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Der Held unserer Zeit

Die Fürstin Mary.

August Boltz translation

Dost thou drink tears, that thou provok’st such weeping?

Shakspeare, Venus and Adonis, Stanza 156.

11. Mai.

Gestern kam ich in Pätigorsk an und miethete ein Quartier am Ende der Stadt, auf einer sehr hochgelegenen Stelle, am Fuße des Máschuk, so daß während eines Ungewitters die Wolken sich bis auf mein Dach senken werden. Heut um fünf Uhr Morgens, als ich das Fenster öffnete, füllte sich mein Zimmer mit dem Dufte der Blumen an, welche in einem bescheidenen Vordergärtchen wachsen. Die Zweige der blühenden Süßkirsche schauen mir ins Fenster und der Wind überschüttet bisweilen meinen Schreibtisch mit ihren weißen Blüthenblättern. Von drei Seiten habe ich eine wunderschöne Aussicht. Gegen Westen liegt der fünfkuppige Beschtu im Blauen, wie „die letzte Wolke eines zerstobenen Sturmes“ gegen Norden erhebt sich der Máschuk, wie eine verbrämte Persermütze, und verdeckt diesen ganzen Theil des Himmelsgewölbes. Heiterer ist die Aussicht gegen Osten: unten, vor mir, liegt ein buntes reinliches, neues Städtchen, sprudeln die Heilquellen, rauscht die vielsprachige Menge, — und dort, weiterhin, thürmen sich die Berge, immer blauer und nebeliger, zum Amphitheater empor, und am Rande des Horizontes zieht sich die silberne Kette der Schneegipfel hin, mit dem Kasbek anfangend und mit dem zweikuppigen Elborus endigend. — — — In solchem Lande lebt’s sich heiter! Ein gewisses beruhigendes Trostgefühl ist durch alle meine Adern ergossen. Die Luft ist rein und frisch, wie der Kuß eines Kindes; die Sonne strahlend, der Himmel blau — wessen, so scheint es, bedarf man hier noch mehr? Wozu hier noch Leidenschaften, Wünsche, Bedauern? . . . Indessen ist es Zeit. Ich muß nun nach der Elisabethquelle gehen; man sagte mir, daß sich dort des Morgens die ganze Brunnengesellschaft versammelte.

Als ich mich in die Mitte der Stadt begab, ging ich auf den Boulevards umher, wo ich einige traurige Gruppen langsam den Berg hinaufsteigen sah; es waren meistentheils die Familien von Steppen-Gutsbesitzern; dies war leicht zu errathen an den abgetragenen altmodischen Ueberröcken der Herren und den geschmacklosen Kleidungen der Frauen und Töchter. Es war zu sehen, daß sie alle jungen Badegäste schon kannten, da sie mit zärtlicher Neugierde nach mir blickten: die Petersburger Form meines Waffenrockes führte sie irre; als sie indessen die Epauletten eines Armeeoffiziers an mir wahrnahmen, wandten sie sich unwillig von mir.

Die Frauen der Gegend selbst, so zu sagen die Brunnenwirthinnen, waren herablassender; sie haben Lorgnetten und richten ihre Aufmerksamkeit weniger auf die Uniform; sie sind bereits gewohnt, im Kaukasus unter einem nummerirten Knopfe ein feuriges Herz, und unter der weißen Mütze einen gebildeten Verstand anzutreffen. Diese Damen sind sehr gütig und sind es lange! Jedes Jahr werden ihre Verehrer durch Neue abgelöst und hierin liegt vielleicht das Geheimniß ihrer unerschöpflichen Liebenswürdigkeit. Als ich auf einem engen Pfade zur Elisabethquelle hinanstieg, überholte ich eine Menge Civil- und Militairpersonen, welche, wie ich später erfuhr, eine besondere Klasse von Leuten unter denen bilden, die auf eine Wirkung des Brunnens hoffen. Sie trinken — nur kein Wasser, gehn wenig spazieren, machen nur im Vorübergehen den Damen die Cour, spielen und klagen über Langeweile. Sie sind Stutzer und nehmen, so oft sie ihre umflochtenen Gläser in den Sauerbrunnen tauchen, eine akademische Stellung an; die Civilpersonen tragen hellblaue Halstücher, die Militairs lassen aus den Kragen die Vatermörder hervorgucken. Sie affektiren eine tiefe Verachtung gegen die Damen aus der Provinz und seufzen nach den aristokratischen Salons der Residenzen, wo sie nicht zugelassen werden.

Endlich bin ich am Brunnen . . . Auf einem Plätzchen unweit des Brunnens steht ein Häuschen mit einem rothen Dache über dem Becken; etwas weiter befindet sich eine Gallerie zum Spazierengehen während des Regens. Mehre verwundete Offiziere saßen auf einer Bank, ihre Krücken zusammenhaltend, blaß und traurig. Einige Damen gingen mit raschen Schritten auf und nieder, in Erwartung der Wirksamkeit des Wassers. Unter ihnen befanden sich zwei bis drei recht artige Gesichter. Aus den Nebenalleen, welche den Abhang des Máschuk bedecken, tauchte dann und wann das bunte Hütchen einer Liebhaberin der Einsamkeit zu Zweien hervor, denn stets bemerkte ich hinter einem solchen Hute eine Militairmütze, oder einen formlosen runden Hut. Auf dem steilen Felsen, wo ein Pavillon steht welcher den Namen Aeols-Harfe führt, standen einige Liebhaber von Aussichten, welche ihre Telescope nach dem Elborus richteten; unter ihnen befanden sich zwei Gouverneure mit ihren Zöglingen, die hierher gekommen waren, um sich von den Skrofeln heilen zu lassen.

Ich blieb erschöpft am Rande des Berges stehen und begann, an die Ecke des Häuschens gelehnt, die malerische Umgegend zu betrachten, als ich plötzlich hinter mir eine bekannte Stimme höre:

„Petschorin! schon lange hier?“

Ich wende mich um: Gruschnitzki! Wir umarmten uns. Ich hatte in einer aktiven Abtheilung seine Bekanntschaft gemacht. Er hatte eine Schußwunde am Beine, und war eine Woche später als ich ins Bad gereist. Gruschnitzki ist Fähndrich. Er dient erst seit einem Jahre und trägt aus ganz besonderer Koketterie einen dicken Soldatenmantel, auch hat er das St. Georgen Soldatenkreuzchen. Er ist wohlgebaut, hat eine dunkelbraune Gesichtsfarbe und schwarzes Haar; seinem Aeußern nach könnte man ihm fünf und zwanzig Jahre geben, ob er gleich kaum ein und zwanzig alt ist. Wenn er spricht, wirft er den Kopf hinten über und ringelt mit der linken Hand seinen Schnurrbart, denn mit der rechten stützt er sich auf die Krücke; auch spricht er schnell und hochtrabend: er ist einer von denen, die auf alle Vorfälle des Lebens schwülstige Redensarten in Bereitschaft haben, welche das einfach Schöne nicht rührt, und die sich wichtig in ungewöhnliche Passionen und ausnahmsweise Leiden hüllen. Effekt zu machen ist ihr höchster Genuß, darum gefallen sie den romantischen Damen der Provinz bis zum Wahnsinn. Im Alter werden sie theils friedliche Gutsbesitzer, theils Trunkenbolde, bisweilen das Eine und das Andere. In ihrer Seele liegen oft recht viele gute Eigenschaften, aber nicht für einen Heller Poesie. Gruschnitzki’s Leidenschaft war die des Deklamirens; er überschüttet einen mit Worten, sobald das Gespräch nur irgend den gewöhnlichen Ideenkreis verläßt; ich konnte nie mit ihm streiten. Er antwortet einem gar nicht auf das Gesagte, er hört einem gar nicht zu; kaum hält man aber etwas inne, so fängt er eine lange Tirade an, die sich scheinbar an das Gesagte anschließt, in der That aber nichts anders ist als die Fortsetzung seiner eigenen Rede.

Er ist ziemlich witzig; seine Epigramme sind oft recht unterhaltend, niemals aber sind sie treffend und bitter; er schlägt keinen mit Einem Worte nieder; er kennt nicht die Leute und ihre schwachen Seiten, denn er beschäftigte sich während seines ganzen Lebens nur mit sich selbst. Sein höchster Zweck ist — der Held eines Romans zu werden. Er war so oft bemüht die Andern davon zu überzeugen, daß er ein, nicht für diese Welt geschaffenes, einem gewissen geheimen Leiden überantwortetes Wesen sei, daß er zuletzt fast selbst daran glaubte. Darum trägt er auch mit solchem Stolze seinen dicken Soldatenmantel. Ich durchschaute ihn sogleich, deshalb liebt er mich auch nicht, obgleich wir äußerlich in den freundschaftlichsten Beziehungen stehen. Gruschnitzki steht im Rufe eines sehr tapfern Soldaten; ich sah ihn im Gefechte: er wirthschaftet mit dem Säbel herum, schreit und wirft sich mit blinzelnden Augen vorwärts. Das ist immer nicht die wahre russische Tapferkeit.

Ich mag ihn auch nicht leiden: ich fühle, daß wir einst einmal auf einem engen Wege zusammenstoßen werden, und es dem Einen von uns nicht wohl bekommen wird . . .

Seine Ankunft im Kaukasus ist ebenfalls eine Folge seines romantischen Fanatismus. Ich bin überzeugt, daß, am Vorabend seiner Abreise aus dem väterlichen Erbdorfe, er mit düsterer Miene irgend einer niedlichen Nachbarin sagte: daß er nicht Dienste nimmt, wie dies gewöhnlich geschieht, sondern, daß er den Tod sucht, weil . . . hier fährt er denn, die Hand über die Augen gehalten, fort: „Nein, Sie (oder Du) sollen das nie erfahren! Ihre reine Seele würde erbeben! Wozu das auch? Was bin ich Ihnen? Können Sie mich je verstehen? . . .“ und so fort.

So erzählte er mir selbst, daß der Grund, der ihn veranlaßte ins K. Regiment zu treten, ein ewiges Geheimniß zwischen ihm und dem Himmel bleiben würde.

Uebrigens ist Gruschnitzki in solchen Augenblicken, wo er die tragische Drappirung abwirft, recht liebenswürdig und unterhaltend. Es ist mir immer interessant, ihn mit Damen zu sehen; da kann ich mir vorstellen, wie er sich abquält.

Wir kamen uns wie alte Freunde entgegen. Ich fing an ihn über die Lebensweise im Badeort und die Hauptpersonen desselben zu befragen.

— Wir führen ein ziemlich prosaisches Leben, erwiederte er seufzend. Diejenigen, welche des Morgens Wasser trinken, sind welk, wie alle Kranken, die aber des Abends Wein trinken, sind unausstehlich wie alle Gesunden. Damengesellschaft ist wohl da; bei ihnen ist indessen wenig Trost zu holen: sie spielen Whist, kleiden sich schlecht, und sprechen schauderhaft französisch. In diesem Jahre ist aus Moskau nur die einzige Fürstin Ligoffska mit ihrer Tochter hergekommen; doch bin ich mit ihnen nicht bekannt. Mein Soldatenmantel scheint mir die allgemeine Abneigung zuzuziehen. Die Theilnahme, welche er etwa hervorruft, liegt wie ein Almosen auf mir.

In diesem Augenblicke gingen zwei Damen an uns vorbei, dem Brunnen zu; die eine ältlich, die andere jugendlich, wohlgebaut. Ihre Gesichter sah ich, der vorstehenden Hüte wegen, nicht; doch waren sie nach den strengsten Regeln des feinsten Geschmackes gekleidet: Nichts Ueberflüssiges. Die letztere trug ein hohes Kleid gris de perles; ein leichtes seidenes Fichu umwand ihren schlanken Hals. Ihre Stiefelchen couleur puce umspannten ihr dünnes Füßchen am Knöchel so reizend, daß selbst ein in den Mysterien der Schönheit Uneingeweihter unbedingt ein Ach! ausgestoßen hätte, wenn auch nur vor Verwunderung. Ihr leichter, doch sehr edler Gang hatte etwas mädchenhaftes, das jeder Erklärung entschlüpft, vom Blicke aber wohl verstanden wird. Als sie an uns vorüberging, wehte uns von ihr jener unerklärbare Duft entgegen, von welchem bisweilen der Brief eines reizenden Frauenzimmers athmet.

„Das ist die Fürstin Ligoffska,“ sagte Gruschnitzki, „und die mit ihr ist ihre Tochter Mary, wie sie dieselbe nach englischer Manier nennt. Sie sind erst seit drei Tagen hier.“

— Und doch kennst Du bereits ihre Namen?

„Ja, ich hörte sie zufällig,“ antwortete er erröthend, „ich gestehe ganz offen, ich wünsche gar nicht mit ihnen bekannt zu werden. Diese stolze Aristokratie blickt auf uns Armeeoffiziere wie auf Wilde herab. Und was kann es sie kümmern, ob unter einer nummerirten Feldmütze Verstand liegt und ein Herz unter einem dicken Soldatenmantel?“

— Armer Mantel! sagte ich lächelnd; aber wer ist der Herr, der auf sie zugeht und ihnen so dienstfertig das Glas reicht?

„O! Das ist der Moskauer Stutzer Rajéwitsch! Er ist ein Spieler: das sieht man sogleich an der enormen goldenen Kette, welche sich auf seiner blauen Weste herumschlängelt. Und was für einen dicken Stock er hat — absolut wie Robinson Crusoe; und nun gar diesen Bart und die Coiffüre à la mougik“!29)

— Du bist ja gegen das ganze Menschengeschlecht erbost.

„Ja, ich habe wohl Ursache . . .“

— O! wirklich?

In diesem Augenblicke verließen die Damen den Brunnen und gingen dicht an uns vorüber. Gruschnitzki war es eben noch gelungen, mit Hülfe seiner Krücke eine dramatische Position anzunehmen, und er antwortete mir laut auf französisch:

„Mon cher, je hais les hommes pour ne pas le mépriser, car autrement la vie serait une farce trop dégoutante.“

Die reizende junge Fürstin wandte sich um und beschenkte den Redner mit einem langen, neugierigen Blicke. Der Ausdruck dieses Blickes war ungemein unbestimmt, doch nicht ironisch, weshalb ich ihm im Innern der Seele dazu gratulirte.

— Diese Fürstin Mary ist das reizendste Wesen von der Welt, sagte ich zu ihm. Sie hat ein Paar sammetne Augen — absolute Sammetaugen: ich würde Dir rathen, Dir diesen Ausdruck anzueignen, wenn Du von ihren Augen sprichst; die unteren und oberen Augenwimpern sind so lang, daß die Sonnenstrahlen ihr nie den Augapfel berühren können. Ich liebe diese glanzlosen Augen: sie sind so weich, sie thun einem so wohl . . . Uebrigens däucht mir, drückt ihr Gesicht nur Gutes aus . . . Aber was ich sagen wollte . . hat sie auch weiße Zähne? Das ist sehr wichtig! Es ist Schade, daß sie auf Deine stattliche Phrase nicht lächelte.

„Du sprichst ja von einem schönen Frauenzimmer wie von einem englischen Pferde,“ sagte Gruschnitzki unwillig.

— Mon cher, entgegnete ich ihm, indem ich mich bemühte seinen Ton nachzuahmen: je méprise les femmes pour ne pas les aimer, car autrement la vie serait un mélodrame trop ridicule.

Ich wandte mich um und verließ ihn. Während einer halben Stunde ging ich in den Rebenalleen über die Kalkfelsen und durch die zwischen ihnen hängenden Büsche spazieren. — Allmälig wurde es aber heiß, so daß ich den Rückweg nach Hause antrat. Als ich an dem Sauerbrunnen vorüberging, hielt ich an der steilen Gallerie still, um in ihrem Schatten mich etwas abzukühlen; dies gewährte mir die Gelegenheit Zeuge einer ziemlich interessanten Scene zu sein. Die handelnden Personen derselben befanden sich in folgender Position: Die Fürstin saß mit dem Moskauer Stutzer auf einer Bank der bedeckten Gallerie, beide, wie es schien, in ein wichtiges Gespräch vertieft. Die junge Fürstin, die wahrscheinlich ihr letztes Glas bereits getrunken hatte, ging gedankenvoll vor dem Brunnen auf und ab. Gruschnitzki stand am Brunnen selbst; sonst war Niemand auf dem ganzen Plätzchen.

Ich schritt näher hinzu und versteckte mich hinter die Ecke der Gallerie. In diesem Augenblicke ließ Gruschnitzki sein Glas auf den Sand fallen und strengte sich an, sich niederzubeugen, um es wieder aufzuheben: der kranke Fuß verhinderte ihn daran! Der Arme! wie er sich auf seine Krücke gestützt, abquälte, und so ganz umsonst. Sein ausdrucksvolles Gesicht drückte in der That Leiden aus.

Die junge Fürstin Mary sah alles dies besser als ich selbst. Leichter als ein Vögelchen hüpfte sie an ihn heran, bückte sich, hob das Glas auf und reichte es ihm mit einer unaussprechlich reizenden Bewegung, des Körpers: hierauf erröthete sie ungemein, blickte nach der Gallerie zurück und nachdem sie die Ueberzeugung erlangt hatte, daß ihre Mutter nichts davon gesehen, schien sie sich sofort zu beruhigen. Als Gruschnitzki den Mund öffnete, um ihr zu danken, war sie schon weit entfernt. Nach einer Minute kam sie mit ihrer Mutter und dem Stutzer aus der Gallerie heraus, nahm aber, als sie an Gruschnitzki vorüberging, eine sehr vornehme und strenge Miene an — wandte sich selbst nicht um, bemerkte nicht einmal den leidenschaftlichen Blick, mit dem er sie lange begleitete, bis sie endlich beim Hinuntersteigen vom Berge hinter den Linden des Boulevards verschwand . . . Noch einmal tauchte ihr Hütchen in der Straße auf; dann eilte sie in die Thüre eines der besten Häuser von Pätigorsk; hinter ihr ging die Fürstin hinein, die an der Thüre von Rajéwitsch Abschied nahm.

Erst jetzt bemerkte der arme leidenschaftliche Junker meine Gegenwart.

„Sahest Du?“ sagte er, indem er mit die Hand stark drückte: „sie ist geradezu ein Engel!“

— Warum? fragte ich mit der alleraufrichtigsten Miene.

„So hast Du nicht gesehen?“

— Doch, ich sah: sie hob Dein Glas auf. Wäre dort ein Wächter gewesen, so hätte er dasselbe gethan, und noch viel eiliger, indem er hoffen konnte ein Trinkgeld zu erhaschen. Uebrigens ist es sehr begreiflich, daß Du ihr leid thatest: Du machtest eine so fürchterliche Grimasse, als Du auf Dein durchschossenes Bein tratest . . .

„Und Du warst nicht im Mindesten gerührt, indem Du sie in dieser Minute sahst, wo ihre ganze Seele auf ihrem Antlitz glänzte?“

— Nein.

Ich log; ich hatte aber Lust ihn zu peinigen. Mir ist die Leidenschaft des Widersprechens angeboren; mein ganzes Leben war nur eine Kette trauriger und unglückseliger Widersprüche gegen mein Herz oder meinen Verstand. Die Gegenwart eines Enthusiasten ergreift mich jedesmal mit furchtbarer Kälte, ebenso glaube ich, daß häufige Beziehungen zu einem abgestorbenen Phlegmatiker einen leidenschaftlichen Schwärmer aus mir gemacht haben würden. Ich gestehe ferner: ein unangenehmes aber wohlbekanntes Gefühl lief in diesem Augenblicke über mein Herz; dieses Gefühl war — der Neid; ich sage dreist „der Neid“, denn ich habe mich daran gewöhnt mir alles zu gestehen; und schwerlich möchte sich ein junger Mann finden lassen, der beim Anblicke eines schönen Frauenzimmers, die seine müßige Aufmerksamkeit auf sich zieht und vor ihm offenbar einen Anderen, ihr nicht minder Unbekannten, auszeichnete — schwerlich, sage ich, möchte sich ein solcher junger Mann finden lassen (der, versteht sich, in der großen Welt gelebt hat und gewöhnt ist seine Eigenliebe zu hätscheln), welcher hierdurch nicht unangenehm berührt worden wäre.

Schweigend stiegen wir, Gruschnitzki und ich, vom Berg hinab und gingen auf dem Boulevard spazieren, an den Fenstern des Hauses vorbei, wo unsere Schöne versteckt war. Sie saß am Fenster. Gruschnitzki stieß mich an den Arm, und warf ihr einen jener aufbrausenden, zärtlichen Blicke zu, welche auf die Damen so geringe Wirkung haben. Ich richtete meine Lorgnette auf sie und bemerkte, daß sie in Folge seines Blickes lächelte, daß sie hingegen über meine dreiste Lorgnette sich außerordentlich ärgerte. Und wie, in der That, wagt es ein kaukasischer Armeeoffizier eine Moskauer Fürstin zu lorgnettiren? . . .

Den 13. Mai.

Heute Morgen kam der Doktor zu mir: sein Name ist Werner, er ist aber Russe. Was wäre da Außerordentliches? Ich kannte einen Iwánow, der ein Deutscher war.

Werner ist ein merkwürdiger Mann in vielfacher Beziehung. — Er ist Skeptiker und Materialist wie fast alle Aerzte, zu gleicher Zeit aber ist er auch Poet, und das in vollem Ernste, — ein Poet in der That immer, und oft in seinen Worten, ob er gleich in seinem ganzen Leben nicht zwei Verse geschrieben. Er studirte alle lebendigen Saiten des menschlichen Herzens, wie man die Adern an einem Leichnam studirt, doch wußte er seine Wissenschaft niemals zu benutzen: so kann bisweilen ein ausgezeichneter Anatomiker das Fieber nicht vertreiben. Gewöhnlich lächelt Werner im Geheimen über seine Kranken, doch sah ich einst, wie er vor einem sterbenden Soldaten weinte . . . Er war arm, träumte von Millionen, that aber für’s Geld keinen unnützen Schritt. Einst sagte er zu mir, daß er eher einem Feinde eine Gefälligkeit erweisen wolle, als einem Freunde, weil das seine Dienstfertigkeit verkaufen hieße, während der Haß nur im Verhältniß der Großmuth des Gegners zunimmt. Er hatte eine böse Zunge. Unter dem Aushängeschilde seiner Epigramme wurde mehr als ein Gimpel für einen gemeinen Narren ausgeschrieen; seine Nebenbuhler, die neidischen Brunnenärzte, verbreiteten das Gerücht, als ob er nach seinen Kranken Karrikaturen zeichne, — die Kranken erbleichten, und fast alle fielen von ihm ab. Seine Freunde, das heißt, alle wahrhaft anständigen Leute, die im Kaukasus dienen, bemühten sich umsonst, seinen gefallenen Kredit wieder zu heben.

Sein Aeußeres war von jenen, welche beim ersten Anblick unangenehm berühren, welche aber in der Folge ansprechen, wenn das Auge erst gewöhnt ist in den unregelmäßigen Zügen den Ausdruck eines erfahrenen, hohen Geistes zu lesen. Es gab Beispiele, daß Damen sich bis zum Wahnsinn in solche Leute verliebten und deren Häßlichkeit nicht für die Schönheit der frischesten, rosigsten Endymione vertauscht haben würden. Man muß den Damen Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie haben das angeborene Gefühl für die geistige Schönheit; daher kommt es vielleicht, auch, daß Männer, wie Werner, so leidenschaftlich die Weiber lieben.

Werner war von kleinem Wuchse und mager und schwach wie ein Kind; eins seiner Beine war kleiner als das andere, wie bei Byron; im Vergleich zum Rumpfe schien sein Kopf ungemein groß; er hielt sein Haar unter einem Kamme zurückgestrichen, so daß die Unebenheiten seines Schädels jeden Phrenologen durch die seltsame Verflechtung der widersprechendsten Neigungen überrascht haben würden. Seine kleinen schwarzen, fortwährend unruhigen Augen waren bemüht, die Gedanken der andern zu durchdringen. In seiner Kleidung herrschte Geschmack und Sauberkeit; seine mageren, geäderten, kleinen Hände brüsteten sich stets in hellgelben Handschuhen. Sein Ueberrock, sein Halstuch und seine Weste waren beständig schwarzer Farbe. Die jungen Leute nannten ihn einen Mephistopheles; er that als nehme er diesen Beinamen übel, in der That aber schmeichelte derselbe seiner Eigenliebe. Wir verstanden uns bald und wurden Bekannte, denn der Freundschaft bin ich unfähig; von zwei Freunden ist der eine immer der Sklave des andern, obgleich keiner von ihnen dies eingestehen will. Sklave mag ich nicht sein, und in solchem Falle zu befehlen ist eine lästige Mühe, denn man muß zugleich auch betrügen; dann habe ich ja auch Bedienten und Geld! Bekannte wurden wir auf folgende Weise: ich begegnete Werner in S. inmitten eines zahlreichen, lauten Kreises von jungen Leuten; das Gespräch nahm gegen das Ende des Abends eine philosophisch-metaphysische Richtung; man sprach von den Ueberzeugungen: jeder war überzeugt von den verschiedenartigsten Dingen. —

„Was mich betrifft, so bin ich nur von Einem überzeugt . . .“ sagte der Doktor.

— Und wovon das? fragte ich, begierig, die Meinung eines Mannes zu erfahren, der bisher geschwiegen hatte.

„Davon,“ antwortete er, „daß ich früh oder spät an einem schönen Morgen sterben werde.“

— So bin ich reicher als Sie, sagte ich: ich habe, außer jener, noch eine Ueberzeugung, nämlich die, daß ich an einem sehr häßlichen Abende das Unglück hatte, geboren zu werden.

Alle fanden, daß wir Unsinn sprächen, doch hat wahrhaftig keiner von ihnen etwas Vernünftigeres gesagt. Seit jenem Augenblicke unterschieden wir uns von der Menge. Wir gingen oft miteinander, und sprachen zu Zweien sehr ernsthaft über abstrakte Dinge, bis wir endlich bemerkten, daß wir uns gegenseitig hintergingen. Dann sahen wir einander bedeutungsvoll in die Augen, wie die römischen Auguren nach den Worten Cicero’s, fingen an recht herzlich zu lachen, und lachend gingen wir auseinander, zufrieden mit unserem Abende.

Ich lag auf dem Divan, die Augen an die Decke geheftet, die Hände unter dem Nacken gekreuzt, als Werner in mein Zimmer trat. Er setzte sich in einen Lehnstuhl, stellte seinen Rohrstock in eine Ecke, gähnte und erklärte, daß es draußen sehr heiß sei. Ich erwiederte ihm, daß mich die Fliegen beunruhigten — und wir schwiegen Beide.

— Bemerken Sie, lieber Doktor, sagte ich, daß es ohne Thoren auf der Welt recht langweilig sein würde . . . Sehen Sie uns zwei vernünftige Leute an; wir wissen im Voraus, daß man über alles bis in die Unendlichkeit streiten kann, und deshalb streiten wir nicht; wir kennen fast alle geheime Gedanken des Andern; ein Wort ist uns eine ganze Geschichte; wir sehen den Keim jedes unserer Gefühle selbst inmitten einer dreifachen Schale. Das Traurige ist uns lächerlich, das Lächerliche traurig; im Allgemeinen aber, um die Wahrheit zu sagen, sind wir gegen Alles ziemlich gleichgültig, außer gegen uns selbst. So kann also ein Austausch der Gefühle und Gedanken zwischen uns nicht Statt finden: wir wissen der eine von dem andern alles, was wir wissen wollen, und mehr wissen wollen wir nicht; so bleibt uns denn noch ein Mittel übrig: Neuigkeiten mitzutheilen. Erzählen Sie mir irgend eine Neuigkeit.

Von der langen Rede ermüdet, schloß ich die Augen und gähnte . . .

Er antwortete nach einigem Nachdenken: „In unserm Gallimatias ist indessen doch noch eine Idee —“

— Zwei Ideen! entgegnete ich.

„So sagen Sie mir die eine, ich werde Ihnen die andere sagen.“

— Gut, beginnen Sie! sagte ich, indem ich fortfuhr, nach der Decke zu sehen und in mir lächelte.

„Sie möchten gern einige Details in Bezug auf einige der neuangekommenen Badegäste vernehmen, und ich errathe bereits, um wen es sich hier handelt, da man sich dort schon nach Ihnen erkundigt hat.“

— Doktor! wahrhaftig, wir dürfen miteinander nicht mehr reden: wir lesen einander in der Seele.

Jetzt die zweite . . .

— Die zweite Idee war die: ich wollte Sie irgend etwas erzählen lassen; erstens, weil es weniger ermüdet, zuzuhören; zweitens, braucht man sich nicht zu versprechen; drittens, kann man ein fremdes Geheimniß erfahren; viertens, weil so verständige Herren wie Sie, lieber Zuhörer als Erzähler leiden mögen. Jetzt zur Sache: Was sagte Ihnen die Fürstin Ligoffska von mir?

„Sind Sie so sehr überzeugt, daß es die Fürstin war . . . und nicht ihre Tochter?“

— Vollkommen überzeugt.

„Warum?“

— Weil die junge Fürstin sich nach Gruschnitzki erkundigte.

„Sie haben eine große Combinationsgabe. Die junge Fürstin sagte, sie sei überzeugt, daß dieser junge Mann im Soldatenmantel wegen eines Duelles zum Soldaten degradirt worden sei.“

— Ich hoffe doch, Sie ließen sie in diesem süßen Irrthume . . .

„Natürlich.“

— Die Verwickelung ist, da! rief ich mit Entzücken aus; für die Entwickelung dieser Komödie wollen wir später sorgen. Offenbar ist das Schicksal bemüht, mir die Langeweile zu vertreiben.

„Ich ahne,“ sagte der Doktor, „daß der arme Gruschnitzki Ihr Opfer werden wird . . .“

— Fahren Sie fort, Doktor . . .

„Die Fürstin meinte, daß Ihr Gesicht ihr bekannt sei. Ich bemerkte ihr, daß Sie ihr wahrscheinlich in Petersburg irgendwo in der großen Welt begegnet wären . . . ich nannte Ihren Namen. Er war ihr bekannt. Wie es scheint, hat Ihre Affaire dort viel Aufsehen gemacht . . . Hierauf begann die Fürstin von Ihren Abenteuern zu erzählen, indem sie wahrscheinlich zu den Verläumdungen der großen Welt ihre eigenen Bemerkungen hinzufügte . . . Das Töchterchen hörte neugierig zu. Ihre Einbildungskraft machte Sie sogleich zum Helden eines Romans im neuesten Geschmacke. Ich widersprach der Fürstin nicht, ob ich schon wußte, daß sie Unsinn sprach.“

— Würdiger Freund! sagte ich, ihm die Hand entgegenstreckend. Der Doktor drückte sie mit Wärme und fuhr fort: —

„Wenn Sie wollen, so stelle ich Sie vor . . .“

— Wo; denken Sie hin! rief ich aus, indem ich die Hände zusammenschlug: werden denn Helden jemals vorgestellt? Sie machen nicht anders Bekanntschaft, als indem sie ihr Liebchen von einem sichern Tode erretten . . .

„Also wollen Sie wirklich der jungen Fürstin die Cour machen? . . .“

— Durchaus nicht, gerade das Gegentheil! . . . Doktor, endlich trage ich den Sieg davon! Sie verstehen mich nicht! . . . Uebrigens thut mir das leid, Doktor, fuhr ich nach einem minutenlangen Schweigen fort: ich enthülle niemals meine Geheimnisse selbst, ich liebe ungemein, daß man sie erräth, weil ich in diesem Falle mich immer davon lossagen kann. Indessen müssen Sie mir noch Mutter und Tochter beschreiben . . . Was sind es für Leute?

„Zuerst also die Fürstin: sie ist eine Frau von 45 Jahren,“ entgegnete Werner; „sie hat einen guten Magen, aber verdorbenes Blut; auf den Wangen rothe Flecken. Die letzte Hälfte ihres Lebens brachte sie in Moskau zu, und wurde dort mit Gemächlichkeit recht dick. Sie liebt schlüpferige Anekdoten und spricht wohl selbst dann und wann unanständige Dinge, wenn ihre Tochter nicht im Zimmer ist. Sie erklärte mir, daß ihre Tochter so unschuldig sei wie eine Taube. Was geht das mich an? Ich hätte ihr gern geantwortet, sie könne ganz ruhig sein, ich würde es an Niemanden weiter sagen! Die Fürstin nimmt Bäder gegen den Rheumatismus, ihre Tochter nimmt sie Gott weiß weshalb. Ich befahl ihnen Beiden täglich zwei Glas Sauerbrunnen zu trinken und wöchentlich zweimal ein gemischtes Wannenbad zu nehmen. Wie es scheint, ist die Fürstin nicht gewöhnt zu befehlen: sie hat eine hohe Achtung vor dem Verstande und den Kenntnissen ihrer Tochter, welche Byron englisch gelesen hat und Algebra versteht: offenbar haben sich in Moskau die jungen Damen auf die Gelehrsamkeit geworfen, und wahrhaftig, sie thun wohl daran! Unsere Herren sind im Allgemeinen so wenig liebenswürdig, daß es für ein verständiges Frauenzimmer unerträglich sein muß, mit ihnen zu kokettiren. Die Fürstin liebt sehr die jungen Herren; ihre Tochter blickt mit einiger Verachtung auf dieselben, — eine Moskauer Gewohnheit! Die Damen werden in Moskau bloß groß gezogen, damit sie in ihrem 40sten Jahre Witzbolde seien.“

— Sie waren also in Moskau, Doktor?

„Ja, ich hatte da einige Praxis.“

— Fahren Sie fort.

„Ja, es scheint, ich habe alles gesagt . . . Doch halt, noch eins: die junge Fürstin scheint es zu lieben, über Gefühle, Leidenschaften u. s. w. zu urtheilen. Sie brachte einen Winter in Petersburg zu, wo es ihr nicht gefallen hat, besonders sprach sie die dortige Gesellschaft nicht an; wahrscheinlich hatte man sie kalt aufgenommen.“

— Sie sahen heute weiter Niemand bei ihnen?

„Im Gegentheil; es war noch ein Adjutant, ein steifer Gardeoffizier und eine Dame von den neuangekommenen dort, eine Verwandte der Fürstin von Seiten ihres Mannes, sehr hübsch, nur wie es scheint sehr krank . . . . Begegneten Sie ihr nicht am Brunnen? — sie ist von mittlerem Wuchse, Blondine, mit regelmäßigen Gesichtszügen, hat eine schwindsüchtige Gesichtsfarbe, und auf der rechten Wange ein schwarzes Muttermaal: ihr Gesicht frappirte mich wegen seines Ausdrucks.“

— Ein Muttermaal! brummte ich durch die Zähne vor mich hin. Wäre es möglich?

Der Doktor blickte mich an und sagte siegreich, indem er mir die Hand ans Herz legte: „Sie ist Ihnen bekannt! . .“ Mein Herz schlug in der That stärker als gewöhnlich.

— Jetzt ist es Ihre Reihe zu siegen! sagte ich: indessen verlasse ich mich auf Sie; Sie werden mich nicht täuschen. Ich habe sie noch nicht gesehen, bin aber überzeugt in Ihrem Portrait eine Dame zu erkennen, die ich in früherer Zeit liebte . . . Sprechen Sie ihr kein Wort von mir; frägt sie, so berichten Sie Schlechtes von mir.

„Wie’s beliebt!“ sagte Werner, die Achseln zuckend.

Als er fortgegangen war, schnürte ein furchtbarer Kummer mein Herz zusammen. Führte uns das Geschick wieder im Kaukasus zusammen, oder war sie absichtlich hierher gekommen, wohl wissend, daß sie mich hier wiederfinden würde? . . . Und wie sehen wir uns wieder? . . . und dann, ist sie es auch? . . . Meine Ahnungen haben mich nie getäuscht. Auf der Welt ist kein Mensch, über den das Vergangene eine solche Macht erlangt hätte, wie über mich. Jede Erinnerung an vergangenes Leid oder entschwundenes Entzücken, schlägt krankhaft in meine Seele und entlockt ihr stets dieselben Töne . . . Ich bin dumm organisirt: nichts vergesse ich — nichts!

Nachmittags gegen sechs Uhr ging ich auf den Boulevard; eine Menge Leute waren dort: die Fürstin saß mit ihrer Tochter auf einer Bank, umringt von jungen Herren, welche ihr um die Wette den Hof machten. Ich nahm in einiger Entfernung auf einer andern Bank Platz, hielt zwei bekannte Offiziere fest und fing an ihnen einiges zu erzählen; — offenbar war das Erzählte lächerlich, denn sie fingen an zu lachen wie die Wahnsinnigen. Bald zog die Neugierde noch einige aus der Umgebung der jungen Fürstin zu mir herüber; nach und nach verließen sie auch die übrigen und schlossen sich meinem kleinen Kreise an. Ich war unerschöpflich; meine Anekdoten waren witzig bis zum Unsinn, meine Ausfälle auf die vorübergehenden Originale beißend zum Rasendwerden . . . Ich fuhr fort das Publikum bis gegen Sonnenuntergang zu belustigen. Einige Male war die junge Fürstin am Arme ihrer Mutter an mir vorübergegangen, von einem lahmen Greise begleitet; einige Male hatte ihr Blick, wenn er auf mich fiel, Aerger ausgedrückt, obwohl er gleichgültig scheinen sollte . . .

„Was erzählte er Ihnen denn?“ fragte sie einen der jungen Herren, der aus Artigkeit zu ihr zurückgekehrt war: „wahrscheinlich eine sehr interessante Geschichte — seine Siege in den Schlachten? . . .“ Sie sagte dies ziemlich laut und wahrscheinlich in der Absicht, mich zu stechen. „Aha!“ dachte ich: „Sie werden nicht umsonst böse, meine schöne junge Fürstin; warten Sie nur, es wird schon noch besser kommen!“

Gruschnitzki folgte hinter ihr wie ein wildes Thier, und ließ sie nicht aus dem Auge: ich mache eine Wette, daß er morgen Jemand bitten wird, ihn der Fürstin vorzustellen. Es wird ihr sehr angenehm sein, denn sie hat Langeweile.

16. Mai.

Im Verlauf zweier Tage ist meine Angelegenheit ungemein vorgerückt. Die junge Fürstin haßt mich aufs Bestimmteste; man hat mir schon zwei bis drei Epigramme wiedererzählt, die auf meine Rechnung gemacht wurden, und die, obgleich ziemlich beißend, mir zu gleicher Zeit sehr schmeichelhaft sind. Es kommt ihr ungemein seltsam vor, daß ich, der ich an gute Gesellschaft gewöhnt bin, und gegen ihre Petersburger Cousinen und Tanten so artig war, mich nicht bemühe mit ihr bekannt zu werden. Wir begegnen uns jeden Tag am Brunnen und auf dem Boulevard; ich wende alle meine Kräfte auf, ihre Verehrer, die glänzenden Adjutanten sowohl wie die blassen Moskowiter und alle anderen von ihr abspenstig zu machen, — und fast immer gelingt es mir. Ich haßte es bisher immer, Gäste bei mir zu haben; jetzt ist jeden Tag mein Haus voll, man dinirt, soupirt, spielt — und, o weh, mein Champagner siegt über die magnetische Kraft ihrer Aeugelein!

Gestern traf ich sie im Scheláchow’schen Magazine; sie handelte auf eine prachtvolle persische Decke. Die Fürstin bat ihre Mutter, nicht zu knickern: dieser Teppich würde ihr Kabinet so ungemein zieren! . . . Ich gab vierzig Rubel mehr und erstand ihn; dafür wurde ich mit einem Blicke belohnt, in welchem die entzückendste Wuth blitzte. Gegen die Mittagszeit befahl ich absichtlich, vor ihren Fenstern mein tscherkessisches Pferd auf und ab zu führen, das mit diesem Teppiche bedeckt war. Werner war gerade bei ihnen und erzählte mir, daß der Effekt dieser Scene ein wahrhaft dramatischer gewesen sei. Die junge Fürstin will eine Schilderhebung gegen mich predigen; ich bemerkte sogar, daß bereits zwei Adjutanten in ihrer Gegenwart sich sehr kalt mit mir begrüßen; indessen speisen sie jeden Tag bei mir zu Mittag.

Gruschnitzki hat eine geheimnißvolle Miene angenommen: er geht mit auf dem Rücken zurückgeworfenen Armen und erkennt Niemanden; sein Bein ist plötzlich hergestellt, kaum daß er etwas hinkt. Es war ihm gelungen, mit der Fürstin in eine Unterhaltung zu treten und hatte bei dieser Gelegenheit der jungen Fürstin irgend ein Kompliment gesagt; diese ist, wie es scheint, eben nicht sehr peinlich, denn seit der Zeit erwiedert sie seinen Gruß mit einem höchst graziösen Lächeln.

„Du willst also durchaus nicht mit der Fürstin bekannt werden,“ sagte er gestern zu mir.

— Nein, durchaus nicht!

„Aber ich bitte Dich, das angenehmste Haus im ganzen Bade! Die beste hiesige Gesellschaft bemüht sich . . .“

— Mein Freund, mich hat so manche gute Gesellschaft schon schrecklich gelangweilt. Du besuchst sie also?

„Nein, noch nicht; ich sprach höchstens zweimal mit der jungen Fürstin, nicht öfter, und dann weißt Du wohl, daß man nicht so in ein Haus stürmen kann, obgleich man hier ziemlich frei ist . . . Ganz was anders wäre es, wenn ich Epauletten trüge!“

— Aber, lieber Freund, Du bist ja so viel interessanter; Du verstehst es bloß nicht, Deine vortheilhafte Lage zu benutzen; macht Dich doch Dein Soldatenmantel in den Augen jedes gefühlvollen Fräuleins zum Helden und zum Dulder.

Gruschnitzki lächelte selbstgefällig. „Was Du für Unsinn sprichst,“ sagte er.

— Ich bin überzeugt, fuhr ich fort, daß die junge Fürstin schon längst in Dich verliebt ist.

Er erröthete bis über die Ohren und blähte sich.

O Selbstliebe! Du bist der Hebel, mit welchem Archimedes die Erdkugel aufheben wollte! . . .

„Du spaßest gern,“ erwiederte er, indem er sich etwas beleidigt anstellte; erstens kennt sie mich noch so wenig . . .“

— Die Weiber lieben nur diejenigen, welche sie nicht kennen. —

„Ich mache aber auch gar keinen Anspruch darauf ihr zu gefallen, ich will nur die Bekanntschaft eines angenehmen Hauses machen; auch wäre es sehr lächerlich, wenn ich irgend welche Hoffnungen, nährte . . . Ihr hingegen, Ihr Petersburger, mit Euch ist es ganz etwas anders . . . Ihr Petersburger Sieger braucht nur hinzusehen, so thauen die Weiber schon auf . . . und weißt Du auch, Petschorin, daß die junge Fürstin von Dir gesprochen hat?“

— Wie so? hat sie schon mit Dir von mir gesprochen?

„Freue Dich indessen nicht zu sehr darüber. Ich war zufällig mit ihr am Brunnen in ein Gespräch gerathen, ihr drittes Wort war: „Wer ist der Herr mit dem unangenehmen, stechenden Blicke, er war mit Ihnen als . . .“ sie erröthete und wollte den Tag nicht näher bezeichnen, indem sie sich ihrer Zuvorkommenheit erinnerte. „Sie haben nicht nöthig, mir den Tag zu nennen,“ sagte ich zu ihr, „er wird mir ewig denkwürdig bleiben! . . .“ Freund Petschorin, ich kann Dir nicht Glück wünschen, denn Du stehst schlecht bei ihr angeschrieben und das ist wahrhaftig Schade, denn Mary ist sehr liebenswürdig!“

Ich muß bemerken, daß Gruschnitzki zu den Leuten gehört, welche, wenn sie von einem Frauenzimmer sprechen, das sie kaum kennen gelernt haben, sie sogleich meine Mary, meine Sophie, nennen, vorausgesetzt, daß sie nur das Glück hatte ihnen zu gefallen.

Ich nahm eine ernste Miene an und erwiederte ihm: — Ja, sie ist nicht übel . . . indessen nimm Dich in Acht, Gruschnitzki! die russischen Damen nähren sich zum großen Theile nur von platonischer Liebe, man darf daher keinen Gedanken auf ein Ehebündniß unterhalten; die platonische Liebe ist aber die allerunruhigste. Die junge Fürstin scheint zu jenen Frauenzimmern zu gehören, welche verlangen, daß man sie angenehm unterhalte; langweilt sie sich jemals nur zwei Minuten an Deiner Seite, so bist Du unwiderruflich verloren: Dein Schweigen muß ihre Neugierde erwecken, Dein Gespräch das ihre niemals ganz befriedigen, Du mußt sie in jeder Minute entzücken; sie wird zehnmal für Dich. öffentlich ihre Meinung verläugnen und dies ein Opfer nennen, und um sich dafür zu belohnen, Dich unaufhörlich quälen und zu guter letzt sagen, daß sie Dich nicht leiden kann.

Wenn Du keine Gewalt über sie erlangst, so giebt Dir selbst ihr erster Kuß kein Recht auf den zweiten; sie wird mit Dir kokettiren, bis sie genug hat, und nach vielleicht zwei Jahren verheirathet sie sich mit irgend einer Mißgestalt aus lauter Gehorsam gegen ihre Mutter; dann sagt sie Dir wohl, daß sie unglücklich ist und daß sie nur einen Menschen auf der Erde liebte (nämlich Dich), daß es aber dem Himmel nicht gefallen hat, sie mit Diesem zu vereinigen, weil er — einen Soldatenmantel trug, obgleich unter diesem dicken, grauen Mantel ein glühendes, edles Herz pochte . . .

Gruschnitzki schlug mit der Faust auf den Tisch und fing an im Zimmer auf und ab zu gehen.

Ich lachte in meinem Innern und konnte sogar zweimal ein sichtbares Lächeln nicht zurückdrängen, was Gruschnitzki aber zum Glücke nicht bemerkte. Es ist klar, er ist verliebt, denn er ist noch leichtgläubiger geworden als er früher war; an seinem Finger trug er sogar schon einen silbernen Ring mit einem Herzen, hiesiger Arbeit. Das kam mir sehr verdächtig vor. Ich betrachtete ihn genauer, und siehe da, was sah ich? . . . mit kleinen Buchstaben war der Name Mary in die innere Seite eingravirt, so wie das Datum des Tages, an welchem sie das berühmte Glas aufgehoben hatte! Ich behielt diese Entdeckung für mich, auch will ich kein Geständniß von ihm erzwingen, denn er soll mich von selbst zu seinem Vertrauten wählen, und dann ist es an mir zu schwelgen.

Heute bin ich erst spät aufgestanden; ich ging nach dem Brunnen, fand aber Niemand mehr dort. Unterdessen war es recht heiß geworden; weiße gekräuselte Gewölke zogen rasch von den Schneebergen herüber und verkündeten Sturm; die Kuppe des Máschuk rauchte wie eine erloschene Fackel; rund um ihn wanden sich und krochen, wie Schlangen, graue Wolkengebilde, die, in ihrem Fluge aufgehalten, an die Dornen seiner Gesträuche festgekettet schienen. Die Luft war mit Electricität geschwängert. Ich vertiefte mich in die Nebenallee, welche zur Grotte führt; ich war schwermüthig, denn ich gedachte jenes jungen Frauenzimmers mit dem Muttermaale auf der Wange, von welcher mir der Doktor gesprochen hatte. Warum ist sie hier? und ist sie es auch? und warum glaube ich denn, daß sie es ist, ja, warum bin ich selbst davon überzeugt? Als ob es nicht mehr Frauen mit einem Muttermaale auf der Wange gäbe! Unter diesen Gedanken hatte ich die Grotte erreicht. Ich blicke hinein: im kühlen Schatten ihrer Wölbung sitzt auf einer steinernen Bank eine Frau in einem Strohhute, in einen schwarzen Shawl gehüllt, den Kopf auf die Brust gesenkt; der Hut verbarg ihr Gesicht. Ich wollte eben umkehren, um sie nicht in ihren Träumereien zu stören, als ihr Blick auf mich fiel.

— Wära,30) rief ich unwillkührlich aus.

Sie fuhr zusammen und erblaßte. — „Ich wußte, daß Sie hier sind,“ sagte sie. Ich setzte mich neben sie und ergriff ihre Hand. Ein längstvergessenes Beben durchzitterte meine Adern beim Tone dieser süßen Stimme; sie blickte mit ihren tiefen, ruhigen Augen in die meinigen; es lag in ihnen ein gewisses Mißtrauen und etwas, was einem Vorwurf ähnlich war.

— Wir haben uns lange nicht gesehen, begann ich.

„Lange — und haben uns Beide sehr verändert.“

— Heißt das so viel, als daß Du mich nicht mehr liebst? —

„Ich bin vermählt,“ entgegnete sie.

— Wieder? Indessen existirte dieser Grund vor einigen Jahren auch, und doch — Sie zog ihre Hand aus der meinigen; ihre Wangen glühten.

— So liebst Du vielleicht Deinen zweiten Mann?

Sie antwortete nichts und wandte sich ab.

— Oder ist er sehr eifersüchtig?

Schweigen.

— Wie? So ist er jung, schön, wahrscheinlich besonders reich und Du fürchtest . . . Ich blickte sie an und erschrak; ihr Gesicht trug den Ausdruck der tiefsten Verzweiflung, in ihren Augen glänzten Thränen.

„Nicht wahr,“ stammelte sie endlich, „es macht Dir viel Vergnügen, mich zu quälen? ich müßte Dich eigentlich hassen; seit wir uns kennen, hast Du mir nichts gegeben als Leid und Weh . . .“ ihre Stimme zitterte. Sie neigte sich zu mir und lehnte ihren Kopf an meine Brust.

— Wohl möglich, dachte ich bei mir selbst, daß Du mich eben deshalb liebtest . . . die Freuden vergißt man bald, den Kummer nie . . .

Ich schloß sie fest in meine Arme und hielt sie lange umschlungen. Endlich näherten sich unsere Lippen und flossen in einem heißen, berauschenden Kusse zusammen; ihre Hände waren kalt wie Eis, ihr Kopf glühte.

Hierauf entspann sich zwischen uns eins von jenen Gesprächen, welche auf dem Papiere gar keinen Sinn haben, die man gar nicht wiederholen, ja, an die man selbst nicht erinnern muß. Die Bedeutung der Töne ersetzt und vervollständigt die Bedeutung der Wörter wie in der italienischen Oper.

Sie will durchaus nicht, daß ich die Bekanntschaft ihres Mannes mache, jenes lahmen, alten Männchens, das ich im Vorbeigehen auf dem Boulevard gesehen hatte; sie hat ihn ihres Sohnes wegen geheirathet. Er ist übrigens reich und leidet an Rheumatismus. Ich erlaubte mir nicht den geringsten Ausfall gegen ihn, denn sie verehrt ihn wie einen Vater — und wird ihn betrügen wie einen Mann . . Ein seltsames Ding ist das menschliche Herz im Allgemeinen, und das weibliche im Besondern.

Der Gemahl Wära’s, Semen Wassiljewitsch G. . . ist ein entfernter Verwandter der Fürstin Ligoffska; er wohnt dicht neben ihr; Wära sieht die Fürstin sehr oft, und ich gab ihr mein Wort, die Bekanntschaft der Mutter, und der jungen Fürstin die Cour zu machen, um so die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken. Auf diese Weise werden meine Pläne in nichts gestört, und ich werde meine Freude daran haben. —

Meine Freude! ich habe aber bereits jene Periode des Seelenlebens durchlaufen, wo man nur dem Glücke nachjagt; in welcher das Herz die Nothwendigkeit fühlt, irgend Jemanden innig und leidenschaftlich zu lieben; jetzt fühle ich nur noch das Bedürfniß geliebt zu werden und auch das nur noch von sehr wenigen; es scheint mir sogar, daß ich an einer beständigen Anhänglichkeit genug hätte. Welch eine leidige Gewohnheit des Herzens! . . .

Eins war mir immer seltsam . . . ich wurde nie zum Sklaven einer Geliebten; im Gegentheil erlangte ich stets über ihren Willen und über ihr Herz eine unwiderstehliche Macht, obgleich ich nie danach gestrebt habe. Woher mag dies kommen? Vielleicht daher, daß mir niemals etwas unaussprechlich theuer war, und daß sie jede Minute befürchten mußten, mich zu verlieren? oder ist es der magnetische Einfluß eines starken Organismus? Oder gelang es mir ganz einfach nicht, auf ein Frauenzimmer von hartnäckigem Charakter zu stoßen?

Auch muß ich gestehen, daß ich die Frauenzimmer von Charakter eben nicht liebe; ist denn das ihre Sache?

Richtig, jetzt erinnere ich mich: einmal, ein einzigesmal liebte ich ein Weib von fester Willenskraft, welches ich niemals besiegen konnte . . . wir schieden als Feinde; — doch wer weiß, hätte ich sie fünf Jahre später getroffen, ob wir uns nicht anders getrennt hätten . . .

Wära ist krank, sehr krank, obgleich sie es nicht Recht haben will; ich fürchte, sie hat die Schwindsucht oder jene Krankheit, welche man fièvre lente nennt, eine Krankheit, die so wenig russisch ist, daß wir in unserer Sprache nicht einmal einen Namen dafür haben.

Der Sturm überraschte uns in der Grotte und hielt uns länger als eine halbe Stunde darin gefangen. Sie nöthigte mich nicht, ihr die Versicherung meiner Treue zu geben; sie fragte nicht, ob ich seit unserer Trennung Andere geliebt habe, sie vertraute mir auf’s Neue mit der früheren Sorglosigkeit — und ich täusche sie nicht; sie ist das einzige Weib auf der Welt, welche ich nicht im Stande wäre zu täuschen. Ich weiß wohl, daß wir uns bald wieder trennen müssen, und diesmal vielleicht für immer: Beide gehen wir auf verschiedenen Wegen dem Grabe entgegen; doch die Erinnerung an sie wird unverwischlich in meiner Seele zurückbleiben. Ich habe ihr das immer wiederholt und sie glaubt mir auch, obgleich sie das Gegentheil behauptet. Endlich trennten wir uns; lange folgte ich ihr mit den Blicken, bis sich ihr Hut hinter den Gesträuchen und Felsen verbarg. Mein Herz zog sich krankhaft zusammen wie nach der ersten Trennung. O, wie mich dieses Gefühl entzückte! Sollte wohl gar die Jugend mit ihren wohlthuenden Stürmen auf’s Neue zu mir zurückkehren? oder ist es nur ihr letzter Abschiedsblick, ihre letzte Gabe zur Erinnerung? Es kommt mir lächerlich vor, wenn ich bedenke, daß mein Aeußeres noch immer das eines Jünglings ist . . . mein Gesicht ist zwar blaß, doch frisch; die Glieder geschmeidig und kräftig; mein volles Haar wallt, die Augen glühen, das Blut kocht . . .

Sobald ich nach Hause zurückgekehrt war, setzte ich mich zu Pferde und ritt hinaus in die Steppe; ich mag gern auf einem feurigen Rosse durch das hohe Gras gegen den Wüstenwind jagen; mit Gier sauge ich die duftige Luft ein, und richte den Blick in die blaue Ferne, bemüht die nebeligen Umrisse der Gegenstände zu erfassen, welche von Minute zu Minute klarer und bestimmter werden. Welcher Gram auch auf dem Herzen laste, welche Unruhe auch die Gedanken ermüde, Alles zerstiebt im Augenblicke; in der Seele wird einem so leicht; die Ermüdung des Körpers überwindet die Aufregung des Geistes. Es giebt keinen Blick eines Weibes, den ich nicht beim Anblick der lockigen Berge vergäße, wenn sie von der Mittagssonne in duftiges Roth gehüllt daliegen, — den ich nicht dem Lächeln des blauen Himmels oder dem Geräusche des Waldstroms, der von Fels zu Felsen stürzt, vergäße.

Ich glaube, die Kosaken, die auf ihren Wachtposten gähnten, zerbrachen sich lange den Kopf mit dem Räthsel, das ich ihnen darbot, als sie mich so ohne allen Grund und ohne Ziel dahinstürmen sahen; denn der Kleidung nach hielten sie mich wahrscheinlich für einen Tscherkessen. Man hat mir in der That versichert, daß ich im tscherkessischen Costüm zu Pferde einem Kabardinzer ähnlicher sei als viele Kabardinzer. — In der That bin ich, was diese edle kriegerische Kleidung anbetrifft, ein vollkommener Dandy. Nicht Eine Tresse zu viel; die Waffen sind werthvoll, aber von einfacher Arbeit; das Rauhwerk an der Mütze nicht zu lang und nicht zu kurz, die Nesteln und Verbrämungen sind mit aller nur möglichen Genauigkeit angeheftet; mein Beschmet ist weiß, mein Tscherkessenmantel dunkelbraun. Ich habe mich lange der tscherkessischen Art zu reiten befleißigt, und nichts kann meiner Eigenliebe so schmeicheln, als wenn man meine Kunst, auf kaukasische Weise zu reiten, anerkennt. Ich halte vier Pferde: eins für mich, drei für meine Freunde, um der langen Weile zu entgehen mich allein umherzuschleppen; sie machen mit Vergnügen von meinen Pferden Gebrauch, reiten aber niemals mit mir zusammen aus. Es war bereits sechs Uhr Nachmittags, als ich mich erinnerte, daß es Zeit sei zu essen; mein Pferd war ermüdet, ich lenkte es daher auf den Weg, welcher von Pätigorsk nach einer deutschen Kolonie führt, wohin die Brunnengesellschaft sehr oft zum Piquenique geht. Der Weg dahin windet sich zwischen Gebüschen, indem er bisweilen durch kleine Schluchten führt, wo unter dem Schatten hoher Gräser rauschende Bäche dahinfließen; rundum erheben sich amphitheatralisch die blauen Gebirgskolosse des Beschtu, des Schlangenberges, des Eisen- und des Kahlenberges. Ich betrat eine dieser Schluchten, welche im hiesigen Dialekt Balka heißen und hielt still, um mein Pferd zu tränken; in demselben Augenblicke wurde auf dem Wege eine laute und glänzende Kavalkade sichtbar; die Damen in schwarzen und blauen Amzonen, die Herren im buntesten Gemisch des tscherkessischen und nishegarótskischen Costüm; voran ritt Gruschnitzki mit der Fürstin Mary.

Die Damen, welche das Bad besuchen, glauben noch immer an die Anfälle der Tscherkessen am hellen, lichten Tage; aus diesem Grunde wahrscheinlich hatte Gruschnitzki über seinen Soldatenmantel eine Schaschka gehängt und ein paar Pistolen in den Gurt gesteckt, in welcher heldenmäßigen Ausstaffirung er ziemlich lächerlich aussah. Ein hohes Gesträuch verbarg mich vor ihnen, doch konnte ich sie durch dessen Blätter Alle sehen und an dem Ausdruck ihrer Mienen errathen, daß ihr Gespräch ein sentimentales war. Endlich näherten sie sich der Schlucht; Gruschnitzki führte das Pferd der Fürstin beim Zügel; ich hörte zufällig das Ende, ihrer Unterhaltung.

„So wollen Sie also Ihr ganzes Leben im Kaukasus zubringen?“ sagte die Fürstin.

— Was ist mir Rußland, antwortete ihr Kavalier: ein Land, wo Tausende von Leuten, weil sie reicher sind als ich, mit Verachtung auf mich blicken würden, während hier — hier, dieser dicke Mantel mich nicht verhinderte, Ihre Bekanntschaft zu machen.

„Im Gegentheil . . .“ sagte die Fürstin erröthend.

Das Gesicht Gruschnitzki’s drückte hohe Selbstzufriedenheit aus. Er fuhr fort: Hier fließt mein Leben unter den Kugeln der Wilden geräuschvoll unbemerkt und rasch dahin, und wenn mir der liebe Gott jedes Jahr nur einen hellen Mädchenblick gewährt, einen Blick wie der . . .

In diesem Augenblicke waren sie dicht vor mir; ich gab meinem Pferde einen Schlag mit der Reitpeitsche und sprengte aus dem Gesträuch hervor.

„Mon dieu, un Circassien!“ schrie die Fürstin mit Entsetzen auf.

Um ihr ihren Irrthum aufs vollkommenste zu benehmen, antwortete ich mit einer leichten Verbeugung: Ne craignez rien, madame, je ne suis pas plus dangereux que votre cavalier.

Sie war verwirrt, — doch weshalb? war’s über ihren Irrthum oder weil meine Antwort ihr zu keck schien? Ich hatte gewünscht, daß die letztere Voraussetzung die richtigere gewesen wäre. Gruschnitzki warf mir einen unzufriedenen Blick zu.

Abends spät, gegen eilf Uhr, ging ich in der Lindenallee des Boulevard’s spazieren. Die Stadt schlief, nur in einigen Fenstern schimmerten noch Lichter. Von drei Seiten erhoben sich dunkle Felsenkämme, Zweige des Máschuk, auf dessen Spitze ein unheilverkündendes Wölkchen lag; der Mond stieg im Osten auf; in der Ferne, wie mit silbernen Fransen umstickt, erglänzten die Schneeberge. Der Ruf der Wachen wurde vom Geräusche der heißen Quellen unterbrochen, die des Nachts losgelassen werden. Dann und wann ertönte ein lautes Pferdegetrappel durch die Straßen, vom Geknarre der Arba, (eines hohen zweirädrigen Wagens) und einem melancholischen, tatarischen Liedchen begleitet.

Ich setzte mich auf eine Bank und versank in Gedanken.

Ich fühlte die Nothwendigkeit, meine Gedanken in einem vertrauten Gespräche zu ergießen . . . aber mit wem . . . Was macht jetzt Wära, dachte ich? ich würde viel darum gegeben haben, hätte ich ihr in diesem Augenblicke die Hand drücken können. Plötzlich höre ich rasche und ungleiche Schritte . . . wahrscheinlich Gruschnitzki . . . und so war es in der That.

— Woher?

„Von der Fürstin Ligoffska,“ antwortete er sehr wichtig; „o, wie Mary singt!“

— Weißt Du was, sagte ich zu ihm, ich wette, sie weiß nicht, daß Du Junker bist; sie denkt gewiß, Du seiest ein degradirter Offizier . . .

„Das kann sein; was geht das mich an,“ antwortete er mit Zerstreuung.

— Nein, ich meine nur so.

„Aber weißt Du wohl, daß Du sie heute außerordentlich aufgebracht hast? Sie fand, daß Dein Betragen unerhört frech war; ich konnte sie nur mit Mühe überzeugen, daß Du eine gute Erziehung habest und die Welt zu gut kennest, als daß es Deine Absicht hätte sein können, sie zu beleidigen; sie meint, Du habest einen unverschämten Blick und wahrscheinlich eine sehr hohe Meinung von Dir selbst.“

— Sie irrt sich nicht! . . . aber Du, willst Du nicht ihre Eroberung machen?

„Leider habe ich noch kein Recht dazu.“

— Aha! dachte ich, er nährt also doch bereits Hoffnungen.

„Uebrigens kommst Du bei alle dem nur um so schlechter weg,“ fuhr Gruschnitzki fort; „jetzt wird es Dir sehr schwer werden, mit ihnen Bekanntschaft zu machen, und das ist Schade; es ist eins der angenehmsten Häuser, die ich nur kenne . . .“

Ich lächelte bei mir selbst. — Das angenehmste Haus für mich ist gegenwärtig das meine, sagte ich gähnend, indem ich aufstand, um fortzugehen.

„Indessen gestehe selbst, daß Du darüber ergrimmt bist!“

— Was für ein Unsinn! Wenn ich sonst will, so kann ich Morgen Abend bei der Fürstin sein! —

„Nun, wir wollen sehen.“

— Wenn es Dir Vergnügen macht, will ich sogar der jungen Fürstin den Hof machen . . .

„Ja, wenn sie nur überhaupt mit Dir sprechen will.“

— Ich warte bloß den Augenblick ab, wo sie sich an Deinem Gespräch langweilt; Adieu!

„Ich muß mich durchaus noch etwas ergehen; für nichts auf der Welt könnte ich jetzt einschlafen. Höre, laß uns lieber in die Restauration gehen, dort wird gespielt, und ich bedarf heute der starken Aufregungen.“

— So wünsche ich, daß Du verspielen mögest. Mit diesen Worten begab ich mich nach Hause.

Den 21. Mai.

Wiederum ist bereits eine Woche vergangen und ich bin immer noch nicht mit den Ligoffska’s bekannt geworden. Ich warte auf eine günstige Gelegenheit. Gruschnitzki folgt der Fürstin überall, wie ihr Schatten; ihre Gespräche finden gar kein Ende; wann wird sie seiner überdrüssig sein? . . . Ihre Mutter richtet nicht die geringste Aufmerksamkeit auf das ganze Verhältniß, denn er ist kein Bräutigam für sie. Das nenne ich mütterliche Logik! Ich fing zwei bis drei zärtliche Blicke auf und muß dem Dinge endlich ein Ende machen.

Gestern erschien Wära zum erstenmal am Brunnen. Sie ist seit unserm Zusammentreffen in der Grotte noch nicht aus dem Hause gewesen. Wir schöpften zu gleicher Zeit mit unsern Gläsern das Wasser aus dem Brunnen, wobei sie mir zuflüsterte, indem sie sich etwas vorbog:

„So willst Du nicht die Bekanntschaft der Ligoffska machen? Wir können uns nur dort sehen.“

Ein Vorwurf! Unausstehlich! aber ich habe ihn verdient. —

— Apropos! Morgen soll im Restaurationssaale ein Subscriptionsball Statt finden; auf diesem will ich mit der jungen Fürstin die Mazurka tanzen.

Den 29. Mai.

Der Restaurationssaal war in einen adligen Versammlungssaal verwandelt worden. Der Ball begann um neun Uhr. Die Fürstin war mit ihrer Tochter unter den zuletzt erscheinenden; so manche Dame sah mit Neid und Mißgunst auf sie, denn die Fürstin Mary kleidet sich mit vielem Geschmacke. Diejenigen, welche sich zu den hiesigen Aristokraten rechnen, verbargen ihren Neid und begrüßten sie. Wie konnte dem anders sein? In einer Gesellschaft von Damen bildet sich auch sogleich ein höherer und ein niederer Kreis. Gruschnitzki stand am Fenster im dicksten Gewühl, indem er sein Gesicht ans Fensterglas drückte und kein Auge von seiner Göttin verwandte; beim Vorübergehen gab sie ihm ein kaum bemerkliches Zeichen mit dem Kopfe. Er strahlte wie die Sonne . . . Der Tanz begann mit einer Polonaise, auf welche ein Walzer gespielt wurde. Die Sporen klirrten, die Gewänder wogten und rauschten. Ich stand hinter einer dicken Dame, welche unter rosafarbenen Federn begraben war; der Prunk ihres Kleides erinnerte an die Zeit der Reifröcke, und die Buntscheckigkeit ihrer rauhen Haut an die glückliche Epoche der Schönpflästerchen aus schwarzem Taffet. Eine ungeheuer große Warze am Halse war von einem Fermoir überdeckt. Sie sagte zu ihrem Kavaliere, einem Dragoner-Kapitaine:

„Diese junge Fürstin ist ein unausstehliches Jüngferchen! Stellen Sie sich vor, sie hat mich gestoßen und nicht einmal um Entschuldigung gebeten, sich vielmehr noch umgekehrt und mich lorgnettirt . . . C’est impayable! Und worauf bildet sie sich so viel ein? Der müßte man einmal einen Denkzettel geben.“

— Daran soll es ihr nicht fehlen; entgegnete ihr der dienstfertige Kapitain und begab sich in ein anderes Zimmer.

Ich ging sogleich auf die Fürstin zu und forderte sie zum Walzen auf, den hiesigen freien Gebräuchen gemäß, die einem erlauben, mit Damen, denen man zuvor nicht vorgestellt war, zu tanzen.

Sie konnte sich kaum bezwingen ein Lächeln zurückzudrängen und ihren Triumph zu verbergen; indessen gelang es ihr noch schnell genug, eine vollkommen gleichgültige, ja sogar strenge Miene anzunehmen. Sie lehnte nachlässig ihren Arm auf meine Schulter, bog ihr Köpfchen etwas auf die Seite, — und wir begannen.

Ich kenne keine reizendere, zartere Taille! Ihr frischer Athem streifte über mein Gesicht; bisweilen spielte eine im wirbelnden Fluge des Walzers losgelöste Locke auf meiner glühenden Wange . . . Ich machte drei Touren (sie walzt wunderbar leicht!). Sie war ganz außer Athem, ihre Augen waren ihr wie verwirrt; kaum konnten ihre halbgeöffneten Lippen das herkömmliche: merci, monsieur! hervorbringen. Nach einigen Minuten tiefen Stillschweigens von meiner Seite sagte ich, indem ich die bescheidenste Miene machte:

— Ich habe gehört, meine Fürstin, daß, obgleich ich Ihnen völlig fremd bin, ich dennoch das Unglück hatte ihre Ungnade zu verdienen . . . daß Sie mein Betragen befremdete . . . Wäre es möglich?

„Wie es scheint, wünschen Sie, daß ich Sie in dieser Meinung bestätige,“ antwortete sie mit einem ironischen Zuge, der ihrer beweglichen Physiognomie übrigens recht wohl ansteht.

— Wenn ich die Kühnheit hatte, Sie irgendwie zu beleidigen, so erlauben Sie mir die noch viel größere, Sie um Verzeihung zu bitten. Ich wünsche in der That Ihnen zu beweisen, daß Sie sich in Betreff meiner sehr geirrt haben.

„Es möchte Ihnen doch etwas schwer werden . . .“

— Und warum das?

„Weil Sie unser Haus nie besuchen und diese Bälle sich wahrscheinlich nicht oft wiederholen werden.“

— Das heißt, dachte ich bei mir selbst, daß ihre Thüren mir auf ewig verschlossen sind. — Wissen Sie wohl, Fürstin, sagte ich mit einem Anflug von Bedauern, daß man nie einen reuigen Sünder verwerfen muß, weil er aus Verzweiflung doppelt so schuldig werden kann, und dann . . .

Ein lautes Gelächter und Zischeln der uns Umstehenden veranlaßte mich, mich umzudrehen und meine Phrase zu unterbrechen. In der Entfernung von einigen Schritten stand eine Gruppe von Männern, unter denen sich auch der Dragoner-Hauptmann befand, welche ihre feindlichen Absichten gegen die schöne Fürstin offen kund gaben. Der Hauptmann besonders schien mit etwas sehr zufrieden zu sein, rieb sich die Hände, lachte laut auf und winkte seinen Genossen zu. Plötzlich erschien aus ihrer Mitte ein Herr im Fracke, mit langem Schnurrbart und rothem Gesichte, welcher seine unsicheren Schritte gerade auf die Fürstin zulenkte; er war betrunken.

Als er vor der erbebenden Fürstin mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Händen stillstand und seine umnebelten, grauen Augen auf sie richtete, hob er mit falscher Diskantstimme an:

„Permettez! Ei was Ceremonien! ich engagire Sie hiermit zur Mazurka!“ —

— Was ist Ihnen gefällig, sagte sie mit zitternder Stimme, indem sie einen hülferufenden Blick um sich warf. Leider hatte sich ihre Mutter entfernt und keiner der ihr bekannten Kavaliere war in der Nähe; ein Adjutant zwar schien Alles zu sehen, was vorging, verbarg sich aber in dem großen Haufen, um nicht in diese Geschichte mit hineingezogen zu werden.

„Wie?“ sagte der betrunkene Herr, welcher dem Dragoner-Hauptmann zuwinkte, der ihn seinerseits durch Zeichen ermuthigte, „so ist’s Ihnen nicht gefällig? ich habe nochmals die Ehre, Sie pour Mazurek zu engagiren . . . . Sie glauben vielleicht, ich bin betrunken? Das ist nichts! im Gegentheil, ich kann Ihnen versichern . . .“

Ich sah, daß sie nahe daran war, vor Furcht und Unwillen in Ohnmacht zu fallen.

Ich ging an den betrunkenen Herrn heran, faßte ihn ziemlich fest am Arme und bat ihn, indem ich ihm fest ins Auge blickte, sich zu entfernen, weil, fügte ich hinzu, die Fürstin mir schon längst versprochen habe, die Mazurka mit mir zu tanzen.

„Nun, auch gut, auf’n andermal,“ sagte er grinsend und entfernte sich mit seinen Gefährten, welche ihn in ein anderes Zimmer zogen.

Ein wunderbarer, seelenvoller Blick war mein Lohn.

Die Fürstin ging sogleich zu ihrer Mutter und erzählte ihr Alles; diese suchte mich sogleich auf und drückte mir ihre Dankbarkeit aus; sie erklärte mir, daß sie meine Mutter kenne und mit einem halben Dutzend meiner Tanten befreundet sei.

„Ich weiß nicht, wie es geschah, daß wir mit Ihnen bis jetzt noch nicht bekannt sind,“ fügte sie hinzu, „aber gestehen Sie, daß Sie selbst daran Schuld sind; Sie fliehen alle Menschen so, daß man gar nicht weiß, was man daraus machen soll. Ich hoffe, daß die Luft meines Salons ihren Spleen vertreiben wird, nicht wahr?“

Ich antwortete ihr mit einer jener Redensarten, welche ein jeder in ähnlichen Fällen bereit haben muß.

Die Quadrille zog sich schrecklich in die Länge.

Endlich ertönte die Mazurka, wir setzten uns in die Reihen.

Ich spielte weder auf den betrunkenen Herrn, noch auf mein früheres Betragen, noch auf Gruschnitzki an. Der unangenehme Eindruck der vorangegangenen Scene fing allmälig an sich zu verwischen; ihr Gesichtchen blühte wieder auf; sie scherzte sehr sinnig; ihre Unterhaltung war geistreich, ohne alle Prätension, lebhaft und beredt; ihre Bemerkungen bisweilen recht treffend. Ich gab ihr in einer sehr verwickelten Phrase zu verstehen, daß sie mir schon längst gefiele. Sie senkte das Köpfchen und eine leichte Röthe verbreitete sich über ihr Antlitz. —

„Sie sind ein seltsamer Mann!“ begann sie hierauf, indem sie ihre Sammetaugen auf mich richtete und gezwungen lächelte.

— Ich suchte deshalb Ihre Bekanntschaft nicht, fuhr ich fort, weil Sie ein zu dichter Kreis von Verehrern bereits umgiebt und ich befürchten mußte, vollkommen unter diesen zu verschwinden.

„Sie befürchteten das umsonst; sie sind alle unausstehlich langweilig.“

— Alle! Wäre es möglich . . . Alle?

Sie blickte mir scharf ins Auge, als ob sie sich bemühe, sich etwas ins Gedächtniß zurückzurufen, worauf sie abermals erröthend mit fester Stimme sagte: „Alle!“

— Selbst mein Freund Gruschnitzki?

„Ist er auch Ihr Freund?“ sagte sie, indem sie den Zweifel durch ihre Frage blicken ließ.

— Das ist er.

„Nun freilich, er gehört nicht in die Reihe der Lästigen . . .“

— Aber wohl in die Reihe der Unglücklichen, sagte ich lächelnd.

„Gewiß! Ist Ihnen das lächerlich? Ich möchte Sie wohl einmal an seiner Stelle sehen . . .“

— Wie so? Ich bin seiner Zeit auch einmal Junker gewesen und muß gestehen, daß dies die glücklichste Zeit meines Lebens war!

„Ist er denn Junker? . . .“ sagte sie rasch, „ich meinte . . .“

— Was meinten Sie?

„Nichts, nichts! — Wer ist doch jene Dame?“

Das Gespräch nahm nun eine andere Richtung und kehrte auf diesen Gegenstand nicht wieder zurück.

Die Mazurka war beendigt und wir gingen auseinander — auf Wiedersehn!

Die Damen fuhren nach Hause. Ich ging zum Abendessen und begegnete Werner.

„Aha!“ sagte er, „sind Sie das? Und wollten doch die Bekanntschaft der Fürstin nicht anders machen, als indem sie sie von einem sichern Tode erretteten!“

— Ich habe mehr gethan, erwiederte ich ihm; ich habe sie vor einer Ohnmacht auf dem Balle gerettet! . . .

„Wie so das? Erzählen sie doch.“

— Nein, das mögen Sie errathen, der Sie ja doch Alles auf der Welt errathen.

Den 30. Mai.

Gegen sieben Uhr Abends ging ich auf dem Boulevard spazieren. Gruschnitzki, der mich von fern kommen sah, kam auf mich zu; in seinen Augen leuchtete ein lächerlicher Enthusiasmus. Er drückte mir kräftig die Hand und sagte mit tragischer Stimme:

„Ich danke Dir, Petschorin . . . Du verstehst mich? . . .“

— Aufrichtig gesagt: nein; doch in jedem Falle bedarf es durchaus keines Dankes, erwiederte ich ihm, da ich mich einer Dir erwiesenen Wohlthat nicht recht erinnern kann. —

„Wie, und gestern? hast Du denn ganz vergessen? Mary hat mir alles wiedererzählt . . .“

— So, so also zwischen Euch ist jetzt schon alles gemein? sogar die Dankbarkeit? . . .

„Höre,“ sagte Gruschnitzki sehr wichtig, „ich bitte Dich, scherze nicht über meine Liebe, wenn Du mein Freund bleiben willst . . . Siehst Du, ich liebe sie bis zum Wahnsinn, und ich meine, ich hoffe, sie liebt mich auch . . . Ich habe eine Bitte an Dich. Du wirst heute Abend dort sein; versprich mir alles zu beobachten: ich weiß, daß Du darin Meister bist und die Weiber besser kennst als ich . . . Die Weiber! Die Weiber! Wer kann sie je verstehen? Ihr Lächeln widerspricht ihren Blicken, ihre Worte versprechen und locken an, während der Ton ihrer Stimme wieder zurückstößt . . . Bald errathen sie unsere geheimsten Gedanken, bald verstehen sie die sichtbarsten Zeichen nicht . . . So z. B. die Fürstin: gestern noch sprühten ihre Augen vor Leidenschaft, so oft sie auf mir ruhten, und heute sind sie umwölkt und kalt.“ —

— Vielleicht geschieht dies in Folge der Wirkungen des Wassers? entgegnete ich ihm.

„Du siehst auch in Allem nur die schlechte Seite . . . Materialist,“ fügte er verächtlich hinzu. „Uebrigens, laß uns von etwas anderem sprechen,“ und mit einem abgedroschenen, schalen Calembour versetzte er sich wieder in heitere Laune.

Gegen neun Uhr begaben wir uns zusammen zur Fürstin.

Als ich an den Fenstern Wäras vorüberging, sah ich sie in der Fensterbrüstung sitzen. Wir warfen uns einen verstohlenen Blick zu; bald nach uns erschien auch sie in dem Gastzimmer der Fürstin, die mich ihr als einen weitläuftigen Verwandten vorstellte. Man trank Thee; der Gäste waren viele, das Gespräch ein allgemeines. Ich war bemüht der Fürstin zu gefallen, ich scherzte und machte sie einige Male recht herzlich lachen. Die junge Fürstin hätte wohl auch manchmal gern mitgelacht, allein sie nahm sich zusammen, um nicht aus ihrer angenommenen Rolle zu fallen: sie findet nämlich: daß ein düsteres Wesen ihr wohl steht und hat vielleicht nicht so Unrecht. Auch Gruschnitzki schien sehr damit zufrieden, daß meine Lustigkeit sie nicht ansteckte.

Nach dem Thee begab man sich in den großen Salon.

„Bist Du mit meiner Folgsamkeit zufrieden, liebe Wära?“ fragte ich sie, als ich an ihr vorüberging.

Sie warf mir einen Blick der Liebe und Dankbarkeit zu. Ich bin an solche Blicke gewöhnt, doch gewährten sie mir einstmals die reinste Seligkeit. Die Fürstin ließ ihre Tochter ans Piano gehen: alle bestürmten sie mit Bitten, ein Liedchen vorzutragen; — ich schwieg und begab mich, dies augenblickliche Durcheinander benutzend, an’s Fenster zu Wära, die mir etwas für uns beide ganz besonders Wichtiges mitzutheilen hatte . . . Was kam heraus? Unsinn.

Unterdessen war der Fürstin meine Gleichgültigkeit sehr empfindlich, wie ich das an einem erzürnten, strahlenden Blicke leicht errathen konnte . . . O, ich verstehe wunderbar diese stumme aber ausdrucksvolle, kurze aber kräftige Sprache! . .

Sie sang. Ihre Stimme ist nicht übel, es fehlt ihr aber an Schule . . . übrigens habe ich kaum hingehört. Dahingegen verschlang sie Gruschnitzki, der sich völlig auf das Royal legte, mit den Augen, und rief ein Mal über das andere mit halber Stimme: charmant! délicieux!

„Höre,“ sagte Wära zu mir, „ich will nicht, daß Du mit meinem Manne Bekanntschaft machst, dahingegen verlange ich unbedingt, daß Du der Fürstin zu gefallen strebst; das ist Dir ein Leichtes, Du kannst alles, was Du nur willst. Wir können uns nur hier sehen . . .“

— Nur? . . .

Sie erröthete und fuhr fort: „Du weißt, daß ich Deine Sklavin bin, daß ich Dir niemals zu widerstreben vermochte . . . und ich werde meinen Lohn dafür schon erhalten: Du wirst aufhören mich zu lieben. Aber meinen Ruf muß ich doch zu erhalten suchen — Du weißt recht gut, daß es nicht meinetwegen geschieht! O, ich flehe Dich an, quäle mich nicht wieder, wie früher, mit leeren Zweifeln und einer erzwungenen Kälte: ich sterbe wohl bald, denn ich fühle, wie ich von Tag zu Tage abnehme . . . und doch kann ich an das künftige Leben nicht denken, sondern meine Gedanken weilen immer bei Dir. Ihr Männer könnt den Genuß eines Blickes, eines Händedruckes nicht verstehen . . . während ich — ich schwöre es Dir — wenn ich Deine Stimme höre, eine tiefergreifende, seltsame Seligkeit empfinde, welche selbst die glühendsten Küsse nicht ersetzen können.“

Unterdessen hatte die Fürstin Mary aufgehört zu singen. Laute Lobeserhebungen ertönten rund um sie; ich war der letzte, der zu ihr heranging und ihr etwas über ihre Stimme sagte. Ich that es ziemlich gleichgültig.

Sie machte eine kleine Grimasse, indem sie die Unterlippe etwas nach vorn bewegte, und nahm sich überhaupt sehr lächerlich aus.

„Es ist mir dies um so schmeichelhafter,“ sagte sie, „als Sie mich gar nicht gehört haben; aber vielleicht lieben Sie die Musik gar nicht.“

— Im Gegentheil . . . besonders nach Tische.

„So hat Gruschnitzki Recht, wenn er sagt, daß Sie einen sehr prosaischen Geschmack haben . . . und ich sehe, daß Sie die Musik nur in gastronomischer Beziehung lieben.“

— Sie sind nochmals im Irrthum, ich bin durchaus kein Gastronom, denn ich habe einen sehr verdorbenen Magen. Aber nach Tische schläfert einen die Musik ein und es soll gesund sein, nach dem Essen zu schlafen: folglich liebe ich die Musik in medizinischer Beziehung. Abends hingegen greift sie meine Nerven zu sehr an und ich werde entweder zu melancholisch oder zu ausgelassen. Das eine wie das andere ist entsetzlich ermüdend, wenn man keine bestimmte Ursachen hat sich zu härmen oder zu freuen; außerdem erscheint die Melancholie in Gesellschaft immer lächerlich und eine zu große Ausgelassenheit nicht wohlanständig.

Sie hörte mich nicht aus, ging fort, setzte sich neben Gruschnitzki und es entspann sich alsbald zwischen ihnen ein recht sentimentales Gespräch; wie es schien, antwortete aber die Fürstin auf seine weisen Phrasen ziemlich zerstreut und unzusammenhängend, obgleich sie sich Gewalt anthat, ihm zu zeigen, daß sie ihm mit Aufmerksamkeit zuhöre, denn bisweilen blickte er sie erstaunt an, bemüht, die Ursache dieser innern Aufregung zu errathen, die sich bisweilen in ihrem unruhigen Blicke verrieth . . .

Ich aber, holde Fürstin, habe Sie längst durchschaut, nehmen Sie sich wohl in Acht! Sie wollen mich mit derselben Münze bezahlen und meine Eigenliebe verwunden, — das soll Ihnen nicht gelingen; sollten Sie mir aber gar den Krieg erklären, so würde ich schonungslos sein!

Im Verfolg des Abends bemühte ich mich absichtlich zu wiederholten Malen, mich in ihr Gespräch zu mischen; sie nahm aber meine Bemerkungen ziemlich trocken auf und ich entfernte mich zuletzt, mit verstelltem Aerger. Die Fürstin jubelte; ebenso Gruschnitzki. Jubelt nur, meine Freunde, und thut es bald! Ihr sollt früh genug aufhören zu jubeln! Es wird gewiß so kommen, meine Ahnung trügt mich nicht! So oft ich noch mit einem Frauenzimmer bekannt wurde, errieth ich stets, ohne je zu irren, ob sie mich lieben würde oder nicht.

Den Rest des Abends brachte ich an Wära’s Seite zu und sprach mich mit ihr über die vergangenen Zeiten recht satt. Warum sie mich so lieb hat? ich weiß es wahrhaftig, nicht, um so weniger, als sie das einzige Weib ist, welche mich vollkommen verstand, mit allen meinen kleinen Schwächen und niedrigen Leidenschaften . . . Oder wäre gar das Böse so anziehend? . . .

Ich verließ mit Gruschnitzki das Haus; auf der Straße faßte er mich unter den Arm und begann endlich nach längerem Schweigen:

„Nun, was sagst Du nun?“

— Du bist ein Narr, hätte ich ihm antworten mögen; aber ich hielt mich zurück und zuckte nur mit den Achseln. —

Den 6. Juni.

Alle diese Tage über bin ich nicht ein einziges Mal von meinem System abgewichen. Die Fürstin fängt an Gefallen an meiner Unterhaltung zu finden; ich erzählte ihr einige der seltsamen Begebenheiten meines Lebens und sie beginnt in mir einen ungewöhnlichen Menschen zu sehen. Ich lache über alles auf der Welt, besonders über die Gefühle: dies fängt an sie zu erschrecken. Sie wagt es nicht mehr, sich in meiner Gegenwart mit Gruschnitzki in sentimentale Debatten einzulassen und antwortete schon mehrmals auf seine Ausfälle mit einem spöttischen Lächeln; so oft sich Gruschnitzki ihr nur nähert, nehme ich ein ehrerbietiges, diskretes Wesen an und ziehe mich von ihnen zurück; das erste Mal war sie erfreut darüber, oder bemühte sich wenigstens so zu scheinen; das zweite Mal aber ärgerte sie sich über mich; das dritte Mal über Gruschnitzki.

„Sie haben außerordentlich wenig Selbstliebe!“ sagte sie gestern zu mir. Warum glauben Sie denn, daß ich mich mit Gruschnitzki lieber unterhalte?“

Ich entgegnete ihr, daß ich dem Glücke meines Freundes mein eigenes Vergnügen gern aufopfere . . .

„Und das meinige auch,“ fügte sie hinzu.

Ich blickte sie starr an und machte eine sehr ernste Miene. Hierauf sprach ich den ganzen Tag kein Wort mit ihr . . . Am Abende war sie sehr nachdenklich, und heute morgen am Brunnen noch viel nachdenklicher. Als ich mich ihr näherte, hörte sie nur zerstreut auf Gruschnitzki, der sich, wie es schien, in Entzückungen über die Natur erging; kaum bemerkte sie mich, so begann sie laut zu lachen (und zwar durchaus mal à propos), um damit zu zeigen, als habe sie mich gar nicht bemerkt. Ich ging an ihr vorüber und beobachtete sie unbemerkt aus der Ferne: sie wandte sich von ihrem Gesellschafter ab und gähnte zweimal. Gruschnitzki langweilt sie also ganz bestimmt. Noch während zweier Tagen werde ich nicht mit ihr sprechen.

Den 10. Juni.

Ich frage mich öfter, woher es kommt, daß ich mit solcher Hartnäckigkeit der Liebe eines jungen Mädchens nachjage, die ich weder verführen will noch jemals zu heirathen beabsichtige. Wozu diese weibische Koketterie? Wära liebt mich besser, als die Fürstin Mary mich jemals lieben wird; hätte sie mir nun noch wenigstens eine unüberwindliche Schöne geschienen, so wäre ich vielleicht von der Schwierigkeit des Unternehmens angestachelt worden . . . .

Dem ist aber nicht so! Folglich ist es nicht jenes, unruhige Bedürfniß nach Liebe, welches uns in den ersten Jünglingsjahren so martert, und uns von dem einen Weibe zum andern wirft, bis wir auf eine solche stoßen, die uns nicht ausstehen kann: nun beginnt unsere Beständigkeit — die wahre, unendliche Leidenschaft, welche man mathematisch mit einer Linie vergleichen kann, die von einem gegebenen Punkte sich in die Unendlichkeit erstreckt; das Geheimniß dieser Unendlichkeit ruht nur in der Unmöglichkeit, das Ziel, nämlich das Ende, erreichen zu können.

Warum aber mache ich mir so viel damit zu thun? Aus Neid gegen Gruschnitzki? Der Schlucker! er ist dessen gar nicht werth. Oder ist es in Folge jenes garstigen, aber unüberwindlichen Gefühles, welches uns die süßen Verirrungen unseres Nächsten zu vernichten antreibt, damit wir, wenn er uns verzweiflungsvoll frägt, wem man nun noch trauen könne, die niedrige Genugthuung haben mögen, ihm zu antworten:

— Mein Freund, es ist mir grade so ergangen, und doch siehst Du, daß ich zu Mittag und zu Abend speise, wunderschön schlafe und hoffe, dereinst ohne Klagen und Thränen zu versterben.

Doch verhehlen wir es uns nicht, es liegt ein unermeßlicher Genuß in der Herrschaft über eine jugendliche, dem Leben kaum erschlossenen Seele! Sie ist einer Blume gleich, deren süßestes Aroma dem ersten Sonnenstrahle entgegenduftet; in dieser Minute muß man sie pflücken und sich sattsam daran weiden. Dann werfe man sie immerhin auf den Weg, es wird sich wohl noch Jemand finden, der sie aufnimmt! Ich fühle in mir eine unersättliche Gier, die alles verschlingt, was mir in den Weg kommt; die Leiden und Freuden der andern betrachte ich nur insofern, als sie Bezug auf mich haben, wie eine Speise, welche meine Seelenkräfte aufrecht erhält. Ich selbst bin nicht mehr im Stande unter dem Einflusse der Leidenschaften den Verstand zu verlieren; mein Ehrgefühl wurde durch äußere Umstände zurückgedrängt, es erschien aber bald wieder in einer andern Gestalt; denn was ist das Ehrgefühl anders als der Durst nach Macht — meine höchste Genugthuung aber ist: meinem Willen alles zu unterwerfen, was mich umgiebt; wenn man nun das Gefühl der Liebe, der Hingebung, der Furcht in andern erweckt — was ist denn dies anders als das erste Zeichen, als der höchste Sieg der Macht? Ist es nicht die süßeste Nahrung unseres Stolzes, für irgend Jemand der Grund des Leidens und der Wonne zu sein, ohne, ein bestimmtes Recht dazu zu haben? Was heißt Glück!? Der gesättigte Stolz. — Dürfte ich mich für besser und mächtiger halten als alle Menschen auf der Welt, so würde ich glücklich sein; wenn alle Menschen mich liebten, so würde ich auch die unversieglichen Quellen der Liebe in mir wahrnehmen. Das Böse erzeugt das Böse; das erste Leiden erweckt in uns das Verständniß von dem Genusse, einen andern zu quälen. Die Idee des Bösen konnte das menschliche Gehirn nicht durchdringen, ohne daß es nicht auch suchte, sie zur wirklichen Ausführung zu bringen. Die Ideen, sagte Jemand, sind organische Wesen, ihre bloße Empfängniß verleiht ihnen auch schon ihre Gestalt, und diese Gestalt ist die That; derjenige, in dessen Haupte die meisten Ideen entsprangen, hat auch mehr als andere gewirkt. Daher muß das Genie, das an den Büreautisch gefesselt ist, entweder sterben oder wahnsinnig werden, gerade so wie ein Mensch von mächtigem Körperbau bei einer sitzenden Lebensart und strenger Keuschheit am Schlagflusse sterben muß.

Die Leidenschaften sind nichts anders als Ideen in ihrer ersten Gestalt-Entwickelung; sie sind das Eigenthum der Herzensjugend, und ein Thor ist der, welcher glaubt das ganze Leben von ihnen bewegt zu werden: viele ruhige Ströme fangen als tobende Wasserfälle an, aber auch nicht einer von ihnen schäumt und braust bis zu seinem Ausfluß ins Meer. Aber auch diese Ruhe ist wiederum häufig das Wahrzeichen einer gewaltigen, wenn schon verborgenen Kraft. Die Vollkraft und Tiefe der Gefühle und Gedanken lassen heftige Stöße gar nicht zu: die Seele legt sich im Dulden wie im Genusse strenge Rechenschaft von Allem ab und ist davon überzeugt, daß sie so handeln muß; sie weiß, daß ohne Stürme eine beständige Sonnengluth sie austrocknen würde; sie durchdringt sich mit ihrem eigenen Leben — verzärtelt sich und bestraft sich, wie ein geliebtes Muttersöhnchen. Nur in diesem höhern Zustande der Selbsterkenntniß kann der Mensch die Gerechtigkeit Gottes wirklich ermessen.

Indem ich diese Seite überlese, bemerke ich, daß ich mich weit von meinem Gegenstande entfernt habe . . . Doch was schadet das? Schreibe ich doch dies Journal für mich selbst, und wird doch alles, was ich auch darin hinwerfe, mir dereinst eine theure Erinnerung gewähren.

Gruschnitzki kam zu mir und warf sich mir an den Hals. Er ist zum Offizier ernannt worden. Ich ließ Champagner auffahren. Doktor Werner kam ebenfalls kurz nach ihm.

„Ich gratulire Ihnen nicht,“ sagte er zu Gruschnitzki.

— Und warum das?

„Darum, daß Ihr Soldatenmantel Ihnen viel besser steht, und weil, wie Sie selbst gestehen müssen, eine hier in einem Badeorte genähte Armee-Infanterie-Uniform Sie wahrhaftig um nichts interessanter machen kann. Sehen Sie wohl, bisher wurden Sie hier zu den Ausnahmen gerechnet, jetzt aber gehen Sie in der allgemeinen Regel auf.“

— Sprechen Sie was Sie wollen, Doktor! Sie werden mich in meiner Freude nicht stören. Er weiß nicht, raunte er mir ins Ohr, welche Hoffnungen mir diese Epauletten verliehen . . . O, Epauletten, Epauletten! Eure Sternchen sind mir Wegweiser . . . Nein, ich bin jetzt vollkommen glücklich! —

„Wirst Du die Promenade nach dem Erdfalle mit uns machen?“ fragte ich ihn.

— Ich? Für nichts in der Welt zeige ich mich der Fürstin eher, als bis meine Uniform fertig ist.

„Wünschest Du, daß man ihr Deine Freude mittheile?“

— Nein, ich bitte Dich, sprich ihr nichts davon . . . Ich will sie überraschen . . .

„So sage mir wenigstens, wie Deine Sachen mit ihr stehen?“

Er wurde verwirrt und nachdenkend; er hätte gern ein Bischen aufgeschnitten und sich wichtig gemacht, wenn er sich nicht ein Gewissen daraus gemacht hätte, und doch schämte er sich die Wahrheit zu gestehen.

„Ja, was meinst Du, liebt sie Dich?“

— Ob sie mich liebt? Aber ich bitte Dich, Petschorin, was hast Du für Ideen! . . . Wie könnte das so schnell gehen? . . . Und gesetzt, es wäre dem so, wie könnte ein anständiges Frauenzimmer das sagen! . . .

„Gut! Nach Deiner Meinung soll nun wahrscheinlich ein Mann auch von seiner Leidenschaft schweigen? . . .“

— Ach, Liebster, es kommt nur darauf an, wie man’s anfängt. Vieles spricht man nie aus, sondern läßt es errathen. —

„Das ist schon recht . . . Indessen verpflichtet die Liebe, die wir in den Augen lesen, ein Frauenzimmer durchaus zu nichts, während Worte . . . Nimm Dich in Acht, Gruschnitzki, sie führt Dich an . . .“

— Sie? antwortete er, die Augen zum Himmel erhebend und selbstgefällig lächelnd: Du thust mir leid, Petschorin!

Er ging.

An demselben Abend begab sich eine zahlreiche Gesellschaft zu Fuß nach dem Erdsturz. —

Nach der Meinung der hiesigen Gelehrten ist dieser Erdsturz nichts anders als ein erloschener Krater; er befindet sich am Abhange des Maschuk, ungefähr eine Werst von der Stadt. Ein enger Fußpfad führt zwischen Gesträuchern und Felsen dahin; als wir den Berg erstiegen, reichte ich der Fürstin meinen Arm, den sie während der ganzen Promenade nicht wieder fahren ließ.

Unser Gespräch begann mit übler Nachrede: ich fing an, alle An- und Abwesenden unserer Bekanntschaft herunter zu reißen, indem ich zuerst ihre schwachen, alsdann ihre schlechten Seiten hervorhob. Meine Galle gerieth in volle Thätigkeit. Ich fing scherzend an und endigte mit wirklicher Erbitterung. Anfangs belustigte sie es; zuletzt fing sie an zu erbeben.

„Sie sind ein gefährlicher Mensch!“ sagte sie zu mir; „ich möchte lieber den Mördern im Walde unter’s Messer fallen als unter ihre kleine Zunge, und ich bitte Sie in vollem Ernste: sollte es Ihnen jemals einfallen, Schlechtes von mir sagen zu wollen, lieber ein Messer zu nehmen und mich damit zu ermorden; — ich glaube ohnedem, daß es Ihnen nicht schwer fallen würde.“

— Sehe ich denn einem Mörder so ähnlich? . .

„Sie sind noch viel schlimmer . . .“

Ich blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken, und sagte endlich zu ihr, indem ich eine tief gerührte Miene annahm: „Ja, das war mein Schicksal von Jugend auf; alle lasen auf meinem Gesichte die Kennzeichen schlechter Eigenschaften, die ich gar nicht besaß; aber man setzte sie voraus — und sie kamen zum Vorschein. Ich war aufrichtig — man beschuldigte mich der Falschheit: ich wurde versteckt: Ich fühlte tief das Gute und das Schlechte. — Niemand hatte mich lieb, alle thaten mit weh — ich wurde rachesüchtig; ich war finster, andere Kinder waren heiter und plauderhaft; ich fühlte mich über sie erhaben, — man stellte mich unter sie: so wurde ich neidisch. Ich war bereit, die ganze Welt zu lieben — Niemand wollte mich verstehen: so lernte ich hassen. So floß meine farblose Jugend im Kampfe mit mir und der Welt dahin; meine besten Gefühle verbarg ich in der Tiefe meines Herzens aus Furcht vor dem Grinsen der Ironie: dort sind sie nun erstorben. Ich redete die Wahrheit — man versagte mir das Vertrauen: ich fing an zu täuschen. Da ich nun die Welt und die Sprungfedern der Gesellschaft so gut kennen gelernt hatte, so wurde ich in der Kunst zu leben bald erfahren, und sah, wie andere Leute ohne alle Kunst glücklich wurden, die sich ganz umsonst derjenigen Vortheile bedienten, welchen ich mit so unermüdlichem Fleiße nachjagte. Da tauchte in meiner Brust die Verzweiflung auf, — nicht jene Verzweiflung, welche man mit dem Laufe einer Pistole kuriren kann, sondern eine kalte, ohnmächtige Verzweiflung, die unter der äußeren Liebenswürdigkeit und einem gutmüthigen Lächeln verborgen liegt. Ich wurde ein moralischer Krüppel: die eine Hälfte meiner Seele existirte gar nicht mehr; sie war vertrocknet, verdampft, abgestorben und so riß ich sie aus und warf sie fort, — während die andere sich rührte und lebte Jedermann zu dienen, und Keiner dies bemerkte; weil Niemand von der Existenz der verloren gegangenen Hälfte etwas gewußt hatte; aber Sie haben jetzt die Erinnerung an sie wachgerufen und ich habe Ihnen ihre Grabschrift vorgelesen. Vielen Menschen scheinen alle Grabschriften insgesammt lächerlich; mir nicht, besonders, wenn ich daran denke, was unter ihnen begraben liegt. Uebrigens bitte ich Sie gar nicht etwa, meine Meinung zu theilen; lachen Sie immerhin, wenn Ihnen meine Darstellung der Sache lächerlich scheint: Ich benachrichtige Sie zuvor, daß mich das nicht im Geringsten beleidigen wird.

In diesem Augenblicke begegnete ich ihrem Blicke; in ihren Augen glänzten Thränen, ihr Arm, der sich auf den meinigen stützte, zitterte, ihre Wangen glühten, sie bedauerte mich! Das Mitgefühl — dies Gefühl, dem sich die Frauen so leicht unterwerfen, streckte seine Klauen über ihr unerfahrenes Herz. Während der ganzen Promenade war sie zerstreut und kokettirte mit Niemand, — ein wichtiges Zeichen!

Wir langten beim Erdfalle an; die Damen verließen ihre Kavaliere, sie ließ meinen Arm nicht fahren. Die Witze der hiesigen Dandies machten sie nicht irre. Der Abgrund der Untiefe, vor welchem sie stand, erschreckte sie nicht, während die andern Damen laut aufkreischten und sich die Augen bedeckten.

Auf dem Rückwege erneuerte ich unser trauriges Gespräch nicht, indessen gab sie mir auf meine leeren Fragen und Gaukeleien nur kurze und zerstreute Antworten.

— Haben Sie schon geliebt? fragte ich zuletzt.

Sie sah mich mit einem durchdringenden Blicke an, schüttelte das Köpfchen und verfiel wieder in tiefes Nachdenken; es war klar, daß sie etwas sagen wollte, aber nicht wußte, womit sie anfangen sollte; ihr Busen wogte . . . Wie konnte dem anders sein! Ein Gaze-Aermel ist ein geringer Schutz, und der elektrische Funke zuckte aus meinem Arme in — den ihrigen: fast alle Leidenschaften fangen damit an, und wir täuschen uns sehr oft wenn wir glauben, daß ein Frauenzimmer uns wegen unserer moralischen oder physischen Vorzüge liebt; es ist wahr, diese bahnen uns den Weg, sie stimmen das Herz zur Aufnahme des heiligen Feuers — nichtsdestoweniger entscheidet die erste Berührung jedesmal das ganze Verhältnis.

„Nicht wahr, ich bin heute sehr liebenswürdig gewesen?“ sagte die Fürstin mit einem gezwungenen Lächeln zu mir, als wir von der Promenade zurückgekehrt waren.

Wir verließen einander.

Sie ist unzufrieden mit sich; sie klagt, sich selbst der Kälte an . . . O, dies ist der erste, der wichtigste Sieg! Morgen wird sie mich belohnen wollen. Das weiß ich alles schon im Voraus — und das ist langweilig!

Den 12. Juni.

Heute sah ich Wära. Sie quälte mich mit ihrer Eifersucht. Die junge Fürstin war wahrscheinlich auf die Idee gekommen, ihr ihre Herzensgeheimnisse anzuvertrauen: eine glückliche Wahl, in der That!

„Ich errathe recht gut, wohin dies alles neigt,“ sagte Wära zu mir: „sage mir jetzt lieber ganz einfach, daß Du sie liebst.“

— Wenn ich sie nun aber nicht liebe?

„Wozu sie denn so verfolgen, beunruhigen und ihre Einbildungskraft so in Wallung bringen? . . . . O, ich kenne Dich durch und durch! Höre, wenn Du willst, daß ich Dir glauben soll, so kommst Du in ungefähr einer Woche nach Kislowodsk; wir ziehen schon übermorgen dahin. Die Fürstin wird hier noch länger bleiben. Miethe die Wohnung nebenan; wir werden im Halbgeschosse des großen Hauses nahe bei der Quelle wohnen; die Fürstin bezieht die untere Etage. Nebenan steht ein Haus desselben Wirthes, das noch nicht vermiethet ist. Du kommst doch?“

Ich versprach es und schickte noch denselben Tag dahin, die Wohnung für mich in Beschlag zu nehmen.

Gruschnitzki kam um sechs Uhr Abends zu mir und machte mir die Mittheilung, daß morgen, gerade zum Balle, seine Uniform fertig sein würde.

„Endlich werde ich mit ihr einen ganzen Abend hindurch tanzen . . . Da will ich mich einmal mit ihr recht satt reden,“ fügte er hinzu.

— Wann findet der Ball Statt?

„Morgen! Mein Gott, weißt denn Du das nicht? Es ist morgen ein großer Feiertag, und die hiesige Behörde hat es übernommen, den Ball zu arrangiren . . .“

— Komm, laß uns nach dem Boulevard gehen . . .

„Für nichts in der Welt in diesem eckligen Mantel . . .“

— Wie, so hast Du ihn nicht mehr lieb? . . .

Ich ging allein, und da ich zufällig der Fürstin Mary begegnete, engagirte ich sie zur Masurka. Sie schien erstaunt und erfreut.

„Ich dachte, Sie, tanzten nur aus Nothwendigkeit, wie das vergangene Mal,“ sagte sie holdselig lächelnd.

Sie bemerkt, wie es scheint, die Abwesenheit Gruschnitzki’s durchaus nicht.

— Sie werden morgen angenehm überrascht werden, sagte ich zu ihr:

„Wodurch das?“

— Das ist ein Geheimniß . . . auf dem Balle werden Sie es selbst errathen.

Den übrigen Theil des Abends brachte ich bei der Fürstin zu; Gäste waren nicht da, außer Wära und einem sehr, drolligen alten Männchen. Ich war aufgelegt und improvisirte verschiedene seltsame Geschichten. Die junge Fürstin saß mir gegenüber und hörte meinem Unsinne mit einer so tiefen, gespannten, ja, zärtlichen Aufmerksamkeit zu, daß es mir ordentlich zu Herzen ging. Wohin ist ihre Lebhaftigkeit, ihre Koketterie; wohin ihre Launen, ihre herausfordernde Miene, ihr superbes Lächeln, ihr zerstreuter Blick?

Wära bemerkte alles; auf ihrem krankhaften Gesichte malte sich ein tiefer Kummer; sie saß im Schatten am Fenster, in einen breiten Lehnstuhl begraben . . . Sie that mir leid . . .

Da begann ich die ganze dramatische Geschichte unserer Bekanntschaft, unserer Liebe — versteht sich unter veränderten Namen — zu erzählen. Ich stellte meine Zärtlichkeit, alle meine Bekümmernisse, mein Entzücken so lebhaft dar, ich schilderte ihren Charakter und ihre Schritte in so vortheilhaften Farben, daß sie mir unwillkürlich meine Koketterie mit der Fürstin verzeihen mußte.

Sie stand auf setzte sich zu uns heran und wurde lebhafter. Erst gegen zwei Uhr erinnerten wir uns, daß die Doktoren befehlen, um eilf Uhr schlafen zu gehen.

Den 13. Juni.

Ungefähr eine halbe Stunde vor dem Balle war Gruschnitzki im vollen Glanze seiner Armee-Infanterie-Uniform zu mir gekommen. Mit dem dritten Knopfe war noch eine kleine bronzene Kette eingeknöpft, an welcher ein Doppellorgnon hing; die Epauletten von ungleicher Form standen in die Höhe wie ein Paar Amorsflügel. Seine Stiefeln krachten; in der linken Hand hielt er zimmetfarbige, hundelederne Handschuhe und seine Mütze, mit der rechten wühlte er in den kleinen Locken seines gekräuselten Haupthaares. Selbstzufriedenheit und zu gleicher Zeit eine gewisse Unsicherheit drückten sich in seinem Gesichte aus; sein sonntägliches Aussehen, sein stolzer Gang hätten mich laut lachen gemacht, wenn das mit meinen Absichten hätte übereinstimmen können.

Er warf seine Mütze und Handschuhe auf den Tisch und fing an, an den Schößen zu ziehen und sich vor dem Spiegel in Ordnung zu bringen: ein ungeheuer großes schwarzes Halstuch, über ein bereits sehr hohes Unterhalstuch gebunden, dessen Schweinsborsten sein Kinn in die Höhe hielten, guckte wohl um dreiviertel Zoll aus dem Kragen heraus; das schien ihm noch zu wenig: er zog es noch vollends bis an die Ohren in die Höhe; von dieser sauren Arbeit — denn der Kragen war eng und unbequem — füllte sich sein Gesicht ganz mit Blut an.

„Man sagt, Du habest dieser Tage meiner Fürstin ungeheuer die Cour gemacht?“ sagte er ziemlich nachlässig und ohne mich anzublicken.

— Wo haben wir schon Gänse mit einander gehütet! antwortete ich ihm, indem ich mich eines sehr beliebten volksthümlichen Sprichwortes bediente.

„Sag’ mal, sitzt mir die Uniform gut? . . . Ach, der verfluchte Jude! . . . wie mich das unter den Armen schneidet! Hast Du keine Odeurs?“

— Aber ich bitte Dich, wozu willst Du deren noch mehr? Du riechst so schon nach nichts als Rosenpomade . . .

„Das thut nichts; gieb nur her . . .“

Er goß sich ein halbes Glas ins Halstuch, Schnupftuch und in die Aermel.

„Wirst Du tanzen?“ fragte er.

— Ich glaube kaum.

„Ich fürchte, daß ich mit der Fürstin werde die Mazurka eröffnen müssen, — und noch weiß ich fast nicht eine einzige Figur . . .“

— Hast Du sie bereits zur Mazurka engagirt?

„Nein, noch nicht . . .“

— Siehe zu, daß man Dir nicht zuvorkommt.

„Wirklich?“ sagte er, indem er sich vor die Stirn schlug. „Adieu, ich will sie am Thorwege erwarten.“ Er ergriff seine Mütze und eilte fort. Nach einer halben Stunde ging auch ich. Auf der Straße war es dunkel und leer; rund um das Restaurationsgebäude drängte sich das Volk; die Fenster waren erleuchtet. Die Töne der Militair-Musik wurden mir vom Abendwinde entgegengetragen. Ich ging langsamen Schrittes vorwärts; ich war traurig . . . Ist es möglich, dachte ich, daß meine einzige Bestimmung auf dieser Erde die wäre, die Hoffnungen anderer zu zerstören. Seit ich lebe und wirke, gebrauchte mich das Schicksal noch immer zur Entwickelung fremder Dramen, als ob ohne mich Niemand sterben oder in Verzweiflung gerathen könnte! Ich war noch immer eine nothwendige Person des fünften Aktes; unwillkührlich spielte ich die Rolle des Henkers oder des Verräthers. Welche Absicht hatte das Schicksal hierbei? Hätte es mich wohl gar zum Verfasser von bürgerlichen Trauerspielen und Familienromanen bestimmt? Oder zum Mitarbeiter der Novellenlieferanten für literarische Journale, wie z. B. die „Lesebibliothek“?31) . . . Was strebe ich darnach es zu wissen? . . . Wie viele der Menschen giebt es nicht, die beim Beginn ihres Lebens hoffen, dasselbe wenigstens wie Alexander der Große oder Lord Byron zu endigen, und die dennoch ihr ganzes Leben lang nicht über den Titel eines Titularrathes hinauskommen? . . .

Als ich in den Saal getreten war, hielt ich mich hinter einer Menge Herren versteckt und fing an meine Beobachtungen zu machen. Gruschnitzki stand neben der jungen Fürstin und erzählte ihr etwas mit großer Lebhaftigkeit; sie hörte ihm zerstreut zu, blickte nach den Seiten und legte ihren Fächer an die Lippen; ihr Gesicht drückte Unzufriedenheit aus, ihre Augen suchten rundum etwas; ich ging sachte von hinten herum, um ihr Gespräch zu überhören. —

— Sie martern mich, Fürstin, sagte Gruschnitzki. Sie haben sich ungemein verändert, seit ich Sie zum letzten Male gesehen habe . . .

„Sie haben sich auch verändert,“ antwortete sie, einen rapiden Blick auf ihn werfend, dessen versteckten Spott er nicht auffaßte.

— Ich, ich hätte mich verändert? . . . O niemals! Sie wissen, daß dies unmöglich ist! Wer Sie nur einmal gesehen, der trägt auf ewig Ihr göttliches Bild in sich! —

„Ich bitte, schweigen Sie . . .“

— Warum wollen Sie denn jetzt das nicht mehr anhören, wozu Sie mir noch unlängst ein geneigtes Gehör schenkten? . . .

„Weil ich Wiederholungen nicht liebe,“ antwortete sie mit einem feinen Lächeln.

— O, wie bitter habe ich mich getäuscht! Ich wähnte, daß diese Epauletten mir wenigstens das Recht verliehen, zu hoffen . . . Nein, es wäre mir besser gewesen ewig in jenem verachteten Soldatenmantel zu verbleiben, welchem ich vielleicht Ihre Auszeichnung einzig und allein verdankte . . .

„In der That, der Mantel stand Ihnen sehr gut . . .“

In diesem Augenblicke trat ich hervor und machte der Fürstin eine Verbeugung; sie erröthete leicht und sagte rasch:

„Nicht wahr, Monsieur Petschorin, der graue Mantel steht Monsieur Gruschnitzki bei weitem besser? . . .“

— Ich bin nicht Ihrer Meinung, gnädige Fürstin, erwiederte ich, in der Uniform sieht er noch viel jugendlicher aus.

Gruschnitzki hielt diesen letzten Schlag nicht aus. „Wie alle Knaben, hat auch er die Prätension ein reifer Mann zu sein; er glaubt, daß auf seinem Gesichte die tiefen Spuren der Leidenschaften den Stempel der Jahre ersetzen.“ Er warf mir einen wüthenden Blick zu, stampfte mit dem Fuße und entfernte sich.

— Gestehen Sie, gnädige Fürstin, sagte ich zu ihr, daß, obgleich er immer höchst lächerlich war, er Ihnen doch jüngst noch interessant schien . . . im grauen Mantel? . . .

Sie schlug die Augen nieder und schwieg.

Gruschnitzki verfolgte die Fürstin den ganzen Abend; bald tanzte er mit ihr, bald war er ihr vis-à-vis; er verschlang sie mit den Augen, seufzte, und langweilte sie mit Bitten und Vorwürfen. Nach der dritten Quadrille haßte sie ihn bereits.

„Das hätte ich von Dir nicht erwartet,“ sagte er, auf mich zukommend und mich am Arme fassend.

— Was?

„Du wirst mit ihr die Mazurka tanzen?“ fragte er mit siegender Stimme. „Sie hat es mir gestanden . . .“

— Nun, und was weiter? Ist das etwa ein Geheimniß?

„Versteht sich . . . Ich hätte das von einem solchen Kinde, einer solchen Kokette wohl erwarten können . . . Aber ich werde mich schon rächen!“

— Schäume gegen Deinen Mantel oder gegen Deine Epauletten — warum denn gerade sie beschuldigen? Was kann sie dafür, wenn Du ihr nicht länger gefällst? . . .

„Warum gab sie mir dann Hoffnungen . . .?“

— Warum gabst Du Dich Hoffnungen hin? Wünschen und nach etwas streben — das begreife ich — aber hoffen, hoffen! . . .

„Du hast die Wette gewonnen, nur noch nicht ganz,“ sagte er tückisch lächelnd.

Die Mazurka begann. Gruschnitzki wählte zu allen Figuren nur die Fürstin, dasselbe thaten die übrigen Kavaliere: es war ein offenbares Einverständniß gegen mich; — um so besser: sie will mit mir sprechen, man verhindert sie daran — sie wird es nun doppelt so sehr wünschen.

Ich drückte ihr zweimal die Hand; beim zweiten Male zog sie dieselbe zurück, ohne ein Wort zu sagen.

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