← Table of contents
Der Sagenkreis der Nibelungen

IV. Die Grundlagen der Sage.

Reading edition

Die bisher besprochenen Formen unserer Sage müssen sich nun, soweit sie auch im Laufe der Entwickelung auseinander gegangen sein mögen, notwendig auf eine einheitliche Grundlage zurückführen lassen. Wollen wir diese Grundlage finden und den langen Weg, den die Stoffe bis zur Aufzeichnung zurückgelegt haben, mit einiger Sicherheit aufhellen, so tun wir gut, fürs erste diejenigen geschichtlichen Ereignisse ins Auge zu fassen, die unzweifelhaft zu den Ausgangspunkten der ganzen Stoffmasse gehören; wir haben dann einen feststehenden Anfang und dürfen hoffen, die Linie zu finden, die von ihm bis zu den Denkmälern der Sage in der Literatur hinführt.

a) Burgunden und Hunnen.

Im 4. nachchristlichen Jahrhundert saß das germanische Volk der Burgunden im Stromgebiete des Mains; am Rheine war die römische Grenzwehr noch ungebrochen. Da kam, etwa im Jahre 405, vermutlich infolge eines erneuten hunnischen Ansturms, Bewegung in die östlich von den Burgunden sitzenden Germanenvölker: Sueben und Vandalen, mit ihnen die nichtgermanischen Alanen, drangen westwärts vor, durchbrachen 406 die römische Rheingrenze und ergossen sich über Gallien. Daß die Burgunden von diesen Ereignissen nicht unberührt bleiben konnten, ist klar; wir finden sie nunmehr auch links des Rheins gegenüber ihren bisherigen Sitzen. Im Jahre 411 stellten der Alanenhäuptling Goar und der Burgundenkönig Gundicarius in Gallien den Jovinus als römischen Kaiser auf; 413 aber ließen sie ihn fallen und vertrugen sich mit der rechtmäßigen Regierung des Kaisers Honorius; dabei erhielt Gundicarius für sich und sein Volk die römische Provinz Germania superior (sie umfaßte die Bezirke der Städte Mainz, Worms, Speier und Straßburg) angewiesen, und zwar sollten die Burgunden hier eine Grenzwacht im römischen Sinne bilden. Sie sitzen jetzt also in derjenigen Gegend, in der unsere Sage sie annimmt; ihr Herrscher führt den Namen Gundicarius, das ist derselbe wie hochdeutsch Günther, nordisch Gunnar.

Jeden Zweifel an der Identität des historischen und des sagenhaften Königs und Volkes müssen uns die nun folgenden Ereignisse nehmen. Das Bündnis zwischen Burgunden und Römern fand sein Ende durch den Tod des Kaisers Honorius 423. Es ist eine Eigentümlichkeit aller dieser Barbarenbündnisse der Völkerwanderungszeit, daß sie als erloschen gelten, sobald der eine der beiden Kontrahenten stirbt. Daß der römische Staat weiter existiert, kümmert die Burgunden nicht; sie haben nur mit Honorius persönlich abgeschlossen. Jetzt ist der Kriegszustand wieder da; sie greifen wieder um sich. Nach einigen Jahren ist die römische Macht wieder so weit gefestigt, daß sie in Gallien Ordnung zu schaffen unternehmen kann. Der Feldherr Aetius tut es unter heftigen Kämpfen; im Jahre 435 wird er auch mit den Burgunden fertig. Über diese Kämpfe berichten uns zwei Zeitgenossen, die sich gegenseitig ergänzen; der eine ist Prosper Aquitanus, der andere der Spanier Idacius. In ganz kurzer chronistischer Art und Weise haben sie uns die Kenntnis der Zeit übermittelt. Zum Jahre 435 sagt Prosper: „Um diese Zeit besiegte Aetius den Burgundenkönig Gundicarius, der sich in Gallien herumtrieb, im Kriege und gab ihm auf seine Bitten Frieden;“ d. h. das Bündnis ward wieder hergestellt. Prosper fährt aber fort: „Den genoß er nicht lange; denn ihn, seine ganze Familie und sein ganzes Volk haben die Hunnen vernichtet.“ Zum Jahre 437, also zwei Jahre später, gibt Idacius die kurze Notiz: „20000 Burgunden wurden geschlagen.“ Wir haben diese Notizen so zu verbinden, daß im Jahre 435 das alte Verhältnis zwischen Römern und Burgunden wieder hergestellt wurde, daß aber zwei Jahre darauf die Burgunden am Rheine durch die Hunnen zugrunde gingen. Über diese Hunnen hat man viel gestritten: waren es römische Söldner, die etwa im Dienste des Aetius den Angriff unternahmen? oder war es das Hunnenvolk selbst, sei es das ganze oder ein Teil? führte sie der König Attila, der ja seit 433 über einen Teil dieses Volkes herrschte? Meiner Meinung nach kann es nur das Hunnenvolk sein, nicht etwa ein hunnisches Söldnerheer im römischen Dienst. Denn mit den Römern hatte Gundicarius das Bündnis eben erneut; zum Bruch lag keine Veranlassung vor. Wohl aber konnte er nun im römischen Dienst seine Front ostwärts gegen die andringenden Hunnen genommen haben. Bei dieser Gelegenheit ist nun das Burgundenvolk mit seinem Königshaus und dem König Gundicarius an der Spitze im wesentlichen vernichtet worden; 20000 Mann sollen umgekommen sein. Näheres wissen wir nicht. Wir wissen nur, daß Aetius sechs Jahre später, 443, die Burgunden vom Oberrhein weggenommen und nach Savoyen an das Südufer des Genfersees versetzt hat, offenbar weil sie durch jenen unglücklichen Kampf so geschwächt waren, daß sie als Grenzwacht nicht mehr ausreichten. Von Savoyen aus haben sie sich in etwas späterer Zeit wieder ausgebreitet und ein größeres Reich gewonnen, an dessen Dasein noch die Landschaft Bourgogne in Frankreich erinnert. Von 413 bis 443 haben also die Burgunden am Oberrhein gesessen und sind hier einmal durch einen Angriff der Hunnen schwer geschädigt worden. Die näheren Umstände bei diesem Angriff kennen wir, wie gesagt, nicht; daß Attila die Hunnen geführt hat, ist möglich, aber nicht notwendig anzunehmen; die Sage hätte ihm als berühmtestem Hunnenkönig die Tat auf jeden Fall zugeschrieben. Die von der Sage berichteten näheren Umstände gehen vermutlich auf historische Einzelheiten zurück; so ist es z. B. gar nicht unwahrscheinlich, daß Attila (oder wer sonst die Hunnen geführt hat) die burgundischen Fürsten scheinbar wegen Verhandlungen zu sich geladen und dabei verräterisch niedergemacht hat; man sieht sonst wenigstens nicht ein, wie die Sage auf das Motiv von der verräterischen Einladung gekommen wäre.

In der neuen Heimat der Burgunden ließ um das Jahr 500 ihr König Gundebad das burgundische Recht aufzeichnen; im Eingange zu diesem Gesetzbuche nennt er seine Vorgänger als burgundische Könige. Als erster tritt uns entgegen Gibica; dann folgen Gundomar, Gislaharius, Gundaharius und endlich Gundebads unmittelbare Vorgänger. Hier treten uns mehrere aus der Sage wohlbekannte Namen entgegen: Gundaharius (von Gundicarius nur in der Schreibung verschieden, also der 437 gefallene) ist Günther, Gislaharius ist Giselher, Gibica ist Gibich (mhd. Gibeche), der nordische Gjuki. Letzterer ist also der älteste historisch bekannte Burgundenkönig, den auch die Sage festgehalten hat. In welchem Verwandtschaftsverhältnis seine drei Nachfolger zu ihm stehen, sagt das Gesetzbuch nicht; wir dürfen auch hier der Sage trauen, die ihm drei Söhne gibt, von denen zwei die gleichen Namen wie die entsprechenden im Gesetzbuche führen, und annehmen, daß sie seine Söhne waren; dann begreift man wenigstens am leichtesten, wie der doch ganz unbedeutende Giselher bis in späteste Zeiten unvergessen geblieben ist. Gibicas drei Söhne hätten dann im wesentlichen neben- und miteinander regiert; in Deutschland wäre später Gundomar dem Namen nach vergessen und für ihn Gernot eingesetzt worden. Auch im Norden werden ja drei Brüder genannt: Gunnar, Hogni und der etwas beiseite stehende Gudorm; letzterer könnte dem Namen nach auf Gundomar zurückführen, dann wäre Hogni (ursprünglich, wie in Deutschland, nur der erste Vasall des Königs) für Giselher in die Familie eingerückt.

Daß von diesem Untergange des Burgundenstaates am Oberrhein durch die Hunnen ein Teil unserer Sage ausgegangen ist, darf bei der Übereinstimmung einer ganzen Reihe von Umständen und Namen wohl als sicher gelten.

Attila, seit 433 König eines Teiles der Hunnen, wurde 444 durch Ermordung seines Bruders Bleda Alleinherrscher, brachte sich durch seinen großen Kriegszug nach Gallien 451 den westlichen Germanen erneut in furchtbare Erinnerung, kam aber 453 unter auffälligen Umständen plötzlich zu Tode. Er war als echter Nomadenfürst Besitzer eines großen Harems, den er fortgesetzt vermehrte; 453 feierte er sein Beilager mit einem Mädchen namens Hildiko. Am Morgen nach der Brautnacht fand man den König tot; die junge Frau allein war bei ihm. Zeitgenossen behaupten, daß Attila durch einen Blutsturz zu Tode gekommen sei. Aber auch schon zeitgenössisch tritt die Behauptung auf, Hildiko habe ihn getötet. Was richtig ist, läßt sich nach Lage der Dinge nicht entscheiden, denn die einzige Zeugin des wirklichen Herganges war ja eben nur Hildiko, und diese war, falls sie ihn wirklich getötet hat, Partei. Daß manche sie für seine Mörderin gehalten haben, ist begreiflich. Für die Sage ist es natürlich gleichgültig, ob sie das war; ihr genügt es, daß man sie dafür hielt.

Von großer Bedeutung ist ihr Name, der gut germanisch (speziell gotisch) ist: er ist eine Koseform von einem mit hild zusammengesetzten Frauennamen, „Hildchen“; Hildiko kann also mit ihrem vollen Namen (die Koseform setzt immer einen vollen Namen voraus) gut und gern „Grimhild“ geheißen haben. Jedenfalls nimmt die Sage an, daß dies ihr rechter Name war. In irgendwelcher Beziehung zu den historischen Burgunden steht diese historische Grimhild nicht. Wohl aber ist erklärlich, wie man darauf gekommen ist, anzunehmen, daß sie den Attila getötet habe: sie hatte Angehörige an ihm zu rächen. Man braucht sich nur in jene wilden Zeiten zurück zu versetzen. Attila war der Herrscher eines wilden, kriegerischen Volkes, das dort, wo es als Feind auftrat, niemanden schonte, die Männer ausrottete und die Weiber der Niedrigsten so gut wie die der Edlen bis zum König hinauf in Besitz nahm. Daß also manche Weiber am Hunnenhofe Ursache haben mochten, Angehörige an den Hunnen zu rächen, darf man glauben. Die Vorstellung ist denn auch sehr alt, daß die Mörderin (wie wir sie mit der Sage nennen wollen) an Attila Angehörige gerächt hat. Nach einigen alten Angaben (des sog. Poeta Saxo im 9. und der Quedlinburger Chronik im 11. Jahrhundert), die aber ebensowenig beglaubigt sind wie die unserer Sage, hat sie ihren Vater gerächt, in unserer Sage aber (nach der nordischen Darstellung) ihre Brüder, und diese letztere Anschauung muß bereits im 9. Jahrhundert am Niederrhein fest gegolten haben, sonst könnte nicht Kriemhilt in Deutschland wie Gudrun im Norden als Schwester der burgundischen Könige angesehen werden.

Die beiden großen Ereignisse, die Vernichtung des Burgundenstaates am Mittelrhein durch die Hunnen im Jahre 437 und die Ermordung des Königs Attila durch sein Weib im Jahre 453, erscheinen nun im zweiten Teile unserer Sage verbunden und in ursächlichen Zusammenhang gebracht. Unsere Erzählung nimmt an, daß Hildiko oder Grimhild, wie wir sie gleich nennen können, die Schwester der untergegangenen Burgundenkönige ist und diese an ihrem Gatten Attila rächt. Der Vergleich mit der Geschichte bestätigt, was vorhin aus der innern Gestalt der beiden Hauptfassungen unserer Sage geschlossen wurde: die nordische ist die altertümlichere, denn sie deckt sich im wesentlichen mit den historischen Vorgängen; die deutsche ist durch die hergestellte innere Verbindung mit dem ersten Teile wesentlich verändert. Sicher aber haben wir für den zweiten Teil unserer Sage an den historischen Tatsachen eine gute und einwandfreie Grundlage.

Die Erzählung ist allerdings nicht ohne weiteres mit der Geschichte identisch, sondern die Sage ist dadurch geschaffen, daß jemand bereits in alter Zeit (gewiß nicht allzu lange nach den Geschehnissen) die beiden historischen Tatsachen: Untergang der Burgunden, und: Attilas Tod, in Zusammenhang gebracht hat. Dieser Jemand muß wohl einer von jenen Berufsdichtern gewesen sein, wie sie eingangs erwähnt worden sind; genauer dürfen wir nach seiner Person selbstverständlich nicht fragen, wohl aber nach dem Volke, dem er angehört hat. Das ist wahrscheinlich eben das fränkische gewesen. Die Burgunden selbst können es nicht gewesen sein, denn sie sind aus jenen Gegenden durch die Ereignisse weggeschwemmt worden; auch finden wir bei ihnen später keine Kunde von unserer Dichtung. Die Franken waren aber in der Zeit, da die Ereignisse sich zutrugen, der Burgunden nördliche Nachbarn; sie erlebten staunend diese Katastrophen mit, sie waren auch vielfach selbst in die Kämpfe verwickelt und haben im Jahre 451 teils für, teils gegen Attila gefochten. Daß also die Franken jene Vorgänge im Gedächtnis festhielten und die Kunde von ihnen der Nachwelt übermittelten, ist demnach wohl verständlich.

b) Sage und Mythus.

Besitzen wir so für den zweiten Teil der Sage eine einwandfreie geschichtliche Grundlage, so ist es leider bis jetzt noch nicht möglich gewesen, eine solche mit einiger Sicherheit für den ersten Teil (d. i. die Geschichte, die mit Siegfrieds wunderbarer Jugend beginnt und mit seiner Ermordung schließt) zu finden. Man hat deshalb für diesen Teil ganz besonders lange, ja bis heute noch, an der Behauptung festgehalten, er beruhe auf mythischen Grundlagen, d. h. es seien vermenschlichte Götter, die uns hier vorgeführt würden, die Dichtung behandle also im Grunde nicht Schicksale von Menschen, sondern Ereignisse der Natur.

Bevor wir zu dieser Anschauung Stellung nehmen, dürfte es sich empfehlen, die Begriffe „Sage“ und „Mythus“ möglichst genau festzulegen. Was „Sage“ ist, läßt sich aus der eben behandelten Herkunft des Stoffes der Attila-Burgunden-Erzählung am besten erkennen: „Sage“ ist eine Form der Überlieferung historischer Ereignisse, die sich von andern Formen (der annalistischen oder der pragmatischen Geschichtschreibung) in erster Linie dadurch unterscheidet, daß sie im wesentlichen auf mündlichem Wege weitergegeben wird; die Möglichkeit, alle Angaben auf ihre Richtigkeit zu prüfen, ist außerordentlich gering; um so größer ist die Einwirkung derjenigen Männer, in deren Händen ihre Pflege liegt; so wird sie denn bald von dichterischem Beiwerk dicht umrankt, ist aber doch ihrem Ausgangspunkt nach Geschichte und beansprucht das so lange zu sein, solange nicht eine urkundliche Kontrolle sie unrichtiger Angaben überführt.

Den Ausdruck „Mythus“ dagegen beschränken wir am richtigsten auf diejenigen Erzählungen, die der naive Mensch als Erklärung von Naturerscheinungen vorgebracht hat; sie verdanken ihre Entstehung dem menschlichen Bedürfnis, für die zur Empfindung gelangenden Wirkungen der Naturkräfte die hinter ihnen liegenden Ursachen zu finden. Wie also „Sage“ das Resultat einer naiven Weltgeschichte ist, so darf man „Mythus“ als das Resultat einer naiven Naturgeschichte bezeichnen. Der Mythus erklärt die großen Naturkräfte, besonders diejenigen, die das Klima beeinflussen, als das Wirken großer Götter, das geheimnisvolle Treiben in der scheinbar unbelebten Natur als Lebensäußerungen mehr oder minder mächtiger dämonischer Wesen, die eigenartigen Tatsachen des Traumes und des Todes als Folge des möglichen körperlosen Daseins der menschlichen Seele. So ist denn der Mythus in erster Linie Grundlage der Religion; solange er rein existiert (und das tut er in vieler Beziehung noch heute, sei es im Glauben, sei es im Aberglauben), ist er wirklich, und kann also jeder Erzähler seine Helden mit mythischen Wesen in Zusammenhang darstellen, da seine Zuhörer die Möglichkeit eines solchen Zusammenhanges für ihre eigenen Personen ohne weiteres zugeben; ich verweise zur Erläuterung auf die Wirkung von Gespenstergeschichten, wenn sie im Kreise abergläubischer Menschen vorgebracht werden.

Damit ist nun die Möglichkeit mythischen Beiwerks in der Sage ohne weiteres zugegeben, dagegen die Möglichkeit mythischen Ursprungs einer Sage noch keineswegs erwiesen. Ich will nun eine solche nicht allgemein leugnen, muß aber behaupten, daß ein Mythus einen sehr langen Weg zu durchlaufen hat, ehe er als Sage in die Erscheinung treten kann. Ein solcher Weg dürfte etwa der folgende sein: die naive Erklärung einer Naturerscheinung verdichtet sich zur Erzählung von den Taten einer Gottheit; diese Gottheit, erst hochverehrt, sinkt allmählich in der Achtung infolge fortgesetzt wachsender menschlicher Erkenntnis; hauptsächlich ist es naturgemäß die menschliche äußere Form der Götterhandlung, die einst der naive Mensch mangels einer bessern zur Darstellung der Naturerscheinung gewählt hat, die aber nunmehr, unverstanden, den Spott des fortgeschrittenen herausfordert. Schließlich kommt ein Erklärer mit der Behauptung heraus, der angebliche Gott sei überhaupt nur ein göttlich verehrter Mensch der Vorzeit; soweit hat eben das menschliche Beiwerk bereits den alten Grundgedanken überwuchert. Nun erst ist der Punkt erreicht, an dem der Mythus zur Sage werden kann. Die altgriechischen Göttergeschichten haben im allgemeinen den eben geschilderten Weg durchlaufen; wie selten aber ist ihre Entwicklung so weit gediehen, daß der Held des ursprünglichen Mythus überhaupt nur noch als Mensch empfunden worden ist!

Die germanische Götterwelt war, als das römische Christentum ihre Herrschaft beendete (vom vierten nachchristlichen Jahrhundert an), in ihrer Entwickelung überhaupt noch nicht weit gediehen; es scheint vielmehr, als ob die schemenhaften Gestalten, in denen die alten Götter noch bis in die neueste Zeit umgehen, gerade das wären, was die Germanen in vorchristlicher Zeit an religiösen Vorstellungen besessen hätten. Daraus erklärt sich denn die rasche und kampflose Annahme des Christentums bei allen südlichen Germanen; der alte Volksglaube wurde dabei kaum angetastet, sondern rückte nur in die zweite Linie. Erst bei denjenigen Germanen, die sich längere Zeit feindlich an ihren christlichen Stammverwandten gerieben haben, erscheint der alte Götterglaube zur wirklichen Religion erhoben, ja zur Göttersage ausgebildet; so bei den Sachsen und den nordischen Völkern.

Daß also der Kern des ersten Teiles unserer Nibelungensage mythischen Ursprungs sei, also Siegfried etwa als vermenschlichter Sonnengott gedacht werden könne, der in der Jugend strahlend die Mächte der Finsternis überwunden hat, um ihnen am Ende seiner Laufbahn wieder zu verfallen, vermag ich unter diesen Umständen nicht zu glauben. Mythisches Beiwerk wird selbstverständlich nicht geleugnet, doch beweist dies, wie wir gesehen haben, nichts für mythischen Ursprung. Wir müssen uns nach andern Erklärungsmöglichkeiten der Siegfriedsage umsehen.

Es wäre denkbar, daß die Siegfriedgeschichte nicht einheimischen Ursprungs, sondern im wesentlichen aus dem Auslande übernommen wäre (man hat z. B. an eine Umdichtung der Argonautensage gedacht: goldenes Vließ = Nibelungenhort, Jason = Siegfried, Medea = Brünhilt); dann müßte die eigentliche Erklärung sich mit der ausländischen Grundlage beschäftigen. Allein die Versuche dieser Art sind ebenso als gescheitert anzusehen wie die eben abgelehnten, weil sie ebensowenig vom eigentlichen Kernpunkt der Erzählung ausgehen; dieser Kernpunkt aber ist der Zank der Königinnen. Es bleibt nur die Möglichkeit der historischen Ableitung, und zwar nach zwei Seiten hin: 1. entweder ist die ganze Geschichte in allen wesentlichen Punkten historisch, und nur die Dürftigkeit der beglaubigten Geschichte gestattet uns nicht, sie in dieser wiederzufinden, oder 2. der (uns wohlbekannte) historische Ausgangspunkt ist von der Dichtung derart überwuchert, daß er eben deshalb schwer zu erkennen ist. Im ersten Falle müssen wir uns bescheiden; im zweiten Falle dürfen wir noch eine Erklärung erhoffen.

c) Die Merowinge.

Es gibt eine Periode der Geschichte, in der alle wesentlichen Motive der Siegfriedsage sowie mehrere Personen mit Namen, die denen dieser Sage gleich oder ähnlich sind, beisammen gefunden werden: das ist die Zeit der Enkel des Frankenkönigs Chlodowech. Sein Sohn Chlothachari I., der das ganze fränkische Reich in seiner Gewalt vereinigt hatte, starb 561 und hinterließ vier Söhne; einer von ihnen, Charibert, starb bereits 567 sohnlos, und es blieben seine drei Brüder übrig, deren gleichzeitige Herrschaft die lange geltende Dreiteilung des Frankenreiches begründete: Sigebert herrschte in Austrasien (Ostfranken), Chilperich in Neustrien (Westfranken), Gunthchramn im südlichen Teile des Reiches, der nach dem dazu gehörigen Hauptlande Burgund genannt wurde. Von der damals geltenden Sitte, einheimische, also nicht ebenbürtige Frauen zu heiraten, wich zuerst im Jahre 567 Sigebert ab, indem er sich mit Brunichild, der Tochter des in Spanien herrschenden Westgotenkönigs Athanagild, vermählte. Ihr feierlicher Einzug in Frankreich machte auf die Zeitgenossen großen Eindruck, der aus den Berichten des Hofdichters Fortunatus und des Historikers Gregor von Tours noch hervorleuchtet. Besonders aber stach den Herrschern die reiche Mitgift, die die königliche Braut einbrachte, der „Hort“, in die Augen; ist doch in jener Zeit die Größe des Schatzes, den ein König besitzt, bestimmend für die Größe seines Einflusses und damit seiner Macht. So verstieß denn auch Chilperich seine bisherigen Weiber (er hatte deren mehrere), unter denen Fredegund hervorragt, und bewarb sich um Brunichilds Schwester Gailswinth; sie ward ihm mit reicher Mitgift vermählt. Allein als Chilperich diese einmal in der Hand hatte, geriet er bald wieder unter den Einfluß der Fredegund und ließ Gailswinth erdrosseln. Dieser Mord war die Ursache der immer wieder ausbrechenden Fehden zwischen Sigebert und Chilperich, bzw. ihren Nachkommen, bis zum Erlöschen der einen Linie im Jahre 613.

König Athanagild war kurz vorher gestorben, und, da Spanien damals ein Wahlreich war, hier ein anderes Geschlecht auf den Thron gekommen; so fiel der Brunichild die Pflicht der Rache für den Tod ihrer Schwester zu. Die einzelnen Phasen des Kampfes brauchen wir hier nicht zu betrachten; kurz, im Jahre 575 gewann Sigebert vollen Sieg über Chilperich und ward sogar von den Neustriern als ihr König auf den Schild erhoben. Kurz darauf aber erlag er bei einer Heerschau in Vitry den Streichen der von Fredegund ausgesandten Mörder.

Von den in der Geschichte noch folgenden Ereignissen ist für uns nur von Wichtigkeit, daß Brunichild erst für ihren jungen Sohn Childebert († 595), dann für dessen Söhne, ihre Enkel, schließlich (613) sogar für ihre Urenkel die Regierung zu führen und ein mächtiges Königtum gegenüber dem trotzigen Adel zu behaupten sucht, zuletzt aber doch unterliegt: der Adel liefert sie 613 dem Sohne ihrer Feindin Fredegund, Chlothachari II., aus, und sie wird getötet. Nicht selten hat sie, gewaffnet zu Rosse sitzend, die Vasallen persönlich im Zaum gehalten.

Die Erinnerung an die große Regentin Ostfrankens ist jedenfalls lange nicht erloschen; so führt z. B. eine alte Römerstraße im südlichen Belgien noch heute volkstümlich den Namen chaussée Brunehaut (Brünhildenstraße), man hat also Kulturanlagen an den Namen der berühmten Königin angeknüpft; und am nördlichen Abhange des Feldbergs im Taunus heißt ein vereinzelter, vier Meter hoher Fels schon seit dem frühen Mittelalter der „Brunhildenstein“; wenn eine alte Urkunde für diesen die Bezeichnung lectulus Brunnihildae gebraucht, so dürfte dies nicht als „Bett“, sondern als „Königssitz“ der Brünhilt zu deuten sein; der gepolsterte Hochsitz des Herrn ist lectum (man vergleiche das altfranzösische lit de justice). Auf jeden Fall meinen diese örtlichen Benennungen zunächst die geschichtliche Königin und erst in zweiter Linie die aus ihr erwachsene Sagenfigur. Wohl aber kann die alte Lokalisierung der Gnitaheide (S. 19 Anm.) in der Nähe des Feldbergs durch den überlieferten Namen jenes Felsens veranlaßt sein.

In der Geschichte der Merowinger im 6. Jahrhundert finden wir, meine ich, alle wesentlichen Punkte der Siegfriedsage, wenn auch in anderer Gruppierung, beisammen, vor allem den Zank der Königinnen und als seine Folge die von Verwandten herbeigeführte Ermordung des Königs Sigebert, der seinen Zeitgenossen als der herrlichste Held unter seinen Brüdern erschien. Der Name Sigebert ist zwar nicht identisch mit Siegfried, allein dieser Name steht in unserer Sage ja auch nicht fest, da er nordisch Sigurd (das wäre deutsch Siegwart) heißt; wir finden also drei Formen nebeneinander, die althochdeutsch Sigiberht, Sigifrid, Sigiwart heißen würden; der zweite Teil ist verschieden, überall aber beginnt er mit Labial, schließt mit Dental und enthält r; die Vertauschung der Formen ist also leicht begreiflich. Der Charakter des Königs ist in dem des sagenhaften Siegfried leicht wiederzuerkennen; der Ort seines Todes ist in der nordischen Version (gelegentlich einer Volksversammlung) leidlich festgehalten. Die ausländische, reiche und waffengewaltige Brunichild deckt sich nach Namen und Charakter völlig mit der Brynhild der Sage; ihre Schicksale allerdings sind wesentlich verschoben. Die verhältnismäßig unbedeutende Gailswinth ist in der Sage vergessen; ihre Schwester vertritt sie mit: an Stelle der Ermordung ist das Herausdrängen aus der ihr rechtmäßig gebührenden Ehe durch ihre Rivalin getreten. Damit fallen zugleich Chilperich und Sigebert in eine Person zusammen. Nicht unwesentlich ist noch Gunthchramn von Burgund, der gelegentlich in den gewaltigen Frauenkrieg eingreifende dritte Bruder; er erinnert in Namen und Stellung so sehr an den alten Burgundenkönig Gundicari, daß man wohl annehmen darf, durch die Gleichsetzung beider sei die Attila-Burgunden-Geschichte mit der vom Kriege der beiden Königinnen und Sigeberts Ende vereinigt worden.

Die Vereinigung beider Erzählungen kann nicht vor der Mitte des 7. Jahrhunderts stattgefunden haben, weil doch mindestens etwa ein Menschenalter seit Brunichilds Tode vergangen sein muß, ehe die Erinnerung an sie und ihre Zeit so wirr werden konnte, wie sie bei unserer Annahme geworden ist. Infolge der Vereinigung ist dann Grimhild, die Hauptheldin des 2. Teiles, mit Fredegund identifiziert worden oder vielmehr dem Namen nach an ihre Stelle getreten. Das hat ohne weiteres eine wichtige Änderung zur Folge: ist Grimhild-Fredegund eine Schwester des Gundicari-Gunthchramn (wie die Attila-Burgundensage annimmt), so kann ihr Gatte Sigebert nicht ein Bruder des letztern sein; Sigebert scheidet deshalb in der Sage aus der Familie, der er historisch angehört, aus und wird zu einem Manne unbekannten Ursprungs oder, wie die Sage es ausdrückt, zu einem Findling. Damit ist ihr weiter Gelegenheit gegeben, an dieser Stelle noch andern Stoff anzuknüpfen.

Nach unserer Auffassung wäre also der erste Teil der Sage in Wirklichkeit um mehr als hundert Jahre später entstanden als die zweite; das darf uns nicht irre machen, denn es ist eine Eigenart menschlichen Erinnerns, daß alles Vergangene sich gewissermaßen auf eine Fläche projiziert und zeitlich unbestimmt nebeneinander liegt; verknüpft ein Späterer zwei in der Vergangenheit liegende Erzählungen miteinander, so hat er volle Freiheit für die Bestimmung der Zeitfolge. In unserer Sage hat der zweite, ältere Teil den ersten, jüngern bei der Vereinigung stark beeinflußt; der letztere ist eben deshalb schwer als Fortsetzung der ihm zugrundeliegenden historischen Ereignisse zu erkennen.

Siegfrieds Ermordung wird, wie wir gesehen haben, in Skandinavien und Deutschland verschieden berichtet: dort geschieht sie auf dem Ritt zur Volksversammlung (entsprechend dem Tode König Sigeberts 575), hier auf der Jagd im Odenwalde. Auch für die letztere Darstellung läßt sich unschwer eine historische Grundlage finden: der letzte König der ripuarischen Franken, Sigebert, wurde um 510 auf Befehl seines Sohnes Chloderich, den König Chlodowech dazu aufgereizt hatte, im Walde Buchonia ermordet; der Name Buchonia umfaßt die östlich des Mittelrheins gelegenen Waldgebirge, also auch den Odenwald mit. Die Übereinstimmung dieser historischen Angabe mit der deutschen Darstellung von Siegfrieds Ermordung ist so groß, als sie bei der Knappheit jener Überlieferung nur sein kann; wir dürfen also wohl annehmen, daß die Erzählung vom Tode dieses ältern Sigebert gelegentlich an die Stelle derjenigen, die den Mord des Jahres 575 berichtete, getreten ist; beide Sigebert wurden infolge Namensgleichheit zusammengeworfen, die Ermordung infolge Hinterlist der Verwandten von den Sängern bald nach der ältern, bald nach der jüngern Version dargestellt.

Aus der Geschichte der Merowinge stammt auch der Ansatz, daß die Burgundenkönige als in Worms regierend gedacht werden; der historische Gundicari kann nicht wohl an anderer Stelle als in der römischen Metropolis Obergermaniens, das war Mainz, seinen Amtssitz gehabt haben; in etwas späterer Zeit aber führen nur zwei Städte des fränkischen Reiches in Königsurkunden den auszeichnenden Titel civitas publica, weil sie königliche Pfalzen enthielten, nämlich in Westfranken Poitiers und in Ostfranken Worms (Rietschel, Die Civitas, 1898, S. 75); es springt in die Augen, daß der besondere Rang dieser Stadt die Ursache gewesen ist, die berühmten Könige der Sage in ihr hausen zu lassen.

d) Einzelheiten.

Nachdem durch die Verknüpfung der Attila-Burgundensage mit der vom Streite der Königinnen und Siegfrieds Ermordung deren Hauptheld aus der ihm historisch zukommenden Familienstellung herausgedrängt und zum Findling geworden war, gab das Rätsel seiner Herkunft die Möglichkeit an die Hand, eine bereits vorhandene Sage ältern Ursprungs vorzuschieben und anzuknüpfen. Im altenglischen Gedichte Beowulf wird gelegentlich Bezug genommen auf die Taten des Sigemund, des Sohnes des Wæls, und seines Neffen Fitela; gemeinsam, heißt es hier, haben sie alle Gefahren bestanden, nur die Tötung des Drachen hat Sigemund allein vollbracht und dadurch den großen Hort gewonnen. Die Geschichte von Sigmund und Sinfjotli (dessen Name ohne das vorgeschobene Sin- sich mit „Fitela“ völlig deckt) ist in der Volsungasaga ausführlich erzählt und nach ihr vorhin im Auszuge wiedergegeben worden; sie ist so, wie sie vorliegt, gewiß erst in späterer Zeit ausgestaltet worden, denn sie berührt sich in ihrem Verlaufe aufs nächste mit der nordischen Form der Attila-Burgundensage: Siggeir entspricht dem Atli, der die Verwandten seiner Frau in böser Absicht einladet, Signy der Gudrun, auch darin, daß sie die mit ihrem Gatten erzeugten Kinder der Rache am Gatten opfert. Also Beeinflussung durch den zweiten Hauptteil unserer Sage ist wohl anzunehmen, die alte Gestalt der Sigmundsage demnach schwerlich erhalten; daß Fitela im Beowulf Sigemunds Neffe heißt, ist natürlich kein Widerspruch, denn auch Sinfjotli wächst als Sohn der Signy von Siggeir auf, ist also zunächst nur Sigmunds Neffe.

Das Gedicht Beowulf schreibt dem Sigemund Drachentötung und Hortgewinn zu, also die Haupttaten, die sonst vom jungen Siegfried berichtet werden; da dies Gedicht überhaupt das älteste Zeugnis für unsere Sage ist, wäre es unmethodisch, einfach eine ihm untergelaufene Verwechselung mit Siegfried anzunehmen. Bei der vorgetragenen Meinung vom Ursprung der Siegfriedsage muß uns der Bericht des Beowulf vielmehr willkommen sein: Drachentötung und Hortgewinn wurden ursprünglich von Sigmund erzählt und erst nach Verbindung beider Sagen auf Siegfried übertragen. Sonst sind noch aus der Sigmundsage entnommen eben der Name Sigmund (in Deutschland ihr letzter Rest) und der (in Deutschland nicht geläufige) Geschlechtsname der Wolsunge. Den Ursprung der Sigmundsage aber aufzuhellen, gibt es kein Mittel, weil wir überhaupt keine unbeeinflußte Darstellung derselben mehr besitzen.

Aus den bisher vorgeführten historischen Ereignissen lassen sich wohl die Grundzüge der Nibelungensage ableiten, allein noch sind eine Reihe wichtiger Einzelheiten übrig, die vorläufig ganz unerklärt geblieben sind. Zuerst der Name „Nibelunge“ selbst. Er erscheint in Deutschland in zwei verschiedenen Bedeutungen, im Norden (wo er Niflungar heißt) nur in einer, die mit einer der in Deutschland üblichen zusammentrifft; methodisch folgerichtig kann man nur diese als die ursprüngliche ansehen: sie versteht unter Nibelungen das Königshaus und dann auch das Volk der Burgunden. Woher stammt der Name? Die einfachste Annahme wäre die, das burgundische Königshaus habe wirklich den Geschlechtsnamen „Nibelunge“ geführt (wie das ostgotische den Namen „Amelunge“ u. dgl.); allein die beglaubigte Geschichte gibt dafür gar keinen Anhalt. Als Personenname ist „Nibulung“ häufig in einem Zweige der fränkischen Arnulfinge: Majordomus Pipin der Mittlere († 714) hatte neben ehelichen Kindern mehrere unebenbürtige Söhne, von denen Karl der Hammer das Haus der Karlinge begründet, Childebrand aber der Vater des ersten bekannten Nibulung ist; der Name erscheint dann bis zum Schlusse des 9. Jahrhunderts noch häufig, und zwar immer so, daß man seine Träger als Angehörige jener Familie betrachten kann. Das sind aber alles Rheinfranken, also Angehörige jenes Volkes, das lokal der Nachfolger von Günthers Burgunden ist. Es liegt also nahe, anzunehmen, daß der Name eines im 8. Jahrhundert dort mächtigen edeln Geschlechtes auf die Familie der alten Burgundenkönige übertragen worden ist[40].

Die nur in Deutschland vorkommende zweite Bedeutung des Namens „Nibelunge“ versteht sie als die ursprünglichen Besitzer des „Hortes der Nibelunge“. Dieser Hort trägt seinen Namen sicher von seinen letzten Besitzern; nachdem man sich aber einmal gewöhnt hatte, ihn „der Nibelunge Hort“ zu nennen, übertrug man diese Bezeichnung auch in die Zeit, da er den Nibelungen noch gar nicht gehörte, und gab so Veranlassung zu der Annahme früherer Nibelunge, als der ursprünglichen Besitzer desselben.

Der Hort selbst versteht sich aus der Zeit der historischen Ereignisse und ihrer ältesten Umdichtungen unseres Stoffes ohne weiteres: er ist in jener Epoche zugleich materielle Grundlage und Symbol aller Königsgewalt. Man erinnere sich, welche Rolle die Mitgift der westgotischen Fürstinnen spielt. So war er geeignet, den roten Faden darzustellen, der durch die gesamte Erzählung sich hinzieht. Für seine Herkunft bot die angeknüpfte Sigmundsage eine geeignete Geschichte dar: er ist einem schatzhütenden Drachen abgenommen; das ist ein uraltes Motiv, das uns schon in den ältesten Sagen des klassischen Altertums entgegentritt. Über den Drachen hinaus brauchte man zunächst die Geschichte des Schatzes nicht zu wissen; spätere Wißbegier hat aber auch hier weitergehende Fragen gestellt und beantwortet. So entstand im Norden die Erzählung von Hreidmar, Andvari und dem Eingreifen der Götter; sinnig ist dabei die Habgier, die der Reichtum erregt, als Wirkung eines Fluches des ersten Beraubten hingestellt. In Deutschland, wo man die Zusammengehörigkeit von Drachen und Schatz früh vergessen hatte, entstand auf gleichem Wege, wie vorhin angegeben, das unhistorische Volk der Nibelunge.

Daß man sich den Hort schließlich im Rheine versenkt dachte, ist sicher eine Folge des Umstandes, daß man aus ihm Gold gewann: man betrachtete dieses Gold als Spuren eines (unseres) versenkten Schatzes.

Noch mangelt uns die Herleitung mehrerer einzelner Heldenfiguren, die gerade, je länger der alte Stoff lebt und besungen wird, um so mehr in den Vordergrund treten; von ihnen ist in erster Linie Hagen zu nennen; er war, wie die Übereinstimmung der nordischen und deutschen Version zeigt, schon in der ältesten erreichbaren Form der Nibelungensage als bedeutende Person vorhanden, hat aber in den historischen Vorgängen seine Erklärung nicht gefunden. In Deutschland gilt er als vornehmster Vasall Günthers und eigentlicher Mörder Siegfrieds; im Norden heißt er (als Hogni) Gunnars Bruder, direkte Tätigkeit bei der Ermordung Sigurds wird ihm nicht zugeschrieben. Welche Fassung in diesem Falle altertümlicher ist, kann nicht zweifelhaft sein: die deutsche; denn aus der Familie des Königs fällt er seines Namens wegen heraus: alle nahen Verwandten Günthers haben mit G beginnende Namen, in der Geschichte sowohl wie der Sage, eine Erscheinung, die in der altgermanischen Sitte und Sprache begründet ist; Hagen also gehört ursprünglich nicht zu ihnen. Siegfrieds Ermordung ist ihm aber sicher erst im Norden abgenommen worden, weil er, einmal zu Gunnars Bruder geworden, durch den eingegangenen Blutsbund an solcher Tat verhindert war; sie wäre zu schändlich und von solchem Helden nicht begreiflich gewesen. So müssen wir von seiner Stellung in der deutschen Sagenform ausgehen. Historisch könnte er höchstens die Fortsetzung des persönlich unbedeutenden Mörders des Sigebert, sei es des ripuarischen oder des Gatten der Brunichild, sein, also einer untergeordneten Person, die nur Werkzeug war; von diesem Ausgangspunkte aus begreift man den Hagen der Dichtung schwer.

Nun erscheint derselbe Hagen in einer andern, nahe verwandten Sage an bedeutsamer Stelle, die so beschaffen ist, daß ohne diesen Helden die Erzählung ohne Spitze wäre; hier ist er also im Grunde wichtiger als in der eigentlichen Nibelungensage, hier dürfte die Figur demnach ursprünglich erwachsen sein. Ich meine Walthersage. Sie ist uns frühzeitig berichtet und zwar 1. vollständig durch das um 930 entstandene lateinische Gedicht des St. Galler Mönches Eckehard I., und 2. in Bruchstücken eines altenglischen Epos aus dem 8. oder 9. Jahrhundert; beide stimmen so genau überein, daß sie eine deutsche Dichtung dieses Inhalts mindestens aus dem 8. Jahrhundert bezeugen. Der Inhalt ist kurz der folgende: Attila der Hunnenkönig überzieht die westlichen Länder mit Krieg; alle aber ziehen Unterwerfung vor, zahlen Tribut und stellen Geiseln: der König der Burgunden (die der Mönch Eckehard, an die zeitgenössischen Verhältnisse sich anschließend, Franken nennt) Gibich den jungen Edelmann Hagen, zwei andere, in Gallien regierende Herrscher, der eine die Tochter Hiltegund, der andere den Sohn Walther. Die Geiseln werden am hunnischen Hofe standesgemäß erzogen, und Hagen und Walther entwickeln sich zu gewaltigen Kriegshelden, die miteinander innige Freundschaft (den heidnischen Blutsbund) schließen; Hiltegund aber erhält die Aufsicht der königlichen Schatzkammer. Nun stirbt König Gibich; sein Sohn und Nachfolger Günther sagt den Hunnen sofort den Gehorsam auf und bringt dadurch seinen Geisel Hagen in eine gefährliche Lage, der sich dieser durch Flucht entzieht. Der nun allein zurückgebliebene Walther erficht bald darauf in Attilas Dienst einen großen Sieg; das zu seiner Feier veranstaltete Fest benutzt er, um ebenfalls der Knechtschaft zu entgehen: er verabredet mit Hiltegund, die er sich verlobt, den Plan zur Flucht, macht die Hunnen bei dem Feste trunken und entkommt mit ihr; den ihr anvertrauten Schatz nimmt Hiltegund mit. Als die Hunnen ihren Rausch ausgeschlafen haben, wagt keiner, den berühmten Kriegshelden zu verfolgen. So können sie ungefährdet den Rhein erreichen, den sie in Worms überschreiten. Durch den Fährmann, der sie übergesetzt hat, gelangt die Kunde an Günthers Hof; Hagen erkennt an der Beschreibung, wer die Fremden gewesen sind, veranlaßt aber dadurch wider seinen Willen den Günther, sie zu verfolgen. Im Wasgenwalde werden die Flüchtlinge gestellt und gegen Hagens Rat angegriffen; Walther aber erwehrt sich der Feinde. Hagen beteiligt sich zunächst, seiner Freundschaft mit Walther wegen, nicht; erst als dieser, obgleich gezwungen, den Patafrid, Hagens Schwestersohn, getötet hat, läßt er sich von Günther bestimmen, einzugreifen. Der Schlußkampf endet damit, daß die drei namhaften Helden, nachdem sie schwer verletzt sind, sich vertragen; Walther gelangt mit Hiltegund in seine Heimat.

In dieser Sage haben wir eine verhältnismäßig einfache Erzählung auf klar historischem Hintergrund. Die Rahmenerzählung benutzt die Tatsache von Attilas Feldzug nach Gallien im Jahre 451 und macht den Eindruck, als ob sie zunächst als Vorgeschichte der Attila-Burgundensage (des 2. Teiles unserer Nibelungensage) gedacht gewesen wäre, als sie noch ohne Siegfriedsage bestand; jene erzählt von der Vernichtung der Burgunden durch Attila, die Walthersage berichtet, wie die Burgunden den Hunnen zinspflichtig werden und wieder abfallen, gibt also eine Begründung für jene. Auf diesen Hintergrund ist nun die Erzählung von Hagens und Walthers Freundesbund und Kampf in einer Weise gebracht, die den Eindruck erweckt, als ob ein Dichter des 7. oder 8. Jahrhunderts das Problem aufgeworfen und zu lösen versucht hätte: wie hat sich der Krieger zu entscheiden, wenn er vor die Frage gestellt wird, entweder die Freundes- oder die Mannentreue zu brechen? Sie ist in der Walthersage zugunsten der Mannentreue beantwortet; die Verletzung der Freundestreue wird allerdings durch die vorhergehende Tötung des Patafrid erleichtert[41]. Jedenfalls aber hat der alte Dichter in Hagen den Typus der alle andern Rücksichten hintenansetzenden Mannentreue geschaffen; als solcher eignet sich Hagen, nachdem einmal die Siegfriedgeschichte hinzugekommen ist, vorzüglich zum Mörder des von allen sonst zu sehr verehrten Helden. Hagen ist somit keine historische, sondern eine durch die Dichtung geschaffene Figur.

Als Hagens Heimat gilt in der deutschen Sage ein geographisch ganz unbekanntes Tronje; schon die mittelhochdeutschen Dichter wissen mit diesem Ortsnamen nichts Rechtes anzufangen und identifizieren ihn gelegentlich mit bekannten, z. B. mit Troyes in der Champagne, oft aber erscheint statt Tronje direkt Troye, Troja (so in der Thidrikssaga); ja, schon die älteste Quelle, eben Eckehards Waltherdichtung, nennt Hagen venientem de germine Trojae. Nun ist „Tronje“ eine ganz undeutsche Bildung; wäre sie alt, so würde der Ort „Trünne“ oder ähnlich lauten müssen[42]. Da nun die Franken seit der Besitznahme Galliens sich nach dem Vorbilde der Römer trojanischer Abkunft rühmten, so ist mir immer noch das wahrscheinlichste, daß in Tronje eine verdunkelte Erinnerung an Troja steckt. Die fränkische Trojanersage spielt übrigens vielleicht noch an einer andern Stelle in unsern Stoff herein: darin, daß aus Siegfrieds Reiche im Nibelungenliede gerade nur das Städtchen Xanten genannt wird. Denn dies ist die Fortsetzung der alten Römerstadt Colonia Trajana, die man, nachdem Kaiser Trajans Gedächtnis erloschen war, als Colonia Trojana verstand; Xanten heißt daher auch Klein-Troja (lützel Troye). Doch höchstens in der Wahl gerade dieses Ortes für den Sitz Sigemunds hat die Trojanersage bestimmend gewirkt, sonst ist sie ohne Bedeutung für Siegfrieds Geschichte geblieben.

Neben Hagen tritt später in der deutschen Version sein treuer Kampfgenosse Volker der Spielmann; er ist dem Nibelungenliede und der Thidrikssaga gemeinsam geläufig. Seine Figur verdankt ihre Entstehung wohl den fahrenden Spielleuten, die nicht leicht unterließen, in den von ihnen behandelten Stoffen ihresgleichen möglichst in den Vordergrund zu rücken; in unserer Sage haben sie es, im Anschluß an damals geübte Sitte, dadurch getan, daß sie im Gefolge der namhaften Könige Spielleute auftreten ließen: bei Etzel den Werbel und den Swemmel, bei Günther den Volker. Während jene im Nibelungenliede einfache Leute geblieben sind, erscheint Volker aus der alten niedern Sphäre herausgehoben; den Grund erkennt man aus folgender Strophe (Text B 1477 Bartsch):

Wer der Volkêr wære, daz wil ich iuch wizzen lân: er was ein edel herre; im was ouch undertân vil der guoten recken in Burgonden lant. durch daz er videln kunde, was er der spilman genant.

Dem Dichter des Nibelungenliedes ist offenbar der einfache Spielmann nicht gut genug gewesen (ebensowenig wie der Findling Siegfried); er erhebt ihn deshalb zum edeln Herrn und erklärt die Bezeichnung „Spielmann“ aus seiner Kunstfertigkeit. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts hat ja auch die Annahme dichtender und musizierender Edelleute nichts seltsames mehr.

Schließlich tritt noch, aber nur im Nibelungenliede, Hagens Bruder Dankwart über das Durchschnittsmaß hervor; er ist des Königs Marschall und hat als solcher Führung und Pflege der großen Schar von Knechten, die mit nach dem Hunnenlande ziehen. Mit diesem Heere steht und fällt Dankwart: seine Figur ist von demselben Autor geschaffen, dem die verhältnismäßig einfache Grundlage der Erzählung nicht mehr zeitgemäß erschien, eben dem eigentlichen Dichter unseres Liedes. Wir haben bei der Analyse desselben vorhin gesehen, daß alle Szenen, in denen Dankwart auftritt, jüngern Ursprungs sind. Auffällig bleibt aber eins: im 1. Teile des Liedes tritt Dankwart nur einmal deutlich hervor, bei der Fahrt zur Brünhilt, die er als vierter neben den drei sagenechten Gesellen Günther, Hagen und Siegfried mitmacht; er ist also damals bereits erwachsen. Trotzdem sagt er später zu Blödel (B 1924 Bartsch):

ich was ein wênic kindel, dô Sîfrit vlôs den lîp,

könnte also danach zur Zeit jener Fahrt überhaupt noch nicht gelebt haben. Wir kommen hier um die Annahme einer Entgleisung unseres Dichters nicht herum, da ihm alles, was Dankwart betrifft, zugeschrieben werden muß. Ein solcher Fehler wiegt in einer Zeit, da Bücher nicht gelesen, sondern vorgelesen werden, nicht so schwer: der Leser kann, wenn ihm dergleichen auffällt, zurückblättern und nachprüfen, der Zuhörer aber wird durch den Strom der Vorlesung zu rasch weiter gerissen, als daß er sich lange bei Anstößen aufhalten könnte.

Soviel vorläufig über die Ausgangspunkte unserer Sage. Wir müssen nun zunächst versuchen, zwischen diesen Ausgangspunkten und dem Zustande, in dem sie uns in den literarischen Denkmälern überliefert ist, eine Brücke zu schlagen, mit andern Worten, die Entwickelung der Sage aus der historischen Grundlage zu begreifen.

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings