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Der Dichter in Dollarica

Von der demokratischen Gesellschaft.

Reading edition

Die demokratische Freiheit.

Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt sind, und es sich leisten können, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit staunender Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie mit stiller Rührung so manche treu behütete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswürdige alte Sitten und Gebräuche, feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestärkt hätten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der Neuen Welt schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr oder minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des Rentners in der alten Heimat beschließen wollten, da bekommt man fast immer zur Antwort: „Nein, Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit. Ihr fühlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollständig in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gängeln und behüten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von Warnungs- und Verordnungstafeln, der freie Entschluß [pg 170]und die freie Meinung trauen sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schöne Sache, aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muß doch mit zu viel Demütigungen des Selbstbewußtseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends lächerlich und unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmöglichsten Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen. Das sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht mehr heimisch werden kann.“ Und dann werden einem allerlei blamabel komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil über unsere Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, der mit Papieren in der Hand auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen die Rangordnung bei Einladungen in ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die umständlichen Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander – und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit mehr sind.

Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Ausländer zu verübeln, wenn er diese Dinge bei uns mit [pg 171]ironischer Heiterkeit oder gar mit bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der demokratischen Gesellschaft der größten amerikanischen Republik wirklich so sehr viel freier? Und ist es überhaupt möglich, ein friedliches Nebeneinanderleben von Menschen, eine öffentliche Ordnung, Sicherung des Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken und ohne Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr und eifriger Gesetze fabriziert würden, als gerade in der Union, wo nicht nur im Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen sämtlicher 44 Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, unsere Verordnungswut, unsere kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schöne Stunde und reizen die Galle öfter als das Zwerchfell – aber ist das drüben so sehr viel besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reißt mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Straße ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, riskiere ich, durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack und weißer Weste betrete, werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden gebohrt. [pg 172]In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren deutlichsten Ausdruck darin finden, daß auf der Eisenbahn nur eine einzige Wagenklasse für alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit nur bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der „bessere Mensch“ ja doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern in die Car mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen, sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und Rauchkabinett, Speisewagen, Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter, manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse führe. Fühle ich mich aber so außerordentlich prominent, daß mir auch diese Gesellschaft noch zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen zu den erstklassigen Menschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe mir dafür ein Compartement, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum innerhalb des großen Pullman-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel verfüge und nachts auch allein schlafen kann, während die Leute zweiter Klasse, Männlein und Weiblein pêle-mêle, der Länge nach hinter einem grünen Vorhang übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen [pg 173]Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man es, ebenso wie bei uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn es ihm Spaß macht, für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für seine zerknitterten Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch spucken darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden in den Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer dünkelhaften Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse für die Leute mit der ganz schmalen Börse – die Eisenbahnkönige im Lande der Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht daran, diesem Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzuführen. Daß – in den Südstaaten wenigstens – Neger in der Eisen- und selbst in der Straßenbahn im besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte, echt demokratische Einrichtung.

Die alte Tante.

Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in der großen Republik dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch sich hie und da an Gesetzestafeln Beulen stößt und wegen lächerlicher Bevormundung gerade so schön die Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen, welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir drüben nicht vor lauter Freiheit allzu übermütig werden, so stoßen wir in den meisten Fällen auf – die alte Tante! Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Körperschaften die Fenster des Sitzungssaales einschmeißt und am liebsten alle freie Fröhlichkeit durch ihr sauer[pg 174]töpfisches Geplärr ersticken möchte, bei weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den Amerikanern, daß sie so leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter und beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe bösartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder mir ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen3, dieselbe auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase zusperrt, mir jede schöne künstlerische Nacktheit mit Feigenblättern verschandelt und sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des Freistaates gegen die Einfuhr „freier“ Bücher verschließt und dem einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und Gedankenkreise berühren zu lassen, die sie für anstößig erklärt! Daß diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die Vergnügungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich auszurotten vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, daß sie eine scheußliche und lächerliche Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin beträchtlich hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten Staaten an so vielen Plätzen verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht [pg 175]sich bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der Genuß des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben, ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden Unterhaltung auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen unter dem Namen Sacred Concert zu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz fortfallen müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York am Sonntag nachmittag „Madame Bonivard“, der französische Schwank von der alten Balletteuse, als geistliches Konzert gegeben!

Raubritter hüben und drüben.

Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen Kastengeist oder überhaupt gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muß ich mir erlauben, auch dahinter ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner Handwerker, die 1620 mit der „Mayflower“ landeten, entwickeln einen Adelstick, der unsere blaublütigsten ostelbischen Junker neidisch machen könnte. Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern noch kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt, die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen sein und am Galgen geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere genießen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel äußerlich erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines gesellschaftlichen Kreises dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt werden [pg 176]kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer Kaiser und Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den Hofgeschichtsschreibern Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen, um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um unangenehme Veröffentlichungen über ihre Ahnen zu hintertreiben. Nachschlagewerke wie „Wer ist wer?“ spielen drüben eine Rolle wie bei uns der „Gotha“. Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften durch sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges würdigen, und die Emporkömmlinge, mögen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Häuser zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer jüngeren Prinzen oder Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drüben offiziell nicht, dafür recken sich aber die guten Leute in den Theater- und Konzertsälen die Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher mit Vereinszeichen in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden von weitem wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch sein geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, so oft wie irgend möglich in den Zeitungen erwähnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine gesellschaftliche Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für die Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse aller ihrer großen Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders die Damen [pg 177]ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit wem nicht. Sie haben ihre Liste der möglichen Menschen so sicher im Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von hüben und drüben ist also nicht gar so groß – nur daß die europäischen Raubritter doch wenigstens ursprünglich Sprossen erlesensten Blutes waren und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt wurden. Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primäre und wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von ungeheuren Vermögen gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit, Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion Rücksichts- und Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als jedes andere. Pluckyness ist heute noch ein höchstes Lob für einen Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm für einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit Hochgenuß studieren will, der lese die kürzlich erschienenen Memoiren des alten Gauners Drew4. Darin kommt eine köstliche Anekdote vor, wie er einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute Gelegenheit benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New York und ließ die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und erbärmlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ [pg 178]er seine Herde saufen, saufen, saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende Gesundheit vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver hat eine sozusagen klassische Berühmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch Vortäuschung großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament in die Höhe zu treiben „Watering the stock“ die Herde wässern – denn das Wort stock bedeutet sowohl Aktie wie Herde. – Natürlich fällt es mir gar nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung meiner Überzeugung, daß das Streben nach Züchtung einer Aristokratie ein Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller stärkeren, wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwächlingen abzusondern.

Soldatenwerbung.

Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Führers der Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in den Vereinigten Staaten so außerordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste – und dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militärische Drill sitzt seit etwa fünf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der Welt so verhaßt als wie Disziplin. Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch viel stärker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu weitgehender Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder [pg 179]Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine persönliche Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die Dienstbotenfrage habe ich diesen Punkt berührt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische Eitelkeit, wie ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus naiv glorifiziert und liebenswürdig verhätschelt. Es braucht nur ein Bataillon mit klingendem Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist tief gerührt vor nationaler Begeisterung – aber dienen will niemand, und die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. Die Regierung sieht sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate müssen mit schreienden Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende Offiziere, den Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch einherwandeln; und auf den Schmuckplätzen großer Städte etablieren sich Feldwebel und harren unter ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber müssen reden können wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken voll lustiger Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken – denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges tun, um den schwankenden Heldenjüngling soweit zu bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kräfte gehörig angespannt, aber dafür [pg 180]wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für Unterhaltung und Erholung dafür gesorgt, daß er nicht von Kräften komme und bei guter Laune bleibe. Die Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten in Columbus (Ohio) ließ mich einen Einblick in das Kasernenleben tun. Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten Hospital die denkbar sorgfältigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um 6 Uhr in einer eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden ein und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine vorzügliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse und hinterher anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot. Selbstverständlich haben sie auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit des einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem Erfolge anerzogen. Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei uns, ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat könnte also den unsrigen höchstens in dem einen Punkte beneiden, daß er keine so bunte und blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch viel bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz als der festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht [pg 181]den Mann schon in einer Entfernung von etwa 300 Meter völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst erzählte mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa 350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und – nach ein paar Minuten sei der schmerzlich Vermißte erst schattengleich, dann immer deutlicher und kompakter wieder auf dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also aus der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt nichts zu sehen sein. Doch dies nur nebenbei.

Vom Söldnerheere.

Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten Volksheer gegenüber standzuhalten vermöge, wird über kurz oder lang doch einmal zur Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein äußerst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den ihm zur Begrüßung entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos freundliche Gesicht eines Mannes, der längere Zeit bei ihm als Gärtner angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie wissen tatsächlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte behaupten, daß die pacifischen Republiken Südamerikas schon alle durch die Versprechungen der Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien, [pg 182]beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Küste zu bemächtigen, dem großen Bruder in den Rücken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es gibt über die Rocky Mountains nur fünf einigermaßen gangbare Pässe, die militärisch leicht zuzuschließen sind. Nur angesichts eines solchen nationalen Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hinreißen lassen. Ich glaube, sie wäre ein Segen für das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an persönlicher Opferwilligkeit macht sich überall als Hemmnis für den Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, durch Angst und Schrecken mühsam aufrecht erhalten werden muß, schafft überhaupt erst die Vorbedingungen für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und Einrichtungen.

Demokratische Tugenden. Neidlosigkeit.

Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten tatsächlich vor uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden müssen, besteht also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen Verhöhnung der Gesetze und in der geringen Empfindung für die Wichtigkeit einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und Berufsehre, als vielmehr darin, daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiß, wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat, der kann sicher sein, ein Feld für Betätigung seiner Kräfte zu finden, Ohren, die auf ihn hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner [pg 183]und ererbtes Betriebskapital sind selbstverständlich auch drüben eine wertvolle Vorbedingung; aber der wirklich Tüchtige kann auch ohne all das sicher sein, vorwärts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit dünkelhafter Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll Einlaßheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen Bretterzaun zwischen Regierung und „Untertan“, zwischen Behörde und Publikum nicht duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest, daß nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein des freien Bürgers, daß nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich für sein Geld eine Regierung nach seinem Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das die wahre Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. Dieses Herrenbewußtsein ist aber auch der grimmigste Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei, Nörgelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spießertums, nämlich einerseits der untertänigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel häufigere, auf alles schimpfende und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer dürften in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den ödesten Kleinstädten zu finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden überall in der Öffentlichkeit, nicht nur [pg 184]in den großartigen Organisationen der Wohltätigkeit, der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, sondern in vielen kleinen Zügen, die beweisen, daß auch der ärmste dieser freien Bürger an jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis übrig hat, das auf der Straße liegende Eigentum des Nächsten auffallend respektiert. Wenn der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf. Man hört nie davon, daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für Drucksachen und dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und keinem kommt der Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja noch mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose Automobile herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten können sich nur sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kälte geschützt – und man hört selten oder nie davon, daß ein Auto oder auch nur eine solche Decke von der Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage bandenweise in einen Laden oder in einen Saloon einfallen und Inhaber wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, das ist fesch, würde der Wiener sagen; aber von der Straße etwas fortnehmen, das ist gemeiner Vertrauensmißbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der Kleine, der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt fühlt, setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter [pg 185]ist leicht mit dem Streik bei der Hand, wenn er die großen Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es fällt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren, daß sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle eben einen guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben – ihm selber oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen. Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der Weizen des Sozialismus drüben nicht blühen will.

Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, einige Schiffsladungen voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter, Schulfüchse, Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel hinüber zu schaffen, um bei Bruder Jonathan einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung durchzumachen?

[pg 186]

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