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Der Satansgedanke

Front matter (continued 2)

Reading edition

So kam es zu einem Wortwechsel, den der Schüler zu belauschen vermochte.

„Ihr kommt ja doch nicht weiter,“ hatte Faust ärgerlich gesagt, weil sich das Geheimmittel wieder einmal mit furchtbarer Heftigkeit zersetzt hatte, ohne daß jemand an die Phiole gerührt hätte, die im Felsenkeller am Stein zur Beobachtung stand. Der ganze Felsen war nächtens von der Explosion bis hoch hinauf an den Franziskanerberg aufgerissen worden, obwohl nur ganz wenige Quentchen des Satanöles dort verwahrt gewesen waren.

„Ja mein Gelahrtester,“ hatte drauf Paracelsus erwidert: „Jahrelang, wie Malvasier, und in einem Faßkeller, läßt sich das Salzsticköl (er nannte es so) nicht bewahren und wenn Ihr etwan vermessentlich meint, unseres Herrgotts Erdkugel damit auseinander zu treiben, dann hat’s noch gute Weg’ damit!“

Es war ein Glück, daß der scheue Arzt dabei mißgünstig abseits und zu Boden schauen mußte, als ängste er sich selber über die Wirkung dieses Wortes; denn Faust war aschengrau geworden über das ganze Gesicht. So angreifend war dieses plötzliche Entfärben, daß der junge Scholar, in jähem Erkennen und Entsetzen, alles erriet und selber gelb wie Käse wurde, als er Faustens Verfärbung bemerkte, die ja schnell wich.

Aber in die Wangen des jungen Menschen kam lange Zeit keine Farbe wieder, Faust selber bemerkte das recht wohl.

Ruhig sagte er: „Ich hoff’ auch, die Welt erst zu meinem seligen oder unseligen End’ auseinander zu sprengen. Und daß das recht weit hinausgeschoben sein mög’, des werd’ ich mich gar wohl zu versichern trachten.“

„Ich weiß nit,“ murmelte Paracelsus, „wie lang Euer Kontrakt mit dem Unterirdischen reicht.“

Faust tat, als hörte er nicht, reichte aber dem Arzte, beim Abschied, zum ersten Male nicht die Hand hin. Ein langer Blick aus den schwermütigen und argwöhnischen Augen des Paracelsus begleitete ihn, als er schied.

Stainer blieb zurück und hoffte begierig, daß der Adept nun eine oder die andere Äußerung über Faust und sein gräuliches Vorhaben machen sollte. Aber Paracelsus lachte kurz und ganz sonderbar verlegen, sandte den jungen Menschen auch gleich in auffälliger Hast von sich fort. Stainer wußte nicht, wie ihn die Füße zu seiner ruhigen Base trugen, bei der alle Herzensnot und Angst sich für ihn sonst immer zu lösen pflegten.

Faust aber ging in sein Quartier auf die Bischofsfeste hinauf, langsam und absichtlich zögernd, damit die Sonne untergehen und Stern auf Stern am verdunkelnden Firmament sich entzünden könnte.

Er beobachtete ihren Gang, er spähte, wie erst die großen, dann die mittleren Sterne sich sichtbar machten, dann stellte er mehrmals das Astrolabium prüfend ein, schrieb einige Zeichen nieder, schüttelte wieder den Kopf, wurde ungehalten, als ihm ein Diener das Abendmahl bringen wollte und wies es gänzlich zurück. Dann blieb er in die emportauchende Nacht hinein auf der obersten Plattform des Reckturmes und spähte dem Zug und der Drehung der Gestirne nach. Immer wieder blickte er nach Osten, wo neue Sternscharen emporkamen, nickte den untergehenden nach und besah die, sich heutigen Tages nahenden, mit Aufmerksamkeit. Als dann die Mitternacht von den vielen Kirchentürmen der Bischofsstadt, mit dem eigentümlich feuchten und verschwimmenden Ton der Salzburger Glocken, zu schlagen anhub, stellte er das Horoskop des Philipp von Hohenheim, genannt Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus.

Dann versank er bis in den Morgen hinein in Berechnungen, schrak plötzlich zusammen und rief leise empor: „Dann muß es bald sein oder nie! Wenn er nur im Eintritt der Herbst- Tag- und Nachtgleiche angreifbar ist, so könnt’ ich ein Jahr verlieren!“ Hastig blätterte er noch in einem Kalender, den er selber angefertigt hatte und sagte dann mit bestimmtem und drohendem Tone: „Heute noch!“

Senkrecht über der Vorstadt Mülln am Felsen lag, vor die Bürgerwehr geklebt, auf einer kleinen Bastion das Wirtsgärtlein zum Lindwurm. Dort zechten heute, wegen der wunderbar föhnigen und lauen Septembernacht, die Doktoren und hatten alle schon rote Köpfe. Das war nicht gut, obwohl es ihnen Witz und Mut zu allerlei Hetz- und Neckreden machte. Denn der Doktor Faustus, der in Heidelberg, in Köln und Ingolstadt die ältesten Rauf- und Zechhelden unter der deutschen Studentenschaft bis zur Übergabe und Schandbarkeit niedergetrunken hatte, saß immer noch unbewegten Gesichtes unter den Herren, die immerfort ihre beiden Gäste durcheinander rühmten und feierten, und bei dem vielen Zutrinken selber mehr Geschmack am ausgezeichneten Weine bekommen hatten, als an der Hetze und an ihrer Rache. Nur ein paar stillere, blasse und kleine Beobachter mahnten immerzu, behutsam, zur Vorsicht und zur Tat.

Jovial zurückgelehnt versicherten die stärkeren Männer aber fortwährend, es habe noch lange nicht angefangen und der Spaß möchte sich doch nur hinziehen. Bald würden ja der Paracelsus und der Faust rote Köpfe wider einander bekommen und dann gehe das große Hahnenspiel an.

„Den möcht ich sehen, der wider den hochberühmten Faustum irgend eine Kunst der Erden wüßt, sie gegen ihn zu verwenden,“ rief ein kleiner, magerer Herr mit großer Begeisterung. „Es haben einmal vier Zauberer seine Berechnungen mit List zu stören versucht und der Doktor hat sie gewarnet; es wär einer im Zimmer, der ihm dawider wäre, er möcht davon ablassen, sonst erging es ihm übel! So gutmütig erwies sich unser Doktor gegen seinen Widersacher. Aber der andere schlugs in den Wind. Da ist es sehr übel ausgefallen für jenen!“

„Ja,“ sagte Doktor Faust. „Er war sehr bald tot. Und ist nicht einmal gerichtlich ein Lärm gemacht worden, deshalb, weil ich gute Zeugenschaft hatte, daß er selber sich in den Tod hineingetan hat, wie denn jeder Mensch immer seinen Tod selber mit Fleiß vorbereitet, er mag tun, was er will: auch ausweichen; er arbeitet immer sehr geschickt an seinem eigenen End’!“

„Bei den Trinkern mag das sein,“ sagte der Theophrast. „Auch bei den Buhlern. Aber da, haha, da fällt mir ein, der Doktor Faustus habe ja einmal die griechische Helena zu Erfurt vor die Studenten gezaubert? Dabei sollen die jungen Herrn vor Erinnerung und Begierde die ganze Nacht nicht haben schlafen können. Da wir nun doch zusammen als Confratres sitzen und uns nichts übel nehmen wollen, so mag uns der Doktor doch mit Vergunst erzählen, wie ihm selber die Erscheinung bekommen habe?“

Nun war die Geschichte mit der Flucht des Faust zu der schönen Chrysoloras und seine freundliche Aufnahme bei der gefeierten Jungfer schon so sehr in aller Mund, daß ein gewaltiges Gelächter losdonnerte und Faust Mühe hatte, sein unbewegtes Gesicht zu bewahren.

„Heraus damit, wie wars mit der Helena?“ schrien die Gesellen.

„Sie war ohnemaßen schön,“ sagte Faust feierlich.

„Und habt Ihr die Roll’ des schönen Paris weiter geübt mit ihr?“ rief ein mächtiger, rot angezechter Medikus.

„Sie war noch nicht reif dazu,“ sagte Faust im gleichen Ernst.

„Oho, in der Ilias steckt manches, das sie als recht reif für allerlei Mannsen schildert,“ rief ein anderer.

„Jegliches menschliche Wesen scheint diese Erden, wie ein Komet, in einer Parabel zu streifen, wie Ihr gelehrten Herrn Ärzte denn im langsamen Reifwerden und langsamen Altern eine auffällige Kurvengleichheit mit einer Parabel finden werdet. Die Parabel aber hat ihren Schluß unermeßlich weit draußen, gar nicht zu errechnen und wann sie wieder auf die Erden zurückschwingt, diese Kraft, welche Helenen oder Paracelsum oder sonst einen der Herren hier, ins hiesige Erdenlicht geschleudert hat, das ist sehr schwer auszurechnen. Manche Parabel ist breit, kurz und stumpf. So kommt zum Beispiel der Herr Doktor Würstl sehr bald wieder auf die Erden und wird abermals, eitel wie ein Sonnenstäublein, in ihrem vergänglichen Lichte kreiseln.“

Groß Gelächter schallte auf, einige aber riefen: „Weiter, weiter von der Helena!“

„Mit der Helena verhält es sich so, daß ich nicht die Macht habe, eine Tote zu erwecken; aber manchmal kann ich von der Zukunft zuleihe nehmen und aus ihrer Sphäre Licht oder Schatten abziehen, wie Wein, wenn sie nahe genug ist, und die Ziehkraft der Gestirne günstig. So mußte Helena, bei ihrem Wiederschwung in den schmalen Sonnenstrahl, der in unser Erdenzimmer fällt, nicht mehr weit sein, sonst hätte ich sie nicht in materia zwingen können.“

„Mir scheint auch, sie wird nicht weit von hier sein,“ gröhlte ein betrunkener Herr. Einige lachten, andere machten: Kscht!

Faust behielt sein unbewegtes Antlitz. Ein anderer aber rief:

„Und ich muß dennoch wieder sagen: Weder kann uns ein anderer Sterblicher die Helena wiederzaubern als nur der Doktor Faustus, noch kann ihm irgendwer durch seine Kunst Schaden zufügen! Niemand! Und mischte der Paracelsus selber das Gift, er kann ihm nicht an.“

„Paracelsus könnte mich im Augenblick töten,“ sagte Doktor Faust abermals ernsthaft und fast leise. „Redet nicht so laut und reizt den Hochberühmten nicht, von dessen Wissen Ihr keine Ahnung habt. Denn er wäre der einzige, dem ich mich überwinden würde, zu sagen: Rabbuni, Meister.“

„Könnt’s auch,“ sagte der Paracelsus scheinbar kalt. Innerlich aber glühten ihm Wein und Zorn, weil er, in seinem Mißtrauen, Fausti ehrende Worte für Hohn und Ironie nahm.

Faust begann wiederum: „Mein Doktor, ich meine das im Ernst und nicht Ihr braucht’s mir zu sagen, sondern ich selber rede davon. Ich weiß wohl, daß mir alles, außer äußerer Wohlgestalt, von der Natur geschenkt worden ist und auch meinen Mangel hat mir die Vorsehung weislich gegeben, damit ich bei meiner leichtsinnigen Art nicht gänzlich in bloßen Sinnengenuß verfallen, sondern ein wenig leiden und grübeln möge. Unser aller Meister und Vorbild aber, der Doktor Paracelsus, kann jahrelang vor einer verschlossenen Pforte stehen und mit dem Engel des Schweigens ringen, bis der sich überwunden gibt und ihm auftut und antwortet! Das ist mehr, als mein Genius oder Dämonion mir leichthin schenkt. Es ist auch mehr, als eure Forschung, meine Herrn. Es ist ein ewiges Feuer, davon dann und wann einer von uns ein Fünklein haben mag, er aber sitzt und hütet den ganzen Hort. Paracelsus hat das Beste, was dem Menschen gegeben sein kann. Was uns andern höchstens gnädiglich zu erraten gegeben ist, das ergräbt und erarbeitet er, und müßt er seinen Weg durch Eis, durch Eisen, durch Feuer und selbst durch ein Heer von Kollegen hindurchgehen!“

Diesmal schwiegen alle, nur Paracelsus lachte auf und trank einen tüchtigen Zug, setzte den Becher ab, sah noch einmal mißtrauisch auf Faust hin und sagte: „So Ihr nicht wieder gescherzt habt, mein guter Doktor, so will ich Euch alles abbitten, was ich im Argwohn gegen Euch gesagt hab’. Es ist ja wahr, ich verfolg’ meine Fährten, wie die Natur sie mir weist, als ein armer Spürhund Gottes. Aber so, wie wir alle zusammen das Schwert niederlegen vor der Schönheit, mit der Satan einen Anachoreten besiegen, und hinwiederum Gott den Teufel zähmen und gut machen könnte, so hab’ ich die größte Ehrfurcht vor dem Ingenio, auch wenn es sich wie ein rechtes Kind, das es immer ist und sein muß, alles schenken lässet. Und darum wünsch’ ich Euch, mein lieber Doktor, es mög’ Euch das Letzte und Schönste geschenkt werden, was Eure sich neigenden, aber immer noch rüstigen Tag’ vergolden könnt. Auf daß Ihr auch in der Frauenliebe seid, was Ihr Euch sonst mit Recht nennet: Faustus, der Glückliche.“

Die beiden berühmten oder doch mindestens beschrieenen Männer tranken sich Bescheid und murmelnd und verdutzt sahen die Neidharte zu, wie sich beide Männer eher zu verbünden als zu verfeinden schienen, infolge der ganz unerwarteten Milde und Herzlichkeit des ehedem so großprahlerischen Faust, der niemand neben oder gar über sich gelten lassen gewollt.

War es das Alter? War es die Liebe? Die Doktoren rieten auf alles, nur auf das eine nicht, daß es der nahe Tod war, der den Unbändigen bescheiden, ja scheinbar liebevoll gegen den Paracelsus machte, weil der ihm unerbittlich voraus mußte. Er störte seine Zirkel.

Der Paracelsus kam jetzt sehr schnell wegen seiner Wissenschaft mit einem starken, feuerroten und dicken Fünfmaßweindoktor in Streit, dem sich andere lärmend beimengten. Da schlich ein kleines, gelbes Männlein an Faust heran und zischelte ihm zu: „Ihr, der weitaus Berühmtere und Geistesmächtigere werdet doch dem Handarbeiter, dem Laboranten nicht schmählich den Vortritt lassen? So zahmes Zukreuzekriechen eines großen Mannes hab’ ich meiner Tag weder erhört noch für möglich gehalten!“

„Was soll ich gegen den Paracelsum, was vermag ich denn gegen ihn,“ sagte Faust seufzend, als sähe er selber ein, daß da nichts auszurichten wäre und ließ resigniert die Arme sinken.

„Ist er denn ganz und gar unangreifbar? Gott hat tausend sterbliche Stellen am Menschen gelassen. Der Teufel läßt nur eine. Aber die ist da, und Ihr wüßtet sie, wenn schon nicht anzugreifen, so doch zu nennen.“

„Das wißt Ihr selber,“ gab Faust trübselig lächelnd zurück. „Er ist gegen Eisen und Blei, gegen Stahl und Stein gefeit; nur ist niemand gegen das Holz gefeit, weil es sich in aller Schöpfung nicht begeben darf, daß ein Mensch weiterleben könnt’ an derselben Materie, an der der Heiland gestorben. Wenn der Doktor durch einen fallenden Baum getroffen würde, wie ich wähne in seinem Horoskop gesehen zu haben, oder selber gegen einen Baum fiele, was nach den dunklen Zeichen ebenfalls möglich wäre, dann müßte er wohl versterben. Denn mit Knütteln wollt Ihr ihn doch nicht erschlagen, meine Herrn. Das wäre eine Schande und ein Unglück für Euch alle!“

Faust stand auf und sah dem Doktor gerade ins Gesicht, so daß der zurückwich: „Ich will dem Paracelo nicht zuleibe,“ rief er.

„Ihr wollts,“ sagte Faust, „so wie Ihr es mir wolltet. Mir tut Ihr nichts, denn ich reis’ in dreien Tagen ab und überdies kenne ich auch meine Stund’, die nicht in der Hand von Euresgleichen liegt. Dem Doktor da drüben aber ist diese Nacht gefährlich, das sag’ ich Euch und hab’s herausgelesen aus meiner Kunst. Wollt Ihr sie nützen? Heute kann’s geschehen, und sonsten in Jahrfrist nimmer. Das sag’ ich Euch, aber meine Hand biet’ ich dazu nicht anders. Und nun gehabt Euch wohl, weil wir uns doch in diesem Leben nicht mehr sehen.“

Ehe der Doktor etwas erwidern konnte, war Faust, ohne Urlaub zu nehmen, schon im Dunkel verschwunden und niemand merkte es, weil das Lärmen um Paracelsus immer ärger wurde. Der große, rote, angetrunkene Arzt brüllte vor Wut, Paracelsus antwortete immer mit kleinen, kurzen und eisern ruhigen und schlagfertigen Sätzen. Alle andern hatten auch schon rote Köpfe. Der kleine Doktor, der wenig getrunken hatte und sich vorsichtig und kühl verhielt, fürchtete, daß Paracelsus die Gesellschaft vorzeitig im Zorne verlassen und ihnen so entgehen könnte. Oder sie zogen die Messer und Degen gegen ihn und verschafften dem Gefeiten einen neuen, abergläubischen Triumph. Ja, es schien, als wollte Paracelsus das ertrotzen, daß sie ihn zu erstechen versuchten, um sich an ihrer vergeblichen Mühe schrill zu lachen.

Da trennte der kleine Doktor geschäftig und geschickt die Streitenden, und indem er sie zu begütigen suchte, redete er leise und eindringlich mit dem einen und dem andern, von denen sich sogleich jeder verdutzt nach dem inzwischen entronnenen Faust umsah.

Aber niemand zweifelte an der Tüchtigkeit des Rates, den ihnen der Schwarzkünstler, wie von ungefähr, hinterlassen hatte.

Jetzt umgaben immer größere Gruppen versöhnlich und vermittelnd die noch Streitenden und den übermütigen Herausforderer der ganzen Kollegenschaft. Sie riefen, es wäre zu viel und wäre auch zu spät und man müßte heimdenken. Einige umringten den ziemlich angezechten Adepten und torkelten mit ihm hinter den andern her, auf allerlei Schlängelwegen an Felsen den Steilpfad nach der Stadt hinunter suchend.

Faust vernahm schon am andern Tag in der Frühe vom entsetzten Stainer, daß das Gastgebot der Ärzte übel geendet hätte. Der Paracelsus wäre von etlichen Doktores oder vielmehr von deren jungen Vikars ergriffen und über den Felsen heruntergestürzt worden, dort, wo die Felsputzer eben mehrere Bäume abgesägt hatten, welche längst den Stein zu sprengen und auf die Häuser zu stürzen gedroht hatten. Es standen dort viele Strünke und dazu lagen auf einem Felsbändel auch die Stämme noch langhin. Dorthin wäre der Paracelsus abgestürzt und hätte lange Zeit jämmerlich gestöhnt, bis andere in ihrer Angst ihn geholt hätten, mit Seilen aufgezogen, wobei er fortwährend vor Schmerzen schrie. Wegen der schweren Verletzungen des Paracelsus, die sonderbarerweise von außen nicht sichtbar wären, hätten diese Gemäßigteren und Abgekühlten ihn dann in sein Quartier am Stein getragen, ihn vermahnt, wie alles nur aus Trunkenheit und Streit erstanden wäre und ihn dann, der sich alles Reden verbeten, in Pflege gegeben und verlassen hätten.

Nahezu drei Tage lebte der Verletzte noch. Schwach am Körper, aber immer noch hellen Geistes, schien er an nichts anderes zu denken, als Ordnung mit seinem Gotte zu machen, an dem der unerbittliche Forscher, durch alle Irrgänge seines Denkens hindurch und trotz der erschreckendsten Wahrheiten, die er sonst entdeckt, unverbrüchlich geglaubt hatte. Er sagte nichts aus, kannte keine Rache, verzieh seinen Feinden, und als sein Freund, der Pfleger und Stadtrichter von Hallein und der kaiserliche Notarius Kalbsohr den letzten Willen des Sterbenden entgegennahmen, fanden sie ihn auf einem armseligen Bett von Reisig sitzend, schwach, aber bei Sinnen und hörten mit Rührung, wie der Abschiednehmende sein recht kümmerliches Hab und Gut den Armen vermachte. Nur eine Flasche mit Tinktur (sie wäre das größte und gefährlichste Gift dieser Erde, wie er sagte), befahl er dem getreuen Sympert Stainer auf der Salzachbrücke zu zertrümmern und in den Fluß zu werfen.

Viel wird hier nacherzählt, wie Stainer die große Phiole gegen das Joch der Brücke geschmettert hätte und die herausspritzende Flüssigkeit augenblicklich das Wasser der Salzach, sowie sie es berührte, in aufleuchtende Goldstaubwirbel verwandelt hätte, die sogleich, schwerlastend, untersanken.

„Habt Ihr noch mehr solcher Tinktur?“ riefen der erregte Freund und der Notar, als der Student das alchymistische Wunder erzählte.

„Glaubt Ihr denn, man braut sie eimerweise wie das Bier?“ sagte Paracelsus, drehte sich gegen die Wand und verschied. Und das waren seine letzten Worte gewesen.

Doktor Faust, dem all das erzählt wurde, fröstelte. Zuerst, weil er dem Tode Tag und Richtung gewiesen hatte. Dann, weil er sich jetzt völlig allein und in ganz Deutschland von niemandem mehr verstanden vorkam. Und endlich, weil ihm jene letzte, ironische Äußerung des Paracelsus ahnen machte, daß er eine Waffe gegen den Unermeßlichen, in unermeßlich großer Masse, zu erzeugen unternahm. Ob das glücken konnte?

Aber Paracelsus hatte immer allein für sich hingeheimnißt und, geizig und neidisch, all seine Entdeckungen verschwiegen. Er, Faust, hatte Kaiser und Reich zu Laboranten.

Aber drei Tage sperrte er sich gegen alle Welt, auch gegen die ihn viel anflehende Helena ab und ließ niemand an sich heran, fastete auch und war gänzlich verstört und heruntergekommen, als er wieder in seiner geöffneten Türe erschien und Auftrag gab, alles zur Abreise nach Innsbruck zu rüsten.

Denn schneller, als er selber dachte, war der Befehl vom Kaiser gekommen, die Arbeit im Felsenloch zu beginnen.

Faust konnte wieder lächeln. Er lächelte böse. „Gold.“ Da wurde selbst der grämlich gleichgültige Kaiser, in dessen Reiche die Sonne nicht unterging, und der sich, gelangweilt, nur mehr an die Größe Gottes anzulehnen schien, eilfertig wie ein hastiger Jude, dem ein Geschäft entgehen könnte!

Helene Chrysoloras ließ den Kopf sinken, je mehr und leidenschaftlicher ihr junger Vetter in sie redete.

„Ich liebe ihn,“ sagte sie.

„Siehst du nicht, daß er angejahrt ist, daß seine Liebe alt und kalt werden wird, daß du nichts zurückerhältst für deine dargebrachte Jugend?“

„Ich liebe ihn,“ sagte das Mädchen ohne jegliche Logik.

„Es ist unerwiesen, ob er dich liebt!“

„Was tut das? Ich liebe ihn.“

„Aber das kann nicht dauern! Es wird ein gräßlich Erwachen geben, für dich und mehr noch für ihn, wenn er sich in deine Arme und in den Ton deiner Stimme einspinnen ließe! Bist du denn im Traum? Donnern möchte ich mit dem Worte: ‚Es kann nicht dauern!‘“

„Was dauert auf Erden?“ fragte das Mädchen.

„Liebe kann ein leblang dauern.“

„Mir ist jeder Augenblick, da ich ihn liebe, die Ewigkeit.“

„Du bist sinnlos, behext, lächerlich!“

„O, laß mich das sein. Es ist schön!“

„Und wenn er dich mit seinen Künsten verzaubert hätte?“

„Ich würde ihm die Hände küssen dafür, daß er sich die Mühe um mich gab, um mich allein auf Erden! Aber so schön und gut ist es mir ja gar nicht vermeint. Er sieht mich nicht, beinahe er allein sieht mich nicht.“

Stainer schwieg betroffen. Auch ihn sah Faust nicht. Er ließ ihn in seine Nähe, denn längst ließ er niemanden mehr an sich heran und selbst den Paracelsus hatte er bald, durch fremder Hände Wut, wieder weggeworfen. Es war entsetzlich, wie dieser eine Mensch, der früher um die Hochmeinung anderer bis zur Großtuerei geworben haben sollte, menschensatt geworden war. Alle Lehrer trachteten und warben, offen oder versteckt, um ihre Jünger und brauchten sehr diese durstigen Ohren nach ihrem recht billigen und erbärmlichen Wort. Der allein benötigte niemandes auf Erden mehr. Darum war ihm Sympert vor allem nachgezogen.

Ob er dem Faust auch noch verfallen blieb, wenn der ihn endlich doch vertrauend an sich zöge und sein Wesen vor ihm ausleerte, das ja, wie bei allen Vergänglichen, endlich auch zu Ende gelernt sein mußte? Ja: Und die Helena nicht auch? Alle warben um sie, — nur nicht der unheimliche Fremde. Wenn auch der um sie warb? Vielleicht war das unvernünftig verwöhnte und eitle Mädchen damit satt?

Er sah nach der Base, denn wenn sie sein Schweigen und Nachsinnen mit Ärger oder mit Mißtrauen vermerkte, so war schon vieles gut. Aber das Mädchen schien ihm bloß dankbar zu sein. Sie nahm ihn, als er wieder reden wollte, an der Hand, drückte sie und legte ihm die andere Hand an den Mund. Er sollte weiterschweigen, sie war so froh.

Nein, da schwieg er nicht. „Noch einmal, er ist alt.“

„Dann ist er vollendet und am Ziele der größten Bahn, die ein Mensch jemals durchlaufen hat.“ Das Mädchen hatte sich Zeit und Mühe nehmen müssen, um überhaupt so gefällig zu sein, Antwort zu geben.

„Er ist nicht einmal schlank oder gut gewachsen!“

Helena sah auf. „Dem Wuchse sollte ich, ich nachgehen?“

„Du scheinst deiner eigenen Schönheit satt zu sein.“

„Nein, ich begehre von ihm die endlose und überirdische Schönheit der Seele dazu.“

Das war dem sonst verschwiegenen Jungen zuviel. Nun mußte sein eifersüchtiges und geängstetes Herz emporquillen. Er schämte sich, daß er jetzt zum Verräter wurde, und in seiner Wut über die eigene Scham fand er erst die reißend scharfen Worte zu dem, was jetzt unaufgehalten losbrach.

„Die endlose und überirdische Schönheit! Bist du denn so ahnungslos? Und hätte der verwichene Paracelsus recht, daß es keinen andern Teufel gäbe, als den in der eigenen Brust, dann wäre der Doktor der ungeheuerlichste von allen! Die ewige Schönheit: weißt du, wie er sie sieht? In der Absage an Gott, in der Vernichtung seiner selber und aller, in der Zerstörung des Hauses Gottes, dieser Erde.“

„Wie schön; und wie viel zu groß, um je geschehen zu können,“ lächelte das Mädchen.

„Viel zu groß? So sollst du wissen, daß er ganz gut weiß und es auch vermag, gegen Gott aufzustehen und die Erde in Flammen aufgehen zu machen! Weißt du, wozu er mich anwerben hat wollen? Ich soll ihm helfen, das grausame Mittel, zu dem ihm der Paracelsus Lehrjunge hat sein müssen, in eine entsetzliche Kluft im Tiroler Lande zu gießen, um die allein der König und der Erzbischof wissen und die bis zum Abgrund der Höllen geht. Dort soll sich’s entzünden und so Gottes grüne Erden auseinanderreißen und im überquellenden Feuer und Wasser verschwemmen!“

Das Mädchen sah den Vetter an, wie zu Wachs umgebildet.

„Was für wirres Traumzeug ist das?“ fragte sie.

Er wirbelte noch einmal los und beschwor und bewies es ihr mit vielen, jugendhaft heißen Worten.

Helena Chrysoloras hatte die Augen zugetan.

„Schläfst du gar schon? Hörst du das und bleibst verstockt?“ schrie der verzweifelte Junge.

„Das ist übermenschlich,“ sagte das Mädchen, welches dennoch sehr blaß geworden war.

„Teuflisch,“ redete der junge Mensch in sie hinein. „Der hat sich, weiß Gott, dem Widersacher nicht zu verschreiben gebraucht! Er selber ist es, kann nichts anderes sein!“

„Ah,“ sagte das Mädchen nur, und sie dehnte ihre Arme.

„Was, was um aller heiligen Leiden? Du bewunderst ihn?“

„Nein,“ sagte das Mädchen. „Denn jetzt erst weiß ich, daß er der Liebe bedarf.“

Vor diesen Worten freilich erstarrte der Student.

Wer nur kann sich unterfangen, das Leid einer einzigen Nacht eines jungen Herzens abzumalen, welches liebt! Wer erst kann das Fressen der Todesangst in Worte setzen wollen!

Und aber, wer kann das erhabene Aufleuchten einer Menschenseele wiedergeben, die Leid und Todesangst überwunden hat und nun sakramentsbereit ist für Vernichtung oder Gott!

Es war da ein armer, dummer, kleiner und schwermütiger Student; verliebt bis zum Blutvergießen, verschwärmt bis ins Grenzenlose und Tödliche. Ein junger, dummer Wurm ohne Reife, ohne Erlebnisse und ohne lang dauernde Bereitungen oder Weihen. Und der hat das alles in einer einzigen Nacht erlebt.

Wer ist, der es nicht glaubte? Und wer, der es glaubt, zweifelte noch an Gott? Kann ein armes, junges, lebensgieriges Geschöpf solche Zuckungen durchleben und sich dann todbereit in kristallschöner Ordnung dem Morgen entgegenbieten?

Ist das möglich, wenn kein Ordner da wäre?

Bei solchem Leid? — Eben durch solches Leid.

Jener unverstehbare Kreisezieher kann noch den durch Töne rhythmisch gewordenen Sand auf der Glasplatte und die Figuren der gefrornen Fensterscheibe ohne Leid ordnen, die Schönheit der Perle schon nicht mehr.

Nun also. Es ging der Student anderen Morgens in einer feinen und lieben Stille wie ein gezähmtes, kleines Tier zum Faust und sagte: „Meister, jetzt komm’ ich zum dritten Male und ich bin bereit, auch auf meiner Seele Tod hin, mit Euch zu gehen bis an’s Ende der Versuchung und will mit Euch halten, diese Erden entzweizureißen, ohne dabei an Angst oder Eitelkeit zu denken. Sondern ich will alles Gott überlassen voll Vertrauen. Gibt er’s zu, dann war seiner Geschöpfe Tod auch sein Wille. Und gibt er’s nicht zu, dann verzeiht er mir. Denn er hat mein Leid gesehen.“

„Du liebst die Helena und sie hat dich verworfen,“ sagte Faust. „Ich steh’ im Abreisen und drunten warten meine zwei Maultiere. Bleib hier in Frieden. Der Frauen Herz ist wandelbar gleich dem unsern. Unwandelbar sind nur die heillos Dummen. Bleib’ und warte ab, bis dein Frühling bei ihr blüht. Erde und Jahreszeiten drehen sich. Lebwohl.“

Und Faust stieg, ohne sich weiter nach dem Studenten umzusehen, auf das weißgraue Maultier, das der römische König ihm geschickt hatte. Das andere trabte, beladen mit dem Gerät des Magiers, hinterher und ein Diener ging mit.

Faust ritt in Sinnen dahin, der Salzach entlang aufwärts. Als er aber, bei Hallein schon, und das war mehrere Stunden weit, auf- und hinter sich schaute, da trabte, wie ein Hündlein, der Student geduldig und schweigsam neben dem andern Maultier, als gehörte er nicht zu ihnen und ginge nur so wie Kinder, in der Einsamkeit und aus Bangigkeit, neben den Großen her.

„Was hast du, kehr um,“ fuhr Faust den jungen Menschen an.

„Ihr könnt auch noch mit dem Fuße nach mir stoßen,“ sagte der und kam zutraulich wie etwas ganz Gezähmtes näher an den Meister heran.

„Ich hab’ dir gesagt, was ich will und was ich von dir denke,“ bedrohte ihn Faust noch einmal.

„Ja. Ja. Laßt mich nun nur erstmal erzählen, daß ich Euch verraten habe. Wer zuerst nachfolgt und dann verrät, der mag ein Judas sein. Wer zuerst verrät und dann nachfolgt, den mögt Ihr schon annehmen.“

Groß schaute der haßgewohnte Mann auf das Mannskind hinunter. „Lauf nebenher und erzähl’,“ gebot er kurz.

„Erst muß ich Euch sagen, daß Ihr gestern recht rietet. Daß es mich, in der ersten Verzweiflung, getrieben hat, Euch zu helfen, diese Erde nur deshalb ganz und gar zunichte zu machen, weil die Einzige meines Lebens mich verachtet und Euch liebt!“

„Mich, so,“ sagte Faust geruhig.

„Ihr freut Euch nicht?“

„Ich weiß nicht: ich bin ungeziemlich weit weg von diesen, einstmals lieben Dingen,“ erwiderte Faust freundlich und fast bewegt.

„Aus Alter nicht,“ sagte der Student.

„Ich will mit dir reden,“ begann Faust nach einer Pause des Nachdenkens, welche dem Worte des Jungen gefolgt war, der halb dem Meister schmeicheln und Liebe erzeigen gewollt und halb die Urkraft fühlte, die in dem stets unheimlichen Manne lavagleich verborgen und versenkt schien. Immer ahnte man an ihm jene Ströme von Kraft, die zu besitzen sich sonst nur die Jugend vermißt. Hier waren sie nicht nur geblieben, sondern sie hatten sich zu ganz geheimnisvollen Figuren geordnet.

„Ich will mit dir reden. Warum meinst du wohl, daß ich dich zu mir gelassen habe und dir mein Herz weiter aufgetan, als irgend einem Menschen? Denn sogar deinem schönen Mädchen würde ich nicht geben, was ich dir eröffne.“

Der junge Mensch schwieg, aber er trabte pochenden Herzens neben seinem Meister her. Da stieg Faust vom Saumtier, rief den Diener und gab ihm die Zügel: „Reit immerzu mit den beiden Mäulern sachte voraus und erwart’ uns in Hallein.“

„Nun gehen wir zu Fuße nebeneinander wie zwei Handwerksgesellen und das wollen wir auch sein,“ sagte Faust milder und vertraulicher, als der Student sich’s je erwartet und vermessen hatte.

„Ich habe dir von Anbeginn an zugehört und dich aufmerksam beachtet, wie du das Wort ‚Ich‘ in den Mund genommen hast! Die Menschen lernen es verbergen das ‚Ich‘; manche lernen nicht einmal das. Aber horch auf: Der geheime Ton, mit dem ein Mensch das Wort Ich in den Mund nimmt, verrät ihn rettungslos! Es hab’ einer nun eine Nürnberger Uhr in der Taschen und sage bloß: ‚Ich hab’ erst Glock Eins nach Mittags,‘ so hörst du aus demselbigen Ich die ganze Beleidigung, daß ein anderer Mensch oder eine andere Turmuhr sich vermessen könnten, eine andere Zeit zu zeigen; — auch wann die Sonnen drei Uhr nachmittags zeigte! Gibt es das? Ja? Jetzt lachst du, und ich hab’ doch aller Erden größtes Elend berührt. Denn ich sage dir’s: Ist das Gefühl, mit dem wir dem Wurme oder den Sternen zusehen und das uns sagt: ‚Das bist du selber,‘ das allergöttlichste, so ist das Wort Ich das jämmerlichste und schandbarste, das Gott, in einer namenlosen Verhöhnung dieser Erde, schuf, oder entstehen und gelten ließ. Es gibt ein freudiges Ich edler, unbefangener, junger Leute; das kommt so frisch wie aus Gottes Odem daher und niemand nimmt’s ihnen krumm; weiß auch jeder, daß dasselbe Ich gerade bei Denselbigen später ein sehr beschämtes und verschüchtertes werden wird, weil solche frische Menschen den Urgrund all’ der Lüge ahnen, der eben in diesem Ich bestehet.

„Dazu muß mancher alt werden wie ich selber, der ich das aufdringliche Wort wie Trompetenstöße in die Welt hinausschreien gemußt, lächerlicher als der Kuckuck sein’n Namen! Eben weil ich merkte, wie sich alles darwider stemmte, rief ich’s umso trotziger.

„Hätt’ ein Mensch mir das gesagt, mit lieben und eröffnenden Worten, was heute ich dir sage, ich wäre vielleicht ein schmiegsames Kind Gottes geworden. So aber hab’ ich dieses mein Wort immer zurückgeworfen bekommen wie einen gehässig vermeinten Steinschmiß. Immer wieder hat mir alles in der Schöpfung dieses Ich wieder ins Gesicht zurückgeschlagen und schon hab’ ich vermeint, daß ich zu Unrecht dastände, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß jegliches andere Ich sich, wie um Leben und Seligkeit, selber gegen meines wollt aufspielen; wär es auch so dumm, so räudhundsgemein und stinkig vor Gott und aller Welt gewesen, wie ein krummbeiniger Köter. ‚Ich, ich, ich‘ das ist aller Welt Frechheit. Du allein hast es mit einem Ton geredet, als wäre es dir geliehen und wäre ein zerbrechliches Gut, das du nur schnell und heil weiterliefern müßtest. Vor dritthalbtausend Jahren warst du vielleicht der Jünger Johannes. Und daß er zu mir kämet, wäre sowohl dem Johannes gut gewesen, als auch mir. Denn du weißt, ich begehr dieses Lebens und dieser Welt nicht länger.“

Der Zuweitgeratene, welcher sich ‚der Faustus‘ zu nennen vermaß, schwieg eine Weile und dem Schüler klammte das Herz, weil er fühlte, er war nunmehr gänzlich erwählt oder gänzlich verworfen.

Im Innersten zuckte es ihm auch empor, es könnte das gar beiden Eins sein, wie eine Kugel oder ein Ring sich ründen.

„Das ‚Ich‘ muß weg,“ sagte Faustus gedankenvoll. „Du selber weißt es und hast es heute Nacht in dir erlebt. Ich weiß, mehr als du, wie sehr du die Innsbruckerin mit dem griechischen Namen liebst.“

Der Bub’ sah zu Boden.

„Ich weiß auch, daß du jeden auf Leben und Tod herausgefordert und erstochen hättest, der sie dir nehmen gewollt. Da sandte der, den du und Euresgleichen mit ‚Gott‘ anruft, ein klein grau und bucklet Männlein, das trieb mit aller Welt Zauberspäß, nur nicht mit der Jungfrau neben dir, und sie warf ihm ihre Seele zu. Ich hab’ ihrer niemals begehrt, aber du bist mir damit zugefallen. Es steht ein geheimes Leuchten in dir, das weiß ich; das ist der Tod. Aber es steht unabirrbar in dir, weil du weißt, auch ich müsse sterben, auch sie, auch alle, die sie dir später nehmen wollten und könnten. Ich hab’ ein lebelang gebraucht, um dahinzukommen, daß diese Welt zerschmissen werden muß. Du hast bloß ein Mädchen verlieren müssen. Der eine Weg war weit, der andere gar kurz. Beide sind unfehlbar die rechten.“

„Meister, ich hab sie geliebt, weil sie schön, aber mehr noch, weil sie rein ist. Das ist so viel! Mancher Christ, ja sogar mancher Jud’ würde die heilige Jungfrau erfinden wollen, wenn die wirkliche abhanden käm in den Herzen der Menschen.“

„Hast recht, hieß auch seit ewigher mit anderen Namen — war immer dieselbe,“ sagte Faust. „Erst wann wir verlieren — — du Jungmensch! Merk wohl auf: Du wirst dich noch verzweifelt an dein eigen Leben klammern, wenn es soweit ist, daß wir die Lunten anlegen an Gottes Spottgebastel! Merk’ dir das: Sein Leben gewinnt man nur im Rausch, sein Leben verliert man nur im Rausch! Im Augenblick, wo du hilfst, diese Welt auseinanderfetzen, bist du Gottes Ebenbürtiger! Das darf keine Eitelkeit sein! Eitelkeit kann nicht ohne Spiegel bestehen. Wenn du aber jenes tust, dann gibt’s keine Spiegel mehr. Aber das lästerliche, lächerliche Ich hast du ausgerottet und ich mein’, du rinnst in diesem einen Augenblick, da du dich mit allem Geschöpf dahingibst, mit Gott zusammen, mehr und größer als Christus!“

„Was meint Ihr, Meister,“ sagte der Scholar nach einer Weile und immer noch schaudernd, aber magisch angezogen: „Was wird der oder das, was Ihr mit Gott meint, nachher tun?“

„Er wird wieder von neuem anfangen, gerad’ so, wie ein Bienenschwarm arbeitet, dem man den Honig zusamt dem Stock weggenommen. Aber so eine Schandtat, wie er’s mit dem Menschen zuwegegebracht hat, die gelingt ihm kein zweites Mal wieder, des sei du versichert!“

„Um eines einzigen Herrn Christ willen möcht’ ich die Menschen leben lassen,“ sagte der Junge zaghaft.

„Und um einer einzigen Helena Chrysoloras willen möchtest du sie vernichten?“

Im Herzen des jungen Menschen schwoll und tobte es, aber Antwort auf das, was er nicht zu sagen wußte, fand er nur in den Worten:

„Wer immer mich anheißt, Euch nachzulaufen,“ „er schenke mir die Kraft, auch neben Euch auszuhalten.“

„Es ist der Teufel, da magst du getrost sein,“ sagte Faust ruhig und fuhr fort:

„Was ich und du jetzt bedeuten, ist aber vor Gott ebensoviel, als das schwankende Zünglein an einer Wage. Und die Wage ist das Gesetz und das Gesetz ist Gott. Liebt er’s, daß wir ihm antun, was wir vorhaben, dann neigt er sein bewußtlos träumendes Haupt uns zu. Neigt er’s nach der andern Seite, so haben wir fehl gerechnet, oder es war noch nicht reif. Denn die Menschen sollen künftig wohl einander selber, jeder den andern auffressen. Dort sie hinzuhetzen, wären ich und du zu mitleidig. Verdammt sind wir in keinem Falle, du schwankendes Kind!“

„Warum aber macht Ihr mit Eurer ungeheuren Gelehrsamkeit nicht das Wort groß, daß die Menschen ja ohne Angst und Schmerz ihrer Zahl und dem Gebären Halt gebieten könnten und die uns geläufigen Mittel anwendeten, um ihrer wenige zu werden?“

„Narr du! Weil dann die Gedankenvollen aussterben und die Bestien bleiben würden! Weil nicht alle Welt deutsch versteht und noch weniger Leute das Gebot der Vernunft! Und wenn Holländer, Franzosen, Engländer und Spanier, Italiener und Griechen sich ein Herz nähmen und sagten, ‚der Doktor Faustus hat recht, lassen wir’s gut sein mit uns und nicht weiter,‘ so flutete die end- und grenzenlose Dummheit und Bestialitas von Osten heran — und überquölle unser gut angebautes und behaglich gerichtetes Land, und triebe das alte Narrenspiel des Fleisches weiter! Wenn auch sie Weise erzeugten, die ihnen zuriefen, daß sie knapp vor Aschermittwoch ständen? Dann käme die neue Tierheit von wo anders. Nein. All’ das muß weg: Kalmücken und Großmogul und Türkensultan und Westindien, und das liebe Deutschland und deine Helena — alles.“

Von dieser Stunde an schwieg Faustus und ließ den jungen Menschen mit sich selber fertig werden, sah auch kaum aus einem Augenwinkel einmal nach ihm, bis sie in die Wälder an der Scheide des Berchtesgadner, des Salzburger und des Tiroler Landes kamen.

Da erst sagte Faust zu dem Jungen: „Nun will ich dir eines der Geheimniss’ dartun, um derentwillen ich in der Welt riesengroß beschrien bin und die du mit mir verachten lernen sollst, damit du reif würdest, so jung du sein magst. Den Diener werden wir mit den Saumtieren wegsenden; denn nunmehr werden wir den weiteren Weg durch die Lüfte fliegen.“

„Fliegen!“ rief der junge Mensch.

„Das hab’ ich gewußt, daß du mich anstarren würdest, grauengeschüttelt! Denn jetzt muß Doktor Faust des Teufels sein, weil er dir zumutet, zu unternehmen, was jeder Spatz kann! Für die canaglia heißt das ja ‚ein Wunder‘. Bis auf den Augenblick, da es geschieht. Dann ist’s kein Wunder gewesen.“

Es war ein mächtig langer Sack, wie aus dünnem geöltem Zeug, der sich gestaltete wie ein aufstehender Wurm, als der Doktor unter ihm eine gelinde Holzkohlenglut angefacht und sie lang erhalten hatte. Der Wurm, der sich immer mehr, zu des jungen Menschen Staunen, aber nicht Entsetzen, aufblies, war aus Tausenden feiner kleiner und durchscheinender Häutchen zusammengefertigt. „Ich hab’ viel schwarze Kunst und Alchymie treiben müssen, bis ich sie zusammengetauscht hatte von den Goldschlägern, die damit ihr Blattgold aushämmern. Sie brennen nicht leicht an; sei also getrost und hab’ acht, daß die Knoten an unserm Luftwurm sich nicht lösen, die ihn halten; sonst fliegt er uns gar davon.“

Als das Ungebilde sich vollaufgebläht gegen den Himmel steifte und in der waldeinsamen Spätabendluft rötlich zu schimmern begann vom Widerschein des Holzkohlenfeuers, sah Faust den erregten Studenten an und sagte ihm: „Glotz’ nicht so dumm! Das ist mein Teufelsroß, auf dem ich in einer halben Nacht von Prag nach Erfurt geritten bin. Der Rauch steigt doch auch gegen Himmel? Und die Hitze eines Kamines? Ebenso. Lass’ sie eingeschlossen in einem so leichten Sack, na und? — Wir sind jetzt gleich einer Wolken.“

„Wie findet Ihr aber die Richtung?“ stammelte der halb verstehende Junge.

„Die sagen mir die Wolken und die Landkarten. Es ist dort oben stracker Ostwind und das ist eine sehr beständige Luft. Die Wolken, die den Gaisberg bestrichen haben und die viel höheren, die über Untersberg und Stauffen hinwegziehen, die sind alle nach Tirol zu gegangen. Wir werden mit ihnen streichen.“

„Meister!“

„Fürchtest dich?“

„Nein.“

„Wunderst dich?“

„Nach dem, was Ihr gesagt habt, nicht mehr so sehr.“

„Freust dich aufs Fliegen?“

„Das muß göttlich sein, oder teuflisch!“

„Flieg nur drei oder vier Stunden, dann wird’s keines von beiden sein. So, wie mir die Welt und alle Wunder Gottes. Bloß selbstverständlich, und langweilig. Und mit Fleiß und Absicht nehm ich dich mit und zeig dir mein Geheimnis, auf daß du entdecken mögest, was für ein Dreck alle Erfüllung ist und daß es sich wahrlich nicht lohnt, das zu erreichen, was jeder Mistfink längst kann. Und gar nicht darüber zerplatzt vor Hochgefühl und Glück!“

Gegen den angrauenden Morgen hin ließ Faust, als er das Tal über Wörgl mehr ahnte, als erkannte, das Kohlenfeuer langsam minder werden; und als sie völlig undeutlich die Städtlein Rattenberg und Schwaz unter sich merkten, ließ er es langsam eingehen. So nahe streiften sie dann über Hall dahin, daß nur der Herbstnebel sie vor einem großen Zetermordio schützen konnte. Auf einer der vielen Wiesen, die das Inntal gegen Absam hin umsäumen, ließen sie sich nieder und Faust warf die verlöschenden Kohlen aus dem Becken auseinander. „Wie ist dir?“ fragte er höhnisch den Scholaren. „Gelt? Ebenso wie nach dem Genuß eines ersehnten Mädels. Es war alles eben zum Ertragen, und du bist weder vor Glück noch vor Entsetzen wahnsinnig geworden. Und jetzt bist du schläfrig, müde und überdrüssig. Das und so ist das Leben und so sind alle seine Wunder und jetzt bist du geflogen wie ein Gott und bist verkatzenjammert wie ein Saufbruder, frierst wie ein Hund und bist ein ernüchterter, armer Teufel. Und wenn du später in einer Zechen davon prahlen tätest, wie in jüngern Tagen ich selber, so wärest du ein noch viel ärmerer Hund, als jetzt!“

Soviel von dem oftbeschrieenen Geisterfluge des Faust, der in einer Nacht zu Hallein Urlaub genommen und andern Morgens dem römischen König in der Innsbrucker Hofburg aufgewartet hatte.

Die Herrn in Salzburg und Innsbruck maßen sichs gegenseitig später selber ab und verwunderten sich bis an die Gänsehaut.

Der junge Student aber, völlig stumpf darob geworden und gleichgültig und müde, sagte nur: „Ihr habt recht. Es ist nichts um alle Erden; gar nichts.“

Da erwiderte ihm Faust: „Hätt’ ich geprahlt und unsere Herrlichkeit und unser Göttertum eindringlich gerühmt, so wärst du jetzt frisch und erhaben. Es gibt nur eingebildete Größen und Wunder.“

Und dennoch gab es immer noch ein Wunder; hieß Liebe.

Das griff Doktor Fausten selber an.

Kaum war er, der alternde Faustus, von Salzburg weggereist, so mußte auch beim verwöhnten und verzogenen Mädchen des Innsbrucker Geldherrn alles schnell zur Abreise gerüstet und auch sogleich aufgebrochen werden.

Was die Chrysoloras wollte oder ersehnte, das war ebenso groß und noch viel reiner, als was der Faustus anstrebte: Loslösung vom Menschen, so hieß ja wohl beides. Nur daß der Eine alles zerreißen wollte, nur damit wieder Licht würde über einer neuen Einöde. Die Griechin aber wollte grad’ an den Lippen dessen, der sich also gegen Gott vermaß, den Namen Gottes bis ins tiefste buchstabieren lernen.

Es hatte jeden gerührt, der das reiche und ohne Maßen verhofierte Mädchen in jener Zeit gesehen. Als hätte sie alle Weihen erhalten, so gehoben und gereinigt fühlte sie sich, seitdem sie wußte, der Mann, dem sie über alles nachhing, hätte vor, Gottes Werk mit einem entsetzlich dreisten und gewaltigen Griff aus den Angeln zu schleudern. Nicht, daß das bescheidene und eher schüchterne Mädchen sich in Eitelkeit verlor: Der muß leben und mein sein. In ihrem Bewußtsein war es, als fühlte sie die Aufgabe der Jungfrau Maria. Noch einmal mußte durch ein Weib die Liebe, die ganz große Liebe in der Welt wieder aufgerichtet und die Menschheit gerettet und gefristet werden wie damals.

Es ging um das ungeheuerliche Vermessen, die Erde zu erretten, welche verbrennen sollte nach Faustens Urteil und ohne den Willen Gottes, ohne seine erweckenden Posaunen, ohne sein Gericht; mitten in der Blüte ihrer Sünden haßvoll und höhnisch verschüttet, wie Sodom und Gomorrha.

Und der, welcher sich des vermaß, wurde von ihr angebetet, ersehnt und verehrt, als wäre er der erste und letzte Mann auf Erden.

Wie denn jedes Weib dem nachgehen wird, der der erste und allerletzte zu sein sich vermißt: wenn auch nur für sie.

Mit Entsetzen vernahm die Chrysoloras in Innsbruck schon wieder neue Mär von ihrem Unheimlichen. Daß er in einer Nacht mit einem gottlosen und verzweifelten Studenten von Salzburg anhergezuckt worden wäre, „durch die Kraft des Feuers,“ wie der Student geheimnisvoll verlautbart hatte. Ein Zeichen, daß die unverbesserliche Jugend gegenüber andern immer wieder zu reden anfängt. Aber jeder will, sobald er andere sieht, immerzu ein Stüflein höher stehen, obwohl es das nicht gibt; so ist der Mensch.

Das Mädel, das sonst immer angstvoll züchtig war und diese Art auch jetzt dem Übermenschlichen gegenüber nicht verändern konnte, wußte sich jetzt nicht zu helfen; denn der Doktor war unauffindbar. Manchmal hatte man ihn abends am Innrain oder in Kranebitten oder Hötting gesehen, immer halblaute Worte murmelnd; immer allein, immer aber auch scheu gemieden und geschont von der Menge, welche zum Teil des römischen Königs Gewalt fürchtete, der dem Faust neuerdings so gnädig war, teils Fausti Zorn. Denn er konnte selbst in eine Kirche oder in ein Kloster, welche doch heilige Orte waren, einen bösen Inkubum setzen, der dort die Leute bei Tag und Nacht plagte. Und wenn irgendwer ihn fragte, ob denn der Teufel auch Gewalt über solche Stätten hätte, lachte er und sagte: „Längst und von dem Beginn her als der zweite, der unheilige Mensch sich dort neben den ersten, den heiligen Stifter des Ordens, gesetzt hat.“

Auch wurde ihr in Innsbruck erzählt, daß er gelegentlich solcher vermessener Reden auch gesagt hätte:

„Der erste ist immer der Schöpfer; der zweite nur mehr der Jäger und der Koch. Der erste schafft ein neues Wesen; der andere tötet’s und macht es genießbar. Indem er es genießbar macht, tötet er es oder gibt ihm den Todeskeim. Möglich, daß Gott nur Engel schuf. Aber da kam der Satan und machte den Menschen draus. Gott hat den Menschen gedacht wie ein Kind. Der Teufel machte den Praktikus draus.

„Der erste Mensch, welcher Gott fühlte, er war übergroß, und sein Gefühl muß ihm beinah den Tod gegeben haben vor Größe und Glück. Der zweite, der es vernahm und es zu verstehen sich vermaß, hat es augenblicklich klein gemacht.

„Und so wird es nur zwei reine Geister geben auf Erden: Den einen, der die Erde erschuf und den anderen, der sie vernichtet.“

Das Mädchen sank vor Angst und Sorge beinahe in die Knie, als sie solche Worte überliefert bekam und lief in alle Kirchen, um jene anzurufen, von der allein sie Hilfe und Gedeihen gegen das übermächtige und trotzige Unternehmen des vermessenen Mannsbildes erhoffen konnte: Von der einzigen, reinen Frau und Mutter, die in allen Himmeln zu finden war.

Der Faustus war aber gar nicht mehr in Innsbruck. Trotz des hereingebrochenen Winters trieb sich eine, für damalige Zeiten unerhörte Schar von Bergknappen in dem roten Porphyrgefelse bei Waidbruck umher, fällte Lärchenstämme in den Wäldern und bohrte Röhren darein, baute aus fichtenen Balken lange Steige und fuhr so immer weiter, bergmannsmäßig arbeitend, in den unheimlichen Naturschacht ein. Überall ließ der Faust seine Apparate anbringen, wo der Braunstein stärker zutage lag oder freigeschafft werden konnte. Dort sollte er, in allen Tiefen und Höhen des Risses zugleich, mit dem spiritus salis bespritzt werden, damit die grüne Luft an allen Stellen zugleich entstünde und sich in ungeheurer Menge nach unten senke. In einer Zeit mußte sie das ganze Loch im Gestein erfüllen. Alles war in Massen vorbereitet, welche man für die damalige Zeit überlebensgroß nennen durfte; wie denn die Goldgier immer überlebensgroß ist, zumal wenn ein kriegführender Kaiser, ein ewig in Nöten schwebender König und eine, durch Luther bedrohte Pfaffheit zusammensteuerten und halfen.

Es ging ja auch der schmalkaldische Krieg an. Da mußte erdrückend viel Gold herbei. Wüßte irgendwer, wieviel Angst, Mißtrauen und doch wieder Aberglauben damals Kaiser und König in den verschrienen Nigromanten setzten! Es war zum Lachen.

Wenn ein Kleiner etwas wirklich will, so wird er darin gefährlich gescheit. Die Ferne der Ziele macht ihn weitsichtig. Wenn ein Mächtiger etwas wirklich will, so ist er entsetzlich dumm. Die verwirrende Nähe der Machtmittel verwehrt ihm jeden Blick in die Ferne und wohin das führen soll, was er so gewißlich in der Nähe errechnen hört.

„Rotte die Stadt Jerusalem aus, und du setzest der ganzen Erde die Juden in den Pelz. Beherrsch’ die Erde, und dein Enkel weint auf einem fremden Stücklein Asyl. Wolle ein Volk vernichten und du machst es groß. Fordere mehr Gold, als alle Schiffe aus der neuen Welt heranbringen können, und du dienest bloß einem Zauberer, der dich selber umzubringen gedenkt. Es ist immer dafür gesorgt, daß die Bäum’ nit in Himmel aufschießen.“ So hatte ehedem ein Wahrsager Karl dem Fünften prophezeit, als der, mit der Devise „Jetzt!“ auf seinem Schilde, nach Algier ausgezogen war. Solang er auf seinem Schilde das Wort getragen hatte: „Noch nicht!“, da hatte die ganze Erde vor ihm gezittert. Nun aber lachte sie.

Früher hatte sich vor Kaiser Karl alles geduckt. Seit dem Kreuzfahrerspektakel von Algier war zuerst der Großtürke mutig geworden und hatte bis Wien heran erobert; dann waren die lutherischen Fürsten aufsässig und endlich auch wieder der alte Franziskus von Frankreich. Es wimmelte von Feinden seit der lächerlich gewordenen Devise: „Jetzt!“

In seiner Desparation glaubte und ergriff nun der Kaiser alles. So kam Faust zu seiner Macht; der größten, die der alternde Mann je errungen, — trotz seiner Herrschaft über die Geister, die ihm bisher nicht mehr an äußerm und innerm Glück eingetragen hatte, als das einer erhabenen Verzweiflung.

Faust also begann sein Werk. Er übersah und besorgte alles, um die Felsenkluft bis ins tiefste zu laden und hatte an seinem neuen Famulus einen getreuen, wiewohl veränderlichen Diener. Denn sobald Wind und Wetter wechselten, da gehabte sich der Junge anders. Immer wohl war er von Faust besessen und ihm gehorsam. Aber es war merkwürdig. Bei westlichem, feuchtem Winde war dieses Kind begeistert, willig und erfindsam, tat auch alles, was man von ihm forderte, schien in allen Dingen wissend in den Tod zu gehen. Kam aber der vermaledeite ungarische Wind, der Wind der stupiden Kirghisen und Mongolen von den Steppen des Ostens daher, da wurde er verzagt, kleinlaut, glaubte weder an sich noch an Faustum, wollte sich irgendwo anklammern und begann wohl gar reichlich von dem guten Weine zu saufen, der unweit von jener Gegend ab Bozen bis zu betörender Süße und Kraft heranwächst. Voll Sorge sah Faust den jungen Menschen seine Phasen wechseln und berechnete seine Perioden immer genauer, damit ihm der Junge nicht einmal aus Schwäche einen Streich spiele. Oft gedachte er, ihm die Chrysoloras zuzuschanzen.

Aber die hätte ihn ja wieder zum Leben geführt. Es mußte im Gegenteil ein neues, stärkeres Unglück sein, welches den Helfer und Vikar des Teufels völlig in die allein brauchbare Verzweiflung stürzte.

Und das nun war der Grund, warum der Faustus seinen jungen Studenten plötzlich mit sich nach Innsbruck nahm und warum er sich, vor den Augen des leidenden, jungen Menschen, der Chrysoloras näherte. Diesmal ganz mit Willen, mit Absicht und mit aller werbenden Gewalt seines Wesens, das sogar auf wilde Zechgenossen, nach allen Quellen, unwiderstehlich gewesen sein mußte, wenn er nur recht wollte und nicht hoffärtig zu werden begann.

Um den Tag omnium sanctorum, also zu Beginn Novembers, war der Faust wieder zu Innsbruck, um des römischen Königs Majestät Bericht über den Fortgang im tiefen Loche der Porphyrfelsen zu geben.

Es hat damals der römische König viel mehr zur Arbeit getrieben als der Doktor selber. Denn zuerst wollte der seinen Famulus in die letzte Verzweiflung hetzen. Bald danach aber kam es dahin, daß Faust selber der Zurückgehaltene und Verzögernde war.

Denn jetzt war etwas geschehen mit seiner Seele, von dem sogar das alte Volksbuch in wunderlicher Mischung weiß. Das eine Mal erzählt es, er hätte sich, in seiner Sehnsucht nach Sinnenreiz und Heidentum, die griechische Helena verschrieben und mit ihr wäre er einen Bund eingegangen. Soviel kam immerhin von der Wahrheit in das Sagenbuch. Dann aber berichtet das Buch, daß er nahe daran gewesen wäre, aus des Teufels Klauen errettet zu werden durch ein Sakrament, das ihn dem Leben und der Schöpfung Gottes wiedergeben hätte sollen. Und das war jenes der Ehe. Beide Überlieferungen haben ihre Wahrheit und ihren Grund und beide gehen auf die Geschichte mit der Helena Chrysoloras zurück. In Innsbruck hieß sie nicht anders, als die griechische Helen’. Die fand er und faßte zu ihr eine Neigung, die endlich zur Hinverlorenheit und Leidenschaft wurde.

Die schlichte Urmär aber zu allen diesen Phantasien geht so:

Über das Mädchen war es wie Rausch von Glück und Schmerzen gekommen. Hier war endlich der Mann, der bis in alle Höhen und Tiefen ragte. Und er, der Wissendste aller Sterblichen, war zugleich der Absagendste und Unglücklichste; den Tod zog er allem Glück und Glanze vor und wollte in seiner tiefen Trostlosigkeit gleich die ganze Schöpfung mit sich in die Vernichtung reißen. Der Weiseste und Weiteste war zugleich der Verdammteste von allen, welche jemals gelebt hatten. Ihr graute vor dem ungeheuren Streben dieser Menschenseele; aber eine Hinneigung ohnemaßen zog sie zugleich an. Anklagen und verraten hätte sie den Mann, den sie zu lieben begann, nimmermehr können. Zu verhindern wußte sie ihn auch nicht, und da selbst der getreue Sympert von ihr zu ihm abgewichen war, so war sie völlig hilflos und allein zu einer Zeit, in der sie wußte, daß die Arbeiten am Felsenriß von immer zahlreicheren Bergknappen betrieben wurden, die dort in ihrem Gewimmel, ameisenklein, am schauerlichen Werke Faustens schafften und keiner Ahnung gewürdigt waren, daß sie immer mehr von den Tagen dieses Erdballs abbröckelten. Denn daß es dem Faustus gelingen würde, daran zweifelte das Mädchen, das ihn anbetete und sich blindlings unter seine Erkenntnis fügte, keinen Augenblick. Der Doktor hatte jahrelange Berechnungen vorausgehen lassen, hatte in allen Bergwerken die Hitze in den verschiedenen Schachttiefen ermessen und kannte den Schmelzmoment jeglicher Materie; er hatte das Satansöl erprobt und errechnet, und was er selber nicht zuwege brachte, das hatten seine tollkühnen Famuli und zuletzt gar der unselige Paracelsus, in seinen Diensten, auserprobet und berechnet. Der Menschheit eminenteste Gehirne waren an der Arbeit gewesen und Faust hatte einmal gestanden, daß, im Grunde, sein ganzes Leben an diese eine Absicht gewurzelt gewesen wäre. So war das leidenschaftlich bewegte Mädchen das einzige, lebensfrohe Menschenkind auf Erden, das genau um die Nähe des jüngsten Tages wußte.

Wie ihr, die zerrissen von Angst und Liebe war, zumute sein mochte, ist nicht zu beschreiben. Es verdrehten sich beinahe alle Stränge ihres Denkens und sie wäre dem Wahnsinne anheimgefallen, wenn sie nicht immer mehr den Glauben an Maria, die unsagbar gütige Magd, an ihr verzweifelndes Herz gerissen hätte. Tagelang lag sie auf den Knien und betete mit Inbrunst und Reinheit um Errettung dieser Erden und um Errettung ihres Faust aus einer Vernichtung, wie sie niemals in einem Menschenhirn gelegen hatte.

An einem solchen Tage, da sie sich den Faustus mit aller Macht ihres reinen Willens herbeigewünscht hatte, um sich ihm zu Füßen zu werfen und als Lösegeld für die von ihm gerichtete Erde darzubieten, war Föhn in der Gegend von Innsbruck ausgebrochen.

Es gibt wenige Gegenden, wo der nahende Föhn eine so unmäßige Abspannung und Bangigkeit in den Gemütern der Menschen, ja sogar der Tiere, erleben läßt, wie im Innsbrucker Tal. Es legt sich ein tödlicher Druck auf alle Lebenshoffnung, Kraft und Freudigkeit, daß jegliche Frische des Menschenherzens wie auf ewiglich verdammt und dahingeschwunden erscheint. Es haben sich im Gang der vielen Jahre Tausende von Menschen das überdrüssig gewordene Leben zu solcher Stunde genommen.

Am Grunde des El Ghor, da einstmals Sodom und Gomorra lag, kann kein ärgerer Druck und keine größere Trostlosigkeit sein, als sie in den bangen Tagen und Stunden vor Föhnwetter zu Innsbruck ist.

In solchen Stunden rang und betete die arme Helena. In solcher Zeit kam auch Faustus wieder nach Innsbruck; dumpf, ungläubig an sich selber und seinem Vorhaben, an seinem Werk, an seinen Berechnungen, an der Kraft seines Höllenmittels und an der Möglichkeit, überhaupt so entsetzliche Mengen des Greuels zu erzeugen, den er in verzweifelter Stunde erfunden und zum Tode dieser Erde bestimmt hatte.

Wenn irgendwo ein kleinster Fehler lag, wenn alles lächerlich mißlang? Was half ihm der Trost „magna voluisse magnum?“ Er war aller Eitelkeiten überdrüssig, eben weil er viel zu sehr und viel zu gierig den Eitelkeiten nachgejagt hatte, sein verstürmtes, verlornes Lebelang.

Wofür lebte er dann noch, wenn sein großer Haß, von dem allein er noch Kräfte erhielt, vor ihm selber klein und lächerlich geworden war?

Das zerpressende Wesen des Föhns drückte auf sein Gehirn, daß er es bersten zu fühlen meinte, erniedrigte sein Gemüt, seinen Stolz, seine Tatkraft. Alles erschien vergeblich, trostlos, unmöglich und winzig.

Da kam in der Dämmerung des Abends Helena zu ihm, nachdem sie (es war am Tage Allerseelen) tausend Lichtlein für die Dahingegangenen gespendet hatte und die Erlösten angerufen hatte, beim Vater der Schöpfung zu bitten, er möchte ihr die Kraft geben, den Faustus zu erlösen.

Gegen Abend sank endlich der erwartete Südwind von den Bergen herab und begann an Fensterläden und Dächern schauerlich zu rütteln. Als käme Frühling, so lau und veilchenweich wurde plötzlich die Luft. Aufatmeten die Menschen.

Faust saß in seinem Studierstüblein, das ihm der römische König in der Hofburg eingeräumt hatte, und war völlig verduckt und gebrochen. Steinalt und überlebt kam er sich vor. Da trat das Mädchen zu ihm und leuchtete im Scheine des Kaminfeuers wie die goldene Bildsäule einer antiken Göttin; so schön und scheu und schlank war sie.

„Fräulein,“ sagte Faust in erbebendem Staunen, „was fällt Euch ein, zu solcher Stunde mein Zimmer aufzusuchen!“

Helena sah ihn bloß stumm und bittend und zärtlich an. Sie fürchtete sich und hatte zugleich ein so herzzerreißendes Mitleid mit dem, der nichts anderes begehrte als den großen Tod, daß sie kein Wort hervorbrachte. Kaum zu bewegen vermochte sie sich.

Faust stand auf. „Ich weiß, was Ihr sagen wollt: Der Faustus ist ein alter Mann und an ihm werden Jugend und Schönheit unbehelligt vorbeigehen, schienen sie ihm gleich ausgeliefert!“

„Das ist es nicht,“ sagte die Chrysoloras zitternd. „Es ist das Gegenteil. Ich bin gekommen, um hier alles von mir abzutun, was man uns Mädchen gelehrt hat an Scheu. Und, — und ich bin, — ich komme Euch fragen, ob Ihr mich haben mögt und nehmen als Entgelt für das Entsetzliche, was Ihr vorhabt.“

Der Doktor blieb erstarrend stehen: „Mädel, du weißt?“

„Alles,“ sagte sie.

„Wer sonst noch weiß das?“ schrie der Faustus. Alles andere empfand er jetzt nicht, als das eine, daß sein Plan verraten worden wäre.

„Niemand als der Sympertus und der dient Euch treulich, seit ich ihm gesagt, daß ich Euch liebte. Eben deshalb will er Euch, in seiner Verzweiflung, von der Welt helfen; sich will er von seiner Liebe helfen und mir von Euch.“

„Ihr wisset das also allein?“ fragte Faust staunend.

„Er und ich allein, seit Paracelsus zu Tode geworfen worden ist.“

„Auch davon wißt Ihr?“

„Wer Krieg führt gegen die Weltkugel Gottes, der tritt auch über ein einzelnes Leben hinweg,“ sagte sie mit zuckenden Lippen.

„Und Euch graut nicht vor mir? Haßt Ihr mich nicht und fürchtet mich nicht als den leiblichen Schwager des Satans, der ich ja bin?“

„Das seid Ihr nicht,“ sagte das Mädchen.

„Ja, doch! Denn der böse Feind, das ist nicht der Tod. Das ist die Häßlichkeit: die Häßlichkeit des Leibes und der Seele! Seine Schwester ist der ewige Durst und die ewige Begierde und die hab’ ich erheiratet. Da wurde unser Kind daraus: der Haß und die Vernichtung. Weil es mir nie im Leben vergönnt war, Schönheit und Liebe zu finden. Immer hab’ ich nur Phantome umarmt, auch wenn sie lebendig und schön ausgesehen haben. Da ich sie aufbrach, da waren sie hohl und leer wie wurmstichige Nüsse! Alle, alle!“

„Vielleicht, daß ich es nicht bin,“ sagte das Mädchen angstvoll. Das bitterliche Weinen kam sie an.

Da getröstete sie der Mann, dessen Leben eine einzige Paternosterkette erfüllter Begierden und ekelvoller Ernüchterungen gewesen war, zärtlich wie ein Vater und faßte sie unter dem Gesicht, so daß er fühlte, wie die Mädchentränen auf seine Hände prallten.

„Helena,“ sagte er. „Geh dahin und laß mich mit meinem bösen Herzen und meinem vielen Elend allein. Ich will das Unterfangen noch einmal vor mein Nachsinnen stellen, um deinetwillen. Es ist ja die Wahrscheinlichkeit, daß es gar nicht ausschlagen und gelingen wird. Um deines Daseins willen wollt ich wohl noch zuwarten; aber nicht um solches Sklavengeschenk wie das deines Leibes, das dir die Angst abgefoltert hat. Denn du mußt wissen, der ungestüme und hitzige Mann geht zu allererst immer an die Zerreißung der Unschuld und versucht das Weib auch in der Seele zur Genossin seiner Lüste zu machen. So bin ich immer gewesen und hab’ das Fleisch genommen und hernach die Seele weggeworfen, die mir immer zu klein und elendig erschienen ist. Dasselbe würde ich auch dir antun, und das darf nicht sein: Du sollst keines Schwarzkünstlers Buhlerin werden.“

„Es ist unser Los, obwohl mich darnach nicht verlangt,“ sagte Helena mit gesenktem Kopfe. „Magst du bedenken, Johannes, wer mich sonst ergreifen und besitzen würde? Wäre er in dem einen besser als du? Und wär’ ich dir ihm wert?“

„Ah,“ stöhnte Faust, in seiner ewigen Eifersucht getroffen, welche alle andern haßte.

„Ich denke mir, es ist das, was mir immer häßlich und beleidigend vorkam, bei dir eine Vorhalle und Stufe zu deiner Seele und deinem Vertrauen, ohne welche Prüfung ich niemals bis an dich selber gelangen kann. Nimm, was du mußt und wisse nur, daß ich’s zwar nicht mit Lüsten, aber mit Liebe ertragen werde. Ich werde abwarten und dir so lange mit dem Niedrigen dienen, bis du mich wegwirfst oder ohne mich nicht mehr leben, noch sein, noch denken und bauen kannst in diesem Leben. Entweder ich werde dir völlig zur andern Hälfte, der alles gehört, deine Pläne, deine Vermessenheit und deine Verzweiflung und Demut, oder ich hab’ mich überhoben, dir so viel sein zu wollen. Dann hab’ ich meine Strafe und dann wirf mich zum Abfall deiner andern Ernüchterungen fort.“

Faust schwieg stille.

So hatte er noch keinen Weisen auf Erden reden gehört und keinen arabischen Magus; keinen Priester und keine Jungfrau.

Das erste und das einzige Mal und das war jetzt und hier, da war es dem Faustus, der sich in der Kirche nur mit Spott und verständnisvollem Grinsen vor der Hostie gebeugt hatte, so, als müßte er in die Knie brechen und weinen wie ein Kind. Hineinweinen in den reinen Schoß dieses Mädchens! Und aus diesen Tränen der gefallenen Seele und Helenas bloßem Opferbereitsein müßte hier zum andern Male Der entstehen, der zwar nicht die starre Welt, aber die noch viel starreren Menschenherzen entzweisprengen würde!

Der verhaltene und harte Mann schwand zwar nicht zum Kniefall vor dem Weibe dahin, aber er setzte sich schwach und schwer nieder. Dem Kinde wies er wortlos seinen eigenen Platz am Kaminfeuer und es war eine lange Weile nichts zwischen ihnen, so daß das Mädchen sehr bange um den Ausgang seiner Herzenssache gewesen wäre, wenn es nicht gemerkt hätte, wie es in dem gefährlichen Mann zuckte und riß. Er kämpfte mit sich und versteckte seine Rührung, aber sie merkte es dennoch und streichelte ihn, wie ein Kind, wie eine Geliebte und wie eine Mutter, alles in einem. Und wußte innerlich, daß sie gesiegt und mit dem Fuß eine große Schlange zertreten hatte.

Hat sie der alternde Faust eingenommen oder sie ihn? Es ist ein Ding, über das jederzeit beide sehr glücklich sind.

Faust konnte weinen; — ganz leise ...

In jener Stunde also, da dem harten, gehässigen, höhnischen und gelehrten Doktor Faust heimliche Tränen geschenkt waren, wie vielleicht seit seiner Jugend nicht, hatte der Föhnsturm im Kamin allein seine Rede. Die zwei Menschen schwiegen, er aber litt und klagte und toste für beide. Das Feuer verkroch sich unter seinem brausenden Herunterfahren, dann rebellierte es doppelt; ebenso, wie die Herzen jener beiden Menschen, die sich kein Wort mehr zu sagen hatten und dennoch bald entbrannten, bald zu sterben und auszulöschen vermeinten. Immerzu aber sang das Element im Kamin. Es donnerte und es rieselten Sand und Ziegelstücke hernieder; es verpreßte sich und schnaufte und dann wieder weinte es; bald aufheulend, bald leise.

Das Mädchen: „Heute ist der Tag Allerseelen. Denkst du nicht daran, Johannes, daß unser Volk hier herum sagt, wenn der Wind im Kamin so sein Wesen hat, dann weinen die armen Seelen?“

Faust nickte und saß zu ihren Füßen hin, wie er vor langer Zeit bei der frühgestorbenen Mutter getan.

„Nun warst du eine verdammte, arme Seele bei lebendigem Leibe,“ sagte das Mädchen, dem die Haare sich im Feuerscheine vergoldeten. „Leide nur immerzu mit; ich will dich nicht mehr verlassen.“

Faust aber vergrub sein Gesicht in den Knien des Mädchens und atmete das fremde, junge Wesen ein, ohne ihr etwas anzutun. Und so oft der an alle Begierden Verlorene spürte: das ist ja das schönste junge Weib der Erde, da stand er auf und ging mit großen Schritten auf und nieder und es ist wahr, daß ihm die Jungfrau dabei nicht aufatmend, sondern traurig zusah, weil er ihr Opfer nicht annahm und weil sie sich fürchtete, der Feind könnte stärker werden als alles, was sie zu geben hatte.

Aber als der Sturm dermaßen donnerte, daß die ganze Stadt an nichts anderes zu denken vermochte, als wie sie nur mit gesunden Dächern und Häusern den nächsten Tag herandämmern sähe, da fühlten beide sich zuletzt so ausgeschlossen von den Gedanken aller Welt, daß sie vermessentlich alles fortwarfen: Jedes eine ganze Welt, dem andern zuliebe.

Und von dem Tage an begann die Zeit, da ging der berühmte Doktor bei der Hofraitkanzlei den Krebsgang; hielt zurück, bat um Stundung und um Einhalt der Arbeiten wegen des Winters und war daran, ein Menschenkind zu werden. Schwach, klein und mitleidswert wie alle andern lieben und bösen, geratenen und mißlungenen Menschengebilde auch.

Die Chrysoloras aber war damals schöner als je und war so glücklich, daß ihr Vater immer sagte: „Du tolles Heidenkind.“

Er allein wußte noch nichts von ihren heimlichen Gängen zum Nigromanten. Aber in der Welt entstand damals schon, zuerst durch wegziehende Innsbrucker Studenten jene bekannte Fabel, der Faustus habe sich durch böse und schwarze Kunst die schönste Frau aller Zeiten erzaubert: die griechische Helena des Homer.

So wunderlich wird von den Menschen alles symbolisiert; immer steht nur ein Körnlein Tatsache da.

Das aber war es nun, Gott nehme es als Klage an: Wäre der Faust mit diesem unbändigen Glück zufrieden und seliglich geworden und geblieben, er wäre nicht der Faustus gewesen.

Im stillen hatte ers oft verwünscht, daß er der größten Schönheit niemals teilhaftig geworden wäre. Jetzt, wo es gekommen war, glaubte er zuerst oft, er müßte von Sinnen kommen und augenblicklich fertig sein fürs Tollenhaus, wenn er ihre still und bescheiden dargebotene Schönheit mit den Augen prüfen durfte. Er war weitherum in die Länder gereist, welche sich jahrtausendlang mit der Schönheit menschlichen Körpers und seiner Bewegung verwöhnt hatten und sah längst nicht mehr mit den Augen der bald zufriedenen deutschen Malermeister. Das aber, was ihm hier geschenkt worden war, hatte an Ebenmaß kein Grieche und kein Italiener in seinen höchsten Verzückungen erlebt. Er wußte es. Und, noch einmal, er erstaunte oft, daß er vor Glück über diese allerletzte und späte Gabe Gottes nicht irrsinnig wurde.

Aber es grübelte und wühlte in ihm von jungauf. Das konnte jetzt nicht abgewöhnt sein. Darum sagte sich der unzähmbare Mann: „Für ein biegsam und malenswertes Mägdlein gibst du deine Feindschaft gegen Gott hin? Diesmals lachen nicht alle Teufel; aber im Himmel mag es ein klingelndes Gelächter geben darob!“

Auch war noch etwas in ihm, von dem ungut sprechen ist. Aber weil hier von einem Manne die Rede geht, der bis an die Grenzen aller Sinnengierden gewüstet hatte, so muß es, ungern, gesagt sein. Er wollte von dem Mädel, das sich ihm aus einer Liebe ergeben hatte, die man treulich die göttliche nennen hätte dürfen, andere Liebe haben; ganz andere! Das heißt aber, verdorben, verbuhlt wollte er sie; — um kein böseres Wort zu brauchen. Irgend ein Teufel in ihm trieb ihn zu diesem Wunsche, nach dessen Erfüllung sie gewesen wäre, wie eine andere, hitzige Dirne, so daß er sie dann vielleicht nicht einmal gerührt von ihrer völligen Niederlage, verworfen hätte. Das schöne Mädchen aber gab sich, ohne daß die Sünde sie hinriß. Das wühlte in ihm wie eine Beleidigung.

Er wußte sich schöne und begehrte Weiber von einstens, die waren in einer Stunde siebenmal vergangen und hatten ihre Seele weggeseufzt. So wollte er die Chrysoloras haben. Er zerquälte sich, daß sie ihm nicht gab, was bei reinen Mädchen erst spät und aus einer bloß körperlichen Gewöhnung entsteht und dann nur wunderlich, ihnen selber und ihrem eigentlichen Wesen ferne und seltsam vorkommt. Denn sehr verschieden sind die Frauen in der Umarmung.

Der mißtrauische Mann aber legte das Wesen des Mädchens dahin aus, daß sie wohl unter dem Druck eines Jüngeren dahinverbrennen würde. Bloß ihm, nur ihm alternden Manne konnte sie das Entgegensprühen des Elektrons nicht mehr geben! Das wühlte und zerfraß ihn.

Und doch kann keine Treue sicherer bestehen, als die, an der keine Sinne teilhaben, sondern die sich an das urewige Wesen eines seltenen Menschenkindes klammert und nichts anderes begehrt als das.

Aber so ist der Mann, daß er den Leib im Staube sich winden sehen will, wie den eigenen. Und daran, an dieser Grenze, geriet Faust am Gotte vorbei.

Er glaubte nicht an das reine Weib und deshalb verzweifelte der unrein gewordene Mann jetzt an sich selber. Gab sich und seinen Jahren schuld. Konnte sie ihn beim Haupte nehmen und mit elfenbeinblassen Armen umringen und mit den Händen im Haar liebkosen, da meinte er, sie suche nach, ob er schon gar zuviel graue Haare hätte? So mißtrauisch und verloren war er und dachte sich das Mädchen so wie sich selber, während sie ihn bloß anbetete und inbrünstig ihm vergab und ihn koste, so gut sie es konnte. Je süßer sie in ihrer Liebe wurde, desto mehr verzweifelte er an ihr und sich selber. Alles legte er zuletzt anders aus.

Einmal, nachdem sie sich gesagt hatte: Du hast den erfahrensten Mann dieser Erde in deinen Armen, frag ihn aus, da begann sie: „Sag’ mir, Faust: Wozu, da du alles durchforscht hast, wozu meinst nun du, daß Gott den Menschen erschuf?“

Da fuhr der mißtrauische Mann auf: „Du willst wohl Mutter werden und dafür ein Sprüchlein haben?“

Das Mädchen richtete sich beinahe erzürnt und ernsthaft auf: „Ich frag’, was ich frage, ohne einen andern Gedanken, als daß du allein mir darauf vor allen andern Menschen Antwort geben könntest.“

Dasmal sah Faust ein, daß ein Kind mit seiner Seele gefragt hatte und erwiderte ihr in seiner Weise: „Gott hat den Menschen erschaffen, damit der ihm Antwort gäb’ auf Ding’, die er selber nit weiß!“

„Faust, ist das dein Ernst?“

„Mein Ernst. Soweit ich Gott neben die Vernunft gestellt habe, hat er sich mir als ein liebes, dummes, aber ungeheuerlich sicheres Lasttier erwiesen, das neben den gefährlichsten Abgründen gehen kann, ohne hineinzustürzen. Bei diesem Schreiten neben Abgründen kannst du auch am Menschen abpassen, wieviel vom Gotte in ihm steckt. Unsere Vernunft ist ihm, was uns ein Kartenspiel in müßigen Stunden ist; er sieht hinein, macht Mischungen, führt verschiedene Spieler zusammen und wirft zuletzt alles durcheinander: Es war ja nichts. Darum wollt’ ich ihm ein Spiel wenigstens verderben! Mehr vermag auch ich nicht.“

„Und hast es aufgegeben?“

„Und tät’ es aufgeben, solange ich dein Gott wäre. Dein einziger, dein eifersüchtiger, dein alldurchdringender, der nicht einmal ein armes Holz- oder Ölbildlein neben sich dulden würde!“

„Das bist du, ich schwöre es dir,“ sagte das Mädchen und küßte den Mann, den sie so sehr liebte, weil er so ungeheuerlich und gefahrdrohend gewesen war und nun ihr zuliebe so mild und gezähmt. Wirklich, sie liebte ihn über alles; denn keiner war so abseits und so nahe am Äußersten. Auch hatte er abgründig mißtrauische, todtraurige Augen; in die konnte sie nicht genug schauen. Dann war er in vielem dennoch wie ein Kind geblieben. Er hatte dichtes Kraushaar. Auch sein Mund war herb und irgend eine Lust war deshalb in ihr unersättlich, diesen absagenden Mund in weichere Form zu küssen. Weiter, er war hungrig nach ihr wie ein erst Gewordener. Das erhitzte sie nicht, aber es schmeichelte ihr viel mehr, als er ahnte. Sodann, aber lange nicht zuletzt, seine Stimme klang verschwebt und traurig; gar nicht hart und haßerfüllt. So, daß sie sich immerzu wundern mußte, wie ein Mann mit so entferntem Ton den Ingrimm fassen hatte können, alles zusammenzuschmeißen, was Gott in Jahrtausenden erbaut. Daß nun sie allein dawider und dazwischen kam, das machte ihr so hohen Mut und solches Glück, daß sie immer mehreres an ihm schön fand, als diese eben gesagten Dinge, und wirklich und wahrhaftig in den zu Jahren kommenden, armen Mann verliebt war, an dem es so viel zu bewundern, so viel, sich zu entsetzen, und so viel zu bemitleiden und zu bemuttern gab!

Das war, in kurzem zusammengefaßt, die Liebe der Chrysoloras. Und während die Theologen, ferne oder nahe in Innsbruck, die erschreckendsten heidnischen Liebesnächte ahnten und der verhohlenen Chrysoloras alle Laster ansahen und zumuteten, da war es so was Herzliches und Inniges und Zutrauliches mit der Mädelseele, daß man wohl glauben hätte dürfen, Gott selber hätte sie endlich und letztlich zum Fausto gesendet, damit sie ihn errette und erlöse. Denn mehr konnte auch er nicht geben.

Es kamen noch andere Sendboten des Allgütigen zu dem verlornen Manne, um seine Seele sänftiglich zu ermahnen. So ließ sich dieser Winter dermaßen milde und gütig an, daß Faust, der immerzu an der Begierde nach dem Süden, seiner vielen Sonne und seinen Früchten litt, beinahe im Boznerlande zu sein glaubte; so weich und gut ging es zu Innsbruck damals her, seit jenem Föhn.

Er ging einmal von seiner Geliebten, die ihm gefügig, demütig und zärtlich erschienen war, wie sie ihm noch nie bedünkt hatte — (und das war viel) — mit einer Seele, die gerührt war wie die eines Genesenden, in den lieben Novembersonnenschein hinaus, ging über den Paßberg bis zur Sillschlucht und schaute den herrlich klaren Sturzwassern zu, wie die eilig gegen Süden hinwirbelten. Dorthin, wo sein erschreckliches Werk weitergedieh, ohne daß er mehr dabei sein wollte. Vielleicht floh er mit Helena? Von einer lieblichen Willenlosigkeit erfaßt, ließ er seinen Tag dahinspielen, als wäre er mitten in seiner Jugend.

Er war heute dermaßen ergriffen über die Liebe, die ihm, dem unschönen und bejahrten Manne da gegeben worden war, daß er an allem Gefallen fand und dem Gotte, mit dem er sonst ingrimmig zu hadern pflegte, in seiner unziemlichen Weise, aber nicht höhnisch, jetzt zurief: „Manchmal machst du es doch ganz hübsch, du alter Sünder und Lebetappel!“

Es waren unschöne Worte; jedoch sein Herz, das er vor sich selber zu verstecken strebte, war an diesem Tage viel schöner.

Da aber zogen Bauern vorbei und ein paar Bürger; die hatten sich aus Brixen und Sterzing zusammengetan, um in der Residenz den Andrämarkt zu besuchen. Und das übermütige und gutlebige Volk sang, alle zusammen, das damals berühmte Leiblied aller gesunden und derben Philister:

„Ach Gott, durch deine Güte Gib uns Mantel, Rock und Hüte; Dann Rösser, Säu’ und Rinder, Schöne Weib’ und noch mehr Kinder!“

Da blieb der Faust stehen.

Der urgesunde Hohn dessen, den er Gott nannte, stieß kräftiglich auf seine Träume hernieder. Er machte ein böses Gesicht und schaute den Kerlen nach.

„Wenn ihrer einer, nur einer von ihnen so was wie dein Ebenbild wär, du Dalk dort oben! Ein Ebenbild, wie die wälschen Maler hinstellen,“ murrte er. Als die Davonziehenden aber das Lied nicht genug jubeln konnten, da rief er ihnen nach: „Daß euch die Franzosen dazugesegnet sein mögen, ihr Mißgebäck!“ Und sah ihnen mit zornflammenden Augen nach! „Ich möcht’ doch sehen, ob ich, der Faustus und Denker, mich je unterwunden hätt’, einen Bamsen in die Welt zu setzen! Ich, ich tät’ mich des schämen und unwürdig fühlen! Da ist aber ihrer keiner, der schöner von Leib wäre, als ich armer Schwartenhans! Ausschauen tun sie, wie Bastarde von Feldrüben und Alräundeln. Und solche Affenbande möcht’ sich nicht genug wiederholt und fortgezeugt wissen? Daß einem das Kotzen ankommen müßt! Und so ist die ganze Erden getan. Ehedem waren der Menschen gar wenig, da standen sie nahe bei Gott und hatten einen Abglanz von ihm; — so oder so. Der Schönheit war viel da und der unholden Masse wenig. Jetzt sind es in den Städten schon hundertmal tausend Rauhwuzeln, Rüpel und Dirnen. Millionen! Und schaun aus, wie Ackerknollen. Müssen sich aber vermehren, daß es langsam zum Verzweifeln sein wird auf der überwimmelten Erden! Krieg und Quälerei und Blutvergießen und andere Bosheit treiben sie genug, aber all’ das, samt der Pest, kommt nicht auf gegen ihre Wonne, immer mehr Affen ans Tageslicht zu setzen!

„Ein einzigmal war das Paradies. Da waren die unbewußten Tiere, die jetzt mit Fleiß ausgerottet werden, die wimmelnde Menge. Und über allen stand allein aufgerichtet, das Haupt zum Himmel erhoben und über sie wegschauend, der eine Mensch. Der eine! So wie ich mich bedünk’, der eine und einzige zu sein. War der Adam der erste, ich, der Faustus, will der letzte sein. Geh’ es, wie es muß!“

Er atmete schwer in seinem Ingrimm. Da fiel ihm ein, wie ja gerade Gott zu jenem hochaufgerichteten Einen und Einsamen die Eva hingestellt. Ebenso, wie jetzt zu ihm? Da er doch schon ein langes Leben, allein und trotzig abgeschieden von dem andern Geschmeiß, verharrt hätte. Längst sah er die Menschen nicht mehr als Brüder und seinesgleichen an.

Aber er schüttelte alle lieben und weichen Gedanken von sich. — Brüder?

Sogar für die Gekrönten hatte er nur Kurzweil und Possenspiel losgelassen; denn sie, weniger noch als andere waren einer ernsten Belehrung wert. So hatte er alle und alles verachtet und sogar von dem Tiefsten und Schauendsten neben ihm, dem großen Paracelsus, hatte er einmal gesagt:

„Der ist nur ein Instrument der Menschheit. Ich bin der Mensch selber.“

Und damit wollte er der Letzte sein.

Vergrämt und verekelt ging der Doktor seine einsamen Wege durch die holde Landschaft weiter und merkte höhnisch, wie auf dem sonnigen Hang gegen Schloß Ambras zu, den er jetzt wandelte, allerlei Blüten sich hervorwagten. „Das ist Er; ja, das ist Er! Wo es nur angeht, drängelt und ringelt er sich wichtig herfür! Und wär’s im Dezember und müßt da alles gleich wieder erfrieren; die Dummheit muß gewagt und gemacht sein!“

Er blieb stehen. „Bei jedem Menschen noch, den ich gesehen und erleben mußte, hab’ ich mir die Frage gestellt: ‚Ist er denn überhaupt wert, daß er lebt?‘ War er jung, so lag das Ja, dann und wann, aber gar selten, näher; wegen der Hoffnung, daß noch was Göttliches draus ersprieße. Aber was haben die dann alle aus sich gemacht!“

‚Herr, schenk’ uns Säu und Rinder, Weib und noch mehr Kinder!‘

„Und selbst wenn unsereins, in brennendem Bemühen, sein unersättlich Herz zur Ewigkeit emporhält und frägt: ‚Gott, Gott, was ist das alles und warum läßt du uns ewiglich so weiterbetrogen sein?‘ Wer bei ihm die Wahrheit sucht, der erlebt bestenfalles kalte Antwort, wie er sie dem hochwissenschaftlichen Paracelsus oder auch irgend einem Mathematicus gab! Er ist ein unsagbar nüchterner Gesell, vor unserm Verstande.

„Nur wer dahingeht wie ein Kind, der lebt im Rausch. Aber im selben Rausch wie diese Novemberblumen, die in drei Tagen erfroren sein werden. Fopperei ist alles.“

Er blieb wiederum stehen: „Nur zwei Menschen gab es auf Erden. Den ersten, der den Gott schuf; — den zweiten, der ihm absagte.“

Der Magier war wieder in seinen unzerreißbar festen Gedankenkreis hineingeraten: Dieses Spottbild einer Schöpfung, mit dem Menschen obenan, müsse hinweg. Das hatte er sehr oft und mit hinreißendem Feuer dem jungen Stainer in dessen ohnedies verwundete, arme Seele gelegt. Er hatte es ihm flammender eingebrannt, als Farben in einem gemalten Fenster sitzen. Der Junge konnte jetzt nur mehr mit Faustens Augen sehen, nur mehr mit seinem Hasse atmen, nur mehr an Gott denken als den großen Possenspieler, Fopper und Torkler, der, im Grunde ohne eigene Vernunft, alles rundum elend machte, und dem mans zurückgeben mußte!

Für diese seine verzweifelnde Lehre hatte der Faust zu allen Zeiten andere Worte und Laute. Zuweilen so rührende wie ein Kind. Und gerade dann ergriff er seinen magisch gebannten und nach ihm dürstenden Schüler am meisten.

„Es ist ja alles nur Heimweh und Heimbegehren,“ sagte er einmal in ergreifendem Ton, der dem Jungen durch die Seele schnitt! „Es ist ja gar keine Auflehnung, was ich tue, sondern unsinnige Begierde: Zurück zu ihm! Zurück in den Schoß, wie ein ungeborenes Kind! Ist er der Unbewußte und Ahnende, als den ich ihn weiß, warum bin ich verdammt, zu wissen und zu durchschauen? Zu hohnlachen und zu verzweifeln?! Geb’ er uns doch sein entzogenes, väterliches Gut, uns allen, damit Ruhe wird und die Häßlichkeit nicht ganz und gar überhand nimmt! Sollen denn nur die Guten aussterben? Denn dahin treibt es! Und die Krummbeinigen mit den Affenstirnen werden frechhin die Erde überwimmeln! Hinweg also mit den Sehnlichen, denn sie leiden zu viel: Hinweg, mehr noch, mit dem Aasgeschmeiß! Mag sich die alte Feuerkugel stillbesinnlich wieder im Tanze drehen wie ehe; ich ertrage den Menschen nicht mehr!“

Nun mag man sich solche Worte und herzzerreißende Klagen in der Seele eines todwunden Jungen wachsen vorstellen. Dessen geheime und hinuntergebissene Liebe war hoffnungslos. Zudem neigt gerade die blumenzarte Jugend viel mehr zum Tode hin und Schwermut, zum Verzweifeln und zur Sehnsucht nach dem harmonischen Verklingen, als der ältere, holzige und ausgedorrte Lebenswille. Das Sterben steht in magischer Nähe zu jenen vielleicht, weil sie noch die unbekannt gewordenen Harmonieen des Nichtseins im Ohr nachklingen haben.

Ja; es entstand eine reißende Sehnsucht in dem wahnsinnig gewordenen Knaben nach der endlichen Vernichtung. Und daß er allein ausersehen sein sollte, der Amanuensis des großen Widerpartners Gottes zu sein, der Arm des Vernichters, das zog ihn vollends hin.

An diesen seinen jungen Gesellen dachte Faust nunmehr die ganze Zeit und er überlegte, ob er ihn nicht wieder heißmachen und aufhetzen sollte. Dann sah er um sich, sah die Erde lächeln, als wäre Frühling, entsann sich abermals, wie dieser Tag so recht ein Symbol des ganzen Truges wäre und warf sich, von zwiespältigsten Gefühlen überrannt und verzweifelnd, am Weg ins frisch herausgekommene Gras, das so betrogen war, wie er selber und stöhnte: Vor Hilflosigkeit, vor Anklage, vor Flehen um Gnade und Friede.

Das liebste Mädchen indessen wußte, wie schwere Rückfälle in die alte entsetzliche Melancholie ihr einzigster Mann hatte und sie diente ihm auf das zärlichste, aber auch auf das behutsamste und klügste. Da nicht ein Brand der Sinne sie zu ihm gerissen hatte, vermochte sie es, trotz aller Zärtlichkeit und Liebe und Sorge, sich zeitweise von ihm fernzuhalten und so immer seine Sehnlichkeit nach ihr zu schüren. Wenn er dann über die Maßen hungrig nach ihr war, kam sie und gab karg, bescheiden, aber unendlich zärtlich. So blieb Faust vollkommen ihres Wertes bewußt und wurde hingehalten und verzögert, einen Tag um den andern. Bis eben auf jenen trügerisch bestrickenden letzten Novembertag, der ihn an sein vergängliches, im Winter entstandenes Frühlingsglück erinnerte.

Zu spät, zu vergänglich! Zu hold und eben darum unerträglicher, als wär es zu rechter Zeit gekommen!

Wie Faust nun war, mißtrauisch und immer aufs Völlige und Letzte gierig, wollte er nunmehr erforschen, wie es in der Seele des Mädchens aussehen möchte. Ob ihre Treue aushalten möchte? Auch um den ergrauenden und gebückten Mann? Und ob er, der sich vermaß, der einzige Mensch auf Erden zu gelten, ob er wenigstens dem jungen und schönen Weibe der Erste und der Letzte, kurzum, der Einzige wäre und bliebe?

Dann, so wollte er’s in Gottesnamen hinnehmen und einen Vergleich mit Gott eingehen und zufrieden sein, oder zufrieden tun, und sich bezwingen; Amen.

Das aber, in die Seele des Mädchens zu blicken, wie in ein klares Brunnenwasser, das vermochte der Doktor gar wohl. Schon daß er, in vielen Gegenden und Gelegenheiten, die Menschen ausgelernt hatte, diente ihm auch hier, und er hätte dem makellosen Mädchen, als erstem Geschöpf auf Erden vielleicht, vollhin vertraut. Aber er wußte mehr und konnte tiefer und weiter forschen. Und das war nun eine seiner schwarzen Künste und er betrieb sie also:

Als er eines Tages wußte, daß am Abend das liebe Mädchen zu ihm kommen würde, bereitete er sich den ganzen Tag und sogar die Nacht vorher darauf vor; stärkte sein Innerstes durch Enthaltsamkeit und ließ nichts als unalltägliche Gedanken in sich. Aber auch davon so wenig, als er ihnen nur immer abwehren konnte. Er saß, völlig in sich geschlossen und geklammert, stille, bis die Lebenskraft in ihm weder aus noch ein wußte. Er aber bändigte sie weiter und wußte sogar das Drohen und Blitzen seiner unruhigen Augen in Starre zu bannen, ganz so, als wäre er aller Dinge überdrüssig, apathisch und gleichgültig wie ein hinsterbendes Tier, das nichts mehr auf Erden begehrt.

Gegen Abend dann erhob er sich langsam und nahm ein großes Stück Holzkohle. Mit dem beschrieb er, sich mächtig ausdehnend, einen Zirkel auf den Estrich seiner Stube. Der Zirkel war etwa so groß wie ein sehr enges Brunnenloch; nicht mehr als anderthalb Ellen im Durchmesser.

Nun begann er das Rund mit schwarzer Kohle auszustreichen und er zog seine breiten, dunklen Striche mit etwa solchen Bewegungen, wie eine Katze tut, wenn sie erwacht und sich dehnt, um die allzu überschüssige Kraft herauszurecken. Oder wie ein gesunder Mensch, der sich nach langem und tiefem Schlafe im Vollgefühl des Übermutes dehnt.

So strömte Faustus dasselbe Geheimnis von sich, von dem er im Buche zu Salzburg gelesen hatte: „Wisset, daß es einen wunderbaren Stoff gibt im Körper des Menschen, genannt Luz. Der ist des Menschen ganze Kraft und Tüchtigkeit, zugleich die Wurzel und der Boden von allem Sein. Und wenn der Mensch vergeht, so stirbt und vergeht diese Kraft nicht und löst sich dabei nicht auf, wie der Zufall des Körpers. Selbst wenn sie auf einmal in das größte Feuer getan würde, so brennt sie und verzehrt sich nicht. Sie kann auch nicht geteilt werden und zerbrochen oder zerstampft oder zermahlen, sondern sie ist ewigdauernd. Im Menschen und nach dessen Hinscheiden, so wie geschrieben steht im Ecclesiastica 26: Et ossa sorum impingabit.“

Diese Kraft nun, die Himmel und Erde und alle Fernen gleicherweise durchpulst und alles erschauern macht, was geschaffen oder noch ungeschaffen ist, gab Faust, der ihrer Herr geworden war, mit einer Art Grauens von sich hin, so daß sich ihm die Haare knisternd hoben und sich sträubten, wie bei einem, der arg entsetzt ist. Er aber bestrich das ganze Rund völlig mit der schwarzen Kohle und streckte und dehnte das hinein, was törichte Menschen den Willen nennen, was aber gar nicht ihrer ist, sondern des unheimlichen Allbelebers Geheimnis.

Es kam nun das Mädchen.

Wenig geheimnisvoll, sondern unbefangen tuend, empfing sie Faust und sprach von vielen Dingen, aber nicht besonders zuredentlich. Sondern er lauerte leise dahin, wie sie immer mehr von dem schwarzen Rund gefangen genommen wurde, wie ihr der Atem schon etwas kürzer werden wollte und sie, je länger je mehr, nach dem dunklen Kreise starrte, so daß ihr zuletzt die Augen weit und angstvoll wurden und sie nicht mehr loskonnte von dem, was sie unwiderstehlich dorthinzog.

„Eva, laß ab,“ sagte Faust, freundlich prüfend. „Hast doch schon mehrere kabbalistische Charaktere bei mir gesehen und doch nicht begehrt, in sie einzudringen. Wirst mir auch jetzt nicht neugierig sein.“

Helena schüttelte die Locken aus dem Gesicht wie wirre Gedanken. Sie versuchte, sie zu sammeln. Aber bald umging sie, im Kreise, wieder den schwarzen Fleck. Immer näher kam sie ihm, es zog sie mit unwiderstehlichen Gewalten hin. Mehr, viel mehr, als der Schwindel den Erbleichenden an hoher Wand aus der Tiefe her erbeben macht, — aber ähnlich.

„Daß du mir nicht zu nahe herantrittst,“ schrie Faust ihr bedrohend zu: „Es ist dort, wie ein tiefer Brunnen; abgrundtief, daraus die Vergangenheit steigen kann und auch die Zukunft, so sehr reicht er bis an die Ewigkeit hin! Du würdest hineintaumeln und dich zerstürzen! Um aller Kräfte willen, geh nicht zu nah heran und betritt den Kreis nicht! Hinunterschauen aber magst du immerhin.“

Leichenblaß und zitternd schritt das Mädchen hinzu und die Knie schlotterten ihm so sehr, daß Faust jeden Augenblick zu ihr zu springen bereit war, um sie zu halten. Aber sie stürzte dennoch nicht, sondern vermochte sich, auf versagenden Füßen, schwer und schleppend, zu erhalten.

„Was hast du?“ fragte Faust.

Das bejammernswerte Geschöpf, das jetzt nicht einmal mehr schön zu nennen war, so entstellt war es vor Schwäche, Neugier und Entsetzen, brach in ein irrsinniges, verlegenes Kichern aus.

„Was hast du?“ wiederholte er. Da kicherte sie noch gepreßter und lachte dann krämpfig und schrill auf.

„Gesteh’s nur ruhig. Knie’ daran hin und schau dich satt; es soll dir keine Schande sein,“ tröstete er. Da kniete sie an den Rand des schwarzen Fleckes, und nun schien ihr wohler zu werden. Der Schwindel ließ nach, der Angstschweiß verflog langsam und das Grauen verwandelte sich in eine Art Jammer; dann in Mitleid, später in Teilnahme, zuletzt in Entzücken.

„Nun, was siehst du?“ fragte Faust, mit nachschleichenden Augen.

„Kinder, holde Kinder, wie Engelsputten,“ rief sie mit mütterlich überquellender Liebe. Beinahe jauchzte das Mädchen.

Sie vergaß des Schwindels vor der schwarzen Brunnentiefe, die aus unermeßlichen Abgründen bis zu ihr heranreichte und stemmte die lieben Arme zu beiden Seiten auf, während eine unsagbare Verzückung sie holdseliger erscheinen ließ, als jemals. Ihre Farbe war zurückgekommen und ihre Wangen schön und erglühend; ihre Augen schwammen in unermeßlicher Zärtlichkeit und Sehnsucht. „Ah,“ rief sie, als zerpreßte es ihr das Herz und die weiße Kehle. „Ah!“

„Red’ dir’s von der Seele,“ riet Faust mit erbebender Stimme.

Da fuhr sie zögernd, dann aber immer reißender, fort in ihren Gesichten. „Du, du, Zunächstes, du Kleines, Kleines!“

Sie sah sich nach dem Manne um, der abseits stand, das nachdenkliche Antlitz gesenkt und die Hand in den Bart und um das Kinn geklammert. „Siehst du nicht her? Jammert es dich nicht? Es bewegt die reizenden, die vollen Lippen, und die hat es von dir. Und es hat den schauenden Blick der Augen von dir, das geht mir bis ins tiefste! Du, Johannes! Hörst du, es bewegt die Lippen, aber es möchte gar nicht saugen. Reden möcht es, denk dir Johannes!“ Ihre Stimme verschlug sich beinahe vor Mitleid und Liebe und bekam einen zauberisch süßen, flehenden Ton: „Sie alle möchten schon reden, denk dir, du, du, hilf zu!“

Und mit herzzerreißendem Blick: „Sie wollen Mutti sagen!“

Eine Weile starrte sie hinunter, dann fügte sie mit einem Schmerze und einer Gequältheit ohnemaßen hinzu: „Und dürfen nicht!“

Sie stöhnte in Sehnsucht, dann lief ihre Rede weiter: „Aber du, sie haben doch alle deine Augen, deine trotzigen, deine scheuen, deine verdunkelten, geheimnisreichen Augen! Nur den Hals, den haben sie von mir. Oh du, sie haben gar keine hohen, starken Schultern! Rund, rund und lieblich ja, aber nicht belastet! Eins von ihnen kann sich jetzt nimmer halten. Du, du! O die runden Ärmchen, wie sie sich stemmen! Hilf, es will klettern. Die wehrlosen Knielein, wie sie sich abmühen, und finden keinen Halt am Rande und — — Faust! Faust!“

Mit der entsetzlichen Angst des Tieres, das nicht selber sterben darf um der Jungen willen, sondern sie verderben sehen muß, was unbeschreiblich grausam ist, rief sie: „Ich lass’ es nicht zu, ich will nicht! Lieber will ich selber mit ihnen — —!“

Ein so entsetzlicher Schrei gellte aus der Kehle des gequälten Mädchens, welches ihr junges Volk immer schwächer zu ihr streben und haltlos gleiten, ja zu stürzen beginnen sah, daß Faust mit einem jähen Sprunge heranschnaubte, sie zurückstieß, so daß sie hintenüber in Ohnmacht sank und seinen roten Mantel über das schwarze Rund hinwarf. Das Mädchen hätte sich sonst zu den stürzenden Kleinen in den Abgrund geworfen und wäre, auf dem magischen Kreise, tot liegen geblieben.

Schwer, wild und schwer atmete der erschütterte Mann.

Und er stand lange Zeit, schaudernd. Viele Künste hatte er geübt und oft war er über einen Hingestürzten weggeschritten, dem die Magie Herz und Seele verklammt und ihn getötet hatte. Das, jetzt aber, war ihm bis in die Nieren gegangen. Er vermochte selber nur mit Anstrengung zu stehen und zu atmen. Starr blickte er auf das wesenlose Bündelchen Leib, wie es da lag, zusammengekauert, sowie er es hingestoßen und es seine Besinnung verloren hatte. Endlich raffte er sich zusammen und ging, mit einem keuchenden Seufzer, nach Mixturen. Dann redete er ihr ruhig zu. Von dem, was er sagte, sind ihr später die Verse erhalten geblieben, die er mit dem tiefsten Mitleide und väterlicher Milde sprach:

„Was willst denn du? Die ewig Unruh oder ewig Ruh? Die ewig Ruh, die kennt die Seligkeit, Die dir ein tiefer Schlaf allweile beut. Die Hast, die ist ein ewiger Herod’, Der mord’t dein Kind und gibt dir selbst den Tod.“

Mehr unter dem Ton seiner Stimme, als unter solchen Worten schlug sie gänzlich andere, irre, hilflose, aber nur mehr verwunderte Augen auf. Nichts an ihr schien mehr gestört; sie war bloß wie nach einem schweren Traume, von dem sie nichts mehr wußte. Wie zerschlagen.

Nur aus ihrer elfenbeinweißen Haut dampfte immer noch die Angst, und Faust erschauerte, als hätte er ein andres Wesen in den Armen. Sonst hatte das einzige Mädchen einen Duft, behaglich, wie heiß angeplättetes Linnen; hausmütterlich und lieb. Jetzt spürte er Fremdes, ihm Feindliches an ihr und als sie sich erholt und auf viele verwunderte Fragen nur dürftige Antwort erhalten hatte: „Dir ist schlecht worden,“ oder „Geh nun zum Vater, ich habe Angst um dich,“ da mußte sie sich doch zum Fortgehen anschicken, war deshalb traurig, entschuldigte sich, verwundert und verwirrt, daß sie ihm statt Liebe und Lust nur Schrecken gebracht hätte und ging endlich, auf ihren schwachen, zitternden Füßen fort in die Nacht hinaus und nach Hause. Sie schämte sich sehr.

Hinter ihr aber ballte sich Faustens Seele schwarz und grimmig zusammen wie Wettergewölk.

Auch auf der Gasse ging es nicht geheuer zu. Zwei Männer hatten, jeder verhohlen und ungesehen vom andern, auf die Chrysoloras gepaßt. Zuerst sprang der junge Stainer aus dem Dunkel und wollte der Geliebten nach. Sie ermorden, sie schützen? Was wußte er selber! Er war namenlos unglücklich! Helena, die Dirne des Meisters!

Der andere maß ihn flink und berechnete seine Bewegung, seine Gestalt und sein unsicheres Unterfangen; dann eilte auch er vor und faßte den Scholaren am Arm: „Still,“ zischelte er.

Der Junge erstarrte. Im schwachen Mondlicht sah er ein Antlitz, abgründig häßlich. Breite, freche, höhnische, nichts glaubende und nichts bemitleidende Lippen, tückische Augen, breiter, niedriger Wollschädel, abstehende Ohren, Lasterfalten am ganzen gemeinen Antlitz heruntergezogen. Erst dachte er: „Des Fausti Schwager, der Leibhaftige!“ Aber dann ward er sogleich inne, daß keiner der Bösen so auszusehen vermöchte. Mögen sie entsetzlich sein, sie sind Geister und sind groß. Dieses Antlitz, in seiner niedrigeren Gemeinheit und gänzlich seelenlosen Häßlichkeit, konnte nur einem Menschen gehören!

„Was wollt Ihr?“ stammelte der Student.

„Warum hast du auf die Chrysoloras gelauert?“ fragte der andere so drohend dawider, daß Stainer sich verteidigte: „Ich bin doch ihr Vetter, der Sympert!“

„Dann mags gut sein; mich hat ihr Vater aufgestellt, der alte Chrysoloras.“

„Du bist so einer, was die Welschen Bravo nennen?“ fragte Stainer mit Grauen.

„Ich bin sein Diener, weiter nichts; das merk dir. Du hast gesehen, wie weit die beiden sind. Du weißt nicht, ob du dawider sein sollst oder dafür?“

„Wahrhaftig, das weiß ich nicht,“ stammelte der junge Mensch.

„Na. Ich will dir Zweifel und Mühe bald abnehmen.“

„Mann,“ sagte der Student traurig: „Das wird kaum notwendig sein; denn er selber sinnt sich nichts anderes, als seinen Tod.“

„Mag ehedem gewesen sein; ehe er das Mädel hatte.“

Der junge Mensch griff sich nach dem Herzen. Wenn der Meister um des Weibes willen, um seiner sehnlich Begehrten willen, abstand von dem Übergroßen und sich im Getändel niederließ, dann war für ihn das allerletzte dahin. Daß er die Helena erst hinnahm, aber dann dem Gott, mit höhnischem Dank, wieder zustellte, das hätte er ihm zugetraut. Aber daß der weitgewagteste aller Menschen — — Nein!

„Der gibt sich weder gefangen, noch gibt er sich zufrieden,“ sagte Stainer endlich. „Laßt ihn. Er wird Euren letzten Dienst nicht brauchen. Auch könnt Ihr ihm nicht an. Nur er sich selber. Und das wird geschehen.“

Der fremde Mann trat kurz lachend in die Nacht zurück und Sympert sah, wie lang der Oberleib des kleinen Kerls war und wie abscheulich krumm und verdreht seine Beine. Ihn ekelte.

Was alles dem Meister nach dem Leben strebte, das er doch selber längst verachtete! — Aber wenn sich der Faust dennoch auflöste in dieser späten Liebe?

Mit Zweifeln und Verzweiflungen sich umherschlagend, ging der junge Mensch, der sich in den Todesgedanken so merkwürdig verstrickt hatte, nach Hause.

Faust oben blieb allein und unbehelligt.

Er stand immer noch vor seinem hingeworfenen, roten Mantel und trug beinahe selber Scheu, das greulich zum Leben erweckte schwarze Rund wieder zu enthüllen; — so, in einsamer Nacht. Endlich riß er doch die Schaube fort und lachte kurz und krämpfig auf. Ihm tat es nichts. Er wischte die Kohle weg, die für den Meister nichts als Kohle war, so leicht, wie der loseste Spinnweb. Überall flog sie nichtig umher, als er sie zerstäubte. Dann ging Faust in der Stube hin und wider.

„So hab’ ich sie! Jaha, so hab’ ich sie: Das ewige, versteckte Mütterchen! Ich soll den Affentanz mittun, weiterführen und teilhaben an dem Spottgewimmel; jaha! Und wenn mein Sohn Kaiser würde:

„Was ist mir, Fausto, der Kaiser? Ein allen voraustanzend’ arm’ Prunkäfflein; immer auf sein eigen Spiel bedacht. Demütig Dienst und Erkenntnis seines Amts hat er nicht in sieben Tagen seines Lebens. Und dann hat er dumme und rohe Einflüsterer dazu. Nein, mein Sohn wär mir zu gut, um Kaiser zu werden. Und was würd’ er dann sonst? Wie ekelfett sind diese Herzen von Vätern, die ihre eigene Brut mit andächtiger Liebe salben, bloß weil sie, in ihrer verdeckten Eitelkeit, vermeinen, die wären von ihnen!

„Wer ist denn seines Vaters? Das Hurenkind deiner Frau ist nur um einen einzigen Menschen ferner von dir, als dein eigenes. Gegen Myriaden, die ehemaligen Blutes sind, stehst du ihm allein gegenüber! Da saß eine Großtant’ auf ihrem Gelde, fest, blaß und neidisch, mit kaltem Blick und stumpfen Augen, wie eine kranke Kröte. Dein Kind kriegt von ihr die latente Habsucht! Da schnupperte ein heimlicher Hurer den verschlamptesten Frauenzimmern nach, während dir selber gerad eine einzige Liebe im Leben genügt hätte, die aber übergroß, und zu der Besten und Schönsten! Deine Tochter aber kriegt seine schmutzige Hundegier! Nein, ich lass’ weder mich, noch die andern Menschen mehr an den ewigen Sautrog heranzerren.“

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