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Der Jesuit

Zweiter Theil. (continued 2)

Reading edition

Der Doctor stutzte. »Die Philosophie unserer Religion, und häufige, von Zweiflern vergebens bestrittene Erfahrungen weisen mich an, Ihre Frage zu bejahen.«

Der Senator seufzte tief, und stützte das wankende Haupt in die kraftlose Hand. »Hören Sie an,« erwiderte er alsdann: »was mir in den Spätabendstunden des gestrigen Tages begegnet ist. Von den mancherlei Gemüthsbewegungen, die mich erschüttert hatten, wie von quälenden Mißverständnissen in meiner Häuslichkeit ermüdet, war ich in meine Stube gegangen, um zu ruhen und einen erquickenden Schlaf zu thun. Ich las in dem Gebetbuche, das ich Ihrer Fürsorge verdanke, die Lampe brannte dunkel; aus meinen Betrachtungen erwachend, erhebe ich mich, den flackernden Docht zu putzen, — da schaue ich zufällig nach der Thüre, und diese steht halb offen, — und zeigt mir eine Gestalt, die mich erbeben macht, die leichenhafte Gestalt des seligen Birsher in seinem weiten weißen Ueberrocke, den er zuletzt trug, — mit hohlen, starrenden Augen. Ich will rufen, — die Kehle ist mir zugeschnürt. Die Erscheinung öffnet dagegen den schaurigen Mund, und ich vernehme die dumpfen Worte: Du hast mich umgebracht, und willst auch die Tochter tödten? — Nicht nach Amerika! Wehe sonst! — Wie Todtenglocken sausten die Töne in mein Ohr, und im Nu verflimmerte das Gespenst vor meinen angstvollen Blicken. Sein Abschied löste die Bande meiner Zunge. Außer mir stürzte ich in einem Sessel um, rief nach Hülfe; Justine kam, Leute kamen. Die Erscheinung ist von einigen gesehen worden, und spurlos verschwunden. Ich befinde mich im gräßlichsten Seelensturm. Rathen Sie, reichen Sie mir den Anker des Heils!«

Der Doctor combinirte, still vor sich hinschauend, des Senators Aussage mit dem Behaupten der Lainez, und betrachtete diesen Zwischenfall als einen Fingerzeig aus hohen Wolken zur Erreichung des ihm aufgegebenen Zwecks.

»Eine seltsame Begebenheit!« sagte er bedächtig und ernst: »der innigsten Prüfung werth. Es scheint, als ob in der Zukunft Unheil brüte, ... als ob der Geist des Abgeschiedenen, der Ihre Tochter lieb gewonnen hatte, dieselbe zu retten, seinen Wohnort verlassen, ein nothwendiger, warnender Helfer!«

Der Senator nickte stumm mit dem Kopfe. »Was würden Sie an meiner Statt thun, ehrwürdiger Mann?« fragte er.

Der Doctor zuckte die Achseln. »Fragen Sie lieber,« sprach er, »was ich vor jener bedeutungsvollen Erscheinung gethan haben würde. Ich hätte meine Tochter nicht mit dem Amerikaner verlobt. Diese Leute sind Ihnen verderblich. Mit dem Vater zog ein bedauerliches Unheil in Ihre Wohnung. Der Sohn wird nicht viel Besseres bringen. Nennen Sie dieses Vorurtheil. So wie es in der Natur Elemente gibt, die sich ewig Widerpart halten, so verflicht das Schicksal öfters gewisse Menschen in gegenseitige Feindseligkeit, ohne daß sie es ahnen. Wenn wir annehmen, daß mancher Tag, manche Stunde wichtiger ist, als die übrigen,-warum nicht auch ein Menschenloos vor dem andern? Ich hätte Justinen dem jungen Manne nicht versprochen, nicht dieses Einschreiten einer unbekannten Macht herbeigerufen!«

»Ich war so heiter geworden,« versetzte der Senator, »ich sah eine furchtbare Wildniß, die mich entsetzt hatte, plötzlich geebnet. Sie wissen es: wir hatten uns zu offenem und heimlichem Krieg gegen den gefürchteten Gast gerüstet. Statt des Zürnenden, Argwöhnischen erschien jedoch ein Friedensengel, ein Johannes an milder Güte und Vertrauen. Ich konnte ihm die Tochter nicht weigern ... ich mochte es nicht,« setzte Müssinger stockend bei, »um oben den Schatten des Vaters zu versöhnen.«

»Unglücklicher!« sagte der Doctor mißbilligend: »Kaum in den Schooß der wahren Kirche aufgenommen, verkennen Sie deren Wohlthaten? War nicht schon jede Sünde von Ihnen gewichen durch meine Absolution? Bedurften Sie noch eines Sühngedankens, der an heidnischen Irrthum gränzt? Mehr noch, Herr Senator: dieser Vorsatz ist ein Verbrechen gegen die liebende Allmutter unserer gottseligen Herde. Sie werfen durch die Verbindung mit dem Protestanten Ihre Tochter in den Pfuhl der Verdammniß, statt sich Ihrer väterlichen Gewalt zu bedienen, sanft und ernst die Unbekehrte auf den Pfad des Heils zu bringen!«

»Mein Vater! das kann ich nicht,« entgegnete Müssinger entschlossen: »ich bin zum Bekehrer verdorben. Mein Kind wandle seinen Weg unter der Obhut des allbarmherzigen Vaters. Ist es dessen Wille, so wird meine Tochter selig werden — so wird sie zum wahren Hirten gelangen; so Gott will, ohne, wie ich, von einem grausamen Zusammentreffen aller Schrecknisse zu einem Uebertritt gezwungen zu werden, den ich ...«

Er schwieg plötzlich. Der Doctor ergänzte mit strafendem Blicke, »den ich jetzt schon von Herzen bereue. Sprechen Sie es nur aus. Ihre Verhältnisse haben sich ja so gestaltet, daß, was Sie gethan, ganz unnöthig war. Sie bedurften der Lossprechung nicht, weil der Sohn des Todten Ihnen freundlich entgegentrat; Sie bedurften meines Rathes nicht, weil er Ihnen sogar die Gelder schenkte, vor deren Rückzahlung Ihre Oekonomie, vor deren Bewahrung Ihr zartes Gewissen schauderte. Sie bedurften meiner Hülfe gegen den Feind nicht, weil sich dieser selbst in Ihre Hände lieferte. Ihr Uebertritt war zwecklos. Sie wünschten ihn ungeschehen zu machen; beinahe wünschte ich es auch, weil Sie meine Theilnahme und mein Vertrauen auf eine unwürdige Weise mißbraucht haben.«

»Hochwürdiger Herr ...«

»Ich gehe von Ihnen; wohl! Bedenken Sie jedoch, daß, indem ich auf immer von Ihnen scheide, mein Segens- und Lösespruch zu nichte wird. — Sie werden in Ihre Irrthümer, in Ihre Zweifel, in Ihre Gewissensqualen zurückfallen; eine Beute der mahnenden Geisterwelt werden, Ihre Tochter mit Ihnen in's Verderben reißen, und, statt einst mit Clara vereint, himmlische Wonne zu genießen, in Ohnmacht und Pein vergehen, weil Ihr Ohr taub geblieben, — weil Sie die irdischen Stimmen und die Stimmen von Jenseits nicht gehört!«

»Ach! welch' ein Abgrund von Trostlosigkeit und Furcht!« klagte der Senator, den Doctor, der zu gehen Miene machte, zurückhaltend: »Verlassen Sie mich nicht! rathen Sie mir; helfen Sie mir! Mich verläßt der Verstand und Gott, wenn Sie von mir scheiden!«

»Wo bleibt Ihre Entschlossenheit, Herr Senator? Ihr unbiegsamer Charakter?«

»Ich bin nicht mehr Müssinger,« versetzte der Senator tiefgebeugt; »ich kenne mich selbst nicht mehr. Wenn Sie verlangen, will ich, wo möglich, alles zurücknehmen; aber ... der Betrag jener Wechsel, ... wird Georg denselben nicht fordern, wenn aus der Hochzeit nichts wird?«

»Sind denn die Wechsel nicht in Ihren Händen? Ich bevollmächtige Sie, zu beschwören, daß Sie an Birsher, den Vater, das Geld gezahlt. — Sie leisten den Eid mit dem stillschweigenden Sinnesvorbehalt, daß Sie die Nothausflucht auf dem Wege wieder ausgleichen wollen, den ich Ihnen bereits angegeben, und Alles ist in völliger Richtigkeit; Ihr Heil bewahrt.«

Der Senator stand entschlossen aber unzufrieden auf, und entließ mit den Zeichen einer völligen Sinnesänderung den Doctor, an welchem Justine hastig und kalt grüßend vorüber zum Vater ging.

»Verhüten Sie doch Unheil, bester Vater,« sagte sie schnell und mit Thränen des Unmuths in den Augen: »Erklären Sie sich gegen die Mutter. Sie räumt ihre kostbarsten Sachen zusammen, — sie verschließt ihre Schränke, — sie will heute Abend das Haus verlassen. Welch' eine Schande für uns, wenn das geschieht! Reden Sie mit ihr, und ein grausames Mißverständniß wird sich heben!«

Des Senators bleiches Gesicht verwandelte sich in ein zornrothes. Erschrocken und verletzt zugleich eilte er, dem Justine zuredend und ermahnend folgte, dem Gemach seines Weibes zu. Jacobine war gerade beschäftigt, aus Schubfächern und Commoden ihre Kleider, ihre Wäsche zu nehmen, und die ungeheuern Schränke damit anzufüllen, die sie, voll von ihrer Aussteuer einst in's Haus gebracht. Sie zuckte etwas zusammen, als sie den Senator wahrnahm, ließ sich jedoch nicht stören, drehte ihm den Rücken, und kramte, ohne ein Wort zu reden, weiter fort.

Auf die dreimal und immer heftiger wiederholte Frage des Gatten: »Jacobine! Was machst Du da?« antwortete sie endlich, der Anrede überdrüssig, kurz und verächtlich:

»Du siehst's.«

»Du packst ein?«

»Ja.«

»Warum?«

»Ich gehe fort; heute noch.«

»Jacobine! von deinem Ehemanne? aus deinem Hause? von deinem Kinde?«

»Ist Justine ein brav Mädchen, so geht sie mit. Wo nicht, desto schlimmer für sie.«

»Lieblose! Blödsinnige!« donnerte Müssinger, kaum seiner mächtig: »Wiegelst du wieder mein Kind gegen mich auf? Was that ich dir, Besessene? Rede endlich!«

Die Senatorin schwieg in galligem Stumpfsinn. Justine, den bebenden Vater betrachtend, und Alles fürchtend, lief auf die Mutter zu, fasste deren Hände, und bat weich und flehend: »So reden Sie doch, Mutter. Beendigen Sie doch diesen gräulichen Zwist. Justine bittet Sie herzlich darum!«

Die Senatorin schob sie heftig von sich, und trieb ihre Geschäfte weiter. Justine folgte ihr ins andere Zimmer, versuchte noch ein Bittwort, und da auch dieses nicht fruchtete, stellte sie sich der ausweichenden Mutter in den Weg, und sagte mit geschärftem Nachdruck: »Sie werden jetzo dem Aergerniß im Hause auf eine oder die andere Weise ein Ende machen, Mutter. Sie werden es, so wahr ich Justine heiße. Sollen die Dienstleute noch mehr des schändlichen Geredes unter die Leute bringen? Soll mein — der Unschuldigen Wohl unter Ihrer übeln Laune leiden? Geben Sie jetzt noch nicht dem billigen Verlangen meines Herrn Vaters nach, so nenne ich Sie nie mehr meine Mutter!«

»Unglückskind!« zürnte Jacobine: »hätte ich dich nicht geboren!«

»O du Rabenmutter!« rief der Senator, der ihnen gefolgt war, und nun voll Wuth auf Jacobine zuging: »Bist du denn werth, daß dich die Sonne bescheint?« Seine Hand suchte und fand das spanische Rohr am Kamin. Justine hielt ihn mit aller Kraft zurück. Die Senatorin jedoch, ohne die drohende Bewegung zu fürchten, stellte sich ihm trotzig entgegen, und rief herausfordernd: »Nun, so komm' an! Schlage mich todt, wie den alten Birsher, dessen Gespenst schauderlich im Hause herumgeht, und mit dir, dem Schuldigen, alle Unschuldigen quält, daß sie unmöglich ausdauern können!«

Wie Bildsäulen standen der Senator vor dem Donnerworte seines Weibes, — Justine vor dem Erschrecken des Vaters. Er hatte die entsetzliche Entwicklung nicht geahnt. Justine hatte sie geahnt, — aber nicht das Verstummen des Beschuldigten, den ihr Gemüth bisher frei gesprochen. Mit Mühe gewann Müssinger seine Sinne wieder und die Sprache. »Lasse mich mit diesem Weibe, deiner Mutter, allein!« sagte er mit erlöschender Stimme, blaß wie der Tod und winkte dem Mädchen zu gehen.

»O du mein Herrgott!« kreischte das Weib: »Er will mich mißhandeln!«

»Bleibe, tolles Weib!« entgegnete der Senator, und zog sie mit solcher Gewalt in einen Sessel nieder, daß sie plötzlich verstummte, sich nicht mehr regte.

Justine wich nun auf ein zweites Zeichen ihres Vaters der traurigen Scene aus, die sich unter ihren Augen entsponnen hatte. In der Wohnstube kam ihr Georg Birsher entgegen: freundlich, offen, ruhig wie gestern.

»Ich sehe Sie gerne, liebe und gute Miß,« sagte er: »Ihr Anblick ist mir ein Trost vor dem traurigen Geschäfte, das mich erwartet. Die Commissarien des Gerichts werden erscheinen, und mir den Nachlaß des Vaters übergeben. Schenken Sie mir zuvor das Köstlichere: Ihre Gewogenheit.«

»Ich habe nichts gegen Sie, Monsieur,« versetzte Justine, verlegen an der Schürze zupfend: »Was wird aber Ihnen an der Gewogenheit einer Jungfer, wie ich bin, liegen?«

»Viel; weil aus der der Gewogenheit herzlichere Freundschaft werden kann. Sehen Sie, Miß: Als mein Vater sagte: Georg! du wirst heirathen, und das Mädchen nehmen, das ich dir bestimme: ein deutsches wirthliches Mädchen, das mein Correspondent sehr lobt an Eigenschaften und Vermögen! — Da dachte ich bei mir selbst: In Gottesnamen! Der Vater wills; aber ich kann's schon erwarten. — Als ich Europa betrat, und hörte, daß mein Vater gestorben, dachte ich: Sein Verlobungswort lebt zwar noch. Wird es mir jedoch zurückgegeben, ist mirs gleichviel. — Als ich aber hier ankam, in Ihr leuchtendes Auge sah, und tief in Ihr Herz; — da wurde es anders. Seitdem denke ich: es würde ein Unglück für mich sein, wenn ein solches Capital mir entginge. Ohne Umschweife denn, meine werthe Jungfer! Ihr Herr Vater wird mit Ihnen geredet haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, suche eine ehrliche Frau, und wünsche Sie an dieser Stelle. Was antworten Sie hierauf?«

Justine sah auf die Spitzen ihres Aermels, dann fest und sicher in Georgs festes und sicheres Auge, und sprach ohne Umstände: »Was mein Herr Vater will, ist mir, einer gehorsamen Tochter recht. Ich kann Sie, glaube ich, wohl leiden, mein Herr. Ich will mit Ihnen gehen, wenn sie es wünschen; als Ihr Weib und Ihre treueste Freundin.«

Birsher verbeugte sich sehr erfreut, und versetzte: »Wollten Sie mir nicht erlauben, holdselige Braut, einen Kuß auf Ihre Wange drücken, und Ihnen ein Pfand dieser Stunde verehren zu dürfen?«

Justine nickte freundlich, und duldete den verschämten Kuß. Georg zog hierauf einen schlichten goldenen Reif vom Finger, steckte ihn an ihre Hand, und sprach:

»Amerikanisches Gold, ächt und klar wie amerikanische Treue! Der Brautschmuck von brasilianischen Steinen, den mein Vater Ihnen zugedacht, und den ich Ihnen bald überreichen werde dürfen, ist zwar zehnmal schöner als dieser Ring. Ich bilde mir jedoch ein, daß der Ring mehr Werth für Sie haben werde, weil er von mir kömmt, und nicht vom freiwerbendem Vater eines willenlosen Sohnes.«

»Sie charmiren mich durch das artige Präsent!« versicherte Justine lächelnd, und entfernte sich mit dreimaliger Verbeugung, weil die Commisarien sich hören ließen. Im Begriff, dem Vater diese Nachricht zu bringen, begegnete sie ihm, der aus der Mutter Zimmer trat. Er schien gefaßt. Die Senatorin saß, wie die klaffende Thüre sehen ließ, mit gefalteten Händen, stumpf brütend und niedergeschlagen auf einem Stuhle. Justine wünschte dem Vater schüchtern Glück, zur Beruhigung der Mutter.

Die Albernheit hält in ihrem Kopfe offne Bank; sagte der Senator eiskalt und verächtlich: Man muß sie verblüffen, da mit Raison nicht anzukommen ist. Ich habe ihr geschworen, daß ich sie als verrückt ins Irrenhaus bringen lasse, wenn sie noch einen Schwank macht, wie gestern an dem tollen Teufelstage. Du stehst mir dafür, daß sie mittlerweile nicht aus dem Hause geht. Die Verläumder, die ihr solche Schandmücken in das Ohr gesetzt, will ich schon finden, schon züchtigen.

Justine freute sich der Ruhe ihres Vaters. Sie schien ihr ein Bürge seiner Schuldlosigkeit. Sie wollte seine Zufriedenheit erhöhen, und sagte: »Sie werden mich loben, Herr Vater. Justine ist gehorsam und eilig, Ihren Wünschen zu entsprechen. Monsieur Birsher kam vor einer Viertelstunde; er hat mit mir geredet; ich trage seinen Verlobungsring. Hier ist er, lieber Vater!«

Des Senators Gesicht verzog sich düster und unwillig. »Warum diese Eile?« brauste er auf: »Alles zur Unzeit! Das Donnerwetter soll ... Welche Plage mit unbesonnenen Weibern!«

»Mein Vater ...« fragte Justine scheu: »welche Aenderung? sagten Sie nicht gestern?...«

»Heute ist nicht gestern, und gestern war nicht heute!« versetzte Müssinger: »Der Ring muß zurück! Ich wills; ich befehle es dir!«

»Sie befehlen mir Ungerechtigkeiten!« — sagte Justine von kränkender Beschämung gepeinigt: »was müßte Herr Birsher glauben? Ich will nicht als wahnsinnig ausgeschrieen werden! besinnen Sie sich doch, mein Vater!«

»Ihr seid wahnsinnig; du und deine Mutter!« antwortete ihr in der höchsten Aufregung der Senator, und rannte dahin, wo die Commissarien seiner warteten.

Justine schlug staunend die Hände zusammen, fühlte sich an die Stirne, um sich zu überzeugen, daß sie in der That wache und alles Vorige gehört habe. —

»Ich soll nicht fort?« fragte sie sich schmerzhaft! »O nicht doch! fort nach Amerika, wenn das Leben daselbst hundertmal einförmiger wäre, denn hier! Fort! hinaus in die Ferne! hinaus nur aus diesem Hause, in dem sich alles Unheil vereint, um uns sammt und sonders nach und nach um den Verstand zu bringen, wie es uns schon um Herz und Gemüth und Sorglosigkeit und Frieden brachte. Ich wollte ja lieber unter Fremden mein tägliches Brod verdienen, als es unter solcher Seelenangst verzehren zu müssen; ich wollte lieber ... gleich einer Flüchtigen ...«

Sie hielt inne. »Ei, die Lainez!« fuhr sie fort; »wo bleibt die gute Frau, deren Umgang allein jetzo meinen Geist erheitern könnte? Sollte sie, ihrem Pfande zum Trotz, wortbrüchig werden?...«

Sie zog langsam, zögernd und erröthend, das Medaillon der Lainez aus der Tasche, und trat, von jungfräulicher Scheu und Neugierde zugleich befallen, aus dem Vorsälchen der Mutter in einen kleinen Versteck, kaum einen Kreuzstock breit — ein Altänchen nach dem Hofe bildend, auf welchem eine Anzahl von Blumenstöcken an Geländer und Wand hingereiht war; von freierer Luft heimgesucht, und durch ein schirmendes Dach vor Sonnenhitze und Regen beschützt. Dieser Blumenwinkel am äußersten Ende des Hauses, stand mit dem, ebenfalls von Küche, Wohnstube und Gesindzimmer entlegenen Vorsaale der Senatorin vermittelst einer Thüre in Verbindung, in der eine drathvergitterte Glasscheibe angebracht, vor welcher ein Vorhang befestigt war. In der Mitte der Blumentöpfe, auf einem leeren Fleck des Gestells derselben, kauerte sich Justine nieder, und betrachtete, sich zu zerstreuen, und ihrem Vorwitze zu genügen, die Heiligenbilder der Lainez. Der heiligen Pulcheria wurde indessen kaum ein Blick geschenkt; der schöne Sebastian fesselte ihre Aufmerksamkeit. Der Maler hatte in dem kleinen Bilde ein großes Stück geliefert, und der Beschauer wußte nicht, was er vorzüglich daran preisen sollte: die männliche Formenschönheit des Märtyrers, die zu den Sinnen sprach; oder die himmlische Verklärung, die sowohl in seinem Gesichte, als auf seinen Gliedern lag, und jeder Sinnlichkeit wehrte, ... oder den magischen geheimnißvollen Farbenzauber, der aus den Blumen hervorging, die aus den stürzenden Blutstropfen des Heiligen sproßten; oder endlich das herrliche Schauspiel des aufgeschlossenen Himmels, der seine Goldstrahlen um das jugendlich schöne Haupt des Sterbenden legte, — aus dessen Wolkenkranze die heilige Mutter sah, und der Heiland und ihre dienenden Engel!

Justine konnte sich nicht satt sehen an dem lieblichen Meisterwerke, und so oft eine seltsame innere Beklemmung sie zwang, den Blick wegzuwenden, flugs kehrte er zu dem Bilde wieder zurück. Sie stellte es endlich, verschämt und dennoch zu kleinem Frevel versucht, in die Zweige einer jungen, grün und glänzend aufsprossenden Myrthe. Sie dachte sich den Altar hinzu, — nicht den violettbehangenen der Johanniskirche, sondern den roth und weiß geschmückten aus der Johanniterkapelle; die Kerzen und den Weihrauch, von denen die Lainez gesprochen. Das Bild jener heimlichen Messe gesellte sich zu dem ganzen Begriff, und — siehe da! in blühende schmeichelnde Formen gestaltete sich vor dem Mädchen der römische verpönte Gottesdienst, und es dachte bei sich: die Mittagsländer mit ihren heitern Tempeln müßten doch schön sein, wie ihr Kirchendienst fröhlich; glänzend und begeisternd, wie ihre Heiligenbilder zart, rührend und ideal. Da wurde der schweigend überlegenden und prüfenden Jungfrau plötzlich zu Muthe, als sei Herr Georg Birsher an ihre Seite getreten, und frage sie mit seiner ruhigen und männlichen Stimme: »Wozu das alles, liebe Miß? Ich fürchte: was Sie da treiben, sieht einer kleinen Sünde ähnlich auf ein Haar. Lassen Sie den raschbewegten Mittagskindern ihren bunten lustigen Schauspieldienst, und das Heer ihrer Heiligen und Seligen, zu denen man betet. Ihr wandelbarer Geist verlangt einen Blumenflor, auf dem er flattere und wühle, und schaue und genieße wie die Biene; denn der Süden zeugt rasches Blut und glühende Sinne. Bleiben Sie jedoch, gute Miß, in der Bahn des Nordens, des gemüthreichen, lang und beständig Empfindenden, zufrieden mit einem Gotte, mit einem treuen Herzen. Und dieses Herz — bin ich gleich nicht schön wie der pfeildurchbohrte Sebastian, — nicht Theilnahme erregend, wie ein Anderer, der mir gefährlicher wäre, als der todte Heilige — dieses treue Herz finden Sie in mir!«

Justinens Phantasie hatte ihr eine eben so artige Täuschung vorgemacht, daß sie jetzt selbst verwundert aufsah, ob Birsher wirklich zugegen. Nein! er war nicht da. Ihr Auge sank zu Boden, aber ihr Ohr wurde von einem kreischenden Schrei erreicht, von der Stimme. »Das Gespenst!« flüsterte sie erschreckend, und hob mechanisch obgleich schaudernd den Vorhang von dem Thürfensterchen. Der Mutter Zimmer war offen; auf dem Sofa lag Jacobine, wie von Convulsionen durchschauert; über den Vorsaal nach der Ausgangsthüre schlurfte langsam eine weiße Gestalt. Vom Schrecken zu einer heldenmüthigen Entschlossenheit übergehend, sprang Justine aus ihrem Versteck, eilte der schnell sich fortbewegenden Gestalt, die diese Dazwischenkunft nicht vermuthet hatte, um so hastiger nach, faßte auf der Schwelle das fliegende weiße Gewand, und rief ihr wacker zu: »Halt! ergieb dich! du allzeit fertiges Gespenst!«

Dieses Letztere hielt nicht, sondern ließ den Oberrock in den Händen der tapfern Angreiferin; ein Mann entsprang dieser Hülle, ließ Perücke und andern Ballast, der ihm zu beliebiger Ausstopfung gedient hatte, feig im Stich, und floh, da von der großen Treppe sowohl der Senator, als mehrere Domestiken auf Jacobinens Geschrei herbeikamen, eine schmale Wendelstiege hinab, die zum Magazin und Brunnen des Hauses führte. Der Geist rannte hier dem zufällig herankommenden Berndt in die Hände.

»Halt! wer bist du, Deserteur?«

»Laß mich! Bruder Berndt! um Gottes willen!«

»Was? Dort oben schreit man nach Hülfe? und was gilt's? ich habe hier den Dieb! Halte still, und komm' mit.«

»Kennst du mich denn nicht? Parbleu ... sei kein Kind!«

»Eben deshalb, guter Freund! Weil ich kein Kind bin, und weil ich dich kenne, komm' mit. Deine Zwischenträgerei hat mich um den Dienst gebracht; meine Unerbittlichkeit soll dich zu Schanden machen, du Baalssohn!«

So sanftmüthig auch Berndt diese Rede sagte, so derb packten seine Fäuste den Gegner, und trugen ihn beinahe in die Höhe. Justine, Senator und Gesinde empfingen den Ertappten, und führten ihn vor die Senatorin. Nachdem der Senator hierauf die Domestiken entfernt hatte, um ihnen nicht die Vapeurs seiner Frau und die Scham des entlarvten Geistes länger zum Schauspiel zu geben, sagte er zu Jacobine: »Sieh hier das übernatürliche Wesen, das seit gestern unser Haus umzuwälzen sich bemühte, das aus dem Grabe wiederkehrte, um Einspruch in eine Hochzeit zu thun, die ihm mißfiel, und denke daran, daß deine Ungerechtigkeit gegen mich aus eben so nichtiger Quelle fließt.«

»Nothhaft!« rief die Senatorin, plötzlich ihre Krämpfe vergessend, und zornig aufspringend: »Nothhaft! Er niederträchtiger Bursche! Was bedeutet die schändliche Maskerade? Man hätte den Tod davon haben können! Am hellen Tage zu spuken! Den Amerikaner wieder aufleben zu lassen! Meinen armen Kopf zu verwirren! Ich hoffe, daß Herr Senator Müssinger Ihn exemplarisch zur Rechenschaft wird ziehen lassen! Auf dem Rathhause, vor allen Richtern und Volk!«

»Ich hoffe, daß der Herr Senator das unterlassen werden,« entgegnete Nothhaft mit einem giftigen Drohblicke auf denselben. »Was in diesem Hause nur als ein unschuldiger Jokus passirte, könnte am geeigneten Orte zum Ernste werden! und Ihre Beleidigungen, Frau Senatorin, muß ich mir eben so ernstlich verbitten. Ich bin nicht mehr der Commis in Ihrem Hause; ich bin mein eigner Herr, und alle Tage fähig, einen Rathsherrn abzugeben, wie Ihr Herr Liebster.«

»Ach Gott! das Lästermaul!« seufzte die Senatorin weinerlich und aufhetzend: »Ich zittere noch vor Schreck an allen Gliedern, und Er thut, als ob Er Fug und Recht gehabt hätte. Müssinger! wenn du das leidest....«

»Ein Wort, Herr Ex-Principal!« sagte Nothhaft unverschämt, und zog den Senator bei Seite: »wir wollen uns nicht über die Gründe verbreiten, die mich zu der Vermummung bestimmt haben. Ich thue Ihnen damit einen Gefallen, so wie ich den ganzen Plan zu Ihrem Besten allein angelegt habe. Vor der Hand lasse ich Ihnen noch die Wahl, mich als Schwiegersohn anzunehmen, und den Amerikaner aus dem Hause zu weisen, oder versichert zu sein, daß meine schonende Freundschaft für Sie ein Ende erreichen wird.«

»Er ist ein schlechter Mensch!« polterte der Senator hitzig: »was werde ich auf seine elenden Drohungen geben? Packe Er sich aus meinem Hause! Ich habe Nichts mit Ihm gemein. Setze Er sich in seine Heimath hin, und rathe und verkaufe und spucke Er fort so viel als Er will. Ich warne Ihn, sich ferner hier betreten zu lassen. Ich würde sonst meine Anklage bei dem Polizeiaufsichter anbringen müssen, während ich jetzt noch den Scandal, den Er verursachte, mit Schweigen übergehen will.«

Nothhaft schnitt ein grimmig saures Gesicht. »Na!« sagte er trotzig: »ich gehe, Herr Senator. Schreiben Sie das heutige Datum in's Kamin, Wünsche allerseits wohl zu leben. Und Sie, meine beste Jungfer! bittet Sie nicht ein wenig um Pardon für mich, da Sie mich doch eigentlich in die saubere Patsche versetzt hat?«

»Ich freue mich, Monsieur, Ihn ertappt zu haben, während sich Männer vor dem Popanz fürchteten,« versetzte Justine spöttisch: »ich bin nicht vergnügt, daß nun auch die ganze Stadt von Ihm glauben wird, was ich schon längst von Ihm behauptete: daß Er eine bösartige Kröte ist, und damit Punktum.«

»Damit noch nicht Punktum!« erwiderte Nothhaft frech und ergrimmt: »ich werde die Ehre haben, so Gott will, ein Weiteres von mir vernehmen zu lassen. Er aber, Mosje Berndt! Er wahre seine Ohren! Gott befohlen!«

»Du ruchloses Höllenkind!« rief Berndt dem Davoneilenden nach: »der leidige Gott sei bei uns muß wenigstens dein Großvater gewesen sein!«

Der Senator hatte indessen seine Partie genommen. Die alte Energie schien in den Mann zurückgekehrt zu sein. »Keine unnöthige Bethbruderei!« sagte er scharf, aber freundlich zu dem Augenverdreher: »wir müssen vor der Natter auf der Hut sein. Seh' Er nach, daß der Bengel seine Effekten noch in dieser Stunde aus dem Hause schaffe. Dann laufe Er, und zeige Er auf der Börse an, daß Nothhaft nicht mehr in meinen Diensten steht. Lasse Er merken, daß er mit Schimpf und Schande aus dem Hause kömmt. Aber von der Gespenstergeschichte kein Wort. Sonst bleibt's beim Quartalabschied. Unterdessen bedanke ich mich bei Ihm schönstens.«

Berndt eilte, vergnügt über seine gesicherte Existenz, den Befehlen des Principals zu genügen. Der Senator wendete sich zu Justine: »Dir, mein Mädchen, danke ich in's Besondere. Dein Muth hat uns die Augen geöffnet. Der Bursche wußte, mit wem er's zu thun hatte. Zu mir kam er in der melancholischen Nacht, — meiner leichtgläubigen, schreckbaren Frau erschien er am Mittage, — wahrscheinlich, weil das Gespenst am Abend nicht durch die verschlossene Thüre dringen konnte. Auf den Aberglauben der Dienstleute konnte er's bei Tage wie bei Nacht wagen. Allein zu Justine kam er nicht. Er hat das Mädchen mit Recht gefürchtet. Mir bleibt jetzo noch Einiges zu thun. Meine Gegenwart ist im Hause entbehrlich. Ich war bei Eröffnung der Schränke. Man hat sich überzeugt, daß alle Siegel unverletzt geblieben. Ich will ausgehen, Justine! meinen Hut, meinen braunen Rock mit der schmalen Stickerei. Den Mantel, den Degen! Ich muß zum zweiten Bürgermeister gehen. Der Kerl von Nothhaft muß aus der Stadt, ehe die Sonne untergeht, ehe er mir Stänkereien macht: ich fürchte, der Bursche hat tausend Kniffe im Kopfe. — Ich werde auch dem Steuercommissär meinen Besuch machen. Ich werde ihn ernstlich wegen des Geschwätzes seiner Frau bedrohen. Beruhige dich, Jacobine! du sahst, daß der Geist des Verstorbenen ein Posse war. Du wirst einsehen, daß die Commissärin in dem, was sie dir auf dem Ritterhofe vertraute, eine Lüge gesagt hat.«

»Das gebe Gott!« entgegnete die Senatorin phlegmatisch und die Hände in dem Schooß faltend: »ich reiße mich nicht gerne aus meiner Ruhe, und verlasse nicht mit Plaisir dieses Haus. Aber, wenn du in der That ein so schlechter Mensch wärst, wie die Leute sagen....«

»Schweig!« unterbrach sie der Senator finster, denn Justine kam mit Rock, Mantel, Hut und Degen. Während Müssinger sich in den Interimsstaat der Rathsherren warf, kam auch Georg Birsher hinzu. »Ich komme, Ihnen für die Bewahrung meines Eigenthums zu danken,« sagte er zu dem Senator: »welche Gerüchte haben sich jedoch zu meinem Ohr gefunden? Meines Vaters Geist soll sich gezeigt, und sich endlich, von einer muthigen Amazone ergriffen, in einen Ladenschwengel verwandelt haben?«

»Dummes Zeug!« erwiderte der Senator verdrießlich: »das Domestikenvolk hat doch tausend Zungen. Beruhigen sich Ew. Edeln. Es war ein einfältiger Nebenbuhlerstreich.«

»So?« versetzte Birsher lächelnd: »die Bosheit scheiterte sicherlich an Ihrem Ringe, beste Jungfer Braut. Die Wilden meines Vaterlandes beschenken sich mit solchen Talismanen, und vielleicht ist dieser Ring ein solcher. Erlauben Sie, Verehrteste, daß ich Ihren Heldenmuth und Ihre Treue mit diesem Diamantschmucke belohne, der freilich schon Ihr Eigenthum ist. Die Rose von Edelsteinen, die ich ebenfalls in dieses Kästchen gelegt habe, bitte ich, Ihrer Frau Mama, meiner allerwerthesten Schwiegermutter, als ein dürftiges Pfand meiner Ergebenheit zuzustellen.«

Er hielt dem Mädchen freundlich das geöffnete Etui hin, aus welchem ein Meer von Demantenglanz strahlte. Die Senatorin zwinkerte lüstern mit den Augen; Justine, ein weigerndes Compliment machend, las in dem Gesichte des Vaters, dessen Sinnesänderung sie beunruhigte. Der Senator bemerkte ihre Verlegenheit, und fuhr rasch und lebendig dazwischen: »angenommen meine Tochter!« sagte er freundlich und dringend: »alles geht wieder im rechten Gleise! Die Stimmen aus der Unterwelt haben gelogen, und im Uebrigen.... will ich schon fertig werden. Ew. Edeln werden also mein Schwiegersohn!«

Die Senatorin hatte sich der Diamanten bemächtigt, und bekräftigte des Mannes Wort mit einem tiefen verbindlichen Knix. Der Amerikaner umarmte den Senator, küßte der Senatorin beide Hände, der beruhigten Justine beide Wangen und die Stirne.

»Eine Bedingung indessen!« fuhr der Senator zwischen beide Verliebte tretend fort: »ich trage an Sie, bester Sohn und Handelsfreund, eine heilige Schuld ab, indem ich Ihnen meine Liebste gebe. Ich habe jedoch meine Gründe, warum ich die Heirath für's Erste ganz geheim gehalten, und endlich in Bälde und Stille gefeiert wissen will, damit nicht ferner eine Albernheit dazwischen komme. Mein Buchhalter und —« hier seufzte er — »Doctor Leupold schweigen wie beeidigte Männer. Knall und Fall! heute über acht Tage die Copulation in Liebkirchen; und dann, mein Brautpaar, zu Schiffe, und fort, in Gottes Namen! Jetzo aber Gott befohlen!«

»Wenn Justine mein wird,« sagte Georg, »so bedarf ich keines Gepränges, und so wenig ich mir's nehmen lassen werde, zu New-York mit einer hübschen Frau groß zu thun, so wenig dringe ich hier — in der fremden Stadt — auf diese Befriedigung meiner Eitelkeit. In vierzehn Tagen ungefähr geht ein holländisches Schiff, das auf dem Texel liegt, nach Amerika unter Segel. Ich werde an van den Höcken schreiben, daß er dessen Cajüte für uns miethe. Bis dahin sind wir zu Amsterdam und reisefertig. Nicht wahr, Justine?«

Justine nickte stumm aber bewegt mit dem Kopfe. In der Senatorin Gesicht zeigte sich sogar ein flüchtiger Wehmuthsschatten des Gedankens an Justinens Scheiden. Dem Senator gingen die Augen über. Er drückte Allen hastig die Hände, und entfernte sich rasch, seinen Geschäften nachzugehen.

Das Herz wurde ihm leichter: er sah Nothhafts Koffer von den Packknechten nach dem Gasthause schaffen. Sein Herz wurde ihm schwerer: der Doctor begegnete ihm bald hierauf.

»Nun, mein verehrter Herr?« fragte der Jesuit zutraulich und forschend: »Ihr Gesicht trägt das Gepräge eines reuigern Sinns? Gewiß haben Sie Ihren Entschluß gefaßt, und sind mit Ihrem Gewissen auf's Reine gekommen.«

»Das bin ich, hochwürdiger Herr,« sagte der Senator hierauf muthig, und zu der Waffe des Doppelsinnes greifend: »ich werde in Bezug auf meine Tochter thun, was Recht ist.«

»Dafür segne Sie Gott und der Dank Ihres Kindes!« erwiderte der Doctor mit Salbung, und verließ den ungeduldig Fortschreitenden. Während dieser zum Bürgermeister wanderte, um bei demselben gegen Nothhaft zu procediren, und hierauf den Steuercommissär aufsuchte, ihm zu sagen, daß dessen Weib sich unterstanden, gegen seine Ehefrau schändliche Injurien und Calumnien über ihn an den Tag zu legen, — und dem Commissär zu drohen, im Wiederholungsfalle seine geschärfte Klage vor den Gerichten anzubringen, — während dessen traf der Doctor Leupold sehr zufrieden mit Superior und dem Schiffscapitän auf der Mailbahn am Schwanenmarkte zusammen. Der Capitän war in seiner Uniform, der Superior als Quäcker gekleidet. Die Anhänger dieser Secte waren dazumal selten zu schauen, und von dem Volke sehr geehrt, weil die sonderbare Einfachheit des Aeußeren Vieles von dem Innern hoffen ließ. Der Lakonismus dieser Leute, die Gewohnheit derselben, den Hut auf dem Kopfe zu behalten, ihre schmucklose Kleidung und ihr schulmeisterlicher Gang sagten dem Superior als Larve vorzüglich zu, um darunter Tonsur und Priesterschaft zu verbergen. So zufrieden der Doctor zu den Herren trat, so unzufrieden waren diese gegenseitig, wie Leupold bemerkte. Der Superior blickte sehr vornehm und niederschmetternd vor sich hin. Der Capitän sah verdrüßlich aus, und ungeduldig mit dem Stocke in dem Sand stochernd, rief er den nahenden Doctor an, sagend: »Sehr recht, mein würdiger Herr, daß Sie kommen. Der sehr geehrte Herr und Freund zu meiner Seite hat mich auf's Korn genommen, und will mir den Spiegel sammt Mast und Korb und Raaen mit einer Ladung zerschmettern. Helfen Sie mir auf. Bezeugen Sie, daß ich der ehrlichste niederländische Schiffscapitän bin, der jemals die See befuhr. Ist es wahr, daß ich schmutzige Procente von meiner Fracht nehme? Ist es wahr, daß ich Seelen-Verkäuferei und Negerspedition nebenbei betreibe, und somit meine Fracht an Qualität und Quantität in Gefahr setze und schmälere?«

»Ich habe keine Beweise dafür,« versetzte der Doctor: »die Correspondenten melden bisweilen dergleichen, mein guter Herr Tormerpick, und wenn der sehr ehrwürdige Herr an Eurer Seite dasselbe behauptet, so muß er wohl genauer unterrichtet sein!«

»Den Donner auch!« sagte Tormerpick mit galligem Ausdruck: »Es sollen mich hunderttausend Tonnen voll Teufel regieren, wenn es wahr ist; so wahr ich Jahn Tormerpick heiße und mein Vater, der wackerste Steuermann, von einem Hai gefressen wurde; Gott habe ihn selig. Wahr ist's, daß die Verläumdung am besten Rufe am eifrigsten nagt, und ich will gar nicht läugnen, daß darauf hin meiner Redlichkeit mancher unpassende Antrag gemacht wurde. Wie ich ihn aber stets zurückgewiesen habe? Bei allen Signalen: dort läuft just einer, der mir gestern Abends in der Schenke eine dito Eröffnung machte!«

Der Kapitän deutete auf Nothhaft, der in der Ferne quer über die Straße ging. Der Doctor lächelte, an seine Unterredung mit dem Menschen gedenkend. Der Capitän nahm's für ein ungläubiges Lächeln, und betheuerte seine Aussage mit einem seemännischen Kraftworte.

»Es waren ihrer zwei beisammen,« sagte er ausführlicher: »der Mensch dort — wie er mir sagte: ein Ladenschwengel aus einem vornehmen Hause allhier; und ein Anderer, ein Hamburger Ellenreiter, der von seinem Principal weggejagt worden sein mußte, so abgerissen und liederlich sah er aus. Die Burschen tranken Bier und schwatzten von Hamburg, von dem Lotto, ... weiß Gott! wovon? Endlich schlief der Hamburger, der am Meisten geschrieen hatte, ein, und der Andere kam auf mich zu, und erzählte mir von einem jungen englischen Rindfleischesser, dessen er gern gerathen möchte, wenn ich demselben eine Kommißbrodpfarrei zu Batavia verschaffen wollte. Nun wissen Sie wohl, meine geehrten Herren, daß man für einen achtzehnjährigen englischen Burschen, der noch obendrein von guter Familie sein soll, einen ordentlichen Batzen Handgeld bekömmt, und daß mancher Capitän im Dienste unserer hochmögenden Herren eingeschlagen haben würde, — wäre es nur aus Tück und Tort gegen die Hallunken von England, und weil sogar die Transportkosten bezahlt werden sollten; — aber Capitän Tormerpick hat den Werber derb heimgeschickt, daß er nicht mehr anfragen soll!«

»Armer James!« dachte der Doctor bei sich, der nun den Zusammenhang begriff; dann setzte er laut bei: »ich möchte Euch wahrhaftig nicht rathen, Capitän, in den Handel einzugehen. Ich kenne den bezeichneten Jüngling und prophezeie Euch schlechte Folgen, wenn Ihr Euch an demselben vergreifen solltet.«

Der Capitän machte ein sehr langes und albernes Gesicht; der Superior setzte mit einem sehr finstern hinzu: »Ueberhaupt, Capitän, gebe ich Euch noch die Weisung in den Kauf, in Zukunft Eure Taxe, Zoll-Listen und Spesen billig einzurichten. Die Gesellschaft möchte ansonst leicht dazu bewogen werden, unter den holländischen Capitänen einen Stellvertreter für Euch zu erwählen. Quod notandum!«

Tormerpick führte sich mit verschiedenen Gemeinplätzen und oberflächlichen Bereitswilligkeits-Versicherungen ab. Der Superior sandte ihm noch einige Anmerkungen nach, und sagte alsdann zu dem Doctor: »Pater Münzner! ich bin nicht sehr mit Ihnen zufrieden. Sie sehen dem Schiffs- und Speditoren-Volk nicht genugsam auf die Finger. Sie schaden dadurch den Benefizdividenden unserer Gesellschaft; sind auch zu nachsichtig gegen mangelhafte Zahler, sind auch zu freigebig gegen Arme. Ihr Almosenbuch, das ich heute durchblätterte, strotzt von Ausgaben aus Ihrer Cassa. Das geht nicht. Almosengeben mit billigem Maaß und Ziel ist nützlich; es empfiehlt; es bindet. Die diesem Zwecke entsprechende Quelle muß jedoch aus den Taschen christlicher Wohlthäter in den Sack der Armuth geleitet werden; nicht aus dem Vorrathe der Gesellschaft, die nur verstattet, größere Summen herzuleihen, welche doppelten und dreifachen Zins zu tragen versprechen. Ich glaube, wir thun ohnehin schon genug an der Menschheit. Nebenbei, mein lieber Pater, verschwenden Sie Ihre Freigebigkeit an Unwürdige. Was soll zum Beispiel die namhafte Unterstützung bedeuten, die Sie einem Comödianten zugewendet haben? In der That, — wäre mir Ihr reiner Sittenwandel nicht bekannt, ich würde vermuthen, der Comödiant sei im Besitze eines hübschen Weibes.«

Der Doctor, seinen Verdruß bezwingend, erzählte sein Zusammentreffen mit Litzach. Der Superior beruhigte sich. »Ein Zögling der Gesellschaft?« sagte er alsdann: »das ist etwas Anderes. Das war ein Ehrenpunkt. Was soll aber mit dem liederlichen Subjecte werden? Es darf nicht faullenzen. Man muß ihm Beschäftigung geben. War er ein guter Akteur, so muß er in zwanzig Kleider passen. Ich werde darauf denken. Nun aber ein Weiteres, mein Bruder und Freund im Herrn. Sie sind einer großer Lauheit im Bekehrungsgeschäfte angeklagt worden. Sie wollen nur diejenigen, wie ich höre, in den Bund der Kirche aufnehmen, an welchen Ihr Gemüth einigen Antheil nimmt. Sie haben verschiedene Bekehrungen der Lainez getadelt, stehen sich überhaupt mit der artigen Wittib nicht zum Besten. Nehmen Sie sich in Acht. Die Lainez hat sich bitter beschwert. Sie wissen, was die Person bei dem Provinzial gilt; Sie stellen sich einer empfindlichen Demüthigung blos. Der Lainez darf Nichts geschehen; weder von Ihnen, noch von dem jungen White, der sie quasi verächtlich behandelt. Es ist freilich, in Betreff des Provinzials, gut, daß der junge Mensch sie nicht liebt, allein hassen soll er sie eben so wenig. — Kein Wort der Erwiderung, Pater Münzner. Wir sind völlig über obige Punkte aufgeklärt worden, und es sollte uns leid thun, Ihrer in unserem Berichte nach Rom ungünstig erwähnen zu müssen. Den Provinzial ... hunc tu amice caveto! wie der Heide sagt. Satis von obigem Gegenstande. Ein Weiteres. Wie steht es mit dem Senator?«

»Wohl;« versicherte der Doctor mit freierer Brust: »Die projektirte Heirath wird in sich selbst zerfallen. Ein seltsamer Gespensterglaube hat sich in's Mittel geschlagen, um —«

»Gleichviel;« schaltete der Superior ein: »jedes Mittel taugt. Für's Erste, natürlicher Weise, lehrt die Klugheit, alle Umstände so zufällig als möglich zu combiniren; hilft aber der Alltagsgang zu nichts, dann mögen spanische Fliegen angewendet werden. Ich habe der Lainez die Instruction gegeben, in dem Hause des Senators alle Minen anzuzünden, um das sonderbare Gänschen von Tochter zu stimmen. Ich habe, im Namen der Gesellschaft, eine wahre Passion auf ihr Vermögen.«

»Zu Ihrem Troste darf ich Ihnen also sagen,« — versetzte der Doctor, über des Vorgesetzten heißhungrigen Geiz seufzend, »daß Justinens Vater mir sein Wort gegeben, daß der Amerikaner nicht sein Schwiegersohn werden soll.«

»Quod sufficit. Indessen geht die Zeit hin, und die Lainez wird schon das Uebrige thun.«

Während Beide nun hingingen, völlig überzeugt, der Senator folge ihren Eingebungen unbedingt, fertigte dieser einen Brief nach Liebkirchen an den Prediger ab, um die Hochzeit geheimnißvoll vorzubereiten. Nothhaft schien von der Erde verschwunden, und das Schweigen über die Heirathssache wurde vortrefflich bewahrt. Die Senatorin, welche befürchtete, um der Geistergeschichte willen ausgelacht zu werden, sah ihre Muhmen nicht bei sich. Die Männer beobachteten das Geheimniß unverbrüchlich. Justinens Zunge, — sie konnte wohl sonst verschweigen — brach zuerst das Siegel. Mit der Lainez, die in dem Hause eingezogen war, auf ihrem Zimmer arbeitend, und über die Geisterhistorie lachend, sagte sie im Uebermuthe ihrer neu erwachenden Zufriedenheit: »Mit der Entlarvung des Spucks kam Alles wieder in's Geleise, und diese Wäsche, an welcher wir arbeiten, meine Beste, ist mein Brautzeug. Ich werde Herrn Birshers Frau. —«

Die Lainez erschrak; faßte sich, und erfuhr nach ein Paar gleichgültigen Fragen auch das Nähere aus dem Munde der Braut.

Zweiter Abschnitt.

Die Unglücksprophetin. — Das Bild in der Kapsel. — Gewitter im Brautstande. — Der Magister. — Morgenbesuch bei der Braut. — Trauliche und böse Stunde. — Angst des Senators. — Er und seine bösen Engel. — Das schreckliche Billet. — Todesschrecken; übereiltes Versprechen; listige Hülfe. — Seelenverkauf. — Birsher und Nothhaft. — Hiobsposten. — Die Predigt mit Donner und Blitz. — Schande und Arrest. — Wundergleiche Rettung. — Die Lainez erscheint. — Der Thurm von St. Paul. — Hoffnung durch den Freund. — Der Balsamhändler. — Zehn Uhr.

Das Leben im Hause des Senators hatte sich anders und besser gestaltet. In den Familienvater war die Spannung und Kraft zurückgekehrt, die auf einen bestimmten Zweck hin arbeitete: auf das Glück seines Kindes, auf seine eigene Beruhigung zugleich. — Die Senatorin schien in die ehemalige Lebensweise zurückgetreten; apathisch wie vordem, allein der begonnenen Feindseligkeit gegen den Ehegatten entrathend. Justine war zufrieden. Sie begriff, daß Georg Birsher, wenn sie ihn auch nicht mit jener Leidenschaft liebte, welche das Ziel jugendlichen Sehnens ist, nicht ermangeln würde, ihre billigen Ansprüche auf eheliches Glück zu erfüllen, und daß er geeignet sei, mit seinem besonnenen, ruhigen und klaren Wesen Hand in Hand mit ihr, der starken, nicht an Schwärmerei noch Idealen hängenden Jungfrau zu gehen. Ein Gedanke trug noch Vieles zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit bei. Sie fühlte in ihrem Innern, daß sie sich als Opfer für irgend eine Ungerechtigkeit, die ihr Vater an dem alten Birsher begangen, hinzugeben habe; sie fühlte, daß der Senator mit Verlangen ihrer Verbindung entgegensah; er hatte von einer heiligen Schuld gesprochen, und sie war stolz darauf, die Zahlerin derselben zu sein. Die Besuche, die ihr Herr Georg Tag für Tag zweimal abstattete, machten sie immer mehr und mehr mit den edeln Eigenschaften bekannt, deren sich sein Herz rühmen konnte, und wenn gleich Schüchternheit und Convenienz ihr verboten, dem Verlobten die volle Achtung zu zeigen, die sein Benehmen ihr abzwang, so entschädigte sie sich dafür in ihren Gesprächen mit der Lainez, die gutmüthig und freundlich dem Lobe zuhörte, das die Braut dem Bräutigam spendete, und ihr eine Theilnahme zeigte, welche die Mutter nicht äußerte, weil sie dieselbe nicht empfand. Unbemerkt nahmen indessen die Unterredungen eine andere Wendung. Die Lainez, obgleich die Verbindung mit dem Amerikaner höchlich billigend, stimmte allgemach das Lob des ungebundenen fessellosen Lebens an.

»Glauben Sie nicht,« sagte sie einst, da Justine sich mißbilligend dagegen ausgesprochen hatte, »daß ich den mindesten Zweifel wider den Beruf hege, den der gute Herr Birsher verspürt, Ihr Mann zu werden. Ich halte ihn für einen rechtschaffenen Mann; für denjenigen, der das Glück zu schätzen weiß, das ihm in Ihnen zu Theil wird. Aber, — beste Mademoiselle, — erlauben Sie, daß meine Erfahrung Sie nicht ungewarnt lasse. Ich lebte in einer glücklichen Ehe, geliebt von einem jungen, schönen, mit Rang und Ehre begabten Manne; ich wurde von ihm auf den Händen getragen; aber dennoch fühlte ich oft recht schmerzlich den Verlust meiner Freiheit. Die Gattin, der Gewalt des Mannes unterworfen, darf keinen Schritt mehr nach ihrem Kopfe thun; denn die Männer haben die Gesetze gemacht. Die Frau bleibt vor den Augen der Welt nichts mehr und nichts weniger als eine ledige Zugabe des Gatten, der sie mit seiner Ehre bekleidet; eine trügende Sonne, die ihre Strahlen von dem Gestirne, woran sie geknüpft ist, entlehnt, und untergehen muß, sobald der Herrscherstern verlischt, oder ... was nicht selten geschieht, — eine abweichende Bahn zu beschreiben für gut findet. Unvermählt, gibt Jugend und Schönheit uns einen Rang, auf welchen oft Fürstinnen neidisch herniedersehen; verheirathet, legen wir den Scepter der Reize nieder, um die Sklavin eines — wenn auch geliebten — Herrn, unsrer Wirthschaft, unserer Kinder, unsers Rufs zu werden, und in Dunkelheit ein Leben zu enden, das oft so reizend, so vielversprechend begann.«

»Ei, gute Frau, welche Reden?« sagte Justine verwundert und empfindlich: »Ihre Gedanken fliegen hoch. Ihre Prophezeihung soll aber an mir zu Schanden werden. Halten Sie mich für das schwache Geschöpf, das sich unterjochen lassen, oder Herrn Birsher für den Mann, der solche Erniedrigung begehren würde? Wenn, — verzeihen Sie mir, — der Capitän Lainez, gewohnt, anderthalbhundert Menschen mit Sack und Pack nach seinem Wort zu leiten, diese militärische Tyrannei in sein Hauswesen übertrug, — so machen's die Herren vom Degen nicht anders. Ich soll jedoch die Associée eines friedlichen Kaufmanns werden, die Gefährtin seines Glücks, nicht die Magd seiner Bequemlichkeit, und, wenn die Wagschale einer gewissen Herrschaft auf eine Seite schwanken sollte, so müßte es die meinige sein; darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

Die Lainez lächelte, zuckte die Achseln. »Wir werden ja sehen!« sagte sie einsylbig. — Justinen genügte dieses nicht.

»Sie sollen die Sache nicht unentschieden lassen,« sagte sie lebhaft: — »Sie müssen sich mir gefangen geben, oder mich gefangen nehmen. Mein Charakter ist leicht zu erkennen, zu ergründen. Glauben Sie etwa, er passe, trotz seiner Gewohnheit, Alles durchzusetzen, unter das Joch, dessen Sie erwähnten?« —

»Fürchten Sie sich vor einem härtern, unerträglichern,« entgegnete Lainez hastig: »Sie gehen mit der Unbefangenheit, — ich möchte sagen, — Unbesonnenheit einer zuversichtlichen Jugend einem Bunde entgegen, zu welchem, wie Sie es auch läugnen wollen, das Herz, die Neigung, Sie nicht zieht. Sie werden blindlings die Frau eines Mannes, der Ihnen nicht mißfällt, den Sie aber auch nicht lieben. Diese Leidenschaft bleibt jedoch nicht aus. Wehe Ihnen, wenn in Ihr beschränktes, einförmiges Leben einst der Mann tritt, der Ihre Gefühle mit Siegergewalt an sich reißt; der es versteht, Sie, die Unbewachte, zu bezwingen. Hätten Sie auch die Obergewalt in Ihrem Hause errungen — vor dem Fremdling müßten Sie dieselbe niederlegen!«

Justine sah, bis unter die Haare erröthend, die Lainez starr und verwundert an: verzog dann spöttisch den Mund, und erwiderte: »Sie sprechen Dinge aus, woran meine Seele bis jetzt noch nicht gedacht. Sollten auch diese zu Ihren Erfahrungen gehören? Sorgen Sie nicht für mich: die Ehre ist der Harnisch, der mich gegen den Versucher wappnen soll.« —

Die Wittwe verstand sehr wohl die rauhe Antwort; sie erhob sich schnell und gekränkt von ihrem Stuhle, schob die Arbeit von sich, und trat an's Fenster, Justinen stumm und beleidigt den Rücken kehrend.

Das Mädchen bemerkte, schnell bereuend, den Eindruck, den seine Worte gemacht. Es näherte sich — den Vorwurf fühlend, einen unglücklichen Gast gekränkt zu haben, — der Französin. Zaudernd überlegte Justine, wie sie wohl die Verletzte anzureden habe; — da gewahrte sie, an dem Stuhle der Lainez niederblickend, ein Papier, das der Aufstehenden entfallen war. Sie hob es auf, trat zu der Wittwe, und sagte ihr freundlichernst: »Hegen Sie keinen Groll gegen mich. Ich bedenke nicht lange, was ich sagen will. Es that mir aber leid, Ihnen so unsanft geantwortet zu haben. Vergeben Sie, und nehmen Sie ihren Platz wieder, wie dieses Papier, das Sie verloren.«

»Sie sind ein heftiges, liebes Kind,« entgegnete die Lainez, und wendete die Augen voll Thränen der Reuigen zu: »Wer wollte Ihnen nicht vergeben?« Sie umarmte dabei Justine, und drückte, zum ersten Male, Küsse auf die Stirne, die Augen und den Mund des Mädchens, die wie Flammen brannten, und Flammen auf Justinens Antlitz riefen. Dann fuhr die Französin, ruhig werdend, zu der Errötheten fort: »es ist möglich, meine liebliche Freundin, daß ich mich, von Besorgniß für Ihr Wohl ergriffen, mancher Ausdrücke bedient habe, die Sie auf den Argwohn führen konnten: es sei mir darum zu thun, Ihren Geist, Ihr Herz in Unruhe zu versetzen, und gewissermaßen den Versucher selbst zu spielen. Verbannen Sie dieses Mißtrauen! Glauben Sie an meine harmlose Zuneigung. Dieses Papier, das Sie mir reichen, das mir entfiel, führt den Beweis für mich. Es ruht seit vorgestern in meiner Tasche, und ich zeigte es Ihnen nicht, um Ihre Ruhe zu erschüttern. Jetzt aber, da der Zufall es in Ihre Hände gegeben, da ich nun weiß, wie fest Ihre Entschlüsse stehen, mögen Sie es eröffnen, und sich von meiner Diskretion überzeugen.«

Justine that neugierig und gespannt, wie ihr die Lainez hieß. Bekannte Schriftzüge. Sie las dieselben. Ihre Hand zitterte, aber ihr Auge, verrätherischer vielleicht, als ihre Hand, wich nicht von der Schrift, bis sie zu Ende war. James, der aus Justinens Nähe verwiesene James schrieb:

»Wie auch immer Ihre Gesinnung, Madame, sich gegen mich entschieden, — ich sende Ihnen diese Zeilen: Saatkörner, die auf ein wirthliches Feld fallen mögen, wenn Gott es will. Sie leben, wie ich höre, bei Ihr! Sie wohnen in dem Paradiese, aus dem mich leichte Schuld und eine allzustrenge Tugend verbannt hat! Sie athmen die Himmelsluft, und ich erstickenden Nebel, der mein Glück mit dem Trauerflor eines ewigen Scheidens bedeckt. Wollen Sie, die Reiche im Schooß der Seligkeit, dem Armen in dem Gefühle der Verzweiflung einen kühlenden Tropfen versagen, daß seine brennende Lippe sich labe? eine einzige Wohlthat, die Ihnen nur ein Wort der Fürsprache vor dem Throne der Gnade kostet? Madame, Sie retten mich vom zeitlichen, wie vom ewigen Tode, wenn Sie mir mit einer Sylbe sagen, daß Sie mir vergiebt!«

Justine legte das Blatt auf den Tisch, zog ihr Schnupftuch hervor, und ging schnell in das Cabinet. Nach einigen Augenblicken kehrte sie wieder; sie hatte geweint, aber die Thräne getrocknet; ihre Wange war blaß, aber ihr Gang sicher. Sie sagte zu der Lainez: »Nehmen Sie diesen Brief wieder zu sich; und erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie hart und grausam handelten, indem Sie mir den Brief nicht mittheilten. Was besorgten Sie für mich? Meine Brust ist ruhig, völlig ruhig; ich versichere es Ihnen. Aber das Gehirn des jungen Schwärmers, der von seiner trügerischen Gelassenheit völlig Abschied genommen zu haben scheint, ... welche Marter hat er vielleicht in den Paar Tagen ausgestanden — eine Antwort ersehnend, und keine erhaltend? Schreiben Sie ihm, gewissenhafte Frau. Sagen Sie ihm, daß ich versöhnlich bin: unter der Bedingung, daß er vernünftig sei, und ferner rechtschaffen handle. —«

»Sie sind ein Engel!« erwiderte die Lainez mit vielem Aufwand von Affekt: »ich wagte nicht, hier Fürsprecherin zu sein, und nun ... ja wahrlich: mein Brief wird Balsam für den Armen sein. Gut indessen, daß er, — wie die Sachen abgeredet sind, — nicht erfahren kann, daß, und wie bald schon Sie sich vermählen. Welch ein Sturm auf seine heftigen Gefühle! Vernimmt er die Nachricht, nachdem sich bereits Alles begeben, wird er sie leichter tragen. Denn was einmal geschehen ...«

»Ich verstehe Sie nicht,« unterbrach sie Justine, die Augen starr auf die Arbeit geheftet: »Sie reden wieder in Räthseln.«

»Ei, Mademoiselle,« versicherte die Lainez lustig: »Ihr Scharfsinn und Ihre Weiblichkeit wären mir ein Räthsel, wenn Sie nicht errathen hätten, daß der junge Mann sterblich in Sie verliebt ist.«

»Madame Lainez!«

»Mademoiselle Müssinger! Sie werden abermals heftig und ungerecht. Ich will lieber schweigen.«

»Was halten Sie von Monsieur White?« fragte Justine, nach einer langen Pause; »Sie kennen ihn, glaube ich, genauer.«

»Wie Elias seine Versorger in der Wüste. Er war mein Wohlthäter; kam und ging, je nachdem sein Pflegevater meiner Armuth gedachte.«

»Diesen Pflegevater,« nahm Justine schnell das Wort auf: »diesen Pflegevater — Sie kennen ihn?«

»Ich habe ihn nie gesehen.«

»Er war neulich ein Gast meines Vaters; der Doctor mit der großen Perücke war's.«

»So? hätte ich das gewußt! Und der edle Mann, der doch meinen Namen hörte, verrieth sich gegen mich mit keine Sylbe....!«

»Das war sehr männlich und gut. Ich gäbe jedoch etwas darum, könnte ich von dem Doctor etwas Näheres erfahren.«

»Welche Theilnahme! Wenn Sie es wünschen, so soll Herr White uns morgen schon die nächste Auskunft geben.«

»Welch' ein Gedanke! Monsieur White wäre der Letzte, den ich zu diesem Zwecke auffordern würde.«

»Ihre Gründe?«

»Mein Geheimniß.«

»Ich bescheide mich. Wenn Sie jedoch an der Bereitwilligkeit des jungen Herrn zweifeln sollten, so bürge ich Ihnen, diesem Brief zufolge, dafür. Aus diesen Zeilen spricht viel Hingebung. Ich bin überzeugt — Ihnen zu Gefallen — würde er sich den Pfeilen einer amerikanischen Horde mit so vielem Muthe aussetzen, als der heilige Sebastian es that, um den Himmel zu gewinnen.«

»Welch' ein Gleichniß! Madame: Ihre Scherze sind stumpfe Pfeile.«

»Eine Braut findet Alles langweilig. Uebrigens, meine gute Dame, werde ich wohl meinen armen Sebastian und die wunderschöne verlassene Pulcheria nimmer zu sehen bekommen? Finden Sie Geschmack daran, meine Bilder zu behalten?«

»Warum nicht gar?« versetzte Justine ein bischen verlegen: »ich muß gestehen, daß ich das Medaillon gänzlich vergessen habe.«

»Geben Sie es mir zurück.«

Justine suchte verlegen in den Taschen. »Ich habe den Schlüssel zu meinem Schranke verlegt. Ich werde ihn holen.«

Die Lainez lächelte. »Recht, meine Liebe,« sagte sie: »bringen Sie nur zugleich das Bild mit. Ich will Ihnen sagen, wo es sich befindet. Sie haben es zwischen Myrthen aufgestellt, und ihm ein liebliches Tempelchen hergerichtet; traulich, ungestört, denn Mama und Papa lieben die Blumen nicht sonderlich, und der Wärterin dieser Sommertöchter ist es unverwehrt, dort im sichern Versteck ihren stillen Gottesdienst zu halten.«

»Abscheulich!« rief Justine: »bin ich eine Götzendienerin? Auf der Stelle sollen Sie das Bild haben, das ich in der That an jenem Platze vergessen habe.« — Sie eilte rasch davon, und brachte, etwas verdrießlich und gereizt das Medaillon.

»Hier, Madame, haben Sie Ihr Pfand zurück.«

Die Lainez nahm es gleichmüthig, und ging damit zu einem Kästchen, das ihre Papiere, und einige aus dem Sturme ihrer Verhältnisse gerettete Angedenken einer bessern Zeit enthielt, und öffnete es. Während sie ein Futteral hervorholte, in welches sie das Medaillon verschloß, und dasselbe in die Chatouille niederlegte, sagte sie scherzend: »Es ist gleichwohl besser gewesen, daß dieses Bild unter jenen Myrthensträuchern und nicht an Ihrem Busen vergessen wurde, Mademoiselle.«

»Wie so?«

»Hm! es soll eine Eigenschaft besitzen, die ...«

»Und welche?«

»Die alle diejenigen, welche das Bild tragen, zwingt, katholisch zu werden, oder es zu bleiben.«

»Welche Posse!«

»In der Kapsel liegt eine Reliquie des heiligen Kreuzes. Diese mag das Wunder wohl bewerkstelligen. Aber die Wirkung soll unläugbar sein. Darum wird es,« setzte die Lainez ernsthafter hinzu, »besser sein, wenn ich das Zauberbild nicht mehr am Halse trage. Es möchte sonst aus meiner Bekehrung zu Liebkirchen nichts werden.«

»Sie sprechen etwas leichtfertig von der Wohlthat, wozu ich Ihnen verhelfen will, meine Schutzbefohlene. Um Sie von dem Aberglauben, wovon Sie sprachen, zu heilen, wollte ich wohl dieses Bild auf meiner Brust tragen, so lange Sie es begehren, ohne von dem thörichten Schwindel ergriffen zu werden, dessen Sie erwähnten.«

»Es käme auf die Probe an,« sagte die Lainez leichtsinnig: »hier ist das Bild;« sie nahm es aus dem Kästchen: sammt der geweihten Kapsel. »Getrauen Sie sich, das übermüthige Wort zu bewähren?«

»Geben Sie her!« erwiderte Justine eben so leichtsinnig und trotzig: »ich verspreche Ihnen sogar, nicht einmal die Kapsel zu öffnen, und die Wunderkraft der Reliquie, wie die Neugierde zumal zu besiegen: ein doppelter Triumph, der Sie von meiner Ausdauer überzeugen soll!«

»Recht so, meine kleine Heldin!« rief die Lainez, und hing dem Mädchen das Bild um den Hals. »So reizend sich nun wohl dieses rabenschwarze Sammetband auf dem prachtvollen Nacken ausnimmt,« setzte die Schmeichlerin scherzend hinzu, »so wollen wir das Medaillon sammt Band doch sorgfältig unter dem Schleiertuche des Mieders verstecken. Mama könnte neugierig und ungehalten werden — erführe Sie den Scherz!«

Justine gab ihr Recht und ließ die Wittwe gewähren. Der bald darauf eintretende Bräutigam unterbrach das fernere Gespräch über obigen Gegenstand.

Die Lainez, um die Unterhaltung der Brautleute nicht zu stören, ging aus, und nach und nach versammelten sich der Senator und seine Frau in Justinens Stube. Die Mama belobte die feine Arbeit der Französin, die Geschicklichkeit, mit welcher dieselbe die Spitzengarnitur angebracht; der Vater pries die stille Anspruchslosigkeit der neuen Hausgenossin; Georg schüttelte jedoch den Kopf und sagte: »Die Unglückliche, Heimatlose verdient mein Mitleid und meine Achtung. Mir ist es jedoch angenehmer, daß sie nach Berlin zieht, während ich und Justine nach Amerika ziehn. Französische Nachbarschaft thut weder der Deutschen noch dem Engländer in die Länge gut. Mich freut es indessen, bei dieser Gelegenheit die Herzensgüte meiner tugendsamen Braut kennen gelernt zu haben. Wer sich so freundlich einer Fremden, Hülfsbedürftigen anzuschließen versteht, wird den Verwandten nimmer fremd werden, den Gatten stets lieben, die Kinder stets sorglich pflegen. Ich billige es auch sehr, daß Sie, Herr und Frau Senatorin, diesem Hang zum Wohlthun keinen Zwang entgegensetzten.«

»Sie ist das einz'ge Kind;« sagte der Senator lächelnd.

»Sie thut immer, was sie will;« fügte Jacobine langweilig hinzu: »wir sind es schon an ihr gewöhnt, und es wäre nicht mit ihr auszukommen gewesen, hätten wir nicht die Landstreicherin, von der Niemand das Geringste weiß, im Hause geduldet. Freilich hat die Syndikussin sie empfohlen, wie das Töchterchen sagt; aber ihr Köpfchen hatte der Empfehlung nicht bedurft.«

Die Senatorin schwieg, von der langen Rede erschöpft, und alle schwiegen mit ihr. Justine grollte über die ihr zugefügte Beschämung; der Senator über die geringe Lebensart seiner Frau; Georg überlegte, und sinnend ruhte sein Auge auf Justinen.

»Sind Sie so herrschsüchtig?« fragte er plötzlich, und legte seine Hand auf Justinens arbeitende Rechte: »spricht Ihre Mutter wahr?«

»Monsieur....« stammelte Justine, nach einer Antwort suchend.

»O gewiß,« fuhr Georg offenherzig fort: »gewiß scherzte Ihre Mutter nur. In diesen Augen, in diesem Gesicht, das nur Ruhe und Festigkeit ausdrückt, suche ich vergebens nach Trotz und Eigensinn. Nachgiebigkeit und Sanftmuth schmücken ja die Frau. Durch diese Eigenschaften regiert sie den Mann, und erhält ihre Reize.«

»Sie predigen frühzeitig, mein Herr!« versetzte Justine, ihn scharf von der Seite anblickend.

»Man verständigt sich nie früh genug;« sagte er hierauf ohne Heftigkeit: »es ist besser, sich zuvor zu kennen. Unser Brautstand ist kurz: wir können ihm nicht vertrauen. Wir sind riskirende Kaufleute, schließen einen Handel auf Treu und Glauben, ohne Assekuranz. Sein Sie daher offenherzig, wie ich, meine Liebe. Despotismus in der Ehe werde ich nicht tragen, der Launen Knecht nicht sein. Ich biete Ihnen keine Eisenketten. Wollen Sie mich damit binden? Sagen Sie mir's, damit wir Beide unser Glück und unsere Freiheit retten.«

»Sie führen seltsame Discurse, worauf ich nicht antworten kann;« antwortete Justine sehr spitzig, erhob sich und verließ mit ihrer Arbeit das Zimmer.

Georg sah die Zurückbleibenden verdüstert und fragend an. Die Eltern schlugen beschämt die Augen nieder. »Sehen Sie, mein Werthester,« begann der Senator sich räuspernd: »das Frauenzimmer ist hier zu Lande der Galanterien, die von den Wälschen kommen, mehr gewöhnt, als der amerikanischen Freimüthigkeit. Ich möchte Ew. Edeln nicht das Consilium geben, auf dem durchgreifenden Tone zu beharren, sintemalen das Kind noch in der Welt so fremd und unerfahren ...«

»Ich merke wohl, wo es hier fehlt;« sagte Birsher lächelnd: »es thut jedoch nichts, wenn nur das Herz gesund und gutgeartet ist. Sie wird sich an meiner Fassung, an meiner Aufrichtigkeit ein Beispiel nehmen, und alsdann die Härten mildern, die ihr noch aus der früheren Jugend ankleben. Könnte ich das Gegentheil voraussehen, so würde ich es, so weh mir es thäte, vorziehen, Ihnen, Herr Senator, Ihr Wort zurückzugeben.«

Der Senator erschrak: »Ew. Edeln scherzen wohl;« sagte er, von dem Gewissen angeregt.

»J nu;« entgegnete Georg lächelnd: »wer weiß, ob Justine mir das Meinige nicht zurückzugeben gedenkt. Das arme Kind ging sehr böse von hier, und scheint eine hartnäckige Feindin zu sein, wenn sie den Krieg erklärte.«

Der Senator war verlegen. Die Senatorin versetzte jedoch sehr ruhig und treffend: »Sorgen Sie nicht, geehrter Herr Schwiegersohn. Justine ging nicht, ohne das Brautmieder, woran sie arbeitet, mit sich zu nehmen. Mit diesem beschäftigt, ist's den Mädchen mit dem Groll nicht Ernst.«

»Sie beruhigen mich, geehrteste Frau,« entgegnete Birsher: »ich hoffe wieder, will aber, da ich das Scharwenzeln um die Jungfern nicht leiden kann, auf morgen die Versöhnung verschieben.«

Ein Weibel des Raths erschien, und überbrachte dem Senator die Weisung, am folgenden Tage Punkt neun Uhr auf dem Rathhause zu erscheinen.

»Ist denn morgen eine außerordentliche Sitzung?« fragte Müssinger verwundert; »warum eine Stunde früher, als sonst?«

»Der wohlehrsame und weise Herr Senator sollen zuvor vor Sr. Magnificenz dem amtirenden Herr Bürgermeister privatim vernommen werden,« lautete die Antwort des abgehenden Rathsboten. Der Senator schwieg sinnend und staunend; die Senatorin wurde bald bleich, bald roth, und sah ihren Mann scheu von der Seite an. Georg sah sich hier überflüssig, und empfahl sich, nicht minder gedankenvoll.

Er begab sich nach seinem Gasthofe zurück. Die Reden der Senatorin, das Betragen der Braut hatten auf den geraden Mann einen gefährlichen Eindruck gemacht. Das Ideal häuslicher Glückseligkeit, das er sich in einsamen Stunden entworfen, das er an Justinens Seite zu finden gehofft, schien ihm plötzlich eben nur Ideal zu sein und zu bleiben. So manche schielende Bemerkung, die er aus dem Munde der Gastwirthin über Justine sowohl, als das Hauswesen des Senators überhaupt vernommen und bis jetzt überhört, gewann mit einem Male Gewicht und Bedeutung. Ein schmeichelnder Traum, der seine Sinne und sein Urtheil umzogen, fiel stückweis vor ihm, der zu erwachen vermeinte, zusammen. In großen Mißmuth versunken, betrat er sein Zimmer, und suchte an seinem Fenster, das die Aussicht auf die vom Abendstrahl beleuchtete unferne Mailbahn mit ihren Spaziergängern gewährte, Unterhaltung, Zerstreuung. Ein leises Klopfen an der Thüre erregte seine Aufmerksamkeit, zog sie von der Aussicht ab. Auf sein »Herein!« kam demüthig grüßend und gebückt, ein ältlicher Mann mit kummervollen Zügen, in schwarzen Kleidern, mit einem schüchternen: »Guten Abend, mein Herr!« in das Zimmer.

Georg hatte nicht so bald den unbekannten Besuch mit dem Blicke gemessen, als er auch in ihm einen jener reducirten Schullehrer oder grau gewordenen vacirenden Candidaten zu sehen glaubte, die dazumal häufig von Stadt zu Stadt wanderten, ein ärmlich Stück Brod suchten, und sowohl auf den Kanzleien, bei Pfarrern und Gutsbesitzern, als auch in Gasthäusern bei wohlhabenden Fremden ein Viaticum zu erbetteln pflegten. Der Amerikaner, dem ähnliche Figuren bereits in Deutschland vorgekommen waren, griff mitleidig in die Westentasche. Der Fremde verstand diese Geberde, und eine versagende Bewegung seines Kopfes und seiner Hand verrieth dem Freigebigen, daß es hier auf seine Geldwohlthat nicht abgesehen sei. Er ließ daher die milde Hand sinken, und fragte artig und zuvorkommend, was denn wohl zu den Diensten des Schwarzgekleideten stehe. Der Mann richtete sich besser empor, trat näher, und fragte mit einer sehr weichen Stimme entgegen, ob er die Ehre habe, mit Herrn Georg Birsher von New-York zu sprechen.

»Ich bin's, Herr. Ihr Anliegen?...«

»Ist lediglich ein Anliegen, das sich an Ihre Großmuth richtet. Ich frage nicht nach Ihrem Gelde, mein Herr; ich erkundige mich nur nach Ihrem Herzen.«

Birsher staunte, und wies dem Fremden einen Sessel. Der Mann setzte sich und fuhr fort: »Man hat Sie als einen wackern, streng rechtlichen Herrn geschildert, der wenig Worte zu machen, aber desto mehr zu handeln pflegt. Da habe ich den Muth gefaßt, Sie auf die Probe zu stellen.«

»Sonderbar! wie so?«

»Ich befand mich gestern zu Liebkirchen; wohne eigentlich zu Faldern, und habe den Herrn Pfarrer und Inspektor in ersterem Orte besucht. Se. Ehrwürden, die gerne lustig und guter Dinge sind, und einen frohen Schmaus so sehr liebend, als es sich mit Ihrer Würde verträgt, sagten zu mir: Magister, wenn Sie sich bene thun wollen, — so kommen Sie nächsten Dienstag. Es giebt hier eine Copulation, die sich fideliter endigen wird. Der Bräutigam ist reich, der Brautvater nicht minder, und lustig obendrein. Ein splendides Carmen von Ihrer Hand würde seinen Zweck nicht verfehlen, und Ihnen silberne Früchte und Wein und Kuchen nach Herzenslust eintragen. — Sie wissen vielleicht, mein Herr, daß wir stellenlose Magister unser Zeitliches sauer und schmal zu verdienen haben, und daher Hochzeiter und Kindtaufen nachziehen, wo sich solche auch begeben. Ich freute mich daher und fragte nach den Namen des verehrtesten Brautpaars, damit ich solche in dem Epithalam gebührender Weise einfließen lassen möchte. Da nannte mir der ehrwürdige Herr Inspektor die Namen: Herr Georg Birsher, Kauf-und Handelsmann aus New-York, und die tugendbelobte Jungfer Justine Müssingerin, des Kaufherrn und Senators eheliche Tochter allhier. Ich stutzte zwar, verbarg jedoch dem Herrn Pfarrer mein Erstaunen, habe mich indessen eiligst auf den Weg gemacht, um, Verehrtester, aus Ihrem Munde zu hören, ob sich wirklich die Sache also verhalte.« —

»Der Herr Pfarrer, auch Inspektor, ist ein Schwätzer; Herr Magister. Er sollte nicht plaudern. Da Sie jedoch einmal unterrichtet sind, so mag ich's nicht läugnen, unter der Bedingung, daß Sie verschwiegener sind, und ein recht fröhliches Hochzeitlied liefern. Sie sollen dann zufrieden sein.«

»Zufrieden?« sagte der Magister, indem er seufzend und mit gefurchter Stirne aufstand: »wie kann ich lächeln, da ich traurig bin? heißt es in irgend einem Psalm. Zu dieser Copulation kann ich kein Hochzeitcarmen fertigen.« —

»So? Und warum nicht, wenn's beliebt?«

»Ich will lieber ein Leichengedicht machen, und einen Sarg bestellen. —«

»Herr! Sie sind ohne Zweifel im Kopfe nicht gesund.«

»Doch; doch, Verehrtester. Allein ein Mensch, der mir nahe angehört, steht am Rande des Wahnsinns, am Rande des Grabes; und er taumelt hinein, sobald der Inspektor zu Ihrer Trauung läuten läßt. —«

Dem Bräutigam wurde immer unheimlicher zu Muthe. Er starrte den seltsamen Magister an, rieb sich die Hände, — faßte sich nun gewaltsam, und versetzte: »erklären Sie sich, Herr. Ich bin kein Kind, sondern ein Mann, mit dem sich das ernsteste Wort deutlich und ohne Umschweif reden läßt. Von welchem Menschen sprechen Sie, und welchen Bezug hat meine Ehe auf denselben?«

»So hören Sie. Mein ehemaliger Zögling, der junge hoffnungsvolle Mann, ein Engländer von Geburt, — ein Baronet — unglücklich, aber brav — liebt — liebt Dero Jungfer Braut.«

»So? das thut mir leid um meines Landsmanns willen. Er lasse sich indessen die Thorheit vergehen. Wo nicht Ansprüche sind, gilt die einseitige Leidenschaft nichts.«

»Keine Ansprüche? Ach, er hat die gültigsten; denn Jungfer Justine hat ihm ihr Herz geschenkt. —«

»Herr!« fuhr Georg auf.

»Er war ihr Lehrer; Amor mischte sich in's Spiel. Ein Verständniß erwuchs. Der Vater schlug es nieder. Daher ohne Zweifel das Geheimniß, worein er diese Hochzeit verschleiern will. —«

»Wahrlich; ich besinne mich, von einem jungen Engländer gehört zu haben — aber — Justinens Unbefangenheit....«

»Ihre Neigung unterwarf sich dem strengen Willen des Herrn Senators. Es ist aber nur Asche über die Glut gedeckt. In der letzten Zusammenkunft der jungen Leute ...«

»Zusammenkünfte? Schöne Entdeckungen!«

»Sollte Abschied genommen werden; aber Jungfer Justine wollte nichts davon wissen. Sie ermuthigte meinen James, ihr binnen einer gewissen Zeit nach Amerika zu folgen.«

»Wahrhaftig?«

»Dieser Vorschlag war der eines heftigen unbesonnenen Mädchens. Mein Zögling verwarf ihn. Glaubst du, sagte er, daß ich einen Landsmann, einen wackern Herrn, wie Herr Birsher ist, hintergehen möchte? — Lieber sterbe ich, hier zurückbleibend, vor Gram.« —

»Sieh doch! Der Landsmann hat mehr Ehrgefühl, als die Jungfer Braut.«

»Die Jungfer bereute auch alsbald, und weinte, und letzte sich mit dem Freunde. Ich wußte von Allem nichts. Der Jüngling hatte mir Alles verschwiegen. Seine Liebe hatte ich jedoch gemerkt. Darum kam ich zur Stadt, zu erfahren, ob er wohl wisse, was sich zu Liebkirchen begeben sollte. Da gestand er mir Alles, und weinte und verzweifelte, und ich fürchte: er thut sich ein Leides.« —

»Nein, nein! das soll der Landsmann nicht. Was wollten Sie aber eigentlich bei mir?«

»Ich komme ohne Vorwissen meines James. Ich wollte Ihnen Alles entdecken, und Ihre Großmuth fragen, ob sie es über sich gewinnen kann, zwei Menschen unglücklich zu machen, die sich lieben? ein kaltes Herz an sich zu binden?«

»Wahrlich! das will und werde ich nicht. Eine heuchelnde Gattin, die sich nach einem fernen Freunde sehnt? Nimmermehr. Einen Nebenbuhler der sich eine Kugel vor den Kopf schießt, und meine Frau zur Grube welken macht? Gott behüte mich vor solchem Verdruß und Jammer!« —

»Gott lohne Ihnen diesen Entschluß!« — rief der Magister gefühlvoll, und führte ihn an das Fenster: »sehen Sie auf jener Bank den blassen jungen Mann, der tiefsinnig vor sich nieder sieht? Er ahnt nicht, daß hier von ihm geredet wird, aber das tiefe Weh, das seine Brust empfindet, läßt ihn auch Alles um ihn her vergessen. Das ist James. Ueber sein Leben haben Sie nun zu entscheiden.« —

»Ein ansprechendes Gesicht!« versetzte Georg, mitleidig herniederblickend: »wenn ich nun aber Ihrer Zuversicht auf meine Rechtlichkeit entspreche, und dem Glück, das ich geträumt, entsage? was wird es dem jungen Unbemittelten nützen? der Senator wird nicht zu bewegen sein.«

»Was wäre der ausdauernden Liebe unmöglich?« fragte der Magister: »sie bändigt Löwenbrut; warum nicht ein zur glücklichen Stunde überraschtes Vaterherz?«

»Ei, Herr Magister! Sie scheinen die Liebe studirt zu haben!« sagte Georg Birsher gedankenvoll lächelnd: »Ihre Beredsamkeit überzeugt jedoch den soliden Geschäftsmann nicht. Wo ist die Caution für Ihre Aussage? Sie sind der Magister..«

»Liebhold aus Faldern.«

»Ganz recht. Ihr Zögling ist in meine Braut verliebt. Woher der Beweis, daß ihn meine Braut wieder liebt? Frage ich gerade und offen wie ein Mann, so erröthet sie wohl, und läugnet nachher, des Vaters Zorn fürchtend, in den sie sich gehorsam gefügt. Der Vater wird mir, rede ich mit ihm, die Sache als eine jugendliche Thorheit schildern, und ich führe mißtrauisch, aber dennoch beim Wort gehalten, einen trügerischen Handel aus. Von der andern Seite kann aber Alles nur Trug sein. Man hat schon eine gewisse Comödie auf meine und eines Verstorbenen Rechnung versucht. Wer weiß, ob Sie, Herr Magister, nicht ein Fuchs sind, der mich irre leiten soll? der Urheber eines neuen Possenspiels, mir Lust und Neigung zur Ehre zu rauben?«

Der Magister bückte sich ergebenst. — »Ich habe wie ein Mensch zum Menschen gesprochen,« sagte er mit dem Ausdruck tiefer Resignation: — »mein Stand erlaubt mir nicht, öffentlich als Ehestörer aufzutreten. Ich hätte die Rache des Senators zu fürchten, und bin ein alter Mann, der den Rest seiner Jahre in Frieden zuzubringen wünscht. Meine Worte sind Ihnen vielleicht verdächtig. Ein gültigerer Zeuge ist wohl das Bildniß des Geliebten, das Jungfer Justine behielt, das sie, wie mir James vertraut, noch auf ihrer Brust trägt, das sie geschworen hat, auch ferner zu tragen, so oft ...«

Es wurde dem Amerikaner heiß vor der Stirne. Er sprang auf, unterbrach den Redner heftig. »Sein Bildniß!« rief er: »Gott verzeihe mir die Sünde! bald wäre mir ein unbescheidenes Wort entschlüpft! O ja, Herr Magister! das ist ein unverwerflicher Zeuge; ich werde ihn an's Licht ziehen! ich werde sehen ... und ... finde ich's so, wie ich jetzo beinahe fürchte ... Sie sollen von mir hören. Gehen Sie aber jetzo, mein Herr, denn ich bin etwas aus dem Gleichmuth getreten, der zu einer comfortablen Conversation gehört. Auf Wiedersehen ... wann und wo Sie wollen!«

Er schob, ohne viele Umstände zu machen, den komplimentirenden Magister zur Thüre hinaus, und verriegelte diese hinter ihm. Ein stummer, aber heftig grollender Sturm bewegte seine sonst so ruhige Brust, und er mußte, zum Erstenmale in seinem Leben, sich bittere Gewalt anthun, um den Sturm zu beschwören. Er sah an diesem Abende keinen Menschen mehr, und suchte vergebens den wohlthätigen Schlaf. Der Morgen fand ihn jedoch wieder gelassener. Er machte sich Vorwürfe, seine Ruhe vergessen zu haben. Eine stille ahnungsvolle Wehmuth stellte sich bei ihm ein, während sein der Ungewißheit und dem Zögern feindlicher Charakter ihn ermahnte, den quälenden Verdacht, den marternden Zweifel, gegen baare unverfälschte Münze umzusetzen. Er warf sich in die Kleider, er verließ das Haus, er suchte des Senators Wohnung auf, zu einer Zeit, die für einen Besuch nicht die gewöhnlichste war, denn die Glocke auf dem Rathhause hatte kaum halb zehn Uhr geviertelt.

Er fand Justine allein, in einem reizenden Hausgewande. Die Braut, erröthend vor der unerwarteten Ueberraschung, hatte kaum die Zeit, einen Blick in den Spiegel und ein seidenes Flortuch um den Busen zu werfen, der noch von keiner Schnürbrust beengt war. Ihre Locken fielen natürlich, unfrisirt um das Haupt. Das anliegende Gewand, günstiger als die steife Visitenrobe, zeigte die schönsten Formen. Die Flor-Enveloppe verhüllte nur schwach die schönen Arme, und schöner als je malte die Wange der Verlobten die Zufriedenheit, sich ohne künstlichen Schmuck, dem schmeichelarmen Spiegel gegenüber, schön zu wissen. Birshers Herz klopfte unruhig und sehnsuchtsvoll bei ihrem Anblicke; er hatte seine Vorsätze durcheinander geworfen. Streng wollte er sein und kalt, und wurde milder und wärmer als je. Justinens Gesicht sprach Sieg, aber auch zugleich die zarte Hoffnung, die Sanftmuth einer milden Siegerin. Justine hätte dem frühen waglichen Besucher gezürnt, wäre sie sich nicht des gestrigen Unrechts bewußt gewesen. Sein wehmuthsvolles Antlitz, nur leicht von Rosenschimmer überstrahlt, schien ihr die Leiden zu bekennen, die ihre Härte in ihm erzeugt. Sein frühes hastiges Erscheinen schmeichelte ihrem eiteln Stolze. So empfing sie ihn doppelt zauberisch; triumphirend und beschämt; vergebend und reuig; hoffärtig, also geliebt zu sein, und geneigt, liebend zu umfangen. Verlegen antwortete ihr Mund den verlegenen Entschuldigungen des Bräutigams. Sie schien seinen Muth tadeln zu wollen, und bekannte fast, daß er ein Recht dazu habe. Noch nie hatte sie den Gedanken an das innigere Verhältniß von Verlobten so lebhaft aufgefaßt. Noch nie war ihr dieser Vorhimmel das glückliche Mittelding zwischen Fremd- und zu Bekanntsein, klar geworden; und indem ihre Lippe lächelnd zürnte, verlobte sich erst und wurde erst bräutlich ihr Herz. Birsher hing, wohlthuend erregt, an ihren Augen, die lebendiger glänzten als die Diamanten des Brautschmucks, der vor ihr auf dem Tische stand; in dessen Beschauung der Bräutigam die Braut gestört hatte.

»Ich hatte nicht gehofft, Sie mit diesem Gegenstande beschäftigt zu finden,« sagte der junge Mann leichter athmend: »Sie äußerten gestern unverdienten Groll gegen mich.«

»Sind Sie überzeugt, daß er unverdient gewesen,« — erwiderte Justine gefällig, und näherer Erläuterung feind, — »so war er von meiner Seite ungerecht. Trauen Sie mir zu, daß ich es eingesehen, und sind Sie nun zufriedener?«

Birsher küßte entzückt ihre Fingerspitzen, und in den Hintergrund seiner Erinnerung waren Argwohn und Vorsatz zurückgetreten. »Dieser Empfang bürgt mir für mein künftig Glück,« sagte er freudig: »so zarte Versöhnung macht lüstern nach der veranlassenden Zwietracht. Hoffen auch Sie, beste Jungfer, mit mir glücklich zu werden?«

»Ich hoffe es,« antwortete Justine freundlich, und reichte ihm ungeziert die weiche Hand: »nun aber keine Zweifelsfrage mehr. Ich glaube, daß vernünftige Leute sich in den Vortagen ihrer Ehe anders zu benehmen haben, als die Amanten in den Romanen gewöhnlich zu thun pflegen. Das Schäferleben und das Seufzen der Doris, und Corydons Klagen sind mir nicht angenehm, und Ihnen ebenfalls nicht sehr, mein werther Monsieur. Wir wollen uns demnach fein gescheit benehmen, und den Anstand wahren. Erlauben Sie daher, daß ich Sie ersuche, einstweilen die Bilder an den Wänden zu betrachten, bis ich Ihnen in geschickterer Kleidung aufzuwarten die Ehre haben werde. —«

Die Listige wollte wie ein glatter Aal entschlüpfen. Birsher hielt sie sanft auf. »Neidische Braut!« sagte er: »Sie wollen mir den schönsten Anblick rauben, dessen sich meine Augen jemals rühmen konnten? Thun Sie es nicht. Ich bin kein langweilig girrender Corydon und suchte nicht eine seufzende Doris, aber ich liebe das Ungezwungene trotz den Schäfern Arkadiens. Der steife Haarputz, die umfangreichen Damastkleider, die martervollen Corsetts, welche Ihnen die Mode aufzwingt, sind eben so viele Beleidigungen der Natur, die Ihnen ihre schönsten und seltensten Gaben nicht verweigert hat. Gewähren Sie daher Ihrem treuesten Freunde ein ferneres trauliches Beisammensein mit Ihnen, der Ungeschmückten, aber desto Reizendern!«

»Das schickt sich nicht!« hieß die Antwort der Widerstrebenden. Birsher ließ ihre Hand nicht los, und bat: »So lassen Sie mich wenigstens die erste Hand an Ihren Schmuck legen. Vergönnen Sie, daß ich Sie ersuche, heute mir zu Liebe diese Halskette, gleichsam zur Probe zu tragen. Erlauben Sie, daß ich selbst diesen schönen Nacken damit schmücken darf?«

»Ei, welche Zumuthung!« versetzte Justine, und wickelte sich schamhaft in die Enveloppe. Birsher drang noch mehr auf die Erfüllung seiner Bitte, und der gesetzte Mann bat diesmal so sanft, so dringend, so freundlich, daß es dem Mädchen vorkam, als müsse es dem liebenden Freunde nachgeben. Sittsam die Enveloppe um einen Zoll vom Kinn sinken lassend, neigte sie das Köpfchen, schloß erröthend die Augen, und lispelte: »Sie sind ein arger Schalk, werther Herr! indessen, damit Sie mir nicht böse werden.... meinetwegen!« —

Georg ergriff freudig die blitzende Kette. Die blinzelnde Justine sah mit Entzücken, wie seine Hand zitterte, da sie das Schloß öffnete: schon berührte das kalte Gold, der eisige Diamant ihren zarten Hals. Das Flortuch sank tiefer, und ein staunendes »Ha!« entfuhr Birshers Lippen.

»Was ist? Was haben Sie?«

»Sie tragen bereits einen Schmuck, dessen Stelle ich beneide!«

»Wie so?«

Birsher zeigte auf das schwarze Sammetband, das sich aus dem verhüllenden Tuche gestohlen. Justinens Wange wurde Purpur.

»Lassen Sie den Schatz sehen, der sich solchen Vorzugs freuen darf ...«

»Mein Gott! nein!«

»Warum denn nicht?«

»Ich ... ich darf nicht ...«

Birsher heftete einen starren verdüsterten Blick auf Justine. Sie gewahrte es; aber — wie ein Blitz fuhr's durch ihr Herz: dem strengen Protestanten durfte sie, selbst im Scherze, das katholische Heiligenbild auf ihrer Brust nicht zeigen. Sie sträubte sich entschieden gegen sein Verlangen, es zu sehen. Er begehrte es freundlich, dann ernstlicher, dann mit kalter Bestimmtheit. »Nimmermehr!« rief sie: »Monsieur trauen mir zu, daß sich nichts Böses in diesem Medaillon befindet; aber ich bestehe nun einmal auf meinem Geheimniß!«

Mit diesen Worten reißt sie das Band von ihrem Halse, um es in ihrer Tasche zu verbergen. Das Medaillon fällt von dem Bande, stürzt zu Boden. Die Kapsel springt. Justinens unsichere Hand erfaßt diese. Georg rafft das Bild auf, betrachtet es, ehe Justine es verhindern kann, mit bitterm Lachen und giebt es dann der Trägerin zurück. »Ich gratulire zu dem geliebtern Freunde!« sagte er, und Justine glaubt vor Scham und Bestürzung in die Erde zu sinken: das Bild ist James in der vollen Blüthe seiner Jugend: sprechend ähnlich; herrlich gemalt. Sie verstummt, das ungeheure Mißgeschick nicht begreifend. Der Amerikaner sagt aber mit zitterndem Tone zu ihr: »So ist es denn wahr, Jungfer Justine? ich war der Betrogene? sollte der Betrogene bleiben? Armes Geschöpf! ich bemitleide Sie!«

Ohne noch ein Wort hinzuzufügen, verließ er Justine, die — ebenfalls ohne ein Wort der Entschuldigung beizusetzen, ihm sprachlos und beklommen nachstarrte. Indem er eilig und außer sich dahin schoß, begegnete ihm — zu seinem Entsetzen — der Mensch, den er gestern gesehen, den das Bild vorstellte.

»Sind Sie ein Engländer?« fragte er hastig, den Jüngling bei der Brust fassend.

»Ja, Herr.«

»Heißen James?«

»James White.«

»Sie lieben meine Braut, Justine Müssinger?«

»Mein Gott! was soll das heißen? woher wissen Sie?«

»Ihr Pflegvater hat mir Alles entdeckt.«

»Wie? Doctor Leupold?«

»Derselbe. Sie werden geliebt!«

»Mein Herr!«

»Sie trägt Ihr Bild auf der Brust ...«

»Ach, mein Herr! Sie sind ein Engel, wenn Sie ...«

»Stille. Warum ließen Sie mich im Dunkeln tappen? damit ich schmerzlicher erwachen mußte? das war Unrecht von Ihnen. Brav jedoch, daß Sie nicht nach Amerika folgen wollten. Darum renne ich Ihnen auch nicht den Degen durch den Leib. Sein Sie glücklich! Ich sage mich von ihr los!«

Er ließ den Staunenden, Bebenden stehen, und eilte, seine aufwallende Wehmuth zu unterdrücken, weiter. Unfern vom Rathhause stieß er auf den Senator, der, schwankend und blaß wie ein Geist, einherkam. Kaum rückte er vor demselben den Hut, und stürzte davon, sich in sein Zimmer zu verschließen. Der Senator sah ihm verwundert, aufgebracht, niedergeschlagen nach; setzte dann seinen Weg nach Hause fort, und kam sehr verdrüßlich daselbst an. Frau und Tochter saßen still beisammen. Jacobine kämmte ihr Hündchen; Justine saß an seiner Arbeit, und that dennoch nichts. Der Senator warf sich seufzend in einen Stuhl.

»Der Satan ist los!« sagte er: »Wenn ich mich aus dem Unglück losreiße, das mich jetzo niederschlägt, so will's etwas heißen. Mein Ruf, mein Amt, meine Würde stehen auf dem Spiele!«

»Mein Gott!« sagten die Weiber; die Senatorin rückte weit ab von dem Senator; Justine rückte ihm dagegen näher.

»Ihr wißt,« fuhr der Senator mit gedämpfter Stimme fort, »daß ich auf's Rathhaus beschieden wurde. Der Bürgermeister hat mich förmlich verhört. Ich denke, mein Kopf macht Bankerott, als er vom Lotto anhebt, und behauptet, ich hätte neulich das große Loos in dem Hamburger Glücksspiele gewonnen. Auf die Verschwiegenheit meines Correspondenten bauend, leugne ich Stein und Bein. Da wird er ernsthaft, nennt mir, als wäre er ein Hexenmeister, den Tag der Ziehung, die Nummer, die ich gespielt, den Gewinnstbetrag und die Prämie, den Kaufmann, der meine Angelegenheit besorgt, und endigt damit, mir frei zu erklären, ein Comptoirdiener jenes Mannes, der in Unfrieden von ihm gegangen, habe eine Collekturliste hieher gebracht, und dieselbe hin und wieder indiskret zur Schau gelegt. Mein Name sei von ihm genannt, der Senat stutzig geworden. Ich sei mit dem bestehenden Verbote bekannt, müsse mich diskulpiren, oder gewärtig sein, daß man Rechtens gegen mich verfahre. Der Angeber sei schon abgereist, die vidimirte Collekturliste liege aber vor; ich müsse erklären, woher mir damals das viele Geld gekommen, und die Erbschaft nachweisen, die ich dazumal vorgeschützt. Er, der Bürgermeister, könne mir nicht helfen, und müsse mir noch überdies bemerken, daß diverse Gerüchte über mich und mein Haus neuerdings in Schwung gekommen, die dem ganzen Corpori Senatus nachtheilig werden könnten. Vor Allem wolle er mich aufmerksam machen, daß der Pastor Lammer öffentlich über meine Saumseligkeit, die Kirche zu besuchen, lästere, und daß es von der äußersten Nothwendigkeit sei, hierüber den Menschen den Mund zu stopfen, worauf man allerdings im Uebrigen gelinder und gnädiger untersuchen wolle, um keinen Anstoß zu geben. Hierauf entläßt mich Se. Magnificenz sehr kalt und sehr unwillig, indem sie mir noch aufgiebt, binnen vier Wochen die Beweise beizubringen, wie es sich mit jenem Gelde verhalte. Da habt ihr mein Elend, ihr Weiber! mir ist's ein Trost gewesen, es in eurem Busen niederzulegen, aber ich wünsche, daß es darinnen, und ein Geheimniß bleibe.«

»Das versteht sich,« sagte die Senatorin, die wieder zutraulicher geworden war; »die Bürgermeisterei hat sich im Geringsten nicht um die Art und Weise zu bekümmern, wie man zu Gelde kommt. Der saubere Bürgermeister sollte selber gar nicht den Großen spielen. Man weiß sich noch sehr wohl zu erinnern, wie er — ein armer Schlucker — zu den Schweden ging, um zu marketendern. Dann kam er an die Heulieferung, dann an die Spitalverwaltung, und endlich als reicher Mann hieher zurück. Wenn man seinem Reichthum nachfragen wollte ... pfui!«

»O des unnöthigen, vergeblichen Geschwätzes!« versetzte der Senator ungeduldig. »Bei dem Allen,« fügte er bei, »ist es nothwendig, daß ich auf Mittel denke, das Gewitter abzuwenden. Ich bedarf des Raths.... und wer soll mir rathen?...«

»Du nimmst von mir den besten Rath nicht an,« sagte die Senatorin gähnend; »darum gehe ich. Weißt du dich jedoch nicht aus der Fatalität zu wickeln, und sie wollen dich nicht mehr im Rathe haben, so lasse ich mich scheiden. Ich muß Frau Senatorin heißen bis ans Ende. Der Titel ist ohnehin der einzige Gewinn, den ich aus der Ehe mit dir gezogen habe.«

»Abscheuliches Weib!« murmelte der Senator der Abgehenden zwischen den Zähnen nach: »Rathe du mir, Justine. Mit wem soll ich mich bereden? wen beschicken? der Augenblick drängt. Ich will mich dem Buchhalter nicht anvertrauen: der Mann ist zu streng und ... nun heraus damit! zu ehrlich mit einem Worte. Berndt ist eine philadelphische Schlafmütze. Wünschte ich mir doch fast wieder den vermaledeiten Nothhaft herbei! Er war ein geriebener Kniffespinner. — Aber wie wäre es, wenn dein Bräutigam ...? er ist die gute Stunde selbst, und gäbe vielleicht in aller Unschuld einen Ausweg an die Hand? was fehlt dir denn, Mädchen? du bist ja weiß wie eine Sternblume? hast nasse Augen? was hat's gegeben?«

Justine läugnete. Der Senator besann sich nun, Birsher gesehen und sich über dessen Unhöflichkeit geärgert zu haben. »Ich verstehe,« rief er: »ein verliebter Zwist! Deine Hartnäckigkeit wird dir noch böses Spiel machen, Justine! was den Bräutigam betrifft: der ist gut zu lenken, — aber ... der Ehemann ist ein ganz anderer Herr. Zu viel Sonnenschein in dem Brautstand: finstre Wolken in der Ehe. Versöhnt Euch. Herr Birsher wird jedoch nicht geeignet sein, den besten Rath zu ertheilen; — darum — sende nach dem Doctor Leupold, mein Kind ... ich ließe mir die Ehre ausbitten ...«

»Das thue ich nicht gerne, Herr Vater!« antwortete Justine.

»Warum nicht? — Ach! ich besinne mich: du hast einen Widerwillen gegen den Mann. Mische dich doch nicht in unsere Angelegenheiten, Justine.«

»Lassen Sie den Doctor nicht zu tief in die Ihrigen blicken,« ermahnte Justine: »ohne mich Ihnen ganz deutlich machen zu können, warne ich Sie noch einmal vor ihm.«

Der Senator seufzte tief, und wendete sein Auge ab.

»Er ist gewiß ein doppellarviger Mensch!« fuhr Justine fort: »überhaupt, mein Vater, kömmt es meiner Ahnung vor, als hätte uns ein immer enger werdendes Netz umfangen und umspannt; — als sollten wir die Beute eines böslich bereiteten Verderbens werden.«

Der Senator sah die Tochter betroffen und starr an.

»Der Doctor,« sprach diese weiter, — von der Unruhe ihres Herzens wie von dem vortheilhaften Augenblicke begeistert, — »erscheint wie eine Hauptgestalt, bemüht, dieses Netz, das ich nicht kenne, nicht durchschaue, wohl aber fühle, zu bereiten. Mit jedem Tage wird mir klarer, was mir einst der Zufall enthüllte. Der Doctor ist nicht der einfache Jurist, der simple Privatmann, mein Vater; er ist ... wie ich beschwören möchte, ... er ist ...«

»Halt!« donnerte ihr der Senator, von Angst und Unruhe geschüttelt, zu: »ich will nichts hören! ich darf nichts aus deinem Munde erfahren! du machst mich unglücklich, Justine, und wirst es selbst, wenn eine Sylbe deiner ungereimten Vermuthungen unter die Leute kommt! Justine ... wir wären ja alle zu Grunde gerichtet!«

Justinens Begeisterung schauderte vor dem außerordentlichen Schrecken des Vaters zurück. »Wie Sie befehlen!« stammelte sie verschüchtert: »beruhigen Sie sich nur. Ich habe mit der Mutter nicht geredet, und Gott wird wohl Alles gut machen. Ich aber will nach dem Doctor schicken.«

Es wurde ihr erspart. Die Schelle des Comptoirs erklang, und der Doctor, wie von einer Ahnung gerufen, kam mit einem Fremden, den Senator zu besuchen.

Dieser Fremde gab sich in einer salbungsvollen Begrüßung dem Senator als Superior eines Profeßhauses der Gesellschaft Jesu zu erkennen, und freute sich, in ihm ein bereitwilliges Werkzeug der göttlichen Gnade zu finden. Der Senator erwiderte das Compliment etwas lau, und sagte, die niedergeschlagene Verlegenheit des Doctors bemerkend, ohne besondere Umschweife, daß es ihm fast leid thue, sich durch seine sonderbaren Verhältnisse in Verbindungen verwickelt zu sehen, die seiner bürgerlichen Existenz nachtheilig werden könnten. »Ich hätte wenigstens gehofft,« sprach er, »nicht compromittirt zu werden, aber ich habe mich getäuscht. Indem ich heute vom Rathhause komme, nähert sich mir ein Mann; der Krämer Ernst, übel berüchtigt in der Stadt durch seine lockre Lebensweise und die Vergehen seines Bruders, wegen welcher derselbe im Gefängniß sitzt. Der Mensch redet mich an, und fordert mich ziemlich unverschämt auf, bei der Kriminalkammer dahin zu arbeiten, daß sein Bruder auf freien Fuß gestellt werde. Da ich es ihm nun natürlich abschlage, und mich wunderte, daß er sich gerade an mich gewendet, den er kaum kennt, so sagt mir der Mann im Vertrauen: ich kenne Niemand, der geeigneter und verbundener wäre, mir in dieser Sache beizustehen. Ich weiß ja, daß Sie eben so gut Katholik geworden sind, wie ich; und man hat mir den Anschlag gegeben, Sie zum Beistand aufzufordern. Ich war wie vom Donner gerührt, und hatte kaum Fassung genug, den Menschen mit einigen Drohungen der Lüge zu zeihen, und ihn von mir zu weisen; worauf er sich ärgerlich und stumm entfernte. Was soll ich nun denken? Kaum habe ich seit wenigen Tagen — wie in einen Strudel hinabgezogen — mich zum Uebertritt anregen lassen, und schon stehe ich blosgegeben da! verrathen an Menschen, für deren Verschwiegenheit kein Dreier zu verbürgen ist!«

Der Doctor sah verwundert den Superior an; dann betheuerte der dem Senator, dessen Aufnahme geheim gehalten zu haben — vor der ganzen Gemeinde. Der Superior versetzte dagegen hochmüthig und zuversichtlich: »Beruhigen Sie sich, Herr Senator. Ich war's, der den armen Teufel auf Sie aufmerksam machte. Er suchte bei mir den Beistand eines geistlichen Vaters, und ich verwies ihn an Ihren weltlichen Schutz. Ein gutes Wort aus Ihrem Munde kann Vieles fruchten, und setzt Sie keinem Verrath aus; der Krämer ist mir als ein eifriges Glied der wachsenden Kirche geschildert worden, und ich habe durchaus keine Ursache gefunden, dieser Angabe zu mißtrauen. Sehen Sie, lieber Sohn: Eintracht, gemeinsames Wirken führt stets zum ersehnten Ziele. Concordia parvae res crescunt! Wie nun eine Gemeinde, die sich im Schooße der Verborgenheit bildet, einem Bruderverein im schönsten Sinne zu vergleichen ist, so ist auch jeder der Brüder dem andern Schutz und Hülfe schuldig. Leisten Sie daher dem Supplikanten nur einen leichten Beistand, wie er gerade in Ihren Kräften steht, und zählen Sie dagegen auf jeden Beistand des Ganzen.«

»O, daß ich mich in diese mißliche Speculation eingelassen habe!« sagte der Senator mißmuthig, und achtete nicht der zornig aufsteigenden Wolke auf des Superiors Stirne, noch des bekümmerten Angesichts des Doctors. »Wenn Sie es vermögen, meine Brüder, beweisen Sie mir den Ernst Ihrer Worte. Rathen Sie mir in meinem äußerst kritischen Verhältnisse.« — Er erzählte von dem Verhöre des Morgens.

Der Doctor schüttelte mitleidig und besorgt den Kopf. Der Superior lächelte aber gleichmüthig und erwiderte, fast spöttisch: »das versetzt Sie in Unruhe? Gilt das Zeugniß eines verlaufenen Ladenburschen gegen Ihr Rathsherrnwort? Und hat man nicht Mittel, den Nothbehelf der Erbschaft klar darzuthun, als wäre er wahr wie die Sonne? Ich verpflichte mich, Ihnen Zeugen zu schaffen, und der Pater Münzner, der zugleich Doctor beider Rechte ist, wird Ihnen mit einem in allen Formen ausgestellten Testamente auszuhelfen nicht ermangeln.«

»Pater Superior!« versetzte der Doctor stutzig: »bedenken Sie! ein fingirtes Testament! ein falsum!«

»Nun?« fragte der Superior kalt: »was weiter? Es gilt hier, einen christlichen Bruder aus der Verlegenheit zu ziehen. Ich behaupte sogar, daß ein Testament, dessen Aussteller eine persona fictitia ist, gar kein falsum darbietet. Es sei übrigens Ihre Ansicht, welche sie wolle, so wird hoffentlich der Befehl Ihrer Obern hinreichend sein, alle Bedenklichkeiten zu heben.«

Der Doctor bückte sich mit unterdrücktem Widerwillen. Der Senator schauderte ein wenig vor der Leichtigkeit, womit der Superior eine so trügliche Maßregel durchgehen ließ; aber da sein System, sollte es ihn vor Schande retten, auf Lügen beruhen mußte, ließ er sich's gefallen, daß es der kühne Pater übernahm, eine Zusammenstellung von Begebenheiten und Dokumenten — beide in der Ferne geschehen und aus der Ferne gesendet — zu erdichten, die dem Unbefangenen jeden Zweifel an des Senators Aufrichtigkeit rauben mußte, da man der Verschwiegenheit des Correspondenten in Hamburg versichert sein konnte.

»Sie unterscheiden jetzt, bester Sohn,« sagte der Superior, »wie redlich wir es mit Ihnen meinen, und werden uns eine kleine Bitte Ihrerseits nicht abschlagen. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich gefunden, daß unsre Handelsbücher und Register über kirchliche Angelegenheiten im Hause des ehrwürdigen Paters Münzner zu exponirt erscheinen. Ich ersuche Sie deshalb, diese acta in Ihren Verschluß zu nehmen, und zu erlauben, daß der Pater sich täglich etwa eine Stunde in irgend einem abgelegenen Winkelchen Ihres Hauses damit beschäftige, wenn es einzutragen oder abzuschließen gibt. In einem Lokale, wie das Ihrige sich darstellt, wird solches Ab- und Zugehen unbemerkt bleiben; Sie sind außer Gefahr, und wir können völlig ruhig sein.«

Der Senator antwortete: »Da ich mich bereits so offen in Ihre Hände gegeben habe, meine Väter, so mag es darum sein. Ich will Ihnen auch im gegebenen Falle meine Bereitwilligkeit nicht entziehen. Ich will in aller Stille ein Cabinet, an den Hof stoßend, zum Gebrauch des Herrn Doctors einrichten lassen, und die nöthige Sorge tragen, daß er nicht gestört werde.«

»So werde ich noch heute Abend die Bücher herbringen lassen,« setzte der Doctor bei: »da der ehrwürdige Pater Superior sie bei mir nicht sicher glaubt.«

»Quidquid agas, respice finem!« bemerkte der Superior mit dem schlauesten Gesichte: »ich danke Ihnen für die schöne Bereitwilligkeit, womit Sie unserem Antrage entgegengekommen. Ich gestehe, daß derselbe mich mit dem Mangel an Aufrichtigkeit versöhnt, den Sie meinem würdigen Freunde, dem Pater Münzner beweisen.«

»Wie so?« fragte der Senator, und fixirte den Doctor, der wie beschämt die Augen niederschlug. Der Superior fuhr, wie scherzend, fort: »Der würdige Herr hat Ihnen Gründe der Freundschaft, der Moral und der Pflicht angegeben, die eine Heirath zwischen Ihrer einzigen Tochter und dem protestantischen Amerikaner dringend verbieten. Er hat, wie er behauptet, Ihr Herz gerührt, indem Sie versprachen, seinen Gründen nachzugeben. Aber leider ist solche Rührung nur ein Phantasma gewesen, das eben so schnell zerstiebte, wie mancher gute Vorsatz. O, mein Sohn! in Ihrem Gemüthe liegt noch viel des ketzerischen Sauerteigs verborgen, von welchem Sie nur eine reine und reife Andacht zu dem geheiligten Herzen Jesu befreien kann! Wie könnten Sie es ansonst über sich genommen haben, Ihr Versprechen zu widerrufen, und, mit Fleiß ihre Wege vor uns versteckend, auf dem alten erwiesenen Unrecht zu beharren?«

Da der Senator, seiner Verstellung überführt, kein Wort redete, so hob der Doctor sanft und eindringlich zu ihm an: »Ja, bester Herr Senator! wir wissen, — da uns nichts in die Länge verborgen bleibt, — daß Sie dennoch Ihre Tochter mit Herrn Birsher zu vermählen gedenken, ... wann und wo Sie es thun wollen; und ich frage Sie noch einmal freundschaftlichst: haben Sie auch Alles erwogen und überlegt?«

»Ich bin meinem Gewissen und meinem Worte Erfüllung schuldig;« antwortete der Senator auf's Aeußerste gebracht: »ich hasse jede Einmischung Unberufener in mein Hauswesen. Ich habe mir nur die Schwäche vorzuwerfen, daß ich vor Ihnen verhehlte, wie es mir darum zu thun sei, recht zu handeln. Können Sie das nicht vergeben, meine Väter, so dispensiren Sie mich von jeder weitern Gemeinschaft mit Ihren Kirchen und Gesellschaftsverhältnissen!«

»O welche bedauerliche Hitze!« sagte der Superior, die Augen wehmüthig gen Himmel richtend: »Saule! Saule! cur me persequeris? Verblendeter, heftiger, geliebter Sohn! Glauben Sie denn, daß das heilige Herz unsers Heilands sich so schnell von Ihnen reißen werde, als Ihr Unmuth sich von ihm zu trennen begehrt? Mit nichten, mein Sohn! Der Heiland wird Sie nicht verlassen, da Sie sich ihm einmal ergeben! Wir, seine unwürdigen Diener, Ihre innigen Freunde, werden es auch nicht thun, und sollten wir immer vergebens warnen, und immer vergebens ausrufen: Durch diese Verbindung machen Sie Ihr Kind des Himmelreichs verlustig! durch diese Verbindung bringt der Protestant Unglück in Ihr Haus, das erst kürzlich in Ihnen der Herr gesegnet hat mit Gnade, mit Erweckung, mit dem zukünftigen Paradiese!«

Die Herren schwiegen allesammt, da sich vor der Thüre Schritte vernehmen ließen. Berndt schaute demüthig herein, und langte dem Principal ein Billet hin. Der Kellerbursche aus dem Schwan hat's gebracht, sagte er, grüßte höflich, und verschwand. Der Senator sah in der Ueberschrift Georg Birshers Hand. Seine Seele war so schreckhaft und argwöhnisch geworden, daß er unter jedem Siegel eine giftige Schlange fürchtete. Darum löste er auch dieses mit Herzklopfen, und — wie sehr seine Ahnung die Wahrheit gesprochen, — wie giftig die Schlange sei, die sich aus dem kleinen Briefe in seine Augen und sein Herz bohrte, — das bezeugte das Erbleichen seiner Wangen, das Erstarren seines Blicks, die physische Vernichtung, die aus den schlaffen Zügen trat. Mit einer Bewegung der Verzweiflung aufspringend, reichte er mit zitternder Rechte das Briefchen an den Doctor, und sank mit dem Ausrufe: Nun bin ich ohne Rettung verloren! in den Stuhl zurück. Der Doctor las, während der Superior dem mit Ohnmacht Kämpfenden beisprang, für sich, was folgt:

»Unglücklicher Müssinger! — Meine Hand bebt, aber mein Herz erbebte noch heftiger, da ich erfuhr, was mich und Sie elend macht. Elender! Sie haben meinen armen Vater gemordet! der mir's entdeckt hat, ist fast Zeuge der schändlichen That gewesen! um mich vor dem schauerlichen Bunde mit Ihnen zu warnen, hat er's mir gestanden! aber ich weiß, wozu die Rache den Sohn auffordert. Die Gerechtigkeit anzurufen, ist meine Pflicht! um drei Uhr fahre ich bei dem Bürgermeister vor. Ich will nichts von dem wissen, was Sie bis dahin unternehmen!

Birsher.«

Der Senator schlug die verwirrten Augen wieder auf, sandte einen trostlosen Blick nach dem Doctor, der schnell das Briefchen wieder zusammenfaltete, dem Senator zurückgab, und sagte: »Fassen Sie sich, Sie sind nicht verloren. Nothhafts Beschuldigung — gewiß durch die transpirirende Neuigkeit von Justinens Vermählung veranlaßt — richtet Sie nicht zu Grunde. Ihre Seelenangst ist Ihr mächtigster Gegner: darum — obschon Sie gegründete Hoffnung haben dürften, von den Gerichten erledigt zu werden — ist es gerathener, das Unheil in der Geburt zu ersticken. Birsher scheint großmüthig handeln zu wollen. Er will Ihre Flucht begünstigen. Hüten Sie sich jedoch. Weichen Sie keinen Fuß breit. Halten Sie sich ruhig! überlassen Sie uns, für Sie zu handeln. Bevor es drei Uhr wird, denke ich, müßten Sie aller Gefahr enthoben sein!«

»Wenn Sie das könnten!« rief der Senator, und warf sich dem Pater in die Arme: »mein Vater! Bruder meiner Clara! thun Sie das Möglichste! der Verdacht! mein Ruf! die Schande! Gott stehe mir bei, wenn Sie mich verlassen!«

»Hier muß dieser Mann helfen!« versetzte der Doctor, auf den Superior zeigend, der aufmerksam und erwartend da stand. »Pater Superior! als Beichtvater dieses unglücklichen Mannes fordere ich Sie, einen der Vorsteher unsrer heiligen Gesellschaft, in Ihnen den ganzen Orden auf, ihn vor einer dringenden Gefahr zu retten, mit der ihn Birsher bedroht. Der Grund derselben ist ein Beichtgeheimniß, aber ich beschwöre Sie bei Ihrer priesterlichen Würde, den Folgen vorzubeugen.«

»Ich werde mich mit Ihnen bereden,« antwortete der Superior gleichgültig; »ich werde Ihre Meinung hören, und thun, was ich mit Gottes Hülfe vermag. Verspräche aber wohl der Herr Senator, jeden fernern Gedanken an eine Verbindung seiner Tochter mit einem Protestanten aufzugeben? das unschuldige Kind unsrer alleinselig- und glücklichmachenden Mutterkirche zuzuwenden? es für ein erbauliches Jungfrauenleben zu bestimmen, damit es im Verein mit andern gottseligen Chorschwestern die Sünden des Vaters abkaufe mit Gebet und Ergebung? sein Vermögen nach seinem Hinscheiden der Kirche zu vermachen, der liebenden und helfenden Gesellschaft Jesu ins Besondere? Respondeas, mi fili! und dir soll geholfen sein!«

Der Senator nickte sprachlos mit dem Kopfe, winkte mit der Hand, und der Superior ergriff dieselbe, ihn beim Worte nehmend. »Sie sind Zeuge, Pater,« sagte er feierlich, »und nun kommen Sie, damit wir das widrige Geschäft in Ordnung bringen. Ich bin sanfter Natur, wähle gewöhnlich leichte Mittel; hier aber, fürchte ich, wird es auf dasjenige ankommen, was ich schon einmal vorgeschlagen, und das Sie als zu hart verworfen haben.«

Der Doctor winkte dem Pater, zu schweigen, indem er auf den Senator deutete, welcher aus seiner Betäubung erwachte. Die Jesuiten gingen bedächtig und stille von dannen. »O, der sauern Pflichten!« seufzte der Doctor, aber sein Mund sprach keine Sylbe, die seinem Vorgesetzten hätte mißfallen können.

Die Herren fanden in ihrem geheimen Convente die Lainez und den ehemaligen Schauspieler Litzach. »Unser Plan scheitert!« sagte die Erstere, indem sie dem Doctor das gefährliche Medaillon zurückgab; »behalten Sie das Bild Ihres Zöglings, mein Vater; es hat Aufsehen genug gemacht, aber die Liebesleute vertragen sich nach dem heftigsten Zanke. Vor der Hand hat mich Jungfer Justine der Mühe, ihr Gesellschaft zu leisten, enthoben, und alle meine Entschuldigungen gingen in den Wind.«

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