Manfred Georg Der Rebell Novelle
Reading edition

1921
München Roland-Verlag Dr. Albert Mundt
Geschrieben im Winter 1917 für H. S.
Als Robert Boor aus Lazarett und Waffendienst endlich entlassen sich wieder in den Fluß seiner Studienjahre schmiegen wollte, merkte er, daß er, wie auch viele andere, mit vergangener Zeit keinen Zusammenhang fand. Seine Erinnerungen schienen ihm verstaubt. Die Liebschaften junger Scholarensemester in Frankreich und in der Schweiz, einst die Quelle von friedlich lebenden Kameraden bewundernd gehörter Abenteuer, kamen ihm wie in süßlichrosa gebundene Dumasprosa vor. Die Debatten in Weinstuben und Klublokalen hallten ein leeres Echo. Halb von Begeisterungszunder verkohlte Taten ragten als verkrüppelte Wegweiser auf durchschrittenem Pfad. So hatte er nichts, was ihm wert genug schien, daß er es fortsetzte. Kurz entschlossen verkaufte er seine schöne Bibliothek, zu der er oft des Nachts in der Qual seiner Gedanken geflohen war, und trat in ein Bankgeschäft ein.
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Ruhig saß es sich hinter den großen, blanken Scheiben. Untergeordnete Arbeit verlangte nur Sorgfalt und Geduld. Es war ihm Ärgstes, wenn, hatte er schon einen Listenbogen vollendet, am Schlusse das Lineal abrutschte und der unregelmäßige Strich die Seite verdarb. Herr Stollweg hörte mißbilligend Roberts Seufzer. Sagte aber nichts, sondern bog sogar manchmal begütigend den Kopf zur Seite, als suche er dort etwas.
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Des Morgens lagen die Mappen, in denen er An- und Verkäufe von Wertpapieren zu registrieren hatte, auf seinem Platz. Wenn er abends gegangen war, holte sie ein Bote und brachte sie in die Buchhalterei. Alles ging in der weiten Halle,
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Robert mußte manchmal lachen, wenn er daran dachte, er habe einst Vasaristudien getrieben oder als Schüler berühmter Gelehrter heißen Kopfes über platonischen Dialogen gesessen. „Canadian Pacific 120 Prozent.“ Wie wundervoll nichtssagend war ihm dieses Papieres Name. Höchstens daß er dabei an Lederstrumpf und Büffel dachte. Seine Erinnerung verwirrte sich wieder und er riß sich zusammen. Geriet er in die falsche Zeile, war die Mühe einer Stunde vergebens.
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Gleichgültig aß er um zwölf Uhr sein Frühstück. Ohne Sehnsucht dachte er dann an Vergangenes. Wie schien ihm alles in flacher Linie zu liegen, winzig, nicht des Gedenkens würdig zu sein. Seine literarischen Versuche, sein erstes, nicht erfolgloses Auftreten in der Öffentlichkeit, sein heißes Werben um Sinn und Erfassung der unsterblichen Meisterwerke, — Robert grinste häßlich über die geläufige Folge
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„South India Railway“. Herrlich schrieb sich das Wort. Er verstand gar nichts davon. Unbestimmt wogte Ahnung in ihm von braunen, schwitzenden Arbeitern, die in Sonne getaucht für die Besitzer der Aktien frohnten. Dann ballte sich Roberts Faust. Aber scheu und ängstlich löste er sie sofort wieder, so daß das Blut aus der rissigen Daumennarbe gleichmäßig in die Handfläche strömte. Nicht zornig werden. Nicht die Fäuste krampfen. Sonst kommt es wieder; kommt das entsetzliche Wirrsal wieder. Die Buchstaben „Depositenkasse“ spazierten im Halbkreis rund und goldig auf der matten Glasscheibe. Hinten in einer Ecke diktierte der Filialvorsteher heiser und mürrisch einen Mahnbrief. Die Worte fielen ihm trocken, versengt aus dem Mund.
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Nachtsturm zerwühlte die Bäume auf dem Kirchhof von Messines. Von der Höhe entlud er sich schwarz und abfallend auf die Landstraße. Robert hielt mitten in seiner Schwadron hinter einem Wäldchen. Der Rittmeister klopfte nervös auf das Sattelleder und sah immerfort hastig nach der Uhr am Gelenk. Die Infanterie, zu spät aus ihrem Standort in Werwick abmarschiert, kam nicht. „Absteigen!“ flüsterte Befehl von Kolonne zu Kolonne. Die Dragoner glitten zur Erde. Aus unnatürlich geweiteten Augen schrie es wie Bitten zu den Leutnants. Robert tastete nach seinem Spielkameraden Peter, der neben ihm hockte und Unverständliches murmelte. Die Karabiner, geprüft, knackten wie scharf zertretenes Holz. Langsam verlor sich das Schnauben der zurückgeführten Pferde. Die Menschen, letztes Leben in der Brust, blind gebetet
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Mit hurtigen Schritten trappelten am Abend, wenn sieben scharfe Schläge die hohe, steife Standuhr in den Saal warf, aufgeregt die Bureaufräulein an Robert vorbei, Sehnsucht nach Schwatz mit dem bestellten Liebhaber oder einem friedlichen Abendbrot an runden, behaglichen Familientischen in den Blicken. Gemessen grüßend, immer noch stolz auf den für zwanzig Dienstjahre von der Bank gestifteten Jubiläumsüberzieher, schritt Herr Stollweg ihnen nach. Andere folgten, und ihre Sprache überstürzte sich im Gefühl soeben gewonnener Freiheit. Wenn der Hausdiener Limm durch Schlüsselrasseln seinen Unwillen über Roberts Hindämmern vor schon aufgeräumtem Tisch demonstrierte, erhob sich auch er. Bewußtsein vollendeten Tagewerks ließ ihn nicht schneller die abendliche Straße hinaufschlendern.
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Saß er dann auf dem kleinen Balkon seines möblierten Zimmers vor dünnen Stullen und verpanschtem Bier, hob er manchmal den Blick. Glaube, ein Wunder müsse geschehen, erfüllte ihn plötzlich heiß. Aber gleichmütig zogen die Rauchfahnen der städtischen Fabriken von Ost nach West über die Giebel. Im Hofschacht quoll blaurote Wäsche aus den Fenstern. Die Geranien, verblüht, lösten sich und ließen leise ihre Blätter in die Tiefe segeln. Die tanzten eine Weile, wie nach der Höhe und dem Lichte verlangend. Im dritten Stock schalt eine laute Stimme. Irgendwo schmiß jemand heftig mit Türen. Die Dunkelheit kroch langsam an den Hauswänden empor. Robert sah zu, wie sie ihm die breit auf den Tisch gespreizten Finger überflutete.
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Dann ging er hinein und warf sich aufs Sofa. Klopfte mechanisch mit dem Haken gegen die Seitenlehne. Summte bisweilen. Falsch und eintönig irgendeine Wortfolge. Allein, alleine, heute alleine, morgen alleine. Und Zorn schwelte langsam in einer Ecke der Stube und brannte ihn. Warum? Warum nicht mehr studieren, lesen?! Nur weil Peter tot war und noch immer Krieg im Land? Laß die Toten die Toten begraben. Kann ich dafür, daß er fiel? Kannst dafür, kannst dafür! Räche ihn. Warum nicht mehr lärmendes, wohltuendes Ereifern in Disputen, warum keine kosende Liebelei mit zierlicher Grisette?! Vorbei, vorbei, abgestandene Freuden, widerliche Schamlosigkeiten. Kriechen vielleicht zur selben Zeit wieder hundert Peter herum und versiegen in Blut und Schmerz. Ein einzelner bin ich. Kann nur schreien. Nein, nicht einmal schreien. Stände ich auf freiem Platz und täte so, stopfte mir schon gelb behandschuhte Schutzmannsfaust den Mund. Mitten zwischen die Augen. Und hatte doch mit mir Reifen gespielt und Flitschbogen geschnitzt. War hoch auf Boltenbecks Karussell einhergefahren. Was nutzte mir Wissen von Augustin und dem heiligen Franz?! Ach, schön ist es auf der Bank. Zahlen, Zahlen, nichts als Zahlen. Sind zu malen, sind zu malen. Himmelherrgott, bin ich denn verrückt? Verzweifelt sprang Robert auf. Rieb ein Streichholz an. Das Gaslicht surrte trübe auf. Er kramte unter den wenigen Büchern, die unbezähmte Lust ihn trotz aller Gleichgültigkeit zu kaufen getrieben. Aber der Worte Sinn zerfloß ihm. Gerede, Rethorik, Pathos, Tändelei. Wozu?! Die, zu denen mit Feuerzungen gesprochen wurde, tanzten vor Jubel bei Nachrichten von gut gesprengten Minenstollen und ersoffenen Matrosen. Wie sie gestöhnt hatten, Senegalesen und Westpreußen, Sachsen und Gascogner, in dem Lazarett, wo er im Nervenfieber vierzig lange Tage auf dem schweißdurchnäßten Laken vorm Tode gezittert und vorm Leben gebangt.
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Nun hatte er sich doch verleiten lassen. Fünfzig Groschen waren vom kargen Gehalt übriggeblieben. Schon saß er wieder in seinem geliebten Prinzentheater auf einem hinteren Parkettplatz. Es tat ihm leid. Das weiche Polster unter ihm brannte ihn. Die Leute schwatzten rings aufgeregt, begierig auf das Spiel, der Straße noch nicht ganz entfremdet. Wie fern ihre Erregung Robert schien. Er saß wie hinter einer Glaswand. Fest eingekerkert in seine Elendsaura, die nichts Fremdes zu ihm hindurchließ. Sein Blick strich schwerfällig in die Runde. Über erhitzte Gesichter Ankommender, in behaglicher Erwartung schon mit ihren Sitzen innig Verwachsener, über Frauenprofile, die nach Logen spähten, und volle Männergesichter, die quellend über weißem Kragenturm herunterglänzten. Wächsern sah das alles aus. Unheimlich, automatisch eingelernt. Und ich mußte meinen Freund erschießen? Für wen denn? Für die da? Einer jungen Ehefrau Kopf lugte verloren zwischen den Schatten einiger Fräcke. Die sinnlichen Lippen klafften unbeherrscht durch die Hitze des Saales, und sie feuchtete sie mit einem flinken Züngeln. Robert starrte sie an. Seltsam. War er allem so
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In der Pause lehnte er im Gang an einem Pfeiler. Noch rauschte die Musik in ihm. Es schmerzte. Kaltem, finsterem Gebirg gleich schroffte sich Erinnerung in seiner Brust auf und stieß spitz bis in seine Kehle. Aber darüber flogen die Melodien wie ein Schwarm Vögel, der über heimatlichen Auen jubelt. Vor Robert drehte sich der Korridor mit seinen schreitenden Menschen wie ein Filmbild ab. Er stand und horchte beglückt auf das Konzert in seiner Brust. Plötzlich mußte er unwillkürlich die Augen schließen. Jemand hatte ihn angesehen. Aber als er danach forschte, drehte sich bereits wieder der Strom. Und in ihm sang es weiter. Schon fühlte er, wie in ihm der Wille irgend etwas zu tun, freundlich zu lächeln, verbindlich zu grüßen oder einmal zu pfeifen, wie ein helles Schiff mitten in das Geschwader seiner wolkigen Gedanken hineinsegelte. Da schritt wieder das Fremde vorbei. Er spürte es und tat seine Augen weit auf, voll sehnenden Willens, es nicht zu lassen. Da wich ihm unwillig über das hinterhältige Netz seiner Blicke ein überglühter Mädchenkopf aus und tauchte im Gewühl unter. Nur blaß blieb ein Eindruck. Scheu-feindselig das Forschen um die Brauen zur Strenge plötzlich gefaltet. Ruth, die Ährenleserin, auf dem Felde. Er neigte wie ein aus dem deckenden Haufen ziehender Genossen plötzlich in freies Kampffeld Vorgestoßener den Kopf und hob den Arm zum Schutz seiner Wehrlosigkeit. Dann tappte er dunkel zu seinem Platz.
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Wieder nahm ihn Musik und schleuderte ihn, losgerissen, weiter ins offene Meer. Er regte sich tastend. Nicht starb er
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Auf der Treppe wurde Robert hart an das Geländer gepreßt. Ein wenig kurzsichtig, tastete er unsicher die Stufen hinunter, die Hand auf dem Leitsteg. Da stolperte etwas hinter ihm, eines Frauenkörpers Nähe schüttete einen taumeligen Schuß Parfüm über Gesicht und Hals und eine Hand tappte schwer und eine Stütze suchend auf die seine. Zwei Ringe brannten ihm tief ins Fleisch. „Verzeihen Sie bitte.“ Über das Gedränge und seine Fährlichkeiten einige unverbindliche Worte tauschend gelangte er mit der Fremden ins Vestibül. Sie hatte ein Neigen des Kopfes, das züchtig schien, sich aber bei näherem Zusehen als die Gespanntheit einer Wildkatze entlarvte. Robert dachte an die Scheue aus der Pause. Wo? Aber das Bild verwischte sich traumhaft.
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Kaum daß er’s merkte, war er mit Sonia, wie Brocken ward der Name hingeworfen, schon ein Stück Straße hinuntergeschritten. In der Wärme einer Kakaostube ihre Glieder fühlend blickten sie sich einander an. Sein verzerrtes, in Bitternis spitz nach dem Kinn hin zusammengefaltetes Gesicht löste in ihr Freude aus. Rasch durchbrach sie alle Dämme des Vorspiels, trieb ihn, kaum daß er sich wehrte, rasch aus den Positionen der Konvention, und schickte sich
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Die Stube brütete warm wie ein Raubtierkäfig. Robert lag gestreckt auf die Chaiselongue und blickte zum Fenster hinaus. Gewißheit tropften die Sterne. Unabänderlichkeit. Die Nacht tönte. Die Höfe schollen vom Atem der Schläfer wie riesige Trompeten. Lauschend bog er den Kopf vor. Da — weit hinten stieg ein Schrei auf. Anschwellend. Wachsend. Als ob jemand geschlachtet würde. Stieg. Und stieg. Robert warf sich ein Kissen über das Gesicht. Er hörte, wie der Schrei sich abstieß von der Erde und flog. Herflog. Europa schrie. Ein Verwundeter schrie. Nun hatte der Schrei sich in Wolken eingenistet, Sturm blies ihn auf, jetzt war er über der Stadt. Breit wie ein Mantel überdeckte er sie. Senkte sich. Zerfetzt floß ein Kreischen heraus. Sausend stürzte er in den Häuserschacht, rannte sich steil an den Wänden und spie zerrissen sein Echo wieder empor. Die Fenster bogen sich unter dem Anprall. „Peter! Was willst du?! Ich schieße ja schon!“ Robert flog aus den Decken. Sein Körper leuchtete zitternd
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In den nächsten Tagen gebar sich in Robert eine Unruhe, von der er nicht recht wußte, wo sie entsproß. Pochte der Briefträger an den Flurtüren der niederen Stockwerke, flog schon Robert, Sinnlosigkeit dieses Entschlusses verzweifelt erfassend, zum Flur. Langsam stieg dann das Stoppelgesicht des Postboten aus der Versenkung der dritten Etage und schwenkte in verwunderter Verachtung hinauf zum Dachgang, um auf der anderen Seite des Hauses endlos die Stiegen hinabzuklopfen. Kann sie mir schreiben? grübelte Robert im Dunkeln, die Zwecklosigkeit dieser Frage bitter im Munde
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Unterdessen begann der Winter. Auf Roberts kleinem Balkon polsterten sich Gitterstäbe und Borde mit einem harten Weiß. In den Gebirgen und Ebenen rings um das Land nahm der Krieg seinen Fortgang. Nur erstickten dumpfer die Kanonenschläge in der Schneeluft, schwächer klang der Todesruf derer, die in den flockenweichen Abhängen letzter Spannung Grauen erfuhren. Hiobsposten wechselten mit Freudenbotschaften. Schamlosigkeit aller Gier wuchs täglich. Die Löhne stiegen, aber das Geld fiel. Verbissen trug
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Eine Kolonne Soldaten trappte in schwerstiefeligem Marsch zum Bahnhof. Längst gewohnt, die abschiednehmenden Blicke Ausziehender ohne Scheu und Reue zu ertragen, bliesen Passanten die Winterluft mit dicken Backen und strudelten sich in den Dampfwölkchen weiter. Vor Robert mußte ein Herr im Pelz, kleine blonde Büschel in den Ohren, plötzlich im Takt mitlaufen. Das linke, auswärts gekrümmte Bein kam nur mühsam nach vorn. Hatte die Soldaten Beachtungslosigkeit geschmerzt, so erregte sie dies forsche Mitkrabbeln des Pelzträgers. Vom Takt gehemmt, wagte jedoch keiner Ausbruch. Robert sah den nickenden Zylinderturm, roch eben peinlich vollendete Frisur. Was hatte sich der mit den trübem Tode verlosten Menschen zu identifizieren? Ein grauhaariger Rekrut, in weiter Samthose schwimmend, stieß einen anderen an. Machte ihn aufmerksam auf den fetten Faun, der gutes Frühstück im anmutig geschwellten Leib Sympathie erweisend mitlief. Finsteren Blicken erwies der freundliches Lächeln. Fühlte schon ahnungslos nach der Zigarrentasche im Rock. Trippelnd legte er sich eine Rede zurecht, denn gestürzter Omnibus an nächster Straßenkreuzung versprach Stauung. „Na, mein Lieber, noch was Rauchbares vorher?“ Der Soldat schob ablehnend seinen platten Daumen
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Robert trat in einen kleinen Buchladen, dessen viereckig mit freundlichen weißen Leisten eingerahmte Auslage kennerischem Beschauer ein ergötzliches Durcheinander bot. In engem Raum standen dicht auf schmalen Borden, farbige Tapeten zum Hintergrund, eine Unzahl erlesener Werke. Verwirrt über die Anfrage nach seinem Begehr, die ein schöngescheiteltes Mädchen mit leichter Verneigung an ihn richtete, stammelte er etwas von „aussuchen“. Sonderbare Kunden gewöhnt, ließ sie ihn stehen. Die zarten und wuchtigen Titel auf den bunt gemengten Bücherrücken redeten Robert längst verhallte Sprache. Er las sie in leisem Rausch wie jemand, den heimischer Marktplatz nach langen Jahren mit vertrauten Schildern grüßt. In grüne Leinwand gebunden lag vor ihm ein Werk von quadratischem Format, mit zierlichen Goldleisten geschmückt. Er schlug es auf: Strindbergsche Märchen. Gerade in das vom versunkenen Klavier geriet er. Bei einer Feier hatte es die Bertens vorgetragen.
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Die Fremde, halb zu ihm gewandt, lächelte in einer scheuen Vertrautheit. Bog den Kopf ab, als er sie ansprach, wich jedoch nicht vom Wege. In dem Handdruck, den sie ihm bot, floß tiefes Erkennen. Zwei grüßten sich, die Leere verronnener Monate wie einen Leichnam zwischen sich liegen sahen. In gleicher Senkung hob sich über ihn hinweg ihr Schritt die Straße hinauf und schlug den frühlingskalten Asphalt in halblautem Gleichklang. Gespräch sprudelte aus Robert, klar und wild, wie Quelle aus längst versiegtem Gestein. Hilde Sintram, lang und kühn ausschreitend, hörte nur. Ab und zu löste sich in ihr ein Ausruf und flog munter dazwischen. Aus mystischer Nacht wieder Land schauend, tastendem Gefühl lange geahnten Halt gebend, freute sie sich harmlos des Wiedergefundenen. Damals in Sehnsuchtsstarre in die Säule des Korridors geschmolzen war er ihr wie ihr versteinter Wille erschienen, den rätselhaft wer aus ihr herausgestellt hatte. Über von sorgsamen Eltern sacht gebildete Lebensform, unaufdringlich von geeigneter Umgebung angewandten Zwang, Uniform der durch Geburt erworbenen Klasse zu tragen, über den von dumpfen Jahrhunderten rastlos und egoistisch eingehämmerten Frauentrotz absoluten Auflehnens von vornherein, ja über die instinktsichere Ablehnung der etwas gefransten Manteltasche flutete in Wogen das Vergessen. Hilde Sintram schwamm auf seinem Ozean, die Dunkelheit im Rücken, und Roberts Jubellied fuhr in den Lüften mit ihr. Er ging, ausgeweitet den Rücken, in ungewissem Erstaunen,
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Losgelöst von jeder Einsamkeit wucherte bis zu jenem Tage Robert über die Ränder seines Wesens wie jäh erwärmter Kressesamen. In seiner Rockärmel glattpolierten Aufschlägen sah er mit blamabler Leichtfertigkeit die Sonnenreflexe sich überspielen. Das Neue eines Menschen um sich gewahrend senkte er querköpfige Erinnerung in Gruft. Sein Lächeln begann den Modergeruch zu verlieren. Zahnbürste am Waschtisch früh ward neues, seltsames Instrument. Die angefaulte Hundetöle an der Bodentreppe, schnappend sonst und die Verachtung des Vorübergehenden bleckend abweisend, ringelte mühsam den Schwanz über zusammengesparte Wurstpellen. Nur leise, fernsten Horizont umfahrend, segelte Gedanke einer Katastrophe auf. Ein Klirren in ihm, ein Kratzen, riß sich vorsichtig durch alle befreienden Rücksichtslosigkeiten, die sich drängend zum Riesenwall in ihm türmten. In den Nächten, wenn der Mond schief gegen das Haus stand und die Wasserflaschen unter seiner Berührung verhalten zu singen begannen, brach manchmal aus der eisern zusammengehaltenen Gedankenschar einer aus und versuchte, die neuerrichteten Bastionen zu inspizieren. Aber da hockten die fremden Wachen der Hilde Sintram, deckten mit ihren Mänteln vermorschtes Geschütz und geleimte Brustwehr und stürzten die Mondwandelnden durch beherzten Anruf in die Tiefe. Stets frischer floß der Morgen herein. Und in Regeln fand schon Robert Sinn, noch ehe stärkere Proben abgelegt waren.
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Halb fertig gebaut, mit gipsbesudelten Gerüsten auf einer Seite trostlos aufgezäumt, dämmerte der kleine Vorortbahnhof vor sich hin. Sich vorstellend, weit ab, irgendwo in einem fremden Land zu sein, kam er schon nur in einen anderen
Mors stupebit et natura, Cum resurget creatura, Iudicanti responsura.
Liber scriptus proferetur, In quo totum continetur, Unde mundus iudicetur.
Robert schüttelte den Kopf. Fenster, seidig Lampe verhüllend, glaste vor ihm wie Leuchtturm. Daß die Hosen weit über die Knöchel sich hoben, reckte er sich. Frei! Frei werden! Fiedelte ein Lied sich durch das Hirn: „— traben hin durch helle Lande.“ Schon schnaubten ungesattelte Rosse apulische Ebene hinauf. Stand da ein Schatten am Baum! Uniform, zerschlissene, flatterte wieder in Regenluft, gelbverschlungenes A auf der Achselklappe?! Bange flüsterte Robert:
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Einige Köpfe verschwammen. Im Halbbogen hoben und senkten sich von den Stühlen vornehm und ruhig der Vater Hildes und vorgestellte Bekannte in Verbeugung. Erwartung umfloß Robert. Er fühlte, wie mit ihm etwas Fremdes, Feindliches in diesen Kreis trat, als hätte er einen Fetzen rauhe Luft von der Straße mit hereingebracht. Doch ließ er sich in die ihm neue Behaglichkeit, die nicht dumpf war und Haltung hatte, wohlig fallen und reihte sich ohne Umstände ins Gespräch. Obwohl er merkte, wie seine Worte gleich kantigen Steinen die feinen, in nervöser Zurückhaltung spinnedünn geknüpften Netze dieser Unterhaltung zerrissen und schwer zu Boden fielen. Niemand hob sie auf. Hilde kauerte in mutwilliger Hingerissenheit halb auf ihrem Stuhl und ermutigte ihn kaum. Neben ihr eine Cousine, tief in die Schläfen schwarzes und künstlich gewelltes Haar gebuscht, musterte Robert, ohne sich, es gern zu tun willens, zu seiner völligen Ablehnung entschließen zu können. Das Gespräch rollte in langlinigen, ausgeglichenen Wellen um die Tanzkunst einer Dänin, die die Stadt seit einiger Zeit zu lebhaften Anmutsstudien aufreizte. Robert versuchte, einige Worte zu sagen, um nicht ganz teilnahmslos zu erscheinen; aber von grenzenloser, sachlicher Unwissenheit in den behandelten Dingen mußte er sich mit einigem Kopfnicken begnügen. Als Hildes
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Sie hatten beschlossen, statt des Rittes zu wandern. Nun streunten sie durch den Wald. Hilde führte. Warf sich mit dem ganzen Körper in die jungen Pflanzungen. Verhalten in
„Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wer ist geboren in der Tiefe des Ozeans, Koralle so verwurzelt, steigend durch die Stürme der Jahrtausende zum Licht?! Ich bin erdverklammert wie der Fels, luftgelöst wie die Wolke, heiß wie die Mainacht zwischen Liebenden, kühl wie die Angst, die den Henker umsteht.
Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wilde Fahne umbraust mich mein tödliches Haar, liebliches Lied umsäumt es die Gipfel meiner Brauen. Sturm zischt mein Odem, streichelt die Wunden und heilt die Kranken. Scharen stampft mein Fuß aus der Erde, Scharen streicht meine Hand von der Tafel des Lebens. Beugten sich viele über die Narbe am Gelenk. Zackig droht sie und verspritzt sich böse in Haut. Aber zwischen Kuß und Schauen stand die Furcht. Denn wenn ich bin, bin nur ich, und es verdonnert die Welt fernab ins Leere!
Ich bin ins All geworfen. Riesiger Schatten, der von mir fällt, verdeckt es. Ich bin über den Himmel gespannt. Bin Himmel. Wer in mich eingeht, dem verrauschen die Stunden, verrast die Zeit. Er verhungert in dem Sturz meiner Pracht.
Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Ich bin das Meer und das Gebirge, der Tag und die Nacht. Ich zerbreche und segne, ich erhebe und verfluche. Ich, ja, Göttin, die Blitze aufgebündelt in süßgespannter Faust, ja, ich verfluche. Niemand komme, mir Schmerzen zu klagen, niemand komme, mir Freuden zu sagen, niemand komme, mit mir zu teilen, niemand komme, behaglich zu weilen; niemand flehe, niemand bete. Nur da sei er. Ganz! Ganz! Wie ihn die Mutter erschuf.
Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Nur, wer kommt ohne Reue und Last, ohne Blick zur Seite und Fragen.
Schlag um Schlag hatten Hildes Worte den Tag, der wie ein orgeldurchströmter Dom über ihr und Robert stand, in Stücke gespalten. Vor Robert schien sich ein Vorhang zu senken. Eine Weile noch schimmerte das Licht von Hildes hellem Kleide hindurch. Dann lagerte er in trüben Wogen zwischen ihnen. Auf seinem Tuch aber erglänzten wie Stickereien und kindliche Symbole Bücherberge, gestürzte Lafetten, ein Menschengewimmel um Rednertribüne, schlanke Tänzerinnen, ein Reiter in einem Saatfeld kam von weitem geritten, wurde größer und hielt schäumend an, Peter, seinen Kopf in der Hand darbietend, Rauch, von Schüssen durchblitzt, wurde weiße Wolke, öffnete sich über fliederumduftetem Teetisch in Hildes Villa — oh — — —
„Ganz, wie ihn die Mutter erschuf!“
Hilde schien weitab auf einem Berg zu stehen. Blinkte etwas. Schoß wie Haß vom Boden sich ab. Auf Roberts rechtem Schuh war der Lack von einem Knopf gesprungen. Gelb grinste der Entblößte. Rüster beschien er in seiner Nachbarschaft. Und armselig der Geste und dem Wink der Armut unterlag Robert außen wie innen. Er sah nicht, wie die Muskeln Hildes erwartend sich dehnten, sich um ihn zu schließen. Zusammenzufallen, wie eine geflickte Pappe fürchtete er
Steif stand er, schwärzlich, verlegen, ein verbrannter Kreuzespfahl, unselig, in der Landschaft.
„Ewig bin ich. Ich warte. Ewig bin ich da. Ich warte auf dich!“ Tanzend verlor sich Hildes Gesang und spannte sich hinter ihr wie ein Segel über den Strand.
Robert wandte sich. Unendlich langsam. Mit jedem Ruck mußte er die ganze Welt mitziehen. Aufgellend jagten ihn schließlich Gewitter vom Ort seiner Entscheidung.
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In der Nacht formten sich alle lungernd hingebrachten Stunden, Sorgen um Brot, Graupen und einfaches Bier, verwirrtes Augensenken vor gewaltigen Versen, rätselhafte Erschütterung im Übersturz der Musik und der sicheren Haltung des wohlgekleideten Nachbarn in der Elektrischen zu einer Wolke von Haß, die undicht kaum das Bündel Blitze in sich halten konnte. Überreizt und hell strahlte Bewußtsein auf, Erkennung seines Proletentums, von allen ausgenutzt, Brandmarkung der Geste des Rebellen, in der Ohnmacht verachtet, im Sieg noch verlächelt. Aber hervortreten wollte er wie ein Gott, Schrei von Millionen in der Kehle fühlend. Ging nicht das Beste, was der Gegner besaß, seine Frau, zu ihm über? Zweifelte sie nicht schon an der Unerschütterlichkeit
In sein Hirn schrieb der immer noch wache Mond vor kurzem gelesene Verse eines Bruder-Dichters:
„Unwürdig zu Füßen dem Weib, Der unerstürmten Belacherin, Lebensverwüsterin, Heute zertrampelt von Launen, Scheinmorgen borgend aus gnädigen Worten — Liebe ersehn’ ich, endlose Liebe.“
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Und plötzlich, wie wenn ohne zu zerfallen von einer Mumie sich die Hülle löst, stieg von Robert die Kontur seines Körpers auf und dehnte sich schwach in die halbhelle Stube hinein. Allmählich gerinnend setzte sie sich auf den Bettrand. Zog die Kleider an. Robert, erst unsicher blinzelnd, fühlte, wie unter den flinken Gebärden ihm die Hose am Leibe aufwuchs, feste Stiefel sich unter hastig zuschnürenden Händen um die Fußgelenke preßten. Dann stand er auf und ging und nahm vom Garderobenhalter seinen Mantel, einen einfachen grauen Militärmantel mit der eintönigen Unteroffiziersborde. In den Straßen brannten grün und traurig die Laternen. Alle Läden waren verhangen. Der Restaurants gardinenverhüllte Riesenscheiben ließen nur die verzerrten Gebärden essender Menschen phantastisch auf und abschnellen. Der Himmel schien wie ein bleiernes Dach, in das quadratische Lichter die Sterne gerissen waren, dicht auf den Häusern zu liegen. Die Robert Entgegenkommenden glitten ohne den beruhigenden Klang des Auftretens an ihm vorüber. Manche Münder schienen in verhalltem Schreck noch aufgerissen. Ein Schlächtergeselle
Überall standen erschreckt Aufgesprungene. Die Frackhemden Ungeheuere in den Saal. Krücken fielen über weinrote Gesichter, im Schreck verklammt stickte an einem hineingestoßenen Armstumpf ein gigantischer Fresser; ein blinder Ulan hatte ein Mädchen erwischt und hielt sie am Hals. Er quietschte: „Ein süßes Tierchen. Ich hab’ ein süßes Tierchen.“ Chaos von Schreien, Schüssen und Mord dampfte auf. Peter aber blies auf einer Kindertrompete: „Wer will unter die Soldaten?“ Nach jeder Zeile wischte er sich über die Augen. Denn an der Decke der Sekt hing nun wie ein Geschwür und tropfte ihm schwarzgalliges Blut über den Totenschädel. In das Gemetzel um Robert spielte von weitem ein Ton: Denn es ist nicht wirklich und wahr. Da sah er, wie Hilde aufstand und wandelte.

Anmerkungen zur Transkription
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen. Lediglich die folgenden Korrekturen wurden vorgenommen:
... „Canadian Pazific 120 Prozent.“ Wie wundervoll ... ... „Canadian Pacific 120 Prozent.“ Wie wundervoll ...
Die 3. Zeile des 4. Verses des Dies Irae ist im Original weggelassen, findet sich aber in späteren Ausgaben: ... Iudicanti responsura. ...
... rote Fahne. Unter ihren Schwingen brach das Ungeheuer ein ... ... rote Fahne. Unter ihren Schwingen brach das Ungeheuere in ...