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Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 56

4. Kapitel. Wunderbare Abenteuer.

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Die dreißig Minuten schienen eine Ewigkeit zu werden.

Bald sah man nichts mehr, denn das Weltenfahrzeug befand sich zwischen den ungeheuren Wolkenmassen, die den Jupiter verhüllten.

Mors warf noch einen letzten Blick durch die Gucklöcher, welche durch starke Gläser verschlossen wurden.

Er sah nichts als eine wirbelnde Masse, graue, weiße, braune Wolken, zuweilen auch ein rötliches Aufleuchten.

Jedenfalls befand sich die Atmosphäre des Riesenplaneten in ungeheurer Erregung.

Was da aber vorging, konnte kein Sterblicher sagen.

Die letzten Minuten vergingen.

„Jetzt kommt der Luftprall,“ sprach der Professor zu Mors, der mit der Uhr in der Hand die kommenden Dinge erwartete.

Nelly war auch da und sah mit ihren feurigen Augen auf den Luftpiraten.

Wenn es zum Sterben kam, wollte sie wenigstens in seiner Nähe den Tod erleiden.

Jeden Augenblick erwartete man die Katastrophe.

Der Luftpirat war darauf gefaßt, daß das Fahrzeug in Stücke zerschellen würde.

Mit einem Male verspürte man eine seltsame Berührung.

Es war, als hätte das Fahrzeug etwas Weiches, Widerstandsfähiges berührt und dann vernahm man deutlich, wie etwas gegen die gepanzerten Wände schlug.

Der Professor sprang empor.

„Wir sind angelangt,“ rief er. „Aber wir sind nicht auf festem Boden, sondern auf Wasser angekommen. Kein Zweifel, der „Meteor“ ist mit großer Geschwindigkeit in eine ungeheure Wasseransammlung hineingetaucht.“

Das Meer oder der See oder was es nun sein mochte, mußte sehr tief sein.

Plötzlich richtete sich das Fahrzeug, welches bis dahin eine schräge Lage gezeigt, wieder auf und schoß so schnell empor, daß Nelly und der Professor sich festklammern mußten.

Es schoß direkt aufwärts, aber nun verlangsamte sich die Bewegung nach vorwärts, dafür aber geschah etwas anderes, was nicht minder merkwürdig war.

Das Weltenfahrzeug geriet nämlich in schaukelnde Bewegungen, es war gerade so, als ob irgend etwas Geheimnisvolles, Starkes mit dem „Meteor“ spielte.

„Was ist das?“ rief Nelly, die sich tapfer festgehalten.

„Wir schwimmen,“ sprach Mors, „wir sind wieder aufgetaucht und da der „Meteor“ trotz seines ungeheuren Gewichtes, dank seiner Innenräume und der Behälter mit flüssiger Luft, leichter ist als Wasser, so schwimmen wir höchstwahrscheinlich auf der Oberfläche eines Jupiter-Gewässers.“

„Da mag es aber toll hergehen,“ meinte Terror, der eben an der Tür erschien. „Ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht ein fürchterlicher Sturm diesen Jupiter-See von Grund auf aufwühlt. Wir werden ja hin- und hergeschleudert, als ob unser Koloß eine Seifenblase ist.“

Mors sah wieder durch die kleinen Gucklöcher.

In wenigen Augenblicken überzeugte er sich, daß Terror Recht hatte.

Der „Meteor“ schwamm auf einer empörten See, die durch einen fürchterlichen Sturm aufgewühlt wurde.

Da sah man Wellen, gegen die die der irdischen Gewässer harmlos erschienen, Riesenwellen, die das sonderbare Fahrzeug wie einen Spielball hin- und herwirbelten.

Terror und der Professor waren jetzt auch an die Gucklöcher getreten, ebenso Nelly, die mit glänzenden Augen das Naturschauspiel einer unbekannten Welt bewunderte.

Die Schwester Ned Gullys besaß scharfe Augen, und sie war es auch, welche zuerst etwas Ungewöhnliches bemerkte.

„Kapitän,“ rief sie plötzlich. „Da ist etwas Dunkles. Das ist Land!“

Wenige Augenblicke später erhielt das umhergeschleuderte Fahrzeug einen gewaltigen Stoß.

Es war aber sicherlich kein Felsen, gegen den es stieß, sondern eine Sandbank.

Man vernahm deutlich, wie das Fahrzeug sich auf der Sandbank hin- und herschob und wie es sich allmählich immer höher auf das Land hinaufwühlte.

Der Sand türmte sich zur Linken und Rechten empor und bildete allmählich einen Schutzwall. Die von dem Sturm gepeitschten Wogen schlugen noch zuweilen über das Achterteil des Weltenfahrzeuges, bis es zuletzt still und unbeweglich im weichen Triebsand ruhte. — — — — —

Es vergingen viele Stunden, ehe sich der Aufruhr der Elemente legte.

Der Sturm schien schon längst zu Ende gegangen zu sein, aber die Wellen gingen noch immer hoch. Man sah durch die Gucklöcher, wie die Wogenberge über die Oberfläche des unbekannten Meeres hinüberfegten.

Dann kam ja die Nacht, da ja bekanntlich der Tag auf dem Jupiter kaum zehn Stunden lang dauert.

Aber dunkel wurde es nicht, denn der Jupiter besaß ja vier Monde, die eine großartige Beleuchtung spendeten.

Bei diesem Schein sah man die noch immer außerordentlich unruhige Oberfläche der See, auch hörte man das Donnern einer entfernten Brandung.

Mors glaubte auch zuweilen durch die Gucklöcher Umrisse von Felsen und Hügeln sehen zu können, aber die Atmosphäre war sehr wenig durchsichtig.

So blieb denn vorläufig nichts weiter übrig, als daß man die Ruhestätte aufsuchte, aber Mors sorgte dafür, daß stets einige Wachen Ausguck hielten.

Als die Nacht zu Ende ging, gewahrte Mors, daß sich die Oberfläche des Jupitermeeres bedeutend beruhigt hatte.

Da drängte es ihn, hinauszugehen und die Luft dieser neuen, unbekannten Welt zu atmen.

Das war nicht unbedenklich, indessen hatte der Professor schon einige Beobachtungen gemacht und die feste Ueberzeugung ausgesprochen, daß die dicke Luft des Jupiter, wenn auch mit einigen Beschwerden, geatmet werden konnte.

Das Weltenfahrzeug lag ungefähr zur Hälfte in den Sand gebettet, aber die luftdicht schließenden Türen, welche nach außen führten, waren freigeblieben.

Mors öffnete die innere Tür und schloß sie wieder sorgfältig. Er wies jede Begleitung zurück, obwohl Nelly und van Halen ihn nicht verlassen wollten.

Hierauf öffnete der Kapitän vorsichtig die äußere Tür und versuchte, die Luft zu atmen.

Sie war dick, schwer, aber zu ertragen. Sie schien nur eine ungeheure Menge Kohlensäure zu enthalten. Dies verursachte die Empfindung eines leichten Rausches. Da aber der menschliche Organismus sehr anpassungsfähig ist, meinte Mors, daß sich seine Mannschaft auch daran gewöhnen würde.

Jetzt stieg der Luftpirat langsam an der eisernen Treppe hinan, die zur oberen Plattform führte.

Er hatte ein merkwürdiges Empfinden, denn es war ihm zu Mute, als ob sein ganzer Körper aus Blei bestände.

Das war erklärlich, da der Planet Jupiter um soviel mal größer als die Erde war, mußte naturgemäß alles, was sich da befand, auch bedeutend schwerer wiegen.

Immerhin erwies sich dies nicht hinderlich, wenn man Bewegungen mit den Gliedern machte. Mors kam es so vor, als besäße er jetzt die Kraft, einen Felsen zertrümmern zu können.

Jetzt stand er auf der Plattform.

Zur Rechten lag das Meer, dessen Oberfläche noch immer in ziemlicher Bewegung war. Zur Linken aber sah man das Land, welches freilich ein höchst sonderbares Aussehen besaß.

An den Ufern des Meeres dehnte sich ein mächtiger Sandstrand aus, weiterhin stieg das Land empor. Da sah Kapitän Mors Felsen, Hügel und Klippen.

Die meisten aber besaßen eine höchst eigentümliche Form, denn sie waren kegelförmig und auf ihren Höhen befanden sich kreisrunde Öffnungen.

Ferner sah Mors merkwürdige Felsenringe, die fast riesigen Springbrunnenbecken glichen. Das Sonderbarste aber war, daß sie mit Wasser angefüllt waren, welches zuweilen aufbrodelte.

Mors sah sich um, ob er nicht irgendwo Pflanzenleben entdeckte. Es dauerte einige Zeit, ehe er dieses bemerkte, aber endlich gewahrte er solches zwischen den Hügeln.

Diese Flora war sehr spärlich, aber immerhin sah Mors hier und da üppige Pflanzen stehen.

Es waren eine Art Gräser, aber wie der Professor vorausgesagt, ungemein stachelig, alles schien von Dornen förmlich zu starren und das Ganze besaß direkt ein unheimliches Aussehen.

Als Mors in das Wasser blickte, gewahrte er, daß es recht klar und durchsichtig war.

Da unten war ein ganz anderes Leben und da sah Mors zunächst eine Menge Algen und Tang, er sah auch lebende Geschöpfe, die dort ihr Wesen trieben. Fischartige, anscheinend mit Knorpeln und Horn gepanzerte Ungetüme.

„Van Halen hat recht gehabt,“ murmelte der Luftpirat. „Das ist hier eine Epoche, die man auf Erden längst überwunden hat. Eine Zeit, die noch der Steinkohlenperiode voranging. Vor allen Dingen eine Welt, in der fürchterliche, vulkanische Erscheinungen zu den alltäglichen Ereignissen gehören. Aber es hilft nichts, wir müssen uns damit abfinden.“

Er erprobte noch einmal die Luft und ging dann hinunter, um seine Gefährten von seinen Beobachtungen zu benachrichtigen.

Mors forderte alle Insassen des Weltenfahrzeuges auf, nach der Plattform zu kommen und die fremdartige Umgebung zu betrachten.

Der Professor und Nelly waren natürlich die ersten, welche diesem Rufe folgten und sich nicht wenig über die bleierne Schwere in den Gliedern wunderten. Mißtrauischer benahm sich schon Terror, der bedächtig die neue Luft einsog und nach allen Richtungen umherschnüffelte.

Er brummte auch allerlei Bemerkungen in den Bart, die keine Schmeicheleien für die neue Welt sein mochten.

Dann kamen die Normannen, die ziemlich gleichgültig die fremdartige Umgebung betrachteten.

Die Inder waren die letzten, die sich auf die Plattform hinauswagten.

Mors beobachtete diese Leute aufmerksam, denn er hatte schon bemerkt, daß die Inder ein wenig verzagt schienen.

Der Luftpirat staunte aber, als die Bewohner der indischen Gebirgswelt, nachdem sie kaum ein paar Blicke auf die Umgebung geworfen, sichtliche Freude verrieten.

Ihre Augen begannen zu glänzen, sie deuteten bald hier hin, bald dorthin, und machten sich auf die sonderbaren Formen der Hügel und Felsen aufmerksam.

Mors trat zu den braunen Leuten.

„Nun, was sagt ihr zu dieser neuen Welt?“ forschte er, die Inder betrachtend.

„O Herr,“ erwiderte der eine, der das Wort führte, „dieses Land ist uns schon bekannt. Das haben wir schon früher gesehen.“

„Nicht möglich,“ erwiderte Mors mit flüchtigem Lächeln. „Ihr habt doch noch keine Reise nach dem Planeten Jupiter unternommen?“

„Wir haben dieses Land auf den Bildern in unseren Tempeln gesehen,“ lautete die Antwort. „Es ist das Land, in welchem unser Gott Brahma wohnt. Es ist seine Heimat und deshalb sind wir glücklich. Dort aber, jene wassergefüllten Ringe sind die Eingänge zur Hölle, in welche die grasgrünen Teufel alle die hinabziehen, welche nicht an Gott Brahma glauben.“

„Der Henker hole euch mit euren grasgrünen Teufeln und eurem Brahma,“ murmelte Terror, der sich hier ganz und gar nicht behaglich fühlte. „Ich wollte, wir schwebten fünfzigtausend Meilen von dieser vertrackten Welt, anstatt daß wir hier im Sande eines unbekannten Ozeans liegen. Der Teufel weiß, wann wir hier wieder loskommen. Meinethalben kann mir der ganze Jupiter gestohlen bleiben.“

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