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Der Mann im Nebel

Front matter (continued 2)

Reading edition

"Nee."

"Hört de to 'n Haf?"

"Nee."

"Wen hört se denn?"

"Peemöller sin."

"Wat deihst du hier denn?"

Der Junge wandte sich verlegen ab.

"Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?"

Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg.

Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstück und ging weiter.

Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zögerte er.

Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen den hohen Parkbäumen herüber.

Er fühlte ein Verlangen nach Fides, ein eifersüchtiges Verlangen, mit ihr über die Sassnitzer zu sprechen.

Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage entschuldigt hätte.

Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleine Laube hinter dem Hause.

Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Hühner kamen und bettelten.

Sch, sch, jagte er sie.

Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten die Hälse und blinzelten ihn an.

Aber er hatte nichts für sie übrig. Er kritzelte in sein Tagebuch.

8.

Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune. Es war, als hätte ihm nur dieser Regen gefehlt.

Der Himmel war gleichmässig bewölkt, alles Laub feucht und glänzend. Beständig tröpfelte es von den Bäumen, von den Hecken, hing in tausend blitzenden Perlen an den Gräsern, an den Ähren, die noch ungeschnitten auf den Feldern standen, und an den Ähren, die schon in Garben zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der Veranda tröpfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und plätscherte aus der Traufe in die grosse Tonne.

Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerückt, sass vornüber gebeugt, die Hände zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche Regenmusik mit entzücktem Ohr. Er war ganz glücklich in einer sanften, zufriedenen, dankbaren Stimmung.

Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte endlich die Einladung wenigstens für einen Tag angenommen und war dann doch für die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht.

Er hatte sie halb am offenen Fenster verträumt, voll von den Gesprächen des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem Lichte ihrer Augen.

Sie hatten über die Krügers gesprochen, über den Segelsport, und er war wieder in seine nautische Schwärmerei verfallen und war wieder auf seine Kapitänsaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen für die Geschlechter gegen die plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als sie selbst sein wolle?

Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnäckig immer wieder auf den Geburtsadel zurück.

"Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind die feinsten, höchsten Kräfte der Familie, des Stammes, der Rasse bis zur Blüte getrieben."

"Bis zur Überkultur!" warf der Graf ironisch ein.

Aber Randers liess sich nicht irre machen.

"Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine höchsten Güter nicht preisgeben, seine Exklusivität bewahren. Da darf sich nichts eindrängen, was nicht hineingehört, nichts Fremdes, Zerstörendes, Nivellierendes."

"Sie plaidieren für standesgemässe Verbindung," warf Fides etwas spöttisch ein.

Ihr Spott kränkte und reizte ihn.

"Ja," sagte er.

"Auch bis zur letzten Konsequenz?"

"Ja, wie so?"

"Sie würden selbst unter keinen Umständen eine Aristokratin heiraten?"

"Nein."

Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus nicht mit lächerlichen Absichten und überhebenden Hoffnungen trug. Jetzt konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme einer norwegischen Hirtin.

Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt.

"Ich habe alle diese Zeit darüber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen, Komtesse."

Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurück, um von den Tropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden.

"Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?"

"Sie waren nie in Norwegen?"

"Nein."

"Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen den Schären. Klar und blank, und blau, als läge der Himmel zu ihren Füssen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe, die wundersame, beängstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und über dieser Tiefe das goldige, grüngoldige Flimmern der Sonne, und in diesem Spiegel die Felsen, die Wälder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so sagen, wie es ist."

"Und das alles finden Sie in meines Augen?"

Sie lächelte und sie errötete.

"Und in Ihrer Stimme," sagte er.

"Das wird immer wunderlicher. Was Sie für Einfalle haben."

Randers lachte. Sein gutmütiges, überlegenes Lachen.

Dann nach einer Pause:

"Ich habe einmal ähnliche Augen gesehen."

Also doch, dachte Fides.

"Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim."

"Also Kirchenaugen," lachte sie.

"Ja, Kirchenaugen."

Der Ausdruck gefiel ihm.

"Haben Sie die Dolgorucki gehört?" fragte er.

"Die Dolgorucki? Die—(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin? Nein, ich hatte nicht die Ehre."

"Warum sprechen Sie so verächtlich von ihr?"

"Nun, ich bitte!"

Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen.

"Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses stolze Sichhinwegsetzen über Familie und Gesellschaft, über alle Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?"

"Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie.

"Sie vergessen die Künstlerin."

"Wenn es nur das wäre."

"Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn—"

"Also."

Eine lange Pause entstand. Er fühlte, dass sich das alles nicht so ganz mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte.

"Sie vergessen die Künstlerin," wiederholte er.

Sie lächelte über seine Hartnäckigkeit.

"Und diese Künstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie.

"Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu denken. Das heisst, nur wenn die Fürstin spielte. Dann war ein wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in diese Kirche, die ganz aus bläulichem Stein erbaut ist. Die blauen Pfeiler, die blaue Wölbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen."

"Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht, Verse zu machen," sagte Fides.

9.

Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war kühl und windig, und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Flüchtlinge eines zersprengten Heeres.

"Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche Befriedigung gewährt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so verzweifelt farblos, öde, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun—aus unsern innern Farbtöpfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten Schleier darüber decken?"

Fides sass am Flügel, die Hände in dem Schoss, mit dem Rücken gegen das Instrument.

"Die Philosophie eines Träumers, die nur Traumfrüchte pflücken wird. Wie wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschlössern kann man doch nicht wohnen."

"Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschlössern? Unser eigenstes, höchstes und feinstes Leben—"

"Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitäten. Wünsche und Träume haben wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung."

"Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?"

"Dann resigniert man eben."

"Oder begnügt sich mit dem Traum der Erfüllung."

"Das versteh ich nicht."

"Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen können Sie doch im Traum besitzen, in der Einbildung."

"Um nachher doppelt enttäuscht zu werden?"

Er zuckte die Achseln.

"Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu können," sagte er.

"Oder Eroberer."

Er sah sie gross an.

"Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?"

"Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an der Philosophie genügen lassen."

"Also."

Eine Pause, die sie mit ein paar Läufen ausfüllte.

"Im Besitz liegt das Glück doch nicht," stiess er hervor.

"Aber man will doch schliesslich besitzen."

"Glück ist Sehnsucht, Erfüllung ist Tod."

"Ist das von Ihnen?"

"Wie so?"

"Das klingt wie aus einem Gedicht."

"Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf ihre Bemerkung nicht eingehend.

"Sie meinen, die hört mit dem Besitz auf?" fragte sie.

"Ja."

"Sprechen Sie aus Erfahrung?"

Sie lachte ein wenig spöttisch und überlegen, als wüsste sie das besser. Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten?

"Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er.

"Also doch."

"Die Liebe kennt überhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen."

"Also Streit um des Kaisers Bart."

"Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder den Totentanz."

"Ihr ewiger Totentanz."

Sie präludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung zum Tanz".

Er schüttelte missbilligend den Kopf.

Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offene Verandatür und sah in den windbewegten Park hinaus.

Ob sie es gemerkt hatte?

Sie hielt mitten im Stück auf.

"Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen."

10.

Der nächste Tag war ein Sonntag.

Ob er mit in die Kirche wolle?

Ja.

Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte, obgleich sie kein Wort darüber verlor.

Sie musste ihn natürlich für einen Freigeist halten, für einen Religionsverächter. Darüber musste er sie doch gelegentlich aufklären. Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er wäre aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklärten" Leute, die an dem Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie hätten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und hinausexperimentiert?

Den Weg zum Christentum freilich fände er wohl nicht wieder zurück. Aber das Göttliche vermochte er doch nicht zu leugnen. Was ihm, dem Doktor Philosophiae Henning Randers, ausreichte, genügte deshalb noch lange nicht für Claus Piepenbrink. Claus musste etwas Greifbares in die Hand bekommen, ein Seil, woran er sich längs tasten konnte. Und dieses Seil war die christliche Religion, dieses Seil drehte ihm die Kirche. Und nun gar ein Weib ohne Religion! Natürlich liebte er nicht die Betschwestern. Aber er hasste diese "aufgeklärten," wissenschaftlichen, bebrillten Blaustrümpfe.

Und das war seine innerste Ansicht von der Sache und seine festgegründete Überzeugung, nicht etwa eine augenblickliche, sentimentale Wallung, veranlasst durch die Tatsache, dass Fides die Kirche besuchte.

Er war durchaus unabhängig von Fides, wenn er auch die Wahrheit seiner Ansichten nie so empfunden hatte, wie jetzt, wo sie neben ihm im Kirchenstuhl sass, mit gleichmässiger, stiller Aufmerksamkeit der Predigt folgte und unbekümmert um seine Anwesenheit laut und innig die Choräle mitsang.

Sie schob ihm dabei ihr Gesangbuch etwas zu, und er mischte schüchtern seine harte, modulationslose Stimme in ihre tiefen Glocken. Und es war ihm, als trüge sie ihn, wie ihre Stimme seine Stimme trug. Als hätte sie ihn an der Hand gefasst, als fühlte er eine treue, sichere Hand, die ihn einen ruhigen, sonntäglich schönen Weg führte, dorthin, wo Friede war und Glück und Wunschlosigkeit und Dankbarkeit, das kindliche Gefühl der Geborgenheit. Und er sang zuletzt ganz laut und tapfer die schlichten, innigen Verse des alten Paul Fleming mit.

Lass dich nur ja nichts dauern Mit Trauern! Sei stille! Wie Gott es fügt, So sei vergnügt, Mein Wille.

Was willst du heute sorgen Auf morgen? Der Eine Steht allem für; Der gibt auch dir Das deine.

Sei nur in allem Handeln Ohn Wandeln, Steh feste! Was Gott beschleusst, Das ist und heisst Das Beste.

Und als sie aufsahen und ihre Blicke sich trafen, wunderte er sich, dass diese junge Dame neben ihm die Komtesse Fides Bruckner war. Ihm war, als hätte er sie schon jahrelang gekannt, so nah waren sie sich durch diesen gemeinsamen Gesang gekommen. Es war ein ruhiges Gefühl der Zugehörigkeit, wie zwischen Bruder und Schwester.

Dies war der schönste Tag, der ihm seit Jahren geschenkt worden war. Er trug nachher ihr Gesangbuch und behielt es auch während der ganzen Rückfahrt, und er hielt es zärtlich wie einen geliebten Gegenstand.

Das war der schönste Tag!

11.

Randers wollte abreisen und blieb, wollte wieder abreisen und blieb, bis es ihm eines Tages schwer aufs Herz fiel: Wie wirst du dich von all diesem trennen können?

Das ist es, was du dir unter einer Ehe denkst, dies harmonische Nebeneinander, Miteinander, ohne Verpflichtungen. Aber auf die Dauer geht so etwas nicht ohne Standesamt. Und das ist eine Unmöglichkeit!

Es kamen Briefe aus Hamburg, die ihn neckten und welche, die ihn beneideten. Und er antwortete mit ernsthaften und langen Auseinandersetzungen über die Ehe, eine Ehe, auf die sich nur ein ganz vorurteilsloses, aristokratisches Weib einlassen würde. Er glaube dieses Weib in Fides gefunden zu haben, aber er dächte zu aristokratisch, um ihr eine Mesalliance zuzumuten. Und so wie sich eine wirkliche Gefahr zeige, würde er abreisen.

Und Gerdsen schrieb:

"Die Ehe, die Sie wollen, ist keine Ehe, liebster Doktor. Ich würde noch mehr Worte darüber verlieren, wenn mir irgendwie über den Ausgang Ihrer jetzigen kleinen 'Episode' bange wäre. Übrigens wissen Sie, dass ich Ihre Aristokratismen nicht teile. Ein bisschen bürgerliche Auffrischung kann dem Adel nur gut sein. Aber ob Sie der sind, von dem eine Auffrischung zu erwarten ist, daran darf ich wohl in aller Freundschaft zweifeln.

"Ich wünsche Ihnen ein gesundes Verhältnis mit einem Bauernmädel. Ich würde Sie gerne auf lange Zeit in irgend eine ländliche, urbäuerliche Einsamkeit verbannen, oder meinetwegen zwischen Ihre geliebten norwegischen Schären, damit die Natur Sie einmal derb beim Wickel nähme und Ihre ganze platonische Phantasieerotik mit kräftigem Besen auskehrte.

"Nichts für ungut. Aber ich musste es mal sagen, obgleich es nichts nützt. Sie müssen nun so verbraucht werden."

"Sie haben recht," schrieb Randers zurück, "Es ist alles Unsinn! Ich werde überhaupt nicht heiraten."

12.

"Was haben Sie denn da?" fragte Fides, als Randers mit einigen beschriebenen Blättern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu finden.

"Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht," sagte er. "Hier ist es."

"Das da?"

"Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es Ihnen gefallen wird."

"Da bin ich doch auch neugierig."

"Ich finde es übrigens gar nicht hübsch von Ihnen," setzte sie scherzend hinzu, "dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefällt Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen könnten."

"Oh," sagte er betroffen. "Doch! ich bitte! Es ist so schön bei Ihnen. Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas daraus werden."

"Ich gönnte es Ihnen schon, damit Sie gründlich von Ihrer Romantik geheilt würden."

Er lachte.

Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren Stuhl zurück und hörte ihm zu.

"Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes, in dem wilden Lister Dünengebirge."

Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde Gesellen in die hellerleuchtete Hütte ein, und wir richten uns bei überfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein.

Und ich bin der Herr im Hause!

Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern Besuch. Eine Künstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer eigensten, inneren Natur.

Der äusseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur.

Der Bechsteinsche Flügel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen Teppichen hörbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen.

Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitäten sind verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger, Grieg vor allem, und dann Löwes unvergleichliche Balladen "Herr Olaf" und "Edward". Wie das wohl über die Heide klingen wird:

Dein Schwert wie ist's von Blut so rot, Dein Schwert wie ist's von Blut so rot, Edward! Edward!

Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer mehr verdichtet, bis sie wie zu einem höllischen Furientanze zusammenwächst.

Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle gemäss sind.

Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen, und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen Akkord.

Der Sturmwind heult und rüttelt an den verschlossenen Läden.

Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu beredt fast, so dass wir zu reden beginnen.

Wie denken Sie über Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben mit Rosmer doch zur Liebe geführt!

Ihre Lippen zucken verächtlich.

Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie das Gefühl der Schuld, das Rosmer gegenüber auf ihr lastet! Von dem Gefühl der früheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, täuscht sie sich über sich selbst. Ein Glück, dass sie in den Mühlgraben gehen kann. Sonst würde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren! Und dann ginge sie auch in den Mühlgraben.

Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige lange!

Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen!

Was sagen Sie zu Edele Lyhne?

Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung nicht.

Sie wissen, dass ich mir Anzüglichkeiten verbitte. Dass der Dichter schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe, die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafür kann nicht Edele, dafür kann nur der Dichter, nur die Männer, jämmerliche, sentimentale Schwächlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe!

Und ihre Lippen begannen herbe und spöttisch zu lächeln.

Und Sie wollen der Schönheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmütige Sentimentalitäten als das zu betrachten, was sie sind? Sie Ärmster Sie!

Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein.

Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Düne herauf.

Wir klimmen mit Mühe gegen den Sturmwind, um uns stieben schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der ungefügen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen empor; geisterhaft verschäumt die tobende Brandung. Ein verlorner Möwenschrei!

Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fühle ihre Schulter an meiner Brust. Ihre Züge sind schöner als je, aber unbeweglich, und geisterhaft weiss wie Marmorstein!

Und ihre Zähne pressen leise die Unterlippe.

Weltverschollen, in engster Nähe, und doch klüfteweit getrennt!

Und dann schreiten wir stumm hernieder.

Und das Licht brennt noch lange bei mir, während das Dunkel schon stundenlang in ihrem Zimmer wob!

Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und schneeweiss. Zwei Körbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Fülle. Den andern Korb schicke ich ihr hinauf.

Eine halbe Stunde später ist sie unten.

Sie Böser, wie gut Sie sind.

Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Hände.

Wie gut Sie sind!

Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmütterlichem Eifer. Sie spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefühl der Schuld bedrücke.

Und schliesslich stützt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an! und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich auf der meinen.

Und nun, Lieber, wollen wir hinaus!

Ich habe übrigens noch eine Neuigkeit für Sie. Mein Freund kommt zu Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe.

Sie schweigt!

Nun, was sagen Sie?

Warum ein dritter in unserm Beisammensein?

Und ihre Augen leuchten weich.

Nun, wie Sie wollen!

Und ihre Stimme klingt plötzlich hart.

Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen.

Ich weiss nicht, was sie will!

Aber nächstes Jahr überlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben lehren! Ich gehe nach Fanö! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen."

"Die arme Jolanthe," sagte Fides mit einem Ton spöttischen Bedauerns, als Randers schloss.

Er lachte und zuckte die Achseln.

"Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus für das nächste Jahr nicht an," sagte Fides. "Sie wird an dieser Erfahrung genug haben."

"Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental binden."

"Er ist eben ein Phantast," erwiderte sie mit besonderer Betonung, "der sich unmögliche Verhältnisse erträumt."

"Sagen Sie das nicht."

"Aber ich bitte Sie! Übrigens wissen Sie das wunderschön auszumalen."

"Ist es nicht schön?"

"Sie sind ein Dichter."

"Nicht doch!"

"Sie können einem ordentlich den Mund wässern machen."

"Sehen Sie!"

13.

Randers hatte Rosen auf seinem Zimmer gefunden.

Er lief durch die Felder und dachte an diese Rosen. Wie kommt sie dazu, dir Rosen zu schicken? Hat sie dich denn nicht verstanden? Glaubt sie, du meinst es nicht ernst? Du würdest nicht nach Fanö gehen und Jolanthe einem andern überlassen?

Ganz gewiss, meine Gnädigste, ich will Jolanthe nicht heiraten, und Sie nicht, und keine andere! Oder wollten Sie mir mit den Rosen Ihre Anerkennung für meine Standhaftigkeit bezeigen?

Eine Tugendrose?

Er pflückte einen grossen Feldstrauss, allerlei Gräser und letzte Sommerblumen, reifende Haselnüsse und einen Zweig fast schon schwarzer Brombeeren und brachte ihn Fides.

"Für die Rosen," sagte er.

"Wie schön! Ich danke Ihnen."

14.

(Tagebuchblätter.)

Der Doktor hat recht gehabt. Es waren nur die paar überzähligen Cognacs und Pschorrs und Kaffees. Ich fühle mich jetzt ganz wohl. In Grashof kam es noch hin und wieder, dieser Druck auf dem Kopf, als trüge man einen Stein mit sich herum. Und die Hallucinationen und wüsten Träume.

Etwas macht auch ihre Nähe. Etwas? Vielleicht alles?

Es ist ein ganz eigenartiger Zustand, ein ganz eigenartiges Verhältnis. So ohne jede Aufregung und Abspannung und jedes quälende Begehren. In der Abwesenheit ein Gefühl stiller Freude, dass sie in der Nähe ist, in erreichbarer Nähe, eine sanfte Sehnsucht, durchaus nichts Heftiges, Treibendes. Wie man an etwas denkt, das man sicher besitzt. Und in ihrer Gegenwart ein ganz ruhiges Geniessen ihrer Wohlgestalt, ihres harmonischen Wesens, ihrer vornehmen Einfachheit. Keine Spur von Liebe. Eine Art herzlichen Freundschaftsgefühls. Freude.

Sie ist Musik für mich.

* * * * *

Eine Ehe auf solcher Basis. Das wäre etwas für mich. Aber es würde schliesslich gar keine rechte Ehe sein. Ich finde kein sinnliches Verhältnis zu ihr. Der Gedanke allein an diese Dinge erniedrigt sie mir schon. Ich bin zu ästhetisch für diese Art Liebe. Also auch für die Ehe.

* * * * *

Wenn sie spielt, ist es nicht die Musik allein, sondern das Bewusstsein, dass sie es ist, die spielt. Ich habe eigentlich gar kein Urteil über ihre Musik. Ich höre alles hinein.

Sie kann gar nicht Schumann spielen, sie ist durchaus keine Schumannnatur. Und doch bilde ich mir ein, Schumann nie so schön gehört zu haben.

Aber ich darf sie nicht ansehen dabei, ich muss die Augen schliessen. Sehe ich sie an, merke ich gleich, dass sie Schumann nur spielt.

Bei Chopin darf ich ihr schon zusehen. Da ist diese vornehme Grazie des aristokratischen Salons, die zu ihr gehört. Und nun gar Weber oder Liszt. Da sitzt sie im Sattel. Und wie reitet sie!

* * * * *

Es ist eigentlich beleidigend, dieses Vertrauen, das der Graf mir schenkt. Aber nach meiner neulichen grossen Pauke für die Aristokratie und meiner kategorischen Erklärung, dass eine Mesalliance gegen meine Grundsätze wäre, muss er mich natürlich für ungefährlich halten.

Sie können ruhig schlafen, Herr Graf.

* * * * *

Ein Zeichen, dass ich nicht verliebt bin: ich habe mit ihr über die Liebe philosophiert. Sie benahm sich eigen dabei. Etwas spöttisch. Sie ist zu gesund für meine Philosophie.

(Bedenkliches Postskriptum: Du machst dir klar, dass du nicht verliebt bist. Hm!)

(PS. II. Du machst bedenkliche Bemerkungen, folglich bist du nicht verliebt.

Der Beweis ist geglückt, was mir sehr lieb ist, denn ich will mich nicht in sie verlieben.)

* * * * *

Dass auch ich gerade diesen aristokratischen Tick haben muss, ich, der vielmehr zu den Bauern, zu den Fischern gehört. Ob wirklich etwas dran ist, dass mein Urgrossvater mütterlicherseits von Adel war, alter kurländischer Adel? Die Sache ist sehr zweifelhaft, eine alte Familiensage. Ohne Dokumente. Aber vielleicht bin ich der lebendige Beweis, vielleicht rollt ein versprengter Tropfen Adelsblut in meinen Adern.

Dickes Bauernblut, von irgendwoher ein paar Tropfen Künstlerblut, Zigeunerblut, und in dieser trüben Mischung, mitgeschwemmt, dies eine aristokratische Blutkügelchen.

Das ganze etwas mit Alkohol versetzt. Ein famoser Lebenssaft. Ich hätte wohl Lust, mich einmal gründlich zur Ader zu lassen.

* * * * *

Traum, Schaum. Träume sind Schäume, hier wie dort Hört man solch überkluges Wort, Aber dem Leben farbleuchtenden Saum Leiht nur goldener Traum wie Schaum.

Träume sind Schäume! O jugendlich Schäumen. Schäume sind Träume! O jugendlich Träumen. Schäumendes Kräfteüberfliessen, Träumendes Seele in Seele sich giessen.

Träume sind Schäume, Wen sie verlassen, Dem müsste das Leben farblos erblassen. Nur, wem das Leben wie Schaum und Traum, Bricht sich goldene Frucht vom Baum.

* * * * *

Ob ich nicht doch besser in meiner Krugkammer geblieben wäre? Nicht aus irgend welchen besonderen Gründen, sondern einzig, weil ich nicht zur Dankbarkeit verpflichtet sein mag. Und dies ist schon mehr Nassauerei!

Aber warum reise ich nicht ab?

Über den Musterwirt bin ich ja beruhigt, der ist schon halbwegs verlobt, mit einer Bürgerlichen. Ich hätte es ihr auch nie vergeben. Frau Krüger oder gar Madam Krüger.—

Ich will es nur eingestehen, ich war ganz regelrecht eifersüchtig, ohne verliebt zu sein. Wie muss einem Liebenden erst zu Mute sein, der eifersüchtig ist.

* * * * *

Als sie sich die Rose in den Gürtel steckte und auf den Stuhl stieg, um sich besser im Spiegel sehen zu können.

Diese ganz entzückende Naivität, diese natürlichste, kindlichste, unschuldigste Eitelkeit!

Welche Dame steigt in der Gegenwart eines Herrn auf einen Stuhl. Sie darf es, eine wirklich vornehme Dame darf alles.—

Ich hielt ihre Hand länger als schicklich in meiner, als ich ihr herunter half. Sie wurde weder verlegen noch abweisend, sie übersah es einfach.

* * * * *

La rose d'amour.

An ihrem Kleid blüht eine dunkle Rose, Entschürzt den Schoss zu wundersamem Duft, Dass taumelnd so ihr Leben sie verkose, Die weisse Mädchenbrust zur weichen Gruft. O sei ihr Bild zum Bilde meinem Lose, Dass ich, wenn gartentief der Sprosser ruft, Von Mund zu Mund, fern jeglichem Getose, Verküssen möge Leben, Licht und Luft.

(Wäre ich verliebt, würde ich dieses Gedicht nicht haben machen können. Obgleich es schlecht genug ist und eigentlich nur mit Liebe notdürftig entschuldigt werden könnte.)

* * * * *

Gehört nicht eine gewisse Kälte des Herzens dazu, um Dichter sein zu können?

Unsinn!

Ob Leute von grosser Phantasie nicht eine gewisse mittlere Temperatur des Herzens haben, nur soviel Feuer als nötig, um der Phantasie warme Füsse zu machen?

Gibt es eine Phantasie des Herzens?

Warum nicht, wenn es eine Liebe des Kopfes gibt. Kommt auch beides zusammen vor, wie bei einem gewissen Herrn.

* * * * *

Ich muss Gerdsen wieder einige "Dokumente" schicken. Ich habe ja schon wieder genug zusammengekritzelt. Wenn er nicht schliesslich doch noch abschnappt. Zu unsinnige Idee, meinen Roman von einem andern schreiben zu lassen. Wie der arme Kerl sich wohl abrackert. Aber er kriegt es fertig, das heisst, er kriegt einen Roman fertig, aber einen Surrogatroman. Was weiss er am Ende von Henning Randers, und was können ihm die paar Zettel sagen, die ich ihm als Materialien liefere. Es wird ihm doch alles nur nebelhaft bleiben, Schattenspuk.

Übrigens, was ist das ganze Leben anders als Schattenspiel. Oder ein Suchen im Nebel. Blindekuh! Nur dass einem die Binde nie abgenommen wird. Oder doch mal? Da drüben?

Wenn man dann sehend wird, zurückblicken kann—Herrgott! Alle diese Irrgänge im dicken Erdennebel. Und dann sehen, da hättest du den Weg gehen sollen, und sieh, der Graben da, und der Baum, an dem du dir den Kopf zerbeultest—ein paar Zoll breit weiter links, und du wärst heil durchs Leben gekommen.

* * * * *

Da bin ich nun wirklich in der Kirche gewesen, fein fromm und andächtig.

Sie sass neben mir, ihr Buch lag zwischen uns, und unsere Augen nahmen denselben Weg, von Vers zu Vers, trafen sich auf den frommen Worten.

Küssten sich.

Wir selbst sassen ganz ehrbar und züchtiglich neben einander, und ich meckerte in ihren schönen Alt hinein.

Sie hatte die Führung, ich folgte wie ein Lämmlein der Hirtin.

Die Orgel. Die "liebe Gemeinde" (es war eine wirklich hübsche Sopranstimme da, die über diesem misstönigen Gemecker, Gebrumm und Gepfeife schwebte, wie eine weisse Möwe über ein schmutziges missfarbiges Stoppelfeld), die weissen schmucklosen Wände, die Sonne draussen und die Sonne drinnen, in langen, breiten Streifen über diesen alten und jungen Köpfen. Das schwarze Brett mit den grossen weissen Nummern der Choräle. Die kleine, schwarze Kanzel mit dem kleinen, weisshaarigen Pastor Weidenbusch.—

Mir wurde ganz heimatlich. Wie lange bin ich nicht in einer Dorfkirche gewesen.

* * * * *

Man sage nicht, dass in unserer protestantischen Kirche die Poesie keinen Platz hat. In den kalten grossen Stadtkirchen mit ihrem nüchternen Prunk, ja, da ist sie erfroren, elendiglich erfroren. Aber unsere Dorfkirchen. Selbst diese kahlen, getünchten Wände atmen Poesie, diese alten rohen Balken, von Schwalbenschmutz gefleckt und mit einem vergessenen Spinngewebe in irgend einem Winkel.

Was ist Poesie? Sie geht nicht von den Dingen aus, sie geht von den Menschen aus. Und welche Poesie sollte von dem städtischen Kirchenpublikum (ja Publikum!) ausgehen?

Aber hier, diese schlichten einfachen Ackerbürger, diese abgerackerten Tagelöhner, Männer und Weiber, die ihres Herzens Einfalt und Bedürfnis hierher führt, Sonntag für Sonntag; diese ganze Atmosphäre von Arbeit, Genügsamkeit, Einfalt und Himmelshoffnung, das ist es, das teilt sich diesen schmucklosen Wänden mit und leiht ihnen einen rührenden Glanz. Die Poesie kommt mit den Leuten in die Kirche, fühlt sich wohl hier und bleibt, auch wenn der Küster abschliesst.

* * * * *

Auf dem Lande verstehe ich, wie man fromm sein kann, es wieder werden kann. Auch auf dem Meere verstehe ich es. Auch im Kriege. Aber da ist die Zeit oft zu kurz dazu.

Und auf dem Sterbebett.

* * * * *

So hoch stehen, dass man religiös wird!

Auf Erden ist keiner, vor dem man sich zu beugen nötig hat. Da beugt man sich vor Gott. Um sein Gewissen zu beruhigen, um sich zu salvieren.

Oder Einsamkeitsgefühl? Grauen vor der Einsamkeit?

* * * * *

Ich liebe sie doch! Jeg elsker dig!

* * * * *

Es war kühn, ihr meine Blockhausphantasie vorzulesen. Aber sie weiss nun, wie ich es meine. Es wäre Wahnsinn, zu glauben, sie könne sich auf so was einlassen. Die Künstlernatur ist sie nicht. Zu wenig Bohémienne. Und das gehört dazu. Aber sie ist schon das Weib, mit dem ich es aushalten würde.

* * * * *

Jetzt weiss ich, wie ich mit ihr daran bin. Es war unvorsichtig von ihr, mir die Rosen aufs Zimmer zu stellen, am selben Tag noch. Und unvorsichtig war es von dir, zu erröten, als da ihr den Feldstrauss brachtest!

Aber ich will nicht!

15.

Eines Vormittags spazierten Randers und Fides nach dem Seepavillon. Es war ein letzter Septembertag mit Wind und Wolken. Aber die Sonne war auch da und sie wärmte noch.

Der Wind kam von der See und trieb die Wolken ins Land. Grosse Schatten segelten über das Stoppelfeld. Der Roggen, der hier gestanden hatte, war längst im Speicher. Ein paar Krähen hüpften auf den kahlen Schollen, flogen auf und liessen sich in Steinwurfweite wieder nieder.

Sie konnten bequem nebeneinander gehen, brauchten sich nicht auf dem schmalen Fusssteig zu halten. Randers musste sich ein paar Mal bücken, ihr Kleid von den Stoppeln zu befreien, bis sie es lachend aufraffte. Er hatte seinen Rock zugeknöpft und das Sturmband unters Kinn gezogen, so scharf wehte hier der Wind. Manchmal blieben sie stehen und drehten den Rücken gegen den Wind, um sich besser verstehen zu können.

Fides fröstelte ein wenig, wie sie sagte; wenn sich die Schatten über das Feld legten, war schon ein herbstlicher Ton in der Luft.

Beim Pavillon war es sehr zugig, und sie gingen hinein. Sie waren lange nicht dort gewesen. Eine warme, etwas stickige Luft herrschte in dem Raum, aber des Windes wegen mussten sie die Tür schliessen. Zwei vertrocknete Waldmeisterkränze hingen an einem Nagel, und der welke Duft machte die Atmosphäre noch schwerer und beklemmender. Die bunten Fenster liessen nur ein gedämpftes Licht herein und verstärkten das Gefühl der Abgeschlossenheit.

Fides hatte ein Vergnügen daran, von Fenster zu Fenster zu gehen und die See einmal blutrot, einmal ockergelb und einmal ganz grün zu sehen. Sie wollte das alles noch einmal geniessen, denn es war das letzte Mal, dass sie es in diesem Jahre sah. Der Herbst war da und mit ihm der Umzug in die Stadt.

Sie freue sich gar nicht so darauf wie sonst, sagte sie. So gerne wäre sie noch nie auf dem Lande gewesen, wie in diesem Sommer.

"Warum bleiben Sie nicht einmal einen Winter über?" meinte Randers. "Ich denke mir das so schön."

"Meinen Sie? Ich habe es einmal getan. Es ist gar zu einsam."

"Das ist doch schön."

"Aber auf die Dauer? Wenn noch Besuch käme. Aber es ist ja gar nichts Gescheites in der Nähe, kein Umgang, der einem zusagte."

"Sie sollten mit nach Sylt kommen."

"Ja, das wäre was. Aber Papa tut's nicht."

"Auf ein paar Wochen nur."

"Kommen Sie doch mit in die Stadt," sagte sie. "Aber Sie haben ja solche Sehnsucht nach dem Meere," setzte sie schnell hinzu. "Ich kann mir denken, wie Sie sich wegsehnen von hier."

Er erwiderte nicht gleich etwas darauf. Allerlei Gedanken und Bilder gingen ihm durch den Kopf. Er besuchte mit ihr die Museen, die Konzerte, die Kirchen, sah sich von ihr in eine höhere Geselligkeit eingeführt, in die Gesellschaft; tausend verlockende Aussichten eröffneten sich ihm, wenn er mit ihr in die Stadt ginge. Und dass sie es wünschte! Dass sie es wünschte und aussprach! Das machte ihn ganz glücklich.

"Wie gerne würde ich mit in die Stadt gehen," sagte er.

"Aber?" fragte sie, da er zögerte.

"Diese Idee kommt zu plötzlich, so überraschend," sagte er langsam und unsicher, und vermied dabei, sie anzusehen.

"Nein, es geht nicht," sagte er mit einem plötzlichen Entschluss. "Das ist ja alles—aber nein, es darf nicht sein!"

Und er fing an, hin und herzugehen, unruhig und nervös, und verzweifelte Blicke nach den Fenstern werfend, als wäre es ihm zu schwül hier.

Fides sass auf dem roten Plüschkissen, auf der einzigen langen, lehnelosen Bank, und trommelte ganz sachte mit den Fingern auf dem kleinen Borkentisch.

"Ich hatte mir das so schön gedacht," sagte sie. "Aber wenn es nicht sein kann—" Es klang weich, fast wie ein Seufzer.

Sie hatte das gedacht? Schon früher daran gedacht? Hatte es sich ausgemalt? Es war nicht nur ein augenblicklicher Einfall?

"Ja, aber meine liebe gnädigste Komtesse, ich täte es so gerne, schon allein, da Sie es wünschen—"

"Aber ich bitte Sie, meine Wünsche! Sie sollen durchaus nicht das geringste Opfer bringen. Sie haben sich alle diese Wochen nach Sylt gesehnt—"

"Aber ich bitte, von Opfer kann ja gar keine Rede sein. Wenn Sie wüssten, wie schwer—es waren so—ich werde diese Wochen nie vergessen, die ich hier verlebte."

"Ja, es war recht hübsch. Aber es wird doch jetzt schon recht unfreundlich hier. Ich freue mich doch auf die Stadt."

Sie sagte das in einem ganz andern Ton. Ein plötzliches Umschlagen der Stimmung.

"Ihr ewiges Hin- und Herlaufen macht mich ganz nervös," sagte sie und stand auf. "Was haben Sie für eine Unruhe! Sie können gewiss die Zeit nicht erwarten, wo es auf und davon geht, Sie alter Meermensch."

Es sollte scherzhaft klingen, aber es war eine leise Gereiztheit im Ton.

"Sie missverstehen mich, Komtesse," sagte Randers.

"Wie so?"

Die Frage klang wirklich naiv und machte ihn einen Augenblick irre, verwirrte ihn. Er versuchte sich mit einem Lächeln herauszuhelfen, aber es misslang.

"Ich brauche ja das Meer, die Einsamkeit—es ist ja nur eine Flucht—vor mir selbst—vor all diesen—diesen Unmöglichkeiten."

Er rannte wieder auf und ab, während sie angelegentlich durch das rote Fenster auf die See sah, die Augen mit der Hand beschattend, dicht an die Scheibe gedrängt.

Er wartete, dass sie etwas erwidern sollte.

"Aber ich habe Ihnen das ja alles schon gesagt," fuhr er fort, als sie schwieg, und es klang fast verzweifelt.

Er sah sie an, aber sie rührte sich immer noch nicht.

Als sie sich jedoch nach einer peinlichen Pause umwandte, erschrak er über die Blässe ihres Gesichts und den fast harten Ausdruck der Augen.

Und plötzlich—war es unter seinen besorgten, fragenden Blicken?—eine tiefe Röte überflutete sie, ihre Blicke wurden unsicher, hilflos; sie schlug die Hände vors Gesicht, und mit gepresster Stimme sagte sie leise:

"Warum quälen Sie mich so?"

"Fides!" rief er.

Aber sie eilte an ihm vorüber, liess sich auf die Bank fallen, legte den Kopf auf den Tisch, und das Gesicht in beide Hände drückend, weinte sie krampfhaft.

"Fides!"

Er kniete neben ihr, zitternd, bebend vor Erregung, suchte ihre Hand, erhob sich wieder und sprach, über sie hingebeugt, auf sie ein.

"Nein, nein, o nicht," stammelte er. "Was ist dies alles—Komtesse. Aber nein—Fides, liebe, liebe Fides."

Und wieder lag er vor ihr auf den Knien.

16.

Es regnete, regnete immer stärker, der ganze Himmel schien sich auflösen zu wollen. Das angewelkte Laub konnte sich unter diesem beständigen Angriff der Wassermassen nicht halten, löste sich und fiel auf die aufgeweichte Erde, in den Kot der Wege und in die hundert kleinen und grossen Pfützen.

Es war, als wollte dieser Tag die letzten Reste des Sommers wegschwemmen.

Randers lief immer gerade aus, eine Stunde lang, zwei Stunden. Das Nass rann in Strömen und kleinen Bächen von seinem Regenrock, sammelte sich auf seiner weissen, durchweichten Mütze, rieselte über deren schwarzen Schirm, spritzte von unten bei jedem Schritt an ihm hinauf, dass Stiefel und Beinkleider ganz kotig waren.

Aber er lief immer drauf los.

War das nicht der Weg nach Süssen?

Aber es war ja gleichgültig. Er wollte ja nur seinem "Glück" entlaufen, diesem wunderlichen Glück, das ihn quälte, ihn ängstigte, sich wie eine eiserne Klammer um sein Herz legte, wie ein glühender Nagel sich ihm ins Hirn bohrte. O, wie er glücklich war!

Warum jauchzte er nicht laut auf? Hatte er nicht eine reizende Braut? Und eine köstliche Zukunft?

Schwiegersohn des Grafen Bruckner!

Was würden sie alle für Augen machen. Also doch eine Adelige. Ja, ja der Randers!

Nein, und tausendmal nein! Er konnte dieses Opfer nicht von ihr annehmen. Frau Doktor Randers! Was konnte er ihr dafür bieten? Aus eigenem? Eine grosse, dauernde Leidenschaft, eine beständige, alles wettmachende Liebe?

Würde er nicht nur ihr Geliebter sein, von ihrer Liebe leben? Der Geheiratete sein? Sie hatte sich mal diesen Luxus erlauben können, einen simpeln Bürgerlichen ohne Stellung und Vermögen zu nehmen, weil er ihr gefiel.

Sie würde ihn lieb haben und füttern!

Hatte er denn gar keinen Stolz mehr?

Aber wie es ihr sagen? Wie es ihr sagen? Er war ihr ja so gut, er könnte es nicht übers Herz bringen, ihr weh zu tun. Aber es musste sein, ohne Aufschub, bevor die Anzeige dieser Verlobung in alle Welt ging. Dann war er gebunden, dann durfte er sie nicht kompromittieren.

In der Theorie wusste er ja mit all diesen verzwickten Dingen leicht fertig zu werden. Man lebt nebeneinander hin, und nachher trennt man sich, gutwillig. Oder richtet sich ein. Aber in der Praxis ist es denn doch etwas anders. Da spricht das gute Herz mit, Ehrgefühl, Anstand, Dankbarkeit, tausend Stimmen reden auf einen ein und verderben das theoretische Konzept.

Und nun gar eine Verlobung eingehen mit der Absicht, sie wieder zu lösen. Pfui Teufel, wie gemein!

Also es ihr sagen, noch hier, heute noch!

Der Wagen stand sozusagen schon vor der Tür, morgen wollten sie zusammen abfahren, sich in Hamburg trennen, wo er einige Tage verweilen wollte, um seine Angelegenheiten zu ordnen, um ihnen dann nach Berlin zu folgen.

So in der letzten Stunde, den Koffer in der Hand—nein das ging nicht! Warum kam das alles auch im letzten Augenblick! Acht Wochen waren sie nun zusammen gewesen.

Am besten wäre es, er schriebe es ihr von Hamburg aus.

Und so lange sollte er schauspielern? Lügen?

Müde und abgespannt, durchnässt und beschmutzt kam er wieder im Schloss an.

Fides war in ihrem Zimmer, beschäftigt, mit der Zofe die letzten Koffer und Schachteln zu packen, der Graf in seinem Arbeitskabinett zu einer letzten geschäftlichen Unterredung mit dem Verwalter.

Randers ging, von niemand gesehen, auf sein Zimmer. Am liebsten hätte er sich aufs Bett gelegt, zu einem langen, langen Schlaf. Aber es war noch früh, kaum sechs Uhr.

In den nassen Kleidern konnte er auch nicht bleiben. Er zog sich um und ging in den Salon hinunter.

Ein graues, trübes DämmeDämmerlichtschte darin.

Der Regen schlug gegen die Fenster. Ein paar welke Ahornblätter klebten an den nassem Scheiben.

Vom Tisch waren alle Mappen und Bücher abgeräumt, die schweren Silberleuchter unterm Wandspiegel waren schon weggeschlossen. Es lag schon ein Hauch von Unwohnlichkeit über dem halbdunklen Raum. Nur die grosse japanesische Vase, die der Gärtner erst gestern mit frischen Chrysanthemen gefüllt hatte, stand noch auf ihrer Ebenholzsäule, und die grossen gefiederten gelben und weissen und lila Blumensterne standen wie verbannte Schönheiten auf einer einsamen öden Insel.

Der Blüthner war geöffnet.

Ob Fides gespielt hatte?

Richtig, da lag noch ihr Armband auf dem Leuchterbrett, ein schmaler Silberreif, den sie der vielen Anhängsel wegen beim Spielen ablegte.

Er nahm ihn mechanisch in die Hand, legte ihn aber schnell wieder hin.

Mechanisch suchte seine Hand die Tasten. Er erschrak beinah, als sie nachgaben und ein paar leise Diskanttöne wie klagend durchs Zimmer klangen.

Er lächelte, musste lächeln.

Wie nervös er war!

Aber er musste sich beherrschen, heute noch, morgen noch.

Er rückte sich den Sessel zurecht und fing an zu spielen. Ganz unten im Bass, leise, unrhythmisch. Die Töne rannen, krochen durcheinander, wie brauender Nebel. Diese dunklen, dumpfen Töne taten ihm wohl. Er konnte sich nicht genug tun, da unten herumzuwühlen. Aber allmählich löste sich ein Thema ab, eine Melodie. Takte aus Chopins C-moll-Polonaise kamen ihm unter die Finger, und wieder biss er sich in diesem Gedanken fest, hetzte ihn, peitschte ihn durch alle Oktaven, überrollte ihn mit stürmischen Passagenwogen, dass er elendiglich darin zu ertrinken schien, aber er tauchte immer wieder auf, und schrie, schrie förmlich: lass mich los, lass mich los!

Plötzlich legte sich eine weiche Hand auf Randers' Schulter. Er schrak zusammen, fuhr wie aus einem Traum auf.

Fides?

Er starrte sie an, wie eine Erscheinung.

Sie lachte laut auf.

"Der arme Flügel. Ist das dein Abschied von ihm?"

Er lachte gezwungen.

"Es war wohl wüst?"

"Aber sehr. Alle Wände zittern vor Angst."

Er stand etwas beschämt auf, und sie schloss schnell das Instrument.

"Der hat genug für dieses Jahr," scherzte sie.

"Armes Tierchen, hat er dir wieder wehe getan?"

Wie gut gelaunt sie war, wie drollig. Und wie reizend sie aussah. Ihre Wangen glühten noch infolge der eifrigen Reisevorbereitungen.

"Wie ungemütlich ist es hier schon," sagte sie.

"Und dieses Wetter heute. Wären wir nur erst weg. Ich habe jetzt gar keine Ruhe mehr."

Und sie zog ihn mit sich ins kleine Nebenzimmer, wo es noch einen gemütlichen Eckplatz gab, und erzählte ihm von ihren Kasten und Koffern, und wie ungeschickt sich die Zofe beim Einpacken benommen hätte, und plauderte von Berlin, und was sie alles in diesem Winter unternehmen wollten. Ob er sich auch so darauf freue.

"Ja," sagte er und hielt ihre Hand und drückte sie ganz leise.

Es war so dunkel jetzt, dass sie sich kaum erkennen konnten.

Aber er wünschte, es wäre noch dunkler. Er hatte gelogen, hatte sie belogen! Es war ihm plötzlich, als ob etwas in ihm kalt würde. Eine Leere. Es war nicht Scham, nicht Reue, oder Schmerz. Nur ein wunderliches Gefühl der Starre, wie ein eisiger Hauch.

Es war etwas in ihm tot, er hatte es selbst getötet.

Es war aus. Er fühlte es.

Leise liess er ihre Hand los.

Es war aus.

17.

Es war fünf Uhr morgens. Randers öffnete das Fenster. Es war noch alles dunkel draussen, die Sonne noch nicht aufgegangen. Aber von den Wirtschaftsgebäuden her kündigten verschiedene Geräusche an, dass die Leute schon an die Arbeit gingen. Er sah Licht im Kuhstall, und ein Knecht ging mit einer Laterne über den Hof.

Es war ein kühler, nebliger Morgen. Der Regen hatte schon während der Nacht aufgehört. Aber von den Bäumen und Büschen tropfte es noch in schweren grossen Tropfen, und ein feuchter, modriger Dunst stieg von dem durchweichten Erdreich auf.

Randers war blass und überwacht. Er hatte die ganze Nacht hindurch geschrieben. Er brauchte sich nicht anzukleiden, er war nicht aus den Kleidern gekommen. Er kühlte sich Stirn und Augen mit einem nassen Schwamm, trank hastig ein paar Gläser Wasser und stand dann mitten im Zimmer, regungslos, die Hand im Nacken, und starrte auf den Fussboden.

Mit einem Ruck ermannte er sich.

"Es geht nicht anders. Es ist das Beste so. Bei Nacht und Nebel."

Er lachte. Ein bitteres, hässliches Lachen. Er nahm Hut und Stock und den kleinen Koffer und ging leise die Treppe hinunter.

Ein Hausmädchen sah ihm verwundert nach. Sie waren gewohnt, dass er früh aufstand, mit Sonnenaufgang schon in die Felder lief oder an die See hinunter.

Aber heute war es doch reichlich früh.

Er fand die Hintertür geöffnet und kam ungesehen ins Freie.

Fides' Fenster lagen nach vorne hinaus.

Er konnte sie nicht sehen.

Ob sie wohl schon wachte?

Ungesehen kam er vom Hof auf die Landstrasse. Er ging nicht durchs Dorf, sondern auf einem Wiesenweg hinten herum.

Aber in Rosenhagen sprach er im Krug vor, trank zwei Schnäpse, um sich zu erwärmen, und gab einen Brief fürs Schloss ab, mit dem Befehl, ihn in einer Stunde, sowie es hell würde, abzuliefern.

Auf die verwunderten Fragen des Wirtes antwortete er ausweichend.

Dann ging er nach Süssen, wo er elend ankam. Er bestellte einen Cognac und ein Glas Wasser, goss das Wasser hastig hinab und liess den Cognac stehen. Es ekelte ihn davor. Er erkundigte sich, wann das Dampfboot von Heiligenhafen nach Kiel führe, und nahm einen Wagen. Er konnte das Boot gerade noch erreichen.

* * * * *

Drittes Buch

1.

Randers an Gerdsen.

Ich halte es nicht mehr aus, lieber Freund! Sie werden verstehen, dass ich nach dem Rixdorfer Erlebnis der Zerstreuung bedarf, eines Gegengewichtes. Wie tief es noch bei mir sitzt, können Sie daraus ersehen, dass die Zerstreuungen und Erholungen der Kunst nicht ausreichten. Es mussten Betäubungen sein. Alkohol!

Ich entfliehe der Gefahr. Es gibt nur eins, was mich befreit, mich reinigt: Die Natur. Die See.

Sie empfehlen mir die Arbeit. Aber was kann sie mir anders sein, als ein Betäubungsmittel? Meine Art Arbeit, die nicht produktiv sein kann. Fördert mich diese Arbeit, bringt sie mich eine Stufe höher, eine Stufe hinaus aus meinem Gefängnis? Ist sie nicht nur Gefängnisarbeit eines Sklaven, der sich nützlich erweisen soll und zugleich an seiner Pflicht ein Betäubungsmittel hat?

Aber ich will mich nicht betäuben. Das ist so feige, so philiströs, so dumm, so unwürdig. Warum denn nicht gleich die Pistole? Die betäubt alles und auf das vortrefflichste. Soll ich Mittel brauchen, die mir das Leben erträglich machen, so müssen es Rauschmittel sein. Sie kennen diese meine Mittel, die das Leben steigern, es aufreizen, verdoppeln! Musik, Poesie, jede Art Kunst, das Weib und vor allem die Natur.

Sie geben in Ihrer Arbeit Ihr Ich. Bei Ihnen ist Arbeiten erhöhtes Leben, bei mir Bekämpfung des Lebens. Warum denn nicht mit der Pistole? Puff, weg damit! Aber können Sie mir ernstlich empfehlen, das Leben täglich zu foltern, es auf Hungerration zu setzen, ihm die Kehle bis auf das allernotwendigste Quentchen Luft zuzuschnüren, ihm einen Stein auf den Kopf zu legen, damit es die Stirne nicht zu hoch trägt und nicht zu sehr wächst, ihm die Füsse zu binden, damit es nicht auf den Einfall kommt, zu tanzen? Pfui Teufel, wie gemein! Quält man so sein Leben?

Nein, lassen Sie mich meine Wege gehen, Weg und Ziel sind mir ganz klar. Es gibt für mich nichts mehr als ein paar Jahre Einsamkeit, die, langsamer oder schneller, in die letzte grosse Einsamkeit einmünden.

Ich habe allerlei für Sie niedergeschrieben, lasse Ihnen ein versiegeltes Paket zurück. Suchen Sie sich damit abzufinden, wenn Sie überhaupt noch an dem Roman festhalten. Ich für meine Person entbinde Sie davon. Wir müssten eigentlich täglich zusammen arbeiten, und das widerstrebt mir. Ich mag nicht so darin wühlen, es bringt doch auch so seine Schmerzen mit sich. Macht man's selbst, allein, so ist schon die mechanische Arbeit des Schreibens eine Art Medizin, ein beruhigendes Pulver. Aber mündlich, wo man einmal zu intim wird, ein andermal wieder vor Scham das Wichtigste nur eben berührt, das ist, als sollte man sich in Gegenwart eines andern nackt ausziehen.

Legen Sie bei Ihrem Helden besonders Gewicht auf den aristokratischen Tick. Und auf die Natur! Erklären Sie beides aus seinem ästhetischen Genusstrieb heraus. Die Kunst erst in dritter Linie, es fehlt ihm dazu an innerer Berufung. Er ist nur ästhetischer Genüssling. Der Natur gegenüber reicht das ja aus, daher fühlt er sich bei ihr am wohlsten. Beim Weibe ist es damit nicht getan, das Weib verlangt "produktive Talente" vom Manne. Daher sein Fiasko beim Weibe, beim vornehmen Weibe, das ihn allein ästhetisch reizt, allein für ihn in Betracht kommt. Na, Sie werden es schon machen.

Ich gehe morgen nach Sylt. Meine dortige Adresse wissen Sie noch von früher. Es braucht sonst niemand zu wissen, wo ich bin! Also Diskretion!

Adieu, bester Freund! Ich halt es einfach nicht mehr aus.

Ihr Randers.

P.S. Ich lege Ihnen hier noch ein paar Verse bei, die meine augenblickliche Seelenverfassung spiegeln, und ein älteres Stimmungsstück, das ich unter meinen Papieren fand, eine Stilübung, die Sie vielleicht als Beweisstück für meine unzureichende Produktionsbegabung und als ein Charakteristikum nach der sentimentalen Seite hin brauchen können. Übrigens meine Verse! Ich wollte Sie immer bitten, ihnen etwas auf die Beine zu helfen, sie sind gar zu dilettantisch unbeholfen. Aber ich hab's mir jetzt überlegt, ändern lassen Sie nichts daran; so wie sie sind, haben sie ja allein Wert als "Dokumente", als Belege für mein Halb- oder Garnichtskönnen. Wenn Sie sie nicht lieber ganz weglassen. Mir auch recht!

* * * * *

Was für ein Traum doch war's, der sich mir spann bei Nacht, Dass ich in meinen Tränen bin erwacht? Was für ein Traum doch war's? Ist's nicht dein Bild, das sich mir hat gestellt, Das Haupt von lichten Locken dicht umwellt? Ist's nicht dein Bild? Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei, die Hand Zur Abwehr streng entgegen mir gewandt? Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei? Zerriss es denn auf ewig, jenes Band, Das dich und mich zu schönstem Bund umwand? Zerriss es ganz? So bleibt mir nichts von dir als heisse Glut, Ein einsam Kissen, feucht von meiner Tränenflut? So bleibt mir nichts?

* * * * *

Friedenstraum.

In stillen, tagesabgeschiednen Nächten, Wenn Stern an Stern zu goldnem Kranz sich flicht, Und wenn, wo Ginster sich und Weissdorn flechten, Gespenstisch Flüstern ob der Heide spricht, Dann hör ich auf, zu hadern und zu rechten, Wenn goldner Friede sternhernieder bricht, Dann blinkt in meines Herzens dunklen Schächten Endlich ein trautes, stilles Dämmerlicht.

* * * * *

Vogelkönigtum.

Vogel, du bist der König der Welt, Fern bleibt kein Platz dir, der dir gefällt. Fliegst in die freien Lüfte, Fliegst über Berg, über Meer, über Feld, Vogel du freier, du Herrscher der Welt.

Überall darf der Himmel dir blauen, Überall darfst du die Welt erschauen, Überall lässt du die Woge dich grüssen, Himmelentstürzt dir die Brust von ihr küssen; Täglich eroberst du neu dir, ein Held, Vogel, du freier, zu eigen die Welt.

* * * * *

Wie es sein sollte!

Was ist das Glück? Ein niedres kleines Haus, Weit ab der Welt und ihrem argen Treiben; Zum Fenster lehnt ein liebes Haupt heraus, Und Hände winken, lassen mich nicht bleiben; Vom Strande tönt der Nordsee dumpf Gebraus, Die Sonne blinkert golden in den Scheiben, Wir sind im Zimmer einsam und zu zwein, Wir sind mit unsrem goldnen Glück allein.

* * * * *

Einsame Weihnachten.

Gestern überkam mich die Weihnachtsstimmung mit übermächtiger Gewalt. "Stille Nacht, heilige Nacht," so klang es von der Strasse herauf; Strassenmusikanten. Was machte mir heute ihr sonst so grässliches Getute erträglich? War es nur diese unverwüstliche Melodie, dieses schönste aller Weihnachtslieder? Und das, was unter dem Zauber dieses Liedes erwachte? Ich war selbst wieder Kind geworden, meiner Mutter am Klavier geschmiegt, und "Stille Nacht, heilige Nacht" klang es von meinen Lippen.

Nun will heute der heilige Abend kommen. Die weihnächtige Stimmung ist mir getreu geblieben, und ich muss mir schon an ihr genügen lassen, denn ich würde einsame Weihnachten feiern; ich lebe, ein Fremder, in der fremden Stadt, einsam inmitten des hastenden Getriebes. Heute bin ich ihm entflohen; ich bin weit hinausgewandert in die schweigende, glitzernde Einsamkeit der ländlichen Umgegend.

Um mich das Spiel der weissen Flocken! Nicht in dichten Wolken wallt es hernieder; in glitzernden Sternen stäubt es fein, so fein herab. Will sich ein Geheimnis, beglückend, beseligend, auf die Erde betten? Leise Klänge klingen mit. Oder ist's Täuschung? Klingt der Schnee in herniederrieselnden Tönen unhörbar fast und doch so deutlich, weich, so wunderweich dem Ohr, wie sich auf die Stirne eine märchenweisse, schmale Frauenhand herniederlastet?

Der Himmel will sich verstecken und sendet doch seine Botschaft. Zwischen den langausgesponnenen Schneefäden dringt es wie von schimmernder Klarheit, fast als ob in jedem Augenblick der feine Nebelflor aufwehen und ein holdes Geheimnis enthüllen möchte.

Es ist drei Uhr nachmittags. Die Dämmerung hat begonnen. Ich bin weit hinausgeschritten, fern, so fern der Stadt. Nicht wie sonst am verdüsterten Fluss. Was soll mir die rollende Welle? Was soll mir am Weihnachtsabend trübe und ewig novemberhaft der dunkle Strom?

Wenige Schritte noch und ich bin im Walde! Breit dehnt sich die Fahrstrasse, einem gefrorenen, schneeblitzenden Flusse gleich, den, aus Tannen aufgebaut, jäh stürzendes Steilufer dunkel von beiden Seiten umengt. Eine Viertelstunde hinaus kann ich die schnurgerade verlaufenden, dunkelgrünen Wände überblicken. Stille, lautlose Stille, umfängt mich. Nur leisestes Wehen der Wipfel; einmal ein heiserer Krähenschrei! Die Wagenspuren die einzigen Zeichen menschlichen Lebens, aber auch sie fast hinweggewischt durch den fallenden Schnee.

Aber da saust es plötzlich zwischen den Stämmen heran! Ein schwaches Klingelgeläute! Stärker und stärker! Zwei Pferde! Scharf gezeichnet steigt aus ihren Nüstern der Atem in die Winterluft empor. Eine grosse, kräftige Männergestalt im Vordersitze; hinter ihr der peitschenknallende Kutscher. Ein verwunderter Blick auf den einsamen Wanderer! Sausendes Schlittendröhnen!

Vorbei!

Wohin wohl? Vielleicht auf ein benachbartes Gut zum Besuch auf den heiligen Abend? Der Schlitten mit Geschenken vollgepackt.

Wie wohl die Kinder warten werden. Bei jedem Haustürklingeln eine stürzende Schar, und immer wieder die Enttäuschung. Aber endlich ist er angekommen! Ein Stampfen auf der Treppe; das Fusseisen klingt an den scharrenden Absätzen; in der geöffneten Tür heisst eine schöne Frau den Schwager willkommen; die Kinder umdrängen den Onkel mit freudigem Lärm, und das Jubeln will kein Ende nehmen.

Und wieder läutende Glocken! Aber nicht aus der Ferne! "Aus des Herzens tiefem, tiefem Grunde" läutet die Vergangenheit empor. Immer mächtiger fluten und überschwemmen mich die Klänge. Und da wandelt sie mir nah zur Seite und nickt mir mit vertrautem Auge, die Jugend, die fröhliche, selige Kinderzeit.

Die Weihnachtsferien sind da! Meine Eltern wohnen auf einem grossen Kirchdorf, kaum eine halbe Meile von der Stadt, deren Gymnasium wir drei Brüder besuchen. Schon sitzen wir im Schlitten. Bald grüsst uns aus der Ferne das elterliche Heim, ein freundliches Pfarrhaus, um das im Sommer ein dichter Garten seine grünen Kränze schlingt. Endlich sind wir daheim bei Vater und Mutter. Es weihnachtet überall. Von Kuchen und Marzipan, von Pfeffernüssen, Tannennadeln und Weihnachtskerzen strömt ein würziger Weihrauch durch das ganze Haus. Vor den leichtüberfrorenen Fenstern hasten die Mädchen mit grossen eisernen Kuchenplatten vorbei.

Aber lange duldet es uns Kinder nicht an einer Stelle. Die Backen brennen vor ungeduldiger Erwartung. Schneckengleich schleicht die Zeit. Wollen denn die Grosseltern gar nicht kommen? Endlich hält das Gefährt. Wir Kinder alle draussen; die Kleinsten patschen mit ihren Händchen an den Grosseltern empor.

Schliesslich ist auch die letzte Stunde der Erwartung dahingegangen. Meine Mutter sitzt am Klavier und spielt den Weihnachtschoral. Auch das Stimmchen meiner kleinsten Schwester tippt schüchtern mit im Chor. Und dann tun sich die Türen weit auf, und vor uns flutet und flimmert der schimmernde Kerzenglanz! O du selige, o du fröhliche Weihnachtszeit; fröhlich und selig, wenn man ein Kind ist, bei Vater und Mutter daheim!

Ich habe mich in lichte Träume verloren; aber ich wehre ihnen, denn ich weiss nur zu wohl, dass sie sich trüber und trüber spinnen werden. Wollen nicht schon einsame, schweigende Gräber aus der Ferne herüberwinken? Ich reisse mich los; ich bin zur Gegenwart erwacht.

Es schneit nicht mehr, aber der Wald ist noch immer mein Begleiter: dunkler dräuen die Tannen, geisterhafter glitzert zwischen Stämmen der Schnee, denn die Dämmerung ist vollends gewichen, und die Nacht hat ihren sternenbesteckten Mantel über die stille Erde ausgebreitet. Und doch kein Dunkel. Sternenglanz und flimmernder Schnee weben ihre geheimen Strahlen ineinander; und mit ihnen führt noch etwas anderes, Unsagbares, heute in der Weihnacht geheime Zwiesprache. Was ist's? Ist es ausser oder in uns? Und wir legen es nur in die Natur hinein? Ist es der Klang der Weihnachtsglocken? In einem fernen Dorfe läuten sie den heiligen Abend ein, der Wind verweht mit leisem Schwellen den Schall und trägt ihn über den schweigenden Wald. Und ich vermag mein Ohr gegen diese Töne nicht zu verschliessen; zu gewaltig ist ihr Weiheklang. Alles grüblerische Denken erlischt; nur ein beglücktes Empfinden, nur der heimliche Zauber des Waldes und der gestirnten Weihnacht besteht.

Hat ihn je ein Dichter voll auszuschöpfen vermocht, so dass allein sein Wort den mächtigen Zauber ans Licht beschwor?

Das Weihnachtsevangelium fällt mir bei; nicht der Bericht des Lucas, von der Geburt des Kindleins selbst; zu real, so wundersam rührend auch die herzenseinfältigen Worte lauten. Aber die herrlichste Poesie folgt: "Und es waren Hirten beisammen auf dem Felde, die hüteten ihre Herde bei Nacht. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn umleuchtete sie."

Die schweigende Einsamkeit des Feldes, die einfachen Hirten, die Nacht, die himmlische Klarheit, das ist's! In diesen Worten steckt der ganze Zauber der Weihnacht, an sie reicht nichts heran als Händels ebenso einfache wie grossartige Musik. Die Worte wollen mich nicht mehr loslassen, ich spreche sie immer und immer wieder, ich summe sie in Tönen, indes ein leisester Windhauch den Tannen an ihre Wipfel rührt, und aus der Höhe herniedersäuselt, wie eine Botschaft des Friedens, wie der Friede selbst, der nicht von dieser Welt ist, der sich nur einmal im Jahre in der stillen, in der heiligen Nacht auf die Erde herniedersenkt. Und die Tannen erbeben und streuen Weihrauch auf und knistern—von Gold? Und schimmernd entbrennen viel tausend heimliche Kerzen, und unter ihnen liegt das Christkind gebettet, mit golden blickenden Augen—ein Weihnachtsmärchen in der Weihenacht unter den Tannen—und die Klarheit des Herrn umleuchtet sie.

Und mir—mir rinnen die Tränen von den Wangen herab—aber himmlische, heimliche Klarheit umleuchtet auch mich—die Klarheit des Herrn in der Weihnacht.

2.

Auf der Wattenseite, auf halbem Wege zwischen Rantum und Hörnum lag im Schutz des mächtigen Dünenwalles ein kleines einstöckiges Blockhaus. Ein leidenschaftlicher Seehundsjäger hatte es sich dahinbauen lassen. Seit Jahren stand es unbenutzt.

Das war etwas für Randers. Er erhielt das Häuschen für einen Spottpreis. Es war auch ärmlich genug für einen längeren Aufenthalt, nur für einen anspruchslosen Jäger auf einige Wochen ein Unterschlupf. Unten war ein grosser Raum mit einer kleinen Kammer daneben, oben, auf einer schmalen Holzstiege erreichbar, noch eine geräumige Kammer unter dem spitzen Giebel und etwas, anscheinend nie benutzter Bodenraum. Aber es befand sich doch eine Kochstelle im Erdgeschoss, ein primitiver Herd, worauf der alte "Seehund" sich seinen Grog gebraut haben mochte.

Randers liess alles instandsetzen, liess sich aus Westerland einen Tischler kommen und richtete sich ein. Das untere Hauptgelass war geräumig genug. Da fand ein grosser Schreibtisch aus Tannenholz Platz, vor dem Fenster, das auf die Watten hinaussah. Ein Chaiselongue, vier Stühle, ein kleiner runder Tisch, was brauchte er mehr? Ihm fiel zuerst nichts weiter ein. In die Kammer kam ein Bett und ein Waschgestell aus Draht. Auch ein paar neue Fensterscheiben waren nötig. Die alten waren ganz erblindet und rissig.

In die Giebelkammer liess er ein zweites Bett stellen. Er verwandte fast mehr Sorgfalt auf dieses "Fremdenzimmer" als auf seinen eigenen Wohnraum. Es kam ein solider Waschtisch herein, eine Kommode, eine Garderobe und nachträglich noch ein Spiegel. Er liess den ganzen Fussboden mit einem weichen Teppich belegen und das Fenster mit Vorhängen versehen.

Als er seinen Einzug hielt, hatte er einen Augenblick den Gedanken, die erste Nacht unter seinem Dache dort oben zu schlafen. Aber er unterdrückte diese Anwandlung. Doch ging er noch einmal mit einem Licht hinauf und stellte ein paar Herbstblumen, die er sich aus Westerland vom Gärtner geholt, in ein Wasserglas auf den kleinen dreibeinigen Wandtisch, den er in der Wirtschaft des Rantumer Strandvogts für ein geringes erstanden hatte.

Er dachte lange, bis er endlich einschlief, an die einsamen Astern oben im Giebelzimmer und belebte den Raum mit allerlei Traumgestalten. Am Morgen aber lachte er über die Blumen und warf sie zum Fenster hinaus.

3.

Randers fühlte sich geborgen. Vorläufig, vielleicht, dass es mit der Zeit ihm auch hier nicht mehr einsam genug wäre. Nun, dann war ja Norwegen da, die Schären und Fjords. Und immer so weiter, bis in die letzte grosse Einsamkeit. Auf diesem Rückzug war er ja doch.

Das mit Fides hatte ihm doch den Rest gegeben. Er bereute es nicht, er würde es zum zweitenmal wieder so machen. Und das gerade war es, was ihn so aus dem Geleise wart. Seine eigenste Natur hatte ihm diesen Streich gespielt. Er hatte das Glück in Händen gehabt und hatte es von sich geworfen, weil es ihm in diesem Augenblick kein Glück mehr war.

Seine Natur war auf das Unmögliche gestellt. Er trug sich mit Idealen, die verwirklicht, ihn unglücklich machen müssten. Weil er halb war, grossmäulich im Wollen, kleinmütig im Ausführen.

Ach ja, seine schönen Theorieen!

Dass alles Halbe ausgerottet werden müsste, dass die Halben mit Gewalt expediert werden müssten, wenn sie sich nicht selbst aus der Welt bringen wollten. Das war auch so eine von seinen Theorieen, aber eine, die sich verwirklichen liess. Und da würde er seinen Mann stellen. Ja, es war geradezu das Ziel, worauf er jetzt lossteuerte. Und da er ganz sicher wusste, dass er einmal dort anlangte, warum sollte er sich beeilen? Warum nicht in aller Ruhe und Gleichmütigkeit diesen Todesgang gehen?

Das war ja gerade das Köstliche, gab ja gerade dem Leben diesen seltenen, schaurigen Reiz: dieses Tanzen über dem Grabe, dieses letzte Geniessen, mit dem Bewusstsein, es ist das letzte; mit jedem Tropfen, den du schlürfst, kommst du dem Nichts näher.

Aber ausleben, nicht absterben!

Randers war den Rantumern schon von früher bekannt. Er war oft auf Sylt gewesen. Auf der ganzen Insel, von Hörnum bis List hinauf, kannte man den "langen Doktor".

Die Leute freuten sich seiner Anhänglichkeit an ihre Insel und freuten sich, dass er jetzt ganz bei ihnen bleiben wollte. Freilich lachten sie auch über ihn. Er war doch noch immer der alte verrückte Kerl. Und Randers lachte mit. Er wusste, die Leute waren im Grunde einem gesunden "Sparren" nicht gram, wussten ihn zu schätzen. Und dass er anders war als andere, das machte ihm ja selbst den grössten Spass, das war ja sein Stolz. Er war ja überall der Andere gewesen. Überall "deplaciert". Hier war jeder der Andere, der Eigene, Sonderliche. Jeder ein Original. Aus der Natur herausgewachsen, ohne Drill und Schliff. Das waren die Leute, die ihm gefielen. Er fuhr mit ihnen aufs Meer, lernte wieder das Segel handhaben. Er freute sich kindisch, als er den ersten Seehund geschossen hatte. Auch eine Möwe holte er herunter, nur um den Leuten zu zeigen, dass er's konnte. Nachher tat er's nie wieder. Er liebte die Möwen.

Auch von den Seehundjagden kam er oft ohne Beute zurück. Dann waren ihm die guten dummen Tiere leid gewesen, und er hatte nur darüber weggeknallt und sich an ihrem Erstaunen belustigt.

Er sah braun aus, wie der älteste Rantumer, schon nach drei Wochen; war er doch stündlich draussen, im feuchten Salzwind, das Sturmband unterm Kinn. Bald hier, bald da tauchte seine weisse Mütze wie eine aufgescheuchte Möwe aus den Dünen auf. Von Hörnum bis List hatte er alte Bekanntschaft erneuert und "begossen." Und der Salzwind liess keine "Gespenster" aufkommen, wehte sie weg, schneller als den Nebel, der plötzlich aus Watt und See aufstieg und alles in einen geheimnisvollen Schleier hüllte.

4.

So war es Winter geworden und war wieder Frühling geworden. Das einsame Fremdenzimmer hatte nie wieder Blumen gesehen. Hatten die Stürme, die über die Insel gebraust, die "Eulennester in seinem Schädel", wie Randers sagte, weggeblasen? Hatte der tägliche Verkehr mit den gesunden Insulanern, denen er sich in der langen Winteröde immer mehr angeschlossen hatte, wohltuend auf ihn gewirkt? Oder war es Moiken, die flachsblonde Kellnerin beim Rantumer Wirt und Strandvogt Brork Hansen, die ihn vernünftig gemacht hatte?

Abend für Abend hatte er während des langen Winters in der Rantumer Wirtsstube gesessen und sich gut und schlecht von Moiken behandeln lassen, wie ihr gerade der Sinn stand. Er machte ihr den Hof, machte ihr kleine Geschenke, gab reichlich Trinkgeld, und sie liess sich, wenn sie allein waren, dafür mal von ihm küssen. Weiter ging's nicht. Er hatte seinen Spass daran, und ihr brachte es etwas ein.

Um die Weihnachtszeit war er wieder melancholisch geworden, wie immer, wenn andere Leute den Christbaum anzünden. Und er hatte sich ein Bäumchen verschafft, hatte es mit ein paar Lichtern geschmückt und ins Fremdenzimmer gestellt. Das sollte ihm nun Abend für Abend bis in die Neujahrsnacht leuchten.

Moiken war gekommen und hatte seinen Baum bewundert. Sie hatte sich auf den Bettrand gesetzt, ihm zwischen die Kerzen hindurch in die Augen geblitzt. Aber er hatte sie plötzlich weggejagt, sie versäume gewiss was in der Wirtschaft.

"Durchaus nicht."

"Ja, doch! Geh."

Und er schob sie fast zur Tür hinaus.

Nein, das wäre doch. Unterm Tannenbaum!

Er strich das Bett glatt, wo sie gesessen hatte, löschte die Lichter und ging in sein Zimmer hinunter.

Nachts träumte er von Moiken.

5.

Randers hatte sich seit Monaten nicht nach Briefen umgesehen. Die Weihnachtsstimmung weckte ihm das Bedürfnis danach. Er war etwas enttäuscht, beim Leuchtturmwärter nur zwei Briefe vorzufinden, beide von Gerdsen. Aber wer sollte ihm auch schreiben. Er hatte sich ja von allen zurückgezogen, er wollte es ja so.

6.

Gerdsen an Randers.

Sie sind also doch auf und davon, lieber Freund. Hätten Sie doch noch drei Tage gewartet. Ich kam früher zurück, als ich dachte. Schade! Nun folg ich einstweilen Ihren Anweisungen, adressiere diesen Brief nach List und warte neugierig, was Sie mir aus Ihrer Einsamkeit melden werden. Wenn Sie Ihr Blockhaus unter Dach haben, versäumen Sie nicht, mir rechtzeitig Bescheid zu geben, damit ich an der Richtfeier mit einem stillen Trunk teilnehmen kann. Die Seltenheit des Falles dürfte Sekt rechtfertigen.

Ihr Gerdsen.

Gerdsen an Randers.

Acht Wochen haben Sie mich ohne Nachricht gelassen. Ich bin unruhig. Wo stecken Sie? An oder in der See? Unter den Trümmern Ihres Blockhauses? Als zappelnder Fisch in den Netzen einer blonden Keitumerin? Ich hoffe, Sie leben noch und arbeiten auf irgend eine Weise an unserm Roman. Es wäre mir doch sehr lieb, wenn ich an dem Faden ihrer Erlebnisse mich weitertasten könnte und nicht mit dem Schluss ganz auf meine Phantasie angewiesen wäre. Als "Fachmann" müsste mir nun freilich schon klar sein, wie das Gebäude zu krönen ist. Aus dem, was ich habe, müsste ich schon als guter Psychologe, wenn auch unbewusster, wie es der Dichter meistens ist, die Konsequenzen ziehen können. Ja, ich müsste jetzt Ihnen Ihre künftigen Wege zeigen können. Aber ich will's Ihnen allein überlassen und aus der Rolle des getreuen, nachtappenden Chronisten nicht heraustreten.

Die Wirklichkeit straft ja so oft alle Berechnung und Psychologie Lügen. Also leben Sie fleissig à la Randers und führen Ihr Tagebuch für mich weiter.

Neugierig bin ich, welche Friesenmaid die weiblichen Figuren des Romans vermehren wird. Mich würd's schon freuen, wenn Ihre Liebe nun zur Abwechselung einmal aus den aristokratischen Kalbsledernen in die friesischen Holzpantoffeln führe.

Adieu! Melden Sie mir wenigstens den Empfang dieses Briefes, wenn Sie sonst auch keinen Stoff zu einem Brief haben. Habe ich in vier Wochen keine Antwort, rechne ich Sie zu den Verschollenen und beende den Roman ohne Sie und verheirate Sie zur Strafe zuletzt mit einer ältlichen Gouvernante, die Sie jeden Sonntag in die Kirche führt. Also!

Ihr Gerdsen.

7.

Randers an Gerdsen.

Dank für Ihre beiden Briefe. Mein Blockhaus ist fertig, ich auch: mit der Welt. Hier ist's gut. Keine Weiber. Nur Moiken, die Kellnerin oder "Stütze" im Rantumer Krug, die ich "poussiere". Aber das ist des Zeitvertreibs wegen und um dem Mädel einen Spass zu machen. Genügt Ihnen das für den letzten Teil des Romans, meinetwegen! Lassen Sie Ihren "Helden" irgendwo verbauern, sich um eine Dorfdirne die Knochen zerschlagen, oder—es ist mir wirklich so gleichgültig geworden. Täten Sie mir nicht leid um Ihrer undankbaren Arbeit willen, ich würde Sie bitten, das ganze Manuskript in den Ofen zu stecken. Aber so weit wie es jetzt gediehen ist, hab ich kein Recht mehr daran. Sie haben freie Hand. Und damit viel Glück! Möcht's Ihnen Ruhm und Geld eintragen.

Vor einem Vierteljahr bekommen Sie keinen Brief wieder. Trotzdem immer

Ihr getreuer

Randers.

8.

(Tagebuchblätter.)

Dass Beethoven das Meer nicht kennen gelernt hat. Sein Atem ist wie der des Ozeans. Dieser grosszügige Wellengang seiner Melodie. Der hätte uns eine Ozeansymphonie schenken müssen.

Dass alle unsere Grössten dem Meer so fremd waren! Goethe, Schiller, Beethoven.

Byron, der kannte das Meer!

Und Böcklin kennt es!

* * * * *

Wie organisch die Phantasiegebilde Böcklins sind, sehe ich an Thoma, diesem lieben, stillen, deutschen Meister. Dem gelingen seine Bockfüsser nicht immer, Menschen mit Ziegenbeinen. Aber ein Böcklinscher Faun, der ist echt.

* * * * *

Ich sehe die Natur böcklinisch, d.h. in vielen guten Augenblicken. Das macht, Böcklin ist so wahr wie die Natur selbst, er hat sie erfasst, hat sie in ihren Muttertiefen belauscht. Die Natur ist böcklinisch. Nie erinnert sie mich an Klinger, so gross der ist, so sehr ich ihn verehre. Aber Böcklin liebe ich. Und es ist nicht nur das Meer, die Nähe des Meeres. Neulich auf der Dorfstrasse, die dunklen Lindenwipfeln gegen den Abendhimmel—Farbe, Stimmung, Musik: alles Böcklin. Oder die kleinen schwarzen Steine, die aus den Watten herausgucken, wenn die Flut leise heranspült, eine Möwe ruhte sich auf dem grössten Stein: Klinger zeichnet so was auch, ganz köstlich. Aber die Natur erinnert mich nie an ihn. Das macht, er ist viel zu sehr Klinger.

Böcklin: Monolog! Klinger: Dialog!

Bei dem einen redet nur die Natur, dem Zauberstab des grossen Künstlers gehorsam. Beim andern wird eine Unterhaltung draus, ein Zwiegespräch. Der Künstler hat geistreiche Antworten, Einwände, auch mal einen Witz. Er ist nicht—rein. Wohlverstanden!

* * * * *

Welcher Blödsinn: Moderne Kunst! Echte Kunst steht über allen Zeiten, ist immer und nie modern.

* * * * *

Nordsee.

Ein frischer Nordnordwest mit wilden Rufen, Er packt das Meer und zerrt es an den Mähnen. Da schirrt es sich; da stampft's von tausend Hufen, Viel tausend Rosse blecken mit den Zähnen; und lauter klatscht von seinen Wolkenstufen Der Gott hernieder seine Peitschensträhnen; Drauf seh, als Sporn und Stacheln Eile schufen, Den Griesbart greinend ich hintüberlehnen.

* * * * *

Non est.

In dieser grenzenlosen Einsamkeit Blüht neu in mir ein reineres Gefühl, Und aus dem Zwang der innern Qual befreit, Lausch ich der Wellen plätscherndem Gespühl; Und vor mir fliegt ein weisses Mädchenkleid, Es drängt der Locken wirrendes Gewühl, Und wie das Sternenlicht im Schaum versprüht, Seh ich ein Augenpaar, das mir erglüht.

* * * * *

Ob Gerdsen sich noch mit dem Roman quält? Mir ist diese ganze Idee mit dem Roman schon albern geworden. Er soll sich nicht weiter bemühen, oder es deichseln, wie er will. Wenn er seinen Helden (sic!) mit der Komtesse Bruckner kopuliert, werden es ihm die Leserinnen danken und der Verleger auch.

* * * * *

Moiken. Aber nein!

Moiken hat so was dummes, so was—sachliches. Ein Stück Mensch. Isst, trinkt, schläft und ist da. Sag ich komm! kommt sie, geh! so geht sie. Daran könnte sich eigentlich der Mann genügen lassen. Aber da hapert's. Der "Nichts als Mann", ja! Aber wenn man sich Blockhäuser baut, Blumen in ein leeres Zimmer stellt und Verse macht—ist man da eigentlich noch Mann?

* * * * *

Ein Kork, der den tiefen Drang in sich spürt, sich zu ersäufen! Ich kann mich selbst manchmal nur ironisch nehmen. Diese verdammte Neigung über sich selbst zu grübeln. Nicht Neigung, sondern Zwang, Verhängnis!

* * * * *

Des Leuchtturmwärters Frau mit ihrem Heimweh. Sie verbittert ihm die Einsamkeit, die ihm Lebensbedürfnis ist. Er war früher Musiker bei der Matrosenkapelle. Ein Sonderling, verrückt! Natürlich! Ich aber verstehe ihn. Die Frau versteh ich freilich auch. Er wird ihr eines Tags nachgeben und seinen Posten quittieren, wieder unter die Leute gehen. Es ist immer die Frau, die den Mann sich nicht ausleben lässt, so oder so. Sie tut mir übrigens leid.

* * * * *

Die Musik, vor allem die nordische, kann einen so weit bringen, Leuchtturmwächter zu werden. Musik, diese Allerweltssprache, die jeder versteht; sie sollte also verbinden, ausgleichen. Mich aber isoliert sie. Ein Beethovensches Adagio isoliert mich, führt mich ganz auf mich selbst zurück. Ich möchte nach jeder Musik, die mich völlig ergriffen hat, in die Einsamkeit.

* * * * *

Das Schauspiel der intelligenten, geistvollen Schriftsteller, die gerne Dichter sein wollen. Aber das ist ihnen versagt. So ein reines einfaches Gemüt, das an intellektuellem Besitz nicht den zehnten Teil in die Wagschale zu werfen hat, findet Töne, die einen den ganzen Geistreichtum der andren vergessen lassen, als etwas von dieser Welt. Jene Töne aber stammen aus einer Welt, für deren Seligkeiten alle Päpste und Könige dieser Welt ihre Kronen und Throne geben würden.

* * * * *

Dichter und Propheten, ihnen ist der Himmel offen.

* * * * *

Schaffenslust und Schaffensqualen. Ja, aber so aus dem Vollen schaffen können, diese göttliche Freude, diese fröhliche Göttlichkeit, wiegt das nicht alle Qualen auf? Aber dagegen die Qualen der Halben, die nur ein versprengter Tropfen des heiligen Öls traf. Wollen, wollen und nicht können. Glühen, aber es wollen keine Flammen werden.

* * * * *

Das denk ich mir die grösste Vaterfreude: einen Sohn haben, in dem das, was in einem glühte, Flamme ward. In dem hellen leuchtenden Tag seine Nächte und Träume wiedererkennen, seine gebärenden, schmerzlichen Nächte.

* * * * *

Wenn ich von Fides träume, ist es immer dieselbe Situation. Wir gehen zusammen durch ein reifes Kornfeld. Der Himmel glüht in einem sanften Abendrot. Wir sprechen nicht, gehen nur stumm nebeneinander, bis sie allmählich wie ein Schatten vor mir entschwebt, nach der Seite hin wegrückt. Wie die Entfernung wächst, ihre Gestalt undeutlicher wird, wächst eine seltsame Angst in mir; ich will ihr zurufen, aber die Stimme versagt. Schon drei- oder viermal hatte ich diesen Traum. Nur einmal vermischte sie sich mit Moikens Bild, und ich trank ihre Küsse von Moikens Lippen.

9.

Im Rantumer Krug waren Gäste eingekehrt. Moiken hatte alle Hände voll zu tun, als auch Randers nach einer langen Dünenwanderung etwas ermüdet eintrat. Im Gastzimmer sassen ein paar Männer von Rantum beim Kaffeepunsch; im Hinterzimmer, der guten Stube mit den weichen Polstermöbeln, sass eine Dame vor einem Teller mit Spiegeleiern.

Randersens erster Gedanke war: Spiegeleier? Sieh, darauf hättest du auch Appetit.

Aber dann nahm ihn natürlich die Dame ganz in Anspruch. Eine Fremde? Um diese Zeit?

Er stand ein paar Sekunden unschlüssig in der Tür, zwischen den beiden Zimmern. Er sah sich nach den Kaffeepunschtrinkern um.

Das war ja Jens Petersen Dirks.

"Tag, Herr Dirks!"

Er sagte das so laut, dass die Dame, die nach einem flüchtigen Blick auf ihn ihre ganze Aufmerksamkeit wieder den Eiern zugewandt hatte, ihn verwundert ansah.

Moiken kam aus der Küche mit einem Teller voll Butterbrot für die Rantumer.

"Sagen Sie mal, kann man Spiegeleier bekommen?" fragte er, lauter als notwendig war.

Er ging händereibend auf sie zu und trat auf, als ob er kalte Füsse hätte.

Er setzte sich an einen freien Tisch, stand aber gleich wieder auf.

"Wollen Sie mir's da hineinbringen, Moiken?"

Er ging ins andere Zimmer.

"Gnädiges Fräulein erlauben?"

Er schnarrte wie ein Leutnant, machte zwei kurze schnelle Verbeugungen und liess sich an einem Nebentisch nieder.

Die Dame sagte nichts, warf nur einen kurzen, forschenden Blick zu ihm hinüber.

"Warm heute draussen, gnädiges Fräulein."

Es klang beinah hastig.

Sie hatte gerad ein Stückchen Brot in den Mund geschoben und konnte nicht gleich antworten, als Moiken hereintrat und ihm etwas ins Ohr sagte.

Randers sprang sofort auf.

"Ach, ich bitte um Entschuldigung. Das wusste ich nicht," schnarrte er.

"Bitte sehr, ich habe kein Recht, Sie hier zu vertreiben," sagte die Fremde.

Aber Randers zog sich mit einer Verbeugung ins andere Zimmer zurück.

"Wer ist denn das?" fragte er Moiken.

Moiken setzte sich einen Augenblick ihm gegenüber.

Sie zuckte mit den Achseln.

"Von Wenningstedt. Sie sagte, ob wir nicht ein Zimmer hätten, wo sie allein essen könnte."

"Schon lange hier?"

"Halbe Stunde vielleicht."

"Will sie noch weiter?"

Moiken wusste das nicht.

Randers ass seine Eier und horchte auf jedes Geräusch im Nebenzimmer. Jetzt legte sie die Gabel hin. Jetzt klirrte etwas an ihr Glas. Sie schenkte sich ein.—

Ich habe nicht das Recht, Sie zu vertreiben. Eine Stimme hatte das Frauenzimmer. Er war ein Narr, dass er nicht geblieben war.

Wenn er sich den Ton ihrer Worte zurückrief, so schien ihm etwas von einer versteckten Aufforderung zum Bleiben darin zu liegen.

Er winkte Moiken heran.

"Wo wohnt sie in Wenningstedt?"

Moiken wusste von nichts.

"Können Sie nicht mal fragen?"

Moiken antwortete nicht darauf.

Randers begann eine laute Unterhaltung mit den Rantumern. Sie schrieen sich an, als sässen sie weit getrennt.

Nach fünf Minuten wurde vom andern Zimmer aus die Tür zugemacht. Die Rantumer achteten nicht darauf, aber Randers lief rot an. Es war ihm die ganze Zeit schon selbst aufgefallen, wie laut er sich benahm, aber ein gewisser Trotz, oder war es Nervosität, hatte ihn dabei beharren lassen.

Jetzt ärgerte er sich. Was wird sie von dir denken?

Aber dann lächelte er.

Was liegt dir daran? Wer ist sie? Hatte sie ein graues Kleid an oder ein braunes? Hatte sie eigentlich einen Hut auf? Du weisst gar nichts von ihr, nicht einmal ob sie hübsche Augen hat. Nur die Tatsache, dass sie Dame ist, eine Fremde, etwas in einem Sinne also Geheimnisvolles, genügt, dich so aufzuregen.

"Moiken, soll ich eine Zigarre haben," schrie er von seinem Sitze aus in die Küche hinein, deren Tür Moiken immer offen liess.

"Ja, gleich, nehmen Sie man," klang es zurück.

Er ging an das Büffet, nahm eine Zigarre aus dem Kistchen, von den leichten; er brauchte drei Streichhölzchen, bis sie endlich brannte.

Die Rantumer erhoben sich geräuschvoll und gingen.

Gott sei Dank! Nun war er allein. Ob sie auch bald gehen würde? Das wollte er abwarten, auf jeden Fall, und wenn er eine Stunde warten sollte.

Auf einmal hatte er einen Einfall. Er ging mit der brennenden Zigarre ins Nebenzimmer.

"Gnädiges Fräulein gestatten?"

Sie war ein klein wenig verwirrt in die Höhe gefahren. Vielleicht hatte sie geruht; in der Sofaecke? Gelesen? Geschlummert?

Sie hatte grosse dunkle Augen und war blond.

Das sah Randers flüchtig, als er an die grosse Wandkarte vom alten Sylt, die hier aufgehängt war, herantrat. Er tat, als suche er etwas auf der Karte, während hinter ihm mit dem Zeitungsblatt geknittert wurde; ungeduldig, nervös, wie es ihm schien.

Er hatte Zeit. Aber er konnte doch nicht eine Viertelstunde vor der Karte stehen bleiben.

"Die Unterhaltung wurde Ihnen wohl zu lärmend, gnädiges Fräulein," sagte er, sich umwendend. "Die Leute sind es hier nicht anders gewohnt. Man spricht sehr laut hier."

"Ja, das merkte ich schon."

"Gnädiges Fräulein sind schon lange auf der Insel?"

"Seit ein paar Tagen."

"Gnädiges Fräulein gestatten?"

Er zog einen Stuhl heran.

Sie sagte nicht ja und nicht nein, und er setzte sich.

"Sie wohnen in Westerland?"

"Westerland? Nein."

Sie war verdammt einsilbig, und ihre Blicke gingen wiederholt nach der Tür. Jetzt schlug sie gar mit der Gabel laut ans Glas.

"Sie befehlen?"

Er sprang auf. Aber Moiken trat schon ein.

"Was bin ich schuldig?" fragte die Fremde.

Randers war taktvoll genug, sich wieder an die Wandkarte zurückzuziehen.

Er war blutrot und ärgerte sich.

Er war gehörig abgeblitzt.

Was jetzt?

Er musste bleiben, bis sie ging. Er konnte doch nicht jetzt aus dem Zimmer gehen. Er setzte sich an den Nebentisch und sah in die Zeitung.

Die Fremde hatte sich erhoben und liess sich von Moiken den Regenmantel umlegen.

"Famose Figur," dachte Randers, über die Zeitung hinwegsehend. "Donnerwetter! Und diese stolze Anmut, diese Sicherheit."

Moiken, die ihm gerade bis an die Schulter reichte, reichte der Fremden eben bis an die Nasenspitze.

Randers stand auf.

Mit diesem königlichen Wuchs musste er sich messen.

Er ging hart hinter ihr vorbei ans Fenster. Sie war fast so gross wie er. Ein ganz leichter Blumenduft ging von ihr aus. War es Veilchen oder Maiblume?

Ihr Haar, im Nacken leicht gekräuselt, war ganz goldig, da gerade die Sonne drauf fiel.

Draussen auf dem Holzhaufen im Hof spielten ein paar junge Kätzchen. Immer lag das weisse nach kurzem Kampfe auf dem Rücken. Das gefleckte kugelte es mit einem Schlag seines kleinen Pfötchens in den Sand. Dem konnte Randers sonst lange zusehen. Auch jetzt amüsierten ihn die Kätzchen, trotzdem er mit seinen Gedanken nur bei der schönen Fremden war, deren Regenmantel hinter seinem Rücken rauschte.

Als die Fremde ging, mit einer stummen, kaum merklichen Neigung des Kopfes, folgte er ihr nicht gleich vor die Tür. Er sah ihr einen Augenblick aus dem Fenster des Gastzimmers nach, wie sie langsam den Wiesenweg an die Watten herunterging und rechts um das Haus hin verschwand.

Dann erst trat er vor die Haustüre, ging denselben Weg, blieb stehen, sah ihr nach, kehrte langsam wieder um und schlug den Weg in die Dünen ein.

10.

Randers ging am Aussenstrand.

Ob sie nach der Bake will? Dann triffst du sie.

Oder auch nicht.

Eigentlich hätte er ihr nachgehen sollen. Sie hatte doch nicht allein das Recht, an der Wattenseite zu gehen.

Warum war er ihr nicht nachgegangen? Er war doch sonst nicht änglichst in solchen Sachen. Warum gerade jetzt?

Er kletterte zweimal auf die Dünen hinauf und hielt Rundschau. Aber keine Spur von einer Dame. Ein paar Dünenschafe jagte er auf, das war alles.

Du bist ein Narr!

Vielleicht ist sie längst wieder auf dem Rückweg.

Aber er lief doch bis Hörnum Odde, ganz bis an die äusserste Spitze. Er war tatsächlich schon im Laufen. Der glatte Strandsand bot während der Ebbe dem Fussgänger keine Schwierigkeit. Aber Randers wurde doch warm. Er nahm seine Mütze ab und sah dabei, dass sie schon recht schmutzig war; sie war so schön weiss gewesen, leuchtend.

"Das geht doch nicht," sagte er laut. Er setzte die Mütze wieder auf, schob sie ganz in den Nacken und stapfte weiter.

Der Sand ward tiefer, und Randers musste "storchen", dabei schlenkerte er mit seinen langen Armen, als wäre er besonders unternehmungslustig. Er dachte aber nur, ob er sich nicht heute Nachmittag schon in Westerland eine neue Mütze kaufen solle. Ja, das wollte er!

Der Entschluss schien ihn zu beruhigen. Er schlenkerte nicht mehr so heftig mit den Armen. Und dann begann er zu singen.

"Winterstürme wichen dem Wonnemond."

Als er nach Rantum zurückkehrte, hörte er, die Dame sei nach einer halben Stunde wieder vorbei gekommen, in die Dünen hineingegangen und wäre wahrscheinlich am Strand nach Wenningstedt zurückgegangen.

Randers lächelte kaum merklich. Dumm, dachte er. Aber er war doch nicht so sehr ärgerlich. Nur etwas müde war er geworden und beschloss infolgedessen, die Mütze erst morgen zu kaufen.

Er betrachtete die alte noch einmal, zeigte sie Moiken und meinte:

"Was sagen Sie zu der Mütze?"

Moiken wusste nicht, was er wollte.

"Ist sie nicht schon recht schmutzig?" fragte er.

"Die ist noch lange gut," meinte Moiken.

Randers setzte die Mütze auf, zog das Sturmband unters Kinn und trat vor den kleinen Wandspiegel. Er drehte den Kopf wie ein eitles Frauenzimmer.

"Ach nee," sagte er, "das geht nicht!"

Er warf die Mütze auf den Tisch und setzte sich vor die Suppe, die Moiken ihm aufgetragen hatte. Er ass in der Regel im Krug zu Mittag.

Moiken setzte sich zu ihm. Sie roch nach Kaffeepunsch, den ihr ein Gast gespendet hatte.

Randers war heute empfindlich, mochte diesen Kaffeepunschatem nicht. Ihr breites, gutes Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen kam ihm gewöhnlicher als sonst vor:

"Willst du dich nicht 'n bisschen schlafen legen?" fragte er.

Er duzte sie oft.

"Schlafen?" fragte sie verwundert.

"Du hast ja Punsch getrunken."

Sie lachte laut auf.

"Ach, das tut mir nichts."

"Du trinkst wohl oft mal so einen heimlichen?"

"Sie glauben auch wohl."

"Na, na!"

"Aber was ich sage!"

Sie war wirklich entrüstet.

Er lachte gutmütig.

"Lass gut sein. Ich scherz ja nur."

Nach dem Essen konnte er sich nicht enthalten, ihr rundes Gesicht, das wirklich ein wenig glühte, zwischen beide Hände zu nehmen.

Sie wehrte sich, aber es half ihr nichts, ihr Kopf sass wie zwischen dem Schraubstock.

"Wie 'n Backofen," sagte er und bog ihr den widerstrebenden Kopf nach hinten.

"Jetzt bekommst du einen Kuss, Moiken," sagte er.

Aber es wurden zwei.

11.

Ausleben, nicht absterben!

Randers kaufte beim Gärtner in Westerland ein paar rote Astern und stellte sie wieder oben hinauf, ins Fremdenzimmer. Er lächelte dabei, ein wenig spöttisch:

"Ob sie wohl kommen wird?"

Aber es ward aus dem Lächeln doch zuletzt ein befriedigtes Schmunzeln.

Es war ja auch auf seinem Programm. Das Bauer war fertig, den Vogel musste er noch fangen. Aber einen Wildvogel. Ein verstecktes Dünennest, und der Sturm darüber hin. Und ab und zu ein Ausflug zu zweien.

Auf seinen einsamen Wanderungen durch die Dünenwildnis ging sie neben ihm, das Weib seiner Sehnsucht. Im Sand des umschäumten Strandes lag sie an seiner Seite, und ihre Gedanken waren seine Gedanken. Und wenn er sich abends müde in das Dunkel seines Blockhauses hineintappte, und dann die Lampe aufflammte, ward er wieder munter in der Stille dieser vier einsamen Wände, die ihm mit der Eindringlichkeit stummen Fragens immer auf das eine zurückwiesen: Wo bleibt sie?

War es denn wirklich nur Freiheitsdrang, Einsamkeitsliebe, was ihn in die Wildnis getrieben hatte? War es nicht vielleicht eine besondere Art Verrücktheit von Erotomanie, die ihn dieses ganze Phantasiegebäude von Dünen- und Blockhausromantik um das "Weib" hatte aufbauen lassen, das Weib, wie er es träumte, und wie es nicht da war auf dieser Welt?

12.

Der Himmel war wolkenlos, nur am Horizont war eine leichte, milchige Trübung. Das Meer war stahlblau und nur schwach bewegt. Es war völlige Windstille. Ruhig, in breiten, schaumlosen Wellen hob sich die Flut. Erst dicht vor dem Strand setzten die Wellen ihre weissen Mützen auf, ohne die sie ihm nie einen Besuch machten.

Es war gegen Mittag, Randers lag auf der Terrasse des roten Kliffs und war ärgerlich, trotz der schönen neuen weissen Mütze. Etwas auch gerade infolge dieser Mütze. Er log sich nie auf die Dauer etwas vor, gestand sich mit der Zeit alle seine Schwächen ein. Er wusste auch jetzt ganz gut, dass er ohne jene spiegeleieressende Fremde noch heute mit der alten schmutzigen Mütze herumliefe.

Und nun hatte er wieder dieser Fremden wegen einen weiten Weg vergeblich gemacht.

Nein, das konnte er nicht sagen. Ganz vergeblich nicht. Er hatte in Wenningstedt erfahren, wo sie wohnte, wie sie hiess, woher sie war, und wohin sie heute morgen gegangen war.

Und vor allem—sie hatte auf unbestimmte Zeit Wohnung genommen und durchblicken lassen, dass sich ihr Aufenthalt möglicherweise bis Mai oder gar Juni verlängern könne. Sie wolle nach ihrem Gefallen leben und frei sein. Daher war sie vor der Saison gekommen. Auf vier Wochen hatte sie erst einmal fest gemietet.

So viel Grund hatte Randers, zufrieden zu sein, aber der eine Umstand, dass er ihr nach Kämpen, bis zum Leuchtturm, nachgelaufen war und sie wieder verfehlt hatte, stimmte ihn augenblicklich ärgerlich. Die Insel war doch verdammt gross, wenn es galt, jemand "zufällig" zu treffen. Es könnte ganz gut ein Vierteljahr vergehen, während dessen sie immer zwischen den Dünen hinter einander herliefen, um einander herum, nur durch einen Sandhügel getrennt, ohne sich zu treffen. Beide störten vielleicht dieselbe Schafherde aus ihrer Verdauungsruhe. Der Hase, den er aufscheuchte, jagte ihr vielleicht hinter der nächsten Düne einen Schrecken ein. Ja, das war alles möglich.

Der Gedanke machte ihn ganz nervös. Er würde sie nie treffen, wenn er nicht heute in Wenningstedt bliebe, in ihrem Hotel übernachtete und sich ihr morgen beim Frühstückskaffee vorstellte.

Fräulein Lorenzen aus Tönning. Randers war in Tönning bekannt. Da war der reiche Weinhändler Lorenzen. Aber der hatte nur verheiratete Töchter. Vielleicht eine Nichte von ihm. Der Weinhändler hatte einen Bruder in Hamburg, einen Reeder.

Randers war geneigt, die Dame für Fräulein Lorenzen aus Hamburg zu halten. Jedenfalls reiche Reederstochter, Senatorstochter. Patrizierblut. Alter Hanseatenadel.

Randers lag in der Sonne und ärgerte sich. Er lag auf dem Rücken, die Mütze übers Gesicht gezogen, so dass er nur eben unter dem Schirm auf den rötlich flammenden Sand blinzeln konnte. Alle Augenblicke nahm er eine Handvoll Sand und warf sie über den Rand der Terrasse in die Luft. Dann wälzte er sich auf die Seite, liess den feinen blitzenden Sand durch die hohle Rechte auf den Rücken der linken Hand rieseln, mit unendlicher Ausdauer und finsteren Mienen. Plötzlich nahm er ganze Hände voll Sand und warf sie über die Terrasse in die Tiefe, immer mehr, immer schneller, der grosse Junge, der er war.

13.

Randers hatte im Hotel zu Mittag gegessen und schlürfte seinen Kaffee auf der Veranda, als er hinter sich im Speisesaal ihre Stimme hörte. Sie beklagte sich beim Wirt halb ärgerlich, halb belustigt, dass sie sich umkleiden müsse. Irgend jemand hätte sie vom rotem Kliff herab mit Sand förmlich überschüttet.

Randers war betrübt, entsetzt. Er unterdrückte einen Fluch.

Er horchte, aber er verstand nichts weiter. Gut. Sie ging wenigstens.

Er wollte den Wirt rufen und zahlen. Aber der würde ihm natürlich die grosse Neuigkeit erzählen. Fräulein Lorenzen mit Sand bombardiert! Was sollte er dazu sagen, für ein Gesicht machen? Er würde sich verraten, sie erführe es, und es wäre aus, alles aus! Adieu!

Er schwang sich über die niedere Brüstung der Veranda und lief in die Heide hinaus.

14.

Randers hatte nach Wenningstedt wollen. Er musste die Sache mit dem Wirt ordnen. So davon zu laufen, ohne zu zahlen. Aber Randers konnte an diesem Nachmittag nicht nach Wenningstedt. Der Nebel wollte es nicht, der leichte, ziehende Nebel, der sich ganz plötzlich erhoben hatte! Der Himmel war noch klar, aber Strand, Watten, See, alles war in diesem weisslichen Nebelmeer ertrunken.

Dumm! sagte Randers laut.

Ob er in den Krug ginge? Dahin fände er auch durch den Nebel.

Am Ende war es ein ganz netter Schreib- und Leseabend. Er könnte auch zu Hause bleiben. Die neuen Maeterlincks lagen noch unaufgeschnitten da und der letzte d'Annunzio, "Triumph des Todes."

Er warf einen Blick in den Roman, schlug achtlos eine Seite auf:

"Sein Herz schwoll vor verworrener Sehnsucht nach physischer Kraft, nach siegreicher Gesundheit, nach einem Leben voll fast wilden Genusses, nach einfacher unverbildeter Liebe, nach der grossen, ursprünglichen Freiheit. Er empfand wie ein augenblickliches Bedürfnis, die alte Hülle, die ihn bedrückte, zu zerbrechen und ihr als ein gänzlich neuer Mensch zu entsteigen, frei von allen Nebeln, die ihn betrübt, von allen Gebrechen, die ihn behindert hatten. Er hatte die verführerische Vision eines zukünftigen Daseins, in dem er, erlöst von allen verhängnisvollen Eigenschaften, von aller äusseren Tyrannei, von jedem traurigen Irrtum, die Dinge sah, als ob er sie zum erstenmale sähe und vor sich das ganze weite Weltall hatte, offen wie ein menschliches Angesicht. Konnte denn das Wunder nicht von diesem jungen Weibe kommen, das an dem Steintisch unter der stillen Eiche das neue Brot gebrochen und mit ihm geteilt hatte? konnte es denn nicht an diesem Tage beginnen, das neue Leben?"

Das hielt ihn.

Randers steckte die Lampe an. Er wollte lesen.

Das neue Leben von diesem Weibe?

Er wollte gerade die Fensterläden schliessen als es draussen klopfte. Der wackelige Türgriff klirrte, und die Tür knarrte, als würde sie zögernd geöffnet.

Randers trat mit der Lampe in der Hand auf den Flur hinaus und sah erstaunt in das ebenso erstaunte Gesicht Fräulein Lorenzens.

"Verzeihen Sie," sagte sie, "ich sah hier plötzlich ein Licht aufleuchten. Man sieht keine Hand vor Augen draussen. Ich finde mich nicht zurecht."

"Sie sind dicht vor Rantum," sagte er, immer noch verwirrt.

Sie lachte.

"Höchst erfreulich. Aber ich sehe es nicht."

Sie war seiner Einladung ins Zimmer gefolgt. Sie war ganz durchnässt vom Nebel, und er sah an ihrem Kleid Spuren von feuchtem Sand. Sie musste gefallen sein.

"Sie entschuldigen diesen Aufzug," sagte sie, "ich bin wohl sechsmal gestolpert."

"Sie haben sich doch nicht verletzt?"

Sie besah ihre Hände, die ohne Handschuhe waren.

"Ein paar Schrammen," lachte sie.

"Ich hole Ihnen Wasser. Darf ich Ihnen irgend etwas geben? Sie können in dem Nebel nicht weiter."

"O danke, bemühen Sie sich nicht. Wenn ich nur bis Rantum komme."

"Es klärt sich gewiss noch auf. Aber ich bringe Sie noch hin."

"Wenn es sich noch aufklärt, und Sie erlauben, dass ich verweile?"

Sie liess sich auf dem angebotenen Sofaplatz nieder.

Er sah, dass sie verwundert war, eine solche Behausung hier zu treffen.

"Mein Blockhaus," sagte er.

"Das ist ja märchenhaft. Sie wohnen hier?"

"Seit dem Herbst."

"Das muss köstlich sein."

"Wenn man Einsamkeit liebt."

Sie sah ihn forschend an. Er wurde rot unter diesen Blicken. Seine Sünde vom roten Kliff fiel ihm plötzlich ein.

"Ich bin auch hierhergekommen, um die Einsamkeit zu suchen," sagte sie, "ich habe sie ja auch in Wenningstedt, jetzt noch, so lange keine Badegäste kommen."

"Ja, die Badegäste!"

"Aber dies ist wirklich beneidenswert. Und Sie werden länger hier hausen?"

"So lange es mir gefällt."

"Und ganz allein?"

Er zuckte die Achseln.

"Was soll man machen? Die schönste Einsamkeit ist freilich die zu zweien."

"Meinen Sie?"

Er lächelte etwas verlegen.

"Einsamkeit will sprechen," sagte er.

Sie hatte gedankenlos mit dem Roman gespielt und warf jetzt einen flüchtigen Blick auf den Titel.

"Mögen Sie den?" fragte sie.

"Sie nicht?"

"Nein. Er quält mich. Er füttert einem zu Tode. Zu masslos. Man schenkt eine Rose, einen Strauss, aber man schüttet einem nicht einen Waschkorb voll Rosen über den Kopf, wenn man nicht die Absicht hat, einen angenehm zu ersticken."

Er lachte.

"Sie haben nicht unrecht."

Sie wurde wieder unruhig, sah nach der Uhr und warf einen Blick nach dem Fenster.

"Wie soll ich nach Wenningstedt kommen, wenn der Nebel nicht nachlässt?"

"Übernachten Sie in Rantum."

"Kann man denn das?"

"Gewiss!"

Er stiess den Laden auf. Sie sahen beide ins Graue; ein dicker, undurchdringlicher Nebel.

"Er ist stärker geworden," sagte er.

Sie schwieg und sah ratlos in die graue Dunstmasse.

"Es ist nicht weit bis Rantum?"

"Eine halbe Stunde. Freilich, in diesem Nebel geht's nicht so schnell."

"Entsetzlich!"

Es kam aus tiefstem Herzen, aber sie lachte doch dabei.

"Wollen Sie durchaus nach Rantum, bringe ich sie hin," sagte er, "aber wenn ich Ihnen dienen darf, ich habe oben ein freies Zimmer, ein Fremdenzimmer, ganz komfortable."

Er war ganz rot.

"Aber nein," rief sie ungläubig aus.

"Aber doch! Es hat's noch niemand benutzt. Wenn Sie ihm die die Weihe geben wollen. Es ist alles vorhanden, dessen Sie bedürfen könnten, wenigstens für eine Nacht."

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