Katja an Tatjana
Reading edition
Kremskoje, 17. Mai.
Liebe Tante! Jessika hat vergessen, Dich zu bitten, daß Du uns die Partitur von „Tristan und Isolde“ besorgst oder besorgen läßt. Papa ist dagegen, er meint, man könnte Noten auch leihen! Gibt es das überhaupt? Ach, erkundige Dich nur gar nicht, Bücher aus Leihbibliotheken beziehen ist unfein, und Noten sind auch Bücher, also. Im Grunde ärgert sich Papa nur, daß wir uns mit Wagner beschäftigen wollen, er ist nun einmal einseitig. Nicht mal kennen lernen will er ihn, sondern ist von vornherein entschlossen, ihn gräßlich zu finden. Ja, hätte Wagner vor ein paar hundert Jahren gelebt und Kirchenmusik gemacht wie Palestrina — ach so, das klingt dumm, aber ich habe es nun einmal geschrieben, und Du verstehst mich auch schon. Natürlich sind Beethovens Lieder an seine ferne Geliebte schön, die Papa immer singt, aber unsre Zeit und unser Leben drückt das doch nicht aus. Jedenfalls, Tante Tatjana, Du schickst uns „Tristan und Isolde“, nicht wahr? Bitte recht bald, Peter kann es ja besorgen.
Deine Katja.