich ganz unnötigerweise einer Gefahr aussetzen; und wenn sie in letzter Zeit auch begriff, weshalb ihr Sohn das tat—denn er brachte doch die schönen Preise nach Hause—so war sie doch immer noch nicht aller Sorge ledig. So antwortete sie denn nur:

—Wenn du auch schwimmen kannst, ertrinken kannst du doch!…

Man lachte sehr über ihre Antwort, und Franz lachte mit, obwohl er sich ein wenig über das Unverständnis der alten Frau ärgerte.

Da hörte er sich plötzlich von links her angesprochen:

—Kennen Sie mich denn wirklich nicht mehr, Herr Felder?—

Er sah seine Nachbarin überrascht an. Schon als er sich setzte, war sie ihm aufgefallen, und er hatte gedacht, wer sie wohl sei. Sie war noch ganz jung, etwa in seinem Alter, und sehr elegant gekleidet: ein weißes Sommerkleid mit rotem Besatz, ein großer Strohhut, blonde Haare und ein Stumpfnäschen, sehr hübsch und schon recht selbstbewußt—so kam sie ihm vor. Er sah ihr nun gerade ins Gesicht; dann sagte er aufs Geratewohl:

—Aber gewiß, Fräulein, voriges Jahr auf dem Bundesfest…

Er hatte sie nie gesehen. Es kam überhaupt selten vor, daß er mit Damen sprach. Höchstens auf den Vereinsvergnügungen oder auf den Schwimmfesten, wo er von den Damen, die den Sieger in der Nähe sehen wollten, zum Tanze geholt wurde, machte er eine flüchtige Bekanntschaft.

Sie lachte laut.

—Nein, sagte sie, es ist viel länger her…

—Viel länger her?—

Er wußte nicht, was sie meinte. Er wußte es wirklich nicht, soviel er sie auch ansah.

Sie lachte noch immer; dann kam sie ihm zu Hilfe.

—Na, wir haben doch immer zusammen gespielt, als wir noch Kinder waren. Wissen Sie denn nicht mehr, in der Fruchtstraße, im Hof, da wohnten wir doch. Vatern gehörte doch dazumalen das Haus…

Ja, jetzt erinnerte er sich dunkel, aber auch nur ganz dunkel. So oft, wie sie sagte, "immer", konnten sie übrigens nicht zusammen gespielt haben, denn er war doch meist fort gewesen, am Wasser. Aber daß sie sich als Kinder gekannt hatten, war schon richtig, denn er erinnerte sich jetzt sogar ihres Namens: Elise Heinecke.

—Na, Sie hätte ich aber nicht wiedererkannt, Fräulein Heinecke!

—Ja, glauben Sie, ich Sie?—Aber als wir neulich Ihren Namen im "Morgenblatt" lasen, meinte Vater, ob das wohl dieselben Felders sind, die dazumal in der Fruchtstraße bei uns gewohnt haben; und da er doch alles kennt, ist er denn gleich zu dem Herrn Faßbender, was doch der Vorsitzende von Ihrem Verein ist, gegangen, und der hat ihm gesagt, wenn wir uns überzeugen wollten, brauchten wir nur heute nach Grünau zu machen, da würden wir Sie schon in Ihrem Glänze sehen. "Machen wir!" sagte Vater, und auf dem Bahnhof haben wir denn auch gleich Ihre Eltern getroffen. Nein, können Sie aber schwimmen!

Die letzte Bemerkung machte Franz warm. Überhaupt, er wußte nicht, was es war, aber sie gefiel ihm ausnehmend. Es war so leicht, sich mit ihr zu unterhalten. Sie fragte und verstand immer Dinge zu fragen, auf welche er Antwort zu geben wußte. Und wenn er keine gab, so sprach sie gleich weiter und nahm es nicht weiter übel.

Das Schwimmen war vorüber, und der große Garten füllte sich bis auf den letzten Platz mit Sportsfreunden und Zuschauern. Überall an den Tischen gruppierten sich die durstigen Mitglieder der vielen Vereine und ihre zahlreichen Angehörigen. Ganz dicht am Wasser an der anderen Seite hatte sich der S.-C. B. 1879—heute der Mittelpunkt aller anderen—einen langen Tisch reserviert.

Als Felder, bereits von allen Seiten vermißt, von seinen Leuten gefunden und fortgeholt wurde, war er erstaunt, zu hören, wie schnell die Zeit vergangen war. Er mußte versprechen, nach der Preisverteilung wiederzukommen, um teil an der Bowle zu nehmen, und der alte Heinecke, stolz auf sein gelungenes Werk, sagte ihm mindestens dreimal, sie sei nur ihm zu Ehren angesetzt. Wichtiger aber war für Franz, was auch die Tochter sagte, als er ging: "Ja, Herr Felder, kommen Sie bald wieder. Sie müssen mir noch viel über Ihre Siege erzählen."

Er dachte an sie, als er unter seinen Freunden saß, und zum ersten Male, solange er denken konnte, hätte er eine andere Gesellschaft als die seines Klubs vorgezogen, und immer wieder blickte er nach dem Tische hinüber, von wo ein weißes Kleid wie grüßend zu ihm herüberschimmerte.

Als jedoch die Preisverteilung in dem großen Saale des Restaurants stattfand, als er aus den Händen des ersten Verbandsvorsitzenden die schöne große Medaille von Gold erhielt und ihm das breite, dreifarbige Band, an dem sie hing, um den Hals gelegt wurde, als an sein Ohr die Worte schlugen, die ihm galten—: "Wohl noch nie ist ein Sieg, wie der heutige, von einer so jungen Kraft errungen worden. Was aber seinen Wert noch erhöht, ist die tadellose Art, in der er gewonnen wurde. Indem ich Ihnen, Herr Franz Felder, daher hiermit den großen Preis Ihres Sieges, den von allen deutschen Schwimmern am heißesten begehrten, überreiche, kann ich keinem anderen Wunsche Ausdruck geben als dem: Möchten alle Ihre künftigen Siege, mein junger Meister von Deutschland, so rein und schön sein wie dieser heutige…"—als diese Worte an Felders Ohr klangen und ihn dann wieder der ungezügelte Jubel des ganzen Saales umtoste, da hatte er alles, alles in der Welt vergessen, bis auf seinen geliebten Sport, und nur ein Wunsch, eine Sehnsucht hielt ihn wieder gefangen: sich immer würdig zu zeigen der hohen und großen Ehre dieses Tages.

So sehr hatten ihn die einfachen, warmen Worte des alten Herrn ergriffen, daß er lange Zeit brauchte, um sich zu sammeln. Jeder wollte mit ihm sprechen, jeder ihn und sein Ehrenzeichen sehen. Man zog ihn an diesen Tisch und an jenen, überall wurden ihm offene Hände und gefüllte Gläser entgegengestreckt; er mußte antworten, anstoßen und mittrinken, und als er sich endlich seines Versprechens erinnerte und an den Tisch zurückkehrte, wo ihn die Bowle, seine Familie und ein junges Mädchen erwarteten, da begannen bereits die ersten Schatten des Abends zu fallen. Wie er sie wiedersah, war er gleich wieder in dem Bann dieser braunen, lustigen Augen. Er nahm die Glückwünsche seiner Familie und eine lange, schwülstige Rede des dicken Hausbesitzers hin, weil es so sein mußte, aber er sprach fast nur mit ihr.

Sie schmollte erst ein wenig mit ihm, daß er nicht eher gekommen war, aber sie begriff doch, daß er an einem solchen Tage viele Verpflichtungen habe; denn wenn sie auch, wie sie lachend meinte, wohl seine älteste Bekannte hier im Garten sei, so kannten ihn doch alle anderen besser als sie. Sie erzählte ihm, wie sie im Saale gewesen sei und ganz dicht bei der Tribüne gestanden habe, so daß sie jedes Wort gehört habe. Sie bewunderte nach Gebühr seine neue Medaille und las Wort für Wort die Inschrift auf dem Bande, wobei sie es, wie liebkosend, durch die Hand gleiten ließ. Dann kam sie auf die vorhin unterbrochenen Erklärungen seiner anderen Preise zurück, und von neuem mußte Franz ihr Herkunft und Bedeutung eines jeden erklären. So erfuhr sie von allem, was seinem Leben bisher Inhalt und Wert gegeben, und es schien sie aufrichtig zu interessieren, so daß sich Felder sagte: das ist nicht nur ein schönes, sondern auch ein kluges Mädchen.

Später gingen sie miteinander durch den Garten, und wieder stellte sie Fragen, die zu beantworten ihm Freude machte. Sie wollte wissen, wer die an diesem und die an jenem Tische waren, ob es befreundete oder fernstehende Vereine waren. Sie fragte nach den Namen von solchen, deren Brust sie, wie die seine, mit Preisen bedeckt sah.— Waren es Springer oder Schwimmer, wie er?—Hatte er schon mit ihnen gekämpft und hatte er sie geschlagen?

Es machte ihr offenbar Freude, so an seiner Seite durch die Reihen der Tische zu gehen, zu sehen, wie Felder überall von Grüßen und Zurufen begleitet wurde, und dabei mit angesehen zu werden.

In demselben Saale, in dem die Preisverteilung stattgefunden, wurde jetzt getanzt. Als sie hörte, daß er zwar etwas tanze, sich aber nichts daraus mache, meinte sie auch, es könne kein besonderes Vergnügen sein, in dem heißen und überfüllten Räume sich herumzudrehen, wo es doch draußen jetzt so schön kühl geworden sei.

Die Bowle war fast geleert, und überall im Garten brannten die Lichter, als sie von ihrem Rundgang an ihren Tisch zurückkehrten. Man war natürlich wieder dagewesen und hatte nach Franz gefragt. Die alten Leute waren müde geworden und wollten nach Hause. Die Kinder schliefen schon zum Teil, und man brach auf, da man dem kolossalen Gedränge der letzten Züge und der Gefahr, überhaupt nicht mehr mitzukommen, entgehen wollte. So brach die ganze Gesellschaft zusammen auf. Franz wollte sie noch bis zum Bahnhof begleiten, bevor er sich endlich wieder zu seinen Kameraden gesellte.

Man ging in einer langen Reihe durch den Kiefernforst zu der etwa zehn Minuten entfernten Station.

Es kam wie von selbst, daß der junge Mann und das junge Mädchen die letzten wurden.

Als die Lichter der Häuser in Grünau hinter ihnen lagen, umgab sie die Dunkelheit des Waldes, und sie konnten nur noch die Zurufe der vor ihnen Gehenden hören, ohne die Gestalten mehr recht zu unterscheiden.

Die beiden gingen dicht nebeneinander, so schmal war der Weg. Unsicher über seine Richtung in dem tiefen Dunkel unter dem dichten Nadelholz, kam es, daß sie sich berührten, wenn sie ihn mit ihren Schritten suchten. Sie war Stumm geworden, und er, nicht mehr von ihr gefragt, wußte nicht, was er sagen sollte. Sie mußten ziemlich weit zurückgeblieben sein, denn das Sprechen und das Gelächter der Ihren tönte zu ihnen zurück wie aus weiter Ferne.

Wieder stießen sie in der Dunkelheit aneinander, und er hörte, wie sie lachte. Ihr Lachen machte ihm Mut, und er fragte:

—Soll ich Ihnen nicht meinen Arm geben, Fräulein? Sie werden sonst noch fallen.

—Nehmen Sie mich bei der Hand, gab sie zur Antwort, und er fühlte ihre weichen, warmen Finger in den seinen. Und dann—wie es kam, wußte er nicht—blieben sie beide stehen. Er legte seinen Arm um ihre Taille und beugte sich nieder, um sie zu küssen. Er stieß erst gegen ihren breiten Sommerhut, berührte ihre Wange und küßte sie dann mitten auf den Mund. Sie hielt ganz still.

Dann sagte sie nur:

—Aber nicht doch, Herr Felder…—

Aber sie ließ seine Hand nicht los, und nach einigen Schritten blieben sie wieder stehen. Diesmal brauchte er nicht zu suchen, denn sie hob das Gesicht zu ihm empor, und er küßte sie wieder und wieder und wieder, und er täuschte sich nicht, wenn er fühlte, wie ihr Mund seinen Mund immer von neuem suchte.

Endlich aber wich sie von ihm zurück.

—Wir müssen uns eilen, sagte sie hastig und eindringlich, die anderen müssen schon am Bahnhof sein.

Sie gingen Hand in Hand so schnell wie möglich, aber keines von ihnen sprach ein Wort. Sie war es, die vorwärts trieb. Bevor sie in die vor ihnen heller und heller aufleuchtenden Lichter hinaustraten, suchte er sie noch einmal an der Hand zurückzuhalten. Aber sie sagte:

—Nein, nein. Wir müssen uns eilen.—Und sie gingen weiter.

Sie wurden von der ganzen Gesellschaft gesehen, wie sie aus dem Walde traten. Sie warteten alle vor dem Bahnhof auf den Abgang des Zuges. Der alte Heinecke machte ein böses Gesicht und ging auf seine Tochter zu. Man suchte den Wartesaal auf. Der Zug hatte natürlich Verspätung.

Dort, in der gräßlichen Enge und Hitze des vollgedrängten Raumes, suchte sich Felder dem Mädchen vergebens noch einmal zu nähern. Nur, als endlich alle auf den Bahnsteig strömten, gelang es ihm, ihr noch einige Worte zu sagen:

—Sie werde doch ganz sicher in acht Tagen auf das Kochseefest kommen?—Vater sei sehr böse, flüsterte sie zurück,—aber sie wolle sehen… Der Ausdruck ihres Gesichtes erschien ihm ganz verändert, wie sie an ihm vorbeiging. Alle Freundlichkeit schien aus ihm geschwunden; es war eine ganz andere als die, welche er noch eben in seinen Armen gehalten.

Als sie alle in dem bereits überfüllten Zuge untergebracht waren—die einen hier, die anderen dort, aber alle auseinander gerissen—und er Eltern und Verwandten Adieu gesagt, suchte er sie noch einmal mit den Augen. Aber er fand die Abteilung nicht mehr, wo sie eingestiegen war.

Eilig ging er den Weg zum Garten zurück. Er fühlte sich so leicht und glücklich wie nie zuvor in seinem Leben.

Als er unter seine Freunde trat, wurde er mit Jubel, aber auch mit unmutigen Bemerkungen über sein Fernbleiben empfangen.

Ob er wohl lange genug Familie gesimpelt habe?—Und ein anderer rief über den Tisch hin:

—Laßt ihn, Franz hat eine Braut…—

Felder kümmerte sich um nichts, sondern griff nach einem Glase. Er war durstig, durstig und glücklich, und er wurde selbst nicht böse, als ihm ein Dritter in täppischer Vertraulichkeit zuflüsterte:

—Du, die kleine Heinecke mußt du dir festhalten. Der Alte hat Moneten wie Heu. Zwei Holzplätze im Norden…

Ob er sich wohl darum gekümmert hatte!—Er wußte nicht einmal, was der Alte war. Aber das hatte er sich schon gedacht, daß die Bemerkungen nun nicht ausbleiben konnten.

Ein Übermut ergriff ihn, der ihm sonst ganz fremd war. Er hörte nicht, was die anderen sagten. Er lachte und trank und ließ sie reden. Ein schönes Mädchen, ein kluges Mädchen, und wie sie küssen konnte!…

Es war ein wunderbarer Sommerabend, weich und warm. Die breite Wasserfläche lag still und schwarz und nur vom anderen Ufer her blinkten noch einige Lichter.

Die Bänke und Tische wurden leerer und leerer. Aber noch gegen Mitternacht, als sich der Schwarm verlaufen hatte, kamen an dem Tische der 79er einige der angesehensten Sportkameraden zusammen, um unter sich bei einem letzten Glase nochmals den Sieg des heutigen Tages zu feiern, und unter allen Ehrungen dieses und aller vorhergehenden Feste war keine schöner und wertvoller für den jungen Sieger als die einfache und neidlose Bewunderung, die ihm die Besten ihrer Kunst in dieser späten Stunde darbrachten, indem sie sich zu ihm gesellten. Wieder wurde er ganz der Schwimmer, der er mit Leib und Seele war, und wieder fühlte er sich hier, nur hier unter den Seinen, zu Hause wie sonst nirgends auf der Welt.

Erst als sie lange nach Mitternacht Brünings Motorboot bestiegen und das sicher gelenkte, elegante Fahrzeug lautlos an den flachen Ufern vorüberglitt, während sich die Müdigkeit über die in den Ecken Hockenden und Liegenden breitete, kehrten seine Gedanken noch einmal zu dem jungen Mädchen zurück, das er heute in seinen Armen gehalten und das seine Küsse so willfährig und so innig erwidert hatte, und er konnte in dieser stillen Stunde dem sehnsüchtigen Wunsche nicht wehren, nur noch einmal wieder diese Lippen mit den seinen zu berühren, diese weichen Lippen, die so verständnisvoll zu fragen, so freundlich zu lächeln und so heiß zu küssen verstanden.

10

Acht Tage später schwamm er auf dem Feste des "Deutschen Wettschwimmkartells".

Zum ersten Male, solange Felder sich an den Kämpfen beteiligte, waren seine Gedanken nicht ganz und ungeteilt bei seiner Aufgabe, obwohl es durchaus kein sicheres Schwimmen für ihn war. Es galt einen vielbegehrten Wanderpreis, der erst nach dreijährigem, Jahr auf Jahr errungenem Siege in den Besitz des Klubs überging, den Preis der Stadt Charlottenburg, zum zweiten Male zu gewinnen, und Felder wußte ganz gut, daß sein großer Sieg des letzten Sonntags die Gegner nur noch hitziger gemacht hatte. War doch der Sieger des vorletzten Jahres, Biedermann vom "Ersten Charlottenburger Schwimmklub", unter seinen Gegnern und brannte darauf, ihm heute den bereits einmal erstrittenen, dann wieder verlorenen Preis seiner eigenen Stadt streitig zu machen. Er wußte also gut, daß er sich zusammenzunehmen hatte.

Aber er konnte nicht so ruhig sein wie sonst. Immer wieder überflog sein Auge die Menschenmengen, die an dem abgegrenzten Ufer des Wassers langsam die Zuschauerreihen der Bänke zu füllen begannen, ohne unter ihnen das weiße Kleid mit dem roten Besatz und den großen Hut erkennen zu können. Selbst als sein Schwimmen begann, und er an den Start ging, suchte noch sein Blick in dem dichten Gewühl eine Gestalt zu unterscheiden, ohne daß es ihm gelang. War sie gekommen, wie sie versprochen? Oder nicht?

Er dachte immer wieder daran, als er im Wasser lag und die ersten Längen schwamm. Und so kam es, daß er in der Mitte der vierten plötzlich dicht vor sich den Charlottenburger und neben sich einen zweiten Gegner sah, von dem er nicht einmal wußte, wer es war, so wenig hatte er die Konkurrenzen im Gedächtnis. Ein gewaltiger Schrecken durchfuhr ihn. Mit mächtigem Schlage ausholend, ließ er den neben ihm Liegenden hinter sich, erreichte Biedermann, schlug kurz vor ihm an und glaubte gesiegt zu haben. Aber während er sich ruhig an dem Balken hielt und den Abstieg suchte, sah er zu seinem grenzenlosen Erstaunen alle beide, erst den einen, dann auch den anderen, die neue Länge beginnen—und als es ihm plötzlich klar wurde, daß er sich um eine ganze Länge geirrt hatte, waren sie ihm bereits um ein paar Meter voraus und die übrigen teils schon neben ihm, teils ebenfalls am Ende dieser Länge. Da aber hatte Felder auch alles andere vergessen, und sich fest auf die Seite legend und tief Atem holend, sah und dachte er jetzt nur noch eines: sein Ziel!—Wäre die Länge 75 statt 100 Meter gewesen, es wäre ihm nie möglich geworden, die so leichtsinnig und nutzlos verlorene Zeit wieder einzubringen. So aber—und infolge seines ausgezeichneten, nie versagenden Trainings—dachte er keinen Augenblick daran, den Sieg schon verloren zu geben; und während die Richter bereits glaubten, daß er freiwillig ausgesetzt habe, sahen sie ihn jetzt wieder näher und näher kommen, dann an der Seite des zweiten, gleich darauf an der des ersten Gegners liegen und endlich in einer fast unglaublichen Anstrengung dicht vor diesem anschlagen…

Von tosendem Beifall umhallt, von erregten Fragen über das Geschehene bestürmt, wurde Felder erst jetzt sein unbegreiflicher Irrtum recht klar. Der Schrecken lag ihm noch in den Gliedern und er hatte sich vollständig ausgegeben. Er winkte den Freunden ab, die sich um ihn bemühten, und mußte sich im Ankleideraum sofort setzen, so erschöpft war er. Als er wieder ruhiger atmete, schämte er sich. Das konnte ihm, ihm passieren, sich in den Längen zu irren!—Und das alles, dieses leichtsinnige Aufsspielsetzen eines wenn heute verlorenen, erst in Jahren wieder einbringbaren Sieges, dies alles nur darum, weil er nicht aufgepaßt hatte!—weil er an ein kleines Mädchen dachte, statt an seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit! Er hätte sich selbst ohrfeigen mögen, so wütend war er.

Er wurde nicht ruhiger, als er Nagel vor sich sah, der ihn heftig anfuhr:

—Du fängst ja schon an, es dir bequem zu machen. Du paßt wohl schon nicht mehr auf?—Na, weißt du, so leicht ist die Sache denn doch nicht, und solche Scherze solltest du einstweilen noch unterlassen!… Sonst könnten sie doch böse Folgen für uns haben! Geschwommen hast du natürlich zuletzt wie ein Schwein!—

Felder sagte kein Wort. Er saß da wie ein Schüler, der von seinem Lehrer bestraft wird.

Er wurde erst ruhiger, als er sich nach dem Ankleiden—er trug heute einzig und allein die große goldene Medaille seiner Deutschland- Meisterschaft auf der Brust—unter seine Freunde mischte und die Erregung wahrnahm, die nach seinem unglaublichen Endspurt unter ihnen immer noch nachzitterte. Keiner habe auch nur einen Pfennig mehr um seinen Sieg gegeben, versicherte man ihm, als man ihn in der letzten Länge so weit hinter Biedermann liegen sah. Ob er mit Absicht zurückgeblieben sei, um zu zeigen, was er könne?—Ob ein Krampf ihn befallen habe!—Ob er sich in den Längen verzählt habe?—so bestürmten ihn die Frager von allen Seiten, bis Felder von neuem ärgerlich wurde und sie stehen ließ.

Er nahm Koepke auf die Seite. Er möge doch einmal nachsehen, ob der alte Heinecke mit seiner Tochter nicht da sei, ja?—Und er möge ihm Bescheid in den Garten bringen. Koepke rannte fort wie ein getreuer Hund, aber die Antwort, die er nach einer halben Stunde brachte, war nicht geeignet, Felders Laune aufzubessern. Er habe alle Reihen durchgesehen, meldete Koepke, aber er habe von den Gesuchten nichts finden können.

Jetzt war es klar, daß sie nicht gekommen war. Natürlich war der Alte schuld daran, der sie nicht gelassen hatte. Wie sollte er es jetzt anfangen, sie so bald wiederzusehen?—

Mißmutig saß er vor seinem Biere in einer Ecke des Gartens und ließ seine Freunde schwatzen, soviel sie wollten, ohne ihnen zuzuhören. Mißmutig und noch schweigsamer als sonst blieb er auch den Rest des Nachmittags. Er wartete nur noch die offizielle Bekanntgabe der Resultate ab, dann schloß er sich einem Klubfreund an, der früh nach Hause wollte, da er morgen früh an die Arbeit mußte.

Das einzige, was ihn einigermaßen über seine eigene Dummheit tröstete, waren ein paar Worte, die Brüning ihm zugerufen, als er im Garten an ihm vorbeigegangen war: "Menschenskind, du kannst ja viel mehr, als wir alle wissen und du selber ahnst. Wer das fertig bringt, was du eben getan hast, der kann sich schon einen Scherz erlauben." Und er hatte ihm zugenickt und war mit seiner Mätresse fortgefahren. —Ja, Brüning hatte recht: er konnte weit mehr, als alle und er selbst es wußten.

Zu Hause warf sich Felder aufs Bett und verschlief die Erinnerung dieses Unglückstages, wie er ihn nannte, in zehnstündigem Schlaf.

Die ganze nächste Woche nagte es an ihm, daß sie nicht gekommen war. Im Grunde war es weniger die Sehnsucht, sie wiederzusehen, als eine gewisse Unruhe, diesem ihm so unbekannten Gefühl ein Ende zu machen, das ihn für einen Abend, statt zum Schwimmen, in der Nähe ihrer Wohnung auf und ab gehen ließ, in der Hoffnung, sie ausgehen oder heimkehren zu sehen und zu sprechen. Nachdem er fast eine Stunde vergeblich herumgelaufen war, sah er nicht sie, sondern eine ihrer Freundinnen, die er ebenfalls vom vorigen Sonntag her kannte, aus dem Hause treten, glücklicherweise allein. Er ließ sie bis zur nächsten Straßenecke vorausgehen und redete sie dann an. Die kleine Dicke stieß erst einen erstaunten Schrei aus, als sie Felder erblickte, war es dann aber gleich selbst, die seinen Fragen zuvorkam.

O, Lieschen hatte sie ja in alles eingeweiht—wie gut es war, daß sie ihn sah, denn sie habe ja Nachrichten für ihn!—Er habe sie wohl zufällig gesehen?—Habe er auf Elise hier gewartet?—Nein?—Also: ob er denn noch gar nicht wisse, daß sie fort sei?—Nein?—Ach, es war ja eine ganze Geschichte. Der alte Heinecke sei wütend gewesen am Sonntag vor acht Tagen, darüber, daß sie den ganzen Nachmittag zusammengesessen hätten, und dann, daß sie im Dunklen im Wald zurückgeblieben seien. Schon auf der Rückfahrt habe er angefangen— wenn sie schon daran dachte, würde ihr noch ganz schlecht, so geschimpft habe der Alte. An einem der nächsten Tage sei sie denn auch gleich hingegangen, um von Elise zu erfahren, was denn eigentlich vorgegangen sei. Aber die Freundin habe nur geweint—o so geweint!—und immer nur gesagt, sie möchte doch so gern am Sonntag kommen, um ihn noch einmal zu sehen. Als sie aber endlich Mut gefaßt und ihrem Vater das gesagt habe, da sei die Geschichte von neuem losgegangen, und um ihr ein Ende zu machen, sei sie noch in derselben Woche nach Posen geschickt, zu einer Tante, um dort ein Jahr zu bleiben und die Haushaltung zu erlernen. Sie habe Elise noch vor ihrer Abreise gesehen, und diese habe ihr ausdrücklich aufgetragen, doch Herrn Felder noch recht schön zu grüßen und ihm zu sagen, daß er doch nicht böse sein solle, wenn sie am Sonntag nicht kommen könne, denn es sei doch nicht möglich, daß daraus etwas würde, und so sei es denn schon das beste, wenn sie sich fügten und einander vergäßen…

So schwatzte die Dicke darauf los, selig, ihre Wissenschaft loszuwerden und einen so guten Zuhörer zu haben. Denn Felder ging neben ihr her, durch die Menschenströme, und erwiderte keine Silbe.

Heute abend sei sie nun oben gewesen—so ging es weiter—um zu sehen, ob noch kein Brief von Elise da sei. Ja, sie habe schon geschrieben: es gefalle ihr ganz gut in der Stadt, in der sie jetzt sei, und in vierzehn Tagen sei ein Ball im Kasino, wo auch Offiziere hinkämen, und sie habe die Tante gebeten, hingehen zu dürfen, und die Tante habe es ihr erlaubt… Der Alte sei auch schon ganz beruhigt, und er habe heute abend sogar gelacht, als er davon sprach daß seine kluge Elise schon nicht so töricht sei, zu denken, daß "daraus" etwas Ernsthaftes werden könne denn wenn er—Felder—auch ein vorzüglicher Schwimmer sei, so seien das doch nur brotlose Künste, und er könne doch sein einziges Kind nicht einem jungen Menschen versprechen, der eben erst aus der Lehre sei und keinerlei sichere Zukunft vor sich habe…

Weiter kam sie nicht. Denn Felder blieb plötzlich stehen und fragte:

—Hat sie Ihnen keinen Brief für mich gegeben?

Nein, keinen Brief. Aber sie habe ihm doch gesagt, daß Elise ihn recht schön grüßen lasse und es so bedauere…

Dann stand sie wieder allein auf der Straße unter den vorbeieilenden Menschen. Ihr Begleiter hatte ganz unverhofft seinen Hut gezogen, ganz kurz guten Abend gewünscht und war verschwunden. Nicht einmal bis nach Hause brachte er sie!

Felder dachte nicht einmal daran. Was ging ihn die dumme Gans an!—Er dachte an das Mädchen, das mit ihm erst gespielt und ihn dann so leichten Herzens—mit einem flüchtigen Grüß—aufgegeben. Aber es war viel mehr das Gefühl einer erlittenen Beleidigung als das des Schmerzes, unter dem er in dieser Stunde litt. Daß man ihn, den Meisterschwimmer von Deutschland, so behandeln konnte, das war es, was ihn wurmte und einen bitteren Groll in ihm entfachte. Und mehr als alles hatte ihn das Wort des reichgewordenen Holzhändlers von der brotlosen Kunst getroffen. Er biß die Lippen aufeinander vor Wut, wenn er daran dachte, während er die Straße hinunterlief und sich rücksichtslos durch die Reihen der Fußgänger stieß. Als ob er je daran gedacht hätte, dieses Mädchen zu heiraten!—Er hatte überhaupt an nichts gedacht, dieser alte Geldprotz konnte ganz ruhig sein. Das Mädchen hatte ihm gefallen, am meisten die unverhohlene Bewunderung, die er in ihren Augen gelesen, und bei deren Blick ihm so warm geworden war.

Aber ihm geschah ja ganz recht. Warum hatte er seine Leute verlassen und war an den Tisch gegangen. Was gingen ihn die Frauenzimmer an? Er hatte sich bis jetzt nicht um sie gekümmert und sie nicht entbehrt, so würde er wohl auch noch dieses dumme Ding vergessen, um dessentwillen er heute abend sein Schwimmen versäumte und fast einen Sieg verloren hätte…

Er sah nach der Uhr. Aber es war schon zu spät. Und mit einer Bewegung des Ärgers schüttelte er diese ganze dumme Geschichte, die ihm schon viel zuviel Kopfzerbrechen gemacht hatte, von sich ab und schlug den Weg nach seinem Klublokal ein, wo er noch den einen oder anderen seiner Kameraden beim Biere zu finden hoffte…

Von diesem Abend an dachte er nur noch zuweilen an das Mädchen, aber immer wallte von neuem das Gefühl verletzten Stolzes in ihm auf und blieb in ihm zurück—wie ein Rest von Bitterkeit allen Frauen gegenüber.

Mit verstärkter Genugtuung genoß er die zahlreichen Triumphe dieses Herbstes, von denen fast jeder Sonntag ihm einen neuen einbrachte: dieser die Odermeisterschaft und mit ihr die große silberne Medaille; der nächste zum zweiten Male den großen Staatspreis in Hamburg; und bereits der übernächste den vielumstrittenen Preis im Brustschwimmen, den die vereinigten westdeutschen Schwimmklubs gaben—einen silbernen Pokal für seinen Klub, so groß und wertvoll, wie dieser wenige besaß.

Bevor der Winter begann, nahm er sich dann in der Fabrik, in der er noch ein Jahr nach seiner Lehrzeit bleiben wollte, seinen ersten achttägigen Urlaub und machte das große Wettschwimmen des "I. österreichischen Amateur-Schwimmklub Wien" mit, auf dem er am ersten Tage Anton Riegler, den Meister Österreichs über die kurze Strecke, zum ersten Male schlagen durfte; und am zweiten den großen Derbypreis über die lange gegen die Teilnehmer dreier Staaten: Italien, Osterreich und Deutschland, unter ungeheurer Erwartung aller beteiligten Kreise, ersiegte.

So griff der junge Meister von Deutschland mit diesen Siegen rasch und beherzt nach den Lorbeeren des Auslandes, nachdem er die seines eigenen, weiten Vaterlandes bereits sein eigen nannte.

Die Fahrt nach Wien, seine erste Auslandreise, war zugleich eigentlich die erste, an der er wirklich Vergnügen empfand. Er machte sie mit Brüning und zwei anderen Mitgliedern seines Klubs, alten Freunden und lustigen Brüdern, war Gast in der herrlichen Villa eines reichen österreichischen Sportfreundes, der sich die Ehre nicht nehmen lassen wollte, den deutschen Meisterschaftsschwimmer bei sich zu beherbergen, ließ sich den ganzen Tag und die halbe Nacht durch alle Vergnügungen der schönen "Kaiserstadt an der Donau" schleppen und es sich wohl sein unter den leichtlebigen Menschen mit dem sorgenlosen Wesen und der gemütlichen Sprache. Noch nirgends hatte er sich so wohl gefühlt wie hier, und als endlich die acht Tage mit ihren Ausflügen, ihren fröhlichen Mahlzeiten, bei denen es an feschen Mädchen nie fehlte, ihren Fiakerfahrten, den Ronacherabenden und den durchjubelten Nächten zu Ende waren, da war er wie betäubt. Neben dem großen Preise für seinen Klub, dem Ehrenschilde, und den eigenen Ehren brachte er unvergeßliche Erinnerungen nach Hause, und unter ihnen war nicht die letzte die an die Liebe, die er ebenfalls in Wien erst kennen lernen sollte: die reue- und schmerzlose Liebe flüchtiger Stunden, lachend geboten und ohne Besinnen genossen, erfrischend wie ein Trank und süß wie eine vollsaftige Frucht.

Berlin kam ihm nüchtern vor, und er brauchte einige Zeit, um sich wieder an seine eintönige Tagesarbeit zu gewöhnen, nach diesen Tagen, in denen er geehrt worden war wie ein König und gelebt hatte wie ein Millionär!…

Der Winter verging stiller. Beim Hauptschwimmen Berlins mußte er aussetzen. Er war völlig übertrainiert.—Was schadete es? wenn er sich auch ärgerte. In seiner Brust regten sich neue Wünsche des Ehrgeizes, und heimliche Träume erzählten ihm von Siegen, die noch nicht die seinen geworden waren.

11

Wieder ging ein Winter und wieder kam ein Sommer.

Und wie alles in diesen letzten Jahren im Leben Franz Felders nur ein rastloses Eilen von Erfolg zu Erfolg gewesen war, so kamen mit dem nächsten Sommer jene Triumphe, die ihn auf eine Höhe führten, über die hinaus kein Weg mehr ging: neben einer Reihe anderer erster Siege fiel ihm die der Europameisterschaft zu und mehr als das—er behauptete diese Meisterschaft auf jener glorreichen Reise nach England, wo er sie in einem in der Geschichte des Schwimmens einzig dastehenden Rennen gegen die englischen und australischen Meister verfocht, die größten und berühmtesten Schwimmer der Welt.

Die Europameisterschaft über die lange Strecke von eintausendfünfhundert Metern erschwamm er in Grünau auf einem Feste, das der große deutsche Verband, zu dem jetzt fast alle Schwimmvereine des Deutschen Reiches gehörten, in Verbindung mit den größten außerdeutschen Vereinen und Verbänden abhielt, zu dem Schwimmer fast aller Länder des Kontinents erschienen, und das sich zu einem Wettschwimmen gestaltete, wie es in diesem Umfang und dieser Bedeutung in Deutschland überhaupt noch nicht stattgefunden hatte. Es war nicht nur für Berlin, sondern auch für die gesamte Schwimmerwelt Deutschlands das große Ereignis des Sommers, hinter dem alle anderen Veranstaltungen weit zurücktraten. Noch nie hatte man einem Meeting mit solcher Erwartung entgegengesehen, noch nie hatte die Spannung eine solch fieberhafte Höhe erreicht…

Einmütigkeit herrschte unter allen Berliner Vereinen, selbst unter denen, die sonst nie müde werden konnten, sich zu bekämpfen: galt es doch, Berlin würdig nach außenhin zu vertreten, dem alten Ruhme, seit Jahren die eigentliche Heimat der Schwimmerei zu sein, keine Schande zu machen. Daher wurden weder Mühe noch Kosten gescheut, und viele Wochen vorher begannen die Delegiertenversammlungen, um das lange Programm der Tage zu durchdenken, und bis in seine letzten Einzelheiten festzusetzen.

Nie war aber auch die Beteiligung an den Meldungen eine so rege und so aufregende gewesen. Mit Ausnahme Englands waren solche aus fast allen Ländern des Kontinents, von Italien bis Schweden, von Holland bis Osterreich eingelaufen, und fast kein in den letzten Jahren genannter Name blieb unvertreten: neben den berühmtesten Schwimmern die ersten Springer, die gekröntesten Mehrkampfmeister Europas.

Natürlich waren im Schwimmen alle größten Hoffnungen auf den Meister von Deutschland gesetzt. In seinen Händen lag vor allem der Ruhm Berlins, die Ehre Deutschlands. Wenn er unterlag, so unterlag Berlin; wenn er nicht siegte, so blieb die Meisterschaft von Deutschland in den Händen des Auslandes.

Und Felder wußte es wohl!—Es gab keinen, der so überzeugt wie er selbst von der Wichtigkeit dieses Sieges gewesen wäre. Er fühlte, daß diesmal andere Dinge auf dem Spiele standen als sein eigener Ruhm und der seines Klubs, um die er bis jetzt gekämpft. Die Stadt, in der er geboren war, und sein ganzes Vaterland, das weite deutsche Reich, sahen auf ihn an diesem Tage. Er konnte ihnen keine Schande machen— es durfte nicht sein!—

Er trainierte mit beispielloser Ausdauer und Sorgfalt. Da nun auch das Jahr, das er nach seiner Lehrzeit noch in der Fabrik blieb, zu Ende war, wollte er mit dem Eintritt in eine neue Stelle warten, bis das große Ereignis vorüber war. Bei seiner Sparsamkeit hatte er vermocht, etwas zurückzulegen. Auch standen ihm genug Börsen wohlhabender Klubfreunde und Verehrer offen, aber Felder war viel zu stolz, um auch nur das geringste anzunehmen. Er hätte am liebsten seine Sportreisen selbst bezahlt, aber das konnte er natürlich nicht. Außerdem war sein Klub reich genug, um Opfer solcher Art nicht von seinen Mitgliedern erwarten zu brauchen.

Da Felder somit völlig Herr seiner Zeit geworden war, hinderte ihn nichts in seinem Training. Die Erfahrung des letzten Winters hatte ihn klug gemacht, und er hütete sich wohl, des Guten zuviel zu tun. Er hielt sich selbst in strengster Selbstkontrolle und gönnte sich kein Vergnügen, das über die zehnte Abendstunde währte, wo er todsicher bereits im Bett lag. Einige fanden seinen Ernst oft lächerlich; er ließ sie lachen.

Eine Art finsterer Entschlossenheit bemächtigte sich seiner in dieser letzten Zeit. Er wurde noch wortkarger und verschlossener, als er sonst schon war. Zugleich schien auch die schöne und sonnige Ruhe, die nach den Siegen der letzten Jahre über ihn gekommen war und mit jedem neuen Siege mehr und mehr das Schroffe und abweisend Insichgekehrte seines Wesens gemildert hatte, von ihm zu weichen. Er glich jetzt wieder mehr dem armen und unbekannten Knaben von damals, mit der unjugendlichen Stirn und dem trotzigen Munde, der nichts war und doch so viel werden wollte, als dem von aller Welt gefeierten Sieger, der seine kühnsten Träume zur Wirklichkeit geworden sah und sich in ihrer Erfüllung sonnte.

Und es war ihm in der Tat so, als habe er noch nichts erreicht, als sei erst dieser Sieg über Europa allein alles Strebens wert, erst die eigentliche Krönung eines Gebäudes, zu dem alle anderen Erfolge nur als Stufen führten. Wenn er hier unterlag, er, auf dem die ungeheure Verantwortlichkeit der Repräsentation eines ganzen, großen Volkes lag, so war alles andere umsonst gewesen, so—in seinen bereits überhitzten Gedanken redete er es sich ein—so war nicht nur Berlin, sondern das ganze deutsche Reich dem Spott des mit dem Preise davonziehenden Auslandes preisgegeben.

Denn daß es auch einem anderen deutschen Schwimmer glücken könne, den Preis über "die Fremden" davonzutragen, daran dachte er nicht einmal —so sehr betrachtete er schon sich selbst als den unbesiegbaren Meister seines Vaterlandes. Aber er hatte Furcht vor diesen Ausländern, vor diesen Gegnern, die er nicht kannte, von denen er sich mit den wenigsten gemessen, über deren Kräfte er nichts Bestimmtes wußte. Und ein Gefühl der Unruhe und der Angst, hier, auf seinem eigenen Boden, den er sich gewissermaßen Meter für Meter in diesen Jahren erkämpft hatte, geschlagen zu werden, ließ nicht von ihm und verscheuchte jede unbefangene Freude… Es war kein Genuß mehr, mit ihm zu verkehren und ihn üben zu sehen, und sein feierlicher Ernst, mit dem er kam und ging, steckte die andern an. Es war wie in den Tagen vor einer Schlacht…

Er siegte.

In den letzten Tagen wich alle Unruhe wieder von ihm. Eine große Entschlossenheit leuchtete aus seinen Augen, als müsse er siegen um jeden Preis. Er wies alles von sich ab, er wollte nichts mehr hören und sehen von dem, was alle um ihn herum beschäftigte. Was gingen ihn alle diese fremden Namen und Menschen an—ob er sie kannte oder nicht, er schwamm darum nicht besser. Er wußte nur eines: daß er siegen mußte!

Und gleich als wenn die Kraft seiner Muskeln seinem Willen gehorchen müsse, so geschah, was er wollte.

Er siegte.

Er schlug den berühmten Holländer, den gefürchteten Österreicher, er schlug den riesigen Norweger, einen Hünen an Gestalt und Kraft, er schlug die Besten seines eigenen Vaterlandes zum zweiten und dritten Male, und er siegte über seine eigene Zeit vom Vorjahre mit mehr als drei Minuten.

Ein unbeschreiblicher Tumult entstand, als er anschlug. Die Zuschauer rasten.

Seine Freunde erdrückten ihn fast. Völlig Fremde umarmten ihn. Man trug ihn mehr, als er ging, durch die Reihen von Menschen, die ihre Plätze verlassen hatten.

Deutschland hatte gesiegt. Und in Deutschland Berlin!—Und diese kühlen Berliner, so gern stets zu verkleinernder Kritik geneigt und so abhold jeder Gefühlsüberschwänglichkeit, waren kaum wieder zu erkennen in dem Jubel und der Freude über den Sieg ihrer Stadt.

Unglaublich, dieser Felder!—hörte man allenthalben, was der will, das kann er auch.

Und die Begeisterung wollte sich nicht legen…

Am ruhigsten waren noch Felder selbst und—Nagel. Der sagte schon lange nichts mehr, und nur ein Händedruck zeigte, daß er mitfühlte in diesem Moment. Bei sich dachte er: Jetzt, jetzt wird es sich zeigen— daran, wie er diesen Sieg erträgt.—Brüning rannte umher wie besessen und schrie nach Sekt, und Koepke war völlig unzurechnungsfähig. Er sprach nur noch in Hyperbeln.

An Felders Ruhe, die zudem viel mehr eine äußerliche als eine innerliche war, hatte übrigens eine gewisse seelische wie körperliche Abspannung ihren Hauptgrund. Jetzt, als alles vorüber war, merkte er erst, wie er sich in den letzten Wochen innerlich verzehrt hatte—in dem einen Wunsche.

In demselben Garten, in dem im vorigen Jahre seine Meisterschaftserklärung für Deutschland erfolgt war, wurde ihm nun die höchste aller Ehrungen zuteil, und unter dem achtungsvollen Schweigen vieler Hunderte nahm er den Weltmeisterpreis entgegen…!

Die ganze warme Sommernacht hindurch dauerte wieder das Feiern um ihn herum. Er lebte ganz in diesen Stunden. Er dachte nicht zurück. Er dachte auch nicht in die Zukunft. Die Stimmen in ihm schwiegen. Zum erstenmal vielleicht in seinem Leben schwiegen sie ganz. Er hatte erreicht, nicht was er gewollt: nein, viel mehr als das. Sie mußten heute schweigen, diese Stimmen, denn sie wurden übertönt von dem einmütigen Jubel um ihn her. Die stillen Sterne leuchteten hernieder; der Atem der weichen Nacht spielte um die erhitzten Köpfe, und vom Wasser her kam die frische Kühle, die alle diese Menschen nicht müde werden ließ, zu sprechen, zu trinken, sich zu berauschen am Leben, an Freude und an der eigenen Kraft.

Und Felder trank—trank—trank—alles, was man ihm bot: Sekt, Bier und Wein, aber am süßesten schmeckte ihm der berauschende Trank des Erfolges.

Alles andere hatte er vergessen.

Selbst als er inmitten seiner wildesten Bewunderer wie berauscht endlich zum Bahnhof ging, zog auch nicht ein Erinnern in seine müden und wirren Gedanken, das ihm ein weißes Kleid, einen jungen Leib oder einen warmen Mund wachgerufen hätte.

Müde saß er in einer Coupéecke und während die anderen um ihn herum sich noch immer über den heutigen Tag ereiferten, schlief er ein; und den Sieger über seinen Siegen vergessend, dachten sie erst wieder an ihn und weckten ihn erst, als der Zug in die von der Morgendämmerung erhellte Halle des Görlizer Bahnhofs einfuhr…

Die ersten Tageszeitungen waren bereits erschienen. Man griff nach den noch feuchten Blättern und las die kurzen Zeilen, die den Namen Franz Felders, den Triumph Berlins, den Sieg Deutschlands—in dieser Stunde der Welt verkündeten. Er selbst, der Sieger, war unfähig, sie zu lesen. Die Buchstaben flimmerten und ranzten vor seinen Augen.

12

Der Glanz dieses Tages konnte selbst durch die Reise, die Felder wenige Wochen später nach England unternahm, um dort in dem gelobten Lande des Sports seine Meisterschaft Europas gegen ihre ersten bisherigen Meister zu behaupten, kaum erhöht werden.

Die Reise war nie geplant. Es war an sie nie gedacht. Sie war einfach eine natürliche Folge dieses letzten Sieges.

Während die Sportzeitungen des Kontinents einig waren in der Anerkennung dieses Sieges, verhielten sich die englischen, an Zahl und Bedeutung gleich und im Ton immer überlegen, dem Siege gegenüber skeptisch und erhoben den Einwand, daß England sich nicht beteiligt habe, daß aber England in Sportsachen (wie auch in anderen Dingen) Europa sei, und daß Felder sich erst einmal mit englischen Schwimmern gemessen haben müßte, ehe ihm wirklich der nur künstlich gemachte Titel des Europameisters gebühre. Natürlich verwahrte man sich gegen diese Beschuldigung und erklärte sie für lächerlich. Man hatte die ersten Schwimmer Europas eingeladen, auch die Engländer. Sie waren nicht gekommen, weil sie eben nie kamen. Und weil sie hochmütige Narren waren, die sich einbildeten, man müsse zu ihnen kommen.

Daher waren auch erst wieder manche Stimmen gegen die Reise Felders nach England. Ein Entgegenkommen dieser Art war ein Zugeständnis, eine Erniedrigung.

Aber andere sagten: Man muß es ihnen zeigen!—Jetzt ist die Gelegenheit da, ihre angemaßte und nur eingebildete Überlegenheit zu brechen. Wenn wir ihnen jede Entschuldigung nehmen, so werden sie sich bequemen müssen, von ihrem Piedestal herabzusteigen, auf dem sie schon viel zu lange gestanden, dann ist Beteiligung an kontinentalen Festen oder aber endgültiger Verzicht die unausbleibliche Folge.

Als dann auch der letzte Einwand: der der zu hohen Kosten dadurch kurz abgeschnitten wurde, daß sich Brüning, der sich jetzt sogar um seine Pferde nicht mehr kümmerte, erbot, sie sämtlich zu tragen und Felder nach England zu begleiten, wurde dessen Beteiligung beschlossen.

Wenn Felder später an diese Reise nach England zurückdachte, so kam sie ihm vor wie ein Traum. Ein wirres Durcheinander von Bildern aller Art zog an seinem Auge vorüber.

Zunächst weite Landschaften, die im Fluge an dem dahinrasenden Zuge vorbeizogen. Die dunkle Regennacht auf dem Schiffe: das Meer, das er zum ersten Male sah—ein Wasser, wie er es nie geahnt, Wogen von einer Kraft, gegen die das mächtige Schiff rang, wie sein Körper rang gegen die stille Flut seines heimatlichen Flusses, und an der menschliche Einzelkraft zerbrechen mußte wie ein Streichholz unter dem Schlage eines Hammers. Wasser, nur Wasser, dasselbe Wasser, das er kannte und liebte wie kein anderer—und doch ein ganz anderes Element. Nicht das, welches ihm vertraut war von Jugend auf, sondern eine fremde, unheimliche Kraft, mit der zu messen er sich nie getraut hätte, vor der ihm graute, da er der Schwächere, ein Nichts war vor ihr … das war das Meer!… Elend, ganz zermalmt von der lächerlichen und doch so mächtigen Krankheit der See, atmete er erst auf, als er wieder Land unter den Füßen fühlte—er, der es sonst nur widerstrebend betrat, da er sein geliebtes Wasser verlassen mußte— und nur mit Schaudern dachte er an das Gebrüll, die Feindseligkeit, die ganze Furchtbarkeit des fremden Wesens zurück, das ihn behandelt hatte wie den ersten besten, eine Katze, die ein Tiger geworden war, ein Freund, plötzlich verwandelt in einen Feind, der die Maske fallen gelassen und ihn niedergeworfen, um ihn zu ermorden!…

Dann, noch die Angst um das—gerettete—Leben in den Gliedern, die Ode und Unermeßlichkeit der in ewigen Dunst gehüllten Stadt, vor deren Grenzenlosigkeit ihm sein Berlin wie ein Dorf erschien. Endlich, in schärfstem Kontrast dazu, die Tage der Races an dem stillen, umbuschten Ufer der Themse, wo der Himmel wieder lachte und der Frieden wieder in den versteckten weißen Häusern zuwohnen schien, wo er seinen Mut wiederfand, den Mut, sich daran zu erinnern, weshalb er hierher gekommen war, und die Kraft, zu siegen, sich wirklich den ersten Preis zu holen, weil er sich hier endlich wieder daheim fühlte, daheim im Wasser…

Und die Bilder nach dem Siege.

Der Jubel dieser ihm erst so ernst, so steif erschienenen Menschen, gegen den der Beifall von Grünau wie ein Murmeln war. In seinem ganzen Leben zusammen hatte er nicht so vielen Menschen die Hand geschüttelt wie an diesem Tage. Man renkte ihm fast den Arm aus. Und dann schleppte man ihn zwei Tage lang von einer Festlichkeit zur andern, durchzog in Reihen von zwanzig Cabs—in denen nur je einer sitzen durfte—wie in einer Prozession die endlosen Straßen Londons, behandelte ihn wie einen Fürsten und überschüttete ihn in beispielloser Generosität und Gastfreundschaft mit Gaben jeder Art. Am letzten Tage überreichte ihm irgend jemand, dessen Namen er nicht einmal wußte, ein Ehrengeschenk von 150 Pfund, da man gehört hatte, daß er völlig auf die Arbeit seiner Hände angewiesen war. Es wurde mit so viel Achtung und Selbstverständlichkeit angeboten, daß Felder es unmöglich ausschlagen konnte. Er war ganz gerührt. Er hatte gedacht, diese Engländer würden es gewaltig übelnehmen, wenn ein Ausländer daherkam und sie auf ihrem Grund und Boden schlug, und nun sah und fühlte er überall nichts, als die neidloseste Bewunderung und eine Verehrung, wie sie ihm in solchen Formen noch ganz unbekannt war.

Und doch—war es die fremde Sprache oder was war es?—so gemütlich wie in Deutschland oder gar in Wien waren diese Tage nicht. Alles ging in ewiger Hast, von einem zum andern. Nie setzte man sich zu einem Glas Bier zusammen, um in Ruhe alles zu besprechen. Getrunken wurde zwar genug—und was nicht alles durcheinander!—aber alles im Fluge, im Stehen, und von einer Hand ging er in die andere, fast wie eine Sache, an der jeder ein Anrecht hatte. Jeder wollte ihm die Hand geschüttelt und mit ihm getrunken haben… Und immer wieder mußte er trinken und Hände schütteln, bis er am Abend so müde war, daß er die rechte nicht mehr von der linken zu unterscheiden wußte.

Nein, so gemütlich wie zu Hause war es nicht, und Felder war fast froh, als es an die Heimreise ging. Eigentlich hätte er sich nicht fremd zu fühlen brauchen, denn Brüning und ein anderer Klubgenosse waren stets mit ihm, und der erstere war der beste Reisemarschall, den man sich denken konnte: überall zu Hause, in allen sprachen gerecht, praktisch und erfahren, dabei in unerschöpflich guter Laune und den schwerfälligen Felder über jede Verlegenheit spielend hinübertragend. Man kam aus dem Lachen mit ihm gar nicht heraus.

Aber Felder wurde nie ganz froh. Denn ohne es sich selbst einzugestehen, fürchtete er sich vor dieser Heimreise. Wieder sollte er—und diesmal einen ganzen Tag—sich dem furchtbaren Element anvertrauen, wieder ihm machtlos und jämmerlich gegenüberstehen und sich in elender Ohnmacht vor diesem Wasser krümmen, das er sonst siegreich packte, wo immer er es traf…

Er hätte sich nicht zu fürchten brauchen. Als sie nach einer letzten, halb durchjubelten und durchtrunkenen Nacht am Morgen von Queensborough abfuhren, war er so müde, daß die Freunde ihn fast aufs Schiff trugen, und kaum auf ihm angelangt, schlief er wie ein Toter bis zu dem Augenblicke, wo sie ihn in Vlissingen wieder aufweckten.

Das war seine Reise nach England.

Alles war herrlich, glorreich, einzig gewesen. Aber er war froh, als er wieder in Berlin war, wieder die heimatlichen Laute um sich herum vernahm und das Schreckgespenst vergaß, das ihn angegrinst hatte wie der leibhaftige Tod.

Denn er hatte es sich jetzt klargemacht: das Meer war das Meer, und das Wasser war das Wasser. Aber dasselbe waren beide nicht!—Nie wollte er das Meer wiedersehen.

Hätte er es gesehen, wie es in stahlblauer Pracht dalag, ruhig, verschwiegen, lockend, wie ein tiefer See, und nur leise erzitternd unter den Strahlen der Sonne, wie es liebreich und versöhnt den Sieger heimtrug auf seinem breiten Rücken, er hätte es wiedererkannt als sein Element und nicht geruht, bis er sich seiner salzigen Flut anvertraut und die Wonnen seiner Umarmung genossen.

13

Das war Franz Felders Reise nach England, von deren Triumph nun die Zeitungen berichteten: ein wirres Durcheinander von Bildern aller Art, und leuchtend nur die Erinnerung an seinen Sieg, der ihm erst durch diese Berichte recht deutlich zum Bewußtsein gebracht wurde— den Sieg über die ersten Gegner der Welt, die von keiner Seite fürs erste mehr bestrittene Meisterschaft von Europa, die höchsten erreichbaren Auszeichnungen, und ein Ruhm, der seinen Namen von jenem Tage an für alle Zeiten unvergeßbar in die Annalen des Schwimmsportes eingrub.

Er hatte erreicht, was er gewollt.

Was er ersehnt, war Erfüllung geworden.

Er konnte etwas, was kein anderer Mensch außer ihm konnte.

Er war der Meister des Wassers.

Er hatte seinem Klub zu seinem alten Ansehen verhelfen. Mehr: er hatte seinen Namen mit dem eigenen berühmt gemacht weit über die bisherigen Grenzen. Seine Schuld war beglichen.

Aus dem armen Knaben war ein junger Mensch geworden, auf den alle mit Stolz und Bewunderung sahen, der keine Not mehr zu leiden brauchte, so viele waren der hilfreichen Hände, die sich ihm entgegenstreckten.

Nein, es war nicht richtig, daß er erreicht, was er gewollt. Nie hatte er so hoch gewollt. Er war dahin getragen, wohin er sich nie zu sehnen gewagt.

Und so hoch war er getragen, daß er sich fragen mußte: wohin nun?—So viel hatte er erreicht, daß ihm nichts mehr zu wünschen übrig blieb.

Welcher Weg führte noch über die Höhe hinaus, auf der er stand?—Denn sich dort zu behaupten erschien ihm selbstverständlich.

Die Welt nannte seinen Namen.

Er vergaß nur zweierlei: daß die Welt, die er so nannte, nur ein unendlich kleiner Teil der wirklichen weiten Welt war—wenn es auch die Welt war, in der er lebte; und daß selbst dieser kleine Teil von Menschen, die ihn heute anstaunten und bejubelten, sich seiner vielleicht morgen noch erinnern, ihn aber ganz sicher übermorgen vergessen haben würden.

Aber wie ihm seine Sache von jeher allein nur als die einzig wichtige erschienen war, so konnte er die Welt nie richtig messen, weil ihm von jeher jeder andere Maßstab gefehlt hatte. So war er allmählich dahin gekommen, sie nur unter einem einzigen Gesichtspunkt zu sehen, und jetzt folgerichtig dahin, sich als ihren Mittelpunkt zu betrachten.

Das einzige, was er sich noch wirklich klar machte, war, daß er jetzt die Höhe seiner Kraft erreicht hatte. Über sie hinaus konnte er nun nicht mehr.

Übertraf ihn, ja erreichte ihn nur irgendein anderer, so war es aus.

Es galt daher, sich auf dieser Höhe zu erhalten. Das mußte nun sein nächstes Ziel sein. Aber es war kein Ziel mehr, das ihn reizte.

Daher war er jetzt, auf der Höhe, nicht mehr so glücklich, wie er gewesen war, als er sie erklommen und jede seiner Bewegungen von tausend Augen verfolgt sah. Aber glücklich war er doch noch.

Daß einmal ein Tag kommen mußte, mochte er sich auch noch so lange behaupten, an dem er herabsteigen mußte, um einem anderen Platz zu machen, das wußte er. Darüber gab es keine Täuschung. Das war so sicher wie der Tod.

Aber er dachte nie an diesen Tag. Er wollte es nicht!—

Er stand oben und sah hinab auf den Weg, den er gemacht. Und aus der Tiefe zu ihm heraufklang berauschend Jubel und Neid gleich stark in seine Ohren.—

In dieser Zeit brachte jenes größte und angesehenste Sportblatt der Welt, das seinen Namen "Welt-Sport" daher nicht mit Unrecht führte, abermals sein Bild und erzählte seinen Lesern die einfache Geschichte seines Lebens und die beispiellose Geschichte seiner Erfolge.

Die Biographie konnte nicht mehr sein als die einfache Wiedergabe schlichter Tatsachen. Das Bild war die Reproduktion nach einer vorzüglichen Photographie. Sie zeigte den Meister von Europa im Brustbild, bekleidet, und neben den allerhöchsten Ehrungen nur die eine kleine, schlichte—und doch vielleicht die höchste von allen—, kaum erkennbar neben den schweren Medaillen von Gold und Silber, die kleine Münze, die er sich als erste Ehre einst, vor langen Jahren, geholt, indem er das Leben eines Menschen gerettet.

Das Bild selbst zeigte ein ernstes, schönes und stolzes Gesicht. Es war nicht mehr das Gesicht des Knaben. Derselbe war nur noch der seltsame Zug von Entschlossenheit um den Mund, und unverändert war noch die etwas niedrige, trotzige Stirn. Aber die Weichheit, die Rundung der Wangen und des Kinns, und vor allem der gutmütige, vertrauende Blick der blauen Augen waren verschwunden und einem frühernsten Ausdruck gewichen, so daß das Gesicht an Bedeutung gewann, was es an Liebenswürdigkeit verloren hatte. Es war das Gesicht eines Menschen geworden, der ruhig, selbstbewußt und entschlossen in steter Wachsamkeit um sich und in die Ferne blickt, damit ihm niemand zu nahe komme; der Ausdruck einer stets bereiten Abwehr, der in seiner furchtlosen Kühnheit ersetzte, was dem Gesicht an tieferer geistiger Intelligenz mangelte. In dem Augenblick der Aufnahme war er so lebendig geworden, daß er es eigentümlich belebte und interessant machte.

Es war noch immer ein sympathisches Gesicht, aber das liebenswürdige, gute Gesicht des Knaben war es nicht mehr.

Ein anderes Bild aber—aus derselben Zeit—, das den Meisterschwimmer in voller Figur und im Trikot zeigte und auf dem das Gesicht gegen den Körper zurücktrat, störte in keiner Linie. Es war das Bild einer wundervoll sicher und gleichmäßig entwickelten, vom Leben noch völlig unangetasteten, ganz einzigen Kraft in der Siegessicherheit ihrer Jugend.

14

Mit schweren Füßen gehen wir über die schwere Erde. Ewig ist in uns die Sehnsucht, uns über sie erheben zu können, und noch im Tode bitten wir, sie möge uns leicht sein. Denn schwer ist sie uns, wie das Leben.

Aber wir können nicht fliegen. Neidvoll sehen wir den Vögeln nach, die sich in die Luft erheben, die für uns zu leicht ist.

Zu schwer die Erde, zu leicht die Luft.

Aber wir können schwimmen.

Zwischen Himmel und Erde wiegt uns das Wasser. Halb zieht es uns hinab, halb trägt es uns hinauf.

Wir sind noch nicht oben, aber wir sind nicht mehr unten. Es gibt uns das Vergessen: das Vergessen der Erde und die Ahnung, im Himmel zu sein, wenn es uns trägt.

Wir haben keine Flügel, aber wir fühlen die Schwere der Erde nicht mehr.

Wunderbares Element!—Warum haben wir uns aus dir, das unser aller Heimat und Wiege war, auf die Erde geflüchtet?—Warum sind wir nicht in deinen stillen, traumlosen, seligen Tiefen geblieben, statt in das Getöse, den Staub und den Kampf der Erde zu treten?—Warum keuchen wir aus schweren Lungen, statt mühelos aus leichten Kiemen zu atmen?—

Weil wir Wärme, Licht und Leben brauchten?—Ach, die Wärme der Erde ist sengende Glut, ihr Licht blendet unsere Augen, und unerträglich ist uns meisten das Leben.

Dort unten war Kühle, Dämmerung und Traum.

Aber wir wollten hinauf: aus den Tiefen hinauf auf die Erde. Und dann wollten wir höher und höher, von der Erde in den Himmel. Wir können es nicht. Und verzehren uns nun in der ewigen Sehnsucht, die nicht hinauf kann und nicht mehr hinab.

Wunderbares Element!—Die meisten haben dich vergessen. So fremd bist du ihnen geworden, daß sie Furcht vor dir haben. Und statt sich dir anzuvertrauen, blicken sie mit angstvollen Augen auf dich und zittern vor der Berührung mit dir. Mit dir!—Mit dir, das du sie trägst und wiegst und ihnen neues Leben geben möchtest, das du ihnen den Staub aus den Augen und die Qualen vom Herzen wäschest und sie nur sinken läßt, wenn sie, dumm und ungebärdig, dich mißhandeln mit plumpen Gebärden und ungeschickten Fäusten, und, das Unmögliche heischend, in dir den Himmel suchen. Sie alle, die vergessen, daß du nicht wie ein Sklave behandelt sein willst, und es dir verdenken, wenn der Freie sich im Zorn empört und die ungebetene Last von sich abschüttelt und begräbt.

Aber nicht alle haben dich vergessen.

In einigen lebe noch die Sehnsucht nach dir fort, wie das Verlangen nach der Reinheit aus dem Schmutze, und wenn sie zu dir kommen, so nimmst du sie in die Arme, wiegst sie, küssest sie und vergiltst tausendfach jede ihrer noch so ungeschickten Liebkosungen. Und wer sich dir einmal so zu eigen gab, der begehrt den Himmel nicht mehr und kehrt nur auf die Erde zurück, weil ihr Staub ihn gebar und ihn nährt, der kehrt zu dir zurück, wann immer er kann, der ist dein eigen geworden für Lebenszeit…

Einer von diesen wenigen war Franz Felder. Als sich kaum die kleinen, dicken Kinderfäuste von der Mutterbrustgelöst, hatte ihn das erste, selbständige Lebensverlangen nicht auf das weite Feld der Erde, sondern in die stummen Tiefen des Wassers gezogen. Und das Wasser hatte ihn empfangen wie sein eigenstes Kind, hatte ihn unterwiesen in der Kunst des Lebens, ihn verhätschelt, ihn auf alle Weise der gehaßten Erde zu entreißen versucht, die Sehnsucht nach sich auf alle Art genährt, bis er sein eigen geworden war mit Leib und Seele.

So war es sein erster Spielkamerad gewesen und sein einziger geblieben. So war es sein erster Freund geworden, und in der Stunde, als er, noch fast ein Kind, bei einem allzu hastigen Sprunge sich eine tiefe Fleischwunde an einem Nagel, den er streifte, in den Arm riß, und sein Blut sich mit dem Wasser mischte, das es trank, war zwischen ihnen die Blutsbrüderschaft entstanden, die sich erst lösen konnte mit seinem Leben. Die Wunde war geheilt, das Wasser heilte sie wie von selbst, aber die Freundschaft zwischen ihnen hatte gewissermaßen ihre Weihe erhalten, und alle seine kleinen Schmerzen und Wunden trug Franz fortab zu seinem Freunde und ließ sie von ihm heilen, die offenen und die verschwiegenen.

Nun war das Wasser sein Gegner geworden.

Sie rangen miteinander, doch es war nicht das kindliche Spiel mehr des Augenblicks, vergessen im nächsten. Aus der knabenhaften Balgerei war ein ernsthaftes Messen der Kräfte geworden. Aber es war noch immer der achtungsvolle Kampf zweier Gegner, die sich vor und nach ihm die Hand schütteln und voneinander gehen ohne jeden Groll.

Noch immer herrschte die volle Eintracht der Einigkeit zwischen ihnen.

Dritter Teil

1

Franz Felder wohnte noch immer bei seinen Eltern. Zwar nicht mehr in dem dumpfen Keller, in dem er einen Teil seiner Jugend verbracht, aber doch immer noch in einer Hofwohnung, ohne viel Licht und Wärme. Er hatte sein eigenes Zimmer. Hier hingen alle seine Trophäen. Die Ehrenpreise, die in Gegenständen bestanden und nicht in den Klubbesitz übergegangen waren und dort das Vereinszimmer schmückten, hatte er zum Teil seiner Mutter überlassen, die mit ihnen die dürftige Armut der vorderen Wohnstube zu verdecken suchte. Dort stand das große Bierservice, die Fruchtschale aus Cuivre, der Rauchtisch und manches mehr—Dinge, die oft mehr dem guten Willen als dem Geschmack ihrer Stifter Ehre machten. Aber alles, was er sich sonst errungen in seinen vielen Kämpfen, hing hier in seinem eigenen kleinen Zimmer in Gestalt dorrender Lorbeerkränze und mehr oder minder künstlerisch ausgeführter Diplome an den Wänden, und von den bunten Schleifen leuchteten goldene Inschriften. Bis an die niedrige Decke hinauf hingen sie, und über dem Bette war fast schon kein Platz mehr für neue Ankömmlinge. Auch hatte Felder es längst aufgeben müssen, sich alle seine Urkunden einrahmen zu lassen.

Auf der Kommode in einem großen Glaskasten—dem Geschenk eines Klubfreundes, eines Schreiners, zu Weihnachten—lagen auf roter Sammetunterlage alle seine Medaillen, goldene und silberne, große und kleine, alle an ihren Schleifen, eine ganze Sammlung von nicht geringem Wert. Sie war sein höchster Stolz!—Mit welcher Liebe nahm er nicht zu den Festen Stück für Stück heraus, um es, eins nach dem andern, auf seiner Brust zu befestigen; mit welcher Sorgfalt legte er nicht jedes einzelne an seinen rechten Platz zurück!—Bei jedem neuen Siege verrückte der neue Erwerb den Platz und die Stellung der anderen, und in immer neuer Gruppierung lagerte sich um die schweren, goldenen Rundstücke erster Siege die Schar der kleinen Trabanten, alle gleich gekannt, alle gleich geliebt. Denn an jeden knüpfte sich eine unvergeßliche Erinnerung.

So viele waren ihrer geworden, daß sie längst nicht mehr auf der breiten Brust des Meisterschwimmers Platz fanden. Auf seiner letzten Photographie trug er daher nur die wichtigsten selbst—die breiten Bänder um den Hals und die großen goldenen und silbernen Münzen auf den Rockschlägen; die anderen waren auf einem Schilde reihenweise geordnet, das auf einer Art Staffelei neben ihm stand, auf die er die Hand legte. Das ganze Bild des beutebeladenen Siegers erschien ebenfalls alsbald in einer Sportzeitung und übte stellenweise auf unwissende Laien eine erheiternde Wirkung aus, die keineswegs beabsichtigt war.

Auch dieses Bild prangte in der kleinen Stube, und was außer ihm an Bildern dort noch zu sehen war, es stellte immer nur ihn dar: Franz Felder. Da war er als kleiner Junge mit seiner Rettungsmedaille auf der Brust, dick und ernst; als junges Mitglied des S.-C. B. 1879 mit der hellen Mütze und dem Zeichen seines ersten Sieges auf der Brust; ein Jahr später als neugebackener Berliner Meister—noch ohne Band um den Hals, aber doch schon gekrönt mit einem ersten Preise und mit jenem seltsamen Zug um den Mund, der auf keinem der späteren Bilder mehr fehlte. Endlich all diese Bilder der späteren Jahre, aufgenommen in all den verschiedenen Städten, wo man ihn mit zum Photographen genommen oder ihn beim Fest selbst noch schnell vor den Kasten gestellt, ehe er ins Wasser ging, immer um ein paar Zoll größer, immer etwas selbstbewußter in der Haltung, je mehr die Zahl der Zeichen auf seiner Brust wuchs—da waren sie alle bis auf dies letzte, wo die Zahl der Ehren so groß geworden war, daß er ihre Last nicht mehr selbst tragen konnte… Und da waren die anderen Bilder, die Gruppenaufnahmen, auf deren keinem er fehlte: erst mehr an der Seite, fastversteckt unter den anderen, dann immer mehr in die Miete gerückt, bis seine Person die Mitte selbst bildete—diese Aufnahmen, ausgeführt zum größten Teile von irgendeinem Amateurphotographen, mehr oder minder gut gelungen, aber jede einzelne eine liebe Erinnerung an die fröhlichen Stunden eines Ausfluges, einer Veranstaltung des Klubs, erfüllt von Gelächter und immer überstrahlt von der unversiegbaren Fröhlichkeit der Jugend.

Und endlich die Bilder, die ihn darstellten unter seinen Mitschwimmern bei den Konkurrenzen, Aufnahmen, wie sie in letzter Zeit bei den wichtigsten Hauptschwimmen gewöhnlich gemacht wurden, bevor man an den Start ging. Alle Namen, die überhaupt in der Schwimmerwelt in den letzten Jahren genannt wurden, waren da vertreten, alle die mehr oder minder gefährlichen Gegner, alle, mit denen er, Franz Felder, gerungen, alle, die er besiegt hatte… Er kannte sie alle und lächelte, wenn sein Blick auf ihren Gesichtern ruhte. Im Momente der Aufnahme noch ruhig, fast gleichgültig—wie verändert waren sie alle wenige Minuten später, wo es drauf und dran ging!—Wie verschieden waren diese nackten, nur mit dem Trikot bekleideten Gestalten: der eine lang und hoch aufgeschossen wie ein Turm und sehnig wie ein Pferd; der andere kurz und untersetzt mit mächtigen Schenkeln und einer phänomenalen Brustweite; der dritte ebenmäßig und schlank, in nichts fast seine Kraft verratend; und immer war es Felder, der diesem Dritten glich. Auf allen Bildern stand seine schöne, schlanke Gestalt hoch aufgerichtet und ruhig unter den anderen, und seine ernsten und mutigen Augen verliehen seinem Gesicht einen Zug von Leidenschaftlichkeit und Intelligenz, den man vergebens auf denen der anderen suchte…

Schließlich füllte eine Ecke des Zimmers ein großer Stoß von Programmen und Zeitungen: die Programme der Wettschwimmen, an denen er teilgenommen, und die Zeitungen, die über sie berichtet hatten. Es war schon ein ganzer Haufen, und Felder hatte ihn sorgfältig gesammelt. Koepke hatte ihm dabei geholfen und sorgte dafür, daß nichts fehlte.

So hatte er alles um sich herum in dem kleinen Raum, was seines Lebens ganzen Inhalt ausmachte, und darum fühlte er sich wohl in ihm.

Seine Familie bedeutete ihm schon seit langem nur so viel, als sie ihm diese Heimat erhielt. Ihre Interessen waren nur noch in wenigen äußerlichen Dingen die seinen. Jeder ging seine eigenen Wege, und man war es beiderseits zufrieden. Wenn er seiner Mutter zur Ausschmückung des Vorderzimmers die Wertpreise überließ, so tat er es nicht nur, weil sie ihn in seinem kleinen Zimmer beengten, sondern hauptsächlich, weil er auf sie weit weniger Wert legte als auf seine Diplome und Medaillen. Er wußte nichts mit ihnen anzufangen.

Ganz Herr seiner selbst, mit eigenem Schlüssel zu eigenem Eingang, kam und ging er, wie er wollte, und längst war jeder Anspruch seiner Familie an seine Zeit verstummt. Von den heranwachsenden Geschwistern zeigte keiner besondere Lust zu seinem Sport; daher interessierten sie ihn nicht. Sie gehörten für ihn zu dem "anderen Teile" der Menschheit.

So war die einzige Veränderung in seinem äußeren Leben eigentlich nur die, daß er seine Stellung aufgegeben. Als seine Beteiligung an den ausländischen Konkurrenzen immer wieder die Bitte um Urlaub nötig machte, wurde der sonst ziemlich geduldige Chef unwirsch, und vor Felders englischer Reise sagte er ihm, er möge zwar ein großer Schwimmer sein, aber das könne ihm doch für seinen eigentlichen Beruf nichts nützen, und er möge lieber seinem Sport etwas weniger Zeit opfern… Wie der kleine Junge vor Jahren unter den Worten des Rektors, so bäumte sich jetzt der gefeierte Meisterschwimmer auf; aber er war zu stolz geworden, um überhaupt ein Wort der Entgegnung zu verlieren. Er ging. Wenn man nicht wußte, wer er war, so sollte man es bleiben lassen oder es lernen.—Daß er zeitweilig ohne Stellung war, kümmerte ihn wenig. Als er dann von England kam, war er durch die ihm gebotene Ehrensumme jeder augenblicklichen Not enthoben, und er arbeitete von da an nur, wenn es ihm gefiel…

Größer war die innerliche Veränderung, die mit ihm vorgegangen war in diesem Jahre. Als er von England als der unangefochtene Meister Europas zurückkehrte, fiel sie zum ersten Male seinen Klubbrüdern auf. Ernst und schweigsam war er eigentlich immer gewesen, aber nie hatte sich seine große Gutmütigkeit und Freundlichkeit verleugnet. Jetzt war etwas Strenges und Hartes in sein Wesen gekommen, das ihm nicht eigen gewesen war. Wie er gegen sich war, so wurde er nun auch gegen andere.

Auch seine Unbefangenheit war nicht mehr dieselbe. Er wußte, was er seiner Würde schuldig war, und war eifersüchtig auf sie. Er verlangte, daß sie respektiert werden sollte, und hatte angefangen, darauf zu achten. Leichtigkeit im Umgang hatte er nie besessen, aber die Schwerfälligkeit seines Wesens war nie so hervorgetreten wie jetzt, wo er nicht mehr im Hintergrunde stand. Bei den Sitzungen glaubte er an den Beratungen teilnehmen, in die Verhandlungen eingreifen zu müssen. Da ihm die Gabe der Rede jedoch völlig abging, so vermochte er sich nur unbeholfen auszudrücken, und man fand allgemein mit Recht, daß er besser täte, zu schweigen wie bisher. Dennoch hatte man so viel Achtung vor ihm und seinem leidenschaftlichen Ernst, seiner hingebenden Liebe zur Sache, daß man ihn geduldig anhörte.

Eine bisher fremde Ungeduld hatte ihn ergriffen; er wollte immer weiter und weiter, ohne doch recht Zuwissen, wohin noch. Bei den meisten Mitgliedern des Klubs aber, besonders bei den älteren, machte sich eine gewisse Ermüdung nach so vielen großen und lauten äußeren Erfolgen geltend, und sie verlangten mit größerer Entschiedenheit nach einer einheitlichen Ausbildung des Ganzen, nach einer ruhigeren Entwickelung als bisher.

Noch hatte Felder nichts an Freundschaft und Achtung verloren. Im Gegenteil: seine Siege hatten ihm begeisterte Bewunderer erworben, die mit ihm durch dick und dünn gingen und bei denen er alles galt. Aber man fand den Verkehr mit ihm nicht mehr so bequem wie früher. Man fühlte, hier mit Bedauern, dort mit Unmut, daß er nicht zufrieden war.

Und so war es auch: in dieser Zeit, die nach beispiellosen Erfolgen die glücklichste und schönste seines Lebens hätte sein müssen, war er nicht glücklich.

2

Ein Winter der Ruhe sollte diesem aufgeregten Sommer voll höchster Triumphe folgen. Der Verein hatte nach langen Debatten beschlossen, Felder nur auf ein einziges Winterfest zu senden, auf dem er den Wanderpreis der Stadt Charlottenburg zum dritten Male erkämpfen mußte. Sonst sollte er ruhen, nicht trainieren und, wie Brüning lächelnd sagte, sich "in seinem eigenen Glänze sonnen". "Im nächsten Sommer würde es schon genug Arbeit geben, um das Gewonnene mit Ehren zu behaupten", fügte Nagel in seiner bedächtigen Weise hinzu. Er hatte sich übrigens verlobt und sein Amt als Schwimmwart nieder gelegt.

Auch Brüning war in diesem Winter meist von Berlin fort, und so war Felder mehr als vorher auf die Gesellschaft seiner anderen Klubbrüder angewiesen. Obwohl er mit allen mehr öder minder vertraut war, verband ihn doch mit keinem eigentlich die enge Freundschaft wie mit jenen beiden, und sein Vertrauen genoß nur noch Koepke. Aber der war immer da und zählte nur mit, wenn Felder ihn gerade brauchte.

Eine der stürmischen Klubsitzungen war vorüber. Es hatte irgendeine Streitigkeit mit einem anderen Vereine gegeben, bei der die Mitglieder verschieden Partei ergriffen. Obwohl Felder von der ganzen im Grunde gleichgültigen Geschichte wenig begriff und sie ihn obendrein nicht besonders interessierte, glaubte er es doch seiner Würde schuldig zu sein, ein paar Worte mitzureden, und die waren wieder schlecht genug ausgefallen. Daß man seine unklaren und unbeholfenen Auseinandersetzungen so ruhig und ohne zu lächeln hingenommen hatte, verdankte er nur seinem Ruhm…

Nun ging es noch in ein Café mit zwei anderen, denn man war noch viel zu erhitzt und aufgeregt, um schlafen zu können. Es war das übrigens für Felder in letzter Zeit eine Gewohnheit geworden, an die er vor einem Jahre noch gar nicht gedacht hatte. Jetzt aber: Geld hatte er ja, und ausschlafen konnte er morgen auch…

Man saß in einem Cafe in der Leipziger Straße. In Felder nagte noch der Ärger über sich selbst, und er sprach kein Wort mehr. Um so lauter waren die beiden anderen; in leidenschaftlicher Debatte suchten sie sich gegenseitig zu überzeugen.

Felder hatte sich eine Zeitung geben lassen, las aber nicht, sondern sah sich bewundernd um. Er war zum ersten Male hier. Er war nicht mehr der unerfahrene Junge aus dem Osten Berlins, der nichts außer seinem Stadtteil kannte, sondern ein gereister Mann, der Vergleiche anstellen konnte. Aber dies schien ihm doch eines der schönsten Cafés zu sein, das er je gesehen hatte. Überall Gold und Marmor und Spiegel bis an die Decke hinauf; und dazu stimmte die Eleganz des Publikums, der ruhig-vornehme Ton, der hier herrschte und der selbst seine Kameraden zwang, ihre lauten Stimmen zu dämpfen; und die leise Art der Kellner, die in ihren blendendweißen Schürzen kamen und gingen, ohne daß man es merkte.

Es waren nicht sehr viele Gäste außer ihnen in diesem Teil des Saales. An einem Tisch unweit von ihnen saß ein Herr mit einer Dame, dessen Gesicht er nicht sehen konnte, da er ihm den Rücken zudrehte. Die Dame war sehr elegant gekleidet, saß zurückgelehnt in ihrem Stuhl, und während Felders Blick von der Betrachtung des Saales zu ihr zurückkehrte, bemerkte er, wie sie ihn ansah. Er blickte fort. Als er dann zufällig nach einer Weile wieder zu dem Tisch hinübersah, sah er noch immer ihre Augen auf sich gerichtet, so fest und unverwandt, daß jeder Irrtum ausgeschlossen war, und er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß sie ihn während dieser ganzen Weile so angesehen haben mußte. Diesmal wandte er sich noch schneller ab und betrachtete noch aufmerksamer die Decke, die Wände und die übrigen Gäste. Es war ihm unbehaglich, so angestiert zuwerden.

Dann—als er nach einigen Minuten wieder hinschaute, überzeugt, dem eigentümlich festen und ruhigen Blicke nicht mehr zu begegnen, sah er die Dame unverändert wie vorher zurückgelehnt in ihrem Stuhle sitzen und ihre Augen unverwandt auf seinem Gesichte ruhen. Diesmal begegneten sich ihre Blicke: der Felders unruhig, herausfordernd- fragend, der der Fremden unverändert ruhig, überlegen, fast gleichgültig, als sei es selbstverständlich, daß sie ihn in dieser Weise mustere; und ohne die geringste Veränderung, wie ihr Blick, blieb auch der Ausdruck ihrer Züge.

Er wurde unruhig. Jetzt wußte er, daß er sich nicht täuschen konnte.

Er ergriff eine Zeitung, starrte verständnislos auf eine politische Karikatur der "Lustigen Blätter" und war entschlössen, nicht mehr aufzusehen.

Was sollte denn das eigentlich heißen?—

Warum starrte die ihn denn so an?—

So viel hatte er gesehen, daß sie außergewöhnlich schön war und kostbar gekleidet. Sie trug ein über und über besticktes graues Seidenkleid und einen Hut mit großen Federn von gleicher Farbe. Auch glitzerte es überall von Steinen an ihr—an ihren Händen, in ihren Ohren, auf ihrer Brust.

Er wollte nicht aufsehen, um nicht nochmals ihrem Blick zu begegnen. Als er aber dann, wie neugierig, sich nach den anderen Tischen umsah und seine Augen ebenfalls scheinbar gleichgültig über den ihren schweifen ließ, sah er, wie sie sich zur Seite gewandt hatte, da ihr Begleiter mit ihr sprach und sie sich ihm zuwenden mußte, um zu antworten. Nun konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sie zu betrachten, und er sah, daß sie noch weit schöner war, als er dachte. Er hatte noch nie ein so schmales, feines Gesicht gesehen, solche zarte Haut, die weiß aussah wie gepudert, und solch eigentümlich rote, schön geschwungene Lippen, dabei so viel Selbstbewußtsein und zugleich Gleichgültigkeit in der aufrechten Haltung des Körpers… Er konnte nicht fortsehen, so seltsam schön erschien sie ihm, und er ließ sie nicht mehr aus den Augen, wie sie sich jetzt etwas vornüberbeugte, um irgendeine Stelle in der Zeitung besser zu sehen, auf die ihr Begleiter sie hinwies.

Als wenn sie fühle, daß er sie anblickte, sah sie plötzlich wieder auf, und wieder begegnete dem seinen der Blick dieser großen, dunklen, von langen, schwarzen Wimpern beschatteten Augen, die wieder ruhig und prüfend, ohne Frage, aber mit durchaus unverhohlenem Interesse auf ihm ruhten. Diesmal stieg eine jähe Röte in sein Gesicht, und mit einer hastigen Bewegung, die nur zu deutlich zeigte, wie sehr er sich erraten sah, wandte er sich ab.

Er war verlegen und ärgerte sich. Er wäre am liebsten fortgegangen, wenn es möglich gewesen wäre ohne die anderen, die unbekümmert weiter schwatzten.

Von jetzt an schaute er nur von Zeit zu Zeit auf, und jedesmal begegnete er dem Blicke dieser Augen, der immer größer und immer willensfester zu werden schien, als wollte er sagen: ich erkenne dich…

Eine schwüle Beklemmung stieg in dem jungen Manne empor, wie er sie noch nie empfunden. Er fühlte, daß diese Frau etwas von ihm wollte.— Aber was?—Wer war sie?—War der Herr mit den ergrauten Haaren ihr Mann?—Ihr Freund?—War sie eine anständige Frau oder war sie—etwas anderes?

Eine anständige Frau war sie sicherlich nicht. Eine anständige Frau sah einen fremden Mann nicht so an, aber eine öffentliche noch weniger. Die wäre übrigens gar nicht in dieses Café eingelassen worden.

Einerlei wer sie war. Er war er, Franz Felder, und er wußte, wer er war, und er ließ sich nicht so ansehen. Mit einer fast verächtlich- ausdrucksvollen Gebärde kehrte er sich ab und dem Gespräch seiner Freunde zu. Man sprach jetzt laut und ohne Rücksicht auf die Ruhe des Cafés vom nächsten Schwimmfest.

Felder hatte sich fest vorgenommen, überhaupt nicht mehr nach dem Nachbartische hinzusehen. Mochte die ihn doch anstarren, soviel sie wollte!—Er konnte es ihr nicht verbieten, aber er wollte ihr schon zeigen, was er von ihrem Benehmen dachte!

Aber dann, nach einer Weile, während der er vergebens versuchte, sich am Gespräch zu beteiligen, vernahm er ein Geräusch (ein Kellner hatte einen Löffel fallen lassen), das ihn auf und nach der Seite sehen ließ, und unwillkürlich streifte sein Blick wieder den ihren wie vorher. Und jetzt sah er, daß sich der Ausdruck ihrer unbeweglichen Züge geändert hatte: es war ihm, als höbe sich die Brust unter der grauen Seide, als hätte sich der festgeschlossene rote Mund ein wenig geöffnet, nur so weit, daß er die weißen Zähne durchschimmern ließ, und als sei in diese dunklen, kalten Augen das Feuer eines heimlichen Begehrens getreten, das nach ihm verlangte… Und jetzt war ihm nicht mehr ungemütlich, sondern plötzlich unheimlich zumute.

Wieder sah er fort und wieder auf: abermals hatte der Ausdruck dieses fremden, rätselvollen Gesichtes gewechselt und an die Stelle drohenden Begehrens war der triumphierender Freude getreten, der zu sagen schien: Aha, jetzt fürchtest du mich schon!

Er konnte es nicht mehr ertragen.

Schon wollte er das Gespräch seiner Genossen unterbrechen und sagen, er sei müde und wolle fort, als er sah, wie sich der alte Herr halb erhob und sich fragend an seine Begleiterin wandte, die bejahend den Kopf neigte. Er blieb sitzen. Jetzt würde es kommen. Beim Hinausgehen würde er irgendein Zeichen von ihr empfangen, und an ihm würde er erfahren, was sie von ihm wollte. Aber nichts von dem allen geschah.

Ruhig stand sie auf, ließ sich den kostbaren Pelz um die Schultern legen, und ging hochaufgerichtet und mit leichten Schritten, und ohne ihn anzusehen, an ihm vorüber: Felder sah auf, aber ihr Blick ging gleichgültig über ihn weg, und nur leise streifte seinen Stuhl die Schleppe ihres Kleides, während der starke Duft eines seltsamen Parfüms von ihr ausging. Hinter ihr her der alte Herr, mager und straff, der Typus eines hochmütigen, aristokratischen Roués, mit seinen kalten und leeren Zügen, unnahbarer noch als sie…

Felder blieb ganz verdutzt sitzen. Er hatte so bestimmt irgend etwas erwartet—was, wußte er selbst nicht, aber irgend etwas Ungewöhnliches. Aber so: erst starrte sie ihn eine halbe Stunde lang mit ihren schwarzen Augen an, wie ein Wundertier, sich förmlich an ihm festsaugend, und dann ging sie fort und sah über ihn hinweg, als sei er Luft—Luft—Luft!—

Unbewußt war seine Eitelkeit geschmeichelt, und nun fühlte er sich plötzlich in ihr verletzt. Sie saßen noch lange im Cafe, die drei, aber Felder war noch mißgestimmter als vorher und fast grob. In der Nacht, unter den heißen und schweren Kissen, träumte er von ihr: von ihrer schlanken Gestalt in dem grauen Seidenkleide, ihren drohenden Augen und dem seltsamen Rot ihrer gemalten Lippen… Und noch nach Tagen glaubte er zuweilen den Duft zu spüren, der von ihr ausgeströmt war, als sie an ihm vorbeischritt, diesen starken Duft eines ihm unbekannten Parfüms.

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